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ROMANA EXTRA BAND 14

BRYONY TAYLOR

Verbotene Küsse in der Karibik

Ausgerechnet auf Karen ist Alec angewiesen. Die Frau, die seine Karriere ruiniert hat! Doch will er den versunkenen Schatz finden, ist ihr Wissen unentbehrlich für ihn. So unentbehrlich wie ihre Küsse …

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Der Erbe und die Tochter des Butlers

Marc Huntington kehrt gerade rechtzeitig heim, um zu erleben, wie sein geliebtes Elternhaus verkauft werden soll. Er muss verhindern, dass die verführerische Torie Sands es bekommt – mit allen Mitteln …

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Wie widersteht man einem Griechen?

Kaum hat Kellie ihren Mann verlassen, merkt sie, dass sie schwanger ist. In banger Erwartung kehrt sie nach Griechenland zurück: Hat ihre Rivalin Karmela den attraktiven Leandros bereits in ihren Fängen?

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Zärtliche Träume an der Küste des Glücks

Vann begegnet in Italien der geheimnisvollen Mel – der Frau, die nach ihrer Liebesnacht vor vielen Jahren spurlos verschwand. Noch ahnt er nicht, dass jene Nacht über seine Zukunft entschieden hat …

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Verbotene Küsse in der Karibik

1. KAPITEL

Als die Linienmaschine aus London auf dem Rollfeld des Nassau International Airport aufsetzte, war Dr. Karen Summers’ Expeditionskasse bereits auf besorgniserregende Weise zusammengeschrumpft. Allein der Flug von England auf die Bahamas hatte ein kleines Vermögen verschlungen. Weit mehr, als Karen sich angesichts des schmalen Budgets, das ihr von der Universität zur Verfügung gestellt worden war, eigentlich leisten konnte. Und das, obwohl die Billigairline, für die sie sich aus Kostengründen entschieden hatte, die Atlantik-Überquerung für einen Bruchteil dessen anbot, was andere Fluggesellschaften verlangten.

Um sich von den unbequemen Sitzen, dem miesen Kantinenessen und der mangelnden Bewegungsfreiheit abzulenken, hatte Karen sich immer wieder ihre Unterlagen vorgenommen und alles noch einmal ganz genau durchgerechnet. Leider jedes Mal mit demselben ernüchternden Ergebnis.

Beim Landeanflug hatte sie der Anblick von türkisblauem Wasser und Palmen jedoch für einige kurze Momente alle Sorgen und Probleme vergessen lassen. Doch spätestens, als sie mit ihrem Trolley aus der klimatisierten Empfangshalle des Flughafens in die subtropische Hitze trat, wurde ihr klar, auf was für ein verrücktes Abenteuer sie sich eingelassen hatte.

In ihrem viel zu warmen, eher für das Londoner Regenwetter geeignetem Outfit brach ihr sofort der Schweiß aus. Ihr schulterlanges, haselnussbraunes Haar klebte unangenehm im Nacken, und sie verspürte den dringenden Wunsch, sich ihre Stiefel, die sich bereits wie kleine Brutkästen anfühlten, von den Füßen zu ziehen. Sie streifte den Blazer ab und legte ihn sich über die Armbeuge.

Schon viel besser!

Zum Glück hatte sie sich bereits von zu Hause aus um ein günstiges Zimmer in einer kleinen Pension gekümmert. Deshalb musste sie sich jetzt erst einmal nur ins Taxi setzen und dem Fahrer den Namen des Hotels nennen. Natürlich war das Auto nicht klimatisiert, und trotz heruntergelassenem Fenster regte sich kaum ein Lüftchen, da sie nicht in Fahrt kamen. Der Verkehr stockte und es ging kaum mehr vorwärts. Das Taxameter tickte währenddessen ungerührt weiter.

Wunderbar! Das geht ja wirklich gut los!

Karen fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn. Sie war müde und gereizt; kein Wunder nach dem langen Flug und bei dieser ungewohnten Hitze. Ihr Spiegelbild im Seitenfenster des Taxis zu sehen, half auch nicht gerade dabei, ihre Stimmung zu verbessern.

Sie sah unglaublich müde aus. Nicht einmal die großen Gläser ihrer Brille vermochten die dunklen Ringe unter ihren Augen zu verbergen. Unordentlich umrahmten einige wirre Strähnen ihr schmales Gesicht. Sie kramte ein Gummiband aus der Innentasche ihres Blazers hervor und fasste ihr Haar am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammen – mit dem Ergebnis, dass es sie noch strenger aussehen ließ, als es ohnehin bereits der Fall war.

Was soll’s? Bei dir ist ohnehin Hopfen und Malz verloren – was bemühst du dich überhaupt? Und für wen?

Im Grunde war alles genau so gelaufen wie geplant.

Sie fuhren vorbei an riesigen Luxushotels, die direkt am Strand gebaut worden waren. Das Wasser des Ozeans funkelte in einem fast schon unwirklichen Türkisblau, wie Karen es nur von Postkarten aus traumhaften Ferienzielen kannte, die ihr hin und wieder in den Briefkasten flatterten.

Und die Bahamas waren nun einmal ein exotisches Urlaubsparadies. Zumindest für die zahllosen Touristen, die jeden Tag auf die Karibikinseln strömten – nicht aber für Karen.

Als der Taxifahrer schließlich vor einem modernen Gebäude anhielt ganz in der Nähe des Prince-George-Anlegers, wo die großen Kreuzfahrtschiffe ankerten, sah Karen sich verwundert um.

„So, da sind wir, Missus.“ Strahlend drehte er sich zu ihr um und entblößte eine breite Zahnlücke. „Das Nassau Paradise Beach Hotel.“

Karen blinzelte irritiert. Eigentlich hatte sie eine kleine, etwas abgelegene Pension erwartet. Jedenfalls nicht so einen großen Touristentempel wie diesen. Doch der Name stimmte.

Dankend lehnte sie das Angebot ab, sich mit ihrem Koffer helfen zu lassen. Sie konnte es sich nicht leisten, allzu viel Trinkgeld zu geben.

Erleichtert atmete sie auf, als sie das kühle Foyer des Hotels betrat. Der Boden war mit edlem cremefarbenem Marmor ausgelegt. Hohe Säulen und Rundbögen prägten die Bauweise der Eingangshalle. Bequem aussehende Loungesessel luden zum Verweilen ein, an den Wänden hingen farbenfrohe Werke zeitgenössischer Künstler.

Karen trat an die Rezeption, hinter der eine junge Frau in adretter marineblauer Uniform stand. „Herzlich willkommen im Nassau Paradise Beach! Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Karen Summers, ich habe ein Zimmer reserviert.“

Die Empfangsdame tippte etwas in ihren Computer, ihr professionelles Lächeln verblasste ein wenig, und schließlich schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, Miss Summers, aber ich kann keine Reservierung für Sie finden. Haben Sie vielleicht eine Buchungsbestätigung dabei?“

Karen stellte ihre voluminöse Handtasche auf dem Tresen ab, öffnete den Reißverschluss und kramte darin nach den Unterlagen.

„Wie ich sehe, hast du dich kein Stück verändert, Karen“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr. „Noch immer ganz die alte Chaos-Queen.“

Ungläubig riss Karen die Augen auf und ignorierte die Tatsache, dass ihr Herz einen überraschten Satz machte.

Sie kannte diese Stimme.

Sogar sehr gut.

Langsam drehte sie sich um, wobei ein Teil von ihr immer noch hoffte, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Dass es sich bei dem Mann, der hinter ihr in der Eingangshalle des Hotels stand, nicht um Alec Halliwell handelte.

Doch ihre Hoffnungen wurden jäh zerstört, als sie ihm in die Augen sah.

Der Teufel in Menschengestalt, schoss es ihr durch den Kopf. Das war natürlich übertrieben – wenn auch nicht so sehr, wie man vielleicht glauben mochte. Alec hatte ihr schon oft Schwierig­keiten bereitet. Umso weniger konnte sie verstehen, dass er noch immer diese Wirkung auf sie ausübte.

Eine Wirkung, die sie immer wieder aufs Neue irritierte, da sie diesen Kerl ansonsten auf den Tod nicht ausstehen konnte. Doch jedes Mal, wenn sie Alec sah, fing ihr Herz an zu flattern, und sie spürte dieses verräterische Ziehen in ihrer Magengrube und anderen Gegenden ihres Körpers …

Widerwillig stellte sie fest, dass sich daran auch in den vergangenen Monaten nichts geändert hatte. An der karibischen Hitze lag es jedenfalls nicht, dass ihr der Schweiß auf die Stirn trat. Und sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren.

Vielleicht war es genetisch bedingt, dass sie so zielstrebig eine Schwäche für die falschen Kerle entwickelte. Ihre Mutter hatte sich schließlich auch nicht gerade den perfekten Ehemann geangelt.

Nein, ganz und gar nicht.

Es war aber auch nicht fair, dass das Schicksal ausgerechnet einem Mann mit solchen Charakterschwächen wie Alec ein derartiges Aussehen mit auf den Weg gegeben hatte. Die unglaublichen tiefblauen Augen, der durchtrainierte Körper, dieser knackige Hintern …

Ein Seufzen unterdrückend, zwang Karen ihre Gedanken wieder in die richtige Richtung. Sie setzte eine undurchdringliche Miene auf. „Was, zum Teufel, hast du hier verloren, Alec?“

„Urlaub“, erklärte er und fuhr sich mit einer Hand durch seine braunen Locken – eine Geste, die Karen schon immer irgendwie unwiderstehlich gefunden hatte. „Was wohl sonst?“

Reiß dich, verdammt noch mal, zusammen, Dr. Karen Summers!

Die Ausrede mit der Urlaubsreise kaufte sie ihm keine Sekunde ab. Als sie Alec Halliwell zum letzten Mal gesehen hatte, war er gerade arbeitslos geworden. Und soweit Karen es mitbekommen hatte (nicht, dass sie sich über ihn erkundigt hätte, nein, niemals!), gestaltete sich seine Suche nach einem neuen Arbeitsplatz recht schwierig. Anstellungen für Archäologen wuchsen nicht unbedingt auf Bäumen. Und bei dem Ruf, der Alec vorauseilte …

„Zufällig erinnere ich mich, dass du Strandurlaub verabscheust.“ Sie bedachte ihn mit einem forschenden Blick. „Also, was führt dich wirklich hierher?“

Im Grunde kannte sie die Antwort bereits. Es konnte nur eine Erklärung dafür geben, warum sie beide sich zum selben Zeitpunkt auf den Bahamas aufhielten.

Und was Alec dann, begleitet von einem lässigen Grinsen, sagte, ließ ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

„Ich nehme mal an, dasselbe wie du, Sweetheart: Die Reina Isabella.“

Für den Bruchteil einer Sekunde stockte Karen der Atem. Und ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen, nur um dann umso heftiger zu klopfen. „Nein!“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das werde ich nicht zulassen. Auf gar keinen Fall!“

Wieder lächelte Alec sein süffisantes Lächeln, und Karen konnte nicht umhin, wieder einmal festzustellen, wie unverschämt gut er aussah. Das war ihr schon bei ihrer ersten Begegnung vor nunmehr fast fünf Jahren aufgefallen. Ebenso wie die Tatsache, dass er ein absolut unausstehlicher Macho war, der sich für Gottes Geschenk an die Frauen hielt. Und dass sie trotz all seiner mehr augenfälligen Unzulänglichkeiten auf ihn flog.

„Und was bitte gedenkst du, dagegen zu unternehmen?“, fragte er und lehnte sich mit der Schulter lässig gegen eine Säule. In seinen Kakihosen und dem hellblauen Hemd, dessen beide obersten Knöpfe offen standen, sah er keineswegs aus wie ein ernst zu nehmender Wissenschaftler. Doch Karen wusste, dass sich hinter der Maske des Sonnyboys mehr verbarg als das, was er nach außen hin zeigte.

