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ROMANA EXKLUSIV BAND 274

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Herzklopfen unter griechischer Sonne

1. KAPITEL

Endlich Sommerferien! Erleichtert schwang sich Alys hinter das Lenkrad ihres Wagens. Sie würde jetzt eine Woche lang ihre Eltern besuchen und sich danach mit einigen Freundinnen im Lake District zu einem Wanderurlaub treffen.

Dies war zumindest ihr Plan – bis zum Telefonat mit ihrer Großtante Louise wenige Tage später. Zufällig hatte Alys das Gespräch angenommen, als die jüngere Schwester ihrer verstorbenen Großmutter in heller Panik anrief. Nachdem sie die noch sehr rüstige Zweiundsiebzigjährige etwas beruhigt hatte, sagte diese, dass sich ihre Freundin gestern den Fuß gebrochen habe.

„Seit zwanzig Jahren machen wir gemeinsam Kreuzfahrten. Nun kann Helen nicht verreisen. Was soll ich bloß tun? Wir wollten am Donnerstag an Bord gehen.“

„Du rufst einfach beim Veranstalter an und stornierst die Buchung“, erklärte Alys geduldig. Wieso erzählte die Tante ihr das alles und nicht ihrer Mutter, die für gewöhnlich ihre Vertraute war? „Bestimmt wird man euch den Großteil der Kosten erstatten, wenn du …“

„Aber ich möchte mein Geld nicht zurück. Ich will an der Mittelmeerkreuzfahrt teilnehmen. Nur kann ich es unmöglich allein.“

Aha, daher wehte also der Wind. „Es tut mir leid, doch ich fahre selbst nächste Woche weg. Ich bin sicher, Mum wird dich begleiten …“

„Nein, das wird sie nicht. Du weißt, dass sie nie ohne deinen Dad verreist. Und wie ich gehört habe, hast du bloß eine lose Absprache mit den Leuten, mit denen du schon letztes Jahr gewandert bist.“

„Nein, wir haben uns fest …“

„Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du in den Lake District möchtest, wenn Griechenland und die Türkei locken“, fuhr Louise fort, als hätte Alys nichts gesagt. „Im Lake District regnet es immer, insbesondere im Sommer.“

„Du musst dir jemand anderes suchen.“ Schnell nutzte sie den Moment, in dem ihre Tante Atem schöpfte. „Es ist sehr lieb von dir, mich einzuladen, nur bin ich bereits fest verabredet.“

„Es gibt niemand anderen. Du musst mitkommen. Ich kann nicht mehr Auto fahren und …“

„Ich hole dich gern ab und bringe dich zum Flughafen.“ Hoffentlich genügte dieses Angebot.

„Ich brauche wegen meiner gelegentlichen Schwindelanfälle ständig jemanden in meiner Nähe. Das weißt du doch. Ich bin erst letzten Monat gestürzt und habe mich verletzt.“

Nein, das hatte sie nicht gewusst. „Dann solltest du vielleicht nicht verreisen. Überhaupt, möchtest du nicht bei deiner Freundin bleiben und dich ein wenig um sie kümmern?“

„Sie ist bei einer Verwandten, die Krankenschwester ist, und deshalb bestens versorgt. Helen benötigt meine Hilfe nicht, aber ich benötige meinen Urlaub.“

Ich auch, dachte Alys verzweifelt. Sie sehnte sich nach der Ruhe und der frischen Luft der herrlichen Gebirgs- und Seenlandschaft. Seit Wochen freute sie sich auf ihre Ferien und wollte sie nicht mit ihrer Tante in einer kleinen Kabine auf einem Schiff mit lauter älteren Leuten verbringen.

„Dann solltest du eine deiner anderen Freundinnen mitnehmen. Es tut mir leid, aber ich komme nicht mit.“

„Alys“, begann ihre Tante in einem Ton, der nichts Gutes ahnen ließ. „Ich muss dich sicher nicht erinnern, dass ich dir Stab und Stütze war, als du mich gebraucht hast. Ich habe dir ein Zuhause gegeben, bis du wieder in der Lage warst, dich der Welt zu stellen.“

„Nein, du musst mich nicht erinnern“, erwiderte Alys angespannt, als ihre Tante schwieg. „Okay, ich begleite dich. Und wie hast du dir den weiteren Ablauf vorgestellt?“

„Wunderbar. Wie wäre es, wenn du am Mittwoch hier eintriffst? Ich koche uns ein Mittagessen, und am Nachmittag brechen wir zum Flughafen Heathrow auf und übernachten dort in einem Hotel. So hatten Helen und ich es geplant. Dir wird die Reise bestimmt Spaß machen. Wir werden Troja, Ephesos und viele andere geschichtsträchtige Orte besichtigen. Übermorgen erzähle ich dir alles ganz genau.“

Plötzlich kam Alys ein entsetzlicher Gedanke. „Einen Augenblick noch, Tante Lou. Du gehst normalerweise auf themenorientierte Kreuzfahrten mit Experten, die an Bord Vorträge halten und auch Landexkursionen leiten. Wer sind dieses Mal die Referenten?“

„Möchtest du es jetzt wissen?“

„Ja, bitte.“ Die energische Antwort ließ keinen Widerspruch zu.

„In Ordnung. Doch du wirst dich einen Moment gedulden müssen. Ich muss erst meine Brille aufsetzen und in den Reiseunterlagen nachschauen.“

Alys umklammerte den Hörer immer fester, während sie angespannt wartete. Schließlich las die Tante ihr vier Namen vor, die ihr nichts sagten, und sie atmete erleichtert auf.

„Das Thema lautet ‚Suleiman der Große‘. Ist das okay für dich?“

„Ja. Ja, völlig. Dann bis Mittwoch.“

Gelegentlich bist du schon etwas blöd, dachte Alys, als sie zu ihren Eltern ging, um ihnen mitzuteilen, dass sich ihre Pläne leider geändert hatten. Zu befürchten, dass der einzige Mann, den sie nie mehr wiedersehen wollte, vielleicht an Bord des Schiffes sein würde, grenzte fast an Verrücktheit. Und die osmanischen Sultane waren nun absolut nicht sein Fachgebiet.

Tante Louise hatte ein köstliches Mittagessen gekocht und tat ihr Möglichstes, um ihre Nichte fröhlich zu stimmen. Nicht, dass es wirklich nötig gewesen wäre. Alys hatte zugesagt, und nun würde sie auch versuchen, die Reise zu genießen.

Munter erzählte die Tante am Tisch von all den Orten, die sie besichtigen würden, und Alys bemühte sich, Vorfreude zu entwickeln. Außerdem erinnerte sie sich aufs Neue, wie selbstlos die Tante ihr vor zwei Jahren geholfen hatte, nachdem ihre Beziehung mit Trevor Irvine zerbrochen war.

Ohne zu fragen, hatte sie sie bei sich aufgenommen, als sie einen Ort gebraucht hatte, um ihre Wunden zu lecken. Louise hatte sie verwöhnt und ihr zugleich den nötigen Freiraum gelassen, bis sie wieder so weit gewesen war, sich der Welt zu stellen. Zumindest so weit, wie sie es je wieder sein könnte.

Damals war sie zunächst zu ihren Eltern gefahren. Anfangs hatte ihr der Ärger des Vaters darüber, wie man sie behandelt hatte, auch gutgetan. Doch dann war es ihr zu viel geworden, genauso wie die Fürsorge der Mutter. Diese hatte sie behandelt, als wäre sie krank und unfähig, etwas allein zu machen. Zudem hatte sie sie ständig gedrängt, über das Ganze zu reden.

Natürlich hatte sie das Verhalten der Eltern nachvollziehen können. Sie war ihr einziges Kind, weshalb sie sie zu sehr liebten. Nach rund einer Woche hatte sie es zu Hause nicht mehr ertragen und war zu ihrer Tante geflüchtet.

Und jetzt begleichst du deine Schuld und stehst ihr bei, dachte sie, während sie die letzten Reisevorbereitungen trafen. „Vergiss deine Tabletten nicht.“

„Meine Tabletten?“

„Ja, die für deinen Kreislauf. Wegen der Schwindelanfälle“, erinnerte sie sie freundlich.

Louise eilte ins Badezimmer, um sie zu holen, und Alys blickte lächelnd hinter ihr her. Die Zweiundsiebzigjährige war zwar ausgesprochen rüstig, aber nicht mehr frei von Altersbeschwerden. Alys verstand, dass sie gern jemanden in der Nähe hatte. Wie gut, dass die Tante in einem Mehrparteienhaus wohnte, in dem man sich noch umeinander kümmerte.

Am nächsten Morgen im Hotel wunderte sie sich jedoch ein wenig über Louises Verhalten. Normalerweise checkte die Tante stets mindestens zwei Stunden vor Abflug ein. Nur frühstückte sie heute in solcher Ruhe, dass Alys sie an die Zeit erinnern musste.

„Warum die Hetze? Wir sind in fünf Minuten da.“

Louise ließ sich nicht zur Eile antreiben. Das Ende vom Lied war, dass sie fast zu spät am Schalter der Airline eintrafen und beinahe nicht mehr abgefertigt worden wären.

Nach der Landung auf Korfu stiegen sie als die Letzten aus. Tante Louise hatte beim Aufstehen die Brille fallen lassen. Um sie unter den Sitzen zu suchen, mussten sie warten, bis die Passagiere im hinteren Teil der Maschine den Flieger verlassen hatten.

Zumindest brauchten sie sich um ihre Koffer nicht zu kümmern. Das Flugzeug war vom Reiseveranstalter der Kreuzfahrt gechartert worden. Deshalb sorgte dieser ebenfalls dafür, dass das Gepäck an Bord gelangte.

Nachdem sie die Passkontrolle passiert hatten, schlenderten sie auf den zweiten der bereitgestellten Busse zu, die sie zum Schiff bringen würden. Der erste fuhr gerade ab.

Tante Louise setzte sich auf einen Fensterplatz und Alys sich neben sie. Fasziniert betrachteten sie die bergige Landschaft mit den bewaldeten Tälern. Als sie dann an den Olivenhainen vorbeikamen, die den weidenden Ziegen und Schafen ein wenig Schatten spendeten, erwachte in Alys endlich ein Urlaubsgefühl.

„Vielen Dank für die Einladung.“ Sie küsste die Tante kurz auf die Wange.

Überrascht blickte Louise sie an. In ihren Augen spiegelte sich ein Ausdruck leisen Unbehagens. „Du wolltest eigentlich nicht mitfahren, sondern hättest lieber den Wanderurlaub gemacht.“

„Ja. Aber jetzt freue ich mich, hier zu sein.“

„Diese Leute aus der Gruppe“, begann Louise zögerlich. „Es sind alles junge Frauen, oder? Es ist kein Mann darunter, den du vielleicht gern getroffen hättest?“

Alys schüttelte den Kopf. „Nein, es sind alles ehemalige Studienkolleginnen.“

„Ja, das hatte ich angenommen.“ Die Tante wirkte seltsam erleichtert. „Da ist also niemand gewesen seit …“

„Nein“, unterbrach Alys sie schnell und deutete nach draußen. „Sieh mal, dort reitet eine Frau auf einem Esel.“

Louise wandte den Kopf und akzeptierte, dass die Nichte über dieses Thema nicht reden wollte. Dennoch war Alys erstaunt und zugleich beunruhigt, dass die Tante es überhaupt angesprochen hatte.

