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ROMANA EXTRA BAND 11

REBECCA WINTERS

Wiedersehen im Palazzo der Zärtlichkeit

Endlich wieder vereint! Wie gern würde Conte Enrico die schöne Sami und den Sohn, den sie ihm geschenkt hat, für immer in die Arme schließen. Doch er soll eine andere heiraten – um der Familienehre willen ...

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Prinzessin Valentina braucht eine Pause und reist inkognito nach Amerika. Dort lässt sie sich von dem attraktiven Zach verführen. Ihr Ausflug ins „echte“ Leben bleibt jedoch nicht ohne Folgen ...

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Rico Cortes ist bezaubert, als Starköchin Zoe sich auf seinem Landsitz einmietet. Geduldig wirbt er um das Vertrauen der verletzlichen Powerfrau. Warum weicht sie seinen Fragen aus – aber nicht seinen Küssen?

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Wiedersehen im Palazzo der Zärtlichkeit

1. KAPITEL

„Ich bin es, Pat.“

„Von wo rufst du an?“

„Von meinem Zimmer im ‚Grand Savoia‘. Ich habe mir gerade das Mittagessen bringen lassen. Du hattest recht. Es ist ein wunderbares Hotel mit allen Annehmlichkeiten. Danke, dass du mich hier untergebracht hast.“

„Gern geschehen. Was macht mein prachtvoller kleiner Neffe?“

„Zum Glück schläft er jetzt wieder, und ich kann da weitermachen, wo ich gestern Abend aufgehört habe.“

„Warum hast du mich vorm Schlafengehen nicht angerufen und erzählt, wie alles läuft? Ich habe die ganze Zeit auf eine Nachricht von dir gewartet.“

„Das tut mir leid, Pat. Nach meiner Ankunft habe ich hier gleich mit den Nachforschungen begonnen, aber im Telefonbuch habe ich nichts gefunden. Daraufhin wandte ich mich an den Portier, der mir aber auch nicht weiterhelfen konnte. Danach war ich zu müde, um mich noch bei dir zu melden.“

„Schon gut. Was hast du jetzt vor?“

„Der Portier riet mir, mich an die Polizei zu wenden. Sobald wir unser Gespräch beendet haben, werde ich das tun.“

Pat zögerte. „Und wenn das auch nichts bringt?“

„Dann fliege ich morgen früh zurück und vergesse die ganze Angelegenheit“, erklärte Sami.

„Ich werde dich beim Wort nehmen, Schwesterchen. Um ganz ehrlich zu sein … Ich wünsche mir fast, dass du nichts ausrichtest. Manchmal ist es besser, die Dinge auf sich beruhen zu lassen.“

„Was willst du damit sagen, Pat?“

„Na, was wohl? Du könntest dich unnötig in Schwierigkeiten bringen. Nicht alle Menschen sind so nett und anständig wie du, Sami. Ich möchte nicht, dass man dir wehtut.“

„Hast du etwa eine deiner berühmten Vorahnungen?“

„Nein“, versicherte Pat, „aber ich mache mir ernsthafte Sorgen.“ Sie glaubte nicht, dass die Nachforschungen in Italien viel Erfolg haben würden, und insgeheim teilte Sami diese Ansicht.

„Wenn er in Genua nicht aufzutreiben ist, sitze ich im nächsten Flugzeug … das verspreche ich dir.“

„Ich will es mir merken. Sei nicht böse, wenn ich dir kein Glück wünsche, und ruf mich – ganz gleich wie spät –, heute Abend an, bevor du schlafen gehst. Abgemacht?“

„Abgemacht. Ich hab dich lieb, Pat.“

„Ich dich auch.“

Sami legte den Hörer auf und fragte sich einmal mehr, ob ihre Schwester nicht recht hatte. Vielleicht war es falsch, nach dem Großvater ihres Babys zu forschen. Falls sie ihn fand, würde ihn die Entdeckung, dass er einen Enkel hatte, vielleicht so erschüttern, dass er ernsthaft krank wurde. Vielleicht verlief die Begegnung auch so unerfreulich, dass sie wünschte, niemals hergekommen zu sein.

Genau davor hatte Pat Angst.

Wenn Sami ehrlich war, ging es ihr genauso, aber sollte sie auf halbem Weg stehen bleiben? Nur wenn sie ihr Vorhaben bis zum Ende durchführte, konnte sie dieses Kapitel ihres Lebens endgültig abschließen.

Sie wählte die Nummer, die sie auf ihrem Notizblock vermerkt hatte. „Pronto!“, meldete sich eine Männerstimme. Sami antwortete auf Englisch, woraufhin der Mann in derselben Sprache fragte: „Ja, bitte?“

Sein schroffer Ton schüchterte Sami ein. „Ist dort die Polizei?“, fragte sie.

„Ja.“

„Ich brauche Ihre Hilfe.“

„Worum geht es?“

„Ich suche einen Mann namens Alberto Degenoli, der in Genua wohnen soll, aber weder im Telefonbuch noch im Adressbuch steht. Ich bin extra aus den Vereinigten Staaten herübergekommen, in der Hoffnung …“

Sami sprach nicht weiter, denn der Mann hörte ihr nicht länger zu, sondern schien sich in schnellem Italienisch an einen Kollegen zu wenden. Bald mischte sich noch eine dritte Stimme in das Gespräch ein. „Bitte buchstabieren Sie den Namen“, forderte der erste Mann sie schließlich auf.

Sami kam dem Wunsch nach und löste damit einen neuen unverständlichen Redeschwall am anderen Ende der Leitung aus. „Kommen Sie zum Hauptrevier, und fragen Sie nach Polizeichef Coretti“, wurde ihr dann beschieden.

„Jetzt gleich?“

„Sofort.“

Damit war das Gespräch beendet.

Sami wunderte sich über den schroffen Ton, aber man hatte sie wenigstens nicht abgewiesen. Das bedeutete schon etwas.

Als Nächstes rief sie beim Empfang an und bat darum, die Babysitterin des Hotels heraufzuschicken. Sie hatte bereits mit der gelernten Kinderschwester gesprochen und einen guten Eindruck von ihr gewonnen. Dann frischte sie ihr Make-up auf und zog eine Kostümjacke an.

Nur vier Personen kannten die Handynummer des Conte Alberto Enrico Degenoli. Als es klingelte, nahm Ric an, es wäre seine Verlobte Eliana, die noch einmal versuchen wollte, ihn von seiner bevorstehenden Geschäftsreise abzubringen. Wahrscheinlich handelte sie im Auftrag ihres Vaters. Seit Ric eingewilligt hatte, die Tochter eines der reichsten Unternehmer des Landes zu heiraten, glaubte sein zukünftiger Schwiegervater, über ihn bestimmen zu können.

In Wirklichkeit waren es private Gründe, die Ric nach Zypern führten und unbedingt vor der Hochzeit erledigt werden mussten.

Liebe war dabei nicht im Spiel, das wusste auch Eliana. Es ging ausschließlich um Geld. Trotzdem war Ric entschlossen, nach vollzogener Trauung das Beste aus seiner Ehe zu machen. Bis dahin war er allerdings niemandem Rechenschaft schuldig, und auch Signor Fortulezza konnte daran nichts ändern.

Ric überprüfte die Nummer auf dem Display seines Handys und stellte fest, dass sein Butler Mario der Anrufer war. Er meldete sich aus dem palazzo.

„Ja, Mario?“

„Verzeihen Sie die Störung, Eccellenza.“ Mario stand seit fünfunddreißig Jahren im Dienst der Familie Degenoli und achtete auf Förmlichkeit. „Der Polizeichef hat eben angerufen und wollte Sie sprechen. Er sagte, es sei ungeheuer wichtig, nannte aber keine Einzelheiten. Er bittet Sie, auf seiner Privatleitung zurückzurufen.“

Das klang besorgt, denn Mario wusste praktisch über jede Einzelheit aus Rics Leben Bescheid. Auch Ric wunderte sich über die Heimlichtuerei des Polizeichefs. Deuteten sich etwa weitere Schicksalsschläge für die Familie an? Sie hatten genug davon ertragen müssen. Es reichte für mehr als ein Leben.

„Geben Sie mir die Nummer, Mario.“

Nachdem Ric sie notiert hatte, dankte er dem Butler und rief bei der Polizei an. „Commissario Coretti? Hier Enrico Degenoli. Was haben Sie auf dem Herzen?“

Seit der Überführung seines Vaters, der im Januar bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen war, hatte er nicht mehr mit dem Polizeichef gesprochen. Coretti war damals als offizieller Vertreter der Genueser Polizei am Flughafen gewesen, um den Sarg in Empfang zu nehmen. Nie würde Ric vergessen, was an jenem Wochenende in Österreich geschehen war. Die Erinnerung daran würde ihn sein Leben lang begleiten.

„Entschuldigen Sie die Störung, Signor Conte, aber eben ist eine äußerst attraktive Amerikanerin bei mir aufgetaucht, die einen Alberto Degenoli sucht.“

Rics Herz schien einen Schlag auszusetzen, aber er fasste sich schnell. Falls diese Amerikanerin ihn selbst meinte, hätte sie nach Ric Degenoli und nicht nach Alberto gefragt. Ric und sein Vater hießen beide Alberto Enrico, aber für seinen Vater hatte sich Alberto und für ihn Enrico eingebürgert. Nur seine Geschwister nannten ihn Ric.

Und die Frau, die mit ihm unter der Lawine begraben gewesen war.

„Weiß sie, dass mein Vater tot ist?“

„Wenn ja, hat sie nichts darüber verlauten lassen. Meiner persönlichen Überzeugung nach ist sie aus unlauteren Motiven hier. Vermutlich will sie Geld.“ Der Polizeichef räusperte sich. „Sie hofft, dass ich den fraglichen Mann für sie ausfindig mache. Angeblich geht es um Leben oder Tod. Da sie sehr geheimnisvoll tut, hielt ich es für richtig, erst mit Ihnen zu sprechen.“

Die Andeutung, es könne sich um eine heikle Angelegenheit handeln, erschreckte Ric so sehr, dass er von seinem Schreibtischstuhl aufsprang. Bisher war es ihm gelungen, den guten Ruf der Familie zu schützen, aber die Vergangenheit seines Vaters blieb ein dunkles Kapitel. Obwohl sie dieselben Namen trugen, hatten sich Vater und Sohn stark voneinander unterschieden. Außerdem ähnelte Ric so sehr seiner Mutter, dass die enge Verwandtschaft kaum zu erkennen gewesen war. Nicht auszudenken, wenn Albertos Vorliebe für Frauen jetzt noch zu Komplikationen führte. Es war kurz vor Weihnachten. Vor der für Neujahr geplanten Hochzeit durfte nichts mehr schiefgehen. Zu viel hing davon ab.

Rics Vater war seit zehn Monaten tot. Man wusste, dass er nach dem Verlust seiner Frau vor zwei Jahren – sie war ganz unerwartet an einer Lungenentzündung gestorben – verschiedene Affären gehabt hatte. Er war auch vorher nicht treu gewesen, aber Rics Mutter hatte seine vielfältigen Eskapaden einfach ignoriert.

„Er würde auch als Bettler noch auf Frauen wirken“, hatte sie einmal gesagt. „Was kann er also dafür?“

Ric war nicht so großzügig. Falls die Amerikanerin seine Familie erpressen oder Anspruch auf ein Erbteil erheben wollte, hatte sie sich verrechnet.

„Wie heißt die Frau?“

„Christine Argyle.“

Der Name sagte Ric nichts. „Ist sie verheiratet?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete der Polizeichef. „In ihrem Pass ist nichts darüber vermerkt, und sie trägt keinen Ehering. Die Kollegen haben sie an mich verwiesen. Anfangs glaubte ich an einen dummen Scherz, aber Miss Argyle ist hartnäckig. Da es bei der Sache um Ihren Vater geht, hielt ich es für besser, erst Ihre Meinung einzuholen, bevor ich der Signorina einen abschlägigen Bescheid gebe.“

„Danke, dass Sie so viel Feingefühl bewiesen haben, Commissario“, erwiderte Ric mühsam beherrscht, denn insgeheim kochte er vor Wut. Sich direkt an Genuas oberste Polizeibehörde zu wenden, war schon ein starkes Stück! Die Frau hätte das kaum gewagt, wenn sie nicht glaubte, etwas gegen den Verstorbenen in der Hand zu haben, das im Interesse der Familie besser geheim blieb.

