Logo weiterlesen.de
ROMANA EXKLUSIV BAND 287

IMAGE

Magische Liebe unter Palmen

1. KAPITEL

Cleo war sich fast sicher, dass sie die Frau schon einmal gesehen hatte.

Wann oder wo, wusste sie nicht. Möglicherweise bildete sie sich das auch nur ein. Aber wenn sie die Frau anschaute, empfand sie ein seltsames Gefühl der Vertrautheit, das sich nicht verbannen ließ.

Ungeduldig schüttelte sie den Kopf. Manchmal war sie einfach zu emotional. Jedenfalls starrte die Frau sie an, seit sie an der Kasse Schlange stand. Und das tut sie wahrscheinlich, weil sie mich mit jemandem verwechselt, den sie kennt …

Ja, natürlich musste es eine völlig harmlose Erklärung geben. Nur weil Cleo nicht gern angestarrt wurde, bedeutete das noch lange nicht, dass dieses sonderbare Interesse ihr schaden würde. Entschlossen ignorierte sie die Frau, während sie ihre Einkäufe bezahlte.

Und dann zuckte sie zusammen, als die Frau sie ansprach. „Miss Novak, nicht wahr?“, fragte sie und versperrte ihr den Weg. „Oh, ich freue mich so, Sie endlich kennenzulernen. Ihre Freundin hat gesagt, ich würde Sie vielleicht hier finden.“

Cleo runzelte die Stirn. Damit kann nur Norah gemeint sein.

Also war die Frau in meinem Apartment, dachte sie erbost. Wieso hatte ihre Freundin eine Fremde hierher geschickt? In London lauerten so viele Gefahren. Eigentlich müsste man annehmen, Norah wäre vernünftiger.

„Tut mir leid“, antwortete sie wider ihr besseres Wissen. „Sollte ich Sie kennen?“

Die Frau lächelte. Nun wirkte sie älter, als sie, aus einiger Entfernung betrachtet, ausgesehen hatte. Cleo hatte sie auf vierzig geschätzt. Doch sie musste mindestens fünfzig sein. Der kupferrote Bob täuschte, das Gesicht nicht.

Allzu groß war sie nicht. Aber ihr stilvolles Make-up, die elegante, teure Kleidung und ein sichtliches Selbstbewusstsein glichen aus, was ihrer zierlichen Gestalt fehlte.

„Verzeihen Sie“, bat sie mit ausländischem Akzent. Da sie einfach weitersprach, nötigte sie Cleo, ihr aus dem Laden zu folgen. In der kühlen Luft des Herbstabends erschauerte sie. „Ich hätte mich sofort vorstellen sollen – Serena Montoya, die Schwester Ihres Vaters.“

Mit einer solchen Information hatte Cleo am allerwenigsten gerechnet. Entgeistert hielt sie den Atem an.

Dann erholte sie sich von ihrem Schock. Belustigt und erleichtert entgegnete sie: „Mein Vater hatte keine Schwester. Offenbar ein Irrtum“, fügte sie hinzu und wollte sich abwenden.

„Keineswegs.“ Serena Montoya – falls das ihr richtiger Name war – legte zarte Finger mit rotlackierten Nägeln auf den Ärmel von Cleos Wolljacke. „Bitte, hören Sie mir zu.“ Seufzend entfernte sie ihre Hand, als sie indigniert gemustert wurde. „Ihr Vater hieß Robert Montoya …“

„Nein.“

„… und er wurde 1956 auf der Insel San Clemente in der Karibik geboren.“

„Unsinn, das stimmt nicht!“, protestierte Cleo ärgerlich. „Ja, mein Vater wurde zwar auf San Clemente geboren. Das Datum kenne ich nicht, aber seinen Namen – Henry Novak.“

„Da muss ich Ihnen widersprechen.“ Energisch griff Serena Montoya nach Cleos Handgelenk. „Ich belüge Sie nicht, Miss Novak. Gewiss, Sie hielten Lucille und Henry Novak stets für ihre Eltern. Doch das waren sie nicht.“

„Was soll das?“, fragte Cleo ungläubig. „Warum behaupten Sie, dass dieser Robert Montoya, Ihr Bruder, mein Vater ist?“

„Er war Ihr Vater“, wurde sie in traurigem Ton verbessert. „Vor ein paar Jahren starb er.“

Erfolglos versuchte Cleo sich loszureißen. „Oh, das ist so absurd …“

„Nein, sondern die reine Wahrheit.“ Serena hielt sie eisern fest. „Als mein Vater – Ihr Großvater – mir erzählte, was geschehen war, wollte ich es auch nicht glauben.“

„Und ich glaube es noch immer nicht“, betonte Cleo. „Offenbar macht sich Ihr Vater irgendwelche Illusionen. Bedauerlicherweise kamen meine richtigen Eltern vor sechs Monaten bei einem Zugunglück ums Leben. Sonst würden sie den Irrtum aufklären.“

„Über den Unfall weiß ich Bescheid.“ Serena steckte voller Überraschungen. „Deshalb erfuhr mein Vater, wo Sie leben. Und er macht sich keine Illusionen. Bitte, Cleo, gehen wir etwas trinken, und ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte …“

Cleo trat einen Schritt zurück, und diesmal ließ Serena sie los. „Wieso kennen Sie meinen Vornamen?“

„Warum wohl?“, seufzte Serena leicht irritiert „Cleopatra, nicht wahr?“ Als sie in Cleos Miene eine widerstrebende Bestätigung las, fügte sie hinzu: „So hieß Ihre Großmutter mütterlicherseits – Cleopatra Dubois. Deren Tochter war Ihre Mutter – Celeste Dubois, eine der schönsten Frauen auf der Insel. Obwohl ich zögere, das zu sagen – Sie sehen Ihr sehr ähnlich.“

Cleo verzog die Lippen. „War sie eine Farbige?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Nur eine Weiße würde so etwas fragen. Ja, es spielt eine Rolle.“

„Nun, sie war – kaffeebraun. Nicht weiß, nicht schwarz.“

Das genügte. Noch mehr wollte Cleo nicht hören. Falls die Beschreibung ihrer sogenannten „Mutter“ sie milde stimmen sollte, war es kläglich misslungen. Seit sie denken konnte, wurde sie mit banalen Schmeicheleien belästigt.

„Jetzt muss ich gehen.“ Wenn die bizarre Behauptung zutreffen würde, wäre ich längst informiert worden, entschied Cleo. Ihre Eltern hätten sie nicht belogen. Und sie hatte die beiden viel zu sehr geliebt, um daran zu zweifeln.

Außerdem war sie die Alleinerbin, und sie hatte im Nachlass nichts Verdächtiges gefunden.

Nur ein Foto, an das sie sich widerwillig erinnerte … Es zeigte ihre Mutter mit einer anderen Frau. Zu ihrer Verblüffung hatte Cleo eine frappierende Ähnlichkeit zwischen sich selbst und dieser Person festgestellt. Auf der Rückseite des Bildes stand nicht, um wen es sich handelte. Reiner Zufall, sagte sie sich entschlossen. Sicher gibt es zahllose Leute auf der Welt, die mir gleichen …

Serena versuchte nicht, sie zurückzuhalten. „Für sie muss es ein Schock gewesen sein, so wie für mich, als ich davon hörte.“

Allerdings. Diesen Gedanken sprach Cleo nicht aus. Und sie war auch nicht so dumm zu glauben, die Angelegenheit wäre beendet.

„Nun brauchen Sie erst einmal Zeit, um die erschütternden Neuigkeiten zu verkraften“, meinte Serena, beinahe im Konversationston, und streifte Handschuhe über ihre schmalen, mit einigen Ringen geschmückten Finger. „Aber es darf nicht zu lange dauern. Ihr Großvater wird bald sterben. Wollen Sie ihm die letzte Chance verwehren, sein einziges Enkelkind zu sehen?“

Etwa eine halbe Stunde später kam Cleo in dem Apartment an, das sie mit Norah teilte. Normalerweise dauerte der Fußmarsch vom Supermarkt zum Minster Court nur fünf Minuten. Doch sie hatte einen Umweg durch den Park gemacht, um nachzudenken.

Unter anderen Umständen hätte sie den Park in der Abenddämmerung niemals allein betreten. Aber in ihrer Verwirrung vergaß sie alle möglichen Gefahren. Soeben war behauptet worden, ihre Eltern – stets so vertrauenswürdig – hätten sie belogen. Angeblich stand sie nicht mehr allein auf der Welt, sondern sie hatte einen Großvater und eine Tante. Und wen sonst noch, der – nun ja – weiß war?

Daran wollte sie nicht glauben. Alles sollte so sein, wie es gewesen war – bevor sie entschieden hatte, Milch für ihr Müsli zu kaufen.

Wenn sie nicht in den Supermarkt gegangen wäre …

Nein, das war albern. Früher oder später hätte Serena Montoya sie angesprochen. Erlaubte sich die Frau einen schlechten Scherz?

Und warum sollte sie das tun? Was würde sie dadurch gewinnen? Eine Enkelin, die sie dem sterbenden Vater präsentieren würde – selbst wenn es eine Fremde wäre?

Norah wartete in dem beengten Wohnzimmer. In diesem Londoner Stadtteil waren die Mieten fast unerschwinglich. Sogar das kleine Apartment kostete zu viel, und Cleo hatte die Gelegenheit, eine Mitbewohnerin aufzunehmen, sofort genutzt.

Seit der Schulzeit waren sie befreundet, und sie kamen trotz gewisser Einschränkungen in den winzigen Räumen gut miteinander aus. Blond und etwas rundlich, war Norah das genaue Gegenteil von Cleo, nicht nur äußerlich.

