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ROMANA EXKLUSIV BAND 262

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Verführt von einem stolzen Spanier

1. KAPITEL

Entweder jetzt oder nie, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht, sagte Alexa sich entschlossen.

Irgendjemand musste es tun, und Natalie konnte es nicht. Bisher hatte sie dem Druck nicht standgehalten und würde auch diesmal genau das Gegenteil von dem sagen, was sie dachte. Sie würde sich damit einverstanden erklären, Santos Cordero zu heiraten, obwohl sie es nicht wollte, weil sie von Anfang an zu allem Ja gesagt hatte. Und damit würde sie sich jede Chance auf eine echte Beziehung und wahre Liebe verbauen. Jetzt befand sie sich auf dem Weg zum Flughafen, um ein neues Leben zu beginnen.

Als ihre ältere Halbschwester musste Alexa nun die Scherben zusammenkehren, indem sie sich bei Santos entschuldigte und ihm alles erklärte.

Der Chauffeur hatte sie gerade vor dem Haupteingang der Kathedrale Santa Maria de la Sede im Zentrum vor Sevilla abgesetzt, und bei der Vorstellung, Santos gleich gegenüberzutreten, ging Alexa unwillkürlich langsamer. Sie blickte zu dem Glockenturm hoch, der sich gegen den blauen Himmel abzeichnete, und atmete tief durch. Hinter ihr riefen die Paparazzi, die sich vor der Kirche versammelt hatten, und sie versuchte das Klicken der zahlreichen Kameras zu ignorieren, als sie die ausgetretenen Steinstufen hinaufschritt und dann den schmiedeeisernen Griff der großen Holztür umfasste.

„Das liegt jetzt alles hinter dir, Natalie“, sagte sie laut und schüttelte dabei energisch den Kopf. Doch sie merkte selbst, dass es ihr nicht die Kraft verlieh, die sie brauchte, um die Kathedrale zu betreten, Santos die Nachricht zu überbringen und danach alles zu regeln. Aber genau das musste sie tun.

„Komm schon, Alexa“, machte sie sich Mut. „Du weißt, dass du es tun musst!“

Sie seufzte resigniert, bevor sie sich zusammenriss und ihren Griff verstärkte. Außer ihr gab es niemanden, der dies erledigen konnte. Und wenn sie nichts unternahm, würde alles noch schlimmer werden. Natürlich würde es jetzt einen Skandal geben. Sie hoffte nur, sie konnte mit den Folgen fertig werden.

Vor lauter Nervosität hatte sie so feuchte Hände, dass ihr der Griff entglitt.

„Oh, verdammt!“, fluchte Alexa laut.

Da sie kein Taschentuch dabeihatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Hände an ihrem langen Kleid abzuwischen – ein Jammer um das teure rosa Modell, aber im Moment war es ihre geringste Sorge. Schließlich würde die Trauung, für die sie es gekauft hatte, nicht stattfinden.

Außerdem passte es überhaupt nicht zu ihr. Ihre Stiefmutter bevorzugte diesen glamourösen Look und hatte es für die Hochzeit ihrer Tochter ausgesucht – das gesellschaftliche Ereignis, das sie sich immer für diese erhofft hatte. Obwohl das Pink überhaupt nicht zu ihrem dunkelbraunen Haar und den gleichfarbigen Augen passte, hatte Alexa sich damit einverstanden erklärt. Sie hatte ihrer Stiefschwester nicht deren großen Tag verderben wollen, auch wenn sie fand, dass Santos nicht der Richtige für Natalie war.

Und nun lasse ich die Hochzeit platzen, überlegte Alexa mit einem Anflug von Schuldgefühlen, als sie wieder den Griff umschloss. Sie musste allen Mut zusammennehmen, um die Kirche zu betreten und es den Gästen zu verkünden.

Ihre Stiefmutter würde wahrscheinlich hysterisch werden. Ihr Vater – und Natalies – würde noch steifer und reservierter als ohnehin schon wirken. Und der Bräutigam …

Der Bräutigam …

Bei dem Gedanken an ihn schlug Alexa das Herz bis zum Hals. In dem Moment schwang die schwere Holztür auf und schlug an die Wand, woraufhin alle Gäste sich erwartungsvoll umdrehten.

Sie hatte keine Ahnung, wie der Bräutigam reagieren würde – wie Santos Cordero die Nachricht aufnehmen würde, dass seine Braut ihn vor dem Altar stehen ließ und auf dem Weg zu einem anderen Mann war. Doch allein bei der Vorstellung erschauderte sie, und ihr wurde eiskalt.

Bisher war sie dem Verlobten ihrer Stiefschwester erst einmal begegnet, und zwar kurz nach ihrer Ankunft vor zwei Tagen bei dem Festessen, zu dem er die ganze Familie anlässlich seiner Hochzeit in seine wunderschöne Villa außerhalb von Sevilla eingeladen hatte. Allerdings hatte sie schon viel von ihm gehört und den Einfluss bemerkt, den er auf ihren Vater ausübte, seitdem dieser Geschäfte mit ihm machte. Immer wenn sie ihn sah, wirkte er noch älter und hagerer und vor allem gestresster. Er war den Umgang mit Finanzhaien einfach nicht gewohnt, und Santos Cordero zählte zu den schlimmsten.

Dass man ihm den Spitznamen el bandido gegeben hatte, was so viel wie „der Räuber“ bedeutete, kam offenbar nicht von ungefähr. Soweit sie gehört hatte, wurde er seinem Ruf in vielerlei Hinsicht gerecht.

„Du musst ihn unbedingt sehen. Er ist einfach fantastisch! Und er hat Geld“, hatte Natalie verkündet und dabei so begeistert geklungen.

Zu begeistert, wie ihr nun klar wurde, als Alexa das Gespräch mit ihr noch einmal Revue passieren ließ und sich erinnerte, wie aufgesetzt es gewirkt hatte.

In einem Punkt hatte ihre Schwester jedoch recht gehabt: Santos war wirklich atemberaubend und einer der attraktivsten Männer, denen Alexa bisher begegnet war – groß und muskulös, mit pechschwarzem Haar und markanten Zügen und auf anziehende Weise gefährlich.

Letzteres war ihr bewusst geworden, als sie ihm die Hand schüttelte und ihn dabei ansah. Sein Händedruck war fest, sein Lächeln unverbindlich gewesen, aber seine grauen Augen hatten unvergleichlich kalt gewirkt. Prompt hatte ein Prickeln sie überlaufen, und dann war ihr abwechselnd heiß und kalt geworden, als hätte sie Fieber und Schüttelfrost. Nachdem sie eine höfliche Floskel gemurmelt hatte, hatte sie sich abgewandt und versucht, ihm den restlichen Abend aus dem Weg zu gehen. Dennoch hatte sie seinen Händedruck die ganze Zeit zu spüren geglaubt, und ihr Körper hatte nach seinem durchdringenden Blick unvermindert geprickelt.

„Alexandra?“

Es dauerte einen Moment, bis Alexa ihren Vater registrierte, der neben dem Eingang stand und auf Natalie wartete. Diese hatte ihn überredet vorzufahren, statt sie im Wagen zur Kirche zu begleiten, wie es der Tradition entsprochen hätte.

„Alexandra …“

„Was ist passiert?“

Das aufgeregte Gemurmel der Gäste angesichts der Tatsache, dass nicht die Braut, sondern die erste Brautjungfer erschienen war, verstummte bei der scharfen Frage, die der Bräutigam vom Altar aus stellte.

„Was ist passiert?“, wiederholte er, woraufhin Alexa ihn unwillkürlich ansah.

In dem Smoking auf der Dinnerparty hatte er schon überwältigend gewirkt, aber nun wurde ihr richtig schwindelig, denn er trug einen Frack mit Weste und einer eleganten Krawatte. Sobald ihre Blicke sich begegneten, schien es ihr, als wären Santos und sie allein auf der Welt. Die anderen Gäste und die festlich geschmückte Kirche mit den flackernden Kerzen und den kunstvollen Blumengestecken rückten in den Hintergrund, sodass sie nur noch sein markantes Gesicht und den Ausdruck in seinen Augen wahrnahm.

„Sagen Sie es mir!“, forderte Santos Cordero sie in autoritärem Tonfall vom anderen Ende der Kirche her auf.

Trotzig warf Alexa den Kopf zurück und beobachtete, wie er daraufhin die Augen zusammenkniff und flüchtig die Lippen zusammenpresste.

„Por favor“, fügte er so scharf hinzu, dass es für sie wie ein Schlag ins Gesicht war.

Das ist keine Bitte, sondern ein höflich verpackter Befehl, überlegte sie wütend. Am liebsten hätte sie etwas gekontert oder sich abgewandt und die Kathedrale verlassen. Sie konnte ihm auch die Wahrheit ins Gesicht sagen und beobachten, wie sein arroganter Ausdruck verschwand und Santos nicht mehr ganz so selbstsicher wirkte.

Dann besann sie sich allerdings auf ihre gute Erziehung. Außerdem verspürte sie einen Anflug von Mitgefühl.

Santos Corderos mochte ein überheblicher Mistkerl sein, aber er war auch der Bräutigam. Er war an diesem Tag hierhergekommen, um ihre Halbschwester Natalie zu heiraten.

Dieselbe Natalie, die ihr Hotelzimmer fluchtartig verlassen hatte und sich nun vermutlich schon am Flughafen befand – bei dem Mann, den sie ihren eigenen Worten zufolge wirklich liebte.

Und es mir überlässt, Santos alles zu erklären.

Die Kehle war ihr plötzlich wie zugeschnürt, und nur einen Moment lang gestattete sie sich den Gedanken an Flucht. Das hier war nicht ihr Problem. Sollte doch jemand anders diesem arroganten Spanier eröffnen, dass seine Braut es sich anders überlegt hatte …

Aber es gab niemanden.

Am anderen Ende der Kirche bemerkte sie ihre Stiefmutter in dem smaragdfarbenen Kleid und mit dem farblich dazu passenden Hut, die unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte und zu argwöhnen schien, dass etwas gründlich schiefgelaufen war. Und ihr Vater …

Nein, Alexa wagte es nicht, ihren Vater anzusehen, weil er sicher vermutete, dass sie schlechte Nachrichten überbrachte. Wahrscheinlich würde er einen Wutanfall bekommen, was sie auf keinen Fall riskieren wollte.

