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ROMANA EXKLUSIV BAND 280

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Im Palazzo der süßen Träume

1. KAPITEL

Beim Anblick von Venedig kannte Beths Begeisterung keine Grenzen. La Serenissima, wie diese Stadt liebevoll genannt wurde, stieg aus dem Nebel, der über der Lagune lag, auf wie ein Edelstein. Überall hörte man das Wasser an die Bohlen und an die Mauern plätschern, es klang wie ein leises, liebevolles Flüstern. Es fiel Beth nicht schwer, sich mit der melancholischen Atmosphäre, die über der Stadt zu liegen schien, zu identifizieren. Sie war weit weg von zu Hause, und bei der Aussicht, in wenigen Minuten ihre neue Stelle im Kunsthaus Francesco Fine Arts anzutreten, wurde ihr ganz flau im Magen. Mir wird es dort gefallen, versuchte sie sich immer wieder einzureden. Aber momentan war sie nur müde, sie fühlte sich einsam und allein und hatte Angst vor dem Neubeginn. Zu viel war in den letzten Jahren geschehen, womit sie hatte fertig werden müssen. Die unsterbliche Schönheit und die heitere Gelassenheit Venedigs standen in krassem Gegensatz zu dem Durcheinander, das jahrelang in ihrem Leben geherrscht hatte. Der Tod ihres Vaters hatte sie zutiefst erschüttert, und die Probleme, mit denen sie sich danach konfrontiert sah, hatten sie völlig aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Sie besaß nicht länger die finanzielle Sicherheit, die ihr Vater ihr geboten hatte, und musste sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

Plötzlich gerieten einige der Passagiere in dem Boot in helle Aufregung. Ein halbes Dutzend Venezianerinnen brachen in Begeisterungsrufe aus, und dann blickten auch alle anderen Passagiere hinaus in den Nieselregen. Alle redeten gleichzeitig, und beobachteten das Schnellboot, das in seiner ganzen Pracht mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbeibrauste. Falls es hier Geschwindigkeitsbegrenzungen gab, hatte dieser Freizeitkapitän, der das Boot steuerte, sie bestimmt überschritten. Der Mann zog genauso viele Blicke auf sich wie das Boot selbst. Er war groß, schlank und wirkte mit der strengen, abweisenden Miene völlig konzentriert. Eine Hand lag auf der Holzverkleidung, während er mit der anderen steuerte. Beth hielt den Atem an und sprang unvermittelt auf. Sie kannte den Mann.

„Meine Güte! Was macht er denn hier?“, rief sie aus. Erst als die Leute um sie herum sie belustigt ansahen, wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand. Mit einem verlegenen Lächeln setzte sie sich hin und murmelte eine Entschuldigung. Vor lauter Stress werde ich noch verrückt, dachte sie. Luca war Berufssoldat und wäre bestimmt der Letzte, der ein Luxusschnellboot durch Venedigs Wasserstraßen steuerte. Genauso unvorstellbar war, dass er einen eleganten maßgeschneiderten Anzug trug. Das war jedoch kein Trost, denn der Schmerz über das Ende der Beziehung war auch nach all den Jahren noch ihr ständiger Begleiter. Schweigend und wehmütig beobachtete sie, wie das Boot in der Ferne verschwand. Der Mann, der Luca so ähnlich sah, schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein. Aber wer auch immer er sein mag, dachte Beth, er hat mich nicht mal wahrgenommen.

Und damit hatte Beth recht. Menschen, die aus eigener Kraft Millionär geworden waren, hatten kaum noch Zeit für Normalsterbliche. Da bildete Luca Francesco keine Ausnahme. An diesem Morgen quoll sein Terminkalender förmlich über. Glücklicherweise würde heute endlich Ben Simpsons Lieblingssekretärin, oder besser gesagt, seine persönliche Assistentin aus England eintreffen. Die Frau musste eine Heilige sein, denn nur so konnte sie es schaffen, mit ihm zurechtzukommen.

An der Anlegestelle von Francesco Fine Arts überließ es Luca seinem Mitarbeiter, das Boot festzumachen, und eilte in das Gebäude. Während er den Knopf für seinen privaten Aufzug drückte, nickte er den Mitarbeitern am Empfang flüchtig zu. Immer noch war er irritiert über Ben Simpson. Der Mann mochte auf seinem Gebiet ein Genie sein, aber ihm fehlte jegliches Fingerspitzengefühl. Die Bitte der Personalabteilung, Bens persönliche Assistentin gleich mitzuengagieren, hatte er gedankenlos abgesegnet. Es war ihm wie eine harmlose Spinnerei vorgekommen. Doch mittlerweile hatte er gemerkt, dass diese Frau für Ben Simpson offenbar überlebenswichtig war.

Schließlich betrat er den Aufzug, und als die verspiegelte Tür lautlos hinter ihm zuglitt, verzog Luca das Gesicht. Das letzte Glas Rotwein gestern Abend war eindeutig eins zu viel gewesen. Er war nach Florenz geflogen, um den Spitzenwein seines Freundes Guido zu probieren. Und wieder wie schon seit fünf Jahren waren sie sich einig, dass der diesjährige Wein noch besser war als der vorige. Auch wenn sich seine Begeisterung über derartige gesellschaftliche Verpflichtungen in Grenzen hielt, spielte Luca mit und tat, was man von ihm erwartete. Und genau deshalb hatte er das letzte Glas auch noch getrunken. Glücklicherweise war sein Chauffeur zugleich auch Pilot und hatte ihn vor wenigen Stunden nach Venedig zurückgeflogen. Zum Schlafen war er nicht mehr gekommen. Für seinen Geschmack erhielt er viel zu viele Einladungen, die er annehmen musste, sodass seine knappe Zeit noch knapper wurde.

Während Ben Simpson auf die Ankunft seiner persönlichen Assistentin wartete, die noch einige persönliche Dinge in England erledigen musste, hatte Luca sich mit ihm seine eigene Assistentin Andria geteilt. Obwohl er die angeblich so wunderbare und in jeder Hinsicht perfekte Sekretärin noch nicht kannte, war er der Meinung, die Frau hätte schon jetzt eine Gehaltserhöhung verdient. So wie er an diesem Morgen aufgelegt war, würde das nächste Problem mit Ben bestimmt mit einem großen Krach enden.

Als Beth ihre neue Arbeitsstätte betrat, klopfte ihr das Herz zum Zerspringen. Ben holte sie am Empfang ab und führte sie durch das alte Gebäude. Überall herrschte geschäftiges Treiben, und ihr erster Eindruck war, dass das Unternehmen wie jede andere internationale Gesellschaft mit einem Millionenumsatz mit der modernsten Kommunikationstechnologie ausgestattet war. Während sie die wertvollen Wandteppiche betrachtete, überlegte Beth, ob sich dahinter geheime Gänge verbargen. Die Menschen in der Renaissance waren sehr auf ihre Sicherheit bedacht gewesen, denn damals standen nicht nur große Vermögen auf dem Spiel, sondern oft genug war auch das eigene Leben in Gefahr.

Nachdem sie eine verwirrende Anzahl von Fluren entlang gelaufen waren, verlor sogar Ben die Orientierung. Immer wieder musste er sich von anderen Mitarbeitern den Weg zu seinen Büroräumen erklären lassen. Beth nutzte die Gelegenheit, sich die Umgebung genauer anzuschauen. Bewundernd betrachtete sie die antiken Beistelltische und die Stühle mit den hohen, mit Schnitzerei verzierten Lehnen, die in regelmäßigen Abständen auf den Fluren standen. Ihrem Vater hätte es hier gefallen, er war ein Liebhaber von Antiquitäten gewesen, die in diesem Gebäude überreichlich zu finden waren. Jedes Mal, wenn Gerald Woodbury unterwegs gewesen war, um seine Sammlung zu ergänzen, kam er mit mindestens einem exklusiven Stück zurück, von dem er sich dann nicht mehr trennen konnte. Dummerweise schrumpfte sein Kapital mit derselben Geschwindigkeit, wie er sein geliebtes Rose Cottage mit Antiquitäten füllte.

Endlich in ihrem neuen Büro angekommen, begann Beth sogleich damit, Ordnung in Bens Arbeitsalltag zu bringen. Die beiden Räume waren durch eine Tür verbunden, und sie konnte ihren Chef mühelos davon überzeugen, in den hinteren Raum umzuziehen. Dann wurde er nicht so oft abgelenkt, und alle, die etwas von ihm wollten, mussten sich erst bei ihr anmelden. So hatte sie die Kontrolle über seine Termine.

Nachdem das erledigt war und Beth sich mit dem hochmodernen Kommunikationszentrum und dem Computer vertraut gemacht hatte, passierte das erste Unglück. Während sie gerade ein Programm aufrief, rief Ben aufgeregt:

„Beth! Was soll ich nur machen? Ich habe mich auf meine Brille gesetzt und sie zerbrochen!“

„Ihre Ersatzbrille müsste doch in der obersten Schublade rechts in Ihrem Schreibtisch liegen. So hatten wir es immer gehandhabt.“

„Ja, ich weiß. Aber es war schon die Ersatzbrille. Gleich nach meiner Ankunft ist ein Glas der anderen Brille zerbrochen.“

Beth telefonierte herum und legte wenig später ihrem Chef einen Zettel auf den Schreibtisch.

„Nur keine Panik, alles lässt sich reparieren, wie Sie sehen. Hier sind Name und Adresse eines Optikers, der Englisch spricht. Man erwartet Sie dort.“

Mit strahlender Miene stand Ben auf und zog das Jackett über. „Falls Signor Francesco mich jemals fragt, warum ich auf Ihre Mitarbeit nicht verzichten kann, weiß ich, was ich ihm erzähle.“ Lächelnd und erleichtert verschwand er.

Kurz darauf läutete Bens Telefon, und schon wieder musste Beth ihren Chef aus einer unangenehmen Situation retten.

