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ROMANA EXTRA BAND 13

ROMY RICHARDSON

Monte Carlo, mon amour

Bernard ist fasziniert von der Ausstrahlung der widerspenstigen Carolin. Er spürt, dass er sich ernsthaft verliebt. Wird es ihm gelingen, die alte Familienfehde zu überwinden, die zwischen ihnen steht?

JOSS WOOD

Alte Sehnsucht – neues Glück

Der bindungsscheue Cale lässt sich nur zu gern auf eine unverbindliche Beziehung mit seiner hübschen Exfreundin Maddie ein. Als ihm klar wird, dass er doch mehr will als heiße Nächte, gerät er in Panik …

REBECCA WINTERS

Sanft weht der Wind auf Mykonos

In Niks Traumvilla in der Ägäis fühlt Fran sich wie im siebten Himmel. Aber wie lange wird der beunruhigend attraktive Milliardär sie noch als Ersatzmutter für seine kleine Nichte brauchen?

DIANA HAMILTON

Lockender Ruf der Liebe

Bianca ist verwirrt. Erst macht ihr Verflossener Cesare ihr ein unmoralisches Angebot, dann will er sie plötzlich heiraten. Wie gern würde sie ihm vertrauen, denn sie liebt ihn noch immer. Kann sie es wagen?

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Monte Carlo, mon amour

1. KAPITEL

Die Boeing 737 von London nach Nizza war bei heftigem Sturm gestartet. Jetzt lagen die größten Turbulenzen hinter ihr, und die Maschine flog mittlerweile ruhig über die schneebedeckten Alpen. Carolin fühlte sich noch immer etwas flau im Magen von den Luftlöchern, in die das Flugzeug gesackt war wie ein Spielzeug-Jo-Jo. Eigentlich brachten unruhige Flüge sie nicht aus dem Gleichgewicht, doch bei ihrem derzeitigen Seelenzustand lagen die Dinge anders.

Sie lehnte ihre Stirn an das mit kleinen Eissternen bedeckte Fenster und ließ ihren Blick über die majestätisch wirkenden Bergketten schweifen. Bewegt von der Schönheit der faszinierenden Landschaft, dachte sie an das Geschehen der letzten Wochen, und Tränen traten ihr in die Augen.

Eine Stewardess in einem hellblauen Kostüm erreichte mit ihrem Getränkewagen Carolins Sitzreihe.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Miss? Tee, Kaffee, einen Saft?”

Da sie ein wenig fror, entschied sich Carolin für einen heißen Tee mit Milch. Nachdem sie einige Schlucke getrunken hatte, warf sie einen Blick auf die letzten Zeilen, die ihr Großvater vor seinem Tod an sie geschrieben hatte:

Und daher möchte ich dir, meine geliebte Enkeltochter, den Familienbesitz in Villefranche an der Côte d’Azur vermachen. In Liebe, Grand-père

Immer wieder hatte sie sich den Brief durchgelesen, und die Aufregung über das, was sie in Südfrankreich erwarten würde, verursachte ihr schon jetzt heftige Bauchschmerzen. Um sich zu beruhigen, schob sie den Brief entschlossen in ihre Handtasche und begann zerstreut, in einem Glamour-Magazin zu blättern. Doch auch der neueste Klatsch über das Leben der Stars und Sternchen konnte sie nicht ablenken. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab.

Zudem riss eine tiefe Männerstimme sie nun schon zum wiederholten Mal aus ihren Gedanken. Der Mann hinter ihr unterhielt sich mit seinem Sitznachbarn auf Französisch, und der sonore Klang seiner Worte löste ein unruhiges Kribbeln in ihrem Nacken aus. Unauffällig drehte sie den Kopf und versuchte zu erkennen, wem die aufregende Stimme gehörte. Leider konnte sie nur ein Stück seines Profils erhaschen, aber dieser eine Blick reichte schon aus, um sie neugierig zu machen.

Der Mann sah einfach verboten gut aus. Dunkles Haar fiel ihm in das markant geschnittene Gesicht, und seine fast mitternachtsblauen Augen bildeten einen beeindruckenden Kontrast zu seinem sonnengebräunten Teint. Schnell sah sie wieder nach vorn auf ihre Zeitschrift und legte sich ihre eiskalten Hände an die glutroten Wangen, um sie etwas abzukühlen.

Wie konnte sie auf einen wildfremden Mann nur derartig reagieren? Hatte sie, was das Thema Männer betraf, nicht genug erlebt in letzter Zeit? Der Gedanke an Steve ließ sie erneut frösteln, also zog sie einen hellen Baumwollpullover über ihr weißes T-Shirt und strich sich mit den Händen über ihre Jeans, eine Angewohnheit, die sie schon seit ihrer Schulzeit begleitete.

Schließlich bat Carolin die Stewardess um eine Decke, und schon nach wenigen Minuten kuschelte sie sich unter den warmen, flauschigen Stoff. Erst jetzt bemerkte sie, wie erschöpft sie war, schließlich hatte sie vor Aufregung letzte Nacht kaum geschlafen.

Leise vernahm sie das vibrierende Timbre des Franzosen hinter sich. Wie beruhigend sich seine Stimme anhörte … Noch einen Moment wehrte sie sich gegen dieses fremde Gefühl, dann fielen ihr die Augenlider zu.

Bernard Fragoné klappte seinen Laptop auf, um die Verkaufszahlen der internationalen Dependancen der Firma Fragoné zu überprüfen. Seitdem er die Firma seines Vaters übernommen hatte, musste er als Repräsentant des Parfümimperiums wesentlich häufiger ins Ausland reisen als früher. In den letzten Tagen hatte er Termine in Stockholm und London wahrgenommen, und das Wetter dort war katastrophal gewesen. Es war ihm unmöglich nachzuvollziehen, wie Menschen in diesen Schlechtwettergebieten freiwillig leben konnten.

Er war der festen Überzeugung, dass sich Wärme und Licht auf den Zustand des Gemüts auswirkten und war entsprechend gut gelaunt, dass sein nächstes Ziel endlich wieder Nizza sein würde.

Doch bis dahin war es noch eine gute Stunde, und Bernard versuchte immer wieder, einen Blick auf die äußerst attraktive Frau vor ihm zu werfen, die so traurig aussah. Sie war ihm schon beim Einchecken aufgefallen, und hätte sie nicht lupenreines britisches Englisch gesprochen, hätte er sie mit den langen dunklen Haaren und den braunen Augen für eine Französin gehalten.

Sie wirkte kühl und abweisend, doch gerade das reizte ihn, und er hätte sie liebend gern angesprochen. Doch zum einen wurde er bereits vom Flughafen abgeholt und zum anderen hatte er zu gute Laune, um sich einen Korb abzuholen.

Dennoch war er der festen Überzeugung, sie mit einem Lächeln wenigstens für einen Moment aus der Reserve locken zu können. Doch sie schien ihn noch nicht einmal bemerkt zu haben, und er tröstete sich damit, dass sie eben eine typische Engländerin sein musste, die eindeutig zu wenig Sonne in ihrem Leben abbekommen hatte!

Nach einer guten Stunde zog das Flugzeug eine große Schleife über dem blau glänzenden Meer, während die Stewardess ihre Ansage lässig in das Mikro murmelte.

„Mesdames et Messieurs, Ladies and Gentlemen, in wenigen Minuten landen wir auf dem Flughafen Nice – Côte d’Azur. Bitte legen Sie die Sicherheitsgurte an und schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus. Thank you very much et merci beaucoup.

Während der Landung kam Carolin langsam wieder zu sich, sie war tatsächlich eingeschlafen. Die durch die kleinen Fenster hereinfallende Sonne blendete und wärmte sie zugleich. Von hinten hörte sie das routinierte Klicken der Gurte, und sie schnallte sich ebenfalls an. Nein, umdrehen würde sie sich kein zweites Mal. Diese Blöße würde sie sich nicht geben.

Stattdessen warf sie einen Blick aus dem Fenster und war schlicht überwältigt. Das Meer leuchtete in einem so kräftigen Blau, wie sie es in England noch nie gesehen hatte, und die im strahlenden Sonnenschein glitzernden Wellen erinnerten sie an das Gold in einer Schatztruhe.

Es traf sie wie ein Stich, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben französischen Boden betreten würde. Warum war ihr Vater nur so stur gewesen und hatte sich nicht damit abfinden können, was vor vielen Jahren geschehen war? Dann hätte sie ihren Großvater vielleicht doch noch kennengelernt.

Jedenfalls befand sich in dem Brief, den sie von ihrem Grand-père erhalten hatte, neben einem Schlüssel auch die Telefonnummer eines Notars, mit dem sie Kontakt aufnehmen sollte, um die Vermögensverhältnisse juristisch zu regeln. Vielleicht kann er mir etwas über die wahren Gründe erzählen, die zum Bruch in der Familie geführt haben, dachte sie optimistisch.

Nachdem der Flieger ruckartig auf der Landebahn aufgesetzt hatte, band sie sich entschlossen die Haare zu einem Zopf und entschied, den kommenden Ereignissen mit Zuversicht, aber auch mit einer prickelnden Neugier entgegenzusehen.

Für Bernards Geschmack war die Landung etwas zu hart gewesen, schließlich landeten sie auf seinem geliebten Heimatboden. Aber anstatt sich zu ärgern, beobachtete er lieber die dunkelhaarige Schönheit vor ihm. Von seinem Platz aus konnte er ihr fast madonnenhaftes Profil erkennen, sah ihren geschwungenen Mund und die langen Wimpern – diese Frau war atemberaubend. Er musste sie einfach ansprechen. Selbst wenn sie ihm einen Korb geben würde, einen Versuch war es wert.

Carolin war mittlerweile aufgestanden und gerade dabei, ihre Reisetasche aus dem Gepäckfach zu hieven, als Bernard, der nun ebenfalls zügig seinen Platz verlassen hatte, mit einem hilfsbereiten Lächeln auf sie zusteuerte.

„Kann ich Ihnen helfen, Mademoiselle?“ Bernard sprach sie in fließendem Englisch an, allerdings mit stark französischem Akzent.

„Nein danke, ich komme schon zurecht.“ Energisch griff Carolin nach ihrem Gepäck.

„Warten Sie, die Tasche ist doch viel zu schwer für eine so hübsche Frau wie Sie.“ So schnell gab Bernard nicht auf.

„Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Und ich weiß wirklich nicht, was mein Aussehen damit zu tun haben soll, ob ich meine Tasche tragen kann oder nicht. Ich bin durchaus in der Lage, mich selbst um mein Gepäck zu kümmern.“

Auch wenn sie diesen Mann so attraktiv fand, dass sie errötete wie ein Schulmädchen, hatte sie entschieden, keinen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden. Dennoch erschrak Carolin über die Heftigkeit ihrer Worte. Was war nur in sie gefahren? Die selbstgefällige Art des Franzosen machte sie rasend. Glaubte er, sie sei ein hilfloses Geschöpf, nur weil sie eine Frau war?

„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen. Aber bitte sehr, wenn Sie meine Hilfe nicht benötigen … Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt hier bei uns an der Côte d’Azur. Bleiben Sie länger?“

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ Carolin wünschte, dass die Passagiere vor ihr endlich den Gang frei machten. Doch die Ausgangstür wurde gerade erst geöffnet.

„Vielleicht treffen wir uns ja mal im Casino von Monte Carlo.“ Bernard ließ nicht locker und wurde durch die drängende Menge gefährlich nah an Carolin herangeschoben. Für einen kurzen Moment berührte seine Hand ihren Oberarm und verursachte ein heißes Beben, das sich bis in ihre Fingerspitzen fortsetzte.

„Das glaube ich kaum!“ Carolin hoffte inständig, diesem Mann kein zweites Mal zu begegnen. Er sah viel zu gut aus und war, wie sie sich eingestehen musste, viel zu charmant, als dass sie ihre Unfreundlichkeit länger als unbedingt nötig aufrechterhalten konnte. Doch nach einem Flirt stand ihr wirklich nicht der Sinn. Sie musste nur an ihr Desaster mit Steve denken, und die Lust auf Männer verging ihr gründlich. Endlich setzte sich die Schlange vor ihr in Bewegung.

