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ROMANA EXKLUSIV BAND 301

Die Wahrheit kennt nur der Wüstenwind

1. KAPITEL

Es war eine dieser Nächte, in denen sich ein Mann wünscht, auf seinem Lieblingshengst durch ein Meer aus Wüstensand zu reiten. Der Himmel wie schwarzer Samt. Sterne wie Leuchtfeuer. Ein elfenbeinfarbener Mond, der die weite Landschaft in sein milchig weißes Licht hüllt.

Aber Scheich Karim al Safir saß nicht im Sattel. Nicht in dieser Nacht. Seine Königliche Hoheit, der Prinz von Alcantar und künftige Thronfolger, flog in fünfundzwanzigtausend Fuß Höhe über der Wüste in seinem Privatjet durch die dunkle Nacht. Auf einem kleinen Glastisch neben ihm wurde eine Tasse Kaffee langsam kalt. Vor ein paar Minuten hatte er angefangen, den Inhalt seines Aktenkoffers zu durchforsten, bis er plötzlich gestutzt und sich gefragt hatte, was er da eigentlich machte. Seit nunmehr zwei Wochen ging er die Unterlagen wieder und wieder durch.

Karim streckte die Hand nach der Kaffeetasse aus und trank. Er brauchte den bitteren Geschmack, die aufmunternde Wirkung des Koffeins. Er benötigte dringend etwas, das ihm half weiterzumachen. Weil er erschöpft war. Körperlich. Geistig.

Und vor allem seelisch.

Wenn er doch bloß ins Cockpit gehen und dem Piloten befehlen könnte zu landen. Jetzt sofort, hier, mitten in der Wüste. Ein verrückter Gedanke! Doch er sehnte sich von ganzem Herzen nach einem Augenblick der Ruhe, nach ein paar tiefen Atemzügen klarer Wüstenluft.

Karim schnaubte. In diesem Land würde er die ersehnte Ruhe ganz bestimmt nicht finden. Dies war nicht die Wüste seiner Kindheit. Alcantar war Tausende von Meilen entfernt, seine sanft gewellten Ebenen aus feinstem Wüstensand endeten an den türkisfarbenen Stränden des Persischen Golfs. Während die Wüste, über die sein Flugzeug gerade flog, an den grellen Neonlichtern von Las Vegas endete.

Karim trank noch einen Schluck von seinem eiskalten Kaffee.

Las Vegas.

Er war bisher nur ein einziges Mal in Las Vegas gewesen. Geschäftlich. Aber die Stadt hatte ihn abgestoßen, sie war ordinär und geschmacklos, wie eine billige Hure mit zu viel Make-up. Deshalb hatte er damals beschlossen, nicht wie geplant dort Geld zu investieren. Auch wenn das sein Bruder offenbar völlig anders gesehen hatte. Rami hatte sich fast drei Monate in Vegas aufgehalten, so lange wie nirgendwo sonst in den letzten Jahren. Auf ihn schien die Stadt einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt zu haben.

Karim lehnte sich in seinem Ledersitz zurück. Der Versuch, nach Ramis Tod die losen Enden im Leben seines Bruders zu verknüpfen, hatte ihm die letzten Illusionen geraubt. Und ihn gezwungen, sich endlich der ganzen Wahrheit über Rami zu stellen.

Die losen Enden verknüpfen. Karim verzog leicht den Mund. So sah es zumindest sein Vater. In Wirklichkeit versuchte Karim, das Chaos zu lichten, das Rami hinterlassen hatte, aber davon wusste der König nichts. Er glaubte, dass sein jüngerer Sohn einfach nicht fähig oder willens gewesen war, erwachsen zu werden, dass er auf einer endlosen Suche nach sich selbst von Ort zu Ort gereist war.

Karim fand, dass so ein Selbstfindungsprozess ein Luxus war, den sich ein Prinz schlicht nicht leisten konnte, aber für Rami schienen andere Maßstäbe zu gelten. Er hatte schon immer eine wilde Seite gehabt und stets Wege gefunden, sich seiner Verantwortung zu entziehen.

Du bist der zukünftige Thronfolger, Bruder“, hatte er gesagt und dabei das hübsche Gesicht zu einem Grinsen verzogen. „Ich bin nur der Ersatzerbe.“

Vielleicht wäre ihm ja durch das Einhalten einiger Spielregeln dieser viel zu frühe, hässliche Tod erspart geblieben, aber jetzt war es zu spät für Spekulationen. Rami war mit aufgeschlitzter Kehle auf einer kalten Straße in Moskau verblutet. Als Karim die Nachricht erhalten hatte, war er von seiner Trauer fast überwältigt worden.

Er hatte gehofft, eine Art Frieden zu finden, indem er die Hinterlassenschaft seines toten Bruders ordnete.

Karim atmete tief ein und wieder aus.

Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass es ihm gelang, den Namen seines Bruders reinzuwaschen, indem er dafür sorgte, dass die Menschen, die Rami getäuscht hatte, diesen Namen nicht mehr mit Abscheu aussprachen.

Getäuscht?

Karim hätte fast gelacht. Sein Bruder hatte gespielt. Herumgehurt. Hatte alles geschluckt, was an illegalen Drogen auf dem Markt war. Er hatte sich Geld gepumpt und nie zurückbezahlt, er hatte in Kasinos weltweit horrende Spielschulden und offene Hotelrechnungen hinterlassen.

Karim war um die Welt geflogen, um Ramis Schulden zu begleichen, und zwar weniger aus Sorge um die rechtlichen Konsequenzen, als um den guten Namen seiner Familie wiederherzustellen. Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl, das waren Tugenden, für die Rami zeitlebens nur Hohn und Spott übriggehabt hatte.

Das musste Karim jetzt ausbaden. Deshalb hatte er sich zu dieser Pilgerreise aufgemacht, falls ein solches Wort zulässig war, um diese deprimierende Odyssee zu beschreiben. Er hatte Bankern, Kasino-Betreibern und Hotelmanagern Schecks ausgehändigt und finsteren Gestalten in abgewrackten Hinterzimmern obszöne Mengen an Bargeld in den Rachen geworfen.

Aber jetzt war er zum Glück am Ende dieser desillusionierenden Reise durch Ramis Leben angelangt. Noch zwei Tage Las Vegas, schlimmstenfalls drei, mehr auf keinen Fall. Sobald er hier fertig war, würde er nach Alcantar fliegen, um seinem Vater die gute Nachricht zu überbringen, dass Ramis Angelegenheiten geordnet waren, ohne sich dabei in Einzelheiten zu verlieren. Und wenn das hinter ihm lag, konnte er sich endlich wieder auf sein eigenes Leben in New York konzentrieren.

„Hoheit?“

Karim unterdrückte ein Aufstöhnen. Seine Flugzeugcrew war klein und effizient. Zwei Piloten und eine Stewardess, aber die junge Frau war neu an Bord und konnte ihr Glück, dass sie tatsächlich zum königlichen Stab gehörte, offenbar immer noch nicht fassen.

„Sir?“

Bedauerlicherweise schien ihr noch niemand gesagt zu haben, dass er es hasste, wenn man so viel Aufheben um ihn machte. Dass er am liebsten in Ruhe gelassen wurde.

„Ja, Miss Sterling?“, fragte er mit erzwungener Geduld.

„Moira, Sir. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass wir in einer Stunde landen.“

„Danke“, sagte er und schluckte noch ein Aufstöhnen.

„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

Können Sie die Zeit zurückdrehen und meinen Bruder wieder zum Leben erwecken, damit ich ihm etwas gesunden Menschenverstand einflößen kann?

„Danke, ich brauche nichts.“

„Gut, Hoheit. Aber falls Sie es sich doch noch anders überlegen …“

„Werde ich mich melden, danke.“

Die junge Frau machte einen angedeuteten Knicks, bei dem es sich nicht ganz um den Hofknicks handelte, vor dem sie mit Sicherheit von seinem Stabschef gewarnt worden war.

„Ich bitte darum, Hoheit.“

Noch ein Knicks, bevor sie ihn gnädigerweise allein ließ. Er würde bei nächster Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit seinem Stabschef reden müssen. Das war wirklich zu viel Untertänigkeit.

Himmel. Karim ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Die junge Frau tat doch nur das, was sie als ihre Pflicht ansah, was wahrscheinlich kaum jemand besser verstand als er. Er war schließlich von Kindesbeinen an dazu erzogen worden, seine Pflichten ernst zu nehmen.

Sein Vater, ein strenger Mann, war immer zuerst König und dann Vater gewesen. Seine amerikanische Mutter, die aus der vornehmen Bostoner Gesellschaft stammte, war ein atemberaubend schöner ehemaliger Filmstar mit untadeligen Umgangsformen gewesen – beseelt von dem brennenden Wunsch, in größtmöglicher Entfernung von ihrem Ehemann und ihren beiden Söhnen zu leben. Sie hatte Alcantar gehasst. Die sengende Hitze am Tag, die eisigen Nächte, den Wind, der einem den Wüstensand in die Augen trieb, bis man nichts mehr sehen konnte.

In einer seiner frühesten Erinnerungen stand Karim, die Hand seiner Kinderfrau umklammernd, auf der Treppe zum Palast, schluckte verzweifelt die Tränen hinunter, da ein Prinz ja nicht weinen durfte, und sah zu, wie seine schöne Mutter in eine Luxuslimousine stieg und davonfuhr.

Rami war ihr sehr ähnlich gewesen. Die hochgewachsene schlanke Gestalt, das blonde Haar, die strahlend blauen Augen.

Karim hingegen hatte von beiden Eltern etwas geerbt. Bei ihm waren das strahlende Blau der Augen seiner Mutter und das Braun der Augen seines Vaters zu einem eisigen Grau verschmolzen. Die hohen Wangenknochen und den ausdrucksvollen Mund hatte er von seiner Mutter, die stattliche Figur mit den breiten Schultern und den langen Beinen vom Vater.

Rami hatte noch etwas von ihrer Mutter geerbt. Auch wenn er Alcantar nicht gehasst hatte, hatte er doch eindeutig Orte mit einem höheren Unterhaltungswert bevorzugt.