Vermutlich hatte sie Alberto im letzten Herbst auf einer Geschäftsparty kennengelernt. Diese Feste endeten oft beim Glücksspiel und wurden daher gern auf ausländischen Jachten veranstaltet, die im Hafen ankerten und der örtlichen Polizeigewalt entzogen waren. Bei solchen Gelegenheiten fehlte es nie an willfährigen Frauen, zu denen auch vielfach amerikanische Starlets gehörten. Sollte diese letzte Affäre seines toten Vaters bekannt werden, bedeutete das für die Familie den moralischen und finanziellen Ruin.

Per favore, Commissario … Halten Sie die Signorina in Ihrem Büro fest, bis ich da bin“, bat Ric. „Und erwähnen Sie auf keinen Fall meinen Titel. Stellen Sie mich einfach als Signor Alberto Degenoli vor. Danach sehen wir weiter.“

Durch den Adelstitel hatte sein Vater zweifellos noch an Attraktivität für die Frau gewonnen, aber Ric wollte sich bedeckt halten, bis sie als geldgierige Opportunistin entlarvt war.

„Ich habe verstanden. Im Moment ist die Signorina nicht da, sie will jedoch in Kürze zurückkommen. Dann sage ich ihr, dass Sie unterwegs sind.“

„Grazie.“

Ric blickte starr und wie blind aus dem Fenster seines Büros. Die Räume der „Degenoli Shipping Lines“ lagen direkt am Hafen. Seit hundertfünfzig Jahren konnte man von dort aus die Kaianlagen der bedeutendsten italienischen Hafenstadt überblicken, aber wie lange würde es noch so bleiben?

Claudia und Vito, Rics Geschwister, durften nichts von dieser ominösen Angelegenheit erfahren. Sie hatten genug eigene Probleme, und in einer Woche war auch noch Weihnachten. Die Fremde und ihr zweifelhaftes Anliegen mussten ihnen unbedingt verschwiegen werden.

Nachdem Ric seinen Chauffeur an den Nebenausgang bestellt hatte, verließ er in Begleitung seiner Bodyguards das Büro. Bevor er nach Zypern fliegen konnte, musste die Sache geklärt sein.

Zum zweiten Mal an diesem Vormittag hielt Samis Taxi vor der Polizeistation. Sie bezahlte die Fahrt und stieg mit klopfendem Herzen aus. Der Polizeichef, ein gewisser Kommissar Coretti, hatte sie aufgefordert, nach einer Stunde wiederzukommen, weil er ihr dann mehr sagen könne.

Das grenzte an ein Wunder. Ohne die freundliche Hilfe des Portiers wäre sie nie so weit gekommen. Wie es jetzt weitergehen würde, war schwer einzuschätzen, aber sie musste für ihr Baby alles wagen. Falls dieser Alberto Degenoli existierte, würde er wahrscheinlich entsetzt sein, aber das konnte sie ihm nicht ersparen. Ihr Sohn sollte später wissen, woher sein Vater stammte.

Sami kannte sich inzwischen in dem Gebäude etwas aus. Auf dem Korridor wurde sie von einem Mann überholt, der es offenbar eilig hatte und sofort um die nächste Ecke verschwand. Er war groß, elegant gekleidet und etwa Mitte dreißig. Dazu machte er einen äußerst selbstsicheren Eindruck, wie jemand, der sich seiner Bedeutung bewusst war, ohne ständig darauf pochen zu müssen.

Sami zog die bewundernden Blicke mehrerer Polizisten auf sich, ehe sie das Ende des Flurs erreichte und das Vorzimmer des Polizeichefs betrat. Abgesehen von dem diensthabenden Wachmann, war niemand da. Also hatte der eindrucksvolle Fremde ein anderes Ziel gehabt.

Der Wachmann griff zum Telefon – zweifellos, um ihre Rückkehr zu melden. Sie zupfte ein blondes Haar vom Ärmel ihrer dunkelblauen Kostümjacke, dankte dem Wachmann, der ihr bedeutete, dass sie jetzt in das Büro des Polizeichefs gehen könne.

Zu ihrem Ärger stand der Fremde, der sie gerade auf dem Korridor überholt hatte, neben dem Schreibtisch und sprach mit dem Kommissar. Seine schlanke, athletische Figur beeindruckte sie erneut. Feine Fältchen um Mund und Augen deuteten an, dass er bereits einiges erlebt hatte. Vielleicht irrte sie sich, aber so, wie er sie musterte, wirkte es ausgesprochen feindselig. Sami war von Männern andere Blicke gewohnt.

Da er sehr groß war, musste sie zu dem Fremden aufsehen. Seine Männlichkeit faszinierte sie. Er hatte pechschwarzes Haar, das vollendet zu seinem südländischen Gesicht und dem dunklen Teint passte.

„Miss Argyle“, begann der Polizeichef in holprigem Englisch, „darf ich Ihnen Signor Alberto Degenoli vorstellen?“

Sami verbarg ihre Enttäuschung. Das war nicht der Mann, den sie suchte, höchstens ein Verwandter. „Guten Tag“, murmelte sie und ergriff die ausgestreckte Hand des italienischen Adonis. Er hatte einen festen Händedruck, der ganz zu ihm passte.

„Guten Tag, Signorina“, antwortete er in tadellosem, fast akzentfreiem Englisch. Das wunderte Sami nicht, aber seine warme, tiefe Stimme verursachte ihr ein leichtes Kribbeln. Sie klang wie ein Echo aus der Vergangenheit. Wahrscheinlich irrte sie sich, aber es kam ihr so vor, als hätte sie diese Stimme schon einmal gehört.

Unsinn. Du bist diesem Mann noch nie begegnet.

„Sie sind auffallend blass geworden, Signorina. Fühlen Sie sich nicht wohl?“

„Doch …“ Sami umklammerte die Lehne des nächsten Stuhls. „Ich bin nur enttäuscht, weil Sie nicht der Mann sind, den ich suche. Sie heißen zwar genauso, aber Sie sind zu jung. Offenbar gibt es mehr als einen Alberto Degenoli in Genua.“

Der Fremde schüttelte den Kopf. „Nein. Es gibt nur den einen.“

„Sie?“

„So ist es.“

„Vielleicht haben Sie Genua mit Genf verwechselt, Signorina“, mischte sich der Polizeichef wieder ein. „Genoa und Geneva … die Namen klingen auf Englisch sehr ähnlich.“

Sami runzelte die Stirn. „Vielleicht habe ich mich tatsächlich getäuscht. Mein Alberto Degenoli ist Reeder.“

„Auf dem Genfer See herrscht eine rege Schifffahrt.“

„Aber er ist Italiener.“

„Viele Leute aus unserem Land leben in der Schweiz.“

„Ja, das weiß ich.“ Vielleicht hatte Sami die beiden Städtenamen wirklich verwechselt. Dann war sie auf einer völlig falschen Spur. „Vielen Dank für den Hinweis.“ Sie sah Signor Degenoli an. „Es tut mir leid, dass Sie sich umsonst herbemüht haben.“

„Wenn Sie den Mann näher beschreiben könnten …“

„Nun, er muss Mitte bis Ende sechzig sein … genau kann ich das nicht sagen. Wenn Sie wüssten, wie peinlich mir das alles ist.“ Sie wandte sich wieder an den Polizeichef. „Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen habe. Sie waren sehr freundlich. Jetzt möchte ich Sie nicht länger von Ihrer Arbeit abhalten.“

Der Kommissar musterte sie verstohlen. „Sie machten einen verzweifelten Eindruck, als Sie heute Morgen zu mir kamen, Signorina. Deshalb lasse ich Sie jetzt mit diesem Herrn allein, damit Sie sich besser kennenlernen und über etwaige … Geschäfte reden können.“

Geschäfte?

„Darf ich fragen, was Sie damit andeuten wollen?“

Der Polizeichef lächelte süffisant. „So naiv werden Sie doch nicht sein.“

Die hässliche Unterstellung trieb Sami das Blut ins Gesicht. „Anscheinend misstrauen Sie meinen Motiven, Signore“, sagte sie scharf, „aber was Sie auch vermuten … Sie irren sich.“ Die Aussicht, mit dem Fremden allein zu bleiben, behagte ihr gar nicht. „Ich habe die gesuchte Person nicht gefunden, deshalb ist es sinnlos, mehr Zeit zu verschwenden. Ich bedauere ausdrücklich, Ihnen beiden Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.“

Der Polizeichef lächelte noch anzüglicher. „Was ist plötzlich los, Signorina?“, fragte er. „Vorhin ging es noch um Leben oder Tod.“

„Das tut es auch.“ Zu dumm, dass ihre Stimme so verräterisch schwankte!

„Dann verraten Sie uns doch weitere Details.“

„Ich habe bisher geschwiegen, weil ich durch meine Nachforschungen niemandem schaden wollte“, gestand Sami. „Auch bei Ihnen hoffte ich auf Diskretion. Tatsache bleibt, dass ich einen älteren Gentleman suche. Er könnte schon Anfang siebzig sein.“

Ein Blick aus Alberto Degenolis dunklen Augen veränderte schlagartig die Situation. „Würden Sie uns für einen Moment allein lassen, Commissario?“, fragte er.

„Selbstverständlich“, antwortete der Mann und verließ umgehend das Zimmer.

Plötzlich war es totenstill im Raum, nur Samis Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, man könnte es hören.

„Sie haben lange genug die Geheimnisvolle gespielt, Signorina“, sagte ihr Gegenüber und verzog spöttisch die Lippen. „Ich würde gern Ihren Pass sehen.“

Sie irritierte ihn, das wurde Sami plötzlich klar. Inzwischen war sie auch sicher, seine Stimme schon einmal gehört zu haben – aber wo? Sie war noch nie in Italien gewesen.

„Hier … bitte.“ Sie reichte ihm den Pass, den er kurz studierte und ihr dann zurückgab.

„Ich habe noch nie von Ihnen gehört“, beteuerte er mit kaum verhülltem Ärger. „Der Alberto Degenoli, um den es Ihnen vermutlich geht, lebt nicht mehr. Ich bin ziemlich sicher, Sie wussten das. Wie gut kannten Sie ihn?“

Auf einmal begriff Sami, was der Polizeichef mit „Geschäften“ gemeint hatte. Beide Männer gingen davon aus, dass sie zu dem Gesuchten in einem besonderen Verhältnis gestanden hatte.

„Überhaupt nicht“, antwortete sie in dem frustrierenden Bewusstsein, die weite Reise umsonst gemacht zu haben. „Ich bin ihm nie begegnet und hoffte, ihn jetzt kennenzulernen.“

„Warum bedeutet Ihnen dieser Mann so viel?“

„Da er tot ist, gar nichts mehr.“

„Wie haben Sie von ihm gehört?“

Sein Sohn hat mir von ihm erzählt, dachte Sami traurig, aber der lebt auch nicht mehr. Wenn der Mann, der vor ihr stand, der einzige Alberto Degenoli in Genua war, hatte der Polizeichef wahrscheinlich recht. Sie würde nach Genf fliegen und ihre Suche dort fortsetzen, bevor sie nach Hause zurückkehrte.

„Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, sagte sie, und es schnürte ihr so die Kehle zu, dass sie kaum zu sprechen vermochte. „Entschuldigen Sie die Belästigung.“

Sie drehte sich um und verließ fluchtartig das Zimmer. Auf dem Weg nach draußen wurde ihr plötzlich klar, warum ihr die Stimme des Mannes bekannt vorgekommen war. Sie klang genauso wie die von Rics totem Vater, aber etwas fehlte: der sanfte, liebevolle Unterton.

Dieser Mann hatte sich eher schroff, beinahe feindselig verhalten. Wie passte das alles zusammen?

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie den Ausgang erreichte und auf das Taxi zueilte, das an der Spitze der Warteschlange stand.

2. KAPITEL

Ric hatte die Tränen in Christine Argyles grünen Augen glitzern sehen, bevor die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Konnte es zwei Amerikanerinnen geben, deren Stimmen so gleich klangen? Es musste wohl so sein, denn er war dieser Frau noch nie begegnet.

Monatelang hatte er nach einer anderen geforscht – nach der Frau, die mit ihm von der Lawine begraben worden war. Er hatte gehofft, sie würde ebenfalls nach ihm suchen, aber im Lauf des Sommers war er zu der Überzeugung gelangt, dass sie das Unglück nicht überlebt hatte.

Er schloss für einen Moment die Augen und lauschte der Stimme nach, die vor Rührung gebebt hatte. Er gab es nur ungern zu, aber es war ihm beinahe so vorgekommen, als wäre diese Gefühlsregung echt gewesen. Das blasse Gesicht der Fremden, umrahmt von hellblondem Haar, hatte so bezaubernd fremdartig gewirkt, dass er gegen seinen Willen beeindruckt war.

Ihr Auftritt war zweifellos spektakulär gewesen, aber sie hatte gelogen oder zumindest nicht die ganze Wahrheit gesagt. Hinter ihrer Geschichte verbarg sich ein Geheimnis, und Ric war entschlossen, es zu lüften.