Vor zwei Jahren hatte sie ihr keine Fragen gestellt, sondern abgewartet, ob und wann sie etwas erzählen wollte. Aber vielleicht hat sie jetzt ein schlechtes Gewissen und sich deshalb danach erkundigt, überlegte Alys. Möglicherweise hatte Louise Angst gehabt, durch die letztlich erzwungene Änderung der Urlaubspläne eine junge Beziehung zu gefährden.

Schließlich hielt der Bus im Hafen vor einem relativ kleinen Schiff. Es besaß fünf Decks, war weiß und cremefarben angestrichen und hatte einen blauen Schornstein. Insgesamt wirkte es wie ein gediegener alter Passagierdampfer, der schon bessere Tage gesehen hatte, jedoch versuchte, den Schein zu wahren. Wie die meisten meiner Mitreisenden, dachte Alys liebevoll-spöttisch.

Die Kabine auf Deck B war zwar nicht gerade weitläufig, aber auch nicht so winzig, wie sie befürchtet hatte. Außerdem hatte sie kein Bullauge, sondern ein richtiges Fenster, was ihr half, sich nicht so eingesperrt zu fühlen. Und im Badezimmer gab es sogar eine Dusche und eine Wanne.

„Ich möchte erst meine Sachen auspacken, damit sie sich aushängen“, erklärte Louise, kaum dass der Steward die Koffer gebracht hatte. „Danach zeige ich dir das Schiff. Ich kenne es bereits von früheren Reisen.“

Pflichtschuldigst half Alys ihr, wunderte sich allerdings, warum die Tante es plötzlich so eilig damit hatte. Gestern Abend im Hotel hatte sie kein einziges Teil aus dem Koffer nehmen wollen. Irgendwann spürte sie dann einen Ruck, und als sie zum Fenster hinaussah, bemerkte sie, dass das Schiff ablegte.

„Es geht los.“ Sie lächelte ihre Tante an, von der eine Anspannung abzufallen schien.

„Ja, wie schön.“

„Wollen wir nun an Deck?“, erkundigte sich Alys, nachdem sie auch ihre Sachen im Schrank verstaut hatte.

Louise zögerte einen Moment. „Warum nicht? Ich würde gern etwas trinken.“

Sie verließen ihre Kabine, und wie selbstverständlich steuerte Alys auf den Salon zu, in dem man ihnen Tee oder Kaffee servieren würde. Doch zu ihrer Überraschung schlenderte ihre Tante in die Bar und bestellte zwei Cocktails.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du so etwas trinkst“, sagte Alys, als der Drink serviert wurde. Sie nippte daran und fand ihn köstlich.

Louise, die gerade den Blick suchend über die Passagiere schweifen ließ, wandte sich ihr zu. „Vermutlich wirst du auf dieser Reise noch einiges über mich herausfinden, das du nicht weißt“, erwiderte sie geheimnisvoll, und Alys fragte sich, was sie davon halten sollte.

Schließlich brachen sie zu einem kleinen Rundgang auf. Sie kamen an einem kleinen Swimmingpool vorbei, überquerten das Promenadendeck und stiegen schließlich zum Peildeck hinauf.

Dort traf Louise auf zwei Damen, die sie von einer früheren Kreuzfahrt kannte. Sogleich begannen sie, miteinander zu plaudern. Alys trat ein paar Schritte zur Seite, stützte sich auf die Reling und schaute zum Festland hinüber.

„Ist das nicht schade mit Professor MacMichael“, hörte sie eine der Frauen sagen und spitzte die Ohren. Der Professor war einer der vier Referenten.

Louise hustete. „Was ist denn mit ihm?“

„Haben Sie es nicht in der Zeitung gelesen? Er war in die Massenkarambolage auf der Autobahn vor einem Monat verwickelt. Ich glaube, seine Frau wurde ebenfalls verletzt. Aber der Veranstalter hat einen Ersatz für ihn gefunden. Der Mann ist …“

„Wie schrecklich!“, warf Louise ein. „Wurde er sehr schwer verletzt?“ Während sie redete, entfernte sie sich etwas von Alys, und die weitere Unterhaltung ging im Rauschen der Bugwelle unter.

Alys genoss die Abendbrise, die ihr über das Gesicht strich und mit ihren Haaren spielte. Ihrem bisherigen Eindruck nach war sie wohl mit ihren fünfundzwanzig Jahren die jüngste Passagierin an Bord. Es gab noch mehrere Ehepaare mittleren Alters, aber die meisten Leute schienen Rentner zu sein.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kreuzfahrtschiffen gab es hier keine festen Tische für die Reisenden. Auch aßen der Kapitän und seine Crew bis auf wenige Ausnahmen in der Offiziersmesse, wie Louise ihr erzählt hatte.

Kaum hatten sie im Speisesaal Platz genommen, gesellten sich zwei Frauen zu ihnen. Eine Gail Turnbull, die Anfang dreißig sein durfte, mit ihrer etwa sechzigjährigen Mutter Jennifer Gilbert.

„Dem Himmel sei Dank, dass es an Bord noch jemand anderen gibt, der nicht schon mit einem Fuß im Grabe steht“, sagte Gail leise zu Alys, nachdem sie sich neben sie gesetzt hatte. „Ich schätze, Sie sind wie ich als pflichtschuldige Verwandte hier, um das Kindermädchen zu spielen.“

„Ich begleite meine Tante.“ Sie wollte sich mit einer Fremden nicht sofort gegen die ältere Generation verbünden.

Gail nickte mitfühlend. „Meine Mum besteht darauf, dass ich diese Reisen mit ihr mache. Doch dann verbringt sie die ganze Zeit mit ihren Kumpaninnen, und ich langweile mich zu Tode. Aber was soll’s, wir zwei können uns ja aneinander halten. Wie wär’s, wenn wir uns duzen?“

„Okay.“ Sie konnte es wohl schlecht ablehnen, ohne unhöflich zu sein.

Der Ober kam an ihren Tisch und servierte die Vorspeise, und Gail wandte sich ihm zu. Verstohlen betrachtete Alys sie noch einen Moment. Ihre Nachbarin hatte einen von der Sonne gebräunten Teint, herrliche schwarze Locken und einen leuchtend rot angemalten Schmollmund. Sie war zweifellos sehr hübsch und besaß eine starke sinnliche Ausstrahlung. Und sie liebte Schmuck. Sie trug nicht nur einen Ehering, sondern auch noch einen Reif an fast jedem anderen Finger. Außerdem hatte sie diverse Armbänder angelegt sowie eine schwere goldene Halskette.

„Vermutlich sollte ich nicht darauf hoffen, dass es an Bord einen halbwegs passablen alleinstehenden Mann gibt“, wandte sie sich beim Essen leise an Alys. „Einige der Kellner sehen nicht schlecht aus. Doch ist das Problem bei den Griechen, dass sie oft recht klein sind.“ Sie beugte sich noch etwas näher. „Ich habe vorhin allerdings einen echt umwerfenden Mann erblickt, der sogar kein einziges graues Haar hatte, wie mir schien. Ich konnte noch nicht herausfinden, wer er ist. Aber man kann wohl sein Leben darauf verwetten, dass er mit seiner Frau hier ist. Ein solcher Adonis läuft bestimmt nicht mehr frei herum. Hast du ihn schon gesehen?“

Lachend schüttelte Alys den Kopf. „Nein, mir ist hier bestimmt noch niemand untergekommen, den ich als Adonis bezeichnen würde.“

„Du wirst wissen, von wem ich spreche, sobald du ihm begegnest.“ Gail bemerkte, dass Alys keinen Ring trug. „Du bist nicht verheiratet, oder?“

„Nein.“

„Ich auch nicht mehr. Ich bin geschieden … Zum zweiten Mal. Ich bin da etwas eigenartig. Wenn ich verheiratet bin, wünsche ich mir, ungebunden zu sein, und wenn ich ungebunden bin, möchte ich dringend wieder heiraten. Schrecklich, oder?“

Diese Offenheit erstaunte Alys. „Ja, vermutlich ist es das. Was machst du, wenn du nicht verheiratet bist?“

„Was ich dann mache? Oh, du meinst beruflich? Ich arbeite nicht. Ich habe noch nie gearbeitet. Gleich nach meinem Schulabschluss habe ich das erste Mal geheiratet. Bis zu meiner zweiten Ehe habe ich von meinem Ex Unterhalt bezogen. Und jetzt ist es wieder so. Was völlig okay ist. Ich könnte unmöglich den ganzen Tag im Büro sitzen. Es wäre todlangweilig.“ Sie ließ den Blick über Alys’ langes blondes Haar und den schlanken Körper schweifen. „Was ist mit dir? Bist du ein Model oder so?“

„Nein.“ Alys lächelte insgeheim amüsiert. „Ich bin Lehrerin an einer Mädchenschule und unterrichte Sport und Geschichte.“

„Wie interessant“, antwortete Gail aus purer Höflichkeit. „Dort hast du schätzungsweise kaum Gelegenheit, begehrenswerte Männer kennenzulernen.“

„Nein, nicht wirklich.“

„Was bei deinem Aussehen und deiner Figur echt schade ist. Vermutlich hast du die wegen des vielen Sports?“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Alys und freute sich über das wenngleich etwas seltsam formulierte Kompliment.

Da Louise und Jennifer sich auch recht gut verstanden, setzten sie sich nach dem Essen zu viert in den Salon. An den großen runden Tischen hatte sich etwa die Hälfte der zweihundertfünfzig Passagiere versammelt. Alys schaute sich unter den Leuten nach dem Adonis um, als Gail den Kopf schüttelte.

„Er ist nicht hier“, flüsterte sie ihr wie eine Verschwörerin zu.

Ärgerlich auf sich trank Alys einen Schluck Kaffee. Sie war nicht hier, um wie Gail auf Männerfang zu gehen, sondern um sich um die Tante zu kümmern. Nur weil sie nicht verheiratet war, hieß es nicht, dass sie sich nach männlicher Gesellschaft sehnen musste. Wer einmal mit dem idealen Partner zusammen gewesen war, begnügte sich nicht mit einem geringeren.

Zwischen Trevor und ihr war es damals Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatte das Gefühl gehabt, er wäre der Mann ihres Lebens und ihr vom Schicksal vorherbestimmt. Welch ein Irrtum! Plötzlich war das Glück vorbei gewesen. Die große Liebe war in Wut, Eifersucht und sogar Hass umgeschlagen. Sie hatte es nicht ertragen und war aus dem gemeinsamen Zuhause geflohen.