Carolin band ihren Pullover um die Hüften, zog sich ihre taillierte Jeansjacke über und wuchtete die große Ledertasche über die Schulter. So schnell, wie die vor ihr gehenden Passagiere es ihr erlaubten, verließ sie das Flugzeug, wohl wissend, dass der attraktive Franzose ihr wahrscheinlich unbekümmert hinterherstarrte.

Als Carolin endlich erleichtert aus der Flughafenhalle trat, wurde sie von einer warmen, sommerlichen Brise empfangen. Palmen und üppig blühende Oleanderbäume säumten die Auffahrt zum Flughafen.

Aber bei aller Freude, in Nizza angekommen zu sein, musste Carolin doch zugeben, dass sie mehr als aufgeregt darüber war, was sie in Villefranche erwarten würde. Mittlerweile bedauerte sie unglaublich, nicht schon eher hergekommen zu sein. Ihr Vater war immer strikt dagegen gewesen, dass sie mit ihrem Großvater Kontakt aufnahm. Für ihn war sein Vater ein Mensch, den er nie wiedersehen wollte, und das hatte auch für seine Tochter gegolten. Jetzt war es sowieso zu spät – Grand-père war vor wenigen Monaten gestorben.

Wie schnell sich das Schicksal gegen einen wenden konnte, hatte Carolin in den letzten Wochen nun schon mehrfach erleben müssen. Sie schluckte ihre Tränen hinunter, nein, sie musste jetzt an die Zukunft denken und würde sich von niemandem mehr auf ihren Gefühlen herumtrampeln lassen.

Während sie nach einem Taxi Ausschau hielt, fuhr ein roter Sportwagen rasant in die vor ihr liegende Haltebucht ein. Die Fahrerin, eine junge Frau mit blondem Bob, hupte kräftig.

„Bernard! Je suis ici!“, rief sie mit lauter Stimme und winkte stürmisch.

Carolin drehte sich um und erkannte den Franzosen aus dem Flieger. Sie holte tief Luft, ihr Herz begann unangenehm hart gegen ihren Brustkorb zu schlagen.

„Sehen Sie, so schnell begegnen wir uns wieder! Ich würde Sie ja fragen, ob wir Sie irgendwohin mitnehmen könnten, aber ich weiß ja, dass Sie bestens allein zurechtkommen. Au revoir, ma belle!

Mit diesen Worten warf er seinen Koffer auf den Rücksitz, stieg in den Wagen und begrüßte die blonde Frau mit Küsschen auf beide Wangen.

„Mit Ihnen wäre ich keine drei Meter gefahren“, rief Carolin ihm hinterher, und während die Fahrerin Gas gab und mit erhöhtem Tempo die Straße zur Autobahn auffuhr, hob Bernard nur bedauernd die Hände.

So ein aufgeblasener Kerl! dachte Carolin erzürnt, drehte den Kopf zur Seite und winkte dem nächstbesten Taxifahrer. Nachdem ihr Gepäck im Kofferraum verstaut worden war, ließ sie sich erleichtert auf das bequeme Polster sinken und nannte dem Fahrer die Adresse in Villefranche. Dankbar dachte sie an ihre Mutter, die darauf bestanden hatte, dass sie Französisch in der Schule wählte, auch wenn ihr Vater keinen Sinn darin gesehen hatte und Spanisch für sie bevorzugt hätte. Typisch, dachte Carolin, er lehnt eben alles ab, was mit seiner Heimat zu tun hat. Und doch war sie nun hier, an dem Ort, wo ihr Vater aufgewachsen war.

Wie das Anwesen ihres Großvaters wohl aussah? Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster und nahm die fremde Umgebung in sich auf. Doch sosehr sie sich auch dagegen wehrte, immer wieder schob sich das Gesicht eines ganz bestimmten Mannes dazwischen. Eigentlich sollte sie erleichtert sein, dass sie diesen unverschämt gut aussehenden Franzosen los war, aber warum durchfuhr sie dieses elektrisierende Prickeln, wenn sie an ihn dachte?

Der Taxifahrer fuhr direkt auf die Autoroute in Richtung Menton. Zu Carolins Rechter lag das im Sonnenlicht glitzernde Mittelmeer. Das intensive Azurblau hatte Carolin ja schon vom Flugzeug aus begeistert. Die hellen Strahlen der Mittagssonne gaben ihr auf sonderbare Art ein Gefühl der Geborgenheit. In London hatte es am frühen Morgen in Strömen geregnet, die unangenehm feuchte Kälte war ihr bis in die Glieder gefahren. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie so intensiv auf die Wärme reagierte. Wie lange war es her, dass sie sich überhaupt einigermaßen gut gefühlt hatte?

Schon im nächsten Moment drängten sich ihr wieder die Erinnerungen an die letzten Wochen auf, und ein kalter Schauer überlief sie. Sie konnte immer noch nicht fassen, was geschehen war, und der Gedanke an Steve trieb ihr erneut Tränen in die Augen. Nie wieder würde sie einem Mann vertrauen. Nie wieder! Und mit der Heulerei war jetzt endgültig Schluss. Sie musste anfangen, an sich zu denken, an ihre Zukunft, auch wenn die nun gänzlich anders aussehen würde, als sie noch bis vor Kurzem geplant hatte.

Und sie plante doch so gerne. Bis ins letzte Detail hatte sie alles für die Hochzeit vorbereitet, allein die Auswahl der Schriftzüge für die Einladungskarten hatte sie viele Stunden gekostet. Sie war eben eine Perfektionistin. Auch wenn ihr Vater sie oft als hemmungslos romantisch bezeichnete, eine Eigenschaft, die sie von ihrem Großvater geerbt haben sollte. Ihr Großvater! Wehmütig blickte sie aus dem heruntergekurbelten Fenster auf das atemberaubende Panorama.

Mittlerweile hatten sie die Autobahn verlassen und fuhren nun die stark befahrene, dafür aber bezaubernde Küstenstraße entlang. Der Anblick übertraf alle Vorstellungen, die sie sich je von der Côte d’Azur gemacht hatte. Das Meer glänzte in der Sonne wie flüssiges Gold, weiße Segeljachten wippten wie Spielzeugschiffe auf den Schaumkronen und von Palmen und Oleanderbüschen gesäumte Gärten erstreckten sich entlang der Küste.

Carolin konnte sich kaum sattsehen an der mediterranen Vegetation. Sie liebte Blumen, und die Tatsache, dass sie eigentlich lieber Botanik statt Wirtschaft studiert hätte, war ein häufiger Streitpunkt zwischen ihr und ihrem Vater gewesen. Letztlich hatte sich ihr Vater durchgesetzt. Seitdem er sich als junger Mann entschieden hatte, nach England zu gehen und nicht in die Parfümherstellung seines Vaters einzusteigen, reagierte Charles Bassin schon allergisch auf Blumen, wenn man nur von ihnen sprach. Dass sein Vater als Parfümeur ein fanatischer Blumenliebhaber gewesen war, mochte seine Antipathie noch verstärkt haben.

Carolins Großvater hatte in seinem Brief etwas von einer roten Orchidee geschrieben. Sie sei einzigartig und sein wertvollster Besitz, nachdem er die Firma inklusive der eigenen Parfümherstellung hatte aufgeben müssen. Aber immerhin war ihm ja auch noch das Grundstück mit der Familienvilla geblieben. Die nun ihr gehören sollte.

Die Hände fest um den Brief ihres Großvaters geschlossen, hing Carolin ihren Gedanken nach, bis das Taxi in einen Stau geriet, was kurz vor den kleinen Städtchen leider viel zu oft vorkam. Auf dem blauen Schild am Ortseingang, von Bougainvillea-Blüten umrankt, prangte in weißen Lettern der Name: Villefranche-sur-mer. Oberhalb dieses Küstenstädtchens lag das alte Familienanwesen der Bassins: Les Fleurs du Ciel. Für Carolin klangen diese Worte wie ein Versprechen. Ein heftiges Ziehen zog sich durch ihre Magengegend. Wie leer ein Versprechen allerdings sein konnte, hatte sie durch Steves perfides Lügengerüst leider bitter erfahren müssen.

Carolin schob sich das Haar aus der Stirn und straffte die Schultern. Schluss mit dem ewigen Selbstmitleid, ab jetzt würde sie nach vorn schauen. Sie war ihrem Großvater mehr als dankbar, durch die Erbschaft die Chance bekommen zu haben, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Doch der Gedanke, dass sie als frischgebackene Hausbesitzerin niemanden hier in Südfrankreich kannte, brachte ihr Selbstbewusstsein sofort wieder gefährlich ins Wanken. Ihr Herz schlug schneller, und sie fühlte sich plötzlich wie ein allein gelassenes Kind und nicht wie eine gestandene Wirtschaftsberaterin.

Zum ersten Mal in ihrem Leben tat sie etwas gegen den Willen ihres Vaters, der über die Erbschaft seiner Tochter alles andere als erfreut gewesen war. Dass Carolin nun wirklich nach Frankreich reiste, um sich des Familienanwesens anzunehmen, sah er als Verschwendung ihrer Zeit an. Sie würde schneller zurückkommen, als sie glaubte, hatte er ihr prophezeit, ihr Platz sei in einer renommierten Wirtschaftsfirma und nicht in einem Blumenbeet.

Ein Grund mehr, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, dachte Carolin trotzig, während sie ihren Blick über die Küste schweifen ließ.

Nachdem sie den malerischen Ort endlich hinter sich gelassen hatten, ging es über einige steile Haarnadelkurven den Berg hinauf. Von hier oben konnte man sogar das mondäne Cap Ferrat mit seinen luxuriösen Villen sehen. Für einen kurzen Moment dachte sie an Steve, doch sein Bild wurde von einem sonnengebräunten Franzosen verdrängt, dessen strahlend blaue Augen beinahe mit dem Azurblau des Meeres konkurrieren konnten. Verwundert darüber, dass sie diesen Mann einfach nicht aus dem Kopf bekam, kurbelte Carolin energisch das Fenster hoch. Auch wenn sie zugeben musste, dass er der attraktivste Mann war, dem sie je begegnet war. Nur gut, dass sie ihn nie wiedersehen würde.

Kurz darauf hatte der Taxifahrer endlich die kurvige Strecke hinter sich gelassen, schwenkte in eine kleine Seitenstraße ein und fuhr schließlich durch eine offen stehende Toreinfahrt, die ein wenig nostalgisch wirkte.

„Mademoiselle, wir sind da“, hörte Carolin ihn sagen, als er im nächsten Moment vor der Villa parkte.

Das Licht der frühen Nachmittagssonne spiegelte sich orange-gelb in der zweireihigen Fensterfront und verlieh dem zarten Rosa der abblätternden Fassade einen Glanz, den es eigentlich nicht mehr besaß. Das Dach schimmerte silbrig, und an einigen Stellen hatten sich kleine Mooslandschaften ausgebreitet. Das Haus musste um die Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut worden sein und bestach durch seine klassizistische Eleganz. Auf Carolin wirkte es eher wie ein kleines Château und nicht wie eine Villa.

„Warten Sie, Mademoiselle, ich hole Ihr Gepäck“, beeilte sich der Fahrer zu sagen, während Carolin bereits aus dem Wagen gestiegen war. Sie nickte ihm freundlich zu, bezahlte ihm die genannte Summe plus Trinkgeld und nahm ihre Tasche entgegen. „Merci, Monsieur.“

Der Fahrer verabschiedete sich, setzte sich in sein Taxi und fuhr durch das alte Tor davon, das Carolin an die Märchen denken ließ, die sie als Kind vorgelesen bekommen hatte.

Beeindruckt von der Größe der Villa betrachtete Carolin das Gebäude etwas genauer. Der Zustand entsprach nicht unbedingt dem, was sie erwartet hatte. An der linken Haushälfte drohte das Mauerwerk gefährlich abzubröckeln, und im oberen Stockwerk war ein Fensterglas zerschlagen. Aber den Charme, den es ausstrahlte, und die einzigartige Lage mit Blick zum Meer überwältigten sie.

