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ROMANA EXTRA BAND 12

TRISH WYLIE

Küss mich in Manhattan!

Tylers schwerster Job! Warum muss ausgerechnet er der Bodyguard der schönen Miranda sein und die Tochter des Bürgermeisters zu jeder Party in Manhattan begleiten? Beschützen erlaubt – anfassen verboten …

PIA ENGSTRÖM

Das Hotel am einsamen See

Zu gern würde Lars die schöne Laura in hellen schwedischen Nächten zärtlich verwöhnen. Aber er weiß, dass sie ihm etwas verschweigt: Sie ist nicht die Frau, für die sie sich ausgibt …

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Hochzeit mit einem Fremden

„Entweder wir heiraten – oder ich kämpfe um das Sorgerecht.“ Was bleibt Nina übrig? Um ihre kleine Nichte nicht zu verlieren, sagt sie Ja zu dem feurigen Italiener Marc, zu einem neuen Leben mit ihm …

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Die Devereaux und die Lafittes: Verfeindet, solange Prinzessin Pippa Devereaux denken kann! Weshalb ihre heiße Romanze mit Nic Lafitte geheim bleiben muss. Bis die Folgen unübersehbar werden …

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Küss mich in Manhattan!

1. KAPITEL

Tyler war nicht der einzige Mann, der sie beobachtete. Unter normalen Umständen hätte er ihren Anblick durchaus genossen. Doch er war nur hier, weil ihm leider keine andere Wahl blieb.

Diese Tatsache dämpfte sein Vergnügen gewaltig.

Bunte Lichtpunkte huschten über die Tanzfläche, als sie sich zur Seite bewegte und ihre Hüften sinnlich kreisen ließ. Ihr Körper war die reinste Versuchung: groß, schlank, Rundungen an den richtigen Stellen und makellose, sonnengebräunte Haut. Als sie die nackten Arme über den Kopf hob, rutschte der Saum ihres silbernen Minikleids nach oben und gab einige zusätzliche Zentimeter der schier endlos langen Beine frei, die in weißen, kniehohen Stiefeln steckten. Mit der blonden Pagenkopfperücke, die sie trug, um ihr auffälliges Haar zu verstecken, den dunkel geschminkten Augen und den rubinrot betonten Lippen könnte sie als Tänzerin auf einer Bühne sicher ein Vermögen verdienen.

Dem Spaß nach zu urteilen, den es ihr offenbar machte, potenzielle Tanzpartner abzuwehren, würde sie das vermutlich sogar genießen. Obwohl sie sich im Zentrum von so viel männlicher Aufmerksamkeit anscheinend sehr wohl fühlte, stach sie für seinen Geschmack unter den anderen Tänzern zu deutlich hervor. Ihr Glück, dass sie bis jetzt noch niemand erkannt hatte. Aber auf Glück konnte man nicht ewig bauen.

Ohne Vorwarnung sah sie ihn direkt an. Hatte sie etwa die ganze Zeit gewusst, dass er dort stand? Das konnte nicht sein. Sie blickte ihm weiter tief in die Augen. Fast hatte er das Gefühl, dass sie dadurch einen Funken entzündete, denn plötzlich flammte Hitze in ihm auf. Er weigerte sich, das als natürliche Reaktion eines Mannes auf eine attraktive Frau zu akzeptieren. Gespannt wartete er, was sie als Nächstes tun würde.

Sie leckte sich über die glänzenden Lippen und warf ihm ein träges, sinnliches Lächeln zu. Diese stille Anmache hätte ihn vielleicht auf die Tanzfläche gelockt, wenn er schon jemals in seinem Leben getanzt hätte. Aber selbst dann gehörte er nicht zu den Männern, die sofort angelaufen kamen, sobald sich eine Frau das wünschte. Wenn sie mit ihm reden wollte, konnte sie zu ihm kommen.

Er war sich sicher, dass sie unglaublich erfreut sein würde, wenn sie herausfand, mit wem sie da flirtete.

Als ihre Freundin ihr etwas ins Ohr brüllte, lachte sie und drehte sich weg. Einen Augenblick später warf sie ihm über ihre Schulter erneut ein Lächeln zu und wiegte sich zur Musik, um seinen Blick auf ihren sexy Po zu lenken.

Tyler zwang sich wegzusehen. Man musste kein Genie sein, um zu merken, dass sie eine Menge Schwierigkeiten machen würde. Aber das hatte er schließlich schon gewusst, bevor er sie überhaupt das erste Mal gesehen hatte.

Er nahm einen großen Schluck aus seiner Bierflasche und verzog angewidert das Gesicht. „Light“ war einfach nicht sein Stil, und im Zusammenhang mit Bier sowieso nicht.

Obwohl sein Körper quasi drängte, sie erneut zu beobachten, zwang Tyler sich, woanders hinzusehen. Selbst im Dienst wurde er nicht dafür bezahlt, jede ihrer Bewegungen zu verfolgen. Er musste sich auf die Umgebung konzentrieren: den Raum nach potenziellen Gefahren absuchen und die Menge beobachten. Sich von ihr angezogen zu fühlen, war ein Problem, das er ganz bestimmt nicht brauchte. Besonders nachdem es seit einiger Zeit in seinem Leben vor Problemen nur so wimmelte.

Früher hatte er mehr Kontrolle über sein Leben gehabt. Was war nur schiefgelaufen?

Da führte man einmal zu oft eine freundliche Unterhaltung mit einer zwielichtigen Gestalt, und schon hieß es „Innendienst“ und „vorübergehende Beurlaubung“. Gut, die Tatsache, dass er wenig Einsicht bewiesen hatte, mochte auch etwas damit zu tun haben. Trotzdem verstand er nicht, warum zu seiner Strafe auch noch Babysitting gehörte.

Obwohl er ihr durchaus hätte geben können, wonach sie offenbar suchte, dachte er nicht im Mindesten daran. Er hatte Besseres und vor allem Wichtigeres zu tun, als sich mit einer verwöhnten reichen Frau zu amüsieren, die ihrem langweiligen Leben etwas mehr Spannung verleihen wollte.

Gerade als die Musik unter den begeisterten Rufen der Menge in einen schnelleren Rhythmus wechselte, fiel sein Blick auf ein bekanntes Gesicht. Sofort war Tyler alarmiert und suchte schnell den Rest des Raumes ab. Dabei entdeckte er zwei mögliche Kandidaten und ein weiteres bekanntes Gesicht.

Er musste sie hier rausbringen.

Rasch stellte er seine Flasche auf einen Tisch und blickte hinunter auf die Tanzfläche. Sie war nicht mehr da. Er umfasste die metallene Brüstung vor sich und suchte systematisch den ganzen Raum ab, bevor er sie mit ihrer Freundin auf dem Weg zur Bar entdeckte. Nachdem er die Entfernung zum nächsten Ausgang abgeschätzt hatte, bewegte er sich schnurstracks in ihre Richtung.

Tyler war nur noch zwei Schritte von ihr entfernt, als die Musik plötzlich abgeschaltet wurde und eine Stimme laut rief: „NYPD – Polizei! Alle bleiben, wo sie sind!“

Gespannt beobachtete sie das Geschehen auf der anderen Seite des Raumes und zuckte überrascht zusammen, als er nach ihrer Hand griff. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an: „Was …?“

„Hier entlang.“

Sie wehrte sich gegen seinen festen Griff. „Lassen Sie mich los!“

„Wollen Sie verhaftet werden?“

„Nein, aber …“

„Dann kommen Sie mit.“

Er stieß eine Tür auf, die in einen spärlich beleuchteten Flur führte, und sah sich um. In Sekundenschnelle registrierte er Toiletten, einen Münzfernsprecher und links ein paar Stufen, über die es vermutlich in den Keller ging. Hinter ihnen wurden die Geräusche immer lauter und ließen ahnen, dass sie bald Gesellschaft bekommen würden. Der Keller schien die beste Option, falls er über eine Verladerampe verfügte, die auf die Straße führte. Bevor er das jedoch überprüfen konnte, hörte er ein lautes Krachen. Jetzt blieb keine Zeit mehr – er brauchte eine Ablenkung. Er drückte sie mit dem Rücken gegen die Wand und presste seine Lippen auf ihre.

Ein ganz großer Fehler.

Die Zündschnur, die sie auf der Tanzfläche in Brand gesteckt hatte, führte jetzt quasi zu einer Explosion. Er stand regelrecht in Flammen, konnte keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen, als er seine Zunge zwischen ihre einladend geöffneten Lippen gleiten ließ. Verlangen pulsierte durch seinen Körper, während auch sie genießerisch stöhnte. Er umschlang ihre Taille, tastete nach ihrer Hüfte. Sie winkelte ein Bein an und schmiegte es an ihn, sodass er ihren seidigen Schenkel umfassen und noch höher heben konnte.

Es war ihnen egal, dass sie jederzeit in einer höchst kompromittierenden Situation entdeckt werden konnten. Seine Gedanken kreisten nur um die Position, in der sein Körper jetzt zu gerne gewesen wäre.

„Siehst du das?“, fragte eine Stimme.

„Hey! Schluss da drüben!“, verlangte eine weitere.

Tyler löste seinen Mund von ihren Lippen und atmete tief ein, bevor er in den Lichtstrahl blinzelte. Er ließ ihren Schenkel los und trat einen Schritt vor, um den Blick auf sie zu verdecken.

„Bleib, wo du bist, mein Freund“, warnte ihn die erste Stimme.

Taylor erkannte den Mann und hob die Arme seitlich an, mit den Handflächen nach vorne. Würde der schwer bewaffnete Polizist ihn verstehen? Er verzichtete darauf, dem jüngeren Mann zu raten, nichts Dummes zu tun – das hatte noch nie geklappt. Stattdessen versuchte er es mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln. Als sich die Taschenlampe ein wenig auf und ab bewegte, nahm er an, dass er verstanden worden war, und senke seine Hände wieder. Als der Polizist aber näher kam, um zu sehen, wen Tyler da versteckte, runzelte er die Stirn: „Gibt es ein Problem, Officer?“

„Nebenan findet eine Razzia statt.“

„Ist mir nicht aufgefallen …“

„Ich ahne schon, warum.“ Der Polizist räusperte sich, ehe er fragte: „Vielleicht sollten wir auch hier mal auf Drogen über­prüfen?“

Sehr witzig. „Wir sind zwar berauscht, aber nicht von Drogen“, antwortete Tyler grinsend.

Eine feingliedrige Hand glitt plötzlich unter seinem Arm hindurch und legte sich auf seine Brust. „Können wir dafür verhaftet werden, dass wir die Finger nicht voneinander lassen können?“, fragte die Frau hinter ihm mit passabel verstelltem sinnlichem Akzent.

Tyler vermutete, dass sie sich nicht zum ersten Mal aus einer kniffligen Situation herausschauspielerte. „Falls doch, dann gehe ich gerne ins Gefängnis.“ Er blickte über seine Schulter. „Was ist mit dir?“

„Gibt es in New York denn Gemeinschaftszellen?“ Sie lachte kehlig, und der Klang spielte mit den straff gespannten Saiten seiner Libido. „Wir könnten viel Spaß haben, wenn wir uns dort eine Zelle teilen.“

Als sie vorsichtig sein Ohrläppchen zwischen die Zähne nahm und es mit ihrer feuchten Zunge berührte, spürte er die Auswirkungen bis in seine Zehenspitzen.

„Sich irgendwo ein Zimmer zu suchen, klingt nach einer guten Idee“, sagte der Polizist vor ihnen, ehe er seine Taschenlampe senkte. „Verschwindet, bevor ich meine Meinung ändere.“

Tyler griff nach der Hand auf seiner Brust und zog seine Gefährtin mit sich durch die aufgebrochene Tür. Sie betraten eine Gasse, die vom Blaulicht der wartenden Polizeiwagen hell erleuchtet war. Einer der Polizisten nahm seine Hand vom Funkgerät auf seiner Schulter und winkte sie durch. Tyler dachte, dass er sich an ihrer Stelle gewundert hätte, warum sie so leicht davonkamen, aber vermutlich war sie zu beschäftigt, in ihren hochhackigen Stiefeln mit seinem forschen Schritt mitzuhalten.

„Meine Freundin …“

„Wenn sie nicht gerade Drogen dabei hat, wird ihr nichts passieren.“

Als sie stolperte, zog er sie einfach an der Hand und lief weiter. Er war wütend – auf sich selbst genauso wie auf sie. Immer noch konnte er sie auf seinen Lippen schmecken, eine Kombination aus Erdbeeren, Feuer und Freiheit. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal eine Frau so sehr gewollt hatte, dass er bereit gewesen war, alles für einen Moment der gegenseitigen Befriedigung zu riskieren. An was er sich jedoch erinnern konnte, waren die Zeiten, als sein Timing – ganz zu schweigen von seiner Urteilsfähigkeit – besser gewesen war.