Er überlegte nicht lange, sondern rief Carlo an, den Chef seiner Bodyguards, und befahl ihm, der sechsundzwanzigjährigen blonden Amerikanerin zu folgen, die gerade das Polizeirevier verließ. Er wollte wissen, wohin sie fuhr und was sie vorhatte. Nur so konnte er sie noch einmal abfangen. Sie jetzt festzuhalten, wäre falsch gewesen. Er wollte sich sehr ernsthaft mit ihr unterhalten, an einem Ort, wo sie von niemandem gestört werden konnten.

Ric wartete die Rückkehr des Polizeichefs nicht ab. Sobald er wieder im Auto saß, erfuhr er von Carlo, dass die blonde Signorina mit dem Taxi zum „Grand Savoia“ gefahren sei, dem besten und teuersten Hotel Genuas. Also befahl er seinem Chauffeur, ihr dorthin zu folgen.

Der Portier schien ihn zu kennen, denn er zögerte nicht, ihm die Zimmernummer der amerikanischen Touristin zu nennen: 3. Stock, Zimmer 327, links vom Fahrstuhl die vierte Tür.

Ric verzichtete darauf, sich telefonisch anzumelden. Sein Besuch sollte eine Überraschung sein, deshalb vermied er auch den Lift und nahm die Treppe – immer zwei Stufen auf einmal. Vor der Tür mit der Nummer 327 blieb er stehen und klopfte so laut, dass es nicht zu überhören war.

„Miss Argyle? Hier Degenoli. Wir müssen uns unterhalten.“ Als niemand antwortete, versuchte er eine andere Taktik. „Warum wollen Sie Alberto finden? Ich würde Ihnen gern helfen, wenn Sie es gestatten.“

Wieder geschah nichts. Vielleicht erfrischte sie sich gerade unter der Dusche, deshalb ließ er einige Minuten verstreichen, ehe er es aufs Neue versuchte. „Miss Argyle?“

Sekunden später wurde die Tür geöffnet, gerade so weit, wie die Sicherheitskette es zuließ. Grüne Augen sahen ihn überrascht an. Diesmal standen keine Tränen darin, aber sie waren gerötet, als hätte Miss Argyle heftig geweint. Das war jedenfalls nicht vorgetäuscht.

Ihr hellblondes schulterlanges Haar glänzte im Licht der Flurlampen. Sie hatte die Kostümjacke ausgezogen, und unter der weißen Bluse zeichneten sich wohlgeformte Brüste ab. Alles an ihr gefiel Ric. Jede Einzelheit ihres Gesichts und ihres Körpers sprach ihn an.

„Ich hätte nicht gedacht, dass der Kommissar mich verfolgen lässt“, sagte sie und umklammerte die Tür, als fürchtete sie, von ihm gewaltsam überwältig zu werden. Wieder fielen ihm ihre vollen, sinnlichen Lippen auf, die er schon auf der Polizeiwache bemerkt hatte.

Um sie zu beruhigen, trat er einen Schritt zurück und erwiderte: „Coretti hat damit nichts zu tun. Einer meiner Männer ist Ihnen gefolgt. Ich wollte Sie nicht aus den Augen verlieren.“

„Einer Ihrer Männer?“

„Ja, Carlo, mein Bodyguard. Wenn Sie mich hereinlassen, will ich gern alles erklären.“

„Es tut mir leid, Mr Degenoli. Wie ich schon bei der Polizei sagte … Es gibt nichts mehr zu besprechen, außerdem habe ich andere Pläne.“

„Ich ebenfalls.“ Ric hatte den Abflug nach Zypern schon zu lange hinausgeschoben. „Trotzdem müssen wir uns unterhalten.“

Er war neugierig darauf, was sie vorhatte, obwohl ihm das nicht recht war. Es behagte ihm auch gar nicht, dass er sich von dieser wildfremden Frau so stark angezogen fühlte. Sein Interesse an ihr missfiel ihm, aber der Klang ihrer Stimme und ihre Art zu sprechen, faszinierten und erregten ihn.

„Meine Suche ist beendet“, beteuerte sie noch einmal ungeduldig. „Ich muss mich jetzt verabschieden.“

Ric zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie etwas vor ihm verbarg. Um ihren Rückzug zu verhindern, stellte er seinen rechten Fuß in den Türspalt. „Ich gehe erst, wenn ich die richtigen Antworten bekommen habe. Zunächst …“ Er unterbrach sich, denn er hörte drinnen ein Baby schreien. „Nicht so schnell, Miss Argyle.“ Er zog den Fuß zurück und drückte stattdessen mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. „Wessen Baby ist das?“

„Meins.“

„Und Albertos?“

Also hatte seine Ahnung ihn nicht getrogen. Sein Vater hatte mit dieser Frau geschlafen, und sie war nach Genua gekommen, um ihn mit den Folgen zu konfrontieren. Doch sie kam zu spät.

„Nein!“, schrie sie.

„Dann beweisen Sie es mir.“

Nachdem Sami die Kette gelöst hatte, eilte sie an das Kinderbett, nahm das Baby hoch und drückte es sanft an ihre Schulter. „Du hast Geräusche gehört und bist darüber erschrocken, nicht wahr, Schatz? Keine Angst … alles ist gut.“ Sie warf Ric einen mahnenden Blick zu. „Unser Gast will gerade gehen.“

Ric war inzwischen hereingekommen, hatte die Tür geschlossen und kam näher, um das Baby zu betrachten.

Dieser italienische Adonis muss mit dem Vater meines Babys verwandt sein, entschied Sami insgeheim. Deshalb hatte seine Stimme so vertraut geklungen. Bei Kommissar Coretti waren sie beide übervorsichtig gewesen. Inzwischen wusste sie, dass nicht nur der Vater, sondern auch der Großvater ihres Sohns tot war. Sie konnte demzufolge alle Fragen offen beantworten, bevor sie morgen nach Genf weiterflog oder gleich die Rückreise nach Reno antrat.

„Entschuldigen Sie, aber ich muss seine Windel wechseln.“ Sami griff nach einem Handtuch und breitete es auf dem Bett aus.

„Wo haben Sie das Baby gelassen, während Sie bei der Polizei waren?“

„Hier, natürlich.“ Sami knöpfte den blauen Strampelanzug auf. „Ich bringe doch meinen Sohn nicht in ein verräuchertes Gebäude! Niemals! In diesem Hotel gibt es eine Kinderschwester, die für solche Fälle zur Verfügung steht. Ein Grund für mich, das ‚Grand Savoia‘ gewählt zu haben.“

Ihr Besucher schien das nicht zu glauben, deshalb setzte sie hinzu: „Ich bin keine Kidnapperin, Mr Degenoli. Rufen Sie beim Empfang an, wenn Sie mir misstrauen. Man wird Ihnen dort meine Identität bestätigen.“

„Wie alt ist der Junge?“

Sami tat die schmutzige Windel in eine Plastiktüte, machte das Baby sauber und puderte es. Dann wurde es frisch gewickelt. „Zwei Monate“, antwortete sie, „aber das ist für Sie ohne Bedeutung. Ich konnte ihn nicht früher nach Genua bringen, damit sein Großvater ihn kennenlernt.“

„Sein … Großvater?“

„Ja. Warum sehen Sie mich so verblüfft an? Die meisten Kinder haben Großväter. Es schmerzt mich, dass mein Sohn seinen nie kennenlernen wird … ebenso wenig wie seinen Vater …“

Sie drückte dem Baby einen Kuss auf das weiche dunkle Haar. Sein hübsches Gesichtchen war noch gerötet, aber der Kleine schrie nicht mehr, sondern interessierte sich für den fremden Mann, der es aufmerksam betrachtete.

Sami zog ihm den Strampelanzug wieder an und wickelte es in seine flauschige Decke. „Ich glaube, es ist Zeit für dein Mittagessen“, sagte sie, holte eine Flasche mit flüssiger Babynahrung aus der Kommodenschublade und setzte sich zum Füttern in einen Sessel.

„Ihre Stimme kommt mir irgendwie vertraut vor, Signorina.“

„Mir geht es mit Ihrer genauso“, gestand sie. „Ist das nicht seltsam?“

Ric zog die dunklen Brauen zusammen. „Mehr als das. Haben Sie kürzlich in Europa Urlaub gemacht?“

„Vor einem knappen Jahr, ja.“

„Darf ich mir noch einmal Ihren Pass ansehen?“

„Wenn ich meinen Sohn gefüttert habe.“

Der Kleine trank sonst immer bereitwillig, aber er war offensichtlich zu früh aufgeweckt worden und wurde jetzt schnell wieder schläfrig. Sami legte ihn wieder in sein Kinderbett und deckte ihn zu. Es entging ihr nicht, wie aufmerksam sie dabei beobachtet wurde.

Sie holte ihre Handtasche, nahm den Pass heraus und gab ihn ihrem Besucher. „Er ist mehrere Jahre alt“, erklärte sie. „Ich ahnte noch nichts von meinem Baby, als ich ihn beantragte.“

Ric nahm das Dokument und studierte die verschiedenen Ein- und Ausreisestempel. „Wie die letzte Eintragung belegt, waren Sie im Januar in Österreich …“

„Ja.“

Wo da?“

„In Innsbruck.“

Ric wurde blass. „Warum gerade dort?“

„Weil meine Schwester und mein Schwager eine Reiseagentur leiten und mich gebeten hatten, in der Stadt und ihrer Umgebung einige Hotels zu testen. Sie sind ständig auf der Suche nach neuen Häusern, die sie ihren Kunden anbieten können.“

Ric wirkte so verunsichert, dass Sami beschloss, das Frage-und-Antwort-Spiel zu beenden. Wortlos nahm sie ein bräunliches Kuvert aus ihrer Handtasche und reichte es ihm. „Hier … bitte. Das habe ich mitgebracht, um es dem Großvater meines Sohns zu zeigen. Es erklärt alles.“

Ric musterte sie misstrauisch, bevor er den Umschlag öffnete und eine Geburtsurkunde herauszog.

„Wie Sie sehen, habe ich meinen Sohn nach seinem Vater Ric genannt … Ric Argyle-Degenoli.“ Samis Stimme schwankte bedenklich. „Ric und sein Vater Alberto wurden im letzten Januar von derselben Lawine verschüttet, die auch mich unter sich begrub. Ich nehme an, dass Sie mit Alberto verwandt sind. War er vielleicht Ihr Onkel?“

Ric erwiderte nichts, woraus Sami schloss, dass er ihr zumindest zuhörte.

„Ich hatte gerade in Imst, nahe Innsbruck, das Hotel betreten, das ich testen sollte. Ich wollte im Restaurant etwas Heißes trinken und mich dann draußen umsehen, als das dreistöckige Gebäude von der Lawine erfasst wurde. Ric befand sich ebenfalls dort, und wir wurden zufällig zusammen eingeschlossen. Ich wusste, dass er tot war, bevor ich das Bewusstsein verlor. Dass es auch seinen Vater Alberto das Leben gekostet hat, erfuhr ich erst von Ihnen auf der Polizeiwache.

„Als ich im Krankenhaus aufwachte, nahm ich noch an, Rics Vater habe die Katastrophe überlebt. Auf der Liste der Opfer tauchte der Name Degenoli nämlich nur ein einziges Mal auf. Meiner festen Überzeugung nach handelte es sich dabei um Ric. Alberto ist offenbar erst später seinen Verletzungen erlegen.“

Sami konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. „Das Ganze war ein furchtbarer Albtraum. Meine Schwester kam nach Innsbruck, um mich abzuholen. Sechs Wochen später entdeckte ich, dass ich schwanger war. Ich schwor mir, eines Tages herzukommen und Alberto seinen Enkel zu zeigen. Wie ich jetzt von Ihnen erfahren habe, war die Reise umsonst.“

Als Ric weiter schwieg, fuhr sie unsicher fort: „Meine Schwester Pat nennt ihren Neffen Ricky, aber ich ziehe die italienische Form vor. Ich habe ihn zu Ehren seines mutigen Vaters so genannt. Eines Tages, wenn er alt genug ist, werde ich ihm erzählen, was für ein Held sein Vater war.“

„Ein Held?“

„Sie müssten dabei gewesen sein, um mich zu verstehen. Ric war ein bemerkenswerter Mann. Nachdem der Schnee uns begraben hatte, bewahrte er mich davor, den Verstand zu verlieren. Ich leide nämlich unter Platzangst. Sie können sich nicht vorstellen, was es für mich bedeutete, auf so engem Raum eingeschlossen zu sein. Ohne Ric wäre ich heute nicht mehr am Leben.

