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ROMANA EXKLUSIV BAND 303

Liebesschwur im Lichterglanz

1. KAPITEL

Jared Johnson fuhr mit seinem schwarzen SUV aus der Tiefgarage der Clover Valley Luxury Apartments auf die Straße und sah Elise McDermott an der Ecke im strömenden Regen stehen. Koffer, Wickeltasche und eine kleine tragbare Kühlbox standen neben ihr auf dem Bürgersteig, und in einer Trageschale lag ein Baby, das sie mit ihrem Schirm gegen die Nässe zu schützen versuchte.

Doch der Sturm war erbarmungslos, und Jared fürchtete, in weniger als ein, zwei Minuten wären Elise und das Baby bis auf die Haut durchnässt. Verärgert, weil sie mit einem Baby draußen in der Kälte statt in der Lobby stand, hielt er an und ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter.

Er beugte sich über den Sitz und rief ihr zu: „Was zum Teufel machen Sie denn hier draußen in diesem Sturm mit einem Baby!“

„Ich warte auf mein Taxi zum Busbahnhof.“

Bei heruntergelassenem Fenster hörte er, wie der Regen auf die Windschutzscheibe, das Autodach und die Kühlerhaube prasselte. Da sie offensichtlich dachte, er hätte nicht aus Zorn geschrien, sondern um den Sturm zu übertönen, trat sie näher. Ihre hübschen grünen Augen blickten besorgt, und die dichten roten Locken tanzten im Wind.

„Ich warte schon eine ganze Weile hier. Mein Bus fährt in einer Stunde. Wenn ich ihn verpasse, dann komme ich nicht rechtzeitig nach North Carolina, um noch vor Weihnachten alles Notwendige erledigen zu können. Meinen Sie, mein Taxi hat mich versetzt?“

„Sicher.“ Schon bereute er, dass er sie so barsch angefahren hatte. Sie stand nicht etwa aus Leichtsinn da draußen im Regen. Sie war auf dem Weg zurück zu ihrer Familie. In den vergangenen sechs Monaten hatte sie für Michael Feeny, der in Europa unterwegs gewesen war, die Wohnung gehütet. Und ihr Taxi kam nicht. Sie war also nicht leichtsinnig. Er durfte nicht immer sofort das Urteil fällen, dass alles, was außerhalb des Normalen lag, immer automatisch falsch sein musste.

Er ärgerte sich über sich selbst und sah seufzend auf seine Armbanduhr, bevor er den Schaltknüppel der Automatik auf Parken stellte. Er war sowieso noch viel zu früh dran für seinen Flug.

Also sprang er aus dem Wagen. Er wusste aus Erfahrung, dass es nur eine Möglichkeit gab, mit seinem Schuldbewusstsein fertigzuwerden: tätige Reue.

„Wie wär’s, wenn ich Sie stattdessen zum Busbahnhof fahre?“

Elise McDermott sah dem attraktiven dunkelhaarigen Jared Johnson verblüfft in die grauen Augen. Er trug einen teuren Regenmantel über dem dunklen Anzug und dem weißen Hemd mit Krawatte und wurde gerade nass bis auf die Haut, da er keinen Schirm hatte. Als sie mit Michael Feeney vereinbart hatte, seine Wohnung zu hüten, hatte ihr Michael gesagt, sie könnte sich an Jared wenden, wenn sie Hilfe brauchen würde. Und lachend hatte er hinzugefügt, dass Jared zwar etwas mürrisch sei, aber wenn er sich einmal damit abgefunden hätte, gestört worden zu sein, dann würde er alles für sie tun. Allein schon aus Schuldgefühl für sein unfreundliches Benehmen. Und nun hatte Jared ihr vermutlich angeboten, sie zum Busbahnhof zu bringen, weil er ihr Vorwürfe gemacht hatte.

„Ich würde gerne annehmen, aber Sie haben ja offensichtlich auch einen Termin, und ich möchte Sie keinesfalls aufhalten.“

Er griff nach ihrem Koffer. „Kein Problem.“

Sie legte ihre Hand über seine. „Im Ernst. Sie wollten irgendwohin fahren, und ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“ Vielleicht wollte er es wiedergutmachen, dass er sie so barsch angefahren hatte, aber das war nicht nötig. Da sie alleinerziehend war, hatte sie gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie erwartete nicht, verwöhnt zu werden. „Ich rufe ein anderes Taxi.“

„Ich bin zwar auf dem Weg zum Flughafen, aber viel zu früh dran. Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie mich den Umweg zum Busbahnhof machen lassen. Dann muss ich nicht drei Stunden auf dem Flughafen warten.“

„Aber …“

Bevor ihr noch weitere Einwände einfielen, entwand er ihr den Koffergriff. „Kommen Sie.“

Sie wollte ihn aufhalten, aber der Wind verfing sich in ihrem Schirm, entriss ihn ihr, und er flog davon wie ein Papierdrachen.

Mit einem Kopfnicken deutete Jared zu der Babytrage. „Steigen Sie ein“, rief er laut, um den Sturm zu übertönen. „Ich packe inzwischen die Sachen in den Kofferraum.“

Sie schüttelte den Kopf. Mein Gott, er ließ sich wirklich nicht abschütteln – und sie war inzwischen völlig durchnässt. Da er ihr das anbot, wofür sie sonst ein Taxi bezahlen müsste, war es vermutlich töricht, sich stur zu stellen.

Als er ihre Sachen verstaut hatte, legte sie gerade den Anschnallgurt am Rücksitz um die Babytrage, machte dann die Wagentür zu und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er nahm hinter dem Steuer Platz. Plötzlich saßen sie, geschützt vor dem Sturm, im Trockenen.

Er stellte die Heizung an, und sie staunte nicht schlecht über all die Schalter und Tasten am Armaturenbrett. „Das ist bestimmt ein sündhaft teurer Schlitten“, bemerkte sie. Nach Gerüchten aus der Nachbarschaft war der „Typ im Penthouse“ – wie Jared bei den anderen Hausbewohnern hieß – Anwalt für mehrere Popstars, für eine Plattenfirma und diverse berühmte Filmschauspieler. Daher zweifelte sie nicht daran, dass seine Klienten ebenfalls solche Luxuskarossen fuhren und der Wagen für ihn nichts Besonderes war.

Ihre Bemerkung schien ihm unangenehm zu sein, denn seine Kieferpartie verhärtete sich. „Es gab Zeiten, wo auch ich knapp bei Kasse war.“

Sie hatte keine Ahnung, warum er gekränkt sein sollte, wenn jemand den Eindruck gewann, er sei wohlhabend. Aber da sie ihn nie mehr wiedersehen würde, war ihr das egal. Er war so, wie er war. Reich. Sie war so, wie sie war – eine alleinerziehende junge Mutter, die jeden Cent zweimal umdrehen musste. Vor sechs Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, war sie mit ihrem Freund Patrick aus North Carolina weggezogen. Sie hatten beide hochfliegende Träume gehabt, aber schließlich hatte sie das Geld für sie beide verdienen müssen. Und als sie schwanger geworden war, hatte er sie mit fliegenden Fahnen verlassen. Zwischen ihr und Jared Johnson lagen Welten, daher hatte es keinen Sinn, belanglosen Small Talk zu führen.

Sie machte es sich auf ihrem Sitz bequem und schloss die Augen, denn sie musste über vieles nachdenken. Sie kehrte nach North Carolina zurück, aber nicht in den kleinen Ort, in dem sie aufgewachsen war. Kürzlich hatte sie das Farmhaus ihrer Großmutter in einem Nachbarort geerbt, der gleichzeitig die Heimatstadt ihres Vaters war – jenes Kerls, der ihre Mom verlassen hatte. Sie kannte ihn noch nicht einmal. Auch wusste sie nicht, was für Leute in Four Corners, North Carolina, lebten. Würden die Leute dort sie mit offenen Armen empfangen oder wie eine Fremde behandeln? Sie wusste nur, dass die Großmutter, die sie nie kennengelernt hatte, ihr ein Farmhaus mit Land vermacht hatte. Ein Haus, das sie verkaufen konnte, hoffentlich für eine Summe, mit der sie ein Zuhause für sich und ihr Baby erwerben könnte.

Dieselbe Großmutter, die sie nicht einmal hatte kennenlernen wollen, die sie nicht als Enkelin anerkannt hatte, verschaffte ihr nun eine Lebensgrundlage.

Und sie wäre dumm, das nicht anzunehmen.

Auf einmal war es in dem SUV so still, dass Jared seinen eigenen Atem hörte. Das war nicht gut. Elise war praktisch eine Fremde, und jetzt waren sie mindestens zwanzig Minuten ohne Gesprächsthema in diesem Auto gefangen. Er konzentrierte sich auf die Straße und warf immer wieder einen Blick in die Schaufenster entlang der Straße. Dann sah er den Weihnachtsbaum vor Megs Antiquitätengeschäft und holte tief Luft.

Hör auf, darüber nachzugrübeln! Das ist alles schon so lange her, ermahnte er sich.

Er rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum und versuchte, seine Erinnerungen zu verdrängen. Er musste sich wieder in den Griff bekommen, bevor sein Flugzeug in New York landete. Gelang ihm das nicht, würde ihn dort der Schmerz überwältigen, in jener Stadt, wo ihn alles an das perfekte Leben, das er verloren hatte, erinnerte. Aber er konnte seine Reise jetzt nicht mehr absagen. Nach fünf Jahren mit Ausreden, warum er nicht nach Hause kommen könnte, hatten seine Eltern damit gedroht, mit ihrem Freund, dem Psychodoktor, nach Kalifornien zu reisen, wenn er sie in diesem Jahr nicht besuchte. Sie fanden es nicht mehr normal, dass er so lange nicht nach Hause gekommen war, und er musste ihnen beweisen, dass mit ihm alles in Ordnung war. Obwohl er davon nicht zu hundert Prozent überzeugt war.

Er schob den letzten Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die anstehenden Vertragsverhandlungen für einen seiner Mandanten. Und die restliche Fahrt zum Busbahnhof verlief schweigend. Er hielt am Eingang, und Elise stieg eilig aus. Er holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. „Ich nehme den Koffer und Sie das Baby.“

„Schon gut, ich schaffe beides.“

„Das weiß ich, aber ich habe noch so viel Zeit und möchte Sie begleiten.“

Sie verdrehte die Augen, ließ ihn aber machen.