„Oh – Sie sind sicher Beth“, ertönte eine freundliche weibliche Stimme. „Ich bin Andria, Signor Francescos persönliche Assistentin. Könnten Sie Ben bitten, zu Signor Francesco zu kommen und die Unterlagen für die Tagung nächsten Monat mitzubringen? Die beiden können es sich in der Lounge hier oben auf der Direktionsetage bei einem Kaffee gemütlich machen.“

„Das tut mir leid, Andria, Ben musste dringend weg. Er ist gerade aus dem Haus gegangen.“

Andria zog die Luft scharf ein, ein deutliches Warnsignal, wie Beth vermutete. Natürlich musste sie retten, was zu retten war, und erklärte: „Ich kann Ihnen die Unterlagen selbst bringen, sie liegen vor mir auf dem Schreibtisch.“

„Fein.“ Andrias Erleichterung war nicht zu überhören. „Signor Francesco ist wirklich ein guter Vorgesetzter, aber was die Arbeit betrifft, versteht er keinen Spaß. Wenn er das Gefühl hätte, ich würde ihm eine Kaffeepause verordnen, ohne dass er dabei irgendetwas Sinnvolles tun kann, müsste ich mich auf ein Donnerwetter gefasst machen.“

Beide lachten. Dann steckte Beth die Unterlagen in Klarsichthüllen und kam zu dem Schluss, dass eine ihrer Hauptaufgaben wahrscheinlich darin bestand, Ben vor sich selbst zu schützen. Er hatte ein besonderes Talent dafür, sich in die Nesseln zu setzen, und brauchte jemanden, der dafür sorgte, dass er den Firmenchef nicht verärgerte. Deshalb war es eigentlich kein Wunder, dass Ben darauf bestanden hatte, sie mitzunehmen. Dass sie jedes Mal zusammenzuckte, wenn sie den Namen ihres neuen Arbeitgebers hörte, war ihr eigenes Problem. Früher oder später würde sie es bestimmt überwinden.

Als Ben ihr erzählte, Francesco Fine Arts hätte ihm ein verlockendes Angebot unterbreitet, hatte sie ein seltsames Unbehagen verspürt. Obwohl Francesco ein häufiger Name war, hatten ihre Nerven sogleich angefangen zu flattern. Doch dann war ihr bewusst geworden, wie dumm ihre Reaktion war. Luca Francesco hatte sich nur für seine Offizierslaufbahn interessiert und für sonst nichts, schon gar nicht für Kunst und Antiquitäten. Davon verstand er nichts. Das Unbehagen war sie jedoch nicht mehr losgeworden, völlig beruhigt wäre sie erst, sobald sie den Firmenchef persönlich kennengelernt hätte. Es wäre eine Erleichterung, mit dem Namen nicht mehr automatisch diesen großen, schlanken Mann verbinden zu müssen, der sie immer noch bis in ihre Träume verfolgte.

Während sie durch ein wahres Labyrinth von Fluren ging, hoffte sie, ihre Italienischkenntnisse würden ausreichen, um sich durchzufragen. Glücklicherweise verstanden alle, die sie nach dem Weg fragte, was sie meinte, und gaben ihr freundlich Auskunft. Höflich lächelnd betrat sie schließlich die Lounge, nachdem sie vorsichtig angeklopft hatte.

Das Lächeln verging ihr, als sie die beeindruckende Gestalt erblickte, die mit dem Rücken zu ihr am Fenster stand. Es war derselbe Mann, der das Schnellboot durch den Kanal gesteuert hatte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Ein Irrtum war ausgeschlossen, und sie befürchtete, kein Wort herauszubekommen, wenn er sich zu ihr umdrehte. Sein dunkles Haar glänzte genauso wie damals, es war nur etwas länger und reichte bis zum Hemdkragen. Dieser arbeitswütige Multimillionär war der Mann, den sie von ganzem Herzen liebte und nach dem sie sich jahrelang gesehnt hatte.

Lächelnd warf Luca einen Blick über die Schulter – und prompt wurde seine Miene so finster und sein Blick so feindselig, dass Beth insgeheim erbebte. Er war ein ungemein attraktiver Mann, wenn auch nicht schön im eigentlichen Sinn. Ganz besonders auffallend waren sein wie gemeißelt wirkendes Profil, die dunklen Augen und die langen, dichten Wimpern. Mit seiner überaus faszinierenden Ausstrahlung brachte er jede Frau um den Verstand. Beth war da keine Ausnahme. Seltsam, er ist so blass und wirkt müde, ist er etwa krank? schoss es ihr durch den Kopf.

„Was machst du denn hier? Ich glaube es nicht. Wenn das kein Albtraum ist.“ Seine Stimme klang hart, und er sah Beth abweisend an.

Sie war am Boden zerstört. Der Mann, der ihr immer noch viel zu viel bedeutete, freute sich nicht über das Wiedersehen, sondern versuchte, sie einzuschüchtern. Und das gelang ihm auch. Die Erinnerungen an die letzte Nacht in Balacha brannten noch immer in ihr.

„Luca, ich hatte ja keine Ahnung …“, begann sie verwirrt und verlegen. „Ich hätte die Stelle nie angenommen, wenn ich gewusst hätte …“

Mit einer energischen Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. Er verfügte zweifellos über noch mehr Autorität und Durchsetzungsvermögen als damals. Schon immer war er ungemein selbstbewusst aufgetreten, doch jetzt wirkte er geradezu gefährlich. Seine früher so offenen Züge waren streng, er schien auf der Hut zu sein. Die dunklen Schatten unter seinen Augen waren nicht zu übersehen. Beth war entsetzt darüber, wie sehr er sich verändert hatte. Doch sie fühlte sich noch genauso sehr zu ihm hingezogen wie damals, auch wenn die Feindseligkeit und Ablehnung, die von ihm ausgingen, mit den Händen zu greifen waren.

„Ich kann verstehen, dass du wütend auf mich bist, Luca. Mindestens hundertmal habe ich mich hingesetzt, um dir zu schreiben. Aber jedes Mal …“

„Erspar mir deine Lügen, Elizabeth.“ Seine Stimme klang hart. „Ich nehme an, du bist diese perfekte Sekretärin und persönliche Assistentin, auf die Ben Simpson angeblich nicht verzichten kann.“ Er trat auf Beth zu. Als sie zusammenzuckte und zurückwich, fuhr er ärgerlich fort: „Tu bitte nicht so, als hättest du Angst vor mir. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Was geschehen ist, ist geschehen, soweit es mich betrifft, gehört unsere gemeinsame Zeit der Vergangenheit an, und ich möchte nicht daran erinnert werden. Mein Interesse gilt ausschließlich dem Hier und Heute.“

Unvermittelt presste er die Hand auf die rechte Schläfe, so als hätte er Kopfschmerzen. Dann fuhr er fort: „Der Vertrag mit dir wird natürlich eingehalten. Ben ist Experte auf seinem Gebiet, ich möchte auf seine Mitarbeit unter keinen Umständen verzichten. Deshalb bin ich bereit, über einiges hinwegzusehen und mich mit deiner Anwesenheit abzufinden. Vielleicht gewöhne ich mich ja früher oder später daran.“

Nur mühsam schaffte sie es, sich zu beherrschen. In den letzten Jahren hatte sie allerhand durchgemacht, viel gelitten und sich mit Problemen konfrontiert gesehen, für die sie nicht verantwortlich gewesen war. Eine ganz andere Sache war Lucas kalter Zorn. Dafür war sie ganz allein verantwortlich. Ob es ihr passte oder nicht, sie musste sich damit auseinandersetzen.

„Keine Angst, ich werde nicht länger als die sechs Monate hierbleiben, wie vereinbart. Es würde mir nicht im Traum einfallen, dir Probleme zu bereiten.“ Es gelang ihr, die Stimme ruhig klingen und sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgewühlt sie war. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen und wäre aus dem Raum gestürmt.

„Solange du hier bist, wirst du Ben in jeder Hinsicht unterstützen. Immerhin ist er mein neuer Direktor.“ Es klang wie ein Befehl.

„Natürlich. Nur deshalb bin ich gekommen“, erwiderte sie scharf. „Aber ich werde so rasch wie möglich eine neue Sekretärin für Ben einarbeiten, sodass ich nicht noch länger hierbleiben muss.“

„Okay. Wichtig ist, dass wir beide wissen, woran wir sind.“ Er zögerte kurz, so als wollte er nicht etwas hinzufügen, und wandte sich dann ab. „Ich lasse uns etwas zu essen und zu trinken kommen.“

Da Beth die kleine Küche am anderen Ende des Raumes entdeckte hatte, stand sie auf, um sich selbst darum zu kümmern, wie es sich für eine gute Chefsekretärin gehörte. „Ich hole uns …“

„Elizabeth, du brauchst mich nicht zu bedienen! Setz dich bitte hin“, forderte er sie kühl auf.

Hastig ließ sie sich in einen der eleganten Sessel sinken und wagte nicht, Luca anzuschauen. Stattdessen betrachtete sie die Magazine vor ihr auf dem niedrigen Tisch, war jedoch nicht in der Stimmung, sie durchzublättern. Nachdem er kurz telefoniert und seine Wünsche durchgegeben hatte, zog er einen Stuhl heran und setzte sich Beth gegenüber. Obwohl er versuchte, es vor ihr zu verbergen, bemerkte sie, dass er sekundenlang das Gesicht vor Schmerzen verzog. Aber sie hütete sich, ihn zu fragen. Schließlich kam eine junge Frau mit einem Tablett herein und stellte zwei Tassen Kaffee und zwei Kuchenteller mit Gebäck auf den Tisch. Daneben legte sie je eine Serviette und eine Kuchengabel.

„Ich hole dir einen Teelöffel, Elizabeth“, verkündete Luca und wollte aufstehen.

„Nein, das ist nicht nötig, die Kuchengabel genügt mir vollauf“, versicherte sie ihm eilig und blickte abwechselnd ihn und die junge Frau an.