Und nicht alles davon war positiv.

„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, wandte sie sich an die Empfangsdame, die sie beinahe vergessen hätte. Dann trat sie auf Alec zu, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich zu einer abgeschiedenen Stelle des Foyers.

Sein Grinsen wurde noch breiter. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Karen, wirklich. Aber findest du nicht, dass wir es ein bisschen ruhiger angehen lassen sollten?“

„Sei bloß still!“, fauchte sie ärgerlich. „Zu deiner Information: Mit dir würde ich mich nicht einmal einlassen, wenn du der letzte Mann auf Erden wärst!“

Herausfordernd schürzte er die Lippen. „Höchst bedauerlich, wo wir doch so ein überaus attraktives Paar abgeben würden.“

Karen unterdrückte ein abfälliges Schnauben. Sie wusste genau, dass sie keineswegs in Alecs Beuteschema passte. Im Gegensatz zu ihm entsprach sie nämlich fraglos dem Klischee der verhuschten Wissenschaftlerin, dessen war sie sich nur allzu schmerzlich bewusst. Ihr schulterlanges braunes Haar, das sie meist zu einem Zopf im Nacken zusammengefasst trug, die etwas altmodische Hornbrille, ihre konservative Kleidung. Das alles machte sie nicht unbedingt zu einem männermordenden Vamp. Nicht, dass sie es je darauf abgesehen hätte. Was Männer betraf, legte sie vor allem auf zwei Dinge wert: Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit.

Eigenschaften, die auf Alec Halliwell ganz sicher nicht zutrafen.

Aber wieso dachte sie darüber überhaupt nach? Es ging hier nicht darum, ob sie Alec Halliwell gefiel oder umgekehrt. Nein, es ging um mehr.

Sehr viel mehr.

Die Reina Isabella.

In Historikerkreisen war das Schiff fast so etwas wie ein Mythos. Eine spanische Galeone, beladen mit unermesslichen Reichtümern von Gold und Edelsteinen aus der neuen Welt, die während eines Sturms in karibischen Gewässern gesunken sein soll.

Mit an Bord angeblich das Diadem der Aztekenprinzessin Icnoyotl – ein Schmuckstück, an dem sich ein riesiger blauer Diamant, so groß wie ein Hühnerei, befand. So zumindest erzählten es die Legenden, die sich um das Schiff rankten und von denen es Dutzende, ja Hunderte gab.

Und sie alle unterschieden sich in wichtigen Details – insbesondere, was die Route der Reina Isabella betraf und den Ort, an dem sie bei stürmischer See auf ein Riff gelaufen war.

Viele hatten in der Vergangenheit bereits nach dem sagenumwobenen Wrack gesucht. Abenteurer, Wissenschaftler, Schatzsucher.

Vergeblich.

Die Reina Isabella blieb spurlos verschwunden. Und die Stimmen, die behaupteten, dass sie überhaupt nicht existierte, dass sie nichts war als ein Ammenmärchen, wurden lauter. So laut, dass es sich mitunter schwierig gestaltete, in Historikerkreisen ernst genommen zu werden, wenn man offen über dieses Thema sprach.

Karen hatte den Zweiflern niemals Gehör geschenkt. Für sie stand seit jeher fest, dass es den mit Schätzen beladenen Dreimaster tatsächlich gab. Und der Gedanke, ihn zu finden, war für sie, seit sie als junges Mädchen zum ersten Mal davon gehört hatte, zu einer Obsession geworden.

Einer Obsession, die sie mit Alec teilte – eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten, die eine Zusammenarbeit überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Zu Anfang war sie felsenfest davon überzeugt gewesen, dass er die zweite Forschungsstelle an der Uni, für die auch sie arbeitete, nur aufgrund seines guten Aussehens bekommen haben konnte.

Doch schon bald musste sie feststellen, dass sich hinter der Fassade des lässigen Sonnyboys ein scharfer analytischer Verstand verbarg. Und er war ebenso wie sie besessen von dem Gedanken, die Reina Isabella zu finden.

In den fünf Jahren ihrer Zusammenarbeit war es ihnen nicht nur gelungen, zahlreiche weitere Erkenntnisse über das sagenumwobene Schiffswrack zu gewinnen – nein, sie hatten auch neue Hinweise auf die genaue Position entdeckt, an der die Galeone vor fast vierhundert Jahren gesunken war.

Karen hatte die Bewilligung von Geldern für eine Forschungsreise für Alec und sich selbst bereits beim Kuratorium der Universitätsstiftung beantragt. Doch dann hatte er alles kaputt gemacht …

„Du willst sie mir stehlen!“, fauchte sie aufgebracht. „Ich wusste ja schon immer, dass du ein opportunistischer Mistkerl bist, aber dass du so weit gehen würdest …“

Er verengte seine blaugrauen Augen zu schmalen Schlitzen– ein erstes Anzeichen von leiser Verstimmtheit?

„Hör zu, Sweetheart“, begann er dann, und Karen hätte ihm schon allein dafür am liebsten die Augen ausgekratzt. So hatte er sie früher schon immer genannt, wenn er sie ärgern wollte. „Die Reina Isabella gehört dir nicht – also kann ich sie dir de facto auch nicht stehlen.“

Er hatte zu seiner überheblichen Selbstsicherheit zurückgefunden und verschränkte grinsend die Arme vor der Brust. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – ich fürchte, damit wirst du dich wohl abfinden müssen.“

„Aber ich habe …“

„Du entschuldigst kurz?“, fiel Alec ihr ins Wort, als sein Handy sich meldete. Er zückte das Telefon und warf einen kurzen Blick aufs Display. Für einen winzigen Moment glaubte Karen so etwas wie Missbilligung in seiner Miene aufblitzen zu sehen. Doch der Ausdruck war so schnell wieder verschwunden, dass sie sich im Nachhinein nicht sicher war.

„Was gibt es?“, fragte Alec, als er das Gespräch angenommen hatte, ohne sich lange mit Höflichkeiten aufzuhalten. „Ja, ich weiß, sie ist mir bereits begegnet … Ja, natürlich, ich werde ihr die Grüße herzlich gern ausrichten. Sie hören dann von mir, Mr K.“

Karen runzelte die Stirn. Mr K? Es konnte doch nicht sein, dass …? Nein, Alec hatte keinesfalls …

Doch Alec zerstörte all ihre Illusionen, indem er sagte: „Mr Kellerman lässt dich schön grüßen.“

Fassungslos starrte Karen ihn an. „Das ist nicht dein Ernst“, stieß sie entsetzt hervor. „Du machst nicht ernsthaft gemeinsame Sache mit Maxwell Kellerman!“

Es dämmerte bereits, als Karen sich Stunden später endlich auf das Bett in dem Zimmer fallen lassen konnte, das sie reserviert hatte. Die kleine, etwas heruntergekommene Pension, die sich in einer Seitenstraße befand, hieß Nassau Beach Paradise – es war also durchaus nachvollziehbar, dass der Taxifahrer die Namen verwechselt hatte – und ließ sich in keiner Weise mit dem schillernden Palast vergleichen, in dem Karen zuerst gewesen war. Doch dort hätte sie jetzt nicht einmal mehr wohnen wollen, wenn man ihr Geld dafür geboten hätte.

Nicht, nachdem sie dort auf Alec Halliwell gestoßen war!

Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf die Matratze sinken und schaute hinauf an die stockfleckige Decke, an der ein Ventilator langsam seine Kreise zog. Der Effekt des Geräts war gleich null, und durch das weit geöffnete Fenster, das einen Blick auf schäbige Hinterhöfe bot, drang nur schwülwarme Luft in den Raum.

Keine Frage, dies war nicht gerade eine Fünf-Sterne-Luxusunterkunft. Aber das Zimmer war billig und – wie ein kurzer Blick ins angrenzende Badezimmer ihr verraten hatte – zumindest einigermaßen sauber.

Zudem war alles besser, als mit Alec Halliwell unter einem Dach zu leben, und sei es auch nur für ein paar Tage.

Dieser elende Verräter!

Dieser Dieb!

Karen seufzte. Keine Beschimpfung der Welt war schlimm genug, um einen Menschen zu beschreiben, der sich mit einem Mann wie Maxwell Kellerman einließ. Wenn jemand ohne jeden Zweifel den Titel „Teufel in Menschengestalt“ verdiente, dann Kellerman.

Der englische Millionär hatte sein Vermögen mit zwielichtigen Transaktionen auf dem internationalen Finanzmarkt aufgebaut und sich dabei den Ruf eines skrupellosen Geschäftsmannes erworben. Diesem wurde er nach wie vor gerecht, auch wenn er sich mittlerweile aus dem aktiven Business zurückgezogen hatte.

Stattdessen ging er nun seinem sogenannten Hobby nach, das darin bestand, Kulturschätze in seinen Besitz zu bringen, die eigentlich der ganzen Menschheit zur Verfügung stehen sollten.

Ganz legal war seine Vorgehensweise selbstverständlich nicht. In den meisten Ländern gab es strikte Vorschriften, wie mit archäologischen Artefakten umzugehen sei. Doch ein Mann wie Kellerman scherte sich nicht um Gesetze oder Bestimmungen. Er interessierte sich lediglich für Erfolg und Profit. Und es bedeutete beides für ihn, wenn ein von ihm finanziertes Team wieder einmal ein unbezahlbares Stück Geschichte auftat, das er entweder seiner eigenen Sammlung einverleiben oder aber gewinnbringend weiterverkaufen konnte.

Maxwell Kellerman als berühmt zu bezeichnen, wäre geschmeichelt. Er war berüchtigt – und gefürchtet. Und niemand wusste besser als Karen, dass ihm jedes Mittel recht war, um an sein Ziel zu gelangen, und dass ihm Skrupel dabei absolut fremd waren. Denn kaum jemand kannte ihn besser als sie selbst …

Sie schob den Gedanken an Kellerman beiseite. Er war nur der Geldgeber. Derjenige, der im Hintergrund die Fäden zog. Ihr eigentliches Problem war Alec.

Einer spontanen Eingebung folgend, holte sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Nummer von Melanie, die im Laufe der Jahre von einer Mitarbeiterin zu ihrer besten Freundin geworden war. Melanie war bekannt dafür, in jeder Situation stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Und genau das war es, was Karen jetzt dringender brauchte als alles andere.

„Aloha“, meldete sich Melanie nach nur zwei Signaltönen. „Na, wie geht es meiner Lieblingschefin? Bist du gut angekommen? Ach, ich beneide dich – die Bahamas müssen doch ein Traum sein!“

„Also, erstens sagt man Aloha auf Hawaii, das im Gegensatz zu den Bahamas im Pazifik liegt“, entgegnete Karen nüchtern. „Und zweitens bin ich, wie du dich vielleicht erinnerst, nicht hier, um Erholungsurlaub zu machen.“

„Vielen Dank für die Lektion in Geografie.“ Melanie seufzte. „Du scheinst ja nicht gerade bester Stimmung zu sein, und das, wo dein großes Ziel nun endlich in greifbare Nähe gerückt ist. Also, was ist passiert?“

„Alec Halliwell ist passiert.“

Kurzes Schweigen, dann: „Moment mal, du meinst den Alec Halliwell? Von unserer Uni?“

Ehemals von unserer Uni“, korrigierte Karen energisch. Sie seufzte tief. „Ja, genau der. Er ist hier, um sich die Reina Isabella unter den Nagel zu reißen. Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre – er arbeitet mit Maxwell Kellerman zusammen!“

Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. Offenbar hatten die Neuigkeiten Melanie für einen Augenblick tatsächlich sprachlos gemacht, was nicht eben häufig vorkam.

