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ROMANA EXKLUSIV BAND 295

Liebestraum auf den Malediven

1. KAPITEL

Eigentlich hätte Philippa Wright arbeiten müssen. Stattdessen las sie in einem Reiseprospekt: Nakatchafushi ist vom Flughafen auf Hulule mit dem „Dhoni“ bequem in neunzig Minuten zu erreichen …

„Philippa?“

Sie sah auf. „Ja?“

Neben ihrem Schreibtisch stand Jennifer Smith, eine hübsche kleine Blondine, der Philippa beibringen musste, wie man das neue Computerprogramm bediente. Das System war von Philippa selbst im Büro des Learmonth-Konzerns in Brisbane installiert worden. Sie hatten die Arbeit unterbrochen, weil Jennifer Kaffee holen wollte, und Philippa hatte die Gelegenheit genutzt, den Prospekt des Reisebüros aus der weiten Jackentasche zu ziehen und den Abschnitt über die Malediven durchzulesen.

Jennifer stellte zwei Pappbecher auf dem Tisch ab und verkündete: „Er ist angekommen!“ Nicht nur ihre Hände zitterten, ihr ganzer Körper schien vor Erregung zu beben. „Er ist auf dem Weg hierher!“

Philippa steckte den Prospekt in die Tasche zurück, rückte die dicke Hornbrille zurecht und fragte ohne großes Interesse: „Wer ist angekommen?“

Jennifer sah Philippa entrüstet an. „Mark Learmonth natürlich! Wer denn sonst? Ich habe Ihnen doch erzählt, dass er zurzeit alle Betriebe des Konzerns besucht. Es heißt, dass er demnächst die Leitung des Konzerns von seinem Vater übernehmen muss, weil der …“

„Wie konnte ich das nur vergessen!“, unterbrach Philippa sie. Es klang ein bisschen spöttisch. „Sollten wir dann nicht wenigstens so tun, als ob wir arbeiteten, Jenny?“

Jennifer setzte sich hastig neben sie und erwiderte: „Hoffentlich verlangt er nicht, dass wir ihm das Programm vorführen. Ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn er in der Nähe ist. Das geht allen Frauen so. Ihnen bestimmt auch, Philippa. Er ist einfach umwerfend!“

„Sollen wir wetten, dass es mir anders geht?“

„Warten Sie ab!“

Sie mussten nicht lange warten.

Die Tür wurde geöffnet, und im Büro wurde es still. Die Angestellten hörten auf zu arbeiten und blickten zum Eingang. Jennifer seufzte leise auf. Nur Philippa fuhr ungerührt fort, Befehle in den Computer einzugeben. Sie war keine Mitarbeiterin des Learmonth-Konzerns und hatte es nicht nötig, sich der großen Schar von Mark Learmonth Verehrern – und Verehrerinnen – anzuschließen. Trotzdem war sie nicht so gelassen, wie sie sich gab.

Nicht zum ersten Mal schwärmte jemand, den sie kannte, von Mark Learmonth. Sie hatte sich schon oft anhören müssen, was für ein Genie er sei, dass ihm einfach alles gelinge, was er anpacke, und dass die Frauen ihm zu Füßen liegen würden. Was ging es sie an, dass er jetzt offenbar sein Können einsetzen wollte, um den Konzern seines Vaters zu übernehmen?

An Jennys aufgeregtem Zappeln merkte Philippa, dass Mark Learmonth bei ihrem Schreibtisch angekommen war. Sie tippte noch einen letzten Befehl ein und sah auf.

Und schaute direkt in kühl blickende graue Augen.

„Äh … das ist Miss Wright, Mr. Learmonth“, sagte der Abteilungsleiter Max Walker ein wenig nervös. „Von der Firma ‚Colefax und Carpenter‘, die die Einrichtung des neuen Computerprogramms übernommen hat. Miss Wright unterrichtet gerade Miss Smith“, er deutete auf Jenny, „die seit … wie lange sind Sie jetzt bei uns, Jenny? Zwei Jahre?“

Die sprang auf und antwortete vor Aufregung mit bebender Stimme: „Oh ja! Das … das heißt, fast zwei Jahre, und es … es gefällt mir un … unglaublich gut hier!“

Philippa zuckte leicht zusammen. Sie schämte sich für Jenny, die Mark Learmonth geradezu anhimmelte.

Verstohlen musterte Philippa ihn. Er sah anders aus, als sie erwartet hatte. Sie hatte sich eine blendendere, aufdringlichere Persönlichkeit vorgestellt, eine Art Filmstar. Schlecht sah er jedoch keineswegs aus. Er war groß und schlank und besaß eine starke männliche Ausstrahlung. Philippa verstand sogar, warum Jenny in seiner Gegenwart zu stottern anfing. Aber es war doch deutlich zu spüren, dass er sich nicht für sie interessierte! Merkte sie nicht, wie gleichgültig sein Blick war?

Mark Learmonth nickte Jenny kurz zu und wandte sich dann an Philippa. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Miss Wright. Len Colefax ist ein Freund meiner Familie. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Wie geht es ihm?“

„Gut, soweit ich weiß. Wir sehen ihn auch nicht besonders häufig.“

Mark Learmonth hob die dunklen Augenbrauen. „Und Ihnen missfällt das, Miss Wright? Sie finden das nicht richtig?“

Max Walker wurde unruhig.

„Ich habe nur eine Tatsache festgestellt, Mr. Learmonth“, erwiderte Philippa ruhig. „Es steht mir nicht zu, Kritik zu üben, denn …“

„Ach, Miss Wright“, unterbrach Max Walker sie hastig, „würden Sie uns bitte das Programm vorführen, an dem Sie gerade arbeiten?“

Sie zuckte die Schultern. „Selbstverständlich, wenn Sie möchten. Obwohl es eigentlich nur wenig Sinn hat, solange Mr. Learmonth nicht wenigstens ansatzweise weiß, worum es bei dem Programm geht.“

Die Menschen im Raum schienen nach Luft zu schnappen, und Jenny flüsterte beschwörend: „Philippa!“

Philippa sah Mark Learmonth in die grauen Augen, bis der kühle, gleichgültige Ausdruck daraus verschwand und einem drohenden Funkeln Platz machte. Dann stand sie auf, strich das streng geschnittene Jackett glatt, das sie zu einer einfachen weißen Bluse, einem langen grauen Rock, schwarzer Strumpfhose und flachen schwarzen Schuhen trug, und bot Mark Learmonth ihren Sessel an.

Diesen Augenblick benutzte er, um sich zu rächen. Während sie leicht überrascht feststellte, dass er sie auch noch überragte, wenn sie vor ihm stand, musterte er sie in aller Ruhe von oben bis unten: das straff zurückgekämmte Haar, die hässliche große Brille, das grelle Make-up, die schlecht geschnittene Kleidung, in der Philippa viel stämmiger wirkte, als sie war, und die flachen Schuhe. Dann betrachtete er den schäbigen Aktenkoffer neben dem Schreibtisch.

Schließlich hob Mark Learmonth den Blick wieder zu ihrem Gesicht, lächelte leicht und sagte: „Sie haben nicht zufällig einen Rohrstock im Koffer, Miss Wright?“

„Es war Ihre eigene Schuld“, wiederholte Jenny eine halbe Stunde später zum x-ten Mal.

Philippa zuckte gespielt gleichgültig die Schultern, innerlich kochte sie noch immer vor Wut. „Ich mag keine Männer, die sich für die Erfüllung aller Frauenträume halten“, erklärte sie. „Außerdem ist er nicht mein Chef, deshalb muss ich nicht vor ihm auf die Knie sinken. Ich bin hier, um einen bestimmten Auftrag zu erledigen, und das tue ich auch. Und zwar gut. Alles andere geht ihn nichts an.“

„Aber …“

Philippa winkte ab. „Lassen Sie uns jetzt endlich über etwas anderes reden, Jenny. Ich habe Gründe, warum ich Mark Learmonth nicht mag, auch wenn Ihnen das seltsam vorkommt. Und je weniger Männer wie er sich für mich interessieren, umso besser ist es für meine Karriere.“

„Aber er wird noch drei Wochen hier sein! Genauso lange wie Sie! Ich an Ihrer Stelle würde jedes Mal tot umfallen, wenn er mich anschaut!“

Philippa lachte. „Das unterscheidet uns eben, Jenny. Ich werde schon damit fertigwerden. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Die gemütliche Wohnung Philippas befand sich in einem Vorort von Brisbane, in dem alte, von großen Gärten umgebene Häuser standen. Philippa wohnte im obersten Stock eines modernisierten Hauses, die Zimmer waren geräumig, hatten hohe Decken und polierte Holzfußböden. An den elfenbeinfarbenen Wänden hingen moderne Gemälde in leuchtenden Farben und einige Aquarelle, auf dem Boden lagen Perserteppiche, und die Einrichtung bestand aus schönen antiken Möbeln und Kunstgegenständen, die Philippa im Lauf der letzten Jahre in Australien und im Ausland gekauft hatte.

Nach ihrer Rückkehr an diesem Abend stellte Philippa ihren schäbigen Aktenkoffer im jadegrün und weiß eingerichteten Schlafzimmer ab und begann mit ihrer allabendlichen Verwandlung. Erst jetzt wurde Philippa richtig bewusst, wie sehr der Zusammenstoß mit Mark Learmonth sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Zunächst nahm Philippa die Brille ab und setzte Kontaktlinsen ein, reinigte sich gründlich das Gesicht, zog die Arbeitskleidung aus und schlüpfte in eine frisch gewaschene buttergelbe Bluse und weiße Shorts. Dann löste Philippa ihr Haar. Als sie alle Klammern und Kämme daraus entfernt hatte, hing es ihr schlaff auf die Schultern. Sie bürstete es, bis es zum Leben erwachte und in lockeren, leuchtend kastanienbraunen Wellen ihr Gesicht umgab.

Philippa legte die Bürste beiseite und betrachtete sich im Spiegel. Diese Verwandlung war für sie längst zur Routine geworden, doch es wunderte sie immer wieder, wie leicht ihr der Wechsel von einer Persönlichkeit zur anderen fiel. Jetzt zeigte der Spiegel ihr eine junge Frau mit grünen Augen, ovalem Gesicht, weicher, glatter Haut, langen Beinen, schmaler Taille, schön geschwungenen Hüften und straffen Brüsten, deren Abbildung jedem Sexkalender Ehre gemacht hätte. Das hatte man ihr zumindest einmal gesagt. Sehr erfreut über das Kompliment war sie nicht gewesen.

Die andere Philippa Wright trug männlich geschnittene Kleidung, furchtbares Make-up, benahm sich schroff und aggressiv und war der Schrecken jedes Büros.