„Da bist du ja!“, rief sie erleichtert, sobald Cleo die Tür öffnete. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Wo warst du so lange? Und wie du aussiehst – als hättest du einen Geist gesehen!“

Wortlos ging Cleo an ihr vorbei zur Kochnische und stellte den Milchkarton in den Kühlschrank. Dann richtete sie sich auf. „Wieso um alles in der Welt hast du einer Fremden gesagt, wo ich war?“

„Oh …“ Norah errötete. „Also hat sie dich gefunden.“

„Falls du Serena Montoya meinst – ja.“

„Heißt sie so?“ Norah versuchte möglichst leichthin zu sprechen. „Nun, sie erklärte mir, sie sei deine Tante. Was sollte ich denn tun? Ich hatte nicht das Gefühl, sie würde irgendwas Böses im Schilde führen.“

„Ach, du und deine phänomenale Menschenkenntnis!“, bemerkte Cleo ironisch und warf sich auf das Sofa. Norahs Fehlschläge auf ihrer Suche nach dem „Richtigen“ waren legendär. „Wirklich, ich hätte dich für vernünftiger gehalten.“

„Ist sie nicht deine Tante?“

„Nein, ist sie nicht!“, fauchte Cleo ungestüm, wenn auch nicht restlos überzeugt. „Sei ehrlich, Norah – sehe ich wie Serena Montoyas Nichte aus?“

„Das könntest du sein, obwohl du größer bist. Jedenfalls hat mich ihr Gesicht an dich erinnert. Montoya – ein spanischer Name, nicht wahr?“

„Keine Ahnung. Sie lebt in der Karibik. Aber meine Eltern waren farbig, keine Spanier. Das weißt du, Norah.“

Unbehaglich senkte Cleo den Kopf. Nur widerstrebend entsann sie sich, wie oft sie an ihrer Identität gezweifelt hatte. Sie glich ihren Eltern nicht. Und sie hatte überlegt, ob auch Weiße zu ihren Vorfahren gehörten.

„Was hat sie sonst noch gesagt?“, fragte Norah gespannt.

„Dass … Mom und Dad nicht meine richtigen Eltern waren“, antwortete Cleo zögernd.

Ihre Freundin hob bestürzt die Brauen. „Und du glaubst, sie hat gelogen?“

„Natürlich! Du hast meine Eltern gekannt. Meinst du, sie hätten in all den Jahren ein solches Geheimnis gehütet?“

„Nein“, seufzte Norah. „Aber du siehst ihnen nicht ähnlich. Immer wieder fiel mir das auf. Klar, deine Haut ist etwas dunkler als meine. Du bist ja auch nicht blond, du hast dieses wundervolle, glatte schwarze Haar.“

Abrupt stand Cleo auf und ging in ihr kleines Schlafzimmer.

Dass Serena Montoya die Wahrheit gesagt haben könnte, wollte sie sich gar nicht erst vorstellen. Sonst würde ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten. Und doch – sie hätte nach Beweisen fragen müssen …

Als Serena die Hotelsuite im vierzehnten Stockwerk betrat, stand Dominic Montoya vor einem Fenster und starrte hinaus. Vor ihm breitete sich ein Lichtermeer aus, eine lärmende, pulsierende Metropole. Welch ein Kontrast zum Landgut seiner Familie …

Da die Tür sich automatisch schloss, konnte Serena sie nicht wütend zuschlagen. Aber ihr Fluch bewog ihren Neffen, sich umzudrehen und sie ironisch zu mustern.

„Also hat’s geklappt“, bemerkte er, während sie zu einem Tablett voller Flaschen und Gläser ging und sich einen Wodka mit Eis einschenkte. „Du hast sie gefunden.“

Bevor sie antwortete, nahm sie einen großen Schluck. „Ja.“ Ihre blauen Augen funkelten frostig. „Nächstes Mal gehst du zu ihr.“

Dominic schob die Daumen in die Gesäßtaschen seiner Jeans und wippte auf den Absätzen seiner Cowboystiefel. „Offenbar gibt’s ein nächstes Mal. Hast du einen Termin mit ihr vereinbart?“

„Nein. Jedenfalls muss einer von uns in den sauren Apfel beißen. Oh Gott, dein Großvater wird einen Anfall kriegen.“

Dominic zog die dunklen Brauen über den grünen Augen zusammen. Wie verdammt attraktiv er ist, dachte Serena. Was immer auch hier in London geschehen mochte – verbittert ahnte sie voraus, dass ihr Vater niemals ihm die Schuld geben würde.

So war es immer gewesen, seit ihr Bruder Robert den dreijährigen Dominic in den Straßen von Miami aufgelesen und ihm zum beneidenswerten Schicksal eines Lieblingsenkels verholfen hatte.

Bisher das einzige Enkelkind, dachte sie ärgerlich. Schon mit Anfang zwanzig hatte ihr Bruder geheiratet, sie selbst niemals. Natürlich hatte sie Anträge bekommen. Doch der vorzeitige Tod der Mutter hatte Serena – damals noch ein Teenager – veranlasst, dem Vater den Haushalt zu führen und als seine Gastgeberin zu fungieren.

Die Entdeckung der ehebrecherischen Affäre ihres Bruders mit Celeste Dubois hatte sie zutiefst erschüttert. Stets war sie so sicher gewesen, sie hätten einander nahegestanden. Erst nach seinem Tod, für Serena eine Tragödie, hatte der Vater sie über jene Liaison informiert und erklärt, mit seiner Hilfe habe Robert die Existenz des Kindes geheim gehalten.

Bedrückt schüttelte sie den Kopf, und Dominic erriet, woran sie dachte. Seine Adoptivmutter Lily und seine Tante waren von Robert getäuscht worden. Das würde Serena ihrem Bruder nie verzeihen. Dass Lily unfruchtbar gewesen war, hatte die Adoption erleichtert.

Dominic wusste, wie glücklich er sich schätzen musste, weil er so liebevolle Eltern bekommen hatte. Seiner leiblichen Mutter war er zur Last gefallen. Nur zu gern hatte sie die Verantwortung für ihn jemand anderem übertragen.

Als Teenager, an seinen Wurzeln interessiert, hatte er seine Mutter aufzuspüren versucht und erfahren, sie wäre wenige Wochen nach der Adoption an einer Drogenüberdosis gestorben. Welch ein Segen, dass Robert ihn gefunden und zu sich genommen hatte …

Das mochte der Grund sein, warum ihm die jetzige Situation nicht so unerfreulich erschien wie seiner Tante. Okay. Für sie alle war es ein Schock gewesen, besonders für seine Mutter, die ihrem Ehemann, ebenso wie ihre Schwägerin, blind vertraut hatte.

Und jetzt kamen neue Probleme auf Lily zu. Großvater würde einiges erklären müssen, wenn er – all die Jahre nach Roberts Tod – das Mädchen in den Schoß der Familie holte. Dominic vermutete, dass sich das Gewissen des alten Mannes gemeldet hatte, nachdem er vor ein paar Wochen erfahren hatte, an unheilbarem Prostatakrebs zu leiden.

„Warum wird mein Großvater einen Anfall kriegen?“, fragte Dominic.

„Weil sie das Ebenbild ihrer Mutter ist“, erwiderte Serena. „Dass Celeste ein Baby bekam, wusste ich. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, Robert könnte der Vater sein.“

„Offensichtlich war niemand informiert – von meinem Großvater vielleicht abgesehen.“

„Oh ja, er wusste es“, bestätigte sie bitter. „Wie konnte Robert das seiner Frau antun? Ich dachte, er hätte sie geliebt.“

„Natürlich hat er sie geliebt“, beteuerte Dominic in sanftem Ton. „Diese … Celeste hat ihm wahrscheinlich nur kurzfristig den Kopf verdreht.“

„Oder er wollte beweisen, dass er nicht impotent war.“ Serena sank in einen Sessel vor dem Pseudo-Marmorkamin. „Wie konnte er nur, Dominic? Würdest du das einer Frau zumuten, die du liebst?“

„Eh – nein“, entgegnete er ärgerlich. „Aber wir reden nicht über mich. Und dein Bruder ist tot. Und um Himmels willen, er war kein schlechter Mensch. Willst du ihm nicht verzeihen?“

„So einfach ist das nicht.“

„Wäre er noch am Leben, würde er den Entschluss seines Vaters, Miss Novak kennenzulernen, sicher missbilligen. Damals tat er, was er für richtig hielt.“

„Indem er die Beweise vernichtet hat?“

„Ach, Rena … Sicher hat er im Interesse des Kindes gehandelt. Celeste war tot. Und meine Mutter hätte das Kind wohl kaum im Familienkreis aufgenommen.“

„Ganz bestimmt nicht. Glaubst du, sie wird sich jetzt anders verhalten?“

„Daran zweifle ich“, gab Dominic zu. „Aber sie hat nichts zu sagen, es war die Entscheidung deines Vaters.“

„Das alles finde ich widerwärtig. Nur mühsam konnte ich mich beherrschen, als diese junge Frau mir nicht glaubte. Was ihr angeboten wird, ahnt sie gar nicht.“

„Vielleicht ist es ihr gleichgültig … Hast du sie letzten Endes überzeugt?“

„Das weiß ich nicht.“ Serena stand auf, füllte ihr Glas noch einmal mit Wodka und setzte sich wieder. „Vielleicht denkt sie darüber nach. Um ehrlich zu sein – es interessiert mich nicht besonders. Sie ist – anders, als ich es erwartet habe.“

„Weil sie Celeste Dubois ähnlich sieht?“

„Wegen dieser Dubois-Frauen sind die Männer schon immer durchgedreht. Zumindest habe ich das gehört.“ Sie holte tief Luft. „Also gut – ja, ich bin eifersüchtig. Eins steht jedenfalls fest. Wie Robert sieht sie nicht aus.“

„Gar nicht?“

„Nun – vielleicht ein bisschen. Die Nase, der Mund, seine Größe …“

„Aber sie ist farbig?“

„Nein.“ Unbehaglich rutschte Serena in ihrem Sessel umher. „Nur etwas dunkel. Und – sie ist sehr schön. Wie ihre Mutter.“

Dominic konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Kein Wunder, dass du sie nicht magst“, hänselte er seine Tante und entlockte ihr ein wehmütiges Lächeln.