„Wohin gehen wir?“, fragte sie atemlos, als sie um eine Ecke auf eine breite Straße bogen.

Mit jeder anderen Frau, die so auf seinen Kuss reagiert hätte, wäre er sofort in seiner Wohnung verschwunden. Aber er konnte sie nicht einfach benutzen, um sich für ein paar Stunden abzulenken und besser zu fühlen – selbst wenn sie dabei nicht zu kurz kommen würde. Zuerst musste er seinen Auftrag beenden und dorthin zurückkehren, wohin er gehörte. Dann musste er sich darum kümmern, dass er vollständig rehabilitiert wurde. Solange beides nicht erledigt war, hatte er nicht das Recht, sein Leben so zu leben, als wäre nichts passiert.

„Ich bringe Sie nirgendwo hin.“ Als er etwas Gelbes erspähte, hob er einen Arm, um das Taxi anzuhalten. „Aber er.“ Als der Wagen am Fahrbahnrand zum Stehen kam, fischte Tyler mehrere Geldscheine aus seiner Hosentasche. Er reichte sie dem Fahrer durch das geöffnete Fenster: „Das müsste reichen.“

Er hielt ihr die hintere Tür auf und wartete, bis sie eingestiegen war. Als sie sich graziös setzte, glitt sein Blick über ihre langen Beine, bevor er ihr in die dunkel umrandeten Augen sah.

„Bekomme ich keinen Namen?“, fragte sie.

„Sie haben doch schon einen.“

Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Ich meinte Ihren Namen.“

Tyler ignorierte ihre weiche Stimme und schüttelte den Kopf. Als Nächstes würde sie ihn noch nach seiner Telefonnummer fragen und wann sie ihn wiedersehen könnte. Für sie war das nur ein Spiel. Er hätte alles Mögliche sein können – Drogendealer, Entführer, Serienmörder. Sie hatte keine Ahnung, wie schlecht die Menschen sein konnten.

Er schon.

„Gern geschehen.“ Er schloss die Tür und drehte sich um, ohne ihr zu sagen, dass sie ihn sehr bald wiedersehen würde.

Warum sollte er die Überraschung verderben?

Da es für eine ganze Weile ihr letztes Abenteuer sein würde, hoffte er, dass sie es genossen hatte. Ab Montag würde er neue Spielregeln aufstellen.

Und falls sie versuchen sollte, sich ihm zu widersetzen, würde es ihr leidtun, dass sie sich je begegnet waren.

Zu Hause angekommen griff Miranda sofort zum Telefonhörer. Sie musste sich unbedingt vergewissern, dass Crystal den Club unbeschadet verlassen hatte. Und sie musste sich gleich mehrmals entschuldigen, dass sie einfach ohne ihre Freundin gegangen war.

Anschließend verbrachte Miranda den Rest des Wochenendes damit, ausgiebig über ihren Retter zu fantasieren.

Sie hatte seinen Blick gespürt, schon bevor sie ihn überhaupt gesehen hatte. Das war ungewöhnlich, wenn man bedachte, dass sie den Großteil ihres Lebens unter den aufmerksamen Augen anderer verbrachte. So war sie neugierig geworden und hatte sich nach ihm umgesehen. Als sie ihn schließlich entdeckte, stockte ihr der Atem.

Er war der interessanteste Mann, den sie je gesehen hatte.

Auf eine raue Art war er sehr attraktiv, aber das war es nicht, was ihn so anziehend machte. Er wirkte wie ein Raubtier, das darauf lauerte, sich auf seine Beute zu stürzen. Dass sie auf sein offensichtliches Interesse an ihr mit einem aufreizenden Lächeln reagiert hatte, war, wie Öl ins Feuer zu gießen. Sie hatte den Adrenalinrausch genossen.

Und erst der Kuss …

Schade nur, dass man sie gestört hatte.

Keine ihrer kleinen Rebellionen hatte auch nur einen ähnlichen Rausch in ihr ausgelöst wie die Vorstellung, was sie außer Küssen mit diesem Mann noch anstellen könnte. Aber wie sollte sie ihn in einer Stadt von der Größe New Yorks jemals finden, wenn sie nicht einmal seinen Namen kannte?

Ein vertrautes dreimaliges Klopfen an ihrer Zimmertür holte sie zurück in die Realität.

„Herein“, rief sie, während sie sich vor ihren Schminktisch setzte.

„Guten Morgen, Miranda.“

„Guten Morgen, Grace“, antwortete sie fröhlich, als die persönliche Assistentin ihres Vaters das Zimmer betrat. „Ist heute nicht ein wundervoller Tag? Der Park sieht so einladend aus. Aber vermutlich gibt es in meinem Zeitplan keine Lücke, die einen kleinen Bummel erlaubt?“

„Nein.“ Grace lächelte entschuldigend. „Doch Sie werden sich wenigstens ein bisschen im Freien aufhalten können.“

„Nun ja, besser als nichts.“

Während Miranda die kleinen, perlenförmigen Ohrringe befestigte, öffnete die dienstbeflissene Mittfünfzigerin ihren Ordner und ging zur Tagesordnung über.

„Um 9 Uhr haben Sie eine Anprobe bei Ms Wang. Um 10 Uhr werden Sie bei einem Gemeindeprojekt in der Bronx erwartet. Dort ist auch ein öffentliches Treffen mit Bürgern geplant. Um 11.30 Uhr …“

„Glauben Sie, die Welt würde aufhören, sich zu drehen, wenn wir einmal einen Tag freimachen würden?“, sinnierte Miranda, während sie eine makellose Perlenkette umlegte und ihr Haar mit einigen Handgriffen in Form brachte. „Wir könnten uns einen Picknickkorb packen, ein paar Klatschmagazine mitnehmen und den ganzen Vormittag im Park Leute beobachten.“

Grace betrachtete Mirandas begeistert strahlendes Gesicht im Spiegel und schloss ihren Ordner. „Wollen wir jetzt oder später die Stellenanzeige für meine Nachfolgerin aufgeben?“

„Nur ein einziges Mal“, bettelte Miranda und formte die Lippen zu einem Schmollmund.

„Ihr Vater möchte Sie sprechen, bevor Sie gehen.“

„Vermutlich um mich daran zu erinnern, die Babys zu küssen.“

„Ich glaube nicht, dass Babys schon wählen dürfen.“

„Nein. Aber mit etwas Glück haben sie Väter zum Flirten oder Mütter, denen ich versichere, wie gern ich selbst eines Tages Kinder hätte.“ Sie stand auf, nahm ihre Tasche und hakte sich bei Grace unter.

Das war die Art einfache Geste, über die sie bei Grace nicht nachdenken musste. Miranda hatte einmal gehört, dass die meisten Menschen etwa 50 Zentimeter Platz zwischen sich und anderen brauchten, aber in ihrem Leben war der Abstand meistens größer. Vermutlich war das eine Erklärung dafür, warum der enge Körperkontakt mit diesem Mann so schwer zu vergessen war.

Ganz abgesehen von den anderen Gründen.

„Es war sehr nachlässig von mir, bisher kein passendes Enkelkind produziert zu haben“, fuhr Miranda im selben fröhlichen Ton fort. „Pausbäckige Kleinkinder gehören zu den Lieblingen der Wähler.“

„Wenn Sie rechtzeitig mit der Planung beginnen, können Sie das terminlich mit der angeblichen Kandidatur zum Gouverneur abstimmen.“

„Ja, man muss sich immer noch ein Türchen offen halten.“ Miranda nickte zustimmend und lächelte, als sie den Flur betraten. „Guten Morgen, Roger. Ist das eine neue Krawatte?“

„Die hat mir meine Frau zum Geburtstag geschenkt“, bestätigte der Pressesprecher ihres Vaters lächelnd.

„Sie hat einen ausgezeichneten Geschmack.“

„Wo wir gerade von Ehepartnern sprechen, vielleicht wäre es eine gute Idee, sich vor der Planung des pausbäckigen Säuglings nach einem Ehemann umzusehen“, flüsterte Grace verschwörerisch.

Miranda beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ebenfalls: „Ich habe gehört, dass man das eine nicht zwingend für das andere braucht.“

„Doch, wenn man die Tochter des Bürgermeisters ist.“

Ein weiteres bekanntes Gesicht erschien im Flur und wurde ebenfalls lächelnd begrüßt: „Guten Morgen, Lou. Wie war das Spiel am Wochenende?“

„Mein Sohn hatte zwei Strikes und einen Homerun“, antwortete der Sicherheitschef ihres Vaters und ließ einen unsichtbaren Schläger durch die Luft sausen.

„Richten Sie Tommy aus, das war super!“, bat Miranda und streckte die Faust in die Luft.

Als sie am Arbeitszimmer ihres Vaters angekommen war, klopfte Miranda kurz an die Tür. Sie wartete auf das flüchtige „Herein“ und betrat den Raum.

„Ah, da ist sie ja“, begrüßte sie ihr Vater, der an seinem großen Mahagonischreibtisch saß. „Miranda, das ist Detective Brannigan. Er ist während des restlichen Wahlkampfs für deine Sicherheit verantwortlich.“

Obwohl sie nicht gewusst hatte, dass Veränderungen geplant gewesen waren, lächelte sie auch weiterhin, während sie darauf wartete, dass der Mann aufstand und sich zu ihr umdrehte. Zuerst fiel ihr seine Größe auf – er maß mindestens einen Meter neunzig und war sehr athletisch gebaut.

Alle weiteren Gedanken zu diesem Thema wurden jedoch im Keim erstickt, als sie schockiert in die vertrauten kobaltblauen Augen blickte. Sie musste praktisch ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, damit ihr nicht die Kinnlade herunterfiel.

„Miss Kravitz“, begrüßte er sie in einem tiefen Bariton, während er ihre Hand schüttelte.

Das war nicht gerade das, was sie sich für ein Wiedersehen ausgemalt hatte, aber allein der Klang seiner Stimme reichte aus, um sie an jedes erträumte Wort zu erinnern. Sie schluckte schwer, während die Wärme aus seinem Händedruck in ihren Arm strömte. Hatte er gewusst, wer sie war, als er ihr zur Hilfe geeilt war? Hatte er sie nur deshalb beobachtet? Wie lange folgte er ihr schon?

Als sie ihre Hand zurückzog, blickte sie zu ihrem Vater hinüber. Solange er seinen Politikergesichtsausdruck zeigte, gab es keine Möglichkeit festzustellen, ob sie in Schwierigkeiten war. Allerdings wäre das eine neue Taktik, falls er tatsächlich sauer auf sie war. Normalerweise gehörte zur Bestrafung für angebliches Fehlverhalten auch eine Predigt zum Thema Verantwortungsbewusstsein. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, diese stoisch über sich ergehen zu lassen.

„Er untersteht Lou genauso wie Ron vorher“, sagte er. „Sie haben dir neue Sicherheitskräfte zugeteilt.“

All ihre Leute waren ausgetauscht worden – seit wann, und noch wichtiger, warum?

„Detective Brannigan hatte vorgeschlagen, ein paar Veränderungen vorzunehmen“, erklärte ihr Vater. Jetzt wusste sie, wer der Schuldige war.

Während ihr Vater seine Aufmerksamkeit den Papieren auf seinem Schreibtisch zuwandte, blickt Miranda zu dem Mann neben ihr, um zu sehen, ob er ihren Träumen gerecht wurde. Kurze, dunkelblonde Haare, lange Wimpern um intensiv wirkende Augen. Ja, er war genauso attraktiv, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

In ihren heimlichen Fantasien war er alles Mögliche gewesen, vom Mafiaboss, der Polizisten bestach, bis hin zu einer Kombination aus geheimnisvollem Milliardär bei Tag und Freiheitskämpfer bei Nacht. Dass er ein Polizist war, ergab mehr Sinn, aber warum hatte er ihr das nicht gesagt? Warum hatte er sie geküsst, anstatt ihr seine Dienstmarke zu zeigen?

Er zwinkerte ihr belustigt zu. „Soweit ich weiß, haben Sie um 9 Uhr einen Termin?“

Miranda ignorierte ihn, ging um den Schreibtisch herum, und küsste ihren Vater auf die Wange. „Bis später, Daddy.“

„Bis später, meine Liebe. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“

„Ich dir auch“, entgegnete sie, bevor sie mit hocherhobenem Kopf zur Tür ging. „Jetzt können wir gehen.“

Mit wenigen, langen Schritten hatte er sie überholt und hielt ihr die Tür auf, aber sie dankte ihm nicht für diese höfliche Geste. Sie war sauer über sein doppeltes Spiel im Club.