„Unsinn.“ Er stand auf, ehe er sich mit einem gewinnenden Lächeln an die Frau wandte und zu Beths Entsetzen erklärte: „Miss Woodbury isst den Kuchen mit Löffel und Gabel.“

„Die Menschen ändern sich, Luca“, stellte sie fest, als er mit dem Teelöffel zurückkam.

„Ich weiß. Deshalb hast du dich ja mit dem Mann auf und davongemacht, den ich für meinen Freund gehalten habe.“

„Was ich bitter bereut habe. Es war ein großer Fehler.“

„Das habe ich dir von Anfang an gesagt.“

Beth nahm den Löffel in die Hand und entgegnete sanft: „Ich finde es gemein, dass du mir meine Fehler vorhältst.“ Sie senkte den Kopf, damit ihre Miene ihm nicht verriet, wie sehr er sie immer noch verletzen konnte.

Nachdenklich sah er sie an. „Ja, du hast recht. Aber in gewisser Weise hast du die Bemerkung provoziert, Elizabeth.“

„Nenn mich bitte Beth, das ist mir lieber“, bat sie ihn leise. „Ich lege keinen Wert mehr auf Förmlichkeiten.“

„So? Es fällt mir schwer, das zu glauben.“ Er nahm die Gabel in die Hand und wollte ein Stück Kuchen abteilen.

„Moment, Luca! Du hast das kleinere Stück bekommen! Nimm meins, das ist größer!“

„Für mich hat es genau die richtige Größe. Ich bin kein großer Esser mehr.“

Das sieht man ihm an, dachte sie und musterte ihn besorgt. Sein eleganter maßgeschneiderter Anzug saß perfekt, doch Luca war viel schlanker als damals in Balacha, auch wenn er immer noch ungemein gut aussah.

„Hier in Venedig gibt es keine langen Fußmärsche oder nächtliche Manöver“, fügte er, um eine Erklärung bemüht, hinzu.

„Ich wette, darüber freut sich deine Freundin.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich höre keine Klagen.“

Die Bemerkung schockierte Beth genauso wie sein verächtlicher Blick.

„Du hast dich ja oft genug über mich beschwert, nicht wahr, Elizabeth?“

„Wundert dich das?“, gab sie zurück. „Noch mehr Gewicht solltest du aber nicht verlieren, Luca.“

Ohne den Blick abzuwenden, legte er die Hand auf ihre und vertauschte mit der anderen die beiden Teller.

„Du hast mich überzeugt, ich nehme das größere Stück.“

„Was für ein Glück, dass ich nicht hungrig bin“, erwiderte sie.

Er lehnte sich zurück und lachte schallend. „Höre ich da einen Anflug deiner früheren Schlagfertigkeit heraus, Beth? Ich befürchtete schon, du hättest sie verloren. Aber vielleicht habe ich mich ausnahmsweise einmal getäuscht.“

„Nein, das hast du nicht.“ Sie erinnerte sich noch allzu gut daran, wie sehr sie sich damals über seinen Scharfsinn geärgert hatte. „Du hast natürlich recht, wie immer. In den letzten Jahren ist das Leben nicht gerade sanft mit mir umgesprungen.“

Ehe er antwortete, blickte er sie sekundenlang durchdringend an. „Willkommen im Klub.“ Er streckte die Beine weit von sich. „Nachdem ich aus der Armee ausgeschieden war, blieb mir kaum etwas anderes übrig, als in Venedig in die Firma meines Großonkels einzutreten. Vor zwei Jahren ist er gestorben und hat mir alles hinterlassen, sein Haus und das Unternehmen, das ich erfolgreich ausgebaut habe.“

„Wie bitte? Du hast den Dienst quittiert?“ Sie konnte es nicht fassen.

„So habe ich es nicht ausgedrückt.“

Während sie auf eine Erklärung wartete, schwirrten ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Hatte man ihn etwa entlassen? Er war ein Hitzkopf, das wusste sie, andererseits verstand er es perfekt, sich zu beherrschen.

„Man musste mich gehen lassen.“ Mit regloser Miene zog er eine Packung Tabletten aus der Tasche seines Jacketts und schluckte zwei davon.

„Oh, Luca!“, rief sie aus. „Das …“

Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen und zeigte ihr das Titelbild der neuesten Ausgabe eines Wirtschaftsmagazins, auf dem sein Foto prangte. Die Unterschrift darunter lautete: „Einer der reichsten Männer Europas.“ Was für eine Ironie des Schicksals, die Rollen waren vertauscht, jetzt hatte er viel Geld und sie keins mehr.

„Offenbar hast du mehr Glück gehabt als ich, Luca.“

„Mit Glück hat das nichts zu tun.“ Wieder blickte er sie durchdringend an. „Als ich vor fünf Jahren hier ankam, hatte ich das Gefühl, nicht noch tiefer fallen zu können. Ich war es gewöhnt, Befehle zu erteilen und Verantwortung zu tragen, und fand mich plötzlich in der Rolle des armen Verwandten wieder. Und was noch schlimmer war, ich war vierundzwanzig Stunden am Tag im Haus eingesperrt.“ Er lachte humorlos auf, aber in seiner Stimme schwang kein Selbstmitleid. „Glaub mir, diesen Zustand konnte ich nicht lange ertragen. Ich habe mich zusammengenommen, mich aufgerafft und Francesco Fine Arts auf Vordermann gebracht. Nichts und niemand kann mich aufhalten, noch nicht einmal du, Elizabeth“, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

Sie wandte sich ab und aß den Kuchen, der köstlich schmeckte. Dann galt es, sich einen möglichst würdevollen Abgang zu verschaffen.

„Okay, Luca, ich muss jetzt gehen, es wartet viel Arbeit auf mich. Oder gibt es noch etwas zu besprechen?“, fragte sie betont kühl.

„Nein.“

„Ich meine, hinsichtlich Bens Unterlagen für die Tagung.“

„Das hatte ich auch so verstanden.“ Er sah auf seine Armbanduhr, die genauso auszusehen schien wie die, die sie ihm vor Jahren geschenkt hatte.

Beth vermutete jedoch, dass es nicht mehr dieselbe war.

Offenbar wartete er darauf, dass sie noch etwas sagte, denn er machte keine Anstalten aufzustehen. Aber sie brachte keinen Ton mehr heraus und befürchtete, er könnte ihr Herz pochen hören. Als sie ihm in die Augen sah, erinnerte sie sich an die flüchtige Berührung von vorhin. Plötzlich wünschte sie sich, er würde ihr verzeihen und sie wieder so berühren wie früher. Doch das konnte sie vergessen, denn er war der Firmeninhaber und sie nur eine kleine Angestellte, die ihre Gefühle verbergen musste.

Rasch nahm sie sich zusammen. „Ben ist sicher schon wieder da und erwartet mich“, erklärte sie ruhig. „Da er einen Termin beim Optiker hatte, verzichtet er heute auf die Mittagspause, sodass ich auch durcharbeiten werde.“

„Du musst etwas essen“, meinte er völlig unbeeindruckt. „Ich werde veranlassen, dass man dir hier um Punkt eins das Essen serviert. Um die Zeit hast du im Rose Cottage auch immer gegessen, wie du mir damals erzählt hast, oder?“

Als er das Rose Cottage erwähnte, wurden Erinnerungen geweckt, und sie beschloss, aufs Ganze zu gehen.

„Du könntest mich ja zum Mittagessen einladen, Luca.“ Sie stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Heute geht es leider nicht, aber vielleicht ein anderes Mal.“ Er erhob sich ebenfalls und verließ den Raum, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

Wie erstarrt blickte sie hinter ihm her. Offenbar konnte er gar nicht schnell genug von ihr wegkommen und in die Welt zurückkehren, in der es für sie keinen Platz mehr gab. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte, er hatte ihr eine klare Abfuhr erteilt.

2. KAPITEL

Als die Tür der Lounge ins Schloss fiel, erwachte Beth aus der Erstarrung. Sie wartete noch, bis Lucas Schritte auf dem Flur nicht mehr zu hören waren, ehe sie sich auf den Weg zurück in ihr Büro machte. Noch einmal wollte sie ihm heute nicht begegnen, das wäre ihr zu peinlich und unangenehm. Erst musste sie sich beruhigen und über die Abfuhr hinwegkommen.

Auf die Arbeit konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um Luca und den Hass, den er ihr entgegenbrachte. Allzu deutlich hatte er ihr zu verstehen gegeben, wie er zu ihr stand. Sie hatte jedoch Verständnis für seine Reaktion und beschloss, ihm nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen, um seiner Verbitterung keine neue Nahrung zu geben. Sie musste ihre Emotionen unter Verschluss halten und ihn kühl und höflich behandeln.

Aber da war etwas, das ihr keine Ruhe ließ und sich im Laufe des Tages zu einem echten Problem entwickelte. Die unbequeme Wahrheit begann, sich in ihren Gedanken einzunisten und wollte sich nicht mehr verdrängen lassen. In dem Moment, als er sich zu ihr umgedreht hatte, war alles wieder so gewesen wie damals. Sie hatte nie aufgehört, Luca zu lieben, und begehrte ihn immer noch. Egal, wie sehr sich seine Einstellung ihr gegenüber geändert hatte, wie sehr er sie hasste und wie sehr ihre eigenen Schuldgefühle sie belasteten, sie reagierte auf diesen Mann noch genauso wie damals.

In der Mittagspause verließ sie das Gebäude, um sich die Umgebung anzusehen, statt in der Lounge zu essen, wie Luca es ihr angeboten hatte. Allein die Vorstellung, ihm zu begegnen und sich seinen beunruhigenden Blicken ausgesetzt zu fühlen, verursachte ihr Übelkeit, so sehr ärgerte sie sich über ihre eigene Schwäche und ihre Reaktion. Vor fünf Jahren hatte Luca sich geweigert, sie zu heiraten. Und jetzt gab er ihr die Schuld am Scheitern der Beziehung, nur weil sie ihren Prinzipien treu geblieben war und ihm ein Ultimatum gestellt hatte. Doch heute würde sie ihre Prinzipien allzu gern umstoßen, wie sie sich ehrlicherweise eingestand. Er brauchte sie nur zu berühren, und sie war wie Wachs in seinen Händen.