Das ist jetzt zwei Jahre her, ermahnte sie sich. Sie musste die Vergangenheit endlich ruhen lassen. Energisch rief sie sich zur Vernunft und war froh, als ihre Tante erklärte, sie sei müde und wolle in die Kabine.

Sogleich stand sie auf, um sie zu begleiten. Sie hatte für heute genug Konversation betrieben. Außerdem spürte sie das dringende Bedürfnis, allein mit sich zu sein – und sei es nur in ihrem Bett.

Am nächsten Morgen erwachte Alys wie üblich früh, denn sie hatte die Angewohnheit, vor Schulbeginn eine Runde zu joggen. Überrascht stellte sie fest, dass ihre Tante bereits angekleidet war.

„Das Frühstück ist heute um sieben“, erinnerte Louise sie. „Wir brechen doch um acht nach Delphi auf.“

„Hat das Schiff schon angelegt?“

„Ja. Wir sind in Itea. Komm in die Gänge, Alys. Ich weiß, dass ihr jungen Leute gern den halben Vormittag im Bett verbringt“, erklärte Louise tadelnd.

Allerdings schwang in ihrer Stimme auch Aufregung mit, wie Alys deutlich hörte. Ihre Tante musste sich sehr auf die Kreuzfahrt gefreut haben. Jetzt war sie doppelt froh, dass sie ihr die Teilnahme ermöglichte.

Normalerweise hätte sie Shorts und ein trägerloses Top angezogen. Aber in Anbetracht der älteren Mitreisenden wählte sie lieber einen Sommerrock und eine Bluse. Gail hingegen zeigte sich weniger rücksichtsvoll. Sie schlenderte in leuchtend roten Shorts und einem rückenfreien Top mit Nackenband die Gangway entlang.

„Sollte einer der älteren Herren kurz vor einem Herzinfarkt stehen, dürfte er ihn jetzt bekommen“, sagte Alys leise zu ihrer Tante, während sie in den ersten Bus einstiegen.

„So ein Unsinn! Der Anblick wird ihnen guttun.“

Alys hatte schon einiges über Delphi gelesen. Trotzdem hatte sie nicht geahnt, welch landschaftliche Schönheit sie am Fuß des Parnass erwartete. Als sie um die letzte Kurve bogen, sah sie ringsum bis zum Horizont ein Gebirgsmassiv und links und rechts der Straße ein Meer von Olivenbäumen.

Es war noch recht früh am Morgen und ihre Besuchergruppe die erste des Tages. Alys hatte kaum ein paar Schritte in der herrlichen Umgebung gemacht, als sie den Frieden und die Ruhe dieses sagenumwobenen Ortes spürte.

Ein Fremdenführer begrüßte sie und geleitete sie zunächst zum Heiligtum der Athena Pronaia. Er überhäufte sie mit geschichtlichen Fakten, doch Alys schaltete zumeist ab. Sie ließ sich von der Atmosphäre der Ruinen aus der Antike gefangen nehmen.

Immer weiter drangen sie in die Ausgrabungsstätte vor, die sich über dreihundert Höhenmeter an den Hängen des Parnass erstreckte. Als sie schließlich zu einem besonders steilen Stück der Heiligen Straße gelangten, erklärte Louise, dass sie nicht weiter nach oben gehen wolle. Mehreren aus der Gruppe reichte es ebenfalls, und sie setzten sich unter einen Olivenbaum, um sich auszuruhen.

Da ihre Tante Gesellschaft hatte, schloss sich Alys den anderen an. Bald ließ sie sich jedoch mehr und mehr zurückfallen. Es war einfach viel schöner, allein auf den Pfaden der Vergangenheit zu wandeln.

Sie kam zu den Überresten des Theaters, blieb stehen und freute sich an dem wunderbaren Blick auf die Ebene von Kirra, die Bucht von Itea und den Golf von Korinth.

Dann stieg sie weiter hinauf zum Stadion, wo damals die sportlichen Wettbewerbe der Delphischen Spiele stattfanden. Mit einer gewissen Ehrfurcht ging sie unter dem teilweise erhaltenen dreitorigen Triumphbogen auf der Ostseite hindurch. Rechts von ihr gab es noch Sitzstufen, von wo aus die Zuschauer die Wettkämpfer angefeuert hatten. Linker Hand waren sie größtenteils zerstört.

Gemächlich schlenderte sie zur gegenüberliegenden Seite. Niemand außer ihr hatte sich bis hier hinauf bemüht. Sie genoss die stille Einsamkeit, denn sogar die lauten Stimmen der Touristenführer drangen nicht bis in diese Höhe vor.

Hier in Delphi herrschte zweifellos eine besondere, irgendwie magische Atmosphäre. Sie empfand einen tiefen inneren Frieden und zugleich eine wachsende Lebensfreude.

Wie hat das Stadion wohl einst ausgesehen, überlegte sie und wünschte sich, sie könnte in die Vergangenheit eintauchen und es sich anschauen. Als sie das andere Ende schließlich erreicht hatte, drehte sie sich um und ließ den Blick zurückschweifen.

Sie war nicht mehr allein. Ein Mann stand im Schatten des Triumphbogens. Jetzt trat er heraus in den Sonnenschein, und sie erkannte ihn, ohne irgendwie überrascht zu sein.

Es war Trevor.

2. KAPITEL

Wer würde an diesem sagenumwobenen Ort nicht ins Träumen geraten, dachte Alys und blinzelte. Doch Trevor war noch immer da. Er war kein Fantasiebild, keine Sinnestäuschung, sondern Realität.

Alys war vor Schreck wie gelähmt. Auch Trevor schien wie angewurzelt dazustehen. Erst als er sich zögerlich in Bewegung setzte, löste sich ihre Erstarrung. Sie wich unwillkürlich zurück und kollidierte Momente später mit einer Mauer.

Hektisch blickte sie sich nach einem Fluchtweg um, während sie am ganzen Körper zu zittern begann. Plötzlich tauchte hinter Trevor eine Person in leuchtend roten Shorts und gleichfarbigem Top auf, die ihm etwas zu rief. Er hörte es offenbar nicht, denn er kam langsam weiter auf sie zu, als würde er ebenfalls seinen Augen nicht trauen.

„Dr. Irvine“, sagte Gail lauter, und er verhielt den Schritt und schaute widerstrebend über seine Schulter.

Sogleich stürmte Alys nach rechts davon, wo es kaum mehr Sitzstufen gab. Sie kletterte über die Überreste und anschließend den steilen, bewaldeten Hang hinunter. Mehrmals wäre sie fast auf dem steinigen Untergrund ausgerutscht, aber es kümmerte sie nicht. Hauptsache war, dass sie nicht an Trevor vorbeigehen musste und die Qual der Wahl hatte, ob sie ihn ansprach oder ignorierte.

Ziemlich außer Atem blieb sie irgendwann stehen und lehnte sich gegen einen Baumstamm. Was, in aller Welt, tat Trevor hier? Die griechische Antike war nicht sein Fachgebiet. Im nächsten Moment wurde ihr bewusst, welch dumme Überlegung sie anstellte. Selbst Dozenten der Ägyptologie machten Urlaub, oder? Und vielleicht auch auf einem Schiff? Große Güte! Nein, er musste nicht zwangsläufig ein Mitpassagier sein. Vielleicht war er nur zufällig zur gleichen Zeit wie ihre Gruppe hier in Delphi.

Ihr Herz klopfte vor Angst wie verrückt. Nun beruhige dich und versuche, logisch zu denken, ermahnte sie sich. Warum sollte Trevor nicht in Griechenland Urlaub … Nein, er war auf dem Schiff! Gail hatte ihn angesprochen. Er musste der Adonis sein, von dem sie geredet hatte.

Ungläubig schüttelte Alys den Kopf. Trevor würde seinen Sommerurlaub viel eher auf einer Ausgrabungsstätte in Ägypten verbringen als auf einer Mittelmeerkreuzfahrt mit lauter Rentnern. Es sei denn, er wurde dafür bezahlt.

Plötzlich lichtete sich das Gedankenchaos, und ihr wurde alles klar. Ein Referent, der kurzfristig ersetzt werden musste. Helen, die sich wenige Tage vor der Reise den Fuß brach. Louises Behauptung, sie könne nicht allein unterwegs sein, und ihr gelegentlich sonderbares Verhalten. Wie konnte die Tante es wagen, sie so zu manipulieren und sich in ihr Leben einzumischen!

Wütend stieß Alys sich vom Baumstamm ab. Sie fand auf die Heilige Straße zurück und traf schließlich auf Louise, die noch immer unter dem Olivenbaum saß. Lächelnd erhob sie sich, blickte jedoch verwirrt, als sie den ärgerlichen Gesichtsausdruck ihrer Nichte sah.

„Was unterstehst du dich?“, zischte Alys zornig.

Ihre Tante winkte ab. „Nicht hier.“ Verstohlen machte sie sie darauf aufmerksam, dass sie Zuhörer hatten.

„Dann lass uns hier entlanggehen.“ Alys hakte sie unter und schritt so forsch aus, dass Louise nur mit Mühe mitkam. Aber sie war viel zu aufgebracht, um sich darum zu kümmern. Schließlich gelangten sie zu einer Felsplattform oberhalb eines Flusses.

„Das muss die Kastalia-Quelle sein“, sagte ihre Tante atemlos und fasste sich ans Herz.

„Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Und bitte wechsel nicht das Thema. Ich wüsste gern, welches Recht du hast, so in mein Leben einzugreifen?“

Louise ließ sich auf einem großen Stein nieder. „Vermutlich keines.“

„Dir war bekannt, dass Trevor auf dem Schiff sein würde. Deshalb wolltest du, dass ich dich begleite. Bitte mach nicht noch einen riesigeren Dummkopf aus mir, indem du es bestreitest.“

„Ich möchte dich überhaupt nicht zum Dummkopf machen, Alys. Das würde ich nie versuchen. Dazu habe ich dich viel zu lieb. Du bist meine Lieblingsnichte.“

„Und warum setzt du mich dann dieser schmerzlichen Situation aus?“

„Tut es denn immer noch so weh? Selbst nach all der Zeit?“

Starr sah sie die Tante an, während sie sich eingestand, dass sie ihre Gefühle zwar bekämpft, doch bei Weitem nicht besiegt hatte. Bei Trevors Anblick hatten sie sie sofort wieder überwältigt. Sie wandte sich ab. „Ja, es wird wohl nie aufhören.“

„Meinst du nicht …“

Alys fuhr herum. „Ich will nicht darüber reden. Ich werde aufs Schiff zurückkehren, meine Sachen packen und mit der nächsten Maschine nach England zurückfliegen.“ Schon begann sie, den Weg zurückzugehen, den sie gekommen waren.