Wir waren einander völlig fremd … gefangen wie in einem dunklen Loch. Wir hörten jeweils den anderen stöhnen, hatten aber keine Ahnung, wie der andere aussah. Ich war kurz davor, einen Herzschlag zu bekommen, als er anfing, mit mir zu sprechen und mich zu beruhigen. Er wies mich darauf hin, dass wir wunderbarerweise von Balken geschützt seien, die das volle Gewicht des Schnees von uns abhielten. Das gäbe uns genug Raum, um zu atmen und uns vorsichtig zu bewegen.

Anfangs glaubte ich, tot zu sein, und hielt ihn für einen Engel. Erst als er mich in seine Arme nahm, begriff ich, dass er ein Mensch war, der alles tat, um mich zu schützen. Er küsste mich auf die Wangen bewahrte mich dadurch vor Panik. Ich erwiderte die Küsse, denn ich brauchte seinen Trost, während wir dalagen und langsam zu ersticken meinten. Dann begannen wir zu reden. Er erzählte mir, dass er Ric Degenoli heiße und mit seinem Vater Alberto gerade an einer Hochzeit teilgenommen habe. Ich nannte ihm meinen Namen und sagte ihm, dass ich als Touristin nach Innsbruck gekommen sei.

Als immer mehr Zeit verging und keine Hilfe kam, machten wir uns klar, dass wir sterben würden. Uns einander in der Kälte zu wärmen war schließlich unser einziger Trost.“ Sami hielt einen Moment inne, atmete tief ein und berichtete dann weiter: „Wir liebten uns … so natürlich und selbstverständlich, als geschähe es im Traum. Dann hörte ich ein dumpfes Geräusch und begriff, dass ein Balken seine Stirn getroffen hatte. Ich ertastete sein warmes Blut, konnte aber keinen Pulsschlag feststellen. Da ahnte ich, dass er tot war. Ich habe mich keinem anderen Menschen so nah gefühlt wie ihm.

Wenn ich jetzt meinen anbetungswürdigen kleinen Ric betrachte, sehe ich seinen Vater vor mir. Ihn so zu erziehen, dass er sich diesem einzigartigen Menschen als würdig erweist, ist mein einziges Bestreben. Ja, Ric war ein großartiger Mann, denn er dachte in den Schrecken des Todes nicht an sich selbst, sondern nur an mich. Beantwortet das Ihre Fragen, Mr Degenoli?“

Sami bemerkte jetzt erst, dass ihr Zuhörer aschfahl geworden war. Die Geburtsurkunde war ihm aus der Hand geglitten und lag auf dem Boden, aber er machte keine Anstalten, sie aufzuheben.

„Wenn Sie mir immer noch nicht glauben“, sagte sie abschließend, „gibt es nichts mehr, womit ich Sie überzeugen könnte. Vielleicht darf ich Ihnen jetzt eine Frage stellen. War Alberto Ihr Onkel?“

„Nein“, antwortete er dumpf. Es klang, als käme seine Stimme aus einer tiefen Grube. „Er war mein Vater.“

„Mr Coretti hat Sie als Alberto Degenoli vorgestellt, aber das ist nicht Ihr richtiger Name, nicht wahr? Er hat ihn angegeben, um Sie zu schützen. Das kann ich verstehen.“

Ric kam einen Schritt näher. „Lassen Sie es mich so sagen, Miss Argyle. Mein Vater hieß Alberto Enrico Degenoli und wurde Alberto genannt. Ich heiße auch Alberto Enrico Degenoli, aber mich nennt man Enrico. Für meine nächsten Verwandten bin ich jedoch … Ric.“

Sami sah ihn verblüfft an. Der Boden schien plötzlich unter ihren Füßen zu schwanken. „Sie können nicht der Ric sein. Er war tot … in meinen Armen gestorben …“

„Nein, Sami“, unterbrach er sie mit rauer Stimme. „Ich lebe und bin hier.“

Aus seinem Mund ihren Spitznamen zu hören, brachte Sami endgültig aus der Fassung. Sie stieß einen Schrei aus und umklammerte mit beiden Händen das Geländer des Kinderbetts. „Sie sind Ric? Nein!“ Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr das blonde Haar ins Gesicht fiel. „Das ist unmöglich. Ich glaube es einfach nicht …“

Mit einem Mal verschwamm das Zimmer vor ihren Augen. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Bett, und der Mann, von dem sie schwanger geworden war, beugte sich über sie. „Bleib ganz ruhig liegen“, ermahnte er sie. „Das war ein schwerer Schock für dich.“

Seine Stimme klang wieder so sanft und einfühlsam, wie sie es von damals in Erinnerung hatte. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und war wieder dort, allein mit ihm, in der schwarzen Dunkelheit. Doch sobald sie die Augen öffnete, sah sie einen Fremden vor sich. In tiefster Seele wusste sie, wer er war. Nur ihr Verstand weigerte sich, in dem auffallend attraktiven, in jeder Weise überwältigenden Mann den Ric wiederzuerkennen, der ihr mit seiner leidenschaftlichen Hingabe das Leben gerettet hatte.

Ric spielte mit Samis Haar. Genauso seidenweich hatte es sich damals angefühlt, leicht und duftig, wie alles an ihr. Wenn er die Augen schloss, war es genau wie in seiner Erinnerung, aber inzwischen wusste er, dass ihr Haar wie Goldfäden schimmerte.

Da sie immer noch sehr blass war, stand er auf, um ihr ein Glas Wasser zu holen. Als er zurückkam, hatte sie sich aufgesetzt. Er reichte ihr das Glas, und sie leerte es begierig.

„Vielen Dank“, flüsterte sie und sank wieder zurück. Sie fühlte sich matt wie eine welkende Blume.

Ric stellte das Glas auf den Nachttisch und streckte sich neben ihr aus. „Es war ein Wunder, dass wir überlebt haben.“

„Ja. Ich versuche immer noch zu begreifen, dass du am Leben bist und hier neben mir liegst.“

„Mir geht es genauso. Als wir in der Dunkelheit gefangen waren, hätte ich alles dafür gegeben, dein Gesicht zu sehen. Ich ahnte, dass du eine bezaubernde Frau warst, aber jetzt muss ich zugeben, dass alle meine Träume von dir nicht an die Wirklichkeit heranreichten.“

In stummer Verwunderung berührte sie sein Gesicht. Jede einzelne Linie zeichnete sie nach und weckte damit unvergessliche Erinnerungen in ihm.

„Ric“, hauchte sie und ließ die Finger sacht über seine Lippen gleiten. „Ich fürchte, meine Sinne betrügen mich …“

Er drückte ihr einen Kuss in die Hand. „Nein, Sami, wir täuschen uns nicht … damals so wenig wie jetzt.“

Tränen schimmerten plötzlich in ihren schönen grünen Augen. „Als ich dich für tot hielt, wollte ich auch sterben. Solange du geatmet hast, hast du mir Mut gegeben. Als ich aber keine Antwort mehr von dir bekam, war es für mich das Ende.“

Noch jetzt verriet ihre Stimme, welchen Schmerz und welche Verzweiflung sie damals verspürt hatte. Auch Ric hatte ihretwegen zutiefst gelitten. Doch jetzt wurde er nicht müde, Sami anzusehen. Keine Einzelheit entging ihm, nicht das Pochen in der kleinen Wölbung unter ihrer Kehle und nicht die Tränen, die an ihren ungewöhnlich langen dunklen Wimpern hingen.

Sami gelang es nicht so schnell, die Erinnerung zu verdrängen. „Mir ist, als wäre das Unglück gerade erst passiert“, sagte sie leise. „Dann wäre doch jetzt alles Einbildung, aber ich kann dich ja berühren und wieder deine Stimme hören. Du bist tatsächlich aus Fleisch und Blut und nicht nur ein Phantom in meinen Träumen.“

„Auch du hast mir in der Dunkelheit Kraft gegeben“, gestand er. „Durch dich blieb ich bei Besinnung. Mit dir teilte ich denselben Traum. Als wir uns liebten, glaubte ich tatsächlich zu träumen und wollte nie wieder aufwachen. Alles, was wir damals erlebten, hatte etwas Unwirkliches … als befänden wir uns in einer anderen Welt.“

„Ich weiß.“ Sami wischte sich die Tränen aus den Augen. „Bevor ich feststellte, dass ich schwanger war, zweifelte ich immer wieder an meinem Verstand. Wie erging es dir nach deiner Rettung?“

„Bis ich in Genua im Krankenhaus zu mir kam, weiß ich nichts. Ich hatte zwei Tage im Koma gelegen, und man sagte mir, ich sei dem sicheren Tod nur um Minuten entgangen. Meine erste Frage, die ich dem Arzt stellte, galt dir. Ich bat ihn herauszufinden, ob du zu den Opfern des Lawinenunglücks zähltest.

„Er kam mit der Nachricht zurück, auf den Listen mit den Namen der Verunglückten keine ‚Sami‘ zu finden sei … du müsstest folglich noch am Leben sein. Ich beschloss, nach dir zu suchen, sobald es mir besser gehen würde. Ich fing gleich nach der Beerdigung meines Vaters damit an.“

„Unglaublich“, staunte Sami.

„Warum überrascht dich das? Was wir zusammen erlebt hatten, war so einzigartig, dass ich es nie vergessen werde. Ich fuhr nach Innsbruck und bat, alle Eintragungen bezüglich der Touristen zu überprüfen. Als dein Name auch da nicht zu finden war, musste ich die Suche erweitern. Du hattest mir erzählt, du kämest aus Oakland in Kalifornien. Also ließ ich meine Leute dort nach dir suchen.“

„Oh Ric!“

„Ich dachte nur noch an dich, aber auch in Oakland führten die wochenlangen Nachforschungen nicht weiter. Niemand mit deinem Namen war von dort nach Österreich geflogen oder zurückgekommen. Es war, als wärest du vom Erdboden verschluckt worden.“

„Das lag daran, dass du meinen richtigen Namen nicht kanntest“, seufzte sie. „Sami ist nur mein Spitzname. Pat und ich wurden nach dem Tod unserer Eltern von den Großeltern erzogen. Ich erinnerte meinen Großvater so sehr an seinen Sohn und meinen Vater Samuel, dass er mich bald nur noch Sami nannte, und dabei blieb es.

Du hast recht … ich bin in Oakland aufgewachsen. Nach der Rückkehr aus Österreich besuchte ich dort weiter das College, bis ich einen Arzt aufsuchen musste, weil ich mich nicht wohlfühlte. Als er mir mitteilte, dass ich schwanger sei, fiel ich aus allen Wolken. Meine Schwester bestand daraufhin, dass ich zu ihr nach Reno in Nevada kommen solle, damit sie und ihr Mann Bruce für mich sorgen könnten. Da Pat meine einzige Verwandte ist und ich gern bei ihr sein wollte, zog ich nach Reno, wo ich mein Studium fortsetzte. Ohne meinen wirklichen Namen zu kennen, konntest du mich natürlich nicht finden.“ Etwas leiser fügte sie hinzu: „Wie traurig, dass du bei dem Unglück deinen Vater verloren hast.“

„Ja“, antwortete Ric, obwohl ihm in diesem Augenblick nur Sami wichtig war.

„Ich habe viel an ihn gedacht“, gestand sie, „denn ich fragte mich, wie er die Nachricht von einem Enkelkind aufnehmen würde. Einerseits fürchtete ich, er würde entsetzt sein, und andererseits hoffte ich, es würde ihn trösten, dass sein Sohn nicht einsam gestorben war.“

Sami war inzwischen aufgestanden und um das Bett herumgekommen. Ric erhob sich ebenfalls und nahm sie fest in seine Arme. „Gott sei Dank hast du nach ihm gesucht, sonst würde ich immer noch im Dunkeln tappen. Mein Vater hätte sich ganz bestimmt über unseren Sohn gefreut.“

Nur die Umstände, wie er zu einem Enkel gekommen ist, wären ein Schock für ihn gewesen!

„Es fiel mir schwer, die richtige Entscheidung zu treffen“, berichtete Sami weiter. „Deshalb tat ich bei der Polizei so geheimnisvoll. Ich wollte deinen Vater nicht kompromittieren oder ihm irgendwelche Schwierigkeiten machen. Mr Corettis Andeutung, ich könnte mich in der Stadt geirrt haben, brachte mich vollends durcheinander. Bis dahin war ich ganz sicher gewesen, dass du von Genua und nicht von Genf gesprochen hattest. Die Aussicht, in die Schweiz fliegen und dort von vorn beginnen zu müssen, war deprimierend, aber für deinen Sohn hätte ich auch das auf mich genommen.“

Eine Frau wie sie gibt es nicht noch einmal, dachte Ric und ging zum Kinderbett. War das wirklich sein Sohn, der da mit ausgestreckten Ärmchen, die winzigen Hände zu Fäusten geballt, auf dem Rücken lag und friedlich schlummerte?