Ich habe etwas Besseres verdient, versuchte sie sich zu trösten und biss die Zähne fest zusammen. Einem Mann nachzutrauern, der sie hasste, war sowieso sinnlos.

Nach ihrer Rückkehr stürzte sie sich in die Arbeit, um sich abzulenken. Es half jedoch alles nichts. Egal, womit sie sich beschäftigte, sie quälte sich den ganzen Nachmittag mit den Gedanken an Luca herum. Wenn jemand an die Tür klopfte, riss sie alarmiert den Kopf hoch, und wenn das Telefon läutete, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Als Ben am späten Nachmittag verkündete, er mache Feierabend und sie solle ebenfalls nach Hause gehen, atmete sie erleichtert auf und verabschiedete sich.

Am Morgen war sie vom Flughafen geradewegs ins Büro gefahren, ohne sich erst das Apartment anzusehen, das Ben für sie gemietet hatte. Er hatte ihr zwar den Weg beschrieben, aber leider so ungenau, dass die Suche sich jetzt zu einem wahren Albtraum entwickelte. Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen, und als Beth das Haus in dem eher schäbigen Viertel schließlich fand, war sie völlig durchnässt. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass die Wohnung kaum zwanzig Quadratmeter groß und nur spärlich möbliert war. Ihr Gepäck, das Ben schon in die Wohnung hatte bringen lassen, stand mitten auf dem schmutzigen Teppich. Der Raum, in dem es nach Feuchtigkeit roch, wirkte geradezu deprimierend und trug nicht dazu bei, ihre Stimmung aufzuhellen.

Wenigstens habe ich keine Zeit für Selbstmitleid, dachte sie, während sie ihre Tasche abstellte und zu dem einzigen Fenster ging. Offenbar hatte man lange nicht gelüftet, denn es ließ sich nur schwer öffnen. Frische Luft drang jedoch nicht herein, nur der Regen prasselte unaufhörlich auf das schmiedeeiserne Gitter vor den Scheiben. Unten im Hof hatten sich große Pfützen gebildet, und eine Taube hockte auf dem Fenstersims der Nachbarwohnung, so als suchte sie Schutz vor dem Regen.

Plötzlich klopfte es an der Tür, und Beth durchquerte den Raum mit wenigen großen Schritten. Das Lächeln, das sie auf die Lippen zauberte, erstarb, als sie den Besucher erkannte: Luca stand vor ihr.

Am liebsten wäre sie ihm vor lauter Freude um den Hals gefallen, doch sein Blick verhieß nichts Gutes, und sie blieb reglos stehen. Mit einem Gefühlsausbruch würde sie ihn bestimmt in die Flucht schlagen, und das wollte sie nicht riskieren. Sekundenlang sah sie ihn schweigend an. Statt des eleganten Anzugs trug er perfekt sitzende Jeans, dazu ein dunkles Seidenhemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren, und in seinem dunklen Haar glitzerten Regentropfen. In der einen Hand hielt er eine Flasche Rotwein, in der anderen eine Pizzaschachtel. Während er sie missbilligend anblickte, fuhr Beth sich nervös mit den Fingern durchs Haar.

„Wie hast du mich gefunden?“, fragte sie schließlich.

„Deine neue Adresse ist schon in der Personalakte vermerkt.“ Er runzelte besorgt die Stirn. „Ist dir nicht klar, wie gefährlich es ist, einfach die Tür zu öffnen, ohne sich zuvor zu vergewissern, wer der Besucher ist?“

Einen kurzen Augenblick glaubte sie, er hätte sie immer noch gern. Doch dann sagte sie sich, dass er es nur für seine Pflicht hielt, sie zu warnen.

„Ich habe gehört, dass du heute Mittag nichts gegessen hast, Beth. Das halte ich für eine schlechte Angewohnheit. Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Nachdem wir uns so lange nicht gesehen haben, hätten wir uns heute Morgen nicht so feindselig behandeln sollen.“ Er meinte es offenbar ernst, doch seine Miene blieb hart.

Beth nickte und trat einige Schritte zurück. „Es tut mir leid, dass das Apartment nicht einladend, sondern eher abstoßend wirkt.“

„Mach dir deswegen keine Gedanken, ich habe in noch schäbigeren Unterkünften gelebt.“

In Balacha, schoss es ihr durch den Kopf. Sie wagte jedoch nicht, es laut auszusprechen.

„Um mir einen Gefallen zu tun, hat Ben einen Makler mit der Wohnungssuche beauftragt. Vielleicht hat der Mann etwas missverstanden, sonst müsste ich jetzt sicher nicht in dieser … Bude hausen.“ Sie hielt den Blick gesenkt.

„Für ihn selbst hat man eine bessere Lösung gefunden, er wohnt vorerst in einem guten Hotel mit Blick auf den Canal Grande“, stellte Luca fest.

Sie machte eine abwehrende Handbewegung. „Es ist nicht so wichtig. Setz dich doch“, forderte sie ihn auf und wies auf den einzigen Stuhl.

„Du verblüffst mich, Beth“, erklärte er und blieb stehen. „Beinah könnte man glauben, du hättest dich wirklich verändert seit unserer Trennung.“

„Das habe ich auch.“

Skeptisch zog er eine Augenbraue hoch. „So?“

Sie nahm ihm die Pizzaschachtel aus der Hand und stellte sie auf den kleinen Tisch. Als sie die Schranktür in der winzigen Küchenzeile öffnete, wich sie entsetzt zurück. Mit einem großen Schritt war Luca neben ihr und bemerkte das schmutzige Geschirr. Offenbar hatte sich der Vormieter die Mühe erspart, es abzuwaschen. Nachdem er vergeblich ein Abwaschtuch und ein Geschirrspülmittel gesucht hatte, begnügte Luca sich damit, das Messer unter lauwarmem Wasser zu säubern. Dann gab er es ihr, und sie schnitt die Pizza sorgfältig in mehrere gleichgroße Teile.

„Ich hätte besser eine kleine Pizza mitgebracht“, meinte er, als sie ihm ein Stück reichte. „So, wie ich dich kenne, wirfst du den Rest weg, sobald du wieder allein bist.“

„Nein, die Zeiten sind vorbei.“ Sie errötete, als sie sich daran erinnerte, wie sorglos sie mit Geld umgegangen war. Sie war oft und gern zum Essen ausgegangen und immer auf der Suche nach etwas Neuem gewesen.

„Soll ich dir das glauben?“

„Ja, das musst du sogar“, bekräftigte sie.

„In dem Fall kann ich nur hoffen, dass du immer noch so gern feierst wie früher. Ich beabsichtige nämlich, eine Party zu geben, um Ben als meinen neuen Direktor vorzustellen. Als seine persönliche Mitarbeiterin bist du natürlich auch eingeladen. Es ist für dich eine gute Gelegenheit, deinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen: Du lernst Menschen kennen, kannst das gute Essen genießen, Spaß haben und nach Herzenslust tanzen.“

Offenbar ist er nur gekommen, um mich einzuladen, ich hätte mir keine Illusionen zu machen brauchen, dachte sie ernüchtert. Als sie die Tür geöffnet und ihn vor sich gesehen hatte, hätte sie vor Erleichterung beinah geweint. Jetzt war sie froh, dass sie es nicht getan und sich beherrscht hatte.

„Wann findet die Party denn statt?“, fragte sie höflich und zauberte ein Lächeln auf die Lippen.

„Das steht noch nicht endgültig fest, ich wollte es mit dir besprechen. Wie viele Tage oder Wochen im Voraus muss ich Ben die Einladung überreichen, damit er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist?“

Ärgerlich sah sie ihn an, doch ehe sie antworten konnte, fuhr er fort: „Es müsste auf jeden Fall ein Freitag oder Samstag sein wegen der Gäste, die von außerhalb kommen.“

„Und wie viele Wochen im Voraus musst du diese Leute einladen?“

Luca lächelte spöttisch. „Was willst du damit andeuten?“

„Nun, sie haben vielleicht schon andere Termine, wenn du sie zu kurzfristig einlädst.“

Er schüttelte den Kopf. „Das ist kein Problem. Andria telefoniert herum, und wenn sie Zeit haben, kommen sie. Wenn nicht, dann nicht. Allerdings habe ich bisher noch nie eine Absage erhalten.“

Das konnte Beth sich gut vorstellen.

„Wenn du sonst keine Einwände hast, kann die Party also am kommenden Wochenende stattfinden. Ich sage Andria gleich Bescheid, damit sie alles Nötige veranlassen kann.“

„Sitzt sie etwa noch im Büro und arbeitet, obwohl du längst nach Hause gegangen bist?“, erkundigte sich Beth leicht empört.

„Nein, natürlich nicht.“ Er war beleidigt. „Wofür hältst du mich?“

Für einen Workaholic, erwiderte sie insgeheim und beobachtete ihn, wie er das Handy aus der Tasche seiner Jeans zog. Sie konnte den Blick einfach nicht abwenden, allzu gut erinnerte sie sich daran, was für einen herrlichen Körper er hatte. Heißes Verlangen durchströmte sie, und sie war froh, dass er beschäftigt war und nicht ahnte, was in ihr vorging.

Er lächelte, während er sich mit Andria unterhielt, und warf Beth einen kurzen Blick zu. Natürlich galt das Lächeln nicht ihr, dessen war sie sich sicher. Offenbar hatte seine Sekretärin etwas gesagt, das ihn belustigte. Hatte Andria nichts dagegen, von ihrem Chef auch noch zu Hause in ihrer Freizeit mit geschäftlichen Angelegenheiten belästigt zu werden? Das konnte Beth sich kaum vorstellen.

Sie wandte sich ab. Irgendwie war es ihr unangenehm, dass sie alles mitbekam, was er sagte. Es ließ sich jedoch in dem kleinen Raum nicht vermeiden.

„Sie kennen mich einfach zu gut“, meinte er. „Deshalb sind Sie ja auch meine persönliche Assistentin, Andria.“ Er schaute sich in dem engen Apartment um. „Offenbar hat man Beth weder Blumen noch den üblichen Präsentkorb zur Begrüßung hingestellt hat, Sie wissen schon, Kaffee, Obst, Schokolade, italienische Spezialitäten und dergleichen.“

Schließlich beendete er das Gespräch und steckte das Handy wieder in die Tasche seiner Jeans. „Andria ist die beste Mitarbeiterin, die ich jemals hatte, sie kann meine Gedanken lesen“, behauptete er mit zufriedener Miene.

„Das ist kein Kunststück, Luca. Das schafft jede Sekretärin. Sie braucht nur ihre eigenen Interessen deiner Karriere unterzuordnen.“

„Mit anderen Worten, du glaubst, deine Entscheidung, mich zu verlassen, sei richtig gewesen, oder? Dann würde ich dir gern zeigen, was ich dank harter Arbeit erreicht habe.“ Wieder telefonierte er und bat darum, abgeholt zu werden. „In zehn Minuten ist mein Mitarbeiter mit dem Motorboot hier. Den Wein und die Pizza nehmen wir mit.“

Als sie wenig später das Apartment verließen, hatte Beth Mühe, ihm zu folgen. Mit großen Schritten eilte er ihr voraus unter der Wäsche hindurch, die trotz des Regens an den über die Gasse gespannten Leinen hing. In diese Gegend verirrten sich bestimmt keine Touristen, hier lebten ausschließlich Einheimische. Beth war froh, als sie die Anlegestelle erreichten. Sie erkannte sogleich das Luxusschnellboot, das ihr am Morgen auf ihrer ersten Fahrt durch Venedig aufgefallen war. Luca half ihr beim Einsteigen, und bei der Berührung seiner warmen, kräftigen Hand versteifte sich Beth, aber nachdem sie sich hingesetzt hatte, ließ er sie wieder los. Beim Ablegen bekamen sie einen Streit zwischen einem der Mieter des Hauses am Wasser und einem anderen Bootsführer mit, der darin gipfelte, dass aus einem der Fenster ein Eimer voller Gemüsereste hinausgeworfen wurde.

Beth rümpfte die Nase. „Ich habe gedacht, in Venedig seien die Menschen kultivierter.“

„Es wird Winter, und die Nächte werden länger. Das bedeutet, dass die Menschen leichter die Geduld verlieren. Es ist jedoch nicht immer und überall so. Du wirst diese Stadt lieben lernen, zu allen Jahreszeiten.“

„Vergiss nicht, dass ich nur ein halbes Jahr hierbleibe“, erinnerte sie ihn.

Dass er es kommentarlos hinnahm, verletzte sie, und sie schwieg beleidigt. Als der Bootsführer auf die Anlegestelle vor einem prachtvollen Palazzo zufuhr, gab sie einen erstaunten Laut von sich.

„Gefällt dir mein Zuhause?“ Luca lächelte zufrieden.

„Meine Güte!“ Bewundernd betrachtete sie das rosa getünchte Gebäude, das aus dem Wasser aufragte. Trotz des wolkenverhangenen Himmels strahlte es Anmut und eine zeitlose Schönheit aus. „Ich bin beeindruckt!“

„Der Haken an der Sache ist, der Palazzo sinkt immer tiefer ab“, entgegnete er und verzog spöttisch die Lippen. „Es wäre billiger, ihn Stein für Stein abzutragen und auf dem Festland wieder aufzubauen. Dann könnten wir ihm ein solides Fundament geben. Ich weiß noch nicht, was ich mache, er verursacht jedenfalls ständig neue Kosten und zwingt mich, meine Tage im Büro zu verbringen und die Firma am Laufen zu halten.“

Sie hatte nicht vergessen, wie sehr er es liebte, frei und ohne Zwänge zu leben. Damals hätte sie sich nur schwer vorstellen können, dass er es jahrelang in ein und demselben Haus aushielt, auch wenn es so ein prachtvoller Palazzo war wie dieser.

„Du hast eigentlich nie etwas über deine Familie erzählt, Luca“, stellte sie fest.

„Mein familiärer Hintergrund war mir zu der Zeit nicht wichtig. Außerdem hast du nie gefragt. Du warst glücklich, die große Dame spielen zu können, die sich mit einem so rauen Naturburschen wie mir eingelassen hatte.“

Das war zweifellos übertrieben, aber Beth hatte Verständnis dafür, dass er so verbittert war.

Nachdem das Boot an der Anlegestelle befestigt worden war, sprang Luca an Land und reichte Beth die Hand, um ihr herauszuhelfen. Sie zögerte, denn sie wusste genau, was geschehen würde, wenn sie die Hand in seine legte. Doch sie hatte keine andere Wahl. Und dann kribbelte ihr prompt die Haut, es überlief sie heiß, und sie sehnte sich nach mehr.

Mit einem freundlichen Lächeln entließ Luca seinen Mitarbeiter, und sie gingen nebeneinanderher auf den Eingang des prunkvollen Gebäudes zu.

„Was in Balacha geschehen ist, tut mir sehr leid“, begann Beth steif, um das angespannte Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, zu durchbrechen.

„Das glaube ich dir.“ Betont interessiert betrachtete er die Fassade des Gebäudes.

„Kannst du mich nicht ansehen, wenn du mit mir redest, Luca?“

Mit Pokermiene blickte er sie an. „Ist es dir so recht?“

„Es war dumm, was ich getan habe. Ich war fürchterlich wütend und habe die Beherrschung verloren. Im Gegensatz zu dir war Tristram immer da, eines Tages war mir plötzlich alles zu viel.“ Wie um Verständnis bittend sah sie ihm in die Augen, doch außer Kälte und Gleichgültigkeit konnte sie darin nichts erkennen. Sie musste sich damit abfinden, dass er nichts mehr für sie empfand. Sein früher so weiches, liebevolles Herz war offenbar zu Stein erstarrt. „Haben dich unser Streit und die Trennung denn völlig kalt gelassen?“

„Es ist schon lange her, Beth, ich habe es längst überwunden.“

„Mehr fällt dir dazu nicht ein? Ich fasse es nicht.“

Er seufzte genervt. „Bekanntlich ziehen Gegensätze sich an, Beth. Als du merktest, dass wir nicht ganz so verschieden sind, wie du geglaubt hast, hast du das Interesse verloren. Wir beide setzen gern unseren Willen durch, mit anderen Worten, wir sind ziemlich unflexibel. Und das ist keine gute Voraussetzung für eine Partnerschaft – wie man behauptet.“

„Bist du etwa auch der Meinung?“

„Ja“, antwortete er langsam. „Davon bin ich überzeugt.“

Erschüttert über seine Gleichgültigkeit, sah sie ihn sekundenlang an. Dann tat sie das, was sie fast immer tat: Sie erinnerte sich an ihr gutes Benehmen und erklärte höflich: „Da du mich freundlicherweise mitgenommen hast, um mir dein Zuhause zu zeigen, würde ich es mir gern auch von innen anschauen, wenn es dir recht ist, Luca.“

3. KAPITEL

Beth staunte immer wieder von Neuem, wie sehr Luca sich verändert hatte. Früher hatte er über ihr Interesse an alten Häusern gelacht. Und auch jetzt rechnete sie damit, dass er eine entsprechende Bemerkung machen würde, aber er schwieg. Da er aus der Armee ausgeschieden war, hatte er vielleicht gegen einen festen Wohnsitz nichts mehr einzuwenden. Jedenfalls musste es für ihn ein Riesenschritt gewesen sein und ihn große Überwindung gekostet haben, sich mit diesem Prestigeobjekt anzufreunden und darin zu wohnen. Wie auf einen geheimen Befehl öffneten sich die beiden Flügel des Portals, und sie wurden von dem Hauspersonal empfangen. Ein Mitarbeiter nahm ihm die Pizza und die Flasche Wein ab, die er mitgebracht hatte, während ein anderer Mann mittleren Alters Beths Jacke auf einem Kleiderbügel in den schweren antiken Mahagonischrank hängte, der in der riesigen Eingangshalle stand.

Sein neues Zuhause raubte ihr beinah den Atem, es war wirklich ein Palast. Zwei große Marmorlöwen mit Flügeln zierten den oberen Treppenabsatz und blickten mit aristokratischer Verachtung auf alle Besucher hinab. Alles, was nicht auf Hochglanz poliert war, war mit Blattgold überzogen. Beth wusste gar nicht, was sie sich als Erstes anschauen sollte, so viel gab es hier zu bewundern. Auf dem Marmorboden hallten die Schritte wie in einer Kathedrale. Die graugeäderten Platten waren mit sich wiederholenden geometrischen Mosaiken in Sienarot und Zypressengrün verziert.

„Der Marmor stammt aus verschiedenen Steinbrüchen“, erklärte Luca, während er sie an den Standbildern seiner Vorfahren vorbeiführte. „Als ich in England im Internat war, machten meine Mitschüler Urlaub in irgendwelchen fernen Ländern und brachten alle möglichen Souvenirs mit zurück. Natürlich hatten sie auch viel zu erzählen. Nur ich hatte keine Familie, mit der ich verreisen konnte, ich musste auf Wunsch meines Vormunds die Ferien im Internat verbringen. Damals konnte ich mir nichts Romantischeres vorstellen als Schloss Windsor, aber jetzt …“ Er verstummte und zögerte weiterzusprechen.

Auch das kannte Beth nicht an ihm. Sie blickte ihn an und bemerkte so etwas wie Verwunderung oder Erstaunen in seinem Gesicht, während er sich in der Eingangshalle umsah, die geradezu verschwenderisch mit Werken bekannter Renaissancekünstler ausgestattet war. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass Beth ihn beobachtete, und er setzte wieder eine unbeteiligte Miene auf.