„Señorita …“

Nun klang seine Stimme sanft, aber als sie Santos Cordero anblickte, merkte sie, wie angespannt er war. Wenn sie jetzt etwas Falsches sagte, würde er explodieren und seine ganze Wut an ihr auslassen.

Dies war der Santos Cordero, den man ihr geschildert hatte, el bandido, dessen Ruf ihm selbst bis nach Yorkshire vorausgeeilt war.

Als ihr Vater ihr zum ersten Mal sagte, er würde mit ihm über ein Geschäft verhandeln, hatte er so aufgeregt und zuversichtlich geklungen, dass er durch diese Verbindung ein Vermögen verdienen würde, was das Ende all seiner finanziellen Probleme bedeutet hätte. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sich abgezeichnet, dass der erhoffte Erfolg sich nicht einstellte und es nur Stress gab. Während der Vorbereitungen zu Natalies Hochzeit waren seine Sorgen allerdings in den Hintergrund getreten …

„Warum sind Sie hier? Ich nehme an, Sie wollen mir etwas mitteilen.“

Bemüht, seinen sarkastischen Tonfall zu ignorieren, der sie wie ein Peitschenschlag traf, atmete Alexa tief durch.

„Ich muss mit Ihnen reden“, brachte sie hervor und registrierte dabei, dass sie so atemlos klang, als wäre sie die Strecke von Natalies Hotelzimmer zur Kathedrale gelaufen. „Bitte …“, fügte sie hinzu, als Santos sie finster betrachtete.

„Dann reden Sie.“ Er machte eine überhebliche Geste. „Ich kann es kaum erwarten.“

Das hätte er ihr kaum deutlicher zu verstehen geben können. Und sie würde es ihm sagen. Aber nicht jetzt und nicht hier. Ungefähr sechshundert Gäste blickten sie nun neugierig an und verfolgten fasziniert das Drama, das sich vor ihnen abspielte.

Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte, zwang Alexa sich, auf ihn zuzugehen. Dabei überlegte sie fieberhaft, wie sie am besten beginnen sollte, doch alles erschien ihr entweder zu albern, zu unbeholfen oder schlichtweg falsch. Und sie konnte ohnehin keinen klaren Gedanken mehr fassen, sobald sie ihm ins Gesicht sah und sein kühler Blick sie traf.

In diesem Moment erschien Santos ihr noch größer und muskulöser als bei ihrer ersten Begegnung. Der elegante Anzug unterstrich seine breiten Schultern, die schmalen Hüften und die langen Beine, und sein weißes Hemd bildete einen faszinierenden Kontrast zu seinem dunklen Teint.

„Können wir irgendwohin gehen, wo wir ungestört sind?“, fragte sie unsicher, woraufhin er den Kopf neigte und leicht die Stirn runzelte, als hätte er sie nicht ganz verstanden.

„Perdon?“

Nun machte er einen Schritt auf sie zu, sodass sie sehen konnte, wie seine muskulöse Brust sich bei jedem Atemzug hob und senkte. Sie glaubte sogar seine Körperwärme zu spüren, und sein Aftershave, das sich mit seinem ureigenen Duft mischte, stieg ihr in die Nase. Ihr Herz pochte jetzt noch wilder, aber diesmal stellte sie schockiert fest, dass es nicht nur vor Angst war, sondern weil sie instinktiv auf seine animalische Anziehungskraft reagierte. Und das war das Letzte, was sie wollte, denn dieser Mann hatte ihrer Familie bisher nur Probleme bereitet.

„Können wir bitte irgendwohin gehen, wo wir ungestört sind?“

Alexa zwang sich, die Worte zu wiederholen, diesmal energischer und etwas lauter, obwohl es nur für seine Ohren bestimmt war.

„Irgendwohin, wo wir allein sind.“

„Allein?“

Santos blickte sie so finster an, dass sie verlegen errötete.

„Ich heirate gleich, Señorita.“

„So habe ich es nicht gemeint!“, zischte sie. „Und Sie …“

Entsetzt verstummte sie. Noch konnte sie ihm nicht sagen, dass er nicht heiraten würde. Nicht so. Genauso wenig wie sie es ihm hier vor allen Gästen mitteilen konnte.

Denn er wäre sicher am Boden zerstört. Schließlich hatte er Natalie gebeten, ihn zu heiraten und seine Frau zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten …

„Wir müssen uns unbedingt unterhalten“, brachte Alexa hervor und hoffte, er merkte nicht, wie heiser ihre Stimme klang.

„Soso, glauben Sie.“ Skeptisch und mit unverhohlener Verachtung blickte er auf sie herab. „Sie glauben, ich müsste Ihnen zuhören. Aber Sie tauchen hier einfach auf, ohne mir etwas zu erklären, und erwarten von mir …“

„Ich versuche doch, es Ihnen zu erklären!“, unterbrach sie ihn verzweifelt.

Merkte er denn nicht, wie wichtig es war? Dass sie hier nicht ohne einen triftigen Grund einfach hereinmarschiert wäre?

Nein, überlegte sie. Er merkte überhaupt nichts. El bandido wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine Braut ihn vor dem Altar stehen lassen könnte. Er vertraute darauf, dass sie erscheinen würde, denn schließlich hatte er ja alles arrangiert.

Seine Arroganz brachte sie so auf die Palme, dass Alexa an sich halten musste, um ihm nicht die Wahrheit entgegenzuschleudern.

„Ich glaube, es wäre Ihnen lieber, wenn wir irgendwo unter vier Augen reden würden.“

„Mir wäre es lieber, wenn ich wenige Minuten vor meiner Hochzeit nicht mit einer anderen allein wäre. Können Sie sich vorstellen, was die Klatschpresse daraus machen würde?“

„Oh, um Ihren Ruf brauchen Sie keine Angst zu haben. Ich versichere Ihnen, dass ich keine Absichten …“

Alexa verstummte, als sie seinem zynischen Blick begegnete. Dachte Santos Cordero wirklich, sie wollte seinen Ruf ruinieren? Was mochte er für ein Leben führen, dass er so misstrauisch war? Glaubte er, sie würde ihm später damit drohen, sich an die Presse zu wenden und intime Einzelheiten auszuplaudern, wenn er ihr kein Geld zahlte?

Nein, es würde sicher keine intime Situation werden …

Bei der Vorstellung ließ sie den Blick unwillkürlich zu seinem Mund schweifen, den immer noch ein zynisches Lächeln umspielte. Er war so sinnlich … Prompt setzte ihr Herz einen Schlag aus. Allein bei dem Gedanken daran, ihn zu küssen, schrillten bei ihr sämtliche Alarmglocken.

„Ich möchte gar nicht wissen, was für Absichten Sie haben …“

Seine eisigen Worte brachten sie unvermittelt in die Gegenwart zurück, und sie konnte nun zumindest erahnen, warum ihre Halbschwester beschlossen hatte, ihn nicht zu heiraten.

„Sie sind wirklich unmöglich!“, brauste Alexa auf. „Ich versuche nur, Ihnen eine peinliche Situation zu ersparen.“

„Alexandra …“

Offenbar entschlossen einzugreifen, kam jetzt ihr Vater auf sie zu. Er war aschfahl, und sowohl sein Tonfall als auch die Tatsache, dass er sie nicht mit ihrem Kosenamen ansprach, waren ein einziger Vorwurf.

„Alexandra, bitte …“

Abrupt blieb er stehen, als Santos die Hand hob. Offenbar erlebte dieser es nicht oft, dass man ihn als unmöglich bezeichnete.

„Wenn Sie wirklich Angst haben, können wir die Tür offen lassen, sodass man Ihre Schreie hört, wenn ich …“

Nun war sie zu weit gegangen. Falls sie ihn zu einer Reaktion hatte bewegen wollen, war es ihr gelungen. Mehr als das sogar. Er hatte die Fassung verloren, wie das kalte Funkeln in seinen Augen und seine zusammengepressten Lippen bewiesen.

Und plötzlich klopfte ihr Herz aus einem anderen Grund schneller. Während sie sich vorher einigermaßen sicher gefühlt hatte, schien es ihr nun, als hätte sich die Erde unter ihr aufgetan und würde sie verschlingen.

Ihr Mund war ganz trocken, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Nervös befeuchtete sie sich die Lippen.

„Glauben Sie mir, es wäre besser, wenn wir allein reden würden – da drinnen vielleicht …“

In Panik deutete sie auf eine Tür, die, wie sie annahm, zur Sakristei führte.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte, wenn Santos einfach stehen blieb. Doch ehe sie sich darüber den Kopf zerbrechen konnte, streckte er die Hand aus und umfasste mit eisernem Griff ihren Arm.

„Sie wollen reden?“ Seine Stimme verriet unverhohlenen Zorn, und sein Akzent war noch deutlicher zu hören als vorher. „Dann los.“

Er führte sie zu der Tür, auf die Alexa gezeigt hatte, und öffnete sie. Nachdem er sie hineingeschoben hatte, schloss er die Tür, indem er einfach dagegentrat. Dass er sich in einer Kirche befand und außerdem mit ihr allein war, schien ihn in diesem Moment nicht mehr zu kümmern.

Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte er sich an die Tür. Falls sie vorher geglaubt hatte, er würde streng wirken, wurde Alexa nun eines Besseren belehrt, denn seine Züge waren hart und verrieten mühsam unterdrückten Zorn.

Nach einem Blick auf seine goldene Armbanduhr verkündete er: „Sie haben drei Minuten, um mir zu erklären, was das alles soll. Und es sollte glaubhaft sein, sonst …“ Er verstummte vielsagend, woraufhin sie unwillkürlich schauderte. „Und? Was gibt es so Wichtiges?“

„Ich …“

Zweimal setzte sie an, und beide Male versagte ihr die Stimme. Sie durfte ihm nicht ins Gesicht sehen, aber wegzublicken half genauso wenig. Wie sollte man einem Mann eröffnen, dass sein Leben von diesem Moment an ganz anders verlaufen würde, als er es sich vorgestellt hatte?

