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ROMANA EXKLUSIV BAND 266

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Verführt in aller Unschuld?

1. KAPITEL

Manche sagten, Selbstbewusstsein sei das stärkste Aphrodisiakum überhaupt. Aber für den Mann, den die Rugbywelt nur „der Bär“ nannte, war Selbstbewusstsein nur der Anfang. Selbstbewusstsein brauchte Mut. Und Ethan Alexander bewies jeden Tag, wenn er der Welt sein vernarbtes Gesicht zeigte, dass er Mut besaß.

Ein Raunen ging durch die Zuschauer des Stadio Flaminio in Rom, als Ethan seinen Platz beim Spiel Italien gegen England im Six Nations Turnier einnahm. Die Männer setzten sich ein bisschen aufrechter hin, die Frauen warfen ihre Haare zurück und befeuchteten die makellos aufgespritzten Lippen.

Ohne den Bären fehlte jedem Spiel das besondere Prickeln, das Gefühl von Gefahr, die von seiner Person ausging. Groß, dunkel, das Gesicht von Narben überzogen, war Ethan mehr als ein begeisterter Rugbyfan, er war ein erfolgsverwöhnter Tycoon. Er setzte die Standards, nach denen andere Männer beurteilt wurden. Sein Gesicht mochte verunstaltet sein, doch Ethan besaß jenen atemberaubenden Glamour, der aus Intelligenz und einem eisernen Willen geboren wurde. In seinen Augen brannte ein inneres Feuer, an dem Frauen sich gerne verbrannt hätten und Männer sich wünschten, sie würden Vergleichbares besitzen.

Heute jedoch verwandelte sich seine Vorfreude auf das Spiel in immer größer werdende Verärgerung über die menschlichen Schwächen. Wieso brachte etwas so Unbedeutendes wie Halsschmerzen eine weltbekannte Operndiva wie Madame de Silva dazu, sich zu weigern, bei einem solchen Ereignis die englische Nationalhymne zu singen?

Auf dieselbe Weise, wie ein gebrochenes Rückgrat deine Karriere als Rugbyspieler beendet hat, meldete seine innere Stimme sich mit schonungsloser Ehrlichkeit.

Er hatte eine junge Sängerin als Ersatz für Madame de Silva engagiert. Savannah Ross hatte kürzlich einen Vertrag bei seiner Plattenfirma unterschrieben. Ein kleines Hobby nebenbei, weil er Musik liebte. Er hatte Savannah noch nicht kennengelernt, aber Madame de Silva hatte sie empfohlen. Und seine Marketingleute hielten sie für den kommenden Shootingstar am Opernhimmel.

Vielleicht war sie der nächste Star, im Moment war sie einfach nur zu spät. Ethans Blick wanderte zu der großen Stadionuhr, die die Sekunden bis zum Anpfiff rückwärts zählte. Ein unerfahrenes junges Ding für ein so wichtiges Event zu verpflichten, erinnerte ihn daran, weshalb er normalerweise keine Risiken einging. Er hatte es für eine gute Idee gehalten, seiner Neuentdeckung eine Chance zu geben. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Konnte Savannah Ross seine Erwartungen erfüllen? Das sollte sie besser. Er hatte seinen Privatjet geschickt, um sie einzufliegen. Und man hatte ihm versichert, dass sie auch im Stadion eingetroffen war. Also, wo blieb sie?

Stirnrunzelnd veränderte Ethan seine Sitzposition. Der Ablauf der Formalitäten vor dem Spiel war auf die Sekunde getimt, weil das Spiel weltweit im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Für Ausnahmen gab es keinen Platz. Savannah Ross hatte den Auftritt zugesagt, jetzt musste sie singen.

Das hier war anders als jedes Theater, jeder Konzertsaal, in dem sie bisher aufgetreten war. Es war ein leerer gekachelter Tunnel, in dem es nach Schweiß und Schmutz roch. Nicht einmal einen anständigen Umkleideraum gab es – nicht, dass ihr das etwas ausmachte. Es bedeutete eine große Ehre, überhaupt hier sein zu dürfen. Gleich würde sie mitten auf dem Spielfeld stehen und die englische Nationalhymne singen … oder zumindest hoffte sie, das tun zu können, sobald sie jemanden fand, der ihr sagte, wann sie wo hinzugehen hatte.

Savannah streckte den Kopf durch den Vorhang ihrer „Umkleidekabine“ und rief laut Hallo. Niemand antwortete. Wenig überraschend in einem menschenleeren Tunnel. Die Frau, die ihr am Eingang des Stadions einen Besucherausweis gegeben hatte, hatte erklärt, dass die vorhandenen Räume für die Spieler und ihre Betreuer gebraucht wurden. Madame de Silva reiste immer mit einer riesigen Entourage, die neben einem eigenen Hairstylisten auch ein Mädchen umfasste, deren einziger Job darin bestand, sich um den Chihuahua der Diva zu kümmern. Wahrscheinlich, vermutete Savannah, war das Management des Stadions heilfroh, die vielen Zimmer, die Madame gefordert hätte, nun anderweitig einteilen zu können. Außerdem reichte ihr, was man ihr zugewiesen hatte: eine Nische – mehr eine kleine Einbuchtung – in der Tunnelwand, vor die jemand hastig einen Vorhang gespannt hatte.

Und es gab Wichtigeres als eine bequeme Suite. Zum Beispiel die verrinnenden Minuten bis zum Spielbeginn. Ganz offensichtlich hatte man sie vergessen. Niemand kannte sie. Den Plattenvertrag hatte sie erst vergangene Woche unterschrieben, und dass sie für Madame de Silva einsprang, war ganz kurzfristig entschieden worden. Es war einfach nicht zu erwarten, dass jemand sich an sie erinnerte. Nachdem man sie zu ihrer Nische geführt hatte, hatte sie keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen. Und jetzt hatte sie keine Ahnung, was sie tun sollte. Singen? Ja, klar, aber wann war sie an der Reihe? Und musste sie auf jemanden warten, der sie aufs Spielfeld führte, oder sollte sie alleine gehen?

Savannah hörte den ekstatischen Jubel der Fans und wusste, dass sie dringend Hilfe brauchte. Gerade als sie losmarschieren wollte, drangen sich nähernde Stimmen an ihr Ohr. Ein Grüppchen Geschäftsleute schlenderte diskutierend durch den Tunnel. Gleich würden sie an ihrer Nische sein. Sie würde einen von ihnen um Rat fragen.

„Entschuldigen Sie …“ Weiter kam sie nicht. Als sei sie eine unsichtbare Fliege, drängten die Männer sie beiseite. Sie waren so in ihr Gespräch über den Mann vertieft, den sie den Bären nannten, dass sie Savannah gar nicht bemerkten. Der Bär hatte sich alleine zu seinem Platz begeben, dabei hatte sich jeder von ihnen darauf gefreut, derjenige zu sein, der ihn begleiten durfte.

Der Bär …

Unwillkürlich erschauerte Savannah. So lautete der Spitzname des Tycoons, der seinen Jet geschickt hatte, um sie abzuholen. Ethan Alexander, begeisterter Rugbyfan und Milliardär, eine geheimnisumwitterte Figur, über die regelmäßig in den Zeitschriften berichtet wurde, die Savannah sich kaufte, wenn sie wieder einmal von unerreichbaren Männern träumen wollte. Niemandem war bislang ein Blick auf Ethans Privatleben vergönnt gewesen. Aber natürlich blühten die Gerüchte umso reichhaltiger, je mehr er jede Publicity scheute.

Sie musste wirklich aufhören, an Ethan Alexander zu denken, und sich auf die missliche Lage konzentrieren, in der sie feststeckte. Um Zeit zu sparen, würde sie erst ihr Kleid anziehen und dann Hilfe suchen.

Doch selbst das wunderschöne Kleid vertrieb Ethan nicht aus Savannahs Gedanken. Nach dem, was die Männer über ihn gesagt hatten, kam Ethans Anwesenheit beim Spiel der eines Mitglieds des englischen Königshauses gleich. Er war der ungekrönte König der Rugbywelt.

Beim Gedanke an so viel geballte Männlichkeit durchlief Savannah abermals ein Schauer. Als es ihr endlich gelungen war, in ihr Kleid zu schlüpfen, war sie das reinste Nervenbündel. Wahrscheinlich nicht überraschend, ging es ihr durch den Kopf, angesichts des vibrierenden Testosterons in der Luft eines Rugbystadions.

Wieder dachte sie an Ethan. Die Macht, die er ausstrahlte, ließ ihn selbst auf einem Titelbild unwiderstehlich wirken. Vielleicht lag das an dem eisernen Willen, der sich in seinen Augen spiegelte, oder an seinem atemberaubenden Körper. Auch wenn er um einiges älter war als sie und sein Gesicht von Narben überzogen war, so war sie nicht die einzige Frau, die der Meinung war, seine Verletzungen machten ihn noch anziehender. In Umfragen, mit welchem Mann Frauen gerne eine Nacht verbringen würden, belegte er regelmäßig den ersten Platz.

Nicht dass jemand, der so unerfahren war wie sie, sich darüber Gedanken zu machen brauchte. Nein, sie fühlte sich mehr zu der Aura aus Gefahr und Tragik hingezogen, die Ethan umgab. In ihren Augen ließen ihn die Narben nur menschlicher und realer erscheinen.

Ach, wirklich? meldete sich Savannahs zynische Seite. Es sind also deine unschuldigen Gedanken, die dieses Feuer in deinem Inneren entfachen?

Wohlweislich hütete sie sich vor einer Antwort. Sie hatte keine Zeit für diese Ablenkungen. Wieder streckte sie den Kopf durch den Vorhang. Immer noch war der Tunnel menschenleer. Allmählich gingen ihr die Ideen aus. Wenn sie lauthals um Hilfe schrie, würde sie keine Stimme mehr zum Singen haben.

Aber sie durfte Madame de Silva nicht im Stich lassen, schließlich hatte die sie ja empfohlen. Und die englische Mannschaft durfte sie ebenso wenig enttäuschen wie Ethan, der sie unter Vertrag genommen hatte. Ganz zu schweigen von ihren Eltern, die jeden Cent zusammengekratzt hatten, um ihr dieses Kleid kaufen zu können. Sie wünschte, ihre Eltern könnten jetzt hier sein. Eigentlich war sie am glücklichsten, wenn sie auf der Farm mit ihnen zusammen war, in Gummistiefeln knietief im Matsch stehend.

Vor ihrem inneren Auge sah sie das ängstliche Gesicht ihrer Mutter. In diesem Moment wurde ihr klar, dass nicht der Auftritt vor unzähligen Zuschauern ihr Angst machte, sondern die Möglichkeit, dass etwas schiefging und sie ihre Eltern blamierte.