„Feigling!“, rief die Tante ihr hinterher, und sie blieb stehen und ballte die Hände zu Fäusten. „Ich dachte, du würdest mehr Mut besitzen und nicht flüchten.“

Langsam drehte sich Alys um, während sie um Beherrschung rang. „Vor knapp zwei Jahren bin ich bereits davongelaufen. Ich möchte das Ganze jetzt einfach bloß vergessen und mein Leben weiterleben.“

„Was dir aber nicht gelingt, oder?“

„Bitte, ich will darüber nicht sprechen. Ich …“

„Meines Erachtens ist es höchste Zeit, dass du es tust.“ Louise erhob sich und fasste Alys schließlich am Ellbogen. „Liebes, sieh dich an. Allein Trevors Anblick hat genügt, um dich in ein Nervenbündel zu verwandeln. Wie kannst du dein Leben weiterleben, wenn du die Vergangenheit gefühlsmäßig so wenig abgeschlossen hast?“

„Versuchst du, uns wieder zusammenzubringen?“, fragte Alys schroff. „Wenn das dein Plan ist, kann ich dir sagen, dass …“

„Nein, das beabsichtige ich nicht. Doch finde ich es dringend erforderlich, dass du dich ein für alle Mal innerlich von Trevor befreist. Was du nicht schaffen wirst, wenn du dich der Sache – ihm – nicht stellst. Es sei denn, du lernst einen anderen Mann kennen und verliebst dich unsterblich in ihn. Was höchst unwahrscheinlich ist, da du noch über die Vergangenheit nachgrübelst und dich in einem Mädcheninternat versteckst. Du fährst sogar mit Frauen in Urlaub.“

„Zu heiraten muss heutzutage nicht das Ziel jeder Frau sein. Man kann auch ohne Mann an seiner Seite ein erfülltes Leben führen.“ Alys schaute ihre ledige Tante an und fügte leicht bissig hinzu: „Was du sehr gut wissen solltest.“

„Das habe ich vermutlich verdient“, antwortete Louise steif. „Aber mein Verlobter ist umgekommen.“

„Und du hast nie mehr einen anderen Mann haben wollen, wie du mir selbst erzählt hast.“

„Das ist richtig.“ Sie zog ihre Nichte zu dem Stein zurück, und sie setzten sich. Einzig das Plätschern des Wassers durchbrach die Stille um sie her. „Nach dem Tod meines Verlobten war ich am Boden zerstört. Ich habe sehr um ihn getrauert. Doch zumindest waren wir bis zum Ende glücklich, und nichts hat diese Erinnerung getrübt. Bei dir und Trevor ist es anders. Du hast dich von ihm im Aufruhr der Gefühle im Bösen getrennt und es bis heute nicht verwunden.“

Und das Ganze war wesentlich schlimmer gewesen, als ihre Tante es beschrieben hatte. Nach dem schrecklichen Streit mit Trevor war sie am Boden zerstört gewesen. Es war so furchtbar gewesen, dass sie es nicht ertragen hatte, in seiner Nähe zu bleiben. Selbst als sie nach einiger Zeit gemerkt hatte, wie stark sie ihn vermisste und brauchte, hatte es kein Zurück gegeben.

Sie selbst war zu stolz und zu verletzt gewesen und er zu unbeugsam, um sie zurückzuholen. Selbst wenn er mich noch begehrt hätte, dachte Alys trübsinnig. Was er höchstwahrscheinlich aber nicht tat, denn er hatte nie versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen.

„Ich weiß, dass es sehr schwer für dich gewesen ist und du dich nach Kräften bemüht hast“, sagte Louise leise. „Ich habe gesehen, wie du mit dir gerungen hast. Du hast mir entsetzlich leidgetan. Ich habe gehofft, dass du ihn mit der Zeit verwinden würdest. Doch du hast dich mehr und mehr zurückgezogen, was mir zeigte, dass es nicht so war. Dann erfuhr ich, dass Trevor für einen der Referenten auf der Kreuzfahrt einspringen würde, die Helen und ich gebucht hatten. Es erschien mir wie eine vom Himmel geschenkte Gelegenheit für dich, auf die eine oder andere Weise mit dir ins Reine zu kommen.“

„Wie meinst du das?“

„Entweder erkennst du, dass er der einzige Mann auf der Welt für dich ist, du ihn verloren hast und damit leben musst. Oder du stellst fest, dass er nicht mehr wichtig für dich ist, du ihn vergessen und wieder richtig zu leben anfangen kannst.“

„Wenn es bloß so einfach wäre.“ Alys klang verzweifelt. „Du ahnst nicht, was du da von mir verlangst. Ich schaffe das nicht.“

„Du musst es. Um deinetwillen. Du hast dich in den letzten zwei Jahren sehr verändert. Du warst früher so lebensfroh. Ich würde viel darum geben, wenn du wieder glücklich wärst.“

„Es wird nicht funktionieren, sondern nur alte Wunden aufreißen. Es ist vorbei.“

„Das ist es nicht.“ Louise fasste sie am Arm. „Du musst dich ein für alle Mal von ihm befreien, ihn aus deinem Herzen vertreiben. Sonst entwickelst du dich zu einem verbitterten, missmutigen Menschen. Du wirst dir das Leben ruinieren, weil du einmal einen Fehler gemacht und dich in den falschen Mann verliebt hast. Stell dich ihm, Alys. Bemüh dich, ihn mit dem Verstand zu sehen, und lass ihn los.“

„Und wenn ich es nicht kann?“

„Dann versuch, dich nur an die guten Zeiten zu erinnern und die schlechten verblassen zu lassen. Erinnere dich an den Mann, den du geliebt hast, nicht an den Mann, den du hasst. Hast du den Mut, dies zu tun, Liebes?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht springe ich einfach über Bord.“

Louise lächelte. „Oh, nein, ein solcher Feigling bist du nicht. Das hast du bereits bewiesen.“

Kurz dachte sie an die Wochen bei der Tante zurück. Louise hatte sie nie allein in der Wohnung gelassen. Auch war der Schlüssel der Badezimmertür auf wundersame Weise verschwunden gewesen. „Du hast besser auf mich aufgepasst, als mir bewusst war“, sagte sie heiser und tätschelte ihr die Hand.

„Ich wollte dich nicht verlieren und möchte es jetzt genauso wenig – selbst nicht an die Bitterkeit.“

Lange blickte Alys ihre Tante an und seufzte dann. „Okay, ich werde es versuchen.“

„Gut.“ Schnell stand Louise auf. „Dann gehen wir und organisieren uns etwas zum Trinken. Meine Kehle ist vom vielen Reden ganz trocken geworden.“

Sie schlenderte den Weg zurück, den sie gekommen waren, und Alys gesellte sich an ihre Seite. „Was hättest du gemacht, wenn ich mich geweigert hätte, aufs Schiff zurückzukehren?“

„Du hättest zurückgemusst. Der Purser hat deinen Pass. Außerdem habe ich ihm das Versprechen abgerungen, ihn dir erst am Ende der Kreuzfahrt zurückzugeben.“

Alys schnappte entrüstet nach Luft und lachte dann widerwillig. „Was ist mit Helen? War deine Freundin nicht traurig, die Kreuzfahrt zu verpassen?“

„Nein. Ich habe nämlich für September eine andere für uns gebucht.“

Forschend sah Alys ihre Tante an. „Du hast gewusst, dass ich ärgerlich werden würde und dir die Reise verderben könnte. Dennoch hast du es um meinetwillen getan.“

Louise nickte. „Und ich schätze, dass du das Ganze nun meinetwegen auf dich nimmst.“

„Mit etwas Glück springt ja vielleicht Trevor an meiner Stelle von Bord“, erwiderte Alys süffisant, als sie wieder zur Heiligen Straße gelangten.

„Er ist also ein Feigling?“

„Nein, nie und nimmer.“

„Dann wird er auf dem Schiff bleiben.“

Es war ziemlich heiß und ein langer Weg hinunter zum Museum, das unmittelbar neben der Ausgrabungsstätte lag. Während sie gemächlich einen Fuß vor den anderen setzten, schaute Alys zu den Ruinen zurück. Delphi würde für sie hauptsächlich mit einer Erinnerung verknüpft sein: Wie Trevor aus dem Schatten des Triumphbogens in das antike Stadion getreten war, quasi aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Und was würde die Zukunft bringen?

Energisch schob sie den Gedanken beiseite. Ich werde jeden einzelnen Moment nehmen, wie er kommt, beschloss sie. Außerdem würde sie sich nicht in der Kabine verstecken, so gerne sie es wollte. Sie hatte ihrer Tante versprochen, sich der Situation zu stellen. Und dieses Versprechen würde sie halten – irgendwie.

Alys war viel zu angespannt, um den Exponaten im Museum wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Bestimmt tauchte Trevor irgendwann hier auf. Und richtig: Als sie auf einen anderen Raum zugingen, wollte er ihn gerade verlassen.

Es war unmöglich, eine Begegnung zu vermeiden. Tief atmete sie ein, fasste ihre Tante warnend am Arm und blieb stehen. Auch Trevor verhielt den Schritt. Sollte er vorhin bestürzt gewesen sein, sie zu sehen, war ihm jetzt nichts mehr davon anzumerken.

„Hallo, Alys. Welche Überraschung“, sagte er leicht grimmig.

„Ja, nicht wahr?“ Sie hörte sich gestelzt und unnatürlich an. „Machst du … die Kreuzfahrt mit?“

„Ja. Ich bin einer der Referenten.“

„Oh, das war mir nicht bewusst.“

„Dessen war ich mir sicher“, antwortete er ironisch.

Mutig blickte sie ihm in die Augen und las die Verachtung darin. Immer mit der Ruhe, ermahnte sie sich und umklammerte fest Louises Arm. „Das ist meine Tante, Miss Norris. Ich bin gewissermaßen ihre Begleiterin. Und das ist Trevor Irvine, Tante Lou. Ich…ich kenne ihn vom Studium her.“

„Es freut mich, Mr. Irvine.“

Lächelnd schüttelte Louise ihm die Hand. Da sie jedoch den Durchgang für andere Besucher versperrten, nickten sie einander nur noch kurz zu, bevor sie weitergingen. Aus den Augenwinkeln beobachtete Alys, dass Trevor auf direktem Weg das Museum verließ, ohne sich noch einmal umzuschauen.

„Würdest du mich bitte loslassen. Er ist weg, und du tust mir weh.“

„Entschuldige“, sagte Alys zerknirscht. „Ich behandle dich heute ziemlich grob, oder?“

„Es ist verständlich.“ Aufmunternd lächelte Louise sie an. „Du hast die erste und schwierigste Hürde genommen. Es war nicht so schlimm, oder?“

„Nein“, log sie. Unsinnigerweise hatte sie gehofft, Trevor würde ihr mit Gleichgültigkeit begegnen und ihre Beziehung Vergangenheit sein lassen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr so unverhohlen seine Verachtung zeigte. Dies war ein klarer Beweis dafür, dass auch er nichts vergessen hatte.