„Neuer Bodyguard?“, flüsterte Grace ihr im Vorbeigehen zu.

Miranda verzog in vermeintlicher Begeisterung das Gesicht. „Was habe ich doch für ein Glück.“

Sie waren die mit Teppich belegten Stufen bereits halb hinuntergegangen, als sie ihre Stimme senkte und ihn leise fragte: „Wussten Sie, wer ich war?“

„Ja.“

„Hat mein Vater Sie angewiesen, mir zu folgen?“

„Nein.“

Je länger sie schweigend nebeneinander hergingen, desto mehr stieg die Spannung zwischen ihnen. Miranda versuchte, seinen intensiven Blick zu ignorieren, der jeder ihrer Bewegungen folgte.

Sie musste sich zusammenreißen. Die kurze Zeit, die ihnen zwischen der inneren und der äußeren Eingangstür blieb, sollte sie lieber dazu nutzen, etwas Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Ganz bestimmt hatte sie nicht so lange für ihre Freiheit gekämpft, damit ein Neuling einfach hereinschneien und die Flügel wieder stutzen konnte, die sie noch gar nicht richtig entfaltet hatte. Deshalb drehte sie sich zu ihm um, sobald sich die erste Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

„Da heute Ihr erster Tag ist, sollten wir am besten ein paar Grundregeln festlegen …“

„Da stimme ich Ihnen zu.“ Er nickte. „Also halten Sie den Mund und hören Sie mir zu.“

Ungläubig starrte ihn Miranda an. „So können Sie doch nicht mit mir sprechen!“

„Sie wollen wohl sagen, dass es bisher noch niemand getan hat, richtig?“ Er wartete die Antwort nicht ab. „Ich wette darauf, dass alle vor Ihnen kuschen, seit Sie ein Baby waren.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. Plötzlich schien die Luft im Vorraum knapp zu werden. „Merken Sie sich lieber gleich, ich kusche vor niemandem“, erklärte er ihr mit tiefer, hypnotischer Stimme. „Ich mache hier meine Arbeit. Wenn Sie mir Schwierigkeiten bereiten, werde ich andere Saiten aufziehen. Verstanden?“

„Sie wissen, dass ich Sie feuern lassen kann?“

„Viel Erfolg. Ich versuche schon seit einer Woche, aus der Sache rauszukommen.“ Er griff an ihr vorbei, öffnete die Außentür und verneigte den Kopf. „Nach Ihnen, Prinzessin.“

Wie benommen ging Miranda hinaus. Als Tyler sie in der Einfahrt überholte, starrte sie entrüstet auf seine breiten Schultern. Obwohl sie nicht leugnen konnte, dass sein energischer Tonfall ein leises Prickeln in ihr verursacht hatte, war sie empört. Für wen hielt er sich eigentlich?

Sie atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Ganz egal, wer er war, sie würde ihm zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern ließ. Sie war die Tochter eines Politikers. Alles, was sie über das Verbergen wahrer Gefühle wusste, hatte sie von den Besten ihres Fachs gelernt. Betont gelassen griff sie in ihre Handtasche und holte eine übergroße Sonnenbrille und ihr Handy heraus. Wenn er glaubte, er hätte es hier mit einer verwöhnten Prinzessin zu tun, dann würde sie sich auch so verhalten. Sie setzte die Brille auf und drückte die Kurzwahltaste.

„Guten Morgen, meine Liebe, wie geht es dir?“ Sie sprach absichtlich laut genug, damit er alles hören konnte. „Mein Tag ging heute absolut schrecklich los.“

„Ach, sprichst du deshalb plötzlich wie die Mutter der englischen Königin?“ Crystal seufzte dramatisch. „Du willst unsere Verabredung zum Mittagessen absagen, stimmt’s?“

Miranda lächelte glatt. „Natürlich nicht.“

Es war ihr egal, ob er eine fleischgewordene Sexfantasie war. Bis zum Mittag würde sie ihren neuen Bodyguard losgeworden sein.

2. KAPITEL

„Ich nehme mal an, dass Detective nicht Ihr Vorname ist.“

Tyler warf einen Blick in den Rückspiegel. Seit sie ins Auto gestiegen waren, hatte sie geschwiegen. Seinetwegen hätte das so bleiben können. Er war nicht hier, um Small Talk zu betreiben. Er war hier, um für ihre Sicherheit zu sorgen. Es wäre besser gewesen, wenn ihre früheren Bodyguards das genauso gesehen hätten.

„Dann frage ich eben Lou“, sagte sie in abweisendem Ton, als er nicht antwortete. „Er ist ein Schatz.“

Tyler bezweifelte, ob sie das auch noch denken würde, wenn sie wüsste, dass der Sicherheitschef des Bürgermeisters im Prinzip verantwortlich war für Tylers Anwesenheit. Es war Lou Mitchells brillante Idee gewesen, jemanden zu holen, der den Job hier noch nicht so lange machte, dass er vieles als selbstverständlich hinnahm oder sich beeinflussen ließ. Dass Tyler wenig Lust hatte, sich subtil zu verhalten, war offenbar kein Problem.

Als er das nächste Mal in den Spiegel sah, hatte sie die Sonnenbrille hochgeschoben. Sie spielte abwesend mit einer Haarsträhne, während sie etwas auf ihrem Handy las. In der Verkleidung neulich abends hatte sie scharf ausgesehen, aber ohne war sie absolut umwerfend. Trotz des züchtigen Ausschnitts und des Saums in Kniehöhe überließ ihr hautfarbenes Kleid nur wenig der Fantasie. So, wie es sich an die Kurven ihres nahezu perfekten Körpers schmiegte, zog es Tylers Blick häufiger an, als ihm lieb war.

Ihr Haar übte seine ganz eigene Faszination auf ihn aus: Es schimmerte seidig und erinnerte ihn an tanzende Flammen. Zwar hätte er sein Interesse mit Neugier erklären und sich fragen können, wie sie ihre Mähne unter die kurze Perücke bekommen hatte. Aber damit hätte er sich selbst belogen.

Doch die Verpackung machte den Charakter nicht wett.

Er hatte sie nur ein paar Stunden am Morgen bei dem Termin in der Bronx erleben müssen, um alle seine Vermutungen bestätigt zu sehen. Es überraschte ihn lediglich, wie leicht sie alle anderen täuschen konnte.

In Hollywood bekam man für diese Art von Vorstellung einen Oscar.

„Wo waren Sie zuletzt im Dienst?“, fragte sie nach einem langen Moment des Schweigens.

„Soll ich Ihnen jetzt meinen Lebenslauf erzählen?“ Er bog ab und reihte den Wagen in den hektischen Verkehr ein, der sich über drei Spuren zog. Als er ein Geräusch hörte, drehte er sich um: „Was machen Sie da?“

„Es ist ungewöhnlich stickig hier drin.“

„Genau dafür wurde die Klimaanlage entwickelt.“ Als er nach dem Schalter griff, fiel sein Blick in den Rückspiegel. Er sah, dass sie ihr Gesicht in Richtung des geöffneten Fensters lehnte. „Und dieses Glas ist aus gutem Grund getönt.“

„Auch wenn das sicher ein wenig enttäuschend für Sie ist“, entgegnete sie hochmütig, „ich stehe auf keiner Abschussliste sehr weit oben.“

„Sie haben keinen der Briefe gelesen, die ins Büro Ihres Vaters geschickt werden, habe ich recht?“ Tyler drückte einen weiteren Knopf, um das Fenster zu schließen, und wartete auf die Antwort, die er bereits kannte.

„Dafür haben wir Personal.“

„Natürlich“, entgegnete er trocken, während er auf die mittlere Spur der Fifth Avenue wechselte.

Als er an einer Kreuzung anhielt, hörte er plötzlich vom Rücksitz einen begeisterten Ausruf: „Was für ein schönes Kleid!“

Obwohl er überzeugt gewesen war, dass sie irgendwas plante, wurde er vom Geräusch der sich öffnenden Tür doch überrascht. Er drehte sich um. „Bleiben Sie im …“

Zu spät. Sie lächelte strahlend, während sie nach ihrer Tasche griff. „Wir treffen uns in einer Stunde wieder hier.“ Bevor er wusste, wie ihm geschah, fiel die Tür ins Schloss, und sie lief hinüber zum Bordstein.

Als die Ampel auf Grün sprang, war Tyler bereits abgeschnallt, aber das Hupen hinter ihm zwang ihn, einen Gang einzulegen. Während er einerseits Miranda und andererseits den Verkehr im Blick hatte, wechselte er die Spur und bog ab. Er musste einige Minuten hektisch manövrieren, um rechtzeitig zum Hinterausgang des Ladens zu gelangen. Doch als sie dort auftauchte, hatte er sich schon betont lässig gegen den Wagen gelehnt.

Als sie ihn erblickte, verschwand das siegessichere Lächeln auf ihren Lippen. „Wie haben Sie …?“

Er stieß sich ab und öffnete ihr die hintere Tür. Als sie näher trat, schlug er sie ihr vor der Nase zu. „Welchen Teil meiner morgendlichen Ansprache haben Sie nicht verstanden?“

Sie hob ihr Kinn und blickte ihn direkt an. „Welcher Teil Ihrer Stellenbeschreibung lässt Sie vermuten, dass Sie hier das Sagen haben?“

„Was glauben Sie denn, für wen ich eigentlich arbeite?“

„Sie sind mein Bodyguard.“

„Die Stadt zahlt mein Gehalt.“

„Gibt es eine Sonderzahlung für Nervensägen?“ Sie lächelte süßlich.

„Wo wollten Sie hin?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Doch, das tut es.“ Er griff in seine Tasche und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. „Denn wenn es hier nicht draufsteht, gehen Sie da nicht hin.“

„Wir leben in einem freien Land. Ich kann gehen, wohin ich will. Und das werde ich auch tun.“

Tyler fragte sich, wie schwer es ihr wohl gefallen war, dabei nicht mit dem Fuß aufzustampfen. „Dann schauen wir mal auf den Zeitplan.“

Mit verschränkten Armen sah sie zu, wie er seinen Ärmel zurückstrich, um auf seine Uhr zu sehen. „11 Uhr 57.“ Er überflog den Zettel und schüttelte den Kopf. „Nein, hier steht nichts über Verstecken spielen. Vielleicht haben Sie ja einen anderen Plan als ich?“ Er blickte ihr in die Augen. „Da wir bereits festgestellt haben, dass Sie das Lesen Ihrem Personal überlassen, sehe ich mir Ihren Plan lieber noch einmal an.“

„Sie tragen doch eine Waffe, richtig?“, fragte sie mit unbeweglicher Miene.

Zwei sogar, aber das brauchte sie nicht zu wissen. „Werden Sie mich zwingen, sie zu benutzen?“

„Ich wollte fragen, ob ich sie mir mal borgen kann.“

Tyler holte tief Luft, faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn zurück in die Tasche. „An Ihrer Stelle würde ich keine Zeit damit verschwenden, mich abhängen zu wollen. Das war Ihr erster Minuspunkt. Bei dreien gehen Sie nicht mal mehr allein aufs Klo.“

„Sie haben zuletzt in Guantanamo gearbeitet, stimmt’s?“

Der alte Tyler hätte über diesen Kommentar vielleicht gelacht. Der Mann, der heute vor ihr stand, beugte sich nur vor und informierte sie: „Sie haben mich jetzt in Ihrem Leben. Gewöhnen Sie sich daran.“

Die goldenen Punkte in ihren Augen ließen auf ein Temperament schließen, das zu den Haaren passte. Einen winzigen Augenblick lang wünschte er sich, sie wäre wütend genug auf ihn, um nach ihm zu schlagen – voller Leidenschaft und Temperament, so wie die Frau, die er geküsst hatte.

Als ob sie seinen Gedanken spürte, änderte sie plötzlich ihre Taktik. Sie verlieh ihren vollen Lippen einen sinnlichen Schwung, sodass sein Blick von ihrem Mund angezogen wurde und ihn aufforderte, sie erneut zu küssen. Mit der Zungenspitze strich sie langsam über ihre Oberlippe und hinterließ dabei eine feuchte, glänzende Spur.

Sofort erinnerte er sich daran, wie sich ihr Körper angefühlt hatte. Seine Finger hatten über ihre weiche Haut gestrichen, während er selbst in Flammen zu stehen glaubte. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie wenig Abstand zwischen ihnen herrschte. Noch einen Schritt und sie würden sich wieder berühren.

