Logo weiterlesen.de
ROMANA EXKLUSIV BAND 263

IMAGE

Im Strandhaus der Sehnsucht

1. KAPITEL

„Nicht schon wieder!“ Kain Gerard blickte seine Tante liebevoll und zugleich nachsichtig an.

„Es ist nicht Brents Schuld! Er ist nur …“, begann sie leicht beleidigt.

„Er ist ein Dummkopf, was Frauen betrifft“, unterbrach Kain sie. „Er verliebt sich immer in die falsche Frau, überhäuft sie mit Geschenken und verspricht ihr ewige Liebe. Wenig später merkt er, dass er nichts mit ihr gemeinsam hat. Also trennt er sich, und sie hat nichts Besseres zu tun, als sich an die Medien zu wenden, um Kapital aus der Sache zu schlagen.“

„Er ist eben leicht zu begeistern“, verteidigte Amanda Gerard ihren Sohn zaghaft. „Er weiß noch nicht, was er wirklich will.“

Kain zog die Augenbrauen hoch. „So? Ich bin der Meinung, das weiß er sehr genau.“ Sein Cousin bevorzugte eindeutig langbeinige Frauen mit üppigen Brüsten und verführerischen Lippen, alles andere war eher unwichtig. „Weshalb machst du dir eigentlich Gedanken? Seine Affären sind doch immer nur von kurzer Dauer.“

„Kain, vergiss nicht, er hat gerade seine Internetfirma für mehr als zwanzig Millionen Dollar verkauft, darüber wurde in den Medien ausführlich berichtet.“ Sie zögerte kurz, ehe sie hastig fortfuhr: „Diese Frau entspricht ganz und gar nicht seinem Typ. Sie ist nicht nur älter als er, sie kommt auch nicht aus der Modelszene oder dergleichen.“

„Du meinst also, sie interessiert sich wirklich nur für sein vieles Geld?“

„Brent ist für seinen großzügigen Umgang mit Geld bekannt“, erinnerte Amanda ihn.

„Gibt es denn irgendwelche konkreten Hinweise dafür, dass sie es auf sein Geld abgesehen hat?“

Obwohl Kain über eine brillante Intelligenz verfügte und ein unglaublich erfolgreicher Unternehmer war, kam er seiner Tante nicht zum ersten Mal sehr wirklichkeitsfremd vor. Dabei war er mit seiner Größe von eins fünfundachtzig, seinen breiten Schultern, dem muskulösen Körper, den geschmeidigen Bewegungen und der faszinierenden Ausstrahlung ein Traummann, der mit beiden Beinen auf der Erde stand.

Brent war ebenfalls ein gut aussehender Mann, aber sogar Amanda, die ihren Sohn geradezu abgöttisch liebte, gestand sich insgeheim ein, dass er seinem Cousin nicht das Wasser reichen konnte.

„Hier“, sagte sie und reichte ihrem Neffen ein Foto.

Aufmerksam betrachtete er es. „Sie sieht wirklich ganz anders aus als Brents bisherige Freundinnen. Wie heißt sie?“

„Sable Jane Martin.“

„Sable? Das ist doch kein Vorname.“

Seine Tante zuckte nur die Schultern. „Wie auch immer. Sie ist mindestens fünf Jahre älter als Brent. Immerhin klammert sie sich nicht an ihn wie eine Ertrinkende und wirft ihm auch keine schmachtenden Blicke zu. Aber wenn er von ihr erzählt, gerät er ins Schwärmen.“

„Und wo ist das Problem?“ Kain liebte seine Tante sehr, sie hatte ihn nach dem Tod seiner Eltern großgezogen, doch dass sie ihren einzigen Sohn ständig behüten und beschützen wollte, als wäre er ein kleines Kind, missfiel ihm.

Natürlich gab er sich keinen Illusionen hin, was seinen Cousin betraf. Brent war ein verwöhnter junger Mann. Mit seinem guten Aussehen und seiner offenen, sympathischen Art lagen ihm die Frauen praktisch zu Füßen. Wahrscheinlich faszinierte ihn die kühle Distanz, die diese Sable ausstrahlte.

„Vielleicht ist er einfach froh, eine Frau gefunden zu haben, mit der er sich unterhalten kann“, meinte er leicht ungeduldig.

„Also ich weiß nicht. Immerhin war ihr Vater Alkoholiker.“

„Für ihren Vater ist sie nicht verantwortlich.“

Amanda verzog das Gesicht. „Das ist mir klar. Aber man kann davon ausgehen, dass sie selbst auch ein ernsthaftes Problem hat.“

„Wer hat dir eigentlich erzählt, ihr Vater sei Alkoholiker?“

„Er war Alkoholiker, er lebt nicht mehr“, korrigierte sie ihn. „Blossom McFarlane wohnt in der Hawke’s Bay, wie du weißt, und diese junge Frau ist nur wenige Kilometer von ihrem Haus entfernt aufgewachsen. Also habe ich Blossom angerufen und gefragt, ob sie sie kennt.“

Kain musste sich das Lächeln verkneifen. Die gut funktionierenden Verbindungen zwischen seiner Tante und ihren alten Schuldfreundinnen wurde im Familienkreis auch liebevoll „Amandas Mafia“ genannt. „Und was hat Blossom McFarlane dir berichtet?“

„Sie kennt sie sogar persönlich, Sable hat ihr als Kind und Teenager leidgetan. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie wohl einige Monate für einen Rechtsanwalt gearbeitet, war aber dann in irgendeinen Skandal verwickelt. Offenbar wurde versucht, die Sache zu vertuschen, Bloss meint jedoch, es sei um Diebstahl oder dergleichen gegangen.“

Kain war kein Freund solcher Vermutungen und Unterstellungen. „Soll Sable Jane Martin in den Diebstahl verwickelt gewesen sein?“

„Ja. Aber sie scheint glimpflich davongekommen zu sein. Es wurde keine Anzeige erstattet, sie hat jedoch kurz darauf die Stadt verlassen.“

Er schaute sich die Frau mit dem rätselhaften Lächeln auf dem Foto noch einmal genauer an. Mit ihrer schlanken Gestalt und der dezenten Eleganz wirkte sie sehr attraktiv und nicht so betont sexy wie Brents frühere Freundinnen. Sie strahlte kühle Zurückhaltung aus, und Kain war sich ziemlich sicher, dass Brent bei ihr nicht die Spur einer Chance hatte.

„Brent hat mindestens dreißigtausend Dollar für sie ausgegeben“, ließ seine Tante jetzt die Bombe platzen.

„Hat er ihr ein Auto gekauft?“

Sie zögerte kurz. „Nein, einen Diamantring.“

Das gefiel Kain überhaupt nicht. „Hat er dir das erzählt?“

„Natürlich nicht. Er muss ihn gekauft haben, kurz bevor er in seine neue Wohnung gezogen ist, denn das Echtheitszertifikat für den Ring wurde versehentlich an meine Adresse geschickt.“

„Hast du den Brief geöffnet?“

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass er nicht für mich war“, verteidigte sie sich ungehalten. „Erst nachdem ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte, habe ich gemerkt, dass er an Brent adressiert war.“

„Okay. Was kann ich jetzt für dich tun?“ Kain lehnte sich in dem Sessel zurück.

„Du könntest vielleicht einen deiner Sicherheitsmitarbeiter beauftragen, diese Frau zu überprüfen“, schlug Amanda vorsichtig vor.

„Meine Sicherheitsleute bezahle ich nicht dafür, dass sie sich um meine Familienangelegenheiten kümmern.“

„Das ist mir klar, aber vielleicht kannst du ausnahmsweise …“ Sie verstummte.

„Gut, ich werde alles Nötige veranlassen.“

„Mir schwebt noch etwas anderes vor … Ich weiß nicht, wie ich es dir klarmachen soll.“ Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Also, vielleicht kannst du sie Brent abspenstig machen.“

„Als treu sorgende Mutter schreckst du offenbar vor nichts zurück“, stellte Kain ironisch fest. „Du scheinst ernsthaft beunruhigt zu sein, sonst würdest du mehr Rücksicht auf die Gefühle deines Sohnes, auf meine Zeit, meinen Ruf und Brents Meinung über mich nehmen.“

„Seit wann interessiert dich, was Brent über dich denkt?“, gab sie leicht verärgert zurück.

Die Freundschaft mit Brent war ihm sehr wichtig. Doch wenn sich herausstellte, dass Sable Jane Martin eine Diebin war, würde er seinen Cousin mit allen Mitteln zur Vernunft bringen.

„Ich werde mir etwas einfallen lassen“, versprach er.

Sie war nicht zufrieden, wusste jedoch, dass es sinnlos war, ihn zu irgendwelchen Zusagen zu drängen. Kain würde sein Versprechen halten und sich um die Sache kümmern, das musste ihr genügen.

Kain ließ den Blick über die Menschenmenge gleiten, die sich zum Auckland Racing Cup, dem bekannten Pferderennen, eingefunden hatte. Schließlich blieb sein Blick an der jungen Frau hängen, deren taubenblaues Seidenkleid wegen seiner edlen Schlichtheit auffiel und das einen interessanten Kontrast zu dem schimmernden schwarzen Haar bildete. Elegante hochhackige Sandaletten betonten ihre langen, schlanken Beine, und das Kleid schmiegte sich um ihre schmale Taille und die verführerischen Rundungen. Den einzigen Farbtupfer bildete der leuchtend rote Lippenstift, der ihre sinnlichen Lippen voll zur Geltung brachte.

Nein, sie entsprach in keiner Weise dem Typ Frau, den Brent normalerweise bevorzugte.

„Das ist ein Modell von Maire Faris. Das Kleid ist wunderschön, aber sie wird dafür keinen Preis bekommen“, ertönte eine Frauenstimme hinter Kain.

„Irgendwie wirkt es zu vornehm und zu edel“, stimmte ihre Begleiterin zu. „Die Juroren entscheiden sich bei diesen Veranstaltungen immer für glamourösere Modelle. Wer ist die Frau, die es vorführt?“

Kain konnte nicht anders, er musste dem Gespräch der beiden Frauen lauschen, deren Stimmen laut und deutlich bis zu ihm drangen.