„So arrogant war sie – als würde sie mir einen Gefallen tun, indem sie mir überhaupt zugehört hat.“

„Vergiss nicht – für sie bist du eine Fremde. Wahrscheinlich hat sie deinen Beweggründen misstraut.“

„Sie glaubt felsenfest, die Novaks wären ihre Eltern gewesen.“

„Weil sie keine anderen Eltern kannte.“ Dominic zuckte die Achseln. „Zwanzig Jahre lang nahm sie an, sonst hätte sie keine Verwandten.“

„Zweiundzwanzig, um genau zu sein. Bei ihrer Geburt warst du sieben oder acht.“ Serena runzelte die Stirn. „Ich frage mich, ob sie niemals irgendwelche Zweifel hatte.“

„Die meisten Kinder glauben, was ihre Eltern sagen. Solange sie nicht befürchten müssen, sie wären belogen worden. Und für die Novaks wird es auch nicht so leicht gewesen sein.“

Arm waren sie nicht“, betonte Serena. „Damals zahlte Robert ihnen ein Vermögen, damit sie nach England übersiedeln und das Kind als ihr eigenes ausgaben.“

„In manchen Situationen gibt’s nicht nur finanzielle Probleme“, bemerkte er trocken, aber Serena hörte ihm nicht zu.

„Sie hatten die Auswanderung bereits geplant. Und das Geld muss ein willkommener Bonus gewesen sein.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Wahrscheinlich war es nach Celestes Tod für Robert viel einfacher, den Konsequenzen seines Ehebruchs zu entrinnen.“

Dieses Thema wollte Dominic nicht weiterverfolgen, denn Serena würde niemals zugeben, dass sowohl ihr Bruder als auch die Novaks Schwierigkeiten hätten meistern müssen. Er selbst glaubte nicht, es wäre seinem Vater leichtgefallen, das Kind wegzugeben – sein eigenes Fleisch und Blut. Nicht einmal zum Wohl seiner Ehe. Manchmal musste er es bereut haben, trotz seiner Liebe zu Lily.

„Jetzt liegt’s an dir, Darling“, erklärte Serena boshaft. „Ich habe mein Bestes getan, und das war offenbar nicht gut genug. Hoffentlich hast du mehr Erfolg.“

2. KAPITEL

Cleo knöpfte ihre Lederjacke zu und schlang sich einen blaugrün gestreiften Schal um den Hals.

Natürlich würde sie frieren, während sie sich das Rugby-Match anschaute. Wenn Eric auch versichert hatte, ein Dach würde sie schützen – die Tribüne wurde nicht geheizt.

Warum habe ich bloß versprochen, mit ihm zu diesem Match zu gehen? Sie wollte nicht, dass er einen falschen Eindruck von der Beziehung gewann. Er war ein guter Freund, ein netter Nachbar. Mehr nicht.

Aber seit dem Gespräch mit Serena Montoya flatterten ihre Nerven. Jeden Abend erwartete sie, es würde an der Tür klingeln. Obwohl inzwischen drei Tage verstrichen waren, nahm sie an, die Frau würde versuchen, noch einmal mit ihr zu reden. Sogar ein Rugby-Match war besser als ein Abend daheim, von diesem ständigen Unbehagen überschattet.

Norah hatte ein Date und würde erst sehr spät nach Hause kommen. Da Cleo in einer Grundschule unterrichtete, arbeitete sie meistens nur bis fünf Uhr nachmittags.

Nachdem sie in ihre Stiefel geschlüpft war, musterte sie die Strickmütze, die neben ihr auf dem Tisch lag. Nicht besonders stilvoll, aber warm.

Andererseits sollte Eric sie nicht für einen Schlappschwanz halten. Und Strickmützen eigneten sich nur für alte Damen. Trotzdem …

Kurz entschlossen setzte sie die Mütze auf. Notfalls kann ich behaupten, die trage ich nur, damit meine Frisur nicht zerstört wird, dachte sie, betrachtete ihr Spiegelbild und runzelte skeptisch die Stirn. Es war gar nicht so einfach, ihr dichtes Haar zu bändigen. Manchmal flocht sie es zu Zöpfen. Heute Abend hatte sie es jedoch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Wenigstens würde sie in diesem Aufzug niemand schön finden. Ganz im Gegenteil, entschied sie. Dann schnitt sie eine Grimasse. Hatte sie sich nicht vorgenommen, keinen Gedanken an Serena Montoyas Worte zu verschwenden?

Als es läutete, zuckte sie nicht erschrocken zusammen, so wie an den letzten Abenden. Eric war ein paar Minuten zu früh dran.

„Sofort!“, rief sie, stopfte ihre Geldbörse und das Handy in die Jackentaschen und öffnete die Tür. „Ich bin schon fertig und …“

Aber es war nicht Eric.

Diesen Mann kannte sie nicht. Beinahe geriet sie in Panik. Normalerweise rechnete sie nicht mit dem Besuch fremder Männer, schon gar nicht am Abend. Und keineswegs mit hochgewachsenen Typen, die grüne Augen und markante Züge hatten und jene gefährliche Aura ausstrahlten, die nur selten zu einem warmherzigen Wesen gehörten. Besonders hübsch sah er nicht aus. Dafür wirkte er zu schroff, zu maskulin. Trotzdem fand sie ihn beängstigend attraktiv. Er beunruhigte sie auf eine Art und Weise, die sie nur als erotisch bezeichnen konnte. Und das war gar nicht gut.

„Eh …“ Vorübergehend fehlten ihr die Worte, und er kniff die Augen zusammen. Sie räusperte sich. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Hoffentlich.“

Seine Stimme klang betörend sinnlich. In ihrem Inneren entstanden verwirrende Gefühle. Sie war es nicht gewohnt, so intensiv auf einen Mann zu reagieren, und musste nach Fassung ringen.

Wahrscheinlich will er Norah sehen, dachte sie, obwohl die Freundin nicht erwähnt hatte, sie sei so jemandem begegnet.

„Sie müssen Cleopatra sein“, fuhr er fort und stützte sich mit einer Hand auf den Türrahmen. Dabei glitt sein Kaschmirmantel auseinander und enthüllte einen italienischen Anzug, der vermutlich mehr gekostet hatte, als sie in einem Jahr verdiente. Über einem dunkelblauen Seidenhemd trug er eine passende zugeknöpfte Weste.

Nicht nur der Name, mit dem er sie angesprochen hatte, jagte ihr einen eigenartigen Schauer über den Rücken.

Niemand in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nannte sie Cleopatra. Niemand außer Serena Montoya. Oh Gott, dieser Mann musste etwas mit ihr zu tun haben.

„Wer … wer sind Sie?“, stammelte Cleo voller Unbehagen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Aufmachung nicht besonders glamourös aussah. Sie riss sich die Strickmütze vom Kopf und steckte sie in eine Jackentasche. „Ich … ich wollte gerade weggehen.“

„Das dachte ich mir.“ Seine Mundwinkel zogen sich ein wenig nach oben. Offenbar amüsierte sie ihn. „Dann komme ich wohl ungelegen.“

Sekundenlang presste sie die Lippen zusammen. „Falls Serena Montoya Sie hierher geschickt hat, gibt es keinen günstigen Zeitpunkt.“ Davon sollte er halten, was er wollte.

Seine Hand glitt vom Türpfosten, und er richtete sich auf. „Also muss ich annehmen, dass Sie Serena nicht mögen“, bemerkte er trocken, und sie seufzte ungeduldig. „Sie ist mir egal. Übrigens heiße ich Cleo. Nicht Cleopatra.“

„Ah. Nun, Cleo – ob es Ihnen gefällt oder nicht, irgendwann müssen wir miteinander reden.“

„Warum?“

„Sicher kennen Sie die Antwort auf diese Frage genauso gut wie ich“, erwiderte er gleichmütig.

„Weil irgendein alter Mann behauptet, ich sei die Tochter seines Sohnes?“, fauchte sie.

„Nicht nur, weil mein Großvater das sagt …“

„Was, Ihr Großvater?“ Serena glaubte, der Boden unter ihren Füßen würde ein bisschen schwanken. „Sind Sie Serena Montoyas Sohn?“

Jetzt lachte er und entblößte ebenmäßige schneeweiße Zähne. „Nein.“ Wieso sie sich erleichtert fühlte, wusste sie nicht. „Ich heiße Dominic Montoya. Und Serena ist meine Tante.“

„Ich verstehe.“ Was mochte das bedeuten?

„Auch Ihre Tante. Robert war mein Vater.“

Cleos Stimme versagte. Bestürzt starrte sie ihn an. Ihr Bruder? Das glaubte sie nicht – das wollte sie nicht glauben.

„Unmöglich“, würgte sie schließlich hervor.

„So ist es nun einmal.“ Lässig zuckte er die Achseln. „Gewöhnen Sie sich dran.“

„Nein, das kann nicht wahr sein …“

„Cleo?“

Noch nie war sie so froh gewesen, Eric Morgans Stimme zu hören. Der junge Mann, der das Apartment über ihrem bewohnte, stieg die Treppe herab und kam näher. „Alles okay?“ So wie seine Frage klang, musste er einen Teil des Gesprächs belauscht haben.

Misstrauisch musterte er den Mann, der vor ihrer Tür stand. In seinem dunkelblauen Dufflecoat, mit dem Clubschal des Rugby-Teams und einen Kopf kleiner als Dominic Montoya, wirkte er trotz des herausfordernden Blicks nicht sonderlich imposant. Bei Handgreiflichkeiten hätte er wohl kaum eine Chance, entschied Cleo.

Aber sie war dankbar für seine Sorge. „Alles in Ordnung, Eric. Gerade wollte Mr. Montoya gehen.“

Dominic verbarg seinen Ärger und stimmte seiner Tante zu. In der Tat, Cleopatra – Cleo – war arrogant und eigensinnig. Wenn wir die ganze Sache vergessen, würde es ihr nur recht geschehen, dachte er.

Doch sie täuschte sich ganz gewaltig, falls sie erwartete, ihr Großvater würde seine Pläne aufgeben. So etwas passte nicht zu Jacob Montoya.

„Bist du bereit, Cleo?“

Warum mischte sich dieser lästige kleine Kerl ein, als würde ihm das zustehen? Dominic hütete seine Zunge, um keinen folgenschweren Fehler zu machen. Wenn er ein weiteres Mal mit Cleo reden wollte, musste er sich zivilisiert benehmen – trotz der großen Versuchung, den beiden die Meinung zu geigen.