Es kostete ihn enorme Anstrengung, den Blick wieder auf ihre Augen zu richten. „Das wird auch nicht funktionieren, also vergessen Sie es gleich wieder.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

Natürlich nicht. Er griff nach der Tür. „Treten Sie mal einen Schritt zurück.“

Seine Aufforderung fiel auf taube Ohren. Sie schien tief in Gedanken. „Weiß mein Vater, wie Sie mich aus dem Club geschafft haben?“

Tyler hatte sich schon gefragt, wann sie das Thema anschneiden würde. Wenn sie jedoch glaubte, sie könne das gegen ihn verwenden, dann irrte sie gewaltig. „Wollen Sie ihm sagen, wo Sie waren?“

„Weiß er das nicht?“

„Ich dachte, der Bürgermeister weiß alles, was in dieser Stadt vorgeht.“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Nein?“

Das Kräftemessen brachte die Luft zwischen ihnen zum Knistern. Als ihr Blick flüchtig auf seinen Mund fiel, wusste Tyler sofort, dass sie den Kuss genauso wenig vergessen hatte wie er. Dass sie sich seiner Nähe nur allzu bewusst war, sah er in ihren Augen. Alle Hoffnung darauf, die Ereignisse zwischen ihnen der Hitze des Augenblicks zuzuschreiben, war somit zunichtegemacht. Auch wenn er schon einmal seine Selbstkontrolle verloren hatte – ein zweites Mal würde ihm das nicht passieren.

„Steigen Sie jetzt ein, oder muss ich Sie hineinbefördern?“

„Sie können mich nicht wie eine Kriminelle behandeln“, entgegnete sie empört.

„Wollen Sie es darauf ankommen lassen?“

Sie trat einen Schritt zurück und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Tür.“

Tyler hielt sie ihr auf und gab dem Impuls nach, sich leicht zu verbeugen. „Eure Hoheit …“

Seine Einstellung war ätzend.

„Was genau ist sein Problem?“, fragte Miranda, während sie mit dem Handy am Ohr in ihrem Zimmer auf und ab lief.

„Er ist grob, anmaßend und weiß offensichtlich nicht, wo sein Platz ist“, entgegnete Crystal.

„Natürlich, aber das habe ich nicht gemeint. Er benimmt sich, als hätte ich ihn zu etwas viel Schlimmeren gezwungen, als mir eine blöde Tür zu öffnen.“

„Türen zu öffnen, ist seine Aufgabe.“

„Genau“, stimmte Miranda zu. „Das ist nur höflich.“

„Und was fällt ihm eigentlich ein, so mit dir zu reden?“

„Ganz genau!“

Da die üblichen fünf Minuten für die Schimpftirade inzwischen vergangen waren, sagte Crystal: „Können wir nun wieder aufhören, uns wie die gemeinen Zicken von der Highschool zu benehmen?“

„Jetzt schon?“

„Ja“, entgegnete Crystal bestimmt. „So warst du ohnehin nie. Jetzt hol mal tief Luft und erzähl Tante Crystal, was wirklich los ist.“

Miranda hörte auf herumzulaufen und ließ sich auf ihr Bett fallen. „Ich mag ihn nicht.“

„Freitagnacht hast du ihn gemocht“, entgegnete Crystal.

„Damals war er noch keine Mauer, die zwischen mir und …“

„All diesen Sexfantasien stand, die du am Wochenende von ihm hattest?“

Miranda verdrehte die Augen und seufzte tief. „Ich hätte mindestens drei andere Freundinnen anrufen können, die mir genau das sagen würden, was ich jetzt hören will. Und trotzdem spreche ich gerade mit dir. Warum nur?“

„Weil ich immer ehrlich zu dir bin“, gab Crystal in sachlichem Ton zurück. „Der einzige Grund, warum du ihn jetzt nicht mehr magst, ist die Tatsache, dass er die Seiten gewechselt hat. Bis heute Morgen war er ein Teil deines Traums, das zu tun, worauf du Lust hast und mit wem du willst. Jetzt ist er ein Teil des Systems, das dich gefangen hält.“

„Ich habe immer noch ein paar Tricks im Ärmel.“

„Die du von der Meisterin ihres Fachs hast.“

„Du hast einen schlechten Einfluss auf mich.“

„Genau“, bestätigte Crystal stolz.

„Was ja auch genau der Grund ist, warum mein Vater nicht gerade begeistert von dir ist.“

„Das mit der Reality-Show wird er mir niemals verzeihen, oder?“, fragte Crystal in einem Ton, der darauf schließen ließ, dass sie die Augen verdrehte. „Du warst nur etwa fünf Sekunden lang im Bild.“

„Vielleicht wäre es ja weniger schlimm gewesen, wenn ich da nicht gerade auf dem Tisch getanzt hätte.“

„Hat er etwas gegen Leute, die sich amüsieren?“

Diese Diskussion hatten sie schon oft geführt. Miranda wusste, dass Bürgermeister Kravitz seine Meinung niemals ändern würde – Crystal Harris betrachtete er als Albtraum für seine Öffentlichkeitsarbeit. Sie war reich, kannte keine Grenzen und war meistens außer Kontrolle. Zwar hatte sie sich inzwischen eine lukrative Karriere in der Prominentenwerbung aufgebaut, aber ihre Berühmtheit verdankte sie ihrem schlechten Ruf.

Miranda fühlte sich rastlos. Sie musste hier raus, zumindest für eine Weile, sonst würde sie noch ersticken. Neben dem Bett stand ein Wecker. Miranda überprüfte die Zeit. „In einer halben Stunde bin ich bei dir.“

„Schimpfst du dann weiter?“

„Vermutlich“, gab sie zu.

„Prima. Dann mache ich schon mal den Wein auf. Bis du hier bist, kann ich mir das Ganze mit zwei Gläsern Vorsprung anhören.“

Miranda setzte sich auf, steckte ihr Handy und etwas Bargeld in die Gesäßtasche ihrer Jeans und schlüpfte in ein Paar Turnschuhe. Sie band sich die Haare zum Pferdeschwanz, holte eine Baseballkappe aus der einen Kommodenschublade und eine Sonnenbrille aus der anderen. So ausstaffiert öffnete sie ihre Zimmertür und spähte in den Flur. Als sie feststellte, dass dieser leer war, machte sie sich auf den Weg.

Nicht zum ersten Mal kam ihr die Kombination aus Verstand, Beobachtungsgabe und dem ausführlichen Studium von Spionagefilmen zugute. Nur deshalb wusste sie, wann sie die Stufen hinuntergehen konnte: Erst musste sie warten, bis die Sicherheitskameras so stehen würden, dass sie den toten Winkel nutzen konnte. Ebenso wusste sie, dass ein Schichtwechsel der Sicherheitsleute die beste Zeit für eine solche Flucht war. Am Fuß der Treppe hielt sie an, um kurz durchzuatmen und zu warten, bis der letzte Klang einer knarrenden Treppenstufe verhallt war. Dann joggte sie quer durchs Foyer.

Wie gewöhnlich war auch die Küche um diese Uhrzeit verlassen.

Ein vertrautes Hochgefühl machte sich in ihr breit, als sie den kleinen Flur am anderen Ende des Raumes erreichte. Sie war jetzt verlockend nah am Ausgang und wusste, dass am Tor draußen ein Verbündeter stand. Als sie nach der Türklinke griff, ertönte plötzlich ein lautes, knackendes Geräusch, das sie erstarren ließ.

Miranda drehte sich herum und sah Detective Spielverderber. Er lehnte lässig gegen die Tür der Speisekammer und hielt einen Apfel in der Hand.

„Schön, Ihr Mission-Impossible – Outfit. Und so passend“, bestätigte er mit vollem Mund.

„Was machen Sie hier?“, fragte Miranda zähneknirschend.

„Überstunden“, gab er nonchalant zurück. „Ich dachte mir, ich behalte die Lage mal lieber im Auge, bis der Rest der neuen Sicherheitsleute auf dem aktuellen Stand ist.“

Wie dienstbeflissen von ihm.

Er hatte sein Jackett ausgezogen, die Krawatte gelockert und den Kragen seines Hemdes aufgeknöpft. Die hochgerollten Ärmel zeigten muskulöse, gebräunte Unterarme. Sehr zu ihrem Missfallen beschleunigte sich ihr Pulsschlag. Sie wollte nicht körperlich auf seine Anwesenheit reagieren, wenn sie ihn so sehr verabscheute.

„Ich frage mich gerade, ob es als zweiter Minuspunkt zählt, wenn Sie das Haus noch nicht verlassen haben.“ Er nickte ihr zu. „Ich gebe Ihnen dann Bescheid.“

Als er sich von der Wand abstieß und zur Küche hinüberging, zwang sich Miranda, eine gehässige Erwiderung zu unterdrücken. Sie hatte keinen Wutanfall mehr bekommen, seit sie acht Jahre alt war und keinen Welpen haben durfte. Nach einem Tag in seiner Gesellschaft erschien ihr die Aussicht auf einen solchen Ausbruch aber sehr verlockend. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick auf den Ausgang, seufzte tief und machte sich auf den Rückweg. Als sie die Küche betrat, stand er an der Kochinsel und blätterte beiläufig in einer Zeitung.

„Keine Verkleidung“, bemerkte er, ohne sie anzusehen. „Also wollten Sie irgendwohin, wo man Sie kennt.“ Er blätterte eine weitere Seite um. „Das grenzt es etwas ein.“

Miranda schwor sich, niemals wieder einen gut aussehenden Fremden zu küssen. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

Was sollte sie jetzt tun? Ganz bestimmt würde sie nicht in ihr Schlafzimmer zurückkehren. Sie würde auch nicht hierbleiben und sich bei einer Tasse Kaffee freundlich unterhalten, wie sie es oft mit den Teammitgliedern gemacht hatte, die sie mochte. Alles, was auch nur im Entferntesten nach Befehl klang, funktionierte bei ihm offensichtlich nicht. Und sie hatte ernsthafte Zweifel, ob ein Verhandlungsversuch ihr etwas anderes einbringen würde als eine Migräne.

„Ich wollte mir nur ein bisschen die Beine vertreten“, sagte sie, als das Schweigen langsam unangenehm wurde.

Er schüttelte den Kopf und schlug eine weitere Seite auf. „Lügen bringt Sie näher an den zweiten Minuspunkt.“

Er hob seinen Arm und warf das, was von dem Apfel übrig war, durch die Luft. Als der Apfelrest präzise in dem offenen Mülleimer am Ende der Arbeitsplatte landete, griff er nach seinem Jackett. „Kommen Sie.“

Miranda kniff die Augen zusammen. „Wo gehen wir denn hin?“

„Sie sagten doch, Sie wollten spazieren gehen, richtig?“

„Ich brauche Ihre Erlaubnis nicht.“

„Nein“, bestätigte er mit tiefer Stimme, als er sich zu ihr umdrehte. „Aber da Sie keinesfalls alleine gehen werden, begleite ich Sie entweder oder Sie kehren zurück auf Ihr Zimmer – Ihre Entscheidung.“

„Schön“, gab sie schnippisch zurück, drehte sich um und ging auf den Ausgang zu. Draußen zu sein, war besser als gar nichts. „Fühlen Sie sich aber nicht genötigt, Konversation zu betreiben.“

„Und vergessen Sie nicht, dass es das letzte Mal war, falls Sie versuchen abzuhauen“, ertönte seine tiefe Stimme hinter ihr.

Miranda blickte über die Schulter: „Abhauen?“

„Weglaufen“, übersetzte er, während er sich die Ärmel herunterrollte.

Was für ein ungewöhnlicher Ausdruck. Sie öffnete die Tür und ging nach draußen, wo sie den langsam ausklingenden Sommer genießen konnte.

Wo kam Detective Brannigan bloß her? Die stumme Frage führte zu vielen anderen. Sie wollte wissen, wie lange er schon Polizist war, wo er gearbeitet hatte, wie alt er war, ob er eine Familie hatte.

Als sie über die Einfahrt zum Rasen hinüberging, kam ihr ein weiterer Gedanke. Dass er keinen Ehering trug, bedeutete gar nichts – sie wusste nicht mal, ob er Single war. Am einfachsten wäre es, ihn direkt danach zu fragen. Allerdings ging er mit Informationen über sich nicht gerade großzügig um, wie man daran sehen konnte, dass sie seinen Vornamen immer noch nicht kannte. Falls sie aber herausfand, dass er verheiratet war, wüsste sie verschiedene Namen für ihn, und keiner davon wäre besonders schmeichelhaft.