„Willst du wirklich all diese Artefakte betrachten?“

Louise seufzte. „Nein, natürlich nicht. Möchtest du aufs Schiff zurück?“

„Ja, bitte.“

„Okay, aber vorher kaufe ich noch einen Reiseführer und Postkarten.“

Während Alys auf sie wartete, beobachtete sie, wie Trevor hinter Gail in einen der Busse stieg. Erleichtert atmete sie auf, als dieser kurz darauf abfuhr. Sie würde also nicht mit ihm in einem Bus sitzen müssen.

Angeregt plaudernd kam die Tante schließlich mit Jennifer Gilbert auf sie zu, die sich im Bus dann wie selbstverständlich neben Louise setzte. Alys war es recht, so konnte sie ungestört nachdenken.

Hoffentlich nahm Trevor nicht an, sie würde diese Reise machen, um ihn wiederzusehen. Vielleicht hatte er sie deshalb so verächtlich angeblickt. Er konnte nicht wissen, dass ihre Tante das Ganze eingefädelt hatte. Und wenn er glaubte, sie selbst hätte das Zusammentreffen geplant, würde ihn nichts vom Gegenteil überzeugen.

Wie wird er sich wohl mir gegenüber verhalten, überlegte sie. Es wäre ihr mehr als recht, würde er sie meiden. Womöglich ließ er sich von Gail ablenken. Es schien ihr bestens zu gelingen, sich an ihn zu hängen.

Es ist bestimmt seltsam, ihn mit einer anderen Frau zu beobachten, überlegte Alys. Zu verfolgen, wie er sie anlächelte und ihr das Gefühl vermittelte, jemand Besonderes zu sein.

Sie kannte es nur zu gut, denn so hatte sie sich damals immer empfunden. Sie hatte gemeint, sie wäre die einzige Frau, die er je gewollt und geliebt hätte, und diejenige, auf die er sein Leben lang gewartet hätte. Sie hatte sich bei ihm so sicher, geborgen und beschützt gefühlt.

Ihre Liebe zu ihm war unendlich groß gewesen, hatte fast schon an Vergötterung gegrenzt. Trevor war in ihren Augen perfekt gewesen. Weshalb es vermutlich ein so entsetzlicher Schlag für sie gewesen war, als er ihr schließlich von seiner Vergangenheit erzählt hatte.

Und wie sollte sie sich ihm gegenüber verhalten? Am besten zeigte sie sich reserviert, als wäre sie über ihn völlig hinweg und er ihr nicht mehr wichtig. Ja, sie sollte sich gleichgültig geben. Mit etwas Glück und viel Willenskraft könnte sie so von Stunde zu Stunde und Tag zu Tag überleben. Aber ob sie sich am Ende der fast zweiwöchigen Kreuzfahrt von Trevor befreit haben würde, bezweifelte sie stark.

Zurück an Bord blieb ihnen bis zum Lunch gerade genug Zeit, um sich frisch zu machen. Da Tante Louise keine große Esserin war, wählten sie von den beiden möglichen Restaurants dasjenige mit einem Büfett.

Offenbar kannte das Schicksal kein Erbarmen, denn Trevor stellte sich gleich hinter ihnen in der Schlange an. Alys schluckte und fragte sich, was sie jetzt tun sollte. Dankenswerterweise kam die Tante ihr zu Hilfe.

„Hallo, Dr. Irvine. Ist es Ihre erste Reise mit diesem Kreuzfahrtveranstalter?“

„Ja. Ich bin für gewöhnlich in Ägypten.“

„Ein herrliches Land. Ich habe dort vor ein paar Jahren mit einer Freundin einen wunderschönen Urlaub verbracht.“ Louise erzählte von ihren Ferien, und Trevor wandte ihr höflich seine Aufmerksamkeit zu.

Schon bald hörte Alys ihnen nicht mehr zu, da die Vergangenheit in ihr wach wurde. Sie dachte an den ersten Kuss zwischen Trevor und ihr und die erste gemeinsame Nacht. An den Abend kurz nach dem Einzug in das kleine Haus, als es draußen gestürmt und er Liebesgedichte rezitiert hatte, während er sie beim Kaminfeuer entkleidete. An einen warmen Nachmittag, an dem sie sich im Wald geliebt hatten.

Diese Erinnerungen hatte sie immer unterdrückt, weil sie zu schmerzhaft waren. Jetzt überfielen diese sie mit Macht und entzündeten in ihr ein Feuer, das nie ganz erloschen war. Überwältigt von dem plötzlichen Ansturm der Gefühle rang Alys nach Atem.

Sogleich sah Trevor sie an, und sie gab schnell vor, husten zu müssen. Doch er blickte sie weiter forschend an, und sie bemühte sich verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen. Aber ihre Augen verrieten ihm wohl ein wenig davon, was sich in ihr abspielte, denn er machte einen Schritt auf sie zu.

„Irvine, ich glaube, Sie haben meine Frau noch nicht kennengelernt.“

Wie auf Kommando schauten sie beide zur Seite. Ein anderer Referent kam in Begleitung auf sie zu und nickte grüßend in die Runde. Höflich wandte sich Trevor dem Ehepaar zu, während es in der Schlange weiterging. Erleichtert nahm sich Alys ein Tablett und kehrte ihrem Ex den Rücken zu.

Wie viele andere beschlossen auch sie, an Deck zu essen. Sie setzten sich auf Liegestühle im Schatten und stellten das Tablett auf den Schoß. Wenig später erschien Trevor auf der Bildfläche und blickte sich nach einem Sitzplatz um. Neben Alys war noch ein freier Liegestuhl. Er entdeckte ihn, zögerte sichtlich und drehte sich um, als Gail ihn ansprach.

„Ich habe Ihnen einen freigehalten.“

Alys beobachtete, wie er einen Moment unschlüssig dastand, bevor er mit dem Tablett auf Gail zuschlenderte. Er hat das kleinere Übel gewählt, dachte sie, und er tat ihr etwas leid.

„Diese junge Frau legt sich ganz schön ins Zeug“, meinte Louise missbilligend.

„Sie ist gerade auf der Suche nach Ehemann Nummer drei.“

„Und dieses Mal soll es ein Universitätsdozent sein?“

„Vielleicht. Aber vor allem hat sie es wohl so eilig, weil er der einzige ansprechend aussehende Single unter den Passagieren ist.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass er ein so schmucker Mann ist. Was vermutlich ein veralteter Begriff ist. Wie sagt ihr heute dazu?“

„Möglicherweise attraktiv oder smart“, antwortete Alys mit unbewegter Miene und blickte zu den beiden hin.

Trevor hatte sich zu Gail gebeugt. Diese redete auf ihn ein und berührte ihn gelegentlich am Arm, um sich seiner Aufmerksamkeit zu versichern. Nein, nicht auch das noch, dachte Alys, als Eifersucht in ihr erwachte. Verflixt, sie waren jetzt knapp zwei Jahre getrennt.

Zweifellos war sie bei Weitem nicht über Trevor hinweg. Er zog sie nach wie vor magisch an. Leidenschaft hatte sie einst zu ihm hingetrieben und Eifersucht zu ihrer Trennung geführt. Zumindest war sie inzwischen erwachsen genug, um ihre Gefühle zuordnen zu können und zu versuchen, sie zu bekämpfen.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte sich Louise, als die Nichte für ihren Geschmack zu lange schwieg.

„Ja, natürlich“, antwortete sie so heiter, dass es nur eine Lüge sein konnte.

„Du hast mir nie viel darüber erzählt, was zwischen Trevor und dir vorgefallen ist. Möchtest du es jetzt tun?“

Alys zögerte. Als sie damals zu den Eltern geflüchtet war, hatte sie ihnen noch voller Zorn den Grund für die Trennung genannt. Ihre Reaktionen waren so heftig gewesen, dass sie es später oft bereut hatte. Seither verhielt sie sich umsichtiger, nicht zuletzt aus Scham und wegen ihres stark angeschlagenen Selbstvertrauens.

Schon an die ganze Sache zu denken tat noch immer weh, weshalb sie lieber nicht darüber reden würde. Ihre Tante hatte jedoch ein Recht darauf, die Geschichte zu hören – obwohl sie danach eventuell Schuldgefühle plagten, weil sie sie moralisch erpresst hatte, auf die Reise mitzukommen. Aber momentan waren ihr Verlangen und die Eifersucht zu groß, um ihr alles halbwegs sachlich zu erzählen.

Sie schüttelte den Kopf und sagte mit bebender Stimme: „Nein, es tut mir leid. Nicht jetzt und nicht hier.“

„Natürlich, Liebes. Ich hätte überhaupt nicht fragen sollen.“

„Doch, du hast ein Recht, es zu erfahren. Nur bin ich im Augenblick nicht in der Lage, darüber zu sprechen.“

„Dann lass uns mal nachschauen, was heute noch auf dem Programm steht.“ Louise nahm die Brille und das Informationsblatt aus der Handtasche. „Um drei findet im Salon ein Lichtbildervortrag über die Flora im Mittelmeerraum statt. Gegen halb fünf erreichen wir den Kanal von Korinth. Und während wir hindurchfahren, gibt es an Deck einen Vortrag über seine Geschichte. Oh, Trevor ist der Referent.“

„So?“ Alys schaffte es, genauso ruhig wie ihre Tante zu klingen. „Das ist gar nicht sein Fachgebiet. Bestimmt hat er ihn wie verrückt in der Kabine gepaukt.“

„Kommst du mit zu dem Lichtbildervortrag?“

„Bist du mir böse, wenn nicht? Ich würde mich lieber auf die Sonnenterrasse an der Poolbar legen.“

„Selbstverständlich nicht. Pass aber auf, dass du dir keinen Sonnenbrand holst.“

„Keine Sorge.“

Später in der Kabine nahm Alys den trägerlosen Badeanzug aus dem Schrank, den sie sich fürs Sonnenbaden gekauft hatte. Obwohl er einen hohen Beinausschnitt hatte, war er nicht wirklich sexy, verbarg jedoch auch nicht sehr viel. Bei dem Gedanken, Trevor könnte sie darin erblicken, durchrieselte sie ein erregender Schauer.

Sie setzte sich aufs Bett und rief sich ärgerlich zur Vernunft. Aber Trevor wiederzusehen war ein Schock gewesen. Ihn zu verarbeiten würde Zeit brauchen. Zeit, die sie nicht Trübsal blasend in der Kabine verbringen würde. Das hatte sie Tante Louise und sich selbst versprochen. Also zieh dich um und ab mit dir, forderte sie sich auf.

Höflich nickte sie auf dem ansonsten leeren Sonnendeck dem älteren Ehepaar zu, bevor sie es sich mit einem Buch im Liegestuhl bequem machte. Doch sie schaffte es nicht, sich auf ihre Lektüre zu konzentrieren. Als die beiden etwa Siebzigjährigen kurz vor drei die Terrasse verließen, hatte sie noch nicht einmal zwei Seiten gelesen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um Trevor, sosehr sie sich auch dagegen wehrte.