„Also gut.“ Er trat von der Tür zurück. „Genießen Sie den Abend, eh – Cleo. Wenn Sie etwas mehr Zeit haben, reden wir noch einmal.“

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, stieg er die Treppe hinab, und Cleo seufzte, was weder erleichtert noch überzeugend klang. Sie hatte doch gewünscht, er würde verschwinden. Warum fühlte sie sich dann so enttäuscht? Und wieso bereute sie ihr unhöfliches Verhalten?

„Bist du okay, Cleo?“

Offenbar merkte Eric, dass irgendetwas nicht mit ihr stimmte. Doch sie wollte ihm nichts erklären.

„Nur ein Missverständnis.“ Sie zog ihre Strickmütze aus der Tasche und setzte sie wieder auf. „Gehen wir?“

„Wer war dieser Mann?“, fragte Eric, als sie das Licht in ihrem Apartment löschte und die Tür hinter sich versperrte. „Arbeitet er bei der Schulbehörde?“

Wäre es einfacher, wenn sie behauptete, sie hätte Dominic Montoya in der Grundschule kennengelernt?

Nein, sie war eine schlechte Lügnerin. „Er ist nicht wichtig“, sagte sie und stieg die Stufen hinab, sodass Eric ihr folgen musste. „Hoffentlich regnet’s nicht, ich habe keinen Schirm mitgenommen.“

Sobald Cleo am nächstem Nachmittag aus dem Schulgebäude trat, entdeckte sie das Auto.

Es wurde bereits dunkel. Im Nieselregen glänzte ein großer schwarzer SUV, direkt vor dem Eingang zum Spielplatz, und sah beinahe unheimlich aus.

Sie spannte ihren Schirm auf und drehte ihn so, dass sie den SUV nicht mehr sah. Entschlossen machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Wann sie die Schule verließ, hing stets vom Fahrplan ab. In dieser Gegend sollte sich eine Frau nicht allein aufhalten, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit.

Da die Scheinwerfer des SUV in die entgegengesetzte Richtung strahlten, müsste sie den Bus erreichen, bevor das Vehikel gewendet werden konnte.

Aber sie hatte nicht mit dem Rückwärtsgang gerechnet. Sofort beschleunigte sie ihre Schritte. Sie wollte nicht laufen. Obwohl alles in ihr sie dazu drängte …

Dann hielt der Wagen dicht vor ihr, die Fahrertür schwang auf, und ein Mann stieg aus. Ein großer Mann in Jeans und einer Sportjacke über einem schwarzen T-Shirt. Einerseits kam er ihr bekannt vor, andererseits wirkte er fremd. Wie einen Schutzschild drückte sie ihre Schultertasche an die Brust.

„Hi“, grüßte er. Anscheinend ignorierte er das Wetter. Im Licht einer Straßenlampe glänzten Regentropfen auf seinem dunklen Haar. Um ihr den Weg zu versperren, ging er um die Motorhaube herum. „Tut mir leid, habe ich Sie erschreckt, Cleo?“

„Nein …“ Sie holte tief Luft. „Warum glauben Sie das?“, fragte sie sarkastisch. „Nach der Schule werde ich oft von fremden Männern belästigt.“

„Unsinn, ich will Sie nicht belästigen.“

„Wie würden Sie’s denn sonst nennen?“

„Ich habe auf Sie gewartet“, erwiderte er sanft. „Kommen Sie, ich fahre Sie nach Hause.“

„Nicht nötig.“

„Verdammt, dass es nicht nötig ist, weiß ich!“, stieß er hervor. Dann zwang er sich zur Ruhe. „Okay. Möchten Sie lieber in einem Pub was trinken? Oder begleiten Sie mich ins Hotel, und reden Sie mit Serena? Mir ist es egal.“

„Und wenn ich nichts von alldem tun will?“ Sogar in ihren eigenen Ohren klang die Frage kindisch.

„Oh, bitte …“ Bevor er weitersprach, zählte er bis fünf. „Mit Ihrer Sturheit werden Sie nichts ändern. Ihr Großvater leidet an unheilbarem Krebs. Soll er mit dem Bewusstsein sterben, seine einzige Enkelin wäre zu eigensinnig – oder zu stolz – gewesen, um ihren Irrtum einzugestehen?“

Herausfordernd erwiderte sie seinen Blick. Dann senkte sie den Kopf. „Nein“, murmelte sie widerstrebend.

„Also, wie entscheiden Sie sich?“

„Was meinen Sie?“, fragte sie vorsichtig.

„Ihr Apartment, eine Bar oder das Hotel?“ Dominic schaute sich um. „Entschließen Sie sich. Allmählich werde ich nass.“

Sie zögerte. Wenn sie ihn in ihr Apartment mitnahm, ging sie das Risiko ein, Norah könnte früher nach Hause kommen. Bisher hatte sie keine Gelegenheit gefunden, der Freundin vom Besuch dieses Mannes am vergangenen Abend zu erzählen.

Doch sie wollte ihn auch nicht ins Hotel begleiten. Wenn Serena nicht da war – eine beunruhigende Möglichkeit …

„Eh – vielleicht sollten wir was trinken“, sagte sie schließlich, und Dominic seufzte erleichtert.

„Gut. Wo? Gibt’s hier in der Nähe ein Pub?“

„Nein.“

„Kein einziges?“

„Die Lokale in dieser Gegend würden Ihnen nicht gefallen.“ Cleo rückte den Schulterriemen ihrer Tasche zurecht und stach beinahe mit der Schirmspitze Dominic ins Auge.

In Wirklichkeit wollte sie ihren Kollegen und Kolleginnen, die vielleicht in der Salonbar des King’s Head saßen, nicht erklären, warum sie mit einem … nun ja, ziemlich aufregenden Fremden einen Drink nahm. Noch dazu mit einem Typ, der nicht ins Bild ihrer üblichen Dates passte …

„Also, wohin?“

Seine Stimme klang ungeduldig. Verlegen leckte sie sich über ihre trockenen Lippen, bevor sie antwortete: „An der nächsten Kreuzung gibt’s ein Hotel. Gehen wir da hin?“

„Einverstanden.“ Dominic öffnete die Beifahrertür. „Wollen Sie einsteigen?“

„Oh … Ja, danke.“ Ohne irgendeinen Schaden anzurichten, schloss sie den Schirm und sank auf den Sitz.

Der Wagen roch wundervoll nach Wärme und Leder. Genauso luxuriös wie Dominics Aftershave. Dieser Duft stieg ihr in die Nase, als er am Steuer Platz nahm. Nicht aufdringlich, sehr subtil. Und verführerisch. Nervös rutschte sie auf dem Beifahrersitz umher.

„Stimmt was nicht?“

Prüfend schaute er sie an, und es gelang ihr irgendwie, den Kopf zu schütteln.

„Ich will’s mir nur bequem machen“, murmelte sie und bemühte sich, den Schenkel in den engen Jeans nicht anzustarren, der nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen entfernt war.

Danach konzentrierte sie sich auf das Auto. Fabelhaft gefedert, sehr komfortabel. Beinahe bedauerte sie, dass sie den SUV nur für wenige Minuten genießen konnte. Nun, vielleicht war das gut so – der Mann an ihrer Seite verwirrte sie viel zu sehr.

Ihr Bruder!

Nein, es musste eine andere Erklärung geben. Ein verstohlener Blick in Dominics Richtung schien diese Vermutung zu bestätigen, denn sie sahen sich nicht ähnlich. Gewiss, beide waren sie dunkelhaarig – so wie die Hälfte der Bevölkerung. Und seine gebräunte Haut verdankte er der karibischen Sonne, während sie …

„Meinen Sie dieses Hotel?“

Cleo hatte kaum bemerkt, dass er den Motor gestartet hatte. Jetzt verlangsamte er das Tempo vor dem Hotel.

„Oh – ja.“ Mühsam riss sie sich zusammen. „Allzu lange kann ich nicht hierbleiben. Heute Abend muss ich noch Schularbeiten korrigieren.“

Dazu gab Dominic keinen Kommentar ab. Stattdessen steuerte er den SUV in eine Parklücke, öffnete die Fahrertür und schwang seine langen Beine aus dem Wagen. Auch Cleo stieg aus, und er warf die Tür hinter ihr zu. Dann betätigte er die Fernbedienung, um den Wagen zu verschließen.

In diesem Hotel war Cleo erst ein einziges Mal gewesen, bei der Hochzeit einer Freundin. Der Empfang hatte im Konferenzraum stattgefunden, und sie erinnerte sich an Unmengen von Meeresfrüchten, Königinpasteten und billigen Champagner.

Vielleicht war es unklug gewesen, Dominic Montoya in ein solches Etablissement zu führen. Er fand es sicher schäbig, und es entsprach nicht seinem gewohnten Standard.

Aber die Halle bot einen ermutigenden Anblick. Auf einem Tisch in der Mitte stand eine große Vase mit Chrysanthemen, und der Raum erstrahlte in hellem Licht.

„Gehen wir in die Cocktailbar?“, schlug sie vor und heuchelte ein Selbstvertrauen, das sie nicht empfand. „Dort können wir Tee oder Kaffee bestellen.“

„Tee oder Kaffee?“ Dominics Mundwinkel zuckten. „Nun, wenn Sie das möchten …“

„Allerdings“, betonte sie, „weil ich keinen Alkohol trinke.“

Sie begann die Halle zu durchqueren. Zu ihrer Erleichterung folgte er ihr. Natürlich bemerkte sie die neugierigen Blicke des Personals und einiger Gäste. Wahrscheinlich wunderten sich die Leute, was ein so fantastischer Mann mit einer Frau wie ihr anfing.

Trotz seiner legeren Kleidung strahlte er eine Autorität aus, die jedem Beobachter auffallen musste. Während sie, in einem dunkelgrünen Pullover, einer Kakihose und einem orangegelben Parka, nicht besonders stilvoll aussah.

Zum Glück war die Cocktailbar um diese Nachmittagsstunde fast leer. Cleo wählte einen Tisch in der Nähe der Tür, wo man sie beide auch von der Theke aus sehen konnte. Schon nach wenigen Sekunden erschien eine Kellnerin und zuckte nicht mit der Wimper, als Dominic Kaffee bestellte.

