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ROMANA EXKLUSIV BAND 269

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Happy End für Rachel?

1. KAPITEL

Neben ihr saß der Traum einer jeden Frau. Seine stattliche, anziehende Erscheinung ließ nicht auf den eiskalten Geschäftsmann schließen, als der er galt. Nicht ohne Grund zählte er zu den begehrtesten Junggesellen der Stadt. Seine maskuline Ausstrahlung raubte ihr beinahe die Sinne. Noch näher hätte er sich wohl kaum zu ihr setzen können. Doch Lavender hatte nicht vor …

„Mum, ich kann auch hier bleiben, wenn es dir lieber ist.“ Plötzlich lehnte Daisy im Türrahmen von Rachels Büro und holte ihre Mutter unsanft aus der Welt ihrer Romanheldin zurück ins Hier und Jetzt.

„Oh, Daisy!“, schreckte Rachel auf und erhob sich, um ihre Tochter in die Arme zu schließen. „Wie kommst du nur darauf?“

Als typischer Teenager befreite sich Daisy schnell aus der Umarmung ihrer Mutter. „Na, ich weiß doch, was du von Lauren hältst. Mir gefällt sie ja auch nicht besonders. Und Florida ist ganz schön weit weg.“

Rachel seufzte. Es erstaunte sie immer wieder, wie bedacht und einfühlsam Daisy in dieser Angelegenheit war. So wenig sie sich in der alltäglichen Rebellion gegen ihre Mutter von anderen Dreizehnjährigen unterschied, wagte sie es nie, ihre Eltern gegeneinander auszuspielen.

Nun stand endlich der lang ersehnte Besuch bei ihrem Vater und seiner neuen Frau kurz bevor. Doch Daisy spürte, dass ihrer Mutter das nicht besonders gefiel. Seit seiner Heirat mit Lauren richtete sich der Kontakt von Daisys Vater zu seiner Tochter eher nach seinem Terminkalender als nach Daisy. Und das, obwohl Rachel eingewilligt hatte, sich das Sorgerecht mit ihm zu teilen. Doch seit Steve im letzten Jahr wegen einer Beförderung nach Miami gezogen war, wollte er Daisy plötzlich so oft wie möglich bei sich haben.

Rachel hatte sich den Besuchen nie in den Weg gestellt. Sie konnte Daisy doch den Umgang mit ihrem Vater nicht verbieten. Aber tief in ihrem Innersten befürchtete sie, Daisy könnte eines Tages die aufregende Großstadt Miami dem beschaulichen englischen Landleben in Westlea vorziehen.

„Es macht mir wirklich nichts aus, meine Süße“, versicherte Rachel. Gerade erst schien ihr Leben durch den Erfolg als Romanautorin endlich eine glückliche Wendung zu nehmen. Aber das wäre bedeutungslos, wenn nun auch noch ihre Tochter sie endgültig verlassen würde.

„Und du bist dir wirklich sicher?“ Daisy klang nicht überzeugt.

Zärtlich strich Rachel ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es wird bestimmt ganz toll, du wirst schon sehen. Ich wünschte nur, dein Vater hätte nicht einfach bestimmt, dich in Begleitung eines fremden Manns reisen zu lassen.“

Daisy lachte. „Mum, Mr. Mendez ist doch kein Fremder. Er ist Daddys Chef bei Mendez Macrosystems. Er war ab und zu bei Dad und Lauren, als sie noch in London lebten. Und es war nicht zu übersehen, dass Lauren total auf ihn abfährt.“

Das verschlug Rachel beinahe die Sprache. „Sie fährt auf ihn ab?“

„Langweilig findet sie ihn jedenfalls nicht.“ Einen Augenblick starrte Daisy ihre Mutter verständnislos an. „Mum, wenn du Bücher für junge Frauen schreiben möchtest, solltest du wenigstens wissen, wie wir uns ausdrücken.“

„Sollte ich das? Aber wie kommst du denn nur darauf, dass Lauren auf ihn ‚abfährt‘? Sie und dein Vater sind noch nicht einmal vier Jahre verheiratet.“

„Und?“, bemerkte Daisy spitz. „Frauen wie Lauren denken doch, sie könnten jeden Mann haben.“

Rachel schüttelte den Kopf. „Darüber sollten wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen.“

„Warum nicht?“

„Sie ist immerhin die Frau deines Vaters.“

„Und du warst immerhin seine Frau, als sie ihn sich geschnappt hat. Mal ehrlich, Mum, es wäre doch ideal, wenn die zwei sich scheiden lassen würden. Dann bekämen Dad und du vielleicht noch eine Chance.“

Gab es tatsächlich noch eine Chance?

Lange hatte Rachel sich einen Hoffnungsschimmer gewünscht. Doch inzwischen bezweifelte sie, dass diese Beziehung eine zweite Chance überhaupt verdiente. Schließlich war Steve Carlyle nie der Mann gewesen, den sie in ihm sehen wollte. In den neun Jahren ihrer Ehe gab es so manche Frau, die Steves Interesse geweckt hatte. Lauren Johansen hatte sich lediglich als die hartnäckigste und wohlhabendste von ihnen erwiesen.

„Aber du wirst ihn schon noch früh genug kennenlernen. Mr. Mendez, meine ich“, riss Daisy sie aus ihren Gedanken. „Er holt mich hier ab. Oh Mann, Joanne tickt aus, wenn ich ihr das erzähle.“

„Wie bitte? Sag mal, Daisy, wie redest du eigentlich?“

„Okay, okay, dann wird sie eben grün vor Neid. Klingt das besser?“ Das Mädchen rümpfte die Nase. „Du könntest ruhig mal ein bisschen lockerer sein, Mum.“

„Hältst du mich etwa für zu alt, um auszuticken?“ Rachel gab die Hoffnung auf, nun noch etwas Gescheites zu Papier zu bringen und fuhr den Computer herunter. Gemeinsam gingen Mutter und Tochter in die Küche.

„Es ist schon fast Zeit für das Mittagessen. Hättest du nicht auch Lust auf ein Omelett oder einen Salat?“

„Mir wäre eine Pizza mit extra Käse viel lieber.“ Daisy klimperte mit den Wimpern. Seit sie in die Pubertät gekommen war, nahm sie leichter zu. Darum versuchte Rachel immer wieder, ihr eine gesündere Ernährung schmackhaft zu machen. Aber sie glaubte kaum, dass Daisy sich in den Ferien daran halten würde. Und wenigstens die verbleibende Zeit mit ihrer Mutter sollte sie noch genießen. Ihnen blieben nur noch fünf Tage, bevor Rachel ihre Tochter für einige Wochen hergeben musste. Wie ihr davor graute!

Den folgenden Tag verbrachte Daisy mit ihren Großeltern. Steves Eltern missbilligten den Vertrauensbruch ihres Sohns und waren sowohl für ihre Schwiegertochter als auch für ihre Enkelin zu einer großen Stütze geworden. Ihre eigenen Eltern hatte Rachel schon als Teenager bei einem Autounfall verloren.

Im Grunde kam ihr ein Tag, an dem sie die Wohnung für sich hatte, mehr als gelegen. Vielleicht fand sie endlich die nötige Ruhe, um mit ihrem neuen Werk voranzukommen. Daisys Reisevorbereitungen hatten Rachel in den letzten Wochen mehr beansprucht als gedacht.

Doch gerade als sie sich an ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, klingelte es plötzlich an der Haustür. Dabei erwartete sie weder Besuch noch konnte es der Briefträger mit einem ihrer Manuskripte sein, und sämtliche Nachbarn hatten inzwischen gelernt, sie am Vormittag nicht zu stören.

Rachel ging zum Bürofenster und wagte einen vorsichtigen Blick. Am liebsten hätte sie das Läuten einfach ignoriert. Aber der riesige schwarze Geländewagen in der Einfahrt weckte ihre Neugier. Wer konnte das nur sein? Niemand aus ihrem Freundeskreis besaß solch ein Prachtauto.

Umso mehr erschrak sie, als plötzlich ein dunkelhaariger Fremder unter dem Vordach hervortrat und nach oben sah. Sein beeindruckender Körper in der verwegenen Lederjacke bannte ihren Blick für eine gefühlte Ewigkeit. Erschreckt wich Rachel hinter den Vorhang zurück. Doch es war zu spät, der Fremde hatte sie entdeckt. Er klingelte erneut.

Als sie die Treppe heruntereilte, pochte ihr Herz heftig vor Aufregung. Während sie die Tür aufschloss, fiel ihr auf, dass sie allein im Haus war. Sollte sie diesem Fremden wirklich öffnen?

Das ist nicht einer deiner Romane, ermahnte sie sich. Nicht jeder Unbekannte führte gleich etwas Böses im Schilde. Vielleicht wollte er bloß nach dem Weg fragen. Oder er war der neue Verehrer ihrer Nachbarin Julie Corbett. Auf jeden Fall passte er in das Beuteschema von blonden Schönheiten wie Julie.

Sicherheitshalber öffnete Rachel die Tür nur einen Spalt. Der Anblick ihrer lockeren Shorts und des viel zu weiten T-Shirts waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte sie.

Ihr erster Eindruck bestätigte sich. Etwas Geheimnisvolles umgab diesen schlanken Mann. Sein verwegenes Lächeln wirkte im Gegensatz zu den markanten Wangenknochen und den dunklen ernsten Augen kaum bedrohlich. Die sehr eigenwillig geformte Nase ließ vermuten, dass er nicht jeden Konflikt durch ein Gespräch löste. Ganz sicher entsprach er nicht den äußerlichen Erwartungen, die Rachel bislang an die Helden ihrer Romane gestellte hatte. Vermutlich war er auch einige Jahre jünger als Rachel. Aber ausgerechnet diese harte Schale machte sie nervös.

„Sie sind doch Rachel, nicht wahr?“

Völlig überrumpelt starrte sie ihn an. „Kennen wir uns etwa?“

„Nein, aber ich kenne Ihre Tochter Daisy.“ Ihr Gesichtsausdruck veranlasste ihn offenbar, sie aufzuklären.