Warum wollte sie nicht, dass er sie in den Busbahnhof begleitete? Das war lächerlich. Sie konnte all ihr Gepäck gar nicht tragen und sich dann auch noch um die Fahrkarte kümmern. Im Bahnhof drinnen überraschte er sie daher mit dem Angebot: „Ich nehme so lange das Baby.“

„Es geht schon.“

„Da bin ich sicher, aber ich halte die Kleine gerne, während Sie die Fahrkarte kaufen.“

„Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, weil Sie mich vorhin so barsch angefahren haben.“

Es überraschte ihn, dass sie ihn durchschaut hatte, und er musste unwillkürlich lächeln. „Ich bin sonst immer die Freundlichkeit in Person.“

„Und ich dachte eher, Sie seien ein Snob.“

Er lachte lauthals heraus. Sie sah ihn fragend an, dann wandte sie sich ab und ging in die Bahnhofshalle. Er folgte ihr und sah hinunter zu dem Baby in der Trageschale. „Hallo, Molly.“

Das pausbäckige Baby mit dem Lockenkopf blickte ihn zahnlos grinsend an. Mit ihren rotblonden Haaren sah sie in dem rosafarbenen Strampler allerliebst aus.

Er ging auf eine Sitzbank zu und freute sich, dass Molly ihm keine Schwierigkeiten machte. Doch als sich Elise in die Schlange vor dem Schalter einreihte, begann das Baby erst zu quengeln und dann zu weinen. Zwei Personen stellten sich hinter Elise an, und sie konnte ihm nicht mehr zu Hilfe kommen.

Insgeheim fluchend, setzte er sich und begann die Kleine von den Anschnallgurten zu befreien. Die Wartenden auf den benachbarten Bänken drehten sich um und warfen ihm genervte Blicke zu, um ihm deutlich zu machen, dass sie keine Geduld für ein plärrendes Kleinkind aufbringen würden.

Als die letzte Schnalle aufschnappte und er Molly heraushob, hörte sie sofort auf zu weinen und grinste ihn an.

„Oh, ich verstehe. Du hast diese kleine Szene nur inszeniert, damit ich dich rausnehme?“

Sie gluckste vergnügt.

„Du bist zwar süß, aber ich bin immun dagegen.“

Bei seinem strengen Ton verzog Molly den Mund, als wollte sie gleich wieder losheulen, und da sich Jared nicht den Zorn der anderen Wartenden zuziehen wollte, ging er mit ihr auf und ab.

Sie schaute sich neugierig um, und Jared entspannte sich. Er musste also nur in Bewegung bleiben, daher ging er hinüber zu der großen Anzeigetafel mit den Abfahrtszeiten. Als er die Fahrtzeit des Busses nach North Carolina gefunden hatte, blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen.

Acht Tage?

Elise würde acht Tage bis North Carolina brauchen? Acht Tage im Bus mit Fahrgästen, die ihm schon jetzt böse Blicke zuwarfen und offensichtlich alles andere als begeistert waren, mit einem quengelnden Baby zu reisen? Mein Gott, Elise hatte ein echtes Problem.

Ungläubig sah er noch einmal zur Tafel hoch, ob er auch richtig gelesen hatte. Der Bus machte wohl Riesenumwege, vielleicht um Fahrgäste abseits der Route herauszulassen. Wenn er mit dem Wagen fuhr, brauchte er von New York nach Los Angeles gerade mal fünf Tage.

Stirnrunzelnd überlegte er. Würde er Elise fahren, dann würde die Reise nur halb so lange dauern, und sie müsste nicht in einem Bus mit mürrischen Mitreisenden sitzen. Obendrein könnte er dadurch seine eigene Ankunft in New York um fünf Tage hinauszögern. Er müsste keine drei Wochen in einer Stadt bleiben, die ihn nur an das perfekte Leben erinnerte, das ihm zwischen den Fingern zerronnen war. Und weitere fünf Tage in New York würden auch dadurch wegfallen, dass er wieder mit dem Auto nach L. A. zurückfahren müsste, statt zu fliegen.

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. So gut das klang, es war dennoch eine verrückte Idee. Und wie sollte er seinen Eltern beibringen, dass er sich aus heiterem Himmel entschlossen hätte, eine Nachbarin über die Feiertage die ganze Strecke nach North Carolina zu fahren. Sie würden ihn für verrückt erklären.

Elise kam mit dem Ticket in der Hand vom Schalter zurück, und einen Augenblick beneidete er sie. Sie sah erleichtert aus, aber das würde natürlich nicht lange anhalten. Sobald ihre Mitreisenden genug von dem Babygeschrei hätten, würde die Fahrt für sie zur Qual werden.

Aber er konnte ihr doch nicht einfach anbieten, sie zu fahren. Selbst wenn er sie an dem Ort, an dem ihre jeweiligen Routen sich trennten, zum Busbahnhof bringen würde, müsste er einen Grund dafür finden, warum er mit dem Wagen fuhr, anstatt zu fliegen – einen Grund, den seine Eltern nicht für ein absichtliches Verzögerungsmanöver halten würden.

Elise nahm ihm das Baby ab. „Was war denn los?“

„Sie hat angefangen zu weinen.“

„Aha, sie hat Sie also erpresst, sie auf den Arm zu nehmen.“

„Genau diesen Eindruck hatte ich auch.“

„Na ja, jetzt übernehme ich ja wieder.“ Sie schenkte ihm ein herzliches Lächeln. „Tut mir leid, dass ich vorhin etwas unfreundlich war. Ich bin ganz schön nervös wegen dieser Reise.“

„Schon gut.“ Ihre Blicke trafen sich. „Ich bin auch nervös wegen meiner Reise.“

„Dann haben wir ja doch etwas gemeinsam.“

„Ja, das und die Bekanntschaft mit Michael Feeney.“

„Michael ist ein guter Freund von mir.“

Jared nickte. „Von mir auch.“ Er war froh, dass sie kein schlechtes Gewissen mehr hatte, weil er sie zum Busbahnhof gefahren hatte. „Dann wünsche ich Ihnen eine gute Reise.“

„Und ich Ihnen einen angenehmen Flug.“

Jared nickte und drehte sich um. Im selben Moment hörte er eine Lautsprecherdurchsage: „Meine Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Bus Nummer …“

Der Lautsprecher knackte und rauschte, und Jared konnte die Nummer nicht verstehen, aber er hörte auch gar nicht genau hin, sondern ging zielstrebig zum Ausgang.

„… die Abfahrt des Busses nach Raleigh, North Carolina, verschiebt sich aufgrund technischer Probleme auf morgen zehn Uhr.“

Elise schaute auf ihr Ticket, dann schloss sie entnervt die Augen. So ein Mist! Das Haus ihrer Großmutter zu erben, war ihr wie ein großer Glücksfall vorgekommen. Dennoch schien bei dieser Reise alles schiefzugehen, was nur schiefgehen konnte. Was sollte sie jetzt vierundzwanzig Stunden mit einem Baby in einem Busbahnhof anfangen? Vielleicht könnte sie ja auf einen anderen Bus umbuchen?

Aber natürlich war sie nicht die Einzige, die diese Idee hatte, und ihr Mut sank, als sie mitbekam, dass Passagiere und Gepäckstücke bereits den Schalter blockierten. In dem Moment packte sie jemand am Arm.

Jared.

„Ist das Ihr Bus, dessen Abfahrt da verschoben wurde?“

„Ja, aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich rufe ein Taxi und gehe ins Hotel. Michael ist ja jetzt wieder in der Wohnung, also kann ich nicht dorthin zurück. Aber Molly und ich kommen schon zurecht.“

„Das glaube ich kaum.“ Er sah zu dem Gedränge hinüber. „Als Ihr Baby vorhin geweint hat, haben mir diese drei Frauen dort drüben böse Blicke zugeworfen. Und sehen Sie diesen Kerl da im grauen Mantel, der so aussieht, als hätte er Wodka statt Kaffee zum Frühstück getrunken? Als Molly quengelte, hat er seine Zeitung auf die Bank geknallt. Die wollen alle nicht mit einem Kleinkind im Bus sitzen, das sie wahrscheinlich als Ruhestörung empfinden.“

Elise wusste, die Fahrt würde endlos und langweilig werden. Vermutlich würden die Mitreisenden wirklich nervös und ungehalten werden, denn an deren Reaktionen auf ein quengelndes Baby hatte sie gar nicht gedacht.

Erstaunt blickte sie Jared an. „Das kann Sie doch kalt lassen, was mit uns passiert.“

„Ich dachte nur, wir könnten zusammen fahren.“

„Sie haben einen Flug gebucht.“

„Aber ich habe gerade beschlossen, lieber mit dem Auto zu fahren.“

„Verstehe. Sie fahren lieber eine Woche lang Auto, statt ein paar Stunden zu fliegen.“

„Ja, genau das will ich.“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich nehme Sie einfach bis dahin mit, wo Sie weiter nach Süden müssen, und bringe Sie dort zum nächsten Busbahnhof.“

Der Vorschlag klang gut. Doch es hatte sich damals auch vollkommen logisch angehört, als Patrick zu ihr gesagt hatte, er fahre in die Stadt, um Arbeit zu suchen, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie schwanger war. Sicher war es ein Fehler gewesen, Patrick damals voll zu vertrauen, und diesen Fehler würde sie nicht noch einmal machen.

„Nein, danke. Ich komme schon klar.“

„Aber ich will nicht vier Wochen in New York bei meinen Eltern verbringen, die mir gute Ratschläge geben, wie ich mein Leben führen soll. Als ich den Busfahrplan gesehen habe, kam mir die Idee, dass ich mir davon zehn Tage sparen könnte, wenn ich mit dem Auto hinfahre.“

Sie seufzte. „Entweder ist Ihr Leben noch elender als meins, oder das ist eine lahme Entschuldigung, um zu verbergen, dass Sie Mitleid mit mir haben.“

Er musste lachen. „Wenn Sie meinen, ich habe Mitleid mit Ihnen, dann kennen Sie mich nicht sehr gut. Gute Taten vollbringe ich nur zur Buße. Aber ich fühle mich Ihnen nicht verpflichtet. Meine gute Tat zum Ausgleich dafür, dass ich Sie unfreundlich angefahren habe, habe ich bereits vollbracht.“

Elise dachte kurz nach, dann lächelte sie. „Ihr Leben ist wirklich noch elender als meins. Sie wollen zur Ihren Eltern fahren, können aber nicht einfach selbst bestimmen, wie lange. Sie brauchen eine Ausrede gegenüber Ihren Eltern, um den Aufenthalt kurz zu halten.“

„Genau das habe ich Ihnen doch gerade erklärt.“

„Aber nur irgendwie verklausuliert.“ Sie lachte. „Molly und ich dienen Ihnen als Ausrede. Sie sagen dann Ihren Eltern, dass Sie eine junge Mutter und ihr Baby nach Hause bringen müssen, weil ihr Bus gestrichen wurde, und das werden die beiden schlucken.“

Er widersprach ihr nicht, aber das musste er auch gar nicht, denn seine schuldbewusste Miene bestätigte ihren Verdacht.