„Ist das okay?“, fragte er und nahm in einem Lehnstuhl gegenüber von Cleo Platz. „Für Tee schwärme ich nicht.“

„Ja, ich trinke sehr gern Kaffee. Danke.“

„Keine Ursache.“ Geistesabwesend spielte er mit den Untersetzern. Schöne Hände, registrierte sie widerstrebend. „Also?“ Fragend hob er die Brauen. „Haben Sie über unser gestriges Gespräch nachgedacht?“

„Ja“, gab sie zu. Bedauerlicherweise hatte sie an nichts anderes gedacht.

„Und?“

„Ich sehe nicht ein, warum das alles … wirklich wahr sein soll.“

„Warum nicht?“

„Angeblich sind wir Geschwister. Aber wir sehen uns nicht ähnlich.“

„Das lässt sich leicht erklären.“ Dominic lehnte sich zurück, legte seine Fingerspitzen aneinander und musterte sie mit halb geschlossenen Augen. „Da die Frau Ihres Vaters keine Kinder bekommen konnte, wurde ich adoptiert.“

„Würden Sie aufhören, ihn meinen Vater zu nennen?“, zischte sie, während eine unwillkommene Erleichterung ihren Puls beschleunigte.

Er war nicht ihr Bruder.

Aber was spielte das für eine Rolle? Vermutlich war sie auch nicht seine adoptierte Schwester.

Vermutlich?

Die Kellnerin servierte den Kaffee. Während sie die Tassen, die Zuckerdose und das Milchkännchen vom Tablett nahm, fand Cleo Zeit, um nachzudenken. Was sollte sie von Dominics Antwort halten? Hatte Robert Montoya wegen der Unfruchtbarkeit seiner Frau eine Affäre mit Celeste Dubois angefangen? Ärgerlich überlegte sie, warum sie sich so mühelos an den Namen der Frau erinnerte. Nur ein paarmal hatte sie ihn gehört. Trotzdem kam es ihr so vor, als wäre er unauslöschlich in ihre Seele eingedrungen.

Die Kellnerin schenkte den Kaffee ein. „Milch und Zucker?“ Beides nahm Cleo an, ihr Begleiter nicht. Dann ging die junge Frau davon, nicht ohne einen forschenden Blick auf Dominic zu werfen – den er nicht erwiderte, was Cleo zu ihrem eigenen Ärger merkte. Sie versuchte sich zu sammeln.

Nachdem Dominic an seiner Tasse genippt hatte, verzog er das Gesicht. „Wann werden die Engländer endlich lernen, anständigen Kaffee zu machen?“ Seufzend schüttelte er den Kopf. Dann grinste er. „Sicher können Sie’s besser.“

„Das bezweifle ich.“ Falls er hoffte, sie würde ihn in ihr Apartment einladen, irrte er sich. Sie stellte ihre Tasse ab. „Würden Sie mir verraten, warum Sie glauben, die Novaks wären nicht meine richtigen Eltern gewesen?“

3. KAPITEL

„Mit anderen Worten, warum komme ich nicht endlich zur Sache?“, fragte Dominic trocken, und Cleo nickte.

Meine Tante hat recht, dachte er, Miss Novak macht’s einem verdammt schwer. Von ein paar Komplimenten würde sie sich nicht umstimmen lassen – obwohl ihr Gesicht bei der Information, er sei nicht blutsverwandt mit ihr, einen anderen Ausdruck angenommen hatte. Wenn er auch nicht eitel war – im Lauf der Jahre hatte er oft genug gemerkt, dass die Frauen ihn mochten. Und als Mann gefiel er Miss Novak. Immerhin …

Doch das spielte im Moment keine Rolle. In seinem Leben gab es genug Frauen, und er würde ihr nicht antun, was sein Vater seiner Mutter zugemutet hatte. Lily Montoya würde die Situation ohnehin schon schrecklich finden, und sie wäre wohl kaum erfreut, sollte er ein unpassendes Interesse an dem Mädchen zeigen. Trotzdem – Cleo Novak war sehr attraktiv …

Ungeduldig seufzte er. „Okay, erzählen Sie mir was über sich. Bevor wir zum problematischen Teil übergehen, würde ich gern hören, wie Ihr Leben mit den Novaks verlaufen ist.“

„Mit meinen Eltern, meinen Sie?“

Cleo war bockig. Doch das hatte er bereits gewusst.

„Genau“, stimmte er zu. „Mit Ihren Eltern. Auf welche Weise hat Henry …“, er unterbrach sich, „… Ihr Vater sein Geld verdient?“

Sie zögerte. „Nun, er hatte verschiedene Jobs. Eine Zeit lang war er Taxifahrer, dann Postbote. Bevor meine Eltern starben, arbeiteten sie für eine alte Dame in Islington. Dort bewohnten sie das Souterrain, und sie kümmerten sich um das Haus und den angrenzenden Garten.“

„Oh, tatsächlich?“ Dominic runzelte die Stirn. Was war aus der beträchtlichen Summe geworden, die Robert den Novaks gegeben hatte? Offensichtlich hatte Cleo eine gute Ausbildung erhalten. Und es sah so aus, als hätte Henry seinen Job sehr oft gewechselt.

Aber das ging ihn nichts an. „Haben Sie nicht bei ihnen gewohnt?“

Ärgerlich starrte Cleo ihn an. „Ist das wichtig? Warum wollen Sie so viel über mich wissen? Ich dachte, Sie hätten schon alles rausgefunden.“

„Leider nicht. Aber lassen wir’s vorerst dabei bewenden …“

„Vorerst?“

„Ja. Vorerst.“ Seine Stimme nahm einen harten Klang an. „Und jetzt sollte ich Ihnen erzählen, wieso Sie bei den Novaks aufgewachsen sind.“

Cleo zuckte gleichmütig die Achseln. „Wenn es sein muss …“

„Allerdings, es muss sein. So sehr Sie sich auch dagegen sträuben – Sie sind Robert Montoyas Tochter. Das kann ich beweisen.“

„Wie?“

Nun wurde sie misstrauisch. Besser als gleichgültig, entschied Dominic. Mit dunklen Augen schaute sie ihn fragend an, und er entdeckte zum ersten Mal einen Wesenszug seines Vaters in ihrer kalten Herausforderung.

Er zog ein zusammengefaltetes Dokument aus der Innentasche seiner Jacke und reichte es ihr.

Von einer bösen Ahnung erfasst, faltete sie das Papier mit zitternden Fingern auseinander und studierte eine Geburtsurkunde. An der Stelle, wo der Name des Vaters angegeben war, stand „Robert Montoya“.

Ohne die Namen der Mutter und des Kindes zu beachten, gab sie ihm das Dokument zurück. „Das betrifft mich nicht, denn mein Geburtsschein liegt bei den Papieren, die meine Eltern mir hinterlassen haben.“

„Der zweite“, betonte er. „Nachdem mein Vater einen Beamten auf San Clemente bestochen hatte, erhielt er eine zweite Urkunde mit den Namen der Novaks.“ Er hob das Dokument hoch. „Glauben Sie mir, dies ist das Original.“

Plötzlich fiel es ihr schwer, Atem zu holen. „Sie lügen …“

„Nein.“

„Und wenn das da die zweite Urkunde ist? Vielleicht hat Ihr Vater etwas Falsches behauptet.“

Statt zu antworten, schaute er sie einfach nur mit seinen klaren grünen Augen an.

Ist es wahr? fragte sie sich beklommen. Hatten die Novaks in all den Jahren gelogen? Allein schon der Gedanke erschien ihr unerträglich.

„Eine DNA-Analyse würde Ihnen endgültige Klarheit verschaffen“, bemerkte Dominic.

„Keine Ahnung, was ich sagen soll“, flüsterte sie.

Sein Blick bekundete ein gewisses Mitgefühl. „Sehen Sie sich die Geburtsurkunde etwas genauer an“, bat er und gab ihr das Papier noch einmal. „Vor Ihrem Tod bestand Celeste darauf, dass Sie ordnungsgemäß registriert wurden.“

Widerstrebend las sie ihren Namen – Cleopatra. Auf San Clemente war sie geboren, aber in Nassau, New Providence, registriert worden. Beide Inseln gehörten zu den Bahamas.

Mit einer bebenden Hand glättete sie das Papier. „Wenn das alles stimmt – warum hat mein Vater mich weggegeben?“

„Das ist … kompliziert“, seufzte Dominic. „Ich glaube, ursprünglich hatte er es nicht vor. Und Celeste hätte es niemals zugelassen. Doch … sie starb, und das änderte alles. Da Roberts Frau unfruchtbar war, konnte er Sie nicht als seine Tochter anerkennen.“

„Aber sie hat Sie adoptiert“, protestierte Cleo schmerzlich, und er empfand sinnlosen Zorn gegen den Mann, der Dominic Montoya großgezogen hatte.

„Ich war … anders.“

„Nicht farbig, meinen Sie?“

Cleo war sehr empfindlich, was er ihr nicht verübelte.

„Daran lag es nicht“, erwiderte er, obwohl die Identität ihrer Mutter eine wesentliche Rolle bei Roberts Entschluss gespielt hatte. „Celeste hat für meinen Vater gearbeitet, eine tüchtige Haushälterin. Als sie ihre Schwangerschaft entdeckte …“

„Ja, das verstehe ich“, fiel sie ihm verächtlich ins Wort. „Ein Dienstbote darf sich nicht über seinen Status erheben. Was für eine zauberhafte Familie Sie haben, Mr. Montoya!“

„Es ist auch Ihre Familie. Und ich heiße Dominic. Unter diesen Umständen wäre es ein bisschen albern, wenn Sie mich weiterhin mit ‚Mr. Montoya‘ anreden, nicht wahr?“

„Ach, ich weiß nicht, was ich denken soll“, gestand sie müde. „Ich wünschte, das alles würde nicht geschehen.“

„Trotzdem geschieht es, und Sie müssten nach San Clemente fliegen.“

„Wieso? Weil mein Großvater bald sterben wird? Warum muss ich etwas für einen Mann tun, der mich in den ersten zweiundzwanzig Jahren meines Lebens ignoriert hat?“

„Was in ihm vorging, wissen Sie nicht.“ Zum ersten Mal hatte sie von ihrem Großvater gesprochen, nicht von seinem. „Es war nicht sein Entschluss, Sie mit den Novaks nach London zu schicken.“

„Aber er hatte offensichtlich nichts dagegen.“

„Hm … Daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern.“

„Soll mich das trösten?“

„Nun, es ist eine Tatsache. Vielleicht werden Sie sich freuen, wenn er bei Ihrem Anblick einen Schock erleidet.“

„Warum wird er dermaßen erschrecken? Wer meine Eltern waren, weiß er doch.“

„Darauf kommt es nicht an. Sie sind eine schöne Frau, Cleo. Sicher haben Ihnen das schon viele Männer gesagt. Aber Ihr Großvater hat wohl kaum überlegt, welche Wirkung Sie auf die Inselgesellschaft ausüben könnten.“

„Wirke ich auch auf Sie so umwerfend?“, fragte sie spöttisch.