„Das hier kommt mir vor wie ein Aufbewahrungsort von Reiseandenken, die meine Vorfahren auf Handelsschiffen aus Asien, Ägypten, Griechenland und anderen Ländern mitgebracht haben. Ich habe das große Glück, alles für spätere Generationen bewahren und schützen zu können.“

„Du scheinst den Palazzo wirklich zu lieben.“ Beth lächelte über den Stolz, der in seiner Stimme schwang.

Luca zuckte mit den Schultern, so als wäre das alles für ihn eher eine Belastung, an die er sich gewöhnt hatte.

„Ich fange an, ihn zu mögen. Das prachtvolle Gebäude und die Menschen, die hier gelebt haben, dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Da meine Eltern früh gestorben sind, hat Tradition für mich einen hohen Stellenwert. Auch wenn ich meine Zeit lieber im Freien und in der frischen Luft verbringe, bin ich es meinen Vorfahren schuldig, den Palazzo instand zu halten und ihn als mein Zuhause zu betrachten.“

„An deine Nachkommen denkst du dabei nicht?“, fragte Beth.

Ohne die Frage zu beantworten, ging er ihr voraus in den Innenhof mit den Schatten spendenden Kolonnaden und dem Brunnen, der mit Wappentieren reich verziert war. Überall waren die Spuren zu erkennen, die die Jahrhunderte hinterlassen hatten, und alles sprach von vergangener Schönheit.

„Beim Planen und Bauen des Palazzo hat man an alles gedacht, ich habe sogar meine eigene Wasserversorgung.“ Er wies auf den Brunnen in der Mitte des Hofes.

Beth legte die Hände auf den Rand und beugte sich darüber. „Wie tief ist der Brunnen? Man kann nicht bis auf den Grund sehen.“

Luca zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. In Zeiten der Belagerungen diente er zur Versorgung mit Trinkwasser. Ich habe ihn noch nicht ausmessen lassen.“

„Hat er magische Kräfte?“

Der Blick, den er ihr zuwarf, raubte Beth den Atem, und ihr Herzschlag setzte aus.

„Versuch doch einfach, ob er dir einen Wunsch erfüllt“, schlug er vor.

Das brauchte er ihr nicht zweimal zu sagen. Sie durchwühlte ihre Tasche und warf schließlich eine Euromünze über die Schulter in den Brunnen. Luca beobachtete sie belustigt und lächelte über ihre kindische Freude, als die Münze mit einem sanften Geräusch ins Wasser fiel.

„Hoffentlich bewirkt es etwas.“ Wenn er meine Gedanken lesen kann, habe ich ein Problem, schoss es ihr durch den Kopf.

„Oh ja, das tut es ganz bestimmt“, versicherte er ihr und ging die Freitreppe hinauf, die in den nächsten Stock führte. „Kein Besucher kann der Versuchung widerstehen, Münzen hineinzuwerfen, sodass wir den Brunnen regelmäßig säubern lassen. Das Geld hilft uns, die Rechnungen zu bezahlen.“

„Luca!“, rief sie lachend und eilte hinter ihm her. „Wo ist deine romantische Ader geblieben?“

Sein Lachen hallte von den alten Mauern wider. „Die ist mir im Laufe der Jahre vergangen, cara.“

Die liebevolle Anrede ließ ihr Herz höherschlagen. Aber als sie seine Miene bemerkte, wurde ihr klar, dass sie sich keine Hoffnungen zu machen brauchte. Er war stolz auf seinen Besitz, das war alles. Sie kannte ihn gut genug und wusste, dass er nie über seine Gefühle redete oder höchstens dann, wenn es zu spät. Während er sie durch eine Reihe von luxuriösen Zimmerfluchten führte, hing sie ihren Erinnerungen nach.

„Hier endet die offizielle Führung“, erklärte er sichtlich erleichtert, ehe sie den anderen Flügel des Gebäudes betraten. „Die Räume rechts von dir werden ‚Tiepolos Hochzeitssuite‘ genannt, weil dieser italienische Meister angeblich der letzte Maler war, der sie ausgeschmückt hat.“ Er wies auf die Tür neben ihnen.

Ohne zu zögern, betrat sie die Suite, in der es nach Lavendel duftete. Im Eingangsbereich blieb sie jedoch stehen, um in der Dunkelheit, die hier herrschte, nicht zu stolpern oder etwas umzuwerfen. Luca ging an ihr vorbei, öffnete die Fensterläden vor den hohen Fenstern, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die nach dem verregneten Nachmittag wieder schien, fielen herein. Sprachlos sah Beth sich um, ehe sie staunend in den Räumen mit den hohen Decken umherwanderte.

„Das hier übertrifft an Pracht und Schönheit alles, was ich bisher gesehen habe.“ Fasziniert betrachtete sie die Deckengemälde, die den Himmel darstellten. Auf pink- und silberfarbenen Wolken tummelten sich Götter und Engel. Dank der wertvollen alten Teppiche, die farblich auf die Deckenmalerei abgestimmt waren, klapperten ihre Absätze nicht auf dem Marmorfußboden, was auch völlig unpassend gewesen wäre, wie sie fand. Sogar die Polstermöbel wiesen dieselben Farben auf, und die alten Stilmöbel waren auf Hochglanz poliert.

Wie betäubt wanderte Beth durch die Suite. Im Schlafzimmer stand ein breites Bett, über dem ein prunkvoller Baldachin drapiert war. Als sie nach oben blickte, um herauszufinden, wie und wo das in üppigen Falten bis auf den Boden fallende feine Material befestigt war, meinte sie: „Da oben unter der Decke könnte es eigentlich etwas heller sein.“

„Kein Problem, dein Wunsch ist mir Befehl.“ Luca nahm mehrere Kerzen aus der Schublade der antiken Kommode, steckte sie in die Wandleuchter, die im ganzen Raum verteilt waren, und zündete eine Kerze nach der anderen an. Schließlich verbreiteten sie ihr weiches Licht in dem ganzen Raum. „Elektrisches Licht passt nicht so gut zu so viel Prunk und Pracht, finde ich. Aber wir haben hier natürlich auch Lampen mit Glühbirnen, wie du siehst.“

„Ja. Ich an deiner Stelle würde in dieser Suite wohnen statt in dem anderen Flügel des Palazzo. Auf mich wirkt sie warm und freundlich“, stellte sie fest.

„Ich brauche kein warmes, freundliches Apartment, wie du es ausdrückst. Und warum sollte ich ausgerechnet in der Hochzeitssuite wohnen?“ Er sah sie fragend an. „Die Ehe ist sowieso nichts für mich.“

Das waren ihre Worte, genau das hatte sie ihm damals immer vorgehalten. Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ab und entdeckte noch etwas, das Luca niemals in seiner eigenen Wohnung dulden würde: Die Wände waren mit Dutzenden von Putten bemalt.

„Vermutlich hast du recht. Das hier ist nichts für dich, die Wandmalerei entspricht überhaupt nicht deinem Geschmack. Solche Kinderengel würdest du in deinem Schlafzimmer nicht ständig sehen wollen.“

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich betrachte es als Kunst und nicht als Aufforderung, etwas Bestimmtes zu tun.“

Verblüfft blickte sie ihn an. So hätte er damals nicht geredet. Und auch dass er sich als Kunstexperte zu erkennen gab, hätte sie nicht erwartet.

Nachdem sie ihr Erstaunen überwunden hatte, konnte sie sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Luca, du hörst dich beinah so an wie mein Vater!“

Ihr Sarkasmus berührte ihn nicht, er sah sie nur mitleidig an. „Ich nehme die Verantwortung, die man mir übertragen hat, sehr ernst. Das war schon immer so. Als ich hier ankam, war die Firma meines Großonkels fast bankrott. Aber ich war nicht bereit, tatenlos zuzusehen. Genauso wenig war ich bereit, aus lauter Enttäuschung darüber, dass ich die Armee verlassen musste, in Trübsinn zu verfallen und nichts Neues zu wagen. In meiner Freizeit habe ich alles über Kunst gelesen, was ich finden konnte. Du hast ja vorhin selbst gesehen, wie gut die Bibliothek bestückt ist. Dank der neu erworbenen Kenntnisse und meines Organisationstalents habe ich das Unternehmen modernisiert, vergrößert, die Umsätze gesteigert, und jetzt genießen wir sogar international einen guten Ruf. Ich hatte mir fest vorgenommen, das Familienunternehmen erfolgreich zu führen, also habe ich keine Zeit verschwendet und schließlich mein Ziel erreicht.“

„Ja, darauf kannst du stolz sein.“ Sie wanderte hinüber zu dem niedrigen Tisch aus poliertem Eibenholz und nahm die Schale in die Hand. „Oh, feinstes Meißner Porzellan“, stellte sie fest. „Schade, dass dieses wertvolle Stück hier steht, wo es keiner sieht.“

„Natürlich wird die Schale hier gebührend bewundert. In dieser Suite bringe ich meine Gäste unter“, entgegnete er mit einem bedeutungsvollen Lächeln.

Wahrscheinlich meint er seine Freundinnen, dachte sie. „Das macht die Sache ja noch schlimmer“, murmelte sie, während sie die Stilmöbel und die wunderschönen kleineren und größeren Figuren aus Glas, hergestellt von venezianischen Glaskünstlern, und aus wertvollem Porzellan betrachtete. Was sie hier sah, war ein kleines Vermögen wert, dessen war sie sich sicher.

„Hast du keine Angst, dass das eine oder andere Stück zerbrochen oder gestohlen wird?“

„Wenn ich das befürchtete, wäre ich ein schlechter Gastgeber“, antwortete er unbekümmert und durchquerte den Raum.

Beth beobachtete ihn und erinnerte sich daran, wie groß ihre Angst gewesen war, er würde eines Tages von einem Einsatz nicht zu ihr zurückkehren, eine Angst, mit der sich vermutlich jede Partnerin eines Berufssoldaten herumquälte. Und jetzt legte sich die Kälte, mit der er sie behandelte, wie eine Klammer um ihr Herz. Unter dem blauen Seidenhemd zeichneten sich sein Rücken und die breiten Schultern deutlich ab. Plötzlich durchströmte sie heißes Verlangen, und sie befürchtete, nie darüber hinwegzukommen, dass sie nicht mehr zusammen waren.

Als er die dünne weiße Gardine mit den schlanken gebräunten Fingern zurückschob, erinnerte sie sich so lebhaft an seine Berührungen, dass es beinah körperlich schmerzte. Alte Wunden wurden aufgerissen, die nie wirklich verheilt waren. Unfähig, ihr Verlangen noch länger zu ignorieren, ging sie auf ihn zu. Obwohl der dicke Orientteppich ihre Schritte verschluckte, spürte Luca, dass sie auf ihn zukam. Er drehte sich zu ihr um und blickte sie mit undefinierbarer Miene unverwandt an. Sie war ihm so nah, dass sie den Duft seines Aftershaves wahrnahm. Verzweifelt sehnte sie sich danach, ihn zu berühren und seinen Körper an ihrem zu spüren.

Wie weit wollte sie gehen? Offenbar hatte er nicht vor, ihr entgegenzukommen, deshalb musste sie sich auf ihren Instinkt verlassen. Nervös hob sie die Hand und berührte sanft seine Wange mit den Fingerspitzen. Seine Haut fühlte sich noch genauso an wie damals. Langsam ließ sie die Finger bis zu seinem Kinn gleiten. Schweigend und reglos wie eine Statue stand Luca da und ließ sie gewähren, während sie ihm die Hand behutsam auf den Nacken legte. Außer dass etwas in seinem Blick sie aufzufordern schien, weiterzumachen, zeigte er keinerlei Reaktion. Schließlich zog sie die Hand zurück und schloss die Augen. Mehr wollte sie nicht riskieren, sonst würde er sie vielleicht zurückweisen.

Plötzlich spürte sie, dass es dunkler wurde um sie her, und öffnete die Augen wieder. Luca hatte nicht nur die Gardine, sondern auch den Vorhang zugezogen.

„Wie fühlt es sich an, wenn einem das verweigert wird, was man sich am sehnlichsten wünscht, cara?“, flüsterte er.

„Luca, ich kann es nicht ertragen, wenn du so mit mir redest“, erwiderte sie leise.

Obwohl er sich so dicht vor sie stellte, dass sie die Wärme seines Körpers spürte, waren sie unendlich weit voneinander entfernt. Sie konnte das alles kaum noch ertragen und senkte den Kopf. Sogleich legte er ihr den Finger unter das Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.

Sie wusste genau, was als Nächstes kommen würde, war aber dennoch überrascht, als er sie stürmisch umarmte und die Lippen auf ihre presste. Genau wie früher hatte er auch jetzt wieder leichtes Spiel mit ihr. Während er ihren Mund mit der Zunge erforschte, hatte sie das Gefühl, sie seien nie getrennt gewesen und es hätte jene verhängnisvolle Nacht in Balacha nicht gegeben, die das Ende ihrer Beziehung bedeutete.

Sie erwiderte seine leidenschaftlichen Küsse und klammerte sich an ihn. Fünf lange Jahre hatte sie die Gefühle unter Verschluss gehalten, die jetzt mit aller Macht hochkamen. Doch so unvermittelt, wie er sie an sich gerissen hatte, löste er sich wieder von ihr.

Beim Anblick seiner undurchdringlichen Miene brach Beths Herz in tausend Stücke. So fühlte es sich jedenfalls an. Luca hatte sich immer noch perfekt unter Kontrolle, genau wie damals. In dieser Hinsicht hatte er sich nicht verändert. Sein Herz und seine Seele würde sie nicht mehr berühren können, auch wenn er ihr erlaubte, seinen Körper zu berühren. Jede Hoffnung auf eine Versöhnung konnte sie begraben. Seinem eisernen Willen gegenüber war sie völlig machtlos, da halfen ihr ihre Sehnsucht und ihr Verlangen auch nicht. Luca wies sie mit derselben Leichtigkeit zurück, mit der er sie an sich gerissen hatte.

„Empfindest du wirklich gar nichts mehr für mich?“, fragte sie leise.

Er kniff die Augen zusammen. „Lass mich die Frage so beantworten: Nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist, brauche ich dich nicht mehr.“ In seiner Stimme schwang Verachtung, und sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Wie sagt man so schön? Gebranntes Kind scheut das Feuer. Hast du das vergessen? Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff, mein Schatz.“

Beth streckte die Hände nach ihm aus, ließ sie jedoch rasch wieder sinken. Wenn sie nicht noch einmal zurückgewiesen werden wollte, musste sie sich beherrschen. „Luca, du warst doch genauso gern mit mir zusammen wie ich mit dir, oder?“, begann sie. Noch war sie nicht bereit aufzugeben, auch wenn sie dabei ihre Selbstachtung verlor. „Kannst du allen Ernstes behaupten, es hätte dir keinen Spaß gemacht?“

Während er sie schweigend ansah, spiegelten sich die Flammen der Kerzen hinter ihr in seinen Augen.

„Das behaupte ich gar nicht. Ehrlich gesagt, es hat mir sogar sehr viel Spaß gemacht“, gab er schließlich zu. Dass er sie immer noch begehrte, konnte und wollte er nicht leugnen. Dennoch setzte er eine abweisende Miene auf. „Wenn ich wollte, könnte ich hier und jetzt mir dir schlafen, Beth. Aber es würde uns beiden nichts bedeuten, deshalb wäre es völlig sinnlos.“

„Woher willst du das wissen? Du hast es doch noch gar nicht ausprobiert.“ Sie wollte sich das letzte Fünkchen Hoffnung nicht zerstören lassen.

„Glaub mir, ich kenne mich, Beth. Ich kann dich jederzeit haben, aber es ist der falsche Zeitpunkt.“

Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn verwirrt an. „Wie bitte?“

„Es ist schon spät“, erklärte er mit einem Blick auf die Uhr. „Ich lasse dich zurückbringen. Du solltest in deiner Wohnung sein, ehe das Nachtleben in deiner neuen Nachbarschaft beginnt – wenn du verstehst, was ich meine.“

Beth seufzte. Der Gedanke daran, was sie vielleicht in dem Apartment erwartete, ernüchterte sie.

„Keine Angst, mein Mitarbeiter wird dich bis zur Wohnungstür begleiten“, versicherte Luca ihr. „Erst wenn du hinter dir abgeschlossen hast, wird er wieder gehen. Und vergiss nicht: Öffne niemandem die Tür, auch mir nicht.“

Ihm schon gar nicht, dachte sie deprimiert. Es war offenbar wirklich endgültig aus und vorbei zwischen ihnen, sie hatten sich zu weit voneinander entfernt.

„Ich werde es mir merken“, erwiderte sie. „Du wirkst so kalt und unpersönlich wie die Kunstgegenstände, mit denen du dich hier umgeben hast. Ich hatte gehofft, du hättest mir verziehen, was vor fünf Jahren geschehen ist.“

„Warum sollte ich das? Um wieder mit dir zusammen zu sein? Nein, Beth, das würde nicht funktionieren, zu viel ist zerstört worden. Wir können nicht noch einmal von vorn anfangen. Und genau das wollte ich dir und mir mit der kleinen Einlage von vorhin beweisen.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans, verließ das Schlafzimmer und ging über den Flur der Suite zum Ausgang. „Komm bitte mit, ich lasse dich zurückfahren.“

Später am Abend saß Luca so reglos am Fenster der Hochzeitssuite, als wäre er eine der Marmorstatuen, die sein kleines irdisches Paradies zu bewachen schienen. In der Hand hielt er ein Glas, dessen Inhalt er noch nicht angerührt hatte. Nachdem eine Kerze nach der anderen heruntergebrannt war, war es völlig dunkel in dem Raum. Auch der Himmel wölbte sich schwarz über Venedig.

Beth zu zeigen, welcher Luxus ihr entgangen war, war ihm schwerer gefallen, als er geglaubt hatte, sehr viel schwerer sogar. Aber das war vorbei, alles, was jetzt noch kam, würde dagegen ein Kinderspiel sein. Er hatte Beth über ihre Fehler reden lassen, damit sie die Vergangenheit loslassen konnte, so wie auch er hoffte, endlich alles überwinden zu können. Jetzt konnten sie weitergehen. Es hatte ihm in der Seele wehgetan, sich zu bewiesen, dass er ihr widerstehen konnte. Aber er hatte es geschafft. Beth musste glauben, seine Liebe zu ihr sei völlig erloschen. Mit geradezu militärischer Präzision hatte er sie aus seinem Leben ausgeschlossen.

Der Haken an der Sache war jedoch, er fühlte sich dabei nicht wohl.

Lucas verändertes Verhalten ihr gegenüber war die Quittung für alles, was sie ihm angetan hatte, das war Beth völlig klar. Obwohl sie sich normalerweise nicht selbst bemitleidete, traten ihr Tränen in die Augen. Sie senkte den Kopf und bemühte sich, sich zusammenzunehmen. Vor lauter Kummer und Schmerz vergaß sie ihr sonst übliches Zögern und stieg rasch in das Schnellboot. Sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass man sich in Venedig überwiegend nur auf dem Wasserweg von einem Ort zum anderen bewegen konnte. Lucas Mitarbeiter nahm den Regenschutz von den Sitzen, und sie setzte sich hin. Sie war noch viel zu aufgewühlt, um die Fahrt in dem luxuriösen Boot zu genießen. Wie um sich zu schützen, hüllte sie sich fest in ihre Jacke und dachte darüber nach, wie falsch ihre Entscheidung damals gewesen war. Luca zu verlassen, war ein großer Fehler gewesen. Er war der einzige Mann, mit dem sie ihr Leben lang zusammen sein wollte. Dass er sie jetzt zurückwies, traf sie mitten ins Herz, und es tat so weh, dass sie es kaum ertragen konnte. Dennoch musste sie das Beste aus der Situation machen und sich darauf konzentrieren, sich eine eigene Zukunft aufzubauen. Sie hielt die Tränen, die ihr die Kehle zuschnürten, mit aller Kraft zurück. Vor seinem Mitarbeiter würde sie sich keine Blöße geben.