Dass dieses verzaubert wirkende Anwesen nun wirklich ihr gehören sollte, machte sie stolz, erfüllte sie aber auch gleichzeitig mit Unsicherheit. War sie den Aufgaben, die hier ganz offensichtlich auf sie warteten, wirklich gewachsen? Sie seufzte leise auf und blickte sich um. Im Gegensatz zum Haus sah man dem parkähnlichen Garten an, dass in ihn viel Liebe und Zeit gesteckt worden war. Die Farben der vielen unterschiedlichen Blumenarten gefielen ihr besonders, und Carolin nahm sich vor, gleich nachdem sie ihre Sachen verstaut hatte, alles genau zu erkunden.

Sie würde sich schon etwas einfallen lassen und ihr neues Domizil in ein Juwel verwandeln. Vielleicht könnte sie zahlungskräftige Wirtschaftsleute an die Côte d’Azur locken und Seminare geben? Oder sie würde sich in die Geheimnisse der Parfümherstellung einarbeiten und ihre Leidenschaft für Blumen mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten verbinden. Doch im nächsten Moment schaltete sie einen Gang zurück, immer wollte sie die Zukunft schon in der Gegenwart festlegen – ab heute würde sich das ändern.

Entschieden drehte sie sich um und betrat die breiten Steintreppen, die zu einer einladenden weißen Holzflügeltür hinaufführten. Sie kramte den Schlüssel aus dem Briefumschlag in ihrer Tasche. Als sie aufschließen wollte, bemerkte sie verwundert das glänzende neue Schloss, um gleichzeitig festzustellen, dass die Tür nur angelehnt war.

Vorsichtig schob sie die schwere Holztür auf und rief in die große, lichtdurchflutete Eingangshalle: „Hallo, ist hier jemand?“

Carolin stellte ihre Tasche ab und sah sich um. Eine weiße Treppe führte in das erste Stockwerk, die wenigen Möbel waren in einem schlichten Landhausstil gehalten und bildeten einen schönen Kontrast zu dem dunklen Parkettboden.

„Hallo, ist hier denn niemand?“ Wenn nicht heller Tag wäre, würde ihr die Situation langsam unheimlich vorkommen. Doch im nächsten Moment atmete sie erleichtert auf. Ein kleiner Cockerspaniel flitzte aus einem der angrenzenden Räume und kläffte sie schwanzwedelnd an.

„Was bist du denn für ein Süßer? Treibst du dich denn ganz allein hier in dem großen Haus herum?“ Carolin streichelte das karamellfarbene Fell des Hundes, der neugierig an ihrer Hand leckte.

Bonjour, Mademoiselle, qu’est-ce que vous faites ici? Das ist Privatbesitz! Was machen Sie hier? Sie können hier nicht einfach hereinspazieren.“

Eine etwas rundliche ältere Frau trat aus dem gleichen Zimmer, aus dem auch der Hund gestürmt war, stemmte die Hände in die Hüften und warf Carolin einen fragenden Blick zu.

Bonjour, Madame, das Gleiche könnte ich Sie fragen. Aber ehe es noch zu weiteren Missverständnissen kommt, mein Name ist Carolin Bassin.“ Carolin vermutete, dass sie die Haushälterin ihres Großvaters vor sich hatte, und wollte die Arme nicht weiter beunruhigen. Doch mit der nun folgenden Reaktion hatte sie nicht gerechnet.

Mon Dieu, finalement! La petite Carolin! Was für ein Glück, dass Monsieur Bassin das nicht mehr erleben muss!“ Tränen traten der älteren Französin in die Augen.

„Wie bitte? Wie meinen Sie das?“ Verständnislos runzelte Carolin die Stirn. Hätte sich denn ihr Großvater nicht gefreut, seine Enkelin vor seinem Tod doch noch kennenzulernen?

„Ich weiß, unsere Familie hat viele Fehler gemacht, aber ich bin hier, um das Erbe meines Großvaters anzutreten und mich um Les Fleurs du Ciel zu kümmern“, versuchte Carolin, die Dinge zu klären.

Doch die Frau schüttelte nur immer wieder den Kopf, rief ihren Hund zu sich und wandte sich in Richtung Eingangstür.

Viens, chou chou, wir gehen, viens.“

„Warten Sie!“, rief Carolin ihr hinterher. Warum wollte die Frau nur nicht mit ihr reden? „Sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen!“

„Mein Name ist Madame Junot, ich habe Ihren Großvater die letzten Jahre versorgt. Als es mit ihm zu Ende ging, war niemand bei ihm außer mir.“

Schwer legte sich das schlechte Gewissen auf Carolins Schultern, sie trat einen Schritt zurück. „Es tut mir alles so leid.“ Was konnte sie dieser Frau anderes sagen? Sie konnte die Vergangenheit nicht mehr ungeschehen machen.

Mit einem letzten Blick auf Carolin drehte Madame Junot sich um: „C’est trop tard. Es ist zu spät, Mademoiselle Carolin. Sie können hier nicht bleiben. Der Möbeltransporteur kommt morgen früh. Dann müssen Sie das Haus verlassen haben.“

Nachdem Bernard seine alte Freundin aus Kindheitstagen vor ihrem Apartmenthaus in Monte Carlo abgesetzt hatte, drückte er den Fuß auf das Gaspedal seines roten Sportwagens, lehnte seinen Arm auf das hinuntergekurbelte Fenster und schaltete den CD-Player an. Er war froh, dass Marie ihn nach langen Reisen oft mit seinem Wagen vom Flughafen abholte, und unterhielt sich gerne mit ihr, auch wenn es für sie nichts Wichtigeres zu geben schien als das Leben der Schönen und Reichen.

Während der Fahrt hatte sie ihm ausführlich über die gesellschaftlichen Highlights der nächsten Wochen berichtet, doch er war mit seinen Gedanken immer wieder abgeschweift, hin zu einer besonders attraktiven Frau, die ihm irgendwie vertraut vorkam und die ihn mit ihren dunkelbraunen Augen so abfällig angeschaut hatte, dass ihm noch jetzt das Blut in den Adern kochte. Für gewöhnlich war es nicht seine Art, kurzen Bekanntschaften nachzuhängen, insbesondere dann nicht, wenn es sich um eine so durch und durch distanzierte Person handelte. Aber vielleicht war auch gerade das der Grund, warum er sie nicht aus dem Kopf bekam.

Unnahbar, das war sie, unnahbar und unwiderstehlich. Er spürte deutlich, wie der Gedanke an sie ihn nicht nur mental, sondern auch körperlich beschäftigte. Das durfte doch nicht wahr sein, er kannte diese Frau doch gar nicht. Schließlich konnte er jede Frau an der Côte d’Azur haben, die er nur wollte.

Er streifte sich mit seinen Fingern durchs Haar, verdrängte das Bild der hübschen Fremden und fuhr, nachdem er sich in seinem Apartment geduscht hatte, in sein Büro. Seit er denken konnte, stand für ihn die Firma an erster Stelle. Und nachdem sein Vater den Vorstandssessel geräumt hatte, war ihm die Arbeit noch wichtiger geworden. Dass sein alter Herr gewisse Geschäftspraktiken betrieben hatte, die ihm nicht gefielen, war nur einer der Gründe, warum er in letzter Zeit selten weniger als vierzehn Stunden in dem eleganten Firmensitz mit Blick auf den monegassischen Hafen verbrachte.

Bonjour, Monsieur Fragoné, wie war Ihr Flug?“, begrüßte ihn seine Sekretärin gut gelaunt.

Bonjour, Cécile. Alles bestens, der Flug war … perfekt“, erwiderte Bernard und betrat kurz darauf sein modern eingerichtetes Büro. Er schaltete seinen Computer an, ließ sich schwungvoll in den schwarzen Ledersessel fallen und begann, die Tabellen auf dem Bildschirm durchzugehen. Doch schon nach einer halben Stunde schwand seine Aufmerksamkeit. Die Zahlen auf dem Computer wichen dem Bild einer Frau, deren süßen Duft er noch immer in der Nase zu haben glaubte.

Mince alors, was hatte diese Frau nur an sich gehabt, dass er sich nicht einmal mehr auf seine Arbeit konzentrieren konnte? Er wusste es. Sie war einfach hinreißend sexy gewesen mit ihren langen dunklen Locken und ihrer engen Jeans. Bernard fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Vielleicht hatte er doch einfach zu viel gearbeitet in letzter Zeit und sein Privatleben etwas vernachlässigt. Entschlossen fuhr er den Rechner hinunter, ließ alle weiteren Termine für den Nachmittag durch seine Sekretärin absagen und verließ das Büro. Er brauchte frische Luft, und eine Spritztour über die Küstenstraße würde ihn sicher auf andere Gedanken bringen.

Um wenigstens etwas Geschäftliches zu erledigen, entschied er sich, auf einen Abstecher nach Villefranche zu fahren, wo er bezüglich des Umbaus einer alten Villa einiges zu klären hatte.

Rasant fuhr Bernard durch die nostalgische alte Toreinfahrt, um mit quietschenden Reifen vor der Villa zu bremsen. Grundgütiger! Das Gebäude hatte wirklich schon bessere Tage gesehen. Er stieg aus dem Wagen, sah hinüber zum Park und stockte.

Im Garten machte sich eine junge Frau zu schaffen. Sie schien gerade etwas von dem Lavendel abzuschneiden und schaute, aufgeschreckt durch das Motorengeräusch, in seine Richtung. Bernard beschleunigte seinen Schritt.

Carolins Herz begann zu rasen, sie musste eindeutig aus der Sonne, sonst würde ihre Fantasie ihr noch weitere Streiche spielen. Denn was sie da sah, oder besser gesagt, wen sie da sah, konnte nichts mit der Realität zu tun haben. Oder war der Duft des frisch blühenden Lavendels schuld an ihrer optischen Täuschung und hatte ihre Sinne benebelt?

Noch wenige Schritte, und er stand tatsächlich vor ihr, und Carolin fiel nichts Besseres ein, als das zu sagen, was ihr vorhin die Haushälterin mitgeteilt hatte.

„Das ist Privatbesitz. Sie können hier nicht einfach hereinspazieren.“

Ihre Hände wurden feucht, und sie spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen. Der Mann, der ihr seit Stunden nicht mehr aus dem Kopf ging, zog eine Hand aus seiner Hosentasche und positionierte sie lässig auf seiner Hüfte. Er sah noch atemberaubender aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Was vielleicht an seinem neuen Outfit lag. Ein weißes Hemd, das locker über seiner ausgewaschenen Jeans hing, und das unordentliche Haar, noch feucht von einer Dusche. Oder war er vielleicht im Meer schwimmen gewesen? Vielleicht hatte sie auch schon einen Sonnenstich und träumte nur.

Carolin biss sich auf die Lippe, um ihren Gedanken Einhalt zu gebieten, doch als sie die nächsten Worte hörte, ahnte sie, dass es kein Traum war.

„Das trifft sich gut, es ist nämlich mein Privatbesitz, ma belle“, erklärte der Franzose arrogant.

2. KAPITEL

Sprachlos starrte Carolin den Eindringling an. Dieser Mann redete doch wirres Zeug, was fiel ihm ein, so etwas zu behaupten? Sein Privatbesitz? In ihrem Kopf drehte sich alles. Das Zirpen der Grillen nahm sie nur noch wie durch Watte wahr. Ihr wurde schwarz vor Augen.

„Sie können nicht …“, begann sie schwankend, bevor ihr die Lavendelschere aus der Hand glitt und ihre Knie unter ihr nachgaben.