„Inmitten von Tod und Zerstörung haben wir neues Leben geschaffen“, sagte er andächtig.

„Ja.“ Sami trat neben ihn. „Wunderbares neues Leben.“

In seiner überschwänglichen Stimmung nahm Ric das Baby hoch, ohne zu bedenken, dass es dabei aufwachen musste, er wollte es einfach besser betrachten können. Er spürte die Wärme, die der kleine Körper ausstrahlte, und fühlte sich zutiefst mit seinem Sohn verbunden.

Der Kleine schien zu merken, dass er nicht von seiner Mutter gehalten wurde, denn er begann zu strampeln. Seine Bewegungen waren so kräftig, dass Ric ihn im Nacken stützen musste.

„Ciao, bambino mio“, flüsterte er und küsste ihn auf die zarten Wangen. Du bist der erste Degenoli der nächsten Generation.

Seine Schwester Claudia hatte kurz nach der Nachricht vom Tod ihres Vaters eine Fehlgeburt erlitten. Natürlich galt ihr und ihrem Ehemann Marco sein ganzes Mitgefühl, aber beim Anblick seines eigenen Sohnes empfand er nur überwältigende Freude.

Er suchte Samis Blick und sah, dass ihre Augen voller Tränen waren. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass du lebst und unseren Sohn im Arm hältst“, gestand sie. „Als ich die Polizeistation verließ, war ich zutiefst deprimiert. Wenn du auch in Genf keinen Erfolg hast, dachte ich, wird dein Sohn die Familie seines Vaters niemals kennenlernen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Stell dir vor, du hättest mich nicht durch deinen Leibwächter verfolgen lassen!“

„Ich musste unbedingt herausfinden, wer du warst, denn deine Stimme konnte es einfach nicht zweimal geben.“

„Ich ahne, wie dir zumute war“, sagte Sami. „Als ich dich sprechen hörte, hätte ich alle Vorsicht außer Acht lassen und dich einfach Ric nennen sollen, um deine Reaktion zu testen. Das hätte uns schneller ans Ziel gebracht.“

Ric wollte antworten, aber sein Handy klingelte und brachte ihn in die raue Wirklichkeit zurück. Er wusste sofort, wer am anderen Ende sein würde. Eliana wollte vor seinem Abflug noch einmal mit ihm reden, und er stöhnte bei der Vorstellung, wie sich die Neuigkeiten auf ihre gemeinsame Zukunft auswirken würden. Liebe war bei dieser Heirat zwar nicht im Spiel, aber die Nachricht von einem bisher unbekannten Baby würde auch einer nüchtern denkenden Braut Kopfschmerzen bereiten.

Er musste äußerst vorsichtig sein.

3. KAPITEL

„Eliana?“, meldete er sich, nachdem Sami ihm das Baby abgenommen hatte.

„Warum hast du mich nicht von deinem Büro aus angerufen? Ich hatte fest damit gerechnet, aber dein Sekretär sagte, du seist nicht mehr da.“

Ric rieb sich den verspannten Nacken. „Ich bin unterwegs zum Flugplatz und wollte mich von dort melden.“ Das hätte er auch getan, wenn nicht etwas anderes dazwischengekommen wäre. Etwas, das sein ganzes Leben grundlegend verändern würde. Die Sami, mit der er verschüttet worden war, lebte und hatte ihn gerade mit seinem Sohn bekannt gemacht!

„Ist bei dir alles in Ordnung?“, fragte Eliana nach einer spürbaren Pause. „Deine Stimme klingt irgendwie … anders.“

Anders? Ein lächerliches Wort für das, was in ihm vorging!

„Geschäfte, Eliana“, wich er aus. „Ich bin schon zu sehr damit beschäftigt. Verzeih mir.“

„Natürlich, Enrico.“

Ric musste tief durchatmen. Ob sie ihm noch genauso natürlich vergeben würde, wenn er sie mit der Wahrheit konfrontierte? Immerhin war das viel von ihr verlangt.

Sami hatte ihn einen großartigen Mann genannt. Verdiente er das, solange er Eliana gegenüber schwieg? Er konnte sie nicht in das Geheimnis einweihen – jetzt noch nicht. Er begriff ja selber kaum, was geschehen war. Aus Samis unerwartetem Auftauchen und der Tatsache, dass sie ein Kind mitbrachte – seinen Sohn! –, ergaben sich vielfache Probleme, über deren Lösung er erst gründlich nachdenken musste.

„Ich rufe dich morgen aus Zypern an.“

„Hoffentlich hältst du dich an dieses Versprechen.“

Ric runzelte die Stirn. „Habe ich dir gegenüber je eins gebrochen?“

„Nein“, gab Eliana zu, „aber ich bin immer noch böse, weil dir die Geschäfte wichtiger sind als ich. Nach der Hochzeit wirst du mir hoffentlich mehr Zeit widmen. Ich möchte ein Baby bekommen … möglichst einen männlichen Erben.“

In diesem Punkt ist dir schon jemand zuvorgekommen, Eliana … Darling!

Rics Verlobte war schön und hatte Stil. Sie war ein echtes Produkt ihrer noblen Erziehung. Dass sie nebenbei auch noch Wünsche hatte, die typisch für eine Frau waren, konnte Ric ihr nicht zum Vorwurf machen, aber gewisse Dinge waren nun einmal geschehen und konnten nicht rückgängig gemacht werden. Mit der Lawine war das Schicksal über ihn hereingebrochen und hatte seine alte Ordnung zerstört.

„Entschuldige, Eliana, ich muss jetzt Schluss machen. Wir sprechen morgen weiter.“

„A domani, caro.“

„A domani.“

Das Baby schlief an Samis Schulter. „Während du telefoniert hast, habe ich Zeit zum Nachdenken gehabt“, sagte sie. „Vielleicht irre ich mich, es klang jedoch so, als hättest du mit einer Frau gesprochen. Deinen Worten und deiner Stimme nach ist sie entweder deine Ehefrau oder deine Freundin.“

Ric wunderte sich nicht über Samis Direktheit. In der gemeinsamen Erwartung des Todes hatten sie alle zwischenmenschlichen Barrieren abgebaut, und außerdem schien Sami so etwas wie einen sechsten Sinn zu besitzen.

„Es war meine Verlobte … Eliana Fortulezza“, sagte er.

„Warst du schon mit ihr verlobt, als …“

„Nein“, unterbrach er sie, denn er wusste, woran sie dachte. „Wir haben uns viel später verlobt, als ich die Hoffnung, dich wiederzufinden, endgültig aufgeben musste. Bis dahin hatte ich immer noch geglaubt, du würdest nach Genua kommen und mich suchen. Ich hatte dir ja meinen Familiennamen genannt. Jetzt habe ich meinen Sohn gesehen und weiß, warum du nicht früher kommen konntest.“

„Hast du Miss Fortulezza von uns erzählt?“

„Weder ihr noch sonst jemandem“, gestand er und kam näher. „Bist du inzwischen gebunden? Vielleicht sogar verheiratet?“

Sami schüttelte den Kopf. „Nein.“ Das hätte Ric eigentlich leidtun müssen, aber er freute sich darüber. „Bevor ich nach Innsbruck kam, hatte ich mich gerade von einem Mann getrennt, und danach … Du weißt, dass ich danach nicht mehr dieselbe war.

Als Matt – so hieß mein damaliger Freund – von meiner Rückkehr erfuhr, rief er mich an und erklärte, er mache sich immer noch Hoffnungen. Ich sagte ihm, dass es für mich endgültig vorbei sei, aber er blieb hartnäckig und wollte mich nicht aufgeben. Als ich merkte, dass ich schwanger war, erzählte ich ihm, was ich in Österreich erlebt hatte. Es sollte ihn endgültig abschrecken …“

„Und tat es das?“

„Nein. Matt war zwar verletzt, er wollte mich jedoch immer noch heiraten und das Kind aufziehen, als wäre es sein eigenes.“

„Er muss dich sehr lieben“, erklärte Ric, obwohl es kein angenehmer Gedanke für ihn war, ein anderer Mann könne bei seinem Sohn die Vaterstelle einnehmen.

„Ja. Ich glaube, das tut er wirklich. Ich habe ihn auch sehr gern. Er ist ein wunderbarer Mensch, ich liebe ihn nur nicht. Deswegen habe ich auch Schluss gemacht, um ihn nicht unnötig zu verletzen. Er war immer gut zu mir. Dass ich mit einem anderen Mann geschlafen hatte, kränkte ihn allerdings sehr …“ Leichte Röte überzog Samis Gesicht. „Ich habe zwar versucht, die besonderen Umstände zu erklären, aber wie sollte ein Fremder glauben, was ich selbst kaum glauben kann?“

„Auch mir erscheint es immer noch rätselhaft“, gestand Ric. „Obwohl ich selbst dabei war.“

„Es wäre zu viel von Matt verlangt, alles zu vergessen. Ich befürchte jedoch, er ist auf dem besten Weg dazu. Er nimmt offenbar weiterhin an, dass ich meine Meinung eines Tages ändere, was so gut wie ausgeschlossen ist. Wann soll deine Hochzeit stattfinden?“

Die Hochzeit mit Eliana!

„Am 1. Januar.“

„Also am Neujahrstag. Bis dahin sind es kaum zwei Wochen.“

Als er Sami jetzt anblickte und sah, wie sie seinen Sohn zärtlich an sich drückte, empfand er nur Widerwillen gegen die bevorstehende Hochzeitsfeier. Sami schien das zu spüren, denn sie sagte: „Hätte ich gewusst, dass du noch lebst, wäre ich ganz anders vorgegangen. Dir muss erst einmal richtig bewusst werden, dass du einen Sohn hast. Du brauchst Zeit, um dir über alles klar zu werden und zu begreifen, was du empfindest.“

„Was ich empfinde?“, wiederholte er verblüfft. „Ich habe nicht gewusst, dass es einen Mann so glücklich machen kann, Vater zu sein.“

Weder Ric noch seine Geschwister hatten ihrem Vater besonders nahegestanden. Alberto war so viel unterwegs gewesen, dass sie ihn kaum zu Gesicht bekommen hatten. Er dominierte die Familie, aber die Kindererziehung überließ er seiner Frau und dem Hauspersonal.

Erst als Ric das College besuchte, schenkte sein Vater ihm mehr Aufmerksamkeit, aber auch da ging es nur um Geld und Pflichterfüllung. Ric war der Älteste, und die größten Hoffnungen ruhten auf ihm. Vito und Claudia wurden von Alberto Degenoli nicht weiter beachtet, was Ric noch heute empörte. Schon damals hatte er beschlossen, sich seinen Kindern voll und ganz zu widmen, falls er jemals Vater werden sollte.

„Ich ahnte nicht, dass mich die Tatsache, ein Kind zu haben, völlig verändern würde“, beteuerte er noch einmal.

„Trotzdem willst du demnächst heiraten und musst daher alles mit deiner Braut besprechen“, erklärte Sami sachlich. „Da ist es gut, dass ich morgen früh in die Vereinigten Staaten zurückfliege. Ric und ich bleiben in Reno, während du dir alles in Ruhe überlegst. Wir wissen jetzt, dass wir beide noch am Leben sind. Wir können jederzeit miteinander telefonieren und müssen nichts überstürzen.“

„Nichts überstürzen?“ Ric runzelte die Stirn. „Ich habe die ersten beiden Monate im Leben meines Sohns verpasst und will nicht, dass es so weitergeht.“

„Aber bedenke doch“, rief Sami, „Weihnachten und die Hochzeit stehen unmittelbar bevor. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um …“

„Um was?“, schnitt er ihr das Wort ab. „Zu entscheiden, dass mein Sohn von heute an zu mir gehört? Seine Geburt war nicht geplant, aber er ist ein lebendes und atmendes Wunder. Im Gegensatz zu meinem Vater, der kaum die Existenz seiner Kinder wahrnahm, bis sie erwachsen waren, will ich meinem Sprössling so viel Zeit widmen, wie ich erübrigen kann.“

Sami machte ein verschlossenes Gesicht. „So, wie du dir das denkst, geht es nicht, Ric. Wir kommen nicht nur aus verschiedenen Ländern, sondern von verschiedenen Kontinenten. Das Kind bedeutet mir mehr als mein Leben. Wenn du mit Eliana verheiratet bist, werde ich mit dem kleinen Ric bei euch erscheinen, wie ich auch deinen Vater besucht hätte, wenn er noch lebte. Pat wird mir dabei behilflich sein, sodass die Flüge nicht zu teuer werden. Natürlich könnt ihr auch zu uns nach Reno kommen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet.“

Ric hörte, was Sami sagte, aber er verstand sie nicht. Die Frau, die sein Kind geboren hatte, war ihm noch in vielen Dingen ein Rätsel, aber eins wusste er: Er würde nicht zulassen, dass sie wieder aus seinem Leben verschwand und ihren gemeinsamen Sohn mitnahm.

„Darüber sprechen wir später“, sagte er. „Zunächst müssen wir uns besser kennenlernen.“ Dass er dabei äußerst behutsam vorgehen musste, war ihm längst klar. „Ich bin auf dem Weg zu meinem zweiten Heim auf Zypern. Ich habe dort dringende Geschäfte zu erledigen und werde euch beide mitnehmen.“

Sami konnte ihn nur groß ansehen.

„Du hast gesagt, es wäre dir schmerzlich gewesen, wenn dein Sohn die Familie seines Vaters nicht kennengelernt hätte“, erinnerte Ric sie. „Jetzt bietet sich die erste Gelegenheit dazu. Meine Mutter stammt aus Zypern, und ich habe den größten Teil meiner Kindheit dort verbracht. Wenn Ric älter wird, soll das auch sein Zuhause sein. Ich möchte, dass du die nächste Woche bei mir bleibst, um dich in entspannter Atmosphäre mit meinen Lebensumständen vertraut zu machen. Zypern hat während der Wintermonate das wärmste Klima im ganzen Mittelmeerraum. Morgen soll das Thermometer bis auf dreiundzwanzig Grad steigen. Das ist warm genug, um im Meer zu baden.“

„Oh, Ric!“, rief Sami aufgeregt. „Das geht doch nicht. Ich wollte nur einige Tage hierbleiben.“

„Da wusstest du noch nicht, dass du mich finden würdest. Jetzt hat sich alles für uns geändert. Unser Kind braucht seine Eltern. Wenn Pat deinen Flug nicht umbuchen kann, werde ich es tun. Für mich ist das eine Kleinigkeit.“

„Davon bin ich überzeugt. Du vergisst jedoch deine Verlobte, die sicher wenig Verständnis für diesen Schritt hätte.“

„Eliana erwartet mich nicht vor Heiligabend zurück. Was ich bis dahin mit meiner Zeit anfange, ist meine Sache. Wir beide haben viel zu besprechen, Sami. Es ist ausgeschlossen, dass du morgen zurückfliegst.“

„Aber …“

„Kein Aber“, unterbrach er sie. „Oder missgönnst du mir die wenigen Tage mit dir und meinem Sohn? Wir drei müssen lernen, dass wir von jetzt an zusammengehören.“ Erregt verstummte er. „Das Schicksal gibt uns eine zweite Chance … nicht nur, um zu leben, sondern um mit unserem Kind glücklich zu sein.“

„Wenn auch …“

„Kein Wenn und kein Aber, Sami! Nach allem, was wir in Österreich erlebt haben, lasse ich mich auf kein Risiko mehr ein. Während deiner Rückreise nach Reno können tausend Dinge passieren. Streite das nicht ab, denn du weißt es besser. Ich brauche diese Zeit zu dritt. Sei ehrlich und gib zu, dass es dir genauso geht.“

Sami wich seinem Blick aus. „Trotzdem wird deine Braut verzweifelt sein, wenn sie die Wahrheit herausfindet. Wie lange willst du sie im Unklaren lassen?“

„So lange, wie es nötig ist. Mehr kann ich nicht sagen.“

„Ich mache mir ihretwegen Sorgen, Ric. Matt war am Boden zerstört, als er die Geschichte erfuhr, obwohl ich mich schon vorher von ihm getrennt hatte. Die Tatsache, dass du ein Kind hast, wird Eliana vielleicht so hart treffen, dass sie sich nie von dem Schlag erholt … erst recht nicht, wenn du zu lange schweigst. Ich an ihrer Stelle …“

„Wir wollen nicht mutmaßen, was geschehen oder nicht geschehen könnte“, unterbrach Ric sie abermals. „Natürlich weiß ich, dass ich bei Eliana besonders vorsichtig sein muss. Sie wird aus Gründen verletzt sein, von denen du noch keine Ahnung hast.“

„Was für eine unglaubliche Situation“, seufzte Sami.

„Unglaublich, aber nicht unlösbar. Ric war dir so wichtig, dass du nach Genua geflogen bist, um seinen Großvater zu finden. Jetzt ist er mir so wichtig, dass ich nachts aufstehen möchte, um ihm die Flasche zu geben. Ich möchte ihn baden und all das machen, was ein junger Vater tut … wenigstens eine Woche lang. Danach werde ich für die Auseinandersetzung mit Eliana besser gerüstet sein.“

„Mir wäre wohler, wenn sie von meiner Anwesenheit auf Zypern wüsste“, wandte Sami erneut ein. „Wenn sie es nun von jemand anderem erfährt?“

„Von wem denn? Meine Bodyguards und der Pilot sind absolut zuverlässig, und was die Polizei betrifft … Commissario Coretti wird sich hüten, mit irgendjemandem über meine Angelegenheiten zu sprechen.“

„Das mag sein, aber …“

„Zum letzten Mal, Sami … kein Aber. Ich hatte nicht neun Monate Zeit, um mich auf die Ankunft unseres Babys vorzubereiten. Wenn ich eine Weile mit euch zusammen gewesen bin, kann ich Eliana ganz anders entgegentreten.“

Sami widersprach nicht länger. Sie schwieg jedoch so beharrlich, dass Ric fortfuhr: „Die mutige Frau, mit der ich verschüttet war, hätte mir meinen bescheidenen Wunsch erfüllt. Sollte sie sich in den letzten elf Monaten etwa so verändert haben?“

Diesen Vorwurf konnte Sami nicht auf sich sitzen lassen. „Hast du in deinem Haus auf Zypern denn alles, was ein Baby braucht?“, fragte sie.

„Was es unmittelbar benötigt, hast du doch mitgebracht“, erwiderte Ric. „Alles andere kann ich mühelos besorgen. Ein Anruf, und das Kinderbett steht bereit.“

„Wenn du meinst …“ Sami kämpfte immer noch mit sich.

„Ein einziger Grund spräche allerdings gegen diese Lösung“, erklärte er leicht gekränkt. „Wenn du dich trotz allem, was wir zusammen erlebt haben, bei mir nicht wohlfühlst …“

„Oh doch“, unterbrach sie ihn und errötete dabei. „Das ist es nicht.“

„Dann spricht nichts mehr dagegen, dass du mich begleitest. Ich werde Carlo bitten, deine Hotelrechnung zu bezahlen.“

Sami sah ihn unsicher an. „Diese Bodyguards … Wer sind sie wirklich?“

„Sie schützen mich in der Öffentlichkeit … das ist alles.“

„Ich weiß, dass du Besitzer eines Schifffahrtsunternehmens bist, aber warum muss ein Reeder in der Öffentlichkeit geschützt werden?“

„Das erkläre ich dir später.“

„Eine letzte Frage. Bist du überhaupt auf Gäste vorbereitet … speziell, wenn ein Kind dabei ist?“

„Auf Gäste?“, empörte er sich. „Ric ist mein Sohn, und du bist seine Mutter. Das zeichnet dich vor allen anderen Menschen auf dieser Erde aus. Wenn du es lieber willst, verbringen wir die ganze nächste Woche auch hier.“

„Du meinst, in diesem Hotel?“

„Ich meine, in diesem Zimmer.“ Samis ängstlicher Ton verriet Ric, dass er sie nicht weniger verunsicherte als sie ihn. Das entsprach ganz seinen Wünschen. „Glaubst du denn, ich würde ohne dich von hier verschwinden, nachdem du so viel auf dich genommen hast, um meinen Vater zu finden?“

„Und deine wichtigen Geschäfte auf Zypern?“

„Das wichtigste Geschäft ist jetzt mein Sohn. Habe ich das nicht klar genug zum Ausdruck gebracht? Du wirst in meinem Haus dein eigenes Zimmer haben … nur wenige Schritte vom Strand entfernt. Im Nebenraum stellen wir Rics Kinderbett auf, sodass du jederzeit zu ihm gehen kannst. Aber, wie gesagt … Wenn es dein Wunsch ist, können wir auch hierbleiben. Ich überlasse dir die Entscheidung.“

Sami schwieg und presste die Lippen zusammen. Beide Möglichkeiten behagten ihr nicht, aber eine dritte fiel ihr nicht ein. „Wann wolltest du aufbrechen?“, fragte sie.

„Vor zwei Stunden. Draußen steht eine Limousine für mich bereit.“

„Ich habe Angst“, flüsterte sie.

„Die Frau, die den Polizeichef von Genua um Hilfe bat, hatte keine Angst. Sie besaß Mut und Kühnheit. Du ahnst nicht, wie glücklich es mich macht, dass mein Sohn diese Eigenschaften geerbt hat.“

„Das kannst du noch nicht wissen.“

„Ein Kind, das gesund geboren wird, nachdem seine Mutter so viel durchgemacht hat, muss mutig sein“, entschied Ric. „Wenn du jetzt deine Sachen zusammensuchen würdest … Den Koffer trage ich selbst hinunter. Man fliegt nur wenige Stunden bis Paphos. Sobald wir in der Luft sind, gibt es einen kleinen Imbiss. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin halb verhungert.“

Sami sah erst auf das Baby und dann auf Ric. „Wenn du sicher bist, dass wir das Richtige tun …“

„Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht so sicher.“

Sami gab sich geschlagen, ohne wirklich überzeugt zu sein. Sie legte das Baby, das während des ganzen Gesprächs friedlich an ihrer Schulter geschlummert hatte, auf das Bett und holte ihren Koffer aus dem Schrank. Ric schien nur darauf gewartet zu haben, denn er entspannte sich sichtbar. Er zog sein Handy hervor und rief die zuerst die Haushälterin in Paphos an, um ihr die nötigen Anweisungen zu geben, und dann Carlo und den Chauffeur, die beide vor dem Hotel warteten.

Auf dem Weg von der Polizeiwache hierher nahm ich noch an, mein Vater hätte mit dieser Frau eine Affäre gehabt, dachte er, während er Sami beim Packen zusah. Niemals hätte er vermutet, dass sich Christine Argyle als seine Sami entpuppen würde und dass sie ein Baby mitgebracht hatte, das sein Sohn war.

Ric Argyle-Degenoli.

4. KAPITEL

Samis Welt war ins Wanken geraten. Dass Ric lebte, erschien ihr immer noch unfassbar, aber er war es wirklich – dieser große, starke Italiener, der das Baby auf dem Arm hielt und mit der freien Hand ihren Koffer trug.

Dummerweise gab es da auch eine Verlobte! Sami wurde den Gedanken an sie nicht mehr los und fragte sich, ob es unrecht von ihr war, dem Mann zu folgen, der einer anderen gehörte. Sie hatte versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, aber ihre Einwände beeindruckten ihn nicht. Er trug seinen Sohn voller Stolz auf dem Arm und zog viele neidische Blicke auf sich. Zu dritt mussten sie wie eine kleine Familie wirken, die hier die Weihnachtstage verbringen wollte.

„Dein Koffer ist ziemlich schwer“, meinte er, während sie durch die Halle gingen. Entweder bemerkte er ihre Bedrücktheit nicht, oder sie war ihm gleichgültig. „Was hast du da bloß drin?“

„Babynahrung“, antwortete sie. „Ich habe sehr viel mitgenommen, um für jeden Fall vorbereitet zu sein.“

Ric hatte gesagt, vor dem Hotel würde ein Auto bereitstehen, aber statt des einen Wagens standen drei schwarze Limousinen da. Die mittlere hatte getönte Scheiben, und den Kühler schmückte eine goldene Figur, die an einen Seemann erinnerte. Zwei Leibwächter hielten die Türen auf, halfen Sami beim Einsteigen und befestigten neben ihr den Babysitz. Ihre Ergebenheit gegenüber Ric schien so groß zu sein, dass Sami ihn verwundert ansah und gleich nach der Abfahrt fragte: „Was hat das alles zu bedeuten, Ric?“

„Wir fahren zum Flugplatz“, antwortete er mit der warmen, tiefen Stimme, die immer dieselbe sinnliche Wirkung auf sie hatte.

„In dieser Luxuskarosse?“

„Ist sie dir nicht bequem genug?“ Ric saß ihr gegenüber, und sie hatte den Eindruck, dass er insgeheim über sie lachte.

