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ROMANA EXKLUSIV BAND 286

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Mit einem Traummann nach Paris

1. KAPITEL

Media News:

Zuverlässige Quellen berichten, dass Channel 16 der Produktionsfirma MediaOchre einen Auftrag über eine Dokumentation mit dem Arbeitstitel „Romantik: Fakt oder Fiktion“ erteilt hat. Spannende Unterhaltung soll ein Team aus zwei gegensätzlichen Moderatoren garantieren. Während Stella Holt, Exfußballerfrau und Gastgeberin diverser Talkshows, ihre Teilnahme bereits bestätigt hat, hüllte sie sich über die Identität ihres Co-Moderators in Schweigen.

Für diese Position wird hinter vorgehaltener Hand Simon Valentine gehandelt, ein Wirtschaftswissenschaftler, der mit seiner kritischen Reportage über das Bankensystem und dessen Einfluss auf die Ärmsten der Armen einen regelrechten Boom bei der Vergabe von Mikrokrediten ausgelöst hat. Derzeit begeistert der Prominente wider Willen seine zumeist weiblichen Fans in der Nachrichtenschau mit kurzen, verständlichen Analysen zur aktuellen Finanzlage.

Eine Stellungnahme von MediaOchre steht bislang aus, selbst Vorstand Roland Richards, der ansonsten das Rampenlicht nicht scheut, gibt sich ungewöhnlich schweigsam.

„Nein“, beharrte Simon Valentine. „Nein, nein und noch mal nein.“

Clara lächelte unbeirrt weiter, obwohl ihre Wangen bereits schmerzten, und er ihr Lächeln nicht sehen konnte. Irgendwo hatte sie gelesen, dass ein Lächeln selbst bei einem Telefonat den Gesprächspartner zu beeinflussen und ihm eine positive Reaktion zu entlocken vermochte.

In diesem Fall schien es leider nicht zu funktionieren.

„Natürlich ist es schwierig, eine Entscheidung zu fällen, ohne sämtliche Fakten zu kennen“, signalisierte sie ihm Verständnis. In ihrem Lieblingsmusical ‚The Sound of Music‘ war es Julie Andrews in ihrer Rolle als Gouvernante auf diese Weise gelungen, den Baron von Trapp und seine sieben Kinder zu bändigen. Daher würde sie sich auch nicht von einem ungefälligen Wissenschaftler entmutigen lassen.

„Gerne beantworte ich Ihnen bei einem persönlichen Treffen Ihre Fragen zu der geplanten Sendung.“

„Ich habe keine Fragen.“ Sie meinte förmlich zu hören, wie er mit den Zähnen knirschte. „Und ich werde definitiv nicht dabei mitwirken.“

„Vielleicht möchten Sie meinen Vorschlag zunächst in aller Ruhe überdenken?“

„Hören Sie, Ms. … wie auch immer Sie heißen …“

„Sterne, aber bitte nennen Sie mich Clara.“

Er ignorierte ihre freundliche Aufforderung. „Muss ich mich noch deutlicher ausdrücken?“

Nachdenklich betrachtete sie das Foto auf dem Computermonitor, auf dem Simon Valentine ausgesprochen steif und konservativ wirkte. Sie hatte ihn in der Hoffnung gegoogelt, eine Gemeinsamkeit zu entdecken, über die sie mit ihm ins Gespräch kommen konnte. Statt der erhofften Informationen über sein Privatleben fanden sich im Internet jedoch ausschließlich Angaben zu seinem beruflichen Werdegang. Er hatte an der weltbekannten Harvard-Universität einen Doktortitel in Entwicklungsökonomie erworben und arbeitete derzeit als Chefanalyst bei Stanhope Harding, einem renommierten Finanzinstitut in London.

Das alles half ihr leider nicht weiter. Für ein Gespräch über die aktuellen Entwicklungen am Finanzmarkt fehlten ihr die nötigen Kenntnisse, und sie wusste immer noch nicht, ob er verheiratet war, in seiner Freizeit ein Instrument spielte oder andere persönliche Interessen hatte, an die sie anknüpfen konnte.

Immerhin hatte sie erfahren, dass er sechsunddreißig Jahre alt war und seine plötzliche Popularität dazu nutzte, die Vergabe von Mikrokrediten weiter zu fördern. Zahlreiche Links verwiesen zu Artikeln über kleine Projekte in Afrika, Südamerika und Südostasien, aber auch über angeschlagene Firmen in den wirtschaftlich schwächsten Gegenden Großbritanniens, die ihm ihre Rettung verdankten.

Schnappschüsse von einem Einkaufsbummel mit einer Freundin oder beim Verlassen eines Klubs in den frühen Morgenstunden existierten ebenso wenig wie eine Fotostrecke in einem Klatschmagazin, die ihn in den eigenen vier Wänden zeigte. Nicht einmal ein Foto von ihm mit einem Glas in der Hand auf einem Empfang gab es.

Sie musste sich mit dem offiziellen Porträt auf der Homepage seiner Firma begnügen, auf dem er, in einen korrekten Business-Anzug gekleidet, überaus ernst und steif dreinblickte. Seiner versteinerten Miene ließ sich nichts entnehmen – höchstens der eiserne Wille, das Heft nicht aus der Hand zu geben.

„Hören Sie mir überhaupt zu?“, unterbrach Simon Valentine in diesem Moment ihre Überlegungen.

Erschrocken riss sie sich zusammen. „Natürlich.“

„Gut, denn ich sage es hiermit zum letzten Mal: Mit mir dürfen Sie nicht rechnen.“ Er sprach mit Nachdruck und betonte jede Silbe, als wäre sie ein begriffsstutziges Kind. „Ich brauche keine Bedenkzeit, genauso wenig wie nach Ihrer ersten E-Mail oder nach Ihrem vierten Anruf. Meine Antwort damals lautete nein, genau wie jetzt. Dabei bleibt es. Nein. Ein einfaches Wort, dessen Bedeutung selbst Ihnen klar sein sollte.“

Das war es durchaus, wenngleich sie sich nicht mit akademischen Würden schmücken konnte, wie ihre Eltern und ihre Brüder.

Der Einzige, der Verständnisschwierigkeiten hatte, war Simon Valentine. Er begriff einfach nicht, wie wichtig diese Sendung für sie persönlich war.

„Darf ich Ihnen kurz erklären …“, setzte sie verzweifelt an, doch er schnitt ihr kurzerhand das Wort ab.

„Wagen Sie nicht, mich noch einmal anzurufen.“ Mit diesen Worten legte er auf.

Clara klappte ihr Handy zu und ließ niedergeschmettert den Kopf auf die Schreibtischplatte sinken. Was soll ich jetzt nur machen? fragte sie sich verzweifelt.

„Und? Was hat er gesagt?“

Erschrocken fuhr sie hoch und wirbelte herum. Hinter ihr stand der Regisseur von ‚Romantik: Fakt oder Fiktion?‘

„Es tut mir leid. Er weigert sich.“

„Aber wir brauchen ihn!“ Ted rang verzweifelt die Hände, was häufig geschah, seit Simon Valentine ihnen zum ersten Mal eine Abfuhr erteilt hatte. „Roland hat Stella fest versprochen, dass er mit von der Partie ist.“

„Das weiß ich doch. Sonst würde ich ihn nicht ständig belästigen“, erwiderte sie so gefasst wie möglich. Ted war einer ihrer besten Freunde, und sie wusste, welche Sorgen ihn quälten: Gerade erst hatte er gemeinsam mit seinem Lebensgefährten ein teures Apartment erworben, und die monatliche Belastung war hoch.

„Wie können wir ihn umstimmen?“

„Keine Ahnung.“ Sie seufzte tief und wandte sich wieder dem Monitor zu, von dem ihr noch immer Simon Valentine entgegenblickte, mit undurchdringlicher Miene, die Lippen fest zusammengepresst.

Frustriert stieß sie den Atem aus und streckte ihm die Zunge heraus.

„Wieso kann Stella nicht mit einem anderen Moderator zusammenarbeiten, mit jemandem, der den Job gerne übernimmt?“ Verzagt ließ sie den Kopf sinken. „Ehrlich, ich habe mein Bestes gegeben, aber er lässt sich nicht überreden.“

„Hast du ihm gesagt, dass Stella es gar nicht erwarten kann, mit ihm zu drehen?“

„Er hat keine Ahnung, wer sie ist.“

„Machst du Witze?“ Ted starrte sie entgeistert an. „Das kann selbst ihm nicht entgangen sein.“

„Ich fürchte, er sieht selten fern – ganz bestimmt nicht das Nachmittagsprogramm – und die Financial Times berichtet nicht über Fußballerfrauen und – Exfrauen. Obendrein interessiert ihn die ganze Promiszene kein bisschen.“

„Um Himmels willen! Wenn Stella das erfährt, geraten wir in Teufels Küche.“

„Wieso ist sie eigentlich dermaßen auf ihn fixiert ist? Er ist so gar nicht ihr Typ. Sie braucht einen Partner, der auch mit ihr ausgeht und nichts dagegen hat, anschließend sein Foto in der Klatschpresse wiederzufinden mit dem Untertitel: ‚Schwer verliebt?‘ Was sieht sie bloß in diesem verklemmten Gelehrten?“

Ted ließ sich auf einer Ecke ihres Schreibtischs nieder. „Wenn man Roland Glauben schenken darf, hofft sie, dass seine Seriosität auf sie abfärbt. Anscheinend will sie das Spielerfrauen-Image abstreifen, und als Moderatorin ernst genommen werden. Vielleicht ist sie auch einfach nur scharf auf ihn.“

Erneut studierte Clara das Foto. Gut, schlecht sah der Mann nicht aus. Dennoch verstand sie das Aufhebens nicht, das um ihn gemacht wurde.

„Hast du mitbekommen, dass die Einschaltquoten der Nachrichten in die Höhe geschossen sind, seit er die Finanzlage analysiert? Angeblich sehen sich Frauen im ganzen Land die Sendung nur seinetwegen an. Anschließend twittern sie aufgeregt herum, wie sexy sie ihn finden.“ Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, fuhr Ted fort: „Man nennt ihn den Dow-Jones-Darling.“

Clara prustete laut los. „Für mich ist er das Nikkei-Nachtgespenst!“

„Sieh dir die Nachrichten an. Solange du ihn nicht in Aktion gesehen hast, kannst du seine Wirkung nicht verstehen.“

„Das mache ich ohnehin“, protestierte sie vehement. Auf seinen skeptischen Blick hin lenkte sie ein: „Gelegentlich. Vor dem ersten Telefonat mit ihm habe ich sie mir extra angeschaut. Ich wollte ihm sagen können, wie toll er ist. Leider ließ er mir keine Gelegenheit dazu. Er weiß, wovon er spricht, das merkt man. Allerdings ist mir entgangen, was die Frauen an ihm fasziniert, und gelächelt hat er auch nicht.“

„Es wäre auch unangebracht, Witze über die Rezession zu reißen. Seine Fans, in erster Linie intellektuelle Frauen, schätzen an ihm, dass er die Finanzlage auf eine überaus verständliche Weise erklärt – und vermutlich ebenfalls seine Ausstrahlungskraft. Seine Entdeckung verdankt er übrigens einem Zufall: Er sprang für einen verhinderten Kollegen ein, dabei fiel auf, wie telegen er ist.“

„Die Story kenne ich. Es ist seltsam, wie gut er auf dem Bildschirm rüberkommt, denn eigentlich ist er kein schöner Mann.“

„Das ist auch nicht der Punkt“, erklärte Ted mit der Autorität des Regisseurs. „Ihm geht jegliche Eitelkeit ab, sein Aussehen ist ihm gleichgültig, und auf seinem Spezialgebiet fühlt er sich absolut sicher. Aus diesem Grund tritt er ganz entspannt auf. Genau das liebt die Kamera. Es wundert mich nicht, dass die BBC seine Reportage gekauft hat. Er spricht mit einer Leidenschaft über Wirtschaft, die geradezu sexy wirkt.“

„Wenn du meinst.“

„Auch Roland verdankt es ihm, dass Channel 16 uns den Zuschlag für die Produktion gab. Unsere Idee, die Moderation gegensätzlichen Charakteren wie Simon und Stella zu übertragen, hat die Entscheidungsträger überzeugt.“

Das konnte Clara nachvollziehen. Stella Holt, Gastgeberin diverser Talkshows im Nachmittagsprogramm, war berühmt für seichtes Geplauder und offenherzige Kleidung. Sie stellte einen krassen Gegenpol zu Simon Valentine dar, dem nüchternen, scharfsinnigen Analysten.

Es war kein Wunder, dass die Direktoren von Channel 16 begierig nach diesem Angebot gegriffen hatten, und ein Glück für die kleine TV-Produktionsfirma, die andernfalls Pleite gegangen wäre. Dank Rolands erfolgreichem Coup schwamm MediaOchre jetzt förmlich in Geld – das Budget für die Produktion war großzügig bemessen. Ein hervorragendes Filmteam, bestehend aus dem preisgekrönten Regisseur Ted und ausgezeichneten Kamera- und Tonleuten, fieberte dem Beginn der Dreharbeiten entgegen. Die Drehorte waren festgelegt, Verträge mit Fluglinien und Hotels abgeschlossen. Stella Holt würde der Sendung den nötigen Glamour verleihen, einzig die Zusage von Simon Valentine stand noch aus – woran Roland seine Assistentin unablässig erinnerte:

„Du bist die Produktionsassistentin, Clara. Wie du es anstellst, ist mir egal, aber du musst ihn ins Boot holen, sonst können wir das Projekt vergessen. Dann muss ich Konkurs anmelden, und wir alle stehen auf der Straße.“

Allein der Gedanke ließ sie erschauern, und sie stützte mutlos den Kopf in die Hände. „Wie kann ich ihn nur zur Mitarbeit bewegen? Er nimmt meine Anrufe nicht mehr entgegen und beantwortet keine E-Mails. Ich muss ihn unbedingt persönlich sprechen … aber wie?“

„Kannst du ihm nicht ‚zufällig‘ bei einer Party über den Weg laufen?“, schlug Ted vor.

Sie hob den Kopf und deutete mit der Hand auf den Bildschirm. „Sieht er etwa aus wie ein Partylöwe? Soweit ich weiß, besteht sein Leben aus nichts als Arbeit. Sogar die Aufnahmen für die Nachrichten werden in seinem Büro gedreht. Dadurch entfällt die Möglichkeit, ihm bei der BBC im Lift zu begegnen.“

„Warte vor seinem Büro und folge ihm auf dem Nachhauseweg.“

„Um als Stalkerin verhaftet zu werden? Nur wenn sich gar keine andere Lösung findet.“

Ted rutschte vom Schreibtisch hinunter, setzte sich auf einen freien Bürostuhl und drehte sich gedankenverloren damit im Kreis herum, während Clara halbherzig im Internet nach weiteren Informationen über Simon suchte.

„Wir könnten ihm eine Überraschungstorte ins Büro schicken“, schlug er nach einer Weile vor.

„Und ich liefere sie dort ab.“ Sie hielt inne, die Finger über der Tastatur, den Kopf zur Seite geneigt, und dachte über die Idee nach. „Wahrscheinlich würde man mich bereits an der Rezeption aufhalten.“

„Du könntest auch aus der Torte springen.“

Ein vernichtender Blick traf ihn.

„Danach nimmt er mich bestimmt ernst! Ebenso gut könnte ich als Callgirl auftreten. Lass dir bloß nicht einfallen, Roland diesen Vorschlag zu unterbreiten!“, warnte sie, als sie bemerkte, dass Ted interessiert aufhorchte. „Er wäre imstande, mich dazu zu zwingen.“

Wieder wandte sie sich dem Computer zu. „Wenn er Kinder hätte, könnte ich mich als Nanny bei ihm einschleichen und ihn mit einem herzergreifenden Lied umstimmen.“

„Zweckmäßiger wäre es, irgendwo in der Dritten Welt eine Weberei zu eröffnen“, empfahl Ted, der an ihre Fantasien über ‚The Sound of Music‘ gewöhnt war. „Er unterstützt mit Begeisterung kleine Unternehmen in Existenznöten.“

„Diese Beschreibung trifft exakt auf MediaOchre zu, wenn er nicht bald einwilligt, den Moderatorenjob zu übernehmen.“ Sie überflog weiter die Informationen auf dem Monitor, auf der Suche nach dem rettenden Strohhalm. „Zu schade, dass er sich nichts aus Publicity macht. Ihm geht es … Hoppla!“

Ted sah sie erwartungsvoll an. „Was ist?“

„Er hält morgen Abend einen Vortrag in der Handelskammer, hinterher gibt es einen Umtrunk. Vielleicht gelingt es mir, mich einzuschmuggeln und ihn abzupassen.“

„Gute Idee. Zieh deinen kürzesten Rock an, damit er deine tollen Beine sieht.“

„Ich wollte ihn eigentlich mit meinem Intellekt beeindrucken“, erwiderte sie schnippisch.

„Versuch es lieber mit den Beinen!“

Ich hätte doch ein dezenteres Kleid anziehen sollen, dachte Clara und zupfte nervös an ihrem Rocksaum. Das pinkfarbene Minikleid, zu dem sie Pumps mit schwindelerregend hohen Absätzen trug, bildete einen krassen Kontrast zu den dunklen Anzügen der übrigen Gäste. Während ihrer Suche nach einem Platz im hinteren Bereich des Vortragssaals zog sie zahlreiche Blicke auf sich. Endlich fand sie einen freien Stuhl. Die Dame neben ihr, die immerhin gewagt hatte, in einem beigefarbenen Hosenanzug zu erscheinen, musterte sie missbilligend, während der beleibte Herr auf ihrer anderen Seite ihr unverhohlen auf die Beine starrte, bis Simon Valentine endlich zu sprechen begann.

Es war ihr nicht schwergefallen, sich ohne Einladung Zutritt zu der Veranstaltung zu verschaffen – vermutlich hatte das Minikleid seinen Teil dazu beigetragen. Im Saal fühlte Clara sich jedoch völlig fehl am Platz, daher beschloss sie, sich ganz auf Simon zu konzentrierten, der am Rednerpult eine komplizierte Power Point Präsentation erläuterte.

Das Publikum hing wie gebannt an seinen Lippen, Clara hingegen fühlte sich von seinen Ausführungen überfordert. Der eine oder andere Begriff kam ihr vage bekannt vor – das war es auch schon. Wenn die anderen Zuhörer begeistert lachten und klatschten, fragte sie sich, welche Pointe ihr entgangen war.

Schließlich kapitulierte sie und begann stattdessen, ihre weitere Vorgehensweise zu planen. Nach dem Referat wollte sie sich so schnell wie möglich Simon nähern, ihn in eine ruhige Ecke locken und ihn mit Witz und Charme bezaubern, um dann das Gespräch vorsichtig auf die geplante Sendung zu lenken. Oder sollte sie sich lieber Teds Rat zu Herzen nehmen und ihn mit ihren Beinen beeindrucken? Mittlerweile war ihr beinahe jedes Mittel recht, wenn sie nur am nächsten Tag ihrem Chef eine Erfolgsmeldung überbringen konnte.

Dann würde er sie befördern, und sie könnte sich, nachdem sie einige seriöse Dokumentationen produziert hatte, endlich ihrer großen Leidenschaft zuwenden: dem Film. Einen Moment lang träumte sie von einer steilen Karriere als ernst zu nehmende Produzentin fesselnder Dramen, dann riss stürmischer Beifall sie in die Realität zurück.

Ihre Zukunftspläne mussten warten, jetzt galt es, ihren Job zu retten.

Die Handelskammer befand sich in einem eindrucksvollen Gebäude mit hohen Decken und großzügigen Treppenhäusern. Zahlreiche Porträts wichtiger Handelsherren aus der Zeit König Edwards zierten die Wände. Clara hatte in Erfahrung gebracht, dass der an den Vortrag anschließende Empfang in der Bibliothek abgehalten wurde. Als sie sich endlich den Weg dorthin gebahnt hatte, war der Raum bereits voller Menschen. Sie nahm von einem Kellner ein Glas Weißwein entgegen und umkreiste missmutig die Menschenmenge. Einige der Gäste erkannte sie, berühmte Journalisten und Politiker, die sich angeregt unterhielten.

Wie soll ich Simon Valentine beeindrucken, wenn ich gar nichts von Finanzen verstehe? überlegte sie, von Selbstzweifeln ergriffen. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre nach Hause gegangen. Doch dieser Abend war vermutlich ihre einzige Chance, ihn persönlich zu treffen. Das durfte sie sich nicht entgehen lassen.

Während sie nach ihrem Opfer Ausschau hielt, summte sie leise eine Melodie vor sich hin – ihre bewährte Methode, sich Mut zu machen. Schließlich entdeckte sie ihn inmitten einer Gruppe seriös wirkender Frauen in unifarbenen Hosenanzügen, die jedes seiner Worte mit beifälligem Nicken bedachten.

Was an diesem Mann bringt offensichtlich intelligente Frauen förmlich um den Verstand? wunderte sie sich.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, schien ihm jedoch nicht zu behagen. Immer wieder blickte er auf die Uhr, und als ein Kellner an ihm vorüberging, stellte er sein noch unberührtes Glas auf dessen Tablett ab, lächelte entschuldigend in die Runde und bahnte sich einen Weg aus dem Gedränge.

Er kann doch nicht schon gehen, dachte Clara erschrocken. Hastig nahm sie die Verfolgung auf, drängte sich durch die Menschenmenge und folgte ihm in die riesige Eingangshalle, die er in Richtung Garderobe durchquerte. Anscheinend wollte er tatsächlich seinen Mantel holen und die Veranstaltung verlassen.

Wenn es ihr nicht gelang, ihn zu sprechen, hatte sie den grässlichen Vortrag vergebens über sich ergehen lassen. Jetzt oder nie! dachte sie. Laut klapperten ihre Absätze über den Marmorboden, als sie ihm hinterherlief.

„Dr. Valentine?“, rief sie ganz außer Atem.

Nur mit Mühe unterdrückte Simon einen Fluch. Das Publikum hatte seinen Vortrag begeistert aufgenommen. Er hätte es jedoch vorgezogen, im Anschluss daran direkt nach Hause zu fahren, statt den Empfang zu besuchen. Kaum hatte er die Bibliothek betreten, war eine Schar von Frauen geradezu über ihn hergefallen. Schuld daran war das Fernsehen. Seit er in den Nachrichten auftrat, war er eine Berühmtheit – leider.

Dabei hatten sowohl er als auch seine Arbeitgeber die Idee begrüßt, breiten Bevölkerungsschichten tiefere Einblicke in das aktuelle wirtschaftliche Geschehen zu vermitteln und das Konzept der Mikrokredite zu fördern. Dass er dadurch zum Liebling der Damen aufsteigen würde, hatte er nicht vorhergesehen.

Es war ihm überaus peinlich, wie diese Frauen förmlich an seinen Lippen hingen, und er war froh, ihnen für einen Moment zu entkommen. Leider lief ihm bereits die nächste Verehrerin hinterher.

Einen Augenblick lang erwog er so zu tun, als hätte er nichts gehört, dann verwarf er den Gedanken wieder. Er hatte bereits erlebt, dass ihm ein weiblicher Fan bis auf die Herrentoilette gefolgt war. Also blieb er ergeben stehen, atmete tief durch und wandte sich um.

Zu seiner Überraschung ähnelte die junge Frau in keiner Weise seinen üblichen, zumeist intellektuellen Anhängerinnen.

Im ersten Moment nahm er nur leuchtendes Pink wahr, dann bemerkte er zwei atemberaubende Beine. Er blinzelte heftig.

Einen so kurzen Rock, dermaßen frivole Schuhe haben diese heiligen Hallen noch nie gesehen, schoss es ihm durch den Kopf.

Unwillkürlich richtete er den Blick erneut auf die spektakulären Beine, dann rief er sich zur Ordnung. Nur weil Astrid ihn verlassen hatte, würde er nicht beim Anblick der ersten hübschen Beine schwach werden.

„Ja?“, fragte er abweisend.

Die Frau ließ sich von seinem kühlen Tonfall nicht abschrecken und lächelte freundlich. „Ich wollte Ihnen unbedingt persönlich mitteilen, wie gut mir Ihr Vortrag gefallen hat. Sie haben einige brillante Argumente angeführt.“ Von der Verfolgungsjagd auf den absurd hohen Schuhen war sie noch ganz außer Atem.

„Welche genau meinen Sie?“, fragte er mit einem leichten Anflug von Boshaftigkeit nach. Vermutlich war es unfair, sie so festzunageln, aber ihm war gerade danach.

„Alle“, behauptete sie kess. Als ihre Blicke sich kreuzten, dämmerte ihr offenbar, dass ihre Antwort ihn nicht beeindruckte, und sie bemühte sich sichtlich, sich an Details zu erinnern.

„Das, was sie über qualitative Lockerung gesagt haben.“

„Seltsam. Ich habe nämlich über quantitative Lockerung gesprochen.“

„Ja, das auch“, erwiderte sie ungerührt.

Erwartet sie etwa, dass ich ihr zugutehalte, dass sie es überhaupt gewagt hat, mich anzusprechen? fragte er sich sarkastisch. Die meisten seiner Fans bereiteten sich intensiv auf eine Begegnung mit ihm vor, um ihm zu imponieren. Diese Mühe hatte sie sich eindeutig gespart.

„Interessieren Sie sich für Finanzpolitik?“

„Wahnsinnig“, log sie ungeniert und schenkte ihm einen unschuldsvollen Blick, der ihm beinahe ein Lachen entlockt hätte – ein seltenes Ereignis. Rasch presste er die Lippen fest aufeinander und betrachtete sie neugierig.

Sie war keine Schönheit im eigentlichen Sinn. Für sich genommen wirkten ihre Gesichtszüge durchschnittlich, auch das braune schulterlange Haar war wenig bemerkenswert. Doch sie verfügte über eine lebhafte Mimik und vermittelte den Eindruck von ungebändigter Energie. Etwas an ihr machte ihn nervös, und das gefiel ihm nicht.

„Haben Sie tatsächlich meinen Vortrag angehört?“

„Vom ersten Wort bis zum fesselnden Ende.“

„Und wie viel davon haben Sie verstanden?“

Wieder focht sie einen inneren Kampf mit sich aus – und entschied sich für Offenheit. „Na ja, nicht alles … nur wenig … ehrlich gesagt, überhaupt nichts. Aber ich bewundere Sie aufrichtig.“ Sie räusperte sich. „Wirtschaft ist eigentlich nicht mein Thema. Ich bin nur hier, weil ich Sie dringend sprechen muss.“

„Da ich mich ausschließlich mit wirtschaftlichen Belangen befasse, wird unsere Unterhaltung von kurzer Dauer sein.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab, doch sie griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.

„Es dauert nicht lange, versprochen.“ Und noch ehe er sich aus ihrem Griff befreien konnte, begann sie: „Mein Name ist Clara Sterne und ich …“

Das genügte ihm. Er runzelte die Stirn. „Die Clara Sterne, die mich mit Anrufen und E-Mails belästigt und nicht versteht, was das Wort nein bedeutet?“

„Sie erinnern sich an meinen Namen? Ausgezeichnet.“

„Sparen Sie sich den Atem. Ich mache nicht mit bei Ihrer albernen Sendung. Ein für alle Mal: nein.“

„Aber Sie haben mir noch nicht einmal Gelegenheit gegeben, Ihnen zu erklären, was wir planen“, protestierte sie. „Wir befassen uns ganz seriös mit der Frage, was Romantik ist und ob es sie überhaupt gibt.“

„Ist Ihnen entgangen, dass wir uns inmitten einer weltweiten Rezession befinden? Da sind wahrlich interessantere Themen zu erforschen.“

„Sie bezweifeln also ihre Existenz?“

Genauso gut hätte sie ihn fragen können, ob er an den Weihnachtsmann glaubte. „Romantik ist ein Kunstbegriff, den pfiffige Marketingleute geprägt haben.“

„Dann vertreten Sie genau diese These in unserer Sendung! Wir wünschen uns eine ernsthafte Diskussion zwischen Ihnen und Ihrer Co-Moderatorin, bei der die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet werden.“

„Eine ernsthafte Diskussion? Sollte meine Partnerin nicht eine Fußballerfrau sein, die Talkshows im Nachmittagsprogramm moderiert?“

„Exfrau“, betonte Clara. „Und gerade dieser Kontrast verleiht unserer Dokumentation ihre besondere Note.“

Was für eine unglaublich ausdrucksvolle Mimik sie hat! schoss es Simon durch den Kopf. Der strahlende Blick aus ihren braunen Augen bannte ihn wie einen Hasen im Lichtkegel der Autoscheinwerfer. Irritiert trat er einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf.

„Das ist mir egal. Meine Entscheidung ist gefallen“, erwiderte er schneidend.

Sie sah ihn bestürzt an. Wie konnte sie ihn überzeugen, wenn er nicht einmal bereit war, ihr zuzuhören? „Stört Sie der Gedanke, den Zuschauer von Ihrem Standpunkt überzeugen zu müssen? Ich fand Ihre Reportage ausgesprochen eindrucksvoll, unsere soll ebenso interessant werden.“

„Mein Thema war die Bekämpfung von Armut! Das können Sie unmöglich vergleichen!“

„Nein, natürlich nicht“, versuchte sie hastig ihren Fehler zu berichtigen. „Wie wäre es, wenn wir Ihnen als Gegenleistung für die Moderation unserer Sendung die Möglichkeit böten, eine Fortsetzung zu Ihrem Bericht zu drehen?“ Die Idee erschien ihr hervorragend, allerdings musste sie noch Rolands Zustimmung einholen. „Das wäre eine ausgezeichnete Publicity.“

Wieder hatte sie das Falsche gesagt. „Es geht mir nicht um Berühmtheit, sondern darum, das System zu verändern, damit diejenigen Hilfe bekommen, die sie benötigen. Das hat nichts mit …“

Er brach mitten im Satz ab und erstarrte zusehends.

Etwas hinter ihr fesselte seine Aufmerksamkeit, und Clara wandte sich neugierig um. Ein Paar kam auf sie zu, eine kühle elegante Schönheit in Begleitung eines südländisch wirkenden attraktiven Mannes.

Einen Moment herrschte betretenes Schweigen, dann sagte die Frau: „Hallo, Simon.“

„Astrid“, erwiderte er knapp und neigte höflich den Kopf.

Zwischen den beiden geht etwas vor, dachte Clara, aber was? Neidisch betrachtete sie die Frau mit der makellos schimmernden zarten Haut, dem perfekt geschnittenen blonden Haar und der fantastischen Figur.

Dass sie auch Simon gefiel, war nicht zu übersehen. Er stand da wie versteinert und ließ sie nicht aus den Augen.

Wenn mich nicht alles täuscht, ist sie seine Exfreundin oder Geliebte, überlegte Clara.

„Du kennst Paolo noch nicht“, sagte Astrid gelassen, doch eine verräterische Röte auf ihren Wangen verriet ihre Anspannung. „Paolo Sparchetti, Simon Valentine.“

Die Männer musterten einander mit unverhohlener Feindseligkeit.

„Ciao“, grüßte Paolo auf Italienisch und schlang seiner Begleiterin den Arm in einer eindeutig besitzergreifenden Geste um die Taille.

Clara beobachtete das Geschehen voller Interesse. Der sonnengebräunte Italiener mit den vollen Lippen und dem Dreitagebart wirkte unwiderstehlich sexy. Seinetwegen könnte ich mich für jedes noch so trockene Thema begeistern, dachte sie und fragte sich erneut, weshalb ausgerechnet Simon zahllose weibliche Fans anzog.

Umso besser verstand sie seine Eifersucht auf Paolo. Er hatte ihm nur eine angedeutete Verneigung zuteilwerden lassen, was sie sehr aufschlussreich fand.

Die beiden Männer waren so gegensätzlich, wie man sich nur vorstellen konnte: Der unzugängliche, konventionelle Simon und der Südeuropäer in elegantem Designerjackett, dessen Hemd am Kragen offen stand, der mit jedem Atemzug Leidenschaft verströmte und an dessen Handgelenk eine Herrenhandtasche baumelte.

Sie hätte ihren Kopf darauf verwettet, dass Simon eher sterben, als eine solche Handtasche benutzen würde.

Wieder herrschte Stille.

Gespannt beobachtete sie Astrid, die sich offenbar zwischen beiden Männern hin- und hergerissen fühlte. Sie stand dicht an Paolo geschmiegt, schien jedoch begierig auf Simons Reaktion zu warten.

Das ist meine Chance, erkannte Clara. Sie würde Simon und Astrid wieder zusammenbringen, aus Dankbarkeit würde er bei ihrem Projekt mitwirken. Einen Versuch war es allemal wert.

2. KAPITEL

Rasch überschlug Clara ihre Optionen. Sollte sie versuchen, Paolos Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Im Vergleich mit Astrid mangelte es ihr jedoch an Schönheit und Eleganz, daher erschien ihr der Plan wenig Erfolg versprechend.

Wesentlich einfacher war es vermutlich, ihre Eifersucht zu wecken. Dazu brauchte sie Simon lediglich einige liebevolle Blicke zuzuwerfen und anzudeuten, dass er eine andere gefunden hatte. Verliebtheit vorzutäuschen, dürfte ihr nicht schwerfallen, immerhin hatte sie vor Jahren von der Bühne geträumt und Schauspielunterricht genommen. Ihre Karriere war zwar peinlich schnell zu Ende gewesen, doch die Grundlagen der Schauspielerei beherrschte sie immer noch.

Freundlich lächelnd trat sie dicht an Simon heran und streckte Astrid die Hand entgegen, die sie überrascht ansah. „Hallo, ich bin Clara.“

Kein Wunder, dass sie meine Anwesenheit bislang nicht registriert hat, dachte sie. An Paolos Arm würde sie auch keine anderen Frauen beachten, solange es sich nicht um ernst zu nehmende Rivalinnen handelte.

Astrid betrachtete die Frau im pinkfarbenen Minikleid mit gerunzelter Stirn, dann ergriff sie die dargebotene Hand und erwiderte kühl: „Hallo.“

„Simon war einfach brillant, finden Sie nicht auch?“ Clara warf ihm einen bewundernden Blick zu. „Er hat es geschafft, sogar mich für Wirtschaft zu begeistern. Ich habe unendlich viel von ihm gelernt, Sie nicht auch?“

„Astrid ist Managerin eines Hedgefonds“, warf Simon ein.

„Wie aufregend.“ Der Begriff sagte ihr nichts. „Wie hat Ihnen der Vortrag gefallen?“

„Er war ausgezeichnet. Natürlich höre ich nahezu alle seine Reden.“

„Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert“, deutete Clara an. Sich stundenlange Vorträge anzutun, nur um des Vergnügens willen, seiner Stimme zu lauschen – wenn das keine Liebe war!

Astrid ließ sie einfach links liegen und wandte sich wieder Simon zu: „Ich fände es gut, wenn du und Paolo einander besser kennenlernt.“

Statt sich auf den deutlichen Hinweis hin zu verabschieden, lächelte Clara strahlend in die Runde und ergriff Simons Arm. „Es war nett, Ihre Bekanntschaft zu machen“, versicherte sie fröhlich, während Simon unter ihrer Berührung förmlich erstarrte.

„Wir sehen uns morgen im Büro. Lass uns gehen, Paolo“, gab Astrid sich geschlagen, übersah Clara absichtlich und ging mit ihrem Begleiter davon.

Simon blickte dem Paar hinterher, bis es hinter einer Säule verschwand.

„Haben Sie das gesehen?“, fragte er fassungslos. „Dieser Mann trägt eine Handtasche!“

Ich hatte also recht, frohlockte Clara innerlich. „Es war eine Herrenhandtasche.“

„Das macht es nicht weniger peinlich.“ Jetzt erst fiel ihm ein, mit wem er sprach, und er ging zum Angriff über. „Was fällt Ihnen eigentlich ein, sich in eine private Unterhaltung einzumischen.“

„Ich hatte den Eindruck, Sie könnten Unterstützung gebrauchen.“

„Wobei?“

„Dabei, Astrid zurückzuerobern.“

„Was? Woher wissen Sie, dass ich das will?“, fragte er unbedacht. Als ihm klar wurde, dass er sich verraten hatte, warf er ihr einen wütenden Blick zu.

„Das sieht doch ein Blinder.“

Simon starrte Clara ungläubig an. Wer, zum Teufel, ist diese Frau? fragte er sich. Nerven hatte sie jedenfalls, das musste er ihr zugutehalten. Außer ihr – und seiner Mutter – wagte es niemand, so mit ihm zu sprechen.

„Und es hat auch schon gewirkt: Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie unangenehm es ihr war, dass wir ein Paar sind?“, erklärte sie ihm geduldig.

„Das sind wir nicht!“

„Woher soll sie das wissen?“

Das kann nur ein schlechter Traum sein, dachte Simon. Schließlich hatte er sein Leben unter Kontrolle. Alles war säuberlich in Schwarz und Weiß eingeteilt. Es bestand keine Notwendigkeit, sein Privatleben zu diskutieren, und ganz bestimmt keine, sich auf ein bizarres Gespräch mit einer Frau einzulassen, die ein unanständig kurzes Kleid in einer schreienden Farbe trug, sich hemmungslos in eine Unterhaltung einmischte und ungebetenen Rat erteilte.

„Jeder Narr erkennt, weshalb Astrid mit Paolo zusammen ist – er ist schlichtweg heiß. Ebenso offensichtlich hat sie aber noch eine Menge für Sie übrig.“ In ihrer Stimme schwang unüberhörbar Verwunderung mit. „Statt Paolo böse anzustarren, sollten Sie lieber versuchen, sie eifersüchtig zu machen.“

„Eifersucht?“ Simon fragte sich, weshalb er nicht einfach auf dem Absatz kehrt machte und ging.

Clara nickte eifrig. „Zeigen Sie ihr, was sie verpasst.“

„Und das geht Sie etwas an, weil …?“

„Wie ich schon sagte, ich möchte Ihnen helfen. Möglicherweise muss ich zu diesem Zweck für einen begrenzten Zeitraum Ihre Begleiterin spielen und so tun, als würde ich Sie anhimmeln, wenn wir Astrid treffen. Ihr ist es zuwider, dass Sie eine neue Freundin haben. Irgendwann wird sie Sie darauf ansprechen, dann müssen Sie Ihre Chance ergreifen.“

„Und was wünschen Sie als Gegenleistung? Oder soll ich raten?“, fragte Simon empört über ihre Unverfrorenheit.

„Natürlich wissen Sie, was ich von Ihnen will: Sie sollen eine einstündige Sendung moderieren.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Wie sieht es aus, gilt der Handel?“

Glaubt sie wirklich, dass ich auf diesen Unsinn eingehe? dachte Simon ungehalten. Es würde seinen Ruf als seriöser Wissenschaftler ruinieren, wenn er bei diesem sentimentalen Quatsch mitmachte.

„Ich habe einen anderen Vorschlag.“ Er krümmte den Finger in einer verschwörerischen Geste, und sie trat erwartungsvoll näher. Ein zarter Duft nach Zitrone schlug ihm entgegen. „Er lautet folgendermaßen: Sie gehen und lassen mich in Ruhe. Im Gegenzug rufe ich nicht nach dem Sicherheitsdienst, um sie rauswerfen zu lassen. Was meinen Sie?“

„Oh nein, bitte …“, stammelte sie enttäuscht.

Doch er blieb hart und ließ sich auch von ihrem flehenden Blick nicht umstimmen. „Ich zähle bis zehn, dann rufe ich die Wache.“

„Schon gut.“ Hastig kramte sie in ihrer Handtasche, zog eine Visitenkarte hervor und drückte sie ihm in die Hand. „Falls Sie Ihre Meinung doch noch ändern.“ Dann wandte sie sich ab und ging.

Kopfschüttelnd sah Simon ihr hinterher und gönnte sich einen letzten Blick auf ihre langen schlanken Beine und die Hüften, die sie ungeachtet ihres Misserfolgs verführerisch hin und her schwang. Dann verschwand sie um eine Ecke, und das Klappern ihrer Absätze verhallte. Erst jetzt bemerkte er, dass er ihre Karte zwischen den Fingern hin und her drehte. Irritiert hielt er inne.

Clara Sterne, Produktionsassistentin, MediaOchre Productions, stand darauf. MediaOchre – das klang wie medioker: mittelmäßig! War das ein schlechtes Omen oder lediglich ein Hinweis auf einen grässlichen Geschmack bei Wortspielen? Wie dem auch war – mit solchen Leuten wollte er nichts zu tun haben.

In Ermangelung eines Mülleimers steckte er die Karte in die Jackentasche, fest entschlossen, sie bei nächster Gelegenheit zu entsorgen. Er hatte nicht die Absicht, Clara Sterne jemals wiederzusehen.

Nervös trommelte Simon mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Solange Astrid und er noch ein Paar gewesen waren, hatte es sich als vorteilhaft erwiesen, in derselben Firma zu arbeiten. Jetzt war es bestenfalls … peinlich.

Das Zusammensein mit ihr hatte er immer als überaus angenehm empfunden. Sie neigte nicht zu überschwänglichen Gefühlen, machte nie Szenen, und im Büro hatte sie sich absolut professionell verhalten.

Bis heute verstand er nicht, wieso sie ihre befriedigende Beziehung einem hübschen Italiener geopfert hatte. Er hatte sie für glücklich gehalten, doch dann hatte sie ihm von dem Mann erzählt, der sie im Sturm erobert und ihr die Leidenschaft und Romantik geboten hatte, nach der sie sich sehnte.

Wenn das nicht verrückt war!

Als sie eben bei ihm angeklopft und ihn um ein paar Minuten seiner Zeit gebeten hatte, hatte er sich gefreut, sie zu sehen. Beim Fachgespräch würde sie schnell erkennen, um wie viel besser sie mit ihm dran war. Eine tiefgründige Unterhaltung mit einem Mann, der Handtaschen benutzte, hielt er für unmöglich. Paolo würde sie bald langweilen.

Mit Eifersucht, wie Clara Sterne unterstellte, hatte das jedoch nichts zu tun. Auf dieser Basis hatte ihre Beziehung nie funktioniert und würde es auch nie tun.

Er vertraute fest darauf, dass sie bald Vernunft annahm, noch schien sie jedoch nicht so weit. Statt fachliche Fragen zu diskutieren, hatte sie begonnen, über ihre Schuldgefühle ihm gegenüber zu reden und über diesen verdammten Italiener. Das war so gar nicht ihre Art! Dabei ging sie unruhig im Büro auf und ab – was sie ebenfalls nie zuvor getan hatte.

„Wer war deine Begleiterin gestern Abend?“, fragte sie in diesem Moment wie aus heiterem Himmel. „Ich hatte den Eindruck, ihr seid ein Paar.“

Simon öffnete den Mund, um ihr zu widersprechen, doch die Worte erstarben ihm auf der Zunge. Hatte Clara die Situation vielleicht doch richtig eingeschätzt?

Seltsamerweise stand ihm ihr Bild noch genau vor Augen. Sie war keine Schönheit wie Astrid, zog ihn mit ihrer lebhaften Art jedoch ungeheuer an. Oder lag es an ihren großen braunen Augen und den leicht nach oben geschwungenen Mundwinkeln, die ihr den Eindruck verliehen, ständig zu lächeln?

Nicht zu vergessen die tollen Beine!

In einem Anflug von Ehrlichkeit gestand er sich ein, dass er auch ihre Kühnheit bewunderte. Das hieß jedoch nicht, dass er vorhatte, seine Meinung zu ändern.

Unvermittelt griff er in die Jackentasche und zog ihre Karte hervor, die in den Müll zu werfen er vergessen hatte. Er legte sie vor sich auf den Schreibtisch.

„Wie lange kennst du sie schon?“

Zu seiner großen Erleichterung gab Astrid endlich ihre Wanderung auf, setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und sah ihn fragend an.

„Noch nicht lange.“

„Ich mache mir Sorgen um dich“, erklärte sie unerwartet. „Du bedeutest mir viel, auch wenn wir nicht mehr zusammen sind. Ich möchte nicht, dass du eine Dummheit begehst.“

Überrascht sah Simon sie an. Und das von einer Frau, die gerade eine wunderbare Beziehung aufgelöst hat für einen Handtasche tragenden Italiener! dachte er zynisch.

„Clara ist …“ Sie legte eine Kunstpause ein, ehe sie weitersprach. „Sie ist eine schillernde Person, aber gewiss nicht dein Typ. Schon allein dieses unmögliche Kleid …“

Insgeheim gab Simon ihr recht, gleichzeitig erinnerte er sich an die tollen Beine.

„Du bist viel zu intelligent, um dich von einem Mädchen im Minirock einwickeln zu lassen“, fuhr sie fort. „Aber trotzdem: Sei vorsichtig.“

„Das bin ich doch immer“, entgegnete er wahrheitsgemäß. Er hielt sein Leben unter Kontrolle, Risikoanalysen waren sein Spezialgebiet. Leichtsinn, Spontaneität oder Dummheiten kamen für ihn nicht infrage – er hatte mit eigenen Augen gesehen, wohin sie führen konnten.

„Ich weiß.“ Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Privatangelegenheiten gehören nicht ins Büro. Sollen wir uns später auf einen Drink treffen? Bei der Gelegenheit könntest du auch gleich Paolo besser kennenlernen.“

Ein ruhiges Gespräch, bei der sie ihre Beziehung wieder kitten würden, plante sie demnach nicht. Und so sehr er das Zusammensein mit ihr genoss, so wenig lag ihm an Paolo.

„Es tut mir leid, vielleicht ein andermal. Meine Mutter kommt heute in die Stadt. Ich habe ihr versprochen, sie zum Essen auszuführen. Eigentlich müsste sie jede Minute hier sein.“

Wie auf Bestellung meldete sich in diesem Moment seine Assistentin über die Telefonanlage: „Gerade hat die Rezeption angerufen. Ihre Mutter sitzt im Foyer. Ihr geht es gut, aber anscheinend ist irgendetwas passiert. Könnten Sie bitte rasch nach unten kommen?“

In dem Moment, als die Lifttüren auseinanderglitten, entdeckte Simon seine Mutter inmitten einer Gruppe aufgeregter Menschen am gegenüberliegenden Ende der Eingangshalle. Auch sie bemerkte ihn und lief ihm entgegen. „Ich bin so froh, dass du hier bist!“

Überrascht registrierte er, wie aufgelöst sie wirkte. Frances Valentine war trotz ihres Alters eine attraktive Frau, doch heute zeichneten sich auf ihren Wangen rote Flecken ab, und ihre Frisur war zerzaust. „Was, um Himmels willen, ist geschehen?“

„Ich wurde auf offener Straße überfallen!“

„Geht es dir gut?“, erkundigte er sich sofort besorgt.

„Ja, aber ich mache mir Sorgen um Clara.“

„Clara?“

„Sie hat alles beobachtet und den Dieb gestellt“, erklärte Frances voller Bewunderung, während sie ihren Sohn zu einem der Ledersofas im Empfangsbereich führte, auf dem eine Frau in tropfnasser Kleidung saß, die einen Arm mit der anderen Hand stützte. „War das nicht mutig von ihr?“

Das Erste, was er von ihr wahrnahm, waren lange Beine, die ihm seltsam vertraut vorkamen. Langsam ließ er den Blick höher wandern, über die zerrissenen Feinstrümpfe, den vor Schmutz starrenden Rock, bis hin zu ihrem Gesicht. Clara Sterne trug einen bunten Schal mehrfach um den Hals geschlungen. Sie wirkte blass und mitgenommen, dennoch strahlte sie mehr Energie aus als sämtliche umstehende Frauen zusammengenommen. Als er näher kam, sah sie ihm überrascht entgegen, und ein seltsames Gefühl durchströmte ihn.

„Sie sind der Sohn von Frances?“, stöhnte sie entgeistert.

„Ihr kennt euch?“, fragte seine Mutter erfreut.

„Nein“, erwiderte Simon im selben Moment, als Clara Ja sagte.

Wie kann eine herzliche Frau wie Frances einen Holzklotz wie Simon Valentine zum Sohn haben? dachte Clara verblüfft. Sie hatte nicht erwartet, ihn in diesem Moment anzutreffen, und vor Überraschung schlug ihr das Herz förmlich bis zum Hals.

„Was ist passiert?“, fragte er noch einmal, und seine Mutter ergriff begeistert die Gelegenheit, ihre dramatische Geschichte zu erzählen.

„Ich ging gerade über die Straße, da wurde ich von hinten gestoßen. Ein grässlicher Kerl riss mir die Tasche aus der Hand.“ Sie erschauerte. „Natürlich habe ich mich fürchterlich erschreckt. Obendrein war es meine Lieblingstasche, die ich letztes Jahr in Venedig gekauft habe.“

Nur mit Mühe zügelte Simon seine Ungeduld. „Und was hat Clara damit zu tun?“

„Sie hat den Überfall beobachtet – wie viele andere auch.“ Frances ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder und tätschelte ihr die Knie. „Aber niemand außer ihr hat auch nur einen Finger gekrümmt. Sie dagegen ist dem Dieb sofort nachgelaufen, hat meine Tasche zu fassen bekommen, dann entwickelte sich ein Handgemenge. Er hat sie zu Boden gestoßen und konnte fliehen.“

Sie schöpfte Atem und sah ihren Sohn besorgt an. „Ich fürchte, sie hat sich das Handgelenk gebrochen, aber sie gestattet mir nicht, einen Rettungswagen zu rufen. Sprich du mit ihr, Simon, und bring sie zur Vernunft.“

„Das ist nicht nötig, wirklich“, gelang es Clara endlich, ein Wort einzuflechten. „Mir geht es gut.“

„Nein, das tut es nicht. Ihre Strumpfhose ist zerrissen, und ich sehe doch, dass Sie Schmerzen haben.“

Frances hatte recht. Bei dem Sturz auf die Hand hatte sie sich gewiss eine Verletzung zugezogen. Ihre Beine dagegen waren, abgesehen von kleineren Schürfwunden, in Ordnung. Einen Notfall stellte sie jedenfalls nicht dar. Also schlug sie einen Kompromiss vor. „Ich nehme ein Taxi.“

„Kommt nicht infrage. Simon hat ein Auto, er wird Sie ins Krankenhaus bringen, nicht wahr?“

Amüsiert beobachtete Clara, wie Simon mit sich rang. In seiner Miene zeichnete sich deutlich ab, wie Ungeduld, Frustration und Widerwillen einen erbitterten Kampf mit einer Mischung aus Verzweiflung und Liebe zu seiner Mutter ausfochten. Dieser Anblick ist beinahe eine verletzte Hand und aufgeschürfte Knie wert, dachte sie.

Einen Moment später hatte er sich wieder im Griff. „Natürlich.“

„Das ist wirklich nicht nötig …“

„Unsinn. Sie sind eine Heldin. Das werde ich auch der Polizei sagen“, widersprach Frances.

„Lass gut sein.“ Zu Claras großer Erleichterung unterbrach Simon seine Mutter und schritt zur Tat. Ihr Handgelenk schmerzte von Minute zu Minute stärker, daher war sie dankbar, ruhig sitzen bleiben zu können, während er die anderen Frauen an die Arbeit zurückschickte und ein Taxi für seine Mutter bestellte.

Dann half er ihr auf die Beine und führte sie zum Aufzug.

„Es gibt keinen Grund, mich so anzusehen“, klagte sie, als sie seinen missmutigen Blick auffing.

„Wie?“

„Als hätte ich den Überfall arrangiert.“

„Der Gedanke ist mir tatsächlich gekommen.“ Er drückte auf den Aufzugsknopf. „Immerhin waren Sie verzweifelt genug, sich meinen Vortrag über Finanzpolitik anzuhören. Wer weiß, wozu Sie noch imstande sind.“

„Es stimmt, ich wollte Sie sprechen, aber nicht so dringend, dass ich einen Räuber engagieren würde.“

Allerdings würde sie die Gelegenheit auch nicht ungenutzt verstreichen lassen, wenngleich die Schmerzen es ihr schwer machten, sich zu konzentrieren.

Der Lift kam, die Türen glitten auseinander, und sie stiegen ein. Simon warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Tatsache ist, Sie haben meiner Mutter geholfen – und das war nicht ungefährlich. Was wäre geschehen, wenn der Dieb eine Waffe gehabt hätte?“

„Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Als ich gesehen habe, wie Ihre Mutter taumelte, und der Kerl ihr die Tasche entriss, bin ich ihm spontan nachgelaufen und habe mir die Tasche geschnappt.“

In dem engen Aufzug war sie sich seiner Gegenwart sehr bewusst. Simon erschien ihr größer und kräftiger als am Abend zuvor, männlicher, überwältigender. Aus Verwirrung plapperte sie ungebremst weiter.

„Er hätte mir die Tasche einfach überlassen sollen, aber das wollte er wohl nicht. Jedenfalls hat er sich umgedreht und mich geschubst. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in einer Pfütze sitze.“

Sie sah an sich hinab und stöhnte. Ihr Lieblingsrock war ruiniert. „Dennoch habe ich die Tasche nicht losgelassen. Inzwischen sahen viele Leute zu uns herüber, deswegen hat er vermutlich beschlossen aufzugeben, und ist davongerannt. Dann kam auch schon Ihre Mutter, und ich konnte ihr die Tasche zurückgeben. Sie bestand darauf, dass ich sie hierher begleite. Dass Sie ihr Sohn sind, wusste ich wirklich nicht.“

„Das glaube ich Ihnen.“ Die Lifttüren gingen auf, und sie traten hinaus in die Tiefgarage. „Ihre Anwesenheit in der Gegend halte ich dagegen nicht für Zufall.“ Er führte sie zu einem gepflegten silbergrauen Sportwagen.

„Nein.“ Leugnen hatte keinen Sinn. „Ich wollte Sie auf dem Nachhauseweg abfangen. Vielleicht hätten Sie ja bessere Laune gehabt als gestern.“

Simon entriegelte die Türen per Fernbedienung. „Ich bin heute ebenso gut aufgelegt wie gestern.“ Mit übertriebener Höflichkeit öffnete er ihr die Beifahrertür und half ihr hinein.

„Dann will ich Sie lieber nie treffen, wenn Sie schlecht drauf sind.“

Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache, und er schlug die Tür mit mehr Nachdruck hinter ihr zu als nötig. Dann stieg er selbst ein und startete den Motor. „Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie meiner Mutter zu Hilfe kamen. Aber geben Sie sich keiner Illusion hin: An meinem Entschluss, nicht bei Ihrer albernen Dokumentation mitzuwirken, ändert sich dadurch nichts.“

Clara seufzte gequält auf. „Schon gut. Mein Handgelenk tut mir ohnehin viel zu weh, um Sie anzuflehen.“ Unter den Wimpern hervor warf sie ihm einen abschätzenden Blick zu. „Dann muss ich mich eben damit abfinden, meinen Job zu verlieren.“

„Es gibt so etwas wie Arbeitsrecht“, entgegnete er unbeeindruckt. „Niemand kann Sie rauswerfen, weil Sie bei einem Unfall am Handgelenk verletzt wurden.“

„Dafür kann man mich feuern, weil ich meinen Auftrag nicht erfüllt habe, der lautete, Sie als Moderator zu gewinnen.“

„Das nennt man emotionale Erpressung.“ Er legte den ersten Gang ein, fuhr zur Ausfahrt der Tiefgarage und steuerte den Wagen hinaus in den dunklen Abend.

„Stimmt.“ Andere Mittel standen ihr nicht zur Verfügung. „Aber es ist schließlich nicht Ihr Problem, wenn meine Karriere vorzeitig beendet ist, ich meine Miete nicht mehr zahlen kann, wieder bei meinen Eltern einziehen und zugegeben muss, dass ich eine totale Versagerin bin.“

Simon warf ihr rasch einen Blick zu, ehe er sich wieder auf den Verkehr konzentrierte. „Sparen Sie sich die Mühe. Wenn Sie Ihre Recherchen sorgfältig betrieben haben, wissen Sie, dass ich kein Herz besitze.“

„Wären Sie herzlos, hätten Sie nicht freiwillig an den vielen Katastrophenhilfeeinsätzen teilgenommen.“

„Zum Helden stempelt mich das nicht automatisch“, erwiderte er kurz angebunden. „Ich habe mir die Hände nie schmutzig gemacht, sondern lediglich sichergestellt, dass die Spendengelder dort ankommen, wo sie gebraucht werden.“

Als ob das eine Kleinigkeit wäre, dachte sie. Mochte er auch nicht eigenhändig Menschen aus Trümmern gezogen oder ihnen als Arzt das Leben gerettet haben, so hatte er doch immer wieder wochenlang die Bequemlichkeiten Londons gegen ein Leben unter extremen Bedingungen eingetauscht, um anderen zu helfen. Ohne Geld lief nichts – nirgendwo. Der Erfolg von Hilfsaktionen hing ab von Finanzexperten, die Spenden dorthin lenkten, wo sie am dringendsten benötigt wurden, und verhinderten, dass sie im Sumpf von Bestechung und Betrug versickerten.

„Ich finde es ausgesprochen unvernünftig, dass eine Arbeitsstelle von einem einzigen Menschen abhängt“, wechselte er rasch das Thema.

„Sagen Sie das mal meinem Chef!“

„Es muss doch ein anderer Moderator zu finden sein. Ich bin nicht einmal Profi auf dem Gebiet.“

„Wir sind auf Sie angewiesen.“ Angesichts seiner Unnachgiebigkeit beschloss Clara, dass sie nichts zu verlieren hatte. „Wir bekommen das Geld für die Dreharbeiten nur unter der Voraussetzung, dass Sie die Sendung moderieren. Auch Stella Holt ist allein unter dieser Bedingung mit von der Partie. Ohne Sie stirbt das Projekt – und MediaOchre ebenfalls. Aus diesem Grund verfolge ich Sie so hartnäckig.“

„Die Zukunft eines Unternehmens auf ein Individuum zu setzen, erscheint mir eine ausgesprochen riskante Strategie.“

„Da haben Sie sicher recht, aber ab und zu muss man Risiken eingehen.“

Im selben Moment erkannte sie, dass sie das Falsche gesagt hatte.

Obwohl seine Miene unbewegt blieb, zog Simon sich zusehends in sich zurück wie eine Schnecke in ihr Haus. „Das widerspricht meinen Erfahrungen“, gab er sich betont distanziert.

Nach einer kurzen Pause meinte sie: „Sie können jedenfalls nicht behaupten, ich hätte mir nicht alle Mühe gegeben.“

„Bestimmt nicht.“

Feiner Sprühregen schlug sich auf der Windschutzscheibe nieder, und die Straßenlaternen tauchten die Fußgänger, die mit hochgeschlagenen Mantelkrägen zu den U-Bahn-Stationen hasteten, in ein verzerrtes gelbes Licht.

Wie soll ich es nur Ted und Roland beibringen? überlegte Clara verzweifelt. Sie ließ die beiden im Stich und konnte auch ihre eigenen Träume begraben. Dabei hatte gerade der Gedanke an eine Karriere als Produzentin ihr über die schwere Zeit nach der Trennung von Matt hinweg geholfen.

Sie beschloss, sich selbst aufzumuntern, indem sie ein paar Takte aus ihrem Lieblingsmusical vor sich hinsummte.

„Was machen Sie da?“, fragte Simon erstaunt.

„Ich singe, damit ich mich besser fühle.“

„Ich dachte, zu diesem Zweck bringe ich Sie ins Krankenhaus.“

„Musik ist die beste Medizin, das habe ich diversen Musicals entnommen.“

Genauso gut hätte sie behaupten können, Außerirdische hätten ihr das beigebracht. „Musicals?“, frage Simon, als hätte er das Wort noch nie gehört.

„Shows oder Filme, in denen Schauspieler singen und tanzen“, erklärte sie hilfsbereit. „Einige davon gehören zu den Klassikern der Filmgeschichte, zum Beispiel ‚The Sound of Music‘. Das kennen Sie bestimmt.“

„Gehört habe ich schon davon.“

„Wahrscheinlich sind Ihnen zumindest die beliebtesten Melodien daraus vertraut.“ Sie summte einige Takte. „Na, klingelt es jetzt bei Ihnen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“

Seine grenzenlose Unwissenheit entsetzte sie. Vermutlich geht es ihm genauso, wenn er mit Laien Finanzangelegenheiten bespricht, hielt sie ihm insgeheim zugute.

„Das ist ein absoluter Hit, und das Beste ist, er funktioniert. Wenn irgendetwas schief geht – ich denke da an Ihre Weigerung, bei unserer Dokumentation mitzumachen – singe ich dieses Lied, dann fühle ich mich gleich besser. Wer braucht schon einen Arzt, wenn es ‚The Sound of Music‘ gibt?“

Nicht überzeugt schüttelte er den Kopf. „An Ihrer Stelle würde ich auf den Arzt setzen.“

Mindestens drei der diensthabenden Schwestern in der Notaufnahme erkannten Simon. Es fehlte nicht viel, und sie hätten einen Streit vom Zaun gebrochen, wer ihm helfen durfte, dabei war er sich des Aufruhrs, den er auslöste, nicht einmal bewusst.

„Ich warte hier, bis Sie fertig sind“, sagte er zu Clara, ließ sich auf einem der Plastikstühle im Wartezimmer nieder, schlug die Financial Times auf und nahm von da an nichts und niemanden mehr wahr.

Als ihr Arm endlich bis zum Ellbogen eingegipst und in einer Schlinge um ihren Hals ruhiggestellt war, fühlte Clara sich völlig erschlagen. In Momenten wie diesen, wenn ihr Kampfgeist geschwächt war, sehnte sie sich nach Matt. Sie wollte von ihm in die Arme genommen und getröstet werden und empfand den Verlust erneut als scharfen Schmerz.

Eine Krankenpflegerin begleitete sie zurück in den Wartebereich, wo Simon an derselben Stelle saß, wo sie ihn verlassen hatte. Vor Erleichterung wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich zusammenzureißen.

„Die Schwester hat mir verraten, dass Ihr Handgelenk gebrochen ist“, sagte er, während er die Zeitung zusammenfaltete, aufstand und ihr entgegenging. „Das tut mir leid. Haben Sie starke Schmerzen?“

Rasch rang sie sich ein strahlendes Lächeln ab. „Es ist nicht allzu schlimm. In einer Woche soll ich noch einmal ins Krankenhaus kommen, dann bekomme ich einen leichteren Gips.“

„Während Sie beim Röntgen waren, hat meine Mutter angerufen. Sie haben bei der Verfolgungsjagd Ihre eigene Handtasche fallen lassen, und sie hat sie aufgehoben.“

„Was für ein Glück! Die habe ich in der Aufregung völlig vergessen.“

„Ich schlage vor, wir fahren bei mir vorbei und holen sie ab, anschließend bringe ich Sie nach Hause.“

„Nicht nötig, mir geht es gut. Ich nehme ein Taxi.“

„Vergessen Sie es! Meine Mutter macht mir das Leben zur Hölle, wenn ich das zulasse.“

Während sie neben dem wie aus dem Ei gepellten Simon die Klinik verließ und zu seinem Wagen ging, wurde sich Clara ihrer aufgeschürften Knie und der schmutzstarrenden Kleidung peinlich bewusst. Dennoch war sie dankbar für seine Begleitung und den festen Griff, mit dem er ihren gesunden Arm umfasste. Sie fühlte sich gerade ziemlich schwach auf den Beinen, außerdem empfand sie es als puren Luxus, in einem bequemen Auto chauffiert zu werden, statt einen Bus oder die U-Bahn nehmen zu müssen. Im Geist dankte sie Frances für ihre Hartnäckigkeit.

„Wie ein Mann, der sich vor seiner Mutter fürchtet, sehen Sie nicht gerade aus“, sagte sie leichthin, nachdem er ihr ins Auto geholfen hatte und selbst eingestiegen war.

„Sie hat Mittel und Wege, ihren Willen durchzusetzen. Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, ihn ihr zu lassen.“

Während er den Wagen aus der Parklücke manövrierte, legte er den Arm um die Lehne des Beifahrersitzes. Unvermittelt kam es Clara vor, als herrschte im Wageninneren akuter Sauerstoffmangel, und sie wagte kaum sich zu bewegen, aus Angst, ihn zu berühren.

„Ich finde sie bezaubernd“, brachte sie ein wenig atemlos hervor.

„Oh, das ist sie.“ Simon stieß einen Seufzer aus. Dann zog er zu ihrer großen Erleichterung den Arm wieder zurück und legte den ersten Gang ein. „Sie hat Humor, ist eine großartige Gesellschafterin und völlig verantwortungslos – womit sie immer durchkommt. Manchmal reizt sich mich bis aufs Blut, aber wenn ich versuche, mit ihr zu diskutieren, lächelte sie nur, tätschelt mir die Wange und, ehe ich weiß, wie mir geschieht, mache ich genau das, was sie will.“

Das hätte ich auch versuchen sollen, ärgerte sich Clara. Allein die Überzeugung, dass Liebkosungen in ihrem Fall nicht gewirkt hätten, beruhigte sie wieder.

Was Simon über Frances erzählte, ließ ihr diese noch sympathischer erscheinen. Umso schwerer fiel es ihr zu glauben, dass die beiden Mutter und Sohn waren.

„Dann kommen Sie vermutlich eher auf Ihren Vater heraus?“ Überrascht registrierte sie seine Reaktion.

Seine Miene verfinsterte sich. „Ganz bestimmt nicht, in keiner Weise.“

3. KAPITEL

Clara stand am Fenster in Simons Wohnzimmer und blickte auf London hinab, das sich zu ihren Füßen erstreckte. Zahllose erhellte Fenster ließen die Umrisse der Gebäude erahnen, die beleuchteten Brücken der Stadt spannten sich gleich über die Themse. Sogar das Parlament und das Riesenrad London Eye waren zu erkennen, und obwohl es schon dunkel war, pulsierte in den Straßen das Leben. „Was für eine herrliche Aussicht!“, lobte sie begeistert.

Nach einer Weile wandte sie sich um und betrachtete neugierig das Apartment. Es war modern und elegant möbliert, wie sie es dem konservativen Simon gar nicht zugetraut hätte. „Und auch Ihre Wohnung ist toll.“

Er zuckte lediglich die Schultern. „Von hier aus erreicht man schnell die City, außerdem ist sie eine solide Geldanlage.“

„Das glaube ich gern“, stimmte sie ihm zu, obwohl sie selbst noch nie in Eigentum investiert hatte.

„Ich finde sie scheußlich“, mischte Frances sich ein. Sie hatte sich mittlerweile umgekleidet und ausgeruht, von dem Überfall vor wenigen Stunden war ihr nichts mehr anzumerken. „Seit ewiger Zeit liege ich ihm in den Ohren, dass er wenigstens Gardinen aufhängen soll. Diese Wohnung wirkt seelenlos und leer, hier fehlt die Hand einer Frau.“

Entnervt stieß Simon den Atem aus. Offenbar hörte er diese Tirade nicht zum ersten Mal.

Clara dachte an die unordentliche kleine Wohnung, die sie sich mit ihrer Freundin teilte. Dort war es gemütlicher als in Simons Apartment, dennoch wäre es ihm sicher nicht recht, wenn sich Kissen, Decken und Zeitschriften auf seinem Sofa türmten, der Boden mit Schuhen übersät war oder BHs und Strumpfhosen zum Trocknen über den Heizkörpern hingen. Vermutlich fehlte ihm nichts weniger als die Hand einer Frau!

„Sie ist sehr geräumig“, stellte sie diplomatisch fest, was Frances mit einem Naserümpfen quittierte.

„Er sollte sich ein hübsches Haus in Chelsea kaufen, dann käme ich viel lieber zu Besuch. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz“, lud sie Clara freundlich auf eines der cremefarbenen Sofas ein und setzte sich neben sie. An ihren Sohn gewandt, fuhr sie fort: „Darling, möchtest du uns nichts anbieten? Sie können bestimmt einen Gin Tonic gebrauchen, meine Liebe, genau wie ich. Oder hätten Sie lieber einen Tee?“

„Mutter, Clara ist erschöpft und möchte am liebsten nach Hause fahren.“

„Unsinn, wieso sollte sie?“

Clara befand sich in einem Zwiespalt. Simon schien darauf bedacht, sie so schnell wie möglich loszuwerden, aber sie hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und die Aussicht auf einen Drink …

„Ich nehme gern einen Gin Tonic.“

„Siehst du“, triumphierte Frances. „Für mich bitte auch einen, ich leiste ihr Gesellschaft.“

„Gern“, gab Simon nach und verschwand in der Küche.

„Achten Sie gar nicht auf ihn, er wirkt gelegentlich ein wenig mürrisch“, riet Frances ihrer Retterin fröhlich. „Das liegt daran, dass er zu viel arbeitet. Außerdem ist er jetzt wieder solo …“ Sie rückte vertraulich etwas näher. „Ich mochte Astrid nicht besonders, ihr fehlte es an Wärme. Aber wenigstens hat sie dafür gesorgt, dass er unter Menschen kam.“

Aus Taktgefühl wechselte Clara hastig das Thema. Sie erkundigte sich, wie lange Frances in der Stadt bleiben wollte, und diese erläuterte munter ihre Pläne für die kommenden Tage, bis Simon mit den Getränken erschien.

„Jetzt müssen Sie uns aber alles über sich erzählen“, drehte Frances den Spieß um und begann, sie über ihre Familie und ihren Beruf auszufragen.

„Oh, Sie arbeiten beim Fernsehen? Wie aufregend! Simon tritt gelegentlich auch dort auf.“

Über den Rand ihrer Gläser hinweg tauschten Clara und Simon einen flüchtigen Blick. „Ja, ich weiß. Sie sind bestimmt sehr stolz auf ihn.“

Clara kostete von ihrem Drink und war angenehm überrascht: Er schmeckte hervorragend, war spritzig und enthielt genau die richtige Menge an Limette und Eis. Bereits nach dem ersten Schluck fühlte sie sich bedeutend besser. Entspannt ließ sie sich gegen die Sofalehne zurücksinken.

„Das bin ich in der Tat“, erwiderte Frances. „Allerdings wundert es mich, dass er gleich zum Frauenliebling avanciert ist. Nicht, dass er nicht das süßeste Baby der Welt gewesen wäre …“

„Mutter …“

Angesichts seiner gequälten Miene gelang es Clara nur mit Mühe, ein Schmunzeln zu unterdrücken. Unterdessen plauderte Frances unermüdlich weiter: „In den Nachrichten wirkt er immer intelligent und besonnen, dabei war er als Kind ein richtiger Draufgänger.“

„Mutter“, unterbrach Simon erneut ihren Redefluss. „Clara hat einen harten Tag hinter sich und keine Lust, sich langweilige Familiengeschichten anzuhören.“

Ohne seinen Einwand zu beachten, erzählte Frances ihrer faszinierten Zuhörerin mehr. „Er hatte den Schalk im Nacken. Wenn Sie wüssten, was er alles angestellt hat, stünden Ihnen die Haare im Nacken zu Berge. Aber als sein Vater starb …“ Traurig fuhr sie fort: „Es war ein solcher Schock! Ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hätte. Er hat das ganze Durcheinander geordnet und kümmert sich seither um mich.“

„Das stimmt so nicht.“

„Oh doch“, widersprach sie. „Ich frage mich oft, was aus dir geworden wäre, hätte dein Vater nicht dieses unglaubliche Chaos hinterlassen.“

In der Hoffnung auf eine spannende Geschichte horchte Clara auf. Als sie jedoch Simons gequälten Blick auffing, beschloss sie, seiner unausgesprochenen Bitte nachzukommen.

„Es wird Zeit für mich zu gehen.“

„Wirklich? Aber zuvor müssen wir noch Bruderschaft trinken. Du auch, Simon.“ Frances diesen Wunsch abzuschlagen, war unmöglich.

„Ich freue mich, deine Bekanntschaft gemacht zu haben und bin dir unendlich dankbar“, verabschiedete sie sich wenig später von Clara.

„Dazu besteht keine Ursache.“

„Oh doch. Du hast mutig gehandelt, und es tut mir aufrichtig leid, dass du dir bei dem Versuch, meine Handtasche zu retten, das Handgelenk gebrochen hast. Wenn wir irgendetwas für dich tun können, musst du es nur sagen, nicht wahr, Simon?“

Ein Muskel in seiner Wange zuckte, doch nach einer kaum merklichen Pause stimmte er ihr zu: „Ja, natürlich.“

„Dann wäre das also abgemacht.“

Frances reichte Clara ihre Handtasche, küsste sie auf beide Wangen und nahm ihr das Versprechen ab, sich bald wieder bei ihr zu melden. An der Tür stehend winkte sie Simon und Clara nach, bis sie den Aufzug betraten.

„Danke“, sagte er, sobald sich die Lifttür hinter ihnen geschlossen hatte.

Clara tat gar nicht erst so, als wüsste sie nicht, wovon er sprach. „Meine Mutter kann manchmal auch ziemlich peinlich sein.“

„Belästigt sie Fremde mit Erzählungen, was du als kleines Mädchen angestellt hast?“

„Das nicht. Meine Eltern sind Akademiker und sehr intelligent – das trifft auch auf meine Brüder zu. Sie hören ausschließlich klassische Musik, lesen anspruchsvolle Bücher, und im Theater sehen sie sich nur Avantgarde-Stücke an. Ich dagegen habe eine Schwäche für Magazine und Musicals.“ Sie seufzte. „Ich liebe meine Familie, aber manchmal frage ich mich, ob ich bei der Geburt nicht vertauscht wurde.“

„Allzu peinlich hört sich das nicht an.“

„Das meinst du nur, weil du selbst einen Doktortitel trägst. Aber kannst du dir vorstellen, was ein neuer Freund von mir durchmachen muss, wenn ich ihn zum ersten Mal mit nach Hause nehme?“

Matt ist besser mit ihrer Familie zurechtgekommen als die meisten anderen, fiel ihr ein, und ein stechender Schmerz durchzuckte sie. Allerdings war er mit allen Menschen gut ausgekommen. Rasch verdrängte sie die Erinnerung an ihn wieder.

„Meine Eltern drängen ihm eine Diskussion über existenzialistische Literatur auf, und wenn er mutig genug ist, sich zu erkundigen, was sie machen, erwartet ihn ein endloser Vortrag über die nachreformatorischen Kirchen – das Thema eines Buchs, an dem Mom schon seit Jahren schreibt. Ich habe meine Freunde immer um ihre normalen Mütter beneidet, die Klatschmagazine lesen, fernsehen und sich über Make-up und Prominente unterhalten. Die einzigen Berühmtheiten, die meine Mutter kennt, sind seit vierhundert Jahren tot.“

„Dafür heiratet sie nicht immer wieder unpassende Männer“, meinte Simon, als sie aus dem Lift traten und zu seinem Auto gingen.

„Wie oft war deine Mutter denn verheiratet?“

„Drei Mal. Jedes Mal blieb sie auf dem Trockenen zurück.“ Sie erreichten sein Auto, er half ihr vorsichtig hinein, ging um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer.

„Meinst du, sie würde aus Erfahrung klug? Weit gefehlt! Wenn es um die Liebe geht, wirft sie alle Bedenken über Bord, und ehe sie sich versieht, muss ich sie aus einem weiteren Schlamassel befreien.“

„Ich finde es schön, dass sie trotz aller Fehlschläge nicht den Glauben an die Liebe verloren hat“, erwiderte Clara so neutral wie möglich.

„Sie hat Angst, ohne Ehemann nicht zurechtzukommen, aber dazu hat sie keinen Grund. Obwohl sie allen erzählt, ich hätte mich um sie gekümmert, als Vater starb, war in Wahrheit sie es, die uns über Wasser hielt. Daran versuche ich zu denken, wann immer sie mich reizt – also ziemlich häufig.“

„Willst du aus diesem Grund nicht bei unserer Dokumentation mitmachen? Weil deine Mutter nie die wahre Liebe fand?“

„Nein, sondern weil ich einerseits sehr beschäftig bin mit wichtigeren Angelegenheiten und andererseits keine Lust habe, unnötig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Das hat mich nicht weiter gestört, als es um die Mikrokredite ging. Leider sind sie schon fast in Vergessenheit geraten, dafür bekomme ich heutzutage körbeweise Fanpost von albernen Frauen, die offenbar nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Wenn die Geschäftsleitung meiner Firma nicht darauf bestehen würde, würde ich auch die Analysen in den Nachrichten drangeben.“

Er startete den Motor und legte mit unnötig viel Kraft den ersten Gang ein. „Man hat mir zwar nicht direkt gesagt, dass mein Job daran hängt, aber ich habe es auch so begriffen.“

Diese Vorlage konnte Clara unmöglich ignorieren. „Es ist wirklich ungerecht, wenn ein Job an die Erledigung einer ungeliebten Aufgabe gebunden ist.“

Er erwiderte nichts, aber seine Miene ließ darauf schließen, dass er verstanden hatte. Zudem hatte seine Mutter ihn in das Versprechen eingebunden, ihr zu helfen, wo nötig, und er wusste haargenau, was das bedeutete.

Von einigen Richtungsangaben abgesehen, verlief die Fahrt schweigend. Clara verkniff sich jeglichen Hinweis auf das Angebot seiner Mutter, aber sie merkte, dass er darüber nachdachte: Wann immer sie verstohlen zu ihm hinüberblickte, zuckte ein Muskel in seiner Wange.

Auf einem freien Parkplatz in unmittelbarer Nähe zu ihrer Wohnung hielt er an und stellte den Motor ab. Eine Weile saßen sie reglos und stumm nebeneinander. Das Schweigen zog sich in die Länge.

Clara wollte seine Überlegungen nicht unterbrechen, ein kleiner Denkanstoß erschien ihr jedoch angebracht. Sie hob den verletzten Arm und zuckte zusammen – nur ein wenig, aber doch genug um anzudeuten, dass sie starke Schmerzen tapfer ertrug.

„Ist ja gut!“, rief Simon in einem Tonfall, als hätte sie ihn die ganze Fahrt über unter Druck gesetzt.

„Was?“

„Ich mache bei dieser albernen Sendung mit. Du musst mich nicht länger damit plagen.“

„Ich habe überhaupt nichts gesagt“, protestierte sie, während sie gleichzeitig versuchte, ihm ihre Begeisterung zu verheimlichen.

„Das war auch nicht nötig. Ich habe durchaus verstanden, was Mutter dir angeboten hat. Eines Tages drehe ich ihr noch den Hals um!“

„Tu das nicht, sie ist echt süß!“

Simon stieß lautstark den Atem aus und sah trübselig durch die Windschutzscheibe nach draußen. „Willst du mir nicht verraten, worauf ich mich einlasse?“

Beinahe tat er Clara leid. „Du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Wir verlangen keine Kunststücke oder billigen Tricks. Unser Regisseur Ted hat bereits zahlreiche Preise gewonnen und spekuliert schon auf den nächsten.“

Endlich darf ich die Rede halten, die ich so lange einstudiert habe, dachte sie glücklich. Wenn das kein gebrochenes Handgelenk wert war!

„In ‚Romantik: Fakt oder Fiktion?‘ gehen wir ganz seriös an das Thema heran. Wir definieren, was Romantik ist, wie sie sich auf uns auswirkt, und warum sich alle danach sehnen. Dabei versuchen wir, Klischees weitgehend zu vermeiden.“

Ein skeptischer Blick traf sie.

„Deine Teilnahme verleiht der Sendung Glaubwürdigkeit“, fuhr sie ungerührt fort. „Stella Holt vertritt die Seite der Romantik, während du dagegen argumentierst, wenn du das möchtest. Ihr ist sehr an der Zusammenarbeit mit dir gelegen“, fügte sie hinzu. „Wir sind sicher, dass der Dialog zweier so gegensätzlicher Moderatoren zu einer überaus spannenden Sendung führt.“

„Spannend … ja, das klingt gut.“ Erschöpft rieb er sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich kann nicht glauben, dass ich mir das überhaupt anhöre!“

Da er noch nicht überzeugt wirkte, fuhr sie fort: „Wir werden an drei verschiedenen Orten drehen, die als romantisch gelten. Paris darf dabei natürlich nicht fehlen.“

„Ich dachte, ihr verzichtet auf Klischees?“

„Wir untersuchen sie“, erklärte sie. „Außerdem besuchen wir eine tropische Insel, und als letzte Location schwebt uns etwas Wildes, Stürmisches vor, beispielsweise ein Cottage in den schottischen Highlands.“ Sie sah ihn neugierig an. „Was hältst du davon?“

„Das ist die albernste Idee, die mir je untergekommen ist“, sprach Simon unverblümt seine Meinung aus. „Was wollt ihr damit beweisen?“

„Wir wollen herausfinden, ob diese Orte tatsächlich romantisch sind, ob man dort aufgeschlossener für Gefühle ist und sich vielleicht sogar anders verhält.“

„Auf mich trifft das nicht zu“, versicherte er ihr im Brustton der Überzeugung. „Romantik ist nichts für mich.“

„Diesen Standpunkt darfst du gern vertreten.“ Clara bemühte sich, ruhig zu bleiben. Sie hatte ihn schon fast überzeugt und wollte nicht kurz vor dem Ziel alles verderben. Dabei juckte es sie in den Fingern, das Handy herauszuholen und Ted die gute Nachricht zu übermitteln.

Simon seufzte und massierte sich erneut das Gesicht. „Es geht also um drei Reisen?“

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