„Mark Russells Assistentin. Du weißt schon, er ist der Gründer der Russell Charitable Foundation.“

„Sie sieht viel zu dekadent aus für so eine vornehme Veranstaltung.“

Dekadent? dachte Kain. Das war mit Sicherheit die falsche Beschreibung.

„Na ja“, entgegnete die andere Frau lachend, „wahrscheinlich umgibt sich auch ein so konservativer Mann wie Mark Russell gern mit attraktiven Mitarbeiterinnen.“

Ja, so wird es sein, dachte Kain und betrachtete das Gesicht der jungen Frau, um die es sich drehte, noch einmal sehr genau. Das dezent elegante Outfit konnte ihre feine erotische Ausstrahlung nicht verbergen, neben ihr wirkten die anderen Frauen, die sich um den Titel der am besten gekleideten Frau bewarben, geradezu unscheinbar.

Er kniff die Lippen zusammen. Mit dieser Frau war Brent ganz bestimmt überfordert.

Das Ergebnis der Überprüfung, die Kain veranlasst hatte, hatte ergeben, dass sie in eine Erpressung verwickelt gewesen war. Doch die Sache war schließlich unter den Tisch gekehrt worden.

Einmal eine Betrügerin, immer eine Betrügerin, dachte er grimmig. Erpressung war seiner Meinung nach eins der übelsten Vergehen. Und dieser Fall war ganz besonders tragisch, denn ein Opfer hatte sich das Leben genommen.

Sable Jane Martin musste aus dem Leben seines Cousins verschwinden, ehe sie Schaden anrichtete und ihm das Herz brach.

Brent aus Auckland wegzulocken war nicht schwierig gewesen. Kain hatte seine Beziehungen spielen lassen und dafür gesorgt, dass sein Cousin sich einen Lebenstraum erfüllte: Er war auf einem Großsegler unterwegs, der zu einer Expedition auf den Spuren der Forscher des neunzehnten Jahrhunderts aufgebrochen war.

Doch wenn es hart auf hart kommt, werde ich, so schwor sich Kain, nicht davor zurückschrecken, drastischere Maßnahmen zu ergreifen. Dabei würde er ganz bewusst in Kauf nehmen, dass seine Freundschaft mit Brent eine Zeit lang getrübt war. Jedenfalls ließ er nicht zu, dass sein Cousin um einen Teil seines Geldes gebracht wurde, das er mit harter Arbeit und dank seiner Intelligenz in den letzten Jahren verdient hatte.

„Sie als Geliebte zu haben ist bestimmt der Traum eines jeden Mannes“, sagte die eine Frau. „Hat sie eigentlich einen Freund?“

„Ja, sie wohnt mit Brent Gerard zusammen“, antwortete ihre Begleiterin leicht spöttisch.

Kain versteifte sich. Das hatte der Privatdetektiv nicht herausgefunden. Wahrscheinlich war sie unmittelbar vor Brents Abreise bei ihm eingezogen.

„Brent Gerard? Ist das nicht der junge Mann, der eine Internetfirma gegründet und vor Kurzem für Zigmillionen an einen ausländischen Konzern verkauft hat?“

Kain grinste. Er hatte die Firma seines Cousins gekauft, weil Brent unbedingt etwas Neues ausprobieren wollte.

„Ja, genau der. Er ist Kain Gerards Cousin.“

„Warum hat sie sich nicht gleich an Kain herangemacht? Der hat noch viel mehr Geld als sein Cousin und ist ebenfalls Single.“

Gute Frage, ich sollte Sable Jane Martin den Vorschlag unterbreiten, dachte Kain verächtlich. Bei der nächsten Bemerkung der Frau huschte ein Anflug von Unbehagen über sein Gesicht.

„Kain Gerard sieht aus wie ein griechischer Gott.“ Ihre Stimme klang wie ein erotisches Schnurren. „Ich liebe Männer mit dunklem Haar und gebräunter Haut, die noch dazu viel größer sind als ich. Mit seinen hellgrauen Augen scheint er einem tief in die Seele zu blicken und alles Mögliche zu versprechen.“

Lachend erwiderte die Begleiterin: „Wahrscheinlich hält sie sich an das Sprichwort ‚Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach‘. Der Millionär ist ihr sicher, um den Milliardär müsste sie sich erst bemühen, ein Unternehmen mit unsicherem Ausgang. Mit Kain hätte sie nicht so leichtes Spiel wie mit Brent.“

Dann wechselten die beiden Frauen das Thema und gingen weiter.

Mit grimmiger Miene beobachtete Kain, wie Brents neue Freundin mit graziösen Bewegungen die Bühne betrat und ihren Platz neben den anderen Bewerberinnen um den Titel einnahm.

Plötzlich lief Sable ein kalter Schauer über den Rücken, so als spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Am liebsten hätte sie die Bühne fluchtartig verlassen, zwang sich jedoch, tief durchzuatmen, und dann war der kritische Augenblick überwunden.

Auf einmal begegnete sie dem prüfenden Blick des Mannes, der sie über alle Köpfe hinweg mit undefinierbarer Miene ansah, und bekam Herzklopfen. Sie kannte ihn, er war Kain Gerard, Brents Cousin, und er schien ebenfalls zu wissen, wer sie war.

Der Applaus der Menge schreckte sie aus ihren Gedanken auf, und sie stellte erleichtert fest, dass die nächste Kandidatin das Podium betrat.

Warum Kain Gerard sie mit Blicken geradezu durchbohrte, konnte sie sich nicht erklären, doch sie würde sich von ihm nicht einschüchtern lassen.

Gleichwohl fühlte sie sich unbehaglich und war froh, als endlich die letzte Kandidatin an die Reihe kam, eine sehr selbstbewusst, unbekümmert und locker auftretende Blondine. Diese junge Frau gewann dann schließlich auch den Wettbewerb und nahm die Auszeichnung mit einem strahlenden Lächeln entgegen.

„Es tut mir leid, dass ich dein Kleid nicht besser vorgeführt habe“, entschuldigte sich Sable später bei der Designerin.

„Meine Liebe, du warst großartig. Du wirkst kultiviert, elegant, mondän und etwas geheimnisvoll, somit verkörperst du genau den Typ Frau, für den ich die Kleider entwerfe. Ich hatte auch gar nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Es freut mich, dass wir das Finale erreicht haben, das ist für mich eine sehr gute Werbung.“

„Hallo, Maire“, ertönte in dem Moment eine Männerstimme hinter ihnen.

Sie drehte sich überrascht um. „Hallo, Kain“, begrüßte sie ihn. „Ich wusste gar nicht, dass du wieder da bist. Eins deiner Pferde läuft doch sicher beim Rennen mit, oder?“

„Richtig.“

Beim Klang seiner tiefen Stimme erbebte Sable insgeheim.

„Wird es gewinnen?“, fragte Maire.

„Natürlich“, erklärte Kain im Brustton der Überzeugung. Man hätte beinah auf die Idee kommen können, der Ausgang des Rennens sei eine beschlossene Sache.

„Verrat mir den Namen deines Pferdes, damit ich darauf setzen kann.“

„Black Sultan.“

„Wie passend“, stellte Maire lachend fest. „Okay, ich muss mich beeilen, gleich ist Wettannahmeschluss.“

„Moment, Maire. Du hast mir deine Begleiterin noch nicht vorgestellt“, erinnerte Kain sie.

Erstaunt blickte sie ihn an. „Das tut mir leid. Ich dachte, ihr kennt euch.“

Sable atmete tief durch. Sie kannte Brents Cousin aus den Medien, auf seine charismatische Ausstrahlung war sie jedoch nicht vorbereitet gewesen.

„Sable, das ist Kain Gerard“, stellte Maire ihn vor. „Ich brauche dir sicher nicht zu erklären, wer er ist, es wird ja oft genug über ihn berichtet.“

„Nicht immer mit meinem Einverständnis“, wandte er ein.

„Du hast recht, man kann nicht behaupten, du seiest publicitysüchtig“, stimmte Maire ihm zu. „Kain, das ist Sable Jane Martin.“

„Hallo, Sable.“ Als er ihr die Hand schüttelte, kribbelte ihr die Haut. „Die Auszeichnung als die am besten gekleidete Frau hätte eigentlich Ihnen zugestanden.“

„Das ist Ansichtssache.“ Seine Berührung löste alle möglichen Reaktionen aus, sodass Sables Stimme verräterisch rau und atemlos klang. Etwas zu hastig fügte sie hinzu: „Die Jury hat sich eben anders entschieden.“

„Wollen Sie sich das nächste Rennen ansehen?“, erkundigte er sich ruhig.

Ehe Sable eine Ausrede erfinden konnte, antwortete Maire: „Natürlich bleiben wir noch hier. Aber jetzt müsst ihr mich kurz entschuldigen, ich will noch auf Black Sultan wetten.“ Entschlossen steuerte sie auf das Wettbüro zu.

„Möchten Sie nicht auch auf mein Pferd setzen, Sable?“, wollte Kain wissen.

„Nein.“

„Ich versichere Ihnen, Black Sultan geht als Favorit ins Rennen.“

„Trotzdem wette ich nicht“, bekräftigte sie. „Und was ist mit Ihnen? Wollen Sie kein Geld auf Ihr Pferd setzen?“

„Das habe ich schon getan“, gab er zu. Das Lächeln, das er ihr schenkte, ließ sie bis in die Zehenspitzen erbeben. „Sie sind mit meinem Cousin Brent befreundet, oder?“, fügte er wie beiläufig hinzu.

„Ja“, erwiderte sie betont gleichgültig.

Brent hatte ihr viel über seinen älteren Cousin erzählt, den er offenbar sehr bewunderte. Aber sie hatte gespürt, dass er ihn auch etwas beneidete. Jetzt wusste sie, warum. Welcher junge Mann würde sich diesem charismatischen und erfolgreichen Unternehmer gegenüber nicht unterlegen fühlen? Dazu gehörte schon ein überaus starkes Selbstbewusstsein.