Ich werde Luca beweisen, dass ich ihn nicht brauche und erst recht nicht sein Geld, nahm sie sich fest vor.

Plötzlich leuchteten vor ihnen aus der Dunkelheit die Lichter eines Vaporetto, eines Linienboots auf, und sekundenlang war Beth geblendet. Sie blinzelte und hatte das Gefühl, sie leuchteten direkt in ihre nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit hinein. Ihr Vater hatte sie auf eine gute Schule geschickt, aber sie war mehr daran interessiert gewesen, interessante Leute kennenzulernen, statt sich auf das Lernen zu konzentrieren. Kurz vor dem Abitur hatte sie die Schule verlassen, um sich ganz ihrer Karriere als Partygirl zu widmen. Dann hatte der schlechte Gesundheitszustand ihres Vaters sie plötzlich gezwungen, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Sie hatte begreifen müssen, dass es im Leben nicht nur darum ging, Partys zu feiern und Spaß zu haben, sondern in erster Linie darum, Verantwortung zu übernehmen, und sie hatte angefangen, ihrem Vater zu helfen und ihn zu unterstützen.

Trotz ihrer guten Kontakte war es schwierig gewesen, einen Job zu finden, denn alle schreckten davor zurück, eine junge Frau einzustellen, die nichts gelernt hatte. Sie war gezwungen, praktisch über Nacht erwachsen zu werden. Um ihr Image zu verbessern, beschloss sie, eine Zeit lang ehrenamtlich zu arbeiten. Sie rief alle ihre Freunde an – und erhielt nur Absagen. Schließlich bekam sie eine Stelle, die sonst niemand haben wollte. Eine Hilfsorganisation schickte sie als Mädchen für alles in ein Krisengebiet, was ihr so vorgekommen war wie die gerechte Strafe dafür, dass sie ihre Zeit so lange verschwendet hatte. Da sie im Schnitt sechzehn Stunden am Tag beschäftigt war, hatte sie keine Lust mehr, abends auszugehen oder sich mit irgendwelchen Leuten zu treffen. Das änderte sich erst, als Luca eines Tages auf der Krankenstation, auf der sie eingesetzt war, die Soldaten seiner Einheit besuchte. Ein Blick hatte genügt, und ihre Lebensgeister waren wieder erwacht.

In dem Moment geriet das Schnellboot in unruhiges Wasser, und instinktiv hielt Beth sich fest, während sie versuchte zu vergessen, wie fasziniert sie gewesen war, als sie Luca zum ersten Mal begegnete. Obwohl er sich jetzt ihr gegenüber kalt und abweisend verhielt, ließ er sie nach Hause bringen. Die freundliche Geste erinnerte sie daran, wie es damals angefangen hatte. Nach seinem Besuch auf der Krankenstation in Balacha hatte er ihr zwei Dutzend rosa Rosen geschickt und sich auf der beigefügten Karte handschriftlich für ihren unermüdlichen Einsatz bedankt. Von dem Augenblick an schwebte Beth wie auf Wolken und fand ihr Leben wieder lebenswert. Die gemeinsamen Picknicks in der freien Natur hatte sie überaus romantisch gefunden, und dass er ihr immer wieder kleine Geschenke machte, hatte sie zunächst fasziniert.

Nachdenklich ließ sie die Hand über den Ledersitz des luxuriösen Schnellboots gleiten und wurde sich bewusst, wie groß der Unterschied zwischen Luca und ihr war. Vermutlich kannte er heutzutage mindestens so viele berühmte Persönlichkeiten wie sie in ihren besseren Zeiten, als sie dank der Großzügigkeit ihres Vaters behütet, beschützt und in finanzieller Sicherheit gelebt hatte.

Während Lucas Mitarbeiter das Boot an der Anlegestelle festmachte, sah Beth sich nervös um. Es war fast dunkel, und sie wusste nicht, was sie in den engen Gassen erwartete. Dann ließ sie sich beim Aussteigen helfen und lenkte sich mit den Erinnerungen an die schöne Zeit mit Luca von der eher schäbigen Umgebung ab, in der sie gelandet war.

Er war unwiderstehlich gewesen und voll und ganz in seiner Karriere als Berufsoffizier aufgegangen, die für ihn als Befehlshaber der Friedenstruppe in Balacha an erster Stelle gestanden hatte. Die liebevollen Briefchen, die er ihr von seinem Freund Tristram Anderson hatte bringen lassen, hatten sie sehr berührt. Und wenn Luca von einem Einsatz zurückkam, waren sie sich vor Freude um den Hals gefallen.

Ein Leben an seiner Seite hätte sie sich damals gut vorstellen können, es wäre die Erfüllung ihres Traumes gewesen. Sie hätte wieder Spaß haben können und nie mehr Instrumente sterilisieren und Fußböden putzen müssen. Doch Luca betonte immer wieder, dass ihm der Beruf wichtiger sei als eine Ehe und dass er sich auf keine feste Beziehung einlassen wolle. Seine militärische Laufbahn brachte genug Einschränkungen mit sich, sodass er sich nicht mit einer Familie belasten wollte.

Beth hingegen wünschte sich eine eigene Familie, sie sehnte sich nach der Sicherheit, die ihr Vater ihr geboten hatte, und nach einem sorglosen Leben. Doch all ihre Träume vom Glück hatten sich nicht erfüllt, und jetzt hauste sie in einem winzigen feuchten Apartment in einem der ärmeren Viertel Venedigs.

Auf dem Weg dorthin fielen ihr die vielen verwahrlost aussehenden Katzen auf, die in den Hauseingängen verschwanden. Ehe sie die Wohnung betrat, bot sie Lucas Mitarbeiter höflich einen Kaffee an, doch glücklicherweise lehnte er das Angebot ab, und sie verriegelte die Tür hinter sich. Dann schloss sie die Augen und barg das Gesicht verzweifelt in den Händen. Warum hatte Tristram Anderson sie dazu überredet, Luca ein Ultimatum zu stellen? Weil er zu feige war, offen um mich zu werben, gab sie sich selbst verbittert die Antwort. Tristram hatte seinen Freund Luca als Konkurrenten ausschalten wollen, ehe er sein Glück bei ihr versuchte.

Tristram hatte einen ruhigen Posten im Büro und nichts mit Kampfhandlungen zu tun gehabt. Dummerweise hatte sie ihre Streitgespräche, bei denen es fast immer um die Zukunft gegangen war, am Telefon in Tristrams Büro ausgefochten, wenn Luca irgendwo draußen im Einsatz war. So war es nicht ausgeblieben, dass Tristram sie mit einer Tasse Tee und freundlichen Worten getröstet hatte. Bei der letzten heftigen Auseinandersetzung war Beth so zornig geworden, dass sie das tat, was Tristram ihr schon lange vorgeschlagen hatte: Sie forderte Luca auf, sich zwischen ihr und seiner Karriere zu entscheiden.

Und das war das Ende ihrer Beziehung gewesen.

In ihrer ersten Nacht in Venedig quälte Beth sich nicht nur mit ihren Schuldgefühlen herum, sondern sie bekam es auch noch mit dem Lärm der Nachbarn und umherhuschenden Mäusen zu tun. Erst gegen drei Uhr wurde es ruhiger. Da sie jedoch befürchtete, am Morgen nicht pünktlich wach zu werden, beschloss sie, aufzustehen und die Wohnung zu reinigen.

Und wieder kreisten ihre Gedanken um Luca. In dem Moment, als sie hatte begreifen müssen, dass er nichts mehr für sie empfand, glaubte sie, die Stimme ihres Vaters zu hören. „Sieh zu, dass du einen reichen Mann findest, dann hast du ausgesorgt“, hatte er ihr geraten. Was war ich doch für ein oberflächlicher Mensch damals in Balacha, dachte sie, entsetzt über sich selbst. Aber sie hatte sich verändert, sie wollte von niemandem mehr abhängig sein. Dass sie sich in jeder Hinsicht auf andere, vor allem auch auf vermeintliche Freunde, verlassen hatte, hatte sie zu verletzlich gemacht. Doch das war Vergangenheit. Sie war entschlossen, allein im Leben zurechtzukommen, und sie war stolz darauf, eine gute Chefsekretärin zu sein. Leider zahlte nicht Ben ihr Gehalt, sondern Luca, und das trübte ihre Freude. Sie musste ihn überzeugen, wie ernst sie den Beruf und ihr Leben nahm, sonst wären ihre Tage bei Francesco Fine Arts gezählt. Also musste sie sich in die Arbeit stürzen und sich ein möglichst großes Wissen über Kunst und Antiquitäten aneignen. Vielleicht konnte Luca ihr dabei helfen und ihr Ratschläge erteilen. Sie nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit zu fragen.

Sie brauchte die Stelle unbedingt und nahm die Arbeit ernst. Für eine Frau ohne Qualifikation und Erfahrung wurde ihr ein großzügiges Gehalt bezahlt, wie ihr sehr wohl bewusst war. Auf das Geld war sie angewiesen, denn außer für ihren eigenen Lebensunterhalt musste sie noch für die Schulden ihres Vaters aufkommen. In ihrem Elternhaus, dem Rose Cottage, konnte sie nur wohnen bleiben, weil ihr Onkel der neue Besitzer war und ihr sehr entgegenkam. Jetzt hatte sie die einmalige Chance, ihre Situation zu verbessern und sich vielleicht eines Tages sogar selbstständig zu machen. Egal, wie sehr sie sich nach Luca sehnte, es würde keine Neuauflage der Beziehung geben, damit musste sie sich abfinden, auch wenn es ihr unglaublich schwerfiel.

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