„Und nun?“, fragte sie schließlich.

„Keine Ahnung“, entgegnete Karen. „Ich habe gehofft, dass du einen Rat für mich hast.“

Geräuschvoll atmete ihre Freundin aus. „Puh, was soll ich dazu sagen? Bist du denn wirklich sicher, dass er auch wegen des Wracks angereist ist?“

Karen verdrehte die Augen – eine sinnlose Geste angesichts der Tatsache, dass Melanie sich über viertausend Meilen entfernt auf der anderen Seite der Erde befand. „Warum sollte er wohl sonst hier sein? Wegen des angenehmen Klimas?“ Sie schloss die Augen, atmete tief durch und zwang sich zur Besonnenheit, ehe sie weitersprach. Ihre Freundin konnte schließlich nichts dafür, dass sich die Situation so entwickelt hatte. „Er hat es selbst zugegeben. Auch, dass er für Kellerman arbeitet.“

„Maxwell Kellerman …“, wiederholte Melanie nachdenklich. „Ich kann es kaum glauben. Das passt so gar nicht zu Alec.“

Wie jedem, der auch nur entfernt mit Archäologie zu tun hatte, war Melanie der Name Kellerman ein Begriff, obwohl sie ihm noch nie persönlich begegnet war. Nur wenige Menschen durften von sich behaupten, dass ihnen dieses zweifelhafte Privileg zuteil geworden war.

Karen zählte zu ihnen. Und sie hütete dieses Geheimnis sorgsam – sogar ihrer Freundin gegenüber. Denn sie wusste, dass all die schlimmen Dinge, die man sich über ihn erzählte, keineswegs übertrieben waren.

Im Gegenteil! Er war sogar noch viel schlimmer, als man ihm nachsagte.

Sehr viel schlimmer …

Überrascht hob sie nun eine Braue. „Also, ich finde eigentlich, es passt sogar sehr gut. Oder hast du schon vergessen, was Alec sich letztes Jahr mit den Spendengeldern geleistet hat?“

„Nein, natürlich nicht. Obwohl ich immer noch finde, dass auch dieses Verhalten nicht wirklich zu ihm gepasst hat, aber …“

„Kein Aber, Mel. Einem Mann, der nicht davor zurückschreckt, Gelder einer gemeinnützigen Stiftung zu veruntreuen, traue ich jede Schandtat zu. Außerdem hat er bereits zugegeben, dass Kellerman sein Geldgeber ist – was mich in eine ziemliche Notlage stürzt.“

„Du meinst, weil er damit über sehr viel größere Finanzmittel verfügt als du?“

Karen lachte bitter auf. „Das hast du wirklich hübsch ausgedrückt“, entgegnete sie. „Du weißt genau, dass ich gezwungen bin, jeden einzelnen Penny zweimal umzudrehen. Dass ich überhaupt die Genehmigung für diese Reise bekommen habe, ist im Grunde genommen schon ein kleines Wunder. Aber wie soll ich es jetzt mit einem Mann aufnehmen, der Millionen im Rücken hat?“

„Ich bin sicher, dass du einen Weg finden wirst. Niemand kennt die Geschichte der Reina Isabella so wie du.“

„Niemand – abgesehen von Alec“, gab Karen zu bedenken. „Wir haben jahrelang zusammengearbeitet, vergiss das nicht. Alles, was ich weiß, weiß er auch. Dass er jetzt auf eigene Faust versucht, das Wrack zu heben, ist nichts anderes als ein Racheakt.“ Karen fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn. „Er will mir heimzahlen, dass er meinetwegen seinen Job verloren hat. Wenn ich nicht mit den Beweisen zur Universitätsleitung gegangen wäre …“

„Dann hätte es früher oder später jemand anderes getan“, brachte Melanie den Satz für sie zu Ende. „Die Beweislast war aber auch wirklich erdrückend.“

„Und trotzdem hat er bis zum Ende die Stirn besessen, seine Unschuld zu beteuern.“

Melanie seufzte. „Lassen wir das Thema – erzähl mir lieber, was du als Nächstes vorhast?“

Damit sprach sie ein heikles Problem an, über das sich Karen schon vor ihrer Abreise vergeblich den Kopf zerbrochen hatte. „Ich werde ein Boot brauchen, aber alle Charterunternehmen, mit denen ich Kontakt aufgenommen habe, verlangen Unsummen allein für die Kaution. Mir wird also nichts anderes übrig bleiben, als morgen selbst zum Hafen zu gehen und mich nach einer geeigneten Alternative umzusehen.“

„Hör mal, vielleicht …“

„Ja?“

„Nun, denkst du nicht, du könntest versuchen, noch einmal vernünftig mit Alec zu sprechen? Vielleicht findet ihr ja eine Möglichkeit, euch miteinander zu arrangieren.“

„Arrangieren? Ich? Mit Alec Halliwell?“ Karen schnaubte empört. „Nein, niemals! Ich werde schon auf anderem Weg an ein Schiff kommen, darauf kannst du dich verlassen!“

In Wahrheit fühlte Karen sich nicht halb so siegessicher, wie sie vorgab – doch eines stand fest: Sie würde Alec ganz gewiss nicht dabei helfen, die Reina Isabella und das Diadem der Aztekenprinzessin zu finden, damit es am Ende ausgerechnet Maxwell Kellerman in die Hände fiel.

Ihrem Vater.

Etwa zur selben Zeit stand Alec auf dem Balkon seines Hotelzimmers und schaute hinaus auf das nächtliche Meer. Das Rauschen der Wellen, die an den Strand rollten, wirkte beruhigend auf ihn. Und genau das konnte er im Augenblick auch dringend gebrauchen.

Die Begegnung mit Karen – ausgerechnet Karen! – hatte ihn weit mehr aufgewühlt, als er es nach all den Monaten für möglich gehalten hätte. So sehr, dass es ihm richtig Spaß gemacht hatte, ihr unter die Nase zu reiben, für wen er arbeitete. Dass sie ihn deswegen jetzt vermutlich noch mehr verachtete, kümmerte ihn nicht. Was Karen dachte, war für ihn schon längst nicht mehr relevant. Sie hatte sich ohnehin ihre Meinung über ihn gebildet.

Und er wusste auch, was er von ihr zu halten hatte.

Ihr verdankte er den Umstand, dass er keinen anständigen Job mehr bekam. Zum zweiten Mal hatte eine Frau dafür gesorgt, dass sein Leben den Bach hinunterging. Doch anders als damals bei Greta hatte er dieses Mal wirklich alles verloren.

Wenn Dr. Karen Summers glaubte, dass er sie damit durchkommen lassen würde, hatte sie sich geschnitten! Gewaltig!

2. KAPITEL

Alec …

Karens Herz hämmerte wie verrückt. Ihr bewusstes Denken war ausgeschaltet, sie fühlte nur noch. Seine Lippen auf ihrer Haut verwandelten ihr Blut in flüssiges Feuer. Mit geschlossenen Augen legte sie den Kopf in den Nacken, damit er ihren Hals und die empfindliche Stelle über ihrem Schlüsselbein küssen konnte.

Seine Hände waren überall auf ihr. Stöhnend wand sie sich unter seinen Berührungen, bäumte sich ihm entgegen. Selbst der kleinste Abstand zwischen ihren Körpern erschien ihr plötzlich unerträglich. Sie presste sich an ihn, fuhr durch seine dunklen Locken und zog ihn noch näher zu sich heran …

Seine Zunge fuhr über ihre Unterlippe und drängte in ihren Mund. Er trank ihr Stöhnen wie kostbaren Wein. Sie spürte, wie seine Lippen sich zu einem triumphierenden Lächeln verzogen.

„Ich wusste doch, dass du mir nicht würdest widerstehen können, Sweetheart.“

Karen riss die Augen auf und …

… fand sich allein im Bett ihres Pensionszimmers wieder, verschwitzt zwischen zerwühlten Laken. Seufzend legte sie sich den Unterarm über die Augen. Ging das jetzt etwa schon wieder los?

Es war nicht das erste Mal, dass Alec sich auf diese Weise in ihre Träume schlich. Sie konnte sich selbst nicht erklären, wieso. Normalerweise hatte sie keine besonders lebhafte Fantasie. Doch ausgerechnet Alec schien eine neue, bislang unerforschte Seite von ihr wachzurufen, und Karen verspürte kein gesteigertes Interesse daran, diese intensiver zu untersuchen.

Sie wollte einfach nur, dass das aufhörte.

An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Die drückende Hitze im Zimmer und die Nachwirkungen ihres Traumes ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Hinzu kam, dass die Wände des Hotels papierdünn waren und der Gast nebenan offenbar starke Probleme mit seinen Nasennebenhöhlen hatte.

Entsprechend müde und zerschlagen fühlte sich Karen, als sie den Versuch zu schlafen schließlich aufgab, aufstand und sich für den Tag fertig machte.

Draußen färbten die ersten Strahlen der Morgensonne gerade den Himmel, als sie in aller Herrgottsfrühe aufbrach und zum Hafen fuhr. Dort klapperte sie ein Charterunternehmen nach dem anderen ab – doch alle waren schlicht und einfach zu teuer und sprengten Karens sehr begrenztes Budget. Der anhaltende Misserfolg drückte ihre Stimmung noch zusätzlich.

Die Adresse, bei der sie es schließlich gegen Mittag versuchen wollte, hatte sie von einer jungen Frau bekommen, die an der Rezeption eines anderen Bootsverleihers arbeitete. „Versuchen Sie es doch mal bei Andrew Scott“, hatte sie mit mitleidigem Blick gesagt und ihr eine Visitenkarte mit Flecken und Eselsohren gereicht. „Sagen Sie, dass Nicole Sie geschickt hat.“

Diese Karte hatte Karen dem Taxifahrer gegeben, woraufhin dieser den Kopf schüttelte und sich rundheraus weigerte, die Adresse anzufahren. „Das ist eine ganz üble Gegend, Missus“, lauteten seine warnenden Worte. „Ich habe keine Lust, dass mir die Reifen unter dem Wagen weggeklaut werden, während Sie aussteigen. Und eine junge Lady wie Sie sollte da besser auch nicht allein hingehen.“

Doch hatte Karen eine andere Wahl? Wenn sie auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, es mit Alec Halliwell aufzunehmen, durfte sie nicht überkritisch sein. Sie brauchte ein Boot – und wie es schien, war dies so ziemlich ihre einzige Möglichkeit, an eines heranzukommen.

„Kein Problem“, sagte sie. „Lassen Sie mich einfach in der Nähe raus. Das letzte Stück laufe ich dann.“

Sie ignorierte den entsetzten Blick des Taxifahrers, der nach kurzem Zögern tat, um was sie ihn gebeten hatte. Schon bald ließen sie die Bereiche von Nassau hinter sich, die Touristen für gewöhnlich aufsuchten. Die Gebäude wurden schäbiger, die Gassen verwinkelter und finsterer.

Irgendwann lenkte ihr Fahrer den Wagen an den Straßenrand und hielt an.

„Weiter kann ich Sie beim besten Willen nicht fahren, Missus“, verkündete er. „Sind Sie sicher, dass Sie aussteigen wollen?“

Verunsichert blickte Karen zum Seitenfenster hinaus. Die Gegend war ihr alles andere als geheuer. Doch wenn sie sich davon entmutigen ließ, dann konnte sie gleich ihre Sachen packen und nach Hause zurückfliegen.

Sie atmete tief durch und straffte die Schultern. „Also schön“, sagte sie. „Wo muss ich lang?“

Dem Taxifahrer war deutlich anzusehen, dass er Karens Vorhaben für absolut verrückt hielt. Und sie selbst zweifelte ebenfalls an ihrem Verstand, als sie kurz darauf allein durch das finstere Hafenviertel streifte, auf der Suche nach dem Bootsverleih.

