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ROMANA EXKLUSIV BAND 267

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Tage wie in einem Rausch

1. KAPITEL

„Was brauchst du so lange?“ Ein glutvolles Versprechen lag in Jeds Augen, während er sie unter halb geschlossenen Lidern sinnlich betrachtete. „Komm wieder ins Bett, Mrs Nolan. Und zieh dieses Ding aus. Ohne alles gefällst du mir besser.“

Elena konnte ihn nicht ansehen. Ihr war übel. Es ist der Schock, sagte sie sich, oder Einbildung. Sie schob die Hände in die Taschen ihres seidenen Morgenmantels, damit er nicht sah, wie sehr sie zitterte.

Allein bei Jeds Anblick wurden ihr die Knie weich. Er war ihre Liebe, ihr Leben, ihr Alles. Bei ihm fühlte sie sich geliebt, sicher und geborgen.

Unter dem dünnen Laken zeichnete sich sein schlanker, muskulöser Körper ab. Ein Meter fünfundachtzig pure Sinnlichkeit, die Elena immer wieder aufs Neue in ihren Bann zog. Für einen sechsunddreißigjährigen Geschäftsmann – Dan hatte ihn einmal spöttisch als Ladenbesitzer bezeichnet – besaß er einen außergewöhnlich athletischen Körper. Sein Gesicht war fast klassisch perfekt, bis auf das energische Kinn und die Nase, die er sich beim Rugbyspielen gebrochen hatte.

Die Erinnerung an Dan ließ sie zusammenzucken. Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können? Damals glaubte sie zu wissen, was sie tat. Dabei hatte sie gar nichts gewusst und es auf ihre übliche sture Art gemacht und alles gewollt. Alles.

Diese Neuigkeit würde das Glück ihrer jungen Ehe zerstören. Wie sollte sie es Jed nur beibringen? Sie konnte es nicht. Zumindest jetzt noch nicht, da sie es selbst erst seit zehn Minuten wusste.

Elena seufzte unglücklich, schlüpfte aus dem Morgenmantel und ließ sich neben Jed aufs Bett fallen. Sie umarmte ihn stürmisch und flüsterte fast verzweifelt: „Ich liebe dich … Ich liebe dich!“

„Immer noch? Nach einer ganzen Woche Ehe?“, fragte er amüsiert und strich ihr das lange blonde Haar aus dem Gesicht.

„Jed, mach dich nicht lustig über mich!“, sagte Elena gequält.

„Niemals!“ Er drehte sie auf den Rücken, stützte sich auf den Ellbogen und lehnte sich halb über sie. Das dichte schwarze Haar fiel ihm in die Stirn, und er lächelte zärtlich, während er mit dem Daumen sanft ihre Lippen berührte.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hätte nie geglaubt, jemanden so sehr lieben zu können, dass es schmerzte. Oder dass sie sich je so fürchten würde. Zehn Jahre lang hatte sie nichts und niemanden gefürchtet. Sie hatte gewusst, was sie wollte, und alles getan, um es zu bekommen. Und nun war sie durch eine leichtsinnige, überhebliche Dummheit ein ängstliches, hilfloses Geschöpf geworden.

„Etwas stimmt nicht.“ Jed zog die dunklen Brauen zusammen. „Was ist los, Liebling?“

Sie konnte es ihm jetzt nicht sagen! Erst musste sie sich selbst damit abfinden, und sogar dann würde es fast unmöglich sein. Es fiel Elena schwer, ihm nicht die ganze Wahrheit zu gestehen, und sie flüsterte mit zittriger Stimme: „Nichts. Nur – wir sind so glücklich, dass es mir fast Angst macht.“ Und das wenigstens war nicht gelogen.

Vorher hatte sie keine Angst gehabt. Sie hatte ihre Liebe und ihr Glück einfach akzeptiert. Doch jetzt fürchtete sie, dieses Glück zu verlieren, fürchtete, dass seine Liebe zu ihr nicht stark genug sein würde, um das zu verkraften, was sie ihm sagen musste.

Das unglaublich kostbare Geschenk ihrer Liebe war so schnell und unverhofft gekommen. Sie war so unsagbar glücklich gewesen, dass sie nicht daran gedacht hatte, es könnte ihr genauso schnell wieder genommen werden.

Elena drängte die Tränen zurück, als sie Jeds finsteren Gesichtsausdruck sah, und sagte: „Weißt du, ich kann immer noch nicht glauben, dass du dich in eine dreißigjährige, geschiedene Frau verliebt hast, da du doch jede hättest haben können!“ Sie versuchte vergeblich, sich ein Lächeln abzuringen, und schloss stattdessen die Augen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie spürte, wie er sanft mit den Lippen ihre geschlossenen Lider berührte.

„Ich wollte nicht einfach jede“, erwiderte er heiser. „Nur dich, vom ersten Moment an, als ich dich sah. Trotz der traurigen Gelegenheit hatte ich das Gefühl, dich schon ewig zu kennen, nach allem, was Dan mir von dir erzählt hatte. Ich wusste sofort, dass ich für den Rest meines Lebens mit dir zusammenbleiben wollte.“

Es war erst sechs Wochen her, seit sie aus ihrer Wahlheimat Spanien zu Dans Begräbnis nach England gereist war. Der raue, kalte Aprilwind war über den kleinen Friedhof in Hertfordshire gefegt und hatte alles noch viel trauriger gemacht. Doch ein Blick auf Dans älteren Bruder hatte Elena genügt, und sie wusste, sie hatte den Mann ihres Lebens gefunden. Ihr Schwur, sich niemals mehr gefühlsmäßig abhängig zu machen, war gebrochen.

Ein Blick, und ihr Leben hatte sich geändert. Sie selbst hatte sich geändert.

Jed legte sich neben sie und zog sie an sich, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt. „Ich wollte keine dieser glitzernden, künstlichen und oberflächlichen Damen, die regelmäßig in den Klatschkolumnen auftauchen und nur auf gefüllte Bankkonten aus sind. Ich wollte dich. Talentiert, erfolgreich, selbstbewusst, bezaubernd schön. Und als Zugabe auch noch unglaublich sexy. Du hast mir gesagt, dass du keinen Kontakt mehr zu deinem Exmann hast. Und außerdem warst du noch ein halbes Kind, als du geheiratet hast – neunzehn, oder? Tja, jeder macht im Leben mal einen Fehler!“

Einen Fehler? Es gab noch einen. Würde Jed darauf auch so verständnisvoll reagieren?

Hätten sie doch nur nicht so schnell geheiratet. Hätte sie doch nur nicht geglaubt, dass sich aus dem, was Dan und sie getan hatten, keine Konsequenzen ergeben würden. Sie erinnerte sich an jene Nacht: Wein, der viel versprechende spanische Frühling, Sentimentalität, das Gefühl, dass in ihrem erfolgreichen Leben etwas fehlte. Und das hatte nun dazu geführt, dass ihre Beziehung zu diesem Mann vergiftet wurde. Zu dem Mann, der ihr überhaupt erst klargemacht hatte, zu welcher Liebe sie fähig war.

Fieberhaft begann Elena, ihn zu küssen, presste die Hände gegen seine feste, warme Haut, fühlte seine starken Muskeln unter den Fingern. Sie hörte, wie er den Atem anhielt, spürte, wie sein Körper auf ihre Liebkosungen reagierte, und drängte ihre heißen Tränen zurück.

Sie wollte jetzt nicht weinen, denn vielleicht würde es nicht mehr viele solcher Momente in ihrem Leben geben.

Als Jed sie küsste, leidenschaftlich und fordernd, erwiderte sie seinen Kuss mit aller Hingabe und Bewunderung, derer sie fähig war. Sie schlang die Beine um ihn, öffnete sich ihm, nahm ihn begierig in sich auf und reagierte auf seine Liebkosungen mit dem gleichen Begehren, das sie auch in ihm spürte.

Die Intensität dieses Erlebnisses nahm ihr fast den Atem, und sie überließ sich einfach der Leidenschaft, vergaß ihre Angst, lebte nur für den Augenblick, während sie sich langsam und bedächtig liebten und sich gegenseitig immer wieder an den Rand der Ekstase trieben. Sie liebkoste die warme Haut seines Halses mit den Lippen, spürte seinen wilden Herzschlag und bewahrte dieses Gefühl in ihrer Seele, denn es würde vielleicht das letzte Mal sein, dass sie so zusammen waren.

„Daran könnte ich mich gewöhnen!“

Jed stand mit dem Rücken zu ihr an der Mauer, die die Terrasse vom sonnenüberfluteten, steil abfallenden Garten trennte. Obwohl sie barfuß war, musste er gehört haben, wie sie aus dem Haus trat. Oder er spürte ihre Anwesenheit, genau wie sie seine Nähe spürte, noch bevor sie ihn sah.

Er sah so männlich und attraktiv aus in seinem schwarzen T-Shirt und den engen grauen Jeans, dass es Elena den Atem nahm, als er sich jetzt zu ihr umdrehte. „Und damit du nicht denkst, wir würden die Flitterwochen in deinem Haus verbringen, damit ich das Geld für ein Hotel spare, habe ich Frühstück gemacht.“

Kaffee, frisches Obst, knusprige Brötchen und eine Schale mit Oliven. Sie wollte ihn für seine Bemühungen loben, doch sein warmes Lächeln und das unverhüllte Begehren in seinen Augen lenkten sie ab. „Obwohl ich keinen Hunger habe“, fügte er hinzu. „Du siehst nämlich zum Anbeißen aus, und meinen riesigen Appetit kannst du am besten stillen.“

Wirklich? Als ihre Blicke sich trafen, stieg Elena das Blut in die Wangen. Jeder Augenblick war jetzt doppelt kostbar, jedes liebevolle Wort musste sie in Erinnerung behalten, denn bald würde alles zu Ende sein.

Nach dem Duschen war sie in ausgefranste Jeans und ein altes weißes T-Shirt geschlüpft, ohne sich Gedanken um ihr Aussehen zu machen. Als Jed aufgestanden war, hatte sie vorgegeben zu schlafen, um etwas Zeit zum Nachdenken zu haben. Und ihr war aufgegangen, dass es keinen Sinn hatte, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Der Zeitpunkt würde nie richtig sein für das, was sie ihm sagen musste. Und wenn sie ihm die Wahrheit noch länger vorenthielt, würde er nur noch schlechter von ihr denken.

Aber als er sie jetzt ansah und den Blick über ihre schlanke Gestalt gleiten ließ, über ihre langen, sonnengebräunten Beine, fühlte sie sich wie gebannt von seiner sinnlichen Ausstrahlung. Sie hasste ihre Schwäche, und doch nahm sie zu Alltäglichkeiten Zuflucht, um das Gespräch noch einige Stunden aufzuschieben. Daran konnte doch nichts Falsches sein, oder?

Während sie Kaffee einschenkte, sagte sie so unbefangen wie möglich: „Hör auf, nach Komplimenten zu jagen! Du bist kein Geizhals. Ich habe dich doch praktisch überredet, die Flitterwochen hier zu verbringen.“

Elena war mit Recht stolz auf ihr Heim, ein ehemaliges andalusisches Bauernhaus, das sie von einem Teil des Honorars für den Verkauf der Filmrechte an ihrem ersten Bestseller erworben hatte. Sie würden es als Ferienhaus behalten, damit Jed sich hier so oft wie möglich von seiner anstrengenden Tätigkeit als Geschäftsführer des Familienunternehmens erholen konnte. Mit Niederlassungen in London, Amsterdam, Rom und New York war die Firma seit zweihundert Jahren auf den Verkauf von Edelsteinen und Edelmetallen an die Reichen dieser Welt spezialisiert.

Dan hatte nie etwas mit der Firma zu tun haben wollen. Stattdessen hatte er sich einen Namen als Fotojournalist gemacht.

Elena schob den Gedanken an Dan schnell beiseite, doch als hätte Jed es geahnt, kam er in diesem Moment auf ihn zu sprechen. „Jetzt verstehe ich, warum Dan zwischen seinen Aufträgen so oft hierher gekommen ist. Das Leben ist viel geruhsamer, man hat eine wunderbare Aussicht, und immer scheint die Sonne. Er hat mir einmal gesagt, dass er nur hier Frieden finden könne.“

Jed schenkte sich Kaffee nach und wollte auch ihren Becher füllen, doch sie schüttelte den Kopf. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, während er über seinen Bruder redete. Warum ausgerechnet jetzt? Sie konnte Jed nicht in die Augen sehen.

Er nahm sich eine Orange aus der Schale und begann sie zu schälen. Seine Stimme klang seltsam schroff, als er sagte: „In den letzten Jahren hat man ihn nur in die schlimmsten Krisengebiete geschickt. Ich weiß zwar, dass er die Gefahr liebte, aber er muss sehr dankbar gewesen sein für die Ruhe, die er hier finden konnte. Bei dir. Er wusste so viel von dir – ihr müsst euch sehr nahe gestanden haben.“

Elena wurde die Kehle eng. Seit dem Begräbnis hatte Jed kaum über Dan gesprochen, doch jetzt schien die Trauer sich Bahn zu brechen. Die Brüder waren sehr unterschiedlich gewesen, aber sie hatten sich geliebt. Und jetzt meinte Elena, noch etwas anderes zu spüren. War es Eifersucht?

„Er war ein guter Freund“, sagte sie und hörte selbst, dass ihre Stimme unsicher klang. Sie beobachtete, wie Jed die Orange schälte. Plötzlich erschienen ihr seine Bewegungen hart und rücksichtslos, und sie fragte sich erschaudernd, ob sie ihn wirklich so gut kannte.

„Ich glaube, in gewisser Weise hat er missbilligt, dass ich meine Pflicht getan habe, wie er es nannte. Dass ich nach Vaters Tod die Firma und die Verantwortung übernommen habe. Vielleicht hat er mich sogar ein wenig dafür verachtet.“

„Nein!“ Sie konnte nicht zulassen, dass er das dachte. „Gerade weil du deine Pflicht getan hast, und zwar gut, hat er dich bewundert und respektiert – wenn auch widerwillig. Er hat mir einmal erzählt, dass dein Geschäftssinn ihn geradezu ängstige und dass er lieber seinen eigenen Weg gehe, anstatt ewig in deinem Schatten zu stehen.“

Jed betrachtete sie forschend, als müsste er darüber nachdenken, ob sie die Wahrheit sagte. Schließlich gab er zu: „Das wusste ich nicht. Vielleicht hätte ich ihn sonst nicht um seine Freiheit und Sorglosigkeit beneidet.“ Er verzog den Mund. „Ich glaube, es gibt noch vieles, was ich über meinen jüngeren Bruder nicht wusste. Außer dass er dich sehr gern hatte. Jedes Mal, wenn er auf einer seiner Stippvisiten nach Hause kam, hat er von dir gesprochen. Er hat mir eines deiner Bücher gegeben und mir geraten, beeindruckt zu sein. Und das war ich, auch ohne seinen Rat“, fügte Jed kühl hinzu. „Deine Horrorgeschichten sind anspruchsvoll, intelligent geschrieben und raffiniert. Eine erfrischende Abwechslung zu den üblichen Machwerken dieser Gattung.“

„Danke.“ Doch sie hörte in seiner Stimme einen ungewohnten, fast anklagenden Unterton. Schnell stand sie auf, ging zur Terrassenmauer und betrachtete die wunderbare Landschaft, ein Anblick, der sie sonst beruhigte, heute jedoch seine Wirkung verfehlte.

Ihr Haus lag auf einem Kalksteinhügel hoch über einem kleinen Dorf, und der stetige leichte Wind vom Atlantik trug den Duft der Pinienwälder herüber und sorgte trotz der heißen Maisonne für Kühlung.

Elena schloss die Augen und versuchte, sich ganz auf das Gefühl der kühlen Brise auf ihrer Haut zu konzentrieren, um Kraft für das zu sammeln, was sie Jed gleich sagen musste. Resigniert überlegte sie, dass selbst ihre sprachliche Begabung ihr wahrscheinlich nicht helfen würde, ihm verständlich zu machen, warum sie damals so und nicht anders gehandelt hatte.

Seit dem katastrophalen Ende ihrer ersten Ehe hatte sie sich geweigert, sich von irgendetwas geschlagen zu geben, hatte gegen alles gekämpft, was sich ihr auf dem Weg zur Unabhängigkeit in den Weg stellte. Aber dies – dies war etwas ganz anderes …

„Du hast nichts gegessen.“ Jed stand plötzlich hinter ihr, berührte sie aber nicht. Die Hitze seines Körper schien sie zu versengen, trotzdem schauderte sie. „Hast du plötzlich den Appetit verloren?“

Sein kühler Ton ängstigte sie. Ahnte er etwa schon etwas? Nein, unmöglich. Warum verdarb sie sich und ihm also die letzten glücklichen Stunden? Sie rang sich ein Lächeln ab und drehte sich um.

„Nein. Ich bin nur furchtbar faul.“ Sie ging zum Tisch zurück und nahm sich einige Weintrauben aus der Obstschale. Irgendetwas musste sie essen, obwohl ihr allein beim Gedanken daran übel wurde. „Was meinst du, sollen wir heute nicht zur Küste hinunterfahren? Nach Cádiz vielleicht oder Vejer de la Frontera, da ist es ruhiger. Wir sind die ganze Woche noch nicht aus dem Haus gekommen.“

Im Bewusstsein, dass er sie beobachtete, stopfte sie sich nervös die Trauben in den Mund und hätte sich beinahe verschluckt, als sie ihn sagen hörte: „Bisher hatten wir auch nicht das Bedürfnis, oder?“

Vielleicht sollte es beiläufig klingen, doch in ihren Ohren hörte es sich wie eine Anklage an. Bisher waren sie sich selbst genug gewesen. Es hatte ihnen gereicht, im Garten und im angrenzenden Pinienwald spazieren zu gehen, auf der Terrasse oder in der rosenumrankten Laube zu essen und die wundervolle Einsamkeit zu genießen, ihre Liebe, das Entzücken, einfach zusammen zu sein.

„Natürlich nicht.“ Elena fühlte Panik in sich aufsteigen. Warum verschwand das wunderbare Gefühl der Nähe und Zusammengehörigkeit schon jetzt, noch bevor sie ihm alles gebeichtet hatte? Das war nicht fair. Und diese Distanz zwischen ihnen hatte sich erst aufgebaut, als Jed begonnen hatte, von Dan zu sprechen. Im Bemühen, die Nähe wiederherzustellen, sagte sie so unbefangen wie möglich: „Bevor wir ankamen, hat Pilar, meine Haushälterin, die Lebensmittelvorräte aufgefüllt. Aber allmählich müssen wir sie wieder aufstocken, und deshalb dachte ich, wir könnten den Einkauf mit einem kleinen Ausflug verbinden.“

„Meinst du?“ Jed ließ sich ihr gegenüber auf dem Stuhl nieder und betrachtete sie forschend aus stahlgrauen Augen. „Dan und ich hatten unsere Differenzen“, sagte er düster. „Aber er war mein Bruder, und ich habe ihn geliebt. Sein Tod hat mich getroffen. Erst als ich hierher kam, wo er Ruhe und Entspannung gefunden hat, sind mir diese Gefühle bewusst geworden. Aber mir scheint, dass du nicht über ihn sprechen willst. Warum nicht?“

Was sollte sie sagen? Er hatte ja recht. Elena griff nach ihrem Becher, trank den lauwarmen Kaffee und hätte sich fast verschluckt, als Jed kurz angebunden fragte: „Weil ihr ein Verhältnis hattet?“

Der Magen zog sich ihr zusammen, und auf der Stirn spürte sie kalten Schweiß. Zum ersten Mal, seitdem sie sich kannten, verwünschte sie seine unheimliche Begabung, sie zu durchschauen. Sie verkrampfte die Hände im Schoß und versuchte zu lächeln.

„Warum fragst du? Erzähl mir nicht, du willst einen Streit vom Zaun brechen!“ Es sollte scherzhaft klingen, und sie hoffte nur, dass er nicht ahnte, wie verängstigt sie sich fühlte.

„Ich frage, weil du so beunruhigt wirkst, wenn ich von Dan rede. Bisher habe ich noch nie darüber nachgedacht, aber Dan hat viel Zeit hier verbracht. Sein gutes Aussehen, sein Charme, der Hauch von Gefahr, der ihn umgab – er war schließlich kein einfacher Ladenbesitzer – und eine sehr schöne Frau, die er bewunderte. Zähl das mal zusammen.“ Jed zog die Brauen hoch. „Nun?“

Elena fühlte sich bis in die Grundfesten erschüttert. Jed versuchte zwar, gleichmütig auszusehen, doch in den Taschen seiner Jeans hatte er die Hände zu Fäusten geballt, und seine Lippen waren zusammengepresst. Es musste mehr dahinter stecken.

Er hatte ihre Ehe mit Liam Forrester als Belanglosigkeit abgetan und nie gefragt, ob es in der Zwischenzeit andere Männer für sie gegeben habe. Ihm schien das Wichtigste ihre gemeinsame Zukunft zu sein, und sie hatte von ihm nur Liebe, Wärme und Leidenschaft kennen gelernt.

Doch jetzt erinnerte Jeds Verhalten verdächtig an Eifersucht. Weil Dan sein Bruder gewesen war? Die zynische Betonung des Wortes „Ladenbesitzer“ sagte ihr, dass Dan ihn damit aufgezogen haben musste und dass ihn das immer noch wurmte.

Hatte Dan gut ausgesehen? Wahrscheinlich. Kleiner und zierlicher als sein Bruder, dunkelbraunes Haar, hellblaue Augen, feine Gesichtszüge. Dennoch konnte er seinem älteren Bruder nicht das Wasser reichen … Dan hatte nichts von Jeds gefährlicher Männlichkeit gehabt, von dessen fast bedrohlicher sexueller Ausstrahlung.

„Elena, ich muss es wissen.“

Der seltsame Unterton in Jeds Stimme war ihr fremd. Noch gestern hätte sie ihn beruhigen können, doch jetzt … Immerhin musste sie es versuchen, und so konzentrierte sie sich auf die Tatsachen.

„Ich habe Dan durch Freunde von mir kennen gelernt, Cynthia und Ed Parry, die in der Nähe wohnen. Ich habe eine Party gegeben, nachdem ich die Filmrechte an meinem zweiten Buch verkauft hatte, und sie brachten ihn mit. Dan kannte Ed anscheinend von der Universität her.“

Sie sah, wie Jed die Brauen zusammenzog, wie er die Lippen zusammenpresste, weil er ungeduldig darauf wartete, dass sie endlich zur Sache kam. Doch sie musste dies hier auf ihre Art abhandeln.

„Das war vor einigen Jahren“, sprach sie weiter. Vielleicht würde er sie ja verstehen, wenn sie ihm alles aus ihrem Blickwinkel erklärte. „Er war schon vorher oft in dieser Gegend gewesen, wenn er sich entspannen wollte. Normalerweise wohnte er bei den Parrys …“

„Aber nicht immer?“

Elena versuchte, ruhig zu bleiben und die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. „Nein, nicht immer“, gab sie zu. „Im Lauf der Zeit lernten wir uns gut kennen, und wenn er mich abends besuchte und es spät wurde, hat er ab und zu im Gästezimmer übernachtet. Du hast gefragt, ob wir ein Verhältnis miteinander hatten …“ Sie zuckte die Schultern. „Dan hat mir einmal gesagt, dass Sex ihm wenig bedeute und dass er all seine emotionale und körperliche Energie in seinen Beruf stecke. Er war stolz auf seine Familie und hat viel von dir, eurer Mutter und eurem Haus erzählt. Heiraten wollte er nie, weil er das wegen seines Jobs für unsinnig und unfair hielt. Aber er meinte, dass du heiraten und Kinder haben wolltest, damit du die Firma jemandem vererben könntest. Und dass die Frauen dir hinterherliefen, dass du aber sehr wählerisch und sehr diskret seist.“

Zu spät merkte Elena, dass sie den Spieß umgedreht hatte, um seiner Frage auszuweichen. Doch indem sie ihn als Frauenheld darstellte, vergrößerte sie die Entfernung zwischen ihnen noch mehr, und sie hasste sich dafür. Sein finsterer, verächtlicher Blick sagte ihr, dass er ganz genau wusste, was sie tat. Und warum.

Die Übelkeit, die sie den ganzen Morgen schon unterdrückt hatte, wurde plötzlich übermächtig. Elena sprang auf, eine Hand auf den Mund gepresst, und rannte durchs Haus ins Badezimmer.

Dass er ihr folgte, half ihr kein bisschen. Als der Anfall vorbei war, lehnte sie sich erschöpft gegen die Wand und wünschte sich nur, sie könnte die Uhr um drei Monate zurückstellen.

„Liebling, komm her.“ Jed zog sie in die Arme, und sie lehnte den schmerzenden Kopf gegen seine harte Brust und fragte sich, warum nicht alles so bleiben konnte wie in diesem Moment. Sein liebevoller Blick half ihr nicht, sondern machte alles nur noch schlimmer, weil sie sein Mitgefühl nicht verdiente.

„Was ist los?“, fragte er sanft. „Hast du etwas Falsches gegessen? Soll ich dich zum Arzt fahren?“

Und da wusste Elena, dass sie es ihm jetzt sagen musste.

Heute Morgen war sie vor ihm aufgewacht und hatte im Badezimmerschrank nach einer Tube Zahnpasta gesucht. Dabei war ihr der Schwangerschaftstest in die Hände gefallen, den sie vor einiger Zeit gekauft hatte.

In den letzten Tagen war ihr morgens ab und zu leicht übel und schwindlig gewesen. Ihr Verstand sagte ihr, dass es nicht mit dem zusammenhängen konnte, was sie und Dan getan hatten, doch sie machte den Test trotzdem, um sich zu beruhigen.

Und jetzt musste sie den Konsequenzen ins Auge sehen.

Sie befreite sich aus Jeds Umarmung, das Gesicht leichenblass. „Ich bin schwanger.“

Trotz ihrer Blässe und ihres gequälten Blicks lächelte er und schüttelte langsam den Kopf, bevor er sie wieder an sich zog. Die unbeantwortete Frage, ob sie und sein Bruder ein Verhältnis gehabt hatten, konnte warten.

„Das kann nicht sein, Liebling. Nach nur einer Woche! Es ist zwar ein netter Gedanke, aber ich fürchte, du hast doch etwas Falsches gegessen.“

Für einen Moment noch genoss Elena das Gefühl, von ihm gehalten zu werden, während sie versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen und die reumütigen Gedanken aus dem Kopf zu vertreiben. Sie hatten über die Gründung einer Familie gesprochen und beschlossen, nicht länger damit zu warten. Das machte es doppelt schwer, ihm alles zu gestehen.

Als sie schließlich die Hände gegen seine muskulöse Brust stemmte und sich aus seiner Umarmung befreite, war sie ganz ruhig, wie ausgebrannt. Mit dem, was sie ihm jetzt sagen musste, würde er nicht leben können. Es würde seine Liebe zu ihr töten, und dabei war sie doch das Wertvollste, was sie hatte. Deshalb musste sie es schnell tun, um den Schmerz nicht noch zu verlängern.

„Es stimmt, Jed. Ich habe heute Morgen den Test gemacht.“ Elena sah seinen ungläubigen Blick und wusste, er würde ihr sagen, dass sie etwas falsch gemacht habe. Sie kam ihm zuvor. „Nach meinen Berechnungen bin ich im dritten Monat.“ Es fiel ihr schwer, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten.

Und dann sah sie, wie seine Gesichtszüge starr wurden. „Vor drei Monaten kannten wir uns noch nicht, und zum ersten Mal zusammen geschlafen haben wir in unserer Hochzeitsnacht“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wenn du also die Güte hättest, meine liebe Frau, mir zu erzählen, von wem du schwanger bist?“

Sein Sarkasmus verletzte sie mehr als alles in ihrem bisherigen Leben. Mit seinem Zorn wäre sie fertig geworden, mit Vorwürfen, sogar mit Schlägen – mit allem, nur nicht mit diesem eiskalten Sarkasmus, der an zynische Gleichgültigkeit grenzte.

Was sie befürchtet hatte, war nun eingetroffen: Er hatte sich emotional schon von ihr entfernt, setzte ihre wunderbare Liebe mit bloßem Sex gleich.

Und jetzt wartete er auf ihre Antwort, die Lippen zusammengepresst, die Augen dunkel vor Verachtung. Elena raffte ihre ganze Kraft zusammen und seufzte.

„Von Dan.“

2. KAPITEL

Jed drehte sich um und ging. Elena stand wie angewurzelt da, die Arme Schutz suchend um den bebenden Körper geschlungen. Erst als sie den Motor des Mietwagens hörte, mit dem sie vom Flughafen hierher gekommen waren, erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Sie rannte durchs Haus in den Hof und auf die schmale Straße hinaus.

Er konnte doch nicht einfach so gehen, ohne ein Wort zu sagen, ohne sie auch nur anzuhören! Doch die Staubwolke und das sich entfernende Motorengeräusch belehrten sie eines Besseren.

Elenas erster Gedanke war, ihren eigenen Wagen aus der Garage zu holen und Jed nachzufahren. Doch selbst wenn sie ihn einholte, würde das nichts nützen. Er hatte sich nur das genommen, was er jetzt offensichtlich brauchte: Zeit zum Nachdenken.

Wenn er ihr doch nur Gelegenheit gegeben hätte, ihm alles zu erklären, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Er würde immer noch verletzt sein – aber nicht mehr so sehr.

Sie presste sich die Faust gegen den Mund, um nicht laut aufzuschreien, und rannte auf den Felsvorsprung neben ihrem Grundstück, ohne auf die Steine unter ihren nackten Füßen zu achten. Von dort beobachtete sie, wie die Staubwolke unten im Tal verschwand, und kehrte dann geschlagen und unglücklich ins Haus zurück.

Jed würde irgendwann wiederkommen, und sie konnte nichts tun als auf ihn warten. Zum ersten Mal fand sie keinen Trost in ihrem schönen Haus, das sie nach eigenen Plänen hatte umbauen lassen. Es war halb verfallen gewesen, und für Elena war es ein Symbol ihres Erfolgs, der Ausdruck ihres Selbstbewusstseins und der finanziellen und emotionalen Unabhängigkeit, die sie sich erkämpft hatte.

In jener Nacht, die sich als Dans letzte in Spanien erweisen sollte, hatte sie ihm anvertraut: „Als ich meinen Mann vor zehn Jahren verließ und nach Cádiz kam, hatte ich nichts – nicht einmal mehr Respekt vor mir selbst. Ich habe in Bars gearbeitet und in einem schäbigen Zimmer gewohnt. In meiner Freizeit habe ich angefangen zu schreiben, um mich abzulenken. Das hat sich bezahlt gemacht, und was ich als Therapie begonnen habe, ist jetzt mein Lebensinhalt.“

Sie tranken viel Wein an jenem dunklen Februarabend. Ein Feuer brannte im Kamin, denn die Nächte in den Hügeln waren kalt. Dan war in nachdenklicher, fast düsterer Stimmung, und das Bewusstsein ihrer langen Freundschaft forderte Geständnisse geradezu heraus.

„Meine Bücher verkaufen sich wie wahnsinnig, und jetzt habe ich alles. Beruflichen Erfolg, der mich stolz macht, ein wunderbares Haus in einer der schönsten Gegenden der Welt, gute Freunde und mehr Geld, als ich mir jemals zu erträumen gewagt hätte. Alles, außer einem Kind, und das tut manchmal weh. Was das angeht, läuft meine biologische Uhr langsam ab, aber da ich nicht die Absicht habe, jemals wieder zu heiraten …“

Sie zuckte traurig die Schultern und trank noch einen Schluck Wein. Liam hatte nie Kinder gewollt. Er hatte eine schöne Frau an seiner Seite gewollt, keine Mutter von ewig quengelnden Kindern, die ständig ans Haus gebunden war.

„Wir haben viel gemeinsam, du und ich.“ Dan verließ seinen Platz im Ledersessel neben dem Kamin, um die letzte der drei Flaschen Wein zu öffnen, die er mitgebracht hatte, nachdem er sich zum Abendessen eingeladen hatte. „Du willst ein Kind, aber keinen Ehemann – gebranntes Kind scheut das Feuer.“ Er zog den Korken aus der Flasche, und obwohl Elena wusste, dass sie schon genug getrunken hatte, ließ sie sich noch einmal nachschenken.

Seit zwei Jahren kam er ab und zu in diese Gegend, um zwischen Aufträgen für mehr oder minder seriöse Zeitungen einige Tage zu entspannen. Inzwischen war er ihr ein guter Freund geworden, denn sie waren sich sehr ähnlich. Sex war nie ein Thema zwischen ihnen gewesen, und gerade deshalb fühlte sie sich so wohl in seiner Gegenwart.

Sie lächelte ihm liebevoll zu. Er hatte recht – sie wollte und brauchte keinen Ehemann, nachdem der erste sich als Desaster herausgestellt hatte.

Dan schob mit dem Fuß ein Holzscheid in den Kamin zurück und blickte nachdenklich in die Flammen. „Ich will auch nicht heiraten. Bei meinem Beruf kommt das gar nicht in Frage. Außerdem – aber das vertraue ich nicht jedem an – liegt mir nicht viel an Sex. Ganz im Gegenteil zu meinem Bruder.“

Jed. Dan sprach oft von ihm. Jed lebte auf dem alten, imposanten Familiensitz irgendwo auf dem Land und leitete die Firma als unumschränkter Alleinherrscher. Und ein Frauenheld war er anscheinend auch noch.

Dan sprach weiter. „Seit seinem achtzehnten Lebensjahr sind die Frauen hinter ihm her – biedere Töchter aus dem Landadel, Karrierefrauen, Damen der Gesellschaft. Aber ich muss zugeben, er ist wählerisch und sehr diskret. Irgendwann wird er heiraten, weil er einen Erben für die Firma braucht. Ich bin da anders. All meine Gefühle, meine geistige und körperliche Energie stecke ich in meinen Job. Nur in gefährlichen Situationen fühle ich mich richtig lebendig.“

Elena hasste es, wenn er so redete. Sie beobachtete ihn, wie er sein Glas leerte, und hörte ihn sagen: „Aber genau wie dir tut mir leid, dass ich niemals ein Kind haben werde. Ich glaube, nur durch Kinder können wir so etwas wie Unsterblichkeit erreichen.“ Plötzlich drehte er sich um und sah sie nachdenklich an. „Es gibt für uns beide eine Lösung. Ich wäre glücklich, dir ein Kind zu zeugen. Eine bessere Mutter für mein Kind könnte ich mir nicht vorstellen. Ich würde keine Ansprüche stellen, außer dass ich euch beide ab und zu besuchen darf. Keine Einmischung. Denk darüber nach.“

Er stellte sein leeres Glas ab, beugte sich zu Elena hinunter und küsste sie leicht auf die Stirn. „Du würdest deine Unabhängigkeit nicht verlieren und bräuchtest nicht mit allen möglichen Männern zu schlafen, um das Kind zu bekommen, nach dem du dich sehnst. Und ich erfülle mir meinen Wunsch nach Unsterblichkeit.“ Dan lächelte über ihren schockierten Gesichtsausdruck. „Schlaf erst mal drüber, ich rufe dich morgen an. Wenn du einverstanden bist, könnten wir nach London fliegen. Ich kenne dort einen Gynäkologen, der eine Privatklinik leitet und mir einen Gefallen schuldet. Manchmal ist es nützlich, Freunde in gehobenen Positionen zu haben! Gute Nacht, Elena, ich finde schon selbst hinaus.“

Zuerst fand sie seine Idee grotesk, doch je länger sie vor dem ersterbenden Feuer saß und darüber nachdachte, desto weniger abwegig kam sie ihr vor.

Es stimmte, sie sehnte sich nach einem Kind. Manchmal steigerte sich das Bedürfnis, ihr eigenes Baby im Arm zu halten, fast zum körperlichen Schmerz. In solchen Momenten, die immer häufiger wurden, erschienen ihr all ihre Erfolge wertlos.

Sie würde nie wieder heiraten, und der Gedanke, wahllos mit Männern zu schlafen, war abstoßend. Sie mochte, respektierte und bewunderte Dan Nolan. Ein Kind, das seine Anlagen erbte, konnte sich glücklich schätzen.

Als er am nächsten Morgen anrief, sagte sie zu.

Sechs Wochen, nachdem sie gemeinsam die Londoner Klinik besucht hatten, wurde Dan durch den Querschläger eines Heckenschützen in irgendeinem kriegszerrissenen afrikanischen Land getötet. Elena stand an seinem Grab, konnte nicht glauben, dass er nicht mehr lebte, und war niedergeschlagen, weil sie nach einem hoffnungsvollen Monat festgestellt hatte, dass sein Plan fehlgeschlagen war und sie kein Kind von Dan bekommen würde.

In dieser traurigen Situation begegnete sie Jed, und von da an änderte sich alles. Für sie beide.

Es war dunkel, als Jed endlich zurückkehrte. Elena war im Hof, und als sie den Wagen kommen hörte, geriet sie in Panik.

Würde er sich mit ihrer Schwangerschaft abfinden, wenn er erfuhr, wie sie entstanden war? Würde er glauben, dass sie und Dan nie miteinander geschlafen hatten, und akzeptieren, dass sie nur gute Freunde gewesen waren, die eine Lösung für ihr gemeinsames Problem gefunden hatten?

Die Außenbeleuchtung brannte in warmem, goldenem Licht, das von den weißen Steinmauern reflektiert wurde und Schatten über die mit üppigen, duftenden Blumen bepflanzten Terrakottatöpfe neben der Haustür warf.

Der Motor wurde abgestellt, und Stille breitete sich aus. Elena spürte Schweißperlen auf der Stirn, und die Spannung drohte sie zu zerreißen. Sie musste Jed dazu bringen, ihr zuzuhören, ihr zu glauben. Sie liebten sich doch – hatte sie da nicht das Recht auf ein offenes Gespräch?

Schließlich trat Jed durch den Rundbogen in den Hof. Das gedämpfte Licht und die dunklen Schatten ließen ihn Furcht erregend aussehen. Elena hielt sich an der schmiedeeisernen Rückenlehne der kleinen Bank fest, die im Hof stand, sonst hätten die Beine unter ihr nachgegeben.

„Wo warst du?“, fragte sie heiser, nachdem Jed keinen Versuch gemacht hatte, das unerträgliche Schweigen zu brechen.

„In Sevilla.“ Er klang kurz angebunden, doch zumindest redete er mit ihr. „Wie du weißt, will ‚Nolan’s‘ dort eine Filiale aufmachen. Ich wollte das Projekt eigentlich erst in zwei Wochen in Angriff nehmen, aber aus verständlichen Gründen habe ich keinen Anlass gesehen, noch länger damit zu warten.“ Er kam über das Kopfsteinpflaster auf sie zu und blieb einige Meter entfernt stehen, als hätte sie eine ansteckende Krankheit.

Elena zuckte zusammen. Sie hatten einen dreiwöchigen Urlaub hier in ihrem Haus „Las Rocas“ geplant und wollten danach eine Woche in Sevilla verbringen, um dort den Architekten zu treffen und die Stadt zu besichtigen. Die Flitterwochen waren offensichtlich vorüber. Doch hatte sie etwas anderes erwartet?

Sie streckte versuchsweise die Hand nach ihm aus und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Doch wenn er ihre Geste bemerkt hatte, reagierte er nicht. Sie ließ die Hand sinken und sagte rau: „Lass uns reden.“

„Natürlich.“ Er nickte kurz. „Drinnen. Es war ein langer Tag.“

Er ging ins Haus, und Elena folgte ihm niedergeschlagen. Wut oder Vorwürfe hätte sie leichter ertragen können – dann hätte sie wenigstens gewusst, was in ihm vorging, hätte ihm alles erklären, ihn um Verständnis bitten können.

Sie hatte ihn noch nicht gekannt, geschweige denn geliebt, als sie die Entscheidung gefasst hatte, sich künstlich befruchten zu lassen, aus Gründen, die ihr damals vernünftig und plausibel erschienen waren. Er war ein intelligenter, mitfühlender Mann – bestimmt würde er verstehen, wie sie sich damals gefühlt hatte.

Jed ging direkt in die Küche, holte die Flasche Whisky aus dem Schrank, öffnete sie und schenkte sich großzügig ein.

„In Anbetracht deines Zustandes biete ich dir keinen Drink an.“ Er trank das Glas halb leer, zog einen Stuhl unter dem großen Holztisch hervor und setzte sich, die Beine lang ausgestreckt, während er mit den Fingern ungeduldig auf die Tischplatte trommelte. „Also, ich höre. Oder soll ich lieber anfangen?“

Seine Stimme war so kalt wie sein Blick, der sie bis ins Innerste traf. Unsicher setzte sie sich ebenfalls, aber nicht ihm gegenüber, sondern außerhalb seines Blickfeldes ans andere Ende des Tisches.

Er drehte sich nicht zu ihr um, und darüber war sie froh. Sie legte keinen Wert auf die Kälte und Gleichgültigkeit in seinen Augen, nachdem sie bisher nur Liebe darin gesehen hatte.

Elena faltete die bebenden Hände im Schoß und erschauerte, während sie sich in der Küche umsah – die blinkenden Kupferkessel an den weiß gestrichenen Steinwänden, der große Kamin, die warmen Terrakottafliesen, die leuchtenden Geranien auf der breiten Fensterbank.

Sie hatte diesen Raum immer geliebt, und in der letzten Woche hatten sie und Jed hier zusammen die Mahlzeiten zubereitet, Gemüse und frische Kräuter aus dem Garten geputzt, Obst geschnitten, geredet und gelacht. Und manchmal hatten sie sich einfach nur angesehen und die Liebe und das Verlangen im Blick des anderen erkannt, waren sich in die Arme gefallen und hatten das Essen vergessen…

Es war unmöglich, dass diese Liebe, dieses Lachen, dieses magische Gefühl der Vertrautheit plötzlich auf ewig verschwunden sein sollten. Elena wollte nicht einmal daran denken. Und doch hatte Jeds Verhalten eine Mauer zwischen ihnen aufgerichtet, und sie wusste nicht, ob sie stark genug war, um sie zu überwinden.

Aber sie musste es einfach versuchen. Sie befeuchtete sich die Lippen und suchte nach den richtigen Worten. Worten, die ihm helfen würden, sie zu verstehen. Doch er sagte ungeduldig: „Da du anscheinend stumm geworden bist, werde ich reden.“ Er leerte sein Glas, drehte sich zu ihr um und betrachtete sie kühl aus zusammengekniffenen Augen. „Ich habe über unsere unangenehme Situation nachgedacht und bin zu einem unwiderruflichen Schluss gekommen. Wir werden uns nicht scheiden lassen.“ Er griff nach der Flasche und schenkte sich nach.

Elena verspürte einen scharfen Stich im Herzen. „Das hast du in Erwägung gezogen?“ Sie konnte es kaum glauben, nach allem, was sie einander bedeutet hatten. Ob es ihm leid tun würde, dass er auch nur daran gedacht hatte, wenn er die Wahrheit erfuhr? Würde sie ihm verzeihen können, dass er bereit gewesen war, sie aus seinem Leben zu verbannen, ohne sie auch nur angehört zu haben?

„Natürlich. Was hast du denn erwartet?“ Er betrachtete das Glas zwischen seinen Fingern. „Es war das Erste, woran ich überhaupt gedacht habe. Aber ich habe mich aus zwei Gründen dagegen entschieden. Erstens wegen Catherine, meiner Mutter. Sie mag dich.“ Sein Tonfall gab ihr zu verstehen, dass er sich nicht mehr vorstellen konnte, warum. „Unsere Heirat war das Einzige, was sie nach Dans Tod aufrechterhalten hat. Eine Scheidung würde sie jetzt wahrscheinlich nicht verkraften.

Und der zweite Grund ist das ungeborene Kind meines Bruders. Ich gebe Dan nicht die Schuld. Er ist gestorben, ohne davon zu wissen. Deshalb werden wir um seinetwillen verheiratet bleiben. Ich werde meinen Teil an der Erziehung des Kindes übernehmen, sozusagen stellvertretend. Dan hat sich immer über mein Pflichtbewusstsein lustig gemacht, aber in diesem Fall wäre er mir vielleicht dankbar.“

Für einen Moment zeigten sich Schmerz und Trauer in seinen Augen, und Elena zog sich das Herz zusammen. Sie wollte ihn umarmen, ihn trösten, ihm sagen, dass alles wieder in Ordnung kommen würde, wenn er es nur zuließe, wenn er ihr zuhören und versuchen würde, sie zu verstehen.

Sie wollte schon aufstehen und zu ihm gehen, doch sein finsterer Gesichtsausdruck hielt sie zurück. „Wir werden gute Miene zum bösen Spiel machen, um meiner Mutter und des Kindes willen“, sagte er schneidend. „Ansonsten will ich so wenig wie möglich mit dir zu tun haben. In drei Wochen kehren wir wie geplant nach England zurück, und danach werde ich auf Geschäftsreise gehen und die Niederlassungen auf dem Kontinent besuchen. Du kannst ja vorgeben, dass du wegen deiner Schwangerschaft nicht reisen willst.“

Er stand auf, ging zum Spülbecken und spülte sein Glas aus. Elena unterdrückte ein Schluchzen.

Jedes seiner Worte hatte die Mauer zwischen ihnen noch höher werden lassen. Was immer sie ihm jetzt sagen konnte, ob er ihr glaubte oder nicht – seine herzlosen Bemerkungen, die ihre Ehe praktisch beendeten, würden immer zwischen ihnen stehen.

„Und wenn ich dieser… Farce nicht zustimme?“ Sie stand auf und hielt sich an der Tischkante fest. „Du weißt ja nicht, was wirklich passiert ist. Ich erwarte, dass du mich anhörst. Dieses Recht habe ich doch wohl.“

„Du hast keine Rechte!“ Er warf das Handtuch beiseite, mit dem er sich die Hände abgetrocknet hatte. „Und du hast diese ‚Farce‘ selbst heraufbeschworen. Du hast mich geheiratet in dem Wissen, dass du von meinem Bruder schwanger sein könntest. Warum? Der Vater deines Kindes war tot, also hast du seinen Bruder genommen, oder wie? Er führt zwar kein so faszinierend gefährliches Leben und sieht vielleicht auch nicht so gut aus, aber er erfüllt seinen Zweck. Also hast du mich geheiratet und gehofft, dass ich einiges übersehe, wenn du mit mir schläfst.“

Jed wandte sich ab, als ob er ihren Anblick nicht mehr ertragen könnte. „Tja, du hast dich geirrt. Zugegeben, du bist gut im Bett, aber so gut auch wieder nicht. Fantastischen Sex kann ich überall kriegen. Keine Bindungen, keine üblen Geheimnisse, keine Reue.“

Das tat weh und machte sie sprachlos. Aber irgendwie musste sie Jed dazu bringen, sie zu verstehen, ihr zu glauben. Sein Misstrauen verwandelte ihn in einen Fremden.

„Als wir uns zum ersten Mal trafen, habe ich wirklich geglaubt …“ Ihre Stimme gehorchte ihr nicht, und schließlich schwieg sie, während sie daran dachte, wie Jed sie nach der Beerdigung angesprochen hatte. „Sie müssen Elena Keele sein – Dan hat oft von Ihnen erzählt.“ Er hatte kurz die Hand auf ihre gelegt, und für einen Moment war ein Leuchten in seinen traurigen Augen erschienen. „Bitte kommen Sie mit zu uns nach Hause. Es wäre ein großer Trost für meine Mutter. Und auch für mich. Durch Dan habe ich fast das Gefühl, Sie zu kennen.“

So hatte es begonnen.

Während sie jetzt nach Worten suchte, beobachtete er sie, die Lippen süffisant zusammengepresst, als wäre er sehr neugierig darauf, wie sie das Unentschuldbare entschuldigen wollte. Elena errötete und sagte schließlich heiser: „Ich wusste nicht, dass ich schwanger war. Kurz vor Dans Beerdigung hatte ich meine Periode.“ Dass ihre Regel sehr kurz gewesen war, hatte sie auf den Schock über Dans Tod geschoben, auf die Eile und Hektik, mit der sie nach London geflogen war, einen Mietwagen genommen hatte und in sein Heimatdorf gefahren war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Ihr nächste Periode war ebenso schwach gewesen, doch auch da war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass sie schwanger sein könnte. Sie war seit einigen Wochen wieder zu Hause gewesen und hatte Jed furchtbar vermisst. In England hatten sie zwei Wochen zusammen verbracht und erkannt, dass es tatsächlich Liebe auf den ersten Blick gibt. Doch Elena hatte Termine einhalten müssen, und auch Jed hatte geschäftlich noch viel zu erledigen gehabt, da sie so schnell wie möglich heiraten wollten. Und das war ihnen fast vom ersten Moment an klar gewesen.

Die Liebe, der Zauber, das wunderbare Gefühl, füreinander geschaffen zu sein, konnte doch nicht so plötzlich verschwunden sein. Oder?

Elena ging entschlossen auf ihn zu. Er musste ihr zuhören! „Jed, Dan und ich …“

„Erspar mir die schmutzigen Einzelheiten!“, unterbrach er sie und wandte sich zum Gehen. „Du wirst sicher verstehen, dass ich dir kein Wort glaube. Warum hattest du einen Schwangerschaftstest im Haus, wenn du so sicher warst, dass deine Affäre mit meinem Bruder keine Folgen haben würde? Warum hast du den Test überhaupt gemacht?“

„Weil mir morgens manchmal übel war! Ich habe nicht an eine Schwangerschaft geglaubt, wollte jedoch ganz sicher sein“, erwiderte sie heftig. Wie konnte ein Mann, der ihr ewige Liebe geschworen hatte, sich rundweg weigern, sie auch nur anzuhören oder ihr zu glauben?

Sie straffte die Schultern und sagte langsam und betont: „Ich hatte keine Affäre mit Dan.“

„Nein? Dann war es nur für eine Nacht? Versuch nicht, mir einzureden, dass er dich überrumpelt habe. Eher war es wohl andersherum. Ich habe in den letzten Tagen die Erfahrung gemacht, dass dein sexueller Appetit unstillbar ist.“

Sein Gesicht war maskenhaft starr. Als er den Raum verließ, hasste Elena ihn.

Sie hatte nie jemanden gehasst, nicht einmal Liam. Ihn hatte sie verachtet, aber nicht gehasst. Wut nagte an ihr. Die Arme um den Körper geschlungen, ging sie in der Küche auf und ab, während heißer Zorn in ihr tobte.

Wie konnte er es wagen, sie so zu behandeln, sie solch abscheulicher Dinge zu beschuldigen? Wo war der Mann geblieben, den sie mehr geliebt hatte als ihr Leben? Hatte er nie existiert, war er immer nur ein Traum, ein Wunschbild ihrer Fantasie gewesen? Der Mann, der gerade den Raum verlassen hatte, war ein kaltherziges, egoistisches Monster!

Glaubte er wirklich, er hätte das Recht, ihr Befehle zu erteilen und darüber zu entscheiden, wie sie den Rest ihres Lebens verbringen sollte?

Glaubte er wirklich, sie würde mit einem Mann verheiratet bleiben, der so schlecht von ihr dachte? Glaubte er auch nur einen Moment, sie würde widerspruchslos das Leid ertragen, das ein solches Leben mit sich bringen würde?

Was sie betraf, war ihre Ehe beendet, in jeder Hinsicht. Sie würde nicht mit ihm nach England gehen und dort ein Leben voller Lügen führen. Sie war sehr gut in der Lage, allein für ihr Kind zu sorgen – schließlich war das ihr ursprünglicher Plan gewesen.

Ihr Kind brauchte keinen Vater, und schon gar keinen arroganten, dickköpfigen und herzlosen wie Jed Nolan!

Gleich morgen früh würde sie ihm sagen, er solle seine Sachen packen und aus ihrem Haus verschwinden. Sie wollte ihn nie wieder sehen.

3. KAPITEL

Elena bekam keine Gelegenheit, Jed hinauszuwerfen. Er war schon fort.

Die Sonne ging gerade auf, als sie sich nach einer einsamen, schlaflosen Nacht die Treppe hinunterschleppte. Es war ihr egal, in welchem Zimmer Jed geschlafen hatte, jedenfalls redete sie sich das ein. Sobald er auftauchte, würde sie ihn auffordern zu gehen und ihm sagen, dass sie über ihren Rechtsanwalt irgendwann Kontakt zu ihm aufnehmen würde. Er sollte wissen, dass er nicht der Einzige war, der Entscheidungen treffen konnte.

Wenn er ihr nicht einmal zuhören wollte, geschweige denn ihr glauben, dann lohnte es sich nicht, ihre Ehe aufrechtzuerhalten – und schon gar nicht als die gefühllose Beziehung, die er im Sinn hatte. Da war es besser, einen sauberen Schnitt zu machen.

Doch zuerst brauchte sie einen Kaffee. Als sie in die Küche kam, sah sie den Zettel auf der polierten Tischplatte aus Pinienholz sofort. Fast unleserlich hatte Jed gekritzelt:

In den nächsten drei Wochen bin ich in Sevilla. Danach fliegen wir nach England. Ich hole dich ab.

Das konnte er vergessen! Elena zerknüllte den Zettel und warf ihn gegen die Wand, wütend und enttäuscht, weil sie Jed nun nicht mehr sagen konnte, dass sie sich seinen Befehlen nicht fügen würde.

Sie wusste nicht einmal, in welchem Hotel in Sevilla er wohnen würde, konnte ihm also nicht mitteilen, dass sie sehr wohl fähig war, selbst die Entscheidungen zu treffen, die ihr zukünftiges Leben betrafen. Und dass sie niemals mit ihm nach England zurückkehren und allen die glückliche Ehefrau vorspielen würde. Niemals!

Tränen stiegen ihr in die Augen. Hatte sie etwa gehofft, Jed hätte seine Meinung über Nacht geändert, würde ihr plötzlich wieder vertrauen und ihr glauben? Wenn, dann war sie töricht gewesen.

Also würde sie in den nächsten drei Wochen mit diesem nagenden Zorn leben müssen, und … Plötzlich überfiel sie wieder die morgendliche Übelkeit, und als sie zwanzig Minuten später unter der Dusche stand, berührte sie ihren noch flachen Bauch und flüsterte lächelnd: „Du machst deiner Mummy ganz schön Ärger, kleiner Bösewicht!“

Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Tränen um Dan, der sein Kind nie kennen lernen würde, und um sich selbst und Jed, die etwas Wunderbares unwiderruflich verloren hatten.

Als Elena etwas später in ein leichtes Top und Shorts schlüpfte, schwor sie sich, nie wieder um einen dieser drei zu weinen.

Das Leben ging weiter.

Sie hatte ihr Kind, auf das sie sich freuen und das sie lieben konnte. Vielleicht war es sogar gut, dass Jed gegangen war. Damit bewies er ja nur, dass er sie nie richtig geliebt haben konnte. Sonst hätte er ihr vertraut, ihr geglaubt, Fragen gestellt. Seine Abreise hatte ihr auch einen bösen Streit erspart, in dessen Verlauf sie ihrem Schmerz sicher freien Lauf gelassen und Jed eine Ohrfeige verpasst hätte.

Wenn sie ihn das nächste Mal sah, würde sie in der Lage sein, ihm ihre Entscheidungen ruhig und vernünftig mitzuteilen. Sie war klug genug, um zu erkennen, dass sie mit Wut nichts ändern konnte. Er verachtete sie. Seine Liebe war verschwunden, und nichts konnte sie zurückbringen. Damit musste sie sich abfinden.

Elena konnte mit dem Schmerz fertig werden. Es war ihr früher gelungen, und es würde ihr jetzt gelingen. Die Sache mit Liam war natürlich nicht mit ihrer jetzigen Situation zu vergleichen. Aber damals hatte sie nichts gehabt, nur eine Mutter, die ihrer Tochter jammernd und händeringend furchtbares Unglück prophezeit hatte, sollte sie in die Fremde ziehen, praktisch nur mit dem, was sie am Leibe trug.

Seit damals hatte sie etwas aus sich und ihrem Leben gemacht. Im Großen und Ganzen sah es gar nicht so schlecht aus. Sie hatte ihren beruflichen Erfolg als Rückhalt und ihr ungeborenes Kind, auf das sie sich freute. Sie würde es schaffen.

Eine Woche später, als Jed mit seiner Mutter eintraf, war Elena sich nicht mehr so sicher.

Sie war nicht in der Lage gewesen, sich Gedanken über ein neues Buch zu machen, und hatte die Faxe, die seit einigen Tagen von ihrer Agentin eingetroffen waren, nur überflogen: Entschuldigungen, weil sie die Flitterwochen störte, und die aufgeregte Mitteilung über eine Preisverleihung in London. Elena war nicht interessiert. Irgendwann würde sie die Faxe genau durchlesen, darüber nachdenken und sie beantworten. Aber nicht jetzt. Noch nicht.

Sie fuhr ins Dorf, gab Pilar zwei weitere Wochen Urlaub und zog sich dann erleichtert wieder in die Einsamkeit zurück.

Elena war im Garten und jätete Unkraut zwischen den üppigen Büscheln blühender Nelken, als sie den Wagen hörte. Missmutig über die Störung, strich sie ihr einfaches Baumwollkleid glatt und ging durchs Haus zum Eingang. Und ihre Stimmung sank noch tiefer, als sie Jed sah, der seiner Mutter gerade aus dem Wagen half.

Sie hatte keine Ahnung, was die beiden hier wollten oder was sie sagen sollte – besonders zu Catherine Nolan, einem der nettesten Menschen, denen sie je begegnet war.

Catherine wirkte wie ausgewechselt. In den zwei Wochen ihres Aufenthaltes auf „Netherhaye“, dem Landsitz der Familie in Hertfordshire, hatte Elena eine von Trauer gezeichnete Mutter kennen gelernt. Nur zur Hochzeit hatte Catherine sich aufgerafft und die Gärtner und Angestellten des Cateringservice herumgescheucht, um den kleinen Empfang auf Netherhaye so perfekt wie möglich zu gestalten.

„Elena!“ Catherine strahlte, als sie ihre Schwiegertochter erblickte. „Wie schön, dass du einverstanden bist, wenn ich einige Tage hier bleibe – länger werde ich nicht stören, ich verspreche es!“

Jed hatte ihr also nichts von den Problemen erzählt, die ihre Ehe null und nichtig gemacht hatten. Sonst würde Catherine nicht wie eine aufgeplusterte, zufriedene Glucke aussehen. Was eigentlich kein Wunder war, da Jed schon immer alles getan hatte, um seinen Eltern eine heile Welt vorzugaukeln.

„Schön, dich zu sehen.“ Elena rang sich ein Lächeln ab und ließ sich von Catherine gehorsam auf die Wange küssen. Im Hintergrund holte Jed gerade das Gepäck aus dem Kofferraum. Und im Hintergrund musste er bleiben, wenn sie nicht verrückt vor Schmerz und Zorn werden wollte. Und sie hatte sich eingeredet, das alles sei vorbei! „Wie wäre es mit einem Drink?“

„Oh, ich danke dir. Es ist doch ziemlich weit vom Flughafen in Jerez bis hierher. Die Landschaft ist so schön – und erst dieser Hof! All die Lilien und Geranien! Zu Hause werden sie nicht annähernd so groß!“

Elena hörte die überschwänglichen Komplimente über ihr Haus kaum, während sie ihre Schwiegermutter in das helle, luftige Wohnzimmer führte. Catherine ließ sich in einen tiefen Sessel sinken und streifte sich erleichtert die Schuhe von den Füßen.

„Ich hole dir einen Drink.“ Elena war froh, in die Küche entkommen zu können. Sie sah, wie Jed das Gepäck die Treppe hinaufschleppte, biss die Zähne zusammen und schloss die Küchentür hinter sich. Sie hätte ihn zur Rede stellen, ihn fragen können, warum er seine Mutter ausgerechnet jetzt hierher brachte. Ihre Ehe war praktisch zu Ende, und er ließ Catherine glauben, dass sie, Elena, mit dem Besuch einverstanden wäre.

Doch sie war es nicht. Sie wollte ihm aus dem Weg gehen. Während der vergangenen Woche hatte sie sich eingeredet, mit der schrecklichen Situation fertig zu werden. Sich beim Wiedersehen wie eine intelligente, vernünftige Frau zu benehmen. Schließlich hatte sie dasselbe schon einmal durchgemacht. Also würde sie ihre Wunden lecken und weiterleben.

Doch es tat weh, schrecklich weh.

Elena griff nach zwei Gläsern und holte eine Flasche weißen Rioja aus dem Kühlschrank. Sie brauchte jetzt eine Aufmunterung, auch wenn es Catherine vielleicht nicht gefiel.

Doch die war sehr angetan. „So frisch, genau das Richtige! Wo bleibt denn Jed?“

„Er bringt dein Gepäck hinauf.“ Und braucht dafür sehr lange, dachte Elena nervös, obwohl sie sich bemühte, gelassen zu klingen. Warum eigentlich, da Catherine früher oder später ja doch erfahren würde, dass Elena schon bald nur noch ihre ehemalige Schwiegertochter sein würde?

Während Catherine heiter über den Flug plauderte, ließ Elena sich auf der Lehne eines Sessels nieder und dachte darüber nach, ob sie ihr jetzt schon alles sagen sollte. Denn sie war nicht bereit, Jeds Befehl zu folgen und so zu tun, als würde in ihrer Ehe alles zum Besten stehen.

Gerade überlegte sie, ob sie es ihrer Schwiegermutter behutsam beibringen oder ohne Umschweife mit der Wahrheit herausrücken sollte, als Catherine sie in ihrem Gedankengang unterbrach.

„Elena, ich muss dir sagen, dass deine Hochzeit mit Jed einer der glücklichsten Momente meines Lebens war. Das hat mir sehr geholfen, über Dans Tod hinwegzukommen – obwohl Dan durch nichts und niemanden zu ersetzen ist. Aber jetzt habe ich wieder etwas, über das ich mich freuen kann. Seit dem Tod meines Mannes habe ich immer nur das Beste für meine Söhne gewollt.“

Tränen schimmerten in ihren Augen. Anscheinend hatte sie sich immer noch nicht ganz mit dem Schlimmsten abgefunden hatte, was einer Mutter passieren konnte: dem Verlust ihres Kindes. Elena wollte nicht weiter zuhören, doch sie konnte wohl kaum gehen.

„Wie jede Mutter habe ich mir für meine Jungen eine nette Frau und Kinder gewünscht. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt.“ Catherine lächelte Elena unsicher an. „Dan – na ja, er war eben ein solcher Hitzkopf und wollte sich nicht festlegen. Und Jed war zu sehr Junggeselle, zu sehr mit der Firma verheiratet. Doch nachdem er dich nach der Beerdigung nach Netherhaye eingeladen hatte, wurde alles anders. Euch beide zu beobachten war mir eine Freude und hat mir Hoffnung für die Zukunft gemacht. Es war ja so offensichtlich, dass ihr euch am liebsten ständig umarmt hättet, es aber nicht getan habt. Nicht nur wegen der traurigen Umstände, sondern weil ihr euch offensichtlich erst besser kennen lernen wolltet. Obwohl Jed und ich dich eigentlich vorher schon kannten, nach allem, was Dan uns von dir erzählt hatte.

Dass Jed endlich die Liebe seines Lebens gefunden hatte, war damals das Einzige, was mich aufrechterhalten hat. Und als er neulich anrief, um sich zu erkundigen, ob es mir gut gehe, habe ich ihn gefragt, ob ich nicht für einige Tage zu euch kommen könnte. Ich wollte es eigentlich nicht“, fügte sie ernst hinzu, „es kam einfach aus mir heraus. Ich weiß, ihr seid in den Flitterwochen, aber ich glaube, ich musste euch sehen, um mich zu vergewissern, dass es nach dieser schlimmen Zeit auch noch etwas Gutes im Leben gibt.“

Ihr Lächeln war so liebevoll, dass Elena das Herz schwer wurde bei dem Gedanken, dieser liebenswerten Frau den Seelenfrieden zu rauben, indem sie ihr die Wahrheit erzählte.

Jed hatte beschlossen, seiner Mutter eine glückliche Ehe vorzuspielen, weil er wusste, was die Wahrheit ihr antun würde. Jetzt konnte Elena die Beweggründe für seine Entscheidung besser verstehen – er war sich seiner Verantwortung bewusst.

Wahrscheinlich hasste er genau wie sie den Gedanken, aller Welt etwas vorzuspielen, doch er wusste, dass es unter diesen tragischen Umständen das Beste war.

Elena wollte ihn nicht verstehen, und sie wollte auch kein Mitleid haben. Sie wollte nie wieder etwas von ihm hören oder sehen, wollte vergessen, dass sich seine Liebe in Hass verwandelt hatte – und es würde ein langer Weg sein, bis sie diesen Schmerz überwunden hätte.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und so füllte sie Catherines Glas nach und trank selbst einen Schluck von ihrem noch unberührten Wein.

Von der Tür her sagte Jed: „Meinst du, das ist gut für dich?“

Der kühle, missbilligende Unterton in seiner Stimme gab ihr einen Stich ins Herz, besonders als ihr aufging, weshalb er die Frage gestellt hatte. Alkohol und Schwangerschaft vertrugen sich nicht.

„Nun hab dich nicht so! Es ist fast Abend. Warum trinkst du nicht auch etwas?“ Catherine, die den Grund für seine Einmischung nicht ahnte, drehte sich zu ihrem Sohn um und prostete ihm zu.

Elena stellte ihr Glas auf einem Seitentisch ab, weil ihre Hände zitterten. Eigentlich bebte sie am ganzen Körper, als sie unter den Wimpern hervor einen Blick auf ihren Mann riskierte.

Er schlenderte ins Zimmer und lächelte seine Mutter an, die Hände in den Taschen seiner engen schwarzen Hose, zu der er ein weites weißes Seidenhemd trug.

Doch seine Gesichtszüge waren angespannt, die Falten um seinen schönen, leidenschaftlichen Mund hatten sich vertieft, und unter der Sonnenbräune wirkte er blass. Auch für ihn schien die vergangene Woche nicht leicht gewesen zu sein.

Elena unterdrückte einen Anflug von Mitleid. Schließlich war alles seine Schuld.

„Und nun, ihr beiden …“ Catherine strahlte sie und Jed liebevoll an, und Elena fragte sich, ob ihre Schwiegermutter wirklich nicht merkte, dass etwas nicht in Ordnung war. „Ich habe mich nicht eingeladen, um das fünfte Rad am Wagen zu spielen. Es gibt da etwas, das ich mit euch besprechen möchte. Ich hätte es auch am Telefon sagen oder euch schreiben können, aber ich wollte euch sehen …“

Als sie unsicher schwieg, wusste Elena, dass unter Catherines Heiterkeit immer noch Trauer und Verzweiflung lagen, die jederzeit wieder durchbrechen konnten.

„Wir freuen uns doch, dass du da bist“, sagte Jed schnell und streichelte seiner Mutter im Vorbeigehen die Schulter, bevor er sich neben Elena stellte. „Seit wir hier sind, haben wir noch keine Ausflüge gemacht, und dein Besuch ist die ideale Gelegenheit dazu. Ich weiß, dass Elena darauf brennt, uns alles zu zeigen.“

Das wusste Elena allerdings nicht. Mit Grauen dachte sie daran, in der Landschaft herumzulaufen und die liebende Ehefrau zu spielen. Und als Jed dann sagte: „Was wolltest du denn mit uns besprechen, Ma?“, ergriff sie die Gelegenheit und stand auf.

„Ich kümmere mich ums Abendessen. Du musst hungrig sein, Catherine. Beim Essen kannst du uns alles erzählen.“

Sie griff nach ihrem Glas, flüchtete in die Küche und schloss die Tür fest hinter sich. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Catherine hatte gesagt, sie wolle nur einige Tage bleiben, doch selbst das würde eine Qual werden. Es würde ihnen nicht gelingen, ihr das frisch verliebte Ehepaar vorzuspielen. Andererseits konnte sie, Elena, der armen Frau unmöglich noch mehr Unglück zumuten!

Jed und sie mussten eine Lösung finden. Irgendetwas musste ihnen einfallen, denn so konnte es nicht weitergehen.