Elise blickte auf das Gedränge im Busbahnhof. Die Vorstellung, hier einen Tag zu warten und obendrein noch ein Hotelzimmer bezahlen zu müssen, drängte sie förmlich dazu, sein Angebot anzunehmen.

„Und woher weiß ich, dass ich Ihnen trauen kann?“

„Mir trauen?“

„Genau, woher soll ich wissen, dass Sie mich nicht irgendwo auf freier Strecke aussetzen oder dergleichen?“

„Warum sollte ich das tun, wenn ich Sie doch so dringend als Ausrede brauche, wie Sie behaupten.“

Sie seufzte ungeduldig. „Weil mich meine Mutter davor gewarnt hat, zu Fremden ins Auto zu steigen.“

„Ich bin doch kein Fremder. Wir haben uns mindestens einmal pro Woche beim Warten auf den Fahrstuhl gesehen.“

„Ja, aber wir haben noch nie miteinander gesprochen.“

„Wenn Sie Bedenken haben, dann rufen Sie doch Michael an. Er wird sich für mich verbürgen. Abgesehen davon …“ Er blickte auf das Baby auf ihrem Arm. „Ich flirte, spiele oder rede noch nicht einmal mit Frauen, die kleine Kinder haben. Und selbst wenn, dann wären Sie nicht mein Typ. Sie sind klein und ziemlich mager. Ich mag die Frauen lieber etwas üppiger.“

Der Mann war so unverblümt ehrlich, dass Elise nicht wusste, ob sie lachen oder gekränkt sein sollte. Sie sah Molly an, die auf ihrem Arm ganz friedlich war, aber acht Tage lang in einem Reisebus könnte die Kleine ihre Sanftmut sicher nicht aufrechterhalten. Dann wanderte ihr Blick zu dem dunkelhaarigen, gut aussehenden Jared mit seinen markanten Gesichtszügen und den Augen, die so dunkelgrau waren wie der Himmel vor einem Gewittersturm. Sie hielt ihn für den attraktivsten Mann, der ihr je begegnet war – aber wie er zugegeben hatte, war sie nicht sein Typ. Außerdem hatte Michael ihr gesagt, sollte sie jemals Probleme haben, dann wäre Jared derjenige, an den sie sich immer wenden könnte. Obgleich die Verschiebung ihrer Busfahrt kein unüberwindliches Problem war, wäre sie ja wirklich schön blöd, sein Angebot nicht anzunehmen.

„Geben Sie mir fünf Minuten, dann rufe ich Michael an.“

„Lassen Sie sich Zeit. Je länger Sie brauchen, desto später komme ich bei meinen Eltern an.“

2. KAPITEL

„Michael meint, Sie sind so vertrauenswürdig wie die Heiligen Drei Könige.“

„Wunderbar. Dann fahren wir los.“ Jared schnappte sich ihren Koffer, die Fläschchen-Kühlbox und die Wickeltasche. Sie legte Molly in die Babytrage, und er ging ihr voraus. Am Wagen angekommen, wollte sie die Babytrage wieder auf dem Rücksitz befestigen, doch Jared tauchte plötzlich neben ihr auf. „Lassen Sie das mich doch machen.“

Gleichzeitig mit Elise griff er nach dem Anschnallgurt. Ihre Schultern berührten sich, dann ihre Arme und zuletzt ihre Finger. Elise war wie elektrisiert. Sie erstarrte, und Jared ebenfalls. Er wandte ihr leicht den Kopf zu, und ihr Blick traf sich mit dem aus seinen ernsten grauen Augen.

Sie zeigte keinerlei Reaktion. Jared war ein sehr attraktiver Mann mit einem unwiderstehlichen Sex-Appeal. Natürlich fühlte sie sich von ihm angezogen. Aber sie würde diesem Gefühl nicht nachgeben, ebenso wenig wie er. Vielleicht war sie ja doch ein bisschen sein Typ, anders als er behauptet hatte, aber er würde sicher nichts mit ihr anfangen. Vor allem deshalb nicht, da sie von jetzt an einige Tage auf engstem Raum miteinander verbringen müssten.

Sobald Jared die Babytrage festgeschnallt hatte, öffnete er für Elise die Beifahrertür, ließ sie einsteigen und setzte sich dann hinters Steuer. Er startete den Wagen, und ohne ein weiteres Wort begannen sie ihre Reise.

Kurz darauf waren sie auf dem Highway. Als er die Route 5 Richtung Norden einschlug, fragte sie stirnrunzelnd: „Und warum fahren wir nicht Richtung Osten?“

„Die Fünf bringt uns auf Route 80, die direkt nach New York führt. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir uns doch einig, dass Sie bis Pennsylvania mit mir fahren und dann einen Bus Richtung Süden nehmen könnten.“

„Stimmt.“ Sie hatte die Route nicht genau im Kopf, aber er offenbar durchaus. „Klingt gut.“

Jared rutschte auf seinem Sitz herum, aber sie glaubte nicht, dass er sich wegen ihres Schweigens unbehaglich fühlte. Jemand, der beim Warten auf den Lift neben ihr noch nicht mal Hallo gesagt hatte, befürchtete wohl eher, dass sie ihm eher die Ohren vollquatschen würde, als ihn anzuschweigen. Also hielt sie den Mund und respektierte sein Recht auf Wortkargheit.

Molly erwachte im selben Moment, als Jared die Scheibenwischer auf die niedrigste Stufe stellte, da es draußen nur noch nieselte. Vermutlich hatte sie sich an den einlullenden Rhythmus gewöhnt und konnte ohne ihn nicht mehr weiterschlafen.

Als Elise hörte, dass Molly sich regte, drehte sie sich zu ihr um. Molly konnte aber ihre Mutter nur im Rückfenster gespiegelt sehen, daher blickte sie sich suchend um und fing dann an, aus Leibeskräften zu schreien.

„Wir müssen anhalten und sie füttern.“

„Anhalten?“

„Nur rechts ranfahren. Dauert keine fünf Minuten.“

Er tat, was sie sagte, und da sie ihn nicht verärgern oder Zeit verlieren wollte, eilte sie zum Kofferraum und holte ein Fläschchen aus der Kühlbox. Dann nahm sie Molly aus der Babytrage, gab ihr zu trinken und ließ sie ihr Bäuerchen machen. Normalerweise hätte sie noch ein paar Minuten mit ihr gespielt, aber jetzt legte sie die Kleine gleich wieder zurück, verstaute das Fläschchen wieder in der Kühlbox und kehrte auf den Beifahrersitz zurück.

Jared fuhr sofort weiter. „Wie oft muss sie denn gefüttert werden?“

Elise zuckte zusammen. „Alle drei oder vier Stunden.“

„Muss ich dazu auf die Uhr schauen?“

Elise lachte. „Nein. Molly erinnert uns schon daran, wenn sie Hunger hat.“

Der eingeschaltete Sender im Radio begann plötzlich zu stören, und Elise schlug vor: „Ich suche einen neuen Sender, ja?“

„Ja, gerne.“

Elise stellte einen Countrymusik-Sender ein, aber stattdessen wurden dort Weihnachtslieder gespielt. Jared drückte sofort auf den Knopf für den CD-Player, und sogleich erklang Softrock aus den Lautsprecherboxen.

Alles klar. Sie hatte sich schon gedacht, dass er ein Weihnachtsmuffel war.

Er hatte jede Menge Geld, war aber nicht glücklich. Und er wollte Weihnachten nicht nach Hause fahren, musste es aber. Elise hatte jedoch keine Lust, sich über ihn den Kopf zu zerbrechen, sie hatte genug eigene Probleme. Sie würde jetzt also drei Tage früher in Four Corners eintreffen als gedacht. Wie würde man sie dort wohl empfangen?

Hatte ihre Großmutter jemals gegenüber ihren Verwandten von ihr erzählt? Wusste irgendjemand überhaupt, dass es sie gab? Und warum hatte ihre Großmutter ihr das Haus vermacht, wo doch eigentlich ihr Vater der Erbberechtigte sein sollte?

Vielleicht hatte er sich ja mit seiner Mutter überworfen, und sie würde zwischen die Fronten geraten. Außerdem konnte es auch sein, dass er noch weitere Kinder hatte – ihre Halbgeschwister. Einige lebten vielleicht sogar in Four Corners. Wenn sie erfuhren, wer die Farm ihrer Großmutter erbte, könnten sie ihr das Erbe neiden.

Natürlich war es auch möglich, dass sie die unbekannte Halbschwester herzlich in ihrer Familie willkommen hießen.

Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, diese Hoffnung zu unterdrücken. Nicht weil sie ganz unrealistisch war, sondern weil sie sich davor scheute, verletzt zu werden, wenn sie sich dann doch nicht erfüllte. Sie war in ihrem Leben schon oft genug verletzt worden. Ihr Vater war abgehauen. Ihre Mutter war im Sommer nach Elises Highschool-Abschluss gestorben. Patrick hatte sie und auch ihr gemeinsames Baby im Stich gelassen.

Sie holte tief Luft und versuchte, den Gedanken abzuschütteln, dass sie eine Familie haben könnte, in der sie willkommen war, aber ihre Fantasie war hartnäckig. Vor ihrem geistigen Auge sah sie schon die Weihnachtsvorbereitungen, ja sogar eine fröhliche Bescherung im Kreise einer liebevollen Familie.

Ebenso gut konnte es ihr jedoch passieren, dass sie sich Weihnachten Vorwürfe anhören müsste, sie sei eine Erbschleicherin. Die Stille im Auto bot viel Gelegenheit, ihren Illusionen oder Horrorvorstellungen nachzuhängen.

„Wie lange wird unsere Fahrt denn dauern?“

Jared überlegte. „Wenn ich schnell fahre, vier Tage. In Normalgeschwindigkeit fünf.“

Noch vier oder fünf Tage, dann würde sich ihre Zukunft entscheiden. Vielleicht würde sie ihren Vater kennenlernen. Vielleicht würde sie sogar eine Familie haben.