„Vielleicht sollte ich mich vorstellen. Mein Name ist Joe Mendez.“ Himmel! Dieser leichte spanische Akzent. Vor ihr stand Steves Chef. Den Inhaber von Mendez Macrosystems hätte sie ganz sicher nicht in verblichenen Jeans und Turnschuhen erwartet.

„S…sie ist nicht hier“, stotterte Rachel. Lässig lehnte sich Joe mit einem Arm an die Hauswand und betrachtete sein Gegenüber. „Ehrlich gesagt wollte ich auch nicht zu Daisy, sondern zu Ihnen.“ Dann sah er zu seinem Geländewagen: „Ich hoffe, mein Wagen versperrt dort niemandem den Weg.“

Anscheinend glaubte er tatsächlich, sie würde ihn hereinbitten. „Nein, in dieser Straße gibt es kaum Verkehr. Was kann ich denn für Sie tun, Mr. Mendez?“

„Nennen Sie mich doch Joe. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“

Immerhin tat er Daisy und ihr einen Gefallen. Daher sollte sie wohl besser die Gelegenheit nutzen, sich diesen Mann genauer anzusehen. „Bitte, kommen Sie doch herein.“

„Vielen Dank.“ Er schloss die Tür hinter sich, und Rachel führte ihn in das Wohnzimmer. Zwar fühlte sie sich in ihrer gemütlichen Küche viel wohler, doch das Chaos, das dort herrschte, konnte sie dem Besucher wohl kaum zumuten.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz.“ Sie deutete auf das Sofa.

Sein charmantes Lächeln entblößte eine schmale Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. Auf eine ihr bisher unbekannte Weise machten ihn die kleinen Makel extrem anziehend. Einem Mann wie ihm war Rachel noch nie zuvor begegnet. Vielleicht war Daisys Beobachtung doch nicht so abwegig. Nach dem ersten Eindruck fand Rachel es durchaus nachvollziehbar, dass Lauren auf diesen Mann ‚abfuhr‘.

Doch so einfach durfte sie sich nicht von ihm um den Finger wickeln lassen. Irgendwann musste sie schließlich aus ihren Fehlern lernen.

„Kann ich Ihnen vielleicht auch einen Kaffee anbieten? Ich war gerade dabei, welchen zu kochen.“

„Ja, gern.“

Erleichtert schenkte sie ihm ein Lächeln und eilte in die Küche. Das wäre die perfekte Gelegenheit, um schnell noch in angemessenere Sachen zu schlüpfen. Schließlich war sie immer noch barfuß, und ihr T-Shirt reichte nicht einmal ganz bis zum Bund ihrer Shorts. Andererseits sollte er bloß nicht denken, sie gäbe etwas auf seine Meinung. Womöglich war er es gewohnt, dass alle Welt perfekt gekleidet und frisiert nur auf seinen Besuch wartete.

Wie an jedem Morgen hatte Rachel die italienische Kaffeemaschine bereits vorbereitet, bevor sie sich in ihr Arbeitszimmer zurückzog. Nach einem Knopfdruck füllte sich der Raum im Nu mit dem wohligen Duft von frisch gebrühtem Kaffee.

„Daisy hat mir erzählt, Sie sind Schriftstellerin.“ Erschreckt fuhr Rachel herum. Wie aus dem Nichts kommend stand er plötzlich an ihrem Küchentresen. Auf dem Weg zu ihr hatte er seine Lederjacke ausgezogen. Deutlich zeichneten sich die ausgeprägten Muskeln unter dem eng anliegenden T-Shirt ab. Auch die provozierend tief auf den Hüften sitzende Jeans fesselte für einen kurzen Moment ihren Blick. – Aggressiv männlich, dachte sie. Aber was fällt diesem Kerl eigentlich ein, unaufgefordert in meiner Wohnung herumzuspazieren?

„Ja, so etwas in der Art“, wehrte sie ab und hielt ihm einen leeren Kaffeebecher vor die Nase. Gespielt gleichgültig wandte sie sich zum Kühlschrank, um die Milch zu holen. Doch Joe hakte nach. „Sie schreiben doch Liebesromane, nicht wahr?“ Er lächelte. „Und von wem lassen Sie sich dazu inspirieren?“

„Sie dürfen mir ruhig genügend Vorstellungskraft zutrauen“, verteidigte sie sich.

„Jetzt untertreiben Sie aber. Daisy ist unheimlich stolz auf ihre Mutter“, schmeichelte er.

„Na ja, sie ist aber wohl kaum objektiv.“ Rachel versuchte ein Lächeln. Warum nur hatte sie bei diesem Mann das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füßen weggezogen? Sie hätte doch allen Grund gehabt, vor Stolz zu strahlen. Gerade war ihr zweiter Roman begeistert gefeiert worden, und ihre Agentin drängte nun bereits auf ihr neues Manuskript.

Schulterzuckend wandte Joe sich zum Fenster und begutachtete den Garten des kleinen Landhauses. „Das ist wirklich ein schönes Grundstück. Wie lange wohnen Sie denn schon hier?“

„Hat Steve Ihnen das nicht erzählt?“, zischte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne.

„Um ehrlich zu sein, hat Steve mir nur sehr wenig über Sie erzählt.“ Irritiert suchte er Rachels Blick. „Gibt es etwas, das ich wissen sollte? Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, tut es mir sehr leid.“

Seine Betroffenheit ließ ihre Wangen erglühen. „Nein, bitte entschuldigen Sie. Das war sehr unhöflich von mir.“

„Jetzt haben Sie mich doch ein wenig neugierig gemacht. Was hat Steve mir denn verschwiegen?“

Warum hatte sie dieses Thema nur angeschnitten? „Das Haus war eigentlich das Hochzeitsgeschenk von Steves Eltern. Aber als Steve die Scheidung eingereicht hat, haben sie darauf bestanden, dass Daisy und ich hier wohnen bleiben.“

„Ah, ich verstehe. Die Carlyles standen also nicht unbedingt auf der Seite ihres Sohnes.“

„So könnte man es auch sagen.“ Tatsächlich konnten sie damals kaum fassen, dass ihr geliebter Sohn anscheinend nicht der liebevolle Vater und Ehemann war, für den sie ihn gehalten hatten.

Joe dachte einen Moment lang nach. „Und nun fragen Sie sich, ob Ihr Exmann hinter meinem Besuch steckt?“

„Ich hatte mit keinem Besuch gerechnet, Mr. Mendez.“ War sie so leicht zu durchschauen? Endlich verstummte die Kaffeemaschine und bot Rachel die ersehnte Gelegenheit, das Thema zu wechseln.

„Möchten Sie Milch oder Zucker?“

„Ich trinke meinen Kaffee schwarz. Bitte nennen Sie mich doch Joe. Mr. Mendez klingt eher nach meinem Vater.“

Während sie ihm einschenkte, meinte sie, seine wärmende Nähe zu spüren.

Rachel genoss einen großen Schluck aus ihrem Becher. „Lassen Sie uns doch ins Wohnzimmer gehen“, schlug sie dann vor.

Er folgte ihr wortlos. Erst als Rachel sich in den Lehnsessel setzte, nahm Joe schließlich auf dem Sofa Platz.

„Der Kaffee ist wirklich gut“, begann er unverfänglich – dann suchte er ihren Blick. „Vermutlich halte ich Sie von der Arbeit ab?“

„Ach, ich kann eine kleine Pause ganz gut gebrauchen.“

„Kommen Sie gerade nicht voran?“ Sein Interesse an ihrer Arbeit wirkte ernst. Also schuldete sie ihm eine ehrliche Antwort.

„Irgendwie erfordert Daisys Reise nach Florida gerade meine ganze Aufmerksamkeit.“

„Vermutlich fällt es Ihnen sehr schwer, sie gehen zu lassen.“ Obwohl sie sich gerade erst kennengelernt hatten, verstand dieser Mann ihre Gefühle. Rachel spürte seinen Blick und errötete.

„Also, na ja – eigentlich nicht. Sie hat ihren Vater immerhin seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Und ich halte es für richtig, dass sie Zeit mit ihm verbringt. Aber …“

„Sie machen sich Sorgen, Daisy könnte das aufregende Leben in einer amerikanischen Großstadt womöglich ihrem gemächlichen Leben hier vorziehen?“, beendete er ihren Satz wie selbstverständlich.

Ein derartiges Einfühlungsvermögen hätte sie einem Mann wie ihm nie zugetraut. „Vermutlich haben Sie recht“, gestand sie verlegen. „Wie kann ich Daisy allein den Atlantik überqueren lassen, wenn ich das bislang noch nicht einmal selbst geschafft habe?“

Aufmunternd lächelte Joe ihr zu. „Das ist heutzutage gar nicht mehr so schwer, wissen Sie. Wozu gibt es schließlich Flugzeuge? Und auch wenn wir uns nicht immer gleich verstehen, sprechen wir Amerikaner doch die gleiche Sprache wie ihr Briten.“

„Sie sind Amerikaner? Mir schien, als hätte ich einen leichten Akzent herausgehört. Aber vielleicht war das auch nur …“

„Sie sind wirklich eine gute Beobachterin. Meine Eltern kommen gebürtig aus Venezuela und sind noch vor meiner Geburt in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Ich bin in Miami aufgewachsen. Also fühle ich mich als Amerikaner, bin aber unsagbar stolz auf meine südamerikanischen Wurzeln.“

Rachel zuckte zusammen, als das schrille Läuten des Telefons ihr Gespräch unterbrach. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er ihr den Grund für seinen Besuch immer noch nicht mitgeteilt hatte.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment. Ich bin gleich zurück.“ Auf dem Weg zum Flur sah sie aus dem Augenwinkel, wie er sich langsam erhob. Dann schloss sie die Tür hinter sich.

Eilig griff sie nach dem Telefonhörer. „Ja, bitte?“

„Rachel?“ Evelyn klang nervös.

„Ist irgendetwas mit Daisy? Sie ist doch noch bei euch, oder?“

„Natürlich ist sie das“, beruhigte Evelyn Carlyle ihre Schwiegertochter.

