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Gärten der Liebe, Band 2

CAROLINE ANDERSON

Zwei im Rosengarten

Von so einem Auftrag hat sie immer geträumt – von so einem Mann auch: Georgias Gärtnerinnenherz schlägt höher, als Matthew Fraser sie bittet, den Park seines Herrenhauses neu anzulegen. Doch obwohl der Unternehmer zärtliche Gefühle in ihr aufkeimen lässt, hält sie Abstand. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie geschworen, sich nur noch der Arbeit zu widmen ...

ROSALIE HENAGHAN

Blüh, Blume der Liebe!

In ihrem kleinen Paradies mitten in der idyllischen Natur Neuseelands fühlt die Gartenarchitektin Amy sich unendlich wohl. Nur eins fehlt ihr zum Glück: dass ihr sympathischer Nachbar Thomas sie endlich zärtlich küsst. Doch obwohl sie in seinen Augen die gleiche Sehnsucht liest, spricht er nur von Freundschaft. Bis Amys Exfreund Jason bei ihr auftaucht …

PENNY JORDAN

Küsse unter Rosenranken

Geraldine hat das rosenumrankte Cottage in Cheshire nur gekauft, um ihrer kranken Tante nah sein zu können. Dass sie wegen ihrer Geldnöte einen Untermieter aufnehmen muss, erweist sich als Glücksfall, denn Mitchell Fletcher ist der anziehendste Mann, den sie je getroffen hat. Doch seine Eifersucht stellt ihre zart aufkeimende Liebe auf eine harte Probe ...

Caroline Anderson

Zwei im Rosengarten

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1. KAPITEL

Georgia war total erledigt. In Pumps hatte sie stundenlang auf diesem verflixten Gartengelände herumlaufen müssen, bis ihr jeder Meter wie die Entfernung zwischen Erde und Mond vorgekommen war. Wenn sie nicht bald die Schuhe ausziehen konnte, würde sie wahrscheinlich laut schreien.

Sie ließ die Handtasche auf den Tisch fallen, stellte die Aktentasche in den Durchgang und setzte sich. Mit einem Seufzer der Erleichterung streifte sie die Schuhe ab, was kaum auffiel, da der Tisch ihre Füße verdeckte.

Herrlich! Sie bewegte die Zehen und seufzte noch einmal. Gut, dass es vorbei ist, dachte sie, sah zum Fenster hinaus auf das rege Treiben auf dem Bahnsteig und ließ den wenig erfreulichen und anstrengenden Tag noch einmal Revue passieren. Es wäre alles gar nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht schon so lange an dem Entwurf für den Garten gesessen hätte, als ihr Kunde seine Meinung änderte. Aber er musste ja ein Video der letztjährigen Gartenschau in Chelsea sehen und sich davon inspirieren lassen.

„Könnten Sie nicht ein wenig mehr mit Metall arbeiten, Mrs. Beckett? Und wie wär’s mit ein paar Wasserelementen? Damit das Sonnenlicht darin reflektiert wird oder auch nicht. Vielleicht auch nur ein Bächlein, das über eine Steinstufe plätschert, oder besser gleich ein kleiner Wasserfall.“

Und das auf einem flachen Gelände! Schon der erste Entwurf hatte das Budget gesprengt.

Georgia hatte den ganzen Tag so fest die Zähne zusammengebissen, dass ihr nun der Unterkiefer wehtat. Wenigstens hatte sie ein paar Tage Ruhe bis zum nächsten Treffen mit dem Kunden. Vielleicht änderte er bis dahin auch seine Meinung. Aber genauso gut konnte sie wohl darauf hoffen, dass sich über Nacht ihre Haarfarbe änderte.

Sie ließ den Kopf gegen die Nackenlehne fallen und hätte beinah laut aufgeschrien. Sie hatte ganz vergessen, dass sie ihre Lieblingshaarspange trug. Sie nannte sie immer Venusfliegenfalle, weil nur diese langen Zinken in der Lage waren, ihre wilde rote Lockenpracht zu bändigen. Georgia löste die Spange, fuhr sich mit den Fingern durch die schulterlangen Haare und ließ sich wieder gegen die Lehne sinken. Diesmal gab es keine böse Überraschung. Wenigstens hatte sie den kleinen Tisch im Moment noch für sich.

Sie bewegte noch einmal die Zehen und streckte die Beine aus, dabei schob sie die Pumps unter den gegenüberliegenden Sitz. Herrlich! Nur fünf Minuten so dasitzen, und sie wäre wieder ein ganz anderer Mensch …

Verdammt, alle Plätze besetzt, dachte Matthew Fraser, als er in den Zug stieg. Aber nein, da hinten war noch einer frei, bei der Frau mit dem feuerroten Haar. Frei war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, so wie sich die Dame dort breitgemacht hatte. Ihre zum Bersten volle Tasche, die wenigstens so groß war wie ein Zehnlitereimer, beanspruchte fast den ganzen Tisch – und auf dem an sich freien Platz gegenüber ruhten die niedlichsten Füße, die Matthew seit Langem gesehen hatte.

Die Frau schien zu schlafen. Ihre langen Wimpern hoben sich, zwei dunklen Halbmonden gleich, gegen ihren hellen, klaren Teint ab. Sie hatte einen weich geschwungenen rosigen Mund, der vielleicht ein bisschen zu groß war, aber sehr verletzlich wirkte. Im Märchen hätte Matthew sie jetzt wach küssen dürfen.

Aber er gab dieser Versuchung nicht nach, räusperte sich stattdessen und fragte: „Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz noch frei?“

Die Frau öffnete die Augen – riesengroß, grün und ein wenig verhangen vom Schlaf –, setzte sich rasch auf und nahm die Füße vom Sitz gegenüber. Schade eigentlich, dachte Matthew, während sie ein „Entschuldigen Sie bitte, ich musste nur mal eben die Beine hochlegen …“ murmelte. „Natürlich ist der Platz noch frei.“

Sie zog auch die Riesentasche zu sich und wurde ein bisschen rot, wodurch die äußerst interessante Linie ihrer Wangen noch besser zur Geltung kam. Nachdem sie die Tasche neben sich auf den Boden gestellt hatte, lächelte sie flüchtig zu ihm hinüber, und ihr langes feuerrotes Haar ließ ihn an alles Mögliche denken. Matthew musste sich schwer zusammennehmen, damit seine Fantasie nicht mit ihm durchging.

Er zwängte sich auf den für seine Größe winzigen freien Platz zwischen Rückenlehne und Tisch und öffnete die Aktentasche, um Unterlagen herauszunehmen, die er noch einmal durchgehen wollte. Als er die Tasche auf dem Boden abstellte und gegen den Sitz lehnte, berührte er die Beine der Frau. Man entschuldigte sich, und jeder beschränkte sich wieder auf sein Territorium.

„Besonders viel Beinfreiheit hat man hier ja nicht“, stellte Matthew fest, wobei ihm bewusst wurde, wie schön warm es unter seinen Oberschenkeln war, dort, wo die Füße der Frau gelegen hatten. Aber sie sah schon wieder zum Fenster hinaus und gab keine Antwort.

Auch gut. Sie trug ohnehin einen Ehering. Sonst hätte er vielleicht versucht, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber so war es sinnlos. Schade eigentlich. Sie war nämlich ziemlich attraktiv, irgendwie erfrischend anders und wohl auch ein bisschen chaotisch.

Er wandte sich seinen Unterlagen zu und versuchte, sich irgendwie bequemer hinzusetzen, was ein Ding der Unmöglichkeit war. Er musste die Knie gespreizt halten, damit die Frau genug Platz hatte. Diese Stellung war seltsam intim und für ihn ziemlich unbequem.

Er hasste Zugfahren. Aber in London nach einem Parkplatz zu suchen kam einem Albtraum gleich.

Als sein Handy klingelte, nahm er das Gespräch an, war mit den Gedanken aber ganz woanders. Danach tätigte er selbst zwei Anrufe und versuchte, dabei nicht an die Frau gegenüber zu denken, mit diesem weichen, großen Mund und den wohlgeformten Knien, die so nah bei seinen Schenkeln waren.

Georgia hatte sich wieder zurückgelehnt, erneut die Augen geschlossen und bemühte sich, die Beine ihres Gegenübers nicht zu berühren. Es war einfach viel zu eng, viel zu intim. Sie setzte sich ein wenig anders hin, sodass sie besser aus dem Fenster sehen konnte, aber dabei streiften ihre Knie sein Bein.

Sowohl sie als auch der Mann murmelten eine Entschuldigung, und Georgia setzte sich wieder gerade hin, bemüht, seinen Telefonaten nicht zuzuhören. Aber das war unmöglich. Außerdem waren die Gespräche außerordentlich interessant. Irgendwas über politische Unruhen und finanzielle Unsicherheit und das Einschreiten irgendeiner Regierung. Neugierig sah sie zu ihm hinüber. Ging es um Waffen?

Er hatte ein interessantes Gesicht, aber nicht das eines Kriminellen. Es war zwar nicht im landläufigen Sinne gut aussehend, aber irgendwie anziehend. Sein Kinn wies ein kleines Grübchen auf, und wenn er über eine Bemerkung seines Gesprächspartners lachte, bildeten sich um seine Augen ganz viele kleine Lachfältchen, sodass Georgia fast mitlachen musste.

Schließlich schaltete er das Handy aus und legte es auf den Tisch. Dann ging er seine Unterlagen durch und machte hier und da Notizen in einer gestochen scharfen Handschrift, die Georgia faszinierte. Sie versuchte, den Mann nicht anzustarren, aber ihr Blick glitt immer wieder zu ihm zurück. Dabei stellte sie fest, dass dem Mann jedes Mal eine weiche Locke in die Stirn fiel, wenn er sich erneut über die Dokumente beugte. Einmal sah er unvermittelt auf und blickte sie mit diesen ungewöhnlich eisblauen Augen an. Georgia versuchte, einen Moment seinem Blick standzuhalten, senkte dann aber beinah verschämt die Lider, als hätte der Fremde sie beim Naschen erwischt.

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er amüsiert lächelte, und wieder stieg ihr Röte ins Gesicht. Verdammt, mit dreißig sollte sie eigentlich in der Lage sein, diese kindische Reaktion zu unterdrücken!

Der Mann kaufte einen Schokoriegel und eine Dose von diesem widerlichen kohlensäurehaltigen Zeug, das angeblich nach Passionsfrucht schmeckte. Dadurch würden seine Zähne in Sekundenschnelle ihres elfenbeinfarbenen Schimmers beraubt. Bei dem Gedanken, was das Zeug in seinem Magen anrichtete, schauderte Georgia regelrecht und wandte sich wieder dem Fenster zu. Eine Werbetafel nach der anderen huschte da vorbei, an schäbigen kleinen Häusern befestigt, die so dicht an den Schienen standen, dass der Zug sie beinah berührte. Auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht, lebten dort Leute, die gezwungen waren, ihr Dasein im Zentrum der Großstadt zu fristen. Georgia konnte ihnen in die Schlafzimmer sehen – in einem waren die Betten nicht gemacht, in einem anderen zog sich gerade jemand aus. In der Stadt gab es so wenig Privatsphäre.

Georgia konnte sich das Elend einfach nicht länger mit ansehen und schloss die Augen. Wie sie selbst einmal in London hatte leben können, war ihr ein Rätsel, obwohl sie in Knightsbridge, einem der besseren Viertel, gewohnt hatte. Mittlerweile konnte die Großstadt sie überhaupt nicht mehr locken. Ganz im Gegenteil, Georgia wartete ungeduldig darauf, nach Hause zu kommen, den unangenehmen Geruch abzuwaschen und die Stadtkleidung gegen Jeans und Sweatshirt zu wechseln. Auch wenn das Sweatshirt verwaschen und ausgebeult war, liebte sie es über alles, nicht nur wegen der Aufschrift „Weltbeste Mom“. Es war einfach superbequem.

Georgia sehnte sich nach einem heißen Bad und einem kühlen Glas Chablis, gefolgt von einem leichten, leckeren Imbiss – irgendetwas Raffiniertes mit Früchten und perfekt abgehangenem Parmaschinken –, serviert von einem diskreten, höflichen Diener …

Ein schöner Traum! Aber es würde wohl wieder nur Tiefkühlpizza werden. Währenddessen musste sie die Hausaufgaben ihres Sohnes durchsehen, Wäsche waschen und noch hundert andere Dinge tun, die berufstätige Frauen mal eben nebenbei erledigten, während deren Ehemänner davon ausgingen, dass alles wie von Zauberhand geschah.

Nicht, dass sie, Georgia, einen Ehemann gehabt hätte, nicht mehr. Zum Glück! Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, aber es war erst drei Jahre her, dass Brian tot war. Sein Tod war für sie eine regelrechte Befreiung gewesen. Aber das konnten nur ihre engsten Freunde nachvollziehen, die ahnten, wie unglücklich sie in ihrer Ehe gewesen war.

Georgia seufzte leise. Auch sie machten sich keine Vorstellung, was sie tatsächlich mitgemacht hatte. Aber das lag nun alles schon eine ganze Weile hinter ihr. Jetzt hatte sie einen Beruf, auf den sie stolz sein konnte, ein hübsches Haus, zwei großartige Kinder und noch das ganze Leben vor sich. Aber es war doch merkwürdig, dass ihr der Umstand, so nah bei einem stattlichen, wenn auch völlig fremden Mann zu sitzen, schmerzlich ins Bewusstsein rief, wie einsam sie sich manchmal fühlte, obwohl sie ansonsten ein ausgefülltes, arbeitsreiches Leben führte.

Georgia setzte sich ein wenig zurück und zog die Beine wieder an und weg von diesem Mann mit seinem trügerischen Sex-Appeal und der Versuchung, die von ihm ausging, der sie aber bestimmt nicht nachgeben würde.

Die Frau war wieder eingeschlafen, und mittlerweile lehnten ihre Beine an seinem. Wie schön warm sich ihre Knie an der Innenseite seines Oberschenkels anfühlten! Selbst wenn Matthew gewollt hätte, hätte er sich diesem Gefühl nicht entziehen können. Aber immerhin hatte er so die Gelegenheit, die Frau ein wenig näher zu betrachten, ohne Gefahr zu laufen, aufdringlich zu wirken. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Sie mussten sich schon einmal begegnet sein, aber er konnte nicht sagen, wo. Sie war damals unglücklich gewesen, daran erinnerte er sich noch. Und auch an diese wunderschönen grünen Augen, in denen Tränen gestanden hatten – und Zorn. Er erinnerte sich auch, wie frustriert er gewesen war, dass er ihr nicht hatte helfen können. Aber sonst an nichts. Er bemühte noch einmal sein Gedächtnis, aber da war nichts Konkretes. Das Ereignis lag zu lange zurück und war letztlich wohl zu unbedeutend gewesen, als dass er die Details behalten hätte.

Da drang ein gedämpftes elektronisches Klingelzeichen an sein Ohr. Matthew beugte sich vor und berührte sacht den Arm der Frau. „Entschuldigen Sie bitte, aber ist das Ihr Handy?“

Sie machte schlagartig die Augen auf und setzte sich gerade hin, dabei verloren ihre Knie leider den Kontakt zu seinem Oberschenkel. Dann bückte sie sich und suchte unter dem Tisch nach ihrer Tasche, die wohl unter den Sitz gerutscht war. Das unangenehme Klingelgeräusch wurde lauter, und die Frau tauchte mit leicht geröteten Wangen und triumphierendem Gesichtsausdruck wieder auf. Sie nahm das Gespräch an und warf Matthew ein dankbares Lächeln zu, das ungeahnte Auswirkungen auf seine Herzschlagfrequenz hatte.

„Hallo? Joe? Hallo, mein Schatz. Geht es dir gut?“

Sie hatte eine volltönende, freundliche Stimme, die ein wenig tiefer klang, als er erwartet hätte. Fast ein bisschen heiser und irgendwie erotisch.

Zum Teufel, wer war bloß dieser Joe? Aber so gern Matthew das auch gewusst hätte, bemühte er sich doch, ihr Gespräch nicht zu belauschen. Unmöglich bei diesen beengten räumlichen Verhältnissen. Es war sowieso nichts Geheimes, irgendetwas wegen des Haushalts. Wahrscheinlich wollte ihre bessere Hälfte wissen, was es zum Abendessen gab.

Matthew überlegte, ob die Frau wohl wusste, dass ihre Stimme jetzt, da sie sich mit diesem Joe unterhielt, so viel weicher klang. Und Matthew wünschte, dass er auch jemanden hätte, der so gefühlvoll reagierte, wenn er anrief.

Die Fahrt dauerte ewig. Vor dem Chelmsforder Bahnhof mussten sie eine halbe Stunde warten, bis sie weiterfahren konnten, weil der Zug vor ihnen einen Defekt hatte. Fünfundvierzig Minuten später liefen sie endlich im Bahnhof von Ipswich ein. Der Zug schwankte ein wenig, als er aus dem Tunnel kam. Dabei kippte Georgias Teebecher um, und der restliche Inhalt ergoss sich über ihren Rock. Erschrocken sprang sie auf und rubbelte wie wild auf dem immer größer werdenden Fleck herum. Der Mann gegenüber stand auf und bot ihr ein blütenweißes Stofftaschentuch an.

Sie griff nach dem Taschentuch, fuhr damit noch ein paar Mal hektisch über den Fleck und gab es zurück. „Danke“, sagte sie und hätte sich am liebsten geohrfeigt, weil sie sich wie eine atemlose, völlig verwirrte Sechzehnjährige anhörte.

Der Fremde lächelte, und die Lachfältchen milderten den kühlen Eindruck, den seine eisblauen Augen vermittelten. „Gern geschehen. Steigen Sie hier aus?“

Sie nickte und suchte unter dem Tisch mit dem Fuß nach ihren Pumps. Bis der Zug hielt, diesmal ohne Zwischenfälle, hatte sie sie gefunden. „Wo ist bloß meine Aktentasche?“ Sie erinnerte sich, dass sie sie in den Gang neben ihren Sitz gestellt hatte, schulterte die Riesenhandtasche, schnappte sich ihr Telefon und strebte dem Ausgang zu. Dabei bekam sie gerade noch mit, dass sich ihr Gegenüber ebenfalls der Tür zugewandt hatte, allerdings wesentlich gelassener und würdevoller als sie.

Von Würde konnte bei ihr nun wirklich nicht mehr die Rede sein. Der Rock war durchnässt, die Füße taten ihr weh, und die Babysitterin war bestimmt schon mit einem Fuß aus dem Haus. Und Joe und Lucy waren mittlerweile garantiert übelster Laune.

Georgia hastete den Bahnsteig entlang, um so schnell wie möglich zum Wagen zu kommen. Dabei wühlte sie schon einmal in der Tasche nach den Schlüsseln.

Als sie zehn Minuten später den Feierabendverkehr glücklich hinter sich gelassen hatte und den Wagen in die Einfahrt vor ihrem Häuschen auf dem Lande lenkte, erklangen die ersten Akkorde von Mozarts Kleiner Nachtmusik aus ihrer Handtasche. Sie wäre niemals auf die Idee gekommen, ein Klingelzeichen mit klassischer Musik einzustellen. Was war bloß mit dem Telefon los? Das war gar nicht ihr Telefon! Es war seins.

Georgia fischte es aus der Tasche, nahm das Gespräch an und hielt sich das Gerät vorsichtig ans Ohr. „Hallo?“

„Oh, hallo, hier ist Simon, könnte ich bitte mit Matt sprechen?“

Entsetzt blickte Georgia aufs Telefon. „Matt ist im Augenblick nicht da. Er ist …“ Wo, um alles in der Welt, war er bloß? „Er ist … beschäftigt. Kann er Sie zurückrufen?“

„Natürlich, er hat meine Nummer. Ach ja, und sagen Sie ihm, dass es ja auch langsam Zeit wurde“, fügte der Mann noch hinzu, wobei unüberhörbar war, dass er das Ganze sehr amüsant fand. Danach legte er auf.

Georgia zuckte die Schultern und wählte ihre eigene Nummer.

„Was ist das denn?“, rief Matthew aus, als ein ihm bekanntes, aber äußerst unangenehmes Handy-Klingeln ertönte. Als wäre das Gerät glühend heiß, riss er es aus der Innentasche der Anzugjacke. „Hallo“, sagte er dann, auf das Schlimmste gefasst.

„Sie haben mein Telefon“, erklang die Stimme der Frau aus dem Zug.

Er nahm das Handy vom Ohr und betrachtete es eingehend. Es sah aus wie immer. „Sind Sie sicher?“

„Ja, und ich habe Ihres. Im Zug haben wir sie wohl verwechselt.“

Er lächelte. „Sieht so aus. Und was machen wir jetzt?“

„Nun, ich kann im Augenblick gar nichts tun“, sagte sie und hörte sich ein wenig verärgert an. „Ich bin sowieso schon zu spät dran, und meine Babysitterin kriegt die Krise, wenn sie noch länger bleiben muss. Könnten Sie sich nicht bis morgen mit meinem Handy behelfen?“

Ich könnte doch bei Ihnen vorbeikommen“, schlug er vor und wunderte sich, dass er das wirklich gern tun würde, obwohl die Frau nicht gerade einladend geklungen hatte. „Ich erhalte wahrscheinlich noch eine ganze Menge Anrufe. Das wird Ihnen sicher unheimlich auf die Nerven gehen“, fuhr er nun hartes Geschütz auf.

„Simon hat schon angerufen. Er sagte, es würde langsam Zeit und Sie möchten ihn zurückrufen.“

Simon? Und es wurde Zeit? Für was? Das Einzige, womit ihm sein Freund ständig in den Ohren lag, war die Tatsache, dass er, Matthew, nicht liiert war. Und jetzt hatte eine Frau das Gespräch entgegengenommen. Typisch Simon! Matthew stöhnte insgeheim und versuchte sein Glück noch einmal. „Hätten … Sie denn etwas dagegen, wenn ich jetzt noch schnell bei Ihnen vorbeikomme?“ Für den Abend hatte er sich ohnehin nichts vorgenommen, weil er davon ausgegangen war, länger in London aufgehalten zu werden.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Ganz und gar nicht.“

Er notierte die Adresse und stellte erstaunt fest, dass die Frau aus dem Zug nur ein paar Kilometer von ihm entfernt wohnte. Er wendete den Wagen und schlug eine Abkürzung in Richtung Henfield ein. Er war gespannt, ob der Wohnstil der Frau zu dem Bild passte, das er sich bisher von ihr gemacht hatte. Aber sie war für ihn ohnehin unerreichbar. Doch darum ging es ihm gar nicht.

Wieso brauchte sie eigentlich einen Babysitter? Ihr Mann konnte doch auf die Kinder aufpassen. Matthew musste lachen. Eigentlich wusste er selbst nicht, worum es ihm ging, aber er war sich ziemlich sicher, dass er nur seine Zeit verschwendete, wenn er versuchte, dieser Frau den Hof zu machen. Wenn er sich bloß wieder daran erinnern könnte, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Vielleicht irrte er sich ja auch. Aber normalerweise vergaß er ein Gesicht nicht.

Doch bisher kannte er nicht einmal ihren Namen. Vielleicht würde der seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen …

„Anna ist nach Hause gegangen“, sagte Joe und schnitt ein Gesicht, als Georgia ihm zur Begrüßung einen Kuss geben wollte. „Dafür ist Jenny schon da. Sie hat gesagt, dass sie früher gekommen ist, um dir zu helfen, damit du rechtzeitig fertig wirst. Musst du denn schon wieder ausgehen?“

Verwundert sah Georgia ihren Sohn an. „Ausgehen? Ich geh doch nicht aus!“

„Doch, das tust du“, klärte nun ihre Nachbarin Jenny sie auf, die hinter Joe in der Tür erschienen war. „Und zwar auf die Wohltätigkeitsveranstaltung vom Hospiz.“

„Aber ich bin doch so müde“, jammerte Georgia. „Ich will bloß ein Glas Wein trinken und mich ein bisschen entspannen. Ich kann da nicht hingehen.“

„Oh doch, das kannst du. Lass dir schon mal ein Bad ein, dann bring ich dir den Wein. Du kannst dich ein bisschen ausruhen, während du darüber nachdenkst, was du anziehst.“

„Wo ist Lucy?“

„Im Wohnzimmer. Sie schläft. Aber sie wollte erst ins Bett gehen, wenn sie dich im Abendkleid gesehen hat.“

„Verdammt“, murmelte Georgia, als sie einsah, dass sie sich geschlagen geben musste. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war diese Wohltätigkeitsveranstaltung. Aber sie hatte ihre Dienste als Landschaftsgärtnerin zur Versteigerung angeboten.

Nun rannte sie regelrecht die Treppe hinauf ins Bad, drehte die Wasserhähne auf und schüttete einige Kristalle ihres Lieblingsbadezusatzes in die Wanne. Wenige Minuten später reichte Jenny ihr ein Glas Wein durch die Tür, und Georgia ließ sich in die duftenden Fluten sinken.

Was den Wohnstil der Frau aus dem Zug anging, hatte sich Matthew geirrt. Er hatte ein verwunschenes, reetgedecktes kleines Haus erwartet, das irgendwo ganz allein in einer zurückgezogenen Einfahrt stand. Stattdessen war es ein bescheidenes, vor Kurzem renoviertes Ziegelsteinhäuschen, das neben anderen, ähnlich gearteten Häusern in der Straße bei der Kirche stand. Nur der Garten passte zu dem Bild, das Matt sich bisher von der Frau gemacht hatte: ein wenig gewollt verwildert, herrlich farbenfroh und wunderbar anzusehen, wie die typischen englischen Cottagegärten.

Als Matt an der Tür klingelte, hörte er jemanden rufen: „Ich geh schon hin!“ Es polterte auf der Treppe, und kurz darauf riss ein etwa neunjähriger Junge die Tür auf. Er hatte braunes Haar, freche grüne Augen und den gleichen Mund wie die Frau aus dem Zug.

„Ist deine … Mutter da?“ Matthew kam sich plötzlich ein bisschen blöd vor, weil er noch nicht einmal ihren Namen wusste. Da fiel ihm das Telefon wieder ein, und er zeigte es dem Jungen. „Deine Mutter und ich haben unsere Handys verwechselt, und nun bin ich hergekommen, um sie zu tauschen.“

„Mom badet gerade, aber kommen Sie doch rein. Ich hol sie.“

Während Matthew im Flur wartete, steckte ein kleines Mädchen den Kopf zu einer der Türen herein. Es hatte die gleichen roten Haare wie seine Mutter, sie waren nur ein wenig heller. Das Mädchen hielt sich am Türrahmen fest und ließ sich hin und her schaukeln, während es Matt neugierig betrachtete.

„Hallo, ich bin Matthew“, sagte er. „Ich möchte zu deiner Mom.“

Die Kleine nahm den Daumen aus dem Mund. „Ich bin Luthy“, lispelte sie und lächelte, wobei diverse Zahnlücken zum Vorschein kamen. „Ich bin nur noch auf, um Moms Abendkleid zu sehen.“

Matthew musste schon ganz genau hinhören, um zu verstehen, was die Kleine sagte. Nachdem ihm das gelungen war, überlegte er, ob er wohl auch noch in den Genuss kommen würde, ihre Mutter in Gala zu erleben.

In diesem Augenblick polterte der Junge wieder die Treppe herunter. „Mom sagt, Sie sollen im Wohnzimmer Platz nehmen. Sie kommt sofort.“

Matt fühlte sich ein wenig unbehaglich. „Vielleicht könnte euer Vater …“

„Der ist tot“, unterbrachen die beiden ihn einstimmig und klangen dabei seltsam ungerührt.

Gehorsam ließ Matt sich nun ins Wohnzimmer führen und wollte sich gerade dem Fenster zuwenden, als die Frau auch schon barfuß und mit einem Handtuch auf dem Kopf ins Zimmer kam. Sie trug einen alten Bademantel, den sie offensichtlich hastig übergeworfen hatte.

Kaum zu glauben, dass sie die Mutter dieser beiden Racker war. Sie wirkte unheimlich jung. Jung und verletzlich. Matts Herz schlug höher. Sie war einfach hinreißend.

„Hallo, so sieht man sich wieder“, sagte sie.

„Hallo.“ Seine Stimme war ein wenig rau, und er räusperte sich. „Tut mir leid, dass ich so ungelegen komme.“

„Kein Problem. Ich habe ganz vergessen, dass ich heute Abend ausgehe.“

„Irgendwohin, wo es nett ist?“, fragte Matthew, obwohl ihn das ja nun wirklich nichts anging.

Sie rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. „Es ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung vom Hospiz.“

Die Wohltätigkeitsveranstaltung hatte er ganz vergessen. Aber da er nicht erwartet hatte, so früh von London zurück zu sein, hatte er die Einladung dankend abgelehnt. Vielleicht konnte er immer noch hingehen, um ein wenig länger in der Nähe dieses reizenden Wesens zu bleiben und das auch noch mit einem wohltätigen Zweck zu verbinden. „Ich nehme an, dass es Ihnen gefallen wird“, sagte er aufmunternd.

Aber sie schnitt wieder ein Gesicht. „Das glaube ich nicht. Für mich ist es nur eine Pflichterfüllung. Ich habe meine Dienste angeboten.“

Er stutzte und hoffte, dass man ihm nicht von den Augen ablesen konnte, woran er dabei dachte. „Was machen Sie denn beruflich?“, fragte er, als in der Küche das Telefon klingelte.

Die Frau entschuldigte sich und zog die Tür hinter sich zu.

„Mom macht Gärten“, lispelte die kleine Lucy.

„Geht sie denn allein zu dieser Veranstaltung?“, fragte Matt und nutzte die Arglosigkeit des Kindes.

„Nein, mit Peter.“

„Peter?“, fragte Matthew wie beiläufig. Wer, zum Teufel, war nun wieder dieser Peter?

„Ein Freund von Mom“, antwortete diesmal der Junge und klang nicht gerade begeistert.

„Joe kann ihn nicht leiden“, erklärte Lucy.

„Kein Wunder“, sagte der Junge, „er spricht mit uns, als wären wir kleine Babys.“

Also war der Joe, mit dem die Frau am Telefon gesprochen hatte, der Junge hier vor ihm. Sehr gut. Ein Rivale weniger. Und da der Junge diesen Peter nicht mochte, hatte Matt auch gleich einen Verbündeten.

Da kam die Frau auch schon wieder ins Wohnzimmer, das Handtuch in der Hand. Die feuchten Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. „Peter schafft es nicht“, sagte sie. „Verdammt.“

„Gibt’s Probleme?“, fragte Matthew, der sofort seine Chance witterte.

„Ja, Peter sollte mich heute Abend begleiten. Und ich kann mir wirklich nichts Unangenehmeres vorstellen, als allein zu dieser Veranstaltung zu gehen. Aber mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben … Ach, du meine Güte! Ich kann ja überhaupt nicht mehr fahren! Ich habe schon ein Glas Wein getrunken. Ich muss sofort ein Taxi bestellen.“

„Ich kann Sie doch hinbringen“, sagte Matthew, ohne weiter darüber nachzudenken.

Erstaunt sah sie ihn an. „Wieso sollten Sie?“

Er zuckte die Schultern. „Weil ich die Telefone vertauscht habe.“ Wirklich eine blöde Ausrede. Aber da fiel ihm noch etwas Besseres ein. „Ich wollte schon lange mal wieder etwas für einen wohltätigen Zweck tun.“

„Ja, und?“

„Das ist die Gelegenheit. Dabei kann ich Sie auch noch hinfahren und durch den Abend begleiten, wenn Sie möchten. So hätten wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“ Er lächelte aufmunternd.

Sie zögerte so lange, dass er schon befürchtete, sie würde ihm einen Korb geben. Schließlich sagte sie: „Ich kann Sie doch nicht damit behelligen …“

„Aber natürlich können Sie das. Ich hatte auch eine Einladung, dachte aber, dass ich es heute Abend nicht schaffen würde. Stimmen Sie doch einfach zu.“

„Ich weiß nicht recht.“

„Wann fängt es denn an?“

„Um halb acht im Golfclub.“

Er lächelte. „Wunderbar, dann bin ich um sieben Uhr wieder hier, um Sie abzuholen.“

„Wenn es Ihnen auch bestimmt nichts ausmacht.“

Sein Lächeln wurde noch breiter. „Sicher nicht. Aber vielleicht könnten wir vorher noch die Telefone tauschen.“

„Das habe ich ja total vergessen!“ Sie eilte in den Flur und wühlte wieder in ihrer Riesenhandtasche.

„Da ist es“, sagte sie, als sie zurückkam.

Matthew musste sich schwer zusammennehmen, um nicht zu offensichtlich auf ihr Dekolleté zu starren.

„Danke“, sagte er mit leicht heiserer Stimme und war erstaunt, dass man die Funken nicht sehen konnte, als sich beim Austauschen der Handys ihre Hände berührten. „Ach übrigens, ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen“, besann er sich schließlich mit dem letzten bisschen Verstand.

„Georgia Beckett.“

Beckett, Beckett? Irgendetwas klingelte da bei ihm, aber er konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen. „Matthew Fraser.“

Sie gaben einander die Hand, und Matthew war erstaunt, wie fest und kräftig sich ihre kleine anfühlte. „Schön, bis um sieben dann also.“

„Sollte ich nicht doch lieber ein Taxi rufen?“

„Ich bitte Sie … Ich begleite Sie wirklich gern dorthin, und jetzt habe ich mich schon darauf eingestellt. Also seien Sie ein braves Mädchen, und machen Sie sich fertig.“

Sie lachte kehlig, und das hatte eine sonderbare Wirkung auf ihn.

„Dann schon einmal vielen Dank im Voraus.“

„Es war und wird mir ein Vergnügen sein.“

Als Matthew im Wagen saß, lächelte er zufrieden vor sich hin. Da hatte er seit Jahren einmal wieder eine Frau getroffen, die ihn wirklich interessierte, und durfte auch noch gleich am ersten Abend mit ihr ausgehen.

Georgia saß auf der untersten Treppenstufe und hätte sich ohrfeigen können. Was hatte sie da nur wieder angerichtet? Wenn der Kerl nun ein Massenmörder war? Sein Name kam ihr irgendwie bekannt vor. Vielleicht aus der Zeitung? Möglicherweise war er ein einschlägig bekannter Triebtäter. Vielleicht hatte er absichtlich die Telefone vertauscht, um herauszufinden, wo sie wohnte, damit er sie später ermorden konnte. Sie schüttelte den Kopf, stand auf und ging die Treppe hinauf. Aber er hatte wunderbare blaue Augen.

„Ich muss verrückt sein“, sagte sie halblaut, als sie den Kleiderschrank öffnete und ihr langes Schwarzes herausnahm. Sie begutachtete sich im Spiegel und zog ein wenig den Bauch ein. Eigentlich nur ein winziges Bäuchlein, aber schließlich verkaufte sie auf dieser Auktion nicht ihren Körper, sondern ihre Dienste als Landschaftsgärtnerin. Doch wenn sie ehrlich war, dachte sie bei dem Blick in den Spiegel nicht an ihre Wirkung auf das Publikum, sondern daran, wie der charmante Handy-Dieb aus dem Zug mit seinen eisblauen Augen sie wohl sehen mochte.

Noch ein wenig Lippenstift, und sie war fertig.

Als sie in die hohen Schuhe schlüpfte und sich noch einmal vorm Spiegel drehte, verspürte sie ein Kribbeln in der Magengegend. Panik oder Vorfreude? Ihre schmerzenden Füße, die heute schon einen Marathon hinter sich hatten, lenkten sie ab. Trotz allem summte sie leise vor sich hin, als sie die Treppe hinunterging.

2. KAPITEL

Überall glitzerte und funkelte es. Die Damen der Gesellschaft trugen kaum mehr als ihre sonnengebräunte Haut und übergroße Diamanten. Fettleibige, schwitzende Herren versuchten hinter ihrem Kummerbund zu verbergen, dass ihnen die Frackhose nach dem reichhaltigen Fünfgängemenü endgültig zu eng war.

Aber diese Leute waren reich und wollten ihr Geld für einen guten Zweck ausgeben. Trotzdem war Georgia froh, nicht mehr in diesen Kreisen verkehren zu müssen. Sie hatte es schon immer gehasst und ganz besonders, wenn sie Brians Kunden bewirten musste. Sie konnte die Heuchelei, Scheinheiligkeit und falsche Freundlichkeit einfach nicht mehr ertragen.

Matthew dagegen war ganz in seinem Element. Ihn unterschied von den anderen Gästen nur, dass ihm sein Frack perfekt passte und dadurch die muskulösen Schultern und schmalen Hüften noch besser zur Geltung kamen. Außerdem schwitzte er kein bisschen. Er unterhielt sich angeregt mal mit dieser, mal mit jener Bekannten und schien sich richtig wohlzufühlen.

Während des Essens hatte er neben Georgia gesessen, aber da ihr Tischnachbar zur Linken sie mit Beschlag belegt hatte, hatten Matthew und sie kaum ein Wort miteinander wechseln können. Schade eigentlich, aber vielleicht war es besser so. Sie interessierte sich jetzt schon mehr für ihn, als gut für sie war. Immer wenn er sich ein wenig zu weit zu einer dieser kleinen, anhänglichen Kletten herunterbeugte, hätte Georgia ihm am liebsten etwas an den Kopf geworfen.

Na, so was! Sie war eifersüchtig! Es war Jahre her, dass sie überhaupt eine Gefühlsregung gezeigt hatte, was Männer anging. Und nun war sie eifersüchtig auf die Frauen, die mit einem ihr an sich völlig Unbekannten sprachen. Das war ja geradezu beängstigend.

„Georgia, meine Liebe, Sie sehen entzückend aus!“

„Danke, Adrian. Sehr freundlich.“ Georgia rang sich ein Lächeln ab und sah zu Adrian Hooper hinauf. Sie wusste, dass er ein Faible für sie hatte. Doch er hielt sich immer an die Spielregeln.

„Ach übrigens, Georgia, war das nicht Matthew Fraser, der während des Essens neben Ihnen gesessen hat?“

Sie war erstaunt. „Ja, kennen Sie ihn denn?“

Adrian Hooper warf lachend den Kopf zurück. „Jeder kennt ihn, meine Liebe. Er ist …“

„Adrian, alter Freund, du belegst mal wieder alle Schönheiten des heutigen Abends mit Beschlag. Willst du mich nicht vorstellen?“

Georgia wurde ganz bang ums Herz. Mit Adrian kam sie immer irgendwie zurecht. Aber dieser Mann schien sie mit Blicken geradezu verschlingen zu wollen – als wäre sie nackt. Es war richtig peinlich, wie er sie von Kopf bis Fuß musterte. Egal, sie wollte hören, was es mit Matthew auf sich hatte.

„Tim Godbold“, stellte sich der Mann vor und hielt ihr die Hand hin.

„Georgia Beckett.“ Sie hatte keine andere Wahl, als die Geste des Mannes zu erwidern, der ihr die Hand für ihren Geschmack ein wenig zu lange schüttelte. „Wofür werden Sie bieten, Mr. Godbold?“

„Sagen Sie doch Tim zu mir.“

„Tim.“ Georgia lächelte gezwungen.

„Ich denke, für die Mitgliedschaft im Golfclub oder das Wochenende auf der Yacht, wenn ich jemanden dazu überreden kann, mit mir zu kommen“, fügte er noch hinzu und sah sie eindeutig zweideutig an.

Ein wenig verlegen nippte Georgia an ihrem Wein und verschluckte sich prompt. Das war ein Fehler, denn sofort klopfte ihr Mr. Godbold mit seinen schweißnassen, unförmigen Händen den bloßen Rücken. Sie war so überrascht, dass sie kein Wort herausbrachte. Mit einer Handbewegung versuchte sie, ihm zu verstehen zu geben, dass es schon wieder gehe. Beinah verzweifelt sah sie sich nach jemandem um, der sie aus der Gesellschaft dieses Unmenschen befreien würde. Da kam ihr Mrs. Brooks, die Vorsitzende des Wohltätigkeitsvereins, zu Hilfe, indem sie die Auktion für eröffnet erklärte.

Der Auktionator klopfte mit seinem Hammer aufs Rednerpult, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu gewinnen. In den folgenden zwanzig Minuten wechselten zahlreiche unnütze Dinge zu einem völlig überhöhten Preis den Besitzer, bis der Auktionator wortreich den Höhepunkt der Versteigerung ankündigte. „Meine Damen und Herren, nun habe ich die Ehre, Ihnen unseren Hauptpreis vorzustellen. Die Dienste der gleichermaßen renommierten wie charmanten Gartendesignerin Georgia Beckett. Die Königliche Gesellschaft für Landschaftsgärtnerei hat sie eingeladen, für die nächste Gartenschau in Chelsea ein Areal zu bestellen. Sie, meine Damen und Herren, haben nun die Möglichkeit, einen Tag ihrer kostbaren Zeit zu ersteigern, die Mrs. Beckett Ihnen gern zur Verfügung stellt, um Ihnen Tipps und Anregungen für Ihren Traumgarten zu geben.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Georgia, wie sich Matthew Frasers Rücken straffte. Sie sah ganz zu ihm hinüber und fing seinen entschlossenen Blick auf. Als sie sich abwandte, stellte sie fest, dass Tim Godbold nicht weniger entschlossen zu ihr herübersah.

Die ersten Gebote waren gemäßigt und vernünftig. Aber nach und nach kristallisierte sich heraus, dass der Kampf um den Zuschlag zwischen Matthew Fraser und Tim Godbold ausgetragen wurde. Die anderen Bieter gaben einer nach dem anderen auf, während Matt und Tim die Gebote in immer schwindelerregendere Höhen trieben. Als Tim das Zehnfache von Georgias üblichem Tagessatz bot, wurde es mucksmäuschenstill. Alle warteten gespannt auf Matthew Frasers Gebot, das schließlich so überwältigend hoch ausfiel, dass Georgia peinlich berührt war und Tim Godbold nach kurzem Zögern sein Programmheft auf den Tisch schleuderte und den Saal verließ.

„Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Die Dienste unserer wunderbaren Mrs. Beckett gehen an Mr. Matthew Fraser.“ Als der Hammer des Auktionators fiel, ertönte tosender Applaus.

Georgia fühlte, wie sie tief errötete. Was war das hier eigentlich: eine Wohltätigkeitsveranstaltung oder ein Sklavenmarkt? Sie zwang sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und in die Runde zu lächeln.

Da war auch schon Matthew neben ihr und fasste sie geradezu besitzergreifend am Arm.

Sie machte sich frei und raunte ihm zu: „Was war denn das für eine Vorstellung? Sie beide haben sich um mich ja geprügelt wie zwei Hunde um …“

Matthew wollte etwas darauf erwidern, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Wagen Sie es ja nicht, es auszusprechen!“

„Wieso? Einen Knochen, wollte ich nur sagen.“ Er lächelte. „Sie sollten mir dankbar sein.“

„Was? Ich dachte, ich müsste vor Scham im Erdboden versinken.“

„Das ist doch Unsinn. Aber wie auch immer, hätte ich Sie vielleicht diesem Tim Godbold in die schmierigen Hände fallen lassen sollen?“

„Wer weiß?“, sagte sie, ohne groß darüber nachzudenken. Aber bei der Vorstellung lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. „Vielleicht braucht er wirklich jemanden, der mal nach seinem Garten sieht.“

Matthew beugte sich ein wenig zu ihr hinunter. „Vielleicht hat er seinen Garten gerade für eine mehrstellige Summe neu anlegen lassen.“

Verwundert sah Georgia ihn an. „Oh!“, sagte sie dann.

„Ja, oh, und zu Ihrer Information, ich kann wirklich jemanden gebrauchen. Wenn Sie so wollen, ist es ein echter Notfall!“

Wieso wurde sie das Gefühl nicht los, dass es hier gar nicht mehr um seinen Garten ging? „Wir werden ja sehen“, sagte sie schließlich, nicht mehr ganz so aufgebracht.

Insgeheim hatte sie gehofft, ihr mildtätiges Angebot würde letztlich dazu führen, dass sie noch einige zusätzliche Auftraggeber gewann. Nun fragte sie sich, worauf sie sich damit eigentlich eingelassen hatte.

Georgia ist immer noch aufgebracht wegen der Versteigerung, dachte Matt, und sie ist mir auch nicht dankbar. Damit konnte er leben. Doch die Art, wie dieser Godbold sie angesehen hatte, war unerträglich gewesen. Ob Georgia wohl gehört hatte, was man sich über ihn erzählte? Wahrscheinlich nicht.

Das Orchester spielte auf, und Matt wandte sich lächelnd wieder Georgia zu, um sie um den ersten Tanz zu bitten. Doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, flüsterte sie niedergeschlagen: „Ich würde jetzt gern nach Hause gehen.“

Auch Matt hatte einen langen Tag hinter sich und hätte die Veranstaltung ursprünglich am liebsten sofort verlassen, nachdem er seine Unterschrift auf dem Barscheck geleistet hatte. Doch der Gedanke, Georgia wenigstens einige Runden auf dem Tanzparkett im Arm halten zu dürfen, hatte ihn wieder munter werden lassen. Aber wenn sie nicht wollte …

„In Ordnung“, sagte er und führte sie durch die Menschenmenge, als Mrs. Brooks auf sie zukam.

„Georgia, meine Liebe, vielen Dank! Sie waren so ein Erfolg! Und Matthew, dass Sie uns schon wieder mit einer derart großzügigen Summe bedacht haben, obwohl Sie doch eigentlich gar nicht kommen wollten! Sie Schlimmer, Sie. Aber jetzt könnten Sie beide mir noch einen riesengroßen Gefallen tun und den Tanz eröffnen.“

„Nur einen“, flüsterte Matt seiner hübschen Begleiterin zu, „für mildtätige Zwecke.“

„Aber wirklich nur einen“, wandte sich Georgia nun lächelnd an Mrs. Brooks. „Ich war den ganzen Tag in London bei einer Geländebegehung und bin wirklich zum Umfallen müde.“

„Vielen Dank, ihr Lieben!“, säuselte Mrs. Brooks und schwebte davon, auf der Suche nach neuen Opfern.

„Sie könnten wenigstens versuchen, nicht so auszusehen, als ob ich vorhätte, Sie nach diesem Tanz umzubringen“, wandte sich Matt nun lächelnd an Georgia.

„Woher weiß ich, dass Sie das nicht auch tun wollen?“

Er lachte jungenhaft. „Da müssen Sie mir schon vertrauen.“

„Rotkäppchen hat den gleichen Fehler gemacht … Was für große Zähne du hast!“

Als Matt übertrieben lächelte, um ihr seine Zähne zu zeigen, lachte Georgia zum ersten Mal an diesem Abend wirklich, und Matt hielt den richtigen Moment für gekommen, sie auf die Tanzfläche zu führen.

Sich mit ihr im Kreis zu drehen kam einer süßen Folter gleich. Wie gern hätte er sie ganz dicht an sich gezogen, respektierte aber, dass sie einen Mindestabstand gewahrt wissen wollte. Sie fühlte sich wunderbar an: unheimlich weiblich und doch athletisch schlank. Sie bewegte sich leicht wie eine Feder, und wenn er sie schon einmal im Arm gehalten hätte, würde er sich mit Sicherheit daran erinnern. Bei einer Tanzveranstaltung konnten sie sich also nicht begegnet sein.

Als die letzten Akkorde des Liedes verklungen waren, hatte Matt zunächst den Eindruck, dass Georgia sich ein wenig zögerlich aus seinen Armen löste, und er dachte schon, es sei seinetwegen. Aber Georgias Frage „Können wir jetzt gehen?“ zeigte ihm, dass sie sich im Lauf des Tanzes nur an ihn gelehnt hatte, weil sie unheimlich müde war.

„Natürlich“, erwiderte er ganz Gentleman und führte sie hinaus zum Wagen. Die ganze Zeit sagte sie kein Wort, und nachdem sie eingestiegen waren, fragte Matt: „Sind Sie immer noch böse auf mich?“ Er bekam keine Antwort. Georgia hielt den Blick starr aus dem Fenster gerichtet.

Na gut. Matt startete den Wagen und bog nach links ab, Richtung Henfield. Unterwegs war ihm durchaus bewusst, dass Georgia überlegte, wie sie ihm am besten sagen konnte, was sie anscheinend unbedingt loswerden musste.

Schließlich fragte sie kurz angebunden: „Was wollen Sie eigentlich von mir? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht, und Sie geben Unsummen für mich aus, damit ich Ihnen acht Stunden lang erzähle, wo Sie welche Ganzjahrespflanzen setzen sollen.“

„Wollen Sie mir das denn nicht sagen?“

Sie lachte trocken auf. „Wie auch immer, ich fand diese Preistreiberei einfach peinlich. Ich hatte den Eindruck, als ob das Ganze plötzlich unheimlich persönlich wurde. Ich kam mir vor wie eine … Jagdtrophäe.“

„Nun, da haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht“, gestand Matt ihr freundlich ein. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie ihm erstaunt den Kopf zuwandte. „Tim Godbold wollte Sie unbedingt haben, aber nicht, damit Sie ihm den Garten bestellen …“

„Was soll das denn heißen?“

„Georgia, ich muss doch wohl nicht ins Detail gehen. Tim Godbold ist nicht gerade ein Gentleman.“

„Das habe ich auch schon festgestellt. Sind Sie denn einer? Oder sind Sie nur ein wenig diskreter?“

Er lachte leise. „Beides, wenn Sie so wollen. Und ich habe Ihre Hilfe bei meinem Garten wirklich nötig. Aber um mal eins klarzustellen: Ich gebe zu, dass ich auch ein persönliches Interesse an Ihnen habe. Ich würde Sie gern besser kennenlernen. Aber im Gegensatz zu Tim Godbold überlasse ich es Ihnen, ob Sie das auch wollen.“

Georgia atmete hörbar ein und aus. „Und ich soll Ihnen dafür wohl auch noch dankbar sein?“

„Tun Sie sich nur keinen Zwang an“, sagte Matt, der allmählich die Geduld verlor. Aber da waren sie auch schon bei Georgias Haus angelangt.

Matt stellte den Motor ab und sah zu Georgia hinüber, deren Gesichtsausdruck im Schein der hellen Straßenlaterne noch finsterer wirkte. „Wissen Sie was“, sagte er nun selbst ein wenig kurz angebunden, „vergessen Sie, was ich da gerade gesagt habe. Sie schulden mir einen Tag in meinem Garten, und ich schlage vor, dass wir das so schnell wie möglich hinter uns bringen.“

Georgia setzte sich kerzengerade hin und atmete wieder hörbar ein und aus, diesmal, als hätte Matt sie mit seiner Bemerkung verletzt. Dann sagte sie: „Gut, wann soll ich mir Ihren Garten ansehen?“

„Dachten Sie an einen speziellen Tag?“

„Eigentlich hatte ich es diese oder nächste Woche eingeplant. Sonntag wäre auch möglich.“

„Schön, wie wär’s mit morgen?“

„Morgen ist Samstag, und ich habe keinen Babysitter …“

„Wenn’s sein muss, können Sie die Kinder mitbringen. Bei mir zu Hause findet sich bestimmt jemand, der sich um sie kümmert.“ Dabei überkreuzte Matt die Finger, in der Hoffnung, dass Mrs. Hodges nicht gerade morgen vorhaben sollte, mit ihrer Tochter in die Stadt zu fahren.

„Ich weiß noch nicht einmal, wo Sie wohnen.“

„In Heveling, ganz einfach zu finden.“ Er drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand.

„Wann soll ich kommen?“

„Nun, sagen wir um neun.“

„Gut.“ Sie stieg aus und beugte sich noch einmal zu ihm hinunter. Scheinbar gegen ihren Willen sagte sie schließlich: „Vielen Dank für den Abend.“

Am liebsten wäre Matt mit quietschenden Reifen davongebraust, aber er nahm sich zusammen und wartete noch, bis Georgia ins Haus gegangen war.

Wenigstens wird sich mein Hund über meine Gesellschaft freuen, dachte Matt auf dem Nachhauseweg.
Bevor sich Georgia hinlegte, warf sie einen Blick auf Matts Visitenkarte und traute kaum ihren Augen. Da stand nicht nur irgendeine Adresse in Heveling, sondern Heveling Hall, ihr absolutes Lieblingshaus. Sie hätte alles gegeben, um einmal einen Blick in den Garten dieses Anwesens werfen zu dürfen. Einer der berühmtesten Gartengestalter Englands hatte die Grünanlagen vor fast zweihundert Jahren entworfen. Die Aussicht, sich sein Werk nun tatsächlich einmal selbst ansehen zu dürfen, besänftigte Georgia, und schon bald war sie tief und fest eingeschlafen.

Matt hatte recht gehabt. Es war ganz einfach, Heveling Hall zu finden, besonders wenn man so oft wie Georgia einen Umweg gefahren war, um einen Blick auf das Anwesen zu erhaschen. Es war ein schöner Aprilmorgen, und auch die Kinder waren gücklich, dass ihre Mutter sie ausnahmsweise zu einem Arbeitstermin mitnahm, zumal sie genau wussten, dass sie mit Heveling Hall ein wunderbares Spielareal erwartete. Als Lucy noch kleiner gewesen war und sich den Namen Heveling nicht hatte merken können, hatte sie immer Heavenly Hall – Himmelsreich – gesagt. Und so nannte die ganze Familie es jetzt immer noch.

Eigentlich ein sehr passender Name, dachte Georgia, als sie in die geschotterte Auffahrt zum Herrenhaus einbog, die über eine steinerne Brücke mit schmiedeeisernem Geländer schließlich auf eine große Freitreppe zuführte.

Aufgeregt und sehr beeindruckt stürzten die Kinder aus dem Wagen. Georgia folgte ihnen ein wenig gelassener und betrachtete dabei ehrfurchtsvoll die Fassade. Rote Ziegelsteine, die vom Alter eine hübsche Patina bekommen hatten, strebten dem Himmel entgegen – nur hier und da durchsetzt von Fenstern mit frisch gestrichenen weißen Holzrahmen. An der Hausecke zu Georgias Rechten reckte ein uralter Blauregen seine Zweige empor, dessen Blütentrauben – kleinen lilablassblauen Wasserfällen gleich – einen herrlichen Kontrast zum Sattgrün der Blätter und dem dezenten Rosé der Hauswand bildeten. Auf beiden Seiten der Freitreppe standen zahllose alte Amphoren, die mit Efeu bepflanzt waren, dessen Zweige sich rechts und links über den steinernen Handlauf der Treppe rankten.

Georgia war so beeindruckt, dass sie darüber beinah die Kinder vergessen hätte. Aber kurz vor dem großen Eingangsportal besann sie sich ihrer und rief sie zu sich, bevor sie den Türklopfer betätigte.

Drinnen erklang lautes Gebell, dann ein scharfer Befehl, und das Bellen verstummte. Kurz darauf schwang einer der Türflügel auf, und Matt stand da, in Jeans und weißem Hemd, einfach zum Anbeißen!

Georgia fehlten die Worte, aber da stürzten sich ihre Kinder auch schon begeistert auf den erschreckend großen Hund neben Matt.

Matt tätschelte dem Tier den Kopf, das ihm etwa bis zur Hüfte reichte, und beruhigte Georgia. „Murphy ist ein richtiges Schmusekätzchen, ein Irischer Hütehund.“

„Der ein bisschen auf Sie aufpasst“, sagte Georgia spontan.

Aber Matt lachte nur. „Kommen Sie doch herein, ich habe gerade Kaffee gemacht. Möchten Sie auch eine Tasse?“

Georgia nickte, und Matt führte sie und die Kinder durch die riesige Eingangshalle in eine große, helle Küche im hinteren Teil des Herrenhauses. Bevor Georgia sich noch an der herrlich altertümlichen Einrichtung mit dem ausladenden Büfett, dem Herd und dem großen Küchentisch hatte satt sehen können, kam eine ältere Frau herein, die von Murphy sofort schwanzwedelnd begrüßt wurde.

Als er ihr auch noch die Hände leckte, sagte sie: „Murphy, jetzt reicht’s aber“, tätschelte ihm ebenfalls den Kopf und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Da bin ich Matthew, was soll ich tun?“

„Die Rasselbande hier beschäftigen. Wie, überlasse ich voll und ganz Ihnen, Mrs. Hodges. Georgia, das ist meine Haushälterin Mrs. Hodges. Mrs. Hodges, Georgia Beckett und ihre Kinder Joe und Lucy.“

Die sehr mütterlich wirkende Frau lächelte Georgias Kindern fröhlich zu, und Georgia fiel ein Stein vom Herzen. Mrs. Hodges würde mit ihnen schon einige Stunden klarkommen, und sie, Georgia, könnte sich in aller Ruhe dem sicher wunderbaren Garten widmen.

„Nehmen wir unseren Kaffee doch einfach mit“, schlug Matt nun vor, „dann kann ich Ihnen schon mal ein bisschen was zeigen.“

Georgia war nur allzu einverstanden.

Zu ihrer großen Überraschung ging Matt aber nicht durch die rückwärtige Küchentür hinaus ins Freie, sondern wieder in die Halle und dann eine schön geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock. Was, um alles in der Welt, hatte er bloß vor?

Als er an einer Tür stehen blieb und die Hand auf den Knauf legte, stieg Panik in Georgia auf. Er würde sie jetzt doch nicht etwa in sein Schlafzimmer bringen, um sie zu verführen, während seine Haushälterin auf ihre Kinder aufpasste? Als sie diesen Gedanken zu Ende gesponnen hatte, fand sie ihn allerdings gar nicht mehr so furchterregend, sondern eher amüsant. Ständig ging die Fantasie mit ihr durch. Sie musste sich ein Lächeln verbeißen und folgte Matt durch die mittlerweile offene Tür in ein ehemaliges Atelier, das sicher einmal sehr elegant ausgesehen hatte, dessen Ausstattung und Wandbespannung allerdings vom Zahn der Zeit arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Matt blieb vor einem der hohen zweiflügeligen Fenster stehen und wies hinunter. In freudiger Erwartung näherte sich Georgia dem Fenster und war überwältigt, allerdings nicht von der Herrlichkeit des Gartens, sondern weil dort unten rein gar nichts war, außer einem ziemlich verkommenen Rasen, einigen Disteln und zahllosen Maulwurfshügeln.

Ihre Verwirrung machte sich in einem beinah hysterischen Lachen Luft, das Matt ihr aber durchaus nicht übel nahm. Er sagte nur: „Sehen Sie, das ist mein Problem. Das da unten ist alles, was von dem ehemaligen Wandelgarten übrig geblieben ist.“

Georgia sah noch einmal hinaus und entdeckte nun seitlich an der Hausecke die traurigen Reste eines Rosengartens, der mittlerweile vom Unkraut beherrscht wurde. Bei genauerem Hinsehen war an den etwas dunkleren Stellen im Gras auch zu erkennen, wo in etwa die Buchsbaumrosetten, deren Freiflächen üblicherweise mit duftenden Kräutern und bunten Blüten bepflanzt worden waren, gewesen sein mussten.

Ein wenig unsicher wandte sich Georgia nun wieder Matt zu und fragte: „Sie wollen, dass ich ihn restauriere?“

Er zuckte die Schultern und lächelte. „Vielleicht würde neu anlegen die Sache eher treffen. Aber ich kann Ihnen noch einen besseren Blick auf die ehemalige Pracht bieten. Dazu müssen wir allerdings noch höher hinauf.“

Als sich Matt wieder der Treppe zuwandte, die sie hochgekommen waren, fragte Georgia erstaunt: „Aber wieso gehen Sie denn dann nach unten?“

„Das dauert nur einen Moment“, antwortete Matt und lächelte ihr über die Schulter zu. „Danach geht es gleich wieder hoch.“

Diese Antwort verwirrte Georgia noch mehr. Aber vielleicht meinte er damit ja, dass sie auf einen großen Rasenmäher steigen und ein wenig auf dem Gelände herumfahren würden. Es schien tatsächlich so zu sein. Denn nachdem sie durch die Küche gekommen waren und die rückwärtige Tür benutzt hatten, strebte Matt auf eine Scheune zu.

Als er allerdings das große Holztor geöffnet hatte und sich Georgias Augen an das Dämmerlicht in der Scheune gewöhnt hatten, wurde ihr plötzlich Angst und Bange …

3. KAPITEL

„Was ist das denn?“, rief sie aus, und ihre Stimmlage ließ vermuten, dass sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.

„Ein Ultraleichtflugzeug“, beantwortete Matt ihre Frage wieder mit diesem jungenhaften Lächeln. „Ich habe doch gesagt, dass wir gleich noch höher hinaufgehen.“

„Ja, Sie sagten gehen, aber nicht fliegen.“ Georgia blickte wie gebannt auf dieses kleine Spielzeug für das Kind im Manne. Das wäre genau das Richtige für Brian gewesen, wenn er nur einmal lang genug nüchtern geblieben wäre, um seinen Flugschein zu machen. Aber Georgia hatte keine Angst mehr, weil sie unter keinen Umständen mit diesem Ding fliegen würde.

Matt ging um das vergleichsweise winzige Flugzeug herum und forderte sie auf, ihm zu folgen. Als Georgia am Heck angekommen war, traute sie kaum ihren Augen: Der Motor, an sich das Herzstück, schien am rückwärtigen Teil des Cockpits zu kleben, als gehörte er gar nicht dazu. Und zu allem Überfluss traten sämtliche Röhren, Schrauben und was es da sonst noch gab offen zu Tage. Am schlimmsten war der unheimlich zerbrechlich wirkende Propeller.

„Warum ist der Motor nicht abgedeckt?“, wollte Georgia wissen.

„Das muss nicht sein. So ist es viel reeller. Männer stehen auf so was. Es ist cool.“

„Cool!“, prustete Georgia los, der plötzlich unheimlich heiß war. „Woraus ist das Flugzeug gemacht?“

„Vor allem aus Carbonfiber, Aluminium, einem feuerfesten Gewebe und Schaumstoff.“

Schaumstoff? Etwa so wie die Becher, aus denen man bei Großveranstaltungen trinken musste? Großartig. „Und Sie fliegen tatsächlich mit diesem Ding?“

Er musste lachen. „Natürlich, es ist wunderbar. Es wird Ihnen gefallen.“

Jetzt bekam Georgia es doch wieder mit der Angst zu tun. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. „Vergessen Sie’s. Da steig ich bestimmt nicht ein!“

„Es ist völlig sicher. Es gab bisher noch keinen Absturz auf Grund von Materialschwächen.“

„Über den Zeppelin hat man auch Lobeshymnen angestimmt“, bemerkte Georgia trocken.

„Wie wär’s, wenn Sie einfach nur mal Probe sitzen?“

„Hm.“

Wieder lächelte er auf diese charmante, jungenhafte Art, die ihn um Jahre jünger erscheinen ließ und noch anziehender machte. Dann bückte er sich, schulterte die Heckflosse des kleinen Flugzeuges und schob es aus der Scheune.

Draußen sah es noch winziger aus. Im Vergleich erschien Georgia das Allradfahrzeug daneben wie ein Fels in der Brandung.

Matt öffnete die Cockpitabdeckung und sagte lächelnd zu Georgia: „Bitte schön, versuchen Sie’s!“

Gut, dass sie Jeans trug. Mit einem Rock hätte sie schon ziemlich undamenhafte Verrenkungen machen müssen, um auf den Vordersitz zu klettern. Aber die Pilotenkabine war größer als erwartet, und Georgia kam nur gerade eben mit den Füßen auf den Boden. Matt erklärte ihr die Armaturen und bat sie dann, auf den hinteren Sitz zu krabbeln.

„Wieso?“, fragte sie, auf das Schlimmste gefasst.

„Ich muss es noch betanken, und wenn Sie hinten sitzen, liegt, bedingt durch Ihr Gewicht, der Tankstutzen höher, sodass mehr Sprit hineinpasst. Und Sie wollen doch nicht, dass mir das Kerosin ausgeht?“

Das wollte sie nun wirklich nicht, und so zwängte sie sich auf den deutlich schmaler bemessenen Sitz des Copiloten. Geradezu beängstigend eng war es hier hinten. Aber sie würde ja gleich wieder aussteigen.

„Wie wär’s mit einem kleinen Rundflug?“, fragte Matt schalkhaft, nachdem er das Flugzeug betankt und die letzten Sicherheitskontrollen durchgeführt hatte. „Nur einmal in die Luft und ums Haus herum. Keine waghalsigen Flugmanöver. Die Wetterbedingungen sind perfekt, und der Wind weht in die richtige Richtung, sodass wir gleich von hier starten können.“

Georgia sah Matt tief in die Augen und musste feststellen, dass er es tatsächlich ernst meinte. Er lächelte zwar immer noch dieses jungenhafte Lächeln, aber irgendwie wirkte er unheimlich vertrauenerweckend. „Wirklich nur ums Haus herum, und dann landen wir wieder?“

Er nickte. „Wir können uns über Kopfhörer verständigen. Wenn es Ihnen nicht gefällt, sagen Sie mir Bescheid, und wir gehen sofort wieder runter.“

„Ich bin eine allein erziehende Mutter“, gab Georgia noch zu bedenken, während ihr das Herz bis zum Hals schlug, nicht nur aus Angst, sondern irgendwie auch in freudiger Erwartung.

„Ich weiß“, sagte er nur. „Vertrauen Sie mir. Ich liebe das Leben, und wenn das Flugzeug nicht sicher wäre, würde ich auch nicht damit fliegen.“

Sicher? Hm, dachte Georgia. So sicher wie ein Styroporbecher eben sein konnte. Aber Matt war ihr Kunde, und es schien ihm wichtig zu sein, dass sie diesen Flug mit ihm machte. Schließlich hörte sie sich sagen: „Aber wirklich nur ein ganz kurzer Flug.“ Hatte sie denn völlig den Verstand verloren?

Gewandt kletterte Matt nun auf den Vordersitz und setzte sich den Kopfhörer auf. „Können Sie mich verstehen?“, fragte er dann.

„Ja, ausgezeichnet.“

„Ich werde jetzt den Motor starten. Am Anfang ist es laut, und das Flugzeug vibriert ein wenig. Aber das gibt sich.“

Langsam rollten sie über das Pflaster vor der Scheune auf ein Stück Wiese zu. Nicht gerade groß für eine Startbahn, dachte Georgia. Aber sie saß ja auch nicht in einem Airbus, sondern nur in diesem winzigen Etwas. Das sollte ihr letzter Gedanke bei klarem Bewusstsein sein. Denn eine Sekunde später verschwand der Horizont aus ihrem Blickfeld, und sie hatte das Gefühl, sich im freien Fall zu bewegen. Entsetzt schrie sie auf und klammerte sich an die Streben über ihr, als hinge ihr Leben davon ab. Verzweifelt hielt sie den Blick nach oben gerichtet und fragte sich, wie Matt es nur geschafft hatte, sie zu dieser waghalsigen Unternehmung zu überreden.

Matt stellte seinen Kopfhörer leiser und fragte: „Ist alles in Ordnung?“

Erstaunlicherweise konnte sie ihn trotz des Motorenlärms klar und deutlich verstehen. Er schien ganz nah bei ihr zu sein, und das tröstete sie ein wenig. Ob sie ihn wohl sehr erschreckt hatte? „Es tut mir leid“, sagte sie schließlich, „ich wollte nicht schreien.“

„Machen Sie sich deswegen mal keine Sorgen. Es war mein Fehler. Ich hätte Sie vorwarnen sollen. Um Höhe zu gewinnen, muss man am Anfang ziemlich steil hinauf. Aber sehen Sie doch mal links hinunter.“

Georgia atmete tief ein und tat, worum Matt sie gebeten hatte. Unter ihr sah alles aus wie eine riesige Patchworkdecke aus Feldern, Straßen und Hecken, die sich so weit erstreckten, wie das Auge reichte. Georgia konnte sogar den Schatten des Flugzeugs erkennen, der sich über die Landschaft bewegte. „Das sieht ja fast wie auf einer Landkarte aus“, stellte sie erstaunt fest.

„Sehen Sie sich den Garten im Süden des Herrenhauses an, Georgia. Sie erkennen ihn an der großen Mauer. Achten Sie auf die dunklen Stellen im Gras.“

„Ich kann sehen, wie der Garten einmal angelegt gewesen sein muss!“ Diese Erkenntnis begeisterte Georgia, und für einen Augenblick vergaß sie sogar, dass sie in dieser Höllenmaschine saß.

„Ich geh noch ein bisschen tiefer“, erklärte Matt, und dann war es um Georgias Seelenruhe endgültig geschehen. Als hätte jemand nach der Spitze des linken Flügels gegriffen, stand das Flugzeug plötzlich senkrecht in der Luft und schien auf den Boden zuzurasen.

Obwohl es nach wenigen Augenblicken wieder in der Waagerechten flog, hatte dieses kleine Manöver ausgereicht, um Georgia das Blut aus dem Gesicht weichen zu lassen. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wieder zu landen?“, brachte sie gerade noch hervor. „Mir ist ein bisschen komisch.“

„Na klar! Ich bring Sie gleich runter. Bewegen Sie das Kinn ein wenig hin und her, und machen Sie einen Druckausgleich, indem Sie sich die Nase zuhalten und dagegen pusten. Das hilft.“

Sofort bereute Georgia ihre Bitte, denn nun schienen sie sich schon wieder im freien Fall durch die Luft zu bewegen, während der Boden in rasantem Tempo auf sie zukam. Aber nur Sekunden später war es vorbei, und Matt stellte den Motor ab.

Nachdem er das Verdeck geöffnet hatte und hinausgesprungen war, half er ihr aus dem engen Sitz des Copiloten. Froh darüber, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, beeilte sie sich, das Höllengefährt zu verlassen, und achtete kaum noch auf damenhafte Bewegungen.

Matt fing sie auf und stellte sie auf den Boden. „Oh nein“, stöhnte sie und befürchtete schon, dass ihr die Beine den Dienst versagen würden.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Matt und klang ein wenig besorgt.

Georgia nickte, aber das hätte sie nicht tun sollen. Denn nun wurde alles nur noch schlimmer. Sie hatte das Gefühl, schon wieder den Boden unter den Füßen zu verlieren, doch da spürte sie Matts Arm um ihre Schultern.

„Ich bring Sie zum Haus.“

„Es tut mir leid, aber ich fühle mich wirklich nicht gut …“

In der Küche angekommen, zog Matt ihr einen Stuhl heran, und Georgia öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse. Danach hatte sie immer noch das Gefühl, als würde der Kragen sie erwürgen, obwohl es gar nicht sein konnte.

„Geht es Ihnen besser?“

„Ich weiß nicht.“

„Soll ich Ihnen zeigen, wo das Badezimmer ist?“, schlug Matt freundlich vor, und Georgia nickte dankbar.

Sie verbrachte fünf Minuten auf dem Wannenrand, während sie die Stirn gegen das kühle Waschbecken gelehnt hatte. Dabei wurden ihr zwei Dinge klar: Sie musste sich nicht übergeben, aber unbedingt hinlegen. Und zwar sofort.

Als sie aus dem Gästebad kam, stand Matt draußen in der Halle, die Hände tief in den Hosentaschen, und sah sehr besorgt aus. „Besser?“

Sie schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Stöhnen. „Aber es wird schon wieder gehen, wenn ich mich nur einen Augenblick hinlegen kann.“

„Dann kommen Sie.“ Matt umfasste sicher ihre Taille und führte Georgia nach oben in ein Schlafzimmer. Darin war es schön kühl. Das Fenster stand offen. Anscheinend lag das Zimmer auf der Schattenseite des Hauses. Matt zog die Gardinen vor und suchte etwas in einer Schublade. „Hier“, sagte er dann, „ziehen Sie das T-Shirt an, und ruhen Sie sich so lange aus, bis es Ihnen wieder besser geht. Gleich nebenan ist auch ein Badezimmer. Frisches Wasser und ein Glas stehen am Bett.“

Nachdem Matt den Raum verlassen hatte, zog sich Georgia aus, kroch, nur mit dem T-Shirt bekleidet, unter die Zudecke und legte den Kopf aufs Kissen. Es roch nach Matts Aftershave von letzter Nacht. Das war sein Bett, dämmerte es ihr. Gut, dass er kein süßliches Rasierwasser benutzt hatte. Dann hätte sie jetzt ein echtes Problem. Aber es roch richtig angenehm.

Georgia schloss die Lider, und nach einem Augenblick verschwand die Übelkeit ein wenig. Georgia wurde bewusst, wie ungeheuerlich die ganze Situation eigentlich war: Sie trug Matts T-Shirt, lag in seinem Bett – in seinen Laken, die noch nach ihm rochen – und machte eine absolute Närrin aus sich. Wie peinlich! Mit hochrotem Kopf rollte sie sich stöhnend zur Seite und barg das Gesicht in Matts Kissen.

Eigentlich hätte sie aufstehen und tun sollen, wozu sie hergekommen war. Stattdessen lag sie im Bett ihres Kunden, atmete seinen Duft ein und wünschte sich sehnlichst, er wäre auch hier, um sie im Arm zu halten, bis es ihr wieder besser ging.

Sie musste wohl eingeschlafen sein. Denn als Georgia die Augen wieder öffnete, fiel das Licht der Mittagssonne durch den kleinen Spalt zwischen den Übergardinen aufs Bett. Langsam setzte sie sich auf, ging zum Fenster hinüber und zog die Vorhänge zur Seite. Nachdem sie sich angezogen hatte, ließ sie sich noch einmal auf der Bettkante nieder.

Georgia sah zum Fenster hinaus und überlegte, ob sie mit Brian wohl auch auf einem solchen Anwesen gewohnt hätte, wenn ihm das viele Geld nicht zu Kopf gestiegen wäre. Aber nein, dachte sie sofort. Brian hätte es gehasst. Ihm wären Chrom, Stahl und Glas lieber gewesen als die Patina eines alten Herrensitzes. Wahrscheinlich wäre es mit Brian irgendein modernes Penthouse über den Dächern der Großstadt geworden.

Auf den Hügeln jenseits des Rasens sah Georgia Pferde grasen, und das Summen von Bienen mischte sich mit dem entfernten Tuckern eines Traktors. Überall grünte und blühte es, und eine leichte Brise wehte den Frühlingsduft ins Zimmer.

„Georgia?“

Sie hatte Matt überhaupt nicht kommen hören. Aber da stand er nun, mitten im Raum, und betrachtete sie mit einem ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck.

„Es ist so schön hier“, sagte sie leise.

„Ja, das ist es. Ich bin auch sehr glücklich hier.“ Matt setzte sich neben sie aufs Bett. „Sie sehen schon viel besser aus“, sagte er dann, und Georgia lächelte.

„Mir geht es auch viel besser.“

Ihre Blicke trafen sich. Sekundenlang schien die Zeit stillzustehen. Georgia stockte der Atem, weil sie glaubte, dass Matt sich gleich ganz zu ihr hinüberbeugen würde, um sie zu küssen.

Aber da setzte er sich auch schon wieder gerade hin, stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. „Kommen Sie! Das Mittagessen ist fertig.“

„Geht’s dir auch gut, Mom?“, fragte Lucy ängstlich, als Georgia und Matt in die Küche kamen.

„Mir geht’s wunderbar“, erwiderte Georgia aufgeräumt und strich ihrer Tochter übers Haar. „Mir war nur ein bisschen schwindelig.“

„Mir wird nie schwindelig“, sagte Joe. „Ich will auch mal fliegen.“ Dabei sah er hoffnungsvoll von Georgia zu Matt.

Aber noch bevor Matt etwas darauf erwidern konnte, sagte Georgia in einem Ton, der keine Widerrede duldete: „Nein!“

Joe ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, sondern bettelte: „Oh Mom, bitte. Es sah so toll aus. Ich will auch mal fliegen. Wir haben euch zugewinkt. Hast du uns nicht gesehen?“

„Nein, mein Schatz. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich nicht übergeben zu müssen.“

„Arme Mom“, sagte Lucy, kniete sich auf die Bank und nahm die Hand ihrer Mutter.

Um das Thema zu wechseln, warf Matt rasch ein: „Was habt ihr denn für heute Nachmittag geplant?“

„Ich dachte, wir suchen Kaulquappen am Fluss“, schlug Mrs. Hodges vor.

„Au ja! Kaulquappen!“ Diese Aussicht begeisterte beide Kinder gleichermaßen.

„Dann sollten wir sofort mit dem Essen anfangen“, schlug Matt vor, und Georgia war froh darüber, da es sie schon die ganze Zeit nach einem Stück trockenen Brot gelüstete. Nach zwei Scheiben frischem, herrlich duftendem Weißbrot und einigen Schlucken gut gekühlten Wassers war sie wiederhergestellt und ließ sich auch all die anderen Köstlichkeiten schmecken, die Mrs. Hodges auf den Tisch gebracht hatte.

Nach dem Mittagessen nahm Matt Georgia mit in die Bibliothek. An zwei Wänden und um die Tür herum reichten alte Bücherregale bis zur Decke. Anscheinend hatte man sie nachträglich mit Glastüren versehen, um die kostbaren Bände vor dem Staub der Jahrhunderte zu schützen. Die vierte Wand war ganz mit Holz vertäfelt. Matt bat Georgia, Platz zu nehmen, und zeigte ihr dann einige Luftaufnahmen von den Überbleibseln des Wandelgartens.

Nachdem Georgia einen Blick darauf geworfen hatte, stellte sie ein wenig aufgebracht fest: „Die hätte ich mir doch schon heute Morgen ansehen können!“

Matt nickte schuldbewusst. „Ich weiß. Es tut mir auch leid. Aber den meisten Leuten gefällt es …“

„Hm“, machte Georgia nur und dachte lieber wieder an den Garten. „Wie hatten Sie sich das mit dem Neuanlegen denn vorgestellt?“

„Am liebsten wäre mir, dass man die ehemalige Ausgestaltung wiederherstellt, inklusive des mittleren Teils. Alles andere ist einfach. Die vier Ecken wurden symmetrisch angelegt. Nur was in der Mitte mal war, ist schwer zu sagen. Vielleicht können Sie sich ja einen Reim darauf machen?“

Georgia betrachtete noch einmal eingehend die Fotos. „Könnte ein Irrgarten gewesen sein“, meinte sie schließlich.

„Meinen Sie wirklich?“ Matt beugte sich ein wenig zu ihr hinüber.

Georgia konnte wieder sein Rasierwasser riechen. Das Gleiche wie gestern Abend. „Ja, das war früher so üblich. Meist war in der Mitte dann auch noch ein kleiner Springbrunnen. Sehen Sie den Kreis hier? Darunter könnten die Reste des Fundaments liegen.“

„Wollen wir nicht hinausgehen und nachsehen, ob Sie recht haben?“, fragte Matt unternehmungslustig.

Georgia nickte, und sie verließen die Bibliothek. Draußen wehte ein laues Lüftchen, und während Georgia mit Matt den ehemaligen Garten abschritt, erschien vor ihrem geistigen Auge, wie es hier einmal gewesen sein musste. Fast hörte sie die weiten Seidenröcke der Damen jener Tage über den Kies schleifen.

„Können Sie sich vorstellen, wie das alles mal ausgesehen hat?“, fragte Matt erwartungsvoll.

„Oh ja!“, rief Georgia aus. „Und in der Scheune stand nur eine Pferdekutsche!“

Matt lachte. „Also, was denken Sie? Bekommen Sie das wieder hin?“

„Ich?“

„Ja, könnten Sie die Pläne erstellen, um alles wieder so anzulegen, wie es einmal war? Bestimmt wissen Sie auch, wo ich einen Springbrunnen herkriege, der dem alten möglichst nahekommt? Und dann ist da noch der Rosengarten … Es ist bestimmt interessant, zu recherchieren, welche Rosensorten hier einst kultiviert wurden. Vielleicht findet man sie ja noch.“

„Viele von ihnen gibt es bestimmt noch“, bestätigte Georgia Matts Vermutung, während sie sich überlegte, wie sie ihm am besten beibrachte, dass sie überhaupt keine Zeit hatte, sich um seinen Garten zu kümmern.

„Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind“, fuhr Matt fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ich bin schließlich nicht Ihr einziger Kunde, und natürlich würde ich Sie dafür separat bezahlen.“

Es war einfach zu verlockend, und dabei ging es Georgia überhaupt nicht ums Geld. „Ich würde gern die Recherchen machen“, hörte sie sich da auch schon sagen. „Vielleicht finde ich ja auch Pläne ähnlich alter Gärten. Haben Sie mal in Ihrer Bibliothek nachgesehen?“

„Ja, da ist so ein fleckiges, in rotes Leder gebundenes Buch mit Skizzen und Grundrissen. Ich wollte es Ihnen sowieso zeigen.“

Georgia wurde hellhörig. „Ein rötliches Buch, sagen Sie?“

„Ja.“

Kurze Zeit später hielt Georgia besagtes Buch in Händen und traute ihren Augen nicht. „Wissen Sie, was das ist?“, fragte sie Matt schließlich.

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist ein sogenanntes Red Book mit den Eintragungen von Humphrey Repton, dem berühmten Gartengestalter, der hier 1806 den Garten von Heveling Hall neu angelegt hat. Alles, was Sie wissen müssen, um Ihren Garten in den Urzustand zu versetzen, steht hier drin.“ Zögerlich reichte sie Matt das Buch zurück. „Es ist sehr wertvoll. Es gibt nur noch wenige solche Dokumente.“

Matt nahm das Buch, hatte aber nur Augen für Georgia. Nachdem er es auf den Tisch gelegt hatte, sagte er: „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Ihre Augen ganz wunderbar sind, wenn sie so leuchten?“

Georgia schluckte. Es gab keinen Grund mehr für sie, zu bleiben, obwohl sie nichts lieber getan hätte, als die Arbeiten an dem Garten so lange wie möglich hinauszuzögern, um noch länger in der Nähe dieses wunderbaren Mannes zu sein. Aber die Vernunft sagte ihr, dass es besser sei, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Er war reich und liebte kleine, gefährliche Spielzeuge. Wahrscheinlich war das ganze Leben für ihn ein Spiel. Georgia wusste, wie schlecht es sich an der Seite eines Playboys lebte. Das war nichts für sie. Diese Erfahrung hatte sie schon einmal gemacht, und es hatte Ähnlichkeiten mit Matts Flugmanöver vom späten Vormittag gehabt. Sie wollte sich dem nicht wieder aussetzen. Deshalb wandte sie schließlich den Blick ab.

Matt, der nicht wissen konnte, warum sie so reagierte, sagte noch einmal: „Ich bezahle Sie natürlich dafür.“

Bei diesem Mann drehte sich alles nur ums Geld. Georgias Blick fiel wieder auf das Buch. Aber warum eigentlich nicht? Schließlich hatte sie zwei Kinder zu ernähren. Es wäre eine wunderbare Eigenwerbung, den Garten von Heveling Hall nach Vorlagen des großen alten Meisters neu anzulegen. Matt und seinem im Überfluss vorhandenen Jungencharme konnte sie dabei ja aus dem Weg gehen. „Mal sehen, was über die Blumenrabatten drinsteht …“

4. KAPITEL

Für Dienstagnachmittag hatten sie sich wieder verabredet, um weitere Details, den Garten betreffend, zu besprechen. Die zweieinhalb Tage, bis es so weit war, schienen sich endlos hinzuziehen. Der Gedanke an Matt ließ Georgia einfach nicht los. Sie versuchte zwar, sich einzureden, dass alles nur wegen des Gartens sei. Aber was hatte der schon damit zu tun, wie gut Matt in seinen Jeans ausgesehen und wie liebevoll, ja beinah zärtlich er sie angelächelt hatte?

Georgia hatte das „Red Book“ mit nach Hause genommen und festgestellt, dass einige Seiten fehlten, und zwar die, die die Gesamtansicht des fertiggestellten Rosengartens gezeigt haben mussten.

Als sie am Dienstagnachmittag bei Matts Herrenhaus vorfuhr, begrüßte Murphy sie wie eine alte Bekannte. Kurze Zeit später kam auch sein Herrchen um die Ecke und sah anziehender aus denn je. Die vergangenen Tage waren ebenfalls schön gewesen, und Matts Haut wirkte noch tiefer sonnengebräunt als am Samstag, oder lag es nur an seinem weißen T-Shirt? War es etwa das, das sie in seinem Bett angehabt hatte? Georgia merkte, wie sie wieder rot wurde, und verdrängte den Gedanken schnell.

Aber ihre Röte verschwand nicht, denn nun gab Matt ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange.

Bevor sie noch ganz die Beherrschung verlor, kam sie lieber gleich zur Sache. „Matt, ich bräuchte noch eine Luftansicht vom Rosengarten, so wie er jetzt ist. In dem Buch fehlen die entsprechenden Seiten. Ich schätze mal, dass man von oben erkennen kann, wie die Wege verlaufen sind.“

„Heißt das, Sie wollen noch einmal mit mir in die Luft steigen?“

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