Um die Mittagszeit begann Jareds Magen zu knurren, und er fuhr vom Highway herunter. Sie aßen in einem Schnellimbiss einen Hamburger mit Pommes und fuhren danach weiter. Molly schlief fast sofort wieder, und Jared stellte den Countrymusik-Sender wieder ein, den Elise zuvor gefunden hatte.

Um sechs Uhr abends fragte er, ganz steif vom langen Fahren: „Sollen wir haltmachen und irgendwo übernachten?“

Elise las den Namen auf einem Ortshinweisschild. „Kommen wir heute nicht weiter als bis hier? Wir sind ja noch nicht mal über der Grenze nach Nevada.“

Er ignorierte ihren Protest. „Bei der nächsten Ausfahrt mit einem Motel fahren wir vom Highway runter.“

„Aber es ist doch erst sechs!“

„Ich habe einen ganz steifen Rücken.“

„Ich kann doch fahren.“

Er sah zu ihr hinüber. „Ich würde Ihnen doch nie meine Wagenschlüssel geben. Sie könnten ja vergessen, sie mir zurückzugeben und mitten in der Nacht mit meinem SUV verschwinden.“

Sie seufzte. „So wenig vertrauen Sie mir?“

Er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Ich weiß, Sie wollen so bald wie möglich nach Hause kommen, und ich verspreche Ihnen, die Verzögerung morgen wieder reinzuholen.“

„Okay“, willigte sie ein, aber Jared hörte die Enttäuschung in ihrer Stimme. Unwillkürlich fielen ihm Zeiten ein, in denen er es auch kaum hatte erwarten können, nach Hause zu kommen. Er holte tief Luft und verdrängte die Erinnerungen an Plätzchen, die MacKenzie mit rot und grün gefärbtem Zuckerguss überzogen hatte, damit sie weihnachtlich aussahen. An die Willkommensküsse beim Wiedersehen nach langer Trennung. An das Zusammenkuscheln unter der Bettdecke, weil der Vermieter nachts die Heizung herunterdrehte.

„Da.“ Elises Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ein Motel.“

Er fuhr von der Autobahn herunter. Vor dem Moteleingang stieg er aus und half Elise, Molly vom Sitz loszumachen.

„Hallo, Kleine“, sagte er zu ihr.

Molly verzog das Gesicht und schmiegte sich an die Schulter ihrer Mutter.

„Sie ist noch nicht wach genug, um sich an Sie zu erinnern.“

„Ich nehme es ihr nicht übel.“

Jared buchte zuerst, damit er Elise die kleine Molly und die Wickeltasche abnehmen konnte. Elise öffnete ihre Handtasche und holte das Portemonnaie heraus. Obgleich Jared sonst nicht neugierig war, bemerkte er unwillkürlich, dass sie nicht viel Bargeld dabeihatte. Vermutlich hatte sie ja eine Kreditkarte und ein paar große Banknoten. Er trat ein Stück beiseite.

„Wie viel kostet eine Übernachtung?“

Als er Elises Frage hörte, ging Jared ein Stückchen weiter in die Lobby hinein. Er erinnerte sich an denselben Ton in MacKenzies Stimme, als sie den Hausverwalter nach der Miete für ihre erste gemeinsame Wohnung gefragt hatte. Jared hatte selbst fragen wollen, aber sie war ihm zuvorgekommen. Sie war überzeugt gewesen, dass sie besser mit Geld umgehen konnte als er. Als er daran dachte, wie schlecht sie tatsächlich mit Geld umgehen konnte, musste er lachen, spürte aber sogleich einen Kloß im Hals.

Sofort schob er die trüben Gedanken beiseite und beobachtete stattdessen Elise. Obwohl er ein Stück weit entfernt stand, hörte er sie nach dem günstigsten Zimmer fragen und aufstöhnen, als der Empfangschef ihr mitteilte, dass alle gleich viel kosteten. Ein Preis, der offensichtlich zu hoch für sie war.

Jared hätte sich am liebsten geohrfeigt, nicht an die Kosten gedacht zu haben, als er vorschlug, gleich im nächsten Motel zu übernachten. Andererseits scheute er sich auch, zu ihr zu gehen und ihr zu sagen, dass sie noch weiterfahren könnten, um etwas Günstigeres zu finden. Das würde sie nur noch mehr in Verlegenheit bringen. Er überlegte sogar, ob er ihr das Zimmer bezahlen sollte, wusste aber genau, dass sie das nie annehmen würde. Die Frau hatte ihren Stolz und nahm offensichtlich nur ungern Hilfe an.

Aber ihre Situation erinnerte ihn so sehr an MacKenzies und seine zu Beginn ihrer Ehe, dass er unwillkürlich an sie denken musste. Ihm hatte die knappe Kasse nichts ausgemacht, aber es war schrecklich für ihn gewesen, zu sehen, dass MacKenzie die letzten Jahre ihres Lebens sehnsüchtig vor Schaufenstern auf Dinge blicken musste, die sie sich nicht hatte leisten können. Und Elise war obendrein noch eine junge Mutter. Als Mutter mit einem Baby sollte man keine Geldsorgen haben. Würde Jared den Mistkerl kennen, der sie verlassen hatte, dann würde er ihm einen Tritt in den Hintern verpassen.

Aber er wusste ja noch nicht einmal, ob der Kerl Elise verlassen hatte oder ob es ihre eigene Entscheidung gewesen war, dem Vater ihres Kindes gar nichts von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Sicher war es ihr wichtig, emanzipiert und unabhängig zu sein …

Mit der Schlüsselkarte in der Hand trat sie unbefangen lächelnd auf ihn zu und verkündete: „Alles geregelt.“

Auch er tat unbefangen. „Wunderbar.“

Sie wollte ihm Molly abnehmen, aber er sagte: „Ich trage sie gern. Wir gehen zuerst in Ihr Zimmer, und dann bringe ich mein Gepäck hoch und parke den Wagen.“

Vor dem Auto übergab er ihr jedoch das Baby, damit er ihren Koffer, die Wickeltasche und die Kühlbox nehmen konnte. „Was ist da drin?“

„Ihre Milch, etwas Saft und Babynahrung. Im Koffer habe ich Cracker und Kekse für mich. Wenn Sie also Hunger oder Lust auf was Süßes haben, können Sie sich immer vertrauensvoll an mich wenden.“

Einmal mehr dachte er an MacKenzies Weihnachtsplätzchen mit dem roten und grünen Zuckerguss, und er seufzte tief auf. Er schaffte es jedoch, mit ruhiger Stimme zu erwidern: „Ich stehe nicht mehr so auf Süßes.“

„Verstehe. Aber nur für den Fall.“

Er wollte ihr nicht den Eindruck vermitteln, dass er sich zu vornehm war, etwas von ihr anzunehmen, daher nickte er und folgte ihr zu ihrem Zimmer. Er sah ihr zu, wie sie die Schlüsselkarte ins Schloss steckte und die Tür aufmachte, ohne Molly aufzuwecken.

Sie trat ein und schaute sich um, als hätte sie noch nie ein Motelzimmer von innen gesehen. „Wow, das ist ja der pure Luxus.“

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, der bestenfalls akzeptabel für eine Nacht war.

„Jetzt verstehe ich, warum es hier so teuer ist.“

Für Jared war es zwar kein Billigmotel, aber alles andere als Luxusklasse. Aber Elise und ihre finanzielle Situation gingen ihn nichts an. Er übergab Molly an Elise und ging zur Tür. „Gute Nacht.“

Gerade als er die Tür öffnen wollte, sagte sie noch: „Und, Jared?“

Er drehte sich zu ihr um.

„Danke. Ich weiß, Sie haben Ihre Gründe dafür, dass Ihre Reise nach New York länger dauern soll. Aber mit Ihnen fahren zu können, erspart mir eine Menge Unannehmlichkeiten. Und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür.“

Irgendetwas rührte Jared innerlich an. Es war nicht das erste Mal, dass sich in den vergangenen fünf Jahren jemand bei ihm bedankt hatte. Aber jetzt war es das erste Mal, dass es ihn freute. Er war so tief in seine düstere Verzweiflung versunken, dass die Arbeit für ihn an manchen Tagen die einzige Motivation war, um überhaupt aufzustehen. Er vertiefte sich vollkommen in die bisweilen lächerlichen Prozesse und Streitigkeiten seiner wohlhabenden Mandanten, nur damit er sich nicht mit seinem eigenen Leben beschäftigen musste. Er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, jemandem zu helfen.

MacKenzie würde sich seiner schämen.

An manchen Tagen schämte er sich ja auch. Im Geschäftsleben funktionierte er zwar perfekt, aber die Fähigkeit zu fühlen, die hatte er völlig eingebüßt. Vielleicht hatte er auch seine Menschlichkeit verloren. Aber nun meldete sie sich leise zurück. Und zum ersten Mal seit fünf Jahren litt er nicht darunter, er selbst zu sein.

„Gern geschehen.“

Elise war bereits beim Frühstück, als Jared am nächsten Morgen in die Lobby herunterkam. Seinen Regenmantel, die eleganten Hosen und das weiße Hemd vom Tag davor hatte er gegen Jeans, T-Shirt und Lederjacke eingetauscht. Er wirkte jünger und relaxter. Und er sah so gut aus, dass Elise den Atem anhielt.

Dann kam er zu dem Tisch herüber, wo sie und Molly sich eine Schüssel Frühstücksflocken mit warmer Milch teilten, und sie verspürte dasselbe Kribbeln wie am Tag davor, als sich ihre Hände zufällig berührt hatten. Sie schärfte sich noch einmal ein, dass es nicht in ihrem beiderseitigen Interesse lag, sich vom anderen angezogen zu fühlen, aber diesmal ging ihre Warnung an sich selbst ins Leere. Es war unmöglich, ihn nicht attraktiv zu finden, seine Anziehungskraft war unwiderstehlich. Unglaublich männlich sah er aus in dieser Lederjacke, und sie wusste, sollten sie sich wieder zufällig berühren, dann würde sie eine Gänsehaut bekommen.

Dennoch ließ sie sich nichts anmerken, als sie ihm den leeren Platz an ihrem kleinen Tisch anbot. Zu ihrer Überraschung setzte er sich nicht nur, sondern er führte beim Frühstück mit Molly Babygespräche. Zum Glück schwieg er wieder, als sie im Auto saßen. Er schlug nur einmal vor, zum Lunch anzuhalten, als Molly wach wurde, nachdem sie den ganzen Vormittag der Fahrt verschlafen hatte.