„Oh doch, ich kann“, erwiderte Bernard mit rauer Stimme und fing sie im gleichen Augenblick mit starken Armen auf. Für einige Sekunden hielt er sie eng umarmt und konnte ihr fein geschnittenes Gesicht mit den vollen roten Lippen ausführlich betrachten. Die Schöne wäre ihm beinahe tatsächlich zu Füßen gefallen. Was für eine aufregende Vorstellung. Dann besann er sich wieder, hob die Hand und gab ihr einige leichte Klapse auf die Wange, auch wenn er viel lieber ihre verführerischen Lippen geküsst hätte.

„Hallo, Schneewittchen, aufwachen!“

Endlich schlug sie die Augen auf, und ein Ruck durchfuhr ihren Körper. Sie löste sich aus seiner Umarmung und versuchte aufzustehen.

„Wer sind …?“, flüsterte sie mit belegter Stimme. Doch schon im nächsten Moment erinnerte sie sich. Les Fleurs du Ciel, die Villa ihres Großvaters, die stechende Sonne, der Mann aus dem Flugzeug. Oh, mein Gott!

„Nehmen Sie Ihre Finger von mir!“, fauchte sie, kaum dass sie sich wieder auf den Beinen halten konnte.

„Langsam, ma belle. Sie brauchen ein Glas Wasser und müssen sich hinlegen. Wahrscheinlich haben Sie einen Sonnenstich. Damit ist nicht zu spaßen. Ist Ihnen übel?“ Mit einer bestimmenden Geste versuchte er, sie in Richtung des Hauses zu dirigieren, und schob seine Hand gegen ihren Rücken. Wie ein elektrischer Stromschlag durchfuhr Carolin seine Berührung, und da sie sich immer noch etwas schwach fühlte, kam sie seiner Aufforderung nach, wenn auch unter Protest.

„Was tun Sie hier? Wie können Sie nur behaupten, dass dieses Anwesen Ihnen gehört?“, brachte sie empört hervor. „Les Fleurs du Ciel ist im Familienbesitz, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie ganz bestimmt nicht zu meiner Familie gehören.“

„Jetzt entspannen Sie sich mal. Sicher wird sich alles klären.“

Seine Worte brachten sie noch mehr auf die Palme, dieser Mann war wirklich unglaublich. Auch wenn er unglaublich gut aussah, würde sie sich von seiner arroganten Art nicht unterbuttern lassen. Nicht schon wieder ein Mann, der ach so genau wusste, was sie brauchte und was nicht.

„Davon gehe ich aus“, konterte sie selbstbewusst, doch schon im nächsten Moment spürte sie wieder einen leichten Schwindel und griff notgedrungen nach seinem Unterarm. Wie an einem Fels in der Brandung hielt sie sich an ihm fest, während er sie mit sicherem Schritt auf die Terrasse führte, die an der rechten Seite der Villa lag und einen weiten Blick auf das azurblaue Meer freigab.

Kurz darauf lag Carolin auf einer aus Korb geflochtenen Chaiselongue, die unter einem schattenspendenden Orangenbaum stand. In der Hand hielt sie ein Glas Wasser, das sie schon zur Hälfte ausgetrunken hatte. Ihr gegenüber saß Monsieur mit ausgestreckten Beinen und sah sie unverwandt an.

„Ganz austrinken!“, ordnete er an.

„Ich trinke so schnell ich will“, antwortete sie trotzig, spürte jedoch, wie gut ihr das kühle Getränk tat.

„Natürlich. Sie stehen auch so lange in der Sonne, wie Sie wollen“, ergänzte Bernard, ohne seine lässige Sitzhaltung zu verändern. Wie kann eine Frau nur so uneinsichtig sein? fragte er sich und goss sich ebenfalls aus der Karaffe ein Glas ein.

„Hören Sie, ich habe keine Ahnung, wer Sie sind, und ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen. Und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch gar nicht.“ Carolin setzte sich auf und stellte energisch ihr Glas ab. „Ich fühle mich schon viel besser und danke Ihnen für Ihre Hilfe. Aber nun möchte ich Sie bitten zu gehen.“

„Das nenne ich mal englische Gastfreundschaft. Hier in Frankreich pflegen wir ganz andere Sitten.“

„Bei uns in England ist es auch nicht üblich, dass wildfremde Männer einer Frau hinterherspionieren und dann auch noch behaupten, ihnen würde ihr Haus gehören“, schimpfte Carolin lebhaft und stand auf. Sie fühlte sich immer noch etwas wackelig auf den Beinen, aber die Wut über die Unverschämtheiten ihres Gegenübers gab ihr die nötige Kraft.

„Mademoiselle, dieses Haus gehört mir“, widersprach der Franzose jetzt mit ruhiger Stimme, wobei er jedes einzelne Wort betonte. Dann erhob auch er sich und baute sich vor ihr auf.

Im nächsten Moment standen sie sich so dicht gegenüber, dass Carolin die Wärme seines durchtrainierten Körpers spürte und den herb-würzigen Duft seines Aftershaves wahrnahm. Was war das? Ein für sie vollkommen fremder Duft, aber die Wirkung war betörend. Süß, gleichzeitig herb und schwer. Sie spürte seinen Blick auf ihren Lippen, sah in seinen Augen ein Verlangen, das ein heißes Ziehen in ihrem Bauch auslöste. Sie schluckte, holte tief Luft und wollte sich von ihm abwenden. Doch er war schneller als sie.

„Hiergeblieben, ma belle“, raunte er ihr leise zu, zog sie am Oberarm zu sich und umfasste mit der anderen Hand ihr Kinn. Sie sah in seine dunkelblauen Augen und meinte, in ihnen zu versinken. Ihre Blicke verwoben sich ineinander. „So schnell kommen Sie mir nicht davon.“

Dann spürte Carolin seine Hand an ihrer Taille, und diese Berührung fühlte sich an wie glühende Lava. Ihr Verstand schaltete sich aus. Die Luft um sie herum schien zu vibrieren, sie nahm den fruchtig-süßen Duft des Orangenbaums wahr und hörte das rhythmische Zirpen der Grillen, bis ihr bewusst wurde, dass sie kurz davor stand, einen wildfremden Mann zu küssen. Was war nur in sie gefahren?

Im gleichen Augenblick gewann auch Bernard seine Kontrolle zurück und löste sich von ihr. Der fragende Blick aus ihren dunkelbraunen Augen hatte in ihm etwas wachgerüttelt, was er längst erloschen geglaubt hatte. Und er war nicht im Geringsten daran interessiert, Dinge heraufzubeschwören, mit denen er schon lange abgeschlossen hatte.

Alors, um die Verhältnisse etwas zu klären. Mein Name ist Bernard“, begann er mit fester Stimme.

„Carolin“, erwiderte Carolin, und ihre Augen wurden schmal. Sie fasste sich ebenfalls wieder und streckte den Rücken durch. Der Zauber des Moments war verflogen, die Intensität hinterließ angesichts seines sachlichen Tonfalls nur noch einen bittersüßen Nachgeschmack. Was für einen Mann hatte sie da vor sich? Mit seiner selbstgefälligen Art glaubte er wohl, sich alles erlauben zu können. Vielleicht war er auch keine Widerworte gewöhnt und nahm sich stets, was er wollte. Aber sie würde er nicht bekommen, so viel stand fest.

Energisch trat sie einen Schritt zurück und sah ihn unverwandt an, immer noch schockiert über sich selbst und um eine selbstbewusste Haltung bemüht.

„Mehr als Ihren Vornamen brauche ich auch gar nicht zu kennen, ich gehe davon aus, dass ich Sie heute Nachmittag zum letzten Mal gesehen habe“, fügte sie patzig hinzu.

„Da bin ich ja beruhigt, dass Sie sich schon heute nach einem neuen Domizil umschauen wollen“, bemerkte Bernard trocken. Auch wenn diese Frau es noch so sehr bestritt, war er sich mittlerweile sicher, dass sie sich in der Adresse geirrt haben musste. Entweder das, oder sie war eine Streunerin, die sich hier an der Côte d’Azur nur amüsieren wollte.

Allerdings musste er zugeben, dass sie nicht unbedingt das Verhalten einer Abenteurerin an den Tag legte. Aber wer weiß, dachte er sich, vielleicht gehört ihre kratzbürstige Art zu ihrer Masche. Die bei ihm auf jeden Fall gewirkt hatte. Als die Fremde eben in seinen Armen gelegen hatte und er ihre sanften Lippen betrachtete, war eine vage Erinnerung an ein Gefühl in ihm erwacht, das ihm nicht gefiel. Herrje, es gefiel ihm überhaupt nicht. Aber der Ausdruck ihrer rehbraunen Augen rückte sein rationales Urteilsvermögen in eine bedenkliche Schieflage. Mit durchdringendem Blick sah er sie an und war von seinen folgenden Worten mindestens ebenso überrascht wie sie.

„Wissen Sie, ich bin ja kein Unmensch und setze eine so attraktive Frau wie Sie vor die Tür. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie können für eine Nacht hier schlafen. Was halten Sie davon, ma belle?“

Nicht viel, wenn sie ehrlich war. Zu gern hätte Carolin ihm eine passende Antwort erteilt. Sie musste diesen arroganten Kerl unbedingt loswerden. Und nur weil er so atemberaubend sexy aussah mit seinen dunklen Haaren und dem sonnengebräunten Teint, konnte sie nicht einfach ihren Verstand ausschalten.

„Das ist eine fantastische Idee. Vielen Dank. Wirklich, ich weiß Ihr Angebot sehr zu schätzen.“ … dass Sie mich in meinem eigenen Haus übernachten lassen, führte Carolin den Satz im Stillen zu Ende. Dann schloss sie die Terrassentür, ging durch die Küche und nahm Kurs auf die Haustür. Bernard nickte zufrieden und folgte ihr.

„Was halten Sie davon, wenn ich Sie heute Abend zum Essen einlade?“

„Sie können sich Ihre Annäherungsversuche sparen“, erwiderte sie kühl und hoffte inständig, dass der unverschämte Franzose Les Fleurs du Ciel endlich verlassen würde. Sie musste unbedingt ein neues Schloss am Tor anbringen lassen, sonst würde sie wohl noch häufiger unerwarteten Besuch bekommen.

„Schade, ich kenne ein bezauberndes Restaurant mit Blick aufs Meer. Vielleicht möchten Sie mich ja doch begleiten. Oder wollen Sie wirklich Ihren ersten Abend an der Côte d’Azur in diesem alten Kasten hier verbringen?“

Bevor Carolin reagieren konnte, schob er sie aus dem Haus. Im nächsten Moment hörte sie ein leises Klacken, und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.

„Oh, pardon. Nun habe ich uns ausgesperrt. Oder sollte ich lieber sagen, habe ich Sie ausgesperrt?“, bemerkte er ironisch und wedelte mit einem neuangefertigten Schlüssel vor ihrer Nase herum.

„Ein Schlüssel für ein Abendessen. Ich finde, das ist ein fairer Tausch, ma belle.“

Carolin kochte vor Wut und griff nach dem Schlüssel. Blitzschnell zog er ihn zurück, legte im nächsten Moment seine andere Hand an ihre Wange und sah sie intensiv an. Sein glühender Blick traf sie vollkommen unvorbereitet, und sie erkannte ein Verlangen darin, das ihren Puls zum Rasen brachte. Was, um Himmels willen, geschieht hier bloß? Carolin war aufgewühlt, entzog sich seiner Berührung und zog ihren eigenen Schlüssel aus ihrer Jeanstasche. Er passte nicht. Empört schnappte Carolin nach Luft.

„Heute Abend um acht?“ Bernard lächelte siegessicher. Er erkannte sich selbst kaum wieder, so hartnäckig war er sonst nie. Allerdings hatte er auch noch nie eine so widerspenstige Frau erlebt. „Ich hole Sie ab.“

Carolin öffnete ihre Hand, und Bernard ließ den Schlüssel auf ihre schlanken Finger gleiten. „Ich weiß nicht, was Sie dazu berechtigt, hier ein neues Schloss einzubauen. Aber ich werde es herausfinden, das verspreche ich Ihnen“, erwiderte sie unterkühlt und wünschte sich, sie hätte den Termin mit dem Notar gleich für heute vereinbart, um sich nicht länger von diesem eingebildeten Franzosen zur Närrin machen zu lassen. „Und übrigens … es wird ein kurzes Abendessen werden. Ich muss morgen früh raus“, fügte sie noch an, als sie den Triumph in seinem Blick sah.