Sie liebte die beiden sehr. Wie viele Farmer hatte es ihre Eltern schwer getroffen, als ihr gesamter Viehbestand der Maul- und Klauenseuche zum Opfer gefallen war. Savannah sah es als ihre Hauptaufgabe an, ihnen ihr Lächeln zurückzugeben.

Unvermittelt hörte sie ihren Namen über die Lautsprecheranlage. Sie zuckte zusammen. Der Sprecher lobte sie in den höchsten Tönen, nannte sie ein Goldkehlchen mit den Engelshaaren. Savannah verzog das Gesicht. Gab es einen besseren Grund, sich die Haare pink zu färben? Die Zuschauer hingegen applaudierten begeistert. Sie würden, so viel war ihr klar, sehr enttäuscht werden, sobald sie sie in natura sahen. Sie entsprach nicht der niedlichen Blondine, als die der Stadionsprecher sie angekündigt hatte. Vielmehr war sie ein einfaches Mädchen vom Land, dem es an Selbstbewusstsein mangelte. Und im Augenblick wäre sie überall lieber als hier gewesen.

Nimm dich zusammen! befahl Savannah sich ungeduldig. Dieses Kleid hatte ein Vermögen gekostet. Ihre Eltern hatten es sich kaum leisten können. Sie durfte sie nicht enttäuschen. Verbissen zerrte sie am Reißverschluss. Das Kleid war eine Maßanfertigung, die ihre Rundungen perfekt verhüllte. Die Schneider im Norden Englands, pflegte ihre Mutter immer zu sagen, verstanden ein oder zwei Dinge davon, wie man die Reize einer üppigeren Frau zur Geltung brachte. Dank seines raffinierten Schnitts wirkte sie überhaupt nicht dick darin – und als besonderer Pluspunkt schimmerte der Stoff in ihrer Lieblingsfarbe: Pink.

„Das können Sie unmöglich anziehen!“

Savannah fuhr zusammen, als plötzlich der Vorhang zurückgezogen wurde.

„Entschuldigen Sie mal?“, rief sie und hob die Hände vor die Brust. Ein Mann stand vor ihr, dessen Gestalt genau zu der hochnäsigen Stimme passte. „Warum kann ich das Kleid nicht anziehen?“, fragte sie. Das Kleid war wunderschön, doch der Mann starrte es an, als sei es ein Müllsack, in den sie Löcher für die Arme geschnitten hatte.

„Es geht nicht“, entgegnete er nur.

„Was stimmt denn nicht damit?“, erkundigte sie sich mit aller Höflichkeit, die sie aufbringen konnte.

„Es ist völlig unangemessen … Und wenn ich Ihnen sage, Sie können es nicht anziehen, dann ist das so.“

Was für ein Tyrann, dachte sie. Sie erschauderte innerlich, weil der Mann immer noch ihren kurvigen Körper anstarrte. Meinte er, das Kleid sei zu weit ausgeschnitten? Schon immer hatte sie Probleme gehabt, ihre üppigen Brüste zu verstecken. Und je älter sie wurde, desto mehr hasste sie es, wie Männer sie mit Blicken auszogen. Klar, das Kleid besaß einen tiefen Ausschnitt, aber es war ja auch ihr Bühnenoutfit! „Inwiefern ist es nicht angemessen?“

Die Enttäuschung des Mannes, dass sie sich nicht so einfach unterkriegen ließ, war offensichtlich. „Dem Bär wird es nicht gefallen“, erwiderte er, als könne er damit all ihren Hoffnungen den Todesstoß versetzen.

„Dem Bär wird es nicht gefallen?“ Ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen. Aufs Spielfeld zu gehen und zu wissen, dass Ethan Alexander sie anschaute … davon hatte sie immer geträumt. Aber jetzt, da ihre Fantasie wahr zu werden drohte, schwand ihre Zuversicht rapide. Allerdings bedeutete das nicht, dass sie aufhören würde, ihr Kleid zu verteidigen. „Ich verstehe Sie nicht. Weshalb wird es ihm nicht gefallen?“

„Es ist pink“, sagte der Mann und verzog das Gesicht, als sei diese Farbe stets von einem fürchterlichen Gestank begleitet.

Savannah brach es das Herz. Das Kleid war wunderschön. Ihre Mutter war so glücklich gewesen, es ihr kaufen zu können.

„Sie müssen es ausziehen!“

„Was?“

„Ich weiß, dass Sie kurzfristig eingesprungen sind“, fuhr der Mann in einem freundlicheren Tonfall fort, den Savannah fast noch unheimlicher fand als seine Einschüchterungsversuche. „Deshalb wissen Sie nicht, dass einer der Hauptsponsoren des Spiels ein Kleid zur Verfügung gestellt hat. Natürlich erwartet er, dass die Sängerin es trägt.“

Vielleicht wollte er, dass sie anfing zu weinen, damit er den Helden spielen und sie trösten konnte. Falls ja, stand ihm eine herbe Enttäuschung bevor. Weil sie eher klein und ein bisschen füllig war, glaubten die Menschen oft, sie sei ein süßes dummes Ding, das man herumschubsen konnte. Dabei hatte sie schon mehr als ein Mal einem Kälbchen bei einer schwierigen Geburt auf die Welt geholfen. Auf einer Farm aufzuwachsen hieß nicht unbedingt, Respekt vor vornehm tuenden Leuten zu haben.

„Tja, wenn ich ein anderes Kleid tragen soll“, sagte sie pragmatisch, „sollte ich es wohl besser einmal zu Gesicht bekommen.“ Sie war nicht nach Rom gekommen, um Ärger zu machen, sondern um einen Job zu erledigen. Und die Uhr tickte. Außerdem war sie viel zu höflich, um dem Kerl zu sagen, was ihr wirklich auf der Zunge lag.

Kurze Zeit später kehrte der Mann mit dem Kleid zurück. „Madame Wie-hieß-sie-noch-gleich? war hocherfreut, dieses Kleid tragen zu dürfen“, erklärte er von oben herab und reichte das Kleid an Savannah.

Savannah wurde blass, als sie Madame de Silvas Kleid sah. Sie hätte wissen müssen, dass es der berühmten Sängerin auf den Leib geschneidert worden war. Die Operndiva brachte wahrscheinlich nur halb so viel wie sie auf die Waage und trug für gewöhnlich Haute-Couture-Kleider aus Paris. „Ich glaube nicht, dass es mir passt“, murmelte sie, während sie das schmal geschnittene Abendkleid anstarrte.

„Egal ob es passt oder nicht“, beharrte der Mann, „Sie müssen es anziehen. Ich kann nicht zulassen, dass Sie in Ihrem Kleid aufs Spielfeld marschieren, wenn der Sponsor Sie in seinem Kleid erwartet. Sein Design einer weltweiten Öffentlichkeit zu präsentieren, ist schließlich der ganze Zweck dieser Übung.“

Mit ihr darin? Savannah bezweifelte stark, dass der Sponsor sich die Sache so vorgestellt hatte. Dieses Kleid war ihr definitiv zu klein! „Ich werde mein Bestes geben“, versprach sie trotzdem.

„Braves Mädchen“, versetzte der Mann.

Mit zitterndem Kinn betrachtete Savannah das leuchtend rote Kleid. Darin würde sie wie ein Trottel aussehen. Von draußen drang das Lärmen der Menge immer lauter zu ihr herein.

Wo blieb sie nur? Stirnrunzelnd warf Ethan einen weiteren Blick auf seine Armbanduhr. Das Spiel fing gleich an; seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er hatte dem englischen Team eine Ersatzsängerin versprochen. Und jetzt sah es so aus, als ließe Savannah Ross ihn im Stich. In wenigen Minuten würden die Mannschaften auf dem Feld auflaufen. Die Marschkapelle befand sich bereits auf dem Spielfeld. Der korpulente Tenor, den die Italiener für ihre Nationalhymne verpflichtet hatten, nahm längst den Applaus der Zuschauer entgegen. Wo, zum Teufel, war Savannah Ross?

Ängstliche Blicke wurden in Ethans Richtung geworfen. Wenn der Bär unglücklich war, waren alle unglücklich. Und Ethan wirkte ungewöhnlich gereizt.

Zu dem eng anliegenden Kleid gehörte ein weißer Schal mit blauen Tupfen, der wie eine Schärpe getragen wurde und eine entblößte Schulter bedeckte.

An Madame de Silvas schlankem Körper mag das hinreißend aussehen, dachte Savannah, während sie versuchte, das Tuch einer sinnvolleren Aufgabe zuzuführen. Falls es ihr gelang, die Naht ein wenig aufzutrennen, konnte sie es vielleicht benutzen, um ihre Brüste ein wenig mehr zu verhüllen. Bislang hatte sie mit ihrem verzweifelten Ziehen und Zerren allerdings nichts erreicht.

Und was den Reißverschluss anging …

Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken, dass Houdini vor Neid erblasst wäre, trotzdem bewegte sich der Verschluss keinen Millimeter. Wieder lugte sie durch den Vorhang, doch im Tunnel hielt sich niemand mehr auf. Selbst der unheimliche Mann hatte sich aus dem Staub gemacht. Das Lärmen der Zuschauer war leiser geworden. Das war ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, der Stadionsprecher hatte seine Ankündigungen beendet, gleich würde das Spiel anfangen. Und davor musste sie doch die Nationalhymne singen! „Hallo? Ist da jemand?“

„Hallo“, erwiderte eine junge Frau freundlich. Sie schien aus dem Nichts gekommen zu sein. „Kann ich Ihnen helfen?“

Nachdem Savannah sich von ihrem Schock erholt hatte, wäre sie der Frau am liebsten vor Dankbarkeit um den Hals gefallen. „Wenn Sie mir einfach mit dem Kleid helfen könnten …“ Ihr war klar, dass es nahezu unmöglich war, aber sie musste es zumindest versuchen.

„Keine Panik“, beruhigte die Frau sie.

Ihre Retterin entpuppte sich als Physiotherapeutin, die sich glücklicherweise mit dem menschlichen Körper bestens auskannte. Und irgendwie gelang es ihr tatsächlich, Savannah in das Kleid zu bugsieren. „Viel Glück“, wünschte sie.

Entsetzt starrte Savannah die Lagen aus blutrotem Taft an. Madame de Silva war nicht nur schlanker als sie, sondern auch um Einiges größer. Alles befand sich an der falschen Stelle. Aber jetzt war es zu spät, sich darüber Sorgen zu machen.

„Sie sollten sich wohl besser beeilen“, sprach die junge Frau ihre Gedanken laut aus. „Bevor Sie Ihren Einsatz verpassen.“

Führen Sie mich nicht in Versuchung! schoss es Savannah durch den Kopf. Dann tat sie einige vorsichtige Atemzüge, um auszuprobieren, ob sie in dem engen Kleid auch singen konnte. Es ging mehr schlecht als recht, stellte sie zerknirscht fest.