„Aber der Trick hat gewirkt“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Ich werde respektiert, ich habe Erfolg und komme ohne jede männliche Hilfe aus. Und niemand kann mir nachsagen, dass ich Karriere und Wohlstand nur meinen weiblichen Vorzügen verdanke.“

Sie schaute sich um. Die Gemälde an den Wänden und die wertvollen Möbel sowie ihr Kontostand und die Reisen, die sie sich jedes Jahr leisten konnte, bewiesen, dass sie einiges erreicht hatte.

„Niemand kann behaupten, dass der einzige Zweck meines Daseins darin besteht, von Männern begafft, gestreichelt und mit ins Bett genommen zu werden“, fuhr sie fort, wieder an ihr Spiegelbild gewandt. „Warum regt es mich dann so auf, dass Mark Learmonth den Köder geschluckt hat? Er hat nur offen ausgesprochen, was er von mir hält, während die meisten Männer hinter meinem Rücken über mich spotten. Liegt es daran, dass er … doch anders ist, als ich erwartet hatte?“

Während sie darüber nachdachte, verließ sie das Schlafzimmer. Sie hatte sich Mark Learmonth als einen dieser überheblichen Männer vorgestellt, die sich ihrer Wirkung auf andere Menschen, besonders auf Frauen, allzu sicher sind. Diesen Männertyp konnte sie nicht ausstehen. Mark Learmonth schien es nicht im Geringsten zu kümmern, was seine Mitmenschen von ihm hielten – bis er herausgefordert wurde. Er hatte etwas Besonderes an sich …

Aber wer weiß, ob er nicht letztlich doch wie die meisten Männer war, ein Macho? Verdammt, warum zerbrach sie sich überhaupt über ihn den Kopf?

Philippa machte sich etwas zu essen und breitete anschließend Papiere auf dem Esstisch aus, um noch zu arbeiten.

Als das Telefon klingelte, sah sie auf die Uhr und seufzte leise. Das musste ihre Mutter sein. Sie rief zweimal pro Woche an, und zwar immer an den gleichen Tagen und zur gleichen Uhrzeit.

Nachdem sie einige Minuten miteinander geredet hatten, sagte Mrs. Wright: „Ich möchte, dass du diese Woche zum Abendessen kommst, Philippa. Bitte, Liebling! Die Streitereien mit deinem Vater müssen endlich ein Ende haben. Du hast mir nicht einmal erzählt, worum es diesmal ging.“

„Wir streiten uns, solange ich denken kann, Mom“, antwortete Philippa ausweichend. „Das solltest du allmählich wissen.“

„Dein Vater ist eben manchmal etwas schwierig. Ich verstehe ja, dass es dich verletzt, wenn er immer so anerkennend über Ray spricht und deine Erfolge etwas … etwas weniger wichtig nimmt, aber …“

Etwas weniger wichtig! wiederholte Philippa in Gedanken empört. Während Mrs. Wright weitersprach, dachte Philippa: Im Übrigen verabscheue ich Dad vor allem um deinetwillen! Soll ich dir sagen, warum ich mich diesmal mit ihm gestritten habe? Weil ich ihn zusammen mit einer fremden Frau bei einem romantischen Essen gesehen habe. Und weil Dads Blicke dabei deutlich verraten haben, was er noch mit ihr vorhatte! Und sie war nur eine von vielen! Weißt du nichts davon, oder kümmert es dich nicht? Es kann dir doch nicht einfach gleichgültig sein! Warum müssen wir immer so tun, als wäre alles in Ordnung?

„Schon gut, Mom“, antwortete Philippa schließlich müde. „Ich werde kommen.“

Als ihre Mutter sich zufrieden verabschiedet hatte, grübelte Philippa über ihren Vater nach. Er war groß, sah sehr gut aus und wirkte viel jünger als seine sanfte, treue, ihm ergebene Frau. Obwohl er ständig hinter anderen Frauen her war, verachtete er sie im Grunde. Und von Frauen, die in ihrem Beruf Karriere machten, behauptete er regelmäßig, sie hätten sich „nach oben geschlafen“. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, und in seiner Firma konnten Frauen natürlich nur auf diese Art vorankommen. Ihr, Philippa, seiner Tochter, hatte er empfohlen, lieber zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, statt die Zeit mit Studium und Beruf zu vergeuden. Dabei bekam sie, Philippa, sowohl in der Schule als auch auf der Universität seinerzeit immer bessere Noten als ihr älterer Bruder Ray.

Das ist auch so ein Frauenheld, dachte sie bitter. Er hatte mit Mark Learmonth zusammen studiert und oft von ihm erzählt. Besonders davon, wie sehr die Mädchen von Mark Learmonth schwärmten …

Philippa schloss die Augen und verzog das Gesicht. Würde sie je den Punkt erreichen, an dem ihr Vater sie nicht mehr verletzen konnte?

Schließlich schob sie die trüben Gedanken beiseite. Wahrscheinlich brauchte sie einfach Urlaub! Rasch holte sie den Reiseprospekt über die Malediven und vertiefte sich erneut darin.

Philippa war intelligent und besaß einige Eigenschaften, die manche Menschen für unweiblich hielten, doch sie war auch hoffnungslos romantisch. Sie reiste gern, und je exotischer und unberührter ihre Urlaubsziele waren, desto besser gefielen sie ihr.

Am nächsten Tag buchte Philippa während der Mittagspause ihren Urlaub, leistete die Anzahlung und ließ sich einen Termin beim Arzt geben, um sich gegen Typhus impfen und Tabletten gegen Malaria verschreiben zu lassen. Bis zur Abreise am siebenundzwanzigsten November musste sie noch sechs Wochen überstehen. Das konnte nicht allzu schwierig sein! Und die letzten drei Wochen würden vermutlich die reinste Erholung werden …

Zwei Tage nachdem sie die Reise gebucht hatte, ließ Mark Learmonth Philippa in sein Büro bitten.

Max Walker überbrachte ihr die Botschaft persönlich und begleitete Philippa zum obersten Stockwerk des Gebäudes, in dem die Büros der Geschäftsleitung lagen. Er wirkte nervös.

Während der Fahrt im Fahrstuhl sagte Philippa unvermittelt: „Keine Sorge, Max. Ich werde ganz ruhig bleiben. Warum will er mich sprechen?“

„Das hat er nicht gesagt.“

„Aber er hat doch sicher eine Andeutung gemacht!“

Max zuckte die Schultern, zögerte und warf ihr einen Blick zu. „Nun ja … Er hat mir erzählt, dass er mit dem Programm, das Sie für uns installiert haben, sehr zufrieden ist und mit Ihnen darüber sprechen möchte. Philippa …“

„Schon gut“, unterbrach sie ihn. „Wahrscheinlich will er mir einfach beweisen, dass er sehr wohl weiß, worum es bei dem Programm geht. Es hätte mich sehr überrascht, wenn er das nicht auf irgendeine Art versuchen würde.“

Max Walker verdrehte die Augen. „Genau das habe ich befürchtet. Philippa …“

„Ich habe nicht vor, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Wir sind da, Max.“

„Auf Ihrem Gebiet kann er Ihnen bestimmt nichts anhaben“, meinte Max. „Am besten sprechen Sie über nichts anderes!“, fügte er fast flehend hinzu.

Mark Learmonth saß hinter einem schönen Mahagonischreibtisch, der auf einem riesigen königsblauen Teppich stand. Als Philippa und Max Walker das Büro betraten, sah Mark Learmonth auf. In diesem Moment summte das Telefon. Er nahm den Hörer ab und gab den beiden zugleich durch ein Zeichen zu verstehen, dass sie sich setzen sollten.

Nachdem er kurz zugehört hatte, antwortete er: „Ja, gut“, legte auf und wandte sich an Max. „Das war Ihr Büro, Max. Sie werden dringend dort gebraucht.“

„Oh! Na, dann …“ Max warf Philippa einen unsicheren Blick zu.

„Machen Sie sich keine Gedanken, Max.“ Mark Learmonth lehnte sich gelassen im Sessel zurück. „Ich glaube zwar kaum, dass Miss Wright und ich uns schlagen werden, aber im Notfall kann ich meine Sekretärin zu Hilfe rufen.“

Max Walker seufzte hörbar, hob die Schultern, schenkte Philippa noch einen letzten warnenden, flehenden Blick und ging.

Unterdessen musste Philippa ihre ganze Willenskraft aufbieten, um Mark Learmonth nicht tatsächlich zu schlagen, und zwar mitten in das gleichgültige Gesicht. Doch abgesehen davon hatte seine Gegenwart noch eine ganz andere, unerwartete Wirkung auf Philippa. Die Art, wie er entspannt hinter seinem Schreibtisch saß, als würde ihm dieser Platz nicht Macht verleihen, sondern umgekehrt von ihm erst seine Bedeutung erhalten, die Art, wie sein graues Jackett die breiten Schultern betonte, der Anblick des dichten, glänzenden braunen Haares und der schönen, schlanken und vermutlich recht kräftigen Hände: All das verwirrte Philippa auf eine eigenartige, ungewohnte Weise.

Eine Zeit lang betrachtete Philippa ihre eigenen Hände, die sie im Schoß zusammengelegt hatte, und wartete, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte. Dann hob sie den Kopf. „Sie wollten mit mir über das Programm sprechen?“

Mark Learmonth sah sie mit seinen grauen Augen aufmerksam an. „Ich möchte Ihnen gratulieren, Miss Wright. Sie haben es selbst entwickelt, nicht wahr?“

„Nicht ganz. An der Problemanalyse und dem Entwurf der Benutzer-Oberfläche war das ganze Team von ‚Colefax und Carpenter‘ beteiligt. Ich habe den Algorithmus entworfen, das Programm getestet und auf Fehler überprüft.“

„Außerdem haben Sie es auf unser Computersystem übertragen und die Angestellten eingearbeitet. Übrigens, Len Colefax ist zurzeit in der Stadt. Es geht ihm gut. Er hat Ihre … Tüchtigkeit lobend erwähnt.“

Philippa hob kurz die Augenbrauen. Len Colefax war ein kluger Geschäftsmann, aber ihrem Vater nicht unähnlich. Ohne ihre Verkleidung wäre sie bei „Colefax und Carpenter“ niemals ernst genommen worden. Sie wusste genau, dass Len Colefax sie nicht ausstehen konnte und sie nur behielt, weil sie ausgezeichnete Arbeit leistete. Er übertrug ihr immer die schwierigsten Aufgaben, wahrscheinlich weil er insgeheim hoffte, dass sie früher oder später auf die Nase fallen würde. Philippa hatte sich geschworen, dass das nie passieren würde, und sich nach und nach einen guten Ruf erworben, der langsam, aber stetig wuchs.