„Das kann ich mir denken. Wir haben Hochsaison, eine Zimmersuche kann da schon etwas Zeit in Anspruch nehmen. À plus tard, ma belle“, verabschiedete er sich von ihr mit einem selbstgefälligen Lächeln, sprang die Stufen der Eingangstreppe hinunter, schwang sich über die Fahrertür in seinen Wagen und startete den Motor. Am liebsten hätte Carolin ihm den Schlüssel an den Kopf geworfen.

„Und vergessen Sie nicht, sich einen Sonnenhut zu besorgen“, rief er ihr über die Schulter zu und fuhr über die Auffahrt davon, dass der Kies zu allen Seiten aufflog.

Vielleicht sollte ich mir wirklich einen Sonnenhut besorgen, sonst falle ich ihm das nächste Mal gleich wieder in die Arme. Hitze hatte Carolin noch nie gut vertragen, doch sie wusste, dass die Sonne nicht die einzige Ursache für ihre Ohnmacht gewesen war. Entschlossen kehrte sie ins Haus zurück, um ihr Handy zu holen.

Das Treffen mit dem Notar für den nächsten Vormittag war schnell ausgemacht, auch wenn die Sekretärin zunächst behauptete, dass Monsieur Daudet so kurzfristig keine Termine vergab. Doch nachdem Carolin ihren Namen wiederholt hatte, war es plötzlich doch möglich. Nun würde sie Monsieur Bernard endlich beweisen können, wem Le Fleurs du Ciel gehörte. Sie legte das Handy zurück und atmete erleichtert auf. Alles würde sich klären und ihr arroganter Überraschungsgast würde sich noch wundern …

Carolin schüttelte den Kopf, als ob sie mit dieser Bewegung auch die Erinnerung an ihn abschütteln könnte. Doch sie bekam den attraktiven Franzosen einfach nicht aus dem Sinn. Selbst nachdem sie das Haus erkundet und im oberen Stockwerk der Villa ein Zimmer entdeckt hatte, in dem die Möbel noch nicht ausgeräumt waren und sie ihre Tasche abstellen konnte, kreisten ihre Gedanken um ihn.

In dem Raum befand sich ein großes altes Bett mit einem gigantisch großen Mahagoni-Kopfteil und zwei gedrechselten Säulen links und rechts. Ein weißer Spitzenüberwurf lag darauf, ebenso wie helle fliederfarbene Kissen. Sofort stellte sich Carolin vor, was sich in diesem Bett alles anstellen ließe, und sie stellte es sich nicht mit Steve vor. Nein, sie sah sich und Bernard auf diesem riesigen Bett, sah seine Hände ihren Rücken hinuntergleiten und fühlte seine hungrigen Lippen auf ihren.

Ungehalten fuhr sie sich durchs Haar. War es nicht genug, was sie mit dem letzten Mann erlebt hatte, wollte sie sich wirklich gleich ins nächste Unglück stürzen? Doch sie musste gestehen, dass ihre Begegnung vorhin auf der Terrasse ein Prickeln in ihr ausgelöst hatte, wie sie es mit ihrem Exverlobten nie erlebt hatte.

Carolin seufzte. Anstatt sich ihren romantischen Gefühlen hinzugeben, sollte sie sich lieber Gedanken darüber machen, warum Bernard behauptete, das Anwesen würde ihm gehören.

Sie würde ihn heute Abend zur Rede stellen und schob mit einer energischen Geste die hellen Baumwollvorhänge zur Seite, die vor dem Fenster hingen. Dann drückte sie die ehemals vergoldeten Türgriffe der Flügeltüren hinunter und trat auf den Balkon hinaus. Zwei Oleanderbäume begrenzten das schmiedeeiserne Jugendstilgeländer, auf dem Carolin sich nun mit den Händen abstützte, während sie tief die mild nach Lavendel und Mimosen duftende Luft einatmete. Eine leichte Brise umstrich angenehm ihre nackten Arme. Sie sah den sanft zum Meer abfallenden Berg hinunter, der gespickt war mit unzähligen Villen in hellen Sand- und Terrakottatönen. Zwischen den exotisch bepflanzten Gärten glänzten türkis schimmernde Swimmingpools wie funkelnde Saphire.

Wie konnte mein Vater diesem Landstrich nur für immer den Rücken kehren? fragte sich Carolin, und ihr Herz zog sich zusammen, weil sie sich den Ansichten ihres Vaters so viele Jahre lang nicht widersetzt hatte. Warum hatte sie nie das Bedürfnis gehabt, ihren Wurzeln auf die Spur zu kommen? Das schlechte Gewissen lastete ihr wie Blei auf der Seele, und der Gedanke, das Erbe ihres Großvaters nun so schnell wieder zu verlieren, wie sie es erhalten hatte, ließ sie aufstöhnen. Nein, keine Haushälterin und kein dahergelaufener Womanizer würden ihr Les Fleurs du Ciel nehmen, dieses Stück Land gehörte ihr.

Es war Abend geworden, und Carolin hatte die letzten Stunden damit verbracht, sich um die Blumen im Garten zu kümmern. Danach hatte sie sich frisch gemacht und ihre Kleidungsstücke in der großen Kirschbaumholzkommode verstaut. Dabei stieß sie in der obersten Schublade auf einige ineinandergefaltete Briefbögen. Als sie die Papiere in die Hand nahm, sah sie auf dem Boden der Schublade einen Umschlag mit dem Emblem einer bekannten amerikanischen Kosmetikfirma. Sie faltete den Brief auseinander und überflog hastig die an ihren Großvater gerichteten Zeilen, als es draußen laut hupte.

Dieser Mann lässt einfach nicht locker, dachte Carolin ungehalten, und obwohl sie sich gegen das Gefühl sträubte, machte ihr Herz einen Satz. Außerdem verspürte sie ein heftiges Kribbeln in ihrer Magengegend, und während sie laut mit sich schimpfte, wechselte sie ihr T-Shirt gegen eine elegante weiße Chiffonbluse und schlüpfte in ein Paar mokkafarbene Wildlederpumps. Dann griff sie nach ihrer Handtasche, verstaute hastig den Brief in der Kommode und schloss die Fenstertür zum Balkon.

Kurze Zeit später wehte ihr der Fahrtwind durchs Haar, und sie genoss die wärmenden Strahlen der Abendsonne auf ihrer Haut.

„Das Restaurant liegt oberhalb von Monte Carlo. Dort gibt es den besten Fisch der ganzen Riviera“, erklärte Bernard und versuchte, einen lockeren Ton zu treffen, was ihm angesichts ihres Anblicks schwerfiel. Seine Begleiterin sah einfach umwerfend sexy aus. Sie trug ihre langen dunklen Locken zu einem Chignon gebunden, und ihre tief ausgeschnittene seidige Bluse ließ verführerisch ihren Brustansatz aufblitzen. Zudem versprühten ihre Augen einen leuchtenden Glanz, der ihm die Luft nahm. Noch nie hatte er sich von einer Frau nach so kurzer Zeit derartig gefesselt gefühlt. Sie besaß die Ausstrahlung eines Filmstars, ohne sich darüber auch nur im Geringsten bewusst zu sein. Eine gefährliche Mischung, wie er zugeben musste, und seiner körperlichen Reaktion nach zu urteilen, besonders gefährlich für ihn.

„Vor dem Essen möchte ich gerne noch einige Dinge klären“, forderte Carolin mit fester Stimme.

„Zum Beispiel?“ Bernard setzte eine betont unschuldige Miene auf.

„Ich glaube, das können Sie sich denken.“

„Möchten Sie mir vielleicht den wahren Grund für Ihren Besuch an der Côte d’Azur mitteilen, ma belle? Junge und schöne Frauen wie Sie können sich hier bestens amüsieren, und zwischen Monte Carlo und St. Tropez wimmelt es nur so von Millionären, denen Sie den Kopf verdrehen können“, versuchte Bernard sie aus der Reserve zu locken.

„Ihre Unverschämtheiten können Sie sich sparen“, konterte Carolin trocken. „Nur weil Sie in Ihrem Leben bisher nur einem bestimmten Typ Frau begegnet sind, lasse ich mich von Ihnen nicht in eine Schublade stecken.“

„Nein, das würde mir niemals in den Sinn kommen“, gab er mit ironischem Unterton zurück und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Carolin erbebte. Bernard brachte sie zur Weißglut. Wie kann ein Mann nur so unverschämt gut aussehen und dabei noch ein Lächeln zum Dahinschmelzen an den Tag legen? fragte sie sich, verärgert über sich selbst.

„Sie wissen genau, wovon ich spreche. Ich möchte wissen, warum Sie einen Schlüssel von meinem Haus besitzen, und warum Sie mir vom Flughafen nach Villefranche gefolgt sind.“ Carolin sah keinen Sinn mehr darin, weiter um den heißen Brei zu reden.

Bernard lachte kurz auf. „Ich Ihnen gefolgt? Ma belle, wie kommen Sie denn auf diese Idee?“ Er bremste, parkte den Sportwagen am Straßenrand, stieg aus und ging um das Auto herum, um ihr die Tür zu öffnen.

„Wir nehmen erst einmal einen Aperitif, und nach dem Essen genießen wir gemeinsam den Sonnenuntergang … Danach können wir immer noch reden. Was halten Sie davon?“ Er nahm ihre Hand und warf ihr einen so verführerischen Blick zu, dass Carolins Entschluss, ihn zur Rede zu stellen, verpuffte. Die romantische Abendatmosphäre stimmte sie milde. Natürlich, sie würden auch später reden können. Wie könnte sie diesem Mann widerstehen? Sie spürte, dass sie nicht in der Lage war, ihm seinen Wunsch abzuschlagen – diesen Wunsch nicht und auch keinen anderen.

Auf der Terrasse des exklusiven Restaurants brannten in Windlichtern aus Glas Citronella-Kerzen. Der süße intensive Duft ließ die Situation noch unwirklicher erscheinen, als sie es für Carolin sowieso schon war. Das Essen war vorzüglich gewesen, und der leichte Rotwein versetzte sie in einen angenehm schwerelosen Zustand.

Behutsam hatte sich die Dunkelheit über das Meer gesenkt und die letzten orangefarbenen Strahlen zärtlich in ihren samtenen Mantel gehüllt. Carolin konnte sich nicht erinnern, jemals einen Sonnenuntergang wie diesen gesehen zu haben. Erst recht nicht mit einem Mann wie Bernard an ihrer Seite.

Bei Steve hatte sie nie so intensiv empfunden und jetzt, in diesem Moment, erschien ihr der Schmerz über ihre Enttäuschung kurz vor der Hochzeit kaum noch nachvollziehbar. Alles schien ihr so unglaublich weit entfernt. Doch geblieben war das Gefühl der Demütigung – vor ihrer Familie und ihren Freunden. Ihr Blick wurde starr, und sie erzitterte, als Bernard ihre Hand nahm und zärtlich mit dem Daumen streichelte.

„Was treibt Sie nun wirklich hierher an die Côte d’Azur, ma belle?“, fragte er unvermittelt. „Abgesehen davon, dass Sie sich gern in alten verlassenen Villen herumtreiben.“

Carolin zog ihre Hand zurück. Ihr war jetzt wirklich nicht danach, diesem Mann ihre ganze Familiengeschichte zu erzählen. Der morgige Tag würde sowieso Gewissheit bringen, da musste sie sich heute Abend nicht erneut sinnlosen Diskussionen aussetzen.

„Wollten Sie mir nicht den Blick auf die Küste zeigen?“, wich sie seiner Frage aus und legte ihren roten Pashminaschal enger um die Schultern.

„Aber sicher, kommen Sie“, sagte er und nahm ihren Arm. Doch auch der Blick auf die beleuchtete Küste schien ihre offensichtlich trüben Gedanken, die sich in tiefen Sorgenfalten auf ihrem Gesicht zeigten, nicht vertreiben zu können.