„Sie hat uns gerade in ihre Reisepläne eingeweiht. Bist du wirklich damit einverstanden? Oder hat Steve etwa wieder im Alleingang entschieden?“

„Mach dir keine Sorgen. Es ist völlig in Ordnung für mich“, versicherte Rachel. Sie hoffte, ihre Antwort war auch im Wohnzimmer vernehmbar zu hören.

„Aber du hast doch nicht nur angerufen, um mich das zu fragen, oder, Lynnie?“

„Du hast mich ertappt, meine Liebe. Um ehrlich zu sein, war ich ein wenig besorgt um dich. Madge Freeman hat mir nämlich vorhin erzählt, dass schon den ganzen Morgen ein fremder Wagen vor deinem Haus steht.“

Was wäre diese Straße nur ohne Madges wachsames Auge, dachte Rachel abwesend.

„Mir geht es gut“, wich Rachel aus. „Hat Mrs. Freeman dich etwa extra deswegen angerufen?“

„Nein, wir … haben sie ganz zufällig im Supermarkt getroffen. Aber nun erzähl doch mal, wer bei dir ist. Ich habe Madge gesagt, sicher so ein aufdringlicher Vertreter.“

Vielleicht sah Joe Mendez nicht auf den ersten Blick wie ein typischer Millionär aus, aber von einem abgehalfterten Vertreter hatte er gar nichts. Die Vorstellung ließ Rachel schmunzeln.

Doch jetzt war nicht der Zeitpunkt, um mit Evelyn über ihren Besucher zu reden. Schon gar nicht, da sich dieser noch in Hörweite befand. „Daisy wird dir erklären, wer Mr. Mendez ist.“

„Mendez? Doch nicht etwa Steves Chef? Was will er denn? Steve ist doch hoffentlich nichts zugestoßen?“

„Ja, Steves Chef, und nein, Steve geht es gut, nehme ich an.“ Warum sollte man ausgerechnet mich persönlich informieren, wenn Steve etwas zugestoßen wäre! „Mr. Mendez hat mir sein Wort gegeben, Daisy sicher nach Florida zu bringen. Sie hat euch doch bestimmt schon davon erzählt?“

„Sie hat so etwas angedeutet. Das hätte er dir doch auch am Telefon sagen können!“

Rachel atmete angespannt durch. „Hätte er. Nun, er hat es vorgezogen, persönlich mit mir zu sprechen. Und darum wäre es sehr unhöflich, ihn noch länger warten zu lassen. Dafür hast du doch bestimmt Verständnis, oder?“

„Er ist immer noch da?“ Evelyns Stimme überschlug sich geradezu. „Madge hat seinen Wagen doch schon vor Stunden vor deinem Haus gesehen.“

Na und? Langsam fühlte Rachel sich wie ein ertappter Teenager. Doch mit etwas mehr als dreieinhalb Jahrzehnten gehörte sie schon längst in die Kategorie erwachsene Frau. Ein wenig verzweifelt sagte sie: „Evelyn, ich habe ihm Kaffee angeboten, den er jetzt trinkt. Macht ja nichts, dass meiner nun kalt wird.“

„Dann möchte ich dich natürlich nicht länger aufhalten. Rufst du mich an, wenn dein Gast gegangen ist, damit ich weiß, dass es dir gut geht?“

„Ich melde mich später“, versprach Rachel, rollte mit den Augen, sah zur Zimmerdecke und legte auf.

2. KAPITEL

Im Wohnzimmer fand Rachel nur die leeren Kaffeebecher vor, Joe war verschwunden. Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, dachte sie laut. Und wäre er abgefahren, hätte die wachsame Madge längst zum Telefon gegriffen. Er muss hier noch in der Nähe sein!

Der kühle Luftzug in ihrem Rücken veranlasste sie dazu, sich umzudrehen. Erschreckt sah sie durch die windgebauschten Gardinen in den Garten. Dort hätte sie ihn nicht erwartet.

Joe Mendez betrachtete schmunzelnd den einsamen weißen Pfosten auf der Rasenfläche, an dem der Korb für den Ball fehlte.

Leise trat Rachel auf die Terrasse. Sie kam gar nicht dazu, ein Wort zu sagen, denn ihre Nähe riss ihn mit Macht aus seinen Gedanken.

„Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich brauchte ein wenig frische Luft“, erklärte er auf dem Weg zurück ins Haus. Mit einem anerkennenden Nicken überblickte er den Garten und lobte: „Ihr Gärtner versteht wirklich etwas von seinem Handwerk.“

„Welcher Gärtner!“, lachte sie und trat einen Schritt beiseite, um ihn eintreten zu lassen.

Joe hob die Augenbrauen und sagte ungläubig: „Machen Sie etwa die ganze Arbeit?“, fragte er ungläubig. „Dann müssen Sie nicht nur eine große Pflanzenliebhaberin sein, sondern auch Erde an den Händen lieben.“

Aber Rachel winkte ab. „Ein gering arbeitsintensiver Garten“, erklärte sie, „gelenkte Natur. Dafür muss man mich nicht loben.“

Unsicher senkte sie den Blick, als sie neben ihm auf dem Sofa Platz nahm.

„Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Am Telefon, das war meine Mutter.“ Dann sah sie ihn spitzbübisch von der Seite an. „Evelyn Carlyle, natürlich Steves Mutter.“

Beide lachten.

Rachel fragte sich, warum sie neben diesem fremden Mann Wärme spürte, angenehme Wärme.

Dann, nach vielfachem Räuspern, sagte Joe Mendez: „Ihren Schwiegereltern, den Carlyles, werde ich später auch noch einen Besuch abstatten müssen. Steve hat mich gebeten, dort nach dem Rechten zu sehen.“

Blitzartig verwandelte sich die willkommene Wärme in Rachel zu Eis. Sie rückte von ihm ab, setzte sich schräg, sah ihn direkt an und fauchte: „Also doch Steve! Dieser Mistkerl will tatsächlich immer noch alles kontrollieren!“

Joe Mendez setzte sich gleichfalls seitlich, mit Blickrichtung zu Rachel. Besänftigend hob er seine Handflächen in ihre Richtung und beteuerte: „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es war allein meine Idee, Sie hier zu besuchen.“

Rachel war aufgesprungen und brachte so noch mehr Entfernung zwischen sich und ihn. Kämpferisch stemmte sie beide Hände auf die runden Hüften. Unter einem weiten Rock hätten ihre schönen, leicht gespreizt stehenden Beine weit weniger entschieden gewirkt als in den Shorts.

„Um hier nach dem Rechten zu sehen?“, fuhr sie ihn an.

Stumm senkte er den Kopf und hielt lange eine Hand in seinem Nacken, als müsse er ihn stützen, bevor er sagte: „Was sollte ich hier denn schon nach dem Rechten sehen! Ich wollte mich vorstellen – obwohl mir das anscheinend absolut missglückt ist.“

„Richtig getippt, Mr. Mendez!“, knurrte Rachel. Dabei hielt der Teil eines Tattoos, das unter seinem Ärmel hervorblitzte, ihren Blick wie hypnotisiert gefangen.

Mendez drehte ihr sein Gesicht zu. „Mrs. Carlyle, ich hoffte, im Zusammenhang mit Ihrer Tochter würde es Sie beruhigen, mich persönlich kennenzulernen. Ich versichere Ihnen, gut auf Ihre Tochter aufzupassen. Außerdem ist mein Pilot einer der besten.“

Rachel machte zwei Schritte auf ihn zu und fragte ungläubig: „Ihr Pilot?“

Jetzt war es an Joe Mendez, überrascht aufzublicken. „Hat Steve das nicht erwähnt?“

Daraufhin kehrte sie ihm den Rücken zu. „Was für eine Frage“, murmelte sie leise, „wo er mich doch niemals von irgendetwas unterrichtet hat.“

Rachel stand immer noch mit dem Rücken zu dem, dessen Wärme sie nur kurz zu spüren geglaubt hatte. Rachel hatte Daisy von dem E-Mail-Kontakt zu ihrem Vater unterrichtet, und bislang hatte Daisy auch immer von den Mails ihres Vaters erzählt.

In Rachels Kopf schwirrten plötzlich Ängste und Verdächtigungen umher: Weiß Daisy von alldem? Hat sie mir etwa die Härte mit den Schulaufgaben und Ordnungspflichten übel genommen? Kennt sie Steves Pläne? Warum hat sie mir nichts von dem Flieger gesagt? Wo ist nur ihr Vertrauen zu mir geblieben? Was will er mir antun? Was ist mit diesem Fremden hier in meinem Wohnzimmer?

Mit hängenden Armen fragte sie, nun gar nicht mehr kämpferisch: „Sie wollen Daisy in Ihrer Maschine mitnehmen?“

Mendez stand auf. Langsam ging er auf Rachel zu. „Beruhigen Sie sich bitte“, bat er, während sie zurückwich. „Sie können sich gern alles ansehen, bevor Sie mir Ihre Tochter anvertrauen.“

Rachels Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. „Es scheint doch bereits alles abgemacht. Was wollen Sie dann eigentlich noch hier? Ich muss unbedingt erst mit Daisy sprechen. Dann werde ich mich bei Ihnen melden. Wie kann ich Sie erreichen?“

Sein gar nicht mehr so gelassener Blick strich über ihre fraulich runden Formen. Währenddessen legte sie ihre kalten Handflächen gegen die heißen Wangen.

Ohne näher an sie heranzutreten, sagte er: „Bitte vertrauen Sie mir, Mrs. Carlyle.“

Rachel drehte sich zum Fenster und sah in den plötzlich grau gewordenen Himmel. „Ich weiß doch gar nicht, wer das ist, dieser Joe Mendez“, flüsterte sie. Der dunkle Mann stand geduldig hinter ihr und wartete. „Geben Sie mir etwas Zeit, ein wenig Zeit“, verlangte sie.