Als sie nach ihrem Imbiss wieder im Wagen saßen, schwieg er weiter, bis Molly aus ihrem Mittagsschlaf aufwachte und sie zum Abendessen anhielten.

Danach fuhren sie noch weitere zwei Stunden. Es hatte wieder zu regnen begonnen, und Jared schlug vor, Elise solle nach einem Motel Ausschau halten. Schon kurz darauf hatte sie eins entdeckt, doch als sie zum Aussteigen die Wagentür öffnen wollte, legte ihr Jared die Hand auf den Arm.

„Bevor wir hineingehen, sollten wir uns noch kurz unterhalten.“

Die unerwartete Berührung elektrisierte sie. Dann bemerkte sie seinen ernsten Tonfall und erstarrte innerlich.

„Wir sollten uns kurz unterhalten“, so hatte es auch ihre Mutter damals ausgedrückt, als sie ihr erklärt hatte, dass ihr Vater sie beide verlassen hatte. Und als Elise schließlich Patrick ausfindig gemacht hatte, nachdem er nicht von seiner vorgeblichen Jobsuche zurückgekehrt war, hatte auch er gesagt, sie sollten sich mal unterhalten. Die „Unterhaltung“, hatte dann ergeben, dass er sie seit geraumer Zeit nicht mehr liebte und es für ihn schlichtweg eine Horrorvorstellung war, Vater zu werden. Dann hatte er sie aus dem Apartment seiner neuen Freundin hinausgeworfen, und in null Komma nichts stand sie allein da. Allein und schwanger.

Solche „Unterhaltungen“, endeten für sie immer als Katastrophe.

„Und warum müssen wir uns unterhalten?“

Er holte tief Luft. „Ich weiß, dass Sie nicht viel Geld haben, ich hingegen schon. Daher möchte ich, dass unsere Fahrt ganz auf meine Rechnung geht.“

Sie war erleichtert, dass er nicht verärgert war, doch als ihr klar wurde, was er da vorgeschlagen hatte, stieg leichte Wut in ihr hoch. „Ich brauche Ihr Mitleid nicht.“

„Das weiß ich. Aber betrachten Sie es sozusagen als mein Weihnachtsgeschenk, dass ich das Hotelzimmer bezahle.“

Sie lachte. „Sie hätten mir ja auch kein Weihnachtsgeschenk gekauft, wenn wir noch in Clover Valley wären. Daher, nein danke.“

„Warum wollen Sie denn mein Geschenk nicht annehmen?“

„Weil ich es nicht brauche.“ Weil sie sich nicht verpflichtet oder, schlimmer noch, von ihm abhängig vorkommen wollte. Jedes Mal, wenn sie sich auf jemanden verlassen hatte, insbesondere auf einen Mann, hatte der sie im Stich gelassen. Dieser Liste wollte sie keinen weiteren Namen hinzufügen.

„Michael hat mich für das Wohnungshüten gut bezahlt. Ich musste in den vergangenen sechs Monaten keine Miete zahlen und konnte einiges sparen. Ich bin sparsam, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich kein Geld habe.“

Sie knallte die Autotür hinter sich zu und blieb im selben Augenblick wie erstarrt stehen. Draußen herrschte schneidende Kälte. Der Sturm heulte, und Regentropfen klatschten ihr ins Gesicht. Sie fühlten sich an wie eisige Nadeln. Dennoch hastete sie zum Kofferraum, um ihre Sachen zu holen, aber Jared kam ihr zuvor.

„Sie nehmen Molly und gehen hinein ins Warme.“ Er deutete auf die Hotellobby. „Ich komme gleich nach und bringe die Sachen.“

Elise schnappte sich Molly und rannte in die Lobby. Wie versprochen, folgte ihr Jared mit der Wickeltasche, ihrem Koffer, der Kühlbox und seinem eigenen Kram.

„Geschafft.“

„Ja, geschafft“, bestätigte Jared, aber sein Blick wanderte zum Empfang. „Sieht ganz so aus, also wären wir nicht die Einzigen, die hier übernachten wollen. Ich stelle mich besser mal in die Schlange, bevor alle Zimmer ausgebucht sind. Und Sie setzen sich mit Molly dort rüber.“ Er deutete zu der Sitzecke mit Kaminfeuer hinüber. „Inzwischen arrangiere ich das mit den Zimmern.“

Sie fasste ihn am Arm. „Aber das Zimmer bezahle ich selbst.“

„Ich mache das mit meiner Kreditkarte. Sie können mir ja morgen beim Auschecken das Geld für die Übernachtung geben.“

Sie war froh, dass er ihren Wunsch respektierte, und entspannte sich. „In Ordnung.“

„Ich finde es trotzdem verrückt, dass Sie meine Hilfe nicht annehmen.“

„Das ist mir egal.“

Am Empfangstresen half jetzt noch ein weiterer Angestellter aus, um das Einchecken zu beschleunigen, und bald war Jared an der Reihe.

Da Elise damit beschäftigt war, Molly zu unterhalten, achtete sie nicht darauf, was am Empfang passierte, bis sie Jared sagen hörte: „Ist das Ihr Ernst?“

Sie stand auf und trat hinter ihn, da sie vermutete, dass die Zimmerpreise aufgrund der gestiegenen Nachfrage in die Höhe geschnellt waren. Jared bat gerade den Empfangschef: „Wiederholen Sie ihr bitte, was Sie mir gerade gesagt haben.“

Der Hotelangestellte erklärte mit bedauerndem Lächeln: „Tut mir leid, Miss, aber wir haben nur noch ein Zimmer.“

Elise blickte ihn ungläubig an.

„Und nun sagen Sie ihr das andere auch noch.“

Er zierte sich. „Das Zimmer hat nur ein Bett.“

Elise sah ihn entsetzt an. „Soll das ein Scherz sein?“

„Sagen Sie ihr alles.“

„Erst nach fünfzig Meilen kommt das nächste Hotel. Deshalb waren wir so schnell ausgebucht“, sagte der Empfangschef.

Elise stand da wie vom Donner gerührt und überlegte fieberhaft. Schließlich schüttelte sie den Kopf und meinte: „Wir haben keine andere Wahl.“

„Sieht ganz so aus.“

„Tut mir leid“, erwiderte der Empfangschef.

„Da können Sie doch nichts dafür“, entgegnete Elise lächelnd, obgleich sie am liebsten laut aufgestöhnt hätte. Schweigend zusammen im Wagen zu sitzen, war auch nicht gerade ein Vergnügen gewesen. Daher hatte sie sich darauf gefreut, ein paar Stunden mit Molly allein zu sein und einfach zu entspannen. Schlimmer noch, sie fühlte sich stärker zu Jared hingezogen, als sie sich eingestehen wollte. Sie war noch nicht dazu gekommen, sich einzureden, dass körperliche Anziehung an sich nichts bedeutete. Auch hatte sie noch keine Zeit gehabt, darüber nachzugrübeln, dass Männer meist Probleme mit sich brachten. Und ob sie es wollte oder nicht, sie war jetzt auf dieser Fahrt von Jared abhängig.

Ein Bett bedeutete, sie müssten entweder verkrampft nebeneinander schlafen, immer auf der Hut davor, sich nachts nicht zufällig zu berühren, oder sie müssten eine Münze werfen und der Verlierer die Nacht auf dem Boden verbringen.

An den Empfangschef gewandt, fragte sie lächelnd: „Können Sie ein Kinderbett ins Zimmer stellen?“

Er tippte in seinen Computer und sagte dann mit erleichtertem Seufzen: „Eins haben wir noch.“

„Mehr brauchen wir auch nicht.“ Sie wandte sich wieder an Jared. „Ich hole schon mal unsere Sachen.“

Jared nickte, und als Elise sich umwandte, gluckste Molly fröhlich vor sich hin.

„Ja, dir gefällt das sicher, weil du gleich dein Fläschchen bekommst und nachher in einem schönen Kinderbettchen schläfst, das du nicht mit einem Fremden teilen musst. Für Erwachsene sind die Dinge nicht immer so einfach.“

Molly fand das besonders lustig, und Elise verdrehte die Augen, als sie nach der Wickeltasche und ihrem Koffer griff. Sie glaubte nicht, dass Jared Annäherungs- oder auch nur Flirtversuche unternehmen würde. Er würde auch nicht so rücksichtslos sein, nur mit einem Handtuch bekleidet aus dem Badezimmer zu kommen oder gar nackt zu schlafen. Sie hatte keine Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Aber Kleinigkeiten könnten zum Problem werden. So eng beisammen zu sein, würde sie beide verlegen machen, und die Nacht könnte dadurch lang und ungemütlich werden.

Jared nahm ihr das Gepäck ab. „Das Zimmer ist gleich im Bungalow nebenan. Ich bringe Sie und Molly hin und parke dann den Wagen.“

Er sah so nervös aus, dass Elise ihm aufmunternd zulächelte. „Danke.“

Er hielt ihr die Eingangstür auf. Elise trat wieder hinaus in die Kälte, wickelte Molly fester in ihre Decke und rannte zum Eingang des Bungalows. Jared ließ sie hinein, stellte das Gepäck ab und verschwand gleich wieder.

Elise bereitete für Molly das Fläschchen vor und setzte sich mit ihr aufs Bett. Jeder Gedanke an die bevorstehende Nacht war jetzt zweitrangig, und sie konzentrierte sich ganz darauf, Molly zu versorgen.

Als Molly satt und zufrieden war und sie eine Weile fröhlich zusammen gespielt hatten, klopfte es, und Jared kam wieder herein. Er stellte seinen Koffer neben ihren, und die Nähe der beiden Gepäckstücke zueinander führte Elise ihre Situation wieder deutlich vor Augen.

„Wollen Sie und Molly zuerst ins Bad?“

Er wandte sich ihr zu, als er die Frage stellte, und Elises Blick wanderte unwillkürlich über seine hochgewachsene Gestalt. Muskulöse Schenkel und breite Schultern zeichneten sich vorteilhaft unter Jeans und T-Shirt ab.

Seine männlichen Reize verfehlten keineswegs ihre Wirkung, und sie spürte, wie sich ein leises Verlangen in ihr regte.

Mein Gott, warum hatte sie sich nur auf diese Fahrt eingelassen?