„Woran denken Sie?“ Seine raue Stimme ließ sie erschauern, und gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass eine Frau einem Mann wie Bernard niemals ihre Gefühle offenbaren durfte. Er war kein Mann, der sich mit Leib und Seele auf eine Frau einließ, abgesehen davon, dass auch für sie eine Beziehung überhaupt nicht infrage kam.

„Ich habe daran gedacht, dass ich es mir nie verzeihen werde, erst jetzt an diesen wunderschönen Ort gekommen zu sein“, antwortete sie und ließ ihren Blick über das nächtliche Panorama schweifen. „Obwohl ich noch nie hier war, empfinde ich die Landschaft als so vertraut. Ihren Geruch, die weiche Luft und die mediterrane Vegetation mit ihren prächtigen Blumen.“ Sie hielt inne und holte tief Luft, als ob sie alle Düfte des Mittelmeeres auf einmal in sich aufnehmen wollte, und wirkte plötzlich so glücklich, dass ihr Anblick Bernard tief berührte. Diese Frau übte einfach eine unwiderstehliche Faszination auf ihn aus.

„Sie interessieren sich für Blumen?“, wollte er wissen.

„Oh ja, ich liebe Blumen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich Botanik studiert. Ich habe schon als kleines Kind Blumen gesammelt und getrocknet, um sie dann in bunte Hefte zu kleben und sorgsam zu beschriften“, sprudelte es aus ihr heraus, und im nächsten Moment fiel ihr der Brief aus der Kommode ein. Was war das für ein Angebot, das eine amerikanische Kosmetikfirma ihrem Großvater gemacht hatte? Und warum hatte er das Angebot nicht angenommen?

„Aber es ist nicht nach Ihnen gegangen …?“, riss Bernard sie aus ihren Überlegungen.

„Wie? Oh … nein, mein Vater bestand darauf, dass ich Wirtschaftswissenschaften studiere. Er hält nicht viel von meiner Leidenschaft für die Pflanzenwelt, und da ich nach meinem Studium anfing, für eine Consultingfirma zu arbeiten, habe ich auch irgendwann nicht mehr die Zeit gefunden, aufs Land hinauszufahren. Eigentlich wollten wir uns nach der Hochzeit ein Haus …“ Sie stockte und wandte sich ab. Wie kam sie nur dazu, diesem Fremden von ihrer Hochzeit zu erzählen?

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich jetzt gerne nach Hause“, erklärte sie nach einem Augenblick des Schweigens und strich sich eine Haarlocke aus der Stirn. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst, doch Bernard nahm ihre Hand und hielt sie fest.

„Hey, ma belle. Wir haben alle unsere Vergangenheit, kein Grund, sich zu schämen.“

„Dass Sie eine Vergangenheit haben, glaube ich Ihnen aufs Wort“, kam es ihr schnippisch über die Lippen, doch sie bereute ihren beleidigenden Tonfall sofort.

„Sie wissen nicht sehr viel über mich und mein Leben, und nur weil Sie mir gefallen, heißt das noch lange nicht, dass ich mit jeder Frau ins Bett steige.“

Carolin schluckte. Allein der Gedanke daran, mit Bernard ins Bett zu gehen, ließ ihr das Blut heiß durch die Adern fließen, und sie konnte nicht glauben, dass sie auf seine Worte reagierte wie ein hormongesteuerter Teenager.

Auf den letzten Metern zum Auto und auch während der Fahrt war die Spannung zwischen ihnen fast greifbar. Vor Les Fleurs du Ciel angekommen, schaltete Bernard den Motor aus und sah Carolin mit undurchdringlichem Blick an.

„Vielen Dank für Ihre Gesellschaft. Es ist das Beste, wenn Sie morgen wie geplant Ihre Koffer packen“, sagte er mit kalter Stimme. Er musste die Finger von dieser Frau lassen, auch wenn sie noch so bezaubernd war. Sie zum Abendessen einzuladen, war schon kindisch genug gewesen. Er würde nicht die gleichen Fehler machen wie seine Mutter und sich aus einer Laune heraus in sinnlose Affären stürzen, nur weil sich plötzlich Gefühle in ihm regten. Wohin das führte, hatte er als Kind selbst erleben müssen.

„Ich habe morgen Vormittag einen Termin in Nizza“, erwiderte Carolin ebenso kühl, „und ich gehe davon aus, dass sich spätestens dann klären wird, wem Les Fleurs du Ciel wirklich gehört. Gute Nacht, Bernard.“

Carolin nahm ihre Tasche und stieg aus dem Wagen.

„Ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht sein!“, rief er ihr zu, obwohl er es besser wusste, und wendete auf der Kiesauffahrt. Es versetzte ihm einen Stich zu sehen, wie sie allein in das große Haus ging. Trotz ihrer selbstbewussten Art hatte sie etwas Verletzliches an sich. „Und schlafen Sie gut, … ma belle!“

Doch als Carolin eine halbe Stunde später in dem großen Himmelbett lag, die Balkontüren einen Spalt geöffnet, war an Schlaf nicht zu denken. Sie meinte noch immer, seine Stimme zu hören, tief und rau … ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht sein.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen wurde Carolin von einem lauten Motorengeräusch geweckt. Noch im Halbschlaf zog sie sich die Decke über den Kopf und drehte sich auf die andere Seite.

„Jean-Paul, range les choses, los, räumt alles zusammen, vite!“, hörte Carolin eine Männerstimme unten in der Eingangshalle rufen. Träumte sie noch? Doch schon im nächsten Moment folgten weitere Stimmen, die sich gegenseitig Befehle zubellten.

Carolin war mit einem Schlag hellwach und richtete sich kerzengerade auf. Wer war das? Einbrecher? Doch dann fiel es ihr siedend heiß ein. Das Umzugsunternehmen, von dem Madame Junot gestern gesprochen hatte, war gekommen, um die restlichen Möbelstücke aus dem Haus zu schaffen. Ein Adrenalinstoß durchfuhr Carolin, und mit einem Satz war sie aus dem Bett. Blitzschnell stieg sie in ihre Jeans und zog ein weißes T-Shirt über, schlüpfte in ihre perlenbestickten Flip-Flops, band sich ihre wilden Locken zu einem Zopf zusammen und lief auf den Flur.

Arrêtez! Stop! Hören Sie auf!“, rief Carolin mit kräftiger Stimme und rannte die Treppen hinunter auf die erstaunt blickenden Männer zu. Schnell wie ein Wirbelsturm war sie unten angekommen und befahl den Männern, alles wieder hinzustellen.

Ne touchez pas. Stellen Sie alles wieder zurück. Hier werden keine weiteren Möbel mehr abgeholt. Dieses Haus gehört mir. Es gibt hier nichts mehr für Sie zu tun, fini!“

„Excusez-moi, Mademoiselle, wir sind beauftragt worden, die Villa leer zu räumen“, erklärte einer der Männer mit stoischer Ruhe und gab den anderen ein Zeichen weiterzumachen.

„Dann ist dieser Auftrag hiermit storniert, haben Sie mich verstanden?“ Carolin konnte jetzt kaum noch an sich halten.

„Das wird Monsieur Fragoné aber nicht gutheißen.“

„Es ist mir egal, was Ihr Monsieur Fragoné gutheißt oder nicht. Diese Villa gehört mir, ebenso wie das Inventar, das sich hier noch befindet. Sie stellen Ihre Aktion jetzt ein, oder ich rufe die Polizei. Verlassen Sie jetzt bitte das Haus.“

„Auf Ihre Verantwortung, Mademoiselle wie?“, fragte der Möbelpacker und gab sich geschlagen.

„Bassin, Carolin Bassin.“

D’accord, Mademoiselle Bassin. Kommt, Jungs, wir werden hier nicht mehr gebraucht.“

Kurz darauf sah Carolin den Transporter aus der Einfahrt fahren und ging erleichtert ins Haus zurück. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste, wenn sie pünktlich um elf in Nizza sein wollte. Also duschte sie hastig in einer auf Löwentatzen ruhenden Badewanne, die am Fenster des mit den Jugendstilkacheln versehenen Badezimmers stand. Dann zog sie ihr korallenfarbenes Kostüm an und rief sich ein Taxi. Sie war so aufgeregt, dass sie Bauchschmerzen hatte.

„Mademoiselle Bassin, es tut mir leid. Aber das von Ihnen angeführte Testament existiert in dieser Form nicht mehr.“ Der mit einem dunkelgrauen Maßanzug bekleidete Notar stützte die Ellbogen auf seinen mit dunkelgrünem Leder bezogenen Schreibtisch und verschränkte die Hände ineinander.

„Was soll das heißen?“, fragte Carolin verunsichert.

„Das heißt, dass Ihr Großvater Les Fleurs du Ciel kurz vor seinem Tod veräußert hat.“

„Aber warum?“ Carolin konnte nicht glauben, was Monsieur Daudet ihr mitzuteilen versuchte.

„Mademoiselle Bassin, Ihr Großvater hatte keine andere Wahl mehr. Er war hoffnungslos verschuldet, nicht einmal seine Haushälterin konnte er mehr bezahlen.“ Der Notar schüttelte bedauernd den Kopf.

„Aber wieso hat er sich nicht bei uns gemeldet?“ Bittere Tränen stiegen Carolin in die Augen, die sie mühsam wegblinzelte.

„Dafür stand ihm wohl sein Stolz im Weg. Er hat so viele Jahre vergeblich gehofft, dass sein Sohn wieder Kontakt zu ihm aufnehmen würde. Schließlich hat er es wohl aufgegeben, obwohl er wirklich dringend Unterstützung gebraucht hätte.“ Der ältere Herr sah sie mitleidig an.

„Was wollen Sie damit sagen?“, hakte Carolin nach.

„Er hatte kein Händchen für Finanzen. Riskante Spekulationen an der Börse, unzuverlässige Mitarbeiter, die sein Vertrauen missbrauchten. Sie müssen wissen, die Parfümbranche ist eine sehr heikle Angelegenheit. Wenn ein neuer Duft, der monatelang entwickelt wurde, in falsche Hände gerät, war die ganze Arbeit umsonst“, erklärte Monsieur Daudet ihr in sachlichem Ton.

„Sprechen Sie etwa von Firmenspionage?“, fragte Carolin entsetzt.

Der Jurist nickte bestätigend. „Beweise konnten allerdings nie gefunden werden.“

„Aber was ist mit mir? Er hat mir den Brief geschrieben, an unsere Londoner Adresse!“ Carolin war verzweifelt. Warum hätte ihr Großvater sie täuschen sollen? Der Notar schaute auf das Datum des Briefs.

„Ja, Monsieur Bassin hat den Brief einige Wochen vor seinem Tod verfasst und kurz darauf Les Fleurs du Ciel verkauft. Der Käufer hat Ihrem Großvater allerdings ein lebenslanges Wohnrecht eigeräumt.“

In Carolins Kopf drehte sich alles, die Informationen des Notars waren so unbefriedigend.

„Lebenslanges Wohnrecht?“, hörte sie ihre eigene Stimme tonlos fragen.

Während Monsieur Daudet antwortete, blätterte er in seinen Papieren. „Ja, genau.“ Er überreichte ihr eine abgestempelte Kopie. „Das ist der Kaufvertrag.“

Wie betäubt nahm sie das Papier entgegen und starrte auf die Unterschrift am Ende des Formulars. Schon als sie das geschwungene F von Weitem gesehen hatte, war eine dunkle Ahnung in ihr aufgestiegen. Betont aufmerksam entzifferte sie die nächsten Buchstaben, doch eine Verwechslung war nicht möglich. Wie in einem Albtraum breitete sich die schreckliche Gewissheit gnadenlos in ihr aus. Sie wollte weinen, doch der Schock saß zu tief. Les Fleurs du Ciel gehörte nicht ihr. Es gehörte Bernard! Bernard Fragoné, wie sie jetzt wusste. Sie hatte sich komplett lächerlich gemacht. Was musste er nur von ihr denken?