Erschöpft trug sie ihr Glas zur Spüle und schüttete den Wein in das Becken. Jed hatte natürlich recht. Schwangerschaft und Alkohol vertrugen sich nicht.

Seine Stimme ließ sie zusammenzucken. „Ich bin froh, dass du mir zustimmst.“ Er nahm ihr das leere Glas aus den bebenden Fingern.

Elena erschauerte. Sie hatte nicht bemerkt, dass er ihr gefolgt war, und der kühle Unterton in seiner Stimme traf sie wie ein Schlag. Konnte er wirklich so schnell vergessen, was sie einander bedeutet hatten?

Aber hatte sie in der letzten Woche nicht genau das versucht?

Wahrscheinlich war es der einzige Weg. Sie wandte sich ab. „Natürlich hast du recht. Aber nicht immer, und daran solltest du manchmal denken.“ Nachdem er sich mehrmals geweigert hatte, sich ihre Version der Geschichte anzuhören, würde sie sich nicht noch einmal von ihm erniedrigen lassen. „Warum unterhältst du dich nicht weiter mit Catherine? Ich mache inzwischen das Essen.“

Sie hatte ihm noch vieles zu sagen, doch damit musste sie warten. Im Moment konnte sie ihn und seine Kälte nicht ertragen. Seit sie wusste, dass sie schwanger war, waren ihre Gefühle in Aufruhr, und seine Rückkehr – noch dazu mit Catherine – hatte nichts besser gemacht.

Sie konnte und wollte mit dieser Situation nicht fertig werden.

Jed sagte: „Sie sitzt auf der Terrasse und trinkt ihren Wein. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste, und die Reise hat sie angestrengt.“

„Dann hätte sie nicht kommen sollen!“, stieß Elena hervor und drehte sich zu ihm um. „Was glaubst du wohl, wie ich mich gefühlt habe, als ich euch ankommen sah? Du hättest mich zumindest vorwarnen können!“ Gleich darauf bereute sie ihre harten Worte. Catherine hatte die Reise auf sich genommen, um sich zu vergewissern, dass es schöne Dinge in ihrem Leben gab.

„Ich wusste nicht, dass du so selbstsüchtig bist.“ Kalte Verachtung lag in Jeds Blick. „Aber es gibt ja nicht das Einzige, was ich nicht von dir weiß.“ Er verzog bitter den Mund, während er sie weiter abschätzend musterte. „Du siehst schrecklich aus. Mach dich ein wenig frisch, ich kümmere mich ums Essen. Und kein falsches Wort zu Catherine! Wenn du sie aufregst, bekommst du es mit mir zu tun.“

Den Kopf hoch erhoben, verließ Elena die Küche. Als sie ihr Zimmer erreichte, war sie nahe daran, die Beherrschung zu verlieren. Wie konnte er es nur wagen, sie wie Abschaum zu behandeln?

Sie schleuderte die Schuhe von den Füßen, riss sich das Kleid vom Leib und stürmte ins Badezimmer. Zehn Minuten später, als sie sich nach dem Duschen abtrocknete, wusste sie, was sie tun musste. Um ihres ungeborenen Kindes willen musste sie ruhig bleiben. Und um das zu erreichen, durfte sie sich nicht auf Jeds Niveau herablassen, durfte nicht ausfallend und verletzend werden und vor allem keine Szene machen.

Absichtlich wählte sie ein eng anliegendes ärmelloses Seidenkleid, das viel von ihren langen, sonnengebräunten Beinen sehen ließ und farblich zu ihren Augen passte. Der dünne Stoff umschmeichelte Taille, Hüften und Beine und betonte ihre noch schlanke Gestalt. Bald würde sie in die Breite gehen, und der Himmel wusste, ob sie nach der Geburt ihre Figur jemals wieder bekommen würde. Wer wollte sie also davon abhalten, kühl und sexy auszusehen, solange sie es noch konnte? Dieser Bastard von ihrem Ehemann ganz sicher nicht.

Um einen Gegensatz zu ihrem aufreizenden Kleid zu schaffen, steckte sie sich das Haar zu einer eleganten Frisur auf und betupfte sich die Handgelenke mit altmodischem Lavendelwasser.

Kühl und sexy. Und wenn das den Mann ärgerte, in den sie sich lieber nicht verliebt hätte, dann umso besser.

„Du siehst ganz reizend aus!“, sagte Catherine, als Elena auf die Terrasse hinaustrat, wo Jed gerade eine Schüssel mit Salat auf den gedeckten Tisch stellte.

„Danke.“ Elena rang sich ein Lächeln ab und ließ auf dem Stuhl neben ihrer Schwiegermutter nieder. Ihr war bewusst, dass Jed sie ansah, doch sie weigerte sich, seinen Blick zu erwidern. Zu oft war sie dabei nur Verachtung begegnet.

„Ob du’s glaubst oder nicht, ich war früher auch schlank. Aber dann kamen die Kinder, und das war’s.“ Catherine zwinkerte ihr zu, und Elena überlegte, was sie wohl sagen mochte, wenn sie erfuhr, dass Dan sie bald zur Großmutter machen würde.

Wie mochte Catherine reagieren? Elena presste sich die Fingerspitzen gegen die Schläfen. Mit jeder Minute schien ein neues Problem aufzutauchen. Die Entscheidung, die Dan und sie damals getroffen hatten, zog ungeahnte Komplikationen nach sich.

Catherine ahnte nichts von Elenas Gedanken. „Ich bin vorhin ein wenig eingenickt – die Sonne, der Wein und die Aufregung, weil ich zum ersten Mal allein geflogen bin. Hätte ich mich auch zum Essen umziehen sollen? Ich könnte nach oben gehen und …“

„Nein.“ Elena wollte nicht mit Jed allein bleiben. Sie fühlte sich seinen verletzenden Bemerkungen noch nicht gewachsen. Er war in die Küche gegangen, konnte aber jeden Moment zurückkehren. Im Bewusstsein, dass ihre Antwort zu schnell und heftig gekommen war, rang Elena sich ein Lächeln ab: „Du siehst so fabelhaft aus. Lass uns lieber ein bisschen reden.“

Also redete Catherine, und sie war immer noch dabei, als Jed zurückkehrte, eine Schüssel Spaghetti mit einem Dressing aus Oliven und Knoblauch in der Hand. „Uns sind anscheinend die Vorräte ausgegangen“, sagte er sanft, aus Rücksicht auf seine Mutter. „Also werden wir uns wohl mit Nudeln und Salat begnügen müssen, in Ordnung?“

Es würde ihnen nicht anderes übrig bleiben. Elena war nicht einkaufen gegangen, denn Hunger hatte sie in dieser schrecklichen letzten Woche ohnehin nicht gehabt. Doch es ärgerte sie, dass Jed von „uns“ sprach.

„Schrecklich, nicht wahr, Catherine? Wir konnten es nicht über uns bringen, das Haus zu verlassen, nicht einmal, um einzukaufen.“

Jetzt blickte sie Jed an und wartete auf seine Reaktion. Er presste die Lippen zusammen, und als sie den Schmerz in seinen Augen sah, redete sie sich ein, dass es ihr egal sei. Er teilte Kränkungen aus, konnte sie selbst aber nicht ertragen.

Catherine schien die Spannung nicht zu bemerken. „Also, was ich mit euch besprechen wollte“, begann sie heiter und tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab. „Elena, du weißt ja, dass deine Mutter mir bei den Vorbereitungen zu eurem Hochzeitsempfang geholfen hat. Sie war eine ganze Weile auf Netherhaye, und in dieser Zeit sind wir gute Freundinnen geworden.“ Sie warf ihrem Sohn einen bedeutungsvollen Blick zu. „Vielleicht bin ich jetzt ein wenig voreilig, aber ich hoffe doch sehr, dass ihr euch auf Netherhaye niederlassen und eure Kinder großziehen werdet, genau wie dein Vater und ich es getan haben. Das Haus ist schon so lange im Besitz der Familie.“

Elena sah das warnende Funkeln in Jeds Augen und biss sich auf die Lippe, um nicht mit einem „Nein!“ herauszuplatzen. Catherine sprach weiter: „Ich möchte nicht allein dort leben, aber ich glaube auch, dass ein junges Ehepaar nicht unbedingt begeistert ist, wenn die Eltern sich ständig in alles einmischen. Also werde ich mir ein kleineres Haus suchen, so oder so.“

Elena bemerkte, wie Jed scharf einatmete, und fragte sich, ob der Vorschlag seiner Mutter ihn insgeheim erleichterte. Es würde ihm vieles einfacher machen. Sie bräuchten nicht ständig das glückliche Paar zu spielen. Zu besonderen Gelegenheiten würde er Catherine besuchen oder einladen und sie danach erst einmal wieder vergessen.

Nur über ihre Leiche!

„Bist du dir da ganz sicher, Ma?“ Jed beugte sich ein wenig vor. „Ich möchte nicht, dass du eine vorschnelle Entscheidung triffst, weil du glaubst, dass Elena und ich dich nicht gern bei uns hätten.“

Elena beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen. Er schien es ehrlich zu meinen. Schließlich liebte er seine Mutter sehr. Nur weil er sie glücklich sehen und weiteres Unheil von ihr abhalten wollte, war er überhaupt auf den Plan verfallen, ihr eine glückliche Ehe vorzuspielen.

„Netherhaye hat dir immer sehr am Herzen gelegen – all deine Erinnerungen sind dort. Und denk mal an deinen geliebten Garten!“

„Nachdem ich Elenas Garten und ihr wunderschönes Haus gesehen habe, weiß ich, dass Netherhaye bei ihr in guten Händen sein wird.“ Catherine tätschelte ihrem Sohn lächelnd die Hand. „Dan ist tot, und er hätte Netherhaye ohnehin nicht haben wollen. Es gehört dir.“

„Trotzdem möchte ich nicht, dass du irgendwo allein lebst“, entgegnete Jed schroff. „Noch nicht, bis …“

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