Nun musste sie sich nur noch überlegen, wie sie ein Gespräch mit ihm beginnen konnte, nachdem sie ihn gerade angewiesen hatte, nicht zu reden.

Ausgerechnet jetzt hielt er sich zum ersten Mal an ihre Wünsche!

Mirandas Tempo war anfangs zügig, und es war offensichtlich, dass seine Gegenwart sie irritierte. Insbesondere, weil er direkt neben ihr ging, statt ein paar Schritte hinter oder vor ihr. Als sie langsamer wurde und sich aufmerksam umsah, beobachtete Tyler ihre Reaktion. Sie atmete tief ein, und ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Entweder war sie noch nie auf dem Grundstück spazieren gegangen, oder sie plante etwas. Er ging von Letzterem aus.

Ohne Vorwarnung änderte sie plötzlich die Richtung und lief zum Fluss hinunter. Dort angekommen, sah sie sich um. Ein paar Minuten später siegte seine Neugier. „Wonach suchen Sie?“

„Hm?“, gab sie abwesend zurück.

„Sie suchen doch offensichtlich etwas.“ Falls es eine Stelle war, an der sie in den Fluss springen und in die Freiheit schwimmen konnte, brauchte sie erst gar nicht daran zu denken.

„Babyrobben.“

„Was?“

„Babyrobben“, wiederholte sie. „Kleine Babys, die Mama und Papa Robbe als Zeichen ihrer Zuneigung zueinander gemacht haben. Sie sollen hier angeblich irgendwo sein“, fuhr sie fort. „Ich habe ein Bild von ihnen auf Twitter gesehen.“

„Schon klar“, antwortete er trocken. Auch wenn er selbst von Twitter wenig begeistert war, wusste er, dass sie dort viele Fans hatte. Leider war das der einzige Bereich gewesen, wo er keine Änderungen hatte vornehmen dürfen.

Aus dem Blickwinkel eines Personenschützers war es ein unnötiges Risiko, ihren Aufenthaltsort ständig der gesamten Welt mitzuteilen. Das Pressebüro ihres Vaters betrachtete ihre Online-Präsenz aber als wertvolles Publicity-Instrument. Dass er bei diesem Thema auf Granit gebissen hatte, machte ihm immer noch zu schaffen.

Allerdings nicht halb so viel wie die permanente Herumsteherei seit seinem Dienstbeginn hier.

„Ich glaube kaum, dass die Babys eine Sicherheitslücke darstellen, falls Sie sich deswegen Sorgen machen.“ Sie warf ihm erneut einen Blick zu. „Es sind doch Delfine, die Sprengstoff transportieren können, nicht wahr?“ Als er nicht antwortete, drehte sie sich zu ihm um. „Humor haben Sie wohl keinen?“

„Würde es uns Zeit sparen, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht hier bin, um Freundschaften zu schließen?“

„Das schockiert mich jetzt aber“, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Tyler kämpfte mit sich. Mit einer so gut aussehenden Frau wie ihr hätte er normalerweise längst ein wenig geflirtet. Wenn er wollte, konnte er sehr charmant sein. Aber selbst wenn man ihn hier nicht als Babysitter eingestellt hätte, waren seine Fähigkeiten doch ein wenig eingerostet. Die einfachste Erklärung dafür war, dass seine Arbeit ihm keine Zeit für Frauen ließ. Man könnte aber auch sagen, dass er keiner begegnet war, an der er seinen Charme hätte ausprobieren wollen.

„Genau mit solchen kleinen Plaudereien haben Sie es geschafft, dass die anderen wegsehen, nicht wahr?“

Sie zog eine ihrer elegant geschwungenen Augenbrauen hoch. „Worüber sprechen wir denn jetzt?“

„Ihre kleinen Abenteuer …“

„Welche Abenteuer?“

Tyler kam auf den Punkt. „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Es gibt nichts, das ich nicht über Sie weiß.“

Miranda brach in Lachen aus. „Das bezweifle ich doch sehr.“

Mühelos begann er, die relevanten Informationen aufzulisten. „Miranda Eleanor Kravitz, vierundzwanzig, geboren in Manhattan, aufgewachsen in Vermont, zurückgezogen nach New York, bevor Ihr Vater Bürgermeister wurde, als Sie siebzehn waren.“

„Sechzehn“, korrigierte sie ihn. „Die Wahlen sind im November.“

„Er trat sein Amt erst im Januar an. Ihr Geburtstag ist am 14. Dezember.“ Er fuhr fort: „Sie waren eine Einserschülerin an der Highschool und übernahmen im letzten Schuljahr eine Hauptrolle in der Bühnenproduktion von Was ihr wollt.“ Vermutlich hatte sie daher ihr schauspielerisches Talent. „Sie sprechen fließend Spanisch und Französisch und haben englische Literatur an der Universität von New York studiert. Vor Ihrem Abschluss wurden Sie dabei erwischt, wie Sie während einer Reality-Show auf dem Tisch tanzten. Zweimal haben Sie es in die Schlagzeilen geschafft – einmal, als Sie betrunken auf einer Feier mit demselben berüchtigten Partygirl aufgegriffen wurden, das …“

„Steht bei Wikipedia auch schon meine BH-Größe?“

Einen Moment lang kam der alte Tyler durch, und dessen Blick fiel automatisch auf den Ausschnitt ihres T-Shirts. „Nein, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass Sie …“

„Augen nach oben, Detective“, warnte sie ihn.

Verärgert, dass er sich hatte provozieren lassen, machte Tyler einen Schritt zurück. „Die Überprüfung, die ich vor meinem Dienstantritt durchgeführt habe, erstreckte sich nicht nur darauf, Ihren Namen zu googeln. Ich habe mit jedem Ihrer Bodyguards gesprochen, und ich weiß genau, wie Sie ticken. Es gibt keinen Fluchtweg, den ich nicht verbaut habe, und keinen früheren Komplizen, der nicht versetzt wurde. Der Mann am Tor ist auch neu, deshalb wären Sie heute Abend nicht sehr weit gekommen. Sie haben unter den Sicherheitsleuten keine Freunde mehr. Stattdessen haben Sie lauter Männer, die ihren Job machen, und sich schnell im Streifendienst wiederfinden, wenn sie es nicht tun.“

In ihren Augen funkelten goldene Lichter, als sie herausfordernd fragte: „Was ist Ihr Problem?“

„Bis Sie verstanden haben, dass Sie ohne mich oder einen anderen Sicherheitsbeamten nirgendwo hingehen, sind Sie es.“

„Sie sind nicht mein Aufseher.“

Tyler ging um sie herum. „Offensichtlich war man aber der Meinung, dass Sie einen brauchen, sonst wäre ich ja nicht hier.“

„Wer ist ‚man‘?“, fragte sie, während sie ihm folgte.

„Was glauben Sie denn?“

Sie murmelte etwas Unverständliches, aber dem Ton nach zu urteilen, war es nichts, was sie beim Studium der englischen Literatur gelernt hatte.

Als er stehen blieb und sich umdrehte, musste sie einen Schritt zurückgehen, um nicht mit ihm zusammenzustoßen.

„So kurz vor den Wahlen sind Sie ein Risiko“, erklärte er ihr direkt. „Vor drei Wochen zum Beispiel wurden Sie in einer Bar fotografiert. Und zwar genau in dem Augenblick, als Ihnen ein Fremder nach einem Tequila das Salz vom Hals leckte. Es mussten einige sehr große Gefallen eingefordert werden, um diese Bilder aus der Presse herauszuhalten.“

„Dann ist es ja gut, dass Freitagnacht niemand mit einer Kamera da war, nicht wahr?“

Als sie sich umdrehte und zum Haus zurücklief, ließ Tyler ihr ein paar Schritte Vorsprung. Er musste sich erst einmal sammeln. Ihr letzter Satz hatte genau ins Schwarze getroffen. Was ihm aber richtig zu schaffen machte, war die Gleichgültigkeit in ihrer Stimme. Schließlich hatte er nicht allein in diesem Flur fast die Kontrolle verloren. Die Andeutung, dass er lediglich ein weiterer Typ in einer Reihe von Kerlen war, die Salz von ihrem Hals lecken durften, ärgerte ihn mehr, als es sollte.

Am liebsten wäre er zu ihr hinübergegangen, um ihr zu beweisen, dass sie falsch lag. Ein Brannigan schreckte niemals vor einer Herausforderung zurück. Leider gab es in seiner Familie auch ein ebenso starkes Ehr- wie Pflichtgefühl. Und während er wusste, dass er kurz davorstand, die eine Verhaltensregel zu brechen, musste er die andere unbedingt aufrechterhalten. Falls er das nicht schaffte, wäre kaum noch etwas von dem Mann übrig, der er einmal gewesen war.

„Gehen Sie nach Hause, Detective“, verlangte sie, als sie die Küche wieder betraten.

„Das kann ich nicht.“

Ihre blitzenden Augen ließen erkennen, wie wütend sie war. Aber sofort hatte sie sich wieder im Griff. „Schließen wir einen Deal.“

„Welche Art von Deal?“

„Ich verspreche Ihnen, dass ich heute Nacht in meinem Zimmer bleiben werde. Sie müssen also nicht vor meiner Tür kampieren.“ Sie warf ihm einen teilnahmslosen Blick zu. „Vielleicht hilft Ihnen der Schlaf mit all der Spannung, die Sie mit sich herum­tragen …“

Tyler bedachte sie mit seinem bewährten Verhörblick, der ausdrückte, dass nur ein Atomkrieg seinen Standpunkt ändern würde. „Was ist der Haken?“

Sie schüttelte den Kopf. „Kein Haken.“

„Was haben Sie davon?“

„Außer einer Atempause von Ihnen?“

Der Gedanke, dass er ihr ebenfalls unter die Haut ging, sorgte doch gleich wieder für ausgewogene Bedingungen. Dahinter musste aber noch mehr stecken. „Sie wollen doch etwas.“

„Den Weltfrieden, ein Ende der Armut, Freiheit und Gerechtigkeit für alle … Ich möchte viele Dinge, Detective. Aber momentan reicht mir Ihr Name.“

Was hatte sie nur ständig mit seinem Namen? Er durchdachte sämtliche Tricks, die sie möglicherweise versuchen könnte, aber es fiel ihm nichts ein. Instinktiv wusste er jedoch, dass sie etwas plante. Allerdings war das kein Problem, er konnte dieses Spiel noch länger spielen. Und wenn er ihr nur seinen Namen nennen musste, damit er ein paar Stunden aufhören konnte, herumzustehen und Däumchen zu drehen …

„Tyler.“

„Tyler“, wiederholte sie in einer tieferen Stimmlage, als wolle sie testen, wie sich der Name auf ihren Lippen anfühlte.

Ihn aus ihrem Mund zu hören, hatte eine nahezu hypnotische Wirkung auf ihn. Die Minuten vergingen, während sie ihn nachdenklich betrachtete. Er war noch dabei herauszufinden, warum sein Blut auf einmal die Konsistenz von Magma zu haben schien, obwohl sie nichts offenkundig Verführerisches getan hatte, als sie blinzelte und sich umdrehte.

„Wir sehen uns morgen früh, Tyler.“

„Wenn Sie dieses Haus verlassen, erfahre ich es innerhalb von fünf Sekunden.“

Sie hob den Arm und winkte. „Gute Nacht.“

Nachdem sie gegangen war, blieb Tyler reglos stehen und versuchte, sich darüber klar zu werden, ob er ihr vertrauen konnte. Sein Wort galt etwas – zumindest war das früher so gewesen. Bei ihr war er sich da nicht so sicher. Plötzlich klingelte sein Handy.

„Brannigan.“

„Na, wie ist es bei der Stadtversion vom Secret Service?“

Die Stimme seines Partners holte ihn in die Realität zurück. „Frag lieber nicht“, entgegnete er, während er die Küche verließ und zum Kontrollraum hinüberging. „Hast du was Neues für mich?“

„Es gab keine DNA-Treffer in der Datenbank.“

„Um uns das zu sagen, haben die einen ganzen Monat gebraucht?“

„Vom Labor bestätigt …“

„Was ist mit den bekannten Komplizen?“

„Dazu habe ich vermutlich bessere Neuigkeiten.“

Tyler antwortete kurz angebunden: „Heb sie dir auf. Wir treffen uns um neun im O’Malley’s.“

„Falls meine Frau sich demnächst scheiden lässt, bist du daran schuld.“

„Weil mir alle deine Kinder so ähnlich sehen?“

Diese Antwort begleitete Tyler mit einem zögerlichen Hochziehen seiner Mundwinkel. Das war das, was einem Lächeln bei ihm inzwischen am nächsten kam. Es zermürbte ihn, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wenn er von Bekannten umgeben war. Unter diesem Aspekt war der Tag, den er mit der Tochter des Bürgermeisters verbracht hatte, eine willkommene Atempause gewesen.