Wie gerne hätte sie sich wieder in ihren Tagtraum mit Ethan Alexander geflüchtet, anstatt aufs Spielfeld hinausgehen zu müssen, wo er sie tatsächlich sehen und ganz sicher über sie lachen würde.

Aber …

Innerlich wappnete sie sich für ihren Auftritt.

Fest entschlossen, sich nicht von einem dummen Kleid, das ihr etliche Nummern zu klein war und nur von Sicherheitsnadeln gehalten wurde, unterkriegen zu lassen, marschierte Savannah den Tunnel entlang.

2. KAPITEL

Sie hatte vergessen, wie sehr sich ihr Brustkorb weitete, wenn sie wirklich die Stimme hob. Wie, um alles in der Welt, hatte ihr nur etwas so Wesentliches entfallen können?

Vielleicht weil die Zuschauermenge zu einem bunten Farbenmeer verschmolzen war und sie nur an den dunkel und bedrohlich wirkenden Umriss eines Mannes denken konnte, der in einer Loge unmittelbar hinter der englischen Strafbank saß?

Irgendwie musste sie ihre Gedanken von ihm befreien, wurde Savannah klar, als sie tief Luft holte, um den ergreifenden Refrain anzustimmen. Doch wie sollte ihr das gelingen, wenn sie Ethans Blick doch in jeder Sekunde auf sich ruhen spürte? Gleich als sie das Spielfeld betreten hatte, hatte sie gewusst, wo er saß und wen er anschaute. Dieses Gefühl drängte jede Furcht vor der jubelnden Menge, die sie mit ohrenbetäubendem Geschrei begrüßt hatte, in den Hintergrund.

Ich darf nicht ständig an mögliche Katastrophen denken, befahl sie sich. Nervös befeuchtete sie sich die trockenen Lippen mit der Zungenspitze und tat noch einen tiefen Atemzug. Einen sehr tiefen …

Die erste der Sicherheitsnadeln löste sich. Das ganze Kleid geriet ins Rutschen. Die Nadeln der Physiotherapeutin mochten sich für Bandagen eignen, nicht aber für vollbusige Sängerinnen.

Binnen Sekunden änderte sich seine Stimmung komplett, von ungeduldig zu verzaubert. Schon nach den ersten Noten aus Savannahs Mund war der gefühlskalte Milliardär, wie die Leute ihn nannten, zu einem begeisterten Fan seiner neuen jungen Sängerin geworden. Und das Publikum war exakt seiner Meinung. Alle Zuschauer waren von der Darbietung völlig gefesselt. Anfangs, als sie auf das Spielfeld gestolpert war, hatte man sie mit Pfiffen und lautem Grölen begrüßt. Und auch er hatte in ihr nur eine lächerliche Gestalt gesehen, mit Brüsten, die ihr fast aus dem Ausschnitt fielen.

Dann erinnerte er sich, dass das Kleid ja ursprünglich für Madame de Silva bestimmt war. Er hätte sie vorwarnen müssen. Jetzt war es dafür zu spät. Allerdings spielte es auch keine Rolle mehr, denn sobald Savannah Ross anfing zu singen, hatte sie die Menge fest in der Hand.

Sie weigerte sich aufzugeben. Savannah sang weiter, auch als der ersten Nadel weitere folgten. Mit der Hymne sollte sie den Hoffnungen und Wünschen eines ganzen Landes Ausdruck verleihen, und genau das tat sie nun – was machte es da schon, dass das dumme Kleid sie im Stich ließ? Doch kurz vor dem Ende passierte die Katastrophe. Die letzte Nadel löste sich, und eine ihrer Brüste nutzte die Gelegenheit, um dem beengtem Kleid zu entkommen.

Und niemandem entging die weiße Haut mit der sinnlichen rosa Knospe, weil unzählige Kameras den Augenblick einfingen und auf Großleinwände übertrugen. Nur weil das Publikum zu tosendem Applaus ansetzte, gelang es Savannah, auch noch den letzten Ton zu singen, anstatt vor Scham im Erdboden zu versinken.

Sein Beschützerinstinkt erwachte. Ethan sprang vom Sitz auf. Noch im Laufen zog er sich das Jackett aus. Als er Savannah erreichte, begriffen die Zuschauer allmählich, was sich da gerade auf dem Spielfeld ereignet hatte. Seiner jungen Sängerin hingegen liefen die Tränen über die Wangen, während sie versuchte, ihr Kleid wieder zurechtzuziehen. Sie hob den Kopf, als er sie ansprach. Und als sie ihn ansah, erlebte er etwas sehr Seltsames.

Ein verstörendes Gefühl stieg in ihm auf, wie er es erst sehr selten, vielleicht noch nie empfunden hatte. Jetzt ist nicht die Zeit, um Gefühle zu ergründen, mahnte er sich. Er legte sein Jackett über Savannahs Schultern und führte sie vom Spielfeld. Dann musste der italienische Tenor eben das Canto degli Italiani – das Lied der Italiener – früher als vorgesehen anstimmen.

Der Gedanke an die helle, ihn an geschlagene Sahne erinnernde Haut, die jetzt unter seinem leichten Jackett verborgen war, brachte ihn gehörig aus der Fassung. Anders als alle anderen Frauen, mit denen er normalerweise ausging, übte diese junge Savannah Ross eine ziemliche Wirkung auf ihn aus. Einen Arm um ihre Schulter gelegt, führte er sie schnellen Schritts vom Spielfeld. Sie bemühte sich, seine Geschwindigkeit und gleichzeitig Abstand zu ihm zu halten. Als sie an der Tribüne vorbeikamen, brachen die Zuschauer in Jubel aus.

„Viva L’Orso!“, riefen die Italiener. „Hoch lebe der Bär!“ Die englischen Fans standen ihnen in nichts nach. Ethan fragte sich, ob die Komplimente seinem ritterlichen Verhalten oder der Tatsache galten, dass Miss Ross mit ihren sinnlichen Brüsten das Kleid gesprengt hatte. Aber eigentlich interessierte ihn die Antwort gar nicht. Ihm war nur daran gelegen, sie sicher aus dem Stadio Flaminio und außer Sichtweite der lüsternen Männer zu geleiten, von denen es für seinen Geschmack hier viel zu viele gab.

Als Savannah in Ethans Umarmung den Tunnel erreichte, fühlte sie sich ganz krank vor Scham. In Gegenwart dieses Mannes, der für seine guten Umgangsformen bekannt war, kam sie sich furchtbar fehl am Platz vor. Ethan Alexander war ein kaltherziger weltbekannter Tycoon, sie hingegen ein durchschnittliches Mädchen, das nicht ins Rampenlicht gehörte. Ein Mädchen, das sich gerade in einer Woge sinnlos aufwallenden Verlangens wünschte, Ethan und sie wären einander auf der Farm ihrer Eltern begegnet – dort wusste sie zumindest, wie sie sich verhalten sollte.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er schroff.

„Ja, danke.“

Er hielt sie am Arm fest, als befürchtete er, sie könne sonst hinfallen. Hielt er sie für so schwach? Erleichterung durchströmte sie, als er sich endlich abwandte, um zu telefonieren.

Das hier ist schlimmer als jeder schlimmster Albtraum, ging es Savannah durch den Kopf, während sie Ethans muskulösen Rücken betrachtete. Es war allein ihre Schuld, dass dieser sonst so zurückgezogen lebende Mann auf einmal im Zentrum des öffentlichen Interesses stand. Bestimmt rief er jemanden an, der sie zum Flughafen fahren würde. Das konnte sie ihm nicht verübeln. Sie musste ihn in jeder Hinsicht enttäuscht haben.

Er hingegen übertraf in jeder Hinsicht ihre Erwartungen …

Ethan Alexander in Fleisch und Blut strahlte eine unglaubliche Energie und Macht aus – wie eine Maschine, die ihre Leistungsfähigkeit Adrenalin und Sex verdankte. Zumindest übermittelte ihre überbordende Fantasie ihr dieses verdrehte Bild. Keine Zeitung, kein Fernseher schaffte es, Ethans Größe und seine körperliche Präsenz richtig einzufangen. Doch am meisten überraschte sie, dass schon seine federleichte und eigentlich eher unpersönliche Berührung ausreichte, um ein Feuerwerk in ihrem Innern zu entzünden. Er hatte nur ihren Ellenbogen festgehalten, um ihr den Weg zu weisen, und sein Jackett um ihre Schultern gelegt. Allein das hatte genügt, um Funken ihren Arm entlangschießen zu lassen. Plötzlich verspürte sie ein Kribbeln an Stellen, die definitiv nicht kribbeln sollten.

Ihr Gedankengang wurde durch die junge Physiotherapeutin unterbrochen, die auf sie zutrat und fragte, ob sie helfen könne. „Sie können nichts dafür“, versicherte Savannah der Frau. Sie hoffte, Ethan hörte sie. Sie wollte nicht, dass er einer unbeteiligten Person die Schuld an ihrem Missgeschick gab. „Es lag an meiner Atmung.“

„Was hätten wir erst für ein Problem gehabt, wenn Sie nicht geatmet hätten!“ Die beiden Frauen lachten, dann machte die Therapeutin sich daran, die Sicherheitsnadeln wieder festzustecken. „Und ich bin wirklich froh, dass Sie geatmet haben. Sie singen fantastisch.“

Savannah war sich nie sicher, wie sie auf Komplimente reagieren sollte. In ihren Augen war sie nur ein durchschnittliches Mädchen, das zufällig mit einer überdurchschnittlichen Stimme gesegnet war. Nur hatte sie keine Gebrauchsanweisung bekommen, wie sie mit Erfolg umgehen sollte. „Danke“, sagte sie und machte eine abwehrende Geste.

Aber die junge Frau ergriff ihre Hände und schüttelte sie. „Nein, das dürfen Sie nicht einfach so abtun. Sie waren fantastisch. Alle haben das gesagt.“

Alle? Savannah blickte zu Ethan hinüber, der immer noch telefonierte. Zum Trost zog sie sein Jackett enger um die Schultern. Es war warm und duftete schwach nach Sandelholz. Obwohl ihr die Ärmel bis fast zu den Knien reichten, wurde ihr erst jetzt bewusst, dass auch das Jackett nicht sonderlich viel von ihrem Busen bedeckte. Hastig verschränkte sie die Arme vor der Brust, als Ethan sich jetzt umwandte.

„Okay, fertig“, meldete die Physiotherapeutin. „Allerdings bezweifle ich, dass die Sicherheitsnadeln Miss Ross’ Kleid lange halten werden.“

„Gut, gehen wir“, sagte Ethan knapp, nachdem er der Frau gedankt hatte.

„Wohin?“, fragte Savannah nervös.