Jetzt antwortete sie, ohne nachzudenken: „Vermutlich hat er gesagt: ‚Sie ist zwar das reinste Schlachtross, ihre Arbeit ist jedoch nicht übel.‘ Oder etwas Ähnliches.“

Mark Learmonth blickte sie einen Moment unbewegt an, dann lächelte er ehrlich belustigt. Philippa verschlug es fast den Atem, und sie hätte ihre unvorsichtigen Worte gern zurückgenommen.

Falls Mark Learmonth die Reaktion bemerkt hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Er nahm einen Kugelschreiber und ließ ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her pendeln. „Sie beide scheinen sich genau zu kennen.“

„Wir … dulden uns gegenseitig.“

„Würden Sie nicht lieber für jemand arbeiten, den Sie mögen?“

„Nein.“

Mark Learmonth schaute nachdenklich drein und fragte dann unvermittelt: „Wie alt sind Sie, Miss Wright? Vierundzwanzig?“

„Wie haben Sie …“ Sie verstummte.

„Wie ich das erraten habe? Ich bin nicht sicher.“ Er betrachtete sie von oben bis unten. „Es muss an Ihren Hand- und Fußgelenken liegen. Irgendwie passen sie nicht zu Ihrer sonstigen Erscheinung.“ Als Philippa sich unwillkürlich anders setzte und die Ärmel weiter herunterzog, fuhr er ernst fort: „Sie brauchen sie nicht gleich zu verstecken. Ich habe keinerlei Absichten auf Sie.“

Sie war zu verblüfft, um gleich eine Antwort zu finden. Dann wurde Philippa rot und fuhr ihn an: „Das würde Ihnen auch schlecht bekommen. Außerdem glaube ich nicht, dass man das Alter einer Frau an ihren Handgelenken ablesen kann.“

„Haben Sie wegen der Bemerkung gedacht, ich hätte etwas Bestimmtes im Sinn? Was für ein schwieriges Leben Sie führen müssen, wenn Sie sich des Öfteren solche Sachen einbilden, Miss Wright.“

Sie schnappte nach Luft. „Wenn ich so denke, dann mit gutem Grund, Mr. Learmonth! Ich glaube keinen Augenblick, dass Sie anders sind als andere Männer, die …“ Philippa brach ab, weil er leise lachte.

Er stand auf, kam um den Schreibtisch herum, hockte sich vor ihr auf die Kante und verschränkte die Arme. „Wie recht Sie haben!“, erwiderte Mark Learmonth belustigt. „Ich bin wirklich nicht anders als andere Männer. Ich bin sehr gern mit Frauen zusammen – auf welche Art, muss ich Ihnen bestimmt nicht erklären. Oder doch?“ Er musterte Philippa. „Haben Sie jemals einem Mann erlaubt, diese Waffensammlung aus Ihrem Haar zu entfernen und mit den Fingern hindurchzustreichen, oder eine Hand auf Ihre Brust zu legen, oder …“

„Seien Sie still!“

Er hob die Augenbrauen. „Ich frage mich, ob das ein Ja oder ein Nein war. Im zweiten Fall würde ich Ihnen empfehlen, es einmal zu versuchen. Vielleicht ändern Sie dann Ihre Meinung über das männliche Geschlecht.“

Philippa sprang auf. „Bevor Sie weiterreden, Mr. Learmonth“, sagte sie eisig, „möchte ich Sie daran erinnern, dass ich Ihr ganzes Büro auf den Kopf stellen kann, wenn ich will. Ich habe Ihr Programm glattgebügelt, und ich kann ebenso gut das Gegenteil tun!“

Als er antwortete, klang seine Stimme eiskalt. „Davon bin ich überzeugt, Miss Wright.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Allerdings würde Ihr beruflicher Ruf den anschließenden Aufruhr kaum überleben.“

„Oh …“ Philippa biss die Zähne zusammen. Was war nur in sie gefahren, dass sie sich zu einer derart kindischen Drohung hatte hinreißen lassen?

„Wenn Sie jetzt Vernunft annehmen, braucht Len Coleman von Ihrer Drohung nichts zu erfahren. Andernfalls …“ Er zuckte die Schultern.

Philippa ballte die Hände und entspannte sich dann langsam. „Keine Angst, Mr. Learmonth“, entgegnete sie verächtlich. „Ich werde dafür sorgen, dass dieses Programm das beste wird, das der Learmonth-Konzern je besessen hat. Auch wenn Sie selbst mir zuwider sind. Was Ihre billigen, platten sexuellen Bemerkungen betrifft, können Sie von Glück reden …“

„Dachten Sie etwa, ich hätte mich selbst anbieten wollen?“, unterbrach er sie. „Dann haben Sie mich wirklich missverstanden. Ich wollte Ihnen nur einen allgemeinen, gut gemeinten Rat geben. Was Ihr Programm betrifft …“

Philippa war jetzt so wütend wie nie zuvor in ihrem Leben. „Das Programm wird ein voller Erfolg werden. Vorausgesetzt, Sie gehen mir in Zukunft aus dem Weg!“

Sie drehte sich um und verließ das Büro.

2. KAPITEL

Am nächsten Vormittag saß Philippa wartend in Mark Learmonth’ Vorzimmer. Durch das dicke Make-up war nicht zu erkennen, wie blass sie war.

Sie hatte die Sekretärin mit viel Mühe davon überzeugt, dass Mr. Learmonth mit ihr sprechen würde, obwohl sie keinen Termin vereinbart hatte. Allerdings bestand die Sekretärin darauf, dass Philippa warten müsse, bis das Telefongespräch mit Sidney beendet war. „Sein Vater ist am Apparat, und Mr. Learmonth senior unterbricht man einfach nicht!“

Nun saß Philippa also auf dem bequemen, eleganten Sofa.

Sie trug ihre übliche formlose Kleidung, von der sie einen ganzen Schrank voll besaß. Heute hatte sie sich für ein besonders abstoßendes kakifarbenes Kostüm entschieden. Es passte zu ihrer Stimmung. Philippa strich den Rock glatt und erinnerte sich an die schlaflose Nacht, die hinter ihr lag, und an die quälenden Gedanken, die sie wach gehalten hatten.

Jetzt fand sie es komisch, wenn auch auf makabre Art, wie gut sie ihre Rolle gespielt hatte. Die typische neurotische alte Jungfer, die glaubt, dass alle Männer verborgene, finstere, schreckliche Absichten auf sie haben. Doch das wirklich Merkwürdige war nicht, dass sie auf Mark Learmonth Worte genau so reagiert hatte wie von ihm erwartet, sondern dass sie dann so völlig die Beherrschung verloren hatte. War sie, Philippa, etwa inzwischen wirklich verdreht und neurotisch geworden?

Sie verzog das Gesicht und ermahnte sich, dass dieses Problem im Augenblick nicht so wichtig sei und sie nicht deswegen hier war, sondern weil ihre Berufsehre auf dem Spiel stand.

Im selben Moment leuchtete ein rotes Lämpchen am Sprechgerät der Sekretärin auf. Sie sprach einige Worte ins Gerät und wandte sich dann an Philippa: „Mr. Learmonth hat jetzt Zeit für Sie, Miss Wright.“ Es klang überrascht.

„Welch eine Überraschung, Miss Wright“, begrüßte Mark Learmonth Philippa und lehnte sich im Sessel zurück. „Bitte setzen Sie sich doch.“

„Danke, aber ich stehe lieber.“ Philippa legte einen langen weißen Umschlag auf den Schreibtisch. „In diesem Brief bitte ich Sie, mich aus meinem Vertrag zu entlassen, weil ich mich auf eine Weise verhalten habe, die meiner Berufsehre widerspricht. Ich habe einen ähnlichen Brief heute Morgen bei ‚Colefax und Carpenter‘ abgegeben.“

Einen Moment blieb es still. Dann bemerkte Mark Learmonth: „Welch plötzlicher Stimmungswechsel.“

Philippa zuckte die Schultern.

„Sind Sie sicher, dass Sie sich aus beruflichen Gründen so entschieden haben und nicht aus persönlichen, Miss Wright?“ Er sah ihr ein wenig spöttisch in die Augen.

„Ganz sicher, Mr. Learmonth“, antwortete sie ruhig. „Nach der Drohung, die ich gestern ausgesprochen habe, können Sie nie mehr volles Vertrauen zu mir haben. Sollte das Programm wirklich einmal zusammenbrechen, würden Sie mich berechtigterweise sofort verdächtigen, das verursacht zu haben. Unter solchen Bedingungen ist es unmöglich, weiter zusammenzuarbeiten.“

Er setzte sich auf. „Sie haben mir gestern auch erklärt, dass ich Ihrem Programm sehr wohl vertrauen kann. Aber eins nach dem anderen. Wie wird sich diese Kündigung auf Ihre Stellung bei ‚Colefax und Carpenter‘ auswirken, Miss Wright?“

Sie zuckte noch einmal die Schultern. „Das hat Mr. Colefax zu entscheiden. Jedenfalls werden Sie dadurch keine Unannehmlichkeiten haben. Jemand anders aus der Firma wird meine Aufgaben hier übernehmen.“

Sie sahen sich an. Philippa war sogar körperlich angespannt, während Mark Learmonth völlig gelassen wirkte. Und gefährlich, dachte sie plötzlich. Der Teufel sollte ihn holen!

Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen, und wollte weiterreden, als er ihr zuvorkam. „Ich glaube nicht, dass es uns weiterhilft, wenn Sie von oben auf mich herabschauen, Miss Wright. Bitte setzen Sie sich.“

Das sagte er so sanft, ruhig und dennoch befehlend, dass sie unwillkürlich gehorchte. Zugleich wunderte sie sich darüber, wie leicht es ihm fiel, seinen Willen durchzusetzen. Er musste nicht einmal die Stimme erheben.

„Es gibt nichts mehr zu besprechen“, behauptete Philippa.

„Da bin ich anderer Meinung.“ Er hob den Hörer ab und bat seine Sekretärin, ihn mit Len Colefax zu verbinden.

Philippa presste die Lippen zusammen, was Mark Learmonth mit einem schwachen Lächeln registrierte. Dann kam die Verbindung zustande.

„Len? Ja, hier ist Mark Learmonth … Danke, gut. Len, ich glaube Sie haben heute Morgen einen Brief von Ihrer Miss Wright bekommen, in dem sie erklärt, dass sie nicht länger für uns arbeiten kann … Ja, uns hat es auch überrascht. Wir sind jedenfalls überhaupt nicht der Ansicht, dass sie ihre Berufsehre verletzt hat. Ich kenne das Programm und ihre Unterrichtsmethoden, und ich würde nicht gern mitten im Rennen das Pferd wechseln … Nein … Nein, wir sind alle sehr beeindruckt. Das versichere ich Ihnen. Möchten Sie selbst mit ihr sprechen?“ Er hielt Philippa den Hörer hin.