„Die Frage muss ich wohl nicht beantworten. Warum hat der Chauffeur dich mit Eccellenza angeredet? Ich spreche zwar kein Italienisch, aber das Wort klingt in jeder Sprache ähnlich. Warum ‚Exzellenz‘? Bist du ein Angehöriger der Regierung?“

„Nein, aber Besitzer einer Reederei.“

Sami sah ihn misstrauisch an. „Das meine ich nicht. Wer bist du wirklich, Ric? Sag mir bitte die Wahrheit.“

Wie unzugänglich er sein konnte! Das war neu für Sami. Sie hatten gemeinsam die intimsten Momente erlebt, und trotzdem kannte sie ihn nicht. Nur eins wusste sie: dass er ein Mann mit Charakter war, der seinen Sohn spontan anerkannt hatte, obwohl er in wenigen Tagen heiraten wollte. Wie viele Männer hätten das getan?

„Ich bin Alberto Enrico Degenoli der Dreizehnte.“

„Hießen deine Vorfahren alle gleich?“

„Ja.“

„Wie interessant!“, staunte Sami. „Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Auch damals hast du dich über deine Verhältnisse ausgeschwiegen.“

Ric zog erstaunt die Brauen hoch. „Hast du mir denn verraten, dass du Studentin warst? Hätte ich das gewusst, an welcher Universität du eingeschrieben warst, hätte ich dich schon vor Monaten gefunden.“

Ja, aber ob unser Leben dann anders verlaufen wäre? Eine sinnlose und überflüssige Frage!

„Vielleicht erinnerst du dich daran, dass wir uns entschlossen hatten, möglichst wenig zu sprechen, um Sauerstoff zu sparen“, verteidigte sie sich.

„Ganz recht. Stattdessen haben wir auf sehr viel ursprünglichere Weise miteinander kommuniziert. Sich im Dunkeln zu lieben, erhöhte den Reiz und steigerte unsere Lust. Das Ergebnis ist unser Sohn, der neben dir sitzt.“

Mehr brauchte Ric nicht zu sagen, um Sami noch verlegener zu machen und ihr das Blut ins Gesicht zu treiben. Sie glühte am ganzen Körper, als hätte ein plötzliches Fieber sie erfasst.

„Er müsste uns ewig dankbar sein, weil wir ihm unter so widrigen Umständen das Leben geschenkt haben“, fuhr Ric scherzhaft fort. „Und ich kann dir nicht genug dafür danken, dass du ohne mich so gut für ihn gesorgt hast.“

Das Kompliment tat Sami gut. Ihr war aber auch bewusst, dass von jetzt an nichts mehr ohne, sondern alles mit ihm geschehen würde. Er war es gewohnt, Autorität auszuüben. Ihr fiel ein, wie hastig Kommissar Coretti aufgesprungen war, als Ric ihn gebeten hatte, das Zimmer zu verlassen. Sein eigenes Büro! Während sie noch überlegte, ob es klug war, weitere Fragen zu stellen, hielt die Limousine an.

„Wir sind da“, erklärte Ric, und fast gleichzeitig wurden die Türen geöffnet.

Sami stieg aus und stand vor einem weiß und grün lackierten Privatjet, auf dem in großen goldenen Buchstaben „Degenoli“ stand. Darunter befand sich das Seemannsemblem, das auch den Kühler des Wagens schmückte.

Ehe sie weiter nachdenken konnte, wurde sie mit ihrem Gepäck zur Gangway geleitet, wo ein Steward sie in Empfang nahm und in den Salon führte, der mit weißen Ledersesseln ausgestattet war. Ric folgte ihr mit dem Baby, das friedlich schlief.

Sobald Sami Platz genommen hatte, leuchtete die Anzeige Fasten Seatbelts auf. Dann wurden die Motoren angelassen, und der Jet rollte zur Startbahn.

Sami wusste, dass sie nicht träumte, aber alles kam ihr unwirklich vor. Die Aussicht, eine Woche mit Ric allein zu sein, brachte ihr Gefühlsleben völlig durcheinander. Alles geschah viel zu schnell, aber Ric glich einer Naturgewalt, die sich nicht eindämmen ließ. In der Aufregung hatte sie sogar vergessen, Pat anzurufen. Jetzt hatte sie dazu Zeit genug, doch Ric saß ihr so nah, dass er jedes Wort verstanden hätte. Sie musste einen günstigeren Moment abwarten.

Als der Jet seine normale Geschwindigkeit erreicht hatte und die Hinweisschilder erloschen waren, servierte der Steward pollo e pasta. Dazu gab es einen lieblichen Weißwein.

„Du stillst doch nicht?“, vergewisserte sich Ric, nachdem sie den ersten Schluck probiert hatte.

Sami stellte das Glas hin. „Ich habe es versucht, aber ich hatte zu wenig Milch. Der Arzt riet mir deshalb zu Fertignahrung, und die liebt Ric.“

„Im Hotel hat er das ganze Fläschchen ausgetrunken. Ich kann es kaum erwarten, es ihm selbst zu geben.“

Der kleine Ric schien die Stimme seines Vaters gehört zu haben, denn eine knappe Minute später wachte er auf und wurde unruhig. Ric nahm ihn sofort auf den Arm.

„Du scheinst schon wieder hungrig zu sein, Darling.“ Sami beugte sich hinüber und küsste das Baby auf die Wange. Dann stand sie auf, um ein neues Fläschchen und ein Tuch aus der Tasche zu holen. „Du brauchst ihm nur den Schnuller in den Mund zu stecken. Den Rest macht er selbst.“ Sie breitete das Tuch über Rics Schulter und reichte ihm das Fläschchen.

Ric lachte und spielte mit dem Baby, ehe er es fütterte. Als der Steward zum Abräumen hereinkam, hielt er ihm das Kind entgegen, um es bewundern zu lassen. Beide Männer lächelten und tauschten einige italienische Worte aus. Dann nahm der Steward das gebrauchte Geschirr mit hinaus.

Sami merkte schnell, dass sich ihr Sohn auf Rics Arm ausgesprochen wohlfühlte. Fast wurde sie ein bisschen eifersüchtig, aber der Anblick rührte sie auch.

Rics Blick glitt zu ihr hinüber. „Ist unser Sohn nicht perfekt?“

Dasselbe hatte Sami gerade von Ric gedacht und sich gefragt, warum sie ausgerechnet mit ihm von der Lawine verschüttet worden war. „Er erinnert mich an den kleinen Prinzen aus einem meiner Märchenbücher.“

„Wieso an einen Prinzen? Unser Sohn ist ein Conte.“

Sami machte große Augen.

„Der erste Alberto Enrico Degenoli fuhr zur See und kam mit einem Vermögen nach Genua zurück. Dafür machten die Stadtherren ihn zum Conte. Durch weitere kühne und erfolgreiche Seefahrten nahm der Besitz der Degenolis ständig zu. Die Geschichte meiner Familie reicht zurück bis ins vierzehnte Jahrhundert.“

Sami war fassungslos – zum zweiten Mal an diesem Tag. Das goldene Seemannsemblem am Flugzeug und auf der Limousine bekam für sie plötzlich einen Sinn. Allmählich wurde ihr fast schwindlig.

Ric war tatsächlich ein italienischer Graf! Conte Alberto Enrico Degenoli. Binnen Kurzem würde seine Verlobte Contessa Degenoli sein. Du lieber Himmel!

„Dir ist bei Rics Geburt natürlich nicht klar gewesen, dass du Alberto Enrico Degenoli den Vierzehnten zur Welt gebracht hast. Er ist mein erstgeborener Sohn und müsste von Rechts wegen eigentlich der nächste Conte sein.“

Sami begriff sofort, was er damit sagen wollte. Ihr Kind war unehelich geboren und fiel daher möglicherweise als Titelanwärter aus. Elianas erster Sohn würde nach Ric Conte Degenoli sein.

„Nach dem Tod meines Vaters erbte ich auch den Adelstitel“, fuhr Ric in seinen Erklärungen fort. „Doch er zählt heutzutage nicht mehr viel. Du brauchst ihm also nicht übermäßig viel Bedeutung beizumessen. Für seine Freunde wird unser Sohn immer Ric Argyle-Degenoli sein.“

Sami schwirrte der Kopf. Sie sah immer neue Verwicklungen auf sich zukommen. „Ich bin nicht dumm, Ric“, sagte sie, nachdem sie mehrmals tief Luft geholt hatte. „Da du ein Conte bist, ist deine Verlobung von öffentlichem Interesse. Jeder Schritt von dir wird Aufsehen erregen und weitreichende Folgen haben.“

„Das stimmt zwar, aber bisher weiß niemand, dass du mich nach Zypern begleitest. Lass uns später über alles sprechen. Die nächsten Tage möchte ich unbeschwert mit dir und dem kleinen Ric genießen. Kannst du deine Vorbehalte so lange zurückstellen?“

Er fragte das mit einem so besorgten Unterton, dass es Sami zu Herzen ging. Eine Weile saß sie mit gesenktem Kopf da und versuchte, mit sich ins Reine zu kommen. Sie schwankte, ob sie dazu imstande sein könnte, und versuchte, sich in seine Lage zu versetzen und die Dinge mit seinen Augen zu sehen. Natürlich musste er sich an den Gedanken gewöhnen, dass er einen Sohn hatte, und es war wirklich zu viel von ihm verlangt, jetzt schon Entscheidungen zu treffen.

„Unsere Situation ist einzigartig“, meinte sie endlich. „Ich hatte neun Monate Zeit, mich auf meine Rolle als Mutter vorzubereiten. Du dagegen hast erst heute Mittag entdeckt, dass du Vater bist. Ich werde mich bemühen, meine Ängste für die nächsten Tage zu vergessen.“

Ric beugte sich zu ihr hinüber und ergriff ihre Hand. „Jetzt sprichst du ganz wie die Frau, die mir über die furchtbaren Augenblicke hinweghalf, in denen wir das Ende vor uns sahen.“

Samis Augen wurden feucht. „Glücklicherweise war es nicht das Ende. Jetzt haben wir den kleinen Ric … das schönste, wunderbarste Geschenk, das es geben kann.“

„Ja“, sagte er mit rauer Stimme und ließ ihre Hand los. „Wir brauchen uns nicht zu schämen.“

„Nein.“ Sami lachte etwas verlegen. „Meine Verwandten und alle Freunde sind ganz hingerissen von ihm.“

Pat hatte mehr als einmal gesagt, Rickys Vater müsse so etwas wie ein italienischer Gott sein, um einen so hübschen Sohn zu zeugen. Er ist mehr als das, dachte Sami, während sie aus den Augenwinkeln zu ihm hinübersah. Es gab kein Wort, das ihm gerecht wurde. Die schönsten antiken Statuen verblassten neben ihm, aber darüber durfte sie nicht vergessen, dass er bald ein verheirateter Mann sein würde.

„Verrate mir eins“, forderte sie ihn scherzhaft auf. „Bist du sehr reich?“

„Wie man es nimmt.“

Wieder war er einer direkten Antwort ausgewichen. „Ist Elianas Familie denn vermögend?“

„Ja.“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht. Doch das laute Aufstoßen des Babys brachte ihn zum Lachen, in das Sami sofort einstimmte.

„Entschuldige meine Neugier“, sagte sie. „Ich bin noch nie einem Conte begegnet.“

„Ich werde nicht gern an den Titel erinnert“, erwiderte er. „Er bedeutet mir nichts.“

Sami schüttelte den Kopf. „Den Männern, die dich mit Eccellenza anreden, aber schon.“

Ric schnitt ein Gesicht. „Das ist die Macht der Gewohnheit.“

„Ich bin froh, dass ich deine Einstellung kenne, und werde dich nie mit Conte oder Exzellenz ansprechen. Wann dein Sohn von dem Titel erfährt, überlasse ich dir.“

„Da du seine Mutter bist, verrate ich dir ein Geheimnis, das niemand kennt. Nach dem Tod meines Vaters habe ich offiziell die Annullierung des Adelstitels beantragt … nicht nur für mich, sondern auch für meine Nachkommen. Danach darf sich kein Degenoli mehr Conte nennen. Unser Ric wird also ganz frei aufwachsen.“

„War der Titel eine so große Belastung?“

Ric lachte trocken auf. „Wenn du wüsstest!“

„Erzähl es mir“, bat Sami.

„Den Titel erbte immer der älteste Sohn. Seit ich denken kann, hörte ich nichts anderes. Alles wurde darauf ausgerichtet: meine Erziehung, mein Umgang, meine Pflichten, die Wahl meiner zukünftigen Ehefrau. Von meinen Geschwistern war nie die Rede. Vito und Claudia gehörten zwar zur Familie, sie wurden aber nicht weiter beachtet.