Kain sei schon mit Ende zwanzig Milliardär gewesen, hatte Brent berichtet. „Seine Eltern haben ihm nicht nur ein riesiges Vermögen, sondern auch die Aktienmehrheit an einem der bedeutendsten und umsatzstärksten Konzerne Neuseelands hinterlassen, was ihm eine verdammt gute Ausgangsbasis für sein erklärtes Ziel verschaffte, sich eine herausragende Position in der Finanzwelt und Wirtschaft zu erobern.“ Wehmütig lächelnd hatte er hinzugefügt: „Aber das wahre Geheimnis seines Erfolgs sind letztlich seine ungeheure Energie, sein Scharfsinn und seine intellektuelle Überlegenheit. Außerdem hat er ein untrügliches Gespür für neue Trends.“ Er hatte eine Pause gemacht, ehe er fortfuhr: „Seine Rücksichtslosigkeit hilft ihm natürlich auch. Man sollte sich hüten, sich ihn zum Feind zu machen. Mit ihm ist nicht zu spaßen.“

Sable wünschte sich, sie hätte Maire begleitet. Instinktiv wusste sie, dass Brent recht hatte mit der Charakterisierung seines Cousins. Kain Gerards markantes, arrogantes Gesicht, seine stolze Haltung und die Ausstrahlung von Macht und Stärke verrieten Willensstärke und eiserne Entschlossenheit.

Kein Wunder, dass die Frauen ihm scharenweise nachliefen. Das hatte Brent zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber sie hatte es in den Klatschspalten der einschlägigen Magazine gelesen.

Die Ausstrahlungskraft dieses Mannes war schlicht und einfach überwältigend, anders konnte man es nicht bezeichnen. Obwohl er sich ihr gegenüber freundlich verhielt, wirkte sein Blick kühl und abschätzend.

Wieder fröstelte sie, was nicht am Wetter liegen konnte, denn an dem strahlend blauen Himmel war keine einzige Wolke zu sehen.

„Sie sind Model, oder?“

Sable blickte ihn an. Hatte Brent ihm nichts über sie erzählt?

„Nein, nein“, erwiderte sie. „Maire hat ihr neues Atelier neben dem Büro der Stiftung eröffnet, für die ich arbeite. Das Model, das normalerweise ihre Kreationen vorführt, hat sie im Stich gelassen, deshalb hat sie mich gebeten einzuspringen. Ich habe dieselbe Größe und bin auch ansonsten ein ähnlicher Typ.“ Sie schenkte ihm ein unverbindliches Lächeln.

Er erwiderte ihr Lächeln, und prompt hatte sie das Gefühl, dahinzuschmelzen. Rasch wandte sie sich ab und sah zu ihrer Erleichterung Maire zurückkommen.

„Ich schlage vor, wir verfolgen das Rennen von der Tribüne aus“, erklärte Kain, an die Designerin gewandt.

Es klingt keineswegs wie ein Vorschlag, sondern wie eine Aufforderung, dachte Sable leicht gereizt.

Aber Maire strahlte ihn an. „Gern. Ich dachte, du würdest lieber im Presidential Club sitzen. Dort hast du doch die beste Aussicht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Im Club sind keine Fernsehkameras zugelassen. Ich dachte, du wolltest das elegante Kleid vielleicht einem größeren Publikum vorführen lassen.“

Als er den Blick kühl und unbeteiligt über ihren schlanken Körper gleiten ließ, erschauerte Sable erneut. Weshalb betrachtete er sie so prüfend, als verfolgte er irgendeinen geheimen Plan?

Ach, was soll das, ich sehe Gespenster, sagte sie sich und folgte den beiden.

Während sie sich unter die vielen Zuschauer mischten, wurde ihr klar, warum Maire Kains Vorschlag sogleich zugestimmt hatte. Von allen Seiten wurden ihnen interessierte Blicke zugeworfen, Kain Gerard und seine Begleiterinnen erregten zweifellos Aufmerksamkeit.

Offenbar kannte er hier viele Leute, denn immer wieder nickte er freundlich in alle Richtungen, blieb jedoch nicht stehen, um jemanden zu begrüßen. Als er den Kellner erblickte, fragte er: „Möchtet ihr ein Glas Champagner?“

Maire war sogleich einverstanden, Sable lehnte jedoch dankend ab.

„Es ist ziemlich heiß, und Sie brauchen eine Erfrischung“, entschied er und bestellte zwei Gläser Champagner und einen Cup Special. Sable wollte protestieren und ihm erklären, dass sie keinen Alkohol trank, aber beim Anblick seines Lächelns bekam sie schon wieder Herzklopfen und schwieg.

Sein Lächeln war viel zu gefährlich, offenbar war er sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst. Irritiert gestand sie sich ein, dass sie diesem Mann mit der hochgewachsenen, schlanken Gestalt, den arroganten Gesichtszügen und den sinnlichen Lippen nicht gewachsen war. Die Aura von Macht und Stärke, die ihn umgab, fand sie faszinierend und seltsam bedrohlich zugleich.

„Das ist alkoholfreier Champagner.“ Kain reichte ihr das Glas mit der perlenden Flüssigkeit, als der Kellner ihnen die Getränke brachte.

„Vielen Dank“, bedankte sie sich steif.

In diesem Moment wurde Maire von einer Bekannten begrüßt, die sie sogleich in ein Gespräch verwickelte. Prompt verspürte Sable wieder diese seltsame Anspannung. Nervös drehte sie sich um und betrachtete betont interessiert die Rennbahn, wo sich die Jockeys vor der Startmaschine versammelten.

„Welches ist Ihr Pferd?“, fragte sie, um das unbehagliche Schweigen zu durchbrechen.

„Der schwarze Hengst da drüben mit der Nummer dreizehn.“ Er wies in die Richtung.

Dieses edle, kraftvolle Tier passt zu ihm, überlegte sie ironisch. „Wieso sind Sie so sicher, dass er gewinnt?“

„Weil er in Bestform und der Favorit ist.“

Unter donnerndem Applaus galoppierte dann auch Black Sultan wenig später allen anderen voraus als Sieger durchs Ziel. Sable ließ sich anstecken von der allgemeinen Begeisterung und klatschte mit, ehe sie sich mit leuchtenden Augen zu Kain umdrehte. „Unglaublich, wie viel Vorsprung er hatte! Auf welchem Derby kann man ihn das nächste Mal bewundern?“

Sie hatte das Gefühl, ihr Herzschlag würde aussetzen, als er sie mit seinen hellgrauen Augen durchdringend ansah. Wie gebannt erwiderte sie seinen Blick.

Doch ehe er antworten konnte, war er plötzlich von mehreren lachenden und gratulierenden Freunden und Bekannten umgeben, gefolgt von Journalisten und Kameraleuten.

Erleichtert zog Sable sich zurück. Sie beneidete ihn etwas um die unglaubliche Selbstsicherheit, mit der er die Glückwünsche entgegennahm, und fühlte sich irgendwie ausgeschlossen von der Fröhlichkeit um sie her.

Was soll’s, ich war doch sowieso immer allein, wenn es darauf ankam, dachte sie und trank einen Schluck Champagner. An dem Tag, als sie Hawke’s Bay verlassen hatte und nach Auckland gegangen war, hatte sie jedoch beschlossen, sich nie wieder selbst zu bemitleiden.

Außerdem würde sie Kain Gerard wahrscheinlich nie wiedersehen, und das war auch gut so.

Unvermittelt nahm er ihre Hand und forderte sie auf: „Kommen Sie mit. Ich will mich bei dem Jockey und dem Trainer bedanken.“

Vergebens versuchte sie, die Hand zurückzuziehen. „Ich soll doch das Kleid vorführen“, protestierte sie ärgerlich.

„Das tun Sie ja, wenn Sie mich begleiten. Nun kommen Sie schon.“

Sable warf ihm einen empörten Blick zu, den er ungerührt erwiderte. Zögernd gab sie nach und ließ sich durch die Menge führen, bis sie unter dem plötzlich einsetzenden Blitzlichtgewitter zusammenzuckte.

Kain legte ihr die Hand unter den Ellbogen. „Versuchen Sie einfach, in die Kameras zu lächeln“, riet er ihr leise und leicht spöttisch. „Sie brauchen nur elegant auszusehen und selbstbewusst aufzutreten, und das schaffen Sie bestimmt.“

Sie zwang sich zu lächeln. „Sie ahnen ja nicht, wie schwierig es ist, in diesen eleganten Sandaletten mit den viel zu hohen Absätzen, die ich nur Maire zuliebe trage, auf dem Rasen umherzulaufen und dabei auch noch elegant auszusehen“, beschwerte sie sich.

In seinen Augen leuchtete es rätselhaft auf. „Aus der Sicht des Betrachters ist es die Mühe wert.“

Irgendwie schien ihre Unterhaltung auf zwei verschiedenen Ebenen stattzufinden. Der Unterton in seiner Stimme, die Gesten und seine Körpersprache drückten etwas ganz anderes aus als seine Worte.

Sie gestand sich widerstrebend ein, dass er ungemein geschickt mit den Journalisten, Kameraleuten und Fotografen umging. Er plauderte charmant und ungezwungen, ohne ein einziges Mal an Autorität zu verlieren.

Schließlich ließ er sie allein, um sein Siegerpferd herumzuführen. Das Fell des edlen Tieres glänzte in der Sonne genauso blauschwarz wie Kains Haar.

„Die beiden sind sich sehr ähnlich.“ Belustigt und etwas neidisch zugleich sprach der Trainer neben ihr das aus, was Sable dachte.

Sie atmete tief durch. Neben Kain war sie sich wie ein Schulmädchen vorgekommen, doch jetzt konnte sich wieder auf ihre Stärke besinnen.

„Hat der Hengst etwa auch hellgraue Augen?“, fragte sie scherzhaft.

Der Mann lachte laut auf. „Nein, aber er ist sehr ausdauernd, hartnäckig und kräftig. Es ist schwierig, diesen Hengst umzustimmen, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Außerdem ist er sehr zuverlässig.“

„Kann man sich von einem Pferd mehr wünschen – oder von einem Mann?“, erwiderte sie leicht belustigt. „Ist das nicht ein wunderschöner Tag?“, wechselte sie das Thema.