Nein, sie konnte ihm unmöglich in die Augen sehen.

„Sie haben schon dreißig Sekunden vergeudet“, höhnte Santos dann. „Noch zweieinhalb Minuten, und ich gehe wieder zurück und …“

„Natalie kommt nicht!“

Die Worte brachen einfach aus ihr heraus. Es gibt keinen richtigen und schon gar keinen einfachen Weg, es zu sagen, überlegte sie. Also hatte sie es ihm an den Kopf geworfen und hoffte nun, sich schnell zurückziehen zu können, bevor er seine Wut an ihr ausließ.

„Natalie kommt nicht. Sie hat es sich anders überlegt.“

Erstaunlicherweise reagierte Santos nicht so, wie Alexa es befürchtet hatte. Sein bedrohliches Schweigen war allerdings noch schlimmer für sie. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und sie hätte schreien mögen.

„Sie hat es sich anders überlegt?“, wiederholte er schließlich, als würde er entweder seinen Ohren nicht trauen oder die Bedeutung ihrer Worte nicht verstehen. „Erklären Sie es mir!“, befahl er dann scharf.

Er wollte es offenbar nicht anders. Sie hatte versucht, besonnen und fair zu sein, aber so etwas kannte Santos Cordero entweder nicht oder wusste es nicht zu schätzen.

„Natalie kommt nicht zur Hochzeit. Sie möchte Sie doch nicht heiraten.“

„Wo, zum Teufel, ist meine Braut?“, fuhr er sie an.

Dabei blickte er sie noch finsterer an als vorher, und trotz seines eisigen Tonfalls spürte sie, dass er sich nur mühsam beherrschte.

„Warum ist sie nicht hier, bei mir, vor dem Altar?“

„Oh bitte!“

Mehr konnte sie wirklich nicht ertragen. Dass er seinen Zorn an ihr ausließ, war eine Sache, doch die Worte meine Braut waren einfach zu viel.

Meine Braut. Es klang nicht nach großer Liebe, sondern einfach nur besitzergreifend.

„Es tut mir leid, aber sie wird nicht kommen und vor dem … dem …“ Da sie so gestresst war, konnte Alexa nur nervös auf die Tür deuten, vor der er stand. Da draußen warteten alle darauf, dass die Zeremonie endlich begann.

„Sie kommt nicht. Sie wird Sie nicht heiraten. Sie ist zum Flughafen gefahren und wird inzwischen schon in der Abflughalle sein. Sie will in die USA – mit dem Mann, den sie wirklich liebt und den sie wirklich heiraten möchte.“

„Sie ist weg.“

Das war eine Feststellung, so eisig und präzise, dass Alexa zusammenzuckte. Noch nie hatte sie sich so schrecklich gefühlt wie in diesem Augenblick, und dies war nicht einmal ihr Kampf, den sie ausfocht. Doch sie hätte niemals zulassen können, dass ihre Schwester Santos Cordero heiratete, denn diese war so unglücklich gewesen.

„Ihre Schwester … ist vor ihrer eigenen Hochzeit davongelaufen.“

Die Art und Weise, wie er die Worte Ihre Schwester aussprach, bewirkte, dass ihr Herz sich schmerzhaft zusammenkrampfte. Aber sie wagte es nicht, es zu analysieren und herauszufinden, was sich wirklich dahinter verbarg. Sie hatte auch keine Zeit mehr, denn sie hatte ihre Mission fast erfüllt. Sie hatte Santos die Wahrheit gesagt und hoffte nur, sie konnte jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden.

„Sie hat mich sitzen lassen – wegen eines anderen Mannes?“

„Ich fürchte, ja.“

„Das hätte sie nicht tun sollen.“

„Ich weiß, und es tut mir leid – sie hätte es Ihnen früher sagen und Ihnen gestehen müssen, dass Sie sie nicht genug liebt, um Sie zu heiraten. Sicher sind Sie verletzt …“

Ihre Worte überschlugen sich fast, doch Alexa verstummte schockiert, als sie seine Reaktion bemerkte. Statt wütend zu werden, wie sie erwartet hatte, lachte er. Benommen und ungläubig zugleich stand sie da und blickte ihn starr an.

Er warf den Kopf zurück und lachte laut. Es war ein humorloses, zynisches Lachen, das sie schaudern und ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Santos?“, fragte sie zögernd, während sie sich fragte, ob sie überhaupt zu ihm durchgedrungen war.

Hatte sie in ihrer Nervosität vielleicht einen Fehler gemacht und nicht überzeugend geklungen? Glaubte er womöglich, das Ganze wäre ein schlechter Witz?

„Santos, haben Sie gehört, was ich gesagt habe? Verstehen Sie doch …“

„Oh ja, das habe ich, belleza, und ich verstehe nur zu gut. Ihre Schwester hat ihr Versprechen gebrochen und mich verlassen, und Sie müssen jetzt die Scherben zusammenkehren. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum Sie denken, dass es mich interessiert.“

2. KAPITEL

„Was?“

Alexa blinzelte verwirrt, während sie die Bedeutung seiner Worte, aber vor allem Santos’ Reaktion zu verstehen versuchte. Nachdem sein Lachen sie schon überrascht hatte, erschien ihr seine Aussage fast unwirklich. Statt wütend, traurig oder verbittert zu reagieren, weil die Frau, die er heiraten wollte, ihn vor dem Altar stehen ließ, gab er sich zynisch, ja, fast gleichgültig.

„Es interessiert Sie nicht? Aber …“

Ungerührt zuckte Santos die Schultern und strich sich dann mit beiden Händen durchs Haar, als würde er nach einem langen, anstrengenden Tag endlich abschalten.

Seine Züge hingegen wirkten keineswegs entspannt, denn er presste die Lippen zusammen, und an seiner Wange zuckte ein Muskel. Und das Funkeln in seinen grauen Augen erinnerte sie an ihre erste Begegnung mit ihm, als sie fand, er hätte die kältesten Augen überhaupt.

„Erwarten Sie etwa, dass ich mich verhalte, als hätte Ihre Schwester mir das Herz gebrochen? Als hätte ich meine große Liebe verloren und als wüsste ich nicht, wie ich jetzt weiterleben soll?“, fragte er zynisch. „Da liegen Sie völlig falsch. Ich werde so weitermachen wie bisher. Ihre Familie hingegen dürfte Schwierigkeiten haben, wieder auf die Beine zu kommen. Sie …“

Er verstummte, als jemand von außen energisch an die Tür klopfte.

„Alexandra? Alexa?“ Es war ihr Vater, der ziemlich besorgt klang. „Ist alles in Ordnung? Was geht da vor? Cordero, was …?“

„Warten Sie!“, rief Santos scharf, ohne den Blick von Alexa abzuwenden. „Wir kommen gleich und erklären alles. Oder vielmehr …“ Er sah sie so durchdringend an, dass sie sich noch verletzlicher fühlte. „Sie werden es tun.“ Sein sanfter Tonfall täuschte nicht darüber hinweg, dass dies ein Befehl war. „Sie werden Ihrem Vater – Ihrer Familie – erzählen, was passiert ist.“

„Aber ich …“ Einen Moment lang versagte ihr die Stimme. „Das ist jetzt nicht mehr meine Aufgabe. Sie …“

Auf keinen Fall konnte sie in die Kirche zurückkehren und allen sagen, warum sie hier war. Dass Natalie die Flucht ergriffen hatte und die Trauung, die in der Klatschpresse als Hochzeit des Jahres angekündigt worden war, nicht stattfinden würde. Es hätte eine Verbindung aus neuem Reichtum und altem Adel sein sollen, denn Santos war Unternehmer und hatte es bereits zum Milliardär gebracht, während Natalie als Lord Stanley Montagues Tochter einem alten Geschlecht entstammte. Santos, der aus einfachen Verhältnissen kam und sich mit viel Fleiß, Ehrgeiz und Köpfchen an die Spitze gekämpft hatte, sollte in eine der angesehensten englischen Adelsfamilien einheiraten. Aus diesem Stoff waren Märchen gemacht, vor allem wenn die Braut eine Schönheit und der Bräutigam so attraktiv war, dass ständig Fotos von ihm und irgendwelchen Begleiterinnen in den einschlägigen Magazinen auftauchten.

„Ich glaube nicht …“, setzte Alexa wieder an. Sie fühlte sich noch verlorener als in dem Moment, in dem sie den Gang hinunter auf Santos zugegangen war, der sie eisig betrachtet hatte.

Sie wusste nicht, was sie ihm sagen oder wie sie ihm alles erklären sollte, zumal alles ganz anders gelaufen war, als sie erwartet hatte. Schließlich fand sie sich nicht jeden Tag in einer Situation wie dieser wieder.

Doch er hörte ihr gar nicht zu. Jetzt kam er auf sie zu. Mit eisernem Griff umfasste er ihren Arm, sodass seine Finger sich schmerzhaft hineinbohrten, und drehte sie zur Tür herum.

Sie werden es tun“, verkündete er schroff. „Ihre Familie hat mein Leben schon genug durcheinandergebracht, also …“

Er wurde durch erneutes Klopfen und die Stimme ihres Vaters unterbrochen, die diesmal schärfer klang.

„Alexandra, was ist da los?“

„Nichts … Ich meine, es ist alles in Ordnung“, brachte Alexa hervor, als Santos sie drohend anblickte. „Wir … wir kommen jetzt, und dann … erkläre ich alles.“

Da er sie jetzt mit sich zog, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

„Lassen Sie mich gefälligst los!“, fuhr sie ihn an. „Okay, ich musste Ihnen die schlechte Nachricht überbringen, aber es gibt ein Sprichwort, das heißt, dass man den Boten nicht dafür verantwortlich machen soll. Natalie ist diejenige …“

„Ihre Schwester ist nicht hier.“

Er sagte es leise und sah sie dabei nicht an. Im nächsten Moment riss er die Tür auf.

„Also lassen Sie Ihren Frust nicht an mir aus! Sie können mich nicht einfach so mitschleifen …“

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie nicht aufgepasst und stolperte nun in den ungewohnt hochhackigen Pumps über einen der unebenen Steine. Zuerst dachte sie, sie würde das Gleichgewicht verlieren, doch er verstärkte seinen Griff und hielt sie aufrecht.

„Reißen Sie nicht so an meinem Arm!“

„Ich habe nur verhindert, dass Sie hinfallen.“

Warnend funkelte er sie an, aber sie musste trotzdem an sich halten, um nichts zu entgegnen. Wie hatte das Ganze ihr so entgleiten können? Sie hatte ihm nur die Nachricht überbringen wollen und fand sich nun in der Opferrolle wieder, denn Santos schleifte sie in die Kirche, ohne dass sie wusste, worum es hier ging. Denn es musste mehr dahinterstecken, so viel war sicher.

„Dann lassen Sie es gefälligst“, konterte Alexa sarkastisch. „Ich komme sehr gut allein zurecht.“

„Schon möglich“, stieß er so leise hervor, dass weder ihre Stiefmutter in der ersten Reihe noch ihr Vater, der vor den Stufen zum Altar stand, es hörten. „Aber ich möchte nicht, dass Sie hinfallen und mir die Schuld geben. Außerdem will ich verhindern, dass Sie wie Ihre Schwester einfach die Flucht ergreifen.“

„Was würde es für eine Rolle spielen, wenn ich es täte?“

Einen Moment lang war sie versucht, ihm gegen das Schienbein zu treten, doch sein warnender Blick hinderte sie daran. Ein grimmiges Lächeln umspielte seine Lippen, als er mit ihr vor dem Altar stehen blieb.

„Alexa“, begann ihr Vater erneut, verstummte allerdings, sobald Santos ihn anfunkelte.

„Ladies und Gentlemen …“

Santos musste nicht einmal besonders laut sprechen, um sich Gehör zu verschaffen, weil bei ihrem Erscheinen alle verstummt waren. Alle blickten sie an, einige verwirrt, andere, wie ihre Stiefmutter und ihr Vater, ausgesprochen angespannt. Und wieder fragte Alexa sich, was hier vor sich ging.

Santos hingegen wirkte völlig unbeeindruckt, während er ruhig und selbstsicher weitersprach, als würde er die Tischrede halten.

„Es gibt eine geringfügige Änderung …“

Geringfügig?

Schockiert drehte Alexa sich zu ihm um. Wie konnte er die Geschehnisse nur mit derart banalen Worten beschreiben?

Doch er ignorierte ihre Bestürzung und redete genauso beherrscht weiter.

„Die Hochzeit fällt aus.“

„Nein …“

Sichtlich entsetzt wich ihr Vater einen Schritt zurück, und ihre Stiefmutter wurde noch blasser und schlug sich die perfekt manikürte Hand vor den Mund, als müsste sie einen Schrei unterdrücken.

„Was …?“

Das war wieder ihr Vater, dem es offenbar schwerfiel, mehr als nur ein Wort über die Lippen zu bringen und die Frage zu stellen, die ihn am meisten beschäftigte. Selten hatte Alexa ihn so aufgewühlt erlebt, und ihrer Meinung nach reagierte er viel zu extrem. Sicher wäre es peinlich für ihn, die Trauung abzusagen und den Klatsch im Bekanntenkreis und die Kommentare in der Presse über sich ergehen zu lassen.

Aber es war immer noch besser, als wenn Natalie einen großen Fehler machte, indem sie einen Mann heiratete, den sie nicht liebte, oder? Die Hochzeit jetzt abzusagen wäre nicht so schlimm, wie kurze Zeit später eine – in jeder Hinsicht – kostspielige Scheidung zu finanzieren. Für ihren Vater schien es allerdings ein Weltuntergang zu sein …

Alexa hatte keine Gelegenheit mehr, sich den Kopf über diese Dinge zu zerbrechen, weil Santos sie in dem Moment nach vorn zog, sodass sie direkt vor ihm und den Gästen gegenüberstand.

„Natalie kommt nicht“, verkündete er kühl. „Sie hat mich sitzen lassen. Ihre Schwester hat mir die Nachricht überbracht, und jetzt wird sie Ihnen alles erklären.“

Er schob sie nach vorn, und sie wusste, jetzt war der Augenblick der Wahrheit gekommen.

Aber was war die Wahrheit? Plötzlich wusste sie es nicht mehr genau. Natalie hatte Santos nicht mehr heiraten wollen. Nur warum hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen? Bevor Alexa darüber nachdenken konnte, ergriff ihr Vater wieder das Wort.

„Alexandra? Was ist hier eigentlich los?“

„Sagen Sie es ihm“, drängte Santos schroff, als sie zögerte. „Sagen Sie es den Gästen.“

„Ich fürchte, San… Señor Cordero hat recht …“

In der großen Kirche klangen ihre Worte seltsam hohl, beinah unheimlich. Wenigstens klingt meine Stimme fester, als ich erwartet habe, dachte Alexa. So als wüsste sie, wovon sie sprach.

„Natalie hat es sich anders überlegt. Sie glaubt, es wäre nicht richtig, ihn zu heiraten, denn sie liebt einen anderen.“

Wenigstens das konnte sie aus Überzeugung sagen. Flüchtig ließ sie den Moment Revue passieren, in dem Natalie in ihrem Hotelzimmer auf dem Bett gesessen und starr ihr Brautkleid angeblickt hatte, aschfahl und mit Tränen in den Augen.

„Ich dachte, ich könnte es tun, Lexa“, hatte sie hervorgebracht. „Ich wollte es ja auch … Aber jetzt geht es nicht mehr. Wäre ich John nicht begegnet, hätte ich Santos geheiratet, doch es hat alles verändert.“

„Dass sie Ihnen so viele Umstände bereitet hat, tut ihr sehr leid … Doch sie wollte es lieber jetzt beenden als eine Ehe eingehen, in der sie nicht glücklich geworden wäre …“

„Und sie war zu feige, selbst zu kommen und es mir ins Gesicht zu sagen?“

Sein drohender Tonfall veranlasste Alexa, Santos anzusehen. Das kalte Funkeln in seinen grauen Augen und der bittere Zug um seine Lippen ließen sie schaudern. Dass Natalie sich außerstande gesehen hatte, ihm gegenüberzutreten, konnte sie ihr wirklich nicht verdenken. Und wenn sie ihn so erlebte wie in diesem Moment, war ihr völlig rätselhaft, warum Natalie ihn überhaupt hatte heiraten wollen.

„Nein“, bestätigte Alexa unbehaglich. Natalie hatte es nicht einmal gewagt, ihrer Mutter und ihrem Vater die Wahrheit zu sagen. „Es tut mir leid.“

Santos nickte unmerklich, was vermutlich heißen sollte, dass er ihre Entschuldigung annahm. Ansonsten deutete allerdings nichts darauf hin, denn seine Miene war genauso hart wie vorher. Und sie hatte sich Sorgen gemacht, dass er verletzt sein könnte!

Dieser Mann wirkte, als würde nichts seinen Panzer durchdringen und sein Herz rühren. Momentan sah er nicht einmal so aus, als hätte er überhaupt ein Herz.

„Und wo ist Natalie jetzt?“

Alexa richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Vater, der wie erstarrt dastand, die Hände zu Fäusten geballt.

„Auf dem Weg zum Flughafen – nein …“ Ein flüchtiger Blick auf ihre Armbanduhr bestätigte ihre Vermutung. „Sie muss jetzt in der Abflughalle sein.“

„Oh nein! Natalie!“

Petra Montague, ihre Stiefmutter, reagierte genauso, wie Alexa es erwartet hatte. Mit bebenden Händen fasste sie sich an die Wangen, und ihre rot lackierten Fingernägel bildeten einen harten Kontrast zu ihren großen blauen Augen, in denen nun Tränen schimmerten.

„Was hat sie bloß getan? Was hat sie vor?“

„Pst, meine Liebe.“ Seine Worte klangen eher wie ein Vorwurf, als Stanley zu ihr ging, um ihre Hände zu nehmen und sie anzublicken. „Petra, nicht …“

Alexa machte einige Schritte auf sie zu, blieb dann allerdings stehen, weil sie wusste, dass ihre Stiefmutter sich nicht von ihr trösten lassen, sondern sie eher zurückweisen würde. Diese sah Stanley nun verzweifelt an, während sie seine Hände drückte.

„Sicher ist es so besser, als wenn Natalie später gemerkt hätte, dass sie einen großen Fehler gemacht hat“, bekräftigte Alexa.

Sie ist wirklich gut, dachte Santos, nachdem er beobachtet hatte, wie Alexandra ein Stück nach vorn ging und dann zögerte. Fast hätte er geglaubt, dass sie die Wahrheit sagte und selbst von ihrer Geschichte überzeugt war.

Aber das konnte natürlich nicht sein. Sie musste die ganze Zeit gewusst haben, dass ihre Schwester ihn sitzen lassen würde. Warum hätte sie ihre Ankunft in der Kirche sonst so perfekt getimt, dass niemand Natalie hinterherfahren und sie zurückholen konnte?

Die ganze Familie steckte unter einer Decke. Und er war dumm genug gewesen, ihnen zu vertrauen, und hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine Fehlentscheidung getroffen.

Als Hochzeitsgeschenk für deine Braut … Noch immer hörte er Petra Montagues flehende Stimme. Du möchtest doch nicht, dass dein Schwiegervater auf der Straße landet …

Dios! Was hatte er sich nur dabei gedacht? Noch nie zuvor hatte er etwas bezahlt, bevor das Geschäft unter Dach und Fach war. Diesmal allerdings war er nur etwas unvorsichtig gewesen, und die verdammten Montagues hatten es ausgenutzt.

„Ihr möchtet doch bestimmt, dass Natalie glücklich ist.“

„Das wäre sie mit Santos geworden!“, jammerte Petra. „Wir alle hätten uns sehr gefreut!“

„Sie war aber nicht glücklich“, wandte Alexa ein. „Sie hat sich nur nicht getraut, etwas zu sagen, nachdem ihr die Hochzeit geplant hattet.“

Nun, da er ein wenig seitlich von ihr stand, sah er sie nur im Profil. Und plötzlich konnte er den Blick nicht mehr von ihr abwenden.