Der einseitigen Unterhaltung hatte Philippa ziemlich ungläubig zugehört. Jetzt starrte sie den Hörer an, riss sich dann zusammen, stand auf und nahm ihn Mark Learmonth aus der Hand. „Hallo?“

„Was, zum Teufel, soll das Ganze, Philippa?“, schnauzte Len Colefax.

Philippa fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Ich … ich hielt es für das Beste.“

„Denken Sie überhaupt jemals nach? Wissen Sie nicht, was dieses Programm für unsere Firma bedeuten kann? Es ist ein Testfall! Wenn es Erfolg hat … der Learmonth-Konzern ist verdammt groß. Wer weiß, ob wir nicht noch mehr Aufträge bekommen könnten!“ Dann wechselte sein Tonfall plötzlich. „Ich kann mir schon denken, was los ist“, behauptete er müde. „Jemand hat Ihnen einen unsittlichen Antrag gemacht, stimmt’s? Ich wusste ja, dass Frauen immer Ärger machen, aber von Ihnen hätte ich so etwas wirklich nicht erwartet. Wo sind Sie denn da hingeraten?“

Jetzt fluchte Philippa, allerdings so leise, dass ihr Chef es nicht hören konnte. Zugleich füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Also gut!“, antwortete sie scharf und trotzig. „Ich mache weiter.“

Philippa gab Mark Learmonth den Hörer zurück, ging zum Fenster und blieb mit dem Rücken zum Schreibtisch stehen. Sie war so wütend und durcheinander, dass sie von dem restlichen Telefongespräch nichts mitbekam.

Erst als Philippa merkte, dass es im Büro still geworden war, drehte sie sich um.

„Sie haben gewonnen!“, sagte sie zu Mark Learmonth. „Ich gehe nun wohl besser wieder an meine Arbeit.“

Ihre Blicke begegneten sich. Dann sagte er ohne Nachdruck, aber mit der gleichen ruhigen Autorität wie zuvor: „Setzen Sie sich wieder, Miss Wright. Den Krieg mag ich gewonnen haben, aber der Frieden ist noch nicht geschlossen. Vielleicht sollten wir einmal darüber reden, wie aus einem Sturm im Wasserglas eine solche Schlacht werden konnte.“

Philippa zögerte, konnte sich der Macht seines kühlen Blickes jedoch nicht entziehen. Widerstrebend setzte sie sich und versuchte sich zu entspannen. „Ich habe Sie beleidigt, Sie haben mich beleidigt und dabei einen etwas empfindlichen Punkt getroffen. Das war’s. So hat es angefangen, Mr. Learmonth.“ Sie sah ihn herausfordernd an.

„Im Großen und Ganzen richtig“, erwiderte er. „Ich frage mich allerdings, warum Sie mich beleidigten, kaum dass Sie mich zum ersten Mal gesehen hatten – oder sind wir uns schon einmal begegnet?“

Philippa hob müde die Hände. „Nein. Und halten Sie mir in Zukunft meinen … meinen Fehler bitte nicht vor. Die Sache ist mir jetzt schon peinlich genug. Ich war so dumm, meine Vorurteile deutlich zu zeigen. Nächstes Mal werde ich mir jemand aussuchen, dem ich gewachsen bin. Kann ich jetzt gehen?“

„Sie meinen Ihre Vorurteile gegen Männer?“, hakte er ungerührt nach.

„Ja! Das wissen Sie doch ganz genau. Und was Ihren guten Rat betrifft, mich von einem Mann ‚flachlegen zu lassen‘ – nennt man das nicht so? –, so glaube ich nicht, dass das irgendwelche Probleme lösen würde.“

„Das ist ein sehr grober Ausdruck dafür. Außerdem habe ich das auch gar nicht gemeint. Ich wollte Ihnen raten, sich in jemanden zu verlieben und sich lieben zu lassen.“ Er sah ihr in die Augen.

Philippa spürte, wie sie vom Hals bis zum Haaransatz langsam rot wurde. Sie stand hastig auf, ohne noch einmal um Erlaubnis zu bitten. „Ich bin wirklich verblüfft, Mr. Learmonth. Befassen Sie sich mit all Ihren weiblichen Angestellten so ausführlich? Mich wundert nur, dass sich noch keine Frau wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz über Sie beschwert hat. Für mich war unsere Begegnung jedenfalls sehr aufschlussreich. Und jetzt gehe ich wieder an die Arbeit, ob es Ihnen passt oder nicht!“

Er stand ebenfalls auf, kam um den Schreibtisch herum und ging zur Tür. Dort drehte Mark Learmonth sich um. Erst als Philippa direkt vor ihm stand, sagte er leise: „Ich befasse mich nur mit den weiblichen Angestellten, die es brauchen, Miss Wright.“

Philippa funkelte ihn wütend an und öffnete den Mund, um Mark Learmonth zu sagen, dass er jetzt zu weit gegangen sei. Doch im gleichen Moment wurde ihr klar, dass er sie nur zum Narren hielt und es ihm Spaß machte, sie zu reizen.

Sie wandte den Blick ab, errötete wieder und biss sich verärgert auf die Lippe. Verdammt!

„Wollten Sie noch etwas sagen, Miss Wright?“

„Nein.“ Nun sah Philippa ihm direkt in die Augen.

Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie sich selbst beglückwünscht, dass sie bei diesem katastrophalen Streit zumindest nicht wieder Mark Learmonth Ausstrahlung erlegen war. Doch jetzt geschah genau das mit Philippa.

Trotz der Beleidigungen, die er ihr an den Kopf geworfen hatte, und trotz seines anmaßenden Auftretens wurde sie sich mit einem kurzen, betäubenden Schock bewusst, dass Mark Learmonth dicht vor ihr stand, dass er überwältigend anziehend war und sie genau wie jede andere Frau auf ihn reagierte. Sie wandte den Blick von seinem strengen, aber gut aussehenden Gesicht mit dem schön geschwungenen Mund ab, betrachtete die schlanken, wohlgeformten, starken Hände und fragte sich unvermittelt, wie es wohl wäre, von diesen Händen gestreichelt zu werden, sie auf den Brüsten zu spüren …

Ihr wurde plötzlich so heiß, dass ihr feine Schweißperlen auf die Stirn traten, Philippas Herz klopfte wild und schnell. „Würden … würden Sie mich jetzt bitte vorbeilassen?“

„Eins möchte ich Ihnen noch sagen, Miss Wright.“

„Was denn?“, fragte Philippa heiser.

„Ich bewundere, wie ernst Sie Ihre Arbeit nehmen.“

Sie sah ihn forschend an. Meinte er das ernst? Offenbar. Er wirkte nicht mehr spöttisch, sondern höflich und unnahbar. Langsam trat er beiseite.

„Danke“, antwortete sie leise und verließ fluchtartig den Raum.

Für den Rest des Tages fiel es Philippa ungewöhnlich schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Zu allem Überfluss war dies auch noch der Tag, an dem ihre Eltern sie zum Abendessen erwarteten.

Der Abend verlief dann genauso nervenaufreibend, wie Philippa befürchtet hatte.

Nach der Mahlzeit erkundigte Mrs. Wright sich nach dem neuesten Auftrag ihrer Tochter, wie immer darum bemüht, das mangelnde Interesse von Philippas Vater auszugleichen.

Doch in diesem Fall horchte Mr. Wright plötzlich auf. „Du arbeitest also für den Learmonth-Konzern, Philippa?“ Er lehnte sich, das Weinglas in der Hand, entspannt zurück. „Dann passt du besser genau auf, dass man dich nicht übers Ohr haut. Mark Learmonth soll noch härter sein als sein Vater, und das will etwas heißen! Ich weiß noch, wie beeindruckt Ray von Mark war, als sie zusammen studiert haben. Natürlich war Ray noch ziemlich jung …“

„Und hat mir Mark Learmonth als überwältigenden Helden geschildert!“, warf Philippa bissig ein. Frauenhelden, fügte sie insgeheim hinzu.

Ihr Vater setzte sich auf. „Du tätest gut daran, auf mich zu hören, Philippa. Damals warst du noch ein dummes Schulmädchen. Vielleicht solltest du Mark erzählen, dass du Rays Schwester bist. Das könnte dir helfen.“

„Walter …“, begann Mrs. Wright.

Er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Werd nur nicht übermütig, Philippa. Denk daran: Hochmut kommt …“

„… vor dem Fall“, ergänzte Philippa spöttisch. Sie wollte ihrem Vater noch sagen, er mache sich ganz umsonst Sorgen, als ihr einfiel, dass Mark Learmonth ihrem Stolz wirklich schon einen harten Stoß versetzt hatte.

Ich werde es mir merken! dachte sie bitter. Mark Learmonth ist nicht nur ein Freund meines Bruders, sondern auch gefährlich wie ein Tiger. Nicht zu fassen, dass ich Mark Learmonth überwältigend anziehend gefunden habe!

„Wie geht es Ray?“, fragte sie nach einer Weile.

„Zur Zeit macht er auf den Fidschi-Inseln Urlaub“, antwortete Mrs. Wright. „Er hat sich von Jessica getrennt …“

„Das wurde auch höchste Zeit“, behauptete Walter Wright verdrießlich.

„Sie haben immerhin zwei Jahre zusammengelebt“, bemerkte Philippas Mutter. Sie wirkte niedergeschlagen.

„Das heißt noch lange nicht, dass sie die Richtige für ihn war. Hübsch, aber zu temperamentvoll, wenn du mich fragst.“

Arme Jessica! dachte Philippa. Nach anfänglichem Scheinglück muss das Zusammenleben mit Ray die reinste Hölle für dich gewesen sein. Und was erntest du jetzt obendrein? Das abfällige Urteil meines Vaters. Wieso hast du nie bemerkt, was für jeden anderen deutlich sichtbar war? Ray nutzt Frauen nur aus. Das hat er schon immer getan, einige meinen Schulfreundinnen können ein Lied davon singen … Der Apfel fällt nun mal nicht weit vom Stamm.

Einen Augenblick lang war sie versucht, ihrem Vater dieses Sprichwort samt entsprechendem Kommentar an den Kopf zu werfen. Stattdessen senkte sie den Blick und sagte: „Gut, dass sie sich getrennt haben. Besser jetzt als nach der Hochzeit.“

„Jessica ist bestimmt todunglücklich“, wandte ihre Mutter leise ein.

„Sie wird es überleben!“, sagten Vater und Tochter wie aus einem Mund. Dann funkelten sie sich wütend an.

