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ROMANA EXTRA BAND 1

NINA HARRINGTON

Stürmisches Wiedersehen auf der griechischen Insel

Mark Belmont ist entsetzt! Ausgerechnet diese Frau soll die Biografie seiner Mutter schreiben? Vor fünf Monaten führte ihn ein dramatischer Zufall schon einmal mit Lexi zusammen …

LIZ FIELDING

Der Traummann aus London

Hal North kehrt als Millionär in seine Heimat zurück, um es Claire und allen anderen heimzuzahlen. Doch wird er seinen Plan wirklich umsetzen, oder macht ihm sein Herz einen Strich durch die Rechnung?

CAROL GRACE

Guten Morgen, Prinzessin

Auf einer Feier flirtet der attraktive Scheich Rafik mit der schüchternen Lehrerin Anne und bittet sie, seine Verlobte zu spielen. Bleibt es nur ein Spiel, oder wird für Anne ein Märchen wahr?

PENNY ROBERTS

Magischer Zauber des Mittelmeers

Nein, der Reeder Luís Santiago wird sein Grundstück, an dem so viele Erinnerungen hängen, bestimmt nicht verkaufen. Trotzdem möchte er Beth helfen … und das Herz dieser tapferen Frau gewinnen.

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Stürmisches Wiedersehen auf der griechischen Insel

PROLOG

„Hallo, Mum“, sagte Lexi Sloane, als ihre Mutter in das Zimmer der exklusiven Privatklinik in London trat.

„Es tut mir so leid, dass ich mich verspätet habe.“ Mrs Collazo-Sloane küsste ihre Tochter auf die Wange. „Aber der Regisseur hat plötzlich beschlossen, die Ballsaalszene zu proben.“ Sie schüttelte den Kopf und lachte. „Piratenschwerter und Seidenröcke. Wenn die Kostüme das überleben, grenzt es an ein Wunder.“

„Du wirst es schon schaffen, Mum“, erwiderte Lexi zuversichtlich, während sie ihren Pyjama in die Reisetasche packte. „Du bist die beste Kostümbildnerin der Theaterbranche. Keine Angst, die Generalprobe morgen wird super.“

„Alexis Sloane, du bist die schamloseste Schwindlerin, die ich kenne. Trotzdem danke. Doch nun zu wichtigeren Dingen.“ Sie legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter und blickte ihr in die Augen. „Wie ist es heute Vormittag gelaufen? Und schone mich bitte nicht. Was hat der Spezialist gesagt? Werde ich irgendwann Großmutter?“

Lexi ließ sich seufzend aufs Bett sinken. „Es gibt eine gute und eine weniger gute Nachricht. Offenbar hat sich die Medizin in den letzten achtzehn Jahren weiterentwickelt. Aber mach dir bitte keine falschen Hoffnungen.“ Sie zog ihre Mutter neben sich aufs Bett. „Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich Kinder bekommen kann“, fuhr sie fort und schwieg einen Moment, als ihre Mutter tief Luft holte. „Allerdings ist die Behandlung langwierig und aufreibend, und für ein positives Ergebnis gibt es keine Garantie. Dem Spezialisten zufolge besteht sogar ein großes Risiko, dass ich eine Enttäuschung erlebe.“ Lexi rang sich ein Lächeln ab. „Es tut mir leid, Mum. Wie es aussieht, werde ich dir die ersehnten Enkel wahrscheinlich nicht schenken können.“

Mrs Collazo-Sloane nahm ihre Tochter in den Arm. „Mach dir deshalb bloß keine Gedanken. Wir haben ja schon darüber gesprochen. Es gibt viele Kinder, die liebevolle Eltern suchen. Eines Tages wirst du deine eigene Familie haben. Das weiß ich. Okay?“

Lexi nickte. „Aber du hattest so sehr gehofft, dass ich eine bessere Nachricht hätte.“

„Ob ich leibliche Enkel haben werde oder andere ist egal, mein Schatz. Und nach all den Anstrengungen, die wir hinter uns haben, sollten wir uns nachher ein Abendessen in einem tollen Restaurant gönnen. Dein Vater wird darauf bestehen“, fügte sie hinzu. „Anscheinend ist das Fotografieren ein sehr einträglicher Job.“

Lexi schluckte. „Ist er da? Ich habe den ganzen Nachmittag geschlafen und befürchtet, ich könnte ihn verpasst haben.“

Ihre Mutter lächelte sie an. „Ja, er ist da und wartet auf dem Parkplatz.“ Sie umfasste Lexis Hände. „Er hat sich wirklich verändert und möchte die verlorene Zeit wiedergutmachen. Warum wollte er wohl sonst deinen Aufenthalt in dieser noblen Privatklinik bezahlen, als er erfahren hat, dass du dich untersuchen lassen möchtest? Alles wird wieder gut. Wart’s ab.“

Lexis Herz klopfte plötzlich wie verrückt. „Was, wenn er mich nicht erkennt? Ich war schließlich erst zehn, als er mich das letzte Mal gesehen hat. Das ist jetzt achtzehn Jahre her.“

Zärtlich strich Mrs Collazo-Sloane ihrer Tochter über die Wange. „Red keinen Unsinn. Natürlich wird er dich erkennen. Er muss jede Menge Alben mit Fotos haben, die ich ihm im Lauf der Zeit geschickt habe. Und dein Dad hat mir auch schon gesagt, wie stolz er darauf ist, was du in deinem Leben bereits geleistet hast. Beim Essen kannst du ihm ausführlich davon erzählen, was du alles schreibst. Apropos Essen.“ Sie stand auf und ging zum Badezimmer. „Ich muss mich frisch machen. Bin gleich zurück.“

Lexi lächelte und zuckte die Schultern. Als könnte ihre Mutter je anders als bezaubernd aussehen – und sein. Sie hatte sich nie unterkriegen lassen, egal, was das Schicksal ihnen abverlangt hatte. Und ihr einziger Wunsch war eine große Familie, die sie mit Liebe überschütten konnte.

Energisch blinzelte Lexi die aufsteigenden Tränen fort. Es stimmte sie unendlich traurig, dass sie ihre Mum nicht glücklich machen konnte, indem sie ihr viele Enkel schenkte.

Ungeduldig drückte Mark Belmont auf die Knöpfe des Lifts. Er fluchte leise, als sich nichts tat, und ging zum Treppenhaus. Gerade hatte er sich bei der Freundin seiner Mutter herzlich bedankt und sich von ihr verabschiedet.

Sie war nach deren Schlaganfall als Erste bei ihr in der Privatklinik gewesen und hatte seither Stunde um Stunde an ihrem Bett gesessen. Eben hatte er es endlich geschafft, die Frau davon zu überzeugen, nach Hause zu fahren und ein wenig zu schlafen. Auch seinen Vater hatte er überreden können, sich ein wenig hinzulegen. Und in einer halben Stunde würde seine Schwester Cassie zurück sein.

Die Schreckensnachricht aus dem Krankenhaus hatte ihn in Mumbai erreicht. Er war sofort hergeflogen und konnte immer noch nicht fassen, was geschehen war. Seine hübsche, talentierte und selbstsichere Mutter hatte sich ohne Wissen der Familie von einem Schönheitschirurgen in London operieren lassen.

Laut ihrer Freundin, einer Schauspieler-Kollegin, hatte sie halb im Scherz gesagt, sie wolle die Medien nicht darauf aufmerksam machen, dass Crystal Leighton sich den Bauch straffen ließ. Diese Einschätzung war sicher richtig. Die Presseleute gierten danach, irgendwelche schmutzigen Geheimnisse über Marks Mutter aufzudecken.

Mark nahm zwei Stufen auf einmal. Das Gefühl des Versagens drohte ihn zu überwältigen. Das Ganze war einfach unglaublich. Er war über Weihnachten und zum Jahreswechsel bei seinen Eltern gewesen. Seine Mutter hatte insgesamt so positiv gewirkt wie schon lange nicht mehr. Sie kam mit ihrer Autobiografie voran, ihre Wohltätigkeitsarbeit lief erfolgreich und seine Schwester Cassie würde ihr in ein paar Monaten das dritte Enkelkind schenken.

Warum hatte sie keinem in der Familie von der geplanten Schönheitsoperation erzählt? Sie hatte doch in der Vergangenheit nichts von derartigen Eingriffen wissen wollen. Warum also jetzt?

Mark atmete schwer und verlangsamte seinen Schritt. Er wollte das Zimmer seiner Mutter nicht keuchend betreten, selbst wenn sie nach dem Schlaganfall im Koma lag.

Er öffnete die Tür zum Treppenhaus. Zumindest hatte sich seine Mutter für eine Klinik entschieden, die dafür bekannt war, ihre Patienten bestens vor neugierigen Leuten zu schützen. Hier hatten Paparazzi keine Chance. Die Außenwelt würde nichts über den Zustand seiner Mutter erfahren. Auch würde nirgendwo ein Foto erscheinen, das zeigte, wie sie am Tropf hing.

Lexi packte noch ihre Reisetasche, als eine junge Schwester den Kopf zur Tür hereinsteckte. „Sie haben noch mehr Besuch, Miss Sloane“, sagte sie lächelnd. „Ihr Vater und Ihr Cousin sind gerade gekommen, um Sie abzuholen. Sie werden gleich hier sein.“

„Danke.“

Warum wollte ihr Vater sie nach all den Jahren sehen? Geistesabwesend verstaute Lexi die letzten Sachen in der Tasche und zog den Reißverschluss zu. Als sie ihr Gepäck schließlich nahe der Tür abstellte, stutzte sie plötzlich. Hatte die Krankenschwester nicht etwas von einem Cousin gesagt? Seit wann hatte sie einen Cousin? War das möglicherweise die nächste Überraschung, die ihr Vater für sie bereithielt? Sie hatte ihrer Mutter versprochen, ihm eine Chance zu geben. Genau das würde sie tun. Egal, wie weh es tat.

Lexi trat hinaus auf den Flur, um ihren Vater zu begrüßen. Sie hatte ihn als Kind so sehr geliebt. Doch dann hatte er ihre Mum und sie verlassen, als sie ihn am meisten brauchten. Wenn er glaubte, sie würde sich in seine Arme werfen, irrte er sich gewaltig. Aber sie konnte höflich sein und sich um ihrer Mutter willen bei ihm bedanken. Wenn nur ihr Herz nicht so heftig klopfen würde.

Sie blickte sich um, doch im Empfangsbereich stand nur ein jüngerer Mann, der zwei Schwestern irgendwelche Papiere zeigte. Von ihrem Vater war weit und breit nichts zu sehen. Natürlich würde es ein wenig dauern, durch den Sicherheitscheck im Erdgeschoss zu kommen und mit dem Lift in den ersten Stock zu fahren.

Lexi wollte schon umkehren, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung in einem der anderen Zimmer wahrnahm, dessen Tür halb geöffnet war. Sie schaute genauer hin und glaubte, ihren Vater zu erkennen.

Ja, er war es. Mario Collazo war noch immer schlank und attraktiv, und die grauen Schläfen ließen ihn interessant wirken. Er hockte in der Nähe des Fensters und hielt eine kleine Digitalkamera in der Hand.

Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht. Lexi näherte sich leise der Tür, um herauszufinden, was hier vor sich ging. Im Bett lag eine Frau mit langen dunklen Haaren und einem blassen Gesicht. Allem Anschein nach schlief sie tief und fest. Sie hing an einem Tropf und war an Monitore angeschlossen.

Lexi war entsetzt. „Oh, nein. Dad, bitte nicht“, stieß sie kaum hörbar hervor.

Aber ihr Vater hatte sie trotzdem gehört. Er drehte den Kopf und sah sie erstaunt an. Einen Moment lang spiegelten sich Erschrecken, Bedauern und Zerknirschung in seinem Gesicht, doch dann lächelte er.

Lexi konnte es nicht glauben. Mario Collazo hatte sich als Promi-Fotograf einen Namen gemacht. Sie ahnte sofort, was er mit einer Kamera in diesem Zimmer tat. Wahrscheinlich hatte er eine berühmte Persönlichkeit hierher verfolgt.