„Miss Ross, ich weiß, dass Sie einen Schock erlitten haben, aber überall in dem Gebäude befinden sich Paparazzi“, erklärte Ethan. „Ihre Sachen werden Ihnen nachgeschickt.“

„Nachgeschickt wohin?“

„Kommen Sie bitte einfach mit mir.“

Wohin denn mitkommen?“ Der Gedanke, mit Ethan Alexander irgendwohin zu gehen, ängstigte sie. Er war ein so beeindruckender Mann – und ungeduldig dazu. Allerdings machte ihr die Vorstellung, ihm nicht zu folgen und sich allein den Reportern zu stellen, noch mehr Angst.

„Nach Ihnen“, meinte er und versperrte ihr den Weg, sodass sie nicht mehr zurück konnte.

„Wohin, haben Sie gesagt, gehen wir?“

„Ich habe gar nichts gesagt.“

Allmählich verlor Savannah die Nerven. Mit einem Mann, den sie nicht kannte, würde sie bestimmt nicht zu einem unbekannten Ziel aufbrechen, selbst wenn er ihr Boss war. „Gehen Sie nur. Ich komme schon zurecht. Ich rufe mir ein Taxi.“

„Ich habe Sie nach Rom gebracht. Und solange Sie hier sind, bin ich für Sie verantwortlich. Ganz egal, ob Ihnen das gefällt oder nicht.“

Ihm gefällt es offensichtlich nicht, schoss es ihr durch den Kopf. Was letztendlich zu genau einer einzigen Frage führte. Wollte sie diesen Plattenvertrag oder nicht?

Ihn zu verlieren, konnte sie sich nicht leisten. Sie war nicht nach Rom gekommen, um ihre Karriere zu sabotieren. Auch wenn ihr sein Verhalten nicht gefiel, sie war auf seine Einladung hin hier. Außerdem kannte sie sich in Rom überhaupt nicht aus. Und wenn ihr einziges Interesse darin bestand, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen, könnte er ihr dann nicht dabei helfen?

Sie musste sich beeilen, um zu Ethan aufzuschließen. Unvermittelt blieb er so abrupt stehen, dass sie beinahe gegen ihn geprallt wäre. Sie schaute auf und blickte in ein Gesicht, das von mehr Narben durchzogen war, als sie in Erinnerung hatte. Anstatt jedoch zurückzuschrecken, spürte sie, wie sich in ihrem Herzen ein Gefühl ausbreitete. Fast war es, als dränge etwas Starkes und Mächtiges sie dazu, ihm zu helfen, ihn zu heilen, ihn … zu lieben?

Savannah stöhnte leise auf. Die Situation entglitt ihr zusehends, musste sie sich eingestehen.

„Es ist wichtig, dass wir sofort aufbrechen“, drängte er, als sei sie ein Kleinkind, das zu beaufsichtigen er gezwungen war.

„Ich bin bereit.“ Ruhig hielt sie seinem Blick stand. Jetzt war nicht der Zeitpunkt, falschen Stolz an den Tag zu legen. Sie wollte sich nicht allein den Paparazzi stellen müssen. Bei Ethan war sie sicherer. Manchmal war es eben von Vorteil, einen starken Mann an seiner Seite zu haben.

„Nach Ihnen“, sagte er noch einmal und öffnete eine Tür für sie.

Er sah mehr wie ein dunkelhäutiger Seeräuber denn ein Geschäftsmann aus. Von der animalischen Männlichkeit, die er ausstrahlte, hatte sie sich schon immer angezogen gefühlt. In ihrer Fantasie wimmelte es von Piraten und Cowboys, Raufbolden und Seeleuten – allerdings besaß keiner so sinnliche Lippen wie Ethan.

„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte er ungeduldig, als sie draußen stehen blieb und die Augen mit einer Hand abschirmte.

„Ich halte Ausschau nach einem Taxistand.“

„Einem Taxistand?“, wiederholte er scharf. „Möchten Sie noch mehr Aufregung verursachen? Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Ross, bei mir sind Sie in Sicherheit.“

War sie das wirklich? Zumindest war es ihr Stichwort, zurück ins Gebäude zu flüchten. „Ich finde schon jemanden, der mir ein Taxi rufen kann.“

„Wie Sie wünschen.“

Zu ihrer größten Überraschung ließ Ethan die Tür tatsächlich los und stürmte davon. Trotzig stemmte sie die Tür auf. „Sie lassen mich allein?“

„Das wollten Sie doch, oder?“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu. „Und da Sie meine Hilfe nicht brauchen …“

„Einen Moment.“

„Haben Sie Ihre Meinung geändert?“

Savannah zog es das Herz zusammen, als Ethan sich zu ihr umdrehte. „Nein, aber …“

„Aber was?“ Er ging weiter.

„Ich muss wissen, in welche Richtung der nächste Taxistand liegt. Ich dachte, Sie können mir das vielleicht sagen.“ Wieder verfiel sie in Laufschritt, um mit ihm mitzuhalten, was auf den High Heels nicht gerade einfach war – ganz zu schweigen von den roten Taftbahnen, die sich wie eine heimtückische Schlange um ihre Beine wickelten.

„Suchen Sie sich jemand anderen, der Ihnen hilft!“

„Ethan, bitte!“ Wenn sie ihren Eltern weitere Peinlichkeiten ersparen konnte, hatte sie kein Problem damit, ihren Stolz hinunterzuschlucken. „Können Sie uns wirklich von hier fortbringen, ohne dass die Paparazzi etwas davon mitbekommen?“

Er blieb stehen und wandte sich zu ihr um. „Ob ich uns von hier fortbringen kann?“

In seinen Augen blitzte männliches Selbstvertrauen auf. In diesem Moment, in dem sie doch an tausend andere, weitaus wichtigere Dinge hätte denken sollen, durchfuhr sie eine Woge der Lust. Er besaß die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte. Dunkles Grau, durchzogen von winzigen blauen Sprenkeln, umgeben von beneidenswert langen schwarzen Wimpern.

„Ich bin es leid, auf Sie zu warten, Miss Ross.“

Wieder stürmte er los, doch diesmal ergriff er ihren Arm und zog Savannah mit sich. Überrascht schrie sie auf. „Wohin gehen wir?“

„Zu etwas, das wesentlich schneller ist als ein Taxi“, erwiderte er.

Was meinte er damit? Einen Hubschrauber? Natürlich. Sie hätte es wissen müssen. Als Milliardär würde Ethan wohl kaum ein Taxi rufen, wenn er mit einem Helikopter nach Hause fliegen konnte. „Können wir ein bisschen langsamer gehen?“

„Und die Angelegenheit ausdiskutieren?“, spottete er. „Wir können uns alle Zeit der Welt nehmen, wenn Sie möchten, dass die Paparazzi uns finden.“

„Sie wissen genau, dass ich das nicht will!“ Okay, kein Grund zur Sorge, beruhigte Savannah sich. Sie würden in Ethans Hubschrauber zum Flughafen fliegen. Von dort aus könnte sie die nächste Linienmaschine nach Hause nehmen. Kurz darauf würde Ethan schon wieder auf seinem Platz im Stadion sitzen, während sie nach England und zu ihren hübschen kleinen Fantasien zurückkehrte. Perfekt.

Zumindest war es ein guter Plan, bis plötzlich eine Tür aufflog und Dutzende Reporter hervorsprangen.

„Hier entlang“, befahl Ethan, schob Savannah unsanft durch eine weitere Tür und schob hinter sich den Riegel vor.

Wenn sie ihre flachen Sneaker nicht im Tunnel hätte zurücklassen müssen, wäre sie schneller gewesen. Jetzt aber drohten auch noch die Riemchen ihrer hochhackigen Sandaletten zu reißen.

„Lassen Sie das“, herrschte er sie an, als sie sich vorbeugte, um sie auszuziehen. „Oder, noch besser, brechen Sie die Absätze ab.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Tun Sie doch, was Sie wollen“, knurrte er und griff wieder nach ihrem Arm, um sie eine weitere Treppe hinunterzuzerren. „Und ziehen Sie den Rock hoch, wenn Sie schon dabei sind, bevor Sie noch über den Saum stolpern.“ Er öffnete eine andere Tür, spähte hinaus, ob die Luft rein war, und schubste Savannah nach draußen.

Den Rock hochziehen? Die Fotografen hatten sie bestimmt gleich eingeholt, und wenn das passierte, wollte sie definitiv nicht mit gerafftem Rock erwischt werden.

„Machen Sie schon!“

„Ja, ja“, schrie sie und löste die Schnallen der Riemchen. Ruinieren würde sie die Schuhe, die ihre Mutter für sie gekauft hatte, allerdings nicht. Auch mit Madame de Silvas Kleid würde sie achtsam umgehen. Als sie sich wieder aufrichtete, fiel ihr auf, dass sie Ethan nun kaum mehr bis zur Schulter reichte. Und sie bemerkte, dass Ethan ihre nackten Beine keines Blickes würdigte – darüber hätte sie nicht verärgert sein sollen, doch aus irgendeinem Grund war sie es.

Endlich erreichten sie den Parkplatz. Savannah war völlig außer Atem. „Uns bleibt keine Zeit für so etwas“, fuhr er sie an, als sie innehielt, um ein wenig zu verschnaufen.

Verletzt starrte sie ihn an. Sie kannte diesen Mann nicht. Sie wusste nichts über ihn, außer dass sein Ruf offensichtlich stimmte. Der Bär war ein undurchschaubarer und beeindruckender Mann, der ihr Furcht einflößte. Und jetzt sollte sie ihm an einen unbekannten Ort folgen. „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wohin wir gehen!“

„Dafür ist keine Zeit.“

„Aber es gibt einen Hubschrauber, der auf uns wartet, oder?“

„Ein Hubschrauber?“ Ethan blickte zum Dach empor, wo sich die Landeplattform befand.

Dort oben stand ein Helikopter, sie konnte das Bären-Logo am Heck erkennen. Und sie konnte die Horde Fotografen erkennen, die sich um den Hubschrauber versammelt hatten.

„Eine nützliche Ablenkung“, erklärte Ethan zufrieden.

Eine falsche Fährte, wurde Savannah klar, um die Paparazzi von ihrem eigentlichen Ziel fortzulocken. „Also, was jetzt?“

„Bald können Sie sich ausruhen“, versprach er und ließ einen Schlüssel vor ihrer Nase baumeln.

Sie entspannte sich ein wenig. Selbstverständlich stand auf dem Parkplatz ein Wagen bereit. Zweifellos kutschierte sein Chauffeur sie auf direktem Weg zum Flughafen, dann sammelte der Helikopter Ethan ein und brachte ihn hierher zurück. Sie flog wie gehabt nach Hause. Für diese Lösung hätte sie ihm dankbar sein sollen, trotzdem mahnte sie sich zur Vorsicht. Dies hier war keiner ihrer Tagträume, Ethan kein Held aus einem Märchen. Sie befand sich mitten in der Realität, die mit der abgeschirmten Welt der Konzertsäle oder auch mit der Farm nichts zu tun hatte. Misstrauen und Wachsamkeit waren also angebracht.