Sie konzentrierte sich wieder auf Mollys Wickeltasche und wühlte darin nach einer sauberen Windel und einem Pyjama. „Das wäre nicht schlecht. So kann ich sie schon mal ins Bett bringen, während Sie unter die Dusche gehen.“

Stirnrunzelnd fragte er: „Ich kenne mich mit Babys nicht gut aus, aber was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal unter die Dusche gehen?“

„Dann sitzt sie in ihrer Babytrage mit im Badezimmer, damit ich sie im Auge behalten kann und höre, wenn sie schreit.“

„Sie können sie nach dem Baden und Wickeln ruhig zu mir rausstellen.“

„Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“

Ihre Blicke trafen sich. „Darüber sollten wir eigentlich mittlerweile hinaus sein, oder?“, meinte er schmunzelnd.

Seine meist sorgenvolle Miene mit den düster blickenden grauen Augen wirkte an diesem Abend keine Spur gelöster. Im Gegenteil, sie verrieten innere Kämpfe oder vielleicht auch eine Verwirrung der Gefühle. Sicher konnte sie ihm vertrauen. Ihre Situation war nicht gerade einfach, aber sie waren beide aufrichtige, ernsthafte Menschen. Wenn sie ihm nicht einmal so weit über den Weg traute, wie sollte er es die ganze Nacht im selben Raum mit ihr aushalten können? Und wenn er nicht mit ihr im einzig verfügbaren Zimmer in diesem Hotel übernachten könnte, wo sollte er dann schlafen? In seinem Wagen? Oder in der Hotellobby?

Sie hatten beide das Baby inzwischen so oft hin und her gereicht, dass es ihm tatsächlich lächerlich schien, nicht die paar Minuten, während Elise unter der Dusche war, auf sie aufpassen zu können.

„Also wenn Sie Molly für die Nacht fertig gemacht haben, dann bringen Sie sie ins Zimmer und erklären mir, was ich tun soll.“

„Einverstanden.“

Er nahm die Fernbedienung von der Kommode, und Elise verschwand mit Molly und der Wickeltasche im Badezimmer. Da sie sich ohne Babybadewanne behelfen und Molly mit der einen Hand festhalten und mit der anderen waschen musste, war Elise am Ende fast so nass wie Molly.

Anschließend brachte sie Molly ins Zimmer zurück. Jared saß zurückgelehnt auf dem Bett und schaute Nachrichten. Als sie eintrat, richtete er sich auf. „Also, was soll ich tun?“

Sie hätte ihm liebend gern tief in seine ausdrucksvollen Augen geblickt. Aber außer einem kurzen interessierten Aufblitzen, das sie bei ihm bemerkt hatte, als sie zusammen ihre Sachen in seinem Wagen verstaut hatten, hatte er ihr gegenüber bisher keinerlei emotionale Regung gezeigt, abgesehen vielleicht von seiner Bitte, sie solle ihm doch vertrauen.

Die körperliche Anziehungskraft schien nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Sie sorgte sich wohl ganz umsonst, denn warum sollte ein reicher Mann, der Promis als Mandanten hatte, sie so sehr begehren, dass er die Kontrolle über seine Gefühle verlor? Er dachte sicher nicht mal im Traum daran.

Also wandte sie den Blick ab und verstaute mit vorgespielter Geschäftigkeit Mollys schmutzige Wäsche in der dafür vorgesehenen Plastiktüte in ihrem Koffer. „Sie ist gefüttert und frisch gewickelt. Also wird sie wahrscheinlich bald schläfrig. Meist trage ich sie noch ein bisschen herum oder spiele mit ihr, bis sie anfängt, sich die Augen zu reiben. Das ist das Zeichen, dass sie wirklich müde ist, und dann bringe ich sie ins Bett.“

„Alles klar, dann mache ich jetzt alles genau so, wie Sie es gesagt haben.“

„Das Babybett ist noch nicht da.“

„Vorhin war viel los an der Rezeption. Ich bin sicher, bis Molly bereit ist, einzuschlafen, hat es jemand vorbeigebracht. Wenn nicht, dann gucken wir noch ein bisschen fern.“

Sie holte tief Luft und fühlte sich auf einmal unbehaglich. Tief in ihrem Inneren wusste sie, er würde nie etwas tun, was Molly schaden könnte. Dennoch scheute sie sich, sie in seiner Obhut zu lassen. „Haben Sie Angst, dass ich die Kleine entführe, so wie ich einmal Angst hatte, Sie würden meinen Wagen stehlen, wenn ich Ihnen die Schlüssel überlasse?“

Sie lachte verlegen. „Nein. Aber …“

„Aber Sie trauen mir nicht zu, dass ich in der Lage bin, Molly bei Laune zu halten?“

„Doch, das traue ich Ihnen schon zu.“

Es war nicht fair, ihn mit ihrem unzuverlässigen Vater und dem gleichermaßen unzuverlässigen Patrick in einen Topf zu werfen, wo Jared doch nur vorgeschlagen hatte, ein paar Minuten auf ihr Baby aufzupassen! Und trotzdem fiel es ihr schwer, ihm zu vertrauen. Überhaupt noch irgendjemandem zu vertrauen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie mit ungefähr zehn Jahren am Fenster des kleinen Hauses gesessen hatte, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte, und gebetet hatte, ihr Dad möge doch zurückkommen. Und dass sie sich gewünscht hatte, ihre Mutter hätte keine so großen Sorgen mehr. Aber ihr Dad kam nie zurück, noch nicht einmal zu Besuch.

Sie dachte an Patrick. Dachte daran, wie viel leichter sie es in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft gehabt hätte, wenn er an ihrer Seite geblieben wäre. Aber er wollte keine Verantwortung für ein Kind übernehmen und dachte nicht im Traum daran, ihr beizustehen.

Kein Wunder also, dass sie sich nicht vorstellen konnte, ein Mann könnte ihr irgendetwas zuliebe tun.

„Gehen Sie ruhig unter die Dusche. Morgen müssen wir früh los.“

Der belustigte Unterton in Jareds Stimme holte sie in die Realität zurück. Er hielt sie sicher für hysterisch. Schließlich hatte er ihr bisher immer wieder mit Molly geholfen und verstand nicht, warum sie ihm ihr Töchterchen nicht für ein paar Minuten anvertrauen mochte, obwohl sie gleich nebenan war. Aber sie würde unter der Dusche stehen und könnte nicht einfach rausrennen und nach dem Rechten sehen, denn sie wäre nackt …

Mein Gott, vielleicht war das ja ihr Problem. Es ging ihr gar nicht so sehr darum, dass sie Molly mit Jared allein ließ, sondern sie hatte einfach Angst, sie könnte etwas Verdächtiges hören und aus Panik nur halb bekleidet aus dem Badezimmer stürzen. Aber das war einfach lächerlich. Jared war durchaus in der Lage, aufzupassen, dass in den fünf oder zehn Minuten, die sie zum Duschen brauchte, nichts Schlimmes passierte. Und sie würde auch nicht aus dem Badezimmer rennen, ohne sich zumindest ein Badetuch umzubinden.

Kein Grund zur Sorge also.

Sie warf noch einen prüfenden Blick in Richtung Molly, dann ging sie ins Bad.

Nach ein paar Minuten kam sie geduscht und abgetrocknet heraus und trug Jogginghosen und ein riesiges T-Shirt zum Schlafen – das Outfit mit dem geringsten Sex-Appeal, das sie in ihrem Koffer hatte auftreiben können. Das Babybett war inzwischen gebracht und aufgestellt worden. Molly schlief tief und fest, umgeben von ihren vertrauten Decken. Jared saß auf dem Bett und sah entspannt und verdammt sexy aus.

Sie befahl sich, nicht weiter daran zu denken, doch das stille Zimmer mit nur einem Bett und die Verrichtung so intimer Dinge wie das Duschen sorgten für eine sexuell aufgeladene Atmosphäre. Sein zerzaustes Haar und der Dreitagebart verliehen Jared ein rebellisches Aussehen, das ihre weiblichen Sinne ansprach.

Sie zupfte am Saum ihres T-Shirts und zog es nervös so weit wie möglich herunter.

„Danke, dass Sie auf Molly aufgepasst haben.“

„Gerne.“ Er stand auf, nahm seine Sachen und ging ins Bad. Entweder bemerkte er ihren lächerlichen Aufzug gar nicht, oder er ignorierte ihn höflich.

Als er im Bad verschwunden war, kniff Elise die Augen zusammen. Wenn sie doch nur weglaufen könnte. Aber das ging nicht. Er war ihr Chauffeur. Sie wusste nicht mal genau, wo sie waren oder wo sie den nächsten Bus erwischen könnte. Und wie sollte sie mit Molly bei diesem Sturm draußen herumlaufen? Diese Nacht saßen sie auf jeden Fall in diesem Zimmer fest.

Schlimmer noch, in ein paar Sekunden würde Jared hinter dieser dünnen Wand nackt unter der Dusche stehen. Sie schnappte sich die Fernbedienung und suchte eine Fernsehsendung, die sie ablenken würde.

Jared wunderte sich über Elise. Ihre körperlichen Reize hätten ihn nervös gemacht, hätte er nicht gewusst, dass sie diese um alles in der Welt vor ihm verbergen wollte. Vermutlich weil sie ihm immer noch nicht über den Weg traute, und er bezweifelte, dass sich das bei ihr ändern würde.

Es kränkte ihn, dass er sie nach all der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, noch immer hatte überreden müssen, auf Molly aufzupassen, während sie unter der Dusche war. Er glaubte ihr, dass Michael sie für das Wohnungshüten gut bezahlt und sie das ganze Geld gespart hatte. Beides waren gute Gründe dafür, dass sie ihre Ausgaben gern selbst bezahlen wollte. Daher hatte er erst jetzt gemerkt, als sie sich dagegen sträubte, dass er auf Molly aufpassen wollte, wie stur sie in dieser Hinsicht war.

Dabei war ihm etwas klar geworden, worauf er zuvor besser hätte achten sollen, es aber geflissentlich ignoriert hatte. Sie wollte nicht nur unabhängig von ihm sein, was die Kosten betraf; sie mochte es einfach nicht, dass er etwas für sie tat. Sie war die erste Frau seit fünf Jahren, die ihn nicht als Antwort für all ihre Probleme betrachtete. Natürlich waren die einzigen Frauen, mit denen er Umgang hatte, seine Mandantinnen, daher erwarteten sie natürlich, dass er seinen Job machte. Aber dass er sich das „Privileg“, Elise zu helfen, so hart erkämpfen musste, stimmte ihn nachdenklich.