Nach einer halben Stunde war sie mit ihrer Geduld am Ende. Ärgerlich auf sich stand sie auf, legte die Sonnenbrille und das Buch in den Stuhl und lief die Stufen hinunter zum Pool. Nachdem sie sich unter der Dusche etwas abgekühlt hatte, sprang sie ins Becken. Obwohl sie die Einzige darin war, war es zu klein, um sich die Wut von der Seele zu schwimmen. Also tauchte sie ein ums andere Mal bis auf den Boden, kehrte dann an die Oberfläche zurück, und ab ging es erneut nach unten.

Nach einer Weile fühlte sie sich besser und stieg aus dem Wasser. Sogleich empfing sie die Wärme der Nachmittagssonne. Alys strich sich die nassen Haare nach hinten, blickte zum wolkenlosen Himmel hinauf und hatte plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden.

Sie sah zur Bar hin. Der junge Grieche hinterm Tresen lächelte ihr zu. Ein weiterer Mann, der Anfang vierzig sein mochte, saß auf einem der Hocker und betrachtete sie ebenfalls wohlgefällig.

Sie drehte sich um und zuckte zusammen, als sie Trevor bemerkte. Er lag in Shorts und mit freiem Oberkörper in einem der Liegestühle. War er schon da gewesen, als sie ins Becken sprang? Sie hatte ihn nicht wahrgenommen, allerdings auch nicht auf die Umgebung geachtet. Hoffentlich glaubte er nicht, sie hätte sich seinetwegen zur Schau gestellt.

Unverhohlen ließ er den Blick über sie schweifen. Alys widerstand dem Drang, sich zu bedecken. Was sollte der Unsinn? Sie hatte schließlich über zwei Jahre mit ihm zusammengelebt. Er kannte ihren Körper in- und auswendig. Es gab keine Stelle, die er nicht gestreichelt oder geküsst hatte. Und während er sie lustvoll erkundet hatte, war sie vor Verlangen, das nur er stillen konnte, vergangen.

Trevor klappte sein Buch zu und setzte sich auf. Hatten sich ihre Gedanken etwa in ihrem Gesicht gespiegelt? Beschämt sah sich Alys nach ihrem Bademantel um. Verflixt, er befand sich noch auf dem Sonnendeck, und ein Handtuch hatte sie gar nicht erst mitgebracht.

„Wie wär’s damit?“ Der Mann aus der Bar schlenderte zu ihr und reichte ihr eines.

„Vielen Dank.“ Mit dem Rücken zu Trevor begann sie, sich abzutrocknen.

„Mir schien, Sie haben sich im Pool eben ganz schön ausgepowert.“

„Ein wenig.“ Nervös lachte sie auf und versuchte, den Aufruhr in ihrem Innern zu ersticken.

„Haben Sie sonnengebadet? Bitte seien Sie vorsichtig. Ich möchte Sie ungern wegen eines Sonnenstichs behandeln müssen.“

„Mich behandeln? Oh, ich verstehe. Sie sind der Schiffsarzt.“

„Ja. Jack Reed. Darf ich Sie zu einem Drink einladen? Sie sehen aus, als könnten Sie ein kühles Getränk vertragen.“

Alys zögerte, war sich nur zu bewusst, dass Trevor zuhörte und sie beobachtete. Was soll’s, dachte sie dann und hob das Kinn. „Vielen Dank. Das ist nett von Ihnen.“

„Sind Sie zum ersten Mal mit diesem Reiseveranstalter unterwegs?“, erkundigte sich Jack, nachdem sie bestellt und sich an der Bar niedergelassen hatten.

„Ja. Allerdings habe ich mir den Urlaub nicht selbst ausgesucht. Einer Freundin meiner Tante ist in letzter Minute etwas dazwischengekommen, weshalb ich für sie eingesprungen bin.“ Hoffentlich hatte Trevor die Ohren gespitzt und konnte von dem Liegestuhl aus verstehen, was sie sagte.

„Was mich nicht überrascht. Auf Kreuzfahrten wie diesen sind kaum ledige junge Frauen an Bord, Miss …“

„Entschuldigung. Alys Curtis. Und ja, ich bin nicht verheiratet.“ Sie nahm ihr Glas und trank einen Schluck. „Sind Sie ständig auf diesem Schiff?“

Lachend schüttelte er den Kopf. „Nein.“ Er beugte sich zu ihr und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: „Wenn man sich in seiner Eigenschaft als Mediziner anheuern lässt, ist die Reise kostenlos. Das Gleiche gilt für die Referenten.“

„Ah, ja.“ Vermutlich war er ein schlecht bezahlter Arzt oder vielleicht sogar arbeitslos. „Würden Sie gern länger an Bord bleiben?“

„Warum nicht. Die Sonne und das Meer sind ganz nach meinem Geschmack. Der einzige Nachteil bei dem Job ist, dass ich auf allen Landausflügen dabei sein muss, sollte sich jemand unwohl fühlen. Aber die älteren Passagiere scheinen ziemlich fit. In Delphi habe ich schon gekeucht, als die meisten von ihnen noch ruhig atmeten.“

Alys lachte. Doch Augenblicke später war ihr nicht mehr danach zumute, denn Trevor setzte sich ans andere Ende des Tresens und bestellte ein Bier.

„Das geht auf mich“, sagte Jack.

„Ich möchte mich dir und deiner … Freundin nicht aufdrängen.“

Trevor klang normal, aber Alys hörte trotzdem den süffisanten Unterton in seiner Stimme. Ihr sollte es recht sein. Seine Gelassenheit half ihr, die Panik zu bekämpfen, die seine Nähe und der Anblick seiner breiten nackten Brust in ihr auslösten.

„Je größer die Runde, umso besser“, erwiderte Jack und wollte ihm Alys vorstellen.

„Das ist nicht nötig. Wir kennen uns bereits. Hat dir das Schwimmen Spaß gemacht?“

„Nicht wirklich. Der Pool ist winzig.“

„Trotzdem hast du ihn in deinem üblichen Stil genutzt.“

Alys runzelte die Stirn. Im nächsten Moment ging ihr jedoch die Doppeldeutigkeit seiner Äußerung auf. Er spielte darauf an, dass sie mit Jack etwas trank. „Hast du dich bereits damit angefreundet?“

„Noch nicht.“

„Nein? Das überrascht mich“, erklärte sie mit Unschuldsmiene und war sicher, dass Trevor den versteckten Hinweis auf Gail verstand.

„Er ist mir zu klein. Ich mag es lieber größer.“

„Wie etwa das Meer? Pass auf, dass dich keine Krake erwischt.“

„Da ich mich mit ihnen auskenne, kann ich mich bestimmt vor den Fangarmen retten.“

Jack sah von einem zum anderen. Wenn das keine seltsame Unterhaltung war. „Ich glaube, die Fische im Mittelmeer sind nicht so riesig, dass sie dir gefährlich werden könnten.“

„Nein, es ist wahrscheinlich umgekehrt“, meinte Alys, und Trevor lächelte matt, bevor er ein Gespräch mit Jack über das Schiff anfing.

Nach einer Weile wurde es laut um sie her. Der Lichtbildervortrag war offenbar zu Ende. Die Leute strömten an Deck, um einen guten Platz für die Kanaldurchfahrt zu ergattern. Trevor trank sein Bier aus, bedankte sich bei Jack und nickte ihr spöttisch zu, bevor er die Bar verließ.

Alys bemühte sich nach Kräften, so ungezwungen wie möglich mit dem netten Arzt zu plaudern. Was nicht leicht war nach der Begegnung mit Trevor, der sie wütend machte und zugleich ihr Verlangen weckte. Und nachdem sie ihr Glas geleert hatte, verabschiedete sie sich, um zu duschen und sich umzuziehen.

Als sie schließlich an Deck zurückkehrte, hatte Trevor den Vortrag gerade begonnen. Er stand auf der Brücke und redete über die Bordsprechanlage. Alys stellte sich etwas abseits von den Leuten, während er davon erzählte, dass die Schiffe einst von Hand durch die Meerenge gezogen worden waren.

Wie früher nahm seine tiefe, melodiöse Stimme sie auch jetzt gefangen. Außerdem besaß er die Fähigkeit, die eigene Begeisterung auf seine Zuhörer zu übertragen. Nicht zuletzt deshalb war er ein glänzender Lehrer.

Ursprünglich waren die alten Ägypter nicht ihre Fachrichtung an der Uni gewesen. Aber sie hatte die Kurse gewechselt in dem Glauben, dieses gemeinsame Interesse würde sie zwei ein Leben lang begleiten. Sie könnte mit ihm diskutieren, ihm assistieren und mit ihm auf Ausgrabungsstätten arbeiten. Es war ihr ziemlich egal gewesen, was sie tun würde, solange sie nur mit ihm zusammen wäre.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an seine von Leidenschaft rau klingende Stimme, wenn er auf dem Höhepunkt der Lust ihren Namen gerufen hatte. Wenn er ihr wundervolle Komplimente zugeflüstert und ihr glühend erklärt hatte: „Ich liebe dich, Alys. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.“

Wenn man es viermal sagt, muss es eigentlich wahr sein, überlegte sie, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Energisch blinzelte sie sie fort, während sie mit verschwommenem Blick zu den nahen, steilen Kanalwänden sah, die das Schiff noch überragten.

Versuch dich nur an die guten Zeiten mit ihm zu erinnern, hatte Tante Louise ihr geraten. Aber an die glücklichen Tage zu denken machte sie noch trauriger als der Gedanke an die schlechten. Ja, sie hatte Trevor verlassen, jedoch nie aufgehört, ihn zu lieben.

Und das wirst du nie tun, wurde ihr bewusst. Also würde sie lernen müssen, damit zu leben. Was ihr immer unmöglicher schien, je länger sie Trevors Stimme lauschte.

3. KAPITEL

Nach der Fahrt durch den Kanal wurden die Passagiere gebeten, sich für eine Übung zu ihren jeweiligen Rettungsbooten zu begeben.

„Oje“, sagte Louise leise zu Alys, als sich herausstellte, dass sie in dasselbe gehörten wie Gail und ihre Mutter. „Ich möchte nicht unfreundlich sein, aber hoffentlich müssen wir das Schiff nicht verlassen und eine Ewigkeit mit ihnen im Boot sitzen. Mrs. Gilbert ist ziemlich geschwätzig. Ich weiß schon bestens über Gails erste Ehe Bescheid.“

„Wir versuchen in Zukunft, den beiden aus dem Weg zu gehen.“ Alys lächelte ihre Tante an. Diese würde nie auf die Idee kommen, einer Zufallsbekanntschaft familiäre Dinge zu erzählen.

Am Abend lud der Kapitän zu einer Cocktailparty ein mit anschließendem Galadiner, das unter dem Motto stand: Gaumenfreuden aus Griechenland. Um angemessen angezogen zu sein, wählte Alys ihr schlichtes schwarzes Etuikleid mit der kurzen perlenbesetzten Jacke. Die langen blonden Haare trug sie offen. Nachdem sie in die High Heels geschlüpft war, betrachtete sie sich noch einmal prüfend im Spiegel.