Betrachtete man den Zustand der Gebäude und die zahlreichen Schilder mit dem Aufdruck „Geschlossen“ oder „Kein Zutritt“, die über Türeingängen hingen, war es höchst wahrscheinlich, dass die Charterfirma, nach der sie Ausschau hielt, gar nicht mehr existierte.

„Hey, Süße, hast dich wohl verlaufen, was?“, hallte es aus einem finsteren Torbogen, und jemand lachte höhnisch.

Karen lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie beschleunigte ihre Schritte und blickte immer wieder nervös über ihre Schulter zurück – doch es sah nicht so aus, als ob ihr jemand folgte. Vermutlich wagte sich das lichtscheue Gesindel erst nach Einbruch der Dämmerung hinaus auf die Straße.

Endlich erreichte sie den Hafenkai. Dort herrschte deutlich mehr Betrieb. Arbeiter be- und entluden Frachtkähne, fuhren mit Wagen zwischen Lagerhallen hin und her und schleppten Säcke und Kisten auf den Schultern. Die teils neugierigen, teils verwunderten Blicke der Männer entgingen Karen nicht. Es kam sicher nicht allzu häufig vor, dass sich hier in der Gegend Fremde blicken ließen. Noch dazu Frauen.

Suchend blickt sie sich um und atmete erleichtert auf, als sie ein Firmenschild mit der Aufschrift „Cal Scott Private Boat Hire“ entdeckte. Besonders vertrauenerweckend sah der Schuppen allerdings nicht aus, der sich direkt am Hafenkai auf einem von Maschendraht umzäunten Gelände befand. Doch Karen war nicht so weit gegangen, um jetzt aufzugeben. Sie brauchte ein bezahlbares Boot – und dem äußeren Eindruck nach war sie hier vermutlich genau an der richtigen Adresse. Also ging sie beherzt auf das baufällige Gebäude zu.

Das schief in den Angeln hängende Tor quietschte, als sie es aufstieß. Irgendwo in der Nähe plärrte ein Radio einen alten Sinatra-Song.

„Hallo?“, rief Karen. „Ist da jemand?“

„Hey, kleine Lady. Was kann ich für Sie tun?“

Mit einem erstickten Aufschrei wirbelte sie herum, als plötzlich eine Stimme hinter ihr erklang. Doch der Mann, dem sie sich gegenübersah, wirkte alles andere als Furcht einflößend. Er war kaum größer als sie selbst, allerhöchstens einen Meter siebzig, brachte aber mindestens das Dreifache ihres Gewichtes auf die Waage. Seine Haut war tief sonnengebräunt, und ein dichter Bartschatten ließ sein Gesicht noch dunkler wirken. Sein fettiges Haar war halb unter einer albern aussehenden Kapitänsmütze verborgen, und er schwitzte stark.

„Mr Scott?“, fragte Karen zögerlich.

Als er nickte, sprach sie weiter: „Nicole schickt mich. Sie meinte, dass ich mir bei Ihnen vielleicht günstig ein Boot mieten könnte.“

„Günstig, soso“, entgegnete Scott. Er hob eine Braue. „Was genau gedenken Sie denn anzulegen, meine Liebe?“

Karen nannte ihm einen Preis, den sie sich gerade noch leisten konnte – und der weit unter dem lag, was die anderen Bootsverleiher ihr ausgerechnet hatten.

Mit bang klopfendem Herzen wartete sie auf Scotts Antwort, die aber noch eine Weile auf sich warten ließ, denn zuerst blickte er Karen eine ganze Weile abschätzend an.

Schließlich klopfte er ihr jovial auf die Schultern. „Sie haben Glück, Ma’am. Normalerweise gebe ich die Dawn nicht zu so einem günstigen Kurs her, aber mir ist ein Kunde abgesprungen, sodass sie jetzt ohnehin frei ist, von daher will ich für Sie eine Ausnahme machen.“

Karen fiel ein so großer Stein vom Herzen, dass sie für einen Moment richtig weiche Knie bekam. Sie folgte Scott in den Schuppen und unterzeichnete rasch alle Vertragsunterlagen, die er ihr überreichte. Nicht, dass er es sich am Ende doch noch anders überlegte!

„Und jetzt wollen Sie sicher das Prachtstück sehen, das ich Ihnen zur Verfügung stellen kann, nicht wahr?“

Der übergewichtige Mann führte sie hinaus und ging mit ihr zu einem Steg, der hinter dem Schuppen begann. Karen hielt Ausschau nach der Caribbean Dawn, die sie soeben angemietet hatte. Doch alles, was sie entdecken konnte, war ein abgehalfterter alter Kahn, der vor allem von Rost und gutem Willen zusammengehalten wurde.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Magengrube.

„Moment mal!“, stieß sie atemlos hervor. „Das ist hoffentlich nicht Ihr Ernst, Mr Scott! Bitte sagen Sie mir, dass Sie mir nicht diesen schwimmenden Schrotthaufen vermietet haben!“

Andrew Scott verzog missbilligend das Gesicht. „Ich versichere Ihnen, dass der äußere Eindruck täuscht, Ma’am. Ein paar Eimer Farbe, und die Caribbean Dawn ist wieder wie neu. Und davon abgesehen, bekommen Sie meine erfahrene Crew ohne Aufpreis mit dazu – wenn das kein guter Deal ist, dann weiß ich es auch nicht!“

„Oh nein …“ Karen schluckte heftig. Sie hätte sich selbst ohrfeigen können. Wie konnte sie nur so dumm sein, einen Vertrag zu unterzeichnen, ohne zuerst auch nur einen einzigen Blick auf das Objekt der Begierde zu werfen?

Fast hörte sie Alecs Worte in ihren Ohren widerklingen. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – ich fürchte, damit wirst du dich wohl abfinden müssen.“

Und angesichts des Zustandes der Caribbean Dawn wurde Karen einmal mehr klar, dass sie bei diesem Wettrennen so gut wie keine Chancen hatte.

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, auf dem winzigen Balkon ihres Zimmers noch einmal alle Unterlagen durchzugehen, die sie im Verlauf der letzten Jahre über die Reina Isabella zusammengetragen hatte. Auf der Suche nach etwas, das Alec und sie womöglich übersehen hatten und das ihr einen Vorsprung auf der Jagd nach dem Wrack des sagenumwobenen Schiffes verschaffen könnte.

Doch da war nichts. Sie hatte alles schon mindestens zwei Dutzend Mal überprüft. Das, was sie gemeinsam mit Alec erarbeitet hatte, war die heißeste Spur, die es je zur Reina Isabella gegeben hatte. Was auch immer sie dafür tun musste – sie würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich endlich ihren großen Traum zu erfüllen.

Außerdem musste sie verhindern, dass Kellerman sich einmal mehr unbezahlbare Kunstschätze unter den Nagel riss!

Bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr hatte Karen nichts von den Machenschaften ihres Vaters geahnt. Sie war auf eine teure Privatschule in Buckinghamshire gegangen und hatte ihre Eltern eigentlich nur während der Ferien gesehen. Und selbst dann hatte sie ihren Vater nur hin und wieder zu Gesicht bekommen, weil er praktisch immerzu arbeitete.

Erst ein zufällig mitangehörtes Streitgespräch zwischen ihrer Haushälterin Sarah und deren Sohn Michael öffnete ihr schließlich die Augen. Michael war ein paar Jahre älter als sie, studierte Altertumsgeschichte und war ihr großes Vorbild.

Ihn über ihren Vater als Grabräuber und Kunstdieb sprechen zu hören, ließ Karen in ein tiefes Loch stürzen. Doch wirklich schlimm machte es erst die Reaktion ihres Vaters, als sie ihn darauf ansprach: Er kündigte Sarah, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Es war das erste Mal, dass er seiner Tochter sein wahres Gesicht gezeigt hatte. Und dann, ein paar Jahre später, als ihre Mutter Crystal krank geworden war …

Karen atmete tief durch und schob die Erinnerungen beiseite. Es war die Gegenwart, auf die sie sich konzentrieren musste.

Eigentlich war es beinahe zu einfach, um wahr zu sein. Alles deutete darauf hin, dass die spanische Galeone im Exuma Sound, auf halbem Weg zwischen Nassau und der Insel Cat Island gekentert war – ein Gewässer, das heutzutage vornehmlich von Kreuzfahrtschiffen und Privatjachten befahren wurde.

Allen bisherigen Forschungen zufolge war die Reina Isabella sehr viel weiter östlich, nahe der Sargossosee und den Bermudainseln vermutet worden. Niemand suchte so nah am südamerikanischen Festland danach – doch genau diese Fundstelle ergab sich aus den Ergebnissen der Recherchen, die Alec und sie während ihrer Zusammenarbeit an der Uni durchgeführt hatten. Und das war Karens große Chance.

Oder besser, das könnte sie sein, wenn Alec nicht wäre …

Allein der Gedanke an ihn ließ wieder Bilder aus ihrem Traum vor ihrem inneren Auge aufsteigen, und sie verspürte dieses Ziehen zwischen ihren Schenkeln. Frustriert stöhnte sie auf. Dieser Mann brachte sie noch um den Verstand. Konnte er nicht endlich damit aufhören, sich ständig in ihre Gedanken zu drängen?

Am nächsten Morgen fuhr sie wieder zum Hafen hinaus. Dieses Mal hatte sie vorgesorgt und sich einen fahrbaren Untersatz gemietet. Aus Kostengründen war es anstelle eines Autos ein Motorroller geworden.

Andrew Scott erwartete sie bereits, als sie am Anleger der Caribbean Dawn eintraf. Er hatte sogar, wie am vergangenen Abend besprochen, eine Taucherausrüstung besorgt, die noch dazu verhältnismäßig neuwertig aussah. Nicht, dass Karen es sich hätte erlauben können, wählerisch zu sein. Wenn es nach ihren finanziellen Möglichkeiten ging, hätte sie sich auch mit einer altmodischen Taucherglocke zufrieden geben müssen.

„Wie sieht’s aus, Ma’am? Sind Sie startklar?“ Der Kapitän strahlte vor Begeisterung über das ganze Gesicht. Überraschend behände für sein nicht unbeträchtliches Körpergewicht sprang er an Bord der Dawn, wo bereits zwei andere Männer damit beschäftigt waren, alles fürs Auslaufen vorzubereiten.

„Ich kann es kaum mehr abwarten“, murmelte Karen, auf die die allgemeine Betriebsamkeit einfach nicht ansteckend wirken wollte.

Sie wusste, dass sie eigentlich froh sein sollte. Endlich ging es los! Auf diesen Augenblick hatte sie seit Jahr und Tag hingearbeitet. Wenn heute Abend die Sonne am Horizont versank, würde die Reina Isabella möglicherweise bereits nicht mehr nur eine Legende sein, sondern Realität. Das war sogar sehr wahrscheinlich!

Doch immer wenn sie sich den Gedanken an ihren bevorstehenden Triumph erlaubte, wurde er durch die Tatsache geschmälert, dass Alec ihr zuvorgekommen war. Verflixt, konnte sich dieser Kerl nicht einmal aus ihren Tagträumen heraushalten?

„Na, dann nichts wie los!“ Scott half Karen, an Bord zu klettern, und verschwand selbst im Steuerhaus. Kurz darauf erwachte der Motor des Schiffes tuckernd und stampfend zum Leben.

„Ist sie nicht prachtvoll?“, rief der Kapitän und steckte seinen Kopf durch das offene Fenster des windschiefen Verschlags aus Wellblech.