Ihre Stiefmutter hatte sie als unscheinbar, altmodisch und langweilig beschrieben. Doch schon auf der Dinnerparty hatte er sie ganz anders gesehen. Im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester, die mit dem blonden Haar und den strahlend blauen Augen als Schönheit galt, war Alexa brünett und hatte braune Augen. Außerdem war sie nicht nach dem letzten Schrei gekleidet gewesen, sondern dezenter, aber nicht langweilig oder gar altmodisch.

Und selbst die übertriebene Hochsteckfrisur, die sie heute trug, konnte nicht von ihrem klassischen, klaren Profil ablenken. Die zarte, fast durchscheinende Haut und die langen, gebogenen Wimpern verliehen ihrem Äußeren eine zusätzliche Faszination.

Und obwohl sie nicht ganz so groß und etwas schlanker war als Natalie mit ihren sehr weiblichen Rundungen, zog sie ihn unwiderstehlich an. Nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihre Haltung und die Ruhe, die sie ausstrahlte, zogen ihn in ihren Bann.

Bei ihrer ersten Begegnung war Alexa so kühl und distanziert gewesen, dass er sie sofort unsympathisch fand. Den Ausdruck in ihren Augen hatte er auf seinem Weg nach oben so oft gesehen. Er erinnerte ihn daran, dass er aus der Gosse kam und man ihm seine Herkunft immer noch ansah. Er hatte sich geschworen, es sich nie wieder gefallen zu lassen, und sich in dem Augenblick gesagt, dass er sich viel stärker zu Natalie hingezogen fühlte.

Jetzt war er sich allerdings nicht mehr so sicher.

„Eins ist jedenfalls sicher“, hörte er sie nun mit ihrer sanften Stimme leise sagen. „Es wird heute keine Hochzeit geben. Ich konnte einfach nicht zulassen, dass Natalie es durchzieht.“

Konnte nicht … Immer wieder gingen ihm die Worte durch den Kopf und ließen bei ihm alle Alarmglocken schrillen. Ich konnte einfach nicht zulassen, dass Natalie es durchzieht.

Verdammt, fluchte Santos im Stillen. Sie hatte die ganze Zeit mitgemacht. Sie hatte gewusst, dass Natalie ihr Versprechen nicht halten würde, und ihr dabei geholfen zu fliehen.

Und ihn vor allen Gästen gedemütigt.

„Ich bedaure, dass Sie alle den weiten Weg umsonst gemacht haben, aber Sie haben gewiss Verständnis. Und jetzt bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren.“

Während sie sprach, machte sie einen Schritt nach vorn, als Beweis dafür, dass sie genau das tun wollte – den Gang hinuntergehen und die Kirche verlassen.

„Wenn Sie bitte alle aufstehen würden …“

„Nein!“

Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie sich einfach aus der Affäre zog und den Scherbenhaufen zurückließ, für den sie und ihre Familie verantwortlich waren. Das Gefühl, dass man ihn hereingelegt und ausgenommen hatte, löschte jeden klaren Gedanken aus und veranlasste ihn zu handeln. Blitzschnell streckte Santos die Hand aus und packte Alexa am Arm, um sie zu sich umzudrehen. Natalie war ihm entwischt, aber ihr würde es nicht gelingen.

Die Montagues schuldeten ihm eine Menge – und wer dafür bezahlte, interessierte ihn nicht. Sollte die andere Tochter damit anfangen.

Zuerst allerdings musste er dafür sorgen, dass sie nicht weglief.

„Nein“, wiederholte er noch energischer. „Sie gehen nirgendwohin. Sie kommen mit mir.“

„Warum?“

Wieder spielte Alexa mit dem Gedanken, Santos gegen das Schienbein zu treten, denn er hielt sie mit eisernem Griff fest und blickte herablassend auf sie herunter. Da sie jedoch nicht mit ihm allein war, riss sie sich zusammen und begnügte sich damit, ihn zornig anzufunkeln und zu hoffen, dass er ihr ihre abgrundtiefe Abneigung auch anmerkte.

„Warum, in aller Welt, sollte ich Sie begleiten?“

„Weil ich Sie darum bitte“, erwiderte er und lächelte dabei zu ihrer Verblüffung.

Plötzlich wirkte er so verändert, dass sie ihn ungläubig ansah. Eben noch arrogant und tyrannisch, war er jetzt ausgesprochen anziehend.

Und es funktionierte, wie sie sich widerstrebend eingestehen musste, denn ihr Herz pochte wie wild. Sie wollte sich nicht die Blöße geben, auf den routinierten Charme eines Verführungskünstlers hereinzufallen, aber sie konnte einfach nicht anders. Als das Lächeln seine sinnlichen Lippen umspielte und seine grauen Augen zu funkeln begannen, schmolz ihr Widerstand dahin und wich einer Flut von ganz und gar weiblichen Empfindungen.

„Hören Sie …“

Seine deutlichen Worte und die ausholende Geste lenkten die Aufmerksamkeit aller Gäste auf sich, doch sein Blick galt ihr allein. Und die Wucht, mit der er sie traf, brachte Alexa völlig aus dem Gleichgewicht, bevor sie auch nur die Chance hatte, sich etwas zu sammeln.

„Die Hochzeit findet nicht statt, aber davon müssen wir uns doch nicht den Tag verderben lassen, oder? In meinem Haus ist alles für den Empfang vorbereitet. Meine Angestellten und die Mitarbeiter vom Partyservice haben tagelang gearbeitet. Es wäre eine Sünde, alles wegzuwerfen.“

Noch einen Moment lang sah Santos ihr in die Augen, und die Botschaft, die in seinem Blick zu liegen schien, machte sie schwindelig. Dann wandte er sich wieder den Gästen zu und setzte erneut sein charmantes Lächeln auf.

„Wie Señorita Montague ganz richtig festgestellt hat, haben viele von Ihnen einen weiten Weg hinter sich. Was für ein Gastgeber wäre ich, wenn ich Sie zurückfahren lassen würde, ohne dass Sie etwas getrunken oder gegessen hätten? Ich lade Sie alle in meine Villa ein. Auch wenn kein Hochzeitsempfang mehr stattfindet, sollen Sie meine Gastfreundschaft erfahren.“

Alexa traute ihren Ohren kaum. Noch vor wenigen Minuten hatte Santos in der Sakristei zu ihr gesagt, es interessierte ihn nicht, dass Natalie ihn verlassen hatte. Aber konnte er jetzt wirklich aus der Kirche gehen, als wäre nichts geschehen, und seine Gäste zu sich nach Hause einladen?

Der Mann mit dem kalten Blick, den sie zuerst kennengelernt hatte, wäre durchaus dazu in der Lage gewesen. Doch wie stand es um den mit dem verführerischen Lächeln? Und welcher von den beiden war der wahre Santos Cordero?

„Sie … wollen uns dort sicher nicht haben“, brachte sie hervor. „Die Montagues sind wohl die Letzten, die Sie jetzt sehen möchten …“

Abrupt verstummte sie, als er sie wieder anlächelte. Diesmal wirkte es allerdings verstörend kalt.

„Ganz im Gegenteil, Sie sind mehr als willkommen.“

Hatte sie es sich nur eingebildet, oder hatte er das Sie besonders betont? Bestimmt meinte er nicht nur sie allein.

„Sicher sind Sie bereit, mir über die Zeit hinwegzuhelfen, die ich jetzt ohne meine Braut verbringen muss.“

Nun hatten seine Worte etwas Drohendes, und prompt bekam Alexa eine Gänsehaut.

„Ich glaube nicht …“, wehrte sie ab, doch er ignorierte sie und sprach einfach weiter.

„Und ihre Stiefmutter wäre sicher dankbar, wenn sie sich erst einmal zurückziehen könnte, bevor sie sich den Paparazzi stellt.“

„Den Paparazzi?“

Die hatte sie ganz vergessen. Tatsächlich hatte sie nur daran gedacht, wie sie die Nachricht am besten überbringen sollte. Alles Weitere hatte sie sich gar nicht ausmalen wollen.

„Ja, natürlich.“

Diesmal war sein Lächeln richtig eisig. Die Wärme, die sie vorher durchflutet hatte, wich einem Gefühl der Leere, und plötzlich hatte Alexa Angst vor der Zukunft, obwohl sie es nicht ergründen konnte.

„Sie glauben doch nicht etwa, dass die Reporter sich eine Sensationsstory wie diese entgehen lassen würden, oder? Die Hochzeit des Jahres ist geplatzt. Solche Geschichten sind ein gefundenes Fressen für die Presse. Und man wird Ihre Familie nicht in Ruhe lassen.“

Santos ließ den Blick zur ersten Reihe gleiten, wo Petra noch immer nach Fassung rang und Stanley, der genauso mitgenommen wirkte, sie zu trösten versuchte. Wieder erschauerte Alexa. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Stiefmutter vor den Kameras und später beim Anblick der Fotos in den Zeitungen durchdrehen würde.

„Und das könnten Sie verhindern?“

„Ich habe einige Männer engagiert, die dafür sorgen, dass die Paparazzi nicht zu dicht herankommen. Außerdem wartet draußen eine Flotte von Wagen, mit denen die Gäste zu mir gefahren werden.“

Schweigend nickte sie. In einer dieser Limousinen mit getönten Scheiben war sie zur Kirche gekommen. Und sie hatte auch die Sicherheitsleute davor bemerkt, die dafür sorgten, dass nur geladene Gäste zum Eingang gelangten.

„Und warum sollten Sie das für uns tun?“

„Offenbar habe ich meine eigenen Gründe dafür, dass morgen nicht alle Skandalblätter über die geplatzte Hochzeit berichten. Sobald wir bei mir sind, können wir alle aufatmen.“

Aufatmen. Das klang wirklich verlockend, denn erst jetzt wurde ihr bewusst, wie angespannt sie war. Ihre Muskeln schmerzten, und ihre Schläfen begannen zu pochen.

„Dann nehme ich Ihr Angebot an. Ich sage meinem Vater Bescheid und begleite ihn und Petra zu einem der Wagen.“

„Nein. Miguel kümmert sich darum.“

Mit einer Hand gab er einem Mann, der sich diskret im Hintergrund aufhielt, ein Zeichen, während er sie mit der anderen zurückhielt. Diesmal verschränkte er jedoch die Finger mit ihren, sodass seine Körperwärme sich auf sie übertrug und ihr Blut in den Adern zu pulsieren begann. Ihre Haut prickelte, und ihr Mund war plötzlich so trocken, dass sie unwillkürlich die Lippen befeuchtete.

Da Santos auch einen Schritt nähergekommen war, schien sein Duft sie zu umfangen und machte sie ganz benommen. Ihr Herz pochte noch wilder, und sie atmete tief durch, weil sie das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen.

„Sie gehen mit mir.“

Das war keine Bitte, sondern ein Befehl, denn sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. Außerdem verstärkte Santos seinen Griff, bevor er mit ihr den Gang entlangschritt.

Eigentlich müsste ich mir jetzt Sorgen machen oder sogar ein bisschen Angst haben, dachte Alexa flüchtig, während sie neben ihm hereilte. Und vielleicht empfand sie sogar beides.

In diesem Moment wollte sie jedoch kein Aufsehen erregen, indem sie sich weigerte, ihn zu begleiten. Für diesen Tag hatte sie schon genug Stress gehabt.

Zumindest in einem Punkt hatte Santos recht: Die Paparazzi würden bald mutmaßen, dass irgendetwas nicht stimmte, wenn die Braut nicht auftauchte, und sich dann auf die Gäste stürzen. Je eher sie von hier verschwanden, desto besser.

Die Fahrt zu Santos’ Landsitz würde nur wenige Minuten dauern, und dort konnte sie ihm aus dem Weg gehen, indem sie sich unter die Gäste mischte.

Eigentlich war das Schlimmste jetzt vorbei, und es konnte nur noch besser werden, oder?

3. KAPITEL

Einige Stunden später musste Alexa sich eingestehen, dass sie nicht wusste, ob es besser oder immer schlimmer wurde.

Nervös ging sie in dem großen, ganz in Blau und Gold gehaltenen Speisesaal auf und ab, in dem sie und die anderen Gäste gegessen hatten und die zahlreichen Angestellten jetzt die Tische abräumten.

Das mehrgängige Menü war köstlich gewesen, aber sie hatte kaum einen Bissen hinuntergebracht und immer nur ein bisschen probiert. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen und Kopfschmerzen gehabt und war einfach zu aufgewühlt gewesen, um still zu sitzen und höfliche Konversation zu machen.

Leider hatte Santos darauf bestanden, dass sie rechts von ihm Platz nahm, auf dem Stuhl, der eigentlich für die Braut bestimmt gewesen war. In dem pinkfarbenen Kleid und mit der übertriebenen Hochsteckfrisur, die Petras Idee gewesen war und aus der sich schon einige Strähnen lösten, hatte sie sich schrecklich unwohl gefühlt.

„Was mache ich hier bloß?“, fragte Alexa sich leise, als sie vor einer der breiten Fenstertüren stehen blieb, die auf eine große Steinterrasse führten.

Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf das weitläufige Anwesen, das auf einer Seite hin zu einem bewaldeten Gebiet und auf der anderen zu einem riesigen rechteckigen Swimmingpool abfiel.

Das blaue Wasser schimmerte einladend im Licht der untergehenden Sonne, und sie hätte am liebsten ihre Sachen ausgezogen, um zu schwimmen, oder zumindest die unbequemen hochhackigen Schuhe abgestreift, um die schmerzenden Füße in das kühle Nass baumeln zu lassen.

„Hier haben Sie sich also versteckt …“

Die tiefe Männerstimme mit dem reizvollen Akzent riss sie aus ihren Gedanken. Obwohl sie sie bisher nur wenige Male gehört hatte, wusste Alexa, dass sie sie von jetzt an immer wiedererkennen würde.

„Das tue ich nicht. Schließlich will mich niemand sprechen. Ich brauchte nur eine kleine Atempause.“

Angelegentlich blickte sie nach draußen, weil sie Santos nicht ins Gesicht sehen wollte. Sie musste unbedingt einen klaren Kopf behalten. Außerdem hatte sie ihm während der Fahrt hierher gegenübergesessen und ihn die ganze Zeit aus der Nähe betrachtet. Vergeblich hatte sie dabei zu ergründen versucht, was in ihm vorging. Seine Fassade war undurchdringlich, und auch seine Worte verrieten nichts über seine Gefühle.

„Und ich möchte herausfinden, was ich hier überhaupt mache.“

„Sie sind mein Gast – wie alle anderen auch.“

„Auf dem Empfang für eine Hochzeit, die geplatzt ist. Ein ziemlich merkwürdiger Anlass.“

„Finden Sie die Lösung nicht gut? Ich wollte das Geld nicht umsonst ausgegeben haben.“

„Sie haben die Feier bezahlt?“ Das hatte sie von Anfang an gewundert. Davon abgesehen, hatte sie sich gefragt, warum die Trauung in Spanien stattfinden sollte, doch Natalie zufolge hatte Santos darauf bestanden. „Warum?“

„Ihr Vater konnte es sich nicht leisten, den Wünschen Ihrer Stiefmutter zu entsprechen – für mich war es kein Problem.“

Das klang unverblümt, aber überraschenderweise nicht zynisch, was ihr aus irgendeinem Grund noch weniger gefiel. Sie wusste, dass ihre Stiefmutter einen extravaganten Geschmack besaß und ihr Vater in letzter Zeit Probleme gehabt hatte, diesen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren.

„Und für meine Braut wollte ich nur das Beste“, fügte Santos hinzu.

Alexa zuckte zusammen. Auch wenn es ihn angeblich nicht interessierte, dass Natalie ihn verlassen hatte, hatte er ihr einen unvergesslichen Tag bereiten wollen. Das passte alles nicht zusammen.

„Sie sind sehr großzügig.“

Lässig zuckte er die Schultern. „Wären die Gäste nicht gekommen, hätte ich hier allein mit den teuren Gerichten und dem Wein gesessen. Es haben ja nicht alle so wenig gegessen wie Sie.“

Ihm war also aufgefallen, dass sie kaum einen Bissen hinuntergebracht hatte. Dass er sie so genau beobachtete, machte sie nervös. Unbehaglich trat Alexa von einem Fuß auf den anderen.

Dabei sah sie sein Spiegelbild in der Scheibe. Obwohl sie mit den hohen Absätzen fast genauso groß war wie er, kam sie sich ihm gegenüber richtig klein vor. Er hatte seinen Frackrock ausgezogen, und der Schnitt seiner Weste betonte seine breiten Schultern und die muskulösen Oberarme.

„Hat es Ihnen nicht geschmeckt?“, erkundigte Santos sich jetzt.

„Nein, daran lag es nicht. Ich habe mich nur die ganze Zeit beobachtet gefühlt, als würden alle mich anstarren und sich fragen, was ich hier mache.“

„Wen kümmert schon, was die anderen denken?“

Ihn interessierte es offenbar nicht, wie sein Tonfall verriet.

Da sie sich nicht weiter mit Santos unterhalten konnte, ohne ihn anzusehen, riss sie sich zusammen und drehte sich zu ihm um.

Allerdings machte es die Situation nicht besser, denn seine Miene erschien ihr noch undurchdringlicher als während der Fahrt, wo er kaum ein Wort gesagt hatte.

Auf andere hätte er in diesem Moment vermutlich wie der aufmerksame Gastgeber gewirkt, der höfliche Konversation machte. Ihr hingegen fiel einmal mehr auf, wie beherrscht er war.

Der unergründliche, sinnliche Ausdruck in seinen Augen ließ ihr Herz wie wild pochen. Gleichzeitig beunruhigte sein forschender Blick sie enorm, denn Santos verfolgte offenbar jede ihrer Bewegungen, jede noch so winzige Geste.

„Und Sie mussten vor den Paparazzi fliehen“, fuhr er fort. „Dabei habe ich Ihnen geholfen.“

„Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar …“

Ihre Stimme bebte leicht bei der Erinnerung an die Horde von Reportern, die vor der Kirche gewartet hatten und von den Sicherheitsleuten in Schach gehalten wurden. Obwohl Santos sie vor den Kameras und den unzähligen gerufenen Fragen abschirmte, hatte sie sich selbst noch unwohl gefühlt, als sie schon längst in der Limousine saß, deren getönte Scheiben Sichtschutz boten.

„Und mein Vater und meine Stiefmutter sind es sicher auch“, fügte Alexa hinzu.

Seit ihrer Ankunft auf dem wunderschönen Anwesen hatte sie die beiden nur einmal gesehen. Ihr Vater hatte ihrer Mutter beim Platznehmen geholfen und ihr einen Brandy eingeschenkt, dabei jedoch den Anschein erweckt, als ob er den selbst gut gebrauchen konnte. Da Natalies Flucht die beiden tief getroffen hat, muss ich Santos eigentlich dankbar sein, dachte Alexa.

„Uns vor der Presse zu schützen war eine Sache, aber es muss mehr dahinterstecken.“

„So, glauben Sie?“ Er zog die Brauen hoch, woraufhin sie prompt errötete.

Bei ihm hatte sie immer das Gefühl, dass sie alles falsch machte, denn er hatte vom ersten Moment an jedes Mal anders reagiert, als sie es erwartet hatte.

Wie kommen Sie darauf, dass Sie mir so wichtig sind? schien der Ausdruck in seinen Augen zu sagen.

„Na ja, es muss noch einen Grund dafür geben, sonst ergibt das alles hier keinen Sinn.“

„Sie sind hier, weil ich es möchte“, erklärte er gewandt. „Und nur das zählt.“

„Bekommen Sie immer, was Sie wollen?“

Santos beantwortete ihre Frage nicht direkt, und das musste er auch nicht. Sein Blick und die Tatsache, dass er leicht den Kopf neigte, sagten ihr, was sie wissen musste. Ihre Reaktion beunruhigte sie jedoch zutiefst, denn sie verspürte plötzlich ein Hochgefühl und ein erregendes Prickeln, weil er sie offenbar bei sich haben wollte und dafür keine Mühe gescheut hatte.

Normalerweise passierte ihr so etwas nicht. Männer wie er würdigten sie sonst keines Blickes. Sie war eine Bibliotheksangestellte mit einer langweiligen Figur und glattem braunen Haar. Männer wie Santos flogen auf Frauen wie Natalie, schlanke, kurvenreiche Partygirls mit blondem Haar und strahlend blauen Augen.

„Sie scheinen sich bemerkenswert schnell erholt zu haben“, erklärte Alexa unvermittelt, um ihre Verwirrung zu überspielen, und merkte dabei selbst, wie aggressiv sie klang. „Erstaunlich, wie jemand, den man gerade vor dem Altar hat stehen lassen, den netten Gastgebern spielen kann!“

„Was haben Sie denn erwartet? Dass ich weinend auf den Stufen zur Kirche zusammenbreche?“, erkundigte er sich spöttisch und blitzte sie dabei an.

„Aber wenn Sie Natalie heiraten wollten … wenn Sie sie geliebt haben …“

„Geliebt?“

Er lachte so zynisch, dass Alexa unwillkürlich einen Schritt zurückwich und dabei gegen die Terrassentür stieß.

„Ich glaube nicht an die Liebe. Ich habe es nie getan und werde es auch nie.“

„Und warum wollten Sie Natalie dann heiraten?“

Als Santos die Augen zusammenkniff und sie finster betrachtete, fühlte sie sich noch unbehaglicher.

„Weil sie es wollte und es mir recht war. Mit Liebe hatte es nichts zu tun.“

„Sie wollten meine Schwester heiraten, weil …?“, begann Alexa wütend, verstummte aber, als ihr die Bedeutung seiner letzten Worte klar wurde. „Nein, das glaube ich einfach nicht!“

Sie schüttelte so vehement den Kopf, dass sich noch mehr Strähnen aus ihrer Frisur lösten.

„Warum so entrüstet, belleza?“, fragte er leise. „Sie haben es doch bestimmt gewusst.“

„Na ja …“

Natalie hatte zugegeben, dass sie Santos nicht liebte, und nun hatte er gesagt, er würde sie auch nicht lieben. Hatte sie etwa nur die Vorzeigefrau an seiner Seite sein wollen? Und war er wirklich so abgebrüht?

Nun umfasste Santos ihr Kinn und zwang sie, ihn anzublicken. Forschend betrachtete er sie.

„Warum sind Sie so schockiert? Viele Leute gehen Zweckehen ein.“

„Adlige vielleicht – in anderen Ländern. Oder Leute, die Geld brauchen. Aber Männer wie Sie …“

Entsetzt verstummte sie. Was war nur in sie gefahren? Wie hatte sie sich dazu hinreißen lassen können, sich fast zu verraten?

„Was ist mit Männern wie mir?“, hakte Santos trügerisch sanft nach. „Was wollten Sie sagen, Alexa?“

„Na ja, Sie brauchen kein Geld, oder? Sie haben mehr als genug.“

Als er die Augenbrauen hochzog, krampfte sich ihr Magen zusammen. Sie hatte einfach drauflosgeredet, um zu verbergen, was sie wirklich dachte – dass ein Mann wie Santos, der so atemberaubend attraktiv, so erfolgreich und vermögend war, es niemals nötig haben würde, eine Frau zu kaufen oder eine Zweckehe einzugehen. Er brauchte nur mit dem kleinen Finger zu schnippen, und die Frauen würden bei ihm Schlange stehen.

Und wäre sie eine davon? Über diese Frage wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken, denn es fiel ihr ohnehin schwer, die Fassung zu wahren.

„Sie lehnen mich also ab, weil ich reich bin?“, erkundigte Santos sich mit einem seltsamen Unterton.

„Wenn Sie Ihr Geld benutzen, um über das Leben anderer zu bestimmen, schon.“

„Ich habe nicht über das Leben Ihrer Schwester bestimmt …“

Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte Santos sich lässig an die Wand und musterte sie anerkennend von Kopf bis Fuß. Als er ihr dann wieder ins Gesicht sah, funkelten seine Augen so zornig, dass Alexa innerlich zusammenzuckte.

„Sie wusste ganz genau, inwieweit sie davon profitieren würde.“

Und vielleicht reichte es ihr zuerst auch, überlegte sie. Wenn sie sich erinnerte, wie Natalie gewirkt und was sie gesagt hatte, musste sie zugeben, dass diese die Vorstellung, Santos zu heiraten, sehr aufregend gefunden hatte – zumindest am Anfang. Ihre Schwester hatte es genossen, an seiner Seite gesehen zu werden und ihre Fotos in den Zeitschriften wiederzufinden. Erst als sie einen anderen Mann kennenlernte, hatte sich alles geändert.

„Und was ist mit Ihnen? Inwiefern hätten Sie davon profitiert?“

„Ich wollte eine Frau. Und Erben für das, was ich mir aufgebaut habe.“

„Es gibt andere Möglichkeiten …“

Diesmal war sein Blick richtig verächtlich. Offenbar hätte sie seiner Meinung nach nichts Dümmeres äußern können.

„Falls Sie eine Romantikerin sind, vergessen Sie es. Ich sagte Ihnen doch, dass ich nicht an die Liebe glaube.“

„Und warum nicht?“

„Weil es sie nicht gibt.“

Das klang so gefühllos und gleichzeitig so endgültig, dass es keinen Sinn gehabt hätte zu widersprechen. Ihr Entsetzen über seinen unverhohlenen Zynismus und den reservierten Ausdruck in seinen Augen veranlassten sie jedoch, spontan zu sagen: „Und deshalb haben Sie sich eine Frau gekauft.“

„Nein“, entgegnete Santos langsam, „das habe ich nicht.“

„Und wie würden Sie es dann nennen?“

„Gar nicht, Alexa. Denn falls Sie es vergessen haben sollten, ich habe keine Frau. Meine Verlobte hat ihr Versprechen nicht gehalten.“

Seine Worte schnürten ihr die Kehle zu. Er hatte natürlich recht, Natalie hatte ihn sitzen lassen. Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Würde er ihre Schwester deswegen womöglich belangen?

„Und ich wollte nicht nur eine Ehefrau.“

„Was denn noch?“

„Die Verbindung mit einer angesehenen Adelsfamilie. Sie kennen sicher meinen Spitznamen“, fügte er hinzu, als Alexa ihn zweifelnd ansah.

„El bandido?“

Er nickte nur. „Er ist alles andere als schmeichelhaft.“

„Und das kümmert Sie?“

Sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Die Meinung anderer schien ihn nicht zu interessieren.

„Überhaupt nicht“, bestätigte Santos ihre Vermutung. „Aber meine Kinder sollen sich ihren Platz in der Gesellschaft nicht so erkämpfen müssen wie ich. Hätten sie Natalie als Mutter gehabt, hätten selbst die konservativsten Typen sie akzeptiert.“

Sein bitterer Tonfall führte ihr eine unangenehme Wahrheit vor Augen. Er brauchte ihr gar nicht zu erklären, mit welchen Vorurteilen er hatte kämpfen müssen, denn seine Worte, der Klang seiner Stimme und sein Blick sprachen Bände. So war es also um ihn bestellt!

„Ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen …“

Alexa verstummte, als er gleichgültig die Schultern zuckte, doch diese gleichgültige Geste stand in krassem Widerspruch zu dem eisigen Ausdruck in seinen Augen, der sie bis ins Mark erschütterte.

„Meinen Sie, das reicht?“

„Ich wollte nur … höflich sein.“

„Ja, das seid ihr Engländer ja immer. Und alles ist wieder in Ordnung.“

„Das habe ich nie behauptet!“, protestierte sie. „Aber Natalie hätte es Ihnen selbst sagen sollen, stimmt’s?“

„Sie hätten es getan, nicht wahr?“, erkundigte er sich trügerisch sanft, woraufhin sie zusammenzuckte. „Wären Sie selbst gekommen? Hätten Sie mir die Wahrheit gesagt? Oder hätten Sie wie Ihre Schwester die Flucht ergriffen?“

Erneut konnte sie bestens nachvollziehen, warum Natalie lieber die Flucht ergriffen hatte, statt Santos gegenüberzutreten. Er brauchte nicht einmal lauter zu sprechen, um seinem Zorn Ausdruck zu verleihen.

„Natalie hat getan, was sie tun musste“, brachte Alexa hervor, bemüht, sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen. Wenn sie irgendeine Schwäche zeigte, würde er es sofort ausnutzen.

„Ach ja?“, höhnte er. „Sie ist mit ihrem Lover weggelaufen, und Sie müssen nun die Konsequenzen tragen. Und trotzdem nehmen Sie sie noch in Schutz.“

„Sie ist meine Schwester.“

„Ihre Halbschwester.“

„Trotzdem ist sie mit mir verwandt – und Sie wissen, wie wichtig die Familie ist.“

„Ganz im Gegenteil …“

Sie hätte schwören können, dass sein Tonfall nicht eisiger hätte werden können. Doch nun bekam sie fast eine Gänsehaut.

„Ich fürchte, ich teile Ihre Ansicht nicht. Meiner Meinung nach wird die Familie an sich stark überschätzt.“

„Erst die Liebe und nun die Familie. Sie sind wirklich ein gefühlloser Bastard, stimmt’s?“

Sekundenlang flackerte etwas in seinen Augen auf, etwas Wildes, Gefährliches, aber im nächsten Moment war es verschwunden. Es war eine deutliche Warnung, dass sie eine unsichtbare Grenze überschritten hatte.

Erst jetzt fiel Alexa auf, dass sie weder in der Kirche noch hier jemanden gesehen hatte, der zu seiner Familie hätte gehören können. War sie einfach nur ins Fettnäpfchen getreten, oder gab es einen Grund dafür, dass keiner von seinen Verwandten zu seiner Hochzeit erschienen war? Ihr Vater hatte ihr wenig von ihm erzählt, außer dass Santos Cordero es aus eigener Kraft zum Milliardär gebracht hatte und ein kompromissloser Geschäftsmann war.