Ja, so konnte sie sich blicken lassen. Sie sah gut aus, wirkte elegant und ein wenig unnahbar. Du machst genau den Eindruck, den du in Trevors Gegenwart erwecken möchtest, dachte sie zufrieden.

Offenbar war ihre Tante wild entschlossen, Gails Mutter möglichst zu meiden. Nachdem der Kapitän Alys und Louise begrüßt hatte, ging diese schnurstracks an Mrs. Gilbert vorbei auf eine andere Gruppe zu. Und während sie Konversation betrieben, schaute Alys sich verstohlen um.

Diese Veranstaltung war sicher nicht nur für alle abkömmlichen Schiffsoffiziere Pflicht, sondern auch für die Referenten. Sie hatte richtig vermutet. Gerade schüttelte der Kapitän Trevor die Hand.

Er trug wie alle Männer einen Gesellschaftsanzug. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen hatte er ein weißes Smokingjackett an und eine rote Fliege umgebunden. Er sah einfach umwerfend aus, und Alys spürte, wie sogleich eine schmerzliche Sehnsucht in ihr erwachte. Energisch rief sie sich zur Vernunft. Sie hatte sich doch vorgenommen, sich gleichgültig zu geben.

„Ist er nicht ein Adonis?“

Verwirrt drehte Alys sich um. Gail war von hinten an sie herangetreten.

„Ich habe beobachtet, dass du unseren göttlichen Dr. Irvine betrachtest.“ Gail fasste sie am Arm. „Und ich wollte ursprünglich nicht mit auf diese Kreuzfahrt. Ich habe ja nicht geahnt, dass Intellektuelle so ungeheuer attraktiv sein können. Sag, sind es alle Lehrer inzwischen?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Dann stimmt mein Weltbild zumindest noch einigermaßen. Bitte, entschuldige mich.“

Sie wandte sich um, wohl um Trevor abzupassen, wie Alys vermutete, als Jack sich zu ihnen gesellte. Auch er machte im Smoking eine ausgezeichnete Figur.

„Hallo, Miss Curtis. Oder darf ich Sie Alys nennen?“

„Natürlich. Und dies ist Mrs. Turnbull“, stellte sie Gail schnell vor, bevor diese davoneilen konnte. „Hast du unseren Schiffsarzt Jack Reed schon kennengelernt?“

„Nein, habe ich noch nicht.“ Lächelnd schüttelte sie ihm die Hand.

„Sollte jemand von den Passagieren stolpern und sich den Fuß verstauchen, ist es hoffentlich eine von Ihnen beiden. Dann würde sich die Kreuzfahrt echt lohnen.“

Gail lachte so herzhaft, dass sich die Leute in der Nähe zu ihr umdrehten, was sie sichtlich genoss. Zweifellos gefiel es ihr, im Mittelpunkt zu stehen. Und während sie mit dem Doktor redete und ihn zum Lachen brachte, fragte sich Alys, ob er mit seiner vielleicht ein wenig zu lässigen Art etwas überspielte.

Der Reiseleiter machte die Runde und sorgte dafür, dass sich die einzelnen Gruppen auflösten und die Leute zirkulierten. Gail nutzte die Gelegenheit, um zu Trevor hinzugehen, den sie, wie versteckt auch immer, weiter im Auge behalten hatte.

Er plauderte gerade mit zwei Kollegen und deren Frauen. Anders als Alys erwartet hatte, versuchte Gail nicht, ihn auf die Seite zu ziehen, um ihn für sich allein zu haben. Sie veranlasste ihn, sie den anderen vorzustellen, und blieb dann direkt neben ihm, als wären sie ein Paar.

Keine schlechte Taktik, dachte Alys, während sie mit ihrer Tante auf ein älteres Ehepaar zuschlenderte. Jack heftete sich an ihre Fersen, was sie nicht unbedingt freute, selbst wenn er wirklich nett war. Sie wollte keinen Begleiter – wegen sich und ihrer Tante nicht. Hauptsächlich allerdings, weil Trevor nicht meinen sollte, sie würde einen Mann suchen und den Arzt ermutigen.

Ob es ihrer beider Verdienst war, wusste sie nicht. Sie schafften es jedoch, sich auf der Cocktailparty nicht über den Weg zu laufen. Amüsiert beobachtete Alys, dass es ihm ebenfalls gelang, auf dem Galadiner nicht mit Gail am Tisch zu sitzen. Zwar rückte er ihrer Mutter und ihr den Stuhl zurecht, überließ danach aber seinen einer verloren aussehenden älteren Dame.

Fast hätte Alys laut gelacht, als sie Gails ärgerlichen Blick bemerkte. Dann galt es für sie, schnell zu reagieren. Sie war zu abgelenkt gewesen und hatte nicht wahrgenommen, dass Jack sich am selben Tisch wie sie niederlassen wollte. Im letzten Moment konnte sie gerade noch Tante Louise zwischen ihn und sich platzieren.

Nach dem köstlichen griechischen Essen schlenderten viele Passagiere in den Salon, um Kaffee zu trinken. Andere, darunter die Leute von Alys’ Tisch, begaben sich an Deck und verfolgten, wie das Schiff in den Naturhafen von Hydra einfuhr. Das Städtchen, das sich mit seinen gepflasterten Gassen und alten Häusern malerisch an einem Hügel hinaufzog, erinnerte an ein Amphitheater.

„Wie bezaubernd!“, rief Louise. „Wir sollten eine Weile an Land gehen.“

Zu siebt bummelten sie schließlich durch das Hafenviertel mit den Tavernen, Straßencafés und Läden. Als zwei Ehepaare in einem Geschäft verschwanden, um Hüte zu kaufen, spazierten Alys, Louise und Jack allein weiter.

„Ich glaube, ich kehre jetzt aufs Schiff zurück“, sagte Louise irgendwann. „Es war ein langer Tag. Aber du musst mich nicht begleiten, Alys. Ich finde den Weg auch allein.“

„Ich würde gern noch bleiben.“ Alys wandte sich an Jack. „Würdest du meine Tante vielleicht zurück an Bord bringen?“ Vorhin auf der Cocktailparty war Gail erneut vorgeprescht und hatte vorgeschlagen, man solle sich allseits duzen. Es abzulehnen wäre grob unhöflich gewesen.

„Natürlich“, antwortete er und fragte leise: „Darf ich mich danach wieder zu dir gesellen, oder sollte ich mich als verabschiedet betrachten?“

„Offen gestanden, wäre ich gern ein wenig für mich. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich nicht mehr allein war.“ Sie lächelte ihn an, um ihm anzuzeigen, dass sie es nicht böse meinte.

„Okay, dann noch einen schönen Abend.“ Jack nickte ihr zu und ging hinter Louise her.

Alys blickte ihnen einen Moment nach, bevor sie sich in ein Straßencafé setzte. Sie bestellte sich etwas zu trinken und beobachtete die Leute auf der Uferpromenade. Es waren Touristen sowie Einheimische. Auch schlenderten einige Mitreisende vorbei, die teilweise grüßend die Hand hoben.

Als der Kellner ihr gerade den Drink serviert hatte, sah sie eine Gruppe von Passagieren, darunter Trevor und natürlich Gail. Alys bekam einen trockenen Mund. Schnell nahm sie ihr Glas und trank einen Schluck, um so zu tun, als hätte sie ihn nicht bemerkt.

„Entschuldigen Sie mich, dort sitzt jemand, den ich kenne“, hörte sie Trevor sagen und hätte sich beinahe verschluckt. Und während sie noch hustete, kam er auf ihren Tisch zu. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Er stützte sich auf die Rückenlehne eines Stuhls.

„Ja. Ein Zitronenkern hat mir Probleme gemacht.“

„Ich finde, wir sollten reden.“

Er klang nicht im Mindesten versöhnlich, was ihr half, kühl zu erwidern: „Wenn du meinst.“

Trevor setzte sich, winkte den Kellner herbei und bestellte sich einen Drink. Dann schwiegen sie sich angespannt und fast ein wenig feindselig an, und Alys versuchte, nicht an früher zu denken. An die Zeiten, in denen sie unbeschwert und gemütlich irgendwo beieinandergesessen hatten.

„Das ist ein ganz schöner Zufall“, sagte Trevor, nachdem sein Drink serviert worden war, und nahm das Glas in die Hand.

„Ja, ist es.“

„Ich bin in letzter Minute für einen Referenten eingesprungen.“

Warum hielt er eine Erklärung für nötig? „Ich habe davon gehört.“

Gemächlich trank er einen Schluck. „Wie geht es dir?“

„Prima. Und dir?“

„Mir ebenfalls.“

„Und deinem Sohn?“ Alys hatte sich einfach danach erkundigen müssen. „Ich hoffe, er ist okay.“

Forschend sah er sie an, aber in ihren Augen spiegelte sich weder Sarkasmus noch Bosheit. „Mit ihm ist alles so weit in Ordnung.“

Noch viele andere Fragen brannten ihr auf der Seele, aber sie sollte sie besser nicht stellen. „Die alten Griechen sind nicht unbedingt dein Fachgebiet, oder?“

„Ich habe meinen Kompetenzbereich in den letzten zwei Jahren ausgebaut.“

Hat er sich weitergebildet, um die einsamen Stunden zu überbrücken, überlegte sie und rief sich sogleich zur Vernunft. Er war nicht wie sie allein gewesen, sondern hatte seinen Sohn und dessen Mutter bei sich gehabt.

„Hast du deinen Doktor gemacht?“, erkundigte er sich und brach das angespannte Schweigen, das sich wieder zwischen ihnen ausbreitete.

„Nein, ich habe die Uni sofort verlassen.“ Deutlich spürte sie seinen Blick.

„Das ist … sehr schade und eine große Talentverschwendung. Es tut mir leid.“

Ruckartig wandte sie den Kopf und sah ihn an. „Warum, in aller Welt, sollte es dir leidtun? Es war meine Entscheidung. Wenn überhaupt, dann habe ich meine Zeit verschwendet, indem ich Ägyptologie belegt habe.“

Sein Blick verhärtete sich. „Wie du vermutlich auch deine Zeit verschwendet hast, indem du mit mir zusammen warst?“

„Ja, wie sich herausgestellt hat.“ Sie errötete und biss sich auf die Lippe. „Nein, das stimmt nicht. Ich … bedaure es nicht.“

Trevor zog die Brauen hoch. „Allem Anschein nach bist du ein wenig erwachsen geworden.“

„Sei nicht so verdammt herablassend.“

Amüsement spiegelte sich kurz in seinen Augen. „Und was machst du jetzt?“

„Ich bin Lehrerin … An einem Mädcheninternat“, fügte sie zögerlich hinzu, und er lachte erwartungsgemäß spöttisch.

„Du bist also davongelaufen und quasi in die neuzeitliche Version des Klosters geflohen. Ich hätte es mir denken können.“

Finster blickte sie ihn an. „Was soll das nun wieder heißen?“

„Das weißt du sehr genau. Als das Leben aufhörte, ein Traum zu sein, und die Realität einkehrte, konntest du es nicht ertragen. Feige, wie du bist, hast du nicht gekämpft, sondern Reißaus genommen. Genauso wie du heute Vormittag geflüchtet bist, als du mich in Delphi gesehen hast.“

„Untersteh dich, mich feige zu nennen!“

„Ich habe mich getäuscht. Du hast dich kein bisschen geändert.“

Alys wollte ihm eine gepfefferte Antwort geben, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie sich schon wieder stritten. Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und mahnte sich zur Ruhe. „Anscheinend hat das keiner von uns geschafft.“

Schweigend leerte er das Glas und stellte es energisch auf den Tisch zurück. „Möchtest du noch etwas trinken?“

„Nein, danke. Und lass dich von mir nicht aufhalten. Gail dürfte inzwischen wieder auf dem Schiff und du vor ihr sicher sein. Es sei denn, sie passt dich ab, wenn du an Bord zurückkehrst.“

„Hoffentlich hat sie den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden.“ Er lächelte sie plötzlich an, und ihr wurde anders.

„Es freut mich, dass ich dir nützlich sein konnte.“

„Wie ich sehe, hast du es geschafft, den Arzt loszuwerden. Hast du ihn abgehängt, weil er dir nicht gefällt oder weil er ein Mann ist?“

„Ich habe nichts gegen Männer im Allgemeinen.“

„Nur gegen mich im Besonderen.“

Alys zuckte die Schultern, und Trevor lachte verächtlich auf, verfolgte das Thema aber nicht weiter. Er hob die Hand und bedeutete dem Kellner, ihnen noch einmal dieselben Drinks zu bringen.

„Warum bist du heute Vormittag vor mir weggelaufen?“

Diesen Ton kannte sie von früher. Trevor würde keine Ruhe geben, bis sie die Frage beantwortet hatte. „Gefangen in der magischen Atmosphäre von Delphi und allein in dem Stadion mit all seinen Geistern der Vergangenheit … habe ich die Augen geschlossen, um ihnen näher zu sein. Als ich sie wieder öffnete, hat mich das Sonnenlicht geblendet … und dann bist du auf der Bildfläche erschienen.“

„Du hast mich für einen Geist gehalten?“

„Eher für eine Sinnestäuschung, für ein Phantom, das gleich wieder verschwindet. Doch dann tauchte Gail auf und hat dich gerufen.“

„Und du bist auf und davon.“

„Ich brauchte etwas Zeit, um mich von dem Schreck zu erholen.“

„Ja, vermutlich“, erwiderte er in ausdruckslosem Ton.

Der Kellner servierte die Getränke, und während Trevor bezahlte, nutzte sie die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er war jetzt vierunddreißig, und die Linien um seinen Mund waren ein wenig tiefer geworden. Ansonsten schien er ganz der Alte. Sein Haar war noch genauso dicht und dunkel und sein Körper durchtrainiert und geschmeidig wie früher.

Er sieht aus, als würde er weiter die Übungen machen, die ich ihm gezeigt habe, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatten sie morgens stets gemeinsam absolviert – es sei denn, sie hatten sich geliebt. Dann waren sie zu erschöpft gewesen.

„Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte sie schnell, als der Kellner davonging und Trevor sich ihr zuwandte.

„Bis Mitternacht.“

Alys lächelte. „Wie Aschenputtel.“

„Ja. Wenn die Kirchturmuhr zwölf schlägt, verwandelt sich unser Kreuzfahrtschiff in ein Geisterschiff.“

„Und die Besatzung in Fische.“

„Der Schuh in einen Matrosenstiefel.“

„Tante Louise in Neptun.“

„Und Gail in einen Hai“, fügte Trevor hinzu.

Sie sahen sich an und lachten, beruhigten sich aber im Nu wieder. Und plötzlich empfand Alys ein tiefes Verlustgefühl. „Ein Hauch von einem Déjà-vu-Erlebnis.“ Ihre Stimme zitterte ein wenig.

„Nicht alles war schlecht“, erwiderte er schroff.

„Nein.“ Zärtlich blickte sie ihn an, während sie sich daran erinnerte, wie sehr sie sich geliebt hatten. „Das meiste war … wunderbar“, stieß sie mit einem Seufzer hervor. Sie neigte den Kopf vor, schaute auf ihr Glas und blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen traten.

Momente später sah sie wieder auf, strich sich die Haare zurück und trank einen großen Schluck. Schweigend beobachteten sie die Menschen auf der Promenade.

Mit einem Mal konnte Alys die Stille am Tisch nicht länger ertragen. „Wie fandest du Delphi?“

„Diese Frage habe ich heute schon tausendfach gehört.“

„Entschuldige meine Banalität.“

„Du musst nicht gleich kratzbürstig werden.“

„Möglicherweise hättest du bei Gail bleiben sollen. Sie wäre sicher die Anschmiegsamkeit in Person.“

„Ja, vielleicht hätte ich das tun sollen.“

„Aber sie ist nicht dein Typ, oder?“

„Nein“, antwortete Trevor schroff. „Und wir beide wissen, wer mein Typ ist, oder?“

Ihr Herz spielte einen Moment verrückt, und seine Offenheit verblüffte sie. „Ich weiß, welchen du früher bevorzugt hast. Doch könntest du deinen Geschmack seither geändert haben.“

„Das könnte ich. Du hast mir Grund genug dazu geliefert.“

Alys krallte die Finger um ihr Glas, flüchtete sich in Wut und fragte bissig: „Müssen wir über die Vergangenheit reden? Für mich ist sie nämlich erledigt und abgehakt.“

„Erledigt und abgehakt“, wiederholte er und sah sie dann verächtlich an. „Und trotzdem bist du heute weggelaufen.“

Ärgerlich sprang sie auf. „Unglücklicherweise nicht weit genug.“

„Was willst du jetzt machen? Von Bord gehen? Erneut fliehen?“

Dieser Gedanke wurde mit jeder Sekunde verlockender. Aber Trevors spöttischer Ton stärkte gleichzeitig ihren Widerstandsgeist. Außerdem hatte er sie bereits einen Feigling genannt.

„Es tut mir leid, dich zu enttäuschen“, sagte sie kühl. „Doch habe ich nicht vor, mir von einer solchen … Belanglosigkeit die Ferien verderben zu lassen. Wenn du dich an meiner Gegenwart störst, schlage ich vor, dass du von Bord gehst.“

Höhnisch lachte er auf. „Ich renne nicht vor Verpflichtungen davon.“

Die Unterhaltung fortzuführen würde die Situation nur verschlimmern. Sie nahm ihre Handtasche und hängte sie über die Schulter. „Vielen Dank für den Drink. Das war vielleicht ein Wiedersehen!“ Hoch erhobenen Hauptes schlenderte sie davon.

Wenig später hörte sie seine Schritte hinter sich. Sie kannte sie nur zu gut. Früher hatte sie so oft darauf gelauscht, um ihm entgegenzulaufen und sich sehnsüchtig in seine Arme zu werfen. Jetzt allerdings hatte sie es eilig, von ihm wegzukommen.

Zwei junge Männer versperrten ihr ein wenig den Weg. Sie machte einen Bogen um sie, doch die beiden ließen sich nicht beirren und zwangen sie dann praktisch, stehen zu bleiben.

„Trinkst du was mit uns?“, fragte einer der zwei, während er sie gierig betrachtete. Schon hob er den Arm, um ihr übers Haar zu streichen.

Im nächsten Moment fasste Trevor sie an der Schulter und schüchterte die beiden mit einer eindeutigen Handbewegung ein. Nach einem kurzen Blick in sein grimmiges Gesicht und auf seinen muskulösen Körper zogen die Burschen schnellstens von dannen.

Ohne ihm zu danken oder ihn auch nur anzusehen, befreite sich Alys von ihm und marschierte weiter. Trevor hielt mit ihr Schritt. Seite an Seite erreichten sie den Anlegeplatz ihres Schiffs, auf dessen Deck zahlreiche Passagiere waren. Und wie selbstverständlich stützte er sie am Ellbogen, um ihr auf die Gangway zu helfen.

Sobald sie an Bord war, eilte Alys in die nächstgelegene Damentoilette. Wie schön, es war niemand hier. Mit zitternden Händen kühlte sie ihr Gesicht und versuchte, den Aufruhr in ihrem Innern zu bekämpfen. Verflixt, wie sollte sie bloß diese Kreuzfahrt durchstehen?

Die Schiffssirene heulte, um auch den letzten Landgängern anzuzeigen, dass man gleich auslaufen würde. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet, und zwei Frauen kamen herein. Alys nickte ihnen zu, warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel und verließ den Raum.

Wenig später lehnte sie sich gegen die Reling des Sonnendecks. Sie hatte richtig vermutet, dass sie hier allein sein würde. Ältere Leute stiegen nicht gern eine steile Treppe hinauf. Und um das Ablegemanöver zu verfolgen, musste sich niemand so weit nach oben bemühen.

Irgendwann spürte sie einen Ruck, der sie aus ihrer Selbstvergessenheit riss. Offenbar hatte man die Schiffsmotoren gestartet. Ja, und auch in ihr selbst schien etwas in Bewegung geraten zu sein.

Als sie Trevor vor zwei Jahren verlassen hatte, war sie in einem emotionalen Ausnahmezustand gewesen. Sie hatte nicht anders handeln können, sich dazu getrieben gefühlt, denn das Ganze war ihr so schrecklich unfair vorgekommen. Und es hatte furchtbar wehgetan, sich damit immer wieder zu konfrontieren.

Sie hatte nicht gewusst, was sie denken sollte. In der einen Minute hatte sie gemeint, alles wäre allein ihre Schuld. Aber in der nächsten war sie sicher gewesen, dass Trevors Ansinnen – seinen Sohn mit dessen Mutter in ihrem gemeinsamen Zuhause aufzunehmen – eine einzige Zumutung darstellte. Also hatte sie versucht, ihre Gedanken abzuschalten.

Tante Louise und Trevor hatten sie heute einen Feigling genannt, womöglich zu Recht. Sie hatte sich seit der Trennung nicht wirklich mit ihren Gefühlen auseinandergesetzt. Auch hatte sie die Geschehnisse nicht analysiert, die zu ihrer verzweifelten Entscheidung geführt hatten, Trevor den Rücken zu kehren.

Vielleicht war jetzt die Zeit gekommen, es nachzuholen. Wollte sie diese Kreuzfahrt durchstehen, sollte sie besser den Mut aufbringen, zu überprüfen, ob es richtig gewesen war, den über alles geliebten Mann zu verlassen.

Plötzlich merkte sie, dass ihr kalt wurde, und ging zu ihrer Kabine.

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