Kurz darauf gelangten sie aus dem Hafenbecken von Nassau hinaus auf die offene See, und zu Karens Erstaunen fiel dann auch tatsächlich ein wenig von der inneren Anspannung von ihr ab, die sie die ganze Zeit fest in ihren Klauen gehalten hatte. Die Caribbean Dawn schien wider Erwarten tatsächlich seetüchtig zu sein. Vielleicht hatte Scott ja recht, und der äußere Anschein trog wirklich.

Karen stellte sich an den Bug des Schiffes und genoss den Wind, der ihr durchs Haar wehte. Der Stoff ihrer weiten Shorts flatterte, und die Sonnenstrahlen wärmten ihre Haut.

Wellen kräuselten das türkisblaue Meer, das so klar war, dass man das Gefühl hatte, fast bis zum Grund sehen zu können. In einiger Entfernung meinte Karen die Küstenlinie von Eleuthera zu erkennen, doch diese war kaum mehr als ein vager Schatten am Horizont. Ansonsten gab es um sie herum nur den endlosen atlantischen Ozean.

„Also, wo soll’s jetzt hingehen?“, riss Scott sie aus ihren Gedanken. „Bleibt’s bei dem Kurs, den Sie mir gestern Abend genannt haben?“

Karen nickte.

„Dann machen Sie’s sich mal bequem, Ma’am. Ich sag Ihnen Bescheid, wenn wir uns dem Zielort nähern und …“ Er verstummte, als ein metallisches Poltern erklang. Es gab einen lauten Knall, dann schwiegen die Maschinen. „Verflucht!“

Alarmiert schaute Karen ihn an. „Was hat das zu bedeuten?“

„Kein Grund zur Panik“, entgegnete der Kapitän, doch sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. „Joey, Luke“, rief er seine Besatzungsmitglieder herbei. „Schaut mal nach, was da unten los ist!“

Die beiden Männer verschwanden unter Deck, und Scott folgte ihnen eilig mit einem großen Werkzeugkoffer. Karen blieb allein zurück. Aufgeregt lief sie auf und ab, bang darauf wartend, dass die Schiffsmaschinen endlich wieder zum Leben erwachten – was nicht geschah.

„Sieht nicht gut aus“, erklärte Scott zerknirscht, als er kurze Zeit später aus dem Maschinenraum zurückkehrte.

Karen schloss die Augen. „Was heißt das?“

„Ich habe per Funk einen Bekannten alarmiert, der uns zurück in den Hafen schleppen wird.“

„Und wann können wir unsere Suche fortsetzen?“

Der Kapitän zuckte mit den Schultern. „Das wird sobald nichts“, erklärte er bedauernd. „Eine der Antriebswellen ist im Eimer, und die Reparatur wird locker eine Woche in Anspruch nehmen – für den Fall, dass ich überhaupt das Geld für die Ersatzteile zusammenkratzen kann.“ Als er Karens entsetzten Gesichtsausdruck sah, seufzte er. „Hören Sie, Sie bekommen Ihr Geld natürlich zurück, aber …“

Karen nickte. Was nutzte ihr das Geld? Sie stand praktisch wieder ganz am Anfang.

Ohne ein Schiff würde sie die Reina Isabella niemals bergen können. Ein Problem, mit dem sich Alec ganz gewiss nicht herumschlagen musste, bei all dem Geld, das ihm dank Maxwell Kellerman zur Verfügung stand.

Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten.

Das war einfach nicht fair! Sie hatte doch nicht all die Jahre so hart gearbeitet, um jetzt auf den letzten Metern zu scheitern! Alec durfte ihr nicht zuvorkommen, er durfte es ganz einfach nicht!

Als sie eine weiße Jacht erblickte, die sich näherte, schöpfte sie plötzlich neue Hoffnung. Vielleicht hatte sie ja doch ein einziges Mal Glück, und der Besitzer des Bootes war bereit, ihr zu helfen. Es war ein Strohhalm, an den sie sich klammerte, das war ihr klar. Doch sie musste es wenigstens versuchen.

„Hallo!“, rief sie und wedelte wild mit den Armen. „Hallo! Hier sind wir! Bitte, kommen Sie!“

Der Steuermann der Jacht schien sie tatsächlich bemerkt zu haben, denn er änderte den Kurs, sodass das Boot jetzt direkt auf die Caribbean Dawn zulief. Unruhig wippte Karen auf den Zehenspitzen.

„Netter Flitzer“, kommentierte Scott und pfiff durch die Zähne. „Ein normaler Touristenkahn ist das aber nicht. Sehen Sie die Kranvorrichtungen hinten am Heck? Das ist ein Spezialaufbau, der vor allem für die Bergung auf hoher See genutzt wird.“

„Bergung auf hoher See?“, wiederholte Karen nachdenklich. War es Zufall oder Schicksal, dass ein so ausgerüstetes Schiff sich ausgerechnet in der Nähe der Gewässer befand, in denen sie die Reina Isabella vermutete?

Die Jacht kam rasch näher. Karen konnte die Umrisse einer Person erkennen, die an Deck stand und in ihre Richtung blickte.

Ein Mann.

Groß, dunkelhaarig und …

„Grundgütiger!“ Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund. Nein, dachte sie. Bitte nicht! Das darf nicht wahr sein!

„Was ist denn los?“, fragte Kapitän Scott irritiert. „Kennen Sie diese Leute etwa?“

„Nur einen“, erwiderte Karen seufzend. Aber das ist schlimm genug, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Hey, Sweetheart!“, rief Alec vom Deck des anderen Schiffes zu ihr herüber. „Probleme?“

3. KAPITEL

„Was ist los?“ Alec lehnte sich über die Reling seines Bootes zu ihr hinüber. „Macht der Kahn Ärger?“

Karen verschränkte die Arme vor der Brust. „Das geht dich überhaupt nichts an“, fauchte sie wütend.

Er grinste sie nur an, und das allein reichte schon, um ihr Herzklopfen und weiche Knie zu bescheren. Das – und die Tatsache, dass die obersten beiden Knöpfe seines Polohemdes offen standen und den Blick auf tief gebräunte Haut freigaben.

Einen Moment lang konnte Karen ihn nur offenen Mundes anstarren. In ihrem Kopf spulte sich unwillkürlich erneut ein nicht ganz jugendfreier Film ab. Sie sah sich selbst, wie sie sein Shirt aus dem Bund seiner Cargohose zog und mit beiden Händen darunter fuhr. Ihr war, als könnte sie seine glatte Haut, seine festen Bauchmuskeln und die breite Brust tatsächlich unter ihren Fingern spüren.

Aufhören! Sofort aufhören!

Abrupt kehrte sie wieder in die Realität zurück – nur um in Alecs weiterhin grinsendes Gesicht zu blicken. „Na, na“, sagte er. „Wer wird denn gleich so aus der Haut fahren? Ich wollte dir gerade meine Hilfe anbieten, indem ich dich an Bord bitte, aber wenn du nicht willst …“

Das Herz klopfte Karen bis zum Hals. Sie brauchte Hilfe, natürlich – aber doch nicht von ihm!

Ganz davon abgesehen, dass sie seit jeher Konkurrenten waren – Alec gelang es einfach viel zu mühelos, sie völlig aus dem Konzept zu bringen. Er brauchte sie nur anzusehen, und schon geriet ihr Blut in Wallung. Und das nicht nur, weil sie sich über ihn aufregte, sobald er den Mund aufmachte. Viel schlimmer waren die Tagträume, die sein Anblick neuerdings in ihr auslöste.

Sie mochte nicht unbedingt dem klassischen Schönheitsideal entsprechen, doch das bedeutete nicht, dass sie vollkommen unbedarft war, was Männer betraf.

Auf der Feier zu ihrem achtzehnten Geburtstag hatte sie ihre Unschuld an Martin Bodean verloren, ihren Jugendschwarm – eine kurze Liebschaft, die schon bald in Tränen und Enttäuschung endete. Später, während des Studiums, hatte es ein, zwei unbedeutende Romanzen gegeben, und auch in ihrer Zeit als Doktorandin war sie mit ein paar Männern ausgegangen.

Sex war somit kein unbekanntes Terrain für sie, und sie war sich auch der Tatsache bewusst, dass es ein absolut natürliches Bedürfnis war. Wissenschaftlich begründet in dem von der Evolution in jeden Menschen eingepflanzten Wunsch, seine Art zu erhalten und für Nachkommen zu sorgen.

Dass sie so heftig auf Alec reagierte, war also eigentlich nicht ungewöhnlich. Er war ein Mann, sie eine Frau. Grundlegende Biologie, nichts weiter.

Das bedeutete jedoch nicht, dass es ihr auch gefallen musste.

Und deshalb ist jetzt Schluss damit! sagte sie zu sich selbst. Und zwar sofort!

Aber das würde wohl kaum gelingen, wenn sie seine Hilfe annahm und zu ihm an Bord ging. Räumliche Nähe zu Alec Halliwell war so ziemlich das Letzte, was sie im Augenblick gebrauchen konnte.

„Warum solltest du mir helfen wollen?“, fragte sie schließlich. „Wir sind Konkurrenten bei der Suche nach der Reina Isabella, und außerdem sind wir noch nie besonders gut miteinander ausgekommen.“

Sein Grinsen wurde noch breiter. „Vergiss nicht zu erwähnen, dass ich deinetwegen meinen Job verloren habe“, fügte er hinzu.

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Das hast du dir ganz allein selbst zuzuschreiben!“

Sie wusste, es war einer ihrer größten Fehler, dass sie einfach nicht den Mund halten konnte, egal ob sie sich damit womöglich in Schwierigkeiten brachte. Am liebsten hätte sie sich für ihre voreiligen Worte die Zunge abgebissen.

Auch wenn sie stimmten. Dass Alec seine Anstellung verloren hatte, lag daran, dass er seine Finger nicht vom Geld anderer Leute lassen konnte. Er war ein Dieb, und er verdiente es nicht anders, als dafür bestraft zu werden.

Doch im Augenblick war er leider auch ihre einzige Chance, auf der Jagd nach der Reina Isabella nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Wenn er sie auf seinem Boot mitnahm und die Hinweise, die sie gemeinsam erarbeitet hatten, nicht auf direktem Wege zum Wrack führten, dann erhielt sie auf diese Weise vielleicht wertvolle Informationen, die ihr sonst auf lange Sicht verschlossen bleiben würden.

„Es könnte noch ein paar Stunden dauern, bis mein Bekannter kommt, um uns abzuschleppen“, raunte Kapitän Scott ihr zu.

Verflixt!

Sie steckte in der Zwickmühle, und das war ganz und gar kein angenehmes Gefühl.

Und Alec tat nichts – nicht das Geringste –, um die Situation zu entschärfen und ihr die Entscheidung zu erleichtern. Er stand einfach nur da und schaute sie an. Die Arme vor der Brust verschränkt, seine Miene verschlossen, unergründlich.

„Also schön“, sagte er schließlich und wandte sich ab. „Dann eben nicht …“

„Warte!“

Er hielt inne in der Bewegung. „Ja?“

„Ich … Es tut mir leid, ich …“ Sie atmete tief durch und schloss kurz die Augen. „Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du mich mitnehmen würdest.“

Er drehte sich wieder zu ihr um. Seine blauen Augen blitzten triumphierend. „Ach wirklich? Wie dankbar genau?“

Karen schluckte den bissigen Kommentar herunter, der ihr auf der Zunge lag. „Sehr dankbar“, sagte sie stattdessen.

Für das zufriedene Lächeln, das sich auf seine Lippen legte, hätte sie ihm am liebsten die Augen ausgekratzt. Sie steckte die Hände in die Hosentaschen ihrer Shorts und ballte sie zu Fäusten.

So ein arroganter Widerling!

„Na, wenn das so ist …“ Er vollführte eine einladende Geste und streckte ihr die Hand entgegen. „Herzlich willkommen an Bord der Esperanza.“

Wenn er dieses falsche Lächeln noch eine Sekunde länger aufrechterhalten musste, würde er einen Krampf in den Mundwinkeln bekommen, davon war Alec überzeugt.

Es fiel ihm alles andere als leicht, Karen gegenüber freundlich zu bleiben. Hilfreich dabei war, dass sie sich umso mehr zu ärgern schien, je liebenswürdiger er sich ihr gegenüber verhielt.

Diese hinterhältige falsche Schlange!

Ihr hatte er es zu verdanken, dass seine Karriere in einer Sackgasse gelandet zu sein schien, noch ehe sie wieder richtig in Fahrt gekommen war. Wäre sie mit ihrem Verdacht nicht zum Kuratorium der Stiftung gegangen …

Doch im Grunde war er selbst schuld. Er hatte die Gefahr nicht kommen sehen, obwohl er es nach der Sache mit Greta Dupres besser hätte wissen müssen.

Es war damals während seines Studiums gewesen. Aufgrund herausragender Leistungen hatte Alec das Angebot bekommen, als Assistent für seinen Geschichtsprofessor zu arbeiten – eine Gelegenheit, die so mancher seiner Kommilitonen auch gern gehabt hätte. Doch als er Greta begegnete und sich in sie verliebte, ahnte er nicht, dass sie es ebenfalls auf diese Stelle abgesehen hatte.

Niemand glaubte ihm, als sie plötzlich behauptete, dass er ihr zu nahe getreten sei. Seine Kommilitonen nicht, sein Professor nicht. Er verlor seine Assistentenstelle und – was noch viel schlimmer war – seinen guten Ruf. Nur durch viel Schweiß und harte Arbeit hatte er es geschafft, wieder auf die Beine zu kommen. Bis es Karen gelungen war, alles mit einem Schlag wieder zu zerstören.

Er atmete tief durch und schob die Erinnerungen beiseite. Die Vergangenheit konnte er nicht mehr ändern – nur die Gegenwart zählte. Das Hier und Jetzt. Und im Moment war er es, der sich am längeren Hebel befand, während Karen in seinem Fahrwasser hinter ihm her stolperte.

Sie zu sich an Bord zu holen, war eine spontane Entscheidung gewesen. Im Grunde war es nichts anderes als eine Bestrafung – auch wenn Karen das im Augenblick vielleicht noch nicht begriff. Er wollte sie an allem teilhaben lassen, was er tat – und am Ende würde sie doch leer ausgehen. Auf diese Weise würde er vielleicht sogar erfahren, ob sie seit dem Ende ihrer Zusammenarbeit noch irgendwelche wertvollen Erkenntnisse gewonnen hatte.

Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, hatte sie es nicht besser verdient.

Für einen winzigen Augenblick gestattete er sich, dieses Triumphgefühl zu genießen, dann rief er sich innerlich zur Ordnung. Es gab wichtigere Dinge, als die Befriedigung seiner Rachegelüste. Früher oder später würde sich eine Gelegenheit ergeben, es Karen heimzuzahlen.

Diese Frau tat immer so schrecklich gewissenhaft und loyal. Nun, ihm gegenüber hatte sie sich nicht sonderlich loyal gezeigt. Ansonsten wäre sie erst zu ihm gekommen, anstatt ihn gleich beim Kuratorium anzuschwärzen, ohne ihm vorher eine Gelegenheit zu geben, alles aufzuklären.

Er ballte die Hände zu Fäusten, als er sich erneut dabei ertappte, wie er mit seinen Gedanken in die Vergangenheit abdriftete. Verdammt, was war bloß mit ihm los?

Nun, wenigstens erweckte Karen den Eindruck, dass ihr überaus unbehaglich zumute war, als sie an Bord der Esperanza kletterte. Seine ausgestreckte Hand hatte sie natürlich ignoriert – typisch!

Im Grunde sollte er darüber froh sein, denn Berührungen von Dr. Summers hatten auf ihn seit jeher eine äußerst beunruhigende Wirkung. Dabei war sie nun ganz und gar nicht die Sorte von Frau, für die er sich für gewöhnlich interessierte.

Zugegeben, sie sah auf eine verhuschte Art und Weise nicht schlecht aus. Glänzendes haselnussbraunes Haar umrahmte ihr herzförmiges Gesicht – sofern sie es nicht gerade wieder einmal zu einem strengen Zopf zurückgekämmt hatte, wie sie es so gern tat.

Ihre grünen Augen, die sie stets hinter einer sagenhaft hässlichen Brille verbarg, waren für sich genommen nicht ungewöhnlich – wirklich einzigartig machte sie die wache Intelligenz, die in ihnen leuchtete.

Manchmal, wenn Karen angestrengt über etwas nachdachte, kaute sie auf ihrer Unterlippe, bis diese geschwollen war. Eine Eigenart, der sie sich selbst vermutlich gar nicht bewusst war. Aber ihn, Alec, brachte sie fast um den Verstand!

Er musste dann immer daran denken, wie es wohl sein mochte, der Grund für ihre geschwollenen Lippen zu sein. Sie zu küssen, ihren Mund mit seiner Zunge zu erobern. Allein der Gedanke reichte aus, um ihn in eine potenziell unangenehme Situation zu bringen – deshalb verdrängte er ihn stets im Ansatz, ehe er problematisch werden konnte.

Nein, Karen war überhaupt nicht sein Typ. Hinreißend schön, gertenschlank und ein IQ knapp oberhalb der Grenze zur Debilität, so hatte er seine Bettgefährtinnen am liebsten. Von Frauen, die in der Lage waren, selbstständig zu denken, ließ er nach der Geschichte mit Greta lieber die Finger. Ein Grund mehr, sich Karen aus dem Kopf zu schlagen. Sie war alles, aber ganz sicher nicht einfältig. Dumm nur, dass sein männlicher Jagdinstinkt sich von der Stimme der Vernunft nicht beeinflussen ließ.

Und der Instinkt sagte ihm, dass er Karen an sich ziehen und ihr den vorlauten Mund mit einem Kuss verschließen sollte, wann immer er sie sah.

Das Vibrieren seines Smartphones meldete den Eingang einer Kurznachricht. Er nahm das Telefon aus seiner Hosentasche und hob die Tastensperre auf. Als er auf dem Display den Namen des Absenders sah, runzelte er die Stirn und trat an den Bug der Esperanza, um sie in Ruhe lesen zu können.

Wie geht es voran? Gibt es schon Erfolge zu vermelden? MK

Maxwell Kellerman.

Dass Alec mit dem Millionär zusammenarbeitete, bedeutete im Umkehrschluss nicht automatisch, dass er ihn mochte. Der Mann war überheblich, arrogant und egozentrisch. Soweit es ihn betraf, gab es auf der Welt nur eine einzige Person, die zählte, und das war er selbst. Danach kam eine ganze Weile lang niemand mehr, bis ganz weit unten schließlich der Rest der Menschheit folgte – wenn überhaupt.

Und es gab noch einen zweiten Punkt, der Kellerman zu einem äußerst unangenehmen Zeitgenossen machte. Er war ein Fanatiker durch und durch. Wenn er etwas haben wollte, dann machte er keine halben Sachen. In Anbetracht der Tatsache, dass er sich so gut wie alles, was für Geld zu bekommen war, einfach kaufen konnte, war es vermutlich nur konsequent, dass er im Laufe der Jahre angefangen hatte, das zu begehren, für das kein Preis existierte.

Dinge, die der ganzen Menschheit gehörten.

Dinge, die unverkäuflich waren.

Kulturschätze.

Und das Diadem der Aztekenprinzessin war genau das, wonach ein Mann wie Kellerman gierte.

Doch Alec hatte keine andere Wahl, als sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. In seiner Situation musste er bereit sein, Zugeständnisse zu machen. Abgesehen von Maxwell Kellerman, war niemand bereit gewesen, ihm einen Job zu geben. Im Grunde trug also Karen die Verantwortung dafür, dass sie sich heute unter diesen Umständen wiederbegegneten.

„Glaub bloß nicht, dass ich mich dir gegenüber irgendwie verpflichtet fühlen werde, nur weil du mir aus der Patsche geholfen hast.“

Ihre schneidende Stimme riss ihn aus seinen Grübeleien. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihm gefolgt war, was ihn irritierte. Seinem eingebauten Radar entging üblicherweise nicht viel, nicht einmal dann, wenn er tief in Gedanken versunken war.

Aber warum wunderte er sich eigentlich? Wo Karen auftauchte, brach früher oder später stets das Chaos aus.

Er verbannte das Lächeln, das an seinen Mundwinkeln zuckte, von seinem Gesicht und wandte sich Karen zu. „Selbstverständlich nicht“, entgegnete er mit einer Stimme die, genau, wie er es beabsichtigt hatte, vor Ironie troff. „Ich meine, warum solltest du auch? Ohne mich hättest du schließlich auch jederzeit die Möglichkeit gehabt, der Bergung der Reina Isabella beizuwohnen – du hättest einfach nur von Bord dieses im Meer treibenden Rosteimers springen und ein paar Meilen in Richtung Nordosten schwimmen müssen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Kein Problem, oder?“

Wütend funkelte sie ihn durch die Gläser ihrer unmöglichen Brille an. Wer trug denn heute bitte noch so ein riesiges Gestell? Und dann dieses Band an den Bügeln, mit dem man dieses Ungetüm um den Hals hängen lassen konnte – schrecklich!

Karens Beine, die aus den kakifarbenen Shorts ragten – beunruhigend lange, wohlgeformte Beine, wie er ganz nebenbei feststellte –, waren käseweiß. Wie üblich war sie ungeschminkt, und ihr Haar hatte sie auch schon wieder zu einem unordentlichen Zopf im Nacken zusammengebunden.

Alec war noch nie einer Frau begegnet, die sich so wenig um ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere Menschen kümmerte.

Zumindest keine, die seinen inneren Seelenfrieden so nachhaltig zu stören vermochte …

Nun verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Wie ich es sehe, blieb mir gar keine andere Wahl als deine freundliche Einladung anzunehmen“, entgegnete sie – und die Art und Weise, wie sie die Worte „freundliche Einladung“ betonte, machte einmal mehr deutlich, was sie von ihm hielt. „Jemand muss doch schließlich ein Auge darauf haben, was mit dem Wrack passiert, sollten wir es tatsächlich heute bergen.“

Alec runzelte die Stirn. Natürlich verstand er, worauf sie anspielte. Und was ihn daran am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass ihr unausgesprochener Vorwurf sehr viel mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthielt.

Nur ein absoluter Dummkopf würde Maxwell Kellermans Absichten nicht durchschauen. Und Alec mochte vieles sein, aber dumm war er gewiss nicht. Doch die Zusammenarbeit mit dem zwielichtigen Millionär war ironischerweise vielleicht die einzige Chance, seinen Ruf von den Vorwürfen reinzuwaschen, die Karen seinerzeit gegen ihn vorgebracht hatte. Zumindest sofern er mit seinem Verdacht richtig lag. Und diese Chance musste er einfach nutzen.

„Tu, was du nicht lassen kannst“, knurrte er und wich ihrem Blick absichtlich aus, um sich nicht wieder davon verwirren zu lassen.

„Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“, fragte sie. Er konnte förmlich spüren, wie sie ihn herausfordernd anstarrte. „Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht, was für ein Spiel Kellerman spielt. Er will, was immer sich an Bord der Reina Isabella befindet, meistbietend verkaufen – natürlich nur, sofern er keine Verwendung dafür in seiner eigenen kleinen, absolut illegalen Sammlung findet.“

Seufzend gab Alec die Taktik auf, Karen zu ignorieren – ganz einfach, weil es ihm ohnehin nicht möglich war. Stattdessen nutzte er nun seine überlegene Körpergröße aus – er überragte sie um gut zwei Köpfe –, um sich vor ihr aufzubauen. Abfällig blickte er auf sie herab. „Deine Selbstgerechtigkeit ist wirklich das Letzte! Wer hat mich denn praktisch in seine Arme getrieben?“

„Wie bitte?“ Humorlos lachte sie auf. „Willst du den Schwarzen Peter jetzt etwa mir zuschieben? Oh nein, mein Lieber, so läuft das nicht! Für dein Handeln bist du immer noch selbst verantwortlich. Ich habe dich nicht gezwungen, dich an den Stiftungsgeldern zu vergreifen, Alec. Dass du gefeuert wurdest, war nur eine Konsequenz deiner eigenen Entscheidungen.“

Leise fluchend ging er auf sie zu, und sie wich zurück, bis sie die Reling im Rücken spürte. „Wie oft muss ich noch wiederholen, dass ich der Stiftung keinen einzigen Penny gestohlen habe?“, fragte er gefährlich leise.

Es mochte Einbildung sein – ja, es war ganz bestimmt nur Einbildung –, doch er genoss das Aufflackern von Unsicherheit, ja vielleicht sogar von Furcht, das er in ihren Augen zu sehen glaubte. Es bereitete ihm Genugtuung. Was bildete sich diese Frau ein, über ihn zu urteilen? Sie wusste nichts. Überhaupt nichts!

Ihr Atem ging jetzt schneller, fast schon stoßweise, und auf ihren Wangen hatten sich hektische rote Flecken gebildet, wie immer, wenn sie aufgeregt war. Sie hatte den Mund leicht geöffnet und nahm nun ihre Unterlippe zwischen die Zähne.

Verdammt!

Es war eine Sache, ihr aus der Entfernung dabei zuzusehen. Ihr dabei direkt gegenüberzustehen und in die Augen zu blicken, eine ganz andere. Brennendes Verlangen durchzuckte ihn wie ein Blitzschlag. Er konnte förmlich spüren, wie es durch seine Nervenbahnen jagte. Es war wie beim Domino, wo ein Stein den anderen anstieß – und mit jedem fallenden Stein schaltete sich sein rationales Denken ein bisschen mehr aus. Gleichzeitig übernahm ein uralter Instinkt die Kontrolle.

Alec umfasste Karens Nacken mit einer Hand, die andere legte er unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an – dann küsste er sie, hart und fordernd.

Karen konnte nicht fassen, was da gerade passierte.

In einem Moment hatten Alec und sie noch miteinander gestritten, im nächsten küssten sie sich.

Er küsst dich, korrigierte sie sich sofort, doch es machte im Grunde keinen Unterschied. Denn nach einer kurzen Sekunde der Überraschung hatte sie seinen Kuss sofort voller Leidenschaft erwidert.

Ihre Gedanken waren plötzlich wie flüchtige Kerzenflammen, die um sie herum aufflackerten, die sie aber nicht erreichen konnte. Es war, als hätte sich ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt. Sie konnte nicht mehr denken, nur noch fühlen.

Ihr Herz hämmerte wie verrückt. Sie vergrub die Hände in seinen braunen Locken und erntete ein ersticktes Stöhnen, als sie seinen Kopf leicht zu sich heranzog. Versuchsweise griff sie fester zu, und Alec reagierte, indem er die Arme um ihren Körper schlang und sie fest an sich drückte.

Atmen war unmöglich geworden. Denken sowieso.

Die Zeit schien stillzustehen, und die Welt um sie herum versank in Bedeutungslosigkeit. Es gab nur noch Alec und sie.

Zumindest bis zu dem Moment, als irgendwo ganz in der Nähe ein Lachen erklang.

Schlagartig kehrte Karen in die Realität zurück, und ihr Verstand schaltete sich wieder ein. Sie riss die Augen auf, legte die Hände auf Alecs Brust und stieß ihn hastig von sich.

„Tu das nie wieder!“, fauchte sie und schob sich hastig, beinah schon panisch, an ihm vorbei.

„Karen!“, hörte sie ihn ihr hinterherrufen, ignorierte es aber und lief einfach weiter. Wohin, das wusste sie selbst nicht so genau. An Bord der Esperanza gab es nicht gerade besonders viele Möglichkeiten für erwachsene Menschen, sich aus dem Weg zu gehen. Doch wenn sie eines im Augenblick nicht ertragen konnte, dann war es Alecs Gegenwart.

In einer Nische zwischen dem Kranaufbau und dem Rettungsboot fand sie einen Rückzugsort, der sie zumindest ein wenig vor neugierigen Blicken schützte. Sie barg das Gesicht in den Händen und atmete tief durch. Immer wieder spielte sich vor ihrem geistigen Auge die Szene ab, die sie gerade erlebt hatte, und sie unterdrückte ein Stöhnen.

Was war bloß in sie gefahren? Hatte sie vollkommen den Verstand verloren, sich von Alec küssen zu lassen? Ausgerechnet von ihm!

Zu einem Kuss gehören immer noch zwei, erinnerte sie eine leise, aber beharrliche Stimme in ihrem Kopf. Du warst bei der ganzen Angelegenheit auch nicht völlig unbeteiligt.

Unglücklicherweise stimmte das. Sie hatte vollkommen die Kontrolle über sich verloren und hatte sich zu etwas hinreißen lassen, das sie vermutlich für den Rest ihres Lebens bereuen würde. Alec Halliwell war … Sie schüttelte den Kopf, unfähig zu beschreiben, was genau sie eigentlich für ihn empfand.

Seit dem Tag, an dem er praktisch wie aus dem Nichts an der Uni aufgetaucht war, hatte sie in ihm eine Bedrohung gesehen. Fachlich mochte sie ihm stets überlegen gewesen sein, wenn auch längst nicht so sehr, wie sie es sich gewünscht hätte. Doch er besaß etwas, das Karen zu ihrem eigenen Leidwesen fehlte: Charisma.

Wo immer Alec auftauchte, drehte sich plötzlich alles nur noch um ihn. Es war nicht nur allein sein gutes Aussehen. Er besaß die Fähigkeit, andere Menschen mit seinem Charme und Esprit vollkommen in seinen Bann zu ziehen. Natürlich war das nur eine Masche, um zu bekommen, was er wollte. Doch dummerweise schien das abgesehen von ihr niemand zu bemerken.

Und trotzdem war sie jetzt tatsächlich selbst auf diesen Blender hereingefallen. Unfassbar!

Reiß dich zusammen! ermahnte sie sich. Es geht hier nicht um dich und deine offenbar außer Kontrolle geratenen Hormone. Es geht um mehr, viel mehr!

Sie holte tief Luft. Was immer auch geschehen mochte, sie durfte nicht zulassen, dass die Reina Isabella ihrem Vater in die Hände fiel.

Und um das zu verhindern, musste sie sich professionell verhalten – wozu ganz gewiss nicht gehörte, dass sie sich Alec Halliwell an den Hals warf!

4. KAPITEL

Als sie am frühen Nachmittag den Exuma Sound erreichten, stand die Sonne hoch am Himmel. Ihre gleißenden Strahlen brachen sich auf der Wasseroberfläche und ließen das Meer funkeln wie tausend Diamanten.

Der Steuermann der Esperanza brachte das Schiff exakt zu der Position, die ihm genannt worden war, und setzte dort den Anker.

Karen klopfte das Herz bis zum Hals. Weit und breit war kein anderes Schiff zu sehen. Es wirkte fast, als seien sie vollkommen allein auf der Welt, und das Gefühl, dass sie der Reina Isabella jetzt ganz nah waren, machte sie schwindelig vor Aufregung.

Das Ziel jahrelanger Arbeit, es war in greifbare Nähe gerückt. Der einzige Wermutstropfen bestand darin, dass sie diesen Augenblick ausgerechnet mit Alec würde teilen müssen.

Genau genommen war es nicht einmal ihr Triumph. Sie durfte lediglich von Alecs Gnaden Zaungast sein bei diesem Ereignis, das aus einer Legende endlich ein historisch gesichertes Faktum machen würde.

So oft hatte sie von diesem Moment geträumt – doch anders als in ihrer Fantasie würde Alec nun alle Anerkennung bekommen, während sie selbst leer ausging. Und auch das nur, wenn es ihr gelang, zu verhindern, dass das Wrack Maxwell Kellerman in die Hände fiel …

„Ich nehme an, du würdest gern dabei sein.“ Alec hielt ihr eine Taucherbrille, Flossen und eine Sauerstoffflasche hin. Er hatte das, was vor ein paar Stunden zwischen ihnen vorgefallen war, mit keinem Wort mehr erwähnt, worüber Karen sehr froh war. Es fiel ihr auch so schon schwer genug, sich nach diesem Intermezzo selbst im Spiegel anzuschauen.

„Sehr gern“, entgegnete sie, ein wenig überrascht darüber, dass Alec überhaupt daran dachte, sie auf den Tauchgang mitzunehmen. Rasch, ehe er es sich anders überlegen konnte, schlüpfte sie aus Shorts und Top, unter denen sie einen Bikini trug.

Ihr entging nicht, dass Alec sie anstarrte, und sie spürte, wie eine feine Röte ihre Wangen überzog. Doch jetzt war nicht der richtige Augenblick, um verlegen zu werden. Davon abgesehen, war sie schließlich nicht nackt, sondern im Vergleich zu den unzähligen Schönheiten, die sich am Strand von Nassau in der Sonne räkelten, geradezu züchtig bedeckt. Trotzdem ließen Alecs Blicke sie nicht kalt, und das ärgerte sie maßlos.

Sie wollte nicht so auf ihn reagieren. Es war falsch, es war störend, und es lenkte sie von Dingen ab, die sehr viel wichtiger waren. Und zu allem Überfluss wusste sie doch, was für ein Schuft er war!

Schon ihre Mutter hatte sich für den falschen Mann entschieden – und vermutlich war Karen vom Schicksal dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen.

Hastig schlüpfte sie in ihre Schwimmflossen, überprüfte die Sauerstoffflasche und schnallte sie sich auf den Rücken. Ihr letzter Tauchgang lag schon eine Weile zurück, aber das würde sie ganz gewiss nicht davon abhalten, Alec zu begleiten. Zum Glück war ihre Kurzsichtigkeit nicht stark ausgeprägt, sodass sie die Taucherbrille anziehen konnte, ohne deshalb gleich blind wie ein Maulwurf zu sein.

Über eine Leiter, die fest an der Außenbordwand der Esperanza angebracht war, stieg Karen bis zur Wasseroberfläche hinunter und ließ sich dann ins Meer gleiten. Im ersten Moment war der Temperaturunterschied ein kleiner Schock, der sie scharf nach Luft schnappen ließ. Doch innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich daran gewöhnt und empfand die Kühle als sehr angenehm.

„Wir befinden uns direkt oberhalb der Position, an der sich laut unseren gemeinsamen Recherchen das Wrack der Reina Isabella befinden müsste“, erklärte Alec, der inzwischen unmittelbar neben ihr schwamm. „Wollen wir?“

Karen nickte und nahm das Mundstück der Sauerstoffflasche zwischen die Lippen. Ehe sie abtauchen konnte, richtete Alec noch einmal das Wort an sie. „Ach, und solltest du einem Hai begegnen“, sagte er trocken, „bleib einfach ganz ruhig. Ich bin sicher, er wird erkennen, dass er sich an dir nur die Zähne ausbeißen kann …“

Im nächsten Moment war er auch schon abgetaucht, sodass Karens wütende Erwiderung ungehört blieb.

Als auch sie sich komplett unter Wasser befand, hatte sie das Gefühl, sich in eine vollkommen andere Welt zu begeben. Es war so still und friedlich. Die Wasseroberfläche über ihr glitzerte, doch je weiter sie in Richtung Meeresboden tauchte, umso dunkler wurde es.

Ganze Fischschwärme schwammen um Alec und Karen herum, ohne sich von ihnen stören zu lassen. Die Tiere schillerten in den prächtigsten Farben, und unter anderen Umständen hätte Karen sich nur zu gern die Zeit genommen, die Schönheit ihrer Umgebung auf sich wirken zu lassen.

Doch dazu war sie in diesem Moment viel zu aufgeregt.

Bald erreichten sie den Grund des Ozeans.

Hier unten herrschte ein diffuses Zwielicht. Seegras wiegte sich in der Strömung, und Fischschwärme schwammen im Zickzack zwischen Algenbündeln umher. Die Welt war tief blaugrün gefärbt.

Alec übernahm die Führung, und Karen folgte ihm. Sie schwammen über Felsen hinweg, die schroff aus dem Meeresboden ragten. Angespannt hielt Karen Ausschau nach dem Wrack. Bei jedem Schatten, jedem größeren Objekt zuckte sie innerlich zusammen – nur um dann immer wieder zu erkennen, dass es nicht das war, wonach sie suchte.

Und dann gab Alec ihr mit einem kurzen Handzeichen zu verstehen, dass sie nach Osten blicken sollte. Als sie es tat, stockte ihr fast der Atem.

Die Reina Isabella!

Wie eine geisterhafte Erscheinung tauchte sie in der Dunkelheit auf. Die vermoderten Holzbalken der vor Jahrhunderten gesunkenen spanischen Galeone waren über und über mit Muscheln und Tang bewachsen.

Schnell tauchten sie auf das Schiff zu, Alec vornweg. Durch ein klaffendes Loch in der Außenwand schwamm er ins dunkle Innere des Wracks, Karen dicht hinter ihm.

Ein kalter Schauer durchrieselte sie, als sie die Überreste eines schmalen Korridors durchtauchten und sie daran dachte, dass sich all dies irgendwann einmal über der Wasseroberfläche befunden hatte. Hier hatten auf engstem Raum Menschen gelebt, und hier waren sie auch gestorben – in jener stürmischen Nacht vor fast vierhundert Jahren …

Sie drangen weiter in das Wrack vor. Es war so dunkel, dass Karen immer eine Hand vor sich ausgestreckt hielt, um nicht an irgendwelche verstreuten Trümmer zu stoßen. Sie orientierte sich an Alec, der eine Lampe dabeihatte – ein heller Fleck in der Finsternis.

Durch eine Luke im Boden tauchten sie ab in den ehemaligen Laderaum der Reina Isabella – und je weiter sie kamen, umso mulmiger wurde Karen zumute.

Seltsam …

Die Legende besagte, dass das Schiff voll beladen mit Gold und Edelsteinen die neue Welt verlassen hatte. Aber bisher hatten sie nicht das geringste Anzeichen von irgendwelchen Schätzen entdecken können, und auch der Laderaum schien leer zu sein.

War dies wirklich das richtige Schiff? Und falls ja – handelte es sich bei den unermesslichen Reichtümern, die sich an Bord befunden haben sollten, am Ende nur um ein Märchen? Seemannsgarn, erfunden von Männern, die das Kentern der Reina Isabella überlebt und ihre Geschichte noch ein wenig ausgeschmückt hatten?

Das Diadem der Aztekenprinzessin – existierte es überhaupt?

Irgendwann ging es nicht mehr weiter, weil der Rumpf des Schiffes in sich zusammengefallen war, und sie mussten umdrehen. Doch statt wieder in die Richtung zu tauchen, aus der sie gekommen waren, wandte Alec sich nach rechts, nachdem er die Luke passiert hatte.

Die Kapitänskajüte befand sich im Heck der Galeone. Alec musste die halb zusammengefallene Türkonstruktion mit der Schulter aufstoßen, um hineinzugelangen. Auch hier war es sehr dunkel, doch durch einige klaffende Risse in der Bordwand schimmerte bläulich-grünes Licht. Wie auf ein stummes Kommando hin teilten sie sich auf, Karen nahm sich die eine, Alec die andere Seite der verhältnismäßig großen Kabine vor.

Mehr und mehr spürte Karen, wie Enttäuschung die Stelle des anfänglichen Enthusiasmus einnahm. Hier war nichts. Entweder war ihnen bereits jemand zuvorgekommen, oder es hatte die sagenhaften Schätze der Reina Isabella niemals gegeben, und Alec und sie waren einem Irrtum aufgesessen.

Zunehmend drückten ihr die Dunkelheit und die Stille, abgesehen vom stetigen Blubbern der Luftblasen, die von ihren Atemgeräten aufstiegen, aufs Gemüt. Sie signalisierte Alec, dass sie auftauchen wollte, doch er schüttelte den Kopf und deutete auf eine Kiste, die er, halb begraben unter Trümmern, in seiner Ecke der Kajüte entdeckt hatte.

Obwohl Karen keine große Hoffnung hatte, dass sie darin etwas von echtem Wert finden würden, half sie ihm, die Kiste zu befreien. Sie war etwa so groß wie ein Schuhkarton und hatte auch ungefähr dieselbe Form.

Aber sie war viel zu leicht, als dass sich darin Kostbarkeiten verbergen konnten. Das musste auch Alec klar sein – was ihn trotzdem nicht davon abhielt, sie mitzunehmen.

Keine zehn Minuten später kamen sie zusammen wieder an die Wasseroberfläche, wo sich ihnen von Bord der Esperanza helfende Hände entgegenstreckten, die zuerst die Kiste aus dem Wasser hoben.

Alec ließ Karen den Vortritt. Diese merkte erst jetzt, wie sehr der Tauchgang sie körperlich angestrengt hatte. Ihre Arme fühlten sich zittrig und kraftlos an, und allein schaffte sie es kaum, sich die Leiter hinaufzuziehen. Trotzdem atmete sie vor Empörung scharf ein, als Alec von unten nachhalf.

„Das war unnötig!“, fauchte sie, als er kurz darauf ebenfalls an Bord kletterte.

Er legte die Sauerstoffflasche ab, ehe er ihr einen amüsierten Blick zuwarf. „Ach ja? Tut mir leid, aber mir drängte sich ein vollkommen anderer Eindruck auf.“

Karen schluckte den bissigen Kommentar herunter, der ihr auf der Zunge lag. Das war jetzt nicht der Moment, um sich über Nichtigkeiten zu streiten.

„Das ist ein wenig anders gelaufen, als ich erwartet hatte“, sagte sie stattdessen. „Glaubst du, wir haben das richtige Wrack gefunden?“

Alec runzelte die Stirn. „Ja, ich fürchte schon. Die Position stimmt genau mit unseren Berechnungen überein. Wenn die Daten aus dem alten Logbuch stimmen, das wir entdeckt haben, dann kann es nur das richtige Schiff sein.“

„Aber wo sind dann das Gold und die Edelsteine, von denen in den Legenden die Rede war?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das wüsste ich auch gern.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Ich sage es ja nicht gern, aber möglicherweise haben die Skeptiker doch die ganze Zeit recht gehabt, und es gibt überhaupt keinen Schatz.“

„Nein!“, entgegnete Karen energisch. Sie konnte die Vorstellung einfach nicht zulassen. Ihr halbes Leben lang hatte sie davon geträumt, irgendwann das Wrack der Reina Isabella zu entdecken und zu bergen, was immer sich an Bord befinden mochte. Goldschätze, Edelsteine, aber vor allem das Diadem der Aztekenprinzessin.

Und nun sah es so aus, als würden all ihre Hoffnungen zerplatzen.

Alec hob eine Braue. „Lass uns erst mal nachschauen, was in dieser Kiste ist. Vielleicht hilft uns das ja schon weiter.“

Was das betraf, war Karen eher skeptisch. Mit Sicherheit befand sich darin nicht der Schatz, nach dem Alec und sie gesucht hatten. Trotzdem – es war besser als nichts. Möglicherweise hatte Alec ja recht, und sie fanden einen Hinweis oder eine Erklärung dafür, was geschehen war.

„Also schön“, sagte sie. „Dann wollen wir mal sehen.“

Alec winkte eines der Mannschaftsmitglieder herbei. „Ich brauche ein Brecheisen“, wies er den Mann an. „Schnell.“

Karen klopfte das Herz bis zum Hals, als er sich kurz darauf mit dem Werkzeug an der Kiste zu schaffen machte. Obwohl sie eigentlich nicht daran glaubte, dass der Inhalt sie weiterbringen würde, war sie doch aufgeregt.

Ungeduldig beobachtete sie, wie Alec das altertümliche Schloss aufbrach. Ein Schwall schlammigen Wassers ergoss sich aus der Kiste, als er den Deckel anhob.

„Na, wer sagt’s denn?“, murmelte er und griff beherzt mit der Hand in die braune Brühe.

„Und?“ Karen beugte sich über die Kiste, um einen Blick auf das zu erhaschen, was sich darin befand. Doch Alec beförderte nur eine Handvoll Schlamm nach der anderen daraus hervor.

„Nichts“, entgegnete Alec. „Ich …“ Er verstummte, seine Augen weiteten sich. „Moment mal!“ Er zog eine mit Leder umwickelte Mappe hervor. „Was haben wir denn hier?“

Karen nahm ihm die Mappe ab und wickelte das Lederband ab, das fest darumgeschlungen war. Obwohl es fast vierhundert Jahre alt war, hatte sich das Material erstaunlich gut gehalten. Und da es so fest gerollt war, hatte das Wasser nicht dazwischendringen können.

Vorsichtig strich Karen das vergilbte Pergament glatt, dass sie in der Ledermappe fand – vom Wasser kaum in Mitleidenschaft gezogen. Sie runzelte die Stirn. „Was ist denn das?“

„Was denn?“, fragte Alec.

„Sieht aus wie eine Karte“, murmelte Karen nachdenklich und drehte den Plan so, dass auch Alec einen Blick daraufwerfen konnte. „Schau doch mal.“ Sie deutete auf eine Formation, die aussah wie ein ausgestreckter Finger. „Sieht das nicht aus wie die Umrisse von Cat Island?“

Er musterte die Karte eingehend und nickte schließlich. „Ja, das könnte tatsächlich Cat Island sein, aber … Was hat das zu bedeuten?“

„Ich weiß es auch nicht“, antwortete Karen, doch die Tatsache, dass es überhaupt eine weitere Spur gab, weckte neue Hoffnung in ihr. Sie schaute sich die Karte noch einmal genauer an, drehte sie um und bemerkte, dass auf der Rückseite etwas geschrieben stand.

Die Tinte war verblasst, aber zum Teil noch gut lesbar. Offenbar handelte es sich um eine Art Brief, auf Spanisch verfasst und datiert auf das Jahr, in dem die Reina Isabella den Unterlagen zufolge in Spanien ausgelaufen war.

„Mein Gott“, stieß Karen aufgeregt hervor, nachdem sie die ersten Zeilen überflogen hatte. „Das ist vom Kapitän der Reina Isabella – geschrieben in der Nacht, bevor das Schiff gesunken ist.“

„Lies vor!“, drängelte Alec. „Dein Spanisch ist besser als meins.“

Karen nickte und begann zu übersetzen.

„Unser Schicksal ist besiegelt. Der Sturm hat den Hauptmast wie einen morschen Ast umgeknickt, sodass wir nunmehr nur noch ein Spielball der Wellen und des Windes sind. Das Heck ist bereits überflutet, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir kentern. Um das Unvermeidliche hinauszuzögern, habe ich die Mannschaft angewiesen, allen überflüssigen Ballast über Bord zu werfen.

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