Wenn sie richtig lag, war er nicht ihretwegen hergekommen. Dann hatte er ihre warmherzige Mutter angelogen und sich trickreich Zutritt zu dieser exklusiven Klinik verschafft. Schließlich würde keiner der Sicherheitsleute den Vater einer Patientin abweisen.

Sie kam ihr zwar irgendwie bekannt vor, doch Lexi hatte keine Ahnung, wer die Patientin in dem Bett war. Es spielte zwar keine Rolle, doch die Frau verdiente es, unbehelligt zu bleiben. Bittere Tränen stiegen in Lexi auf. Sie musste fort von hier. Sie würde ihre Mutter holen und schnellstens mit ihr aus der Klinik verschwinden.

Als sie sich abwandte, sah sie einen großen dunkelhaarigen Mann den Flur entlangeilen. Er war etwa dreißig Jahre alt, hatte breite Schultern und sah umwerfend aus in seinem perfekt sitzenden Anzug. Ohne sie zu bemerken, stieß er die Tür des Zimmers weit auf, in dem sich ihr Vater befand.

„Was zum Teufel tun Sie hier?“, fragte er wütend und ungläubig zugleich, während er in den Raum stürmte. „Wer sind Sie, und was wollen Sie hier?“, schrie er. So laut, dass die Krankenschwester an der Rezeption zum Telefonhörer griff, um den Sicherheitsdienst zu rufen. „Wie haben Sie die Kamera hereingeschmuggelt?“

Sekunden später flog der Apparat auf den Flur und knallte gegen die Wand, sodass die Linse zersplitterte. Geschockt beobachtete Lexi, dass der junge Mann, der am Empfang gestanden hatte, auf sie zukam und eine Digitalkamera aus der Hosentasche holte. Dann begann er, vom Flur aus Bilder von den Geschehnissen zu schießen.

Nun war es vorbei mit der Ruhe in der Klinik. Gegenstände fielen zu Boden. Es wurde getobt und gebrüllt. Schwestern liefen herbei, und andere Patienten öffneten ihre Zimmertüren, um nachzusehen, was der Lärm zu bedeuten hatte.

Starr vor Angst und Entsetzen stand Lexi da. Sie beobachtete gebannt, wie ihr Vater und der Mann im Anzug miteinander kämpften, während die Frau im Bett weiter reglos dalag.

Die Arme muss sehr krank sein, dachte sie tief bekümmert. Erst dann merkte sie, dass ihr Vater rückwärts auf den Flur hinaus taumelte. Schreckerfüllt schlug sie die Hände vor den Mund, als der Fremde ihm folgte und ihn mit einem Fausthieb ins Gesicht zu Boden streckte. Er zerrte ihren Vater am Jackett hoch und schüttelte ihn heftig. Lexi wurde übel.

„Aufhören! Bitte! Das ist mein Dad!“

Der Mann schubste ihn zurück auf den Boden. Lexi kniete sich neben ihren Vater, der sich auf einen Ellbogen stützte und das schmerzende Kinn rieb. Dann sah sie auf – in das wutverzerrte Gesicht des Fremden.

„Ihr Dad? So ist das also. Er hat seine Tochter als Komplizin benutzt. Wie nett.“ Er trat etwas zurück und zupfte sich das Jackett zurecht, während mehrere Sicherheitsleute herbeieilten. „Gratuliere, Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Sein Blick schien sie zu durchbohren. „Hoffentlich sind Sie jetzt zufrieden“, fügte er verächtlich hinzu und drehte sich um.

„Ich habe nicht das Geringste damit zu tun. Bitte glauben Sie mir“, rief Lexi ihm nach, als er ins Zimmer zurückkehrte und sie geschockt, angsterfüllt und gedemütigt auf dem Flur zurückließ.

1. KAPITEL

Fünf Monate später

Lexi bremste den Leihwagen scharf ab, als sie um die Kurve bog und zwei Ziegen vor sich auf der Straße sah. „Hey, ihr beiden, lasst mich durch“, rief sie durch das geöffnete Seitenfenster, aber die Tiere ignorierten sie und trotteten durch das hohe Gras unter den Olivenbäumen davon.

„Welche beiden?“, fragte ihre Mutter. Lexi hörte sie so deutlich über das Headset, als würde sie neben ihr sitzen und wäre nicht weit entfernt in London. „Ich dachte, du arbeitest.“ Ihre Mum lachte. „Gib’s zu, du hast dich doch anders entschieden und bist mit deinen Freundinnen nach Spanien geflogen.“

„Nein, und bitte erinnere mich nicht daran. Ich konnte das Angebot der Agentur nicht ablehnen und bin tatsächlich vor gut einer Stunde auf Paxos angekommen. Du weißt ja, wie das läuft. Ich bin die Ansprechpartnerin Nummer eins, wenn ein Ghostwriter für eine Biografie gesucht wird. Und immer ist es in letzter Minute“, sagte Lexi. „Eben habe ich mit zwei Ziegen geredet. Es sind die ersten Einheimischen, die mir begegnet sind, seit ich von der Hauptstraße abgebogen bin. Oh, habe ich bereits erwähnt, dass es schrecklich heiß ist?“

„Eine griechische Insel im Juni … Wie ich dich beneide. Schade, dass du arbeiten musst. Apropos Arbeit. Ich habe mich heute Morgen mit einem charmanten jungen Schauspieler unterhalten, der dich gern kennenlernen würde.“

„Mum, mir ist klar, dass du es gut meinst. Aber bitte keine weiteren Schauspieler. Nicht nach dem Fiasko mit Adam. Versuch bitte überhaupt nicht mehr, mich zu verkuppeln. Ich komme gut allein zurecht.“ Hoffentlich hatte sie sich halbwegs normal angehört. „Außerdem hast du Wichtigeres zu tun. Weißt du schon, wo die Feier stattfinden soll?“

„Nein, und Patricks Liste von Verwandten scheint täglich länger zu werden. Doch er will seine ganze Sippe dabeihaben. In diesen Dingen ist er schrecklich altmodisch. Aber auch deshalb liebe ich ihn so sehr. Du, ich muss jetzt los. Wir wollen uns ein paar Kirchen anschauen“, erklärte ihre Mutter, als Lexi bei der ersten Zufahrt abbremste, die sie bislang gesehen hatte.

„Ich glaube, ich bin auch endlich am Ziel.“

„Na, prima. Melde dich, sobald du zurück in London bist. Ich will alles über deinen geheimnisvollen Klienten hören. Bis bald, mein Schatz.“

Bevor Lexi etwas erwidern konnte, hatte ihre Mutter bereits aufgelegt. Auf einem großen Stein konnte Lexi die Worte „Villa Ares“ entziffern. Ja, diesen Namen hatte die Sekretärin der Agentur ihr vor fünf Stunden durchgegeben, als sie am Flughafen von Korfu gerade auf ihr Gepäck wartete.

Langsam lenkte sie das Mietauto über den Kiesweg, der zu einem großen, zweigeschossigen Haus führte. Sie fuhr um die wunderschöne weiße Villa herum, hielt schließlich an und nahm das Headset ab.

Lexi lehnte sich in den Sitz zurück und ließ die herrliche Umgebung mit dem mediterranen Flair auf sich wirken. Sie atmete den Duft von Orangenblüten ein, der in der Luft lag, und hörte das Vogelgezwitscher aus den Olivenhainen. Ansonsten war alles ruhig. Und von dem Prominenten, der jemanden zum Hafen hätte schicken sollen, um sie abzuholen, war weit und breit nichts zu sehen.

„Willkommen auf Paxos“, sagte sie zu sich selbst und stieg aus dem Wagen. In den fünf Jahren, in denen sie jetzt als Ghostwriterin arbeitete, war sie zum ersten Mal in so geheimer Mission unterwegs. Ihrer Agentur war sogar von dem Verleger, der den Auftrag erteilt hatte, untersagt worden, Informationen über den Autor an sie weiterzugeben. Dessen Identität sollte sie erst vor Ort erfahren.

Seit sie in Hongkong angerufen worden war, hatte sie immer wieder überlegt, um welche berühmte Persönlichkeit es sich handeln könnte. Ihr waren einige Popstars eingefallen, die gerade eine Reha hinter sich hatten. Oder war es vielleicht der Filmschauspieler, der kürzlich eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet hatte, um den Kinderhandel zu bekämpfen?

Lexi holte die große rote Ledertasche aus dem Auto und verschloss die Tür. Dann schob sie die Sonnenbrille zurecht und ging auf die imposante Villa zu.

Wie sehr sie ihren Job liebte. Sie wurde dafür bezahlt, an den faszinierendsten Orten der Welt interessante Leute kennenzulernen und über deren Leben zu schreiben. Das Beste war allerdings etwas völlig anderes: Sie konnte jede Sekunde, die sie im Flugzeug verbrachte oder in Studios wartete, für das nutzen, was sie wirklich wollte. Geschichten für Kinder schreiben!

Wenn sie noch einige so lukrative Aufträge wie diesen erledigte, würde sie sich endlich eine Auszeit nehmen und sich ganz auf ihr eigenes Projekt konzentrieren können. Doch jetzt galt es erst einmal, herauszufinden, mit wem sie die nächste Woche verbringen würde, und warum man ein solches Geheimnis um das Buch machte.

Mark drehte sich auf dem gepolsterten Liegestuhl auf den Rücken und blinzelte. Dann gähnte er herzhaft und reckte die Arme in die Höhe. Er hatte nicht einschlafen wollen. Aber nach seinen Schlafproblemen in jüngster Zeit hatte sein Körper offenbar sein Recht gefordert.

Langsam setzte Mark sich auf und massierte seine Schläfen. Leider linderte es die Kopfschmerzen nicht, die zweifellos Ausdruck für das Chaos waren, das in ihm herrschte.

Nach Paxos zu fliegen, schien eine gute Idee zu sein. In der Vergangenheit hatte sich die Villa für die Familie immer als Zuflucht erwiesen. Hier waren sie vor den Paparazzi sicher gewesen, hatten sich entspannen und sie selbst sein können. Doch sogar dieser Ort konnte ihm jetzt nicht die Ruhe schenken, die er dringend brauchte.

In den letzten vier Tagen hatte er sich intensiv mit der Biografie seiner Mutter beschäftigt, und diese Auseinandersetzung hatte ihn sehr aufgewühlt. Ihre Schönheit und ihr Talent berührten ihn. Doch zugleich war er auch traurig und bedauerte, dass er zu ihren Lebzeiten zu viele Gelegenheiten hatte verstreichen lassen, mit ihr zusammen zu sein. Er dachte daran, was er hätte tun und sagen können, damit sie sich gegen die Operation entschieden hätte.

Nun war es zu spät, und es war möglicherweise zu früh gewesen, herzukommen. Er hatte es immer genossen, dass die Villa so abgeschieden lag. Aber jetzt erinnerte sie ihn hauptsächlich an glücklichere Tage, und er fühlte sich hier einsam. Seine Schwester Cassie hatte recht. Fünf Monate reichten nicht, um die Trauer zu überwinden.

Ein lautes Miauen schreckte ihn aus seinen Gedanken auf, und er blickte zu der schwarzen Katze hin, die vor dem Liegestuhl stand. „Entschuldige, Emmy. Ich beeile mich mit deiner Mahlzeit.“

Barfuß überquerte er die Terrasse und ging zu dem gemauerten Grill. Dort holte er aus einer großen Schachtel einige Katzenkekse und legte sie auf einen Plastikteller. Kurz darauf tauchten zwei weiße Kätzchen mit rosa Ohren auf und näherten sich ihrer fressenden Mutter. Vater Oscar trieb sich vermutlich irgendwo in den Olivenhainen herum.

„Guten Appetit“, wünschte Mark den Dreien, nachdem er ihnen noch einen Napf mit Wasser hingestellt hatte. Dann schlenderte er zur Villa zurück, um sich wieder an die Arbeit zu machen, mit der er bislang noch nicht sonderlich weit gekommen war.

Er hatte sich eine zweiwöchige Auszeit von Belmont Investments genommen. Jetzt versuchte er, die Unterlagen zu sichten und zu verwerten, die er im Schreibtisch seiner verstorbenen Mutter gefunden hatte. Er hatte die handschriftlichen Manuskriptseiten, die Zeitungsausschnitte und persönlichen Notizen sowie die Terminkalender, Briefe und Fotos in einen Koffer gepackt und mit hierher gebracht.