„Oh ja, er könnte kaum besser sein“, stimmte der Mann ihr zu. Dann lief er Kain entgegen, der ihm die Zügel übergab.

„Lassen Sie uns gehen, Sable“, forderte Kain sie auf.

Doch schon nach wenigen Schritten rief hinter ihnen einer der Pressefotografen: „Noch ein einziges Foto, Kain!“

Er drehte sich um, und bevor Sable die Flucht ergreifen konnte, zog er sie an sich, sah ihr lächelnd in die Augen und sagte leise: „Entspannen Sie sich und denken Sie daran, was für eine gute Werbung das für Maire ist.“

Sie versteifte sich vor Nervosität. Der Lärm um sie her schien in weite Ferne zu rücken, und sie krümmte sich innerlich, während die Blicke aller Umstehenden auf sie und Kain gerichtet waren.

„Lächeln Sie.“ Seine Stimme klang ruhig.

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Warum?“

„Weil das gut ankommt.“ Langsam neigte er den Kopf und fuhr mit einem rätselhaften Leuchten in den Augen fort: „Vielleicht sollte ich Sie küssen, das kommt noch besser an.“

2. KAPITEL

„Wagen Sie es nicht!“, fuhr Sable ihn an, während ihr Herz zum Zerspringen klopfte.

„Das ist perfekt! Vielen Dank“, bedankte sich der Pressefotograf.

Kain lockerte den Griff, und sie löste sich aus seiner Umarmung. Sie hatte das Gefühl, das Lächeln würde ihr auf den Lippen gefrieren.

Was für ein Spiel spielte Kain Gerard hier? Und wieso schaffte er es, sie in ein so heftiges Gefühlschaos zu stürzen?

„Maire wird begeistert sein“, stellte er scheinbar ungerührt fest.

„Sie sind sehr nett zu ihr“, erwiderte sie nur, obwohl sie ihn am liebsten auf sein widersprüchliches Verhalten hingewiesen hätte. Hatte er vorhin nicht behauptet, er suche die öffentliche Aufmerksamkeit nicht? Und jetzt hatte er genau das getan.

„Sie war eine Freundin meiner Mutter, ich bewundere ihren Mut, ihr Können und ihr unternehmerisches Geschick“, erklärte er.

Schließlich gesellte sich auch Maire wieder zu ihnen. „Danke, Kain. Lieb von dir, dass du Werbung für mich gemacht hast.“ Dann wandte sie sich an Sable und fragte: „Können wir gehen?“

„Ja“, erwiderte sie betont ruhig und hoffte, man würde ihr die Erleichterung nicht anmerken. „Vielen Dank für die interessante Erfahrung“, verabschiedete sie sich mit einem höflichen Lächeln von Kain.

„Ich habe zu danken“, entgegnete er.

Der belustigte Unterton, der in seiner Stimme schwang, machte sie wütend, und sie versteifte sich etwas, während sie sich umdrehte und Maire folgte.

Nachdenklich blickte er hinter ihr her. Es ist ganz gut gelaufen, aber vielleicht hätte ich ihr lieber nicht damit drohen sollen, sie zu küssen, überlegte er. Dennoch bereute er es nicht, denn er hatte das leidenschaftliche Aufleuchten in ihren dunklen Augen bemerkt. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, ob es ihr passte oder nicht.

Es verlief also alles so, wie er es geplant hatte. Nüchtern und sachlich gestand er sich, dass er für diese Frau natürlich eine wesentlich größere Herausforderung darstellte als Brent.

Nachdem Sable sich in der Umkleidekabine wieder ihr eigenes Kleid angezogen hatte, lehnte sie Maires Angebot, sie im Wagen mitzunehmen, dankend ab und beschloss, mit dem Bus zu fahren. Wieder in ihren flachen Sandaletten umherzulaufen, war für ihre Füße geradezu eine Erholung.

„So gefallen Sie mir noch besser“, ertönte in dem Moment Kains Stimme hinter ihr.

Wie erstarrt blieb sie stehen, während ihr Herz anfing zu rasen. Obwohl ein Lächeln auf seinem Gesicht lag, traute sie ihm nicht.

„Sie wirken sehr … unschuldig in dem weißen Kleid“, stellte er fest.

Sie ärgerte sich über den Spott in seiner Stimme, der nicht zu überhören war. Weiß war ihre Lieblingsfarbe, es stand ihr gut. „Wie altmodisch“, erwiderte sie verächtlich und reihte sich in die Schlange an der Bushaltestelle ein.

„Was? Ihr Kleid?“ Er stellte sich neben sie.

Sie dachte ernsthaft darüber nach, ihn aufzufordern, sie in Ruhe zu lassen, entschied sich jedoch dagegen. In einer Menschenmenge auf den Bus zu warten war bestimmt nichts für einen Milliardär, er wäre es bald leid und würde von selbst verschwinden.

„Nein. Die Ansicht, Weiß sei die Farbe der Reinheit und Unschuld, ist ein Anachronismus“, entgegnete sie schließlich.

Als Kain ihr einen amüsierten Blick zuwarf, fragte sie sich gereizt, warum sie seine Bemerkung nicht einfach ignoriert hatte. Er hatte sie nur provozieren wollen, und sie war darauf hereingefallen. Dieser Mann machte sie so nervös und brachte sie so durcheinander, dass sie nicht mehr klar denken konnte.

„Vielleicht bin ich ein altmodischer Mensch“, wandte er ein und lächelte sie nachsichtig an.

„Wie süß“, antwortete sie mit Unschuldsmiene. „Da kommt mein Bus. Auf Wiedersehen.“

„Benutzen Sie nicht Brents Auto?“

„Nein“, erwiderte sie kurz angebunden.

Es war ein Fehler gewesen, bei Brent einzuziehen. Doch sein Angebot, so lange bei ihm zu wohnen, bis sie ein neues Zuhause gefunden hatte, hatte sie angesichts ihrer schwierigen Situation gern angenommen. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass er sich eine intime Beziehung mit ihr wünschte, während sie in ihm nur einen guten Freund sah. Deshalb bemühte sie sich, noch vor seiner Rückkehr eine Wohnung zu finden.

„Ich fahre Sie nach Hause“, durchbrach Kain ihre Gedanken.

Sie wandte sich ab, um seinem durchdringenden Blick auszuweichen, und schüttelte energisch den Kopf. „Nein, vielen Dank“, sagte sie, ehe sie in den Bus stieg.

Kain beobachtete sie. Ihr schwarzes Haar glänzte in der Sonne, und ihre elegante Chignon-Frisur betonte ihre feinen Züge. Dass sie so tat, als wäre sie nicht interessiert, hatte er erwartet. Sie würde Brent nicht den Laufpass geben, ohne seinen viel reicheren Cousin fest an der Angel zu haben. Ein freudloses Lächeln lag auf seinen Lippen, als er zu den für die Clubmitglieder reservierten Parkplätzen ging. Er kannte sich aus mit solchen Spielchen, und es würde ihm Spaß machen, eine Zeit lang mitzuspielen.

„Sable, ich glaube es nicht, er sieht fantastisch aus!“

„Beruhige dich“, erwiderte Sable unbeeindruckt, ohne ihre Arbeit am Bildschirm zu unterbrechen. Die Tochter ihres Chefs übertrieb gern und verliebte sich beinah jeden zweiten Tag in einen anderen Mann.

„Er kommt herein! Ich weiß, wer er ist“, flüsterte Poppy.

„Sei ruhig, sonst hört er …“ Sable verstummte, als sie aufblickte und den Besucher erkannte. Kein anderer als Kain Gerard kam langsam durch den Raum auf sie zu. In dem eleganten Geschäftsanzug sah er atemberaubend gut aus. Und das meinte sie sogar wörtlich, denn sein Anblick verschlug ihr den Atem, während ihr Herz wie wild klopfte.

„Hallo, Sable“, begrüßte er sie mit einem verführerischen Lächeln. „Wie geht es Ihnen?“

Sie hörte Poppy tief einatmen, so als wollte sie sich einmischen, und erwiderte hastig: „Hallo, Kain. Was kann ich für Sie tun?“

„Sie können mir die Bilder zeigen, die auf der Auktion der Stiftung versteigert werden.“

Weil Sable sich eines Tages als Veranstaltungsmanagerin selbstständig machen wollte, organisierte sie die jährlich stattfindende Auktion für die Russell Foundation. Dieses Jahr sollte sie im Ballsaal eines riesigen modernen Herrenhauses durchgeführt werden, der perfekte Platz, um die Gemälde und Skulpturen der neuen Avantgarde gebührend zur Geltung zu bringen, die momentan noch eingelagert waren.

Sie zögerte und sah ihn an. Am liebsten hätte sie Poppy die Aufgabe übertragen. Als sie seinem warnenden Blick begegnete, war ihr klar, dass er ahnte, was sie vorhatte.

Kain Gerard wusste genau, dass niemand es wagte, ihm eine Bitte zu abzuschlagen.

Das ist die Macht des Geldes, dachte sie und erwiderte betont reserviert: „Natürlich.“

Ihre Hände zitterten, als sie den Computer herunterfuhr und aufstand. Glücklicherweise trug sie ein Kleid in einem intensiven, klaren Rot, was ihrer hellen Haut etwas Farbe und ihren dunkelbraunen Augen etwas Unergründliches verlieh.

Mit allen Sinnen reagierte sie auf seine Gegenwart, als hätte sich ihr seine Berührung für immer eingeprägt. Irgendwie schien sie keine Kontrolle mehr über die Gefühle zu haben, die er in ihr weckte, und diese lächerliche Überreaktion machte ihr Angst.

„Kommen Sie bitte mit“, forderte sie ihn ruhig auf.

Schweigend ließ er sich die Bilder und Skulpturen zeigen. Dieses Jahr hatte sich das Gremium, das für die Auswahl zuständig war, für postmoderne Kunstwerke entschieden. Das würde den jungen Künstlern zu der Bekanntheit verhelfen, die sie sich erhofften.