„Selbstverständlich, Mrs. Carlyle“, antwortet er in einem Ton, dessen Kälte ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Was passiert bloß mit mir? fragte sich Rachel. „Dann melde ich mich bei Ihnen, sobald …“, brachte sie nur heraus und wich ruckartig zurück, als Joe sich plötzlich zu ihr beugte und nach seiner Jacke griff.

Was machst du dir nur vor, ermahnte sie sich – ein Mann wie Joe Mendez und eine alleinerziehende Mutter in den Dreißigern? Vollkommen absurd! Diesem Mann traute sie nur jüngere Begleiterinnen mit Modelmaßen zu. Und ganz sicher konnte sie mit solchen Frauen nicht konkurrieren.

Unsicher und gleichzeitig gespannt beobachtete sie, wie Joe eine Visitenkarte aus der Jackentasche zog, und etwas auf die Rückseite schrieb. Rachel hoffte sehnlichst, er würde nicht bemerken, wie unruhig er sie machte. Dabei war sie keine unerfahrene Frau, auch wenn sich die Zahl ihrer Liebschaften doch sehr in Grenzen gehalten hatte.

Der dunkle und so beunruhigende Mann streckte ihr unvermittelt die Karte entgegen. „Hier! Meine Daten, schwarz auf weiß. So können Sie mich in London erreichen. Ich habe Ihnen auch meine Handynummer auf die Rückseite geschrieben. Lassen Sie mich wissen, wie Ihre Entscheidung ausfällt.“

„Danke“, erwiderte sie leise und griff danach. Als sich ihre Finger berührten, zuckte Rachel zusammen. Elektrisierend fuhr ihr die Berührung den Arm hinauf. Ob er es auch gespürt hatte? An den von langen seidigen Wimpern beschatteten Augen war nichts abzulesen.

„Gern geschehen“, murmelte er im Umdrehen. Auf dem Weg zur Tür warf er sich lässig die schwarze Lederjacke über die linke Schulter. Draußen auf den Stufen hielt er kurz inne, dann drehte er sich noch einmal zu ihr. „Bitte grüßen Sie Daisy von mir.“ Bevor sie antworten konnte, sah sie ihn schon in Richtung seines Wagens gehen.

Endlich allein. Doch Rachels Unruhe hielt nicht nur an, sondern wuchs sogar noch. Was diese Begegnung in ihr auslöste, gefiel ihr absolut nicht! Zumindest hatte sie Steves Plan noch nicht zugestimmt. Sie konnte sich Daisys enttäuschtes Gesicht genau vorstellen. Aber was, um Himmels willen, hätte sie denn tun sollen?

Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass es weniger die Sorge um Daisys Enttäuschung oder die Zweifel an Joes Glaubwürdigkeit waren, die sie bewegten. Vor allem Joes aufregender Körper rief Gefühle in ihrem tiefsten Innern wach, die sie schon für verschüttet gehalten hatte. Wie konnte ein Fremder ihre Welt derart aus den Fugen bringen?

Das Klingeln des Telefons riss sie aus den Gedanken.

Das konnte nur Evelyn sein. „Du wolltest mich doch anrufen, sobald dein Besucher gegangen ist“, begann ihre Schwiegermutter das Gespräch.

Rachel erwiderte etwas patzig: „Richtig, nun bist du mir eben zuvorgekommen.“ Gar keine Frage: Sie liebte ihre Schwiegermutter, aber manchmal konnte Evelyn wirklich penetrant sein. „Hör zu Evelyn, er ist noch nicht einmal fünf Minuten weg. Lass mich doch bitte kurz mit Daisy sprechen.“

Am anderen Ende lachte Evelyn. „Wenn du dich noch ein paar Minuten geduldest, kannst du persönlich mit ihr sprechen. Sie ist schon auf dem Weg zu dir. Darum rufe ich ja an. Als sie gehört hat, dass Mr. Mendez bei dir ist, konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen. Da wird die Kleine aber sehr enttäuscht sein, ihn nun doch verpasst zu haben.“

Das ist sicher das geringere Übel für sie, dachte Rachel.

Gerade wollte sie auflegen, als Evelyn noch einmal nachhakte: „Nun sag schon, wie ist er so? Was hat er denn so gesagt? Er wohnt doch eigentlich in Florida, oder? Eigentlich ist es doch wirklich nett von ihm, Daisy mitzunehmen.“

„Das ist es wohl“, stimmte Rachel zähneknirschend zu. Tiefer konnte und wollte sie dieses Thema nicht mit ihrer Schwiegermutter erörtern. Vor allem nicht jetzt.

Genau im richtigen Moment fiel die Haustür ins Schloss. „Oh, ich glaube, Daisy ist zurück. Wir sprechen später weiter, ja?“ Bevor Evelyn antworten konnte, hatte Rachel bereits aufgelegt.

Sofort stürmte Daisy ins Wohnzimmer und kehrte gleich darauf irritiert zu ihrer Mutter zurück. „Mum, sag nicht, er ist schon weg.“

„Leider doch.“ Rachel versuchte ein Lächeln und verschwand in die Küche.

Ärgerlich stapfte Daisy hinterher. „Ihr habt Kaffee getrunken?“ So leicht gab ihre Tochter nicht auf.

Rachel wich dem Blick ihrer Tochter aus und putzte umso eifriger die Arbeitsplatte neben der Spüle ab. „Es wäre ziemlich unhöflich gewesen, ihm nichts anzubieten.“

„Und warum ist er dann so plötzlich verschwunden? Als Grandma vorhin angerufen hat, war er doch noch da. Was hast du gemacht?“

„Er war schon eine Weile hier, bevor Evelyn angerufen hat. Mrs. Freeman hat euch doch im Supermarkt davon erzählt, oder nicht?“

„Doch, hat sie“, murmelte Daisy kleinlaut.

„Na also.“

„Aber warum hast du mir denn nicht Bescheid gesagt? Ich hätte so gern mit ihm gesprochen. Na ja, jetzt ist es auch egal. Wir haben auf dem Flug sicher genug Zeit zum Reden.“

Das war Rachels Stichwort. „Stimmt, auf dem Flug in seiner Privatmaschine.“

Sofort legte sich eine verlegene Röte auf das Gesicht ihrer Tochter. Sie wusste genau, worauf Rachel hinaus wollte.

„Mr. Mendez hat es dir erzählt?“, fragte sie.

Vor Enttäuschung krampfte sich Rachels Magen zusammen.

„Wenigstens einer hat mich einweiht.“ Kühl hielt sie Daisys Blick stand. „Ich nehme an, dein Vater hat eure Reisepläne mit dir besprochen?“

Mit gesenktem Haupt murmelte Daisy ein knappes „Ja, hat er“. Plötzlich hatte das Mädchen wieder etwas Kindliches an sich. „Sei bitte nicht böse, Mum“, bat sie inständig.

„Aber du wolltest es lieber für dich behalten, oder wie darf ich das verstehen?“ Kopfschüttelnd wandte Rachel sich um.

„Dad meinte, du würdest es vielleicht nicht verstehen. Und wir sollten dich lieber nicht beunruhigen.“

„Daisy?“ Enttäuscht sah Rachel ihre Tochter an.

„Ja, ich weiß. Aber … ich hab irgendwie nicht darüber nachgedacht, dass es so wichtig ist, wie ich nach Florida komme.“

„Trotzdem hättest du mir von euren Plänen erzählen können.“

Hilflos zuckte Daisy mit den Schultern.

„Du hattest Angst, ich könnte etwas dagegen haben“, las Rachel die Gedanken ihrer Tochter. „Daisy, du weißt doch, wie wichtig es ist, dass wir zwei immer ehrlich zueinander sind.“

„Das sind wir doch auch.“

„Es sei denn, dein Vater ist im Spiel.“ Noch im selben Moment durchfuhr es Rachel. Ihr Groll gegen Steve betraf nur sie und ihn. Sie hatte sich geschworen, ihre Tochter da rauszuhalten. „Es ist so, wie es ist. Und darum werde ich noch einmal über die ganze Sache nachdenken müssen. Das habe ich auch Mr. Mendez gesagt.“

Mit großen Augen starrte Daisy ihre Mutter an. „Soll das bedeuten, ich darf vielleicht gar nicht mehr fliegen?“

Rachel zwang sich, standhaft zu bleiben. „Ich werde ihn anrufen, sobald ich eine Entscheidung getroffen habe. Erwartest du etwa, dass ich dich einfach so mit einem Fremden um die halbe Welt fliegen lasse?“

„Zumindest Daddy vertraut Mr. Mendez. Was denkst du denn von ihm? Er ist schließlich Daddys Chef und nicht irgendein Fiesling.“

„Mr. Mendez scheint wirklich ziemlich seriös. Aber diese ewige Heimlichtuerei. Das ist typisch für deinen Vater. Umso mehr enttäuscht es mich, dass du nicht die ganze Wahrheit erzählt hast.“

„Eigentlich wollte ich das ja, aber du weißt doch, wie Dad ist.“

Zum ersten Mal schien bei dem Gedanken an ihren Exmann so etwas wie Gleichgültigkeit den Groll zu ersetzen. Plötzlich war da ein ganz neues Bild von einem Mann in den Vordergrund gerückt und ließ die Erinnerung an Steve blasser und verschwommener wirken. Ein befreites Lächeln erhellte Rachels Gesicht.

Hoffentlich hatte Daisy nichts bemerkt. Sie würde sich nur unnötig Hoffnungen machen.

„Auf jeden Fall möchte ich noch darüber nachdenken. Aber nun sag mir lieber, worauf du Lust hättest“, lenkte Rachel ab und durchforstete den Kühlschrank. „Es ist schon fast Zeit fürs Mittagessen. Wir haben zwar nicht viel da …“

Ihrer Tochter stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. „Mum, du wirst es mir doch nicht verbieten, oder? Er ist doch wirklich nett.“ Noch vor einigen Tagen hatte Daisy feinfühlig angeboten, bei ihrer Mutter zu bleiben. Sie war eben erst ein Teenager.