Nicht, dass es seine Idee gewesen war, die Biografie zu vollenden, die seine Mutter begonnen hatte, sein Vater wollte es. Er war bereit, Interviews zu geben und sein Leben öffentlich zu machen, um seiner toten Frau eine letzte Ehre zu erweisen. Allerdings hatte er inzwischen einen Rückfall im Kampf gegen den Krebs erlitten.

Und seit wann konnte Mark seinem Vater etwas abschlagen? Er hatte schon einmal seine eigenen Träume und Ziele wegen der Familie zurückgestellt. Und er würde es jederzeit wieder tun.

Doch wie sollte er die Biografie einer Frau schreiben, die die Welt als die bezaubernde Filmschauspielerin Crystal Leighton kannte? Einer Frau, die seine Mutter gewesen war, die mit ihm Schuhe gekauft hatte und die, wenn irgend möglich, zu jedem Schulsportfest erschienen war? Der Frau, die für eine Weile ihre Karriere aufgegeben hatte, um zu verhindern, dass die Privatsphäre der Familie wegen ihrer eigenen Prominenz permanent gestört wurde?

Er musste einen Weg finden, sich durch die unzähligen Informationen zu wühlen und sie irgendwie zu einem Ganzen zusammenzufügen. Und er musste ihn schnellstens finden.

Der Verleger hatte das Manuskript schon Ende März haben wollen – für ein Filmfestival im April, das dem Andenken von Crystal Leighton gewidmet worden war. Der Termin war dann auf Mitte Mai verschoben worden und ebenfalls verstrichen. Und immer wieder waren weitere nicht autorisierte Biografien auf dem Markt erschienen. Bücher mit den üblichen Lügen, Spekulationen und versteckten Andeutungen über ihr Privatleben und ihr schreckliches, frühes Ende.

Er musste etwas tun, um den Ruf seiner Mutter zu schützen. Dieses Mal durfte er nicht wieder versagen wie vor fünf Monaten, als er sie im Stich gelassen hatte, weil er ihre Privatsphäre nicht ausreichend geschützt hatte.

Er musste es schaffen, eine Biografie zu verfassen, die die Erinnerung an seine Mutter in Ehren hielt. Möglicherweise lag darin auch eine kleine Chance, dass er seine Schuldgefühle ihr gegenüber bewältigte.

Mark stutzte, als er im Raum hinter der Terrassentür eine Bewegung wahrnahm. Seine Haushälterin war nicht da, und er erwartete keinen Besuch. Dafür hatte er gesorgt. Die Leute in seinem Büro hatten strikte Anweisung, weder private Kontaktdaten noch die Adresse der Villa preiszugeben.

Er blinzelte und setzte die Brille auf, die er zuvor auf den Tisch gelegt hatte. Eine fremde Frau schlenderte im Wohnzimmer umher, nahm Dinge in die Hand, als gehörten sie ihr, und stellte sie wieder zurück. Es waren seine Sachen, die niemand anderen etwas angingen. Vor allem die Unterlagen, die sehr persönlich waren.

Mark rang um Beherrschung. Am liebsten wäre er ins Haus gestürmt und hätte diese neugierige Person hinausgeworfen. Was ihm jetzt noch gefehlt hatte, war eine Reporterin, die in den Briefen seiner Eltern herumschnüffelte.

Er hatte sich hauptsächlich deshalb nach Paxos zurückgezogen, um vor den Medienleuten seine Ruhe zu haben. Aber sie folgten ihm offenbar sogar bis hierher. Und diese Frau war besonders dreist. Sie hatte noch nicht einmal den Anstand besessen zu klingeln, sondern war einfach hier eingedrungen.

Leise näherte sich Mark der halb geöffneten Terrassentür. Da er den CD-Player so eingestellt hatte, dass dieser seine Lieblings-Jazz-CD immer wieder von vorn abspielte, konnte ihn die Paparazza nicht hören.

Als er die Tür ganz aufmachen wollte, stutzte er erneut. Irgendwie kam ihm die Frau mit den kastanienbraunen Haaren bekannt vor, die gerade die Titel der Bücher in einem Regal studierte.

Ihm war, als wäre er ihr bereits begegnet. Wo und wann, fiel ihm jedoch genauso wenig ein wie ihr Name. Möglicherweise rief ihr seltsames Outfit dieses Gefühl bei ihm hervor.

Sie hatte ein fuchsiafarbenes Kleid an und geblümte Leggins in Grau und Pink. Außerdem trug sie eine elegante, teuer aussehende Seidenjacke und vier oder fünf lange verschiedenfarbige Schals mit unterschiedlichen Mustern. Zweifellos wollte sie Eindruck schinden. Ihr Aufzug war nämlich völlig ungeeignet in der Hitze, die Ende Juni hier herrschte.

Mark beobachtete, wie sie ein Foto mit Silberrahmen in die Hand nahm, und das Blut gefror ihm in den Adern. Es war das einzige Bild, das er vom letzten gemeinsamen Weihnachtsfest in Belmont Manor hatte. Der Schnappschuss zeigte seine glücklich lächelnde Mutter inmitten ihrer Lieben.

Nein, das Foto ging die Reporterin nichts an. Er stemmte die Arme in die Hüften und räusperte sich. „Suchen Sie nach etwas Bestimmten?“

Entsetzen spiegelte sich in ihrem Gesicht, als sie sich abrupt umdrehte. Im nächsten Moment entglitt der Silberrahmen ihren Fingern. Sie konnte das Foto gerade noch fassen, bevor es auf den gefliesten Boden fiel.

Dann richtete sie sich wieder auf und blickte ihn durch die großen dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille an. Ja, ich habe sie schon einmal gesehen, dachte er, konnte sich aber an nichts Genaues erinnern.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Jetzt ist Ihre einzige Gelegenheit, es mir zu sagen, bevor ich Sie auffordere, das Haus auf demselben Weg wieder zu verlassen, auf dem Sie es betreten haben. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

2. KAPITEL

Lexi hatte das Gefühl, ihr Herz bliebe stehen. Nein, unmöglich, er konnte es nicht sein.

Die drei Wochen, die sie mit dem Filmregisseur in Asien unterwegs gewesen war, hatten sie wohl mehr erschöpft, als sie geglaubt hatte. Und jetzt halluzinierte sie. Anders konnte es nicht sein.

Leider war es anders, wie ihr voller Entsetzen bewusst wurde, während der Mann sie durch seine randlose Designerbrille finster anblickte. Vor ihr stand Mark Belmont, der Sohn von Baron Charles Belmont und seiner bezaubernden Frau, der verstorbenen Schauspielerin Crystal Leighton.

Derselbe Mark Belmont, der am Todestag seiner Mutter ihrem Vater in der Klinik einen Fausthieb versetzt hatte. Und der sie völlig zu Unrecht beschuldigt hatte, dessen Komplizin zu sein.

„W…was machen Sie hier?“ Hoffentlich antwortete er, dass er nur zu Gast bei dem Prominenten sei, mit dem sie zusammenarbeiten sollte, und die Villa bald wieder verlassen würde. Sehr bald.

„Ich habe im Gegensatz zu Ihnen jedes Recht der Welt, hier zu sein. Fangen wir noch einmal von vorn an. Wer sind Sie, und was wollen Sie in meinem Haus?“

In seinem Haus? Große Güte, nein. War er etwa die berühmte Person, der sie unter die Arme greifen sollte? Es würde durchaus Sinn ergeben. Crystal Leightons Name war seit ihrem tragischen Tod nicht aus den Klatschspalten verschwunden. Und es ging das Gerücht um, dass die Familie Belmont eine Biografie schrieb. Aber darum würde sich doch sicher der Baron selbst kümmern und nicht sein Sohn, der Industriemagnat. Oder?

Plötzlich wurde Lexi bewusst, dass er sich erkundigt hatte, wer sie sei. Er hatte sie also nicht erkannt. Sie waren sich ja damals auch nur kurz begegnet, und wie er hatte sie sich in der Zwischenzeit verändert. Außerdem trug sie eine große Sonnenbrille.

„Ich mag keine ungebetenen Gäste und schlage vor, dass Sie meine Fragen beantworten, bevor ich Sie auffordere, die Villa zu verlassen.“

Ungebetene Gäste? Er schien keinen Besuch zu erwarten. Offenbar hatte er keine Ahnung, dass sein Verleger ihm eine Ghostwriterin geschickt hatte. Kein Wunder, dass er sie für eine Einbrecherin oder Paparazza hielt.

Um seinem bohrenden Blick zu entgehen, senkte Lexi den Blick und schaute auf das gerahmte Foto in ihrer Hand. Es zeigte eine glücklich lächelnde Crystal Leighton mit ihrer Familie vor einem rot und golden geschmückten Weihnachtsbaum.

Schuldgefühle überkamen sie wegen des Schmerzes, den ihr Vater der Familie Belmont zugefügt hatte. Energisch wehrte sie sie ab. Sie war für die Aktionen ihres Vaters nicht verantwortlich – war es noch nie gewesen. Sie würde nicht zulassen, dass die Vergangenheit ihren Job ruinierte. Dieser Auftrag war wichtig für sie. Es wäre dumm von ihr, wenn sie sich von ihrem Vater um die Chance bringen ließe, ihren Traum zu verwirklichen.

Lexi öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, schloss ihn aber wieder und rieb sich den Nasenrücken. „Oh, nein.“ Sie schüttelte bedächtig den Kopf. „Das würde mir die Agentur nicht antun.“

„Die Agentur? Sind Sie in der richtigen Villa? Auf der richtigen Insel? Im richtigen Land?“

Sie lachte leise. „Lassen Sie mich raten.“ Ihre Stimme klang jetzt ruhiger und fester. „Könnte es sein, dass Sie in den letzten achtundvierzig Stunden keinen Kontakt zu ihrem Verleger hatten?“, fragte sie, und er wirkte erstmals für einen kurzen Augenblick verunsichert.

„Mit meinem Verleger? Wovon reden Sie?“

Lexi legte das gerahmte Foto aufs Sofa, holte einen Tablet-PC aus ihrer roten Umhängetasche und fuhr mit dem Zeigefinger über den Touchscreen. „Brightmore Press. Klingelt bei dem Namen etwas bei Ihnen?“

„Vielleicht. Und was spielt das für eine Rolle?“

Eine große, dachte sie. Wie es schien, war er tatsächlich der mysteriöse Prominente, dem sie helfen sollte. Was für ein Pech. Aber sie brauchte diesen Auftrag. Ein Haus mitten in London zu unterhalten, war nicht billig. Außerdem würde die versprochene Prämie dazu beitragen, dass sie schneller mit der Renovierung beginnen konnte. Je früher sie ihr eigenes Arbeitszimmer hatte, in dem sie sich dem Schreiben von Kinderbüchern widmen konnte, umso besser. Wenn sie diesen Job jetzt nicht machte, würde es sie um Monate zurückwerfen.