Karim hingegen konnte sich an keine Zeit seines Lebens erinnern, zu der er sich nicht in Liebe mit seinem Heimatland verbunden gefühlt hätte. Mit sieben hatte er bereits sicher im Sattel gesessen und war imstande, ohne Hilfe von Streichhölzern oder Feuerzeug ein Lagerfeuer zu entfachen. Unter einem klaren kalten Nachthimmel in freier Natur hatte er genauso gut geschlafen wie in seinem luxuriösen Kinderzimmer.

Obwohl es nur noch wenige umherziehende Stämme in Alcantar gab, war es dem König ein Anliegen gewesen, dass der künftige Thronfolger ein Verständnis für diese alte Lebensform der Nomaden entwickelte.

Wann war es im Leben seines jüngeren Bruders eigentlich zum Wendepunkt gekommen? Als ihm in aller Konsequenz klar geworden war, dass nicht er, sondern Karim irgendwann König sein würde? Oder nach dem Tod ihrer Mutter, als sich ihr Vater in seiner Trauer nur noch tiefer in seine Regierungsgeschäfte vergrub und seine Söhne fortschickte?

Der König hatte sie auf ein Elite-Internat in die USA gegeben, weil ihre Mutter es so gewollt hätte, wie er sagte. Das war alles so überstürzt passiert, dass es für die Brüder ein regelrechter Kulturschock gewesen war. Beide hatten großes Heimweh gehabt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Rami hatte das Luxusleben im Palast gefehlt und Karim die endlose Weite der Wüste.

Bei Rami hatte das dazu geführt, dass er immer wieder den Unterricht geschwänzt und allerlei Dummheiten gemacht hatte. Nachdem er den Schulabschluss nur mit Hängen und Würgen geschafft hatte, war er auf ein kleines College in Kalifornien gegangen, wo er sich vorwiegend als notorischer Herzensbrecher und besessener Kartenspieler einen Namen machte.

Karim hingegen hatte sein Heil in seinen Schulbüchern gesucht und die Schule mit Bestnoten abgeschlossen. Anschließend war er nach Yale gegangen, um Wirtschafts- und Finanzwissenschaften und Jura zu studieren. Mit sechsundzwanzig hatte er einen Investmentfonds zum Wohle seines Landes gegründet, den er lieber selbst verwaltete, statt irgendeinem undurchsichtigen Finanzjongleur von der Wallstreet die Kontrolle zu überlassen.

Rami war mittlerweile als Assistent bei einem drittklassigen Produzenten in Hollywood untergekommen, aber selbst diesen Job hatte er nicht irgendwelchen erlernten Fähigkeiten zu verdanken, sondern allein seinem guten Aussehen, seiner Sprachgewandtheit und seinem Titel. Als ihm mit dreißig sein mütterliches Erbe ausgezahlt wurde, hörte er auf, so zu tun, als ob er arbeitete. Er trat in die Fußstapfen ihrer Mutter und reiste um die Welt.

Karim hatte mehr als einmal versucht, mit ihm zu reden, aber Ramis Antwort war stets dieselbe gewesen, und sie wurde immer von einem Grinsen begleitet: „Für Pflichterfüllung und Verantwortung bin ich nicht zuständig. Ich bin schließlich nur der Ersatzerbe. Du bist der Thronfolger.“ So waren sie sich mit der Zeit immer fremder geworden. Und jetzt …

Jetzt war Rami tot.

Tot, dachte Karim. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Die Leiche seines Bruders war von Moskau nach Alcantar überführt und mit allen Ehren in der Familiengruft bestattet worden. Ihr Vater hatte wie erstarrt neben dem Sarg gestanden. Um ihn zu schonen, hatte Karim ihm erzählt, dass Rami bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Doch warum ließ er diesen Film jetzt schon wieder in allen Einzelheiten vor seinem geistigen Auge ablaufen? Ramis Tod war keine Neuigkeit mehr. Las Vegas war Karims letzte Station. Wenn er hier durch war, konnte er endlich …

Ein dumpfes Rumpeln erschütterte das Flugzeug, das anzeigte, dass das Fahrwerk ausgefahren wurde. Wie auf Kommando tauchte die Stewardess auf, aber Karim machte eine abwehrende Handbewegung. Er wollte keine lästige Bemutterung mehr, auch wenn sie noch so gut gemeint war!

Wenig später landeten sie. Karim stand auf und griff nach seinem Aktenkoffer, in dem sich neben den Unterlagen ein kleiner Umschlag mit einem Schlüssel drin befand, zusammen mit einem Zettel, auf dem Rami handschriftlich eine Adresse notiert hatte. Morgen würde Karim schon sehr früh aufstehen, sämtliche Schulden seines Bruders begleichen und dann zu dieser Wohnung fahren, um nachzusehen, was es dort noch zu tun gab.

Danach würde endlich alles hinter ihm liegen.

Kaum eine halbe Stunde später saß Karim in einem Mietwagen und ließ sich von seinem Navi durch die Stadt zu seinem Hotel lotsen. Kurz vor eins erreichte er den in gleißendes Neonlicht getauchten Las Vegas Strip, wo ein rauschhafter Trubel herrschte, der Karim abstieß.

An seinem Ziel angelangt, übernahm ein Hotelpage seinen Wagen. Karim drückte dem jungen Mann einen Zwanziger in die Hand und bestand darauf, seinen Koffer selbst zu tragen. In der Hotellobby war der Teufel los. An den kreischenden und piepsenden Spielautomaten drängten sich so viele Menschen, dass Karim Mühe hatte, sich seinen Weg zur Rezeption zu bahnen.

Seine im zehnten Stock gelegene große Suite war überraschenderweise recht geschmackvoll eingerichtet. Karim stellte sich sofort unter die Dusche, um seine Müdigkeit zu vertreiben. Doch es klappte nicht.

In Ordnung – er brauchte Schlaf.

Aber er konnte einfach nicht einschlafen. In den beiden vergangenen Wochen hatte Karim kaum Schlaf gefunden, denn die hässlichen Wahrheiten über seinen verstorbenen Bruder hatten ihn zu sehr belastet. Nach einer Weile gab er auch jetzt zermürbt auf.

Er musste etwas tun. Spazieren gehen. Irgendwohin fahren.

Vielleicht konnte er ja zu der Adresse fahren, die er in Ramis Sachen gefunden hatte. Und da er einen Schlüssel hatte, hinderte ihn nichts daran, sich dort schon mal kurz umzusehen.

Karim schlüpfte in Jeans, ein schwarzes T-Shirt, Sneakers und eine weiche schwarze Lederjacke. In der Wüste war es nachts kalt, sogar in dieser Wüste hier, die so weit in die hell erleuchtete Stadt hineinragte. Er steckte den Wohnungsschlüssel ein, an dem ein Anhänger mit der Aufschrift 4B baumelte, sowie den Zettel mit der Adresse.

Derselbe Page wie vorhin fuhr den Mietwagen vor und bekam dafür noch einen Zwanziger. Nachdem Karim sich hinters Steuer gesetzt hatte, gab er die Adresse in das Navi ein und brauchte dann nur noch den Anweisungen zu folgen.

Eine Viertelstunde später war er an seinem Ziel angelangt, das in einer deprimierend heruntergekommenen Gegend lag – genauso heruntergekommen wie das Gebäude selbst. Karim runzelte unangenehm berührt die Stirn. War es wirklich vorstellbar, dass sein Bruder hier gelandet war? Nun, es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Karim stieg aus, schloss das Auto sorgfältig ab und ging zu dem Haus, dessen Eingangstür offenstand. Im Hausflur stank es nach altem Fett und Urin. Als er in irgendetwas Glitschiges trat, versuchte er sich nicht vorzustellen, was es gewesen sein mochte. Da er nirgends einen Aufzug entdecken konnte, nahm er die Treppe in den ersten Stock. Apartment 2 … Apartment 3 … da war es: Apartment 4B, auch wenn sich die „4“ auf der Tür betrunken zur Seite neigte und das „B“ auf dem Kopf stand.

Karim zögerte. Wollte er sich das wirklich noch antun heute Nacht? Er wusste, dass er sich auf etwas gefasst machen musste. „Oh, verdammt“, murmelte er leise in sich hinein. Obwohl es ihm eigentlich egal war, in was für einem Zustand sich das Apartment befand. Das Einzige, was ihm wirklich etwas ausmachte, war der Anblick von Ramis Sachen.

„Jämmerlicher Feigling“, sagte er laut zu sich selbst, während er entschlossen den Schlüssel ins Türschloss schob und … Die Tür war offen. Das Erste, was ihm auffiel, war der angenehme, leicht süßliche Geruch, der in der Luft hing. Nach Plätzchen? Milch?

Das Zweite, was er registrierte, war, dass er nicht allein war. Himmel! Da stand jemand, ungefähr drei, vier Meter entfernt … eine Frau. Sie kehrte ihm den Rücken zu und war groß und schlank und …

Und nackt.

Sein Blick glitt über sie hinweg. Das hellblonde Haar fiel ihr lang über die Schultern, den hübschen Rücken. Die schmale Taille wurde durch die anmutig geschwungenen Hüften und die endlos erscheinenden Beine betont. Verdammt. Er hatte sich in der Tür geirrt! Oder beim Haus …

Die Frau fuhr herum. Jetzt sah er, dass sie nicht nackt war, sondern einen winzigen BH und einen silbernen Glitzertanga trug. Es war ein billiger Aufzug, der fast alles von ihrem atemberaubenden Körper zur Schau stellte, noch atemberaubender jedoch war ihr Gesicht. Doch was spielte das in diesem Moment für eine Rolle, da er ganz offensichtlich in ein fremdes Apartment eingedrungen war … und ihr wahrscheinlich einen tödlichen Schrecken eingejagt hatte.

Karim hob beide Hände. „Keine Angst“, sagte er schnell. „Ich dachte …“

„Ich weiß genau, was Sie dachten, Sie … Sie Perversling!“, stieß die Frau hervor, während sie vor ihm zurückwich und dabei blitzschnell den Arm hochriss. Mit einem Schuh in der Hand, der mit seinem schwindelerregend hohen, spitzen Absatz eine veritable Mordwaffe darstellte.