Er zog sich aus und trat unter die Dusche. Dass andere von ihm abhängig waren, war ihm mittlerweile vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen. Er musste bis zu seiner Zeit als Bezirksstaatsanwalt zurückgehen, damit ihm Frauen einfielen, die ihm ebenso sehr misstraut hatten wie Elise. Diese Frauen waren von ihren Partnern geschlagen und missbraucht worden. Er dachte an den Mann, der Elise verlassen hatte. Am liebsten hätte er ihn ausfindig gemacht und verprügelt, aber diesen Impuls hatte er auch bei all den Frauen verspürt, die er damals verhört hatte.

Plötzlich hielt er inne. Er hatte gerade an die Vergangenheit gedacht, ohne dass sich seine Brust schmerzlich verengt hatte. Er hatte sich an seine Zeit als Bezirksstaatsanwalt erinnern können, ohne dass der alte Schmerz wiederbelebt worden war.

Noch bevor er realisierte, was das für ihn bedeutete, brannte ihm das Shampoo in den Augen, und er hielt den Kopf unter die Dusche. Nach dem Abtrocknen zog er ein vergleichbares Outfit für die Nacht an wie Elise. Jogginghosen und ein schwarzes T-Shirt. Falls ihre Schlabberklamotten die Botschaft an ihn enthielten, er solle sie nur ja in Frieden lassen, dann wollte er sein Outfit dazu benutzen, ihr zu sagen, dass er verstanden hatte.

Doch plötzlich wurde ihm klar, dass sie mit ihm gleich darum kämpfen würde, wer im Bett schlafen sollte, und er stöhnte genervt auf. Mit dieser Frau wurde alles zum Kampf.

Er trat aus dem Bad und wollte ihr gerade sagen, dass sie im Bett und er auf dem Boden schlafen würde. Doch sie hatte schon eine Münze parat, die sie zu dieser Entscheidung werfen wollte.

Er blieb wie angewurzelt stehen. Ihr schönes rotes Haar glänzte im Schein der Lampe. Ihr T-Shirt ließ die wohlgeformten Brüste, ihre schlanke Taille und den sanften Schwung ihrer Hüften erahnen. Der blumige Duft ihres Shampoos vermischte sich mit dem ihres Duschgels und stieg ihm angenehm in die Nase.

Und wieder erstarrte er innerlich und konnte kaum glauben, wie ihm geschah. Er hatte sich schon so lange nicht mehr zu einer Frau hingezogen gefühlt, dass seine Reaktion auf ihren Anblick ihn überwältigte. Sehnsüchte und Bedürfnisse, die so lange in ihm geschlummert hatten, brachen sich plötzlich Bahn. Zum ersten Mal seit fünf Jahren musste er seine Hormone ganz bewusst unter Kontrolle bringen.

Doch Elise war die letzte Frau, die bei ihm sexuelle Impulse auslösen durfte. Nicht nur weil sie auf dieser Reise so eng zusammen sein mussten, sondern weil sie ihn an all die misshandelten Frauen erinnerte, die er einst als Bezirksstaatsanwalt auf ihren Prozess vorbereitet hatte.

Ob Elise wohl auch körperlich misshandelt worden war?

Aber dann hätte sie ihm wohl nicht so weit vertraut, in seinen Wagen zu steigen und mit ihm quer durchs Land zu reisen. Aus seinen zwei Jahren als Bezirksstaatsanwalt wusste er allerdings, dass die Betroffenen menschenscheu wurden. Und übertrieben abweisend.

Ja, Elise hatte sicher Schlimmes durchgemacht, und er wollte sie um jeden Preis schonend behandeln.

Er schnappte sich die Münze, noch bevor sie ihn abwehren konnte. Dann warf er sie in die Höhe, fing sie und legte sie schwungvoll auf seinem Handrücken ab.

„Kopf oder Zahl?“

„Zahl.“

Er spähte hinunter, sah die Zahl auf der Münze und sagte: „Pech gehabt. Es ist Kopf. Ich schlafe auf dem Boden.“ Dann warf er ihr die Münze wieder zu.

Sie fing sie geschickt auf. „Warten Sie! Ich habe ja die Münze gar nicht gesehen.“

„Sie haben sie doch in der Hand.“

„Sie wissen genau, was ich meine. Ich habe nicht gesehen, ob es wirklich Kopf war. Sie können mich nicht einfach so überrumpeln …“

„Sie überrumpeln, im Bett zu schlafen?“ Lachend ging er zum Schrank und holte ein Reserve-Kopfkissen und eine Decke heraus. „Also wirklich! Ich bin schon ein Schuft, dass ich Ihnen das Bett überlasse.“

„Aber ich …“

„… hab das Knobeln gewonnen und lege mich jetzt im Bett schlafen!“, beendete er ihren Satz und ging zu der freien Fläche auf der anderen Zimmerseite, wo er die Decke ausbreiten und sein Kissen darauflegen konnte. Egal wie weit er sich von ihr weg legte, er roch immer noch ihren Duft.

Ja, es war sicher besser für ihn, wenn er auf dem Boden schlief.

3. KAPITEL

Jared erwachte mitten in der Nacht von lautem Lachen. Als er sich aufrichtete, stöhnte er gequält auf, denn vom Schlafen auf dem Boden war er wie gerädert.

Er sah Licht im Badezimmer, dann hörte er Elise sagen: „Oh, das magst du, nicht?“

Ihre sanfte, weibliche Stimme erinnerte ihn daran, wie schwer es ihm gefallen war, umgeben von ihrem Duft Schlaf zu finden und dabei das Rascheln ihrer Laken zu hören, wenn sie sich im Bett umdrehte.

Er verdrängte die Erinnerung energisch. „Alles in Ordnung da drin?“

„Wie bitte?“

„Ich habe gefragt, ob bei Ihnen alles okay ist …“ Er brach ab, stand mühsam auf und ging zum Bad. Obgleich die Tür einen Spalt offen stand, wandte er den Kopf ab und wagte nicht hineinzusehen.

„Alles bestens.“ Elise stieß die Tür mit dem Fuß ganz auf. Sie saß auf dem Boden und hielt Molly fest, die auf wackligen Beinchen stand. „Molly wird eine Weile auf sein. Sie können sich jetzt ruhig ins Bett legen.“

„Nein, schon gut. Ich …“

„Ich meine es ernst“, unterbrach ihn Elise lachend. Das Haar fiel ihr über die Schultern, und die grünen Augen leuchteten. „Molly ist hellwach. Sie schläft jetzt sicher nicht mehr ein.“

Er hatte sie noch nie so entspannt gesehen. Durch ihr strahlendes Aussehen und ihr Mutterglück erschien sie ihm besonders weiblich, und er spürte, wie sich in ihm das Verlangen regte.

„Molly hat in den vergangenen zwei Tagen beim Fahren geschlafen, daher war mir schon klar, dass sie bald aufwachen würde. Sie braucht ein bisschen Zeit zum Spielen, ganz gleich, ob das mitten in der Nacht ist.“

Er räusperte sich, verlegen darüber, sie so unverblümt angestarrt zu haben. Eigentlich war es ein Grund zur Freude, dass er wieder mal eine Frau attraktiv fand, doch diese Frau war für ihn einfach tabu. Elise hatte ein Kind und war auf dieser Fahrt bis Pennsylvania von ihm abhängig. Sie sollte keine ungewollten Annäherungsversuche von ihm befürchten müssen. Zumal er nicht genau wusste, ob Mollys Vater sie nicht misshandelt hatte.

Ihr Lachen ging ihm durch und durch, denn es unterstrich die Vertrautheit zwischen ihnen. Nicht nur, weil sie allein in einem Hotelzimmer waren, sondern aufgrund der Art, wie sie miteinander plauderten. Vertraut … auf Augenhöhe … freundschaftlich.

Freundschaftlich?

Nein, sie konnten keine Freunde werden. Wenn sie sich zu nahe kämen, dann würde er sie küssen, und sobald er sie einmal geküsst hätte, würden sie eine rote Linie nach der anderen überschreiten, bis sie zusammen im Bett landeten. Diese Kumpelhaftigkeit war brandgefährlich.

Sein Blick wanderte über ihre schlanke Gestalt. Mein Gott, hatte er wirklich zu ihr gesagt, sie wäre nicht sein Typ? „Sind Sie nicht müde?“, versuchte er abzulenken.

„Ich bin zwar nicht ausgeschlafen, andererseits sitzen wir ja den ganzen Tag im Auto. Und ich kann ja später als Beifahrerin ein Nickerchen machen.“ Sie lächelte ihn an. „Bitte legen Sie sich ins Bett.“

Ihr viel zu seltenes Lächeln elektrisierte ihn. Seine plötzlich aufbrechenden Gefühle und Sehnsüchte brachten ihn völlig durcheinander. Sein Herz klopfte heftig, und seine Nerven vibrierten. Er musste diesem Zustand ein Ende bereiten. Zumindest musste er schleunigst Elises Nähe meiden.

„Okay, dann lege ich mich noch etwas hin.“ Sein Rücken würde es ihm danken, dennoch hatte er ein schlechtes Gewissen. Eine junge Mutter brauchte ihren Schlaf, und auch Molly würde wieder müde werden, und wo sollte Elise sich dann hinlegen? Auf den Boden? Niemals.

Er rieb sich über den Nacken. „Das ist mir aber gar nicht recht.“

„Okay, dann legen Sie sich eben wieder auf den Boden.“

„Schlecht gelaunt?“ Gott sei Dank.

„Ich bin nicht schlecht gelaunt.“ Sie nahm Molly auf den Arm und knuddelte sie. „Aber ich bemuttere Sie auch nicht. Sie sind erwachsen. Wenn Sie den Märtyrer spielen wollen, dann kann ich Sie nicht daran hindern.“

Gekränkt von ihrem spöttischen Ton, trat er von der Tür zurück. Meine Güte, er hatte ja nur höflich und rücksichtsvoll gegenüber einer jungen Mutter sein wollen. Daran war doch nichts falsch. Und er hatte nie darum gebeten, bemuttert zu werden.

Auf halbem Weg zum Bett blieb er stehen. Vielleicht wollte er nicht bemuttert werden, aber mit dem Märtyrerspielen hatte sie ins Schwarze getroffen.