Starr blickte sie Mark einige Sekunden lang an, bevor sie laut seufzte. „Oje. Ich hasse es, wenn das passiert. Es erklärt jedoch, warum Sie mich nicht am Hafen abgeholt haben.“

„Warum ich Sie nicht am Hafen abgeholt habe? Wieso hätte ich das tun sollen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben jetzt genau zwei Minuten, um meine Fragen zu beantworten, bevor ich Sie von meinem Anwesen entferne. Und denken Sie nicht, ich würde es nicht tun. Ich habe mehr Zeit mit Pressekonferenzen zugebracht, als mir lieb ist. Wenden Sie sich an mein Büro. Dort gibt es ein Verzeichnis meiner Stellungnahmen zu allen möglichen Themen. Ich beabsichtige nämlich nicht, Ihnen ein Interview zu gewähren. Noch dazu, wo Sie offenbar darauf aus sind, mein Eigentum zu beschädigen.“

„Ihr Eigentum? Oh, Entschuldigung.“ Lexi schob den Computer zurück in ihre Tasche und nahm den Bilderrahmen. „Ich habe geklopft, aber niemand hat reagiert, und die Tür stand offen. Das ist ein wunderschönes Familienfoto“, fuhr sie fort, während sie es an seinen Platz zurückstellte. „Ich musste es mir einfach näher ansehen.“ Sie zuckte die Schultern. „Sie sollten allerdings mehr auf die Sicherheit achten.“

„So? Vielen Dank für den Rat. Doch sind Sie hier nicht in der Stadt. Wir verschließen unsere Türen nicht. Aber hätte ich gewusst, dass ich Besuch bekommen würde, hätte ich womöglich zusätzliche Vorkehrungen getroffen. Und nun sollten Sie endlich meine Fragen beantworten. Nämlich, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Wenn nicht, freuen sich unsere zwei charmanten Inselpolizisten bestimmt darüber, Sie erst einmal in Gewahrsam zu nehmen.“

Er wollte sie der Polizei übergeben? Argwöhnisch blickte Lexi ihn an. Ja, er schien es ernst zu meinen. „Also gut. Es tut mir leid, aber Ihre Leute haben Sie über ein paar wichtige Dinge nicht auf dem Laufenden gehalten. Ihr Mr Brightmore hat meine Agentur angerufen, die wiederum mich angewiesen hat, nach Paxos zu reisen. Es geht um ein Buch, das offenbar schon vor anderthalb Monaten hätte fertig geschrieben sein sollen. Und im Verlag macht sich langsam ein wenig Verzweiflung breit, da man das Manuskript bis allerspätestens August braucht.“

Sie lächelte Mark an. „Darf ich mich vorstellen? Alexis Sloane, auch Lexi genannt. Ghostwriterin der Extraklasse. Ich bin hier, um einen Klienten, schätzungsweise Sie, bei einem Buch zu unterstützen.“

„Natürlich habe ich dir nicht erzählt, was der Verleger angeleiert hat, Bruderherz. Mir war nur zu klar, wie du reagieren würdest.“

„Cassie, wie konntest du mir das antun? Du weißt genau, dass diese Biografie viel zu persönlich ist, um jemanden um Hilfe zu bitten. Warum bin ich wohl nach Paxos geflogen? Ich möchte hier allein an dem Buch arbeiten. Was ich bestimmt nicht gebrauchen kann, ist irgendeine fremde Person, die Fragen stellt und in Dingen wühlt, die ich vielleicht ruhen lassen will.“

„Reg dich ab, Mark. Lucas Brightmore hat eine Agentur kontaktiert, die über einen ausgezeichneten Ruf verfügt. Nicht zuletzt wegen der absoluten Diskretion ihrer Leute. Ich glaube, es könnte funktionieren.“

„Es ist mir egal, wie verschwiegen diese … Sekretärin ist. Hätte ich eine Assistentin gewollt, hätte ich mir eine mitgebracht. Ich habe exzellentes Personal, wie du weißt. Und ich würde niemals jemanden in die Villa einladen. Ich muss ungestört sein, um arbeiten zu können. Du kennst mich doch. Ich muss mich erst einmal selbst mit den Einzelheiten vertraut machen, bevor ich mit irgendetwas an die Öffentlichkeit gehen kann. Dafür benötige ich meine Ruhe.“

„Ja. Aber es handelt sich hier nicht um ein geschäftliches Projekt, sondern um die Lebensgeschichte unserer Mutter. Diese muss ihr gerecht werden, und du bist der Einzige in der Familie, der wenigstens ein bisschen kreativ ist“, erwiderte Cassie. „Ich finde es unglaublich mutig von dir, den Job zu übernehmen. In deinem und unserem Interesse solltest du ihn schnellstmöglich hinter dich bringen. Dann können wir alle unser Leben weiterleben, und Dad wird glücklich sein.“

„Wie geht es ihm heute?“

„Wie gehabt. Die Chemotherapie hat ihm ziemlich zugesetzt. Davon muss er sich erst einmal erholen“, antwortete Cassie nach kurzem Zögern traurig. „Mark“, fuhr sie dann energisch und leicht besorgt fort. „Du musst dir den Job nicht aufladen. Gib dem Verleger den Vorschuss zurück, und überlass das Schreiben von Mums Biografie einem Journalisten. Komm nach Hause, kümmer dich um das Unternehmen, und leb dein Leben weiter.“

„Ich soll die Sache einem Journalisten überlassen? Nein, Cassie. Die Presse hat Mums letzte Chance auf Würde zerstört. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was sie aus einer Lebensgeschichte macht, die auf Lügen und dummem Gerede basiert.“ Trotz der Sommerhitze lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich kann mir schon die Schlagzeile vorstellen.“ Mark schluckte. „Es würde ihn umbringen. Außerdem weigere ich mich, sie noch einmal so im Stich zu lassen.“

„Dann beende Mums Buch. Und tu es schnell. Die Agentur hat gesagt, dass sie dir ihre beste Ghostwriterin schickt. Sei also nett und freundlich. Ich bin deine Schwester, und ich liebe dich. Doch zuweilen bist du nicht gerade umgänglich. Und jetzt muss ich aufhören. Pass auf dich auf, Mark.“

Er hatte sich über Cassie noch nie lange ärgern können. Seit dem Tod der Mutter war sie die einzige Konstante im Leben seines Vaters. Sie war mit einem Arzt verheiratet und hatte drei kleine Kinder. Glücklicherweise liebte sie das Herrenhaus, in dem sie beide aufgewachsen waren. Deshalb bedeutete es für sie auch kein Opfer, als es darum ging, mit ihrer Familie dort einzuziehen. Und wann immer er auf Belmont Manor gewesen war, hatte sie wenn nötig die Friedensstifterin gespielt.

Trotzdem hätte sie mich über die Ghostwriterin informieren müssen, dachte er. Plötzlich kam ihm seine Entscheidung lächerlich vor, sich auf Paxos mit der Biografie befassen und sie fertig schreiben zu wollen. Er hatte geglaubt, dass es ihm helfen würde, hier allein zu sein. Stattdessen war er mit jedem Tag gereizter geworden.

Es machte ihn rasend, dass er sich nicht richtig auf die Aufgabe konzentrieren konnte, die er sich selbst gestellt hatte. Nach ein paar Minuten am Schreibtisch war er immer wieder aufgestanden und nervös herumgelaufen. Ja, dieses Buch war zu persönlich.

Seine Mutter war eine hoffnungslose Hausfrau gewesen und auch kein großartiges Organisationstalent. Sie hatte es geliebt, Dinge zu gestalten. Es hatte ihr Freude bereitet, aus einem Durcheinander von Fotos, Briefen, Zeitungsausschnitten und Notizen etwas zu erschaffen.

Bei ihm verhielt es sich ähnlich. Er war in vielerlei Hinsicht ein Künstler. Es entsprach seiner Natur, die Grenzen des Möglichen zu durchstoßen, um zu sehen, was danach kam, und um zu verändern. Kein Wunder, dass er öfter mit seinem Vater aneinandergeriet, der fast zwanghaft auf Ordnung und Konformität bestand und keinen Wandel wollte.

So war es zumindest bis vor fünf Monaten gewesen. Und jetzt? Sein Vater kämpfte gegen den Krebs. Seine geliebte Mutter war nach einer Schönheitsoperation gestorben. Und die Frau, mit der er phasenweise zusammen war, hatte ihn endgültig verlassen, da sie jemanden kennengelernt hatte, den sie liebte und der sie ebenfalls liebte.

Mark hatte das Gefühl, als wäre das Fundament, auf dem er sein Leben aufgebaut hatte, fortgespült worden. Er ballte eine Hand zur Faust. Verflixt, er würde mit der Situation klarkommen. In einer ähnlichen Lage hatte er es schon einmal geschafft. Nämlich damals nach dem Tod seines Bruders, als er seine Träume und Ziele aufgegeben hatte, um dessen Platz in der Familie einzunehmen.

Er würde sein Wort halten und die Biografie schreiben. Aber allein. Was er jetzt ganz bestimmt nicht brauchen konnte, war eine fremde Frau, die seine Privatsphäre störte. Und je schneller er sie davon überzeugte, dass der Verleger sich irrte und sie hier nicht benötigt wurde, desto eher hatte er seine Ruhe.

Lexi beobachtete vom Wohnzimmer aus, wie Mark Belmont mit ihrem Handy am Ohr die Terrasse auf und ab lief. Hoffentlich gelang es ihr weiterhin, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er sie beeindruckte.

In der weißen Leinenhose und dem hellblauen Poloshirt machte er eine ausgezeichnete Figur. Seine kurzen Haare – dunkelbraun und leicht gewellt – waren perfekt geschnitten, wohingegen das von der Sonne gebräunte Kinn kleine Stoppeln aufwies. Offenbar hatte er sich heute noch nicht rasiert. Was ihn nur noch männlicher wirken ließ.

Es war ihr richtig erschienen, seinen Verleger anzurufen, damit die beiden einiges klären konnten. Sie hatte kurz selbst mit ihm geredet und ihr Handy dann an Mark weitergereicht, der umgehend nach draußen verschwunden war. Aber seiner Miene nach zu schließen war er nicht gerade erfreut zu hören, dass ihre Beauftragung kein Scherz war.

Doch wusste sie immer noch nicht, wobei sie ihm eigentlich helfen sollte. Schrieb er ein Buch über sich, ging es um die Geschichte seiner Familie oder tatsächlich um die Biografie seiner Mutter?

Sie sah angestrengt zu ihm hinüber und versuchte, die Antwort in seinem Gesicht zu lesen. Dort spiegelten sich Ärger und Schmerz. Ja, vermutlich handelte es sich um die Biografie seiner Mutter.

Und wenn er es schaffte, sich mit seiner verstorbenen Mutter zu befassen, würde sie ihr Bestes geben, damit das Buch so gut wie möglich wurde. Wenn nötig auch im Alleingang, denn es war fraglich, ob er sehr kooperativ sein würde.

Geistesabwesend stand Mark auf der Terrasse und tippte sich mit dem Handy immer wieder an den Kopf.

„Brauchen Sie mein Telefon nicht mehr?“, erkundigte sich Lexi freundlich, während sie nach draußen kam. „Es funktioniert für gewöhnlich nicht besonders gut, nachdem man es als Schlagstock benutzt hat.“

Mark ließ den Arm sinken und starrte den Apparat an. Er hatte noch nie mit einem pinkfarbenen Handy telefoniert. Die Versuchung war groß, es samt seiner Eigentümerin in den Pool zu werfen.

Aber dann besann er sich auf seine gute Erziehung, drehte sich um und legte das Handy in Lexis geöffnete Hand. Anerkennend stellte er fest, dass sie nicht süffisant lächelte. In ihrem Gesicht spiegelten sich professionelle Neutralität und Gleichmütigkeit. Dieser Ausdruck war ihm durchaus vertraut. Die Führungskräfte von Belmont Investments setzten ihn auf, wenn sie in Meetings einige seiner risikoreicheren Ideen diskutierten.

Nur handelte es sich dieses Mal nicht um eine geschäftliche Angelegenheit, sondern um eine sehr private. Schon bei der Vorstellung, jemandem seine tiefsten Gefühle für seine Eltern zu offenbaren, sträubte sich alles in ihm.

Diese junge Frau in dem seltsamen Outfit war einfach hier hereingeschneit. Cassie vertraute der Agentur, die sie zu ihm geschickt hatte. Doch er hatte von der ganzen Sache nichts gewusst.

Wie er es hasste, wenn man hinter seinem Rücken etwas plante, das ihn betraf. Was seine Schwester sehr gut wusste. Trotzdem hatte sie es – sicher in bester Absicht – getan. Das war nicht so leicht zu verdauen.

Ein leises Klicken riss Mark aus seinen Gedanken. Er sah zu Lexi hinüber, die auf ihrem Handy herumtippte, wobei ihre Fingernägel in der Sonne genauso violett glänzten wie die eine oder andere Haarsträhne.

„Ich bin gleich für Sie da, Mr Belmont. Ich versuche, das nächstgelegene Hotel ausfindig zu machen.“ Sie blickte ihn an und lächelte ansatzweise. „Oder können Sie mir eines empfehlen? Bitte entschuldigen Sie, dass ich noch kein Zimmer reserviert habe. Aber der Auftrag kam in letzter Minute. Ich brauche eine Unterkunft in der Nähe, damit ich nicht zu viel Zeit mit Hin- und Herfahren verschwende.“

„Ein Hotel? Das geht nicht.“

„Warum nicht?“ Sie zog die Brauen hoch.