„Wer ist nett?“

„Na, Mr. Mendez.“

„Ja, er ist ganz sympathisch.“ Das klang ja sehr glaubwürdig. „Aber darum geht es doch gar nicht.“

Sosehr Rachel sich auch über die Hinterlistigkeit ihres Exmanns ärgerte, schmerzte es sie dennoch, Daisy so niedergeschlagen zu sehen. Sie war doch fast noch ein Kind und sollte nicht unter den Querelen ihrer Eltern leiden.

„Lass uns später darüber reden“, wich Rachel aus und holte Eier aus dem Kühlschrank. „Wie wäre es mit Pfannkuchen? Oder sollen wir etwas bestellen?“

Auch wenn Daisy vorerst einlenkte, konnte Rachel die Entscheidung nicht lange hinauszögern. In vier Tagen sollte die Reise losgehen.

Nach dem Mittagessen verschwand Daisy wortlos in ihr Zimmer. Den ganzen Nachmittag rechnete Rachel mit einer bösen E-Mail von Steve denn vermutlich hatte Daisy ihn über die neusten Entwicklungen informiert. Doch bis auf eine Mail von ihrer Agentin blieb ihr Posteingang leer.

Das Abendessen verlief an diesem Abend ungewöhnlich still. Während Daisy appetitlos in ihrem Essen herumstocherte, konnte Rachel ihren Merlot kaum genießen. Sobald sich ihre Blicke trafen, seufzte Daisy schwermütig.

Schließlich fasste das Mädchen sich ein Herz und erkundigte sich nach dem Roman, an dem ihre Mutter gerade arbeitete. Bislang hatte Rachels Arbeit sie nicht sonderlich interessiert.

„Momentan komme ich ganz gut voran“, erklärte Rachel völlig perplex und stand auf, um sich Wein nachzuschenken. „Ich denke, bis du zurückkommst, werde ich wohl damit fertig sein.“

„Das heißt, du lässt mich fliegen?“ Daisys Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung.

„Sieht ganz danach aus.“ Nun konnte Rachel keinen Rückzieher mehr machen.

„Oh, klasse. Toll! Danke, Mum! Ich wusste doch, dass du mir das nicht antun würdest.“ Mit der Begeisterung kehrte auch Daisys Appetit zurück.

Auch wenn Rachel es unmöglich zugeben konnte: Daisy hatte recht. Es war einfach nicht fair, ihre Tochter unter Steves Fehlern leiden zu lassen. Doch Steve sollte wissen, dass sie ihn durchschaute.

Wie erwartet reagierte er nicht besonders begeistert auf den Anruf seiner Exfrau. Vor allem, weil sie es wagte, ihn in seiner Freizeit mit einem derartigen Problem zu behelligen.

„Um Himmels willen, Rachel! Warum regst du dich so auf? Du solltest dich für deine Tochter freuen. Bist du etwa neidisch, dass sie in den Genuss kommt, etwas komfortabler zu reisen als die meisten Leute? Außerdem ist Mendez ein klasse Typ. Vielleicht solltest du mal ein bisschen mehr Vertrauen in das männliche Geschlecht investieren.“

Nur mit großer Mühe behielt Rachel die Beherrschung. „In jedem Fall hättest du mich vorher einweihen können“, erwiderte sie.

„Ja, ja. Wie kommst du darauf, dass …“ Eine weibliche Stimme unterbrach ihn. „Ist schon gut, Schatz, ich bin gleich bei dir.“ Steves Ton kühlte ab, sobald er sich wieder an Rachel wandte. „Sollte Mr. Mendez dich kontaktieren, wirst du deine Hirngespinste hoffentlich für dich behalten.“

„Mr. Mendez hat mich bereits ‚kontaktiert‘. Heute Morgen war er bei mir“, informierte Rachel ihren Exmann kühl.

Daraufhin hörte sie Steve fluchen, und erneut schien Lauren im Hintergrund zu protestieren. „Würdest du dich bitte eine Minute gedulden?“, beschwichtigte er sie deutlich gereizter als noch kurz zuvor, bevor er wieder mit Rachel sprach. „Ich hoffe inständig, du bist ihm nicht zu nahe getreten. Er ist immerhin mein Chef.“

Bis jetzt hatte Rachel sich eingeredet, dass nicht Joe Mendez, sondern sein Vater die Firma leitete. Offensichtlich lag sie damit falsch.

„Vermutlich doch“, gestand sie.

„Verdammt, Rachel, bist du verrückt geworden? Willst du etwa, dass ich meinen Job verliere?“

Steves unglaubliche Arroganz löschte augenblicklich alle Schuldgefühle in Rachel. „Sei unbesorgt. Was in deinem Leben vor sich geht, interessiert mich nicht. Der einzige Grund, warum ich mich überhaupt mit einem Menschen wie dir abgebe, ist unsere Tochter.“

Fassungslos knallte sie den Hörer auf die Gabel. Einen Moment war sie wie erstarrt. Erst ein Knirschen auf der Treppe schreckte sie auf. Hinter ihr stand Daisy. Offensichtlich hatte sie zumindest das Ende des Gesprächs mit angehört.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht belauschen. Es hörte sich so an, als wäre etwas mit Grandma.“ Mit geröteten Wangen sah sie ihre Mutter hilflos an.

Um einen weiteren Streit zu vermeiden, beruhigte Rachel ihre Tochter. „Ist schon in Ordnung. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dein Vater und ich mussten nur ein paar Dinge klarstellen. Aber nun geh schnell zurück ins Bett. Ich komme auch gleich hoch.“

„Es besteht wohl keine Chance, dass ihr zwei noch einmal zusammenkommt, oder?“

Es bekümmerte Rachel sehr, die Sehnsucht ihrer Tochter nach einer vollständigen Familie nicht erfüllen zu können. „Nein, meine Süße, die gibt es ganz sicher nicht.“

„Na ja, damit kann ich leben. Ich weiß ganz genau, dass du irgendwann einen netten Typen treffen wirst. Und der wird viel cooler sein als die dämliche Lauren.“ Daisy schmiegte sich kurz an ihre Mutter und ging dann zurück in ihr Zimmer.

Als Rachel endlich im Bett lag, war es weit nach Mitternacht. Doch im Gegensatz zu sonst kam sie einfach nicht zur Ruhe. Das Gespräch mit Steve ging ihr nicht so leicht aus dem Kopf.

Es war jedoch nicht Steve, der ihren Traum durchstreifte, sondern Joe Mendez.

3. KAPITEL

Es klingelte. Wer konnte das nur sein, so früh am Morgen? Rachel brauchte eine Weile, bis sie zu sich kam. Denn noch immer spürte sie die aufregend wohlige Wärme aus ihrem Traum. Nur noch einen Moment schweben.

Wieder läutete es, es war das Telefon und nicht die Türklingel. Träge rieb Rachel sich die müden Augenlider. Gerade als sie zum Hörer greifen wollte, verstummte das Telefonklingeln auf ihrem Nachttisch. Ob Daisy ihr etwa zuvorgekommen war? Kaum vorstellbar, schließlich gehörte einiges dazu, ihre Tochter morgens überhaupt aus dem Bett zu bekommen. Aber in den Ferien drehte sich die Welt eines Teenagers anders.

Ein beiläufiger Blick zum Nachttisch riss Rachel aus ihren Gedanken. Mit beiden Händen griff sie nach dem Wecker und starrte entsetzt auf das Zifferblatt. Zwanzig Minuten nach zehn? Unmöglich!

Sonst verschlief Rachel nie. Eilig sprang sie aus dem Bett. Zu eilig, denn gleich darauf musste sie mit zittrigen Knien einen Moment am Bettpfosten verharren. Der Rotwein vom Vorabend, dachte sie, während sie in ihren weichen Bademantel schlüpfte.

Kann so ein Tag gut werden? überlegte sie gleich darauf. Ausgerecht heute versuchte einmal jemand, sie vor zwölf Uhr zu erreichen, und sie verschlief.

Aber so schnell gab die Person anscheinend nicht auf. Denn es klingelte schon wieder.

„Von mir aus soll Daisy abnehmen, mir geht es zu schlecht, und es wird ja doch eine ihrer Freundinnen sein“, murmelte Rachel und schleppte sich müde in Richtung Treppenhaus. Zu ihrer Verwunderung hielt das Läuten an. Bei diesem durchdringenden Signalton konnte Daisy doch unmöglich noch schlafen! „Erst zum Telefon“, entschloss sich Rachel, „danach muss ich mich vergewissern, wo Daisy steckt.“

Der hämmernde Schmerz hinter ihren Schläfen trieb sie an, den Hörer hochzureißen. „Ja, bitte?“

„Rachel?“ Mit jedem hatte sie gerechnet, jedoch nicht mit Joe Mendez. Womöglich hat er schon mit Steve gesprochen und will mich nun zu einer Entscheidung drängen, schoss es ihr durch den Kopf.

„Ich wollte nur …“, begann Mendez.

„Wissen, wie ich mich entschieden habe? Ich hätte Sie ohnehin später noch angerufen“, unterbrach Rachel ihn trotziger als beabsichtigt.

Joe holte tief Atem. „Nein, darum rufe ich nicht an. Daisy hat mir schon berichtet, dass Sie einverstanden sind.“

„Daisy? Daisy hat was?“ Zum Glück stand das Telefon auf einer wuchtigen Kiefernholztruhe, denn Rachel wankte plötzlich. Mit dem Telefonapparat in der Hand sank sie schwer atmend auf den hölzernen Deckel.

Joe bat sie, sich kurz zu gedulden, und dann erklangen am anderen Ende leises Geraschel und eine zaghafte Mädchenstimme. „Hallo, Mum!“

„Daisy?!“, schrie Rachel entsetzt. Zum Glück saß sie bereits.

Ganz deutlich hörte man das schlechte Gewissen aus Daisys Stimme heraus, als sie weitersprach. „Bitte, bitte, Mum, nicht böse sein! Ich musste Mr. Mendez so schnell wie möglich erzählen, dass du nun doch einverstanden bist.“

„Was soll das, Daisy?“

„Na ja, gestern Abend am Telefon hast du doch zu Dad gesagt …“

„Was ich mit deinem Vater besprochen habe, geht nur ihn und mich etwas an. Ist das klar?“ In Rachels Kopf arbeiteten mehrere Schlagbohrmaschinen auf Hochtouren. „Jetzt hörst du mir mal zu, Daisy: Was, um Himmels willen, ist in dich gefahren? Sag mir, wo du bist!“

Zögernd erwiderte Daisy: „Bei … Mr. Mendez … in seiner Wohnung.“

Vor Schreck hätte Rachel beinahe den Telefonhörer samt Apparat fallen lassen. „Wie bitte? Und … woher weißt du überhaupt, wo er wohnt?“

„Die Adresse steht auf der Visitenkarte, die noch auf dem Couchtisch liegt“, erklärte Daisy unbehaglich.

Rachel kochte vor Ärger über ihre Tochter. „Mein liebes Fräulein: Erstens war die Karte nicht für dich bestimmt. Und zweitens, was fällt dir eigentlich ein? Einfach losspazieren, um einen wildfremden Mann zu besuchen! Seit wann musst du mich nicht mehr um Erlaubnis bitten?“

„Mum, bitte“, kam es weinerlich aus der Hörmuschel.

Rachels Hände waren schweißnass. Angst, Wut und die Enttäuschung über den Vertrauensbruch der Tochter tobten in ihr. Ihre Stimme überschlug sich, als sie in die Sprechmuschel schrie: „Bitte, was heißt hier bitte, Daisy? Warum hintergehst du mich? Sind wir nicht immer offen und ehrlich miteinander umgegangen? Aus Sorge um dich quäle ich mich mit der Entscheidung um diese Reise. Und dann glaubt meine dreizehnjährige Tochter, selbst entscheiden zu können? So funktioniert das nicht, mein Kind!“ Überzogene Härte lag zwar nicht in Rachels Absicht, aber Daisy musste begreifen, dass sie nicht tun und lassen konnte, was immer sie gerade wollte.

Wieder hörte sie am anderen Ende ein Tuscheln und Rascheln und danach Joes Stimme. „Es tut mir wirklich leid, Sie erschreckt zu haben. Sicher haben Sie sich schon gefragt, wo Ihre Tochter steckt. Und ich werde Daisy selbstverständlich sofort persönlich nach Hause fahren. Ich dachte nur, es wäre besser, Ihnen vorher Bescheid zu sagen, damit Sie sich keine Sorgen machen.“

Dieser Mendez schaffte es schon wieder, sie von einem Gefühlschaos ins nächste zu stürzen. Gerade noch hatte sie vor Wut gebebt, und nun wand sie sich plötzlich in den Klauen der Schuldgefühle. Sie durfte gar nicht daran denken, dass sie die Abwesenheit ihrer Tochter selbst gar nicht bemerkt hatte. Leise und mit mehrfachem Räuspern bedankte Rachel sich bei Joe Mendez. Dabei konnte sie das peinigende Gefühl, sogar durchs Telefon von ihm durchschaut zu werden, nicht abschütteln.

Er lachte warm, bevor er sagte: „Keine Ursache, nur die Bitte, nicht so hart mit der Kleinen zu sein. Auch Erwachsene handeln manchmal unüberlegt.“

Was berechtigt Sie eigentlich zu Erziehungsratschlägen, hätte Rachel am liebsten gefaucht. Doch sie rief sich zur Ordnung und bedankte sich mit sehr kühler Höflichkeit, bevor sie auflegte.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ja gar nicht wusste, wo Joe Mendez wohnte und wie lange es dauern würde, bis er und Daisy einträfen. Gestern hatte sie seine Visitenkarte nur kurz überflogen und die darauf verzeichneten Angaben über dem unerquicklichen Telefonat mit Steve völlig vergessen.

„Jetzt erst einmal einen starken Kaffee!“, befahl sie sich laut und schroff. Allein der Gedanke an das samtig schwarze Gebräu und den feinherben Geschmack beflügelte ihre Schritte. Aber noch vor der Küchentür nagelte der Blick in den Spiegel ihre Füße auf dem Fliesenfußboden fest. Nein, zuerst duschen, kämmen, vielleicht etwas Farbe ins Gesicht und unter Umständen ein nettes Outfit, erklärte sie ihrem reichlich übernächtigten Spiegelbild.

Vor dem Schlafzimmerspiegel betrachtete Rachel das gewählte Kleid. Ihr Haar war nach dem Duschen noch feucht und zerzaust. Irritiert von der plötzlich in ihr aufsteigenden Erregung strich sie sich eine etwas dunklere Strähne des aschblonden Haars aus dem Gesicht. Sie nickte ihrem Spiegelbild zu und war einverstanden. Das leichte Trägerkleid mit den braunen und beigen Längsstreifen schmeichelte der sonnengebräunten Haut ihres Körpers. Sie sah ganz anders aus als sonst am Schreibtisch. Bisher hatte sie mit Vorliebe Shorts und T-Shirts getragen, aber in diesem Kleid spürte sie ihre fast vergessene Weiblichkeit.

Die Dusche, das Ankleiden und die Unterstützung durch eine Schmerztablette hatten ihr Denken befreit und weicher gemacht. Beschwingt ging sie in die Küche. In wenigen Minuten stand der Kaffee vor ihr. Nach dem ersten Schluck sah Rachel lächelnd durch das Küchenfenster nach draußen auf den Gartentisch. Dort saß eine Amsel und putzte eifrig ihr Gefieder. So sauber und schick bin ich jetzt auch, dachte sie zufrieden. Im gleichen Moment fiel ihr auf, dass sie kein Make-up aufgelegt hatte. Sie raste nach oben ins Badezimmer. Beim Auftragen des bronzenen Lidschattens hörte Rachel eine Wagentür zuschlagen. Noch ein wenig Rouge, doch für Lippenstift blieb keine Zeit, denn draußen erklang bereits Daisys aufgeregtes Geplapper auf dem Weg zur Haustür.

Rachel strich eilig den kurzen Kleiderrock glatt. Dann lief sie zur Treppe. Natürlich öffnete Daisy genau in dem Moment die Haustür, als Rachel die Treppe herunterkam. Das musste ja so aussehen, als habe sie sich absichtlich in Szene setzen wollen. Wie unangenehm!

Unfähig, sich weitere Gedanken zu machen, blieb Rachel einfach stehen. Joe Mendez stand in der offenen Tür. Heute nicht in Jeans und Lederjacke, sondern in einem anthrazitfarbenen Designeranzug. Alle Achtung, dachte sie mit einem Blick auf das blütenweiße Seidenoberhemd. Auf eine Krawatte hatte er verzichtet und lässig die oberen drei Hemdköpfe offen gelassen. Ohne Zweifel besaß dieser Mann einen sehr guten, aber auch sehr exquisiten Geschmack. Dann blickte sie in die überraschten Augen ihrer Tochter. Daisy lächelte verunsichert, denn so hatte sie ihre Mutter noch nie gesehen.

„Wow, du hast dich heute aber besonders hübsch gemacht, Mum.“

Nach diesem Satz versuchte Rachel vergeblich, die aufsteigende heiße Röte zurückzudrängen. Ganz offensichtlich war Daisy wirklich überrascht. Natürlich wünschte sie sich eine friedliche Mutter, und deren Veränderung kam ihr in diesem Moment sehr gelegen.

Ohne auf das Kompliment ihrer Tochter einzugehen, fragte Rachel spitz: „Was hat dich denn auf die plötzliche Idee gebracht, diesen Ausflug zu machen?“

Da stürmte Daisy herein und setzte sich vor den Füßen der Mutter auf die unterste Treppenstufe.

„Ich wollte dich nicht aufwecken, Mum“, erklärte sie, was klang, als würde ihre Mutter ständig verschlafen.

„Sehr rücksichtsvoll von dir, mein Kind“, entgegnete Rachel, bevor sich ihr Blick wieder auf den männlichen Besucher richtete. „Entschuldigen Sie bitte, Mr. Mendez. Ich hoffe, Daisys plötzliches Auftauchen hat Ihnen nicht zu viel Unruhe beschert.“

„Ganz und gar nicht“, erwiderte er und sah sie dabei von oben bis unten an. Hitze strömte durch Rachels Körper. Ein leichtes Lächeln umspielte Joes Lippen, als er fortfuhr: „Ihre Tochter ist auch etwas ganz Besonderes. Da wird einem nie langweilig.“

„Meinen Sie?“ Was konnte Daisy ihm nur Unterhaltsames erzählt haben?

Doch noch bevor sie etwas erwidern konnte, machte Joe einen Schritt zurück in Richtung Haustür und griff nach dem Schlüssel in seiner Tasche. „Ich denke, ich sollte mich besser verabschieden. Heute Nachmittag habe ich noch ein wichtiges Meeting mit einem Geschäftspartner.“

Zaghaft befeuchtete Rachel ihre Lippen. „Darf ich Ihnen vielleicht noch einen Kaffee anbieten? Sozusagen als Entschädigung für die Umstände, die wir Ihnen gemacht haben“, lud sie ihn ein. Was tust du denn da, dachte sie entsetzt, als er den Kopf schüttelte.

„Das ist nett von Ihnen, aber im Moment habe ich leider keine Zeit“, lehnte er höflich ab und zwinkerte der sichtlich enttäuschten Daisy zu. „Aber wäre es Ihnen recht, wenn ich mich später noch telefonisch bei Ihnen melde? Dann könnten wir in Ruhe alles für Montag besprechen. Ihre Nummer habe ich nun ja.“

„Natürlich, heute Abend“, stimmte Rachel zu.

Lächelnd nickte Joe. „Es sei denn, Sie haben bereits andere Pläne?“

Was sollte ich schon vorhaben, dachte Rachel, tat aber nachdenklich. „Das dürfte passen.“

Noch einmal nickte Joe zufrieden. „Sehr schön, dann bis heute Abend“, verabschiedete er sich.

Eine Weile lehnte Rachel im Türrahmen und sah ihm nach. Hatte sie wirklich gehofft, ein Mann wie er könnte auch nur das geringste Interesse an ihr haben? Er hatte Daisy nach Hause gefahren, weil er ein Gentleman war, mehr nicht. Er tat ihnen lediglich einen Gefallen. Und wenn er Daisy am Montag abholte, würde sie ihn anschließend sicher nicht wiedersehen. Das war auch gut so.

Jetzt musste sie erst einmal ein Wörtchen mit Daisy sprechen. Als Rachel die Haustür schloss, sah sie, dass ihre Tochter bereits ihn ihr Zimmer geflüchtet war …

Grimmig starrte Joe auf den zäh fließenden Verkehr. Irgendwie ließ ihn dieses ungute Gefühl nicht los. Dabei gab es doch gar keinen Grund, sich schlecht zu fühlen, schließlich tat er Rachel Carlyle einen Gefallen. Hätte er doch bloß nie angeboten, Daisy mit nach Florida zu nehmen. Bisher machte ihm die ganze Sache jedenfalls nur Probleme.

Es musste schrecklich für Steve sein, die eigene Tochter auf einem anderen Kontinent zu wissen. Dieser ständige Kampf mit seiner Exfrau, nur um Daisy sehen zu dürfen. Sämtliche Versuche schienen immer wieder an Steves Exfrau zu scheitern. Seit Steve vor fünf Jahren in der Londoner Filiale von Macrosystems angefangen hatte, war zwischen ihm und Joe eine echte Männerfreundschaft entstanden. Darum betrachtete Joe es als seine Pflicht, dem Freund zu helfen. Gegen einen zuverlässigen Reisebegleiter konnte schließlich auch die skeptischste Exfrau nichts einwenden.

Doch auch wenn es zu Steves Beschreibungen passen würde – Rachels Entsetzen war nicht gespielt. Das spürte Joe genau.

Als sich der Verkehrsstau langsam auflöste, lag Joes Stirn immer noch in Falten. Während der ganzen Fahrt zurück nach London grübelte er darüber nach, warum Steve seine Exfrau nicht eingeweiht hatte. Wie es aussah, war ihre Trennung alles andere als freundschaftlich verlaufen. Aber die Schuld lag nicht bei Steve allein. Zu einem Streit gehörten immer zwei. Laut Steve war Rachel einfach nicht damit fertig geworden, dass ihr Mann Karriere machte und hatte ihm darum immer wieder das Leben schwer gemacht. Wäre Steves Ehe mit Rachel nicht schon längst kaputt gewesen, wären Steve und Lauren nie zusammengekommen, hatte Ted Johansen einmal behautet. Doch Joes Bild von Johansens Tochter sah weniger freundlich aus.

Daisys Reisevorbereitungen hingegen waren etwas völlig anderes. Steve hätte seine Exfrau informieren müssen. Dazu wird er sich noch auf ein Wörtchen von mir gefasst machen müssen, dachte Joe, als er den Lexus vor seinem neuen Haus in Eaton Court Mews parkte.

Nur durch Zufall hatte er auf seiner letzten Geschäftsreise diese Perle im Herzen Londons entdeckt. Schon auf den ersten Blick hatte ihn der antike Charme des Stadthauses fasziniert. Die mit Blauregen berankte Fassade der ehemaligen Stallung ließ nicht im Entferntesten erahnen, welch reges Treiben einst hinter den Torbögen geherrscht hatte, sondern unterstrich die Eleganz des Gebäudes.

Durch die eindrucksvolle Eichentür trat Joe in die Eingangshalle. Dort erwartete ihn bereits sein Hausverwalter. Der schon leicht ergraute, fünfzigjährige Charles Barry war ein Mann der alten englischen Schule. Er war Joe bei der Auswahl stilechter Möbel eine große Hilfe gewesen. Stets korrekt sorgte er dafür, dass es dem Hausherrn an nichts fehlte. Außerdem lehrte er Joe durch seine diskrete Art die Umgangsformen eines englischen Gentlemans.

„Ich hoffe, Ihre Mission war erfolgreich, und die junge Lady ist nun wohlbehalten bei ihrer Mutter, Sir?“, erkundigte sich Charles, während er Joe in den hellen Salon im ersten Stock folgte. Durch die breiten Sprossenfenster fielen Sonnenstrahlen auf die polierten Eichenholzmöbel.

„Ja, das schon, aber warum fühle ich mich trotzdem, als hätte ich irgendetwas falsch gemacht?“

Charles hob fragend die Augenbrauen. „Sie meinen doch nicht etwa, Mrs. Carlyle hat Ihr überaus freundliches Angebot nicht zu schätzen gewusst?“

„So könnte man sagen.“

„Mit Verlaub, aber die Lady muss verrückt sein, Sir.“ Der alte Mann schüttelte verständnislos den Kopf.

„Das ist sie ganz sicher nicht!“, entfuhr es Joe. Diese Frau mochte vielleicht eigenwillig sein, aber sie war ganz sicher nicht undankbar. Joe hatte eine ganz andere Frau kennengelernt, als die intrigante Exfrau aus den Beschreibungen von Steve. Und das schürte seinen Unmut.

Auch wenn er erst seit einem knappen Jahr für Joe arbeitete, erkannte Charles schnell, was dem Hausherrn zu schaffen machte. „Das klingt, als hätten Sie nun Bedenken, die junge Lady zu ihrem Vater zu bringen?“

Mit einem grimmigen Nicken erklärte Joe: „Der Vater der jungen Lady hat mich schließlich ziemlich alt aussehen lassen. Seine Exfrau wusste bislang nicht, dass wir in meinem Privatjet fliegen werden.“

„Ich verstehe. Aber da sie Sie ja nun persönlich kennengelernt hat, sind ihre Zweifel doch sicher ausgeräumt?“, räumte Charles ein. Mit Joes Kopfschütteln hatte er eindeutig nicht gerechnet. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Sir? Was für eine Frau ist sie denn? Mr. Carlyle erwähnte doch, sie sei Schriftstellerin. Da drängt sich mir das Bild einer etwas rundlichen Lady mit Lesebrille in flatternden Gewändern und Gesundheitssandalen auf?“

Die Vorstellung entlockte Joe ein Lachen, und er erinnerte sich an seine erste Begegnung mit Rachel. „Weit gefehlt, mein lieber Charles. Mrs. Carlyle ist zwar nicht gertenschlank, aber ganz sicher nicht rundlich. Ich würde eher sagen, sie ist wohlgeformt.“

Charles’ Blick verlangte nach einer genaueren Erklärung. „Aber sie ist vermutlich nicht ganz so jung wie die neue Mrs. Carlyle?“

„Nein, aber nicht gerade unattraktiv“, bestätigte Joe. Es stand außer Frage, dass Steve sich nicht ausschließlich wegen ihrer inneren Werte in Lauren verliebt hatte. Und ganz zufällig war ihr Vater auch noch ein einflussreiches Vorstandsmitglied bei Macrosystems.

Etwas in Joes Beschreibung ließ Charles stutzen. Irritiert wechselte er das Thema und erinnerte Joe an das bevorstehende Treffen am Nachmittag. „Haben Sie noch einen Wunsch, Sir? Kann ich Ihnen noch etwas bringen, bevor Sie wieder aufbrechen?“

„Ja, richtig, das Meeting hätte ich beinahe vergessen. Danke, Charles, im Moment möchte ich nichts.“ Dann deutete er mit einem Nicken auf den antiken Globus, dessen Inneres einige edle Tropfen verbarg. „Falls ich etwas möchte, bediene ich mich selbst.“

„Wie Sie wünschen, Sir.“ Nachdem Charles sich zurückgezogen hatte, ging Joe zu den großen Fenstern und ließ seinen Blick über die Dächer des Viertels schweifen. Das Bild, das Steve von seiner Exfrau vermittelte, bekam immer mehr Risse. Konnte sich diese Frau derart verstellen? Wenn sie wirklich nur an ihrem eigenen Fortkommen interessiert wäre, müsste sie doch eigentlich froh darüber sein, ein paar Wochen für sich zu haben. Selbst wenn das bedeutete, die Tochter dem Exmann anzuvertrauen.

Andererseits könnten Rachels Einwände auch nur ein weiterer Versuch sein, um Daisy von Steve und Lauren fernzuhalten.

Warum habe ich mich nur in diese Sache hineinziehen lassen, dachte Joe wütend und verzog das Gesicht. Auf das bevorstehende Meeting hätte er liebend gern verzichtet. Aber das war unmöglich, schließlich sollte er Macrosystems eines Tages übernehmen, und dazu musste er alle Unternehmensbereiche kennen.

Wenigstens der Abend versprach eine Entschädigung für diesen verkorksten Tag. Nachdem er gestern Abend nicht mehr in der Laune gewesen war, zu Shelley Adairs Party zu gehen, konnte er sich heute auf ein Dinner mit ihr freuen. Im Grunde hatte er damit gerechnet, dass Rachel ihn noch einmal anrufen und sich für ihr gestriges Verhalten entschuldigen würde. Aber offensichtlich hielt sie das nicht für nötig.

Umso mehr hatte ihn Daisys Besuch heute Morgen überrascht. Zunächst dachte Joe, Rachel habe sie geschickt. Doch wie sich herausstellte, hatte sie das Verschwinden ihrer Tochter nicht einmal bemerkt. Lag Steve vielleicht doch nicht so falsch mit seinen Anschuldigungen? Je länger Joe darüber grübelte, desto mehr beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass Rachels Bedenken eher der Realität entsprachen, als Steves Unterstellungen.

4. KAPITEL

Übermüdet schenkte sich Rachel die dritte Tasse Kaffee ein. Bis spät in die Nacht hatte sie an ihrem Roman gearbeitet, aber was sie jetzt las, gefiel ihr gar nicht. Ihrem Text fehlte es an Gefühl. Mit dem Becher in der Hand setzte sie sich zurück an den Küchentresen und nahm sich noch einmal die letzten Seiten vor.

Plötzlich hörte sie Daisys Schritte auf der Treppe. Es war doch erst sieben Uhr, und noch dazu Samstag. Aber Rachel ahnte, was ihre Tochter so früh aus den Federn trieb. Denn auch sie selbst hatte kaum ein Auge zugetan.

Schon beim ersten Schritt in die Küche platzte die Dreizehnjährige heraus: „Hat er angerufen?“

Gemächlich stellte Rachel ihren Kaffeebecher ab und legte kopfschüttelnd Papier und Stift beiseite. Die Enttäuschung zog Daisys Mundwinkel nach unten.

„Aber er hat es doch gestern versprochen“, beschwerte sie sich laut. Ihre verständnisvolle, mitfühlende Art ließ Daisy oft älter wirken. Doch in Momenten wie diesem wurde Rachel wieder einmal bewusst, wie kindlich ihre Tochter noch war.

Gern hätte sie ihr jede Enttäuschung erspart. Doch das ging nicht immer. Mit einer liebevollen Geste winkte sie Daisy zu sich und schloss sie fest in die Arme. „Tut mir leid, mein Schatz, aber noch habe ich nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich hat sein Meeting länger gedauert. Und vielleicht war er danach zu müde, um noch anzurufen.“

Zumal er sich sicher sehr viel angenehmere Dinge vorstellen konnte, um seinen wohlverdienten Feierabend zu verbringen, sagte sich Rachel im Stillen. Schon beinahe eifersüchtig dachte sie, dass auf einen Mann wie ihn gewiss irgendwo eine bezaubernde zukünftige Mrs. Mendez wartete. Vielleicht ist er sogar verheiratet, schoss es ihr durch den Kopf. Zwar trug er keinen Ehering, aber was bedeutete das schon. Zu dem Thema hatte Steve ihm sicher hilfreiche Tipps geben können.

Schließlich befreite sich Daisy aus der Umarmung ihrer Mutter und stapfte mit hängenden Schultern zum Kühlschrank, um sich Milch zu holen.

„Die fünf Minuten hätte er sich ruhig Zeit für uns nehmen können“, maulte sie. Während sie sich einschenkte, fügte sie bockig hinzu: „Warum konnte Dad mir nicht einfach ein ganz normales Flugticket kaufen, anstatt mir einen unzuverlässigen Aufpasser zu schicken?“

Am liebsten hätte Rachel auf diese Frage weitaus mehr als einen eindringlichen Blick und ein Schulterzucken in Daisys Richtung gesandt.

„Unzuverlässig“, murmelte Rachel für Daisy unhörbar wütend in sich hinein, „und darum ist das letzte Wort in dieser Reiseangelegenheit auch noch nicht gesprochen, Mr. Mendez! Und auf deine samtige Stimme kann ich nur zu gern verzichten!“

„Wenn er sich bis heute Mittag nicht gemeldet hat, rufe ich ihn an“, zwang Rachel sich widerwillig zu sagen.

„Eine klasse Idee! Danke Mum“, jubelte Daisy und fiel ihrer Mutter erleichtert um den Hals. Eben noch traurig und enttäuscht drückte sie ihr nun überglücklich einen dicken, milchigen Kuss auf die Wange.

„Schon gut, meine Süße.“ Mit dem Handrücken rieb Rachel sich die Wange. Der Gedanke an das bevorstehende Gespräch beunruhigte sie. Meine Stimme wird schon nicht versagen, sprach sie sich Mut zu. Trotz der Sommerhitze fröstelte sie plötzlich und knotete den Gürtel ihres Bademantels ein wenig fester um ihre Taille.

„Kannst du noch einen Moment auf das Frühstück warten? Ich würde gern schnell noch duschen. Es dauert auch nicht lang.“ Sie griff nach ihrem Manuskript und küsste Daisy liebevoll auf die Stirn.

„Kein Problem, Mum. Ich kann doch das Frühstück machen. Hast du Lust auf Rührei? Das kann ich.“ Hastig stürzte Daisy ihre Milch hinunter und stellte ihr Glas in die Spülmaschine.

„Danke, mir reicht ein Toast“, antwortete Rachel lächelnd über die Schulter, schon auf dem Weg ins Bad. Unter den warmen Wasserstrahlen spürte sie, wie sich ihr Körper entspannte. Sie schloss die Augen und lächelte wieder. Wenn ihr Kind froh war, war sie es auch. Dann überfielen sie wieder Zweifel. Hatte sie womöglich zu schnell eingelenkt, mit ihrem Angebot, Mendez anzurufen?

Eine halbe Stunde später stand Rachel in Jeans und einem schwarzen T-Shirt vor dem Spiegel im Bad und band die noch feuchten Haare zu einem Zopf zusammen. Prüfend strich sie mit dem Zeigefinger über die kleinen Fältchen um ihre Augen. Vielleicht nicht gerade eine jugendliche Leinwandschönheit, aber auf jeden Fall eine stolze Mum, dachte sie und entschied sich gegen Make-up. Um Daisy nicht länger warten zu lassen, schlüpfte sie eilig in ihre braunen Gesundheitssandalen.

Duftschwaden von frisch gebrühtem Kaffee durchzogen bereits das Haus. In der Küche blickte Rachel überrascht auf die zu einem Schmetterling gefaltete Serviette auf ihrem Frühstücksteller.

„Gut siehst du aus, Mum“, scharwenzelte Daisy um sie herum.

Das quietschgelbe Trägershirt der Kleinen harmonierte mit dem Hellblau ihrer bequemen Jeans. Die rosigen Wangen ihrer Tochter schrieb Rachel der ungewohnten morgendlichen Emsigkeit zu.

„An so einen tollen Service könnte ich mich glatt gewöhnen“, lachte Rachel und setzte sich auf den Barhocker. Obwohl sich ihr Magen bei dem Gendanken an das bevorstehende Telefonat zusammenzog, rang sie sich dazu durch, wenigstens ein paar Mal vom Toast abzubeißen.

„Willst du nicht auch frühstücken?“, fragte sie Daisy, die immer noch hinter ihr stand.

„Nö, ich hatte vorhin schon Hunger und hab Cornflakes gegessen“, antwortete das Mädchen wie aus der Pistole geschossen.

Rachel stutzte einen Augenblick, schob aber ihr aufkommendes Misstrauen beiseite. Beiläufig erwähnte sie: „Wir haben fast nichts mehr im Kühlschrank, ich muss nachher unbedingt noch zum Einkaufen fahren.“

Binnen Sekunden stand Daisy neben ihrer Mutter und sah sie mit großen entgeisterten Augen an. „Das geht nicht, Mum“, erklärte sie eine Spur zu laut.

Beinahe hätte Rachel sich an ihrem Toast verschluckt. „Und, wo liegt das Problem?“

„Wir können doch nicht wegfahren, solange Mr. Mendez sich noch nicht gemeldet hat“, kreischte Daisy jetzt.

Irritiert starrte Rachel ihre Tochter an. „Zum Glück haben wir ja einen Anrufbeantworter. Mr. Mendez kann einfach eine Nachricht hinterlassen, und ich rufe ihn später zurück.“ Sosehr sie sich auch dagegen sträubte, das ungute Gefühl, dass ihre Tochter wieder einmal etwas im Schilde führte, war stärker.

Daisy wich immer wieder Rachels Blick aus und betrachtete angestrengt die Zimmerdecke. Schließlich sagte sie kaum hörbar: „Und wenn er vorbeikommt?“

„Warum sollte er das tun?“ Wohl kaum, um mich wiederzusehen, sagte Rachel sich nüchtern und wandte sich wieder an Daisy. „Das haben wir doch schon geklärt, Daisy. Wenn wir bis heute Mittag nichts von ihm gehört haben, rufe ich ihn an.“

„Er ist doch gar nicht zu Hause.“ Erschrocken zuckte Daisy bei ihrem letzten Wort zusammen.

Mit gerunzelter Stirn und drohendem Blick sah Rachel sie an. „Was soll das heißen? Woher willst du wissen, dass er nicht zu Hause ist?“ Ihr Misstrauen war offenbar berechtigt. Daisy musste Joe Mendez heimlich angerufen haben.

„Na ja, Charles hat es mir gesagt. Er ist Mr. Mendez’ Hausverwalter und war irgendwie ziemlich kurz angebunden“, gestand Daisy schließlich kleinlaut. Der unschuldige Rehaugenblick des Mädchens konnte Rachel nicht besänftigen.

„Bist du wahnsinnig, am Wochenende so früh bei fremden Menschen anzurufen?“, fuhr sie ihre Tochter an. „Schließlich ist heute Samstag!“ Kopfschüttelnd ließ Rachel den Rest ihres Toasts auf den Teller fallen und schob ihn von sich. Jetzt war ihr endgültig der Appetit vergangen.

Ein zuversichtliches Lächeln erhellte für eine Sekunde Daisys Gesicht. Hoffnungsfroh stellte sie fest: „Das ist es! Mr. Mendez hat bestimmt noch geschlafen!“

Wieder summte der Bienenschwarm in Rachels Kopf. Warum bringt mich jeder Gedanke an diesen Mann bloß so aus der Fassung? Mir kann doch egal sein, wie lange er schläft, oder wie er seine Tage verbringt. Und seine Aktivitäten am Abend und während der Nacht interessieren mich auch nicht!

Plötzlich sehr wütend wandte Rachel sich an ihre Tochter. „Hör zu, Daisy, vielleicht schläft er, vielleicht auch nicht. Womöglich wollte er aber auch gar nicht mit dir sprechen, weil er nicht mehr vorhat, dich mitzunehmen. Dann soll dein Vater doch sehen, wie er an ein Ticket für dich kommt!“ Sie erschrak selbst über ihre harten Worte. Vielleicht hatte Daisy den Bogen überspannt, aber sie durfte ihre Wut auf Steve nicht an der Kleinen auslassen.

Um es wieder einigermaßen gutzumachen, drehte Rachel sich zu ihrer Tochter und griff liebevoll nach ihrer Hand. „Mach dir keine Sorgen, Schatz, es wird sich schon alles regeln.“

Daisys Lippen zuckten. „Mum, glaubst du wirklich, Mr. Mendez hat mich einfach vergessen?“

„Ganz sicher nicht“, tröstete Rachel sie mit einem bitteren Lächeln.

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