Er musste lediglich seine Reaktion auf sie in den Griff bekommen.

Vor dem Raum mit den Sicherheitsmonitoren blieb er kurz stehen. Aus dem Inneren hörte er die Stimmen der Männer, deren Anwesenheit bedeutete, dass er sie nicht ohne Schutz zurückließ.

Es gab keinen Grund für ihn, sich hin- und hergerissen zu fühlen.

Miranda Kravitz war von einer kleinen Armee umgeben. Obwohl die Männer sie nicht immer aus Schwierigkeiten herausgehalten hatten, verfügten sie über viel Erfahrung darin, Miranda vor der Welt außerhalb der Villa zu beschützen.

Falls sie ihr Wort brach, würde sie die Konsequenzen tragen müssen. Dafür würde er sorgen.

Wenn sie glaubte, dass er an seinem ersten Tag streng mit ihr umgegangen wäre, dann hatte sie keine Ahnung, wie rücksichtslos er sich wirklich verhalten konnte.

3. KAPITEL

Die kleinen Siege, die sie ihm abgerungen hatte, als er ein Gespräch begonnen und ihr seinen Namen verraten hatte, reichten Miranda aus, um ihm eine Pause zu gönnen. Sie würde ihr Wort halten. Außerdem hatte er ihr ein anderes Ziel für ihre Wut geliefert. Nach einer Nacht in erzwungener Gefangenschaft war sie bereit, für ihre Rechte zu kämpfen.

Als sie das Frühstückszimmer ohne Anklopfen betrat, blickten zwei Augenpaare auf. „Könnten Sie uns bitte einen Moment allein lassen, Roger?“ Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, holte Miranda tief Luft. „Ich lasse mich hier nicht wie eine Gefangene halten.“

„Setz dich, meine Liebe.“

„Ich möchte mich nicht setzen“, entgegnete sie, ohne sich auch nur zu rühren. „Was ich möchte, ist, wie eine Erwachsene behandelt zu werden.“

„Natürlich, sobald du dich wie eine benimmst“, gab ihre Mutter mit der schier grenzenlosen Geduld zurück, die ihre Tochter wahnsinnig machte. „Jetzt setz dich hin und erzähl mir, was los ist.“

„Du wusstest davon, nicht wahr?“

„Wovon?“

„Von den Veränderungen in meinem Sicherheitsteam.“

„Das ist ja nun nicht die erste Personalveränderung, seit wir hier wohnen.“ Ihre Mutter zog eine Augenbraue in die Höhe. „Glaubst du nicht, dass du da ein wenig überreagierst?“

„Wenn der neue Bodyguard extra geholt wurde, um mich vor peinlichen Situationen zu bewahren, damit ich euch während des Wahlkampfs nicht blamiere?“

„Nun ja, zweifellos würden wir es vorziehen, jede Art von negativer Publicity so kurz vor …“

„Ich weiß sehr genau über die Verpflichtungen Bescheid, die mir seit meiner Jugend auferlegt wurden, Mutter. Ich brauche keine zusätzlichen Ermahnungen.“

„Und trotzdem wird deinem Vater und mir immer häufiger über deine kleinen Rebellionen berichtet.“ Sie faltete graziös die Hände. „Wir wurden gewählt, um als gutes Beispiel voranzugehen. Die Leute erwarten mehr von dieser Familie. Das ist unser Leben.“

„Nicht wir wurden gewählt“, entgegnete Miranda. „Sondern Daddy. Ich habe nicht für ein Amt kandidiert, und ich wurde auch nicht in die Position eurer Tochter gewählt. Zählt die Tatsache, dass ich die Hälfte meines Lebens als jemand anderes gelebt habe, denn überhaupt nicht?“

„Ob es dir nun gefällt oder nicht, du bist immer noch die Tochter des Bürgermeisters. Das wird seine letzte Amtsperiode, und …“

Falls er gewählt wird, oder setzen wir das schon voraus? Nur weil man tonnenweise Geld in einen Wahlkampf investiert, ist damit nicht automatisch eine Erfolgsgarantie verbunden.“

„Wir sind eine Familie, Miranda. Wir halten zusammen. Sobald die Wahl vorbei ist …“

Miranda lachte sarkastisch. „Was erwartest du von mir? Dass ich mich gedulde, bis er die Gerüchte um eine Kandidatur als Gouverneur bestätigt? Und warum sollte das schon die Endstation sein? Was ist denn mit dem Weißen Haus?“

„Das ist die Entscheidung deines Vaters.“

„Und wie ich mein Leben führen will, ist meine Entscheidung. Wenn ihr möchtet, dass ich mich wie eine Erwachsene benehme, müsst ihr mir auch erlauben, eine zu sein. Wie soll ich denn aus meinen Fehlern lernen, wenn ich keine machen darf?“

„Deine Argumentation wäre vielleicht überzeugender, wenn es dafür Belege gäbe. Auf der Universität haben wir dir mehr Freiheiten gelassen, und du hast uns unser Vertrauen gedankt, indem dein Foto in mehreren Klatschblättern erschien.“

Mirandas Frustration wuchs. „Ich tanze gerne, und ich habe mich betrunken, als ich einundzwanzig wurde – wie jeder andere amerikanische Collegestudent. Ich hätte auch an Wet-T-Shirt-Wettbewerben teilnehmen oder bei Studentenprotesten verhaftet werden können. Ich hätte mit Drogen experimentieren oder mit Männern schlafen können, die nur zu gern alle Einzelheiten an die Presse verkauft hätten. Dass ich das nicht getan habe, zählt aber genauso wenig wie meine langen Arbeitstage. Habt ihr euch schon einmal überlegt, dass ihr durch die Umwandlung dieses Hauses in Alcatraz eine Flucht erst erforderlich macht? Was glaubst du wohl, warum Richie am anderen Ende des Landes aufs College geht?“ Herausfordernd sah sie ihre Mutter an.

„Es besteht keine Notwendigkeit, deine Stimme zu erheben. Wenn du lernen würdest, deine Argumente vernünftig und ruhig vorzubringen, so wie dein Bruder …“

Miranda schüttelte den Kopf. Ganz egal, wie oft sie versuchte, mit ihrer Mutter zu sprechen, jedes Mal fühlte sie sich danach wie ein launischer Teenager. In Wahrheit kannten ihre Eltern den Sohn kein bisschen besser als die Tochter. Während sie an zahllosen Geschäftsbesprechungen und Wohltätigkeitsveranstaltungen sowie Treffen mit Förderern der politischen Karriere ihres Vaters teilgenommen hatten, war ihre Tochter zu einer Ersatzmutter geworden.

Sie hatte ihrem kleinen Bruder Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen und dafür gesorgt, dass er seine Hausaufgaben machte. Sie hatte ihm Pflaster auf seine Schürfwunden geklebt, Zeichentrickfilme mit ihm geschaut, wenn er krank war, und seine Hand gehalten, als sie sich einer Welt voller neugieriger Blicke stellen mussten.

Aber niemand hatte das für sie getan.

„Mir reicht’s“, erklärte sie matt. „Ich bleibe noch bis zur Wahl, aber sobald die Stimmen ausgezählt sind, bin ich weg. Keine öffentlichen Auftritte mehr, kein Lächeln für die Fotografen und kein Bodyguard, der mir überallhin folgt. Ich wollte von Anfang an keinen, und ich sehe nicht ein, warum die Steuerzahler darunter leiden sollen, dass meine überfürsorglichen Eltern jeden einzelnen meiner Schritte kontrollieren wollen.“

Zwar brach sie damit den Pakt, den sie mit ihrem Bruder geschlossen hatte, aber das war nicht zu ändern. Die nächsten acht Monate kamen ihr sowieso schon vor wie lebenslänglich.

Als sie sich umdrehte, hörte sie einen tiefen Seufzer. „Miranda …“

„Ich komme zu spät zu meinem ersten Termin.“ Als sie die Tür aufriss und den Flur betrat, blickte sie direkt in kobaltblaue Augen.

Mirandas Atem stockte. Tyler.

Ihr Herz klopfte immer noch wegen der längst überfälligen Konfrontation mit ihrer Mutter, und sie hatte dieselben Schwierigkeiten wie beim letzten Mal, als sein Name in ihr widerhallte. Sie konnte die Augen nicht abwenden, war wie zu Stein erstarrt, und ihr Kopf schien völlig leer.

Er brach den Zauber und hielt ihr ein Blatt Papier hin. „Ich habe Grace versprochen, Ihnen das hier zu geben.“

„Danke.“ Sie nahm das Blatt mit der einen Hand, schloss die Tür mit der anderen und überflog dann den Plan.

„Lassen Sie es mich wissen, falls Sie bei den langen Wörtern Hilfe brauchen.“

Der Kommentar veranlasste sie zu einem warnenden Blick in seine Richtung, aber als Miranda zu ihrem Zimmer ging, passierte etwas Unerwartetes: Sie lächelte.

Unbewusst hatte er ihr genau das gegeben, was sie brauchte, um den Tag durchzustehen. Zusammen mit der Gewissheit, dass ihr Entlassungsdatum näher rückte, verlieh es ihrem Schritt einen Schwung, der vorher nicht da gewesen war.

Tyler war unruhig.

Normalerweise bedeutete das, dass er etwas übersehen hatte – einen Hinweis oder einen Teil des Puzzles, der nicht ganz passte. Dass Miranda wieder versuchen würde, ihm zu entwischen, war keine Frage. Was er jedoch nicht verstand – warum fühlte es sich plötzlich falsch an, sich ihr in den Weg zu stellen?

Vermutlich hatte es etwas damit zu tun, was er an diesem Morgen durch die Tür gehört hatte. Dass sie ursprünglich gar keinen Bodyguard gewollt hatte, verbesserte seine Meinung von ihr ein wenig, selbst wenn sie fälschlicherweise glaubte, keinen zu brauchen. Aber schließlich wusste sie auch nicht, was er wusste …

Tyler ließ seinen Blick durch den Raum wandern, doch von den Kindern und Lehrern drohte offensichtlich keine Gefahr auszugehen. Er beobachtete Miranda ganz genau, von ihrer Begrüßung bis hin zu den Gesprächen, die sie mit den Kleinen an mehreren Tischen führte. Sie beugte sich herunter, stellte ihnen Fragen und hörte aufmerksam zu. Hin und wieder strich sie über zerzauste Haare und lächelte strahlend.

Als der Direktor einige Methoden erläuterte, die den Kindern helfen sollten, sich besser zu konzentrieren, schien Mirandas Aufmerksamkeit ironischerweise abzuschweifen. Sie entdeckte offenbar etwas in einer Ecke des Zimmers, und Tyler folgte ihrem Blick.

Dort saß ein kleines Mädchen mit blonden Haaren, das sich für die Vorgänge im Raum nicht zu interessieren schien. Anstatt auf den allgemeinen Trubel zu achten, war sie damit beschäftigt, das vor ihr liegende Bild auszumalen.

Miranda ging zu der Kleinen hinüber und hockte sich neben sie.

„Hallo.“

Keine Reaktion.

„Kann ich mich vielleicht einen Moment zu dir setzen? Meine Füße tun ganz schön weh in diesen Schuhen.“

Wiederum keine Antwort.

Trotz ihres teuren Outfits setzte sich Miranda auf den Boden. „Das ist aber ein schönes Bild. Ich mag Blumen. Rosa ist meine Lieblingsfarbe.“

Das Mädchen zögerte einen Moment, griff nach einem rosa Buntstift und hielt ihn Miranda hin.

Die Geste wurde durch ein unglaublich sanftes Lächeln erwidert. „Ist der für mich?“

Ein Nicken.

„Bist du sicher? Mir fällt es manchmal schwer, die Linien einzuhalten.“

Tyler fand, dass das die ehrlichste Aussage war, die er bisher von ihr gehört hatte. Einen Augenblick lang glaubte er, einen flüchtigen Eindruck von ihrem wahren Ich erhalten zu haben.

Sie nahm den Buntstift, strich ihr Haar zurück und sah auf das Bild. „Welche soll ich ausmalen?“ Das Mädchen deutete auf die entsprechende Stelle. „Ok, ich werde mich bemühen, dein Bild nicht zu verderben.“

Tyler betrachtete die Erwachsenen, die gefesselt beobachteten, was Miranda gerade tat. Zweifellos würde keiner von ihnen diesen Moment vergessen, ehe die Stimmzettel ausgefüllt waren. Sie würden den Namen ihres Vaters sehen und sofort an sie denken. Und vielleicht sogar das Kästchen neben seinem Namen ankreuzen, wenn sie vorher noch unschlüssig gewesen waren.