Sable setzte eine gleichgültige Miene auf. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Kain die Kunstwerke gefielen. Für ihn stellten sie vermutlich nur eine Geldanlage dar.

„Was halten Sie davon?“, fragte er auf einmal zu ihrer Überraschung.

„Meine Meinung spielt hier keine Rolle“, erwiderte sie ausweichend.

„Die Bilder und Skulpturen gefallen Ihnen nicht“, stellte er fest.

Wie hat er das denn gemerkt? überlegte sie. „Über diese Kunstrichtung weiß ich viel zu wenig, um mir darüber eine Meinung zu bilden. Aber ich lasse gern einen Experten kommen, mit dem Sie sich darüber …“

„Nein“, unterbrach er sie und ging weiter. Manchmal trat er einige Schritte zurück, um ein Bild besser betrachten zu können, andere wiederum sah er sich aus der Nähe an.

„Verraten Sie mir, was Sie wirklich von diesen Kunstwerken halten“, bat er sie eine halbe Stunde später.

Ärgerlich über so viel Hartnäckigkeit, drehte sie sich zu ihm um und erklärte kurz angebunden: „Ich kann nur das nachplappern, was ich von anderen gehört habe.“

„Darauf lege ich keinen Wert. Ich möchte Ihre ganz persönliche Meinung hören. Sie haben bestimmt eine, Ihr Vater war doch der Künstler Angus Martin, oder? In der Auckland Art Gallery hängen einige seiner Gemälde und ein beeindruckendes Aquarell.“

Dass er ihren Vater ins Spiel brachte, behagte ihr nicht. „Ihm hätten diese Kunstwerke hier nicht gefallen. Das müsste Ihnen klar sein, wenn Sie seine Bilder kennen.“

„Sicher, aber er hat doch bestimmt oft mit Ihnen über Kunst geredet.“

Das stimmte. Allzu gut erinnerte sie sich an die endlosen Gespräche. Immer wieder hatte er sein Bedauern darüber geäußert, dass er durch den exzessiven Alkoholkonsum nicht mehr in der Lage war, seine Ideen auf die Leinwand zu bannen.

Angesichts von Kains eiserner Entschlossenheit und um ihn als möglichen Sponsor nicht zu verärgern, antwortete sie zögernd: „Ich verstehe nicht, was die Künstler mit ihren Werken ausdrücken wollen. Meine Kenntnisse über Malerei und Kunst reichen nicht aus, um mir ein Urteil über die hier angewandten Techniken zu bilden.“

„Warum ärgern Sie sich eigentlich so sehr?“

Sie ärgerte sich über ihn, weil er ihr unter die Haut ging, und über sich selbst, weil sie es zuließ.

„Weil ich das Gefühl habe, nicht mitreden zu können“, improvisierte sie.

Er betrachtete sie lange und nachdenklich, so als wollte er herausfinden, was sie wirklich dachte. „Das kann ich nachvollziehen“, antwortete er schließlich. „Haben Sie unser Foto in der Zeitung gesehen?“

„Nein.“

Er schien ihr nicht zu glauben. „Schade. Ich befürchte, es ist keine gelungene Werbung für Maire Faris. Zwar wird sie als Designerin des Kleides ausdrücklich erwähnt, es kommt jedoch kaum zur Geltung.“

„Ah ja.“ Der seltsame Unterton in seiner Stimme verursachte ihr Unbehagen.

Auf einmal wechselte er das Thema: „Haben Sie etwas von Brent gehört?“

„Nein.“ Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, ehe sie hinzufügte: „Das war auch nicht vereinbart.“

„Ich glaube, er braucht eine Auszeit“, meinte er lächelnd. „Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben für mich.“

„Es wäre schön, wenn Sie zu der Auktion kommen könnten“, sagte sie steif. Natürlich hatte er auch eine Einladung bekommen.

„Ich werde sehen, was sich machen lässt.“

Mit meiner Ignoranz habe ich uns wahrscheinlich jede Chance verdorben, dass er bei der Versteigerung mitbietet, dachte sie resigniert und begleitete ihn zurück in die Eingangshalle.

Geradezu ehrfürchtig blickte Poppy ihnen entgegen, und er schenkte der jungen Frau ein freundliches, anerkennendes Lächeln, was Sable überraschte. Die subtile Feindseligkeit, die er während der privaten Führung ihr gegenüber an den Tag gelegt hatte, war verschwunden.

Poppy errötete und schien ihr Glück kaum fassen zu können.

Später musste sich Sable ihre schwärmerischen Kommentare anhören und war froh, als sie sich in die Mittagspause verabschieden konnte. Doch auch bei dem Essen mit Maire drehte sich alles nur um Kain Gerard.

„Man kann ihn mit seinem Cousin nicht vergleichen“, erklärte die Designerin. „Brent ist ein netter und intelligenter junger Mann, er scheint ein gutes Gespür für das Geschäftliche zu besitzen. Doch Kains charismatische Ausstrahlung fehlt ihm völlig.“

„Ja, da hast du recht“, stimmte Sable, die Maires Besorgnis ganz rührend fand, ihr zu. Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr war sie auf sich gestellt, und die einzige weibliche Bezugsperson in ihrem Leben war die Nachbarin ihres Vaters, Miss Popham, gewesen, eine praktisch veranlagte ältere Frau.

Aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. „Keine Angst, ich werde mich in keinen der beiden verlieben“, versicherte sie Maire.

„Dafür gibt es doch keine Garantie“, entgegnete die Designerin. „Immerhin lebst du mit Brent zusammen.“

„Nein, das stimmt nicht, ich wohne nur so lange in seiner Wohnung, bis ich ein eigenes Apartment gefunden habe. Wir sind kein Liebespaar und werden auch nie eins sein“, stellte sie klar.

Als Maire ungläubig die Augenbrauen hochzog, fügte Sable hinzu: „Er ist doch viel jünger als ich, neben ihm komme ich mir ziemlich alt vor. Wir haben keine intime Beziehung, wir haben uns noch nicht einmal geküsst.“

„Aber er wünscht sich eine Beziehung mit dir“, wandte Maire ein.

Sable seufzte. „Er weiß genau, dass ich dazu nicht bereit bin.“

„Warum bist du dann bei ihm eingezogen?“

Unter normalen Umständen hätte sie das auch nicht getan. Sie erklärte Maire, wie es dazu gekommen war. „Meine Mitbewohnerin hat an einem Wochenende während meiner Abwesenheit eine wüste Party veranstaltet, bei der es eine Massenschlägerei und schlimme Verwüstungen im ganzen Haus gegeben hat.“

„Du hattest den Mietvertrag allein unterschrieben, oder?“, fragte Maire.

„Ja.“ Sable war nicht überrascht gewesen, als die Vermieterin ihr die Kündigung schickte. Wenig später erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, dass ihre Mitbewohnerin die Haftpflichtversicherung nicht bezahlt hatte und sie selbst ganz allein für die Schäden aufkommen musste.

Obwohl sie nicht an der Sache beteiligt gewesen war, erklärte sie sich bereit, den Schaden zu bezahlen, um Ruhe und ein reines Gewissen zu haben. Sie hatte jedoch auf ihre Ersparnisse zurückgreifen müssen und vereinbart, den Rest in Raten zu bezahlen. In dieser schwierigen Situation hatte sie Brents Angebot liebend gern angenommen.

„Kain ist übrigens nicht der Typ Mann, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühle“, wechselte sie das Thema. „Ich finde ihn irgendwie erdrückend.“

„Da bist du wahrscheinlich die einzige Frau, die so denkt.“ Maire seufzte und strich etwas Butter auf ihren Muffin. „Okay, ich habe gesagt, was ich sagen wollte. Aber ich kann mich erinnern, dass mir als junge Frau gut gemeinte Ratschläge auch lästig waren.“

„Entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein.“

Maire lachte. „Das warst du auch nicht. Vielleicht hätte ich mich nicht einmischen dürfen. Doch ich kenne Kain schon lange, bereits als Kind war er sehr unabhängig. Das erwies sich natürlich als Vorteil, denn er war erst zwölf, als seine Eltern ums Leben gekommen sind. Er musste also schnell erwachsen werden und hat das Familienunternehmen als sehr junger Mann übernommen, um es vor dem Ruin zu bewahren.“

Gegen ihren Willen hörte Sable interessiert zu. „Er und Brent haben offenbar nicht viel gemeinsam.“

„Fast nichts, außer dass sie beide sehr klug und miteinander verwandt sind.“ Wieder seufzte Maire. „Zu gern hätte ich einmal mit der Frau geredet, mit der Brent voriges Jahr zusammen war. Sie sah gut aus und hatte eine perfekte Figur, aber die hautengen Kleider mit den viel zu tiefen Ausschnitten fand ich ziemlich geschmacklos. Brent schien es zu gefallen.“ Sie verzog die Lippen. „Da ist Kain ganz anders, er legt Wert auf Klasse, Intelligenz und Weltgewandtheit.“

„Mit wem lebt er eigentlich zusammen?“, erkundigte Sable sich betont beiläufig.

„Er hat noch nie mit einer Frau zusammengelebt.“ Maire warf ihr einen belustigten Blick zu. „Vermutlich hat er viel weniger intime Beziehungen gehabt als sein Cousin, obwohl er zehn Jahre älter ist. Brent ist weniger wählerisch und schnell entflammt, während Kain sehr genau hinschaut.“

Jedenfalls kennt er sich mit Frauen wesentlich besser aus als sein jüngerer Cousin, dachte Sable und beschloss, keine weiteren Fragen über Kain Gerard zu stellen. Sein Liebesleben interessierte sie sowieso nicht.

„Sechs Monate hatte er eine heiße Affäre mit dem Filmsternchen Jacie Dixon. Sie versuchten, die Beziehung geheim zu halten, doch die Medien bekamen Wind davon, und Fotos von den beiden erschienen in allen Zeitungen und Magazinen.“

Sable hoffte, ihr amüsiertes Lächeln würde über die Eifersucht hinwegtäuschen, die sie plötzlich empfand. „Ich dachte, du interessierst dich nicht für Gesellschaftsklatsch“, erwiderte sie scherzhaft.

„Das stimmt, aber meine Enkelin Fiona ist bestens über alle Berühmtheiten informiert. Sie hat eine Schwäche für gut aussehende Männer und sammelt alle Fotos von Kain Gerard, die sie finden kann. Glücklicherweise ist er ein gutes Vorbild, er nimmt keine Drogen, betrinkt sich nicht in der Öffentlichkeit und liefert sich keine Auseinandersetzungen mit der Polizei. Außerdem ist über sein Privatleben nur wenig bekannt.“

Später, als sie zu Hause war, fragte sich Sable, warum Maire ihr so viel über Kain Gerard erzählt hatte. Ahnte sie vielleicht, welche Gefühle er in ihr weckte? Maire war nicht zuletzt deshalb eine so bekannte und beliebte Designerin, weil sie einen feinen, untrüglichen Instinkt und eine gute Menschenkenntnis besaß.

Sable verzog das Gesicht und verdrängte Kain entschlossen aus ihren Gedanken.

Die nächsten Tage hatte sie viel zu tun, denn die Kunstwerke wurden vor der Auktion für einige Tage ausgestellt. Später sollten sie in das Herrenhaus der Familie Brown gebracht werden.

Während sie überlegte, ob sie nichts vergessen oder übersehen hatte, schlüpfte Sable in die elegante schwarze Hose, die sie im Secondhandladen für Designermode erstanden hatte. Der Schnitt war zeitlos, und die Hose saß perfekt.

Sobald ich alle Schulden bezahlt habe, kaufe ich mir wieder etwas Neues, dachte sie und streifte die elegante rote Bluse mit den winzigen Knöpfen über. Nachdem sie die hochhackigen Sandaletten angezogen hatte, die farblich auf die Bluse und ihren Lippenstift abgestimmt waren, betrachtete sie sich im Spiegel. War dieser Aufzug vielleicht etwas übertrieben? Aber das konnte ihr egal sein. Sie zuckte mit den Schultern. Sie legte Wert darauf, nicht zu sehr aufzufallen, brauchte sich aber auch nicht zu verstecken und wie eine graue Maus herumzulaufen.

Als Sable den Ausstellungsraum betrat, prüften Poppy und ihre Mutter gerade die Anordnung der Kunstwerke.

„Du siehst fantastisch aus!“, rief die junge Kollegin überschwänglich aus und eilte auf Sable zu. „Die Hochsteckfrisur ist einfach klasse. Wie schaffst du es, dass dein Haar immer glänzt und wie Seide wirkt?“

„Mit reiner Willenskraft“, scherzte Sable. „Dein Kleid finde ich auch ganz bezaubernd.“

Poppy verzog das Gesicht. „Vielen Dank, aber ich wünschte, ich würde so glamourös aussehen wie du. Leider bin ich genau wie meine Mutter einfach nur hübsch. Das ist mein Schicksal.“

Lachend schüttelte Sable den Kopf. „Millionen von Frauen würden gern mit dir tauschen.“

„Nein, ganz ehrlich, ich würde alles dafür geben, so viel Stil und Klasse zu haben wie du“, entgegnete Poppy ernsthaft.

In dem Moment gesellte sich ihre Mutter zu ihnen und musterte Sable mit prüfenden Blicken, ehe sie anerkennend lächelte. „Kann ich irgendwie helfen?“

„Ja, ich wäre froh, wenn Sie alles im Auge behalten und mich informieren würden, falls es Probleme gibt.“

Die ältere Frau runzelte sekundenlang die Stirn. „Mark befürchtet, dass einige Künstler zu viel trinken und aggressiv werden. Erinnern Sie sich noch an die heftige Auseinandersetzung vom vorigen Jahr?“

„Ich werde gut aufpassen. Aber jemand, der frühzeitig eingreifen kann, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht, ist eine große Hilfe. Ich wäre Ihnen dafür sehr dankbar.“

Der Abend verlief friedlich, niemand wurde ausfallend. Die gesellschaftliche Elite machte die richtigen Kommentare zu den Kunstwerken, für die sie sich scheinbar interessierte, und später am Abend erschien noch ein bekannter und berühmter Rugbyspieler, ein perfektes Aushängeschild jeder Wohltätigkeitsveranstaltung. Mit seiner Sachkenntnis und den intelligenten Kommentaren zu den Gemälden verblüffte er viele.

„Von ihm kann man noch etwas lernen, oder?“, ertönte plötzlich eine Männerstimme hinter Sable.

Sie atmete tief durch, dann setzte sie eine gleichgültige Miene auf, ehe sie sich zu Kain umdrehte und ihn anblickte. In dem eleganten schwarzen Abendanzug mit dem weißen Seidenhemd sah er umwerfend attraktiv aus – und er strahlte etwas Gefährliches aus, was ihr Angst machte.

Es gelang ihr, seinen Blick kühl und beherrscht zu erwidern und die Augenbrauen leicht hochzuziehen, als sie antwortete: „Ja, das kann man. Ich bin etwas überrascht.“

„Geben Sie es zu, Sable, Sie lassen sich von Klischeevorstellungen leiten.“ So, wie er ihren Namen aussprach, klang es wie ein Streicheln. Oder vielleicht wie Spott?

„Da könnten Sie recht haben. Aber ich gelobe Besserung.“

„Warum heißen Sie eigentlich Sable?“, fragte er unvermittelt. „Es ist ein ungewöhnlicher Vorname.“

„Bei meiner Geburt hatte ich so volles schwarzes Haar, dass mein Vater mich kurz entschlossen Sable nannte.“ Ihr fiel auf, dass er mit leeren Händen dastand, und sie beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, sich zu entschuldigen. „Ich hole Ihnen etwas zu trinken.“

Kain sah sich kurz in dem riesigen Raum um, und sogleich eilte ein Kellner mit einem Tablett voller Getränke herbei, dicht gefolgt von einem Kollegen mit köstlichen Snacks.

Diesem Mann wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen, dachte sie gereizt. „Die Champignons kann ich Ihnen sehr empfehlen, wenn Sie Pilze mögen.“

„Vielen Dank.“ Er nahm ein Glas Champagner in die Hand. „Und was ist mit Ihnen? Ihr Glas ist fast leer.“

Der Alkoholismus ihres Vaters war Sable eine Warnung, sie trank nie mehr als ein Glas Wein oder Sekt. „Nein, danke“, wandte sie sich lächelnd an den Kellner.

Doch der Mann blickte Kain fragend an und ging erst weiter, als dieser ihm kurz zunickte. Vermutlich erkennen alle Kellner der Welt einen Alphamann schon von Weitem und verhalten sich entsprechend, sagte sie sich ironisch. Mit seinem außergewöhnlichen Selbstbewusstsein, seinem ungemein dominanten Auftreten und der Macht und Stärke, die er ausstrahlte, konnte man Kain ganz gewiss als den Prototyp eines Alphamanns bezeichnen.

„Fein, dass Sie kommen konnten. Haben Sie Mark Russell schon begrüßt?“, erkundigte sie sich im Konversationston.

„Ich bin Ihretwegen hier.“ Er verzog die Lippen zu einem Lächeln, doch sein Blick wirkte undefinierbar.

Irritiert und verständnislos sah sie ihn an. „Warum das denn?“

„Können Sie sich das nicht denken?“ Ohne den Blick abzuwenden, kniff er die Augen zusammen. „Okay, das ist nicht der richtige Ort, um es Ihnen zu erklären. Wie lange müssen Sie hier noch ausharren?“

Viele Gäste hatten sich schon verabschiedet, aber andere unterhielten sich weiterhin angeregt. Sable war plötzlich ganz aufgeregt und versuchte vergebens, Mark Russel auf sich aufmerksam zu machen. „Bis alle weg sind.“

Meine Güte, ich höre mich an wie ein verunsichertes Weibchen und bestimmt nicht wie eine weltgewandte Frau, die mit Männern seines Schlages umgehen kann, schoss es ihr durch den Kopf. Allerdings war sie auch noch nie so einem attraktiven Mann mit so einer starken Persönlichkeit begegnet.

„Das lässt sich regeln.“ Er legte ihr die Hand unter den Ellbogen und führte sie durch den Raum auf Mark zu, der in ein Gespräch mit einer der Künstlerinnen vertieft war.

„Was soll das?“, protestierte sie.

„Ich will mich bedanken und verabschieden“, erklärte er unerbittlich, schenkte ihr jedoch ein komplizenhaftes Lächeln. „Ich weiß, was sich gehört“, fügte er ernst hinzu.

„Ach ja?“, erwiderte sie herausfordernd und hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. „Frauen am Arm mitzuzerren, wird in keinem Benimmbuch als gutes Benehmen beschrieben.“

„Manchmal erreicht man sein Ziel nur unter Gewaltanwendung“, stellte Kain fest und nickte Mark Russell zu, dessen Lächeln breiter wurde, als er ihn erkannte.

Was dann folgte, konnte Sable nur noch als Komödie bezeichnen.

„Hallo, Mark“, begrüßte Kain den Gastgeber. „Ich habe vor, Sable zu entführen.“

„Ich fürchte, da liegt ein Missverständnis vor, Kain“, mischte sie sich ein. „Ich bin für die Organisation verantwortlich und werde selbstverständlich bis zum Schluss hierbleiben.“

Die beiden Männer wechselten vielsagende Blicke, und ohne mit der Wimper zu zucken, antwortete Mark: „Sie haben Ihre Sache großartig gemacht, Sable, aber die meisten Leute sind schon weg. Um den Rest kümmere ich mich selbst. Kain, darf ich dir Tonia Guthrie vorstellen?“

Die ziemlich magere Künstlerin mittleren Alters mit der faltigen Stirn und dem strengen Gesicht schien sich über die Unterbrechung zu ärgern. Doch innerhalb weniger Sekunden erlag sie genauso wie alle anderen Frauen Kains unwiderstehlichem Charme.

„Schade, dass ich der Bildhauerei den Rücken gekehrt habe, Sie wären das perfekte Modell für eine Skulptur. Es würde mich reizen, ein Porträt von Ihnen zu malen.“

„Vielen Dank für das nette Kompliment, aber so etwas interessiert mich nicht“, lehnte er lachend ab.

Die Frau fiel in sein Lachen ein und hatte ihm offenbar verziehen, dass er sie mitten im Gespräch mit Mark unterbrochen hatte.

„Ich bin froh, dass du kommen konntest, Kain“, sagte Mark freundlich. „Werden wir dich auch auf der Auktion sehen?“

„Das kann ich nicht versprechen, aber ich versuche, es zu schaffen.“

„Das wäre schön. Gute Nacht, Sable“, wandte sich Mark an sie. „Es war eine perfekte Organisation, dafür nehmen Sie sich morgen frei. Das haben Sie sich verdient.“

„Vielen Dank.“ Sie war wütend, weil es offenbar niemand wagte, Kain einen Wunsch abzuschlagen. Mit so einem reichen Mann wollte es sich niemand verderben.

„Sie kochen vor Wut, Sable“, stellte Kain fest, als sie zusammen zum Ausgang gingen. „Aber Ihr Chef ist vor allem Geschäftsmann, auch wenn er diese Stiftung für wohltätige Zwecke gegründet hat. Er braucht das Geld, um den Armen und Vergessenen zu helfen.“

„Das weiß ich. Dennoch …“, begann sie zornig.

„Und ich weiß, was Sie sagen wollen“, fiel Kain ihr ins Wort. „Lassen Sie uns das Thema wechseln.“

Sie verließen das Gebäude und traten hinaus in den warmen Sommerabend.

„Was soll das Ganze? Ist alles in Ordnung mit Brent?“, fragte sie ärgerlich.

„Entspannen Sie sich. Brent wird seinen Spaß haben, darauf können Sie sich verlassen. Ich bin hungrig und möchte Sie zum Essen einladen, das ist alles.“

Wie aufs Stichwort meldete sich in dem Moment ihr Magen, und ihr fiel ein, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.

Kain verzog die Lippen. „Das habe ich mir gedacht. In dem Gebäude am Viaduct Harbour, wo ich wohne, befindet sich ein exzellentes Restaurant. Später fahre ich Sie nach Hause oder bestelle Ihnen ein Taxi, falls Ihnen das lieber ist.“

Sable zögerte sekundenlang, dann entschloss sie sich, seine Einladung anzunehmen, obwohl eine kleine innere Stimme sie davor warnte. Doch was sollte ihr in einem Restaurant schon passieren?

„Vielen Dank. Es stimmt, ich bin wirklich hungrig“, erwiderte sie.

Seine Wohnung befand sich in einem Gebäude im Art-déco-Stil, das früher einmal ein Kaufhaus gewesen war. Man hatte einen wunderschönen Blick auf die Auckland Harbour Bridge, die achtspurige Straßenbrücke über den Waitemata Harbour und das Viaduct Basin mit den vielen Restaurants am Wasser und dem pulsierenden Nachtleben. Mit viel Geschmack, Geld und Fingerspitzengefühl war das Gebäude umgestaltet worden. Dabei hatte man die ursprüngliche Architektur geschickt erhalten.

Kain wies auf die Aufzüge. Also lag das Restaurant im Obergeschoss, wahrscheinlich, damit die Besucher einen freien Blick auf die Sehenswürdigkeiten hatten.

Als der Aufzug anhielt und sie ausstiegen, packte Kain sie am Arm und führte sie in ein großes, außergewöhnlich geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer. Ungläubig sah sie sich um, ehe sie sich aus seinem Griff löste und einige Schritte zurücktrat. „Das ist ja Ihr Apartment“, stellte sie mit eisiger Miene fest, ehe sie sich umdrehte und hinauseilen wollte.

Er hielt sie jedoch fest. „Machen Sie bloß kein Drama daraus. Wir müssen uns ungestört unterhalten.“

„Ich wüsste nicht, warum“, entgegnete sie scharf. „Lassen Sie mich los, ich will gehen.“

„Erst hören Sie sich an, was ich zu sagen habe.“

3. KAPITEL

Feindselig schauten sie sich an, keiner war bereit, als Erster den Blick abzuwenden. Ich muss hier weg, sagte sich Sable, stand jedoch wie gebannt da und rührte sich nicht von der Stelle.

Obwohl sein Blick hart wirkte, war das leidenschaftliche Funkeln in seinen Augen nicht zu übersehen. Offenbar begehrte er sie.

Überschäumende Freude breitete sich in ihr aus. Sie konnte der Versuchung kaum widerstehen, den Kopf an seiner Schulter zu bergen und sich an ihn zu schmiegen. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach ihm. „Lassen Sie mich los“, bat sie ihn dennoch rau und ärgerte sich über ihre Reaktion auf diesen Mann.

„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich und ließ sie los. „Das war unverzeihlich. Es ist nicht mein Stil, Frauen zu misshandeln.“

„Misshandelt haben Sie mich ja auch nicht, jedenfalls würde ich es nicht so nennen“, entgegnete sie zögernd und sah ihn an.

Ihre Stimme hatte nicht mehr so scharf geklungen wie zuvor. Offenbar hatte er sich nicht getäuscht, in ihren Augen hatte sekundenlang wirklich Verlangen aufgeblitzt.

Ihre feine Haut lud geradezu ein, sie zu berühren, und ihre verführerischen roten Lippen weckten alle möglichen Assoziationen. Er dachte an leidenschaftliche Umarmungen, zerwühlte Betten und lange, lange Nächte.

Aber was, zum Teufel, verbarg sich wirklich hinter dieser kühlen Fassade und dem undurchdringlichen Blick? Sie war ein schwieriger Fall. Jedenfalls sah sie in der eleganten schwarzen Hose und der roten Bluse ungemein begehrenswert aus.

Er ignorierte die ziemlich eindeutige Sprache seines Körpers und erklärte: „Wenn Sie wirklich gehen möchten, rufe ich Ihnen ein Taxi.“

Beruhigt über dieses Angebot, erwiderte sie: „Meine Güte, jetzt verraten Sie mir doch endlich, was das alles soll.“

Kain zog eine Augenbraue hoch. „Das werden Sie ja auch erfahren, wenn Sie hierbleiben. Sie bekommen auch etwas zu essen, versprochen.“ Er lächelte sie an.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Mit diesem entwaffnenden Lächeln konnte er jede Frau um den kleinen Finger wickeln, und das wusste er sehr genau.

„Zunächst möchte ich von Ihnen wissen, warum Sie mich mit in Ihr Apartment genommen haben.“ Gespannt wartete sie auf seine Antwort.

„Sind Sie immer so misstrauisch, wenn Sie eingeladen werden?“, fragte Kain belustigt. Dann zuckte er mit den Schultern und fügte ernst hinzu: „Sie sahen blass aus und wirkten erschöpft, deshalb dachte ich, es würde Ihnen guttun, etwas zu essen.“

Sable ignorierte die Frage und entgegnete: „Mit meiner hellen Haut bin ich von Natur aus blass.“

„Okay. Setzen Sie sich doch.“ Er drehte sich um. „Ich hole Ihnen die Speisekarte.“

Sie setzte sich hin und blickte ihm nach, während er den Raum verließ. Kain Gerard dominierte jeden Raum, und mit seiner charismatischen Persönlichkeit wirkte er vor allem auf Frauen wie ein Magnet. Man traute ihm zu, alles erreichen zu können, und er weckte Vertrauen.

Sie beneidete ihn um seine innere Freiheit, seine große Ruhe, die Sicherheit und seine positive Lebenseinstellung. Ihr eigenes Selbstbewusstsein hatte sie sich mühsam erarbeitet, und es war auch jetzt noch nicht ganz gefestigt.

Ihn zu lieben wäre bestimmt die reinste Hölle, es würde immer wieder andere Frauen geben …

Aber in welche Richtung wanderten ihre Gedanken da? Bestürzt stand sie auf und beschloss, nach Hause zu fahren. Plötzlich kribbelte ihr die Haut. Kam er etwa schon zurück?

„Wollen Sie die Flucht ergreifen, Sable?“, ertönte in diesem Augenblick seine Stimme.

„Nein, keineswegs“, behauptete sie und kam sich irgendwie dumm und kindisch vor. Immerhin hatte sie von ihm nichts zu befürchten, dessen war sie sich sicher. Ein gemeinsames Abendessen würde ihr Leben nicht auf den Kopf stellen.

Er reichte ihr die Speisekarte. „Suchen Sie sich etwas aus. Danach zeige ich Ihnen etwas, das Sie vielleicht interessiert.“

„Was denn?“, fragte sie, ohne einen Blick auf die Speisekarte zu werfen.

Er drückte auf einen Schalter, und sogleich glitt der Vorhang auf und gab den Blick auf die Terrasse frei, wo ihr als Erstes das glitzernde Wasser des Swimmingpools auffiel.

„Kommen Sie, schauen Sie sich das an“, forderte er sie auf.

Sable folgte ihm nach draußen.

„Eins der großen Kreuzfahrtschiffe läuft gerade zu seiner letzten Reise aus.“

„Eine Szene wie aus einem Märchen.“ Ihre Stimme klang weich und ehrfürchtig. Sable war selbst überrascht über ihre Freude beim Anblick des Ozeanriesen, der geräuschlos aus dem Hafen hinauszugleiten schien, und dessen Decklichter funkelten wie die Kerzen an einem riesigen Weihnachtsbaum. „Man fühlt sich wieder wie ein Kind.“

„Wie alt sind Sie?“

Nach kurzem Zögern erwiderte sie: „Sechsundzwanzig.“

„Also sechs Jahre jünger als ich.“ Eine Zeit lang beobachteten sie schweigend das großartige Schauspiel. „Bei aller Zivilisation haben sich unsere natürlichen Instinkte nicht verändert. Lichter vermitteln seit Urzeiten ein Gefühl der Sicherheit. Aber jetzt sollten Sie sich etwas zu essen aussuchen, während ich Ihnen einen Drink einschenke. Nichts Alkoholisches, wenn Ihnen das lieber ist“, fügte er mit regloser Miene hinzu, als sie protestieren wollte.