Philippa wollte erklären, dass manche Frauen ihr Unglück nur sich selbst zuzuschreiben hätten, da bemerkte sie, dass ihre Mutter wirklich traurig aussah. Also schloss Philippa den Mund wieder, holte einmal tief Atem und ergriff sanft die Hand ihrer Mutter. „Sie wird bestimmt bald darüber hinwegkommen, Mom. Habe ich dir schon von meinem nächsten Urlaub erzählt?“

Den Rest des Abends nahm Philippa sich eisern zusammen. Selbst als ihr Vater lang und breit ausführte, wie gut Ray sich in seinem Beruf als Ingenieur bewährte, fuhr sie nicht auf. Als sie sich schließlich auf den Heimweg machte, war sie völlig erschöpft.

Am nächsten Morgen fiel Philippa beim Aufwachen wieder ein, was ihr Vater vorgeschlagen hatte. Der Gedanke, Mark Learmonth für sich zu gewinnen, indem sie sich auf ihren Bruder berief, belustigte sie. Sie ahnte nicht, wie schnell sie mit dem Vorschlag konfrontiert werden sollte …

Später teilte Max Walker Philippa mit, sie werde wieder im obersten Stock erwartet.

„Worum geht es denn diesmal?“, fragte sie gereizt.

„Die Geschäftsleitung hält eine Konferenz ab, und …“

„Das geht mich nichts an“, unterbrach sie ihn ungeduldig.

„Doch. Mark Learmonth möchte, dass Sie über den Verlauf Ihrer Arbeit berichten. Auf der Konferenz müssen einige Entscheidungen getroffen werden, die die zukünftige Geschäftspolitik betreffen und von Ihrem Bericht abhängen könnten.“

„Und warum hat er mir das nicht bereits gestern mitteilen lassen? Hält er mich für eine Maschine, oder was?“

Max Walker zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er erwiderte nur beschwichtigend, dass ihr noch immer eine halbe Stunde Vorbereitungszeit bleibe.

„Aus diesen Gründen“, erklärte Philippa den acht Männern, die um den Tisch des Konferenzraumes saßen, „bin ich zuversichtlich, dass wir nur noch kleinere Probleme zu überwinden haben und das Programm innerhalb der vorgesehenen Zeit, das heißt in gut zwei Wochen, vollkommen funktionstüchtig sein wird.“

Mark Learmonth stand auf. „Vielen Dank, Miss Wright, für den knappen, eindrucksvollen Bericht. Ich schlage vor, wir legen jetzt eine Mittagspause ein. Wir treffen uns um zwei Uhr wieder hier, meine Herren.“

Während des allgemeinen Aufbruchs, der diesen Worten folgte, sammelte Philippa ihre Notizen zusammen.

„Haben Sie noch einen Moment für mich Zeit, Miss Wright?“, fragte Mark Learmonth.

Sie hielt einen Moment in ihrer Tätigkeit inne. „Oh … selbstverständlich!“

Er wartete, bis außer ihnen niemand mehr im Zimmer war, trat ans Fenster und schaute eine Weile auf die Straße hinab. Dann drehte er sich zu Philippa um und lächelte schwach. „Ich kenne Ihren Bruder.“

Sie sah ihn verblüfft an.

„Wenn ich mich recht entsinne, hat irgendjemand auch einmal erwähnt, dass Ray eine kluge Schwester hat.“

„Und deswegen … und wegen des Namens … haben Sie uns deshalb in Verbindung gebracht?“, erkundigte sie sich nicht sehr zusammenhängend.

„Nein. Letzteres ist mir gerade erst wieder eingefallen. Ihr Vater hat mich angerufen …“

„Oh nein!“, entfuhr es ihr. „Das darf nicht wahr sein!“

Mark Learmonth hob die Augenbrauen. „Ich versichere Ihnen, es stimmt. Warum sollte er es auch nicht tun? Es ist in der Geschäftswelt allgemein üblich, sich auf persönliche Beziehungen zu berufen. Und das sollten Sie ebenfalls ausnutzen.“

„Ich lege keinerlei Wert darauf, es durch ‚persönliche Beziehungen‘ zu etwas zu bringen“, erwiderte Philippa gereizt. „Mein Vater versucht nur, mich zu bevormunden und mich als seinen und Rays Schützling hinzustellen, als Wesen, das auch Ihres Schutzes bedarf.“

„Ich habe keineswegs vor, Sie zu beschützen“, sagte er daraufhin kühl.

„Ach nein? Haben Sie nicht zumindest in Erwägung gezogen, aus alter Freundschaft zu meinem Bruder von nun an mehr Rücksicht auf mein exzentrisches Wesen zu nehmen, statt sich über mich lustig zu machen? Bitte bemühen Sie sich nicht, Mr. Learmonth. Machen Sie lieber so weiter wie bisher. Das ist zumindest echt!“

„Wissen Sie, was ich glaube, Philippa? Sie heißen doch Philippa? Ich glaube, Sie sind auf Ihren Bruder Ray eifersüchtig.“

„Eifersüchtig? Quatsch! Ich mache ihm nur lieber Konkurrenz, statt ihn anzuhimmeln, wie die meisten Frauen es tun. Und nach allem, was er mir erzählt hat, sind Sie noch schlimmer als er.“

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht im Grunde gern mit mir schlafen würden?“, fragte er leise, doch mit so beißendem Spott, dass sie zusammenzuckte.

„Was fällt Ihnen ein?“

„Dann erklären Sie mir doch, was sonst hinter diesem Gefühlsausbruch steckt! Sie …“

„Entschuldigung …“, ertönte plötzlich eine unsichere Stimme hinter ihnen. „Ich möchte nicht stören, aber …“

Sie fuhren herum. In der Tür des Konferenzraumes stand eine junge blonde Frau.

„Susan!“ Mark Learmonth lächelte. „Wie lange bist du denn schon hier?“

„Ich bin gerade erst gekommen. Deine Sekretärin hat gesagt, dass du jetzt bestimmt Zeit hast. Aber wenn ich störe…“ Sie erwiderte sein Lächeln, und ihr ganzes Gesicht begann dabei zu leuchten.

Philippa betrachtete die blonde Frau namens Susan neugierig. Susan hatte ein bezauberndes herzförmiges Gesicht, tiefblaue Augen und eine wundervolle Figur. Im Vergleich zu Susan kam Philippa sich riesig groß und ungelenk vor.

Sie ist von ihm überwältigt, dachte Philippa bitter. Dabei ist sie noch so jung! Hoffentlich glaubt sie nicht, er sei der einzige richtige Mann für sie …

„Du störst überhaupt nicht, Susan“, behauptete Mark Learmonth. „Miss Wright und ich können unser Gespräch später fortsetzen.“ Er blickte Philippa an. „Nicht wahr, Miss Wright?“

Sie biss die Zähne zusammen, antwortete dann so gelassen wie möglich: „Wir haben doch schon alles Nötige besprochen, Mr. Learmonth. Deswegen …“

„Ich muss Ihnen widersprechen. Wir haben noch einige Punkte zu klären, bevor wir das Problem … zur Ruhe betten können. Ich komme wieder auf Sie zu.“ Er wandte sich erneut an die Besucherin. „Was bringt dich denn heute in die Stadt, Susan?“

Philippa verließ rasch den Raum, weil sie befürchtete, vollends die Beherrschung zu verlieren.

Während der nächsten Tage war Philippa vollauf damit beschäftigt, die Arbeit an ihrem Programm so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Zugleich wartete sie voll böser Vorahnungen auf den Moment, in dem Mark Learmonth „auf sie zukommen“ würde. Sie hatte begonnen, sich vor Mark Learmonth unheimlichem Scharfsinn zu fürchten, und sich fest vorgenommen, jeder weiteren Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen.

Mehrere Tage verstrichen, ohne dass sie von ihm hörte, und ihre Spannung ließ allmählich nach. Manchmal, wenn sie müde und ausgelaugt war, fragte Philippa sich allerdings, wie das Verhältnis zwischen ihnen so völlig aus dem Gleis geraten konnte.

Als er dann mit typisch männlicher Hinterlist doch ein Treffen zustande brachte, wusste sie, dass ihre Befürchtungen berechtigt gewesen waren.

Er kam persönlich in das Büro, in dem Philippa arbeitete. Die Angestellten begrüßten ihn mit ehrfürchtigem Schweigen, sodass jedes Wort, das er zu Philippa sagte, im ganzen Raum zu hören war.

„Soweit ich weiß, werden Sie nur noch wenige Tage für uns arbeiten, Miss Wright?“, begann er mit unergründlichem Lächeln.

„Ja“, erwiderte sie verwirrt.

„Als Zeichen unserer Wertschätzung und Dankbarkeit für alles, was Sie in den letzten Wochen geleistet haben, möchte ich Sie zum Mittagessen in den Speisesaal der Geschäftsleitung einladen.“

Jeder im Büro schien den Atem anzuhalten, und aller Augen richteten sich auf Philippa.

Die konnte nur fragen: „Jetzt gleich?“

Er sah auf die Uhr. „Haben Sie nicht ohnehin gleich Mittagspause? Oder sind Sie schon verabredet? Dann können wir es auch auf morgen verschieben.“ Er sah sie abwartend an.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Nein. Ich … das heißt …“ Philippa verstummte.

„Wie schön. Gestatten Sie, dass ich vorgehe?“

Der Speisesaal der Geschäftsleitung war nicht sehr groß, auf dezente Art luxuriös eingerichtet und völlig leer.

„Dort drüben gibt es einen Waschraum, falls Sie sich frisch machen wollen“, sagte Mark Learmonth. „Kann ich Ihnen einen Aperitif bestellen?“

Philippa öffnete den Mund, schloss ihn wieder und antwortete endlich: „Ja. Ich möchte mich frisch machen. Und ich hätte gern einen trockenen Sherry. Vielen Dank.“

Im Waschraum gab es im Grunde nichts für sie zu tun, als sich die Hände zu waschen. Bei einem kurzen Blick in den Spiegel stellte sie fest, wie schrecklich sie aussah. Das erfüllte sie mit kalter Verzweiflung. Dann straffte Philippa entschlossen die Schultern und kehrte aufs Schlachtfeld zurück.

Ein Kellner im weißen Frack beschrieb ihnen das Menü, nahm ihre Bestellungen entgegen und verschwand diskret, sodass sie den Raum wieder für sich hatten.

Philippa nahm ihr Glas, nippte daran und sagte zögernd: „Bevor wir in altbekannter Weise weiterstreiten, dürfte ich eine einfache Bemerkung und einen Vorschlag machen?“

„Sie dürfen.“ Mark Learmonth lehnte sich zurück und betrachtete mit undurchdringlichem Blick ihr Gesicht.