„He!“ Karim federte zurück. „Hören Sie! Ich will nichts von Ih…“

Sie holte aus und schleuderte den Schuh in Richtung seines Gesichts, aber er duckte sich so schnell weg, dass sie nur seine Schulter traf. Karim sprang auf die Frau zu und packte sie am Handgelenk.

„He, ganz ruhig, ja? Warten Sie …“

„Warten?“, schrie Rachel Donnelly.

Dieser Perverse aus der Hotellobby will, dass ich warte? Auf meine eigene Vergewaltigung?

„So weit kommt’s noch“, fauchte sie, während sie sich von ihm losriss und wieder weit ausholte …

Diesmal schrammte der Absatz des zweiten Schuhs ganz dicht am Kopf des Eindringlings vorbei. Jetzt schien der Mann vor ihr wirklich Ernst zu machen. Er packte sie mit beiden Händen. Rachel wehrte sich mit aller Kraft, doch vergebens.

Eine Sekunde später hatte Karim sie gegen die Wand gedrängt, ihre beiden Handgelenke fest im Griff.

„Verdammt, Frau! Jetzt hören Sie mir doch mal zu!“

„Warum sollte ich? Ich weiß genau, was Sie wollen. Sie waren heute Abend in der Lounge und haben sich einen Drink nach dem anderen reingetan. Hab ich mir doch gleich gedacht, dass Sie noch Scherereien machen, und siehe da, ich hatte recht, Sie … Sie …“ Sie unterbrach sich und schnappte nach Luft.

Oh Gott! Das war ja gar nicht der Kerl, der sie den ganzen Abend mit Blicken nackt ausgezogen hatte. Er hatte viel weniger Haare gehabt und außerdem eine Brille mit ultradicken Gläsern. Der Typ hier hatte volle schwarze Haare und trug überhaupt keine Brille.

Aber egal. Auf jeden Fall war er in ihr Apartment eingebrochen. Er war ein Mann. Und sie war eine Frau. Nach drei Jahren Las Vegas wusste sie nur zu gut, was das bedeutete.

„Falsch!“

Was? Rachel blinzelte. Entweder hatte sie laut gedacht, oder er konnte Gedanken lesen.

„Ich tue Ihnen nichts.“

„Dann verschwinden Sie, und zwar auf der Stelle! Ich werde nicht schreien, und ich rufe auch nicht die Polizei …“

„Hören Sie mir eigentlich zu? Einer von uns beiden ist im falschen Apartment.“

Sie lachte auf, obwohl es nichts zu lachen gab. Der Mann musterte sie finster und umschloss ihre Handgelenke fester.

„Ich hatte angenommen, dass das hier das Apartment meines Bruders ist.“

„Nun, das ist ein Irrtum. Dieses Apartment gehört …“ Sie hielt abrupt inne und starrte ihn an. „Was denn für ein Bruder?“

„Mein Bruder Rami.“

Rachel war es, als ob ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Sie spürte, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich, während der Mann sie mit zusammengekniffenen kalten Augen anstarrte.

„Sie kennen ihn?“

Ja, natürlich kannte sie ihn. Und wenn das hier Ramis Bruder war … wenn das Prinz Karim war, der eiskalte, herzlose Scheich …

„Ich lasse Sie jetzt los“, verkündete er. „Aber kommen Sie ja nicht auf die Idee, zu schreien, haben Sie mich verstanden?“

Rachel schluckte schwer. „Ja.“

Ohne den Blick von ihr zu nehmen, ließ er sie los. „Dann bin ich hier also doch richtig“, stellte er kalt fest.

„Ich … ich …“

„Was machen Sie in Ramis Wohnung?“

Von wegen Ramis Wohnung! Es war schon immer ihre Wohnung gewesen, aber das hatte Suki nicht daran gehindert hier einzuziehen, und Rami auch nicht. Und jetzt waren beide weg. Sie lebte allein … Oh, Gott! Ihr Herz, das ohnehin viel zu schnell klopfte, begann zu rasen. Sie lebte hier eben nicht allein, sondern …

„Wer sind Sie?“, herrschte der Mann sie an.

Was sollte sie sagen? In ihrem Kopf wirbelte alles wild durcheinander. Sie hätte sich denken können, dass das früher oder später passieren würde. Seine Hand legte sich wieder um ihr Handgelenk.

„Antworten Sie! Wer sind Sie? Was machen Sie hier?“

„Ich … ich bin eine Freundin“, sagte Rachel. Und weil sie keine Ahnung hatte, was dieser Mann wusste oder auch nicht und erst recht nicht, was er hier wollte, log sie: „Ich bin Ramis beste Freundin.“

2. KAPITEL

Karim presste die Lippen zusammen. Beste Freundin. Für wie naiv hielt sie ihn? Sie hatte sich von Rami aushalten lassen, was sonst? Leicht einzuschüchtern war sie allerdings nicht, das musste er zugeben. Jede andere Frau hätte in so einer Situation längst Zeter und Mordio geschrien.

Aber sie nicht. Sie hatte es vorgezogen, sich mit einer Waffe zu verteidigen. Mit einer ziemlich ungewöhnlichen Waffe, dachte er fast belustigt. Der eine Schuh lag dicht neben ihm auf dem Boden, der andere ein paar Meter entfernt … Sie hätte ihm damit glatt die Augen ausstechen können.

Was für Wahnsinnsbeine …

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie schwarze Netzstrümpfe trug, an deren Maschen die Blicke der Männer hochklettern konnten, bis der Glitzertanga sie stoppte. Sie sah wirklich umwerfend aus … atemberaubend sexy … durch und durch weiblich. Warum sollte er das nicht zugeben?

Mehr noch, sie war schön, und alles an ihr war echt, darauf wäre er jede Wette eingegangen. Immerhin kannte er massenhaft Frauen, die sich operieren, die Lippen aufspritzen oder die Wangenknochen aufpolstern ließen. Das Problem dabei war nur, dass sie hinterher alle gleich aussahen. Und sich auch gleich anfühlten. Während sich die Brüste dieser Frau bestimmt genau richtig anfühlten. Die Brustwarzen würden …

Karim spürte, wie sein Körper reagierte.

Verdammt. Er hatte einfach schon zu lange keinen Sex mehr gehabt!

Ja, sie war schön, aber sie war auch … nun, sie hatte Rami gehört.

Außerdem zog er eindeutig seriösere Frauen vor. Die hier … die war doch ganz klar ein Flittchen, oder? Karim runzelte die Stirn. Er musste wirklich langsam zur Sache kommen. Was bedeutete, ihr schonend beizubringen, dass ihr Gönner nicht mehr unter den Lebenden weilte und sie spätestens bis Ende des Monats dieses Apartment räumen musste.

„Was ist?“, fragte die Frau scharf. „Sagen Sie etwas. Wenn Sie wirklich Ramis Bruder sind, wie heißen Sie? Und was machen Sie hier?“

Sie wirkte wie ein Ausbund an Trotz, die dunkelblauen Augen schleuderten wütende Blitze, das Kinn war kampfeslustig gereckt. Doch er würde nicht lange brauchen, um das zu ändern! Er musste sie nur daran erinnern, wer hier den Ton angab. Nichts leichter als das!

Er würde sie an sich reißen, seine Finger in diese seidenweiche goldblonde Mähne wühlen, sich ihr Gesicht entgegenheben und sie küssen. Sie würde sich wehren, aber nur einen Herzschlag lang. Dann würde ihre Haut heiß werden vor Verlangen. Ihre Lippen würden sich öffnen. Sie würde sich mit einem Aufstöhnen ergeben, und es würde egal sein, ob diese Kapitulation ernst gemeint war oder ob sie nur spielte. Weil er sie umgehend zum Sofa tragen und ihr BH, Tanga und Netzstrümpfe abstreifen würde. Und das Stöhnen, das sie dann von sich gab, würde mit Sicherheit nicht mehr nur gespielt sein …

Verdammt!

Karim wandte sich abrupt ab und brachte seinen verräterischen Körper wieder unter Kontrolle.

„Wie heißen Sie?“, fragte er scharf.

„Zuerst beantworten Sie meine Frage.“

Er musste fast lachen. Sie klang wie ein trotziges Kind. „Fällt es Ihnen wirklich so schwer, mir Ihren Namen zu verraten?“ Er meinte fast zu hören, wie sie seine Bitte erwog. Dann warf sie den Kopf in den Nacken.

„Rachel. Rachel Donnelly.“

„Nun, Rachel Donnelly, ich bin Karim.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht hat Rami mich ja irgendwann erwähnt.“

Rachel hatte Mühe, sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Ihre schlimmsten Befürchtungen waren eingetroffen.

Rami hatte Karim tatsächlich erwähnt. Wenn auch nicht ihr gegenüber. Zu ihr hatte er nie mehr als „Hallo“, und „Tschüs“ gesagt … außer, wenn er ganz dicht an ihr vorbeigegangen war und ihr ins Ohr geflüstert hatte, dass er total scharf auf sie wäre. Alles, was sie wusste, hatte sie von Suki.

Suki hatte Karim gehasst, obwohl sie ihm nie begegnet war. Weil Karim angeblich schuld war, dass Rami kein Geld hatte und von ihrem Vater, dem König, so unfair behandelt wurde.

Karim, der Unersättliche. Karim, der Kalte, Arrogante. Karim, der künftige Thronfolger, dem Rami es zu verdanken hatte, dass zwischen ihm und seinem Vater eine tiefe Kluft entstanden war. Karim, der mit allen Mitteln versuchte, das Vermögen ihres Vaters zusammenzuhalten, damit er eines Tages alles erben konnte.

Karim, der herzlose Scheich.

Rachel hatte Suki immer nur mit einem Ohr zugehört, weil die Geschichten sie nicht interessiert hatten. Dann war Rami plötzlich abgetaucht, und sobald es die Situation erlaubt hatte, war Suki ebenfalls gegangen. Alles, was sie zurückgelassen hatte, waren ein Berg Schmutzwäsche und in der Luft ein Hauch billigen Parfüms.

Und natürlich das, was Suki nichts und ihr, Rachel, alles bedeutet hatte.

Erst nachdem Rami und Suki weg waren, hatte Rachel angefangen, sich Gedanken über einen Mann zu machen, den sie nicht kannte. Sie hatte sich gefragt, was er wusste – oder auch nicht. Und wie er wohl reagieren mochte, wenn er gewisse Dinge wüsste. Nur damit, dass er eines Tages ohne Vorwarnung bei ihr aufkreuzen könnte, hatte sie keine Sekunde gerechnet.

Und doch stand Ramis Bruder jetzt vor ihr.

Er war hier und behandelte sie mit kaum verhohlener Verachtung – wenn er sie nicht verlangend mit seinen winterlichen Augen musterte. Nun, diesen Blick kannte Rachel zur Genüge. Eine Frau, die in solch einem Outfit den Casinogästen Drinks servierte, war Freiwild.

Rachel hasste ihren Job. Die Gäste. Die Atmosphäre. Das Klappern der Münzen und das Kreischen und Fiepen der Spielautomaten. Dieses demütigende Kostüm. Sie hatte sich gesträubt, es zu tragen, bis ihr Chef gesagt hatte: „He, was ist los mit Ihnen? Ich dachte, Sie wollen diesen Job? Na also! Dann hören Sie endlich auf rumzuzicken und tun Sie, was man Ihnen sagt.“

Ihre Kolleginnen waren sogar noch deutlicher geworden. „Wenn du dich für was Besseres hältst, kannst du ja beim Friss-oder-stirb-Büfett das dreckige Geschirr abräumen.“

Daraufhin hatte Rachel schnell eingelenkt. Mit dem Geld, das man beim Geschirrabräumen verdiente, hätte sie nicht auch noch Suki mit durchfüttern können. Deshalb war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich zähneknirschend zu beugen. Und dann war auch noch Rami eingezogen. Nach ein paar Monaten war sie so genervt gewesen, dass sie Suki aufgefordert hatte, sich mit ihrem Freund eine eigene Wohnung zu suchen. Suki war in Tränen ausgebrochen und hatte gesagt, dass das unmöglich wäre. Weil sie „ein Problem“ hätte. Und dieses „Problem“ hatte am Ende alles verändert.

„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen, Rachel Donnelly? Ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“

Zeit, dachte Rachel, Zeit …

Oh, Gott! Bei der ganzen Aufregung hatte sie völlig die Uhrzeit vergessen. Jetzt sah sie, dass es Viertel nach sechs war. Das bedeutete, dass sie Ramis Bruder schleunigst loswerden musste!

Obwohl er offensichtlich keine Ahnung hatte.

„Was ist los? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“, fragte er bissig.

Rachel schaute auf. Der Scheich stand mit vor der Brust verschränkten Armen da, ein großer, breitschultriger Mann mit einem scharf geschnittenen, ebenmäßigen Gesicht und eiskalten Augen. Er sah anbetungswürdig aus. Sein Pech, dass sie die Wahrheit über ihn wusste. Sie straffte die Schultern. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass sie ihn noch rechtzeitig loswurde.

„Ich wollte einfach sichergehen. Ich dachte es mir schon.“

„Ach ja?“, fragte er gedehnt.

„Rami hat Sie ziemlich gut beschrieben. Eingebildet, arrogant, tyrannisch. Stimmt alles hundertprozentig.“

Volltreffer. Sie sah, wie sich seine hohen Wangenknochen mit einer feinen Röte überzogen.

„Sie sind ein Scheich, richtig? Aus Alashazam. Oder Alcatraz. Irgendwie so ähnlich.“

Die Röte auf seinen Wangen vertiefte sich. Er machte einen Schritt auf sie zu. Rachel schaffte es, die Stellung zu halten.

„Irgendwie so ähnlich“, wiederholte er kalt.

„Tja, tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Rami ist nicht da.“

Das entlockte ihm ein schmallippiges Lächeln. Hatte sie etwas Lustiges gesagt?

„Aber ich kann ihm gern einen schönen Gruß ausrichten, wenn Sie möchten. Und jetzt habe ich zu tun, Scheich oder wie Sie sich auch nennen mögen …“

„Man nennt mich normalerweise Prinz Karim“, sagte Karim steif. „Oder Hoheit. Oder Scheich.“

Verdammt. Ist das eben wirklich über meine Lippen gekommen? Wenn er irgendetwas hasste, dann war es der Gebrauch dieser altmodischen Titel, aber diese Frau brachte ihn schlicht zur Weißglut.

„Also gut, Scheichheit, dann werde ich Rami ausrichten, dass Sie ihm Ihre Aufwartung machen wollten. Sonst noch was?“

Ihre Anrede war schlicht eine Unverschämtheit, eine gezielte Provokation. Er hatte gute Lust, sie zu packen und ihr dieses süffisante Grinsen auf eine Art aus dem Gesicht zu wischen, dass ihr Hören und Sehen verging.

„Nein?“, fragte sie spöttisch. „Also war’s das, ja? Schön, dann auf Wiedersehen und viel Glück und knallen Sie beim Rausgehen nicht die Tür zu.“

„Rami ist tot.“

Er hatte nicht vorgehabt, seine Botschaft so brachial rüberzubringen, aber sie war selbst schuld, verdammt. Und nun war es zu spät. Jetzt konnte er nur hoffen, dass er sie richtig eingeschätzt hatte: Dass sie zu zäh war, um in Ohnmacht zu fallen oder …

„Tot?“

Er hatte recht gehabt. Sie war nicht der Typ, der in Ohnmacht fällt. Und offensichtlich war sie auch nicht der Typ, der schluchzend zusammenbricht. Ihre einzig sichtbare Reaktion bestand darin, dass sich ihre Augen ganz leicht weiteten. Vielleicht stand sie ja unter Schock.

Karim nickte. „Ja. Er ist letzten Monat gestorben. Ein Unfall in …“

„Und warum sind Sie dann hier?“, fragte sie, erstaunlicherweise völlig ungerührt.

„Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein? Ich erzähle Ihnen, dass Ihr Liebhaber tot ist, und Sie fragen mich nur, warum ich hier bin?“

„Mein Liebhaber?“

„Ihr Gönner“, sagte er kalt. „Trifft es das besser?“

„Aber Rami …“

Ihre Stimme versiegte. Er konnte ihr ansehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. „Reden Sie ruhig weiter“, sagte Karim kalt.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich meine, es ist nur … ich …“

„Er hat Sie verlassen.“

In Rachels Kopf wirbelte alles wild durcheinander. Rami war tot. Machte das die ganze Sache schlimmer? Oder besser? Nein. Im Grunde änderte sich dadurch überhaupt nichts. Sie schnappte nach Luft, als sich Karims Hände um ihre Oberarme schlossen.

„Warum lügen Sie mich an, Ms. Donnelly? Wir wissen beide, dass mein Bruder Sie bereits vor Wochen verlassen hat.“

Rachel schaute auf. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viel Verachtung in den Augen eines Menschen gesehen. „Warum fragen Sie, wenn Sie die Antwort bereits kennen?“

„Ich weiß nur, dass es Sie überhaupt nicht kümmert, dass er tot ist“, sagte Karim.

„Au! Sie tun mir weh!“

„Wie schnell haben Sie Ersatz gefunden?“

Sie starrte ihn an. „Ersatz?“

„Einen anderen Trottel, der Ihre Rechnungen bezahlt.“

Sie erdolchte ihn mit Blicken. „Verlassen Sie auf der Stelle meine Wohnung!“

Ihre Wohnung?“ Karim zog sie auf die Zehenspitzen. „Rami hat hier alles bezahlt. Und Sie hatten das Glück, ihm das Bett anwärmen zu dürfen.“

„Wenn das ein Glück gewesen sein sollte, dann gnade uns Gott!“

Himmel, er wollte sie so lange schütteln, bis sie ihren eigenen Namen nicht mehr kannte! Früher einmal hatte er seinen Bruder sehr geliebt, aber das war nur noch eine ferne Erinnerung. Trotzdem wurde er jetzt von Wut überschwemmt, weil sie so ein abgebrühtes Miststück war.

„Verdammt“, knurrte er. „Haben Sie denn gar keine Gefühle?“

Ihre blauen Augen blitzten. „Und das fragt ausgerechnet ein Mann wie Sie?“

Plötzlich tanzte ein roter Nebel vor seinen Augen. Karim fluchte, packte sie noch fester.

„Lassen Sie mich los!“, keuchte sie. Sie riss sich los und boxte ihm gegen die Schulter. Er fing ihre Handgelenke ein und presste sie an seine Brust.

„Haben Sie das mit Rami auch so gemacht?“, fragte er wütend. „Haben Sie ihn zur Weißglut gebracht?“ Unnachgiebig zog er sie näher zu sich heran. Umfasste mit einer großen Hand ihr Kinn. Senkte den Kopf und …

Und hielt mitten in der Bewegung inne. Um Himmels willen, was machte er da? Das war nicht er. Er tat doch keiner Frau Gewalt an! Sex und Wut hatten nichts gemein. Auch wenn sie diese Wut angefacht hatte und eine herzlose Intrigantin war, hatte er noch lange kein Recht, sie so zu behandeln.

Er ließ sie los, trat einen Schritt zurück. Räusperte sich.

„Miss Donnelly“, sagte er bedächtig. „Rachel …“

„Gehen Sie!“ Ihre Stimme bebte, ihre Pupillen waren jetzt riesengroß. „Haben Sie mich verstanden? Verschwinden Sie auf der Stelle, sonst …“

„Rachel?“

Karim fuhr zur Tür herum. Dort stand eine mollige, freundlich wirkende Frau mittleren Alters und schaute von Rachel zu ihm und wieder zurück.

„Ist alles in Ordnung, Liebes?“

Als Rachel nicht antwortete, wandte sich Karim zu ihr um. Sie war ganz blass geworden, und er sah, dass sich ihre Brust schnell hob und senkte.

„Mrs. Grey.“ Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern. „Mrs. Grey, wenn Sie vielleicht … wenn Sie vielleicht etwas später noch einmal kommen könnten …“

„Gott, ich dachte fast schon, er ist zurück“, sagte Mrs. Grey, wobei sie die Stirn runzelte.

„Nein, ist er nicht.“ Rachel schüttelte den Kopf. „Hören Sie, es tut mir schrecklich leid, aber wenn Sie vielleicht so nett sein könnten und …“

„Aber die Ähnlichkeit ist da, stimmt’s? Obwohl ich wirklich nicht genau sagen könnte, worin genau sie besteht.“

„Mrs. Grey“, begann Rachel wieder in fast flehendem Ton. „Ich muss mit diesem … Herrn nur noch kurz etwas klären und dann …“

„Tut mir schrecklich leid, Liebes, aber ich bin sowieso schon spät dran. Ich muss heute nämlich meine Tochter zur Frühschicht mitnehmen.“ Ihr Blick wanderte wieder neugierig zu Karim. „Ist das ein Neuer?“

„Nein“, mischte sich Karim kalt ein. „Ich bin nicht Miss Donnellys neuer Freund.“

„Zu schade, wirklich.“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Trotzdem, irgendwie …“

„Mom? Jetzt warte doch mal, da kommt man ja kaum mit“, meldete sich jetzt eine zweite weibliche Stimme atemlos zu Wort. Eine Sekunde später tauchte eine jüngere Ausgabe von Mrs. Grey auf. Sie trug ein Bündel im Arm, oder war das eine Decke? Als Karim genauer hinsah, stockte ihm der Atem. Es war ein Kind. Ein Säugling, der ihm irgendwie unheimlich bekannt vorkam …

Rachel, die bei der Nachricht von Ramis Tod kaum mit der Wimper gezuckt hatte, entfuhr ein gepresster Laut. Karim riss seinen Blick von dem Kind los und schaute zu ihr.

Sie zitterte am ganzen Körper.

Fast wie in Trance streckte Karim die Hände nach dem Kind aus, nahm es von der jüngeren Frau entgegen. Dankte den beiden Frauen. Sagte irgendetwas Höfliches. Schloss die Tür. Dann schaute er auf das Baby in seinen Armen.

Erkannte die Augen seines Bruders. Ramis Nase.

Und Rachel Donnellys Mund.

3. KAPITEL

Die Erde schien stillzustehen. Karim hatte das immer für einen abgedroschenen Satz gehalten, doch nun musste er sich tatsächlich anstrengen, um Atem zu schöpfen. Das war unmöglich. Dieses Kind hatte nichts, aber auch gar nichts mit seinem Bruder zu tun.

Und die Ähnlichkeiten?

Er holte noch einmal sehr tief Atem. Rami hätte ihm bestimmt erzählt, wenn er ein Kind hätte. Sie waren schließlich Brüder gewesen. Auch wenn sie zuletzt länger keinen Kontakt mehr gehabt hatten, hätte Rami so eine wichtige Neuigkeit bestimmt nicht für sich behalten.

„Bla“, brabbelte das Baby, „blablabla.“

Karim starrte auf das Kind hinunter.

Ganz genau. Blabla. Natürlich hätte Rami es für sich behalten, genauso wie er seine Spielschulden und seine Drogensucht für sich behalten hatte. Über Fehler sprach man nicht, und in ihrer Welt war ein uneheliches Kind definitiv ein Fehler. An gewisse Spielregeln hatte sich sogar Rami gehalten.

Rachel Donnelly stand reglos wie eine Statue vor ihm und schaute unverwandt auf das Bündel in seinen Armen.

„Geben Sie mir das Baby!“ Ihre Stimme war leise und brüchig, aber ihr Gesicht hatte wieder ein bisschen Farbe bekommen. Warum hat sie so panisch reagiert? fragte sich Karim. Falls Rami wirklich der Vater dieses Kindes sein sollte, wäre das für sie doch die Gelegenheit! Das Kind war eine Goldgrube.

Hatte Rami sie verlassen, weil sie schwanger geworden war? Zweifellos ein hässlicher Gedanke, aber inzwischen traute Karim seinem Bruder alles zu. Wie hatte Rami bloß so leichtsinnig sein können?

Oder war er in eine Falle getappt? So etwas kam schließlich vor. Karim war nicht naiv. Frauen waren berechnende Wesen. Seine eigene Mutter war bereits mit ihm schwanger gewesen, als seine Eltern geheiratet hatten. Darüber war stets der Mantel des Schweigens gebreitet worden, aber er konnte zählen.

Ein Fausthieb traf seine Schulter. Karim blinzelte überrascht. Die Frau stand neben ihm, mit vor Wut blitzenden Augen. „Sind Sie taub? Geben. Sie. Mir. Das. Baby!“

Das Kind wimmerte leise. Sein kleiner Mund – ein perfektes Abbild ihres Mundes – begann zu zittern. Karim kniff die Augen zusammen. „Wessen Kind ist das?“

„Was soll das werden? Ein Verhör? Geben Sie mir Ethan und verschwinden Sie!“

„Ethan?“

„Sein Name. Und er ist Fremden gegenüber misstrauisch.“

Karim verzog höhnisch den Mund. „War er meinem Bruder gegenüber auch misstrauisch?“

„Ich würde Ihnen ja gerne sagen, dass Sie meine Gastfreundlichkeit strapazieren, Scheichheit, aber Sie sind ja nie mein Gast gewesen!“

„Ich wiederhole meine Frage“, beharrte er zähneknirschend vor Wut. „Wem gehört das Kind?“

„Es gehört nur sich selbst. Als Amerikaner weiß man, dass ein Mensch niemals ein Besitz sein kann, aber das scheint sich bei Leuten wie Ihnen noch nicht herumgesprochen zu haben.“

„Eine reizende Rede. Wenn Sie die an Ihrem Nationalfeiertag halten, bekommen Sie bestimmt viel Beifall. Also noch mal: Wessen Kind ist das?“

Rachel nagte an ihrer Unterlippe. Nun, das war eine gute Frage. Suki und Rami hatten Ethan gezeugt. Suki hatte ihn zur Welt gebracht. Aber sie, Rachel, hatte ihn vom ersten Tag an wie ihren eigenen Sohn geliebt und für ihn gesorgt.

Für Suki war ihr immer dicker werdender Bauch ein neun Monate währendes Ärgernis gewesen, vor allem nachdem ihr gedämmert war, dass Rami gar nicht daran dachte, sie zu heiraten. Im Gegenteil. Er hatte seine Sachen gepackt und war noch vor Ethans Geburt verschwunden. Und so hatte denn Rachel ihrer Schwester bei der Geburt die Hand gehalten. Und es war Rachel, die seine Nabelschnur durchtrennte.

Nachdem Suki mit ihrem Sohn aus dem Krankenhaus gekommen war, hatte Ethan ständig geschrien. Er war hungrig, doch Suki weigerte sich, ihn zu stillen. „Was denn?“, hatte sie schockiert gefragt. „Soll ich mir vielleicht meine Titten ruinieren?“ Auf seine Fertignahrung hatte das Baby mit Erbrechen und Durchfall reagiert, und angewidert hatte Suki es Rachel überlassen, sich um ihren Sohn zu kümmern.

Es war eine Rolle, die Rachel mit Freuden übernahm. Sie besorgte andere Fertignahrung, wechselte die Windeln, und das Baby wuchs und gedieh. Rachel betete den Kleinen an. Sie war es, die Kleidung und Bettchen besorgte, und sie war es, die dem Baby seinen Namen gab. Es war ihr Kind, nicht das ihrer Schwester. Als Suki schließlich ging, war Rachel richtig glücklich, obwohl sie sich schämte, das zuzugeben.

Und jetzt brach eine Welt für sie zusammen.

„Ms. Donnelly. Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt.“

Das Baby begann zu wimmern.

„Na toll“, sagte Rachel. „Brüllen Sie möglichst laut, damit der Kleine richtig Angst bekommt. Machen Sie das immer so? Einfach irgendwo reinzuplatzen, wo Sie nichts zu suchen haben? Und kleine Kinder erschrecken?“

„Ich habe Ihnen eine ganz simple Frage gestellt, und ich erwarte, dass Sie mir antworten! Wessen Kind ist das?“

„Sie sind ein schrecklicher Mensch!“, sagte Rachel, verzweifelt bemüht, Zeit zu schinden.

Er bleckte die Zähne zu einem wölfischen Grinsen. „Das zu hören bricht mir das Herz.“

„Was muss ich tun, um Sie loszuwerden?“, fragte sie.

„Die Wahrheit sagen“, erwiderte er schneidend. „Wessen Kind ist das?“

Rachel schaute ihm in die eisgrauen Augen.

„Ethan ist mein Kind“, sagte sie fest, auch wenn sich ihr dabei der Hals zuschnürte. Aber er war ja tatsächlich ihr Sohn. Nur zur Welt gebracht hatte sie ihn nicht.

„Lassen Sie die Spielchen, Madam, Sie haben mich genau verstanden. Also, wer ist der Vater?“

Da. Das war die Falle. Und nun? Sie hätte sich gleich denken können, dass er sich mit ihrer Antwort nicht zufriedengeben würde. Der Scheich, Prinz, oder was auch immer, war schließlich kein Idiot. Die Ähnlichkeiten mit Rami – besonders beim Teint und den Augen – waren unverkennbar.

„Antworten Sie!“

„Reden Sie leiser. Sie brüllen immer noch …“

„Sie finden, ich brülle?“, brüllte der Scheich.

Wenig erstaunlich, dass Ethan jetzt anfing zu weinen. Der Scheich wirkte konsterniert. Offenbar durfte es nicht einmal ein Säugling wagen, seine hochherrschaftliche Tirade zu unterbrechen.

„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben“, fuhr Rachel ihn an und nutzte die Gelegenheit, um ihm den Kleinen aus dem Arm zu nehmen. Ethans Schreie wurden wütender, sein kleiner Körper zitterte vor Empörung. Der Gesichtsausdruck des Scheichs war unbeschreiblich. Unter anderen Umständen hätte sie sich vielleicht darüber amüsiert, aber im Moment hatte sie alle Hände voll damit zu tun, Ethan zu beruhigen.

Endlich ebbte das Gebrüll ab, bis man nur noch leise Schluchzer hörte.

„Brav, mein Schatz“, flüsterte sie. Sie spürte Karims Blicke im Rücken. Dabei war ihr schmerzhaft deutlich bewusst, dass er sich nicht würde abhalten lassen, sie weiterhin mit seinen Fragen zu drangsalieren. Wenn er es darauf anlegte, würden am Ende Ethan und sie die Verlierer sein.

Rachel hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Sie war wild entschlossen, Ethan zu beschützen. Deshalb durfte sie nicht lange fackeln, sondern musste versuchen, diesen Mann schleunigst loszuwerden, damit sie mit Ethan von hier verschwinden konnte.

Rachel atmete tief durch und drehte sich zu dem Scheich um. „Er braucht eine neue Windel.“

„Und ich brauche Antworten.“

„Gut. Die bekommen Sie, sobald ich Zeit habe. Ich schlage vor, wir treffen uns später irgendwo. Sagen wir um vier am Wasserfall … Was ist daran so lustig?“

„Für wie töricht halten Sie mich?“ Sein Lächeln verblasste. „Wickeln Sie das Kind. Ich warte.“

„Erteilen Sie mir in meiner eigenen Wohnung Befehle?“

„Das ist nicht Ihre Wohnung. Es war die Wohnung meines Bruders, von dem Sie sich haben aushalten lassen.“

„Irrtum. Es ist meine Wohnung.“

„Aha. Und mein Bruder hatte rein zufällig einen Schlüssel.“

Sein Ton war schneidend und unerträglich arrogant, und wenn Ethan nicht gewesen wäre, hätte sie sich wahrscheinlich vergessen. „Mein Fehler. Auf jeden Fall ist er bei mir eingezogen, nicht umgekehrt. Und nur damit Sie Bescheid wissen: Ich habe mich noch nie von einem Mann aushalten lassen, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.“

Ihre Augen blitzten wütend, aber sie sprach gedämpft, um das Baby nicht zu erschrecken, und streichelte ihm dabei die ganze Zeit über den Rücken. Karim beobachtete diese sich langsam auf und ab bewegende Hand. Eine Hand, die zu trösten verstand … ein Kind … ein wildes Tier.

Einen Mann.

Spontan streckte er die Hand aus, um seinerseits das Baby zu berühren. Dabei streiften seine Finger aus Versehen ihre Brust.

Rachel stockte der Atem. Ihre Blicke trafen sich, und sie spürte, dass sie rot wurde.

„Er ist eingeschlafen“, sagte Karim leise.

„Ja.“ Sie schluckte schwer. „Ich … ich wickle ihn nur rasch im Schlafzimmer und lege ihn dann hin.“

„Tun Sie das.“

Er blickte ihr nach. Sie entfernte sich mit der Würde einer Königin, den Kopf hoch erhoben, das Kreuz durchgedrückt. Er hätte am liebsten laut gelacht. Was für eine Schmierenkomödie! Aber dumm war sie nicht, und deshalb würde sie sich bestimmt ganz genau überlegen, wie sie den größten Profit aus der Sache schlagen konnte. Sie war … was auch immer. Eine Tänzerin. Eine Stripperin. Jedenfalls hatte sie kein Geld. Oder zumindest fast kein Geld.

Und er war ein Prinz.

Natürlich war es keine Frage, wer einen Rechtsstreit gewinnen würde, falls es jemals dazu kommen sollte. Auch wenn nicht davon auszugehen war, dass Rachel Donnelly das Kind kampflos aufgeben würde. Wohlwollend betrachtet könnte man sagen, dass sie sich so verhielt, weil ihr der Junge etwas bedeutete, aber Karim war ihr gegenüber nicht wohlwollend. Er fühlte sich getäuscht. Von Rami. Und von einer Frau, die versuchte, ihm die liebende Mutter vorzuspielen.

Aber er durfte auf keinen Fall zulassen, dass das Kind seines verstorbenen Bruders in einem Sündenpfuhl aufwuchs, großgezogen von einer Frau, die man allenfalls als Tänzerin bezeichnen konnte.

Bei ihm würde der Junge – Ethan – bestens aufgehoben sein, er würde mit allen Privilegien aufwachsen, die ihm aufgrund seiner Herkunft zustanden. Nur auf eine Mutter würde er verzichten müssen, aber Rami hatte schließlich auch keine richtige Mutter gehabt. Und er selbst ebenfalls nicht, aber das hatte ihm nicht geschadet.

Karim schaute auf die geschlossene Schlafzimmertür und runzelte die Stirn. Was trieb sie bloß so lange da drin? Eine Windel zu wechseln konnte doch nicht so kompliziert sein. Wie lange wollte sie ihn noch hier warten lassen? Verdammt, er vertrödelte wertvolle Zeit!

Karim ging zu der geschlossenen Tür und klopfte ungeduldig. „Miss Donnelly?“

Nichts.

„Miss Donnelly, hören Sie, ich kann nicht ewig warten!“

Immer noch nichts. Himmel, gab es hier womöglich noch einen anderen Ausgang? Eine Feuertreppe? Karim riss die Tür auf.

Die Möblierung war armselig. Eine Kommode. Ein Stuhl. Ein Kinderbett, in dem das Baby lag und friedlich schlief.

Und ein Erwachsenenbett. Schmal. Jungfräulich weißes Bettzeug. Der einzige Farbtupfer war ein kleines Häufchen in der Mitte, das aus dem winzigen Oberteil ihres Kostüms, dem Tanga und den schwarzen Netzstrümpfen bestand.

Sein Magen zog sich zusammen. Sein Blick flog zu einer halboffenen Tür, aus der Dampfschwaden drangen. Er hörte Wasser rauschen, oder war es das Blut in seinen Ohren?

Verschwinde sofort von hier, befahl eine innere Stimme. Sie ist unter der Dusche. Du hast hier nichts verloren.

Er machte einen Schritt vorwärts. Und noch einen.

Oh Gott.

Er sah das Bad, sein Blick fiel direkt auf die kleine Duschkabine. Die Plexiglaswände waren beschlagen, aber er konnte die Donnelly dahinter erkennen. So wie Matisse oder Degas sie gemalt hätten … verwischte Umrisse, das hübsche Gesicht nur angedeutet, der schöne Körper in Bewegung.

Sie drehte das Wasser ab.

Mach, dass du rauskommst, befahl er sich wieder, aber seine Füße waren wie mit Bleigewichten beschwert.

Sie schob die Tür der Duschkabine auf. Jetzt hatte er sie direkt vor sich. Splitternackt. Das Haar fiel ihr tropfnass über die Schultern, verdeckte dabei nahezu vollständig die gerundete Perfektion ihrer Brüste. Ihre Taille war so schmal, dass er sie mit beiden Händen umspannen könnte, ihre Hüften waren sanft geschwungen, die Beine so lang, dass er sich unwillkürlich auszumalen begann, wie es sich anfühlen mochten, wenn sie sich um ihn legten. Am Scheitelpunkt ihrer Schenkel ein Dreieck aus nassen blonden Haaren.

Sie sah nichts, weil ihr lange Strähnen in die Augen hingen. Er beobachtete, wie sie blind nach dem weißen Badelaken tastete. Das war der Moment, in dem er aus seiner Erstarrung erwachte. Seine Hand schoss vor, ebenfalls in Richtung Handtuchhalter, wobei seine Finger ihre streiften. Sie stieß einen Schrei aus, schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht und riss die Augen auf.

„N…nein …“, stammelte sie.

Doch Karim versenkte bereits seine Hände in der nassen weichen Fülle ihrer Haare und hob sich ihr Gesicht entgegen, dann presste er ihr einen harten hungrigen Kuss auf den Mund. Das hatte er schon die ganze Zeit tun wollen, aber er hatte sich beherrscht. Sie wehrte sich einen Moment, dann erlahmte ihr Widerstand, wahrscheinlich, weil sich der Charakter des Kusses veränderte. Karim flüsterte ihren Namen. Und plötzlich wünschte er sich, dass der Kuss niemals enden möge.

Sie kapitulierte. Und seufzte leise. Ihre Lippen klebten an seinen. Sie hob die Hand, legte sie auf seine Brust. Er konnte spüren, wie sie zitterte, aber nicht vor Angst. Er hörte in seinen Ohren das Blut rauschen, die Erde unter seinen Füßen bebte. Seine Welt geriet aus den Fugen.

Jetzt! schrie jede Faser seines Körpers. Nimm sie … jetzt, hier auf der Stelle!

Karim erschauerte. Dann hob er den Kopf, legte ihr das Badelaken um die Schultern und floh aus dem Bad, aus dem Apartment, aus der Honigfalle, die ihm die gerissene schöne Mätresse seines Bruders gestellt hatte.

4. KAPITEL

Rachel stand noch genauso da, wie er sie verlassen hatte, die Hände ins Badetuch gekrallt, als ob es sie schützen könnte.

Zu spät, summte ihr Körper, viel zu spät. Er hat bereits bekommen, was er will. Ramis Bruder hatte sie berührt … sie geküsst. Und er hatte sie mitgenommen auf eine sinnliche Achterbahnfahrt von Entsetzen zu …

Sie schrak zusammen, als sie hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Er war weg. Nach Atem ringend ließ sie sich auf den geschlossenen Toilettendeckel sinken. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn dem, was eben passiert war, auch nur den geringsten Sinn entnehmen.

Warum machte dieser Mann das? Um sie zu demütigen? Und was war bloß in sie gefahren? Wieso hatte sie sich nur ganz kurz gewehrt? Rachel erschauerte. Er hätte alles mit ihr anstellen können, sie war ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Er hätte sie überwältigen können.

Ihrer Kehle entrang sich ein Stöhnen. Aber er hatte sie ja überwältigt! Nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Verstand. Wie sonst ließe sich erklären, dass sich sein Kuss plötzlich zärtlich angefühlt hatte, so zärtlich, dass sie ihren Widerstand aufgegeben hatte? Rachel schluckte schwer.

Egal. Das war eine ganz fiese Masche, um sie einzuschüchtern, sonst nichts. Das kannte sie, typisch Mann war das. Zumindest typisch für die Männer, mit denen sie in der Kasino-Bar zu tun hatte. Widerliche Machos, die mit ihrem Geld und ihrer Macht protzten und nach teurem Parfüm stanken …

Er hatte aber nicht nach Parfüm gestunken.

Karim. Der Scheich. Der Prinz. Oder wie immer er sich nennen mochte. Kein Hauch von Parfüm. Nur der saubere Duft seiner Haut … und der heiße Geruch eines Mannes, der eine Frau wollte. Trotzdem hatte er von ihr abgelassen. Auch wenn er sie vorher an sich gerissen und brutal geküsst hatte … bevor dieser Kuss irgendwie weich, fast zärtlich geworden war. Warum? Um sie zu verwirren, nur darum. Was ihm ja auch bestens gelungen war. Ganz zum Schluss hatte sie doch tatsächlich so etwas wie eine Reaktion bei sich verspürt, oder?

Nein. Niemals!

Rachel holte tief Atem. Sie hatte eben nicht reagiert. Jedenfalls nicht so, wie er wollte. Ihre Reaktion war rein instinktiv gewesen. Intuitiv. Der Überlebenswille in ihr hatte kurzerhand auf Autopilot umgeschaltet.

Rachel stand auf. Sie fühlte sich besser. Genau gesagt fühlte sie sich gut. Stark. Sie war nicht wie ihre Schwester Suki. Sie hatte alles im Griff.

Sogar einen Plan hatte sie schon. Na ja, eine Art Plan jedenfalls. Und sie vertrödelte wertvolle Zeit, wenn sie diese hässliche kleine Episode noch länger in allen unwichtigen Einzelheiten beleuchtete. Denn Karim würde zurückkehren.

Ihre Make-up-Tasche lag auf der Ablage über dem Waschbecken. Rachel öffnete sie eilig, dann riss sie das Medikamentenschränkchen auf und warf Lippenstifte, Wimperntusche, Eyeliner, Aspirin und was sonst noch drin war, hinein. Natürlich kommt er zurück, dachte sie, während sie sich mit einem Kamm durchs Haar fuhr und sich einen Pferdeschwanz machte.

Der Mann war vieles, aber dumm war er nicht. Er wusste, dass Ethan das Kind seines Bruders war, das hatte sie in seinen Augen gelesen, auch wenn der letzte Beweis noch ausstand. Was er nicht wusste, nicht wissen konnte, und niemals wissen durfte, war, dass Ethan nicht ihr gehörte.

Andererseits, jetzt, da Rami tot war und ihre Schwester nach Gott weiß wohin verschwunden, hatte sie den gleichen Anspruch auf das Baby wie Karim.

Im Gegensatz zu ihr verfügte dieser Mann jedoch über unermesslichen Reichtum und beherrschte ein Königreich!

Rachel rannte ins Schlafzimmer und schlüpfte eilig in BH, Slip, Jeans, Socken und Turnschuhe. Sie musste sofort weg hier, aus der Wohnung – und aus der Stadt. Der Kleine schlief zum Glück immer noch. Sie würde ihn schlafen lassen, bis sie gepackt hatte und …

Ihr stockte der Atem.

Die Tür. Die Wohnungstür. Vielleicht war es ja nur ein Trick gewesen, und der Scheich war immer noch hier. Aber selbst wenn er wirklich weg war, hatte er diesen verdammten Schlüssel! In neu aufflackernder Panik durchsuchte sie die Räume. Als sie sicher sein konnte, dass sie allein war, schloss sie die Wohnungstür zweimal von innen ab und ließ den Schlüssel stecken, dann schnappte sie sich einen Stuhl und rammte die Lehne unter die Türklinke.

So, jetzt konnte er kommen.

Ein Scheich. Ein lebender Anachronismus, der in dem Wahn lebte, in den letzten Jahrhunderten hätte sich nichts verändert und er könnte tun und lassen, was er wollte. Alles. Zum Beispiel ihr das Baby wegnehmen.

„Da täuschst du dich aber gewaltig“, sagte Rachel laut, während sie zurückging zu Ethan, der aufgewacht war und quengelte. Der Kleine war weinerlich, weil er zahnte. Normalerweise hätte sie ihn jetzt auf den Arm genommen und sich mit ihm in den alten Schaukelstuhl gesetzt, aber die Zeit drängte.

Sie beugte sich über das Kinderbett und sagte: „Hallo, kleiner Mann! Willst du wissen, was wir jetzt machen?“

Sein mürrischer Gesichtsausdruck verriet ihr, dass es ihm ziemlich egal war. Rachel griff nach einem Beißring aus weichem Plastik am Fußende des Bettchens und hielt ihn dem Kleinen hin. Weiche Babyfinger schlossen sich um den Plastikring und führten ihn zu seinem Mund. Wunderbar! Ein paar Minuten Ruhe, mehr brauchte sie nicht. Sie holte ihren Koffer aus dem Schrank und warf ihn aufs Bett. Es folgten eine Handvoll T-Shirts, BHs und Slips, Jeans. Socken. Ein Wollpullover sowie ein Hoodie mit Reißverschluss.

„Ratzfatz!“, sagte sie zu Ethan, der immer noch auf dem bunten Ring herumkaute. „So schnell geht das, siehst du? So, und jetzt bist du dran. Weißt du schon, was du für die Reise anziehen möchtest? Und wie findest du es überhaupt, dass wir verreisen? Ist das nicht aufregend?“

Das Baby gab einen kleinen Rülpser von sich.

„Okay. Vielleicht nicht.“ Rachel zog die Schubladen mit Ethans Sachen auf. Schlafanzüge. Strampler, Söckchen. Winzige T-Shirts und Pullover, ein ebenso winziger Overall. „Ich geb’s ja zu, dass ich es früher gehasst habe, wenn Mama wieder mal ankam und verkündete, dass wir verreisen. Suki und ich wussten dann sofort, was uns blüht, und das Allerschlimmste war, dass es immer passierte, wenn wir uns gerade in einer neuen Schule eingewöhnt hatten. Ganz schrecklich!“

So, sonst noch was? Windeln, natürlich. Zwei Babydecken. „Aber das passiert dir mit mir nicht, mein Herz, verlass dich drauf.“ Und was hatte sie vergessen? Ah, Babynahrung. Fläschchen, Flaschenwärmer. Die kleinen Gläser mit Frucht- und Gemüsebrei. Ein schneller Umweg in die Küche und wieder zurück ins Schlafzimmer. „Wir suchen uns einen hübschen Ort zum Leben, ein Häuschen mit Garten, und vielleicht können wir uns sogar eine Katze anschaffen.“

Rachel hielt inne.

War das wirklich realistisch? Ihre Mutter war ständig auf der Flucht gewesen, aber irgendwie hatten ihre Schulden und Affären sie doch immer wieder eingeholt. Und sie selbst wollte vor einem Prinzen fliehen, dem alle Mittel zur Verfügung standen, um sie ausfindig zu machen?

Rachel erschauerte. Nein! Zweifel konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Im Moment waren andere Dinge wichtig. Sollte sie zum Flughafen fahren und viel Geld für ein Flugticket ausgeben oder lieber zur Busstation und den nächsten Bus stadtauswärts nehmen? Rachel brauchte nicht lange zu überlegen, um zu wissen, dass da letztlich nur der Flughafen infrage kam, weil sie möglichst schnell möglichst weit weg musste.

„Ffft“, machte Ethan.

Rachel lachte. Der Kleine brachte sie so oft zum Lachen. Er war die Portion Freude in ihrem Leben, mit der sie immer rechnen konnte. „Das schaffen wir schon“, sagte sie, plötzlich wieder ganz zuversichtlich. Las Vegas würde ihr bestimmt nicht fehlen. Die Stadt war für sie sowieso nie mehr als ein Zwischenstopp in ein besseres Leben gewesen. Sie war nur gekommen, weil Suki sich ganz überraschend gemeldet und ihr erzählt hatte, dass in zwei Kasinos Kartengeber gesucht wurden. „Hier kannst du einen Haufen Geld verdienen“, hatte ihre Schwester vollmundig behauptet.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. In der Wirtschaftskrise wurden keine neuen Kartengeber gebraucht. Schon sehr bald hatte sich herausgestellt, dass Suki die Situation nicht ganz ohne Hintergedanken viel zu rosig geschildert hatte. Sobald Rachel ein Apartment bezogen hatte, war Suki kurz darauf mit größter Selbstverständlichkeit ebenfalls eingezogen. Und nicht lange danach war eines Morgens Rami al Safir aus Sukis Zimmer spaziert und bis auf Weiteres geblieben. Natürlich ohne einen einzigen Cent zur Miete beizusteuern.

„Idiot“, brummte Rachel.

Jetzt fing der Kleine an zu brüllen. Als Rachel den Kopf wandte, sah sie, dass er den Beißring durch die Gitterstäbe seines Bettchens auf den Fußboden geworfen hatte. Sie hob den Ring auf, wischte ihn ab und gab ihn Ethan zurück. Das Baby strahlte.

„Genau“, sagte Rachel. „Du hast ja so recht. Das ist ein Neuanfang für uns beide.“ Eine neue Stadt, ein neues Leben. Definitiv ein Neuanfang. Im Grunde musste sie dem Scheich dankbar sein.

Das Baby gluckste, produzierte Spuckebläschen. Rachel grinste. „Absolut richtig“, sagte sie. Okay, jetzt alles noch mal durchchecken. Windeln? Alles klar. Babynahrung? Auch klar. Einige Gläser mit Frucht- und Gemüsebrei? Vorhanden. Mehrere Fläschchen plus Flaschenwärmer. Sind da. Und nochmal checken. Fertig.

Lebewohl, Scheich Karim!

Sei gegrüßt, neues Leben!

Rachel hob Ethan aus seinem Bettchen und wickelte ihn fest in eine Schlafdecke ein, die mit tanzenden blauen Giraffen bedruckt war. Das Baby im Arm und die Windeltasche über der Schulter, hievte sie den Koffer vom Bett und verließ eilig das Apartment.

Kurz vor der Haustür blieb sie stehen. Oh, Mist. Sie hatte vergessen, ein Taxi zu rufen. Und Mrs. Grey musste sie auch noch Bescheid sagen, dass sie ihre Dienste nicht mehr benötigte. Aber egal, sie hatte ja ihr Handy dabei. Sobald sie draußen war, konnte sie telefonieren.

Falsch!

Sie konnte ihr Handy nicht herauskramen, sie konnte nicht mit Mrs. Grey telefonieren, und sie konnte kein Taxi rufen.

Sie konnte rein gar nichts tun, denn das Erste, was sie sah, als sie aus dem Haus auf die Straße trat, war eine glänzende schwarze Limousine, deren hintere Tür offenstand.

Als Zweites sah sie den Scheich, der mit vor der Brust verschränkten Armen dastand, an die Kühlerhaube gelehnt. Sein Mund war hart und seine Augen eisig.

Rachel erstarrte. „Sie“, entfuhr es ihr.

„Ja, ich“, bestätigte er schneidend. Sein Blick landete auf ihrem Koffer. „Wo soll’s denn hingehen?“

Sie spürte ihr Gesicht heiß werden. „Lassen Sie mich in Frieden.“

Er lächelte und war mit ein paar schnellen Schritten bei ihr. Wortlos nahm er ihr den Koffer aus den plötzlich taub gewordenen Fingern und die Tragetasche mit den Windeln von der Schulter, um beides auf den Rücksitz der Limousine zu werfen. Das war der Moment, in dem sie den Kindersitz sah. Ihr wurde ganz flau im Magen.

„Wenn Sie glauben …“

„Setzen Sie den Jungen ins Auto, Rachel.“

„Ich denke ja gar nicht …“

Er wirkte fast gelangweilt. „Jetzt machen Sie schon.“

„Sie müssen verrückt sein, wenn Sie sich einbilden, Sie könnten ihn mir wegnehmen!“

„Er ist Ramis Sohn“, sagte Karim ungerührt.

„Er ist mein Sohn!“

„Richtig. Und deshalb kommen Sie jetzt mit.“

Sie blinzelte ungläubig. „Mit – wohin?“

„Wir haben noch ein paar Dinge zu klären.“

„Ich wüsste nicht, was ich mit Ihnen …“

„Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen, gute Frau.“ Karim kam wieder auf sie zu. Er blieb dicht vor ihr stehen und schaute mit undurchdringlichem Gesicht auf sie herunter. „Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind, das steht Ihnen nicht. Ich will das Kind meines Bruders. Und ich gehe jede Wette ein, dass Sie gegen eine großzügige Entschädigung nichts einzuwenden haben.“

Rachel stand so aufrecht da, wie sie konnte. Jetzt hätte sie gern diese schrecklichen Stilettos angehabt, um wenigstens auf Augenhöhe mit ihm zu sein.

„Was denn, glauben Sie allen Ernstes, ich könnte bereit sein, mein Kind …“

„Warten wir’s ab. Man glaubt es kaum, was alles möglich ist.“

„Vor allem ist es möglich, dass ich gleich um Hilfe schreie. Es gibt nämlich Gesetze in diesem Land …“

„Ich wüsste nicht, gegen welches Gesetz ich verstoße, wenn ich Sie höflich bitte, in meinen Wagen einzusteigen.“

Rachel wurde von Wut überschwemmt. „Sie sind wirklich abscheulich.“

„Möchten Sie, dass wir auf zivilisierte Art und Weise miteinander reden, oder nicht?“

Rachel starrte in dieses schöne, gnadenlose Gesicht. Dann ging sie schweigend an ihm vorbei, setzte Ethan in den Kindersitz und ließ den Sicherheitsgurt einrasten, bevor sie sich anschickte, ebenfalls einzusteigen. Aber der Scheich packte sie am Ellbogen und zerrte sie auf den Gehsteig zurück.

„Sie sitzen neben mir auf dem Beifahrersitz“, fuhr er sie an. „Sonst bilden Sie sich womöglich noch ein, ich sei Ihr Chauffeur.“

Rachel starrte ihn an. „Sicher nicht! Das würde ja ein gewisses Maß an Anstand und Würde erfordern!“, stieß sie in hilfloser Wut hervor. Es war keine großartige Entgegnung, aber zu etwas anderem war sie in diesem Augenblick einfach nicht fähig.

5. KAPITEL

Wohin fuhr Karim mit ihr? Auf ihre Frage hin war er ausgewichen. Warum sollte sie ihm den Gefallen tun, ein zweites Mal zu fragen, und damit indirekt ihre Machtlosigkeit zugeben? Er hatte alles getan, um sie zu demütigen. Die Art, wie er sie anschaute, wie er mit ihr sprach, wie er ihr Befehle erteilte …

Die Art, wie er sie geküsst hatte.

Nein, bitte nicht schon wieder! Sie drehte sich um und schaute gezwungen lächelnd zu Ethan auf dem Rücksitz. Der Kleine grinste still vergnügt in sich hinein. Er fuhr leidenschaftlich gern Auto. Wie schön wäre es, wenn sie beide jetzt allein in ihrem alten klapprigen Ford durch einen friedvollen Canyon holperten … Sie faltete ihre Hände fest in ihrem Schoß und schaute aus dem Fenster.

Nach einer Weile wandte sie den Kopf und warf dem Scheich einen Blick zu.

Er fuhr schnell und gut, die linke Hand auf dem Lenkrad, während die rechte lässig auf dem Schaltknüppel ruhte. Seine Miene war unverändert finster. Ein logisches Ziel wäre eine Anwaltskanzlei, aber wo hätte er so schnell einen passenden Anwalt auftreiben sollen? Immerhin war er mit einer für ihn völlig unerwarteten Situation konfrontiert. Oder fuhr er zu einem Labor, um einen Vaterschaftstest machen zu lassen? Wohl kaum. Selbst wenn der Scheich daran gewöhnt war, dass die ganze Welt nach seiner Pfeife tanzte, würde er doch wissen, dass er für einen Gentest ihr Einverständnis brauchte.

Sie war schließlich Ethans Mutter.

Rachel schluckte. Er hatte ihr auf Anhieb geglaubt. Offenbar wusste er nichts von Suki. Und Rachel würde dafür sorgen, dass das auch so blieb.

Aber wohin fuhren sie nun?

Zum Strip. Das musste die Antwort sein. Irgendwohin, wo sie reden konnten. In einen Coffeeshop. Oder in sein Hotel. Jemand wie er hatte bestimmt eine große Suite gemietet. Sie fuhren am Circus Circus vorbei, am Venetian, am Flamingo.

„Ich will jetzt sofort wissen, wo Sie mich hinbringen“, verlangte sie schließlich trotz aller guten Vorsätze.

„Ich sagte es bereits. An einen Ort, wo wir uns in Ruhe unterhalten können.“

„Unterhalten?“, fauchte Rachel. „Ich wüsste nicht, worüber ich mich mit Ihnen unterhalten sollte!“

Die Ampel vor ihnen sprang auf Rot. Karim ging vom Gas, bremste sacht ab. „Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie endlich aufhörten, mich für dumm zu verkaufen“, sagte er sanft.

„Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt. Bestimmt können Sie mir eine ebenso einfache Antwort geben. Wohin …“

Die Ampel wurde grün. Er bog ab. Sie fuhren vom Strip weg, weg von den Hotels. Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. In diesem Teil der Stadt war nur der Flughafen.

„Entweder Sie sagen mir auf der Stelle, wohin …“

„Zum Flughafen.“

Sie wurde von Panik überschwemmt. „Ich steige in kein Flugzeug!“

„Ganz ruhig“, sagte er in mildem Ton. „Selbstverständlich werden Sie das tun.“

„Niemals!“

„Wir fliegen nach New York.“

Sie fliegen nach New York. Ich will sofort nach Hause.“

„Sie wollen nach Hause?“ Sein Tonfall wurde hart. „Wirklich? Sind Sie deshalb eben erst mit einem Koffer von zu Hause weggegangen?“ Er fuhr langsamer, weil er vorhatte, die Ausfahrt zu nehmen. „Ich habe Ihnen geraten, mich nicht für dumm zu verkaufen, Rachel. Sie wollten doch unbedingt weg, oder?“

„Das können Sie vergessen, Hoheit. Ich fliege mit Ihnen nirgendwo hin. Und wenn Sie glauben, dass … dass Sie dort weitermachen können, wo Sie vorhin aufgehört haben …“

Er musterte sie kalt. Dann fuhr er rechts ran.

„Ms. Donnelly, ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht im Mindesten an Ihnen interessiert bin.“

„Wenn Sie das für eine angemessene Entschuldigung halten …“

„Es ist eine Tatsache. Was da vorgefallen ist, war ein Fehler.“

„Das will ich aber auch meinen. Unterstehen Sie sich …“

„Hören Sie“, sagte er mit erzwungener Ruhe. „Ich möchte mit Ihnen reden, aber ich habe in New York wichtige Termine, die ich unbedingt einhalten muss. Deshalb bitte ich Sie freundlich, mich zu begleiten.“

„Ich habe auch Termine.“

Er lachte. Sie spürte ihr Gesicht heiß werden. „Ich bin überzeugt, dass Ihnen mein Leben nicht annähernd so bedeutend erscheint wie Ihr eigenes, aber für mich und mein Kind sieht das anders aus“, sagte sie mühsam beherrscht.

„Ich werde einen Vaterschaftstest vornehmen lassen.“

Sein Tonfall war ausdruckslos. Und so selbstverständlich, als ob bereits alles klar wäre. Das ängstigte Rachel mehr als alles andere. Seine Entschiedenheit. Diese Gewissheit, dass auf jeden Fall er sich durchsetzen würde.

„Der Name des Vaters ...

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