Der Unterton in seiner Stimme machte sie misstrauisch. Wusste er, dass ihr Vater Alkoholiker gewesen war?

„Ein Glas Zitronenlimonade wäre fein“, antwortete sie betont unbekümmert, ehe sie sich in die Speisekarte vertiefte.

Schließlich nannte sie ihm ihren Wunsch und nahm das Glas in die Hand, das er ihr reichte. Dann ließ er sie wieder allein, um das Essen zu bestellen. Sable nutzte die Gelegenheit, sich in dem Raum umzusehen.

Das Penthouse ließ sich mit Brents sachlich und nüchtern eingerichtetem Apartment nicht vergleichen. Hier zeugte jedes Detail davon, dass der Besitzer selbst für die Ausstattung verantwortlich war, der unaufdringliche Luxus und die klaren Linien passten zu Kain.

Als er zurückkam, verkündete er: „Wir essen auf der Terrasse.“

Woher weiß er, dass ich draußen freier atmen kann? überlegte sie. Sie fühlte sich nicht mehr so eingeengt und konnte sich auf die üppige Bepflanzung und den sternenübersäten Himmel konzentrieren statt einzig und allein auf diesen Mann.

Nachdem ihnen das Essen serviert worden war, stellte Sable zu ihrer Überraschung fest, dass sie sich gut mit Kain unterhalten konnte. Sie redeten über alles Mögliche, und sie ertappte sich einige Male dabei, dass sie etwas zu viel von sich preisgab, was sie beunruhigend fand.

Als sie nach dem Essen noch einen Kaffee tranken, fragte er unvermittelt: „In welcher Beziehung stehen Sie eigentlich zu Brent?“

Aus Loyalität Brent gegenüber erwiderte sie: „In seiner Abwesenheit möchte ich mit Ihnen nicht darüber reden.“

„Ich fürchte, das werden Sie tun müssen“, entgegnete er so kühl und bestimmt, dass sie zusammenzuckte.

Sie setzte sich aufrecht hin. „Und warum?“

„Wenn Sie und Brent sich lieben, ziehe ich mich selbstverständlich zurück“, antwortete er ruhig.

Verblüfft blickte sie ihn an. Sein Lächeln ging ihr unter die Haut, und irgendetwas geschah mit ihr. Ihr Widerstand schmolz dahin.

„Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.“ Sie wünschte, ihre Stimme würde nicht so unsicher klingen.

„Ganz einfach.“ Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und sah sie unter halb geschlossenen Lidern hervor an. „Ich finde Sie sehr attraktiv.“ Seiner Miene nach zu urteilen, schien er belustigt zu sein, in seinen Augen leuchtete es jedoch vor Verlangen auf.

Sekundenlang war sie so verwirrt, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. „Ich liebe Brent nicht und bin auch nicht in ihn verliebt“, entgegnete sie schließlich mit einer Spur von Trotz.

Kains Blick wurde härter. „Warum ist Brent dann überzeugt, er sei in Sie verliebt?“

Sable hatte Brent wirklich gern. Er wirkte jünger, als er war, und etwas naiv, und deshalb fand sie es unfair, mit seinem arroganten Cousin über ihn zu reden. „Er weiß, wie ich zu ihm stehe“, erklärte sie ruhig.

„Wahrscheinlich hofft er, Sie umstimmen zu können.“

„Nein, ihm ist klar, dass wir nur Freunde sein können.“ Sie machte eine Pause, ehe sie hinzufügte: „Ich habe ihm nie einen Grund gegeben zu glauben, ich sei an ihm mehr als freundschaftlich interessiert.“

„Ihr Einzug in seine Wohnung bedeutet also nicht, dass Sie bereit sind, ihm gewisse … Vergünstigungen zu gewähren?“

Sable ärgerte sich über die Skepsis, die in seiner Stimme schwang. „Nein. Er wollte mir helfen, das ist alles. Ich musste überraschend meine Wohnung verlassen, und er weiß, dass ich noch vor seiner Rückkehr wieder ausziehe“, antwortete sie steif.

Kain sah sie prüfend an. Äußerlich ruhig, erwiderte Sable seinen kühlen, durchdringenden Blick.

„Sind Sie sicher?“, brach er endlich das Schweigen.

„Absolut.“

Er nickte. „Okay. Wir sollten ein Liebespaar werden, das klärt die Situation für Brent endgültig.“

„Wie bitte?“ Sie glaubte, sich verhört zu haben. Während der Lärm der Stadt wie in weite Ferne rückte, hörte sie nur noch ihr eigenes Herz klopfen.

„Entspannen Sie sich“, forderte er sie auf und lächelte ironisch. „Ich überlasse es Ihnen, wie weit Sie dabei gehen wollen. Natürlich erwarte ich nicht, dass Sie innerhalb kürzester Zeit mit mir schlafen.“

Ihr leichtes Erröten fand er seltsam faszinierend. Würde sie auf das Angebot eingehen, sich für den Milliardär und gegen den Millionär, der ihr sicher war, entscheiden?

Sable schüttelte energisch den Kopf. „Das ist absurd und völlig unnötig. Auf seiner Reise wird er sich bestimmt in eine andere junge Frau verlieben.“

„Und wenn nicht?“

Kurz zögerte sie. „Er würde mich jedenfalls niemals belästigen.“ Sie blickte Kain an. „Oder sind Sie anderer Meinung?“

„Nein.“ Er war sich sicher, dass sein Cousin sich zurückziehen und jede Hoffnung aufgeben würde, wenn er erfuhr, dass Sable und er ein Liebespaar waren.

„Ich brauche ihm also keine Affäre mit Ihnen vorzugaukeln, um ihn zu überzeugen, dass ich ihn nicht liebe“, stellte sie triumphierend fest.

In seinen Augen blitzte es auf, ehe er ihre Hand nahm und Sable hochzog. „Es muss ja nicht gespielt sein“, meinte er. Dann senkte er den Kopf und küsste sie zu ihrer Verblüffung auf die Lippen.

Er verschwendet keine Zeit, dachte sie und musste sich eingestehen, dass es ihr gefiel. Später würde sie über ihre Reaktion nachdenken, doch jetzt gab sich ganz den Gefühlen hin, die Kain in ihr weckte.

Es war geradezu beschämend, wie bereitwillig sie seinen Kuss erwiderte.

Als er sie losließ, hatte sie weiche Knie und zögerte kurz, ehe sie einige Schritte zurücktrat.

„Das war nicht gespielt“, erklärte er rau. „Gib es zu, Sable, du begehrst mich genauso sehr wie ich dich.“

Sie wandte sich ab, während ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf schossen. Sie war erschüttert, seltsam frustriert und fühlte sich gedemütigt.

Bisher war sie damit zufrieden gewesen, allein zu leben, und hatte sogar geglaubt, dass sie gar nicht zu leidenschaftlichen Gefühlen fähig war. Wie sehr hatte sie sich getäuscht!

„Vielleicht glaubst du, dich in das Leben deines Cousins einmischen zu dürfen, aber du hast ganz bestimmt kein Recht, dich in meins einzumischen“, fuhr sie ihn an, weil sie sich über sich selbst ärgerte.

„Das ist richtig“, stimmte er ihr ruhig zu. „Doch dein Leben und Brents sind im Moment eng miteinander verknüpft. Aus deiner Reaktion schließe, dass du die Wahrheit gesagt hast und wahrscheinlich wirklich nicht in ihn verliebt bist. Verrätst du mir, warum du bei ihm eingezogen bist?“

„Als ich meine alte Wohnung verlassen musste, hat Brent mir angeboten, während seiner Abwesenheit sein Apartment zu benutzen, bis ich etwas Geeignetes gefunden habe“, brachte sie hervor und fügte mit einer ungeduldigen Handbewegung hinzu: „Ich bin noch auf der Suche.“

„Ich kann dir helfen, eine Wohnung zu finden.“

„Nein, vielen Dank“, lehnte sie mit einem letzten Rest von Stolz ab.

„Damit schneidest du dir nur ins eigene Fleisch“, hielt er ihr leicht überheblich vor. „Ich habe dich für intelligenter gehalten.“

„Versuchst du etwa, mich freizukaufen?“, stieß sie hervor und fühlte sich schon wieder gedemütigt.

„Nein, in diesem Fall würde ich dich bitten, mir den Preis zu nennen“, antwortete er mit einem freudlosen Lächeln.

„So viel plumpe Arroganz würde sich doch sicher nicht mit deinem Selbstverständnis vertragen, oder?“ Ihre Stimme klang schneidend.

Er musste lachen. „Ehrlich gesagt, manchmal kommt man nur mit plumper Arroganz weiter. Du hast also nicht vor, Brent zu heiraten?“

„Davon war noch nie die Rede, und ich wäre sehr überrascht, wenn Brent daran überhaupt gedacht hätte.“

Sie weicht mir aus, offenbar ist sie noch nicht bereit, sich von meinem Cousin zu trennen, überlegte Kain. Vielleicht sollte er sie einfach verführen.

Ihre leidenschaftliche Reaktion auf den ersten Kuss, der so etwas wie ein Test hatte sein sollen, bewies ihm jedenfalls, dass sie nicht in Brent verliebt war. Dennoch konnte sie durchaus die Absicht haben, ihn zu heiraten.

Und das würde sie auch schaffen, es sei denn, jemand hielt sie auf. Einen Diamantring für dreißigtausend Dollar hätte Brent ihr nicht geschenkt, wenn sie ihm nichts bedeutete.

Der heftige Zorn, der Kain plötzlich durchströmte, überraschte ihn selbst. Er warf Sable einen flüchtigen Blick zu. Sie saß völlig reglos da, während sich ihr schönes Profil klar und deutlich gegen den dunklen Himmel abhob. Sie sieht aus, als schwebte sie, dachte er ironisch.

Hatte sie diese Pose etwa sorgsam einstudiert? Jedenfalls betonte sie damit ihre hohen Brüste und die langen schlanken Beine. So eine hinreißend schöne Frau musste einfach jedem Mann den Kopf verdrehen, nicht nur seinem Cousin. Brents Mutter ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Exklusiv Band 263" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen