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ROMANA EXKLUSIV BAND 272

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Was deine Blicke mir verraten

1. KAPITEL

Jacky fühlte das Blut aus ihren Wangen weichen, als sie den neu eingestellten Chefarzt der Unfallaufnahme am Hôpital de la plage durch die Tür von Marcels Büro kommen sah. Pierre nach all diesen Jahren unerwartet wieder zu begegnen traf sie wie ein Schock.

Es war heute Morgen die zweite große Überraschung gewesen. Marcel hatte sie in sein Büro gerufen und ihr mitgeteilt, seinen Posten als Chefarzt der Notaufnahme an einen Nachfolger zu übergeben. Leider hatte Jacky keine Zeit mehr gefunden, ihm diesbezüglich Fragen zu stellen. Und nun hieß der Nachfolger Pierre … so viele Erinnerungen, so viele widerstreitende Gefühle … Sie fühlte sich benommen. Alles erschien ihr unwirklich …

„Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen, Pierre“, begrüßte Marcel seinen neuen Kollegen mit einem warmherzigen Lächeln und gab ihm die Hand.

Jacky setzte sich mit weichen Knien auf den nächsten Stuhl und beobachtete die Begrüßungszeremonie der beiden Männer. Warum, um Himmels willen, hatte Marcel nicht schon früher erwähnt, dass er vorhatte, bereits im Laufe des Tages die Abteilung zu wechseln? Und, was noch viel wichtiger war, warum hatte er ihr nichts über seinen Nachfolger erzählt?

„Ich möchte dich Dr. Jacky Manson vorstellen, Pierre“, sagte Marcel. „Jacky, das ist Dr. Pierre Mellanger.“ Er wandte sich wieder an den Neuankömmling. „Jacky arbeitete schon einen Monat lang mit meiner Frau Debbie zusammen und übernahm dann ihre Stelle, als Debbie in den Mutterschaftsurlaub ging und …“

„Pierre und ich sind uns schon begegnet“, sagte Jacky mit zittriger Stimme und stand etwas unsicher auf.

Langsam kehrte die Farbe in ihre Wangen zurück, wenn auch intensiver, als sie es sich wünschte. Sie blickte Pierre an und streckte ihm ihre Hand zur Begrüßung entgegen, bemüht, dabei ruhig und gelassen zu wirken.

Ein verwirrtes Lächeln war auf Pierres hübschem Gesicht erschienen, und in seinen dunklen Augen lag ein fragender Ausdruck, als er Jackys Hand nahm und sie kurz und förmlich schüttelte.

„Helfen Sie mir, Dr. Manson, wann sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragte er höflich, als er ihre Hand losließ.

Jacky schluckte trocken. „Damals, zu Hause in der Normandie, bestand meine Mutter immer darauf, dass mich jeder Jacqueline nannte. Niemand durfte meinen Namen abkürzen …“

„Jacqueline! C’est toi? Vraiment? Mais comme vous avez changé!“

Erleichterung überkam sie. Also hatte er sie doch nicht ganz vergessen! „Natürlich habe ich mich verändert! Schließlich war ich ja erst sechzehn Jahre alt, als du nach Australien gingst, um zu heiraten.“

Pierre lächelte und entblößte dabei seine strahlend weißen Zähne, die sie schon als Kind an ihm bewundert hatte.

„Eigentlich hätte ich dein kastanienbraunes Haar und diese blitzenden grünen Augen erkennen müssen! Ich weiß noch, dass meine Mutter immer von deiner Schönheit geschwärmt hat.“

Ich mag ja ein hübsches Kind gewesen sein, dachte Jacky, aber Pierre hatte immer nur Augen für Mädchen, die viel älter waren als ich.

„Aber dein Familienname, Manson?“, wandte Pierre ein. „Bist du verheiratet?“

„Ich war verheiratet … aber wir … nun … wir haben uns scheiden lassen. Und danach bin ich nie dazu gekommen, wieder meinen Mädchennamen anzunehmen.“

„Dein Vater war Engländer und deine Mutter Französin, soweit ich mich erinnere, und du warst das einzige Kind im Dorf mit einem englischen Familiennamen. Shaftesbury – ein wirklich ungewöhnlicher Name in Frankreich.“

„Einige meiner damaligen Freunde und selbst mein Lehrer in der école primaire hatten Schwierigkeiten, den Namen auszusprechen“, bestätigte Jacky. „Seit meiner Scheidung habe ich so manches Mal in Erwägung gezogen, endlich meinen Ehenamen abzulegen, um damit einen klaren Strich unter diese … schwierige Zeit meines Lebens zu ziehen.“

„Es ist immer schwierig, sein normales Leben wieder aufzunehmen, oder?“, sagte Pierre.

Jacky bemerkte in seiner sanften Stimme einen Anflug von Traurigkeit. „Fast unmöglich“, stimmte sie ihm zu.

Pierre hielt ihren Blick fest, und sie genoss das Gefühl, einen vertrauten Moment mit ihm teilen zu dürfen. Wie wohl sein Leben verlaufen war, seit er die Normandie verlassen hatte? Er musste damals fünfundzwanzig Jahre alt gewesen sein. Sie hatte ihn sich immer glücklich verheiratet vorgestellt – an seiner Seite die wunderschöne Studienkollegin, die er einmal mit ins Dorf nach Hause gebracht hatte. Warum nur strahlten seine Augen diese Traurigkeit aus? Zwar verhielt er sich charmant wie gewohnt, er war gut aussehend und selbstbewusst. Aber ihm fehlte dieses sorglose Auftreten, das früher immer so typisch für ihn gewesen war.

„Das Leben kann voller Überraschungen sein“, sagte er leise. „Zum Teil von sehr beunruhigenden.“

Sie senkte den Blick und spürte ihr Herz klopfen.

Versuchte Pierre wie sie, unliebsame Geschehnisse zu vergessen? Sie bemühte sich ständig, positiv in die Zukunft zu blicken. Vielleicht sollte sie tatsächlich ihren Mädchennamen wieder annehmen. Zwei Jahre nach ihrer katastrophalen Scheidung fragte sich Jacky, ob es den Heilungsprozess nicht beschleunigte, wenn sie sich aller Zeugen der Vergangenheit entledigte. Es gab nichts, das sich lohnte, an dieser Ehe festzuhalten … wenn nur ihr geliebtes Baby wenigstens überlebt hätte, dann vielleicht …

Marcel machte sich mit einem diskreten Hüsteln bemerkbar. „Ihr beiden kennt euch also schon lange?“

„Jacqueline war noch ein Kind, als ich sie das letzte Mal sah“, sagte Pierre mit jungenhaftem Lächeln. „Ein sehr frühreifes Mädchen, wie ich mich erinnere. Wir wohnten in der Normandie, in einem kleinen Dorf an der Küste in der Nähe von Mont Saint Michel. Manchmal liefen Jacqueline und ihre kleinen Freundinnen hinter mir her, besonders wenn mich eine Dame begleitete.“

Jacky fasste sich wieder, während die Erinnerungen zurückkehrten. „Du warst so viel älter als wir. Wann immer du von Paris nach Hause kamst, wollten wir alle wissen, wie es ist, in einer Großstadt zu leben. Aber du warst viel zu fein und gebildet, um dich mit uns zu unterhalten.“

Pierre seufzte. „Damals konnte ich nicht schnell genug dem Landleben entfliehen. Heute bin ich froh, am Meer in dieser wunderschönen ländlichen Gegend Frankreichs wieder wohnen und das hektische Pariser Großstadtleben hinter mir lassen zu können. St. Martin sur mer erinnert mich an das Dorf, in dem ich geboren wurde. Hier kann ich ein viel gesünderes Leben genießen.“

Durch das geöffnete Fenster erhaschte Pierre einen flüchtigen Blick auf das Meer und fühlte plötzlich, wie eine Welle der Energie ihn durchflutete. Seit er am Abend zuvor aus Paris in St. Martin angekommen war, hatte er das Gefühl, dass dies die Umgebung sein könnte, die seinen Heilungsprozess beschleunigen, in der er mit den Problemen seines Lebens leichter umgehen konnte.

Er blickte zu Jacky. Sie war als Kind äußerst beliebt gewesen, erinnerte sich Pierre. Sie hatte unter den Dorfkindern immer die Anführerin gespielt, dynamisch, aktiv und voller Tatendrang. Jetzt schien es, als habe sich ihre Persönlichkeit geändert. Es war, als umgäbe sie eine Aura der Verletzlichkeit.

Trotz der schwierigen Situation, in der er sich momentan befand, konnte er nicht umhin, sich einzugestehen, dass er die erwachsene Ausgabe der kleinen Jacky äußerst attraktiv fand. Kurz bevor er nach Australien ging, hatte er die damals sechzehnjährige Jacky zum letzten Mal gesehen, ein hinreißend hübsches Mädchen. Aber damals war er ein fünfundzwanzig Jahre alter, fast verheirateter Mann gewesen …

„Ich habe dich noch in Australien vermutet“, sagte Jacky. Hätte sie auch nur im Entferntesten mit der Möglichkeit gerechnet, Pierre über den Weg zu laufen, würde sie es niemals riskiert haben, nach Frankreich zurückzukehren. Unerwiderte Liebe war ein aufwühlendes Gefühl. Damals hatte sie gehofft, der Schmerz würde verschwinden, aber er war nicht verschwunden. Und sie musste zugeben, dass er auch jetzt noch da war.

„Frankreich wird immer meine Heimat bleiben“, sagte Pierre mit unverhohlenem Gefühl. „Wenn das Leben schwierig wird …“ Seine Stimme wurde immer leiser.

Beruhigend legte Marcel ihm die Hand auf den Arm. „Ich kenne Pierre bereits seit unserer gemeinsamen Studienzeit in Paris“, erklärte er schnell. „Wir beide gingen nach Australien und nahmen einen Posten an einem Krankenhaus in Sydney an.“

„Junge Männer, die es hinauszog in die weite Welt.“ Pierre lachte und zeigte damit, dass er sich wieder unter Kontrolle hatte. „Aber wenn das Leben einem übel mitspielt, ist es schöner, sich unter seinen Landsleuten aufhalten zu können. Stimmt’s, Marcel?“

Marcel nickte. „Deshalb sind wir auch beide nach Frankreich zurückgekehrt.“ Er blickte zu Jacky. „Zu verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen.“ Nachdenklich hielt er inne. „Aber lasst uns auf den geschäftlichen Teil zurückkommen“, fuhr er rasch fort. „Ich übergebe hiermit meinen Aufgabenbereich an Pierre und übernehme die Stelle als Chefarzt der Chirurgie.“

„Du hast das alles sehr unter Verschluss gehalten, Marcel“, sagte Jacky enttäuscht. „Warum diese Geheimniskrämerei? Ich hatte immer angenommen, du wärest glücklich in der Notfallambulanz.“

Marcel zuckte die Schultern. „Ich bin … ich meine, ich war es auch. Aber die Chirurgie hat mich schon immer interessiert. Auf diesem Gebiet habe ich seit jeher meine größte Befriedigung empfunden. Als Victor Ramond mir berichtete, sich zur Ruhe setzen zu wollen, schlug er mir gleichzeitig vor, mich für den Posten zu bewerben. Victor wünschte absolutes Stillschweigen bis zu einer endgültigen Entscheidung. Dem Vorstand des Krankenhauses lag schon eine Liste von Kandidaten vor, die sich bereits ein Jahr zuvor beworben hatten, als Victor bereits in den Ruhestand gehen wollte, dann aber seine Meinung änderte. Sie setzten mich einfach auf die Liste hinzu.“

„Deshalb also wurde Verschwiegenheit bewahrt“, sagte Jacky. „Hatte Marcel dich eigentlich vorher gefragt, ob du Lust hättest, seinen Posten in der Notaufnahme zu übernehmen, Pierre?“

„Ja – und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt. In Paris hielt mich schon lange nichts mehr. Ich vermute, dass durch Marcels erstklassige Referenz das Gremium für mich gewonnen werden konnte.“

„Du bist der beste Mann für die Stelle“, warf Marcel entschlossen ein. „So einfach ist das. Aber natürlich war es von großer Wichtigkeit, dass wir immer Freunde und lange Zeit Kollegen waren und ich dadurch viel über dich berichten konnte.“

„Es ist schon eine eigenartige Situation, wenn man auf alte Weggefährten trifft“, meinte Pierre leise. „Als ich Paris verließ, hatte ich gehofft, dass …“

„Excusez-moi, Pierre.“ Marcel drückte den Knopf der Sprechanlage, die schon einige Sekunden lang gebrummt hatte. „Qui?“ Konzentriert hörte Marcel zu. „J’arrive tout de suite.“

Marcel erhob sich. „Es gibt einen Notfall. Wir werden alle unverzüglich in der Unfallaufnahme gebraucht. Ein Touristenboot ist gekentert. Die Sanitäter bringen die Verletzten herein. Ich habe noch etwa eine Stunde Zeit, um euch zur Seite zu stehen. Danach muss ich in den Operationssaal.“

Augenblicklich eilten die drei Ärzte den Flur entlang. Weggewischt waren die Gedanken an vergangene Zeiten, als sie jetzt ihre gesamte Kraft und ihr fachmännisches Können darauf konzentrierten, das Leben ihrer Patienten zu retten.

Die Überlebenden wurden gerade auf Transporttragen hereingerollt, als Jacky, Pierre und Marcel den Haupteingangsbereich der Notaufnahme erreichten. Schwester Marie Bezier wurde rasch über den Wechsel der Chefärzte informiert. Sie hieß Pierre herzlich willkommen und nahm ihn mit zu den Behandlungszimmern, in denen einige Unfallopfer bereits warteten.

Weitere Ärzte des Krankenhauses trafen ein, um bei der Versorgung der Verletzten mitzuhelfen. Jacky wurde unverzüglich zu einer älteren Dame gerufen, die in einem abgeteilten Raum auf der Untersuchungscouch lag. Die Patientin sah Jacky mit flehentlichem Blick an. „Ma jambe, c’est cassé, docteur?“

Jacky fiel sogleich die unnatürliche Winkellage des Beines der älteren Dame auf. Offensichtlich war es gebrochen.

Beruhigend ergriff Jacky die Hand der Verletzten. „Wir werden Ihr Bein röntgen. Ja, ich glaube, es ist gebrochen. Die Röntgenaufnahme wird uns dann zeigen, wie der Bruch verläuft, Madame …“ Sie überflog die Krankenakte, um den Namen nachzulesen.

„Bitte nennen Sie mich Marguerite.“

„Mais oui, bien sûr, Marguerite. Und sie müssen Jacky oder Jacqueline zu mir sagen, comme vous voulez.“

„Ah, moi, je préfère Jacqueline. C’est le nom de ma fille. Jacqueline est …“

Während Jacky ihre Voruntersuchungen fortsetzte, plauderte die ältere Frau über ihre Kinder und Enkelkinder. Jacky war es immer sehr wichtig, das Vertrauen ihrer Patienten, besonders der älteren Leute, so schnell wie möglich zu erlangen. So hörte sie Marguerite geduldig zu, während sie die Berichte der Sanitäter studierte, die schon wieder draußen im Rettungsboot den Überlebenden zu Hilfe geeilt waren.

Sie erfuhr, dass die fünfundsiebzigjährige Marguerite Formentier zu den Glücklichen gehört hatte, denen kurz vor dem Untergang des Vergnügungsdampfers eine Schwimmweste gegeben worden war. Als das Schiff die unter Wasser befindlichen Felsen rammte, schlug sie mit dem Bein gegen die Bordwand und verletzte sich dabei den rechten Oberschenkel. Da sie bereits unter Osteoporose litt, war ihr instabiler Knochen gebrochen.

Als Jacky ihre Patientin zur Röntgenaufnahme fuhr, fragte sie Marguerite nach dem genauen Unfallhergang.

„Oh, wir genossen gerade diesen herrlichen Tag, als wir plötzlich ein merkwürdiges Knacken hörten. Wir waren nur noch ein paar Meter von der kleinen Insel entfernt, auf der wir picknicken wollten. Schnell füllte sich das Schiff mit Wasser. Einige der jüngeren Leute sprangen über Bord. Aber da ich mich wegen meiner Verletzung kaum bewegen konnte, blieb ich in der Hoffnung auf Hilfe sitzen und begann zu beten.“

„Glücklicherweise wurden Ihre Gebete erhört“, ergänzte Jacky und zeigte dem Radiologen die Stelle, die er röntgen sollte.

Wenig später hielt Jacky die Aufnahmen in den Händen und studierte sie. „Marguerite, der Kopf des Oberschenkelknochens ist gebrochen und aus der Hüftgelenkspfanne ausgekugelt. Wegen der starken Verletzungen werden Sie wohl eine Hüftprothese bekommen müssen.“

Marguerite zuckte die Schultern.

Eh, bien, ich glaube meine Hüfte saß sowieso nicht mehr ganz fest. Ich hatte schon überlegt, zum Arzt zu gehen und mit ihm über ein neues Hüftgelenk zu sprechen. Dieser Schiffbruch beschleunigt den Prozess ja nun ganz gewaltig, stimmt’s?“

Jacky lächelte. „Ich wünschte, alle meine Patienten würden so positiv denken wie Sie, Marguerite. Ich werde Sie jetzt zu weiteren Untersuchungen in die orthopädische Abteilung bringen. Dort wird sich so schnell wie möglich einer der Orthopäden um Sie kümmern und auch entscheiden, wann Sie operiert werden.“

Merci beaucoup, Jacqueline. Sie waren so nett zu mir. Werden Sie mich in der Orthopädie besuchen?“

„Auf jeden Fall. Ich lege immer Wert darauf, über den Behandlungsablauf meiner Patienten informiert zu sein.“

Als Jacky in die Aufnahme zurückkam, wurde gerade ein kleiner Junge auf einer Trage hereingerollt.

„Dominic, zwei Jahre alt, Doktor“, sagte der Sanitäter. „Er ist wohl schon zu lange im Wasser gewesen – nehme ich an. Ein Sporttaucher fand ihn auf dem Meeresboden – eingeklemmt unter einem Felsen.“ Traurig schüttelte er den Kopf. „Nicht mehr viel Hoffnung, fürchte ich“, fügte er leise hinzu. „Ich kann keinen Puls fühlen, außerdem atmet er nicht. Wir haben die Mund-zu-Mund-Beatmung durchgeführt und alles Mögliche versucht, aber er reagiert nicht.“

Jacky ließ den Jungen schnell in eine Kabine bringen und wies die Krankenschwester an, sich um seine Eltern zu kümmern, die nebenan im Zimmer warteten. Diese waren wiederholt getaucht, um ihren Sohn zu suchen, der über Bord geschwemmt worden war. Sie standen unter massivem Schock, als der Berufstaucher endlich erschien. Offensichtlich waren sie äußerlich nicht verletzt, aber Jacky bat die Schwester, sie zu beobachten und Hilfe zu holen, falls sich ihr Zustand veränderte.

Rasch wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den winzigen, leblosen Körper unter dem Betttuch. Das kleine weiße Gesicht über dem Tuch zeigte einen fast vergeistigten, engelsgleichen Ausdruck.

„Wie lange war der Junge im Wasser?“, fragte sie den Sanitäter.

„Wahrscheinlich mindestens eine halbe Stunde. Er fühlte sich eiskalt an, als der Taucher ihn nach oben brachte.“

In dem Moment erschien Pierre. „Sie sagten, er war eiskalt? Dann haben wir bei einem Kind seines Alters noch eine Chance.“

Jacky hatte den kleinen Dominic bereits an den Monitor angeschlossen. Die Körpertemperatur war alarmierend niedrig! Das war ihr in ihrer Praxis noch nie vorgekommen. Aber sie erinnerte sich an einen Fall aus dem Lehrbuch, bei dem ein Junge überlebt hatte, weil seine Körpertemperatur sich unter Wasser immens abgekühlt hatte.

Sie blickte Pierre an. „Glaubst du auch, was ich glaube? Dass sich nämlich Dominics Überlebenschancen verbessert haben könnten, weil seine Temperatur so dramatisch abgesunken ist?“

Pierre nickte. „Ich hatte einmal solch einen Fall in Australien während der Winterzeit. Auch da war jemand bis auf den Meeresboden getaucht, wo es extrem kalt war. Sein Stoffwechsel verlangsamte sich und – noch wichtiger – sein Gehirn verbrauchte weniger Sauerstoff. Wir müssen versuchen, die Körpertemperatur zu erhöhen, aber sehr, sehr langsam. Ich werde den Kleinen nicht aufgeben, bis sein Körper wieder seine normale Temperatur erreicht hat.“

„Dazu brauchen wir warme Flüssigkeiten“, sagte Jacky, die sich an das Fallbeispiel aus ihrer Studienzeit erinnerte.

„Ich lege ihm einen Katheter an und spüle seine Blase mit warmem, sterilem Wasser aus“, sagte Pierre, bevor er eine der Krankenschwestern rief, um einen Wagen mit den notwendigen Instrumenten vorbereiten zu lassen.

„Und ich führe einen Schlauch in Dominics Magen und spüle diesen ebenfalls aus“, sagte Jacky.

Nachdem sie den Jungen behandelt hatten – die Zeit erschien ihnen wie eine Ewigkeit – zeigte Jacky auf den Monitor. „Sieh mal! Da kommt ein ganz schwacher, langsamer Puls durch!“

Sie nahm das Handgelenk des Patienten und versuchte, den Puls zu ertasten. Zunächst fühlte sie nichts, dann aber entdeckte sie ein ganz schwaches Zeichen.

„Ich beginne mit der Herzmassage“, sagte Pierre und beugte sich über seinen kleinen Patienten.

Minuten und Stunden vergingen, während Pierre und Jacky darum kämpften, den kleinen Jungen ins Leben zurückzuholen. Die aufgelösten Eltern, die bereits über die geringen Überlebenschancen ihres Sohnes informiert worden waren, warteten noch immer.

Nach vier Stunden spürte Jacky allmählich den Druck und die Anspannung. Sie hatte den kleinen Jungen bereits in ihr Herz geschlossen. „Ich werde noch einmal seine Reaktion auf Licht überprüfen“, sagte sie und versuchte, hoffnungsvoll zu klingen. Alle ihre bisherigen Versuche waren erfolglos geblieben.

Sie nahm das Ophthalmoskop – einen Augenspiegel zur Untersuchung des inneren Auges. Dann hob sie ein Augenlid an und ließ den Lichtstrahl in das Auge fallen. Plötzlich hielt sie die Luft an.

„Er reagiert! Die Pupille hat reagiert. Ich habe es genau gesehen. Pierre, komm und überzeug dich selbst.“

Pierre untersuchte Dominic ebenfalls mit dem Instrument. Sekunden später richtete er sich auf. „Du hast recht, Jacky!“

Er klang erregt und zugleich erleichtert. „Seine Überlebenschancen wachsen von Minute zu Minute. Ist das nicht wundervoll?“ Damit drehte er sich zu Jacky um und nahm sie in die Arme. „Wir dürfen einfach nicht aufgeben, bis …“

Pierres Aufregung war ansteckend. Jacky lächelte ihn glücklich an. Das Gefühl, seine Arme um sie zu spüren war, oh, so gut … aber auch schrecklich verwirrend. Ob Pierre auch nur die geringste Ahnung hatte, was er mit seiner unerwarteten Umarmung bei ihr anrichtete?

Dieser schaute die wunderschöne junge Frau in seinen Armen an, überlegte kurz und ließ die Arme wieder sinken. Eigentlich entsprach es gar nicht seiner Art, so emotional zu agieren. Er wusste auch nicht, was über ihn gekommen war. Natürlich gab es einen triftigen Grund für sein aufgeregtes Verhalten, aber Jacky könnte vielleicht seine Motive falsch verstehen, und das würde verheerend enden.

Er wandte sich wieder seinem kleinen Patienten zu und horchte dessen Brust mit einem Stethoskop ab. „Es gibt definitiv einen Herzschlag … und er wird immer stärker …“

„Die Körpertemperatur ist fast wieder normal“, sagte Jacky, als sie den Monitor kontrollierte.

„Seine Atmung wird stabiler. Ich glaube, er versucht … er … jetzt öffnet er seine Augen …“

Jacky hielt Dominics Hand, während sie das Flattern seiner Augenlider beobachtete. Der Kleine wimmerte und gab dann ein prustendes Geräusch von sich, bevor er ein klägliches, mattes „Maman“ hervorbrachte.

Jacky konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, als sie mit dem Kleinen sprach. „Je vais chercher maman pour toi, Dominic. Deine Mama wird bald hier sein.“

„Et papa?“

„Papa aussi“, versicherte Jacky ihm. „Dein Papa auch.“

Sie drehte sich zu Pierre um. „C’est un miracle“, sagte sie fassungslos. „Es ist ein Wunder …“

„Ja, Dominics Wiederbelebung ist ein Wunder“, bestätigte Pierre ernst. „Für eine geraume Zeit war er eigentlich tot. Auf jeden Fall werde ich noch einmal die Herzspezialisten hinzuziehen. Sie hatten ihn schon kurz nach dem Eintreffen aufgegeben. Ich glaube, alle hielten uns für verrückt, als wir fest daran glaubten, ihn ins Leben zurückholen zu können.“

Jacky lächelte ihn erleichtert an. „Das ist ein Grund zum Feiern, findest du nicht auch?“ Sie hätte sich auf die Zunge beißen können, aber nun war es heraus.

Pierre schien überrascht. „Ja, das finde ich auch. Vielleicht nach Dienstschluss?“, überlegte er laut.

„Pierre, so habe ich es nicht gemeint, ich …“ Sie unterbrach sich, um Dominics Hand zu drücken und ihm ein paar tröstende Worte zuzusprechen. Sie wurde belohnt mit einem Lächeln und einem mehr oder weniger unverständlichen Gebrabbel.

„Wir könnten heute Abend ausgehen“, schlug Pierre vor. „Ich muss nur noch einige Arrangements für …“

Er wurde unterbrochen, da sich in diesem Augenblick ein Arzt von der Intensivmedizin und einer der Herzspezialisten zu ihnen gesellte. Die vier Ärzte besprachen den weiteren Behandlungsablauf.

Nachdem Jacky und Pierre ihren kostbaren kleinen Patienten in die Obhut der beiden Kollegen gegeben hatten, blieb ihnen keine Zeit mehr, das Thema Feiern neu anzusprechen. Sie wurden beide bei der Behandlung der letzten Patienten des schrecklichen Bootsunfalls gebraucht.

Es war bereits eine Stunde nach ihrem offiziellen Dienstschluss, als Jacky endlich mit der Versorgung aller Patienten fertig war. Erschöpft strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten gelöst hatte.

„Zeit, dass Sie Schluss machen, Jacky“, sagte Marie, die in der Empfangshalle beschäftigt war. „Inzwischen ist alles unter Kontrolle. Ich werde bald an die Nachtschicht übergeben.“

„Und was ist mit Ihnen? Waren Sie nicht auch den ganzen Tag auf den Beinen?“

Marie lächelte. „Ich konnte heute Mittag ein paar Stunden freinehmen und mich vertreten lassen. Sie sehen sehr müde aus, Jacky.“

„Mir geht es gut.“

Jacky blickte sich prüfend in der ruhigen Empfangshalle um, in der schon wieder neue Patienten, jedoch keine Notfälle, darauf warteten, behandelt zu werden. Schwierig zu glauben, dass dieser Ort noch vor wenigen Stunden einem Kriegslazarett geähnelt hatte.

Sie ging durch die Schwingtüren, die zu den Umkleideräumen des Personals führten, und löste den Knoten in ihrem Haar, das ihr nun auf die Schultern fiel. Sofort fühlte sie sich erleichtert. Dies galt immer als Signal, dass ihr Arbeitstag beendet war.

„So erinnere ich mich an das kleine Mädchen von damals.“

Beim Klang von Pierres Stimme drehte Jacky sich um. Sie war überrascht zu hören, dass er sie auf Englisch ansprach. Nun, er hatte ja einige Zeit in Australien verbracht, wie sie sich erinnerte. Er kam den Flur entlang auf sie zugeeilt. Nun blieb sie stehen und wartete auf ihn.

„Ich musste dich noch unbedingt erwischen, bevor du gehst“, sagte er und legte die Hand auf ihren Arm, als wolle er ihr bedeuten, nicht wieder wegzulaufen. „Ich werde unsere Feier verschieben müssen, weil …“

„Pierre, ich wollte wirklich nicht, dass …“

„Oh, aber ich! Ich bestehe darauf, dass wir sie bald nachholen, aber nicht heute Abend.“

„Pierre, ich … ich meine, deine Frau kann doch mit uns feiern und …“

„Es tut mir leid. Ich hätte es dir erzählen sollen.“ Sein fröhlicher Gesichtsausdruck verschwand. „Meine Frau ist gestorben.“

„Das tut mir aufrichtig leid.“ Jacky klang bestürzt. Sie erinnerte sich an die hübsche junge Frau, die sie vor so vielen Jahren an Pierres Seite gesehen hatte. Die beiden schienen sehr verliebt gewesen zu sein.

„Wie lange ist es her, seit du deine Frau verloren hast?“, fragte sie teilnahmsvoll.

Seine Augen blieben trocken, aber Jacky konnte den Schmerz hinter seiner tapferen Fassade erkennen.

„Fünf Jahre. Eigentlich müsste ich schon längst drüber hinweg sein, aber … manche Dinge im Leben heilen halt langsam.“

„Das kann ich nachfühlen“, sagte sie leise, als das Trauma ihres eigenen furchtbaren Verlustes zurückkehrte.

„Ich muss noch ein paar Stunden hierbleiben, um mir einen Überblick über die Verwaltung der Abteilung zu verschaffen. Marcel wird dazukommen, sobald er im Operationssaal fertig ist, und mir alles erklären. Eigentlich wollten wir die Angelegenheit schon im Laufe des Tages erledigen, aber wir waren ja alle viel zu beschäftigt.“

„Das kann man wohl sagen!“, stimmte Jacky ihm zu. „Es tut übrigens gut, sich wieder einmal auf Englisch zu unterhalten. Ich glaube, Pierre, dass ich gerade neben deinem französischen Akzent auch einen leichten australischen Akzent entdeckt habe.“

Er lächelte sie an. „Das ist ja auch nicht überraschend nach all den Jahren, die ich dort verbracht habe. Aber es ist irgendwie ungewohnt, mit dir Englisch zu sprechen. Du hast immer Französisch gesprochen, als du ein Kind warst.“

„Meine Mutter bestand darauf, obwohl sie meinem Vater hin und wieder erlauben musste, sich auf Englisch mit mir zu unterhalten.“

„Hey, ich merke, wir haben noch so viel miteinander zu bereden, so viel nachzuholen! Lass uns doch demnächst zusammen essen gehen, ich lade dich ein – ich bestehe darauf. Wie sieht es denn morgen bei dir aus? Ich kann unseren Dienst so legen, dass wir beide zur gleichen Zeit Schluss haben.“

Sie lächelte ihn an. „Das wäre schön. Ich muss nur vorher noch in meinen Terminkalender sehen – nein, nein, ich mache nur Spaß, es sollte ein Witz sein.“

Pierre lachte. „Da ich gerade erst angekommen bin, weiß ich mit Sicherheit, dass mein Terminkalender komplett leer ist.“ Er nahm eine Strähne ihres langen kastanienbraunen Haares zwischen die Finger.

„Weißt du eigentlich, dass dein Haar wie gesponnenes Gold aussieht?“, sagte er zärtlich. „Als Kind hörte ich das Märchen von einer Prinzessin, deren Haar wie gesponnenes Gold leuchtete. Ich wollte nicht glauben, dass Haar so aussehen könnte. Als ich dann älter war und dich mit deiner langen wehenden Mähne sah, wusste ich, was der Märchenerzähler gemeint hatte.“

Jacky schluckte. „Dass ich dir überhaupt aufgefallen bin …“

„Oh ja … ich habe dich schon bemerkt. Du warst etwas sehr Besonderes … und … sehr süß.“ Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. „Gute Nacht, Jacky.“

Sie trennten sich, und Pierre ging wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Am Ende des Flures drehte sich Jacky noch einmal um und sah ihm nach. Sie erkannte, dass sich ihre Gefühle ihm gegenüber nicht geändert hatten. Sie fand ihn immer noch unglaublich aufregend.

2. KAPITEL

Auch am nächsten Tag gab es in der Notfallambulanz bis zum Mittag fast ununterbrochen zu tun. Jacky und Pierre arbeiteten Hand in Hand. Einige Male erinnerte er sie an ihre Verabredung an diesem Abend.

Als ob das nötig gewesen wäre! In der letzten Nacht hatte sie kaum geschlafen. Ihre jugendliche Schwärmerei erwachte mit Macht zu neuem Leben und ließ sie verdrängen, dass sie eine inzwischen neunundzwanzigjährige geschiedene Frau war. Tief im Innern fühlte sie sich so aufgeregt, als ginge sie zu ihrem ersten Rendezvous.

Zwischen verschiedenen Untersuchungsterminen fand sie Zeit, sich um ihre bei dem Schiffsunglück verletzten Patienten zu kümmern. Der kleine Dominic, der gegen alle Erwartungen in das Leben zurückgekehrt war, wurde rund um die Uhr medizinisch betreut. Die Untersuchung seines Gehirns hatte ergeben, dass es keinen Schaden genommen hatte. Jacky und die anderen Ärzte atmeten erleichtert auf.

Im Verlauf des Tages wurden keine weiteren Notfälle mehr eingeliefert, und Jacky rechnete damit, pünktlich Feierabend machen zu können.

Irgendwann am späten Nachmittag fand sie Zeit, Marguerite auf der Orthopädie zu besuchen. Nach einer Operation am vorangegangenen Abend war sie dorthin verlegt worden.

Aufrecht gegen die Kopfkissen gelehnt, lächelte die ältere Dame Jacky an. „Es geht mir ausgezeichnet“, antwortete sie Jacky, als diese sich nach ihrem Befinden erkundigte. „Ich bekomme wunderbare Medikamente – habe keine Schmerzen. Und man hat mir ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Was die Leute nicht alles tun, um die Warteliste des Krankenhauses zu überspringen!“, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

Jacky lachte. „Wir werden Sie sehr bald wieder auf den Beinen haben, Marguerite.“

„Das will ich doch hoffen.“

Als Jacky nach der Behandlung ihres letzten Patienten in der Notaufnahme aufräumte, erschien Pierre. Er hatte seinen Dienst bereits beendet und teilte ihr mit, dass er bereit sei.

„Wir nehmen mein Auto“, sagte er.

„Das ist eine gute Idee, weil ich nämlich keines habe. Abgesehen von den Kosten und dem Unterhalt eines Autos, ist das Parken in meiner engen Straße sehr schwierig. Außerdem wohne ich nur ein paar Minuten vom Krankenhaus entfernt. Wozu brauche ich also ein Auto?“

„Um spazieren zu fahren und die wunderschöne Umgebung zu genießen! Hast du denn niemals das Bedürfnis, dem Alltag zu entfliehen?“

„Ich gehe am Strand spazieren, wenn mir danach ist“, antwortete sie schnell.

„Okay. Dann lass uns losfahren. Ich habe in einem kleinen Restaurant, das Marcel mir empfahl, einen Tisch reserviert. Es liegt außerhalb der Stadt, irgendwo oben in den Hügeln. Ich habe es auf der Landkarte eingezeichnet. Bist du gut im Kartenlesen?“

Jacky schob den Behandlungswagen an die Wand und wusch sich die Hände. „Ich werde es versuchen. So weit wird es schon nicht sein, oder?“

Er stand dicht hinter ihr. Sie konnte seinen warmen Atem in ihrem Nacken spüren. Geschickt löste Pierre die Spange, und die lange kastanienbraune Mähne fiel ihr auf die Schultern. Sie wirbelte herum.

„Was ist bloß los mit euch Männern? Warum wollt ihr immer, dass ich mein Haar offen trage?“

Pierre zog die Augenbrauen hoch. „Du siehst dann einfach viel fröhlicher aus … viel …“, seine Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern, „… verführerischer.“

Rasch trat er wieder einen Schritt zurück und wünschte sich, die letzte Bemerkung nicht gemacht zu haben. Aber in Jackys Nähe schien es ihm, als wären die vergangenen schwierigen Jahre nur ein Produkt seiner Fantasie gewesen. Vor seinen Augen hatte das wunderschöne, sechzehn Jahre alte Mädchen gestanden, und er hatte erkannt, dass die hübsche junge Dame aus seinem Dorf erwachsen geworden war.

Und jetzt war es zu spät. Er musste sich einfach besser beherrschen und durfte Jacky nicht auf falsche Gedanken bringen. Schließlich hatte er Liliane ewige Treue geschworen. Diese schuldete er ihr als Gegenleistung für das große Opfer, das sie ihm gebracht hatte.

„Komm in mein Büro, sobald du fertig bist“, sagte Pierre schroffer als beabsichtigt, bevor er hinausging.

Jacky sah ihm nachdenklich hinterher. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum seine Stimmung plötzlich umgeschlagen war. Aber sie wollte diesem Gedanken nicht zu viel Bedeutung zumessen. Sie nahm sich vor, den heutigen Abend mit ihm zu genießen … wie Freunde aus früheren Zeiten.

Im Umkleidezimmer duschte sie rasch und zog frische Sachen an, die sie schon am Morgen mitgebracht hatte – eine weiße Leinenhose und ein schwarzes Baumwolltop mit Lochstickerei am Ausschnitt. Die weiße Leinenjacke, die sie bereits auf dem Weg zum Krankenhaus getragen hatte, passte ausgezeichnet dazu. Es war ein warmer Junitag gewesen, aber der Abend konnte durchaus etwas kühl werden.

Sie legte ein wenig Make-up auf und betonte ihre grünen Augen mit Wimperntusche. Dann blickte sie prüfend in den Spiegel. Warum gab sie sich eigentlich solche Mühe, wenn sie und Pierre doch nur gute Freunde bleiben wollten?

Die Tragödie ihrer Vergangenheit ließ mehr als eine gute Freundschaft nicht zu. Das sagte ihr Kopf, aber ihr Herz reagierte ganz anders … gefährlich anders.

Pierre stand auf, als Jacky sein Büro betrat. In dem Moment klingelte sein Handy. Er ging um den Schreibtisch herum und nahm es auf.

„Oui? Ah, Nadine, qu’est-ce qu’il y a? Oui, d’accord, j’arrive.“

Er beendete das Gespräch. „Ich muss noch einmal kurz zu Hause vorbeifahren. Ein kleines … ein kleines Problem.“

Jacky war neugierig. Wer war Nadine? Sie hatte während des Gesprächs eine hohe Frauenstimme wahrnehmen können, die Stimme einer Frau, die sich wegen irgendetwas Sorgen machte.

Als sie über den Flur in Richtung Ausgang gingen, eilte Marcel ihnen hinterher. „Und wo wollt ihr beiden heute Abend hin?“

„Ich habe einen Tisch in dem Restaurant bestellt, das du uns empfohlen hast.“

„Ah, oui, c’est excellent!“ Marcel lächelte die beiden aufmunternd an. „Nun, dann will ich euch nicht aufhalten. Ihr müsst irgendwann einmal mit uns zu Abend essen, wenn ihr beide dienstfrei habt. Debbie würde sich freuen, euch zu sehen. Sie hat immer gerne Freunde aus dem Krankenhaus um sich.“

„Ich werde Debbie sowieso noch in dieser Woche treffen, wenn ich meinen freien Tag habe“, sagte Jacky.

„Jacky gehört schon fast zur Familie“, wandte Marcel sich an seinen Freund Pierre. „Sie und Debbie wurden enge Freundinnen. Jacky war zweifellos für Debbie als Kollegin von unschätzbarem Wert.“

„Und dann rief Debbie mich im letzten Dezember an“, erzählte Jacky plötzlich ganz aufgeregt, „und lud mich zu eurer Hochzeit ein. Ich war so überrascht, aber zugleich auch total begeistert. Es war eine wunderschöne Hochzeit, direkt vor Weihnachten. Debbie sah atemberaubend aus in ihrem entzückenden Kleid und mit ihrer süßen kleinen Tochter als Brautjungfer an ihrer Seite.“

„Du hast eine Tochter?“, fragte Pierre.

„Emma ist Debbies Kind aus einer früheren Beziehung, aber sie fühlt sich ganz wie mein eigenes. Ich habe sie auch inzwischen adoptiert“, sagte Marcel nicht ohne Stolz. „Sie ist erst sieben Jahre alt … wirkt wie siebzehn. Sie bewundert ihr winziges Brüderchen, liebt es heiß und innig und denkt, die ganze Welt drehe sich nur um den Kleinen. Deshalb eilt sie jeden Tag von der Schule nach Hause und …“

Etwas verlegen unterbrach sich Marcel. „Aber ich langweile euch sicher mit meinen vor Vaterstolz protzenden Geschichten.“

Pas du tout. Überhaupt nicht“, versicherte Pierre. „Wie alt ist dein kleiner Sohn?“

„Acht Wochen.“

„Er ist absolut süß!“, begeisterte sich Jacky. „Es ist so wundervoll, wenn man sieht, wie glücklich Debbie ist. Sie ist eine tolle Mutter, immer gelassen und ruhig. Kein Wunder, dass Thierry ein so ausgeglichenes, liebes Baby ist.“

„Ich freue mich schon darauf, Debbie wiederzusehen. Aber jetzt müssen wir gehen.“ Pierre legte seine Hand demonstrativ auf Jackys Rücken.

„Bonne soirée!“, sagte Marcel.

„Danke.“ Pierre lächelte. „Auch dir einen angenehmen Abend.“

Als Marcel seinen beiden Kollegen hinterherschaute, freute er sich, wie gut die beiden sich verstanden. Hätte er Pierre nicht besser gekannt, würde er gedacht haben, es entwickle sich eine kleine Romanze. Aber da ihm Pierres unbewältigte Probleme nicht fremd waren, bezweifelte er, dass Jacky und Pierre jemals über eine freundschaftliche Beziehung hinauskämen. Sie kannten sich schon seit langer Zeit und waren sich offensichtlich sehr verbunden. Aber würde es auch zu einer ernsthaften Beziehung kommen?

Marcel seufzte, als er in entgegengesetzter Richtung weiterging. Pierre sehnte sich offensichtlich nach tiefer Liebe und Zuneigung. Jemand wie Jacky könnte sein Leben total ändern – so wie seine wunderbare Frau Debbie sein Leben verändert hatte. Doch er durfte nicht in Pierres Leben eingreifen. Aber sollte er jemals um Rat gefragt werden, könnte er vielleicht den weiteren Fortgang beeinflussen …

Jacky schnallte sich an und ließ sich tief in den bequemen Beifahrersitz sinken.

Sie lächelte. „Schönes Auto!“, sagte sie auf Englisch.

„Ja, ich hatte großes Glück. Einer meiner Kollegen in Paris bot es zum Verkauf, weil seine Frau schwanger ist und nicht mehr in einem Sportwagen fahren möchte. Der Wagen ist erst ein Jahr alt. Ich habe ihn von Paris bis hierher gefahren, tolles Gefühl.“

Pierre ließ den Motor an und bog durch die Ausfahrt auf die Hauptstraße ein.

„Ich wohne oben auf dem Hügel, in derselben Straße wie Marcel. Als sicher war, dass ich die Stelle bekommen würde, bat ich Marcel, mich wissen zu lassen, wann Häuser in der Umgebung zum Verkauf standen. Glücklicherweise war eines frei. Also fuhr ich zur Besichtigung von Paris hierher und – kaufte es sofort.“

Jacky sah aus dem Fenster, während Pierre in gemächlichem Tempo die von Bäumen gesäumte Straße entlangfuhr. Die großen Häuser am oberen Ende der Straße lagen ziemlich weit auseinander, am unteren Ende befanden sich gar keine Gebäude.

„Du musst einen fantastischen Ausblick haben“, vermutete Jacky, als sie das Meer erblickte.

„Ja, das war einer der Gründe, warum mich das Haus so begeistert hat“, stimmte Pierre ihr zu. „Die wunderschöne Sicht auf das Meer und der riesige Garten rund um das Haus, besonders für …“ Hier unterbrach er sich plötzlich.

„Es ist immer schön, einen großen Garten zu haben“, beendete er seinen Satz eilig.

Jacky wurde neugierig. Warum bloß hatte sie bei Pierre hin und wieder das Gefühl, dass er irgendetwas vor ihr verbarg?

„Dann liebst du also die Gartenarbeit, Pierre?“

Er zögerte. „Manchmal.“

Einmal mehr fragte sich Jacky, warum sich seine lebhafte, fröhliche Stimmung so schlagartig veränderte. Sie ließ den Blick über die wundervolle Szenerie gleiten, die sich ihr bot. Jachten und Vergnügungsdampfer tanzten auf den glitzernden Wellen, auf denen sich das späte Licht der Abendsonne in roten und goldenen Farben spiegelte. Personen, die von oben wie Strichmännchen wirkten, nutzten die romantische Stimmung für einen erholsamen Abendspaziergang.

„Wir sind da“, verkündete Pierre, als sie in eine breite Kiesauffahrt einbogen und vor einer imposanten, mit Messingbeschlägen verzierten Eichenpforte hielten.

Sofort wurde die Tür geöffnet, und eine große junge Frau, wahrscheinlich Anfang zwanzig, trat auf die Vordertreppe. Sie trug Jeans und ein weißes T-Shirt und schien über Pierres Erscheinen sehr erleichtert zu sein.

Pierre sprang über die Fahrertür des geöffneten Cabrios.

„Ich bin gleich wieder da“, rief er und ließ Jacky zurück, die sich darüber wunderte, warum er sie nicht hineinbat.

Er verschwand im Haus, dicht gefolgt von der jungen Frau. Wer sie wohl sein mochte? Jacky saß im Auto und fühlte sich irgendwie fehl am Platz. Pierre verhielt sich ein bisschen zu geheimnisvoll für ihren Geschmack! Aber wenigstens saß sie in einem offenen Auto und konnte den Duft der Rosen genießen, die die Einfahrt säumten. Außerdem hatte Pierre versprochen, bald zurückzukommen.

Da hörte sie plötzlich irgendwo in den oberen Stockwerken ein kleines Kind lautstark brüllen … die Geräusche kamen aus einem der geöffneten Fenster. Jetzt erklang Pierres ernste, aber liebevolle Stimme. Das Kind beruhigte sich offensichtlich. Dann ertönte Gelächter. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um Pierres Kind, aber warum hatte er ihr nichts erzählt?

Jetzt vernahm sie nur noch die Stimme der Frau, die auf das Kind einsprach. Jacky sah auf die Uhr. Es waren erst fünf Minuten vergangen, seit Pierre im Haus verschwunden war. Sie entschied sich auszusteigen, öffnete die Beifahrertür, streckte ihre langen Beine und kletterte hinaus. Ein kleiner Kieselstein rutschte in ihre Sandale. Gerade als sie sich bückte, um den Stein zu entfernen, trat Pierre aus dem Haus.

Er schaute sorgenvoll und hatte die Lippen zusammengepresst. „Tut mir leid, dass du warten musstest“, sagte er leise und hielt die Beifahrertür auf, sodass sie wieder einsteigen konnte.

Ob er ihr von dem Kind erzählte? Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu, erkannte aber, dass seine Gedanken woanders waren, als er den Motor startete und die Einfahrt hinunter in Richtung der Straße fuhr. Schon bald nachdem sie um die Ecke gebogen waren und auf die Hügel zufuhren, stellte Jacky fest, dass er sich entspannte. Sie hätte ihn so gern gefragt, wer in dem Haus mit ihm lebte. War es sein Kind? Oder war es das Kind der Frau?

Pierre selbst war ein Einzelkind, also konnte sie nicht seine Schwester sein. Und Liliane lebte nicht mehr. War diese Frau vielleicht seine Freundin? Höchst unwahrscheinlich! Welche Freundin würde seelenruhig zusehen, wie ihr Freund mit einer anderen zum Essen fuhr?

Sie wollte nicht zu neugierig sein und ihn keinesfalls bedrängen. Pierre hatte unmissverständlich klargemacht, nicht erklären zu wollen, warum er auf einen Sprung zu Hause vorbeifahren musste.

Jacky warf einen Blick auf die Straßenkarte, die ausgebreitet auf ihrem Schoß lag. Pierre hatte den Ort gekennzeichnet, in dem das Restaurant war. Es lag im nächsten Tal, am Rande eines Dorfes, von dem sie noch nie gehört hatte.

Vorsichtig betrachtete sie mit scheuem Seitenblick Pierres Profil – sein energisches Kinn, die hohen Wangenknochen, das dichte dunkle Haar. Liebend gern würde sie jeden Tag mit ihm irgendwohin fahren … nur sie beide allein und fern der Arbeit, die ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.

Als spürte er ihren Blick, schaute er sie kurz an und lächelte. Sie errötete leicht und war dem Himmel dankbar, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte. Aber er hatte seine Aufmerksamkeit sowieso schon wieder auf die Straße gerichtet.

Plötzlich trat Pierre voll auf die Bremse, als ein armselig gekleideter Bauer, der hinter einer kleinen Kuhherde hertrottete, sich umdrehte und die Hand zum Halten gebot.

„Die können wir wohl schlecht überholen“, scherzte Pierre.

„Macht nichts. Laut Straßenkarte gibt es hinter der nächsten Biegung einen Bauernhof. Ich könnte mir vorstellen, dass der Bauer seine Kühe zum Melken in den Stall treibt.“

„Du kannst sehr gut Karten lesen“, meinte Pierre anerkennend, „wirklich beeindruckend.“

Jacky lachte. „Das ist nicht schwierig. Mein Vater hat es mir beigebracht, nachdem … nachdem meine Mutter uns verlassen hatte. Während der Sommerferien machten wir für gewöhnlich lange Reisen mit dem Auto. Ich war für das Kartenlesen zuständig, und er fuhr den Wagen.“

„Die Situation muss schlimm für euch gewesen sein. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutter etwas davon erwähnt hatte, als ich noch studierte. Wie alt warst du damals?“

„Ich war zehn … bis dahin genoss ich eine idyllische, sorgenfreie Kindheit. Aber danach musste ich schnell erwachsen werden. Für meinen Vater war es unglaublich schwer. Ich glaube, er hat sich nie davon erholt.“

Pierre verhielt sich still. Er hatte damals Gerüchte über die extravagante Madame Shaftesbury gehört, irgendetwas von einem Liebhaber in Paris. Aber mit diesen Fragen wollte er Jacky nicht belästigen. Sie war eine sensible junge Frau, und er glaubte, dass ihre Tapferkeit nur gespielt und Fassade war. Er erinnerte sich, dass Jacky und ihre Mutter ein sehr inniges Verhältnis gepflegt hatten. Von dem geliebten Menschen verlassen worden zu sein, musste das Kind zutiefst getroffen haben.

„Mein Vater kümmerte sich rührend um mich“, sagte Jacky leise. „Er war überglücklich, als ich mich entschied, Ärztin zu werden, und nach London ging, um Medizin zu studieren. Er zog sogar nach England und wohnte in einer kleinen Wohnung ganz in meiner Nähe.“

„Das muss ja für euch beide großartig gewesen sein.“

„Ja, aber ich wollte auch nicht, dass er alleine in Frankreich zurückblieb. Er war viel älter als meine Mutter, und nachdem sie uns verlassen hatte, schien er rapide zu altern. Ich machte mir einige Zeit sehr große Sorgen um seine Gesundheit. Während meines ersten Studienjahres wurde er krank, die Diagnose lautete Darmkrebs. Offensichtlich hatte es schon monatelang Anzeichen dafür gegeben, jedenfalls bezüglich der Symptome, aber er hatte nichts dagegen unternommen. Als er schließlich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war es für eine Heilung zu spät.“

Jacky blickte traurig aus dem Fenster, während sie fortfuhr: „Wenigstens war ich bis zum Schluss bei ihm.“

„Es tut mir so leid. Du musst ja am Boden zerstört gewesen sein“, sagte Pierre liebevoll und wunderte sich, wie gelassen und ruhig Jacky von all dem erzählte. Aber sie war ja schon immer ein starkes, zähes Mädchen gewesen, erinnerte er sich. Am liebsten hätte er am Straßenrand angehalten und sie in die Arme genommen. Aber er fürchtete, zu weit zu gehen, sich gefühlsmäßig zu sehr zu beteiligen. Außerdem könnte Jacky diese Geste höchstwahrscheinlich missverstehen. Er musste sich einfach um eine lockere Freundschaft bemühen.

Wieder sah Jacky aus dem Fenster und hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Mittlerweile war Pierre an dem Bauernhof vorbeigefahren, auf dem die Kühe inzwischen vor sich hin trotteten. Die friedliche Szene erinnerte sie so sehr an ihre Kindheit – diese glückliche Zeit. Beide Elternteile liebten sie, und ihr Vater bewunderte ihre Mutter. Ob ihre Mutter seine Gefühle erwiderte, wusste sie nicht.

„Daddy und ich hatten keine Ahnung, dass meine Mutter vorhatte zu gehen. Sie hinterließ nur eine Nachricht für meinen Vater, deren Inhalt ich nicht kenne … außer dass sie mich wissen ließ, mich zu lieben. Daher hoffte ich insgeheim auf ihre Rückkehr, aber …“

Jacky atmete tief durch, um ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „… aber zwei Tage später erschien die Polizei, um uns mitzuteilen, dass meine Mutter und ihr … ihr Liebhaber auf der Autobahn einen Unfall hatten. Offensichtlich fuhren sie von Paris zu seinem Apartment in Cannes, als ihr Wagen verunglückte. Beide waren auf der Stelle tot.“

Pierre war sichtlich erschüttert. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Meine Mutter hatte mir von einer Tragödie in eurer Familie erzählt, kannte aber keine Einzelheiten.“

„Oh, im Dorf kursierten natürlich die wildesten Gerüchte. Aber der Wahrheit kamen sie nicht besonders nah. Na ja, jedenfalls bin ich mir sicher, dass sie mich auf die ernste Seite des Lebens, die ich später zur Genüge erfahren sollte, vorbereitet haben.“

Pierre fuhr nun langsamer, da sie das Dorf erreicht hatten. Rote Dächer schimmerten auf den kleinen Bauernhäusern, und Blumen schmückten die liebevoll angelegten Gärten.

„Wir sind so gut wie da. Marcel hat das Restaurant beschrieben, es sieht aus wie das Gebäude dort drüben … ‚Chez Jules‘. Das ist es!“

„Sieht sehr schick aus!“, sagte Jacky auf Englisch.

Pierre lachte. „Den teuren Wagen nach zu urteilen und Marcels dringendem Rat, unbedingt einen Tisch zu bestellen, wird es das auch sein.“

Offensichtlich war dieses Gebäude früher einmal ein großes Gutshaus gewesen. Jacky fand die gesamte Architektur sowie die Innenausstattung beeindruckend. Parkettfußböden, hohe Decken, Antiquitäten und Kunstgegenstände waren geschmackvoll und dezent überall zur Ansicht verteilt. Die reich verzierten, prunkvollen Spiegel an den Wänden ließen den Raum größer erscheinen, als er in Wirklichkeit war.

Ein vornehm aussehender Herr mit schwarzem, zurückgekämmtem Haar und grauen Schläfen begrüßte sie und stellte sich vor als Jules. Er bot ihnen an, einen Aperitif an der gemütlichen Bar einzunehmen.

Jacky wählte ihr Lieblingsgetränk, ein Glas Kir, bestehend aus crème de cassis, einem aromatischen schwarz-violetten Likör aus schwarzen Johannisbeeren und Weißwein. Pierre bestellte sich ein Glas Pastis, ein Anisgetränk. Sie unterhielten sich eine Weile mit Jules, bis sie zu Tisch gebeten wurden.

Dieser befand sich direkt am Fenster, von wo aus sie einen wunderbaren Blick über den Garten hatten. Der Ober kam mit einer großen beeindruckenden Speisekarte. Jacky wählte écrevisses, Krebse in einer Weinsauce, während Pierre die coquilles Saint-Jacques, die Jakobsmuscheln, als Vorspeise nahm.

„Hm, diese Krebse waren köstlich!“, lobte Jacky sichtlich genüsslich wenig später, bevor sie die Finger in dem mit Zitronenwasser gefüllten Schüsselchen reinigte.

Anschließend genossen beide Wildente mit Pilzen. Jacky meinte, die saftigste Ente ihres Lebens gegessen zu haben. „Manchmal schmeckt Ente sehr trocken, aber diese war perfekt zubereitet.“

„Ja, das Essen war wirklich ausgezeichnet!“, stimmte Pierre ihr lächelnd zu und legte sein Besteck zur Seite.

Jacky war aufgefallen, dass in ihren Gesprächen während des Essens keine persönlichen Themen berührt worden waren. Sie hatten sich ausgetauscht über Bücher, Theaterstücke und Konzerte und die Unterhaltungs- und Vergnügungsangebote zwischen Paris und London verglichen. Es machte Spaß, zu diskutieren, und weckte in Jacky den Wunsch, mehr Zeit mit Pierre zu verbringen. Sein Privatleben interessierte sie außerordentlich …

Doch im Moment galt ihr Interesse der Karte mit den Nachspeisen, die der Ober gerade gebracht hatte. Alles hörte sich ausgesprochen verlockend und köstlich an, aber sie brachte keinen Bissen mehr hinunter.

„Ich nehme nur noch einen Kaffee“, sagte sie.

„Ich auch. Wollen wir ihn draußen auf der Terrasse trinken?“

„Gute Idee. Es ist so ein schöner Abend.“

Die Terrasse schloss sich an die Rückseite des weitläufigen Hauses an und bot eine herrliche Aussicht über den Rosengarten. Die laue Abendbrise trug den betörenden Blütenduft zu ihnen herüber, als sie sich in die mit weichen Kissen ausgepolsterten Korbstühle setzten. Die Sonne ging bereits hinter den Hügeln unter und tauchte den Abendhimmel in ihr purpurrot und golden schimmerndes Licht.

„Ein tolles Essen“, schwärmte Jacky, als sie ihren Kaffee trank, „in einer perfekten Umgebung.“

Pierre lehnte sich zufrieden zurück. „So ein exzellentes Lokal konnte unser Dorf nicht vorweisen, oder?“

„Es gab ein Café neben dem Dorfladen.“

Pierre lachte. „Aber wohl kaum Meisterküche, oder?“

„Stimmt. Aber Papa und ich verbrachten dort viel Zeit, nachdem meine Mutter fort war. Keiner von uns hatte gelernt zu kochen, also gingen wir mittags zum Essen, damit wir wenigstens eine gute Mahlzeit am Tag zu uns nahmen.“

Jacky seufzte. „Armer Papa! Ich glaube, dass meine Mutter mit ihm gespielt hat. Schon als kleines Kind wusste ich, dass er nicht glücklich war.“

„Und warum nicht?“, fragte Pierre höflich.

„Mein Vater hätte meine Mutter nie heiraten dürfen“, meinte sie schließlich. „Sie waren so verschieden. In der Woche vor seinem Tod saß ich im Krankenhaus an seinem Bett. Er erzählte mir, dass er meine Mutter in einem kleinen, unbekannten Theater, an dem sie spielte, außerhalb der Stadt kennengelernt habe. Er war Akademiker, Dozent an einer Universität. Nach der Aufführung war er hinter die Bühne gegangen, um das umstrittene zeitgenössische Stück mit der Besetzung zu diskutieren.“

Jacky lehnte sich zurück und erinnerte sich, wie nervös sie damals gewesen war, als ihr Vater sie ins Vertrauen zog.

„Und wie aus heiterem Himmel verliebte sich mein Vater in meine Mutter und – lud sie ein. Dann verabredeten sie sich wieder. Kurz darauf machte mein Vater ihr einen Antrag und war eigentlich überrascht, dass meine Mutter ihn annahm.“

Pierre beugte sich vor. „Ich erinnere mich, dass deine Mutter eine sehr schöne Frau gewesen ist.“

„Aber viel zu jung für meinen Vater! Irgendwann einmal gestand sie mir, sie wäre besser allein geblieben. Doch damals hatte Papa ihr versprochen, sie zurück nach Frankreich zu bringen. Das gefiel ihr natürlich, denn sie war zu jener Zeit finanziell ziemlich am Ende. Außerdem war sie es leid, ihren kargen Lebensunterhalt inmitten eines kleinen, nicht sehr erfolgreichen Ensembles zu verdienen. Zusammen mit meinem Vater in ein neues Leben entfliehen zu können erschien ihr ungeheuer romantisch.“

Jacky musste lächeln, als sie sich an den Tag erinnerte, an dem ihre Mutter sich ihr anvertraut hatte, als wäre sie schon erwachsen.

„Meine Mutter stellte es sich wunderbar vor, in einem kleinen Dorf in der Normandie zu leben. Mein Vater würde sich ganz dem Schreiben hingeben, statt an der Universität zu lehren, und sie könnte ihre Tage mit Lesen verbringen oder nach Paris fahren, um gelegentlich hier und da am Theater eine Rolle zu übernehmen. Nie gab sie die Hoffnung auf, eines Tages eine erfolgreiche Schauspielerin zu sein. Aber das traf nie ein, und wahrscheinlich fühlte sie sich letztendlich eingesperrt und ihrer Illusionen beraubt.“

„Deshalb wurdest du also in dem kleinen Dorf geboren.“

Jacky nickte. „Ich glaube, ihre romantischen Vorstellungen fanden ein jähes Ende, nachdem ihr finanzielles Einkommen geschrumpft war. Mein Vater schrieb einige Lehrbücher, die zwar hohe Anerkennung in der wissenschaftlichen Literatur fanden, aber nicht das große Geld brachten.“

„Ich war schon immer der Meinung, dass ihr eine interessante Familie wart.“

Jacky lächelte. „Interessant vielleicht, aber sehr arm. Anders als die reichen Mellangers.“

„Oh, so reich waren wir auch wieder nicht! Mein Großvater hatte mit seinem Schloss und dem Weinberg, der ihm gehörte, etwas Geld verdient. Mein Vater wollte Arzt werden, besaß aber das Schloss, viel Land und das Geschäft. Mein Großvater legte testamentarisch fest, seinen Besitz zwischen mir und meinen Eltern aufzuteilen. Und das tat mein Vater auch, er war ausgesprochen fair. Wir haben uns sehr nahegestanden. Als meine Eltern sich zur Ruhe setzten, entschieden sie sich, nach Australien zu gehen, um in meiner Nähe zu sein.“

„Leben sie immer noch dort?“

„Ja, inzwischen haben sie viele Freunde. Sie entschieden sich zum Bleiben, als ich nach Frankreich zurückkehrte. Sie kauften sich ein kleines Haus und investierten den Rest ihres Kapitals, sodass mein Anteil aus dem Erbe meines Großvaters mir ein privates Einkommen sicherte. Diese finanzielle Sicherheit war mir in meinen ersten Berufsjahren eine große Hilfe.“

Jacky lächelte. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich weiß noch, dass ich an den Toren des Schlosses deines Großvaters stand und dachte, wie wunderbar es sein müsste, so reich zu sein.“

„Hast du meinen Großvater einmal kennengelernt?“

Un fois seulement. Nur einmal.“ Jacky trank noch einen Schluck Kaffee.

Sie unterhielten sich wieder auf Französisch, wie in vergangenen Zeiten.

„Ich traf deinen Großvater eines Tages, als meine Freundin Sidonie und ich beschlossen, über die Mauer des Schlosses in den Obstgarten zu klettern. Wir hatten zufällig ein paar besonders saftige Äpfel über den Mauerrand hängen sehen, und Sidonie und ich hatten wie immer Hunger. Ich war schon halb über die Mauer geklettert, als Hunde anfingen zu bellen, zwei Hände meine Knöchel ergriffen und eine Stimme mir befahl, stillzuhalten.“

„Mon grandpapa?“

Jacky lächelte schalkhaft und nickte. „Oui! Ich war zutiefst erschrocken, als eine herrische Stimme plötzlich mit den Hunden schimpfte und ihnen befahl, ruhig zu sein. Ich sei nur eine Freundin, sagte dein Großvater den Hunden … Eine Freundin? dachte ich. Ich bin doch hier, um Ihre Äpfel zu klauen, Monsieur!“

Pierre lachte. „Und was geschah dann?“

„Nachdem dein Großvater die Hunde zur Ruhe gebracht hatte, hob er mich von der Mauer, gab mir ein paar wunderschöne Äpfel und führte mich zum Tor.“

„Ja, mein Großvater war ein freundlicher Mann. Der ganze Vorfall hat ihn wahrscheinlich köstlich amüsiert. Außerdem war er sicher erleichtert, dass die Hunde dir nichts getan hatten.“ Pierre seufzte. „Ja, als Kind war ich sehr glücklich, aber … später …“ Abrupt veränderte sich der Klang seiner Stimme. „Auch als Erwachsener hatte ich zunächst viel Glück, doch auch viel …“

„… Unglück?“, beendete Jacky den Satz fragend.

Er streckte den Arm über den Tisch und nahm ihre Hand. „Ja, es gab in meinem Leben einiges an Leid.“

Pierre stand auf, ging um den Tisch herum und zog Jacky hoch. „Ich möchte nicht, dass du denkst, ich würde in Selbstmitleid versinken“, sagte er. „Schließlich bestimmen wir unser Schicksal selbst, meinst du nicht auch?“

In seinen Augen glaubte Jacky Verletzlichkeit zu erkennen. „Dennoch gibt es viele Dinge, über die wir keine Kontrolle haben“, flüsterte sie und hatte plötzlich das Gefühl, als wären sie auf der Terrasse die einzigen Menschen.

Das waren sie dort tatsächlich. Nur nebenan im Lokal aßen noch wenige Gäste zu Abend.

Die Welt um sie herum schien nicht mehr zu existieren. Für sie gab es im Moment nur diesen kleinen Ort, wo sie mit dem wundervollsten Mann der Welt stand … als wäre Pierre ihr Held, der gekommen war, um sie nach all diesen Jahren zu holen … ein Märchen und ein unrealistischer, unmöglicher Traum … So heftig sie es auch versuchte, es gelang ihr nicht, gegen ihre wahren Gefühle anzukämpfen.

„Es ist wahr, wir bestimmen unser eigenes Schicksal“, flüsterte sie.

Pierre senkte den Kopf und küsste sie – ein Kuss, so zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Sie unterdrückte ein verräterisches Stöhnen …

„Monsieur le docteur?“

Der Ober betrat die Terrasse. „Entschuldigen Sie bitte, aber Monsieur Jules lässt fragen, ob er Ihnen noch einen Likör zum Kaffee offerieren darf.“

Pierre ließ Jacky los und lehnte das freundliche Angebot ab.

Jacky setzte sich wieder und atmete heftig. Der Bann des Augenblicks war gebrochen. Sie war davor bewahrt geblieben, sich zur Närrin zu machen. Pierre bat um die Rechnung.

Während der Rückfahrt nach St. Martin sur mer schien Pierre darum zu kämpfen, den freundlichen und unbefangenen Ton ihres Gespräches wieder aufzunehmen. Vor ihrem Apartment hielt er an und stieg aus, um die Beifahrertür zu öffnen. Dann stand er auf dem Bürgersteig und sah mit rätselhaftem Gesichtsausdruck auf sie herab.

Sie hielt seinen Blick fest und suchte in seinen Augen nach irgendeinem Hinweis, der den Zauber zurückbrächte. Vergeblich! Pierre war einfach der gute Freund aus vergangenen Tagen. Der große Bruder, den sie nie gehabt und sich immer gewünscht hatte. Sie konnte ihn noch hereinbitten, verwarf die Idee aber gleich wieder.

„Es war ein zauberhafter Abend, Pierre“, sagte sie liebevoll.

Er umfasste ihr Gesicht und küsste sie zärtlich auf die Lippen. Als er den Kopf hob, betrachtete er sie prüfend mit erwartungsvollem Blick.

Aber Jacky drehte sich um und ging entschlossenen Schrittes in Richtung Tür.

3. KAPITEL

Als Pierre sich in seinen Wagen setzte, seufzte er zutiefst frustriert. Er warf einen Blick in den Rückspiegel. Jacky war nicht mehr zu sehen. Unmissverständlich hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie nicht die Absicht hatte, den Abend gemeinsam mit ihm ausklingen zu lassen.

Er gab Gas. Wahrscheinlich hatte er den Abend vermasselt, als er sie auf der Terrasse überrumpelt hatte. Seine Gefühle waren einfach mit ihm durchgegangen, aber noch einmal konnte er sich nicht erlauben, die Kontrolle zu verlieren.

Verabredungen außerhalb ihrer Arbeit musste er in Zukunft unbedingt vermeiden. Doch aus dem hübschen, lebhaften und wilden Mädchen hatte sich die wunderschönste, intelligenteste und interessanteste Frau entwickelt, die er je getroffen hatte. Er fand sie ungeheuer attraktiv.

Leider befand er sich nun in einer Situation, die er seit dem Tod seiner Frau immer versucht hatte zu vermeiden. Als Liliane nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes starb, hatte Pierre geschworen, ihr für den Rest seines Lebens treu zu bleiben. Inzwischen hatte er gelernt, mit dem unerträglich starken Schuldgefühl, das er bei der Beerdigung in Paris empfunden hatte, zu leben. Aber vergessen – nein, das konnte er nicht.

Liliane hatte oft daran gezweifelt, eine gute Mutter werden zu können. Er hatte ihr versichert, sich schon immer eine Familie gewünscht zu haben. Tief im Innern war er davon überzeugt, dass auch sie ein Familienleben glücklich machen würde. Aber Liliane hatte mit ihrem Leben bezahlt … das höchste Opfer einer Mutter, nachdem sie ihm den heiß ersehnten Sohn geschenkt hatte.

Vor seinem Haus angekommen, schaltete Pierre den Motor aus und blieb still sitzen. Er ließ die Zeit nach Lilianes Tod noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Fünf Jahre lang war er ihr treu geblieben. Im ersten Jahr hatte er gelebt wie ein Mönch. Irgendwann war der Tag gekommen, da er spürte, seine körperlichen Bedürfnisse nicht länger unterdrücken zu können. Also begann er wieder mit Frauen auszugehen, von seinen Gefühlen her jedoch blieb er Liliane treu.

Er genoss die lockeren Affären mit Partnerinnen, die ihrerseits nur eine oberflächliche Beziehung suchten und an einer ernsten Bindung nicht interessiert waren.

Die einzige problematische Bekanntschaft hatte sich mit Simone ergeben, einer sehr warmherzigen, kinderlieben Person, die ihn gelegentlich auch zu Hause besuchte. Christophe hatte sie schon bald in sein Herz geschlossen und in ihr eine Art Mutterfigur gesehen. Als sie sich trennten, war Christophe am Boden zerstört gewesen. Von dem Zeitpunkt an beschloss Pierre, seine Freundinnen nicht mehr seinem Sohn vorzustellen. Das funktionierte am einfachsten, wenn er seinen Sohn gar nicht erst erwähnte. Natürlich konnte er die Damen dann nicht mit nach Hause nehmen.

Aber mit Jacky war die Situation eine andere! Am liebsten hätte er ihr heute Abend sein Herz ausgeschüttet.

Plötzlich hatte er das unbestimmte Gefühl, dass jemand neben seinem Wagen stand. „Ça va, Pierre?“ Nadine sah ihn besorgt an. „Ich hörte Ihr Auto, und da Sie nicht ausstiegen, dachte ich …“

„Es ist alles in Ordnung. Mir geht es gut, Nadine. Ich komme sofort. Gehen Sie ruhig schon zu Bett. Ist mit Chris-tophe alles in Ordnung?“

„Ja, nach Ihrem kurzen Besuch heute Abend hat er sich schnell wieder beruhigt.“

„Das dachte ich mir schon. Gute Nacht, Nadine.“

„Gute Nacht, Pierre. Die Haustür lehne ich nur an.“

Pierre blickte der Kinderfrau seines Sohnes nach und drückte den Knopf, der sein Autodach schloss. Nadine fühlt sich offensichtlich in ihrem Job sehr wohl, dachte er erleichtert. Sie arbeitete nun schon seit drei Monaten bei ihnen und hatte sie damals von Paris nach St. Martin sur mer begleitet. Sie war eine gewissenhafte, liebe und intelligente junge Frau. Pierre hoffte sehr, sie behalten zu können, denn Christophe schien sie zu mögen.

Sein Sohn war manchmal etwas schwierig und stellte viele seiner bisherigen Kinderfrauen vor Probleme. Sie verließen sein Haus schon nach kurzer Zeit, obwohl er ihnen ein großzügiges Gehalt zahlte. Nun besuchte er die école primaire in St. Martin, sodass Nadine ein wenig mehr freie Zeit für sich in Anspruch nehmen konnte.

Pierre stieg aus, ging ins Haus und schloss leise die Tür. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Nadine sich entscheiden würde, nach Paris zurückzukehren. Dessen war er sich sehr bewusst. Sie hatte schon angedeutet, mehr Zeit mit ihrem Freund in Paris verbringen zu wollen.

Im Moment jedoch freute Pierre sich darauf, seinen Sohn wiederzusehen, und nahm, als er die Treppe hinaufeilte, zwei Stufen auf einmal. Er hatte Gewissensbisse, ihn nach einem langen Arbeitstag auch abends noch allein gelassen zu haben. Aber morgen wollte er sich für den Kleinen Zeit nehmen. Auch wenn es für ihn und seinen Sohn überlebenswichtig war, dass er sich um seine berufliche Karriere kümmerte.

Christophes Schlafzimmer lag neben seinem. Nadine, deren Zimmer am anderen Ende des Treppenflures lag, hatte die Tür zu Christophes Zimmer offen gelassen, damit sie ihn hören konnte, wenn er nach ihr rief. Pierre ging hinein und setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett seines Sohnes. Das weiche blonde Haar lag wie ein Fächer auf dem Kopfkissen. Christophe lutschte am Daumen.

Pierre lächelte, als er liebevoll den Daumen aus dem Mund seines Sohnes zog. Wäre doch nur seine Mutter bei ihm … der kleine Junge könnte sich so viel selbstsicherer fühlen und sich zugleich die vielen Wut- und Trotzanfälle ersparen, mit denen die Kinderfrauen so schwer fertig wurden.

Pierre beugte sich hinunter und drückte einen zärtlichen Kuss auf die samtweiche Wange seines Sohnes. Christophe bewegte sich im Schlaf, öffnete die Augen und legte seinem Vater die Arme um den Hals.

„Papa, je t’aime“, flüsterte er, schloss die Augen und schlief wieder ein.

Pierre schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. „Ich liebe dich auch, Christophe“, sagte er leise und zog die Bettdecke über die Schultern seines kleinen Sohnes.

Leise ging er in sein eigenes Schlafzimmer und betrachtete den vom Mondlicht durchfluteten Raum. Die Fenster waren immer noch weit geöffnet, und er nahm den zarten Duft der Blumen und den Geruch der salzigen Meeresbrise wahr. Die Situation war wie geschaffen für eine romantische Begegnung mit Jacky, hätte er nur den Mut aufgebracht, sie einzuladen. Aber für ein kurzes Liebesabenteuer war eine Frau wie sie nicht zu haben.

Er stöhnte. Wäre er doch nur ein sorgenfreier Junggeselle ohne jegliche Bindungen und Verantwortlichkeiten! Jemand, der nicht ständig eine Verpflichtung und Schuld gegenüber einer Frau empfand, die ihr Leben geopfert hatte, um ihm einen Sohn zu gebären.

Jacky lief eilig die Stufen zu ihrem Apartment im ersten Stockwerk hinauf. Ihm vor der Tür nachzuwinken könnte Pierre nur auf falsche Gedanken bringen. Im Übrigen hatte er ja klargestellt, an einer romantischen Beziehung mit ihr nicht interessiert zu sein. Das entsprach exakt ihren Vorstellungen, da sie weitere Komplikationen in ihrem Leben nicht gebrauchen konnte.

Sie betrat ihre Wohnung, schloss die Tür und streifte die Sandaletten von den Füßen. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen.

Ihre Gedanken wanderten zu Pierre, den starken, gut aussehenden, athletischen jungen Mann, den sie als Kind so bewundert hatte, und die neuere Version des älteren, immer noch umwerfend gut aussehenden, trauernden Witwers. Sie freute sich, dass ihre Gespräche an diesem Abend so angenehm verlaufen waren und sie ihn sogar zum Lachen hatte bringen können. Nur ihre Ehen waren in keiner Weise zur Sprache gekommen. Sie wusste nichts über seine verstorbene Frau, und Pierre hatte keine Ahnung von Paul.

Jacky seufzte, als sie an ihren Exmann dachte. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie ihn zu Beginn ihrer Ehe geliebt und jeden Moment mit ihm genossen hatte. Damals studierten sie gemeinsam Medizin, und während ihres letzten Studienjahres zog Paul zu ihr in die Wohnung. Sie waren jung und naiv und stolz auf ihr eigenes kleines Liebesnest. Dann machte Paul ihr einen Heiratsantrag. Der Gedanke an eine Hochzeit schien so romantisch … ebenso wie der an eine Familie und Kinder …

Den Gedanken an eine Familie hatte Paul zuerst ausgesprochen. Er schlug ihr vor, beruflich eine Weile auszusetzen und anschließend ihre Karriere weiterzuverfolgen. Er stehe ihr während der Schwangerschaft und in der Zeit danach jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Sie hatte ihm geglaubt und vertraut und – sich bald darauf in anderen Umständen befunden!

Im Nachhinein, überlegte sie, hatte er es wahrscheinlich tatsächlich auch so gemeint. Trotzdem war es letztendlich nur wieder einer seiner verrückten Pläne gewesen! Liebe, Treue und Glaubwürdigkeit waren nicht in Einklang zu bringen.

Wie hatte sie nur mit der Einschätzung seines Charakters so falsch liegen können? Warum hatte sie nicht erkannt, dass er nicht imstande war, ehrlich und aufrichtig zu sein? Sobald ihre Schwangerschaft in der Realität langsam an Reiz verlor, fiel ihr auf, dass Paul nervös und ruhelos wurde und immer mehr Zeit ohne sie verbrachte. Trotzdem hatte sie mit dem schlimmsten Fall nicht gerechnet … nämlich von ihm verlassen zu werden.

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