Sie senkte den Kopf und spielte einen Augenblick mit ihrem Glas. „Irgendetwas an mir scheint in Ihnen eine … ziemlich verdrehte Form von Ritterlichkeit wachzurufen, um es einmal höflich auszudrücken. Das ist jedoch völlig unnötig, denn mir geht es gut, und ich brauche weder Hilfe noch Rat. Es tut mir leid, dass ich Sie gleich bei unserer ersten Begegnung beleidigt habe, aber dafür haben Sie sich inzwischen ausgiebig gerächt. Ich werde mich beim nächsten Mal hüten, meine Vorurteile so offen zu zeigen. Und jetzt zu meinem Vorschlag: Können wir es nicht einfach dabei belassen?“

Nach den letzten Worten hob sie den Kopf und glaubte, Bewunderung in Mark Learmonth Augen zu lesen. Gleich darauf schaute er wieder gleichmütig drein.

„Sie wollen nicht zugeben, dass mehr dahintersteckt, Philippa“, erwiderte er. „Nicht einmal sich selbst gegenüber. Ich bin trotzdem einverstanden, weil ich auch genug vom Streiten habe. Worüber möchten Sie sprechen? Über das Wetter, den letzten Urlaub oder den nächsten? Ich werde demnächst verreisen … was ist?“, fragte er mit veränderter Stimme, als Philippa sich unwillkürlich die Hand vor den Mund hielt.

„Nichts.“ Philippa holte tief Atem.

„Sie haben einen Augenblick lang richtig verletzt ausgesehen.“

„Vielleicht, weil ich mich gefragt habe, womit ich so viel Geringschätzung verdient habe. Gibt es denn wirklich nichts Wichtigeres zu besprechen? Sie könnten mir zum Beispiel sagen, ob Ihre ‚Wertschätzung und Dankbarkeit für alles, was ich in den letzten Wochen geleistet habe‘, um Ihre eigenen Worte zu benutzen, dazu führen kann, dass mein Pilotprogramm auch von anderen Abteilungen des Learmonth-Konzerns übernommen wird. Natürlich erwarte ich keine feste Zusage von Ihnen, und Sie dürfen nicht glauben, dass ich Sie in irgendeiner Weise drängen will. Es wäre einfach ein interessanteres Gesprächsthema als das Wetter.“

Sie trank ihren Sherry aus. Seine Worte hatten sie tatsächlich sehr verletzt.

Da in diesem Moment das Essen gebracht wurde, bekam sie vorerst keine Antwort. Doch während der Kellner die Teller auf den Tisch stellte und Mark Learmonth die Weinflasche zur Begutachtung hinhielt, ließ dieser Philippa nicht aus den Augen. Erst als der Kellner sich diskret räusperte, wandte er sich ihm zu, warf einen Blick auf das Etikett der Flasche und nickte.

„Ja. In Ordnung.“ Während der Kellner den goldenen Rieslingwein in die Gläser füllte, blickte Mark Learmonth Philippa wieder an. „Ich weiß nicht, ob Sie schon gehört haben, dass mein Vater sich vom Geschäft zurückziehen will. Ich soll die Konzernleitung übernehmen und habe vor, das Geschäft zu vergrößern und zu modernisieren.“ Er runzelte die Stirn und betrachtete düster den Wein in seinem Glas.

„Sie sehen nicht … ich meine, Sie sehen aus, als wären Sie nicht sehr glücklich über Ihre Aufgabe“, bemerkte Philippa.

Mark Learmonth hob die Augenbrauen und verzog die Lippen. „Der Gedanke an all die Verantwortung ist ein wenig … na ja, erschreckend.“

„Würden Sie denn lieber etwas anderes tun?“, fragte sie vorsichtig.

„Dafür ist es zu spät. Außerdem habe ich schon immer vorgehabt, einmal das Geschäft zu übernehmen, und mich lange darauf vorbereitet.“ Er grinste plötzlich jungenhaft. „Also setzen Sie bitte nicht das Gerücht in die Welt, dass ich ans Aussteigen denke, Philippa.“

Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. „Sie trauen mir wohl alles zu.“

„Entschuldigen Sie. Haben Sie noch nie den Punkt erreicht, an dem man zweifelt und sich fragt, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist?“

Sie zuckte die Schultern. „Nein. Das heißt, die Auseinandersetzungen mit Ihnen haben mich schon nachdenklich gestimmt. Aber dann ist mir klargeworden, dass ich einfach nur Urlaub brauche.“

Er lachte. „Ich bin zum gleichen Ergebnis gekommen: dass ich Urlaub brauche, um wieder Freude an der Arbeit zu gewinnen.“ Er hob sein Glas. „Kommen Sie. Trinken wir auf die bevorstehende Zeit der Ruhe und Erholung. Hoffentlich hält sie, was wir uns von ihr versprechen. Und bevor Sie wieder beleidigt sind“, fuhr er rasch fort, „reden wir schnell wieder über etwas anderes als über Urlaub und Wetter. Sie können jedenfalls davon ausgehen, dass Ihr Programm an erster Stelle auf unserer Liste steht, falls alles nach Plan geht und wir unsere anderen Computersysteme ebenfalls modernisieren.“

Sie seufzte unhörbar. Natürlich war das eine gute Nachricht, aber tief im Innern hatte Philippa gehofft, nie mehr für Mark Learmonth arbeiten zu müssen. Sie hob ihr Glas und zwang sich zu lächeln. „Auf die Ruhe und Erholung. Darf ich die frohe Botschaft an Mr. Colefax weitergeben?“

„Ja. Ich wollte eigentlich selbst mit ihm sprechen, aber wenn es Ihnen so lieber ist …“

„Es wäre mir eine große Freude“, erklärte sie. Dann widmete sie sich dem Fisch.

„Eins möchte ich Sie noch fragen, Philippa“, sagte Mark Learmonth, nachdem sie beide zu Ende gegessen hatten und sie dankend jeden Nachtisch abgelehnt hatte. „Warum verachten Sie Ihren Vater und Ihren Bruder?“

Sie spielte eine Zeit lang mit der Serviette. „Über so etwas spricht man eigentlich nicht mit Fremden“, antwortete Philippa schließlich.

„Auch nicht, wenn man seine Geheimnisse im Eifer des Gefechts praktisch schon verraten hat?“

Philippa errötete, erwiderte jedoch fest: „In dem Fall bereut man höchstens, dass man nicht vorsichtiger war.“

„Und überlässt es den anderen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen?“

„Mr. Learmonth, bitte …“

„Wovor haben Sie Angst? Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie verwöhnt Ihr Bruder ist und dass Ihr Vater schon damals, als Ray und ich noch zusammen studiert haben, große Stücke auf ihn hielt. Den Rest kann ich mir denken. Wie lange versuchen Sie schon, Ray auszustechen, Philippa?“ Bevor sie antworten konnte, behauptete er: „Viel zu lange vermutlich. Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, dass Sie sich damit nur selbst schaden?“

Philippa stand auf. „Das reicht nun wirklich, Mr. Learmonth. Vielen Dank für das Essen, aber ich habe nicht vor, mit Ihnen über mein Privatleben zu diskutieren. Außerdem muss ich jetzt sowieso gehen.“

„Warum? Weil Sie die Wahrheit nicht ertragen können?“ Er stand ebenfalls auf.

„Nein. Sondern weil meine Mittagspause zu Ende ist.“ Sie wollte nach ihrer Tasche greifen.

Er kam Philippa zuvor und reichte sie ihr. „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Und ich werde bei allen zukünftigen Begegnungen meine verdrehte Form von Ritterlichkeit im Keime ersticken, Miss Wright. Sind Sie nun zufrieden?“

„Bitte tun Sie das. Sonst kann ich nicht mehr für Sie arbeiten, Mr. Learmonth.“

Er lächelte plötzlich. „Ich bewundere Ihren Kampfgeist. Vielleicht sollten wir in Zukunft nur noch über unbeteiligte Dritte miteinander verkehren. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre weitere Laufbahn, Miss Wright.“

„Das wünsche ich Ihnen auch, Mr. Learmonth. Und gestatten Sie mir noch eine letzte Bemerkung: Ich finde, Sie sollten heiraten. Das könnte Ihrem Leben den Sinn geben, nach dem Sie suchen, und Sie von Ihren … verdrehten ritterlichen Instinkten ablenken.“

Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, zum ersten Mal ins Schwarze getroffen zu haben. Sein Blick wurde hart und durchdringend. „Zufällig habe ich tatsächlich …“ Er unterbrach sich und sagte dann leise: „Eine Ehe hat noch nie vor etwas geschützt, Philippa.“

Das wiederum traf bei ihr mitten ins Schwarze, auch wenn er davon nichts ahnte. Sie drehte sich hastig um und ging.

3. KAPITEL

Während der letzten Arbeitstage sah Philippa Mark Learmonth nur noch ein Mal, und da wechselten sie kein Wort miteinander. Bei der Begegnung blickte er Philippa so flüchtig und uninteressiert an, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. Für ihn war das Kapitel Philippa Wright offensichtlich abgeschlossen.

Kurz darauf war ihre Arbeit im Büro des Learmonth-Konzerns beendet, und sie kehrte zu „Colefax und Carpenter“ zurück. Dort verbrachte sie die restliche Zeit bis zum Urlaub damit, einen ihrer Kollegen in ihr Programm einzuarbeiten, für den Fall dass im Learmonth-Konzern während ihrer Abwesenheit Probleme auftreten sollten. Zugleich versuchte sie, jeden Gedanken an Mark Learmonth beiseitezuschieben, und meist gelang es ihr auch.

Nur eine Frage ließ sie nicht ganz los: Hatte er ihr sagen wollen, dass er wirklich bald heiraten würde? „Zufällig“? Und wenn ja, wen? Das junge Mädchen namens Susan, dem so deutlich anzumerken gewesen war, dass bei seinem Anblick für es die Sonne aufging? Allerdings hatte Mark Learmonth nicht besonders verliebt gewirkt, während er Susan begrüßt hatte. Oder war er einfach verlegen gewesen? Aber nein, Mark Learmonth doch nicht … An ihrem letzten Arbeitstag berichtete Philippa Len Colefax, den sie zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr in die Firma zu Gesicht bekam, über ihren Auftrag.

Als sie fertig war, lehnte Len sich im Sessel zurück. „Nun, Ende gut, alles gut, wie es so schön heißt, Philippa.“ Er betrachtete sie neugierig. „Ich wüsste allerdings schon sehr gern, was im Konzern wirklich vorgefallen ist. Mark wollte aus irgendeinem Grund nicht darüber sprechen.“

Phlippa lächelte etwas gezwungen. „Ich hatte einen … Zusammenstoß mit ihm, Mr. Colefax. Das ist alles. Für solche Zwischenfälle bin ich doch berüchtigt.“

Len Colefax zuckte die Schultern. „Für ihn war das bestimmt eine ganz neue Erfahrung. Die meisten Frauen liegen vor ihm auf den Knien! Eigentlich sollten Sie froh sein, nichts mehr mit ihm zu tun zu haben.“ Sein Blick wurde durchdringend. „Sie haben sich doch hoffentlich nicht in ihn verliebt, Philippa?“

Über diese Frage hatte sie in den letzten Wochen oft genug nachgedacht, sodass die Frage sie nicht unvorbereitet traf. „Nein. Sie müssten mich inzwischen doch kennen, Mr. Colefax. Ich bin …“

Er winkte ab. „Es war auch nicht ganz ernst gemeint“, sagte er. „Jedenfalls wäre es die reine Zeitverschwendung, sich in Mark Learmonth zu verlieben.“ Er zögerte einen Moment und wechselte dann das Thema. „Was Ihren Urlaub betrifft – wo können wir Sie erreichen?“

„Überhaupt nicht“, antwortete Philippa.

„Wo zum Teufel fahren Sie denn hin?“

„Mitten in den Indischen Ozean.“ Er sah sie ungläubig an. „Auf die Malediven“, erklärte sie. „Das sind etwa zwölfhundert kleine Inseln im Meer westlich von Sri Lanka.“

„Meine liebe Philippa! Warum um alles …“

„Es soll wunderschön dort sein. Die Inseln bestehen fast nur aus Strand und Korallenriffen. Eine friedliche Gegend und ein Taucherparadies. Ich brauche dringend einen ruhigen Urlaub.“

„Können Sie denn überhaupt tauchen?“

„Nein. Ich mag einfach entlegene Plätze.“ Sie lächelte. „Sehen Sie mich nicht so besorgt an! Ich bin nicht ausgeflippt, und ich komme ganz bestimmt zurück. Sie können sich also schon eine neue, richtig schwierige Aufgabe für mich ausdenken, Mr. Colefax. Übrigens, Mr. Learmonth hat mir zwar keine feste Zusage gegeben, aber er ist anscheinend fest entschlossen, den Konzern zu erweitern und zu modernisieren, und …“

„Dann wird er es also doch tun!“

„Genau das sage ich ja.“

„Aber Sie wissen nicht, was es bedeutet. Er wird Bannister übernehmen! Los, reden Sie weiter!“

„Davon hat er nichts … Meinen Sie etwa die große Handelsbank?“ Als ihr Chef nur ungeduldig nickte, fuhr sie hastig fort: „Also, er hat gesagt …“ Sie wiederholte Mark Learmonth Worte.

„Philippa!“ Len Colefax sprang auf. „Und da wollen Sie einfach in Urlaub fahren?“

Philippa stand auch auf. Lächelnd streckte sie die rechte Hand aus. „Genau, Mr. Colefax. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten. Wir werden uns vorher nämlich nicht mehr sehen.“

Als sie sich an diesem Abend in ihrer Wohnung umgezogen hatte, hängte Philippa das kakifarbene Kostüm zu den anderen Arbeitssachen in den Schrank. Dabei seufzte sie erleichtert auf. In den nächsten Wochen musste sie sie nicht mehr anschauen. Gleich darauf beschlich sie das beunruhigende Gefühl, dass sie dieses Doppelleben nicht ewig weiterführen konnte. Irgendwann würde sie sich entscheiden müssen, welches die „richtige“ Philippa war.

„Bevor die Verkleidung Wahrheit wird“, sagte sie leise vor sich hin. „Was Mark Learmonth betrifft: Zumindest habe ich durch ihn gelernt, dass man auch eine rein körperliche Anziehung nicht unterschätzen darf. Mehr war jedoch nie daran, und das allein ist nicht genug. Und jetzt habe ich Urlaub!“

Vor ihrer Abreise verbrachte sie mehrere Tage bei ihren Eltern. Aus Rücksicht auf ihre Mutter vermied sie dabei jeden Streit mit ihrem Vater. Zugleich versuchte sie, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass ihr, Philippa, auf den Malediven nichts zustoßen konnte.

„Aber dort hat doch erst vor Kurzem ein Putschversuch stattgefunden“, sagte Mrs. Wright ängstlich.

„Das ist alles längst vorbei, Mom! Sonst würden sie keine Touristen ins Land lassen. Außerdem war nur die Hauptstadt Male betroffen. Jetzt sind dort Einheiten der indischen Armee und Marine stationiert, um für Ruhe zu sorgen.“

„Wie weit wirst du denn von Male entfernt sein?“ Mrs. Wright schaute noch immer besorgt drein.

„Es ist in neunzig Minuten bequem mit dem ‚Dhoni‘ zu erreichen“, antwortete Philippa lächelnd.

„Ach ja, diese ‚Dhonis‘. Sind sie auch wirklich sicher?“

„Aber ja. Schließlich benutzen die Inselbewohner solche Boote seit Hunderten von Jahren. Findest du sie nicht auch sehr romantisch?“ Philippa zog ihre zerlesene Reisebroschüre aus der Tasche und zeigte ihrer Mutter das Foto eines „Dhoni“. Das Boot sah aus wie die arabische Ausgabe einer großen, schmalen venezianischen Gondel, besaß allerdings Segel.

Philippas Mutter war von der Aufnahme nicht sehr beeindruckt, zuckte nur die Schultern.

Als Philippa nach einem fünftägigen Aufenthalt in Singapur und einem vierstündigen Flug über die Berge von Sumatra und den Indischen Ozean das „Dhoni“ bestieg, das sie zur Insel Nakatchafushi bringen sollte, war sie sofort bezaubert. Das Boot war blau gestrichen und trug den maledivischen Namen „Thunbibi“ in weißen Buchstaben auf beiden Seiten des Bugs.

Die kleine, ovale Insel mit Sandstrand und Palmen inmitten des weiten Indischen Ozeans, die von allen Bewohnern und Gästen liebevoll Nakatcha genannt wurde, verzauberte Philippa noch mehr. Noch nie hatte sie einen so weißen Strand oder so klares Wasser gesehen. Wenn man in das flache Wasser innerhalb des Korallenatolls, das die Insel umgab, hinauswatete, wurde man sofort von Millionen tropischer Fische in allen Farben des Regenbogens umschwärmt.

Genau wie alle anderen Gäste bewohnte Philippa eine eigene Rundhütte. Die Hütten waren strohgedeckt, hatten weiß getünchte Wände, hübsch gemusterte Vorhänge und Bettdecken und modern ausgestattete Badezimmer. Sie lagen nur wenige Schritte vom Strand entfernt.

Philippa freundete sich rasch mit dem älteren Ehepaar aus England an, mit dem sie beim Essen an einem Tisch saß. Durch die beiden lernte sie eine ganze Reihe anderer Gäste kennen. Obwohl sie die einzige allein reisende Frau auf der Insel war, fühlte Philippa sich nicht verloren, sondern entspannt und glücklich. Sie ahnte nicht, wie schnell sich das ändern sollte.

Der erste Vorfall, der ihren Frieden störte, ereignete sich an ihrem dritten Abend auf der Insel, als sie über den sandigen Fußweg zu ihrer Rundhütte ging. Auf Nakatcha machten etwa fünfzig Menschen Urlaub, meist Europäer unterschiedlichster Nationalitäten. Viele von ihnen waren begeisterte Sporttaucher.

Zu den eifrigsten Tauchern gehörte eine Gruppe von vier jungen Männern, zwei Engländer, ein Deutscher und ein Belgier. An diesem Abend saßen die vier zusammen am Strand in der Nähe des Fußwegs und redeten über Philippa, ohne zu ahnen, dass diese jedes Wort verstehen konnte.

Sie ging, ohne stehen zu bleiben, an ihnen vorbei, doch als sie die Veranda ihrer Hütte erreicht hatte, konnte Philippa ihre Neugier nicht bezähmen und lauschte.

„Sie ist ganz allein hier, sage ich euch! Sie kommt aus Australien und …“

„Sie ist spitze!“ Diese Stimme hatte einen deutschen Akzent.

„Da hast du recht, Karl. Sie sieht zwar nicht so aus, als könnte sie besonders gut schwimmen oder tauchen, aber …“

„Wir wissen, dass sie nicht tauchen kann“, ertönte die gereizte Stimme des Engländers. „Wie kommst du darauf, dass sie keine gute Schwimmerin ist?“

„Das ist eine Frage der Aerodynamik. Mit dem umwerfenden Busen …“

„Stimmt. Ein solcher Körper eignet sich besser für andere Tätigkeiten“, antwortete der Engländer. „Sie heißt übrigens Philippa …“

„Und diese langen Beine … habt ihr gesehen, wie sie gestern in ihrem grünen Bikini den Strand entlanggegangen ist? Drei Windsurfer sind ihretwegen vom Brett gefallen.“

Philippa hörte Lachen, dann sagte der zweite Engländer düster: „Wahrscheinlich ist sie so kalt wie ein Fisch …“

Sie hatte genug gehört und betrat leise seufzend ihre Hütte. Dann zuckte Philippa ergeben die Schultern und nahm sich vor, sich durch den Zwischenfall nicht den Urlaub verderben zu lassen.

Doch nach dem zweiten Ereignis, das am nächsten Tag gegen Mittag stattfand, war es mit Philippas Seelenfrieden endgültig vorbei. Sie war schwimmen gewesen und hatte im Riff geschnorchelt. Jetzt war sie hungrig und ging ziemlich früh zum Mittagessen ins Café.

Abgesehen von einem Mann an einem Tisch in der Ecke war der Raum leer. Philippa bestellte bei Ali, dem freundlichen maledivischen Oberkellner, ohne den Fremden zu beachten. Während sie auf das Essen wartete, nahm sie ihre Brille aus der Strandtasche, um eine zwei Wochen alte englische Zeitung zu lesen. Sie trug die Brille für Notfälle immer bei sich, und heute gönnte sie ihren Augen eine Pause von den Kontaktlinsen.

Kaum hatte sie die Brille aufgesetzt, drang eine wohlbekannte Stimme an Philippas Ohr: „Um Himmels willen! Das ist ja Miss Wright!“

Sie zuckte zusammen und starrte zu dem Mann am Ecktisch hinüber.

Mark Learmonth schaute sie mit einem ungläubigen Ausdruck in den grauen Augen an. Er trug Shorts und ein T-Shirt, und sein braunes Haar war feucht.

Philippa musste mehrmals Anlauf nehmen, bevor sie herausbrachte: „Was machen Sie denn hier?“

Er grinste jungenhaft und stand auf. „Das Gleiche wie Sie, nehme ich an. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, zog er sich einen Stuhl zurecht, setzte sich und betrachtete den bunten Sarong, den Philippa über ihrem Bikini trug, ihre nackten, glatten goldenen Schultern, ihr ungeschminktes Gesicht und das offene, leuchtend kastanienbraune Haar. „Das ist ja … eine richtige Offenbarung, Miss Wright, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten.“

„Das kann ich mir denken“, antwortete sie schroff.

Mark Learmonth lächelte belustigt. „Wie ich sehe, beschränkt sich Ihre Verwandlung auf das Äußere, oder irre ich mich da? Welches ist die richtige Miss Wright?“

Sie nahm die Brille ab, sodass sie sein Gesicht nur noch verschwommen wahrnahm, und erwiderte nachdenklich: „Ehrlich gesagt, ich weiß es selbst nicht mehr genau, Mr. Learmonth. Das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann, ist eine Erinnerung an …“ Philippa verstummte.

„An Ihr anderes Ich?“, ergänzte er sanft.

„Genau. Es hat wohl keinen Sinn, wenn ich Sie bitte abzureisen? Es gibt schließlich noch andere schöne Inseln in den Malediven …“

„Aber Nakatcha ist eine der schönsten. Ich komme fast jedes Jahr hierher. Es wäre wirklich ganz zwecklos zu fragen, Miss Wright. Wir müssen einfach lernen, miteinander auszukommen. Sind Sie allein hier?“

„Natürlich!“, erwiderte sie etwas bitter. „Im Gegensatz zu Ihnen, nehme ich an.“

„Katze“, bemerkte Mark Learmonth kaum hörbar und sah dann voll Interesse zu, wie Philippa errötete. „Die Antwort lautet: ja und nein. Eine Bettgefährtin habe ich nicht mitgebracht. Ich komme von Zeit zu Zeit nämlich durchaus ohne aus, auch wenn Sie das überraschen mag, Miss Wright. Ich bin mit meiner Schwester, ihrem Mann und meinem Neffen hier. Wir sind alle begeisterte Sporttaucher“, fügte er fast entschuldigend hinzu.

„Sie überraschen mich wirklich“, antwortete Philippa wahrheitsgemäß. „Nach allem, was ich über Sie gehört habe, hatte ich etwas anderes erwartet. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich einiges zu erzählen haben.“

„Ach so. Ihrem Bruder Ray natürlich.“ Er lehnte sich zurück. „In Zukunft sollten Sie versuchen, sich eine eigene Meinung über Ihre Mitmenschen zu bilden.“

Philippa holte tief Atem und wollte wütend antworten, doch Mark Learmonth ließ sie nicht zu Wort kommen. „Wie ich sehe, hatte ich doch recht mit meiner Bemerkung über Ihre Fuß- und Handgelenke. Sie passen nicht zu Ihrem anderen Ich. Möchten Sie mir nicht erzählen, warum Sie sich zu Hause solche Mühe geben, sich zu verkleiden?“

Philippa sah ihn misstrauisch an. Sein Gesicht wirkte nicht spöttisch, sondern nur neugierig.

„Wenn Sie schon einmal darüber nachgedacht hätten, wie schwer Frauen es haben, in der Geschäftswelt Karriere zu machen, müssten Sie nicht fragen“, erwiderte sie.

„Die Zeiten sind doch längst vorbei!“

„Nicht in Australien. Und bestimmt auch nicht überall auf der restlichen Welt. Erst gestern habe ich zufällig mit angehört, wie sich ein paar Männer darüber unterhalten haben, wie gut ich mich für eine ganz bestimmte Tätigkeit eignen würde.“

Er schmunzelte. „So sind die Männer nun einmal. Außerdem haben sie recht. Alles andere wäre die reinste Verschwendung. Trotzdem erwarten bestimmt nicht alle Männer von Ihnen, dass Sie sich auf diese eine Tätigkeit beschränken.“

In diesem Augenblick brachte Ali das Mittagessen und ersparte es Philippa, eine passende Antwort zu finden. Ali stellte Mark Learmonth Essen strahlend lächelnd gleich mit auf Philippas Tisch.

„Ich sehe schon, dass wir irgendeine Übereinkunft treffen müssen, Mr. Learmonth …“

„Bitte nennen Sie mich doch Mark, Philippa.“

„Eine Übereinkunft, die es uns beiden ermöglicht, es auf der Insel auszuhalten, ohne uns zu schlagen – Mark. Am besten gehen wir uns so viel wie möglich aus dem Weg.“

Er hob die Augenbrauen. „Auf Nakatcha? Wie sollen wir denn das anstellen? Ich habe einen besseren Vorschlag, Philippa.“ Er zögerte, sagte dann noch einmal ihren Namen und fuhr fort: „Der Name passt zu Ihnen, er ist so völlig unfrivol. Wie gesagt, ich habe eine bessere Idee. Wir vereinbaren einen Waffenstillstand. Schließlich sind Sie doch hergekommen, um das Denken in Prozeduren, Programmen und Algorithmen zu vergessen, nicht wahr? Sie brauchen Erholung, und ich brauche auch Ruhe und Entspannung.“

Philippas Augen füllten sich ganz plötzlich mit Tränen, sodass sie das Essen auf dem Teller nicht mehr erkennen konnte. Ich weine doch sonst fast nie! dachte sie wütend. Warum …

„Philippa?“

Sie schloss die Augen, kramte blind in ihrer Strandtasche, bis sie ein Taschentuch gefunden hatte, putzte sich die Nase und setzte entschlossen die Brille auf. Erst dann hob sie den Kopf.

Mark betrachtete sie ernst. „Haben Sie geweint?“, fragte er unvermittelt.

„Nein.“

„Ich dachte, ich hätte Tränen in Ihren schönen grünen Augen entdeckt.“

„Meine Augen sind nur müde“, behauptete sie. „Darum trage ich heute auch meine Brille statt Kontaktlinsen.“

„Ach so. Einen Moment lang habe ich geglaubt, unsere Streitereien hätten Sie ernsthaft verletzt. Aber vielleicht macht es Ihnen ja sogar Spaß, dauernd mit jemandem zu zanken. Wollen Sie deshalb keinen Waffenstillstand?“

„Spaß?“, wiederholte sie ungläubig. „Sie müssen verrückt sein. Sie haben mir meinen ganzen Urlaub verdorben! Das mag Ihnen zwar Spaß machen, mir …“

„Wie kommen Sie darauf?“, unterbrach er sie und warf ihr einen der durchdringenden Blicke zu, die sie zu fürchten gelernt hatte. „Ich habe schon früher mehr als einmal versucht Ihnen die weiße Fahne zu zeigen, Philippa. Warum denken Sie sofort, ich wollte Ihnen den Urlaub verderben? Haben Sie wirklich eine so schlechte Meinung von mir?“

Jetzt sitze ich in der Falle, dachte sie zusammenhangslos. Wenn er erst erraten hat …

„Entschuldigen Sie.“ Irgendwie musste sie versuchen, ihn von diesem Thema abzubringen. „Es dauert immer eine Weile, bis ich von einer Rolle auf die andere umgeschaltet habe. Ich bin erst seit dreieinhalb Tagen hier. Darum habe ich noch keine weiße Fahne gehisst.“ Sie hoffte, dass ihr Lächeln nicht gezwungen wirkte. „Vermutlich haben Sie recht. Wir sollten wirklich Frieden schließen.“

Er sah sie so lange an, ohne sich zu rühren, dass sie schon befürchtete, er habe es sich anders überlegt. Dann entspannte sich sein Gesicht jedoch. „Einverstanden. Vorausgesetzt, wir duzen uns von nun an. Und jetzt suchen wir uns am besten ein schönes, unverfängliches Gesprächsthema. Bist du auch zum Tauchen hier, Philippa?“

„Oh … nein. Nur mit dem Schnorchel. Und ich kann ziemlich gut schwimmen, obwohl mein Körperbau dafür nicht geeignet ist.“ Als Mark die Stirn runzelte, ergänzte Philippa hastig: „Vergessen … vergiss es. Das möchte ich lieber nicht erklären. Wann seid ihr angekommen? Heute Morgen?“

„Ja. Das heißt, eigentlich gestern Abend, aber es war so stürmisch, dass wir nicht übersetzen konnten. Darum mussten wir auf Villingili übernachten. Die Insel ist nicht gerade das Paradestück der Malediven!“

„Über Villingili weiß ich Bescheid.“ Sie lächelte. „Übrigens, auch hier war es gestern ziemlich windig.“

Eine Weile widmeten die beiden sich ausschließlich dem Essen. Dann fragte Philippa: „Wo steckt der Rest deiner Familie?“

Mark schaute an ihr vorbei zur Tür. „Er kommt gerade auf uns zu.“

Philippa schob ihren Teller beiseite und rückte den Stuhl zurück. „Na, dann …“

„Kein Grund, gleich wegzulaufen. Sie würden dich bestimmt gern kennenlernen.“

„Ich …“

Es war schon zu spät. In diesem Augenblick traten drei fröhliche Menschen an den Tisch. Mark stellte Philippa seiner Schwester Julia, ihrem Mann Rory und ihrem siebzehnjährigen Sohn Gary vor.

„Was für ein Zufall!“, sagte Julia Waterford munter zu ihrem Bruder. Sie sah ihm nicht sehr ähnlich, war blond, zierlich und vermutlich einige Jahre älter als er. „Du hast hier eine Freundin aus dem fernen Brisbane getroffen! Wie klein doch die Welt ist!“

Verstohlen warf Philippa Mark einen Blick zu. Aus irgendeinem unverständlichen Grund hatte er mit keinem Wort erwähnt, dass ihre Beziehung rein geschäftlicher Natur war und nicht sehr freundschaftlich. Vermutlich würden sie auch nie Freunde werden.

Obwohl Julia sie freundlich anlächelte, glaubte Philippa etwas wie Zurückhaltung in deren Blick zu lesen. Julias Mann wirkte dagegen völlig unbefangen und aufgeschlossen, und Gary Waterford hatte nur seinen ersten Tauchausflug im Kopf, der an diesem Nachmittag stattfinden sollte.

Sie unterhielten sich eine Weile über den Flug nach Male, die Gründlichkeit der dortigen Zollbeamten, über die groß gewachsenen indischen Soldaten, die überall in der Hauptstadt anzutreffen waren, und darüber, wie schön es auf Nakatcha war.

Als Rory Waterford Philippa vorschlug, am Abend mit ihnen zu essen, runzelte Julia leicht die Stirn, was Philippa nicht entging. Sie nahm an, dass Julia Angst hatte, Rory könne allzu sehr von der neuen Bekannten beeindruckt sein. Wie sehr sie sich irrte, sollte Philippa erst viel später erkennen.

Jedenfalls lehnte sie die Einladung höflich ab und erklärte, bereits verabredet zu sein. Kurz danach stand Philippa auf. „Bitte entschuldigt mich jetzt.

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