„Wie die meisten Männer bin ich empfänglich für Schönheit. Aber der alte Jacob Montoya würde eine Beziehung zwischen seiner Enkelin und mir nicht tolerieren. Meine Lebensweise missfällt ihm.“

Cleo senkte den Kopf. Natürlich fand er sie nicht attraktiv, trotz seiner schmeichelhaften Worte. Er hatte nur höflich sein wollen. Und nun gab er ihr taktvoll zu verstehen, dass sie ihn nicht interessierte.

Nach einer kurzen Pause fragte er: „Glauben Sie mir jetzt?“

„Was?“, fragte sie, ohne aufzublicken.

„Das wissen Sie. Wie fühlen Sie sich?“

„Als ob Sie sich darum kümmern würden.“

Dominic unterdrückte einen Fluch. „Selbstverständlich kümmere ich mich darum. Für Sie ist diese Neuigkeit sehr schwierig, das verstehe ich.“

„Irgendwie kann ich es noch immer nicht glauben. Darüber hätte man mich früher informieren sollen.“

„Ich selber hab es erst vor ein paar Wochen erfahren. Ebenso wie Serena. Und sie war ziemlich … indigniert.“

Wie sie seinem kurzen Zögern entnahm, hatte ihm ein unfreundlicheres Wort auf der Zunge gelegen.

„Ärgern Sie sich auch?“

„Nur über die Situation. Ich nehme an, den Novaks wurde eingeschärft, sie müssten Ihre wahre Identität geheim halten. Vielleicht hätten sie es Ihnen irgendwann erzählt. Dazu kamen sie leider nicht.“

Nun schaute Cleo auf, und er sah Tränen in ihren schönen Augen schimmern.

„So dumm bin ich“, flüsterte sie. „Tut mir leid, es war ein bisschen zu viel …“

„Das weiß ich.“ Gegen seinen Willen wuchs sein Mitgefühl. So verwirrt war sie, so verletzlich. Niemals hätte der Großvater ihm diesen Auftrag erteilen dürfen. „He“, murmelte er, während die Tränen zu fließen begannen, beugte sich vor und wischte die Tropfen von ihrer Wange. „Weinen Sie nicht.“

Wie erotisch die Geste war, erkannte er erst, als er die heißen Tränen auf seinen Fingerspitzen spürte. Hastig zog er seine Hand zurück. Aber nicht, bevor er Cleos forschendem Blick begegnete … Sie weiß es, dachte er. Oh ja, sie wusste, dass er sie für einen kurzen Moment heiß begehrt hatte. Noch immer erhitzte dieses plötzlich aufgewallte Verlangen sein Blut.

Heiliger Himmel …

Abrupt stand er auf, knöpfte seine Lederjacke zu und hoffte, Cleo hätte nichts gemerkt. Was zum Teufel stimmte nicht mit ihm? Sofort eilte die wachsame Kellnerin herbei und fragte, ob sie ihm noch etwas bringen dürfe. Ja, einen doppelten Whisky, dachte er grimmig. Aber er schüttelte den Kopf, weil er fahren musste.

„Nein, danke, ich möchte zahlen.“ Er zog seine Brieftasche hervor, nahm eine Zwanzig-Pfund-Note heraus und gab sie ihr. „Behalten Sie das Wechselgeld“, sagte er, nachdem sie protestiert hatte, das sei zu viel. Zu Cleo gewandt, entschied er: „Gehen wir. Ich bringe Sie nach Hause.“

Sie schluckte. Sicher hatten ihre Tränen seinen plötzlichen Aufbruch verursacht. Nun schämte sie sich. Aber sie war auch nur ein Mensch. Und sie konnte das warme Gefühl, das ihre Brust erfüllte, nicht verdrängen.

Ob es ihr gefiel oder nicht, Dominic war ihr keineswegs gleichgültig.

Dagegen musste sie ankämpfen.

„Nein, danke, ich nehme den Bus. Und ich möchte noch hierbleiben“, fügte sie hinzu und schenkte sich Kaffee nach.

Sie hörte ihn seufzen und wusste, dass er ihr grollte. Aber auf seine Reaktion war sie nicht vorbereitet. Er griff nach ihrer Tasse, goss den Inhalt in die Kanne zurück und knallte die Tasse auf die Untertasse. „Kommen Sie, wir gehen!“

Da die Kellnerin noch immer in der Nähe stand, bezähmte Cleo den Impuls, eine Szene zu machen. Vielleicht wollte sie diese Cocktailbar noch einmal besuchen, während Dominic diesen Wunsch gewiss nicht verspürte.

Sie stand auf, hängte den Riemen ihrer Tasche über die Schulter und zwang sich, die Kellnerin anzulächeln. Dann presste sie die Lippen zusammen und verließ die Bar, von Dominic gefolgt.

Schweigend durchquerten sie die Hotelhalle. In der feuchtkalten Abendluft blieb Cleo stehen. „Das habe ich ernst gemeint – ich nehme den Bus.“

„Und ich habe gesagt, ich bringe Sie nach Hause“, konterte Dominic in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Er legte ihr die Hand auf den Rücken – alles anderes als eine romantische Geste. „Bewegen Sie sich, Cleo. Wo ich den Wagen geparkt habe, wissen Sie.“

Offenbar war es sinnlos, mit ihm zu streiten. Außerdem fand sie es nicht besonders erstrebenswert, zur Rushhour in einen überfüllten Bus zu steigen.

Warum sollte sie einem geschenkten Gaul ins Maul schauen? Wenn Dominic mich unbedingt nach Hause fahren will – meinetwegen, nichts einzuwenden …

Mittlerweile versuchte er zu begreifen, was in der Bar geschehen war. Um Gottes willen, was hatte Cleo Novak an sich, das alle Sexualhormone in seinem Körper alarmierte?

Wie erbärmlich, dachte er erbost. Er war kein grüner Junge mehr, der jedes Mal, wenn er eine schöne Frau sah, die Fassung verlor.

Aber als er auf dem Weg zum SUV die Fernbedienung benutzte, um ihn zu öffnen, gestand er sich ein, dass Cleo ihn faszinierte. Verdammt, wann hatte es ihn jemals so sehr erregt, die Wange einer Frau zu berühren?

Noch nie.

Cleo wartete nicht, bis er die Beifahrertür öffnete, und stieg ein, legte die Tasche auf ihren Schoß und presste die Knie zusammen. Aber in ihren Schläfen pochte ein beharrlicher Puls und fand ein Echo in der sinnlichen Hitze, die sie zwischen den Beinen spürte.

Nach einem tiefen Atemzug konzentrierte sie sich auf den Parkplatz, beobachtete die Leute, die kamen und gingen. Personal oder Gäste? Doch das interessierte sie nicht wirklich, und sie kannte nur noch ein einziges Bedürfnis – die Tür ihres Apartments hinter sich zu schließen. Dort würde sie nicht mehr an Dominic oder ihren Großvater denken, oder an ihre Gefühle für die beiden Menschen, die sie stets als ihre Eltern betrachtet hatte. Sie wollte einfach nur ins Bett kriechen und den Kopf unter der Decke vergraben.

„Führt diese Straße nach Notting Hill?“

Dominics Frage zwang sie, auf ihre Umgebung zu achten. „Ja. Aber Sie können mich am Cheyney Walk absetzen.“

„Sicher werde ich den Minster Court finden“, erwiderte er kühl, und sie erinnerte sich, dass er am vergangenen Abend vor ihrer Tür gestanden hatte. „Geben Sie mir Ihre Handynummer. Falls Sie beschließen, den Wunsch Ihres Großvaters zu erfüllen und nach San Clemente zu fliegen, müssen wir einige Vorbereitungen treffen.“

Cleo schluckte. Zweifellos erwarteten die Montoyas, dass sie in die Karibik reisen würde.

Viel zu lange hatte sie geschwiegen, und Dominic stieß schließlich hervor: „Was in der Bar passiert ist …“

„Meinen Sie den Kaffee, den Sie mir missgönnt haben?“

„Nein. Vergessen Sie den verdammten Kaffee. Wovon ich rede, wissen Sie.“

„Weiß ich das?“

„Ja.“ Seine starken Finger umklammerten das Lenkrad etwas fester. Unwillkürlich überlegte sie, wie es sich anfühlen würde, wenn er auch sie so anfasste. „Es war ein Fehler, nicht wahr? Ich hätte Sie nicht berühren dürfen. Und ich möchte Ihnen versichern, das wird nicht mehr geschehen.“

„Okay.“

Ihre Stimme klang gleichmütig, und er schaute frustriert in Cleos Richtung.

„Das meine ich ernst. Glauben Sie mir, so ein Typ bin ich nicht.“

„Und Sie denken, ich wäre so eine Frau?“, fragte sie verächtlich, und er stöhnte.

„Nein, natürlich nicht …“

„Da haben Sie nichts zu befürchten. Sie sind mein Bruder. Erinnern Sie sich?“

Inständig wünschte Dominic, er wäre tatsächlich ihr Bruder – ihr leiblicher Bruder. Dann hätte er keine Probleme mit Gewissensbissen.