Aber Grand-père hatte ihr in seinem Brief doch geschrieben, dass sie die neue Besitzerin von Les Fleurs du Ciel werden sollte. Zutiefst enttäuscht starrte sie auf das Blatt.

„Geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen ja ganz blass aus. Warten Sie, ich hole Ihnen ein Glas Wasser.“ Monsieur Daudet wirkte ehrlich besorgt.

Nachdem Carolin einige Schlucke getrunken hatte, versuchte sie, irgendwie einen klaren Satz zu formulieren. Doch der Anwalt fuhr bereits fort.

„Der Vater von Monsieur Fragoné hat für Ihren Großvater gearbeitet, wussten Sie das? Und zwar so lange, bis er sich seine eigene Parfümfabrikation aufgebaut hat. Aber das ist natürlich schon viele Jahre her.“ An Carolins überraschtem Blick merkte der Notar, dass er wohl etwas zu privat geworden war, und räusperte sich verlegen.

„Er hat für meinen Großvater gearbeitet?“ Carolin konnte ihre Fassungslosigkeit nur schwer verbergen. Was wurde hier nur gespielt?

„Ja, wie gesagt, das ist schon lange her“, wich der Jurist aus. „Als Notar bin ich eigentlich nicht befugt, mich über familiäre Belange zu äußern, solange mir kein entsprechender Auftrag vorliegt, ich bitte Sie, meine Indiskretion zu entschuldigen. Aber vielleicht fragen Sie Monsieur Fragoné einfach selbst. Er ist ein charmanter, hilfsbereiter Mann und wird Ihnen sicher gern Ihre Fragen beantworten“, erklärte er und ordnete geschäftig seine Unterlagen.

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort …“, antwortete Carolin trocken.

„Mademoiselle, kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte Monsieur Daudet betroffen. „Sie sehen sehr enttäuscht aus.“

Ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht sein. Bernards Worte dröhnten in ihren Ohren. Immer noch unter Schock stehend, erhob sich Carolin von dem grünen Ledersessel, hängte sich ihre Tasche über die Schulter und verließ das Büro.

Niedergeschlagen ging sie den hellen Flur entlang in Richtung Ausgang. Doch plötzlich hörte sie, wie hinter ihr eine Tür aufgerissen wurde.

„Mademoiselle Bassin, warten Sie einen Moment!“

Überrascht drehte sie sich um und sah den Anwalt auf sich zueilen.

„Passen Sie doch auf!“, entfuhr es Carolin ungehalten. Den Kopf gesenkt und tief in ihre Gedanken versunken, war sie durch den hellen Flur des Notarbüros auf den Fahrstuhl zugegangen, als sie mit einem Mann zusammenprallte, der aus dem Aufzug gestürmt kam.

Ein vertrauter Duft löste sofort intensive Gefühle in ihr aus, doch als sie im nächsten Moment erkannte, wer sie da angerempelt hatte, konnte sie endlich ihrem angestauten Ärger Luft machen.

„Was machen Sie denn hier? Haben Sie nichts anderes zu tun, als mir überallhin zu folgen?“, schimpfte Carolin, während Bernard sie anstarrte wie eine Erscheinung. Doch er hatte sich schnell wieder gefangen.

„Das Gleiche könnte ich Sie fragen, ma belle“, konterte er mit tiefer Stimme. „Oder teilen wir beide etwa den gleichen Notar?“ Ein betörendes Lächeln zog über sein schönes Gesicht, und in seinen Augen blitzte ein amüsiertes Funkeln auf.

„Wir beide teilen überhaupt nichts miteinander!“, fauchte Carolin.

„Oh, wie ich Ihr Temperament vermisst habe. Die feine englische Art scheinen Sie ja wohl nicht vererbt bekommen zu haben.“

„Ausgerechnet Sie wagen es, von meinem Erbe zu sprechen?“ Um sich zu beruhigen, holte Carolin tief Luft. Am liebsten wäre sie davongerannt. Die Demütigung, vor ihm einzugestehen, dass Les Fleurs du Ciel tatsächlich nicht ihr gehörte, traf sie wie ein Schlag.

„Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden, Carolin“, erwiderte er und schien aufrichtig verwundert.

„Sie wissen ganz genau, wovon ich rede. Schämen Sie sich eigentlich nicht, einem alten Mann das Letzte genommen zu haben, woran er noch hing?“ Ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen, und sie wandte sich von ihm ab.

„Jetzt beruhigen Sie sich doch, vielleicht kann ich Ihnen helfen? Worum geht es denn überhaupt?“, sprach er ruhig auf sie ein, und Carolin wollte nicht wahrhaben, dass der Klang seiner Stimme ihr trotz allem heiße Schauer über den Rücken jagte. Er war im Begriff, ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, doch wütend wehrte sie seine Hand ab.

„Es geht um Les Fleurs du Ciel, es geht um mich, und es geht um meinen Großvater, Monsieur Fragoné“, erklärte sie stakkatoartig und legte ihren ganzen Abscheu in die Betonung seines Nachnamens.

„Ihren Großvater? Müsste ich den kennen?“, antwortete Bernard immer noch betont gelassen.

„Ihr Vater hat für ihn gearbeitet und ihm seine Parfümkreationen gestohlen“, brach es aus Carolin heraus, für sie gab es jetzt kein Halten mehr.

„Sie machen sich ja lächerlich. Wie kommen Sie denn auf den Unsinn?“, fragte er nun doch beunruhigt, langsam wurde ihm dieses Gespräch unheimlich, und ein unschöner Verdacht stieg in ihm auf.

„Lächerlich? Mein Großvater würde das anders sehen“, erwiderte sie mit fester Stimme.

„Ihr Großvater ist …?“

„Yves Bassin. Tun Sie doch nicht so, als ob Sie das nicht die ganze Zeit über gewusst haben“, behauptete Carolin angriffslustig.

„Sie sind … die Enkeltochter von Yves Bassin?“ Bernard sah sie ungläubig an. Das konnte nicht sein.

„Ganz richtig, Monsieur Fragoné.“ Carolin genoss den Moment, endlich erlebte sie diesen Mann einmal sprachlos. Herausfordernd sah sie in seine dunkelblauen Augen.

„Ich bin Carolin Bassin, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht“, fuhr sie fort und spürte trotz allem ein vages Triumphgefühl in sich aufsteigen.

Bernard starrte sie immer noch fassungslos an. Langsam wurde ihm einiges klar. Die Ähnlichkeit, das aufbrausende Temperament …

„Ich wusste nicht, dass …“

„… dass Sie mir mein Erbe gestohlen haben?“, brauste sie auf.

„Nun aber langsam, ich habe Les Fleurs du Ciel rechtmäßig erworben und Ihrem Großvater sogar noch ein lebenslanges Wohnrecht eingeräumt“, verteidigte er sich.

„Doch nur, weil Sie wussten, dass er sowieso nicht mehr lange zu leben hat. Sie können mir Ihre berechnende Art nicht als Gutherzigkeit verkaufen“, redete sie sich weiter in Rage.

„Wissen Sie, was Sie sind, Carolin? Sie sind eine entsetzliche …“

Doch er kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden, da sich in diesem Moment die Bürotür öffnete und der Notar hastig heraustrat.

„Ah, Monsieur Fragoné, was verschafft mir die Ehre? Wir haben doch keinen Termin, oder? Und Mademoiselle Bassin ist auch noch hier, da können Sie ja gleich einige Dinge persönlich miteinander klären“, schlug der Notar diplomatisch vor.

„Allerdings“, bemerkte Bernard beherrscht und legte Carolin mit bestimmender Geste seine Hand auf den Rücken. „Das ist eine hervorragende Idee, Monsieur le notaire.“ Und während sich Carolin noch sträubte, schob er sie schon in Richtung Aufzug.

„Nehmen Sie Ihre Hand von meinem Rücken“, zischte Carolin zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Benehmen Sie sich einmal nicht wie ein ungezogenes Kind. Wir beide müssen miteinander reden“, raunte Bernard ihr in ernstem Ton zu. An den Notar gewandt, sagte er: „Ich melde mich wegen meines Anliegens nächste Woche bei Ihnen.“

„Tun Sie das, Monsieur Fragoné. Rufen Sie mich an, jederzeit!“

„Mein Vater hat mir früher viel von Ihrem Großvater erzählt“, begann Bernard das Gespräch, während er mit Carolin auf einem schmalen Kiesweg an üppig blühenden Lavendelfeldern entlangging. Er hatte ihre Beschimpfungen einfach ignoriert, sie in sein Cabrio gesetzt und war mit ihr nach Grasse gefahren.

Warum, wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht aus nostalgischen Gründen, weil er hier die glücklichsten Tage seiner Kindheit verbracht hatte. Vielleicht, um sein schlechtes Gewissen etwas zu beruhigen, das ihn aus unerklärlichen Gründen überfiel. Aber wahrscheinlich musste er sich damit abfinden, dass diese Frau ihn Entscheidungen treffen ließ, die er rational nicht erklären konnte.

Carolin nahm ihre Sonnenbrille ab, um die intensiven Farben um sich herum klar sehen zu können. Der Wind hatte ihr Haar ungestüm durcheinandergewirbelt.

Während der Fahrt hatte sie sich etwas beruhigen können. Nicht nur die Schönheit der Landschaft war wie Balsam für ihre Seele, auch Bernards gelassene Art hatte sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sie konnte nicht ewig vor Konflikten davonlaufen. Es reichte schon, dass sie ihr ganzes Leben lang versäumt hatte, sich gegen ihren Vater zu behaupten. Letztendlich war es ihre eigene Schuld, dass sie jetzt vor dem Nichts stand. Hätte sie schon früher darauf bestanden, ihren Großvater kennenzulernen, würde Les Fleurs du Ciel noch den Bassins gehören. Aber jetzt musste sie versuchen zu retten, was zu retten war.

„Und, was hat Ihr Vater Ihnen über meinen Großvater erzählt?“, fragte Carolin eine Spur zu ungeduldig, aber immerhin war ihr Ton nicht mehr ganz so scharf.

Bernard sah sie von der Seite an. Ihr langes Haar glänzte wie geschmolzene dunkle Schokolade und bildete einen wunderschönen Kontrast zu dem lilafarbenen Lavendelfeld. Er schluckte. Diese Frau war die Enkeltochter des Mannes, der seine Kindheit zerstört hatte. Warum gab er sich überhaupt mit ihr ab? Sie schien von ihrer Persönlichkeit nicht viel besser zu sein als der alte Bassin, und doch hielt ihn etwas davon ab, sie aus seinem Leben zu streichen.

„Mein Vater hat immer von seiner schon fast obsessiven Leidenschaft für Parfüm geschwärmt und von seiner Freude an neuen Kreationen. Yves Bassin war einer der ersten Parfümeure, die völlig untypische Duftnoten miteinander kombiniert haben“, erklärte Bernard. Aber sein Vater hatte ihm auch von dessen Egoismus den Mitarbeitern gegenüber erzählt, und seine hemmungslose Vorliebe für Frauen, selbst für verheiratete, war legendär gewesen … Bernard fuhr sich mit der Hand durchs Haar und versuchte mit aller Kraft, die Gedanken an seine Kindheit zu verdrängen.

„Er muss von seiner Arbeit sehr fasziniert gewesen sein“, warf Carolin ein.

„Parfüms zu entwickeln, ist faszinierend. Mein Vater hat auch Duftnoten kreiert. Zwar war er selten zufrieden mit sich, doch ich konnte schon als Kind nicht aufhören, mir die Flakons unter die Nase zu halten, bis mir schwindelig wurde.“ Er lachte, und Carolin war bewegt von seiner Offenheit. „Die Komposition eines Parfüms ist wie die Schaffung eines außergewöhnlichen Kunstwerks, besonders wenn man es für eine schöne Frau erfindet.“ Seine Augen blitzten auf, und Carolin sah für einen Moment eine Leidenschaft in ihnen glänzen, die ihr den Atem raubte.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie auch mit der Herstellung von Parfüm zu tun haben“, bemerkte sie betont gelassen.

