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Liebesträume an der Algarve, Band 9

Liebesträume an der Algarve

ELIZABETH OLDFIELD

Was passierte in dieser Nacht?

Auf einer Party in Portugal verliebt Ashley sich so leidenschaftlich wie nie zuvor. Noch in derselben Nacht wird sie die Geliebte des Rennfahrers Vitor d’Arcos. Doch schnell muss sie erkennen, dass es für Vitor nur ein Abenteuer war. Ashley ahnt nicht: Ihr Pflegebruder Simon, der sie immer für sich haben wollte, hat Vitor etwas Ungeheuerliches erzählt …

HELEN BROOKS

Rote Rose – heißer Kuss!

Der erfolgreiche Unternehmer Marshall Henderson lädt Cathy ein, seine portugiesische Luxusvilla ganz nach ihrem Geschmack einzurichten. Eigentlich ein Traumjob für die junge Innenarchitektin. Wären da nicht ihre widerstreitenden Gefühle für den Hausherrn. Gerade noch hasst sie ihn für seine Arroganz, da verzehrt sie sich schon wieder nach seinen Küssen …

MARGARET MAYO

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Bis nach Portugal reist Charlotte, um Abstand zu gewinnen: vom Tod ihres Mannes und den ungerechten Vorwürfen ihres Schwagers Rohan, für den sie heimlich so zärtliche Gefühle hegt. Doch sie findet keine Ruhe, Rohan ist ihr gefolgt. Was sie nicht wusste: Es ist sein Haus, in dem sie wohnt. Und plötzlich werden die Nächte in Portugal heißer, als sie je dachte.

Elizabeth Oldfield

Was passierte in dieser Nacht?

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1. KAPITEL

Als sie den Hügelkamm erreicht hatte, hielt Ashley den Buggy an. Hinter der dunklen Sonnenbrille leuchteten ihre haselnussbraunen Augen, und sie lächelte. Obwohl sie diesen Ausflug schon oft gemacht hatte, war die Aussicht von hier oben immer wieder ein Erlebnis. Zu ihren Füßen lag das kleine Fischerdorf Praia do Carvoeiro in einem grünen Tal am Rande des tiefblau leuchtenden Atlantiks. Die Häuser standen strahlend weiß in der Augustsonne, und die roten Dächer glitzerten. Wäsche an den Leinen flatterte im Wind, üppige blaue Jakarandablüten zierten die Balkone, Vogelkäfige hingen draußen, damit ihre gefiederten Bewohner die milde Luft genießen konnten. Ashley strahlte vor Glück. Die Entscheidung, vor einem halben Jahr von England an die Algarve zu ziehen, war ihr nicht leichtgefallen, aber es war richtig gewesen.

Unvermittelt lachte das Kind im Wagen laut auf.

„Auto!“, rief es begeistert und zeigte aufgeregt auf die Kreuzung zwischen Landstraße und der Hauptstraße des Dorfes.

„Viele Autos“, antwortete Ashley trocken, denn vor ihr standen die Fahrzeuge dicht an dicht. „Muito de tráfico.“

Ihr Sohn drehte sich nach ihr um und grinste sie unter dem weißen Sonnenhut an. „Tráfico“, wiederholte er genießerisch.

Thomas ist vernarrt in Autos, dachte sie und blickte zärtlich auf die kleine Gestalt in Latzhose. Das Paradies war für ihn gleichbedeutend mit einer Fahrt in dem nicht gerade neuen Fiat einer Freundin. Während andere Kinder im Alter von fünfzehn Monaten normalerweise ihre Teddys oder sonstige Stofftiere liebten, ging Thomas nirgendwohin, ohne nicht mindestens ein Spielzeugauto mitzunehmen. Ihr Blick fiel auf den heiß geliebten Miniaturwagen, von dem schon die Farbe abblätterte und den der Kleine fest in der Faust hielt. Hatte er die Vorliebe zu allem, was vier Räder hatte, von seinem Vater geerbt? Ashley runzelte die Stirn. Solche Gedanken beunruhigten sie immer mehr, sodass sie am heutigen schönen Sommermorgen gar nicht weiter über diese Frage nachdenken wollte. Sie schob die Brille, die ihr etwas heruntergerutscht war, wieder zurück, steckte sich eine Strähne ihres honigblonden Haares in den Nackenknoten und ging weiter.

Obwohl der Weg ins Tal mehrere Minuten gedauert hatte, war die Verkehrslage noch unverändert. Die engen Straßen von Praia do Carvoeiro waren einfach nicht für Autos geschaffen. Gar nicht zu reden von Bierwagen, Betonmischern und Reisebussen. Durch das Einbahnstraßensystem gab es außerhalb der Saison wenig Verkehrsbehinderungen, aber wenn die Touristen zu Hunderten in ihren Mietwagen durch das Dorf fuhren, war der Stau unvermeidlich. Was ist heute nur los? fragte sie sich, als ein Hupkonzert begann.

An der Kreuzung ging Ashley nach rechts zum Dorfplatz, wo Bars, Cafés und der Zugang zum Strand das Zentrum des kleinen Ortes bildeten. Während sie um eine Ecke bog, verzog sie die Lippen. Zwei Eselskarren, der eine beladen mit Heu, der andere mit einfachem Kochgeschirr, waren zusammengestoßen. Auf der Straße lagen nun Aluminiumkessel, Schöpfkellen und Pflanzen. Es war kein großer Schaden entstanden, die Gegenstände mussten nur wieder aufgeladen werden. Mehrere Touristen waren mit dieser Arbeit beschäftigt, und die beiden Fahrer nahmen sich unterdessen Zeit für ein Schwätzchen. Entspannt rauchten sie ihre Zigaretten und schienen sich gar nicht für die Autoschlange verantwortlich zu fühlen, die schon die Dorfgrenze überschritten hatte. Auch das immer lauter werdende Hupkonzert brachte sie nicht aus der Ruhe.

Amüsiert über diese Demonstration der portugiesischen Gelassenheit, beobachtete Ashley die Szene kurz und ging dann mit dem Buggy weiter, um ihre Einkäufe zu erledigen. Sie war gerade auf dem Weg zum Supermercado, als ihr ein blonder Mann mit sonnengebräunter Haut von der gegenüberliegenden Seite des Platzes zuwinkte.

„Leif kommt“, teilte sie Thomas mit, als der Mann sich ihnen näherte. „Drück mir die Daumen, dass er einen neuen Auftrag für mich hat.“

Leif Haraldsen, ein ehrgeiziger Däne, hatte an der Algarve gute Bedingungen für sein Geschäft vorgefunden und besaß nun ein florierendes Küchenstudio. Außerdem hatten ihn die ausgezeichneten Wassersportmöglichkeiten gereizt. Ständig auf der Suche nach neuen Ideen, hatte er Ashley kaum Zeit gelassen, ihren kleinen Betrieb zu gründen, als er schon bei ihr anklopfte. Er war der Meinung, dass ihre handbemalten Kacheln gut in moderne Küchen integriert werden könnten. Ihr besonderer Stil würde die anspruchsvollen Kunden sicher ansprechen. Seine Prophezeiung erwies sich als richtig, denn dreißig Prozent ihres Einkommens erzielte Ashley durch Leifs Aufträge, und das Geld konnte sie gut gebrauchen.

„Gestern hat Senhora Rocha, die Frau des Anwalts, eine Luxusküche bestellt“, verkündete Haraldsen nach der Begrüßung. „Über die Details müssen wir uns noch einigen, aber einige deiner Kacheln gefielen ihr so gut, dass sie höchstwahrscheinlich welche kaufen wird.“

Ashley strahlte. „Danke.“

„Ich habe zu danken“, antwortete er. „Dass ich handbemalte speziell entworfene Kacheln anbieten kann, wertet meine Küchen enorm auf, und ich kann sie besser verkaufen. Wir bilden eben ein gutes Team.“ Er legte den Arm um sie. „Wir könnten sogar noch ein viel erfolgreicheres Team werden, wenn du uns nur die Chance dazu geben würdest.“

Ihr Lächeln erstarb. Leif Haraldsen war nicht nur von der Algarve begeistert, sondern auch von ihr. In den letzten Monaten hatte er aus seiner Zuneigung keinen Hehl gemacht. Mit den stahlblauen Augen und dem hellblonden Haar war der athletisch gebaute Däne sicher der Traum vieler Mädchen. Zwar mochte Ashley ihn als Geschäftspartner und Freund gern, aber sie hatte kein Interesse an einer tiefer gehenden Beziehung. Romantische Gefühle kamen in ihren Zukunftsplänen nicht vor.

„Ja“, stimmte sie zu und zog unsicher am Kragen ihres pinkfarbenen Poloshirts, das sie zu einer gut sitzenden, aber verwaschenen Jeans trug.

„Es ist so“, behauptete Leif und zog Ashley an sich.

Sie biss die Zähne zusammen. Diese Geste missfiel ihr sehr. Von ihm angefasst zu werden behagte ihr gar nicht. Andererseits wollte sie ihn nicht verletzen, denn sie konnte es sich nicht leisten, seine Freundschaft zu verlieren.

„Sein Vater starb vor zwei Jahren“, sagte er mit einem Blick auf Thomas, der immer noch fasziniert auf das Geschehen vor ihm starrte, „und du solltest Simons Tod, selbst wenn er tragisch war, allmählich überwunden haben.“

„Das habe ich bereits“, meinte sie leise.

„Es ist eine Schande, dass eine so schöne junge Frau wie du allein lebt. Du hast doch Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen …“

Sie wich ihm geschickt aus. Jetzt reichte es. Niemand brauchte ihr etwas über ihre Bedürfnisse zu erzählen. Ihr war nicht danach, mit Leif zu streiten. Alles, was sie wollte, war eine freundliche, platonische und für beide Seiten zufriedenstellende Geschäftsbeziehung.

„Wie schön, dass deine Küchen weiterhin so gefragt sind.“ Diese Bemerkung sollte Leif vom Thema ablenken, und da er so mit seiner Arbeit beschäftigt war, hatte sie Erfolg, denn er nickte zustimmend und berichtete begeistert über sein Geschäft. Mitten in seinem Vortrag schrie Thomas plötzlich auf.

„Auto!“, rief er und gestikulierte wild, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Ashley blickte auf und stellte fest, dass die Eselskarren zur Seite gefahren waren und der Verkehrsstau sich langsam auflöste. Einige Wagen fuhren Richtung Algar Seco, einer bizarren Felsküste am Rande des Dorfes, andere bogen in Einbahnstraßen und kreisten um den Dorfplatz. Das Fahrzeug, das solches Entzücken bei Thomas hervorgerufen hatte, war ein schwarzer BMW der 7er Reihe, ein Wagen, der in dieser Gegend selten zu sehen war. Der Fahrer wollte sich vom Rand in den laufenden Verkehr einfädeln.