Bei Vito war die Folge, dass er sich immer mehr in sich zurückzog, unsicher wurde und unter starken Komplexen litt. Claudia traf es noch schlimmer. Als Mädchen, das die Familie eines Tages verlassen würde, zählte sie überhaupt nicht. Jedes Mal, wenn mein Vater mich durch irgendetwas auszeichnete, gab es mir einen Stich, denn es bedeutete, dass Vito und Claudia einmal mehr zurückgesetzt wurden.“

„Wie schrecklich!“, flüsterte Sami.

„Schrecklicher, als du dir vorstellen kannst. Es machte mich krank, und ich schwor mir, diesen Terror zu beenden, sobald ich den Titel erben würde. Nach dem Begräbnis meines Vaters war es so weit.“

Sami schwieg und machte sich ihre Gedanken. In einigen Gesellschaften spielten Titel noch eine entscheidende Rolle, aber Rics Abscheu schien davor so groß gewesen zu sein, dass er sich entschlossen hatte, die Last abzuwerfen. Das konnte nur ein außergewöhnlicher Mann tun. Sami bewunderte ihn dafür.

„Was wird Eliana sagen, wenn du kein Conte mehr bist?“

„Sie wird sich damit abfinden müssen. Schließlich hat sie von klein auf, schwierige Situationen zu meistern.“

„Und wenn sie davon geträumt hat, Contessa zu werden?“ Sami fragte sich, warum ihr Herz plötzlich schneller schlug. „Ich beneide dich nicht um das Gespräch mit ihr. Wann wirst du es ihr sagen?“

„Sobald ich die offizielle Bestätigung habe. Ich habe sie schon letzte Woche erwartet, aber unsere Gerichte arbeiten langsamer als eure in den Vereinigten Staaten.“

Noch langsamer?“

Ric lächelte. „In einigen Tagen bin ich den Titel hoffentlich los. Das schenke ich mir selbst zu Weihnachten. Aber was du mir mitgebracht hast … ist das größte Geschenk.“

„Dein Weihnachtsbaby.“

Unser Weihnachtsbaby“, verbesserte Ric sie. „Ich glaube, es schläft schon wieder. Nicht wahr, bambino? Du bist müde.“

„Unser bambino ist im Moment ganz zufrieden. Essen und Schlafen sind vorläufig seine einzigen Beschäftigungen. In einigen Wochen wird sich das ändern.“

„Hörst du das, figlio mio?“ Ric drückte das Baby zärtlich an sich. „Sollen wir deine Windel wechseln, bevor du wieder einschläfst?“

Sami stand auf und legte alles auf dem Tisch bereit. „Die Windel sieht zwar klein aus“, sagte sie lächelnd, „aber sie reicht völlig.“

Ric erwiderte ihr Lächeln und machte sich an die Arbeit. Nachdem er reichlich Babypuder verschwendet und viel Zeit gebraucht hatte, um den Strampelanzug richtig zu schließen, war das Werk vollbracht.

„Bravo!“, lobte ihn Sami.

„Das nächste Mal geht es schon besser“, versprach er, setzte sich wieder hin und nahm das Baby auf seinen Schoß.

„Du ahnst nicht, wie oft ich ihn falsch gewickelt habe“, gestand Sami. „Es dauerte eine ganze Weile, bis ich die Tricks heraushatte. Dein Sohn war unglaublich geduldig.“

„Erzähl mir von seiner Geburt“, bat Ric. „Haben die Wehen lange gedauert?“

„Ungefähr achtzehn Stunden.“

Ric sah sie betroffen an. „War jemand bei dir?“

Sami nickte. „Pat und Bruce haben sich an meinem Bett abgewechselt. Ich bin ihnen zu großem Dank verpflichtet.“

Ich hätte dir beistehen müssen“, erklärte Ric grimmig. „Wusstest du vorher, dass es ein Junge sein würde?“

„Oh ja. Als ich das Ergebnis der Sonografie zu sehen bekam, stand für mich fest, dass er Ric heißen würde. Der Arzt meinte, es sähe alles prächtig aus. Da wünschte ich, du wärst bei mir und könntest es selbst hören. Später, als ich das Ende der Wehen herbeisehnte, kam mir der komische Gedanke, du würdest mir vom Himmel aus zusehen oder doch irgendwie wissen, dass dein Sohn geboren wurde. Ich hoffte, es würde dich glücklich machen.“

„Das bin ich gewesen, als du mir seine Geburtsurkunde gezeigt hast“, gestand Ric mit bewegter Stimme. „Es war der bedeutsamste Augenblick meines Lebens.“

Sami sah ihn nachdenklich an. „Sag mir die Wahrheit“, bat sie. „Hast du nach mir gesucht, weil du wissen wolltest, ob ich schwanger geworden war?“

„Nein“, antwortete er, ohne zu zögern. „Ich wollte nur wissen, ob du noch lebst.“

„Aber warum, Ric?“

„Weil ich dich unbedingt wiedersehen wollte, falls du noch am Leben warst. Ich suchte eine Erklärung für das, was mit uns geschehen war. Ich hoffte, im Gespräch mit dir Antwort auf Fragen zu finden, die mich seit dem Unglück quälten.“

Sami nickte. „Dieselben Fragen haben mich auch gequält, und ich habe ebenfalls keine Antwort gefunden. Physische Anziehung kann es nicht gewesen sein, denn wir hatten uns nie gesehen. Meinetwegen kannst du mich für verrückt erklären, aber ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Seelen miteinander verbunden waren.“

„Oder sich gesucht und gefunden hatten …“

„… um sich für immer Lebewohl zu sagen. Dass wir uns liebten, war ein Abschied.“

„Ich habe ähnliche Gedanken gehabt“, gestand Ric. „Sie sind absolut nicht verrückt.“

„Ich bin froh, dass du das sagst, denn es ist die einzige Erklärung, die für mich einen Sinn ergibt. Als ich nach Oakland zurückkam, fühlte ich eine entsetzliche innere Leere. Ich war von deinem Tod überzeugt und empfand ihn als großen Verlust. Nicht, weil wir uns geliebt hatten … versteh mich recht.“ Sie schwieg unvermittelt.

„Sprich weiter“, forderte er sie auf. „Ich verstehe dich genau.“

„Ich rechnete fest damit, dass wir sterben würden. Dass ich überleben und schwanger werden könnte … Nie wäre ich auf diesen Gedanken gekommen.“

„Glaubst du etwa, ich hätte in diesem Augenblick an Verhütung gedacht?“

„Wir haben fest mit dem Ende gerechnet.“

„Mit dem Ende eines langen, erfüllten Lebens“, fügte er hinzu. „Jedenfalls kam es mir so vor. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bildete ich mir zunächst ein, die Melancholie in mir sei Trauer um meinen Vater, aber dann begriff ich, dass du der Grund dafür warst.“

„Mir ging es genauso“, stimmte Sami lebhaft zu. „Matt war der Ansicht, ich litte unter posttraumatischen Störungen, da hatte ich ihm jedoch noch nichts von uns beiden erzählt. Ich hoffte, mich wieder fangen zu können. Dann erfuhr ich, dass ich schwanger war.“ Sie betrachtete das Baby, das friedlich auf Rics Schoß schlief. „Vielleicht hätte ich darüber nicht so glücklich sein dürfen, aber ich war es. Natürlich musste ich Matt endlich die ganze Wahrheit sagen, aber er verstand mich nicht.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Und Eliana wird dich auch nicht verstehen. Das garantiere ich dir. Ich hätte nie nach Genua kommen dürfen!“

„Das ist nicht dein Ernst!“

War es das? In diesem Augenblick wusste sie es selbst nicht. Sie wusste nur, dass Ric verlobt war und dazu stehen musste.

„Deine Liebe wird alle Hindernisse überwinden“, prophezeite sie.

„Ich liebe Eliana nicht, Sami.“

„Was sagst du da?“

„Wir heiraten, um unsere Familien finanziell abzusichern. Versteh mich nicht falsch. Eliana hat viele bewundernswerte Eigenschaften. Ich achte und schätze sie, aber ich liebe sie nicht.“

Sami war jetzt völlig verstört. Vielleicht liebte Ric seine Verlobte wirklich nicht, aber wenn sie nun leidenschaftlich in ihn verliebt war? Kaum denkbar, dass ein Mann wie Ric sie gleichgültig ließ. Zu erfahren, dass er von einer anderen Frau einen Sohn hatte, musste sie tief verletzen.

Sami wollte noch weitere Fragen stellen, aber die Anzeige Fasten Seatbelts leuchtete wieder auf. „Sind wir etwa schon da?“, fragte sie überrascht.

„Ich sagte ja, dass es nur ein kurzer Flug ist. Wenn wir aussteigen, wirst du merken, wie viel wärmer es hier ist. Sooft ich diese Luft einatme, muss ich an die unbeschwerten Tage meiner Kindheit und Jugend denken. Ich war lange nicht mehr hier, um wirklich Ferien zu machen.“

„Auch nicht mit deiner Braut?“

„Eliana war noch nie auf Zypern. Sie liebt das Meer nicht, obwohl sie in einer Hafenstadt lebt. Mit dir kann ich endlich wieder einige freie Tage genießen.“

„Und die dringenden Geschäfte, die hier auf dich warten?“

„Die erledige ich nebenbei.“

5. KAPITEL

Seit dem Wiedersehen mit Ric war Sami kaum zu Atem gekommen. Wie hätte sie ahnen können, dass sich ihr Leben in wenigen Stunden so grundlegend verändern würde? Natürlich fragte sie sich immer wieder, ob sie richtig oder falsch gehandelt hatte, aber sie war körperlich und seelisch zu erschöpft, um das im Moment noch zu entscheiden.

Die Fahrt vom Flugplatz Paphos dauerte nicht lange. Schon bald bogen sie in eine blumengesäumte Auffahrt ein, die zu einer Villa mit unverbautem Meerblick führte. Zehn Minuten später hatte Sami das zweistöckige, ganz im griechischen Stil erbaute Gebäude bereits von unten bis oben in Augenschein genommen.

Die farbenfrohe Einrichtung, die vor den einheitlich weiß gestrichenen Wänden optimal zur Geltung kam, begeisterte sie. Hier ein blaues Kissen, dort ein gelber Übertopf mit einer exotischen Pflanze und um die Ecke eine dunkelrote, mit Blattgold belegte Ikone – es gab immer neue Überraschungen. Mal ein Schrank, mal eine Truhe, und in allen ließen sich antike Schätze vermuten. Auf den Marmorböden lagen prächtige Webteppiche, die den verschiedenen Sitzecken einen intimen und wohnlichen Charakter gaben. Und immer war das Meer mit einbezogen. Es war von allen Fenstern und Türbögen aus zu sehen, sodass der Eindruck entstehen konnte, man wohne in der freien Natur.

Die Schlafzimmer lagen im ersten Stock, und wie Ric versprochen hatte, stand in einem ein Kinderbett bereit. Nichts war versäumt worden, um es Sami und dem Baby bequem zu machen. In jedem Raum standen frische Blumen, aber noch mehr gefielen Sami die Weihnachtskrippen, die überall aufgestellt waren und abends mit echten Kerzen beleuchtet wurden. Einen Tannenbaum gab es allerdings nicht. Wie Ric erklärte, gehörte er nicht zur zyprischen Weihnachtstradition.

Mara und Daimon, das Hausmeisterehepaar, waren beide Anfang bis Mitte sechzig. Sie wohnten bereits seit Jahrzehnten hier und sorgten für Haus und Garten. Sie sprachen beide gut Englisch und hatten, wie Ric erzählte, schon seiner Mutter hervorragende Dienste geleistet.

Als Ric ihnen das Baby zeigte, schrien sie entzückt auf und nahmen es abwechselnd auf den Arm. Dabei brachten sie mit keinem Wort zum Ausdruck, was sie davon hielten, dass Ric eine wildfremde Frau mit ihrem Kind mitgebracht hatte. Sie kannten ihn seit seiner Jugend, respektierten und liebten ihn. Was der Sohn des Hauses tat, hatte von vornherein ihre Billigung.

„Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas wünschen“, sagte Mara lächelnd zu Sami.

„Vielen Dank. Das werde ich tun.“

„Der Kleine ist genauso hübsch wie Sie. Er hat Ihren Mund.“

„Sie sind sehr liebenswürdig. Ich finde, er gleicht seinem Vater.“

Daimon nickte. „Ein Blick genügte, und ich wusste, dass er ein Degenoli ist.“

„Mich erinnert er an meinen Bruder Vito“, meinte Ric.

„Ja, ein bisschen“, stimmte Mara ihm zu. „Von Claudia hat er die muschelförmigen Ohren, aber sonst gleicht er ganz Ihnen, Enrico … bis zu den strahlenden, fast schwarzen Augen.“

Ric betrachtete seinen Sohn voller Stolz. „Er ist ein Prachtjunge,

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