„Sie haben mich bisher auch nie nach meinem Job gefragt, ma belle“, antwortete er mit rauer Stimme.

„Und Sie mich nicht nach meinem“, gab sie etwas patzig zurück.

„Immerhin weiß ich, dass Sie Wirtschaft studiert haben.“

„Trotzdem wundert es mich, dass Sie nicht gleich darauf gekommen sind, dass ich ein Mitglied der Familie Bassin sein könnte, und in mir stattdessen eine mittellose Streunerin gesehen haben, die sich nur hier an der Côte d’Azur aufhält, um sich einen Millionär zu angeln.“ Carolin ließ einfach nicht locker.

„Ehrlich gesagt, hatte ich bis heute keine Ahnung, dass der alte Bassin überhaupt eine Enkeltochter hat“, bemerkte Bernard. „Mein Vater und ich wussten nur von seinem Sohn. Aber der ist damals an seinem achtzehnten Geburtstag verschwunden. Niemand wusste, wohin er sich abgesetzt hatte. Ihr Großvater hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihn zu finden. Irgendwann hat er es aufgegeben.“ Als Bernard ihre versteinerte Miene sah, hielt er abrupt inne.

„Ihre Familie hat ja bestens davon profitiert, dass mein Großvater die Firma allein führen musste“, stellte Carolin mit bitterem Ton fest.

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte Bernard.

„Sie wissen genau, was ich damit sagen will“, erwiderte Carolin aufgewühlt.

„Wollen Sie jetzt etwa mir vorwerfen, dass sich Ihr Vater aus dem Staub gemacht und Ihren Großvater allein gelassen hat?“

„Ich weiß nicht, warum mein Vater Frankreich verlassen hat. Und all das hier nie mehr wiedersehen wollte.“ Sie hob ihre Hand, als ob sie über den Lavendel streichen wollte, ließ ihren Blick über die weitläufigen Blütenfelder gleiten und holte tief Luft. „Ich weiß nur, dass er wohl seine Gründe dafür hatte.“ Ihr Blick verdunkelte sich plötzlich, und sie wandte sich von Bernard ab.

Auch wenn er wusste, dass Mitleid mit Sicherheit das falsche Gefühl war, das er dieser Frau gegenüber empfinden sollte, konnte er nicht umhin, ihren Arm zu fassen und sie zu sich heranzuziehen. Durchdringend sah er sie an.

„Ihr Großvater wäre überglücklich gewesen, Sie kennenzulernen, Sie ähneln ihm sehr.“ Bernards Stimme klang noch etwas rauer als sonst.

„Wahrscheinlich hat mein Vater mir deshalb das Leben so schwer gemacht, weil ich ihn an ihn erinnert habe.“ Standhaft erwiderte Carolin seinen intensiven Blick aus ihren großen braunen Augen.

„Vielleicht konnte er mit seinem schlechten Gewissen nicht umgehen und hat seine Unzulänglichkeit auf Sie abgewälzt.“

„Was wird das hier, eine Therapiesitzung? Haben Sie etwa Psychologie studiert? Oder versuchen Sie einfach nur, ein weiteres Mitglied der Familie Bassin zu demoralisieren?“ Der kurze Moment der Nähe war sofort verflogen, Carolin entwand sich seiner Berührung. Sie sah keinen Sinn darin, mit diesem Mann ihre Familienverhältnisse aufzuarbeiten.

„Ich möchte Sie nicht demoralisieren. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Ich bin der neue Besitzer von Les Fleurs du Ciel, und entweder Sie arrangieren sich mit der Realität oder Sie lassen es bleiben.“ Mit kühlem Blick sah er sie an, sah ihre blanke Empörung, aber auch eine Verwundbarkeit, die ihn berührte und ihn erneut Dinge sagen ließ, die ihm ganz sicher nicht sein Verstand diktierte.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, ma belle. Die geplanten Umbaumaßnahmen an dem Anwesen beginnen erst nächste Woche. Bis dahin können Sie in der Villa bleiben und einige Tage Abschied nehmen. Die Arbeit meines Umzugsunternehmens haben Sie ja schon torpediert, also stehen Ihnen noch genug Möbel zur Verfügung.“ Fragend zog Bernard die Augenbrauen hoch. „Was halten Sie davon?“ Warum kam er dieser Frau nur immer wieder entgegen? Es würde ihm eine Menge Ärger einbringen, sie weiter in Les Fleurs du Ciel wohnen zu lassen. Aber warum war ihm das nur so vollkommen egal?

Carolin strich sich einige Locken aus dem Gesicht, bevor sie antwortete. Sie konnte sein Angebot nicht ablehnen und hätte immerhin etwas Zeit gewonnen. Zeit, die sie dringend brauchte, um sich zu überlegen, wie sie das Anwesen der Bassins wieder zurückbekommen konnte.

„Einverstanden“, kam es ihr dennoch nur schwerlich über die Lippen.

Parfait, dann zeige ich Ihnen jetzt die Altstadt und bringe Sie anschließend zurück nach Villefranche.“ Er ergriff ihren Arm und schenkte ihr wieder so ein Lächeln zum Dahinschmelzen. Ihre Blicke blieben eine Sekunde länger als nötig aneinander hängen, und Carolin fühlte, wie es ihr heiß den Rücken hinunterlief. Wenn sie schon mal hier war, sollte sie sich auch den Ort ansehen. Warum eigentlich nicht?

Den Nachmittag verbrachten sie in den malerischen Gassen der alten Parfümstadt, tranken Café crème und stöberten durch kleine Läden, in denen es alle nur erdenklichen Flaschen und Dosen mit wohlriechenden Düften und ausgefallenen Seifen zu erstehen gab. Carolin konnte nicht widerstehen und trug stolz mehrere Papiertüten mit nach Rose, Lavendel und Mimose duftenden Kostbarkeiten, als sie vor dem Musée International de la Parfumerie von einem sonnengebräunten älteren Mann angesprochen wurden.

„Bernard, comment vas-tu? Wie geht es dir?“, begrüßte er Carolins Begleiter in hartem provenzalischen Akzent. „Du hast dich lange nicht mehr hier oben in Grasse sehen lassen.“

Bonjour, Jules. Ça va?“ Carolin fiel auf, dass Bernard nicht gerade begeistert schien, dem elegant gekleideten Herrn zu begegnen.

„Und wen haben wir denn da? Quelle beauté! Was für eine Schönheit! Excusez-moi, Mademoiselle, aber Sie kommen mir so bekannt vor. Sind wir uns schon einmal begegnet?“

„Ich glaube nicht, Monsieur!“, erwiderte Carolin.

„Willst du mir deine Begleiterin nicht vorstellen, Bernard?“, wollte der Mann neugierig wissen.

„Bassin, Carolin Bassin“, antwortete sie selbstbewusst, während Bernard unruhig mit den Füßen auf- und abwippte, als ob ihm kalt sei.

„Carolin … Bassin. Sind Sie …“ Der selbstsichere alte Herr wirkte auf einmal wie vor den Kopf gestoßen.

„Ich bin die Enkelin von Yves Bassin. Und Sie? Wie heißen Sie?“, wollte Carolin nun wissen. Sein sonderbares Verhalten und Bernards Reaktion hatten sie neugierig gemacht.

Excusez-moi, Mademoiselle. Mein Name ist Jules Pirrot, ich habe für Ihren Großvater gearbeitet, war sozusagen seine zweite Nase. Ihre Ähnlichkeit mit ihm ist verblüffend.“ Er schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. „Bleiben Sie länger hier an der Côte d’Azur?“, fragte er mit Blick auf Bernard, der nun energisch nach Carolins Arm griff und für sie antwortete.

„Sie macht hier nur ein paar Tage Urlaub, ich zeige ihr die Gegend.“

„Wie aufmerksam von dir, Bernard“, entgegnete Monsieur Pirrot spöttisch und fuhr etwas leiser fort: „Nach allem, was du und dein Vater dem alten Bassin genommen habt. Wirklich sehr aufmerksam.“

„Es reicht, Jules!“, zischte Bernard zurück. „Kommen Sie, Carolin!“

„Warten Sie noch einen Moment, Mademoiselle Bassin. Hier haben Sie meine Adresse. Ich habe eine kleine Parfümerie in der Rue du Miel. Vielleicht möchten Sie mich dort einmal besuchen? Ich könnte Ihnen auch die alten Produktionshallen Ihres Großvaters zeigen, wenn Sie daran interessiert sind.“ Überrascht blieb Carolin für einen Moment stehen und nahm seine Karte entgegen.

„Es ist einfach ein Jammer, dass die chemische Duftproduktion die traditionelle Blumendestillation so gut wie verdrängt hat und die Hallen nun alle leer stehen, früher haben wir noch reine Naturprodukte hergestellt“, klagte der ältere Herr. „Versprechen Sie mir, dass Sie sich bei mir melden, Mademoiselle Bassin?“

„Ich verspreche es, Monsieur. Au revoir“, verabschiedete sie sich und wurde im gleichen Augenblick von Bernard davongezogen.

Au revoir, Mademoiselle. Und hoffentlich bis bald“, rief Jules Pirrot ihr hinterher.

„Wie können Sie zu dem alten Mann nur so unfreundlich sein?“, raunte Carolin Bernard verständnislos zu, nachdem sie einige Schritte die kopfsteingepflasterte Gasse in Richtung Parkplatz gegangen waren.

„Jules ist ein alter Spinner“, versuchte er, seine Reaktion zu erklären. „Er glaubt immer noch, mit der altmodischen Blumendestillation könnte sich heutzutage noch ein Parfümimperium erfolgreich und lukrativ auf dem Markt halten. Dieser Mann hat einfach keine Ahnung. Ein Träumer, der in der Vergangenheit lebt. Nicht der Rede wert.“

Doch während der Fahrt nach Villefranche kreisten Carolins Gedanken immer wieder um die Worte des alten Herrn. Sie hatten dem Nachmittag eine eigenartige Wendung gegeben, und Carolin wurde das Gefühl nicht los, dass Jules genau das ausgesprochen hatte, was auch ihr Großvater gesagt hätte, wenn er noch am Leben wäre.

„Aufwachen, Schneewittchen!“, riss Bernard sie aus ihren Überlegungen, als sie durch die Toreinfahrt fuhren. „So schweigsam kenne ich Sie ja gar nicht.“

„Ich bin einfach nur etwas erschöpft. Außerdem muss ich erst einmal damit klarkommen, dass Les Fleurs du Ciel nun doch nicht mir gehört“, gestand Carolin resigniert, auch wenn sie sich gleichzeitig schwor, Mittel und Wege zu finden, um das zu ändern.

Bernard nickte. „Soll ich noch mit reinkommen?“

„Nein. Ich möchte jetzt lieber allein sein.“ Carolin griff hinter den Sitz, um ihre bunten Tüten hervorzuziehen, als Bernard ihr Handgelenk umfasste, um sie zu sich heranzuziehen. Mit seinen dunkelblauen Augen sah er sie durchdringend an, beugte sich langsam vor und küsste sie auf ihre vollen weichen Lippen.

Es war nur der Hauch eines Kusses, aber trotzdem durchzuckte es Carolin wie ein elektrischer Schlag. Für einen Augenblick schien die Welt um sie herum zu versinken, sie nahm nur noch Bernards Hand wahr, die ihr Handgelenk umschloss, fest und stark, und seine Lippen auf ihren, verlockend und sinnlich. Sein Blick fesselte sie, und sie spürte heißes Adrenalin durch ihren Körper jagen.

Doch schon der nächste Atemzug katapultierte sie wieder in die Realität zurück. Ich kann mich unmöglich auf einen Mann einlassen, der mir Les Fleurs du Ciel genommen hat, dachte sie bedrückt und entzog ihm hastig ihr Handgelenk.

„Ich verstehe“, sagte Bernard. „Die nächsten Tage werde ich viel zu tun haben.“

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