Er holte tief Luft, schnappte sich das Kopfkissen vom Boden und murmelte: „Egal.“

Das kam davon, wenn man sich seinen Gefühlen hingab. Die wollte er jetzt wieder dorthin zurückpacken, wo sie die vergangenen fünf Jahre geschlummert hatten. Er schob das Kissen, auf dem sie geschlafen hatte, beiseite, da er seine Nase nicht ihrem Duft aussetzen wollte. Dann ließ er sich gähnend auf das bequeme Bett fallen und schloss mit wohligem Seufzen die Augen.

Elises unterdrücktes Kichern drang ins Schlafzimmer. „Na also. Das hast du toll gemacht.“

Obwohl sie ganz leise sprach, konnte Jared sie gut hören.

„Du kannst ja schon fast ganz alleine stehen. Jetzt bist du mein großes Mädchen.“

Unwillkürlich musste Jared lächeln. Elise mochte ja ein bisschen komisch sein, aber Molly war wirklich süß. Und in den zwei Tagen ihrer Fahrt hatte sie sich bisher wie ein Engelchen benommen.

„Wenn ich nur wüsste, ob man uns in Four Corners freundlich empfangen wird.“

Elises Murmeln war jetzt noch leiser, und er konnte kaum verstehen, was sie sagte. Da er jedoch vermutete, dass sie misshandelt worden war, fühlte er sich nicht schuldig, zu ergründen, was sie bedrückte. Er hatte angenommen, Mollys Vater hätte sie misshandelt, aber vielleicht war es ja auch früher schon geschehen, in ihrer Heimatstadt?

„Ich kenne dort ja keine Menschenseele mehr.“

Jared runzelte die Stirn. Er hatte gedacht, dass sie zum Weihnachtsfest zu ihrer Familie nach Hause fuhr. Er lauschte weiter angestrengt, aber sie schwieg eine ganze Weile.

Plötzlich jedoch seufzte sie erleichtert auf. „Immerhin erbe ich Großmutters Haus. Und wenn ich ein bisschen was in die Reparaturen stecke, dann bekomme ich beim Verkauf bestimmt ein schönes Sümmchen dafür.“

Jared war erleichtert. Sie reiste dorthin, weil ihre Großmutter ihr ein Haus vermacht hatte. Elise hatte also eine finanzielle Basis, etwas, worauf sie sich stützen konnte. Selbst wenn sie eine furchtbare Zeit hinter sich hatte, war sie nicht ohne Perspektive und konnte für sich und ihre Tochter ein neues Leben aufbauen.

„Das wird schon alles gut werden. Kein Grund zur Sorge. Selbst wenn mein Vater noch andere Kinder hat, dann können sie mich ja nicht aus der Stadt jagen. Bleiben will ich dort sowieso nicht. Ich richte das Haus her und überlasse den Verkauf einem Makler.“

Jared hatte keine Ahnung, welchen Reim er sich darauf machen sollte. Elise wusste nicht, ob in Four Corners noch Geschwister von ihr lebten?

Er hörte die beiden lachen, doch nach einer Weile wurde Elises Tonfall wieder ernst. „Jetzt mach dir bloß keine Illusionen, dass dort eine heile Familie auf dich wartet. Aber wir beide haben ja noch uns. Das muss reichen. Wenn ich zu viel erwarte, werde ich nur wieder enttäuscht.“

Jared war teils erleichtert, teils empfand er tiefes Mitleid. Elise war nicht misshandelt worden. Aber ihr Vater hatte sie wohl als Kind verlassen, und später hatte auch Mollys Vater sie sitzen lassen, als sie schwanger war. Was ihrer Mutter zugestoßen war, blieb unklar, aber offenbar war sie auch nicht mehr für ihre Tochter und Enkelin da. Kein Wunder also, dass Elise niemandem traute.

„Wie haben Sie eigentlich Michael kennengelernt?“, fragte Jared, als sie am nächsten Morgen wieder im Auto saßen.

Elise fand, dass Jared sich den ganzen Morgen seltsam verhalten hatte. Nachdem er bis neun geschlafen hatte – was er sonst angeblich nie tat –, hatte er sich in Windeseile angezogen. Sie hatte ihn dabei mit nacktem Oberkörper gesehen, und seine dunkle Brustbrustbehaarung hatte sehr maskulin auf sie gewirkt, ebenso wie das Geräusch seines Rasierapparates und der Duft seines Aftershaves.

Das hatte in ihr weibliche Sehnsüchte geweckt, und noch nie war sie so froh gewesen, die Enge eines Raumes zu verlassen wie dieses Hotelzimmer. Insbesondere seit sie bemerkt hatte, wie er sie in der vergangenen Nacht angesehen hatte, als sie mit Molly im Badezimmer spielte.

Er fühlte sich ebenso von ihr angezogen wie sie sich von ihm. Eigentlich müsste es ihr Misstrauen wecken, dass er jetzt auf einmal Konversation machen wollte. Aber da er ein seltsamer Vogel war, konnte es auch sein, dass er glaubte, ein bisschen Small Talk könnte sie beide von der gegenseitigen Anziehungskraft ablenken, die sie aufeinander ausübten.

Es erschien ihr also keine schlechte Idee, ihm ein wenig von sich zu erzählen.

„Ich habe bei Michaels Lieblingsitaliener als Kellnerin gearbeitet.“

„Aha! Das kleine Restaurant an der Juniper Street?“

Sie nickte. „Er ist mindestens dreimal pro Woche dort. Und er kommt immer zu ganz ungewöhnlichen Zeiten, wenn sonst kaum andere Gäste da sind. Also hatten wir immer Gelegenheit zu plaudern.“

„Daher kannte er Sie so gut, dass er Sie gebeten hat, auf seine Wohnung aufzupassen, solange er verreist ist?“

„Ja.“ Elise holte tief Luft. Wenn er sie so gründlich ausfragte, dann konnte sie vielleicht auch ihm ein paar Fragen stellen. „Und woher kennen Sie beide sich?“

„Vom Warten auf den Lift.“

„Und dabei sind Sie Freunde geworden?“

Jared lächelte. „Nein, wir wurden Freunde, weil ich nicht zu seiner Weihnachtsparty gegangen bin.“

„Weil Sie nicht hingegangen sind?“

„Jedes Jahr veranstaltet er für alle Bewohner im Gebäude eine riesige Weihnachtsparty. Als ich das erste Jahr dort wohnte, lud er mich ein und erinnerte mich beim gemeinsamen Warten auf den Lift auch mehrmals daran. Aber ich bin nicht hingegangen.“

Diesmal lächelte Elise. „Und er wollte wissen, warum.“

„Er hat bei mir geklingelt und wollte wissen, warum ich ihn versetzt hatte. Er war hartnäckig und kam auf einen Drink herein, und dann sind wir irgendwie auf die Raiders zu sprechen gekommen.“

„Die Raiders?“

„Ja, die Oakland Raiders, ein Footballteam. Bald darauf haben wir uns alle ihre Spiele zusammen angeschaut, und wenn wir Zeit hatten bei einem Bierchen auch andere Sport-Events.“

„Im Jahr darauf sind Sie dann aber zu seiner Party gegangen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein? Er konnte Sie nicht überzeugen?“

„Nein, aber wir wurden Freunde. Deshalb hat er verstanden, warum ich nie auf seine Party gekommen bin.“

„Sie sind ein Weihnachtsmuffel.“

„Ich bin generell nicht so gesellig.“

Sie tat entsetzt. „Sie? Das glaube ich nicht.“

Er lächelte und schwieg. Und nach einer Weile fragte er: „Und Sie wollen nach North Carolina?“

„Ja.“

„Dann haben Sie sicher Familie dort?“

Molly begann zu quengeln, und Elise drehte sich erleichtert um. Dieses Thema wollte sie lieber nicht vertiefen, und Molly hatte sie gerettet.

„Sie braucht eine frische Windel.“

„An der nächsten Raststätte fahre ich raus.“

Elise war froh, dass Molly sie davor bewahrt hatte, unhöflich zu Jared sein zu müssen oder zu sagen, sie möchte nicht darüber reden, was sie in North Carolina erwarten könnte. Sie hatte keine Ahnung, ob sie eine Familie hatte. Ob das Haus, das ihre Großmutter ihr vermacht hatte, ein Palast oder ein Schweinestall war. Sie wollte einfach nicht darüber sprechen, aber schweigend dazusitzen war auch keine Lösung.

Nach ein paar Sekunden wurde die Stille im Wagen erdrückend. Jared war in den vergangenen Tagen sehr freundlich zu ihr und Molly gewesen. Er war nicht neugierig. Und es gab eine Menge, was sie erzählen konnte, ohne über ihre Befürchtungen zu sprechen.

Sie holte tief Luft. „Ich will nach Four Corners, weil ich das Haus meiner Großmutter geerbt habe.“

„Das ist doch wunderbar!“

„Aber meine Großmutter musste erst sterben, damit ich ihr Haus erben konnte.“

„Das tut mir leid.“

„Schon gut. Ich habe sie eigentlich gar nicht gekannt.“

„Ach!“

Er sagte das zwar beiläufig, aber mit dem Unterton, dass er bereits Bescheid wusste. „Sie haben gestern im Badezimmer meine Selbstgespräche mitangehört?“, fragte Elise.

„Sie haben zwar sehr leise gesprochen, aber ich habe leider extrem gute Ohren.“ Er schwieg einen Moment. „Ich finde es toll, dass Ihre Großmutter Ihnen das Haus vermacht hat.“

„Ich kann das Geld aus dem Verkauf gut gebrauchen.“

„Zahlt denn Mollys Vater keinen Unterhalt?“

Sie hatte Patrick vergangene Nacht nicht erwähnt, also stellte er diese Frage aufs Geratewohl. „Mollys Dad ist aus meinem Leben verschwunden“, erwiderte sie.

„War das Ihre Entscheidung oder seine?“

„Seine. Nachdem ich ihm gesagt habe, ich sei schwanger, wollte er Arbeit suchen. Aber er ist nie mehr zurückgekehrt. Ich habe ihn später in Sacramento ausfindig gemacht. Er lebte schon wieder mit einer anderen Frau zusammen.“ Sie holte tief Luft und sah Jared lächelnd an. „Aber das ist schon lange her. Ich hatte dann so viel zu tun, um einen Job zu finden und für die Zeit vor und nach der Geburt zu sparen, in der ich nicht arbeiten konnte, darüber ist das ganz untergegangen.

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