„Hm“, meinte Ashley vage.

„Großes Auto“, betonte Thomas, der mit der gleichgültigen Reaktion seiner Mutter nicht zufrieden war.

„Sehr groß“, stimmte Ashley zu, als der BMW gleich darauf an ihnen vorbeifuhr.

Der Fahrer hatte es nach der Verzögerung sehr eilig, sodass Ashley ihn nicht genau erkennen konnte. Nach einem kurzen Blick auf ihn riss sie erstaunt die Augen auf. Ihr wurde kalt. Eine Flut von Gedanken schoss ihr durch den Kopf. Es kann nicht sein, sagte eine innere Stimme abwehrend. Doch, meldete sich eine andere. Das Auto fuhr weiter, und Ashley blickte so lange auf den Hinterkopf des Fahrers, bis der BMW nicht mehr zu sehen war.

Ashley umklammerte den Griff des Kinderwagens. Vitor d’Arcos war hier? Fast hätte sie ihn berühren können. Ein Blick zur Seite, und er hätte sie und Thomas wahrgenommen. Sie war ganz verwirrt. Obwohl schon zwei Jahre vergangen waren, seit Simon beim Großen Preis von Australien tödlich verunglückt war, hatte Ashley immer gewusst, dass das Schicksal sie irgendwann wieder mit dem großen, breitschultrigen Mann zusammenbringen würde. Er war Simons Teamgefährte gewesen. Keinesfalls wollte sie ihm jetzt begegnen. Vielleicht war sie feige, aber sie war für eine Konfrontation mit ihm noch nicht bereit. Wenn sie sich dennoch treffen sollten, dann wollte sie den Ort und die Bedingungen festlegen. Jetzt war es äußerst wichtig, dass sie alle Pluspunkte auf ihrer Seite hatte.

„Ich will hier bleiben“, erklärte Leif. „Nicht alle möchten das. Wusstest du, dass der Typ, der das Land um dein Haus herum gekauft hatte, Pleite gegangen ist?“

„Wie bitte?“

„Er hat Konkurs angemeldet.“

Mühsam konzentrierte sie sich wieder auf die Gegenwart.

„Bist du sicher?“, fragte sie, nachdem sie die Information ihres Begleiters verinnerlicht hatte. „Nachdem monatelang niemand vorbeigekommen war, sah ich letzte Woche mehrere Männer, die sich alles anschauten, und ich dachte, dass man jetzt wohl mit den Arbeiten zu einem Parque Aquático anfangen wollte.“

Ashley lebte in einem ehemaligen Bauernhaus etwas außerhalb von Praia do Carvoeiro. Das eingeschossige Steinhaus stand inmitten von Feldern, auf denen einmal Wein und Feigen angebaut worden waren, aber nun war alles verwildert, und bunte Blumen schmückten das Grundstück. Die ländliche Gegend war zwar sehr reizvoll, doch manchmal fühlte Ashley sich auf dem abgelegenen Gelände etwas einsam. Deshalb war sie froh gewesen, als eine Firma das umliegende Land gekauft hatte. Häuser würden entstehen, sie würde endlich Nachbarn haben, und Thomas könnte mit anderen Kindern spielen. Einfach perfekt! Sie musste jedoch bald feststellen, dass die Firmenleitung andere Pläne hatte. Ein großes Schwimmbad mit mehreren Becken, einer riesigen Rutsche und großem Parkplatz sollte gebaut werden. Wutentbrannt war Ashley zum Planungsbüro gelaufen, um sich zu beschweren. Dort konnte man ihr nur noch mitteilen, dass die Genehmigung für das Schwimmbad schon erteilt worden sei und sie zu spät komme.

„Ich bin sicher“, antwortete Leif. „Es wurde zwar noch kein Name genannt, aber ein internationales Bauunternehmen soll den Betrieb aufgekauft haben, sodass der Parque Aquático jetzt deren Projekt sein wird. Bestimmt wird man so schnell wie möglich mit den Arbeiten beginnen, und bei deren finanziellen Mitteln kannst du davon ausgehen …“

In Gedanken war Ashley wieder bei dem Mann im BMW. Wo ist Vitor d’Arcos wohl jetzt? fragte sie sich. Hatte er das Dorf auf Nimmerwiedersehen verlassen, oder hatte er seinen Wagen nur um die Ecke geparkt und war schon auf dem Weg zu ihr? Vielleicht hatte er sie doch erkannt und stellte schon Nachforschungen über sie an. Aber nein, wahrscheinlich hatte er sie gar nicht wahrgenommen.

„Du musst das Ganze wohl mit Fassung tragen“, meinte Leif abschließend.

Sie sah ihn unverwandt an. Offenbar hatte sie seine Rede in den Hauptzügen verpasst.

„Hm, du hast wohl recht.“

„Geht es dir gut?“, fragte der Däne und blickte sie genauer an. „Du siehst blass aus.“

Ashley zwang sich zu einem Lächeln. „Mir geht’s gut. Ich muss jetzt los, es ist schon spät. Mal sehen, was Senhora Rocha beschließt. Bis dann“, verabschiedete sie sich und ging weiter.

Sowohl einheimische als auch ausländische Dorfbewohner hatten die hübsche blonde Frau und ihren kleinen Sohn schnell ins Herz geschlossen, sodass Ashley immer in Gespräche verwickelt wurde, wenn sie in den Ort kam. Heute war das nicht der Fall. Ihre Antworten auf die freundlichen Zurufe gab sie nur halbherzig, denn sie konnte nur noch an Vitor d’Arcos denken. Dass sie ihn ausgerechnet in Praia do Carvoeiro wiedersehen musste! Daran hatte sie nicht einmal im Traum gedacht, und sie war sehr beunruhigt.

Während sie im Supermercado einkaufte, frisches Obst und Gemüse auf dem Markt besorgte und Hähnchenschenkel beim Metzger holte, gingen ihr immer neue Fragen durch den Kopf. Wie hätte Vitor reagiert, wenn er sie gesehen hätte? Was hätte er gesagt? Viele Erinnerungen stiegen in ihr auf, und sie zuckte innerlich zusammen. Würde er sie wieder beschimpfen, so wie er es anlässlich des Todes von Simon getan hatte?

Bleib ganz ruhig! Nur nicht aufregen! Überleg doch mal! forderte Ashley sich selbst auf. Sie überprüfte, ob alle Einkäufe im Buggy verstaut waren, und machte sich dann auf den Heimweg. Bist du wirklich sicher, dass der Mann im Auto Vitor d’Arcos war? fragte sie sich. Könntest du das beschwören? Sie nagte an ihrer Unterlippe. Als der Wagen an ihr vorbeigefahren war, hatte sie erst nur das Profil des Fahrers gesehen und dann den Hinterkopf. Reichte das schon aus, um eine Person zu identifizieren? Wohl kaum. Jeder machte mal Fehler, und heute hatte sie sich wahrscheinlich geirrt. Die Fantasie war mit ihr durchgegangen. Sie war völlig durchgedreht. Durch irgendeine Laune des Schicksals hatten sich ihre Gedanken überschlagen, und sie hatte die falschen Schlussfolgerungen gezogen. In Portugal gab es genug stolze Männer mit markanten Profilen und dichtem schwarzen Haar. Der Fahrer des Wagens war sicher ein Fremder gewesen. Jemand, den sie nicht kannte. Irgendjemand, der nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte und der nicht die Macht besaß, ihre Zukunft zu zerstören.

Ashley fühlte sich jetzt erleichtert und konnte sogar wieder lächeln. Es war unnötig und dumm, dass sie in Panik geraten war. Vitor d’Arcos hatte ja nun wirklich keinen Grund, ausgerechnet das kleine abgelegene Dorf Praia do Carvoeiro zu besuchen … oder etwa doch?

Als sie zu Hause angekommen waren, war es schon Mittag. Ashley bereitete für sich und Thomas ein Omelett zu, und nachdem sie auf der weinberankten Terrasse gegessen hatten, legte sie den kleinen Jungen zum Mittagschlaf ins Bett. Jetzt habe ich eine Stunde Zeit für mich, dachte sie, während sie Jeans und Poloshirt auszog und in ihre Arbeitskleidung schlüpfte. Sechzig Minuten, die ich gut zum Arbeiten nutzen kann.

An einer Seite des Hauses stand ein niedriges Gebäude, das früher einmal ein Stall gewesen war und später als Garage diente. Nach vielen Stunden, die Ashley mit Reinigen, Aufräumen und Anstreichen verbracht hatte, war eine Werkstatt mit kleinem Laden entstanden. Hier entwarf sie ihre Kacheln, bemalte sie und brannte sie anschließend in einem kleinen Ofen. Außerdem stellte sie die Kacheln hier aus. Im Moment arbeitete sie an einer Serie mit typischen Motiven der Algarve: Fischerboote am Landungssteg, Orangenhaine, malerische Dorfhäuser. Die Arbeit sollte die Eingangshalle eines nahe gelegenen Hotels schmücken. Ashley mischte die Farben. Sie zeichnete den Umriss eines zierlichen Kamins, und während sie sich konzentrierte, wurde die Spitze ihrer rosigen Zunge sichtbar.

Eine Viertelstunde später hörte Ashley, wie ein Fahrzeug vor ihrem Haus hielt. Sie wandte den Kopf zur Tür. War das vielleicht Leif, der ihr mitteilen wollte, dass Senhora Rocha die Kacheln bestellt hatte, und die Einzelheiten noch mit ihr persönlich besprechen wollte? Oder wollte ein Tourist, der ihre Karte in einem der Dorfläden gesehen hatte, ein Andenken kaufen?

Nachdem sie schnell den Inhalt der Regale etwas geordnet hatte, malte sie weiter. Niemand zeigte sich. Sie seufzte. Draußen hatte sie ein großes Schild angebracht, aus dem klar hervorging, dass hier der Laden war. Nur jemand, der extrem kurzsichtig oder tollpatschig war, konnte ihr Geschäft übersehen. Sie legte den Pinsel beiseite und ging hinaus in die Mittagssonne. Niemand war zu sehen. Bis auf den Gesang der Zikaden war kein Laut zu hören.

Langsam stieg Angst in ihr auf. Wie üblich hatte sie die Hintertür offen gelassen … ob jemand ins Haus gegangen war? Durchsuchte jemand ihre Sachen? Hatte man das schlafende Kind entdeckt? Mit diesen Gedanken und mit alarmiertem Beschützerinstinkt rannte Ashley los. Sie musste unbedingt zu Thomas gelangen und den Eindringling vertreiben. Fast hatte sie das Haus erreicht, als jemand um die Ecke kam. Außer Atem blieb Ashley stehen. Ein großer Mann mit Adlernase und dichtem dunklen Haar stand vor ihr. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit schneeweißem Hemd und einer dunkellilafarbenen Seidenkrawatte. Durch die grelle Sonne geblendet, blieb er wie angewurzelt stehen, obwohl seine Augen durch die Sonnenbrille mit Goldfassung geschützt wurden.

Ashley drehte sich der Magen um. Ihr wurde übel. Sich einzureden, dass sie sich bei seinem Anblick geirrt hatte, war wohl nur Wunschdenken gewesen. Oder sie war mit Blindheit geschlagen. Es gab nämlich einen zwingenden Grund, warum Vitor d’Arcos nach Praia do Carvoeiro kommen wollte, aber statt der Wahrheit ins Auge zu sehen, hatte sie sich selbst belogen. Wie hatte er sie bloß aufgespürt? Warum tauchte er nach zwei Jahren aus dem Nichts auf? Offenbar kannte er jetzt die Wahrheit, aber was hatte er vor? Als sie sich ihre letzte Frage selbst beantworten wollte, richtete Ashley sich auf. Egal, was er ihr an den Kopf werfen würde, sie würde nicht gebückt und stumm vor ihm verharren. Dennoch kostete es sie alle Kraft, nicht zurückzuzucken, als der Besucher einen Schritt auf sie zukam.

„Ashley“, sagte er leise in seiner rauchigen vertrauten Stimme.

Für einen Moment setzte ihr Herzschlag aus. Sie hatte sich eingeredet, dass die intensive Wirkung, die Vitor d’Arcos einmal auf sie gehabt hatte, nur in ihrer Einbildung existierte, aber so war es nicht. Der ehemalige Rennfahrer, gut gebaut und muskulös, war mit seinen einsneunzig ein Mann mit einer enormen Ausstrahlung, der merkwürdige Gefühle in Ashley auslöste.

„Guten Tag. Boa … boa tarde“, stammelte Ashley.

Ich muss eine Offensive starten, dachte sie fieberhaft. Er hatte seine Vorwürfe zweifellos schon parat, aber sie musste zuerst loslegen und ihm klarmachen, dass die Frau, der er heute gegenüberstand, zu kämpfen bereit und eine nicht zu unterschätzende Gegnerin war. Wie sollte sie es ihm sagen? Verzweifelt suchte sie die passenden Worte, aber ihr fiel nichts ein.

„Was machst du denn hier?“, fragte Vitor. „Warum bist du denn in Portugal? Wie kommst du ausgerechnet hierher nach Praia do Carvoeiro?“

Verblüfft sah Ashley ihn an. Dann merkte sie, dass er umgekehrt von ihrem Anblick überrascht war, und wollte erleichtert loslachen. Vitor d’Arcos kannte also nicht die Wahrheit. Er hatte nicht ihre Adresse gesucht und sie aufgespürt. Egal, welche Gründe er für seine Anwesenheit hatte, mit ihr hatten sie wohl nichts zu tun! Ashley dankte dem Himmel. Also musste sie gar nicht kämpfen. Sie musste nur ihre Fassung wiedergewinnen, einige höfliche Worte sprechen und ihn so schnell wie möglich loswerden.

„Ich wohne hier.“

Dunkle Brauen wurden über dem oberen Brillenrand sichtbar.

„Hier? Bist du die Hauseigentümerin?“ Er zog die Stirn in Falten. „Ich erinnere mich, dass du früher oft an der Algarve gewesen bist, aber ich hatte keine Ahnung, in welchem Gebiet.“

„Ich war oft in diesem Haus. Es gehörte einmal meinem Großvater, und meine Eltern benutzten es als Ferienhaus“, erklärte Ashley. „Aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht mehr so oft hierherkommen, und meine Eltern verbrachten die Ferien öfter woanders. Deshalb wurde das Haus stark vernachlässigt. Ich habe schon versucht, es etwas herzurichten, aber es fehlen ein modernes Bad, ein neues Dach und neue Fenster. Sobald ich genügend Geld habe, werde ich alles machen lassen, aber ich weiß nicht, wann das sein wird …“ Ashley hielt inne. Immer wenn sie aufgeregt war, plapperte sie zu viel, doch sie musste ihm ja nicht jedes Detail erklären. „Dies ist jetzt mein Zuhause“, bestätigte sie.

„Aber anders als dein Großvater lebst du ständig an diesem Ort“, meinte Vitor.

Vielleicht war es der Klang seiner Stimme oder sein Akzent, aber die Bemerkung klang eher wie eine Feststellung als wie eine Frage.

„Das stimmt“, erwiderte sie. „Ich wohne seit einem halben Jahr hier.“

Vitor nahm die Brille ab und steckte sie in seine Anzugtasche. Während er Ashley mit seinen fast schwarzen Augen ansah, merkte sie an seinem Blick, dass sich sein Erstaunen über ihr Wiedersehen gelegt hatte. Er hat sich schnell auf die neue Situation eingestellt, dachte sie. Aber der Rennfahrer Vitor d’Arcos war immer schon sehr reaktionsschnell gewesen und konnte in Bruchteilen von Sekunden handeln.

„Du verkaufst handbemalte Kacheln“, sagte er, und diesmal gab es keinen Zweifel, dass er eine bereits bekannte Tatsache aussprach.

Sie blickte ihn vorsichtig unter ihren dichten dunklen Wimpern an. Vitor hatte vielleicht nicht gewusst, dass sie das Haus bewohnte, aber er wusste einiges über sie. Warum? Weshalb interessierte er sich für ihren Lebenswandel?

„Ja“, antwortete sie.

„Das ist sicher etwas ganz anderes, als für einen der bekanntesten britischen Innenausstatter um die Welt zu reisen.“

„Das stimmt, aber es macht mir Spaß, mein eigenes Geschäft zu haben. Ich habe keine besondere Stellung und bekomme kein beachtliches Gehalt, aber es ist ein tolles Gefühl, durch eigene Anstrengung etwas zu erreichen. Mein Laden läuft schon sehr gut. Obwohl ich erst seit vier Monaten arbeite, ist man schon auf mich aufmerksam geworden. Kürzlich rief eine Frau aus …“ Ashley unterbrach sich, weil sie schon wieder drauflos plapperte. „Nicht nur die Zeiten ändern sich, sondern auch die Menschen“, beendete sie ihren Vortrag.

Vitor hob eine Augenbraue. „Manchmal sogar recht drastisch.“

„Was meinst du damit?“

„Ich habe dich noch nie so … leger gesehen.“

Sie überlegte, welches Bild sich ihm wohl bot. Früher hatte sie sehr auf Kleidung, Make-up und ihre Frisur geachtet, aber nun … Ihre Arbeitskluft bestand aus einem riesigen T-Shirt mit U-Boot-Ausschnitt, das immer an einer Schulter herunterrutschte, ausgefransten Jeans-Shorts und Gummisandalen. Nach der morgendlichen Dusche hatte sie Wimperntusche und etwas Lipgloss aufgetragen, das längst verschwunden war. Früher hatte sie ihr Haar von einem Londoner Starfriseur zu einem schulterlangen Bob schneiden lassen, aber heute trug sie die Haare locker zusammengebunden. Sie wusste zwar, dass ihre Erscheinung alles andere als durchgestylt war, wollte jedoch nicht gern daran erinnert werden.

„Ich hätte die Schulterpolster und die hochhackigen Pumps angezogen, wenn ich gewusst hätte, dass du jemanden für die Rolle im Film …“ Sie ließ den Blick über seine gepflegte Erscheinung schweifen „… Der Wall-Street-Magnat suchst“, bemerkte sie zynisch.

Vitor verkniff sich ein Grinsen. „Meinem Schneider werde ich mitteilen, dass du mit seiner Arbeit zufrieden bist, aber du hast mich falsch verstanden. Du siehst wunderbar aus.“ Er betrachtete ihre hohen Wangenknochen, den vollen, sinnlichen Mund und die pfirsichzarte, leicht gerötete Haut. „Mit deinem Gesicht könntest du einfach alles verkaufen.“ Vitor ließ den Blick etwas tiefer wandern und fügte dann hinzu: „Und mit deinem Körper jeden Mann um den Verstand bringen. Du lebst also gern hier an der Algarve“, fuhr er fort.

Ashley wurde rot. Warum musste er eine so provozierende Bemerkung machen? Wieso musste er sie daran erinnern, was einmal zwischen ihnen geschehen war und was sie nie vergessen konnte? Zwar hatte er von der Vergangenheit gesprochen, aber er war keinesfalls in feindseliger Stimmung. Im Gegenteil, er wirkte freundlich und versöhnlich.

„Ich fühle mich hier sehr wohl.“

„Hast du schon Freunde gefunden?“

„Viele. Zwei Mal in der Woche treffe ich mich mit anderen Müttern in einer Krabbelgruppe und …“

„Hast du männliche Freunde?“, unterbrach Vitor sie.

Ashley runzelte die Stirn. Das ging ihn nichts an.

„Warum bist du hier?“, erkundigte sie sich und beschloss, dass sie jetzt an der Reihe war zu fragen.

Er zeigte ihr sein spezielles Lächeln, das seine weiblichen Fans früher dazu gebracht hatte, ihm Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand zu drücken, wenn sie ihn erblickten.

„Ich möchte etwas Geschäftliches mit dir besprechen.“

„Etwas Geschäftliches?“, wiederholte sie. Also hatte sie sich geirrt. Er war doch ihretwegen hier. „Über welches Geschäft?“, fragte sie misstrauisch.

Er knöpfte seine Jacke auf. „Vielleicht sollten wir lieber drinnen weitersprechen, dort ist es kühler“, schlug er mit einem Blick auf ihr Haus vor.

Sie wurde unruhig. Der Gedanke, dass Vitor d’Arcos in ihr Haus kam, gefiel ihr gar nicht. Er sollte lieber weit weg bleiben. Egal, um welches Geschäft es ging, da sie jetzt wusste, dass er ihr nicht nachspioniert hatte, wollte sie nur noch, dass er so schnell wie möglich verschwand.

„Mein Studio wäre besser geeignet“, erklärte sie. „Ich war gerade dabei, eine Kachel zu bemalen, und würde gern fertig werden, bevor sie trocknet. Hier entlang“, sagte sie und ging den Weg zurück.

„Aye, aye, Captain“, murmelte Vitor hinter ihr.

In ihrer Werkstatt stellte Ashley sich hinter den Tisch. Versteckte sie sich dahinter? Wahrscheinlich schon, denn Vitor d’Arcos hatte eine so starke Wirkung auf sie, dass sie lieber einen guten Sicherheitsabstand zwischen ihnen ließ. In der Eile war ihr das T-Shirt über die Schulter gerutscht. Schnell schob sie es wieder zurück. „Und?“, fragte sie.

Er betrachtete die ausgestellten Artikel. „Darf ich mich einmal umschauen?“

„Ja“, antwortete sie knapp.

Eigentlich wollte sie weitermalen, aber als Vitor die Hände in die Hosentaschen steckte und interessiert ihre Kacheln betrachtete, konnte sie den Blick nicht von ihm wenden. Er hatte sich kaum verändert. Die Falten auf seiner Stirn hatten sich etwas tiefer eingegraben, und an den Schläfen zeigten sich erste silbrige Strähnen, aber Vitor d’Arcos war und blieb ein nicht gerade schöner – seine Nase war zu markant und sein Kinn zu ausgeprägt –, aber durchaus faszinierender Mann.

Während sie ihn eingehend betrachtete, fiel das Sonnenlicht auf seine linke Gesichtshälfte. Vom Auge bis zum Kiefer zog sich eine schmale weiße Linie, die im Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut stand. Ashleys Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Die Narbe stammte wahrscheinlich von dem Versuch, Simon aus dem Unglücksfahrzeug zu retten. Damals, als er sie so wütend verurteilt hatte, hatte sie gar nicht an seine Verletzungen gedacht.

„Du hast einen ausgeprägten Sinn für Stil“, lobte Vitor.

„Danke“, erwiderte sie und begann mit ihrer Arbeit.

„Ich bin wegen deiner Kacheln gekommen.“

Er hatte die Hände noch in den Hosentaschen, und als er breitbeinig vor ihr stand, spannte der Stoff seiner grauen Hose an den Oberschenkeln. Ashley wünschte, er würde nicht so vor ihr stehen. Er war einfach zu männlich. Außerdem wünschte sie, er würde aufhören, in Rätseln zu sprechen, damit sie ihn verstehen konnte.

„Möchtest du einige kaufen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe eine Baufirma aufgekauft, die Bankrott gegangen ist, und zu deren Besitz gehört das Land, von dem dein Grundstück umgeben ist.“

Verwirrt sah Ashley ihn an. „Jetzt gehört das Land dir?“ An ihre Malerei dachte sie nun nicht mehr. „Aber … In diesem Fall …“ Verzweifelt versuchte sie, sich daran zu erinnern, was Leif ihr gesagt hatte. „Dieses internationale Unternehmen gehört dir?“, wollte sie wissen.

Er nickte. „Du wirst dich vielleicht nicht mehr erinnern, aber während meiner Zeit als Rennfahrer hatte ich eine Firma.“

Sie erinnerte sich gut. Jedes Wort, das Vitor d’Arcos zu ihr gesagt hatte, war in ihrem Gedächtnis haften geblieben. Bevor man Vitor überredet hatte, im Alter von dreißig Jahren in ein Rennauto zu steigen, hatte er an der Harvard Universität ein Architekturstudium abgeschlossen. Ihr war bekannt, dass er bei einer europäischen Firma Erfahrungen gesammelt und dann sein eigenes Unternehmen gegründet hatte. Neben den Formel-1-Verpflichtungen war er gleichzeitig denen in seinem Betrieb nachgekommen. Was sie jedoch nicht wusste, war, was Vitor nach Simons Tod mit dem Geschäft gemacht hatte. Sie hatte nur gehört, dass er sich vom Rennsport zurückgezogen hatte. Anfangs hatte sie sich absichtlich nicht mehr nach ihm erkundigt, weil sie vor dem Mann, der sie so verletzt hatte, zurückschreckte. Aber heute lag ihr Mangel an Informationen über ihn eher daran, dass sie keinen Fernseher hatte und selten Geld für Zeitschriften ausgab.

„Aus deiner Firma ist ein Großunternehmen geworden?“

„Ja, sie hätte schon früher größer sein können – ich verfügte über das nötige Know-how –, aber als Rennfahrer hatte ich weder Zeit noch überschüssige Energie, um das Geschäft zu vergrößern. In den letzten beiden Jahren habe ich mich jedoch ausschließlich um den Betrieb gekümmert, sodass er jetzt, ebenso wie deiner, enorm gewachsen ist.“ Ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. „Ich habe momentan Niederlassungen in New York, Sao Paulo und Lissabon.“

„Und eine im Zentrum von Praia do Carvoeiro“, erinnerte sie ihn.

„Korrekt, aber wir verfügen nur über drei Zimmer und suchen schnellstmöglich etwas Größeres.“

Hoffentlich weit weg von hier! wünschte Ashley im Stillen. Viele Kilometer weit. Als Chef bist du wahrscheinlich nicht oft in Praia do Carvoeiro, aber für meinen Seelenfrieden wäre es besser, wenn du überhaupt nicht hier aufgetaucht wärst.

„In Portugal sind wir bisher nur in Lissabon und im Norden vertreten, haben jedoch letztlich den Beschluss gefasst, meinen besonderen Stil auch an die Algarve zu bringen.“

Seinen Stil? Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Es klang so, als würde er der Region einen Gefallen tun und nicht eine protzige, aufdringliche und ihrer Meinung nach völlig überflüssige Touristenattraktion aufbauen.

„Deshalb erschließt“, das Wort klang beißend, „ihr jetzt das Land um mein Grundstück?“, fragte Ashley und ging auf ihn zu.

„Ja, aber …“

Sie unterbrach ihn. „Mit Meeresblick nach Süden und der Serra de Monchique im Norden ist dies ein wundervolles Gebiet, nicht wahr?“

„Ja, obschon …“

„Derjenige, der jetzt Konkurs angemeldet hat, hatte sich überhaupt keine Gedanken um die Umwelt gemacht, aber von dir hätte ich mehr Vernunft erwartet“, warf Ashley ihm vor. „Du bist doch Architekt, jemand, der diesen Planeten verschönern und ihn nicht mit grässlichen, schlecht platzierten Metallteilen verunzieren soll. Glaubst du nicht, dass aufgrund der Höhenlage die Rutschen und Rohre meilenweit zu sehen sein werden? Ganz bestimmt“, insistierte sie, als Vitor protestieren wollte. „Ich bin schon an diesen Freizeitparks vorbeigefahren, und sie sind alle in Türkis oder Hellblau gestrichen.“ Ashley schüttelte sich. „Macht es dir denn nichts aus, dass die Straßen für starken Verkehr ungeeignet sind und ruiniert werden, wenn die Autos zu Hunderten anrollen? Ist es dir egal, wenn man da, wo jetzt Vögel zwitschern, bald nur noch Pop-Musik in voller Lautstärke und von morgens bis abends Lautsprecheransagen hören wird? Ja, wahrscheinlich schon!“

„Oh nein“, entgegnete Vitor, und um seine Mundwinkel zuckte es, als wäre er über ihre Heftigkeit amüsiert.

Ashley kochte vor Wut. „Was ist mit den Bäumen, die gefällt werden? Was geschieht mit der natürlichen Landschaft, die eingeebnet werden muss? Welche Störungen werde ich ausgesetzt sein?“

„Ich habe mich geirrt, du hast dich doch verändert“, bemerkte er. „Du bist selbstsicherer und …“ Sein Blick fiel auf ihre Brüste, die sich unter dem T-Shirt hoben und senkten. „… dein Busen ist voller geworden.“

Diese Bemerkung traf sie völlig unvorbereitet. Ihr fehlten die Worte. Sie wusste nicht, ob sie schreien, die Arme vor der Brust verschränken oder ihn schlagen sollte.

„Vielen Leuten gefallen die Freizeitbäder gut, aber es gibt schon zwei in der Nähe, sodass kein weiteres erforderlich ist“, sagte sie mit glühenden Wangen. „Ich habe den Behörden schon mitgeteilt, dass ich nicht einverstanden bin. Da die Genehmigung jedoch bereits erteilt worden war, habe ich nicht weitergekämpft. Jetzt aber werde ich eine offizielle Beschwerde einlegen, egal, ob die Änderung der Eigentumsverhältnisse bei der Gewährung der Genehmigung eine Rolle spielt. Morgen früh werde ich zum Planungsbüro gehen und ein Gespräch mit dem Chef verlangen. Dann werde ich eine Unterschriftenaktion starten! Glaub also nicht, dass …“

„Darf ich auch einmal etwas sagen?“, bat Vitor ruhig.

Ashleys Augen funkelten vor Wut. „Ja, bitte.“

„Wir errichten gar kein Freizeitbad“, sagte er und unterbrach ihre Tirade.

Sie starrte ihn an. „Nein?“

„Auch ich bin der Meinung, dass es eine Sünde wäre, hier eins zu bauen.“

„Oh!“ Ashley kam sich absolut idiotisch vor. „Was planst du denn mit dem Land?“

„Ferienhäuser sollen hier einmal stehen. Fünf Schlafzimmer, Doppelgarage, jedes in einem anderen Stil und freistehend. Jedes Haus hat einen Garten, der die landschaftlichen Gegebenheiten berücksichtigt, und die Bäume bleiben stehen. Außerdem verfügen alle Häuser über einen Pool, eine Grillterrasse und einen Whirlpool.“

„Nobel“, sagte sie leise, denn es gefiel ihr zwar nicht, dass seine Firma beteiligt war, aber Ferienhäuser hatte sie sich hier schon lange gewünscht.

„Das werden sie sein“, behauptete Vitor. „Deshalb möchten wir gern dein Haus kaufen.“

Ashley sah ihn fassungslos an. „Mein Haus?“

„Das Land wurde schon vermessen, Pläne sind gezeichnet, und dein Haus liegt genau im Zentrum der Anlage.“

„Und?“

Vitor lächelte schief. „Uns wäre lieber, wenn du nicht hier wohnen würdest.“

2. KAPITEL

Ashley presste die Lippen zusammen. Jetzt war ihr klar, warum Vitor so versöhnlich schien. Seine Haltung hatte nichts mit der Vergangenheit zu tun, sondern er wollte sie aus ihrem Haus vertreiben. Erst sollte sie weich werden, und dann würde er sich auf sie stürzen!

„Du glaubst wohl, dass das alte Haus nicht zu den geplanten Luxushäusern passt, und willst es kaufen, um es dann abreißen zu lassen“, vermutete sie zornig.

Er ging zu der geöffneten Tür und betrachtete das Haus mit den kleinen Fenstergittern, den weiß gestrichenen Läden und den mit violetter Bougainvillea bewachsenen Mauern.

„Im Gegenteil, so ein Haus kann nur von Nutzen sein“, antwortete er. „Paulo hat vorgeschlagen, hier einen Club für die Bewohner der Feriensiedlung einzurichten, und die Idee erscheint mir ganz gut.“ Er sah sie an. „Wir möchten das Grundstück kaufen, weil wir glauben, dass ein Geschäft mitten im Wohngebiet stören würde. Aus diesem Grund möchte ich dir ein Angebot machen.“

„Nein, danke.“

„Du kennst es doch noch gar nicht“, meinte Vitor sachlich.

„Trotzdem …“

„Was wir dir vorschlagen“, sagte er mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete, „ist, einen Grundstücksmakler deiner Wahl um eine unabhängige Bewertung des Geländes zu bitten, und auf die dabei entstehende Summe zahlen wir noch fünf Millionen Escudos dazu. Das sind beim heutigen Wechselkurs …“ Er rechnete schnell und nannte eine große Summe. „Dieser Betrag ist der Dank für deine Bereitschaft zum Verkauf und eine Entschädigung für die ganze Aufregung. Meine Firma wird natürlich sämtliche Ausgaben für Formalitäten und deinen Umzug übernehmen. Bevor du dich entscheidest, willst du sicher Rat einholen, aber vielleicht kannst du mir vorab schon eine Antwort geben?“

„Kein Interesse“, erwiderte sie und ging hinaus in die Sonne.

Vitor folgte ihr. „Du würdest ein gutes Geschäft machen.“

„Das bestreite ich nicht. Aber erstens wohne ich gern hier, und zweitens kann ich nicht einsehen, warum mein Laden irgendjemanden stören sollte.“

„Was ist mit den Touristen, die zu Fuß oder mit dem Auto hierher kommen, um deine Arbeit anzusehen? Werden sie dir nicht lästig sein und Lärm machen?“

„Nein, denn es sind nur wenige, die kommen.“

Ungeduldig schaute er sie an. „Du sagest doch, dass dein Geschäft gut läuft, und laut Paulo …“

„Wer ist Paulo?“, unterbrach ihn Ashley.

„Der Mann, der für die Entwicklung zuständig ist und der das Büro leiten wird. Seit einer Woche wohnt er im Dorf.“

„Hat Paulo dir gesagt, dass die Hausbesitzerin Kacheln bemalt?“

„Ja. Er hat dein Schild gesehen und sich im Ort umgehört.“

„Du willst wohl sagen, dass deine Spione schon ein geheimes Dossier über mich angefertigt haben“, warf sie ihm vor.

Langsam wurde er ärgerlich. „Da dein Haus mitten auf unserem Gelände steht, ist es doch wohl selbstverständlich, dass wir uns erkundigt haben. Gut, dass wir es getan haben, denn was haben wir gefunden: ein blühendes Unternehmen! Paulo sagt, dass in jedem Geschäft in Praia do Carvoeiro Karten ausliegen, die jedermann einladen, deine Kacheln anzuschauen, und …“

„Durch die Karten wurden noch nicht viele Kunden angelockt. Es könnten gern noch mehr werden, aber das Haus steht zu abgelegen. Die meisten Kacheln verkaufe ich auf Bestellung.“

„Wer dir einen Auftrag erteilt, kommt doch sicher zuerst hier vorbei, um deine Arbeiten anzusehen. Danach erscheinen die Leute sicher ab und zu, um sich nach dem Fortgang der Dinge zu erkundigen. Kommen sie mit dem Auto?“

„Nun … ja.“

„Und dein Nachschub“, er zeigte auf einen Stapel unglasierter Kacheln vor dem Geschäft, „wird sicher mit Lastwagen geliefert. Man benötigt kein abgeschlossenes Soziologiestudium, um zu erkennen, dass Leute, die ihr schwer verdientes Geld in ein teures Haus in entsprechender Gegend investieren, nicht gerade begeistert sein werden, wenn vor ihrer Haustür ein ständiges Hin und Her von Fahrzeugen zu beobachten ist.“

„Das klingt gerade so, als würden täglich riesige Brummer vorfahren“, sagte Ashley spitz. „Meine Ware kommt mit dem Lieferwagen, und das nur ein- bis zwei Mal im Monat.“

„Dennoch kann man von einem gewissen Geschäftsaufkommen sprechen“, beharrte Vitor auf seiner Meinung.

„Ich werde nicht verkaufen“, wiederholte Ashley.

Seine Gesichtsfarbe wurde dunkler, und er murmelte einige Worte in Portugiesisch, die sie zwar nicht verstehen konnte, die aber keinesfalls schmeichelhaft klangen.

„Was ist, wenn ich mein Angebot erhöhe?“

Ashley schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Und ich hielt dich einmal für clever“, bemerkte er.

„Was willst du damit sagen?“

„Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind Grundstücke in Portugal relativ günstig, sodass du mit dem Verkaufserlös ein Haus in einer besseren Gegend erwerben könntest. Du selbst erwähntest, dass viel renoviert werden müsse. Ziehe in ein neues Domizil in zentraler Lage, und du wirst viel mehr Kunden haben“, erklärte Vitor in einem Tonfall, der zwischen Verärgerung und Sachlichkeit schwankte.

Ashley warf einen Blick auf ihr Zuhause. Sein Vorschlag klang zwar ganz verlockend, aber sie wollte sich nicht verführen lassen. Vitor d’Arcos hatte ihr Leben schon einmal fast verändert, jetzt sollte er keine Gelegenheit mehr dazu haben. Das wollte sie um jeden Preis verhindern. Diesmal traf sie die Entscheidungen und regelte alles. Wenn sie ihr Heim irgendwann einmal verkaufen würde, dann aus freien Stücken und nicht, um Vitor einen Gefallen zu tun. Außerdem hatte er unrecht. Ihr Laden würde durch die Lieferanten nicht sehr stören. Der Ausdruck eines leichten Zweifels zeigte sich auf ihrem Gesicht. Vielleicht wollte sie das großzügige Angebot auch deshalb nicht annehmen, weil sie sich Vitor gegenüber dann verpflichtet fühlen würde. Nein, danke. Jede unnötige Verbindung mit ihm musste vermieden werden.

„Nein“, sagte sie erneut.

Er warf ihr einen eiskalten Blick zu. „Ich wäre dankbar, wenn du über meinen Vorschlag wenigstens dreißig Sekunden in Ruhe nachdenken würdest.“

Ashley warf einen Blick auf die Uhr und schaute zum Haus. Thomas würde jeden Moment wach werden. Manchmal kletterte der Kleine aus seinem Bettchen und spielte eine Weile drinnen, aber meistens kam er auf die Terrasse und verlangte etwas zu trinken.

„Es gibt nichts zu überlegen, ich habe nicht den Wunsch zu verkaufen, und diese Entscheidung ist endgültig.“ Sie sah kurz zur Einfahrt. „Auf Wiedersehen.“

Vitor verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich erinnere mich gut an deine spontane, impulsive Art.“

Ashleys Herz krampfte sich zusammen. Sie wusste genau, worauf er anspielte, und hatte das entsprechende Ereignis noch gut vor Augen. Diese Bemerkung wollte sie schon mit einem heftigen „dito“ beantworten, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, und sie hatte nicht das Bedürfnis, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

„Du siehst die Sache mit dem Geschäft viel zu eng“, verkündete sie. „Niemand wird sich über gelegentliche Besuche und einen Lieferwagen, der im Abstand von vierzehn Tagen kommt, aufregen.“

„Durch deinen Betrieb wird die Nachbarschaft gestört werden“, behauptete er erneut.

Wieder schaute sie zum Haus und lauschte. Hatte Thomas gerufen? Nein, sie hatte sich wohl verhört.

„Das mag deine Ansicht sein, aber ich teile sie nicht. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst …“

„Weil ich noch einige Telefonate führen und bestimmte Dinge erledigen musste, bin ich heute schon sehr früh aufgestanden. Dann bin ich 350 Kilometer von Lissabon aus gefahren, um mit dem Eigentümer dieses Hauses zu reden.“

„Du dachtest wohl, du müsstest nur in deinem eleganten Anzug erscheinen und dein charmantes Lächeln zeigen, und jeder würde dir begeistert zustimmen“, meinte Ashley, bevor er weiterreden konnte.

Er biss die Zähne zusammen. „Ich dachte, der Eigentümer würde es gutheißen, dass ich mir die Zeit nehme, um persönlich mit ihm zu verhandeln“, entgegnete er wütend. „Ich wollte demonstrieren, dass wir uns Gedanken machen und einen akzeptablen und für alle Seiten zufriedenstellenden Weg suchen. Einzig aus diesem Grunde bin ich selbst hierhergekommen.“

„Wenn der Firmenchef der bekannte ehemalige Formel-1-Fahrer Vitor d’Arcos ist, dann kann ihm wohl kaum jemand widerstehen.“

Er ballte die Hand zur Faust, und es schien fast, als hätte er sich am liebsten auf sie gestürzt.

„Vor zwei Jahren bin ich zuletzt an den Start gegangen, und seitdem habe ich keine Interviews mehr gegeben und den Kontakt mit den Medien vermieden. Wenn du nicht mehr im Rampenlicht stehst, wirst du schnell vergessen. Formel- 1-Fans werden sich noch an mich erinnern, aber ich versichere dir, dass ich für die meisten ein ganz normaler Typ bin.“

Ashley schwieg. Während er an seine Worte glaubte und vielleicht wirklich nicht mehr in der Öffentlichkeit bekannt war, so erschien er doch zu dominant, vital und attraktiv, um als „normaler Typ“ bezeichnet zu werden.

„Ich fahre hierher, um mit dem Hauseigentümer zu verhandeln, verbringe meine Zeit mit Paulo im Büro, esse etwas, bevor ich nach Lissabon zurückkehre, aber …“

„Fährst du heute noch nach Lissabon zurück?“, fragte Ashley, erstaunt über einen so strapaziösen Tagesablauf.

„Ja, aber was passiert, nachdem ich in Praia do Carvoeiro angekommen bin? Zuerst stecke ich in einem Stau, und dann stehe ich einer unheimlich sturen Frau gegenüber, die sich jedem vernünftigen Argument verschließt.“

„Du glaubst, du brauchst nur zu rufen, und alle tanzen nach deiner Pfeife“, forderte Ashley ihn heraus.

„Du solltest ernsthaft über meinen Vorschlag nachdenken“, erwiderte er. „Ich erwarte keine sofortige Antwort. Mein Angebot wirst du schriftlich erhalten, und du kannst dann mit deinem Makler und deinem Anwalt darüber sprechen.“

„Das ist nicht nötig.“

Mit der flachen Hand schlug er gegen die Wand des Ladens, sodass Ashley vor Schreck zusammenzuckte.

„Was soll ich noch tun? Auf die Knie fallen und dich anflehen?“

Sie lächelte. Vitor war ein temperamentvoller Mann, was seine Reaktion gerade gezeigt hatte, und sie bezweifelte, dass er schon jemals in seinem Leben inständig um etwas hatte bitten müssen.

„Du könntest es ja mal versuchen.“

Er schien nachzudenken. „Ist deine Weigerung, mein Angebot zu überdenken, eine späte Rache für das, was ich in Adelaide zu dir sagte?“, fragte er vorsichtig. „Falls es so ist, möchte ich dich um Verzeihung bitten. Es war bedauerlich dass ich dich gerade in diesem Moment angegriffen hatte. Ich habe mich wie ein Schuft benommen.“

„Allerdings“, stimmte Ashley ihm zu.

„Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass der Unfall mir einen Schock versetzt hatte.“

„Deine Meinung hast du aber nicht geändert.“

Vitor wich ihrem Blick nicht aus. „Nein.“

„Es geht nicht um Rache“, meinte sie in scharfem Ton. „Egal, was du denkst, ich habe keine Probleme mit den Umständen, unter denen Simon starb.“

Einen Augenblick lang schwieg er. „Warum bist du dann so dickköpfig?“

„Das bin ich gar nicht.“

„Und ob! Ich habe dich nur gebeten, über meinen Vorschlag in Ruhe nachzudenken … Hast du eigentlich eine Genehmigung?“, fragte Vitor plötzlich.

„Wozu?“

„Um auf diesem Grundstück ein Geschäft zu betreiben.“

Als sich ihre Blicke trafen, änderte sich Ashleys Gesichtsausdruck, und sie fühlte sich in die Enge getrieben. Simon hatte ihr einmal erzählt, dass ein Formel-1-Fahrer, der während des Rennens einmal blinzelt, vergleichbar sei mit jemandem, der fünfundzwanzig Meter weit mit geschlossenen Augen fahre. Vitor starrte sie unerbittlich an.

„Äh … nicht direkt“, murmelte sie.

„Was bedeutet das?“

„Nun, bevor ich mein Geschäft eröffnete, hatte ich das Antragsformular an die zuständige Behörde geschickt, aber ich bekam keine Antwort. Nach einem Monat rief ich dort an, und man teilte mir mit, dass ich bald eine Nachricht erhalten würde. Als das nicht geschah, meldete ich mich einen Monat später erneut, und man sagte mir das Gleiche. Seitdem habe ich nichts mehr gehört und …“

„Dann hast du die Sache vergessen“, vervollständigte er ihren Satz, als sie die Hände hilflos ausstreckte.

Sie nickte. Warum hatte sie nicht einfach gelogen und gesagt, sie hätte eine Genehmigung? Vielleicht hätte er ihr geglaubt. Andererseits war sie keine gute Lügnerin, und seinen Augen entging nichts, sodass sie ihm nur die Wahrheit sagen konnte.

„Die Bürokratie scheint hier sehr schwerfällig zu sein, aber ich bin sicher, dass ich meine Papiere noch erhalte“, erklärte sie nachdrücklich.

Vitor lockerte den Knoten seiner Krawatte. „Vier Monate sind eine verdammt lange Zeit, auch für Portugal“, bemerkte er. „Vielleicht ist dein Antrag verloren gegangen. Jedenfalls hast du nie eine offizielle Erlaubnis erhalten, sodass du hier illegal ein Geschäft betreibst.“ Er grinste teuflisch. „Statt dass du dich bei den Behörden über meinen angeblich geplanten Parque Aquático beschwerst, sollte ich mich vielleicht über deinen Betrieb beschweren.“

Trotz der Hitze fröstelte Ashley. Verstieß sie gegen ein Gesetz? Wenn Vitor sie anzeigte, würde sie dann verklagt werden und eine Strafe zahlen müssen? Würde man ihr Geschäft schließen?

„Willst du mir drohen?“, fragte sie betont lässig, um ihre Angst zu verbergen.

„Was glaubst du?“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

„Mehr kann ich dir nicht sagen“, erwiderte er mit samtener Stimme.

Geistesabwesend zupfte Ashley an ihrer ausgefransten Shorts. Irgendwie lief alles schief. Vitor war in freundlicher Absicht gekommen, zwar eigennützig, aber wie hatte sie reagiert? Stur und mit schnippischen Bemerkungen. Sie hatte nicht die Absicht, ihr Zuhause aufzugeben, aber es wäre dumm, wenn die Stimmung zwischen ihnen zu gereizt werden würde. Vitors Unterstützung war ihr nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft äußerst nützlich. Deshalb war es nicht nur kurzsichtig, sondern auch gefährlich, wenn sie ihn sich jetzt zum Feind machte.

„Es tut mir leid, dass du sauer bist, weil ich nicht verkaufen will und dass wir über den Wert meines Ladens uneinig sind, aber warum warten wir nicht, bis alle Ferienhäuser bewohnt sind und lassen dann die Eigentümer abstimmen? Wenn sie gegen das Geschäft sind, ziehe ich um.“ Sie zeigte ihm ihr schönstes Lächeln, mit dem sie früher Industriebosse und Kunden gleichermaßen bezaubert hatte. „Einverstanden?“

„Um dein Lieblingswort zu benutzen – nein.“

Ihr Lächeln verschwand. „Nein?“

„Soll ich buchstabieren: n-e-i-n.“

Wieder schaute Ashley zum Haus. Warum musste er jetzt Streit anfangen? Warum konnte er nicht akzeptieren, dass sie sich seinen Wünschen nicht fügen wollte? Wieso ging er nicht endlich? Er sollte nicht mehr da sein, wenn Thomas auftauchte, und das konnte jeden Augenblick geschehen.

„Dann verhalten wir uns eben wie zivilisierte Erwachsene und akzeptieren unsere unterschiedlichen Standpunkte“, sagte sie und kam sich vor wie eine Kummerkastentante, die kluge Ratschläge erteilte.

„Auf mich treffen die Worte ‚zivilisiert‘ und ‚erwachsen‘ zu, aber bei dir habe ich Zweifel“, meinte Vitor und wischte sich mit einem weißen Taschentuch feine Schweißperlen von der Stirn.

Nochmals zeigte Ashley ihr berühmtes Lächeln. „Dann schick mir deinen Brief. Ich werde alles überlegen und dir dann so schnell wie möglich meine Antwort übermitteln.“

„Du willst mich nur beschwichtigen“, warf er ihr vor.

„Nirgendwo steht geschrieben, dass wir uns streiten sollen“, meinte sie und hoffte, dass das Gespräch ein freundliches Ende nahm, nur sollte es sofort enden.

Bei ihrer Aufregung war das T-Shirt schon wieder verrutscht, und Vitor streckte die Hand aus.

„Du meinst, wir sollten uns lieben, statt uns zu bekämpfen“, vermutete er und strich mit den Fingerspitzen sanft über ihre runde weiche Schulter.

Das habe ich nicht gemeint, dachte Ashley verzweifelt. Jedenfalls nicht so, wie der Klang seiner Stimme andeutete und der Blick aus seinen dunklen Augen verheißt. Eigentlich sollte sie jetzt eine spöttische Bemerkung machen, um die Situation ins Lächerliche zu ziehen, aber ihr fiel nichts Passendes ein. Sie spürte nur noch Vitors Berührung, die zärtliche Liebkosung, die sie völlig verwirrte. Sie schluckte und befahl sich wegzugehen, aber ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen. Was ist los mit mir? fragte sie sich. Es war für sie kein Problem, Leifs Annäherungsversuche abzuwehren, warum konnte sie sich nur jetzt nicht losreißen?

„Wir könnten uns wenigstens als Fr… Freunde trennen“, stammelte sie.

„Als Freunde?“

Eigentlich wünschte sie kein Eindringen in ihre Privatsphäre, aber Vitors Berührung war einfach wundervoll.

„J… ja“, brachte sie mühsam heraus.

„Auf Wiedersehen, meine Freundin“, sagte Vitor, zog sie an sich und küsste sie.

Seine Lippen fühlten sich warm und weich an, und sein Kuss war sanft. Überrascht öffnete Ashley den Mund, um zu protestieren, als sich auch seine Lippen öffneten. Ihr Atem vermischte sich mit seinem, und sie spürte seine Zunge in ihrem Mund. Plötzlich war Ashley sehr erregt, und ihr wurde heiß. Es passiert wieder, dachte sie. Lauf weg, Dummkopf! mahnte sie eine innere Stimme. Du weißt, wohin das schon einmal geführt hat. Du hast doch deine Lektion schon erhalten. Trotzdem rührte Ashley sich nicht von der Stelle.

Vitor legte die Arme um sie, zog sie näher an sich heran und küsste sie leidenschaftlich. Ihn zu spüren und zu schmecken war wie eine Droge. Sie hatte gedacht, diese Droge habe keine Macht mehr über sie, aber sie musste feststellen, dass sie immer noch süchtig danach war.

„Mama!“

Dieser Ruf wirkte wie eine Dusche mit kaltem Wasser, und Ashley kam wieder zu sich. Sie befreite sich aus Vitors Armen und drehte sich um. Thomas stand fröhlich lächelnd auf der Terrasse. Seine braunen Locken waren zerzaust und seine Wangen noch vom Schlaf gerötet. Gut, dass du mich gerettet hast, dachte sie, aber gleich darauf war sie bestürzt. Keinesfalls hatte Vitor das Kind sehen sollen, aber nun …

„Hallo, mein Schatz“, rief sie, lief zu ihm und nahm ihn auf den Arm. Sie drückte seinen Kopf an ihre Schulter. „Ich muss gehen“, sagte sie ihrem Besucher freundlich lächelnd. „Auf Wiedersehen.“

„Ich wusste, dass du einen Sohn hast, aber ich hatte keine Ahnung, dass er im Haus war. Da du berufstätig bist, ging ich davon aus, dass er bei einer Kinderfrau untergebracht sei.“

Ihr war es sehr wichtig, dass sie sich selbst um Thomas kümmerte.

„Glaubst du nicht, dass er noch zu jung ist, um ihn in Pflege zu geben?“

„Ja, aber …“

„Der Meinung bin ich auch. Vor seiner Geburt beschloss ich, in den ersten Jahren bei ihm zu Hause zu bleiben, da er an erster Stelle kommen sollte.“

„Da er keinen Vater hat, wolltest du als Mutter wohl immer für ihn da sein“, meinte Vitor.

Sie nickte kurz. „Am Tag male ich nur, wenn Thomas schläft, und ab und zu spielt er friedlich allein, während ich arbeite. Am meisten schaffe ich jedoch abends, wenn er im Bett liegt. Leider muss ich jetzt …“

„Darf ich ihn mir nicht einmal ansehen?“, bat Vitor. „Er ist doch schließlich Simons Sohn.“

Ashley hätte am liebsten laut aufgeschrien. Nachdem sie heute schon alle möglichen Gefühle durchlebt hatte, stand die Katastrophe nur kurz bevor. Sie legte die Hand auf Thomas’ Kopf, damit Vitor sein Gesicht nicht sehen konnte. Sollte sie sagen, dass sie das Kind wickeln müsse? Oder sollte sie eine ansteckende Krankheit erfinden? Es blieb keine Zeit mehr, sich eine Geschichte auszudenken, denn Thomas fühlte sich in der festen Umklammerung nicht wohl, zappelte hin und her und schaute seiner Mutter über die Schulter.

Vitor grinste den kleinen Kerl an. „Hallo“, begrüßte er ihn.

Während der Kleine ihn ernst ansah, raste Ashleys Herz, denn Vitor betrachtete Thomas genau. Was er wohl denkt? fragte sie sich aufgeregt.

Würde er … Könnte er … Und wenn …

„Er sieht nicht aus wie Simon“, stellte Vitor fest. „Er ist dunkler.“

„Ja.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Meine Mutter schwört, dass er genau wie mein Bruder in dem Alter aussieht.“

„Wie heißt er?“

„Thomas.“

„Hallo, Thomas“, sagte Vitor und sprach das „S“ wie „Sch“ auf portugiesische Art aus.

Das Kind betrachtete Vitor weiterhin ernst.

„Im Moment hat er eine schüchterne Phase“, erklärte Ashley, „und er ist besonders vorsichtig bei Männern. Ich habe einen dänischen Geschäftspartner, und Thomas möchte mit Leif nichts zu tun haben, obwohl er ihn gut kennt und gern mit seinem Lieferwagen fährt. Oh!“, rief sie völlig überrascht, als Thomas ihre Angaben ignorierte und sich in Vitors Arme stürzte.

„Alo“, sagte Thomas und lächelte ihn an.

„Was hast du in der Hand?“, wollte Vitor wissen. „Ich hatte auch so ein Auto, als ich klein war“, erklärte er, nachdem Thomas seine Faust geöffnet hatte. „Am Strand fuhr es brrm, brrm über die Sandberge.“

Der Kleine lachte. „Brrm, brrm“, wiederholte er,

Erstaunt sah Ashley ihren Sohn an. Vitors Imitation eines Motors hatte einen typisch portugiesischen Klang, und Thomas hatte diesen genau nachgemacht. Vitor, der den Jungen auf dem Arm hielt, betrachtete Ashley nun eingehend. Die beiden schienen sich gut zu verstehen. Während Thomas sein Auto über Vitors Schulter rollen ließ, zeigte er mit seinem Lächeln, dass Vitor ihm gefiel. Der machte den Eindruck, als wäre er den Umgang mit Kindern gewohnt. Vielleicht war er das auch. Er hatte zwar vor zwei Jahren mit dem gertenschlanken Model Celeste zusammengelebt, doch Ashley hatte sich nicht vorstellen können, dass sie einmal heiraten würden. Aber warum nicht? Er könnte inzwischen sogar eine Familie haben. Sie zog die Stirn in Falten. Es war zwar albern, aber der Gedanke, dass Vitor verheiratet sein könnte, gefiel ihr gar nicht. Wahrscheinlich wäre es besser für sie, wenn er verheiratet wäre. Viel besser!

„Saft“, verlangte Thomas, der sich plötzlich daran erinnerte, dass er Durst hatte.

„Wie bitte?“, fragte sie.

Der Kleine grinste. „Saft, bitte.“

„Glaubst du, dass deine Mami mir auch etwas zu trinken gibt, wenn ich so schön Bitte sage wie du?“, fragte Vitor das Kind, das er noch immer auf dem Arm hielt. „Sie will mich schnell loswerden, aber bei der Hitze und den Wortgefechten …“Er sah sie von der Seite an. „… verdurste ich armer Reisender bald.“

Ashley seufzte. Die erste Hürde war zwar genommen, aber sie wartete darauf, dass er endlich ging. Ihm ein Getränk zu verweigern wäre jedoch zu unhöflich.

„Was möchte der müde Reisende denn gern? Orangensaft, selbst gemachte Limonade oder ein Glas Bier?“

„Bier wäre genau das Richtige.“

„Hier entlang“, sagte Ashley und führte ihn zum Haus.

„Runter“, verlangte Thomas, als sie in der Küche angekommen waren.

„Wie heißt das?“, wollte Vitor wissen.

Strahlend erwiderte der Junge: „Bitte.“

„In Ordnung“, lobte Vitor und stellte ihn auf den Boden.

Sich seiner Wirkung auf das Publikum bewusst, zeigte Thomas erneut sein schönstes Lächeln.

„Danke“, sagte er ungewöhnlich höflich und ging zu seiner Spielkiste, die in einer Ecke des Raumes stand.

„Du sagtest, dass du das Haus gemütlich eingerichtet hast“, bemerkte Vitor, der sich umschaute, „aber es ist noch mehr als das. Es ist eine Augenweide.“

Leif drängte sie ständig, die Küche auf seine Kosten zu modernisieren, aber Ashley hatte sich geweigert. Nachdem sie die alten Kiefernmöbel gründlich gesäubert hatte, bildete das gebleichte Holz jetzt einen wirkungsvollen Kontrast zu den in Naturweiß gestrichenen Wänden. Mit den Strohmatten, den in Gelb und Weiß gehaltenen Vorhängen und den Aquarellen, die Obst und Gemüse darstellten, war die Küche sehr wohnlich.

Nun betrachteten sie das Wohnzimmer. Es war in einem warmen Rotton gestrichen, der zum dunklen Holz und den Messinggriffen der Möbel ihres Großvaters passte. Smaragdgrüne und topasfarbene Läufer lagen auf dem Terracottafußboden, und Vorhänge, Sofa- und Sesselbezüge hatte Ashley aus einem schweren cremefarbenen Stoff genäht. Bunte Kerzen standen in hohen Leuchtern. Muscheln, die sie mit Thomas gesammelt hatte, waren in Glasbehältern ausgestellt, und in dem Kamin aus Naturstein stand ein großes Tongefäß mit Wiesenblumen. Ashley lächelte. Obwohl sie nicht viel Geld für die Einrichtung zur Verfügung gehabt hatte, war sie mit dem Ergebnis zufrieden und fühlte sich durch Vitors Kompliment geschmeichelt.

„Ich wollte gern ein mediterranes Ambiente schaffen“, erklärte sie, während sie ihrem Sohn einen Becher mit Orangensaft gab.

„Das ist dir gelungen. Deine künstlerischen Fähigkeiten erstrecken sich auch auf das Einrichten von Wohnungen.“ Vitor nahm das volle Glas entgegen und trank das Bier in einem Zug. „Nektar“, meinte er begeistert und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. „Warum bist du nach Portugal gezogen?“, fragte er und lehnte sich an den Tisch.

„Wegen dieses Hauses“, entgegnete sie prompt.

„Du hättest es doch verkaufen und dir von dem Erlös etwas in England kaufen können. In einem fremden Land zu leben ist doch eine bedeutende Veränderung. Deine Freunde musstest du zurücklassen sowie die Gesellschaft, in der du aufgewachsen bist. Hatten deine Eltern nichts dagegen, dass du ihnen den Enkel weggenommen hast?“

Sie gab einige Eiswürfel in die Limonade. „Nein, denn momentan sind sie auch nicht in England. Mein Vater, der für eine Ölfirma arbeitet, musste letzten Sommer nach Texas, wo er fünf Jahre bleiben soll. Er und meine Mutter wollten Thomas und mich mitnehmen, aber ich zog es vor, unabhängig zu sein. So bin ich hier gelandet. Mein Bruder lebt auch im Ausland. Er wird gerade in Brüssel zum Diplomaten ausgebildet.“

„Wäre es für dich nicht einfacher gewesen, in deiner Heimat ein eigenständiges Leben zu führen?“

„Nein“, erwiderte Ashley und wurde langsam nervös, denn er schien sie schon wieder einem Verhör zu unterziehen. „Ich hatte gedacht, dass es an der Algarve, wo viele Keramikartikel und Kunsthandwerk verkauft werden, auch für mich eine Möglichkeit geben müsste, mit meinem künstlerischen Talent Geld zu verdienen, ohne dass Thomas von einer Kinderfrau betreut werden muss. Mit dem Bemalen der Kacheln verdiene ich meinen Unterhalt. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten hier niedriger, sodass ich mit dem Geld länger auskomme.“

„Deine Kacheln hättest du doch auch in englischen Ferienorten anbieten können“, meinte Vitor, der ihren Argumenten nicht ganz folgen konnte. „Der Entschluss, in ein fremdes Land zu ziehen, in dem auch noch eine andere Sprache gesprochen wird, ist …“

„Wie du dich vielleicht erinnerst, konnte ich schon Portugiesisch sprechen, sodass ich nur noch einen Auffrischungskurs brauchte. Ein bis zwei Monate Aufenthalt im Lande reichten dann für die sprachlichen Feinheiten“, antwortete Ashley und wünschte, dass er sie nicht so hartnäckig ausfragte. „Nun ist mir die Sprache schon sehr vertraut, und es gibt keine Verständigungsschwierigkeiten.“

„Willst du lange hier bleiben?“

„Ja, so lange, bis meine Eltern aus den Staaten zurückkommen. Was danach sein wird, weiß ich noch nicht, aber vielleicht ziehe ich überhaupt nicht mehr von hier weg.“

„Thomas würde dann in Portugal aufwachsen.“

Sie nickte. „Das Klima ist für Kinder sehr angenehm. Er hatte bis jetzt noch keine Erkältung, und …“

„Ich verstehe schon“, unterbrach Vitor sie. „Das Leben hier ist einfach perfekt.“

Ashley verzog das Gesicht. Hatte sie etwa übertrieben? Den Hauptgrund für ihr Hiersein konnte sie jedoch keinesfalls angeben.

„Als ich in einer Zeitung las, dass Simon Coopers Freundin einen Sohn bekommen hatte, war ich schon etwas überrascht“, gestand Vitor mit einem Blick auf Thomas, der damit beschäftigt war, seine Spielzeugkiste Stück für Stück auszuräumen.

Ashley richtete sich auf. „Dachtest du etwa, ich würde abtreiben lassen?“

„Dieser Gedanke war mir schon durch den Kopf gegangen.“

„Du hast wirklich angenommen, dass ich das Kind, das in mir heranwuchs, nicht wollte, weil ich keinen Mann mehr hatte?“, fragte sie mit kalter Stimme.

Einige Leute hatten Bemerkungen wie Vitor gemacht. Die Schwangerschaft war zwar ungeplant gewesen, und sie musste das Kind allein aufziehen, aber einen Abbruch hatte sie nie in Erwägung gezogen.

„Ich will nicht behaupten, dass du das Kind nicht wolltest, sondern …“

„Brrm“, sagte Thomas und zog an Vitors Hosenbein. Der kleine Junge war bei seiner Suche erfolgreich gewesen, denn nun zeigte er stolz einen knallroten Sportwagen, das Prunkstück seiner Sammlung. „Brrm, brrm.“

Vitor beugte sich herunter und bewunderte sehr zur Freude des Kleinen ausgiebig das Auto.