„Ich bin tatsächlich ein Bastard“, erklärte Santos nun wieder in jenem trügerisch sanften Tonfall. „Und das wissen Sie sicher.“

„Nein … ich …“

Oh nein, dachte sie verzweifelt. Glaubte er wirklich, sie hätte Natalie die Heirat ausgeredet, weil er ein uneheliches Kind war?

„Und was die Familie angeht – ich wollte eine eigene gründen, mit Ihrer Schwester.“

Plötzlich stellte sie fest, dass sie mit dem Rücken zur Wand stand. Schnell versuchte sie, die Situation zu retten.

„Hören Sie, Natalie hat nur getan, wozu ich ihr geraten habe.“

Seine grauen Augen funkelten eisig.

„Sie haben ihr gesagt, sie soll mich nicht heiraten? Woher haben Sie sich das Recht genommen, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen, verdammt?“

„Sie liebt sie nicht!“

„Ah ja, Liebe. Das Wort scheint Ihnen ja ungeheuer wichtig zu sein.“

„Es ist mehr als nur ein Wort“, protestierte Alexa. „Die Liebe ist das Wichtigste im Leben. Hören Sie, Natalie und ich sind zwar nur Halbgeschwister, aber sie ist immer noch meine kleine Schwester. Bei ihrer Geburt war ich erst fünf, und sie war nicht einmal einen Tag alt, als mein Dad sie mir zum ersten Mal in die Arme gelegt hat.“

Sie hatte Natalie vom ersten Moment an geliebt und sich schon damals geschworen, immer für sie da zu sein und sie zu beschützen. Und das tat sie nun schon seit fast einundzwanzig Jahren.

„Ich konnte nicht zulassen, dass Sie sie unglücklich machen!“ Plötzlich meldete sich ihr Gewissen. „Ich muss jetzt meine Eltern suchen und Petra fragen, wie es ihr geht. Haben Sie eine Ahnung, wo die beiden stecken?“

„Sie sind schon vor einer halben Stunde gegangen.“

„Sie sind weg? Sind die Paparazzi denn auch verschwunden?“

Energisch schüttelte Santos den Kopf. „Ich habe ihnen einen Wagen zur Verfügung gestellt. Die Sicherheitsleute werden ihnen die Reporter vom Hals gehalten haben, aber die Meute ist noch da.“

„Warum haben Sie die beiden dann gehen lassen? Die Journalisten finden sie doch überall.“

„Weil ich sie hier nicht haben will.“

Seine Gleichgültigkeit schockierte sie.

„Die Reporter interessieren sich nicht mehr für Ihre Eltern. Sie wissen jetzt, dass die Hochzeit nicht stattgefunden hat, und nehmen an, dass sie die Story hier bekommen können.“

Fassungslos beobachtete Alexa, wie er sein verführerisches Lächeln aufsetzte. Sofort bekam sie weiche Knie, und ihr Herz begann wild zu pochen.

„Jetzt interessieren sie sich für Sie.“

„Für mich? Warum sollten sie das?“

„Weil Sie an Natalies Stelle in die Kirche gekommen sind und sie an meiner Seite verlassen haben. Sie wollen in Erfahrung bringen, warum die Hochzeit geplatzt ist und welche Rolle Sie dabei spielen.“

4. KAPITEL

„Ich?“

Das konnte nicht sein Ernst sein, oder doch?

Alexa hatte geglaubt, Santos würde den Empfang trotz der geplatzten Hochzeit abhalten, weil er zu stolz war und nicht zugeben wollte, dass etwas schiefgegangen war. Was passiert war, kümmerte ihn nicht im Geringsten – diesen Eindruck wollte er seinen Gästen vermitteln.

Seinen eigenen Worten zufolge wäre seine geplante Heirat mit Natalie eine reine Zweckehe gewesen. Und nun wollte er allen zeigen, wie wenig ihn das Verhalten seiner Braut interessierte, indem er einfach ohne sie feierte. Dennoch muss es für ihn genauso eine Belastungsprobe sein wie für mich, dachte Alexa, weil alle uns beobachten und jede unserer Gesten kommentieren.

Nun quittierte er ihre fassungslose Frage mit dem für ihn so typischen entwaffnenden Lächeln. Doch während seine Miene sich aufhellte, blieb der Ausdruck in seinen Augen genauso distanziert und abschätzig wie bei ihrer ersten Begegnung. Alexa fröstelte innerlich, merkte allerdings auch, wie sie auf eine ganz andere Weise darauf reagierte.

Hitzewellen durchfluteten sie, und ihr Herz hörte nicht auf, wie wild zu pochen. Noch nie zuvor hatten ihr Verstand und ihre Gefühle sich derart widersprochen, und anders als sonst ließ sie sich diesmal von ihren Emotionen leiten.

Sie konnte sich einreden, dass sie sich alles nur einbildete. Dass kein Mann nach derart kurzer Zeit eine so starke Wirkung auf sie ausübte. Aber es half nichts. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich nach seinen Blicken, dem Klang seiner Stimme und nach seinem umwerfenden Lächeln sehnte.

„Ich dachte, wir wären übereingekommen, den Empfang trotzdem abzuhalten, damit meine Ausgaben nicht umsonst waren.“

„Wir? Sie haben das allein entschieden.“

„Wenn ich Sie bitten würde, mit mir zu tanzen, würden Sie dann Nein sagen?“

„Tanzen?“

War Santos jetzt völlig übergeschnappt? Wollte er wirklich tanzen?

Wie aufs Stichwort begann im nächsten Moment im Zimmer nebenan eine Band zu spielen, und Alexa blinzelte verwirrt, als er ihr die Hand entgegenstreckte.

„Die Musiker habe ich auch engagiert.“ Ironisch verzog er die sinnlichen Lippen. „Es wäre schade, sie wieder wegzuschicken. Erweisen Sie mir die Ehre, Alexa.“

„Ich … kann nicht.“

„Wie bitte?“, fragte er entgeistert. „Oder wollen Sie nicht?“

Sie betrachtete seine schlanken Finger und kämpfte mit der Versuchung, sie zu nehmen und die Wärme seiner Haut zu spüren. Unwillkürlich ballte sie die Hand zur Faust, bis die Nägel sich schmerzhaft in die Innenfläche bohrten und ihr bewusst machten, dass sie nicht träumte. Das hier war die Realität.

Schon von dem Moment an, als sie aufstand, war ihr dieser Tag seltsam unwirklich erschienen, und noch immer versuchte sie vergeblich, einen Sinn darin zu sehen.

„Ich darf nicht!“

„Und warum nicht?“

Sein scharfer Unterton ließ sie zusammenzucken. „Muss ich Ihnen das wirklich erklären? Eigentlich hätten Sie mit der Braut – Ihrer Frau – tanzen sollen.“

„Aber die ist weit weg. Eines würde ich gern wissen …“

Der Klang seiner Stimme hatte sich verändert. Santos kam jetzt auf sie zu und ließ dabei die Hand sinken. Erst in dem Moment wurde Alexa klar, wie enttäuscht sie war. Zu gern hätte sie sie ergriffen und seine Körperwärme gespürt.

„Wenn heute nicht mein Hochzeitstag wäre, wenn wir uns zu einem anderen Zeitpunkt kennengelernt hätten und ich Sie aufgefordert hätte, hätten Sie dann Ja gesagt? Wenn das hier eine Party wäre und wir uns gerade erst begegnet wären, würden Sie dann mit mir tanzen?“

Natürlich würde ich das tun.

Fast schien es Alexa, als hätte sie die Worte laut ausgesprochen. Sie schloss schnell die Augen, damit er ihr nicht ansah, was sie empfand und wie schnell sie ihm verfallen war.

„Und? Würden Sie es tun?“

Nun stand Santos so dicht vor ihr, dass er nur leise sprechen musste. Sein Atem fächelte über ihre Schläfe, als er den Kopf neigte, sein Duft verwirrte ihre Sinne und ließ sie an seinen muskulösen Körper denken.

„Sagen Sie es mir, Alexa …“

„Ja … ja, ich würde es tun.“

„Dann kommen Sie.“

Wieder streckte er ihr die Hand entgegen, aber diesmal war es eine autoritäre Geste.

„Warum kämpfen Sie dagegen an?“, fuhr er fort, als sie zögerte. „Das brauchen Sie nicht.“

Dieselbe Frage hatte sie sich auch gestellt. Das Problem war nur, dass sie nicht wusste, gegen wen sie kämpfte. Gegen Santos? Oder mit sich selbst?

Sie zweifelte nicht daran, dass er sich nur mit ihr trösten wollte, weil Natalie ihn vor dem Altar hatte stehen lassen. Selbst wenn er wirklich so gleichgültig war, wie er behauptete, musste er zumindest in seinem Stolz gekränkt sein. Und deshalb wollte er sich irgendwie ablenken.

Und sie war zufällig in seiner Nähe.

Allerdings musste Alexa sich eingestehen, dass es ihr egal war, solange sie nur an diesem Abend mit ihm zusammen sein konnte.

„Also gut“, erwiderte sie langsam. Noch immer erschien ihr alles seltsam unwirklich, und sie fragte sich, wohin es führen würde. Sie wusste nur, dass sie es immer bereuen würde, wenn sie ihm jetzt einen Korb gab. „Lassen Sie uns tanzen.“

Als Santos ihre Hand nahm, klopfte ihr Herz vor Aufregung schneller, und ihr stockte der Atem, für sie der Beweis dafür, dass sie sich richtig entschieden hatte.

Selbst wenn ihre Kutsche sich um Mitternacht in einen Kürbis und ihre Sachen sich in Lumpen verwandeln würden und sie barfuß nach Hause eilen müsste, würde Aschenputtel auf den Ball gehen. Heute Abend wollte sie mit dem Prinzen tanzen, und wenn um Mitternacht alles vorbei wäre und sich als Traum erweisen würde, hätte sie wenigstens diese Stunden mit ihm gehabt.

„Lassen Sie uns tanzen“, wiederholte Santos in einem so sinnlichen Tonfall, dass ihr ein Schauer über den Rücken rieselte.

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