„Ziehen Sie das an.“

Sie zuckte zusammen, als Ethan ihr unvermittelt einen Gegenstand vor die Brust hielt. „Was ist das?“, fragte sie verwirrt.

„Ein Helm“, entgegnete er. Ein ironischer Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen. „Setzen Sie ihn auf.“ Als sie nicht sofort reagierte, schüttelte er den Helm ein wenig.

Erst jetzt bemerkte sie das große schwarze Motorrad hinter ihm. Nervös lachte sie auf. „Ich hoffe, das ist nicht Ihr Ernst.“

„Warum nicht?“ Ethan runzelte die Stirn. „Sie haben doch keine Angst, oder?“

„Natürlich nicht“, protestierte Savannah. Hatte sie Angst, auf einem großen, schwarzen, lauten Motorrad an Ethan gepresst zu sitzen?

„Wenn Sie einen besseren Vorschlag haben, Miss Ross …“

Sie beobachtete, wie Ethan seinen Helm auf sein dichtes welliges Haar setzte, und schüttelte stumm den Kopf.

„Also dann.“ Er schwang ein Bein über den Sitz der Maschine. „Steigen Sie auf, oder möchten Sie hierbleiben?“

Unter seinen Jeans zeichneten sich sehr kräftige Beinmuskeln ab, die ihren Blick wie magisch festhielten. „Nein … nein“, bekräftigte sie. „Ich komme mit. Sie raffte den Rock und schaffte es schließlich, sich hinter Ethan zu setzen – was gar nicht so einfach war, ohne ihn zu berühren.“

„Helm?“

Als er den Kopf nach ihr umwandte, kam es Savannah vor, als seien seine Augen noch dunkler geworden. Bestimmt nur eine Lichtspiegelung, dachte sie und versuchte, die schokoladenbraunen Strähnen zu übersehen, die ihm nun in die Stirn fielen und die Narben verdeckten. Verschwunden waren die Narben natürlich nicht – so wie sich hinter der Oberfläche des atemberaubend gut aussehenden Mannes weiterhin eine dunkle Seite verbarg. Ein seltsames Gefühl schlich sich in ihre Magengrube, während sie überlegte, was hinter diesen metallgrauen Augen wirklich vorging.

„Helm“, wiederholte er ungeduldig.

Jäh aus ihren Träumen gerissen, zerrte sie an den Riemen des Kopfschutzes.

„Lassen Sie mich das machen“, bot er an.

Seit sie aus dem Stadion geflohen waren, waren sie einander körperlich nicht mehr so nahe gewesen. Während Ethan sich um den Helm kümmerte, hielt er ihren Blick gefangen. In den wenigen Sekunden, die er für die Aufgabe benötigte, war sie der Energie, die von ihm ausging, hilflos ausgeliefert.

Eine plötzlich auf den Parkplatz stürmende Meute Reporter beendete den Moment äußerst unsanft. Ethan klappte das Visier herunter, drehte sich wieder nach vorne und betätigte den Starthebel des Motorrads. „Festhalten!“, rief er.

Ihr blieb kaum Zeit, seinen Rat zu beherzigen, da hatte er auch schon die Bremse gelöst und Gas gegeben. Die Maschine preschte nach vorne.

Erschrocken schlang Savannah ihre Arme um seinen Leib und klammerte sich, so fest sie konnte, an ihn. Die Wange gegen seinen Rücken gepresst, schloss sie die Augen und vertraute darauf, dass er sie aus diesem Schlamassel rettete. Doch als das Motorrad an Geschwindigkeit gewann, geschah etwas Seltsames. Vielleicht lag es an der konstanten Vibration des Motors oder an dem Gefühl von Ethans starkem Rücken, vielleicht lag es an der simplen Tatsache, dass sie einen echten Adonis, keinen ausgedachten Helden, umarmte – auf jeden Fall ließ ihre Anspannung mehr und mehr nach. Ja, sie konnte die Fahrt sogar genießen. Ein verstohlenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie um eine weitere Kurve schossen. Näher war sie Sex noch nie gekommen.

Sie begriff rasch, wie sie sich in die Kurven legen musste, damit es Ethan leichter fiel, die Balance zu halten. Daran könnte ich mich gewöhnen, dachte sie und atmete, zum ersten Mal seit dem schrecklichen Missgeschick im Stadion, tief durch. Bei Ethan fühlte sie sich geborgen und beschützt. Er vermittelte ihr das Gefühl, in Sicherheit zu sein.

Wenn du nicht gerade Angst vor ihm hast, mischte sie ihre rationale Seite ein.

Sie ignorierte diesen inneren Zwiespalt und widmete sich wieder dem Augenblick – nicht, dass sie eine Entschuldigung brauchte, sich an Ethan zu schmiegen. Als sie den berauschenden Cocktail der vielen Gerüche einatmete, die von einem echten Mann ausgingen, entschied sie, dass ihr vernünftiges Selbst vorerst den Mund halten sollte und sie diesen Feuerstuhl wie eine echte Bikerbraut reiten wollte.

Der Verkehr in den Straßen Roms zwang Ethan, die Geschwindigkeit zu drosseln. Savannah nutzte die Gelegenheit, sich ein bisschen mehr mit seinem Oberkörper vertraut zu machen. Wahrscheinlich blieben ihr ein paar Sekunden, bis Ethans Aufmerksamkeit sich auf seine Beifahrerin richtete. Sie würde das Beste aus dieser kurzen Spanne machen. Sein Körper fühlte sich unter ihren Fingerspitzen wie warmer Stahl an. Sie spürte, wie sich seine Rückenmuskeln unter der Kleidung bewegten. Wieder lächelte sie. Neben ihm kam sie sich so winzig vor. Insgeheim fragte sie sich, was ein Mann wie er sie lehren konnte – nur um ihre erotischen Träumereien gleich wieder in den hintersten Winkel ihres Gehirns zu verbannen – als sich vor ihnen eine Lücke auftat und Ethan Gas gab.

Schließlich bogen sie in einer sehr engen Rechtskurve auf die Risorgimento-Brücke ab. Ihr Knie streifte fast den Boden. Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass sie ihr Leben einem anderen Menschen anvertraute, der nicht zu ihrer unmittelbaren Familie gehörte. Doch unter der italienischen Sonne, nach der Aufregung des Tages und an einen unglaublich gut aussehenden Mann geklammert, schien ihr das gar keine so schlechte Idee zu sein. Wer würde schon mit einem Hubschrauber fliegen wollen, wenn das die Alternative war?

Als Ethan das Motorrad abermals abbremste, fühlte sie sich so sicher, dass sie sich umdrehte, um nach möglichen Verfolgern Ausschau zu halten.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen still sitzen?“

Erschrocken fuhr Savannah zusammen. Ethans Stimme drang laut und herrisch aus einem Kopfhörer, der in ihren Helm eingebaut war. „Halten Sie sich fest.“

„Das tue ich ja“, gab sie zurück.

Nach einer weiteren Rechtskurve lenkte Ethan das Motorrad wieder in Richtung Tiber. Es ging den Fluss entlang bis zu einer weiteren Brücke. Und unter der Brücke, an einem Steg, lag ein Rennboot …

Nein.

Nein!

Savannah schüttelte den Kopf, sie wollte ihren Augen nicht trauen. Das konnte unmöglich die nächste Station ihrer Reise sein. Hatte Ethan etwa deshalb im Stadion so lange telefoniert? Damit alle Fahrzeuge für sie bereitstanden?

„Kommen Sie“, drängte er, kaum dass er das Motorrad geparkt hatte.

Er sah, dass sie mit dem Helmverschluss kämpfte, und öffnete ihn für sie. Als er ihr den Helm über den Kopf zog, streifte er mit einem Finger ihre Wange. Ein Schauer durchlief Savannah. Sie schaute ihm in die Augen. Das war wieder einer jener Momente, in denen Fantasie und Realität nicht mehr zu unterscheiden waren. Aber sah Ethan wirklich mehr in ihr als ein Paket, das er am Flughafen abliefern musste? Die Vorstellung, dass er sie gerade zum ersten Mal als Frau wahrgenommen hatte, hatte etwas Verstörendes an sich. Deshalb wandte sie sich rasch ab und fuhr sich mit zitternden Fingern durch die zerzausten Haare.

Ihr Blick fiel auf die High Heels, die noch immer von ihrem Handgelenk baumelten. Plötzlich musste sie an ihre Mutter denken. Wie hätte sie sich in einer ähnlichen Situation verhalten? Ihre Mutter besaß eine echte Kämpfernatur und machte stets das Beste aus allem. Dasselbe, beschloss Savannah, würde sie auch tun.

„Leisten Sie mir heute noch Gesellschaft?“

Sie schaute auf. Ethan befand sich bereits an Bord des Bootes und löste die Seile, mit denen es am Steg befestigt war. „Kommen Sie endlich her, oder soll ich Sie holen?“

Würde mir das gefallen? fragte sie sich. Laut rief sie jedoch: „Warten Sie auf mich.“

„Aber nicht mehr lange“, versicherte er. „Sie fürchten sich doch nicht vor ein bisschen Schlamm, oder?“

Angst vor Schlamm? Sie war auf einer Farm aufgewachsen! „Glauben Sie, ich bin aus Zucker?“

„Darauf wollen Sie nicht wirklich eine Antwort.“

„Ich bestehe nicht nur aus Taft und Tüll!“ Wütend trat sie mit einem schmutzigen Fuß gegen den Saum des Kleides, als könne sie so ihren Punkt beweisen.

„Was Sie nicht sagen.“ Ethans Tonfall klang spöttisch. Ihr fiel auf, dass sie beide das Kinn auf überaus trotzige Weise vorgestreckt hatten. Rasch senkte sie den Kopf.

„Die Angelegenheit entbehrt nicht einer gewissen Dringlichkeit“, erinnerte Ethan sie. „Paparazzi?“

Und dann setzte das Hupkonzert ein. Den männlichen Fahrern bot sich ein ganz unerwartetes Unterhaltungsprogramm. Sie verlangsamten ihre Autos, kurbelten die Fenster hinunter, pfiffen und riefen begeisterte Kommentare. Weil ich immer noch ein Abendkleid trage, glauben sie wahrscheinlich, ich habe eine wilde Nacht mit einem noch wilderen Mann erlebt, ging es Savannah eingeschüchtert durch den Kopf. Mit einem Mann, der vorhin noch gedroht hatte, zu kommen und sie zu holen. Plötzlich nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. „Bleiben Sie zurück“, warnte sie ihn, als Ethan einige Schritte auf sie zu machte. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht.“

Erleichtert sah sie, wie er die Hände hob, die Handflächen nach außen. Die klassische Geste der Kapitulation. Sie hatte zu viel damit zu tun, sich ihren Weg durch das matschige Terrain zu bahnen, als dass sie Zeit gehabt hätte, auf Ethan zu achten.

Dumm nur, dass sie seine spöttische Miene übersah. Denn in der nächsten Sekunde schwebte sie einen halben Meter über dem Boden und näherte sich rasch dem Boot. „Lassen Sie mich sofort runter!“

Ethan ignorierte sie einfach. „Ich kann mein Leben nicht mit Ihrer Geschwindigkeit leben, Lady. Wenn Sie länger in meiner Gegenwart bleiben möchten, müssen Sie lernen, schneller zu reagieren.“

Sie hegte nicht den Wunsch, wesentlich länger in seiner Gegenwart zu verweilen als unbedingt nötig. Allerdings … in Ethans Armen zu liegen, an seinen starken warmen Körper geschmiegt, einen Körper, der nur aus harten Muskeln zu bestehen schien … „Bitte lassen Sie mich runter“, murmelte sie und hoffte, er würde sie nicht hören.

Und tatsächlich ging er nicht darauf ein. Ethan trug sie bis zum Boot und setzte sie auf dem Deck ab. Dann musterte er sie ernst. „Die Jagd ist noch nicht vorbei“, meinte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und ich habe nicht die Absicht, aufzugeben oder mich von irgendjemand aufhalten zu lassen. Ist das klar?“

„Völlig.“

„Gut.“

Savannah fuhr sich mit den Händen über die Stellen an ihren Armen, wo Ethan sie festgehalten hatte. Ihre Haut prickelte noch immer von der Berührung.

„Also, Miss Ross, sollen wir mit dem Boot über den Fluss fahren?“

„Tun wir, was auch immer notwendig ist“, stimmte sie zu.

„Dann werde ich jetzt die Haltetaue lösen“, erklärte er. „Können Sie die Seile auffangen, wenn ich sie Ihnen zuwerfe?“

Ob sie ein Seil fangen konnte? In seinen Augen bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen, dachte sie traurig und stieß ein verärgertes Schnauben aus. Ethan Einschätzung war absolut falsch. „Meine Hände sind zwar kleiner als Ihre, aber meine Daumen sitzen einander durchaus gegenüber.“

War das ein Lächeln? Zu spät, Ethan hatte sich bereits umgedreht.

„Wenn das so ist, fangen Sie!“

Er wandte sich so schnell wieder zu ihr um, dass sie das Seil beinahe fallen gelassen hätte. Es war schwerer, als sie angenommen hatte. Sie taumelte ein wenig unter dem Gewicht.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte Ethan, als er wieder an Bord sprang.

„Bestens“, log sie.

„Jetzt wickeln Sie es auf“, wies er sie an und deutete auf eine Ecke, wo sie das Seil nach getaner Arbeit verstauen sollte.

„Okay.“ Damit würde sie fertig. In Wirklichkeit genoss sie sogar das Gefühl des rauen Seils an ihren Fingern. Und ihr gefiel Ethans widerwillig bewundernder Gesichtsausdruck. Jetzt blieb nur noch eine Sache, die sie in Ordnung bringen musste. Um mit einem Rennboot über den Tiber zu rasen, trug Ethan durchaus die passende Kleidung. Sie nicht. „Haben Sie vielleicht einen Pullover, den Sie mir leihen könnten?“

„Ich werde sehen, was ich tun kann. Irgendwo muss noch ein altes Hemd liegen.“

Er ging an ihr vorbei, wobei er unabsichtlich ihre Brüste streifte. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Hitze breitete sich tief in ihrem Inneren aus, und ihre Knospen verhärteten sich. Genau in diesem Moment begann ein weiteres Hupkonzert. Konnte sie es den Fahrern verdenken? Der Anblick einer jungen Frau in einem offensichtlich viel zu engen Abendkleid an Bord eines teuren Bootes, in Begleitung eines einflussreichen Mannes, sorgte natürlich für Aufregung. Warum nur nahm Ethan überhaupt keine Notiz von ihr?

„Was ist los?“, fragte er. Dann bemerkte er die vielen Autos auf der Straße hinter ihnen. Ein eisiger Blick reichte aus, um den Verkehrsstau aufzulösen. „Reicht Ihnen das?“ Er warf ihr ein zusammengeknülltes Bündel zu.

Das Hemd mochte ihr ungefähr zwanzig Nummern zu groß sein, aber da es das einzige Kleidungsstück an Bord zu sein schien, würde sie sich damit begnügen müssen. Außerdem haftete Ethans Duft in dem Stoff. „Perfekt. Danke.“ Sie schlüpfte hinein, das Hemd reichte ihr bis zu den Knien. Aber zumindest war sie nun anständig bedeckt. Sie schloss die obersten Knöpfe und atmete Ethans Duft ein. Ein glückliches Lächeln erschien auf ihren Lippen – das erste an diesem Tag.

Der Anblick von Savannah in seinem Hemd erstaunte ihn. Sie sah … hinreißend aus. Tatsächlich sah sie genauso aus, wie er es sich nach einer heißen leidenschaftlichen Nacht vorgestellt hatte. Die Haare zerzaust, das Make-up ein wenig verwischt, was ihre Augen in dem herzförmigen Gesicht noch größer wirken ließ. Ihre Lippen waren gerötet, als habe er sie viele Stunden stürmisch geküsst.

Natürlich war ihr sein Hemd viel zu groß. Auch das Wissen, was sie darunter trug, half nicht gerade dabei, sein seelisches Gleichgewicht endlich wiederzufinden.

Warum nur musste er sie jetzt anstarren? Auf dem Spielfeld hatte er sie nicht halb so interessant gefunden. Aber jetzt? Jetzt fiel es ihm ungemein schwer, den Blick abzuwenden.

Schuldbewusst verspannte Savannah sich unter Ethans kritischem Blick. Was ging ihm durch den Kopf? Hielt er sie für eine dicke, chaotische Person? Ein nerviges Ärgernis? Dumm wie ein Schaf? Bevor ihre Fantasie noch weitere, wenig schmeichelhafte Beschreibungen ersinnen konnte, ließ sie sich auf einen Sitz fallen. „Ich mach ja schon“, versicherte sie, als Ethan auf den Sicherheitsgurt wies.

Das verflixte Ding klemmte. Und nun warf Ethan ihr auch noch diesen überheblichen Blick zu, den sie auf den Tod nicht ausstehen konnte.

„Anscheinend übersteigt die Technik meine Fähigkeiten“, gab sie verdrießlich zu. Vielleicht weil ihre Hände zitterten, seit sie ihn Ethans Nähe war?

„Soll ich den Sicherheitsgurt für Sie anlegen?“, fragte er mit vollendeter Höflichkeit.

Als er sich vorbeugte, um den Haken ins Schloss einrasten zu lassen, fühlte sich Savannah, als spiele sie mit dem Feuer. Ethans Kopf befand sich unmittelbar vor ihrer Nase. Sein Haar wirkte so dicht und glänzend, am liebsten wäre sie mit beiden Händen hindurchgefahren. Und er roch so gut. Seine Berührungen waren so sicher, so … enttäuschend flink. Sie schaute nach unten. Der Gurt war geschlossen. „Das war alles?“

„Hätten Sie denn gerne mehr gehabt?“

„Nein, danke“, erwiderte sie rasch und beschäftigte sich mit ihrer zerzausten Frisur, um seinem viel zu direkten Blick auszuweichen.

„Ist Ihnen auch warm genug?“, fragte er besorgt und richtete das Hemd, das ihr halb über die Schulter gerutscht war. „Auf dem Fluss kann es kalt werden.“

Oder sehr heiß! „Alles in Ordnung, vielen Dank.“ Jedes einzelne ihrer Nackenhärchen hatte sich bei der flüchtigen Berührung aufgerichtet. Es fiel ihr unglaublich schwer, nicht Ethans atemberaubend sexy Mund anzustarren. Irgendwie musste sie es schaffen, den Rest der Bootsfahrt unerschütterlich geradeaus zu schauen.

3. KAPITEL

„Was tun Sie denn jetzt schon wieder?“, fragte Ethan wütend. Gerade hatte er den Gashebel betätigen wollen, damit sie endlich ablegten. Und genau diesen Moment suchte Savannah sich aus, um den Gurt wieder zu lösen.

„Ich rufe meine Eltern an.“

„Sie rufen wen an?“ Ihm fehlten die Worte. „Aber doch nicht jetzt!“, schrie er laut, um den Motorenlärm zu übertönen.

„Sie machen sich bestimmt Sorgen um mich.“

Dass Menschen sich umeinander sorgten, war ihm so fremd, dass er tatsächlich einige Sekunden brauchte, bis ihm eine Antwort einfiel. „Setzen Sie sich, Savannah, und legen Sie den Gurt an. Sie können später mit ihnen sprechen.“

Zögernd erklärte sie sich einverstanden, doch ihre Angst entging ihm keineswegs. Wie schon auf dem Spielfeld weckte ihr Gesichtsausdruck in ihm den Wunsch, sie zu beschützen – ja, er war sogar noch stärker geworden. Sein ursprünglicher Entschluss, sich distanziert und reserviert zu verhalten, weil sie im Gegensatz zu ihm jung und unschuldig war, verblasste zunehmend. „Ich rede mit ihnen“, beschwichtigte er sie.

Sie hatte recht. Nach diesem katastrophalen Auftritt, der auch noch im Fernsehen live übertragen worden war, mussten ihre Eltern überaus besorgt um ihre Tochter sein. „Anschließend können Sie mit ihnen sprechen“, fuhr er in versöhnlicherem Tonfall fort. „Aber jetzt setzen Sie sich bitte wieder.“

Er schaute zu, wie sie den Gurt anlegte, bevor er den Gashebel zog. Es amüsierte ihn zu sehen, dass sie sein Hemd so weit wie möglich über ihre Beine gezogen hatte, als müsse sie jede Stelle ihres Körpers bedecken und vor seinen Blicken verstecken. Im Grunde verstand er ihr Verhalten. Auf der Geschlechterskala rangierten sie an gegenüberliegenden Polen. Er war ein echter Mann, sie eine reizende Ablenkung. Ethan richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Fluss und gab Gas.

„Das ist ja super!“, rief sie aufgeregt, als das Rennboot schneller wurde und sich mit dem Bug über die Wellen hob.

Endlich entspannte sie sich – worüber er sich aufrichtig freute. Er erlaubte sich sogar ein kleines Lächeln, als er an ihre Bemerkung über ihre Daumen zurückdachte. An dieser Miss Ross war weit mehr, als die Umstände ihrer Begegnung auf den ersten Blick vermuten ließen.

Was genau das war, würde ein anderer Mann herausfinden dürfen, überlegte er weiter. Er stellte sich nur als Taxidienst zur Verfügung, der Savannah so rasch wie möglich aus der Gefahrenzone brachte.

Ich bin nur hier, weil mir keine andere Möglichkeit geblieben ist, versicherte Savannah sich ein ums andere Mal, während das Rennboot den Fluss entlangschoss. Sie war froh, dass es ihr gelungen war, das Seil aufzufangen. So hatte sie Ethan beweisen können, dass sie nicht völlig nutzlos war. Nach dem Desaster im Stadion brauchte sie dringend ein Erfolgserlebnis.

Sie legte eine Hand hinter ihr Ohr, um zu verstehen, was Ethan ihr zurief. Der Fahrtwind und das laute Motorengeräusch übertönten fast seine Worte.

„Werden Sie leicht seekrank?“

„Auf einem Fluss?“, schrie sie zurück. Ihre Antwort brachte ihr einen schiefen Blick ein, der ihr das Blut in die Wangen trieb. Er mochte sich noch so ernst und streng verhalten, sie war immer noch der Meinung, er besaß die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte. Und irgendwo in diesen grauen Tiefen lag auch Humor verborgen. Es war an ihr, ihn hervorzukitzeln. Vorerst jedoch … um seinem intensiven Blick zu entkommen, senkte sie den Kopf, schlüpfte in ihre High Heels und fädelte die Riemchen durch die Schnallen.

„Auf dem Boot können Sie keine hochhackigen Schuhe anziehen.“

Savannah blickte ihn irritiert an. „Aber meine Füße sind ganz schmutzig. Sie wollen ja wohl auch nicht, dass ich Ihr makelloses Deck dreckig mache.“

„Ich will Ihre Füße überhaupt nicht in meiner Nähe haben“, versicherte Ethan ihr, weshalb aus irgendeinem Grund vor ihrem geistigen Auge das Bild aufflackerte, wie sie mit einem Zeh Ethans muskulöses Bein entlangfuhr, während sich ihre nackten Körper auf einem weißen Laken wanden.

Sie schluckte trocken und verstaute die Schuhe unter ihrem Sitz. Wenn sie doch nur gewusst hätte, wie man flirtet …

Flirten? Glücklicherweise erhielt sie gar nicht erst die Gelegenheit dazu, denn in diesem Moment wandte Ethan sich um und blickte über ihre Schulter hinweg nach hinten. Bestimmt glaubte er, sie würden immer noch verfolgt. So leicht würden die Paparazzi nicht aufgeben. Doch mit ihm am Steuer fühlte sie sich sicher. Der Anblick seiner aufgekrempelten Ärmel, unter denen starke Armmuskeln zum Vorschein kamen, erfüllte sie mit Zuversicht … und zauberte Schmetterlinge in ihren Bauch. Anscheinend gab es eine direkte Verbindung von seinen Muskeln zu ihrer ausgetrockneten Kehle und weiter zu einer Stelle tief in ihrem Inneren, über die sie lieber nicht nachdachte.

Hatte sie jetzt völlig den Verstand verloren?

Mit jeder Meile, die sie zurücklegten, ließ sie auch die Welt, die sie kannte, weiter hinter sich. Als der Bug des Bootes sich über eine besonders hohe Welle hob und ihr die aufspritzende Gischt ins Gesicht peitschte, konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie geradewegs auf dem Weg in ihr Verderben war.

Es gab viele Dinge, auf die er in seinem Leben verzichten konnte. Und diese süße Sängerin in dem übergroßen Hemd stand ganz oben auf der Liste. Aber Savannah konnte auch temperamentvoll sein. Falls nötig, verstand sie es, spitze Antworten zu geben. Seltsamerweise empfand er diese Fähigkeit nicht als ärgerlich. Im Gegenteil, sie gefiel ihm.

Verstohlen sah er sich zu ihr um. Gerade betrachtete sie ihre schmutzigen Füße. Zweifellos war ihre Pediküre restlos ruiniert. Als spürte sie sein Interesse, schaute sie auf. Eigentlich hätte er froh sein sollen, dass der Motorenlärm eine längere Unterhaltung unmöglich machte. Er war nicht der Typ für Small Talk; dafür lebte er schon zu lange allein. Seine Leidenschaft galt Rugby, einer der härtesten Kontaktsportarten überhaupt. Diese Liebe sagte viel über ihn aus. Nicht umsonst schloss er seine Geschäfte am liebsten auf seinen Baustellen ab, auf denen Geschäftsleute wieder zu echten Männern wurden.

Sein Spitzname, der Bär, war wohlverdient. Der Unterschied zwischen ihm und Savannah hätte nicht größer sein können. Die Einzige, was sie verband, war die Liebe zur Musik. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung auf dem Wasser. Abrupt drehte er das Steuer nach rechts, um einigen Kindern auszuweichen, die mit ihrem Schlauchboot im Fluss planschten. Es überraschte ihn, dass sein Körper sofort reagierte, als Savannah nach seinem Arm griff, um nicht das Gleichgewicht während dieses unerwarteten Manövers zu verlieren.

„Entschuldigung“, rief sie und zog ihre Hand zurück, als habe sie sich verbrannt.

Dabei war er derjenige, der Feuer gefangen hatte. Savannah ließ seine Libido verrückt spielen – denn anstatt sie anzuherrschen, sie solle still sitzen, bremste er das Boot ab, um sich zu erkundigen, ob es ihr gut ging.

„Jetzt schon“, erwiderte sie. Dann schauten sie beide nach links, um nach den Kindern zu sehen.

Ihre Blicke trafen sich kurz. Dabei fiel ihm die unglaubliche Offenheit in ihren Augen auf. Ihre Aufrichtigkeit wärmte ihn. Er sehnte sich danach, mehr von diesem Gefühl zu empfinden. Er brauchte Unschuld um sich. Doch die, rief er sich ins Gedächtnis, würde er nur ruinieren. Aber er hatte Savannah keine Angst machen wollen. Es würde nicht schaden, sie ein wenig zu beruhigen.

„Sie sind gar kein so böser Kerl, oder?“, entgegnete sie zu seiner Überraschung.

Trotz aller Selbstbeherrschung konnte er nicht verhindern, dass seine Mundwinkel zuckten, als er die Achseln hob. Es war, als sähe sie in ihm etwas anderes als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Er lächelte. Ethan konnte nicht anders. Er wandte sich ab. Doch er wusste, dass auch sie lächelte.

Die so plötzlich aufgeflammte weiche Seite verflüchtigte sich rasch wieder und wurde durch die kalte Analyse von Fakten ersetzt. Konnte er diese Art Ablenkung in seinem Leben gebrauchen? Savannah war noch sehr jung und musste erst erwachsen werden. Wollte er, dass die Welt wieder auf ihn aufmerksam wurde, wenn er doch so lange jede Publicity erfolgreich vermieden hatte? Zu dem Rugbyspiel war er nur gegangen, um seine Freunde in der englischen Mannschaft zu unterstützen. Sie sollten im Zentrum des Interesses stehen, nicht er. Er verspürte einen seltsamen Stich und identifizierte ihn als Eifersucht. Die Tage, in denen er gehofft hatte, für England zu spielen, waren noch nicht so lange her. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht ändern.

Seit damals hatte er gelernt, die Realität zu akzeptieren und einen anderen Weg einzuschlagen. Doch die Tatsachen blieben: Die Verletzungen, die er erlitten hatte, als er von der Gang brutal zusammengeschlagen worden war, waren so schwerwiegend, dass die Sportärzte sich weigerten, die Dokumente zu unterzeichnen, mit denen seine Spielfähigkeit bescheinigt wurde. So hatte seine Karriere ein jähes und abruptes Ende gefunden.

Jedoch trug nicht Savannah die Schuld daran. Auch wenn er sich zu ihr hingezogen fühlte, würde er sie nicht durch seine negativen Erfahrungen verderben. Besser er kämpfte gegen seine Gefühle an. Manche mochten behaupten, er brauche eine Frau wie Savannah, die seine Qual milderte. Aber umgekehrt wusste er, dass das Letzte, was Savannah in ihrem Leben brauchte, ein Mann wie er war.

„Es tut mir leid, dass Sie das Spiel versäumen, Ethan.“

Sie waren an eine Stelle gelangt, an der der Tiber ruhiger dahinfloss. Er schaltete den Motor aus. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich schaue es mir später im Fernsehen an.“

„Aber auf dem Bildschirm können Sie die ganz besondere Atmosphäre im Stadion nicht spüren.“

Oder die Enttäuschung bei einem verlorenen Punkt, die Freude bei einem Tor … Ja, er wusste, was sie meinte. Doch es überraschte ihn, dass Savannah davon sprach. „Ist schon in Ordnung.“

„Nein, ist es nicht“, gab sie zurück und schnitt eine Grimasse, was ihn nur denken ließ, wie hübsch sie doch war. „Ohne mich wären Sie jetzt noch immer dort.“

Er erwiderte nichts. Es behagte ihm nicht, wenn Menschen ihm nahe kamen. Er war ein Bär, der seine Wunden im Verborgenen leckte. In ihm tobten Verbitterung und ungelöste Konflikte, die er mit niemandem teilen wollte – am Allerwenigsten mit einer unschuldigen jungen Frau wie Savannah.

„England spielen zu sehen, muss für Sie Leidenschaft und Qual zugleich bedeuten.“

Warum konnte sie das Thema nicht endlich fallen lassen?

„Vielleicht“, stimmte er zu. Er wusste, dass sie ihn nicht verletzen, sondern sich nur unterhalten wollte. Es war allgemein bekannt, dass seine Rückenverletzung seine Karriere beendet hatte. Inzwischen war sie so gut verheilt, dass er wieder alle Bewegungen ausführen konnte, ja sogar zu joggen war möglich. Aber einen weiteren Schlag riskieren, von einem Spieler auf dem Feld zu Fall gebracht werden …

„Sie können mich hier aussteigen lassen, wenn Sie mögen.“

Sein Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm, der auf den Landungssteg deutete. „Ich könnte Sie schwimmen lassen, das würde noch mehr Zeit sparen.“

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Das gefiel ihm. Ihm war klar, dass er anlegen und ihr ein Taxi rufen sollte, das sie zum Flughafen brachte. Er sollte sie gehen lassen.

Doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Plötzlich war lauter Motorenlärm zu hören. Der Hubschrauber der Paparazzi befand sich immer noch ein gutes Stück entfernt, doch er kam schnell näher. Ihm blieb keine Zeit mehr. Ethan drückte aufs Gas.

„Haben sie uns gefunden?“, schrie sie.

Oh, ja. Die Jagd ging weiter. Und unter gar keinen Umständen würde er zulassen, dass man sie einfing. „Ja, sie haben uns gefunden“, entgegnete er grimmig. „Festhalten!“

Bislang war Savannah nervös gewesen, jetzt hatte sie wirklich Angst. Es war eine Sache, ein mutiges Gesicht zu machen, wenn alles gut lief. Aber der bedrohlich wirkende Hubschrauber der Paparazzi am Horizont würde bald ein Bild in die Welt hinaussenden, das die Wahrheit auf perverse und sensationslüsterne Weise verkehrte.

Wie um auch noch Öl auf die Flammen zu gießen, musste sie sich bei dieser Geschwindigkeit an Ethan festklammern. Er kam ihr wie der einzige feste Punkt vor, während das zu einer Nussschale geschrumpfte Boot über die Wellen hüpfte und tanzte, als sei es den Elementen hilflos ausgeliefert.

Für Ethan war nichts wie geplant verlaufen, seit sie in Rom aufgetaucht war, schoss es Savannah schuldbewusst durch den Kopf. Doch obwohl er sie kaum kannte, hatte er nicht gezögert, ihr beizustehen. Insgeheim fragte er sich bestimmt, was er eigentlich getan hatte, um so viel Ärger zu verdienen.

Als eine besonders steile Welle das Boot beinahe aus dem Gleichgewicht warf, legte Ethan schützend einen Arm um Savannahs Schultern. Anfangs versteifte sie sich, dann entspannte sie sich wieder. Ethan hatte keine Ahnung, wie sehr sein Beschützerinstinkt sie rührte. Da die Berührung von einem so auf Distanz bedachten Mann wie ihm kam, besaß sie dieselbe Wirkung, wie ein leidenschaftlicher Kuss. Nur allzu leicht hätte sie sich an diese Nähe gewöhnen können.

Bald jedoch würden sie den Flughafen erreichen. Sie würde nach Hause fliegen und Ethan als unbedeutendes Ärgernis im Gedächtnis bleiben. Aber zumindest vergrößerte sich der Abstand zu dem Helikopter. „Treibstoffmangel?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Ich denke, Sie sehen das etwas zu optimistisch“, entgegnete Ethan. „Ich schätze, sie haben die Bilder bekommen, die sie haben wollten. Damit ist ihre Arbeit erledigt.“

„Wie können Sie so ruhig darüber sprechen? Kümmert es Sie denn gar nicht?“

„Ich verschwende keine Zeit, Dinge zu bedauern, die ich nicht ändern kann.“

„Aber die haben Ihre Privatsphäre verletzt. Wollen Sie nicht dagegen vorgehen?“

Ihr Herz tat einen kleinen Sprung, als ein feines Lächeln Ethans Mundwinkel zucken ließ. „Ich hoffe, Sie schlagen nicht vor, ich soll die Pressefreiheit angreifen?“

„Natürlich nicht, aber …“

„Aber?“, drängte er.

„Meine Eltern werden sich Sorgen machen. Was ist, wenn die Presse gerade in diesem Moment an ihre Tür klopft? Ethan, ich muss sie anrufen.“

Ihm wollte niemand auf der Welt einfallen, der in einer solchen Situation einen internationalen Anruf tätigen wollte, aber Savannah, hatte er nun schon mehrfach feststellen müssen, dachte immer zuerst an andere. Insgeheim beneidete er sie um die anscheinend ausgesprochen liebevolle Beziehung zu ihren Eltern. Niemals würde er sich diesem Band in den Weg stellen. „Ich spreche mit ihnen und beruhige sie, dann können Sie mit ihnen reden“, schlug er vor.

„Würden Sie das wirklich tun?“

Ihre Erleichterung schien so groß! Er verfluchte sich, den Anruf nicht schon früher erledigt zu haben. „Nummer?“

Sie nannte die Ziffern, die er in sein Handy tippte.

„Das hätten sie nicht zu tun brauchen“, sagte sie einige Minuten später, nachdem sie das Gespräch mit ihrer Mutter beendet hatte.

„Ich wollte es aber“, gab er zu. „Es war richtig, sie anzurufen.“

„Das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Kein Problem“, wich er aus und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Boot. „Ich habe nur gesagt, dass meine Anwälte sich um jeden aufdringlichen Reporter kümmern werden, und Ihren Eltern versichert, dass Sie hier bei mir in Sicherheit sind.“

„Sie haben ihnen Ihre Privatnummer gegeben.“

„Wie sollten sie mich sonst anrufen?“

„Vielen Dank“, sagte sie aufrichtig.

„Ihre Mutter schien ganz beruhigt zu sein“, meinte er und entspannte sich ein wenig. Seine Belohnung bestand in einem umwerfenden Lächeln von Savannah.

Mum macht sich keine Sorgen mehr, dachte Savannah erleichtert. Ihre romantisch veranlagte Mutter hegte insgeheim eine Schwäche für starke Männer – auch wenn sie sie auf dem Cover eines Romans oder auf der Kinoleinwand bevorzugte: Auf ihren wundervollen Ehemann ließ sie nichts kommen. Sie fragte sich, ob ihre Mutter auch so ruhig reagiert hätte, wenn sie Ethan in Fleisch und Blut gesehen hätte.

„Ich muss noch ein Telefonat führen“, meinte Ethan und wandte sich ab.

Im Profil waren seine Narben noch deutlicher zu erkennen. Wieder erschreckte es sie zutiefst, dass ein Mensch einem anderen so etwas antun konnte. Bestimmt war nicht ein Einzelner dafür verantwortlich. Eine Gang vielleicht? Ethan war groß, stark und fitter als die meisten anderen Männer. Welche Gruppe von halbstarken Idioten hatte es gewagt, ihn anzugreifen?

Nein, viel wahrscheinlicher waren bezahlte Schläger. Ein ungeplanter Angriff würde keine so schwerwiegenden Verletzungen nach sich ziehen. Aber wer würde Kerle anheuern, die Ethan so brutal zusammenschlugen, dass er beinahe sein Leben verlor? Im Profirugby ging es zwar hoch her, aber … Auftragsmorde?

Savannah fragte sich, ob die Person, die Ethan seine äußeren Verletzungen zugefügt hatte, auch für die Dunkelheit in seinen Augen verantwortlich war. Wenn ja, dann hatte Ethan nicht nur Narben auf seinem Körper davongetragen, sondern auch tiefe Wunden an seiner Seele erlitten.

„Fahren wir zum Flughafen?“, fragte sie Ethan, der mittlerweile sein Gespräch beendet hatte und das Boot auf einen ruhigeren Nebenfluss des Tibers zusteuerte.

„Zuerst zum Flughafen, dann zu meinem Haus in der Toskana – nur bis der Sturm sich gelegt hat.“

„In die Toskana?“

„Es sei denn, Sie möchten sich doch der Presse stellen.“

Seine Worte versetzten ihr einen Stich. Für wie kindisch hielt er sie? Andere Frauen würden einander die Augen auskratzen, um an ihrer Stelle zu sein. Warum schreckte die Aussicht sie so, noch eine Weile in seiner Nähe zu sein? „Das will ich nicht“, gestand sie. „Aber ich habe Ihnen schon so viel zugemutet.“

„Dann wird ein bisschen mehr davon mich auch nicht umbringen“, entgegnete er trocken.

Sein mangelnder Enthusiasmus mochte nicht zu ihren Fantasien passen, doch ihr war klar, dass Ethans Vorschlag eine vernünftige Lösung darstellte. Und ein Haus in der Toskana klang so romantisch! „Sind Sie sicher, dass es nicht besser wäre, wenn ich zurück nach England fliege?“

„Wenn Sie das tun, kann ich nur noch eingeschränkt für Ihre Sicherheit garantieren. Es würde einige Zeit in Anspruch nehmen, dort dieselben Vorkehrungen wie hier zu treffen. Deshalb habe ich auch schon geeignete Maßnahmen für Ihre Eltern in die Wege geleitet.“

„Maßnahmen? Was für Maßnahmen?“, fragte Savannah ängstlich.

„Ich denke, eine kleine Kreuzfahrt ist genau das Richtige, um sie den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen.“

„Eine Kreuzfahrt?“ Sie rang nach Luft. „Ist das Ihr Ernst?“

„Warum nicht? Etwas Besseres ist mir nicht eingefallen“, erwiderte er, als sei es für ihn nichts Ungewöhnliches, einen kostspieligen Urlaub für andere Menschen zu buchen.

Unwillkürlich breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihren Lippen aus. „Sie haben keine Ahnung, wie glücklich sie das machen wird. Ich kann mich nicht erinnern, wann sie die Farm das letzte Mal verlassen haben.“

„Die Farm?“

„Ich lebe auf einer Farm.“ Aufgeregt schüttelte sie den Kopf. „Haben Sie nicht meine Adresse auf dem Plattenvertrag gesehen?“

„Viele Anschriften beinhalten das Wort Farm. Das heißt gar nichts.“

„Nun, in meinem Fall schon“, versicherte sie ihm ernst.

„Dann freut es mich umso mehr, dass ich mit meiner Idee ins Schwarze getroffen habe.“

„Oh, das haben Sie“, entgegnete sie gerührt und erinnerte sich an die vielen Male zurück, wenn sie sich gewünscht hatte, sie könne ihre erschöpften Eltern für eine kleine Pause in die Ferien schicken. Aber dafür hatte sie nie das nötige Kleingeld besessen. „Vielen, vielen Dank.“

Ethan machte eine abwehrende Geste, wie Savannah es vorausgesehen hatte. Trotzdem war sie der Meinung, er verdiene es, die ganze Geschichte zu erfahren. Also erzählte sie ihm von der Verzweiflung ihrer Eltern, als ihre geliebte Herde der Maul- und Klauenseuche zum Opfer gefallen war und geschlachtet werden musste – Kühe, denen sie sogar Namen gegeben hatten.

„Das muss ihnen sehr wehgetan haben“, sagte Ethan und musterte Savannah aufmerksam. „Und damit meine ich nicht nur die finanzielle Seite.“

Es war ein selten intensiver Moment. Doch Ethan gab ihr kaum die Gelegenheit, ihn zu genießen, sondern wandte sich wieder der praktischen Seite ihrer Flucht zu. Er behandelt Gefühle wie einen Feind, der unablässig bekämpft werden musste, ging es Savannah durch den Kopf. Ethan erklärte ihr gerade, dass ihre Koffer vielleicht schon vor ihnen im Palazzo ankamen.

„Einen Augenblick“, unterbrach sie ihn. „Sagten Sie, in einem Palazzo?“

„In der Toskana gibt es viele Palazzos“, wischte er ihre Überraschung beiseite. Erst als Savannah ihn weiterhin ungläubig anstarrte, erklärte er: „Okay, es ist schon ein sehr schöner kleiner Palast.“

„Sie müssen ein sehr glücklicher Mann sein.“

Bedachte er das traurige Schicksal, das ihre Eltern heimgesucht hatte, stimmte das wahrscheinlich, überlegte Ethan.

„Erzählen Sie mir von dem Palazzo.“

„Später“, murmelte er und wandte sich ab. Erleichtert sah er, dass sein Fahrer bereits am Landungssteg wartete. „Erst legen wir ...

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