„Danke für das Bier“, sagte er und stand auf. Er zog ironisch eine Braue hoch. „Leider muss ich jetzt fahren, selbst wenn es dir das Herz bricht.“

„Wie schade“, antwortete sie verhalten. Sie setzte sich Thomas auf die Hüfte und begleitete den Gast zu seinem Wagen.

„Auto“, rief der Kleine glücklich, als er den BMW sah.

„Wenn ich meiner Mutter von Thomas erzähle, wird sie wieder ihr Lieblingsthema anschneiden“, meinte Vitor trocken, als er die Tür öffnete.

„Und das wäre?“

„Ihr Sohn ist schon achtunddreißig Jahre alt, und wenn er nicht bald heiratet und Kinder zeugt, wird sie zu alt sein, um an ihren Enkelkindern noch Freude haben zu können.“

Celeste hat er also nicht geheiratet, dachte Ashley. Er ist überhaupt nicht verheiratet.

„Wie geht es deiner Mutter?“, fragte sie.

„Sie ist gesund und munter.“ Vitor setzte sich ans Steuer. „Sicher wird es ihr gefallen, dass wir uns wieder begegnet sind“, sagte er durch das geöffnete Fenster. „Sie mag dich immer noch gern.“

Ashley lächelte. „Ich mag sie auch.“ Als sie Margrida d’Arcos, Vitors verwitwete Mutter, kennengelernt hatte, waren sie sich gleich sympathisch gewesen. In den wenigen Stunden, die sie miteinander gesprochen hatten, hatte die freundliche Frau mit den silbergrauen Haaren ihr das Gefühl gegeben, als wären sie schon immer Freundinnen gewesen. „Bestell ihr bitte viele Grüße.“

„Das werde ich tun. Außerdem schicke ich dir so schnell wie möglich mein schriftliches Angebot. Denk bitte gründlich darüber nach und …“ Ein Blick aus dunklen Augen traf ihre, „… für mich kommt nur der Sieg infrage.“ Vitor hob die Hand. „Adeus.“

Seufzend ging Ashley ins Haus zurück. Sollte sie es wirklich verkaufen? Ihre Zustimmung hätte einen positiven Effekt. Vitor d’Arcos würde sie nicht mehr besuchen. Sollte er nämlich wieder vorbeikommen, dann könnte es sein, dass er Thomas genauer anschauen und feststellen würde, dass seine Mutter doch einen Enkel hatte. Ashley wurde nervös. Eigentlich sollte sie nicht abwarten, bis Vitor die Ähnlichkeit seines Sohnes mit ihm feststellte, sondern es ihm fairerweise sagen. Das werde ich auch tun, nahm sie sich vor – irgendwann.

Thomas spielte zufrieden mit seinen Autos, und Ashley setzte sich an den Küchentisch. Sie dachte noch einmal an die Ereignisse von vor zwei Jahren. Eigentlich war Simon der Auslöser gewesen für alles, was geschehen war. Der schlanke, jungenhafte, schwierige Simon …

3. KAPITEL

„Mir wäre lieber, du würdest niemandem erzählen, wie wir uns kennengelernt haben“, bat Simon mit Blick auf die Straße. „Falls dich jemand fragt, sag einfach, dass unsere Familien befreundet sind.“

Ashley sah ihren Begleiter unsicher an und seufzte. Sie verstand zwar, warum sie die Wahrheit verschweigen sollte, aber es gefiel ihr nicht.

„Du willst, dass ich lüge“, stellte sie fest.

„Nur ein bisschen.“ Er lächelte sie einschmeichelnd an. „Bitte, Ashley.“

Es war ein klarer Samstagmorgen im Februar, und der junge Mann hatte sie von ihrer Wohnung abgeholt und fuhr mit ihr nun zu einem Autorennen in Surrey. Nachdem er bei der Formel 3 eingestiegen war, hatte er vor Kurzem einen Vertrag bei Dalgety als zweiter Fahrer abgeschlossen. Dalgety war ein führendes Formel-1-Team. Die Position war heiß begehrt, und Simon, der ganz aufgeregt war, hatte Ashley gebeten, ihn zu einer Testfahrt zu begleiten.

„Aber …“, begann sie.

„Niemand soll es wissen“, sagte Simon stur und strich sich eine braune Haarsträhne aus der Stirn.

Ashley gab nach. „Unsere Familien sind also befreundet“, wiederholte sie gehorsam.

Er grinste. „Ich wusste, dass du mir recht geben würdest. Reich und berühmt werde ich werden“, fuhr er zufrieden fort und blickte sie von der Seite an, um ihre Reaktion zu beobachten. „In ein bis zwei Jahren werde ich Vitor als ersten Fahrer ersetzen und danach zu einem der anderen großen Teams gehen. Natürlich nur für eine Riesensumme.“

„Bist du nicht etwas …“ Ashley schwankte zwischen „größenwahnsinnig“ und „großspurig“, entschied sich aber dann für „optimistisch“. „Laut einem Artikel, den ich gelesen habe, ist Vitor d’Arcos einer der besten Fahrer überhaupt. Er hat schon unzählige Grand Prix-Rennen gewonnen, und man ist der Meinung, dass er Weltmeister geworden wäre, wenn Dalgety in der letzten Saison technisch noch besser ausgerüstet gewesen wäre. Falls er Dalgety gegenüber nicht so loyal wäre und sich von anderen hätte ködern lassen, dann wäre er sicher schon mehrmals Weltmeister geworden.“

„Vitor ist gut“, gab Simon widerwillig zu. Er streckte die Brust vor. „Ich aber werde ihn überholen und noch schneller an die Spitze gelangen.“

Ashley warf ihm einen mütterlichen Blick zu. Obwohl er mit seinen fünfundzwanzig Jahren nur zwei Jahre jünger war als sie, schien es manchmal so, als würden zehn Jahre zwischen ihnen liegen. Um zu beeindrucken, neigte er zu übertriebenen Gesten und markigen Sprüchen, die er aber meist nur auf seinen engeren Bekanntenkreis beschränkte.

„Und der Grund, weshalb der Wunderknabe mich einlud, bei einem Testrennen dabei zu sein, war der, dass er mir etwas wirklich Schlechtes vorführen wollte“, neckte sie ihn mit der Absicht, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

„Ich habe dich eingeladen, weil deine Mutter mir gesagt hat, dass du endlich eingesehen hast, dass es im Leben noch etwas anderes als Arbeit gibt“, erklärte Simon spitz, „und dass du jetzt gern unter die Leute gehen wolltest.“

Reuevoll lächelte Ashley ihn an. „Das stimmt“, gab sie zu, „und ich freue mich schon auf meine erste Begegnung mit der Formel 1.“

Zu ihren Collegezeiten hatte sie viele Freunde gehabt und war häufig ausgegangen, aber seitdem hatte sie sich voll auf ihre Karriere konzentriert. Absichtlich hatte sie jede enge Beziehung zu einem Mann vermieden, sodass niemand sie im Arm gehalten, geküsst und geliebt hatte. Lange Zeit hatte sie nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, aber letztlich fühlte sie sich doch recht … einsam. Ashley runzelte die Stirn. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie sich dem erstbesten Mann an den Hals werfen wollte. Nein, danke. So einsam oder waghalsig war sie nicht. Sie musste nur ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Spaß finden und mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

„Schade, dass Vitors Freundin Celeste heute nicht da ist, denn sonst hättest du dich mit ihr unterhalten können“, bemerkte Simon. „Sie ist sehr nett und sieht super aus.“ Simon ließ den Blick von ihrem honigblonden Haar über den lilafarbenen Kaschmirumhang gleiten, den sie über einem schwarzen Pullover und hautengen Leggings trug. „Aber nicht so fantastisch wie du.“

Spielerisch boxte Ashley ihn in die Seite. „So sprach der galante Sir Galahad.“

„Ich meine es ernst“, protestierte er ärgerlich. „Wenn wir angekommen sind, reserviere ich dir einen Tribünenplatz, der für Gäste bestimmt ist, und hole dich dann zum Essen ab. Das Restaurant soll gut sein.“

Drei Stunden später sah Ashley sich die Rennbahn an. Den ganzen Morgen hatte sie die tief liegenden Rennfahrzeuge beobachtet, die mehrere Runden drehten und danach in die Boxen fuhren, wo sich sofort Schwärme von Mechanikern auf sie stürzten, um alles zu kontrollieren. Nicht alle Wagen gehörten zu Dalgety. Simon hatte erklärt, dass es sehr teuer sei, die Rennbahn zu mieten, und deshalb seien auch andere Teams dabei. Ashley schaute auf die Uhr. Während die Geschwindigkeit der Wagen, das Geräusch der Motoren, die Atmosphäre der Formel 1 schon ihren Reiz hatten, interessierte Ashley sich momentan nur für ihr Essen. Bald war es zwei Uhr. Andere Fahrer hatten schon gemeinsam mit ihren Gästen eine Pause gemacht, aber Simon war noch nicht aufgetaucht. Wo steckte er bloß? Sie hatte ihn unter den vielen mit Helmen bekleideten Fahrern nicht erkennen können. Als ihr Magen knurrte, stand Ashley auf. Am Tribüneneingang stand ein Automat, und sie beschloss, sich dort etwas Schokolade zu holen.

Ashley ging einige Treppen hinunter und zögerte dann. Musste sie jetzt rechts oder links weitergehen? Sie entschied sich für links, ging wieder mehrere Treppen hinunter, bis sie vor einer verschlossenen Tür mit der Aufschrift „Notausgang“ stand.

„Verdammt“, fluchte sie.

Als sie am Griff zog, ging die Tür auf, und Ashley sah hinaus. Vor ihr lag ein geschützter Bereich, wo mehrere glänzende Wohnmobile untergebracht waren. Sie ging einen Schritt vorwärts und sah, dass sie wieder zum Eingang kommen konnte, wenn sie das Gelände überquerte und über einen Zaun kletterte. Zögernd blieb sie stehen. Niemand war zu sehen, aber sollte sie wirklich unerlaubt ein Privatgelände betreten, oder sollte sie besser wieder die Treppe hinaufgehen? Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als die Tür plötzlich vom Wind zugeschlagen wurde.

Mit flatterndem Umhang ging Ashley schnell an den Wohnmobilen vorbei. Am Zaun angekommen, begann sie darüberzuklettern, als sie unvermittelt hinter sich eine Stimme hörte.

„Hey!“

Überrascht schaute sie zurück und sah einen Mann mit Rennfahreroverall und weißem Helm bekleidet einige Meter von ihr entfernt stehen. Zitternd hielt Ashley sich fest. Simon war es nicht; dieser Mann war größer und breitschultriger. Er kam auf sie zu. Ob er mich jetzt anbrüllt? fragte sie sich. Wird er mich der Rennleitung übergeben? Oder macht er eine Bemerkung über mein niedliches Hinterteil und bietet mir an, mich über den Zaun zu heben? Innerlich stöhnte sie.

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