Er hatte die New Yorker für cleverer gehalten.

Tyler wandte den Blick ab und stellte fest, dass ein kleiner Junge in seiner Nähe große Augen machte und auf seine Hüfte starrte. Tyler zog sein Jackett zusammen, um die Waffe zu verbergen. Er sah auf die Uhr. Es war fast Zeit zu gehen. Er blickte wieder zu Miranda und wartete auf eine günstige Gelegenheit, um Augenkontakt mit ihr aufzunehmen.

„Wie heißt du?“

„Casey.“

„Ich heiße Miranda. Warum sitzt du hier ganz allein, Casey? Möchtest du nicht bei deinen Freunden sitzen?“

„An meinem Tisch sitzen nur Jungs“, erklärte sie mit der typischen Logik ihrer Altersklasse.

„Manche Jungen können nett sein.“

„Manche sind aber gemein.“

„Ja, da hast du recht.“ Es war Miranda anzumerken, dass sie versuchte, ihre Belustigung zu verbergen, als sie ihm einen vielsagenden Blick zuwarf.

Er verzog die Mundwinkel, um ihr zu zeigen, dass er die Botschaft verstanden hatte. Dann tippte er auf seine Uhr. Tick-tack, Prinzessin.

„Ich muss jetzt leider gehen, Casey“, sagte sie bedauernd, ehe sich ihr Gesicht zu einem Lächeln verzog. „Aber ich habe mich sehr gefreut, dich kennenzulernen. Danke, dass ich dir beim Ausmalen helfen durfte.“

„Geht es deinen Füßen besser?“

„Viel besser, danke.“ Sie stand auf und glättete mit den Händen ihre Hose. Fragend sah sie auf das Blatt Papier, das Casey hochhielt. „Ich darf es mitnehmen?“

„Du kannst es zu Hause fertig malen.“

„Das verspreche ich dir. Tschüss, Casey.“

„Tschüss, Miranda.“

Sie winkte dem Rest der Klasse zu. „Tschüss, Kinder. Danke, dass ich euch heute besuchen durfte. Ich freue mich schon darauf, dem Bürgermeister zu berichten, wie gut ihr alle in der Schule seid.“

Tyler ging in den Flur voraus, während sie noch im Chor verabschiedet wurde. Er hob seine Faust, in der das Mikrofon versteckt war, an den Mund und sprach leise hinein.

„Brannigan an Rand, der Vogel fliegt los.“

Die Antwort kam prompt über den Kopfhörer: „Roger – wir gehen zum Ausgang.“

Als sie sich dem Haupteingang näherten, blendete Tyler die Gespräche um sich herum aus und schaltete auf Alarmbereitschaft. Bei ihrer Ankunft hatte draußen eine kleine Gruppe Eltern gewartet, aber inzwischen konnten es durchaus mehr sein. Während die anderen im Foyer anhielten, ging er voraus zur Tür, um das zu überprüfen. Was er entdeckte, verstärkte seine Konzentration zusätzlich. Eins musste man der Frau lassen, sie war ein Publikumsmagnet.

Als sie sich verabschiedet hatte und zu ihm herüberkam, ging er hinaus. Sein Blick war immer auf die Menge gerichtet, während er ein paar Schritte vor ihr herging. Er suchte nach jemandem, der herausstach, dessen Taten und Verhalten sich von dem der anderen unterschied. Während sie auf dem Weg zu Officer Lewis den Menschen zuwinkte oder stehen blieb, um Hände zu schütteln, machte Tyler Dutzende geistige Schnappschüsse. Ein paar Minuten später ging in seinem Kopf eine Alarmglocke los.

Am hinteren Ende der Menschenmenge stand ein Mann, der weder lächelte noch etwas rief. Er sah blass und unauffällig aus – wie jemand, der sich immer im Hintergrund hält. Dunkle Haare, etwa eins fünfundachtzig groß, Baseballkappe mit einem ausgeblichenen Löwenlogo – daran war nichts ungewöhnlich. Was ihn aus der Menge herausstechen ließ, war jedoch der Blick, mit dem er Miranda fixierte – als wäre sie das Einzige, was er sah.

Plötzlich war sich Tyler überdeutlich jeder Hand bewusst, die nach ihr griff. Er versuchte das Gewicht der Körper abzuschätzen, die sich gegen die Absperrung pressten, und registrierte die flatternden Spruchbänder, die möglicherweise Gefahren in der Menge verdeckten.

Es war egal, dass sich der Mann hinter der Menge bisher nicht bewegt hatte. Tyler konnte nichts riskieren.

Er ging hinüber zu Miranda, legte ihr leicht eine Hand auf den Rücken und flüsterte ihr ins Ohr: „Sie müssen jetzt gehen.“

Sie erstarrte. „Warum?“

„Tun Sie’s einfach.“ Er verstärkte den Druck auf ihren Rücken, um seiner Aufforderung mehr Gewicht zu verleihen.

Er rechnete es ihr hoch an, wie sie mit der Situation umging. Sie lächelte und winkte, während er sie sanft in Richtung des wartenden Autos und in Sicherheit schob. Lewis Rand öffnete die hintere Tür und sah sich um.

„Probleme?“, fragte er, als Miranda eingestiegen war.

„Da ist ein Typ auf sechs Uhr, hinter der Menge.“

Lewis blickte über Tylers Schulter. „Welcher?“

„Blass, Brille, Baseballkappe.“

„Ich sehe ihn nicht.“

Tyler wandte sich um und spähte über die Menge hinweg. Der Mann war verschwunden.

„Gehen wir.“

„Was ist los?“, fragte Miranda, als Tyler sich hinter das Lenkrad setzte.

Er beobachtete im Rückspiegel, wie Lewis um das Auto zum Beifahrersitz ging. „Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssen.“

„Netter Versuch.“ Zu seiner Überraschung wurde ihre Stimme sanft. „Ich habe Ihren Gesichtsausdruck gesehen, Tyler, und …“

„Wir haben einen Zeitplan, den wir einhalten müssen“, unterbrach er sie mit gepresster Stimme, als sich die Beifahrertür öffnete. Tylers und Mirandas Blicke trafen sich im Rückspiegel, und einen Moment lang schien es so etwas wie ein stillschweigendes Übereinkommen zu geben, ehe sie kurz zu Lewis sah.

„Sie sind ja noch besessener von meinem Terminplan als Grace“.

Weil sie das Thema vor seinem Kollegen nicht weiter verfolgte, vermittelte sie ihm das Gefühl, dass sie ihn beschützte – was Tyler überhaupt nicht passte. Während er sie nach Manhattan zurückfuhr, versuchte er, tief und ruhig zu atmen. Dass sich sein Puls noch nicht normalisiert hatte, als sie die Brooklyn Bridge erreichten, war nichts Ungewöhnliches. Nach solchen Situationen brauchte sein Adrenalinspiegel etwas Zeit, bis er sein gewohntes Niveau erreicht hatte.

Trotzdem war es heute anders als sonst.

Und den Grund dafür wollte er lieber gar nicht wissen.

Miranda hatte sich darauf gefreut, mit ihrem neuen Gefängniswärter einige Zeit allein zu sein. Schließlich wollte sie weiterhin testen, wer bei ihrem geheimen Kräftemessen die Oberhand hatte. Die Anwesenheit eines zweiten Bodyguards passte also überhaupt nicht in ihre Pläne. Als Lewis sich am späten Nachmittag verabschiedete, atmete sie erleichtert auf. Endlich konnte sie die Frage stellen, die ihr seit dem Vorfall vom Morgen auf der Zunge lag. Sie hatten kaum die Einfahrt des Rathauses verlassen, als sie Tyler im Rückspiegel fixierte und das Thema anschnitt.

„Was ist heute Morgen passiert?“

„Ich habe doch gesagt, dass Sie sich darüber keine Sorgen machen sollen.“

Miranda starrte frustriert auf sein Spiegelbild. „Ich habe nichts dazu gesagt, solange Lewis dabei war“, erinnerte sie ihn. „Aber ich habe Ihren Gesichtsausdruck gesehen, und Sie waren über etwas erschrocken.“

„Ich war nicht erschrocken.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich weiß, was ich gesehen habe.“

Miranda wurde immer frustrierter. „Diese Masche von wegen böse, launisch und mysteriös, die Sie hier abziehen, wird bei mir nicht funktionieren. Wenn Sie ein Vertrauensverhältnis wollen, müssen beide etwas dafür tun.“

„Wenn ich der Meinung bin, dass Sie etwas erfahren müssen, werden Sie es.“

Sie fragte sich, warum sie ihre Zeit damit verschwendet hatte, sich Sorgen um ihn zu machen. Trotz seines Leugnens, dass er erschrocken gewesen war, fiel Miranda kein besseres Wort dafür ein.

Da sie gerade durch ein Gespräch abgelenkt gewesen war, hatte sie Tyler nicht kommen sehen. Sie konnte immer noch den Druck und die Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken spüren. Seine Stimme so nah an ihrem Ohr zu hören, hatte ein elektrisierendes Gefühl durch ihren Körper gejagt. Er würde niemals erfahren, wie viel Willenskraft sie hatte aufbringen müssen, um sich nichts anmerken zu lassen.

Als sich ihre Blicke danach im Spiegel getroffen hatten, war sie von einer stillschweigenden Abmachung ausgegangen und hatte das Thema vorerst fallenlassen.

Aber nun hatte er ihr Friedensangebot abgelehnt. Jetzt würde er die Konsequenzen tragen müssen.

Sie suchte in ihrer Tasche nach der Sonnenbrille und verbarg ihre Augen dahinter, während sie überlegte, womit sie ihn ärgern konnte.

4. KAPITEL

Wie allen anderen Männern fielen Tyler eine Million Dinge ein, die er lieber tun würde, als wartend herumzusitzen, während eine Frau einkaufte. Dass sie offenbar die Notwendigkeit sah, ihm jedes Outfit vorzuführen, machte es noch schlimmer. Dadurch war er gezwungen, sich wieder und wieder ihren Körper anzusehen.

Er saß in einem Samtsessel, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte auf den cremefarbenen Teppich, während er sich innerlich für die nächste Prüfung seiner Selbstbeherrschung wappnete.

„Vielleicht ist hier der Ausschnitt ein bisschen zu tief“, verkündete ihre Stimme hinter dem Vorhang.

Obwohl er für ihre Warnung dankbar war, holte er tief Luft und atmete langsam aus. Falls sie anfing, Unterwäsche vorzuführen, würde er kalt duschen müssen. Als sie den Vorhang öffnete, blickte er schicksalsergeben hoch.

Ein bisschen zu tief, hatte sie gesagt?

Das verdammte Ding reichte ihr praktisch bis zum Bauchnabel.

Das schwarze bodenlange Kleid ohne Ärmel hätte ihr genauso gut auf den Körper gemalt sein können. Es vermochte kaum die Wölbungen ihrer spektakulären Brüste zu verkraften.

Sie stützte ihre Hände in die Hüften und warf sich in eine Komm-und-hol-mich-Pose. „Wie gefällt es Ihnen?“

Er empfand es als ziemlich schwierig, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn das Blut aus seinem Gehirn gerade in einen anderen Teil seines Körpers strömte – der zudem so schmerzhaft hart war, dass er ein Stöhnen unterdrücken musste.

Er räusperte sich lautlos und zwang sich zu einer Antwort. „Es ist nett.“

„Nett?“

Tyler runzelte die Stirn. „Was wollen Sie denn von mir hören?“

„Alles außer ‚nett‘, ‚schön‘ oder ‚nicht schlecht‘ wäre mal eine Abwechslung.“ Sie holte tief Luft, wodurch ihre Brüste nach vorne gepresst wurden und Tyler um seine geistige Gesundheit fürchten musste. Dann beugte sie sich vor und wackelte mit den Schultern. „Ich mache mir Sorgen, dass es vielleicht verrutschen könnte.“

Tyler setzte sich aufrecht hin und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. „Wie lange müssen wir das hier noch machen?“

Miranda umfasste ihre Brüste mit beiden Händen, während sie sich aufrichtete. Als sie ihm ins Gesicht blickte, hatte Tyler bereits die Hände in den Schoß legen müssen, um den Beweis dafür, was sie mit ihm anstellte, zu verstecken.