„Das habe ich nicht vergessen“, beteuerte er. „Geben Sie mir die Handynummer? In einer Woche sollten wir in die Karibik fliegen. Besitzen Sie einen Reisepass?“

Cleo stockte der Atem. „In einer Woche kann ich unmöglich abreisen. Ich habe einen Job.“

„Beantragen Sie einen Urlaub, mit der Begründung, es ginge um eine wichtige Familienangelegenheit.“

„Als ob die Schuldirektion das glauben würde!“

„Warum nicht?“

„Vor sechs Monaten wurden meine Eltern begraben. Das wissen meine Vorgesetzten.“

Wieder einmal verspürte er ein unwillkommenes Mitgefühl. „Nun, dann müssen Sie ihnen die Wahrheit erzählen.“

„Nein, das geht nicht.“ Sie starrte durch die Windschutzscheibe. „Mein Gott, wie soll ich Mr. Rodgers von etwas überzeugen, das ich selber kaum glaube?“

„Erklären Sie doch, Sie hätten eben erst erfahren, Ihr Großvater würde auf San Clemente leben. Sicher weiß dieser Mr. Rodgers, dass die Novaks aus der Karibik stammten.“

Cleos Lippen zitterten. „Meinen Sie, das wäre so einfach? Das hier ist mein Leben, mein Beruf. Auf diese Weise verdiene ich mein Geld, und ich kann es nicht aus einer Laune heraus aufgeben.“

Sollte er ihr mitteilen, in Zukunft würde sie sich nicht mehr um ihren Lebensunterhalt kümmern müssen? Jacob Montoya war ein steinreicher Mann. Und er hatte bereits angedeutet, er würde den Fehler seines Sohnes wiedergutmachen. Aber das wollte er vorerst nicht erwähnen.

Da Cleo immer noch skeptisch die Stirn runzelte, musste er irgendetwas sagen.

„Bieten Sie Mr. Rodgers an, ein paar Wochen auf Ihr Gehalt zu verzichten.“

„Oh nein, das kann ich mir nicht leisten!“, rief sie erschrocken. „Außerdem – was würden die Leute denken?“

„Ist das wichtig?“

„Allerdings!“, fauchte sie. „Diesen Job brauche ich, Mr. Montoya. Und niemand in der Schule soll glauben, ich wäre finanziell unabhängig.“

Ungeduldig seufzte er. „Ums Geld brauchen Sie sich nicht mehr zu sorgen. Jacob Montoya, Ihr Großvater, ist sehr reich und …“

„Bilden Sie sich ein, ich würde Geld von ihm annehmen?“, unterbrach sie ihn empört. „Niemals! Ich will wirklich nichts mit ihm zu tun haben. Nur weil er …“ Unsicher verstummte sie.

„Nur weil er bald sterben wird?“, schlug Dominic hilfsbereit vor, und sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

Als er nichts hinzufügte, begann sie zögernd: „Nun – wenn ich Mr. Rodgers – das ist der Schulleiter – um einen Sonderurlaub aus familiären Gründen bitte, wird er vielleicht zustimmen.“

„Einen Versuch wär’s wert.“

„Mal sehen.“

Offenbar war sie immer noch unschlüssig. Zu Dominics Bedauern tauchte der Minster Court im Blickfeld auf. So viel gäbe es noch zu besprechen. Zum Beispiel, dass man sie auf San Clemente nicht ausnahmslos mit offenen Armen empfangen würde. Seine Adoptivmutter lebte in Magnolia Hill, dem Montoya-Landsitz am Ostende der Insel, und sie missbilligte den Entschluss ihres Schwiegervaters, seine Enkelin bei sich aufzunehmen.

Für Lily war es ein Schock gewesen, dass ihr Mann eine Tochter gezeugt hatte. Erst seit einigen Wochen wusste sie, warum Celestes Baby damals so schnell nach England geschickt worden war. Robert hatte seine Frau daran hindern wollen, die Wahrheit herauszufinden.

Und dann hatte der Tod Celestes Lippen für immer versiegelt.

„Halten Sie hier“, sagte Cleo. In Gedanken versunken, wäre er beinahe an dem alten viktorianischen Gebäude vorbeigefahren. Als er bremste, nahm sie einen Kugelschreiber und einen Zettel aus ihrer Tasche und notierte ihre Handynummer. „Da … Wie kann ich Verbindung mit Ihnen aufnehmen – falls ich keinen Urlaub bekomme?“

Seine Kinnmuskeln spannten sich an. Aber er verzichtete auf einen Kommentar zu Cleos spürbarer Hoffnung, sie würde nicht abreisen müssen. „Serena und ich wohnen im Piccadilly Freemont. In ein oder zwei Tagen melde ich mich bei Ihnen.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Wenn ich mit Ihrer Tante telefoniere, werde ich nichts sagen, was Ihnen peinlich wäre.“

„Das könnten Sie gar nicht“, erwiderte Dominic kurz angebunden und öffnete den Wagenschlag.

Cleo legte eine Hand auf seinen Arm. „Bleiben Sie sitzen.“ Ärgerlicherweise fühlte sich der energische Druck ihrer Finger wie ein Brandmal an. „Ich brauche keine Begleitung.“

„Okay.“ Er schloss die Tür und zwang sich zu einem spöttischen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Morgen Abend rufe ich Sie an.“

„Wie Sie wollen.“ Cleo stieg aus, warf die Autotür hinter sich zu, und er fuhr davon.

Wenn er Serena von seinem Gespräch mit Miss Novak erzählte, würde sich seine schlechte Laune wohl kaum bessern. Im Hotel angekommen, ging er zielstrebig in die Bar.

4. KAPITEL

„Jetzt dauert es nicht mehr lange.“

Fasziniert vom unglaublich blauen Meer unter dem Flieger, hatte Cleo aus dem Fenster gestarrt. Nun wandte sie sich zu Serena Montoya, die ihr gegenübersaß. „Oh …“ Natürlich wäre Wie aufregend! eine passende Antwort gewesen. Oder: Ich kann es kaum erwarten. Doch sie war verwirrt und wusste nicht, wie sie sich fühlte.

Serena hatte sich umgekleidet. Statt des Hosenanzugs aus Wollstoff, in dem sie an Bord der British-Airways-Maschine gegangen war, trug sie jetzt eine Baumwollhose und ein gemustertes Seidenhemd. Vielleicht hatte sie auch geduscht. Hinter der getäfelten Tür lag ein luxuriöses Bad.

Nachdem sie in Nassau die Zollformalitäten erledigt hatten, waren sie für den kurzen Flug nach San Clemente in diesen kleinen Jet der Montoya Corporation gestiegen.

„Freuen Sie sich darauf, Ihren Großvater kennenzulernen?“

Serenas Frage erregte die Aufmerksamkeit Dominics, der auf der anderen Seite des Mittelgangs saß, einen Laptop vor sich auf dem Tisch. Seit dem Start in London arbeitete er pausenlos und überließ die Konversation den beiden Frauen.

Jetzt warf er seiner Tante einen warnenden Blick zu. „Lass das, Rena!“

„Ich habe eine ganz normale Frage gestellt“, verteidigte sie sich.

„Lass sie in Ruhe! Bald wird sie genug Probleme haben.“

„Um Himmels willen, er ist ihr Großvater!“

„Rena!“

„Bist du plötzlich ihr Beschützer? Seit unserer Abreise hast du kaum ein Wort gesagt.“

„Weil ich gearbeitet habe. Ruf Lily an und sag ihr, wir würden in zwanzig Minuten landen.“

In zwanzig Minuten … Cleo drehte sich der Magen um. Oh Gott, das alles geschah viel zu schnell.

„Warum rufst du sie nicht an?“, hörte sie Serena entgegnen. „Immerhin ist sie deine Mutter.“

„Und deine Schwägerin“, ergänzte Dominic in sanftem Ton. Die miserable Laune seiner Tante schien ihn nicht im Mindesten zu stören. „Aber wenn du es vorziehst, rufe ich sie an.“

„Nein, das mache ich.“ Irritiert sprang sie auf und verschwand durch eine Tür, die in ein Schlafzimmer führte. Auch in der Hauptkabine gab es Telefone. Aber Serena wollte offensichtlich ein privates Gespräch führen.

Würde sie ihre Schwägerin warnen?

„Bitte, Cleo, ärgern Sie sich nicht über Serena.“ Dominic legte seine Papiere zusammen. „Ob Sie’s glauben oder nicht, sie ist auch ein bisschen nervös.“

Ohne zu antworten, schaute Cleo wieder aus dem Fenster. In der Ferne tauchten die Umrisse einiger Inseln auf. Während der Jet den kleinen Flughafen von San Clemente ansteuerte, sah sie mehrere Boote über das funkelnde Wasser gleiten. Eine große Jacht fuhr auf die Küste zu.

„Sicher ist das Michael Cordys Jacht“, bemerkte Dominic. Er war aufgestanden, stand neben ihrem Sessel und neigte sich zum Fenster hinab. Dabei geriet er in die beunruhigende Nähe ihres Kopfs.

Mühsam entspannte sie sich und blickte wieder aus dem Fenster. „Ist das San Clemente?“

„Ja“, bestätigte er voller Stolz. „Aus der Luft betrachtet, sieht die Insel ziemlich klein aus.“

„Kommen viele Touristen hierher?“

„Nur ein paar. Hier gibt’s keine riesigen Hotels oder Casinos und dergleichen. Aber die Urlauber genießen das Strandleben. Und man kann großartig Sporttauchen.“

„Tauchen Sie auch?“, fragte sie, und Dominic schnitt eine Grimasse.

„Wenn ich Zeit habe. Seit der alte Mann krank ist, muss ich meistens drauf verzichten.“

„Welcher alte Mann?“

„Jacob Montoya, unser Großvater. Erinnern Sie sich?“

„Oh ja“, flüsterte Cleo und biss sich auf die Lippe.

„Zur Montoya Corporation gehören verschiedene Geschäftszweige. Freizeitaktivitäten, Casinos, Öl. Vor Kurzem haben wir ein Telekommunikationsunternehmen gekauft. Damit müsste die Firma auf Jahre hinaus solvent sein.“

Verwirrt hob Cleo die Brauen. „Ich hatte keine Ahnung …“

„Das weiß ich. Keine Bange, niemand erwartet, dass Sie sich alle Informationen auf einmal aneignen.“

Nein, das würde ihr sicher nicht gelingen. So viel stürmte auf sie ein.