„Erstens, weil das kleine Hotel in Gaios wegen Modernisierungsmaßnahmen gerade geschlossen ist, und zweitens …“ Mark zögerte einen Moment. „Paxos ist nicht groß. Die Leute reden und stellen Fragen. Ich halte es für ziemlich unpassend, wenn Sie sich ein Zimmer oder Apartment mieten, während Sie an einem vertraulichen Projekt für die Familie Belmont arbeiten. Und Sie sehen ganz bestimmt nicht wie eine Touristin aus.“

„Nein? Prima. Ich will nämlich aussehen wie ich – Lexi Sloane. Was die Diskretion betrifft … Ich bin überaus verschwiegen. Was immer Sie mir erzählen, ist streng vertraulich. Keiner meiner bisherigen Klienten hat sich je über mich beschwert. Möchten Sie sonst noch etwas wissen, bevor ich losfahre und mir eine Unterkunft suche?“

Mark richtete sich zu seiner vollen Größe auf und stellte sich ein wenig breitbeinig hin. Er nahm genau die Haltung ein, die seine Medienberater empfahlen, wenn er sich für den Titel eines Wirtschaftsmagazins fotografieren ließ. Sie schien auch hier auf der Terrasse zu wirken, denn die Ghostwriterin zeigte sich leicht beeindruckt.

„Sie glauben offenbar, dass ich mit der ganzen Sache einverstanden bin. Was aber nicht der Fall ist. Es gibt lediglich den Vertrag zwischen meinem Verleger und Ihrer Agentur. Ich habe nichts unterschrieben und werde nicht gern überrumpelt. Aber genauso fühle ich mich zurzeit. Ich mag keine Überraschungen, Miss Sloane.“ Mark bemerkte den energischen Ausdruck in ihrem herzförmigen Gesicht. Sie war zweifellos eine Frau, die selten eine abschlägige Antwort akzeptierte.

„Es ist bedauerlich, dass Sie mich nicht erwartet haben.“ Lexi lächelte kurz. „Aber ich beabsichtige nicht, nach Hause zurückzukehren, bevor ich meinen Auftrag erfüllt habe. Ich habe zwei lange Flüge hinter mir und eine einstündige Fahrt mit dem Tragflächenboot. Ich habe nicht vor, jetzt wieder abzureisen. Darf ich als Kompromiss eine Probezeit vorschlagen? Sagen wir vierundzwanzig Stunden? Sollten Sie meine Unterstützung dann nicht hilfreich finden, steige ich wieder ins Auto und verschwinde aus Ihrem Leben. Einen Tag, mehr verlange ich nicht.“

„Einen Tag?“, wiederholte Mark zähneknirschend.

„Genau.“

Er sah das Lächeln, das ihren sinnlichen Mund umspielte. Offenbar machte ihr das Ganze großen Spaß. „Okay. Vierundzwanzig Stunden. Aber bis ich entschieden habe, ob ich Ihre Hilfe brauchen kann oder nicht, bleiben Sie hier in der Villa.“

3. KAPITEL

„Ich soll in der Villa bleiben?“ Lexi ließ den Blick zum Haus schweifen. „Sie leben hier allein, oder? Was wird Ihre Freundin wohl zu diesem Arrangement sagen? Was werden die Leute denken, wenn Sie plötzlich einen weiblichen Hausgast haben, Mr Belmont?“ Sie schaute ihn an.

„Es sind keine Ausflüchte nötig. Bezeichnen Sie sich als Arbeitskollegin oder persönliche Assistentin. Was Ihnen lieber ist.“

„Arbeitskollegin. Persönliche Assistentin klingt zu sehr nach jemandem, der sich um Ihre Sachen für die Reinigung kümmert, Ihre Korrespondenz führt und Geschenke für Ihre Freundinnen kauft.“ Lexi beugte sich zu ihm. „Diese Aufgaben erledige ich übrigens nicht, falls Sie sich das fragen sollten. Ich bin Ghostwriterin. Okay? Wunderbar. Da ich also hierbleibe … Könnten Sie mir bei meinem Gepäck helfen? Ich habe eine ganze Menge.“

„Was heißt ‚eine ganze Menge‘?“ Mark schlenderte zum Rand der Terrassen und sah zu dem kleinen Mietauto hinüber.

Lexi ging an ihm vorbei die Stufen zur Auffahrt hinunter. „Ihr Männer habt es leicht.“ Lachend öffnete sie die Heckklappe ihres Leihwagens und lud zwei große und zwei kleinere Koffer aus, die sie auf den Kiesweg stellte. „Zwei Anzüge sind vollkommen ausreichend. Aber ich bin gerade drei Wochen unterwegs gewesen und musste jeden Abend zu einer anderen Veranstaltung.“ Sie öffnete die Beifahrertür. „Die Klienten erwarten, dass man bei jeder Filmpremiere etwas anderes trägt, damit die Fotografen glücklich sind.“ Lexi holte einen Kleidersack aus dem Auto und legte ihn sich über den Arm. Dann nahm sie die Reisetasche vom Sitz und hängte sie sich um, bevor sie das Kosmetikköfferchen ergriff und die Tür mit dem Fuß zuschlug.

Sie schaute sich nach Mark um, doch der stand immer noch auf der Terrasse und blickte ungläubig zur ihr hinüber. Lexi verdrehte die Augen und ging die Stufen wieder hoch. „Ich habe die schweren Sachen beim Wagen gelassen. Irgendwann im Laufe des Tages ist mir recht.“

„Kein Problem. Ihr Gepäckträger ist gleich zur Stelle.“

Er wandte sich zum Liegestuhl, unter den er seine Schuhe geschoben hatte, und beugte sich hinunter. Lexi stöckelte an ihm vorbei, und als er sich wieder aufrichtete, stieß er mit dem Ellbogen gegen die Reisetasche.

Genau in dem Moment geriet der glatte Kleidersack ins Rutschen. Lexi wollte ihn mit der Hand greifen, in der sie das Kosmetikköfferchen hielt, verdrehte dabei ihren Körper und machte zwei Schritte zurück. Ihr rechter Stiletto-Absatz glitt von der Kante eines der Marmorsteine ab, die den Swimmingpool einfassten, und sie verlor das Gleichgewicht.

Automatisch breitete sie ihre Arme aus. Für den Bruchteil einer Sekunde hing sie in der Luft. Sie schloss die Augen und bereitete sich seelisch darauf vor, im Wasser zu landen. Aber stattdessen spürte sie plötzlich einen starken Arm an ihrer Taille und einen anderen an ihren Beinen. Lexi riss die Augen auf, stieß einen spitzen Schrei aus und schlang ihre Arme instinktiv um Marks Hals. Allerdings vergaß sie, dass sie das Kosmetikköfferchen noch immer krampfhaft festhielt, und erwischte ihn damit am Kopf.

Anerkennend registrierte sie, dass er sich nicht lautstark beschwerte, sondern nur leise aufstöhnte. Lexi öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, schloss ihn dann jedoch wieder. Ihre Lungen schienen nicht mehr richtig zu funktionieren. Sie atmete flach und keuchend.

Noch nie war sie so aufgefangen und hochgehoben worden. Und als sie zuletzt einem attraktiven Mann derart nah gewesen war, hatte es kein gutes Ende genommen. Es war am Abend des Valentinstags gewesen. Da hatte ihr Exfreund Adam ihr gebeichtet, dass er mit einer Frau im Bett gewesen war, in der sie eine Freundin gesehen hatte.

Lexi spürte deutlich Marks muskulösen, warmen Körper. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Er blickte ihr tief in die Augen, und plötzlich kam es ihr ganz natürlich vor, in seinen Armen zu liegen.

Seine hellblauen Augen hatten graue und dunkelblaue Punkte, seine braunen Haare schimmerten herrlich seidig. Sie atmete den verführerischen Duft eines Shampoos ein und merkte, dass ihr Herz wesentlich schneller schlug als sonst. Du bist hier, um zu arbeiten, ermahnte sie sich, und nicht, um einen Klienten zu umarmen oder ihm die Luft abzuschnüren, nachdem du ihn fast k. o. geschlagen hast.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

Lexi schluckte und nickte lächelnd. Sekunden später hatte er sie behutsam wieder auf die Beine gestellt. Anstatt ihre Hände sofort von seinem Shirt zu lösen, ließ sie sie langsam über seine muskulöse Brust gleiten – bis ihr Verstand endlich wieder richtig funktionierte. Sie machte sich bewusst, dass ihr Vertrag mit der Agentur strenge Regeln enthielt, was den Umgang mit Klienten betraf.

Bedächtig strich sie sich übers Kleid, bevor sie sich wieder traute zu sprechen. „Ja, alles ist bestens. Danke, dass Sie mich vor einem Bad in voller Montur bewahrt haben. Und entschuldigen Sie bitte das mit dem Köfferchen.“ Sie zeigt auf seinen Kopf.

„Zumindest sind wir quitt.“ Mark nickte in Richtung des Pools, in dem ihr Kleidersack schwamm und gluckernde Geräusche von sich gab.

„Oh, verflixt. Jetzt sind drei meiner Lieblingscocktailkleider ruiniert.“

„Bestimmt haben Sie noch genug andere.“ Er holte eine lange Stange mit einem Netz am Ende und dirigierte den Kleidersack zum Beckenrand. Nachdem Lexi ihr restliches Gepäck abgestellt hatte, half sie ihm, das nasse Ding aus dem Wasser zu ziehen.

Als sie sich wieder aufrichtete, atmete sie tief durch. Wenn sie wirklich Farbe bekennen wollte, wurde es langsam Zeit. Kurz benetzte sie ihre Lippen, die plötzlich ganz trocken geworden waren.

„Bevor wir mit der Zusammenarbeit anfangen, muss ich noch etwas klären. Wir sind uns schon einmal begegnet. Es war in London unter wenig glücklichen Umständen.“ Sie nahm die große Sonnenbrille ab und sah Mark an. „Wir sind einander nicht offiziell vorgestellt worden. Sie hatten damals gerade meinen Vater im Klinikzimmer Ihrer Mutter angetroffen und waren sehr damit beschäftigt, ihn nach draußen zu befördern. Hilft das Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge?“

Ja, Mark erinnerte sich. „Raus aus meinem Haus!“ Das Blut kochte in seinen Adern.

„Geben Sie mir eine Minute“, erwiderte Lexi mit leiser, bebender Stimme. „Was an jenem Tag geschehen ist, hatte nichts mit mir zu tun. Mein Vater gehört schon lange nicht mehr zu meinem Leben. Glauben Sie mir, ich bin bloß aus einem Grund hier. Nämlich um meinen Job als Ghostwriterin zu machen.“

„Warum sollte ich Ihnen auch nur ein einziges Wort glauben? Woher weiß ich, dass Sie nicht als Spionin Ihres Paparazzo-Vaters hier sind?“ Mark drehte ihr den Rücken zu. „Wer immer Sie dafür bezahlt, dass Sie sich Zutritt zu meiner Villa verschaffen, hat einen sehr schweren Fehler begangen. Sollten Sie je wieder in meine Nähe oder die meiner Familie kommen, wende ich mich an meine Anwälte und rufe die Polizei. Verlassen Sie auf der Stelle das Anwesen.“

„Ich werde verschwinden, aber erst nachdem wir einige Fakten geklärt haben.“ Lexi öffnete den Kleidersack und wrang die nassen Sachen aus, um sie dann in die Reisetasche zu stopfen. „Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich elf war. Ich hatte meinen Vater, den berühmten Mario Collazo, seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen, als er an jenem Tag in der Klinik aufgetaucht ist. Er hatte meine Mutter gebeten, ihm eine Chance zu geben, damit er die Fehler aus der Vergangenheit wiedergutmachen und eine neue Beziehung zu mir aufbauen könne. Und wie eine einfältige Närrin, nein, wie eine liebevolle, fürsorgliche, verzweifelte, einfältige Närrin hat sie ihm zugehört und ihm geglaubt.“

Lexi schüttelte traurig den Kopf. „Sie hat mir jahrelang Geburtstags- und Weihnachtspäckchen geschickt, die angeblich von meinem mich liebenden Vater stammten. Jedes Jahr hat sie ihm Fotos und Schulzeugnisse gemailt. Und in diesem Jahr hat sie ihm außerdem mitgeteilt, dass ich auf eine Untersuchung im Krankenhaus warten würde. Sie hat ihn gebeten, vorbeizuschauen, wenn er in London sei. Und was hat er getan?“

Energisch schloss Lexi die Reisetasche, richtete sich auf und blickte Mark an, der sich inzwischen wieder umgedreht hatte. „Er hat ihr Vertrauen missbraucht. Er hat meine wunderbare Mutter ausgenutzt, die wollte, dass ihre Tochter wieder eine Beziehung zum Vater hat. Ihr ist keine Sekunde lang der Verdacht gekommen, dass er sie hintergehen könnte. Dass er mich bloß zu dem Zeitpunkt in jener Privatklinik untergebracht hat, weil er wusste, dass Crystal Leighton dort sein würde.“

Herausfordernd hob sie das Kinn. „Ich bin auf seine Geschichte genauso hereingefallen wie sie. Wenn Sie also jemandem wegen Leichtgläubigkeit Vorwürfe machen wollen, nur zu. Aber ich übernehme keine Verantwortung für das, was geschehen ist.“ Sie schaute Mark genauso wütend an wie er sie.

„Fertig?“, fragte er eisig.

„Nicht einmal annähernd. Meine Mum ist eine großartige Kostümbildnerin. Sie hat Jahre gebraucht, ihre Karriere wieder aufzubauen, nachdem mein Dad uns mittellos zurückgelassen hatte. Ihr einziges Vergehen oder ihr einziger Fehler war, zu vertrauensvoll zu sein und unbedingt glauben zu wollen, dass er sich geändert hat. Sie konnte nicht vorhersehen, dass er sie benutzte. Und damit das klar ist: Keine von uns beiden hat einen Cent von dem Geld bekommen, das er für den Verkauf der Bilder erhalten hat. Also wagen Sie es nicht, sie zu verurteilen. Jetzt kennen Sie die Wahrheit … Wenn Sie sie akzeptieren wollen.“

„Und was ist mit Ihnen?“ Marks Stimme klang noch genauso kalt wie zuvor. „Was ist Ihre Entschuldigung dafür, dass Sie mich seit Ihrer Ankunft belogen haben? Sie hätten mir sofort erzählen können, wer Sie sind. Warum haben Sie es nicht getan? Können Sie womöglich die Wahrheit nicht akzeptieren?“

„Ich habe die Wahrheit gesagt. Ich habe aufgehört, Alexis Collazo zu sein, als ich sechzehn war. Ja, ich habe meinen Namen gleich an dem Tag geändert, an dem ich es vom Gesetz her durfte. Ich habe es zutiefst verabscheut, dass mein Vater meine Mutter und mich wegen einer anderen Frau und ihrer Tochter verlassen hat. Was mich betrifft, haben dieser Mann und seine neue Familie nichts in meinem Leben verloren.“

„So ein Unsinn. Sie können die Augen nicht davor verschließen, dass Ihre Familie in die Sache verwickelt ist.“

„Das ist richtig.“ Lexi nickte. „Ich musste in den letzten fünf Monaten mit den Konsequenzen dessen leben, was mein Vater angerichtet hat. Selbst wenn ich nichts damit zu tun hatte. Das macht mich entsetzlich wütend. Und am schlimmsten finde ich, dass er die Großzügigkeit und Gutgläubigkeit meiner Mutter missbraucht und mich benutzt hat, um sich Zutritt zu der Klinik zu verschaffen. Wenn Sie sich jemanden vornehmen wollen, knöpfen Sie sich ihn vor.“

„Sie haben nicht davon profitiert?“

„Nein, wir hatten nichts davon. Wenn man von dem Medienrummel absieht, den Ihre Anwälte verursacht haben. Verstehen Sie allmählich? Gut. Also wagen Sie es nicht, uns zu verurteilen, ohne die Fakten zu kennen. Wir haben Besseres verdient.“

Mark schob die Hände in die Hosentaschen. „Lassen Sie das meine Entscheidung sein.“

Lexi holte ihre Umhängetasche und griff dann nach dem Kosmetikköfferchen und der Reisetasche. „Ich bin hier fertig. Sollte ich doch etwas vergessen haben, werfen Sie es ruhig in den Pool. Und machen Sie sich keine Mühe, ich finde den Weg allein.“

„Ihr Wunsch ist mir Befehl.“

„Viel Erfolg beim Schreiben der Biografie. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie mein Klient sein würden. Aber ich war tatsächlich dumm genug, darauf zu hoffen, dass Sie fair wären und sich der Wahrheit stellen würden. Ich habe sogar geglaubt, dass wir zusammenarbeiten könnten. Doch ich habe mich wohl geirrt. Sie verschließen sich der Wahrheit, weil sie Ihnen nicht gefällt. Anscheinend sind Sie genauso kühl, uneinsichtig, stur und herrisch, wie die Boulevardpresse Sie schildert. Sie tun mir leid.“ Lexi wandte sich um und verließ die Terrasse, bevor er etwas erwidern konnte.

Reglos stand Mark da und blickte Lexi hinterher. Wie konnte sie es wagen, ihm zu unterstellen, kühl und stur zu sein? Das traf auf seinen Vater zu, aber nicht auf ihn. Und wie konnte sie erwarten, dass er ihr glaubte und ignorierte, was er mit eigenen Augen gesehen hatte? Nämlich, wie sie den Vater getröstet hatte, nachdem er ihn niedergeschlagen hatte.

Er hatte sie sofort erkannt, als sie die Brille abgenommen und er in ihre grauvioletten Augen geblickt hatte. Auf dem Klinikflur hatten sich Tränen darin gespiegelt, während sie ihn entsetzt angeschaut hatte.

An jenem Tag hatte er ihr Angst eingejagt, was er in gewisser Weise bedauerte. Er wollte nicht wie sein Vater sein, der sehr arrogant und tyrannisch auftreten konnte. Damals vor fünf Monaten hatte er sich von seinem Zorn überwältigen lassen. Was nachvollziehbar war. Trotzdem hatte es ihn bestürzt, dass er zu unkontrollierter körperlicher Gewalt fähig war. Er hatte lange und hart an sich gearbeitet, um anders zu sein als sein Vater und sein älterer Bruder.

Edmund hätte ohne Zögern jeden Fotografen niedergeschlagen und sich später damit gebrüstet. Aber er war nicht Edmund, der Goldjunge und ganze Stolz seiner Eltern, der als Fünfundzwanzigjähriger beim Polo vom Pferd gestürzt und gestorben war.

Und ich will es auch gar nicht sein, dachte er, während er beobachtete, wie Lexi den Kofferraum zumachte. Dann öffnete sie die Fahrertür, beförderte die Reisetasche und das Kosmetikköfferchen auf die Rückbank und stieg ein.

Was, wenn sie die Wahrheit erzählt hatte? Wenn ihr Vater sie tatsächlich benutzt hatte und sie genauso ein Opfer war wie seine Mutter? Wenn sie wirklich zufällig hier aufgetaucht war?

Dann hatte das Schicksal ihr gerade ziemlich übel mitgespielt und er hatte noch einen draufgesetzt. Aber hatte er eine Wahl? Er wusste, wie sein Vater oder seine Schwester reagieren würde, wenn sie herausfanden, wer die Ghostwriterin war. Wenn sie erfuhren, dass er die kostbaren Familienerinnerungen und privaten Unterlagen vor der Tochter des Paparazzos ausgebreitet hatte, der den letzten Lebenstag seiner Mutter ruiniert hatte.

Es wäre besser, die furchtlose Frau mit dem herzförmigen Gesicht und dem zarten Teint zu vergessen, die ihn seit ihrer Ankunft herausgefordert hatte. Eine Frau, deren einziges Verbrechen darin bestand, einen Mistkerl zum Vater zu haben. Und die den Ruf ihrer Mutter energisch verteidigt hatte.

Seit sieben Jahren versuchte er zu beweisen, dass er den Platz seines Bruders einnehmen konnte, und inzwischen auch den seines Vaters bei Belmont Investments. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, Risiken einzugehen, und er mochte seinen Job.

Nun tauchte diese Ghostwriterin auf und beschuldigte ihn, uneinsichtig zu sein und sich der Wahrheit zu verschließen, weil sie ihm nicht gefiel.

Wieder blickte Mark zu dem Leihauto, das noch immer an derselben Stelle stand. Wie schaffte es diese Frau, ihn so ärgerlich und uneins mit sich zu machen – und dahin zu bringen, vielleicht eine gefährliche Entscheidung zu treffen?

Lexi wollte ihre Umhängetasche auf den Beifahrersitz werfen, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Sie erstarrte und dachte für den Bruchteil einer Sekunde daran, zu schreien und zu Mark zurückzulaufen. Doch dadurch würde sie sich zum Feigling der Woche krönen.

Zögernd sah sie zur Seite und blinzelte ungläubig, als sie zwei niedliche weiße Kätzchen auf dem Beifahrersitz entdeckte.

Lexi musste lachen, aber irgendwie klang es hysterisch und ging schnell in Schluchzen über. Sie lehnte sich im Sitz zurück und ließ ihren Tränen freien Lauf. Das ist nicht fair, absolut nicht fair.

Nach einigen Augenblicken riss sie sich zusammen. Sie krallte ihre Finger um das Lenkrad, als wäre es ein Rettungsanker, und schaute nach vorn zu den Oliven- und Orangenbäumen. Erst dann hörte sie die Schritte auf der kiesbedeckten Auffahrt. Kurze Zeit später stützte Mark seine Arme auf das geöffnete Fenster der Fahrerseite.

Stur sah Lexi weiter geradeaus. Aber nach wenigen Sekunden hielt sie das Schweigen nicht mehr aus. „In meinem Wagen sind Katzen. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Sie schniefte und klappte die Sonnenblende herunter, um sich in dem kleinen Spiegel zu betrachten.

„Schauen Sie sich das an.“ Sie deutete auf ihr Gesicht. „Ich habe am Flughafen eine Stunde gebraucht, um mich zu schminken. Jetzt ist das Make-up hin, und ich bin es ebenfalls.“ Sie schlug zweimal aufs Armaturenbrett, womit sie die Kätzchen erschreckte, die sich aufsetzten und sie vorwurfsvoll angähnten. „Verstehen Sie nun, warum ich von meinem Vater im Job nicht rede? Schon das Erwähnen seines Namens macht mich …“ Sie fuchtelte mit den Händen herum und legte sie dann in den Schoß.

„Ja, ich habe es bemerkt.“ Mark klang ruhig und zugleich etwas angestrengt, als würde er sich bemühen, nett zu sein. „Darf ich vorstellen? Das sind Snowy eins und Snowy zwei. Sie lieben alle weichen, warmen Plätze wie Autositze, gepolsterte Liegestühle oder flauschige Badetücher. Daran sollten Sie vielleicht denken, wenn Sie draußen arbeiten.“

Langsam wandte Lexi den Kopf, und ihre Gesichter waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Er hatte wirklich faszinierend blaue Augen. „Arbeiten? Hier?“, stieß sie mit leicht piepsender Stimme hervor, und Mark nickte. „Aber gerade konnten Sie mich nicht schnell genug loswerden.“

„Ich habe es mir anders überlegt.“

„Einfach so?“, fragte sie, und er nickte erneut. „Haben Sie die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ich nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten möchte? Unsere letzte Unterhaltung war etwas spannungsgeladen. Und ich werde nicht gern als Lügnerin bezeichnet.“

„Ich habe darüber nachgedacht, was Sie gesagt haben, und bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie vielleicht nicht ganz unrecht haben.“

„Tatsächlich. Dann wundert mich aber, dass es so lange gedauert hat.“

Starr blickte Mark sie an, und Lexi bemerkte zum ersten Mal, wie herrlich lang seine Wimpern waren.

„Ich werde mich nicht entschuldigen“, meinte sie. „Können Sie das verwinden?“

„Wie seltsam. Ich wollte gerade dasselbe sagen. Können Sie es verwinden?“

„Ich weiß es nicht.“

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Es wurde Zeit, sich zu entscheiden. Sollte sie bleiben oder abreisen? Sie klopfte mit den Fingern auf das Armaturenbrett und hörte, dass Mark immer schneller atmete. Offenbar war er nervös und wollte es nicht zeigen.

„Okay, ich gebe Ihnen noch eine Chance“, fuhr sie schließlich leise fort, während sie ihm in die Augen sah. Sie bemerkte, wie der Ausdruck darin weicher und wärmer wurde, und ein Schauer durchrieselte sie. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich, und übernimm endlich das Kommando.

„Und so wird es ablaufen“, fügte sie hinzu, bevor er etwas erwidern konnte. „Als Erstes lade ich das Gepäck wieder aus, trage die leichteren Sachen zurück zu Ihrer herrlichen Villa und suche mir ein Zimmer. Mit Meerblick. Anschließend befassen wir uns mit der Biografie Ihrer Mutter. Wenn das Buch fertig und absolut super geworden ist und Sie es präsentieren, dann sagen Sie, dass Sie diesen Bestseller nicht ohne die Hilfe von Lexi Sloane schreiben konnten. Und Schluss, aus, Ende. Keine Vorwürfe oder Beschuldigungen mehr. Nur ein einfaches Dankeschön. Danach lebt jeder sein Leben weiter. Glauben Sie, dass Sie das schaffen, Mr Belmont?“

„Miss Sloane …“

„Ja?“ Welche Bedingungen würde er jetzt wohl stellen?

„Meine Katze macht gerade auf Ihren Schuh …“

Lexi schaute nach unten und nahm unwillkürlich den Fuß weg, als sie durch das Leder etwas Warmes spürte. „Kann ich das als Ja werten?“, fragte sie ärgerlich.

„Ganz eindeutig.“

4. KAPITEL

Mark wachte auf, als ein Sonnenstrahl ihn blendete. Er stöhnte und sah auf die Armbanduhr, die so eingestellt war, dass sie die Zeit in den wichtigsten Börsenstädten anzeigte und auch die auf Paxos.

Es war neun Uhr. Er hatte gerade einmal vier Stunden geschlafen, seit er sich in der Morgendämmerung gezwungen hatte, ins Bett zu gehen. An einem normalen Wochentag würde er jetzt schon seit drei Stunden am Schreibtisch sitzen. Seit Jahren kämpfte er mit Schlafproblemen. Leider hatte sich seine Hoffnung nicht erfüllt, hier Schlaf nachholen zu können.

Er setzte sich auf, nahm erst die Brille vom Nachttisch und danach den Tablet-PC. Schnell checkte er seine E-Mails, bevor er sich den Restrukturierungsplänen zuwandte, die das Fortbestehen und die Ertragskraft von Belmont Investments langfristig sichern würden.

Es würde hart werden, seinen Vater von diesen Maßnahmen zu überzeugen. Er hatte das Unternehmen aufgebaut und es mit ruhiger Hand geführt, ohne größere Risiken einzugehen. Was früher funktioniert hatte. Aber inzwischen nicht mehr, denn es hatte sich einiges geändert.

Plötzlich hörte Mark eine zärtlich klingende Stimme von draußen. Einen kurzen Moment hatte er tatsächlich seinen ungebetenen Hausgast vergessen.

Offenbar war Alexis Sloane frisch und munter. Sie wollte sich bestimmt schnellstens mit der Biografie befassen, umso bald wie möglich auf ihren tollen Beinen wieder in die Zivilisation zurückzukehren.

Hoffentlich war es kein Fehler gewesen, sie zum Bleiben aufzufordern. Wenn sie zusammenarbeiteten, würde sie am Ende viele Familiengeheimnisse kennen. Was, wenn sie doch die Komplizin ihres Vaters war? Dann wäre dieser bestens informiert und könnte für die Boulevardpresse eine gemeine Story über das Leben seiner Mutter schreiben.

Mark legte den Computer weg, stand auf und ging zum Fenster. Er schob das Rollo etwas beiseite und blickte hinunter auf die Terrasse. Lexi hatte sich zu Emmy und Oscar gebeugt und redete mit ihnen. Die beiden schienen unschlüssig, was sie von ihr halten sollten. Jetzt ließ sie ein Band vor den Katzen hin und her baumeln, um sie zum Spielen zu animieren. Das fröhliche Lachen der jungen Frau war so ansteckend, dass er unwillkürlich lächelte.

Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr sie sich von den Menschen unterschied, mit denen er normalerweise zu tun hatte. Sie war hübsch und dynamisch, aber auch selbstsicher genug, um ihn herauszufordern und sich gegen eine Behandlung aufzulehnen, die sie als ungerecht empfand. Außerdem schien sie sich durch nichts bremsen oder dazu bewegen zu lassen, den Erwartungen anderer zu entsprechen.

Es hatte ihn überrascht, dass sie ihm freiwillig erzählt hatte, wer ihr Vater war. Er schätzte Ehrlichkeit und Integrität. Und wenn er seine Menschenkenntnis nicht eingebüßt hatte, stimmte es, dass sie keinen blassen Schimmer gehabt hatte, auf wen sie hier treffen würde.

Mark beobachtete, wie Lexi gefährlich nah am Pool entlangspazierte, und erinnerte sich an gestern. Er hatte es genossen, sie im Arm zu halten. Und zwar jede einzelne Sekunde. Doch da hatte er noch keine Ahnung gehabt, wer sie war und dass sie irgendwie mit dem schrecklichsten Tag in seinem Leben zu tun hatte.

Er nahm die Brille ab und ließ das Rollo los. Vermutlich war es gut, dass er wusste, wer ihr Vater war. Sie war viel zu attraktiv, um sie zu ignorieren. Also würde er sie wahrnehmen. Aber mehr auch nicht.

Lexi Sloane war ein Teil seiner Vergangenheit. Die Frage war, ob sie ihm bei der Bewältigung des anstehenden Projekts helfen konnte, sodass er sich seiner Zukunft zuwenden konnte.

Wenn er allerdings die falsche Wahl getroffen hatte, könnte es die schlimmste Fehlentscheidung sein, sie in sein Leben gelassen zu haben.

Leise sang Lexi zur Musik, die aus ihrem Kopfhörer tönte, während sie ihre SMS checkte. Als sie gerade fertig war, traf eine neue Kurznachricht von Adam ein: Bitte ruf mich an. Wir müssen reden. Es war die Vierte innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden.

„Oh, nein, du Idiot. Du erzählst mir nicht, was ich tun soll. Nicht mehr.“ Angewidert legte sie das Handy auf den Küchentisch.

Adam und sie hatten zuletzt in seinem Apartment miteinander gesprochen. Und sie hatten Dinge gesagt, die sie nicht zurücknehmen konnten. Beschämenderweise hatte sie sich außerdem dazu hinreißen lassen, ihn zu ohrfeigen. Das hätte nicht geschehen dürfen. Selbst wenn Adam sich wie ein Mistkerl verhalten und sie betrogen hatte.

Sie hatte ihre ganzen Hoffnungen für eine glückliche Zukunft auf ihn konzentriert und sich schrecklich in ihm getäuscht. Etwas Ähnliches würde ihr so schnell nicht wieder passieren. Denn bis sie ein eigenes Büro und einen Verleger für ihre Kinderbücher gefunden hatte, würde sie sich mit keinem Mann mehr einlassen.

Lexi schreckte aus ihren Gedanken hoch, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Sie wandte den Kopf und sah, dass Mark die Wohnküche betrat. Er trug eine legere marineblaue Hose und ein Poloshirt in derselben Farbe. Seine dunkelbraunen Haare glänzten.

Er sah umwerfend aus, und Lexi spürte, wie ihr Körper zu kribbeln begann. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Mark Belmont war ein Klient. Energisch rang sie um Beherrschung.

Es wurde Zeit, die lächelnde, fröhlich plappernde junge Frau zu geben, die sie ihrer Umgebung so häufig vorspielte. Er würde praktisch nicht zu Wort kommen, und sie konnte auf Distanz bleiben.

Sie atmete tief durch. Also los, Lexi! „Guten Morgen, Mr Belmont.“ Sie schaltete die Musik aus, nahm den Kopfhörer ab und legte ihn neben das Handy. „Hoffentlich haben Sie Lust auf Frühstück. Ich war nämlich im Dorf und habe den Lebensmittelhändler glücklich gemacht. Aber keine Sorge, dass man Sie jetzt für einen Weiberhelden hält. Ich habe gesagt, dass ich nur ein paar Tage hier bin, um bei einem geschäftlichen Projekt zu helfen, und dann wieder nach London zurückkehre.“

„Wie rücksichtsvoll von Ihnen.“ Mark lehnte sich gegen die Arbeitsfläche und schob seine Hände in die Hosentaschen. „Wie haben Sie den Händler denn glücklich gemacht?“

„Ich war so mutig, Ihren Kühlschrank zu inspizieren. Das meiste darin war nicht mehr genießbar. Also habe ich eingekauft.“

„Meine Haushälterin hat ihn vor meiner Ankunft aufgefüllt. Mit Ihrem Besuch hatte ich natürlich nicht gerechnet.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass man wesentlich mehr Arbeit schafft, wenn genug Essen im Haus ist und man sich ums Einkaufen nicht mehr kümmern muss.“

„Apropos Arbeit. Im Interesse einer guten Zusammenarbeit würde ich vorschlagen, dass wir uns duzen. Ich heiße Mark.“

„Ich bin Lexi.“ Sie zog eine Braue hoch, als sie seinen Magen knurren hörte.

„Mir scheint, dass ich ein Frühstück vertragen könnte. Was hast du mitgebracht?“

„Da ich nicht wusste, was du morgens gerne isst, habe ich von Müsli bis hin zu Tomaten, Eiern und Speck alles eingekauft. Ich habe mir schon Rühreier mit Toast schmecken lassen und eine Kanne Tee gekocht.“

„Ich hasse Tee. Aber Rühreier mit Toast klingen gut. Würdest du das für mich machen? Um den Kaffee kümmere ich mich selbst. Was die Zubereitung betrifft, bin ich nämlich eigen. Es ist eine meiner wenigen Schwächen.“

„Alles klar.“ In ihrer Stimme schwang keine Spur von Sarkasmus mit. Sie wandte sich zum Herd und gab etwas Butter in die Pfanne. „Das Frühstück ist in fünf Minuten fertig“, erklärte sie, während sie die Eier aufschlug. „Hoffentlich magst du Orangensaft. Es ist der einzige …“

Ihr Handy klingelte, und sie wischte sich die Finger schnell an einem Handtuch ab. Dann nahm sie den Apparat vom Tisch und drückte mehrere Tasten.

„Etwas Interessantes?“, fragte Mark wie nebenbei, als er die Kaffeemühle füllte.

„Ich bekomme immer interessante SMS.“ Lexi legte das Telefon zurück. „Hierbei handelte es sich um eine Kurznachricht von meinem Exfreund, die ich eben gelöscht habe. Und zwar ungelesen.“

„Aha. Ich habe mir bereits gedacht, dass du zu den Frauen gehören könntest, die Männerherzen brechen.“

„Das kann ich nicht leugnen. In diesem Fall war es jedoch so, dass er mich mit jemandem betrogen hat, der ihn mir mit großem Vergnügen ausgespannt hat.“

Mark zog die Brauen hoch und hörte einen Moment auf, die Espressokanne zu füllen. „Er hat dich betrogen?“, meinte er ungläubig, schüttelte den Kopf und machte weiter. „Erzählst du Leuten, die du gerade erst kennengelernt hast, immer Einzelheiten aus deinem faszinierenden, aber tragischen Privatleben?“ Er blickte kurz zu Lexi hinüber, die zwei Brotscheiben in den Toaster schob.

Schon wollte sie die Frage mit einer witzigen Bemerkung abtun, als ihr bewusst wurde, dass er versuchte, sich mit ihr zu unterhalten. Wenn das keine Veränderung im Vergleich zu gestern war. Beim Abendessen war die Atmosphäre sehr angespannt gewesen, und er hatte meistens geschwiegen.

„Oh, ja.“ Sie goss die verquirlten Eier in die Pfanne. „Und mein Job ist es, dir dabei zu helfen, Fremden, die du nie kennenlernen wirst, Details aus deinem faszinierenden, aber tragischen Privatleben zu erzählen. Auf diese Weise machen wir gewissermaßen das Gleiche.“

„Ich verstehe.“ Mark stellte die Espressokanne auf den Tisch. „Nur ziehe ich es vor, mein Privatleben als das zu betrachten, was es ist. Nämlich meine persönliche Angelegenheit.“

„Nicht jeder ist von Natur aus extrovertiert. Weshalb ich dir ja auch unter die Arme greifen soll.“ Lexi gab das Rührei auf einen Teller, legte die beiden fertigen Toasts sowie das Besteck daneben. „Wenn du möchtest, dass die Biografie ein Erfolg wird, musst du mir vertrauen und dein Privatleben zumindest in Teilen offenbaren“, sagte sie, und er runzelte die Stirn. Wenn das nicht vielversprechend ist, dachte Lexi ironisch und deutete auf den Teller. „Guten Appetit. Aber nach dem Frühstück muss ich wirklich herausfinden, wie weit du mit dem Manuskript bist.“ Sie nahm das Handy und den Kopfhörer. „Vielleicht könntest du mir auch das Arbeitszimmer deiner Mutter zeigen. Die persönlichen Räume verraten nämlich einiges über den Menschen, der sie bewohnt. Und jetzt füttere ich erst einmal die Katzen.“

Lexi verließ die große Küche und war sich durchaus bewusst, dass Mark ihr fasziniert auf den knackigen Po starrte.

5. KAPITEL

„Was für ein Arbeitszimmer!“, stieß Lexi voller Bewunderung hervor, als sie Mark in den Raum im ersten Stockwerk folgte. Bibliothek wäre zweifellos die bessere Bezeichnung.

„Es gefällt dir?“

„Ich finde es traumhaft. Seit ich denken kann, liebe ich Bücher.“ Lexi ging zu den Regalen und betrachtete den Inhalt etwas genauer. „Gedichte, Klassiker, Philosophie, Geschichte, Sprachen … Wow, was für eine Ansammlung von Drehbüchern und Theaterstücken.“

„In den Sommerferien hat meine Mutter immer einen Extrakoffer mit Büchern gepackt, und mit Manuskripten ihrer Agenten.“ Mark lächelte matt, schob seine Hände in die Hosentaschen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Hier habe ich viele regnerische Nachmittage verbracht.“

„Worum ich dich beneide.“ Lexi wandte sich zu dem mit Papieren und Fotos übersäten Tisch in der Zimmermitte. „Es heißt, dass die Bücher, die die Leute in ihrem Zuhause haben, viel über sie aussagen. Was wirklich stimmt.“ Sie sah Mark an.

„Da bin ich mir nicht so sicher“, erwiderte er mürrisch. „Was ist mit den Automagazinen, den Handbüchern über Polo-Ponys und den Chemieschulbüchern?“

Lexi schüttelte den Kopf und zeigte zu einer Regalwand. „Dort stehen Bücher über die Geschichte des Theaters, über die Gestaltung von Bühnenbildern, über Szenenaufbau und Modefotografie. Außerdem gibt es noch zahlreiche Biografien von Hollywoodstars. Diese Ansammlung von ‚Fachliteratur‘ verrät, dass Crystal Leighton eine intelligente Frau war und ein echter Profi, der wusste, worauf es ankam. Und diese Botschaft sollten wir den Leuten vermitteln. Was meinst du?“

„Was ich meine? Ich hatte noch keine Zeit, mir eine Meinung zu bilden.“ Mark atmete tief durch und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Mein Verleger hat deine Beauftragung veranlasst und dich zu mir geschickt. Aber ich tue mich noch immer schwer mit der Vorstellung, private Familienunterlagen jemandem zugänglich zu machen, den ich nicht kenne. Das Ganze ist eine sehr persönliche Angelegenheit.“

„Ich verstehe, dass du dich überrumpelt fühlst. Außerdem kann ich nachvollziehen, dass du dir nicht sicher bist, aus welchem Grund ich hier bin. Das ist in Ordnung, Mark. Aber ich bin keine Spionin für irgendwelche Paparazzi.“

Lexi wandte sich wieder einem Regal zu und strich behutsam über die Buchrücken. „Dir ist nicht wohl dabei, einer Fremden Familiengeheimnisse anzuvertrauen. Das lässt sich ändern. Was möchtest du über mich wissen? Frag mich, egal was, und ich werde dir ehrlich antworten.“

„Egal was? Okay fangen wir mit dem Naheliegenden an. Warum schreibst du Biografien?“

Sie benetzte die Lippen. Um es richtig zu erklären, würde sie viel von ihrer eigenen Geschichte offenbaren müssen.

„Kurz nach meinem zehnten Geburtstag war ich wegen einer ernsten Krankheit mehrere Monate lang im Krankenhaus.“

„Das tut mir leid“, sagte Mark, nachdem sie einen Augenblick geschwiegen hatten. Er lehnte sich gegen ein Regal, sodass er Lexi ansehen konnte. „Es muss schlimm für dich und deine Eltern gewesen sein.“

„Ja, ziemlich. Meine Eltern machten sowieso schon eine schwierige Zeit durch.“ Lexi lächelte ihn kurz an. „Und mein Vater arbeitete damals in Amerika. Er war zwei Monate lang nicht zu Hause, und als er dann zurückkam, hatte er seine neue Freundin im Gepäck.“

„Oh, nein.“

„Oh, doch. Das erste Jahr meiner Rekonvaleszenz habe ich im Haus meiner Großmutter in einem Vorort von London verbracht. Zusammen mit einer sehr unglücklichen Mutter. Es war nicht gerade die schönste Zeit, aber es gab zwei Lichtblicke. Zum einen war meine Großmutter eine tolle Geschichtenerzählerin, und zum anderen hat sie dafür gesorgt, dass ich immer Bücher hatte. In der Bibliothek habe ich mir Bücher ausgeliehen, die davon handelten, wie andere Leute eine schreckliche Kindheit überstanden haben, ohne das Lachen zu verlernen.“

„Biografien. Du hast gern über das Leben anderer Menschen gelesen.“

„Ich konnte nicht genug davon bekommen.“

„Und dann hast du irgendwann beschlossen, selbst zu schreiben? Eine mutige Entscheidung.“

„Vielleicht. Da ich mir ein Studium nicht leisten konnte, habe ich nach der Schule bei einem großen Verlagshaus in London angefangen. Zwei Jahre später war ich Lektoratsassistentin, und der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt.“

Sie verbeugte sich schwungvoll mit ausholender Armbewegung. „Ghostwriterin Lexi Sloane.“ Kokett sah sie ihn an. „Möchtest du sonst noch etwas wissen, bevor wir uns ans Werk machen?“

„Ja, noch eine Sache. Warum trägst du auf einer kleinen Insel am frühen Vormittag schon so viel Make-up?“

„Ich nehme es als Kompliment, dass du es überhaupt bemerkt hast.“ Lexi lachte. „Ich bin hier, um einen Job zu erledigen, und es gehört zu meiner Arbeitsuniform. Ob Büro, Filmstudio oder kleine Insel, spielt keine Rolle. Sobald ich sie anhabe, bin ich auf Arbeit programmiert. Also lass uns beginnen.“

Sie zog mehrere Bücher aus einem Regal und legte sie auf den Tisch. „Es gibt so viele Arten von Biografien. Ernste und unterhaltsame, kritische und oberflächliche und, und, und. Jede ist auf ihre Weise einzigartig und sollte zu der Persönlichkeit passen, von der sie handelt. Welche von diesen hier gefällt dir am besten?“

„Ich hatte keine Ahnung, dass es so schwierig sein würde.“ Mark blickte auf die Bücher. „Oder so komplex.“

Lexi nahm ein Buch mit dem Foto eines Theaterstars auf dem Einband und reichte es Mark. „Eine Biografie kann auch schrecklich trocken sein. Hier hat der Schreiber sich sehr darum bemüht, dem Mimen Respekt zu zollen, indem er so ausführlich wie möglich war. Aufzählungen von Rollen, Daten und Orten eignen sich prima für den Anhang. Sie verraten dir jedoch nichts über den Menschen selbst.“

„Weißt du, dass ich diesen Mann tatsächlich kenne. Er war mehrmals auf den Neujahrsfesten meiner Mutter.“ Mark legte das Buch zurück. „Für jemanden, der fünfzig Jahre auf der Bühne stand, war er sehr schüchtern.“

„Und genau davon sollte ein Biograf erzählen. Er sollte darüber schreiben, wie dieser schüchterne Mann, der vor jedem Auftritt mit Lampenfieber kämpfte und trotzdem hinausging und sein Publikum begeisterte, ein preisgekrönter Darsteller wurde. So wird man dem Andenken der betreffenden Persönlichkeit gerecht“, erklärte Lexi enthusiastisch. „Und natürlich auch, indem man sehr persönliche Erinnerungen wiedergibt, die vielleicht nur mit dem Privatmenschen zu tun haben. Die dem Leser jedoch vermitteln, wie diese Person wirklich war und wie bedeutsam es für ihr Umfeld gewesen ist, sie gekannt zu haben.“

Mark runzelte die Stirn. „Heißt das, es muss alles offenbart werden?“

„Nein, selbstverständlich nicht. Aber eine Biografie sollte keine Auflistung trockener Daten und Fakten sein. Zwischen der beschriebenen Person und dem Leser muss eine Nähe entstehen. Nur so wird man ihr gerecht.“ Lexi zuckte die Schultern. „Du solltest begeistert sein, dass du mit diesem Buch die Gelegenheit hast, deine Mutter wieder lebendig werden zu lassen.“

„Begeistert? So würde ich meine Stimmung nicht bezeichnen.“

Lexi kniff die Augen zusammen und rieb die Hände aneinander. „Ich schätze, es wird Zeit, dass du mir zeigst, wie weit du bist. Dann können wir über deine Erinnerungen und persönlichen Geschichten sprechen.“

Sie setzte sich an den Tisch und warf einen Blick auf die Fotos und vergilbten Zeitungsausschnitte. Sie stammten zweifellos aus dem aufgeklappten Koffer am Boden, in dem sich Terminkalender und andere Unterlagen befanden.

„Vermute ich richtig, dass du mit dem Schreiben selbst noch nicht sonderlich vorangekommen bist?“

„Mehr oder weniger. Meine Mutter hat letzten Sommer mit einer Autobiografie angefangen und mehrere Kapitel über ihre frühen Jahre verfasst. Außerdem hat sie die Sachen auf dem Tisch und in dem Koffer zusammengetragen. Allerdings ist ihre Handschrift schwer zu entziffern.“

„Oh, das geht in Ordnung.“

„Das geht in Ordnung? Nein, tut es nicht. Wie du weißt, habe ich nicht mehr viel Zeit, um diese Biografie anzufertigen. Sonst verpasse ich die Frist, und irgendein Schreiberling wird die üblichen Lügen verbreiten, um Kapital aus dem Tod meiner Mutter zu schlagen.“ Mark nahm ein Foto, das Crystal Leighton auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zeigte. „Hast du eine Ahnung, wie wütend mich das macht? Sie glauben, sie aufgrund der Filme, in denen sie mitgewirkt hat, zu kennen. Aber sie haben nicht den blassesten Schimmer davon, was für ein Mensch sie war.“

Er legte das Bild wieder an seinen Platz zurück. „Ich erwarte nicht, dass du verstehst, wie wichtig die Biografie für mich ist. Aber meine Mutter ist nicht mehr hier, um sich zu verteidigen. Das ist jetzt meine Aufgabe.“

Wie konnte sie ihm begreiflich machen, dass sie sehr gut verstand, wovon er sprach, denn auch sie führte eine Art Doppelleben. Die Leute beneideten sie um den aufregenden Job und den Lebensstil, den er mit sich brachte. Sie hatten keine Ahnung, dass die fröhliche Plaudertasche Lexi Sloane gegen eine große Verzweiflung ankämpfte. Sie sehnte sich schrecklich nach einer eigenen Familie mit vielen Kindern, wusste aber, dass die Erfüllung dieses Wunsches immer unwahrscheinlicher wurde.

„Du irrst dich, wenn du glaubst, ich würde dich nicht verstehen. Ich weiß, wie ...

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