„Solange es eben dauert, das zu kriegen, was ich will …“ Sie lächelte aufreizend und zuckte mit den Schultern. „Das hier ist nicht ohne Grund der letzte Termin des Tages. Der Laden hat extra für mich länger geöffnet. Ich liebe es nun mal, einkaufen zu gehen.“ Sie drehte sich um, warf ihm einen Blick über die Schulter zu und fragte: „Wie sieht es von hinten aus?“

Nach unendlich viel makellos gebräunter Haut, die er berühren wollte, um herauszufinden, ob sie so weich war, wie sie schien. Er würde mit seinen Händen beginnen und deren Spur dann mit seiner Zunge folgen. Er würde sanft auf die feuchte Haut blasen, bis sie eine Gänsehaut bekam, während er ihren Rock hochschob …

„Ich wollte nicht, dass man Abdrücke sieht, deshalb trage ich keine Unterwäsche darunter.“

Tyler fluchte innerlich. Er biss seine Zähne so fest zusammen, dass er glaubte, den Zahnschmelz knacken zu hören. „Zu welchem Anlass wollen Sie das denn tragen?“, presste er hervor.

„Meinen Sie, für öffentliche Auftritte ist es eher ungeeignet?“ Sie ging hinüber zu der mit Spiegeln verkleideten Ecke, sodass er nun gleichzeitig ihre Vorder- und Rückseite sehen konnte. „Sie haben vermutlich recht. Etwas Privateres wäre besser. Mit intimer Atmosphäre und sinnlicher Musik …“ Sie schloss die Augen und bewegte sich verführerisch. „Mmm …“ Mit den Händen zeichnete sie ihre Silhouette von der Hüfte bis zur Taille nach. Dann blieb sie plötzlich reglos stehen und öffnete die Augen. „Ich glaube, ich nehme es.“

Als sie in die Umkleidekabine zurückging, blickte Tyler in Richtung Zimmerdecke und fragte sich, was er getan hatte, um sie zu verdienen. Hatte er nicht schon genug Probleme? Auch wenn er es auf wundersame Weise geschafft hatte, seine Sorgen vorübergehend aus seinen Gedanken zu verbannen, waren sie doch nicht verschwunden. Vermutlich sollte er dankbar sein, dass Miranda keinen erneuten Fluchtversuch unternommen hatte. Allerdings war das kein Lichtstreifen am Horizont, solange sie ihn dafür bestrafte, dass er ihr nichts über die Vorkommnisse vor der Schule erzählt hatte.

Die Tür zu seiner Linken öffnete sich, und die Verkäuferin, die bereits zuvor eine ganze Stange voller Kleidungsstücke gebracht hatte, rollte eine weitere herein.

„Wie kommt sie voran?“, fragte sie lächelnd.

„Langsam.“

Seine Antwort löste ein Lachen aus. „In dieser Stadt wird man keine Modeikone, wenn man nicht viele Stunden in die Vorbereitung investiert.“

Da er von Mode nichts verstand, musste Tyler ihr wohl glauben.

„Ist das Janice mit dem Nachschub?“, fragte eine Stimme hinter dem Vorhang.

„Ja, hier ist er“, gab Janice zurück. „Kann ich reinkommen?“

„Natürlich. Wenn Sie nicht zurückgekommen wären, hätte ich meinen Bodyguard bitten müssen, den Reißverschluss aufzu­machen.“

Während die beiden Frauen hinter dem Vorhang miteinander redeten, stand Tyler auf und ging umher. Nach der dritten Runde griff er in seine Tasche und holte das Handy hervor, um seinen Partner anzurufen.

„Ich bin in der Hölle gelandet.“

„Wird dir die kleine Tochter des Bürgermeisters etwa zu viel?“

„Sie ist shoppen.“

„Du hast mein Mitgefühl.“

„Könntest du das auch sagen, ohne so belustigt zu klingen?“ Er ging hinüber zur anderen Seite des Raumes und warf einen Blick auf den Vorhang. „Gib mir ein paar gute Neuigkeiten über den Fall, okay, sonst nehme ich dir deine Schadenfreude übel.“

Während sein Partner ihn auf den aktuellen Stand brachte, drehte Tyler der Umkleide den Rücken zu. Erst als er sein Gespräch beendet hatte, bemerkte er die plötzliche Stille.

Sofort durchquerte er den Raum, warf alle Zurückhaltung über Bord und riss den Vorhang auf.

„Verdammte Sch…“

„Was glaubst du, wie sauer er sein wird, wenn er dich aufspürt?“

Miranda zuckte die Schultern und machte es sich in einem der Sessel im eleganten Waldorf Astoria bequem. „Das ist mir egal. Er hat es verdient.“

Sie erwähnte nicht, dass sie noch nie jemanden getroffen hatte, der sie in der einen Minute fast in den Wahnsinn trieb, ihr in der nächsten aber das Gefühl gab, sie hätte Fieber. Nie zuvor hatte sie sich so provokant verhalten. Sie hatte ihn voller Absicht an die Grenzen seiner Selbstkontrolle getrieben. Es war ein gefährliches Spiel. Aber hatte sie das abhalten können? Oh nein.

„Hast du denn keine Schuldgefühle, dass er Schwierigkeiten bekommen könnte, weil er dich verloren hat?“

„Nicht, bevor du es erwähnt hast, danke.“

Crystal nahm eine der Teetassen von dem kleinen Tischchen zwischen ihnen. „Dein Gewissen war schon immer ein Problem. Daran müssen wir noch arbeiten.“

Miranda versuchte, sich davon zu überzeugen, dass sie das Foyer nicht beobachtete, weil sie auf Tylers Ankunft wartete. Wenn dieser blöde Mann sich endlich entscheiden könnte, was er wollte, wäre alles viel einfacher.

Die Art und Weise, wie er sie angesehen hatte, verursachte immer noch ein Prickeln auf ihrer Haut. Sie hätte nicht so aufs Ganze gehen sollen. Aber je stärker seine Reaktion ausgefallen war, desto verführerischer hatte sie sich gefühlt, desto größer war das Verlangen gewesen, ihn bis an seine Grenzen zu bringen.

Sie hatte gewollt, dass er die Kontrolle verlor. Schließlich hatte er sie wie eine Idiotin aussehen lassen. Von allein wäre sie nie auf die Idee gekommen, nach etwas zu suchen, das offensichtlich nicht da war. Was sie allerdings überraschte, war ihre eigene intensive Reaktion.

Crystals Ausdruck veränderte sich. „Wenn das der Mann ist, für den ich ihn halte, dann hat mein Tag gerade eine erfreuliche Wendung genommen.“

Miranda blickte ins Foyer hinüber. Seine faszinierende Erscheinung ließ ihren Atem in gewohnter Weise stocken. Er sah sie, und sein Blick sandte einen erregenden Schauer durch ihren Körper. Er war nicht einfach nur wütend. Er sah aus, als würde er gleich explodieren.

Sie zwang sich auszuatmen und lächelte süßlich, während er geradewegs auf sie zumarschiert kam. „Ich glaube, ihr seid euch bisher nicht vorgestellt worden. Tyler, das ist Crystal. Crystal, das ist Detective Brannigan.“

Sein Blick blieb auf die Auslöserin seiner Wut fixiert. „Sie gehen jetzt.“

„Ausgezeichnetes Timing. Gerade habe ich meinen Tee ausgetrunken. Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte ich mir wieder ein Taxi rufen müssen.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Parken Sie in der Nähe? Ich kann am Eingang warten, bis Sie den Wagen geholt haben.“

Die Wut, die er ausstrahlte, war beinahe körperlich zu spüren. „Ich trage Sie hier raus, wenn es sein muss.“

„Wie wäre es, wenn wir uns das für das nächste Mal aufheben?“ Sie griff nach ihrer Tasche und stand auf.

„Bis bald, meine Liebe.“

„Bis bald.“

Sie ging vor ihm durch das Foyer, den Kopf selbstbewusst erhoben. Als sie die Drehtür erreichten, blieb Miranda stehen. „Oje, das ist jetzt ein Dilemma.“ Sie blickte zu ihm auf. „Soll ich vorausgehen, oder wollen Sie es riskieren, mir wieder den Rücken zuzudrehen? Das muss ja wie Roulette für Sie sein.“

„Amüsieren Sie sich gut?“, fragte er zähneknirschend, während er recht grob nach ihrem Ellbogen griff und sie beide gleichzeitig durch die Drehtür manövrierte.

„Ja, bis Sie aufgetaucht sind.“ Allerdings amüsierte sie sich auch jetzt noch, wo er sie so eng an sich gepresst hielt.

Sie bewegte sich probeweise ein wenig hin und her und lächelte, als er sich anspannte.

„Sie sind unglaublich.“

Sobald sie den Bürgersteig erreicht hatten, wand sie ihren Ellbogen aus seinem Griff. „Sie sind doch nur sauer, dass ich durch Ihren eisernen Sicherheitsvorhang geschlüpft bin. Oder eher durch einen Samtvorhang.“

„Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, dass auf dem gleichen Weg auch jemand zu Ihnen hereinkommen kann?“

„Warum sollte jemand zu mir kommen wollen?“

„Prominenz bringt auch immer Verrückte mit sich. Mir ist es ganz egal, dass Sie berühmt sind, und sogar ich spiele derzeit mit dem Gedanken, Sie umzubringen.“

„Wie haben Sie mich gefunden?“, erkundigte sie sich, während sie die Straße entlanggingen.

„Ihre Freundin Crystal sollte mal die Standort-Option in ihrem Facebook-Profil deaktivieren. Und wo wir gerade beim Internet sind, alle Twitter-Dinger sollten erst gesendet werden, nachdem sie die jeweiligen Orte verlassen haben.“

„Die heißen Tweets.“

„Das sind wehende Banner, auf denen steht ‚Hier bin ich, kommt und holt mich‘.“ Als sie an einer Kreuzung stehen bleiben mussten, sah er zu ihr hinüber. „Jeder Psycho in dieser Stadt hätte vor der Schule auf Sie warten können.“

„Waren Sie deshalb so erschrocken?“

„Ich war nicht erschrocken!“ Seine Reaktion auf das Wort war so bissig, dass Miranda das Gefühl hatte, einen Nerv getroffen zu haben. Er holte tief Luft. „Jemand in der Menge war schräg.“

Miranda kniff die Augen zusammen. „Definieren Sie ‚schräg‘.“

„Komisches Verhalten – fehl am Platz – hat wie besessen jede Bewegung von Ihnen beobachtet.“ Er griff erneut nach ihrem Ellbogen und führte sie über die Straße.

„Sie verbringen den ganzen Tag damit, jede meiner Bewegungen zu beobachten.“

„Ich werde dafür bezahlt, und glauben Sie mir, meine Idee war das nicht.“

„Wessen Idee war es denn?“ Sie zog an ihrem Ellbogen. „Sie können mich jetzt loslassen.“

„Auf keinen Fall.“ Er führte sie durch die Menschenmenge auf dem Gehweg. „Ihr Sicherheitschef ist der frühere Partner meines Captains. Als er ihm gegenüber erwähnte, dass er frisches Blut brauche, hatte ich das Pech, abgestellt zu werden.“

Also das hatte er gemeint, als er gesagt hatte, er habe eine Woche lang versucht, aus der Sache herauszukommen. Angesichts der Tatsache, dass dies das längste Gespräch war, das sie je miteinander geführt hatten, sagte sich Miranda, dass sie ihn öfters wütend machen sollte. „Dann haben Sie sicher einen Kurs für Personenschützer absolviert.“

„Hören Sie auf, ständig das Thema zu wechseln.“

Sie seufzte. „Finden Sie nicht, dass Sie ein wenig überreagieren, weil ich im Waldorf Astoria Tee getrunken habe? Habe ich etwa auf dem Tisch getanzt, als Sie dort ankamen?“

Tyler blieb abrupt stehen und ließ ihren Ellbogen los. „Sie kapieren es nicht, oder?“

„Dass das mein zweiter Minuspunkt war?“ Sie verdrehte die Augen. „Ich weiß schon, noch einer und …“

Er beugte sich zu ihr hinunter. Seine Nasenspitze stieß fast an ihre, als er mit tiefer Stimme befahl: „Steigen Sie in den verdammten Wagen.“

Miranda hatte noch nicht einmal gemerkt, dass sie vor dem Auto standen. Und jetzt, wo sein Mund so nah war, dachte sie gar nicht daran einzusteigen. Sie neigte ihren Kopf so, als wolle sie ihre Lippen auf seine drücken, und verringerte den Abstand zwischen ihnen auf wenige Millimeter. Dann blickte sie hoch und ...

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