Und die letzte Woche war turbulent genug gewesen. Zum Glück hatte Mr. Rodgers Verständnis für ihre Situation gezeigt. Mit seiner Hilfe hatte sie die Schulbehörde von einem Notfall überzeugt und zwei Wochen unbezahlten Urlaub erhalten.

Norah hatte sie ermutigte, die Reise als wundervolles Abenteuer zu betrachten. „Oh, du ahnst nicht, wie ich dich beneide!“, hatte sie wehmütig gestanden. „Mach das Beste draus, Mädchen. So eine Chance kriegst du vielleicht nie wieder.“

Aber Cleo fühlte sich trotz all der guten Wünsche immer noch unbehaglich.

Plötzlich bemerkte sie die drückende Stille in der Kabine, und sie begann unwillkürlich zu sprechen. „Arbeiten Sie für Ihren Großvater?“

„Für unseren Großvater“, wurde sie von Dominic verbessert. Dann hob er die Schulter. „Ja, das nehme ich an.“

„Was er meint – er leitet die Firma“, mischte sich Serena ironisch ein. Unbemerkt war sie aus dem Nebenraum zurückgekehrt. „Lassen Sie sich nichts vormachen, Cleo. Ohne Dominic würde die Montoya Corporation gar nicht existieren.“

Abrupt richtete er sich auf, kehrte zu seinem Laptop zurück und packte seine Sachen in eine Reisetasche.

„Hast du mit Mom gesprochen, Rena?“, fragte er. Wie sein kühler Ton verriet, ärgerte er sich über ihren Kommentar, und sie verdrehte die Augen.

„Eh – ja. Und sie hat erwähnt, der alte Mann könnte Cleos Ankunft kaum erwarten.“

Dominic schüttelte den Kopf. Offenbar war Serena fest entschlossen, dem armen Mädchen alles noch schwerer zu machen.

„Außerdem findet Lily, sie sollte woanders wohnen, falls das ein langfristiges Arrangement wird. Sie überlegt, ob sie zu dir ziehen soll.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Wäre das nicht fabelhaft?“

Unwillig runzelte er die Stirn. Obwohl Cleo seine Mutter noch gar nicht kannte, wusste sie schon jetzt, dass die Frau ihr feindselig gesinnt war.

„Nun … vielleicht sollte ich in einem Hotel absteigen“, schlug sie vor. In diesem Moment bat der Pilot über Lautsprecher die Passagiere, sich anzuschnallen, weil sie bald landen würden.

„Nein.“ Dominic setzte sich und schloss den Sicherheitsgurt. „Natürlich wohnen Sie in Magnolia Hill, Cleo. Darauf wird Ihr Großvater bestehen.“

Während Dominic, Serena und Cleo zum Haus fuhren, stand Lily Montoya auf der Veranda.

Offenbar will sie nicht nur ihren Sohn begrüßen, dachte Cleo, sie ist auch neugierig auf die illegitime Tochter ihres verstorbenen Ehemanns.

Beklommen spürte sie den abschätzenden Blick der älteren Frau, als sie aus dem Fond des Rolls-Royce-Cabrios stieg. Doch dann rannte Lily von der Terrasse herab, warf sich Dominic in die Arme und klagte, er sei viel zu lange in England geblieben.

Ehe er dazu kam, sie mit Cleo bekannt zu machen, lenkte sie ihn mit irgendwelchen Neuigkeiten über eine Frau ab, die er offenbar kannte.

Da Cleo nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte, betrachtete sie die schneeweiße Fassade von Magnolia Hill mit den dorischen Säulen, die ein Giebeldreieck stützten. Zu beiden Seiten des Eingangs schimmerten hohe Fenster, vor den Glastüren im oberen Stockwerk reihten sich schmiedeeiserne Balkone aneinander. Breite, niedrige Stufen führten zur Veranda hinauf. Dort standen zwei Bistrotische im Schatten, umgeben von schmiedeeisernen Stühlen mit dicken Kissen – ein gemütlicher Ruheplatz, wo man der heißen Nachmittagssonne entrinnen konnte.

Noch nie hatte Cleo ein schöneres Haus gesehen. Es erhob sich auf einem Hang, umgeben von Nebengebäuden wie Stallungen und einer riesigen Garage. Am Fuß des Hangs erstreckte sich, von Palmen gesäumt, ein rosaweißer Korallenstrand.

Während die Sonne im Westen versank, verlängerten sich die Schatten auf der Insel, und Cleo hoffte, dies wäre kein böses Omen. Obwohl sie Magnolia Hill bewunderte, hatte sie den Zweck ihrer Reise nicht vergessen.

Doch dann tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass in wenigen Tagen alles vorbei sein würde …

„Lass den Jungen los, Lily!“

Das mürrische Kommando half Dominic, der hartnäckigen Umarmung seiner Mutter zu entkommen, und er ging zu dem alten Mann, der an der Haustür erschienen war.

„Hi, Grandpa!“ Er schüttelte ihm die Hand, und Jacob Montoya legte ihm, obwohl schwach, besitzergreifend einen Arm um seine Schultern. „Wie fühlst du dich?“

„Besser – jetzt, wo du wieder da bist.“ Der Großvater spähte an Dominic vorbei zu den drei Frauen. „Also hast du sie mitgebracht?“

„Dachtest du, ich würde deinen Befehl missachten?“

„Ein Befehl war es nicht“, protestierte Jacob Montoya. Er ließ seinen Enkel los und überquerte die Veranda. „Cleopatra?“ Seine Stimme zitterte ein wenig. „Weißt du, dass du das Ebenbild deiner Mutter bist?“

„Ich heiße Cleo“, murmelte sie unbehaglich. „Wie … wie geht es dir, Großvater?“

In seiner Jugend musste der grauhaarige Mann so groß wie Dominic gewesen sein. Nun hatten das Alter und die Krankheit seine Schultern gebeugt. Doch seine Augen verrieten immer noch eine hellwache, messerscharfe Intelligenz.

„Komm her – Cleo.“ Er streckte eine Hand aus und ignorierte Serena, die auf die Veranda eilte und seinen Arm ergriff.

„Wo ist dein Stock?“, zischte sie.

Ungeduldig wehrte er sie ab. „Noch bin ich kein Invalide, Rena. Lass mich in Ruhe.“

Zaudernd stieg Cleo die Stufen hinauf. So ungern sie sich das auch eingestand – ihr Großvater schüchterte sie ein. Serena und Lily Montoya beobachteten sie. Vielleicht hoffen sie, dass ich auf die Nase falle, dachte sie bitter. Weder die eine noch die andere Frau freuten sich über die Ankunft des neuen Familienmitglieds. Das erkannte sie immer klarer.

Jacob streckte immer noch seine Hand aus, und Cleo umfasste erstaunlich kraftvolle Finger.

„Mein Gott, Mädchen, wie schön du bist!“, sagte er mit belegter Stimme. „Meine Enkelin …“

Vergeblich suchte sie nach Worten. Aus den Augenwinkeln sah sie Dominic an einer Säule lehnen, die Arme vor der Brust verschränkt, der die Begrüßungsszene verfolgte.

Was mochte er denken? Und warum gewann sie in diesem bedeutsamsten Moment ihres Lebens den Eindruck, er wäre ihr einziger Freund? Einfach lächerlich … Um Himmels willen, sie kannte ihn kaum. Gewiss, in der Cocktailbar des Londoner Hotels war sie fast sicher gewesen, er würde sich zu ihr hingezogen fühlen. Nur eine kurze Verirrung, weil er seine Freundin so lange nicht gesehen hatte …

Trotzdem begann sie sich instinktiv auf ihn zu verlassen. Und sie wusste nicht einmal, wo er wohnte. Nicht in Magnolia Hill, das hatte Serena erwähnt. Würde er sie seiner Mutter und seiner Tante ausliefern, auf Gnade oder Ungnade?

„Zweifellos muss dir das alles sehr seltsam erscheinen“, fuhr Jacob fort. „Ich wollte dich unbedingt kennenlernen. Voller Freude und Hoffnung habe ich diesen Tag herbeigesehnt.“

Was sollte sie antworten? Wie sprach man mit einem nahen Verwandten, den man zum ersten Mal sah?

„Anfangs … habe ich’s nicht geglaubt“, gestand sie schließlich und warf Dominic einen flehenden Blick zu.

Nach diesem endlos langen, nervenaufreibenden Tag fühlte sie sich völlig erschöpft. In ihren Schläfen begann es schmerzhaft zu pochen.

„Hat Dominic dir nicht erzählt, was passiert ist?“ Jacob ergriff ihren Arm und führte sie zur Haustür. „Gewiss hat er erklärt …“

„Gönn ihr eine Atempause, Grandpa.“ Dominic trat ihnen in den Weg, und Cleo seufzte erleichtert, weil er ihre Panik verstand.

„Was meinst du?“, fragte Jacob ungehalten.

„Merkst du nicht, wie müde sie ist? Für sie war das ein langer Tag. Jetzt braucht sie erst einmal ein bisschen Zeit für sich selbst. Serena soll sie in ihr Apartment bringen. Dort kann sie duschen und sich ausruhen, danach wird sie alle deine Fragen gern beantworten.“

Besorgt wandte Jacob sich zu Cleo. „Stimmt das, meine Liebe? Möchtest du dich ausruhen?“

„Nun – ich würde mich gern frisch machen – wenn es dir nichts ausmacht …“

„Wenn es mir nichts ausmacht? Hier kannst du tun, was immer du willst. Hoffentlich wirst du Magnolia Hill als dein Zuhause betrachten – und Dominic, Serena und mich als deine Familie.“ Die Lippen leicht verkniffen, schaute er zur Veranda zurück. „Und natürlich Lily.“

Dominics Mutter war offensichtlich nicht geneigt, die illegitime Tochter ihres Mannes im Familienkreis aufzunehmen. Aber sie lächelte gezwungen und widersprach ihrem Schwiegervater nicht. Anscheinend war sein Wunsch auch ihr Befehl.

„Gut, das wäre geklärt“, sagte Dominic zufrieden. „Sam soll Cleos Gepäck aus dem Auto holen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Exklusiv Band 287" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen