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ROMANA EXKLUSIV BAND 248

REBECCA WINTERS

Romanze im spanischen Schloss

Ein Glück im Unglück: Bei einem schlimmen Autounfall nahe Toledo wird die schöne Reiseleiterin Jillian von dem attraktiven Schlossbesitzer Remi de Vargas gerettet und bis zu ihrer Genesung auf sein traumhaftes Anwesen eingeladen. Umgeben von malerischen Olivenhainen beweist ihr der adlige Spanier seine Liebe. Doch ist sie für eine neue Romanze bereit?

ANNIE WEST

Komm mit mir nach Kreta

Als Sophie hört, was den attraktiven Griechen Costas Palamidis zutiefst bedrückt, gibt es für sie keine Frage: Sie fliegt mit ihm nach Kreta! Nur sie kann seine kleine Tochter retten. Und nur sie kann diesen umwerfenden Mann wieder glücklich machen. Schon glaubt Sophie an die Erfüllung all ihrer Wünsche – bis er mit seiner Eifersucht alles gefährdet …

CHRISTINA HOLLIS

Die Nacht auf der Jacht

Nie hat der feurige italienische Conte Giovanni Amato seine Traumvilla schöner erlebt als mit ihr! Nicht nur, weil Katie eine hervorragende Innenarchitektin ist. Für Giovanni ist es Katie selbst, die mit ihrer atemberaubenden Schönheit alles überstrahlt. Vielleicht ja sogar die sternenklare Nacht auf seiner Jacht: seine Chance! Doch die verwehrt sie ihm …

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Romanze im spanischen Schloss

1. KAPITEL

„Darf ich Ihnen einen Cognac zur Feier des Tages anbieten, Don Remi?“

Remigio Alfonso de Vargas y Goyo lehnte sich in dem Ledersessel zurück, streckte die langen Beine aus und schlug die Füße übereinander. Obwohl es ihm nicht gefiel, mit seinem Titel angesprochen zu werden, hatte er sich daran gewöhnt. Er war der Meinung, dass es nicht in die heutige Zeit gehörte. Nachdenklich sah er seinen ihm treu ergebenen Steuerberater an. „Was gibt es denn zu feiern?“

Der ältere Mann, der auf die siebzig zuging, schenkte sich einen Drink ein. „Nun, Ihr Betrieb steht jetzt wesentlich besser da, als …“ Er verstummte und trank einen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, ehe er fortfuhr: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Soleado Goyo steht wieder einmal kurz davor, die gesamte Konkurrenz zu schockieren.“

„Sind Sie da nicht etwas zu voreilig, Luis? Wir befinden uns schon wieder mitten in einer Trockenperiode, und niemand weiß, wann es wieder regnet. Bekanntlich trifft die Dürre die Olivenhaine immer am stärksten“, wandte Remi ein, der seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen musste, weil das sagenhafte Vermögen seiner Vorfahren, der Duque von Toledo, längst aufgebraucht war.

„Verlassen Sie sich neuerdings auf Ihr Gefühl?“

Remis spöttisches Lachen hallte in dem Raum wider. „Wie damals mein Vater? Es war der teuerste Fehler seines Lebens, der ihn und meine Mutter leider viel zu früh unter die Erde gebracht hat. Nein, ich stütze mich lieber auf Fakten.“

Luis zuckte die Schultern. „Es war ja auch nur eine Frage, Remi. Sie sind der Experte, eine solche Bemerkung zu machen steht mir nicht zu.“

„Doch, dazu haben Sie das Recht, nachdem Sie so lange mit meinem Vater zusammengearbeitet haben.“

„Ich kann gut mit Zahlen umgehen, das ist alles.“

„Sie sind ein perfekter Steuerberater und ein Glücksfall für mich“, erwiderte Remi.

„Danke.“

Remi stand auf. Nach zwei äußerst schwierigen Jahren hatte er es endlich geschafft, die Schulden seines verstorbenen Vaters zurückzuzahlen. Damit hatte er zugleich die Familienehre und seinen Ruf gerettet. Vor dem Treffen mit Luis hatte er sich unbehaglich gefühlt, denn jedes Mal, wenn er geschäftlich nach Toledo fuhr, wurden schmerzliche Erinnerungen wach.

So auch jetzt wieder. Voller Verbitterung dachte er daran, wie schändlich man ihn verraten und betrogen hatte. Die quälenden Gedanken ließen sich nicht verdrängen, doch auch das war nichts Neues. Ihm war bewusst, dass er in solchen Momenten ein schlechter Gesprächspartner war, was ihm ganz besonders für Luis leidtat. Der ältere Mann, der ihm immer wieder Mut gemacht hatte, verdiente etwas Besseres.

Plötzlich hatte Remi es eilig, nach Hause zurückzufahren, und durchquerte mit großen Schritten den Raum.

„Remi?“

Er drehte sich zu Luis um. „Ja?“

„Ihr Vater wäre stolz auf Sie.“

Glücklicherweise hatte dieser nicht mehr mitbekommen, dass sein dreiunddreißigjähriger Sohn beinahe alles verloren hätte, was die Familie Goyo in fünf Generationen aufgebaut hatte. Er hatte sich in seinem Privatleben einen verhängnisvollen Fehler erlaubt, dessen Folgen immer noch wie ein dunkler Schatten auf seiner Seele lasteten.

Mit einem kurzen Nicken in Luis’ Richtung verließ er das Büro und eilte die Treppen hinunter auf die Straße, wo er seine schwarze Limousine geparkt hatte. Toledo hatte sich verändert, seit er als Junge durch die engen Gassen mit den vielen Kolonnaden gelaufen war. Jetzt bevölkerten Touristenströme aus aller Welt die Stadt zu jeder Jahreszeit. Diese Menschenmengen fand er noch bedrückender als die Hitze, die seit Wochen herrschte. In diesem Jahr schien die Sonne noch erbarmungsloser vom Himmel als sonst im Juli, sodass bei einem der häufigen Trockengewitter ein Blitzschlag genügte, um einen der alten Olivenbäume in Flammen aufgehen zu lassen.

Immer weniger Großgrundbesitzer fanden Gefallen an einem so risikoreichen Leben. Doch für Remi gab es nichts anderes. Alle seine Träume waren zerstört, nur das Landgut seiner Vorfahren war ihm geblieben und der einzige Grund für ihn, morgens aufzustehen.

Er zog das Jackett seines perfekt sitzenden Leinenanzugs aus, nahm die Krawatte ab und legte beides achtlos auf die Rückbank, ehe er sich auf den Fahrersitz schwang und den Wagen startete. Dann steuerte er ihn durch die winkligen Gassen der zum Weltkulturerbe gehörenden Altstadt mit den vielen maurischen, jüdischen und gotischen Bauwerken in die Außenbezirke der Stadt. Eine Zeit lang führte die Straße am Tejo oder Tajo, wie die Spanier den Fluss nannten, vorbei, bis sich vor ihm die weite Ebene erstreckte, wo der Verkehr schwächer wurde.

Während er in südlicher Richtung davonbrauste, verschwand der Alcázar von Toledo, die auf einem Felsen errichtete alte Festung, die die Stadt dominierte, hinter ihm in der Ferne. Langsam entspannte er sich und dachte an die viele Arbeit, die ihn zu Hause auf seinem Landgut erwartete.

Körperliche Arbeit half ihm, sich von den quälenden Gedanken abzulenken, doch in den langen dunklen Nächten konnte er den Dämonen, die ihn plagten, nicht entfliehen. Und so wachte er jeden Morgen erschöpft und mutlos auf.

Tief in Gedanken versunken, schenkte er dem Wagen, der aus der scharfen Kurve kam, kaum Beachtung. Doch plötzlich überquerte vor ihm ein entlaufener Stier die Straße, den der andere Fahrer offenbar im selben Moment bemerkte wie er. Eine Vollbremsung konnte Remi nicht riskieren, das war viel zu gefährlich. Doch der andere Fahrer trat instinktiv auf die Bremse – und verlor die Kontrolle über sein Auto. Es geriet ins Schleudern, und als der Fahrer in panischem Entsetzen das Steuer herumriss, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, überschlug sich der Wagen und blieb auf der Seite liegen.

Remi hielt an, sprang aus dem Auto und lief auf den blauen Wagen zu. Heck- und Windschutzscheibe waren zerbrochen, und überall lagen Glassplitter herum. Der einzige Insasse war eine Frau, die leise stöhnte.

Dass sie angeschnallt war, hatte ihr vermutlich das Leben gerettet. Remi versuchte, die Fahrertür zu öffnen.

„Helfen Sie mir“, rief die Fremde in dem Moment verzweifelt aus. „Meine Augen … Ich kann nichts sehen!“ Obwohl sie Spanisch sprach, verriet ihr Akzent die amerikanische Herkunft.

„Es wird alles gut“, versicherte er ihr auf Englisch. „Verhalten Sie sich bitte ganz ruhig, sonst machen Sie alles noch schlimmer. Ich hole Sie da heraus.“

Als er den Sicherheitsgurt lösen wollte, sah er, wie blutverschmiert ihre rechte Gesichtshälfte und sogar einige Strähnen ihres goldblonden Haares waren.

Schließlich gelang es ihm, sie aus dem Wagen herauszuheben. Während er sie von der Straße wegtrug und behutsam auf den begrünten Seitenstreifen setzte, nahm er den Duft ihres dezenten Parfüms wahr. „Ich sorge dafür, dass Sie ins Krankenhaus kommen. Rühren Sie sich nicht von der Stelle.“

„Nein, bestimmt nicht“, versprach sie mit schwacher Stimme. Ihr blasses Gesicht und die zu Fäusten geballten Hände ließen vermuten, dass sie starke Schmerzen hatte. Doch statt hysterisch zu weinen, nahm sie sich zusammen, was er bewundernswert fand.

Wahrscheinlich hatte ein Glas- oder Metallsplitter die Verletzung verursacht. Remi zog sein Handy aus der Hosentasche und rief die Polizei an. Nachdem er kurz erklärt hatte, was passiert war, wurde ihm versichert, dass man sogleich einen Rettungshubschrauber losschicken würde.

Danach telefonierte er mit seinem Verwalter Paco, informierte ihn über das Unglück und bat darum, seinen Wagen am Unfallort abzuholen. Dort sollte er auf das Eintreffen der Beamten warten und alle Formalitäten erledigen, während Remi die junge Frau ins Krankenhaus begleitete. Sobald sie ärztlich versorgt war, würde er selbst mit der Polizei reden.

Irgendwie fühlte er sich für den Unfall verantwortlich, denn er hätte ihn vielleicht verhindern können, wenn er mit den Gedanken nicht so weit weg gewesen wäre.

Unterdessen hielten zwei Autofahrer an und boten ihre Hilfe an. Die junge Frau klammerte sich an Remis freie Hand. „Bitte, schicken Sie die Leute weg.“

Er bedankte sich bei beiden mit dem Hinweis, die Polizei sei schon unterwegs, und dann war er mit der Unbekannten wieder allein.

„Wie heißen Sie?“

„Jillian Gray.“

Ein aparter Name, schoss es ihm durch den Kopf. „Soll ich jemanden benachrichtigen? Vielleicht Ihren Mann oder andere Angehörige?“

„Nein, vielen Dank.“

„Reisen Sie mit einer Freundin durch Spanien?“

„Nein.“ Das Sprechen fiel ihr immer schwerer.

„Ich höre den Hubschrauber, gleich wird Ihnen geholfen, Jillian.“

„Was ist mit meinem rechten Auge los?“

Die Angst, die in ihrer Stimme schwang, erschütterte ihn zutiefst. „Es hat aufgehört zu bluten. Glauben Sie mir, alles wird wieder gut.“ Hoffentlich, fügte er insgeheim hinzu. „Weinen Sie bitte nicht, die Tränen könnten das Ganze verschlimmern.“

„Stimmt.“ Ihre Lippen zitterten etwas, und es brach ihm beinah das Herz mit anzusehen, wie sehr sie sich bemühte, tapfer zu sein.

Plötzlich lagen ihm so viele Fragen auf der Zunge, auf die er sich eine Antwort wünschte. Doch er musste sich zurückhalten und Rücksicht auf ihren Zustand nehmen.

„Der Hubschrauber ist jetzt im Anflug“, verkündete er dann.

„Meine Tasche mit dem Portemonnaie …“

„Darum kümmere ich mich.“ Er wollte alles der Polizei übergeben, die ihren Ausweis sowieso benötigte. „Am wichtigsten ist, dass Sie ärztlich versorgt werden. Ihre persönlichen Sachen erhalten Sie auf jeden Fall zurück, dafür sorge ich.“

„Danke“, flüsterte sie.

Kaum war der Hubschrauber gelandet, sprangen ein Arzt und zwei Rettungssanitäter heraus und liefen auf Jillian zu. Nachdem man sie untersucht hatte, wurde sie auf einer Trage in die Maschine befördert, und Remi kletterte mit hinein.

Noch während sie abhoben, traf die Polizei mit eingeschaltetem Blaulicht am Unfallort ein, und fast gleichzeitig kam aus der anderen Richtung auch schon Paco mit einem anderen Mitarbeiter in einem von Remis Geländewagen an. Remi war erleichtert, denn er wusste die Sache bei seinem Verwalter in guten Händen.

Inzwischen hatte man Jillian eine Infusion gelegt. Offenbar bekam sie Schmerzmittel, denn sie lag sehr ruhig da. Um den Hals trug sie eine Halskrause, sodass sie den Kopf nicht bewegen konnte.

Schließlich nahm einer der Rettungssanitäter ein Formular in die Hand und fing an zu schreiben.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte er schließlich und blickte Remi an.

„Remigio Goyo.“

Der Mann sah ihn erstaunt an. „Don Remigio Goyo?“, vergewisserte er sich.

„Richtig.“

„Ah ja. Ihre Adresse ist mir bekannt. Sind Sie ein Freund oder Verwandter der Verletzten?“

„Nein, weder noch. Ich bin Zeuge des Unfalls“, stieß Remi zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wir wollten beide einem entlaufenen Stier ausweichen, der plötzlich die Straße überquerte. Die junge Frau hat geistesgegenwärtig das Steuer herumgerissen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.“

„Wissen Sie, wie sie heißt?“

„Jillian Gray.“

„Wer sind ihre nächsten Verwandten?“

„Keine Ahnung. Das wird die Polizei herausfinden müssen.“

„Eine bildhübsche Frau … mit dem goldblonden Haar.“

Auch Remi waren ihre Schönheit und ihre perfekte Figur aufgefallen. Man lässt sich so leicht von äußerer Schönheit blenden, überlegte er. Aber das passiert mir nicht noch einmal.

„Sie ist Amerikanerin, wahrscheinlich eine Touristin, mehr kann ich Ihnen nicht sagen“, erklärte er. „Hat sie außer der Gesichtsverletzung noch andere Wunden davongetragen?“, wandte er sich an den Arzt.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, offenbar nicht. Das Auge muss allerdings operiert werden.“

„Kennen Sie einen Chirurgen, den Sie empfehlen können?“, fragte Remi.

„Dr. Ernesto Filartigua ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet, er arbeitet an einem Krankenhaus in Madrid.“

„Dann bitten Sie den Piloten, dorthin zu fliegen. Ich versuche, den Facharzt telefonisch zu erreichen.“

„Normalerweise sind unsere Einsätze auf die Umgebung von Toledo beschränkt, aber ich denke, wir können eine Ausnahme machen. Madrid ist ja nicht so weit von hier entfernt“, antwortete einer der Sanitäter.

Remi atmete erleichtert auf. Manchmal war ein Titel doch von Nutzen. Da er nicht ganz unschuldig an dem Unfall war, wollte er alles tun, um das Augenlicht der Frau zu retten. Er würde sich sonst ewig Vorwürfe machen, wenn sie einen dauerhaften Schaden zurückbehielte.

„Unterschreiben Sie mir bitte, dass wir auf Ihren ausdrücklichen Wunsch nach Madrid fliegen“, forderte der Sanitäter Remi auf und erteilte danach dem Piloten entsprechende Anweisungen.

Dann suchte er die Nummer des Krankenhauses heraus, an dem der Augenarzt arbeitete, und Remi wollte sich sofort von der Telefonistin mit dem Mediziner verbinden lassen. Er operierte jedoch gerade, und man versprach, ihm auszurichten, dass der Rettungshubschrauber mit einem Unfallopfer unterwegs sei.

Eine halbe Stunde später landeten sie vor dem Osteingang des Krankenhauses. Dort erwartete man Jillian schon und beförderte sie rasch in die Notaufnahme, während Remi im Empfangsbereich wartete. Mehrere Ärzte eilten zu der Verletzten, um sie zu untersuchen. Als Letzter traf ein älterer Mediziner ein, der einen Schnurrbart hatte und nach wenigen Minuten wieder herauskam.

Remi ging ihm entgegen. „Sind Sie Dr. Filartigua?“

„Ja. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin Remigio Goyo. Ich hatte die Patientin angekündigt.“

„Ah ja. Gut, dass Sie keine Zeit verschwendet haben, Don Remigio.“

„Wie schwer ist die Verletzung? Miss Gray konnte auf dem rechten Auge nichts mehr sehen.“

„Kein Wunder, denn es steckt ein Glassplitter darin. Sie wird jetzt auf die Operation vorbereitet. Sobald ich den Fremdkörper entfernt habe, weiß ich mehr. Hat sie Familienangehörige, die man benachrichtigen sollte?“

„Hier in Spanien offenbar nicht. Aber ich versuche, von der Polizei nähere Auskünfte zu erhalten. Wo kann ich während der Operation warten?“

„Neben dem OP im sechsten Stock des Ostflügels befindet sich ein Wartezimmer.“

„Gut.“ Remi war die Kehle plötzlich wie zugeschnürt. „Ich vertraue Ihnen, Sie sollen der Beste auf Ihrem Gebiet sein.“

Dr. Filartigua sah ihn nachdenklich an, ehe er erwiderte: „Ich tue, was mir möglich ist. Darauf können Sie sich verlassen.“

„Fein. Darf ich jetzt zu ihr?“

„Sicher, wenn Sie es möchten. Sie können es sich jedoch auch sparen, denn sie schläft. Trinken Sie lieber einen Kaffee in der Cafeteria.“ Der Arzt wandte sich zum Gehen und fügte noch über die Schulter hinzu: „Sie sehen so aus, als hätten Sie einen nötig.“

Plötzlich wurde Remi bewusst, dass er den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte. Das Frühstück hatte er ausgelassen, weil er keinen Appetit gehabt hatte, und auf das Mittagessen hatte er verzichtet, um nach der Besprechung mit Luis schneller wieder zu Hause zu sein.

Um einen letzten Blick auf die junge Frau zu werfen, ehe man sie fortbrachte, betrat er die Notaufnahme. Der dort anwesende Assistenzarzt sah ihn fragend an, doch Remi beachtete ihn nicht, sondern betrachtete fasziniert die feine helle Haut und das schöne, klassische Profil der Fremden. Man hatte ihr das Blut im Gesicht entfernt und ihr ein Krankenhausnachthemd angezogen sowie eine OP-Haube übers Haar gestreift.

Vor seinem inneren Auge spulte sich alles noch einmal ab. Ihm grauste es bei der Vorstellung, wie dramatisch der Unfall hätte verlaufen können. Wäre er langsamer gefahren, hätte er vielleicht bremsen und der jungen Frau mehr Platz zum Ausweichen lassen können. Doch für solche Überlegungen war es zu spät, was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern.

Plötzlich sehnte er sich nach einer Tasse Kaffee. Rasch verließ er den Raum und eilte über die Flure, als sein Handy läutete.

„Wir sind gerade zurückgekommen“, verkündete Paco. „Die Polizei lässt den Wagen der Frau abschleppen und bittet Sie, sich mit Kommissar Perez in Toledo in Verbindung zu setzen.“

„Mache ich.“ Remi schrieb sich die Nummer auf, bedankte sich und rief den Mann sofort an.

Nachdem Remi ihm berichtet hatte, dass die junge Frau in Madrid operiert werden sollte, erklärte der Beamte, dass Remi ihre persönlichen Sachen auf dem Kommissariat in Toledo abholen könne. Viel Erhellendes vermochte er Remi allerdings nicht mitzuteilen, außer dass die siebenundzwanzigjährige Amerikanerin in einem Leihwagen, der von dem Reiseveranstalter EuropaUltimate Tours in Lissabon bezahlt wurde, unterwegs gewesen war. Man nahm an, dass es ihr Arbeitgeber war, und hatte bisher vergebens versucht, mit der Personalabteilung des Unternehmens in New York Kontakt aufzunehmen.

Remi bedankte sich bei dem Kommissar und versprach, vorbeizukommen. Dann rief er seinen Vertreter in New York an, mit dem seine Familie schon jahrelang zusammenarbeitete, und bat ihn, persönlich dafür zu sorgen, dass der Personalchef von EuropaUltimate Tours ihn über seine Handynummer so schnell wie möglich kontaktierte. Es handele sich um einen Notfall, fügte er hinzu.

Nachdem er in der Cafeteria etwas gegessen hatte, trank er gerade seine zweite Tasse Kaffee, als sein Handy erneut klingelte. Mit wenigen Worten erklärte er dem Personalleiter die Situation, und ohne zu zögern, gab der Mann ihm die Nummer von Jillian Grays Bruder David Bowen, der in Albany, New York, lebte.

Nur wenige Minuten später fuhr Remi mit dem Aufzug in den sechsten Stock. Dort erfuhr er von einem jungen Arzt, der über den Flur eilte, dass Jillian noch immer operiert wurde. Also setzte er sich in den Warteraum und rief ihren Bruder an.

„Mr Bowen?“, fragte er auf Englisch, als dieser sich meldete. „Ich bin Remi Goyo und befinde mich zurzeit in einem Krankenhaus in Madrid. Um es vorwegzunehmen, Ihrer Schwester geht es relativ gut, aber sie ist vor einigen Stunden bei einem Autounfall in der Nähe von Toledo leicht verletzt worden. Ich bin der einzige Zeuge. Ein Glassplitter ist ihr ins rechte Auge gedrungen und wird in diesen Minuten herausoperiert.“

„Oh nein, wie schrecklich!“, rief der Mann entsetzt aus.

„Der behandelnde Arzt Dr. Filartigua ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Das wollte ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen.“

„Danke für Ihre Mühe. Dass ausgerechnet ihr das passieren musste nach allem, was sie durchgemacht hat, finde ich allerdings erschütternd.“ David Bowens Stimme klang gequält.

„Gibt es irgendetwas, was der Arzt wissen sollte?“, fragte Remi.

„Ihr Mann ist vor einem Jahr in New York bei einem Unfall mit einem Lastwagen ums Leben gekommen. Ich habe sie eindringlich gebeten, eine Zeit lang bei uns zu bleiben, doch pflichtbewusst, wie sie ist, hat sie sich sofort wieder in die Arbeit gestürzt. Ihren Job als Reiseleiterin nimmt sie sehr ernst. Es ist eine anstrengende Tätigkeit. Seit dem Tod ihres Ehepartners bemüht sie sich, so gut wie möglich zu funktionieren. Dass dies jetzt geschehen musste …“ David verstummte.

Unter den Umständen würde Jillian Gray sich bestimmt über den Besuch ihres Bruders freuen, dessen war Remi sich sicher. „Wann können Sie nach Madrid kommen? Ich hole Sie am Flughafen ab und fahre Sie zum Krankenhaus.“

„Das dürfte schwierig werden. In einem Monat erwartet meine Frau unser drittes Kind, es sind jedoch Probleme aufgetreten. Wenn sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, will der Arzt das Kind per Kaiserschnitt holen. Deshalb möchte ich sie nicht allein lassen. Um Jilly nicht zu beunruhigen, haben wir ihr verschwiegen, wie schlecht es meiner Frau geht. Sie hat sich selbst ein Baby gewünscht, doch leider ist ihr Mann Kyle viel zu früh gestorben. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich machen soll. Hat sie darum gebeten, mich zu informieren?“

Remi räusperte sich, denn die Sache ging ihm sehr nahe. „Nein, noch nicht.“

„Mir ist klar, dass sie mich braucht, was sie jedoch niemals zugeben würde.“

Wie tapfer sie war, hatte Remi selbst erlebt. Auf seine Frage hin hatte sie erklärt, er brauche niemanden zu benachrichtigen. Offenbar bemühten sich beide, Bruder und Schwester, einander zu beschützen und Aufregungen voneinander fernzuhalten. Was für eine komplizierte Situation! Frustriert fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich werde mich um Ihre Schwester kümmern, bis sie alles hinter sich hat.“

„Das kann ich nicht von Ihnen verlangen …“

„Ich biete es Ihnen an, denn ich war an dem Unfall nicht ganz unbeteiligt.“ Remi schilderte ihm den Hergang.

„Es war wirklich nicht Ihre Schuld“, entgegnete David Bowen dann. „An Ihrer Stelle hätte ich auch keine Vollbremsung gemacht, das ist bei hoher Geschwindigkeit viel zu gefährlich. Glücklicherweise sind wenigstens Sie unverletzt geblieben und konnten meiner Schwester helfen.“

„Das hätte jeder andere vorbeikommende Autofahrer auch getan.“

„Jedenfalls bin ich Ihnen sehr dankbar, Mr Goyo. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Rufen Sie mich an, sobald meine Schwester aus der Narkose aufwacht, egal, wie spät es ist. Ich möchte unbedingt mit ihr reden. Als Erstes werde ich mich jetzt mit meiner Frau und dem Arzt unterhalten. Wenn er es für unbedenklich hält, setze ich mich in die nächste Maschine nach Madrid und fliege am selben Tag zurück.“

„Wir werden sehen. Unterdessen passe ich gut auf Ihre Schwester auf.“

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Ich lasse mir aber bestimmt etwas einfallen. Verraten Sie mir bitte noch Ihre Telefonnummer.“

Remi nannte sie und fügte hinzu: „Ich bin sicher, Sie würden an meiner Stelle genauso handeln.“

„Ja, das stimmt“, antwortete der Mann voller Überzeugung.

„Dann machen Sie sich keine Gedanken. Wir hören wieder voneinander.“ Remi beendete das Gespräch und schob das Handy in die Hosentasche. Er war viel zu beunruhigt, um untätig herumzusitzen, und verließ den Warteraum. Auf dem Flur kam ihm Dr. Filartigua entgegen.

„Wie schwer ist die Verletzung?“, erkundigte sich Remi sofort.

„Ziemlich schwer.“

Die Nachricht traf Remi wie ein Schlag. „Wird sie auf dem Auge wieder sehen können?“

„Das kann man jetzt noch nicht sagen. Ich habe den Splitter entfernt und dabei festgestellt, dass im Innern des Organs Blutungen aufgetreten sind. Die Operation selbst ist erfolgreich verlaufen, und die Patientin befindet sich in einem stabilen Zustand. Alles andere bleibt abzuwarten.“

„Wann kann sie das Krankenhaus verlassen?“, fragte Remi, nun doch halbwegs erleichtert.

„Wenn alles normal verläuft, wacht sie innerhalb der nächsten Stunde auf, und dann können wir sie auf die Privatstation verlegen. Vorausgesetzt, es treten keine Komplikationen auf, könnte sie morgen Nachmittag entlassen werden. Angesichts des Schocks, den sie zweifellos bei dem Unfall erlitten hat, würde ich sie jedoch gern noch einen Tag länger hierbehalten. Konnten Sie mit ihren Angehörigen sprechen?“

„Ja, mit ihrem Bruder in New York. Leider gibt es da ein Problem.“ Remi berichtete, was er erfahren hatte.

„Umso besser, dass Sie bereit sind, ihr beizustehen. Kommen Sie bitte in einer Woche mit ihr zur Nachuntersuchung zu mir, dann kann ich Genaueres sagen. Ich gebe ihr Medikamente und Verhaltensregeln mit.“

„Wird sie starke Schmerzen haben?“

„Nein. Sie wird allerdings eine Reizung oder einen Juckreiz verspüren. Das Auge ist mit einer Binde geschützt, die sie ab und zu wechseln und abnehmen muss, um Tropfen hineinzuträufeln. Im Übrigen kann sie sich völlig normal verhalten. Sie darf lesen und fernsehen, jedoch nicht schwimmen.“

„Wann kann sie wieder arbeiten?“

„Frühestens in vier Wochen. Vorerst sollte sie sich nicht zu tief bücken, sondern den Kopf möglichst gerade halten. Sobald sie wach ist, sollten Sie ihr unbedingt mitteilen, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist. Im Notfall bin ich jederzeit zu erreichen, Sie haben ja meine Telefonnummer.“

„Ja.“ Remi bedankte sich bei dem Arzt und rief wenig später David Bowen an, um ihn über den Stand der Dinge zu informieren.

Wie aus weiter Ferne hörte Jillian Stimmen. Dass sie im Krankenhaus lag und operiert worden war, hatte ihr irgendwann in der Nacht eine Schwester erzählt.

Schließlich öffnete sie die Lider, aber sie konnte die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien in das Einzelzimmer drangen, nur mit dem linken Auge sehen. Sie hob die Hand, um die Binde über dem rechten Auge zu betasten.

Prompt hielt jemand ihre Finger fest. „Nein, Jillian, lassen Sie das bitte“, ertönte eine tiefe männliche Stimme, die ihr bekannt vorkam. Und dann fiel es ihr wieder ein, es musste der Mann sein, der ihr nach dem Unfall geholfen hatte.

Vorsichtig drehte sie sich zu dem großen Spanier um, der Autorität und Macht ausstrahlte. Sie betrachtete sein volles dunkles Haar, die dunklen Augen unter den dichten schwarzen Brauen und seine harten, wie gemeißelt wirkenden Gesichtszüge. Ein echter Kastilier, dachte sie.

Das weiße Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte, und seine gebräunte Haut verliehen ihm etwas so Sinnliches und Erdverbundenes, dass es ihr fast den Atem raubte. Offenbar kann ich nach der Narkose noch nicht wieder klar denken, sonst würde ich auf ihn nicht so reagieren, sagte sie sich.

„Sie sind mein Schutzengel, stimmt’s?“

„Wenn ich das wäre, hätten Sie keinen Unfall gehabt“, erwiderte er und drückte ihre Hand.

„Aber Sie haben mir geholfen, oder?“

„Ja. Ich bin übrigens Remi.“

Bruchstückhafte Erinnerungen an den Beinahezusammenstoß kehrten zurück. „Sie sind der Fahrer des Wagens, der mir entgegenkam. Es fehlte nicht viel, und ich … hätte Sie getötet“, flüsterte sie.

„Nein, dazu wäre es nicht gekommen. Sie sind eine ausgezeichnete Fahrerin und haben großartig reagiert.“

Sie biss sich auf die Lippe. „Ich weiß noch, dass ich das Steuer herumgerissen habe und irgendwann ein Hubschrauber aufgetaucht ist. Alles andere liegt noch im Dunkeln.“

„Sie befinden sich in einem Krankenhaus in Madrid.“

„Nicht in Toledo?“

„Nein. Ich habe veranlasst, dass Sie hierher gebracht wurden, damit Dr. Filartigua Sie operieren und behandeln kann. Er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Augenchirurgie.“

Jillian versuchte zu schlucken, aber ihr Mund war zu trocken. „Vielen Dank. Die Schwester hat mir versichert, die Operation sei erfolgreich verlaufen.“

„Ja, dasselbe hat der Arzt mir auch berichtet. Möchten Sie etwas trinken?“ Als sie nickte, reichte er ihr ein Glas Apfelsaft, das auf dem Tablett mit dem Frühstück stand. „Und dann rufe ich Ihren Bruder an. Er kann es kaum erwarten, mit Ihnen zu reden.“

„Woher weiß David denn, was passiert ist?“, fragte sie erstaunt.

„Von mir. Ihr Arbeitgeber hat mir seine Telefonnummer genannt. Ich habe mit ihm gesprochen.“

„Ah ja.“ Sie trank den Apfelsaft und gab Remi das leere Glas zurück. „Gracias, Señor“, bedankte sie sich auf Spanisch.

„De nada, Señora.“

Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte. „Ich weiß, meine Aussprache ist keineswegs perfekt.“

„Nun seien Sie mal nicht so bescheiden. Schon am Unfallort war ich beeindruckt, wie gut Ihr Spanisch ist. Ich bin nur überrascht, wie schnell Sie sich von der Operation erholt haben, das ist alles.“

Sie machte sich keine Illusionen über ihre Sprachkenntnisse, aber sie freute sich, dass es ihr schon wieder viel besser ging. Nachdem sie das Kopfende des Bettes mit der Fernbedienung verstellt und sich aufgerichtet hatte, entdeckte sie den Strauß gelber und weißer Rosen auf dem Tisch.

„Sind die wunderschönen Blumen von Ihnen?“

„Ja.“ Er brachte ihr die Vase, und sie barg das Gesicht in den Blüten.

„Sie duften betörend. Danke.“

Nachdem er das Gefäß wieder auf den Tisch gestellt hatte, fiel Jillian das ungemachte Notbett in der Ecke neben der Tür auf. „Haben Sie etwa bei mir geschlafen?“

Er musste sich ein Lächeln verbeißen. „Ich bekenne mich schuldig.“

Plötzlich wurde ihr bewusst, was sie da gesagt hatte, und errötete. „Hatte Ihre Familie nichts dagegen, dass Sie nicht nach Hause gekommen sind?“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Welche denn?“, fragte er so verbittert, dass ihr schauderte. „Meine Angestellten haben sich sicher über meine Abwesenheit gefreut“, fügte er spöttisch hinzu.

„Warum sind Sie hiergeblieben?“

Er stellte sich vor sie an das Bett und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich habe Ihrem Bruder versprochen, mich um Sie zu kümmern. Möchten Sie vor oder erst nach dem Frühstück mit ihm reden?“ Er warf einen Blick auf das Tablett auf ihrem Nachttisch.

„Lieber vorher. Nach dem Tod unserer Eltern hat er mich unter seine Fittiche genommen und sich sogar noch nach meiner Heirat für mich verantwortlich gefühlt.“

„Er hat mir erzählt, dass Ihr Mann vor einem Jahr ums Leben gekommen ist. Das tut mir sehr leid. Ich kann seine Sorge gut verstehen.“

Jillian atmete tief durch. „Er macht sich viel zu viele Gedanken um mich.“

„Ist es nicht das gute Recht eines Bruders, seine Schwester zu beschützen?“

„Haben Sie eine?“

„Nein.“ Sekundenlang verfinsterte sich seine Miene, und Jillian wünschte, sie hätte die Frage nicht gestellt. „Hier, Sie können mein Handy benutzen.“ Er reichte es ihr. „Die Nummer Ihres Bruders habe ich schon gespeichert, Sie brauchen nur auf die Acht zu drücken.“

Als sie das Telefon entgegennahm und versehentlich seine Finger berührte, kribbelte ihr die Haut. Wie selbstverständlich nahm er das Heft in die Hand. Wahrscheinlich wagte niemand, ihm zu widersprechen. Aber weshalb hätte sie das auch tun sollen? Immerhin hatte er dafür gesorgt, dass sie innerhalb kürzester Zeit die bestmögliche ärztliche Behandlung erhielt. Mehr noch, er hatte sogar die ganze Nacht bei ihr gewacht. Sie hatte ihm viel zu verdanken.

Gerührt und aufgewühlt gab sie die Nummer ein, und schließlich meldete sich ihr Bruder.

„Dave?“

„Jilly! Endlich! Wie geht es dir?“

„Viel besser. Und dir? Was machen Angela und die Kinder?“

„Bei uns ist alles in Ordnung. Du klingst erstaunlich munter.“

„Ich habe Glück im Unglück gehabt. Dass mir sogleich jemand geholfen und alles Notwendige veranlasst hat, hat Schlimmeres verhindert. Mein rechtes Auge ist verletzt, aber die Operation ist erfolgreich verlaufen, wie man mir versichert hat.“

„Hast du starke Schmerzen?“

„Nein, überhaupt keine.“

„Lüg mich bitte nicht an.“

„Es ist die Wahrheit.“ Sie hatte wirklich keine mehr.

„Dann lass mich bitte kurz mit Señor Goyo sprechen.“

„Mit wem?“

„Jilly, was ist los? Remi Goyo ist der Mann, der dir geholfen hat und sich immer noch um dich kümmert.“

Ihr wäre beinah das Handy aus der Hand geglitten. Vor dem Unfall hatte sie vor dem Tor eines Landguts angehalten, um mit dem Besitzer zu reden. Von einem seiner Mitarbeiter hatte sie erfahren, Don Remigio sei geschäftlich nach Toledo gefahren, und der Mann hatte ihr geraten, telefonisch einen Termin mit seinem Chef zu vereinbaren.

Plötzlich erinnerte sie sich an das Wappen an dem großen Tor. Offenbar handelte es sich bei den Gutsbesitzern um eine alte Adelsfamilie.

„Señor Goyo?“

Er drehte sich zu ihr um.

„Sind Sie Don Remigio?“

„Ja. Doch für Sie bin ich Remi, schon vergessen?“, mahnte er sie sanft, ehe er das Handy entgegennahm.

Natürlich hatte sie das nicht. Dass er aus so vornehmen Kreisen stammte, änderte allerdings einiges. Wieder erbebte sie bei der flüchtigen Berührung ihrer Finger. Es musste an den Nachwirkungen der Operation liegen, dass sie zu empfindlich und zu heftig reagierte. Jedenfalls hatte sie sich nach Kyles Tod für keinen anderen Mann interessiert. Weshalb sollte das plötzlich anders sein?

Er war ein attraktiver Mann mit braunen Augen und rotbraunem Haar und fast zehn Zentimeter größer gewesen als sie mit ihren eins fünfundsechzig. Sie hatten in jeder Hinsicht perfekt zusammengepasst und waren innerhalb von sechs Monaten verheiratet gewesen. Dass ihr Glück von einer Minute auf die andere zerstört werden würde, hatte sie sich nicht vorstellen können.

Genauso unvorbereitet hatte sie ihr eigener Unfall getroffen. Voller Begeisterung darüber, eine neue Sehenswürdigkeit entdeckt zu haben, war sie in Richtung Toledo weitergefahren und hatte sich darauf gefreut, durch diese schöne Stadt bummeln zu können. Und dann wurde sie plötzlich von einem Fremden aus dem Wrack ihres Autos geborgen, der sie aufforderte, ihr verletztes Auge nicht zu berühren. Er wirkte ungemein selbstsicher und schien in jeder Situation das Richtige zu tun. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie nicht in Panik geraten war.

2. KAPITEL

Jillian versuchte, etwas von der Unterhaltung zwischen Remi und ihrem Bruder mitzubekommen, was sich jedoch als ausgesprochen schwierig erwies, denn Remi kehrte ihr den Rücken zu. Das musste keine Absicht sein, dennoch fand sie es frustrierend. Wie magisch fühlte sie sich von ihm angezogen und betrachtete fasziniert seinen muskulösen Rücken und die breiten Schultern.

Er war ein durch und durch außergewöhnlicher, bemerkenswerter Mann. Während andere nur entsetzt und fassungslos herumgestanden hatten, handelte er, ohne zu zögern, umsichtig und entschlossen. Niemand außer ihm hätte es geschafft, den Rettungshubschrauber so rasch an den Unfallort zu rufen.

In dem Moment kam die Schwester herein, um Blutdruck zu messen. Damit Jillian danach anfangen konnte zu frühstücken, zog die Frau auch den Tisch näher heran, ehe sie wieder verschwand.

Schließlich drehte Remi sich wieder zu ihr um und reichte Jillian das Handy. „Ihr Bruder möchte sich verabschieden.“

Worüber haben die beiden sich so lange unterhalten? überlegte sie, während sie den Apparat ans Ohr hielt. „Danke, dass du dich daran erinnert hast, auch noch einmal mit mir zu reden, Bruderherz“, neckte sie ihn.

„Ich wollte mich doch nur bei Remi bedanken, dass er so viel für dich tut. Ich werde versuchen, dich so bald wie möglich zu besuchen.“

„Nein, Dave, bleib, wo du bist. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus kehre ich nach Hause zurück. Glücklicherweise befinde ich mich in Madrid und habe es nicht weit zum Flughafen.“

„Remi hat mir berichtet, dass du in einer Woche zur Nachuntersuchung gehen sollst. Also musst du noch einige Tage länger in Spanien bleiben“, entgegnete ihr Bruder.

Sie warf Remi, der neben ihrem Bett stand, einen kurzen Blick zu. Offenbar wusste er über ihren Zustand besser Bescheid als sie selbst. „Das ist kein Problem, Dave. Ich gehe in New York zu einem Augenarzt. Obwohl mich viel Arbeit erwartet, werde ich in zwei Wochen einen Abstecher zu euch nach Albany machen.“

„Gib mir bitte Remi noch einmal, Jilly.“

Nein, das kam gar nicht infrage. Natürlich liebte sie ihren Bruder sehr, aber manchmal übertrieb er mit seiner Beschützerrolle. Sie fühlte sich Remi Goyo gegenüber sowieso schon schuldig, weil er geglaubt hatte, er müsse auch die Nacht in ihrer Nähe verbringen.

„Sag den Kindern, ich würde ihnen etwas Schönes mitbringen. Für das Baby habe ich in Coimbra ein ganz bezauberndes Taufkleid entdeckt und konnte nicht widerstehen, es zu kaufen. Du und Angela bekommt natürlich auch eine Kleinigkeit. Bis bald, Dave, und Grüße an die ganze Familie“, beendete sie das Gespräch und gab Remi das Handy zurück.

„Wann haben Sie mit dem Arzt geredet?“, fragte sie und erwiderte seinen forschenden Blick.

„Gleich nach der Operation.“

„Ah ja. Ich muss unbedingt wissen, wann ich entlassen werde.“

„Meine Güte, seien Sie doch nicht so ungeduldig.“

Jillian atmete tief durch. „Es geht mir gut. Glücklicherweise habe ich sonst keine Verletzungen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass ich von einem der besten Augenärzte Spaniens behandelt werde. Trotzdem kann ich nicht einfach hier herumliegen und nichts tun. Gerade Sie sollten dafür Verständnis haben, denn Ihnen würde es genauso ergehen.“

Die Falte zwischen seinen dunklen Augenbrauen vertiefte sich. „Wie kommen Sie darauf?“

„Weil Sie wie ein Tiger im Käfig umherlaufen, wenn Sie nichts zu tun haben.“

„Tue ich das?“, erwiderte er leicht belustigt.

„Glauben Sie mir, ich kenne mich damit aus, denn wir sind uns ziemlich ähnlich. Sie würden am liebsten auf Ihr Landgut zurückfahren und sich um Ihre Olivenhaine kümmern. Das lässt Ihr Pflichtbewusstsein jedoch nicht zu, denn Sie fühlen sich für mich verantwortlich. Und das tut mir leid.“

Geistesabwesend rieb er sich den Nacken. „Wer hat Ihnen erzählt, dass ich ein Landgut und Olivenhaine besitze?“

„Niemand. Als Dave Ihren Familiennamen erwähnte, war mir klar, dass Sie der Besitzer von Soleado Goyo sind.“

„Kennen Sie sich mit Oliven aus?“

„Ihr Olivenöl ist meiner Meinung nach das Beste auf dem Markt, ich benutze kein anderes zum Kochen. Als ich gestern an Ihrem Gut vorbeifuhr, habe ich angehalten und mit einem Ihrer Mitarbeiter geredet.“

„So? Davon weiß ich gar nichts.“

„Weshalb hätte man es Ihnen berichten sollen? Ich …“ Sie verstummte, weil ein Mann mit Schnurrbart hereinkam.

„Guten Morgen, Miss Gray. Ich bin Dr. Filartigua“, stellte er sich vor.

Sie seufzte erleichtert. „Gut, dass Sie kommen. Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich operiert haben.“

„Das ist mein Job. Wie geht es Ihnen?“

„Gut genug, um entlassen zu werden.“

„Das freut mich. Trotzdem sollten Sie noch einen Tag länger hierbleiben, damit Sie sich von dem Schock erholen.“

„Das ist nicht nötig, mir geht es wirklich gut. Außerdem muss ich wegen meiner Arbeit dringend nach New York zurückkehren.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Fliegen dürfen Sie erst wieder in vier Wochen.“

„Wie bitte?“

„Der Druck im Flugzeug könnte sich negativ auf Ihr Auge auswirken. Sie möchten doch so schnell wie möglich gesund werden, oder?“

„Natürlich!“ Sie hätte weinen können vor Enttäuschung.

„Auto fahren dürfen Sie momentan auch nicht. In einer Woche kommen Sie zur Nachuntersuchung, dann sehen wir weiter.“

„Aber ich dachte, die Operation sei erfolgreich verlaufen. Es war doch nur ein Glassplitter.“

„Da haben Sie recht. Doch erst im Verlauf des Heilungsprozesses werden wir wissen, ob Ihr Auge dauerhaft geschädigt wurde.“

„Heißt das, ich muss damit rechnen, dass ich rechts nicht mehr sehen kann?“, fragte sie entsetzt.

„Die Möglichkeit kann ich nicht ausschließen. Wir sollten jedoch nicht mit dem Schlimmsten rechnen. Gönnen Sie sich eine Auszeit, und genießen Sie das Nichtstun.“

„Aber …“

„Kein Aber“, unterbrach er sie lächelnd. „Morgen früh sehe ich mir Sie noch einmal an. Wenn alles in Ordnung ist, kann ich Sie entlassen.“ Dann verabschiedete er sich und verschwand.

Als Remi ihre Hand nahm, wollte sie ihm diese entziehen, er hielt sie jedoch fest. Ihr war klar, dass er sie trösten wollte. Wenn er allerdings jetzt auch nur ein Wort sagte, würde sie in Tränen ausbrechen.

Würde sie auf dem rechten Auge nicht mehr richtig sehen können oder gar blind sein? Den Gedanken fand sie unvorstellbar. Doch durfte sie sich überhaupt beklagen? Immerhin war sie glimpflich davongekommen, während ihr Mann damals den Unfall nicht überlebt hatte.

Sie nahm sich zusammen und löste sanft ihre Hand aus Remis. „Es ist alles in Ordnung“, flüsterte sie.

„Gut, dann fahre ich nach Toledo und hole Ihr Gepäck und Ihre persönlichen Sachen. Ihr Laptop befand sich sicher auch in dem Auto, oder?“

Ohne ihn anzusehen, nickte sie. „In meinem Koffer.“

„Okay, Sie können vom Bett aus arbeiten, wenn Sie möchten. Ich bin bald wieder zurück.“ Dann drehte er sich um und durchquerte den Raum.

„Don Remigio?“, rief sie hinter ihm her.

An der Tür blieb er stehen. „Sie sollen mich doch Remi nennen“, erinnerte er sie leicht verärgert.

Sie hatte ihn nicht beleidigen wollen. „Ja, ich weiß. Also, Remi, ich habe Ihnen so viel zu verdanken. Wie kann ich das jemals wiedergutmachen?“

„Es hilft mir, meine Schuldgefühle abzubauen.“

„Ich bin ganz allein verantwortlich für den Unfall.“

„Sie können glauben, was Sie wollen, ich bin da anderer Meinung“, widersprach er, ehe er das Zimmer verließ.

Da er seit dem Unfall immer in ihrer Nähe gewesen war, egal, ob sie geschlafen oder wach gewesen war, kam ihr der Raum ohne ihn viel größer und ziemlich leer vor.

Sie war fest entschlossen, am nächsten Tag mit dem Taxi zum Hotel Prado Inn zu fahren, wo sie bleiben wollte, bis sie nach Hause zurückfliegen konnte. Unterdessen würde sie sich durch Madrid chauffieren lassen, um neue, ihr bisher unbekannte Sehenswürdigkeiten zu entdecken.

In ihrem Pläneschmieden wurde sie durch eine Schwester gestört, die ihr die Tropfen in die Augen geben wollte. Als der Verband abgenommen wurde, konnte Jillian auf dem Auge nichts sehen, doch die junge Frau versicherte ihr, das sei so kurz nach der Operation völlig normal.

Während Jillian eine neue Augenbinde angelegt wurde, läutete das Telefon auf dem Nachttisch neben dem Bett. Die Schwester nahm den Hörer ab und reichte ihn Jillian.

Diese bezweifelte keine Sekunde, dass es ihr Bruder war, der sie sprechen wollte, denn nur er wusste, wo sie momentan zu erreichen war. „David Bowen, falls du mich schon wieder kontrollieren willst, lass dir gesagt sein, mir geht es gut“, erklärte sie energisch.

„Na, Sie scheinen ja richtig zornig zu sein“, ertönte Remis Stimme, und aus einem unerfindlichen Grund bekam sie Herzklopfen. „Offenbar geht es Ihnen besser.“

„Es tut mir leid, das war nicht für Sie bestimmt. Ich finde es jedoch nicht richtig, dass mein Bruder sich Gedanken um mich macht. Er und seine Frau haben ganz andere Sorgen, weil sie ein Baby erwarten.“

„Ja, das hat er erwähnt.“

Man kann ja fast glauben, die beiden Männer seien die dicksten Freunde, dachte sie.

„Ich wollte nur fragen, ob ich irgendetwas für Sie einkaufen soll.“

„Vielen Dank, das ist nett von Ihnen. Aber alles, was ich brauche, befindet sich in meinem Gepäck.“

„Gut. In ungefähr drei Stunden bin ich wieder bei Ihnen“, verkündete er, und dann war die Leitung tot.

Er entwickelte einen Beschützerinstinkt, der noch ausgeprägter war als der ihres Bruders, und das wollte etwas heißen. Ob es ihr passte oder nicht, Remi fühlte sich für sie verantwortlich.

Auf Mitleid konnte sie jedoch verzichten. Nach Kyles Tod hatte sie sich sogleich wieder in die Arbeit gestürzt, denn die Leute, die sie auf den Rundreisen betreute, wussten nichts über ihr Privatleben. Und so war es ihr auch am liebsten.

„Buenos días, Señora.“ Eine junge Frau kam herein und baute das Notbett ab, auf dem Remi geschlafen hatte. Das erinnerte Jillian daran, dass sie ihn bitten musste, die nächste Nacht woanders zu verbringen.

Nachdem die Angestellte geputzt und den Papierkorb geleert hatte, verschwand sie wieder. Kurz darauf erschien eine Schwester und half Jillian aufzustehen. Diese schaffte es, allein ins Badezimmer zu gehen, sich zu waschen und die Zähne zu putzen. Danach ging es ihr schon viel besser, und sie lief einige Male im Raum hin und her.

Nachdem sie sich wieder hingelegt hatte, stellte die Schwester ihr den Fernseher an. „Sobald Señor Goyo mit Ihren persönlichen Sachen zurückkommt, unterstütze ich Sie beim Duschen.“

„Fein, dann kann ich mir auch die Haare waschen.“

„Damit sollten Sie warten, bis Dr. Filartigua grünes Licht gibt. Ich kann Ihnen aber ein Trockenshampoo geben, das tut es vorerst auch.“

Schließlich wurde ihr noch ein Glas Apfelsaft gebracht. Einen solchen Service war sie nicht gewöhnt. Doch trotz der bevorzugten Behandlung, die sie sicher Remi Goyo zu verdanken hatte, musste sie immer wieder über die Verletzung nachdenken.

Würde sie in Zukunft noch Auto fahren können und dürfen? Sie brauchte den Führerschein für ihren Job, ohne den sie nicht leben konnte. Er half ihr, sich nicht ganz ihrem Kummer und Schmerz über Kyles Tod und das Ende all ihrer Träume zu überlassen.

Sie hatten sich Kinder gewünscht und geplant, ein eigenes Reisebüro zu eröffnen. Und dann hatte sich nur achtzehn Monate nach der Hochzeit der schreckliche Unfall ereignet. Bei der Erinnerung an das tragische Geschehen liefen ihr Tränen über die Wangen.

Natürlich hatte sie Remis Worte nicht vergessen, Tränen würden das verletzte Auge reizen. Doch das war ihr jetzt egal. Sie tat sich selbst leid, weinte sich hemmungslos aus und griff nach den Papiertaschentüchern auf dem Nachttisch. Was für ein Desaster! Sobald Remi ihr den Laptop gebracht hätte, würde sie versuchen herauszufinden, ob sie trotz eines möglichen Sehfehlers noch Auto fahren durfte.

Als Remi die Polizeistation in Toledo verließ, winkte er Paco zu, der gerade in Remis Auto vorfuhr, gefolgt von Diego, einem anderen Mitarbeiter, in einem Geländewagen. Die beiden Männer stiegen aus und gingen auf Remi zu.

„Danke, dass Sie gekommen sind.“ Remi beförderte Jillians Handtasche und Koffer auf den Rücksitz, wo er auch die Reisetasche entdeckte, die Maria auf seine Bitte hin für ihn gepackt hatte.

„Wann kommen Sie zurück?“, fragte Paco.

„Morgen.“ Remi hatte Maria gebeten, das Schlafzimmer seiner Eltern herzurichten, das seit dem Tod seiner verwitweten Mutter nicht mehr benutzt worden war. Jillian würde es sicher gefallen. „Mrs Gray wird einen Monat lang unser Gast sein, weil der Arzt ihr verboten hat zu fliegen. Sie hat hier in Spanien weder Verwandte noch Freunde.“

Vor wenigen Minuten hatte er mit David Bowen gesprochen, der mit seiner schwangeren Frau alle Hände voll zu tun hatte und sie nicht allein lassen wollte. Er konnte Remi gar nicht genug danken, dass er ihm in dieser schwierigen Situation half und sich um Jillian kümmerte. David bot an, ihm Geld zu überweisen, was Remi jedoch ablehnte.

„Wie lautet die Prognose des Arztes?“, erkundigte sich Paco.

„Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird sie eine Beeinträchtigung ihrer Sehkraft zurückbehalten“, erwiderte Remi bedrückt.

„Wie schrecklich!“

„Ich überlege schon die ganze Zeit, ob sie die junge Frau ist, die kurz vor dem Unfall vor unserem Tor angehalten hat“, meinte Diego.

„Hatte sie blondes Haar?“

„Ja, es sah aus wie flüssiges Gold.“ Diegos Miene verriet seine Begeisterung. „Sie wollte mit dem Besitzer sprechen, und ich habe ihr empfohlen, Sie anzurufen.“

Das ist ja jetzt nicht mehr nötig, dachte Remi. Da sie es ihm gegenüber nicht erwähnt hatte, hatte sich die Sache für sie wahrscheinlich sowieso erledigt.

„Okay, ich muss fahren. Bis später“, verabschiedete er sich und fügte an Paco gewandt hinzu: „Sie wissen ja, wie und wo Sie mich im Notfall erreichen können.“

„Natürlich.“

Auf der Rückfahrt nach Madrid hielt Remi sich strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die Erinnerung an das traumatische Erlebnis vom Tag zuvor ließ sich nicht so leicht abschütteln.

Nachdem er sich ein Hotelzimmer in der Nähe des Krankenhauses genommen hatte, duschte er, rasierte sich, zog sich um und fühlte sich endlich wieder wie ein Mensch. Mit einem Blick auf die Uhr stellte er fest, dass die Mittagszeit längst vorbei war. Jillian hatte bestimmt schon gegessen. Er beschloss deshalb, sich aus der Cafeteria eine Kleinigkeit mitzunehmen.

Die Polizei hatte mit ihr reden und sich den Unfallhergang aus ihrer Sicht schildern lassen wollen. Remi hatte jedoch erreicht, dass man damit wartete, bis sie aus dem Krankenhaus entlassen und bei ihm zu Hause war.

So weit, so gut, jetzt muss ich sie nur noch in meine Pläne einweihen, sagte er sich. Ihm war klar, dass sie sich weigern würde, sein Gast zu sein, doch er vertraute auf seine Überredungskunst und Überzeugungskraft. Dank dieser Eigenschaften hatte er das Familienunternehmen aus den roten Zahlen gebracht.

Vor zwei Jahren hatte kaum noch jemand an die Rettung geglaubt. Remi war dennoch entschlossen gewesen, alles dafür zu tun. Und wenn er ein Mitspracherecht hatte, würde er auch dafür sorgen, dass Jillian nicht aufgab, egal, wie die Prognose lautete.

Als Remi eine Dreiviertelstunde später ihr Zimmer betrat, fand er ein Blumenmeer und ein leeres Bett vor und vermutete, dass Jillian im Bad war.

Er stellte den Koffer auf einen Stuhl und Jillians Tasche auf den Nachttisch. Dann setzte er sich in den einzigen Sessel, biss in das Sandwich, das er sich mitgebracht hatte, und wartete auf Jillian.

Wenig später wurde die Badezimmertür geöffnet. Als Jillian ihn erblickte, wich sie erschrocken zurück und hielt das Krankenhausnachthemd hinten zusammen.

Remi verbiss sich ein Lächeln. „Ich schließe die Augen, bis Sie mir erlauben, sie wieder zu öffnen“, erklärte er leicht belustigt.

Auf bloßen Füßen eilte sie an ihm vorbei, stellte mit der Fernbedienung das Kopfende des Bettes höher und schlüpfte unter die Decke. „So, jetzt dürfen Sie wieder gucken.“

Er zögerte keinen Moment und sah, dass sie schon ihre Handtasche geöffnet hatte und sich die Haare bürstete, die ihr wie weiche Seide über die Schultern fielen.

„Schön, dass Sie mir meine Sachen gebracht haben. Für alles andere, was Sie für mich getan haben, bin ich Ihnen auch unendlich dankbar. Doch jetzt sollte damit Schluss sein, denn wenn Sie noch mehr für mich tun, fühle ich mich unbehaglich.“

Mit so einer Bemerkung hatte er gerechnet. Deshalb ließ er sich seelenruhig das Sandwich schmecken, ehe er antwortete: „Ich dachte, dass Sie Ihren Laptop brauchen. Wenn Sie erlauben, hole ich ihn aus Ihrem Koffer.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das mache ich selbst.“

„Der Arzt hat gemeint, dass Sie sich vorerst nicht hinunterbeugen sollen. Wenn Ihnen das Blut in den Kopf schießt, schadet es dem verletzten Auge“, wandte er ein.

„Das wusste ich nicht“, erwiderte sie. „Er hätte es mir selbst sagen müssen.“

„Er war wohl davon ausgegangen, ich würde es tun.“

Nach kurzem Zögern verkündete sie: „Sobald die Schwester wieder hereinkommt, bitte ich sie, mir beim Auspacken zu helfen.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Warum wollen Sie sie damit belästigen? Sie hat doch schon alle Hände voll damit zu tun, Ihnen die Blumen Ihrer Verehrer zu bringen.“

„Die sind von meinem Bruder und den Arbeitskollegen.“

„Ah ja.“ Er stand auf. „Da ich nun einmal hier bin, können Sie sich auch von mir helfen lassen, oder?“

„Okay“, gab sie zögernd nach. „Doch danach sollten Sie gehen.“

Er ignorierte die Bemerkung, nahm den Koffer vom Stuhl und stellte ihn auf den Sessel. „Verraten Sie mir die Zahlenkombination, damit ich ihn öffnen kann?“

„KFG.“

Ob das wohl die Initialen ihres Mannes sind? überlegte er, während er den Koffer aufmachte. Unter reizvollen Dessous entdeckte er den Laptop zwischen ihren Kleidern, zog ihn hervor und schloss ihn ans Stromnetz.

„So, jetzt können Sie arbeiten.“ Er reichte ihr das Gerät und streifte dabei versehentlich ihren Arm. Weshalb ihn die Berührung ihrer feinen, weichen Haut so durcheinanderbrachte, war ihm rätselhaft. So etwas war ihm schon lange nicht mehr passiert, und er hatte nicht damit gerechnet, jemals wieder so auf ein weibliches Wesen zu reagieren.

Irgendwie erwartete er, dass Jillian missbilligend die Augenbraue hochzog, doch sie ließ sich nichts anmerken. Wahrscheinlich konnte sie es kaum erwarten, dass er endlich aus ihrem Leben verschwand. Den Gefallen würde er ihr allerdings nicht tun.

Stattdessen zog er sein Handy aus der Tasche und rief seinen Mitarbeiter Fermin an, der die Abfüllanlage leitete, denn die wöchentliche Lieferung nach England sollte an diesem Tag auf den Lastwagen verladen werden. Normalerweise prüfte Remi jeden Karton selbst, nur dieses Mal musste er sich auf Fermin verlassen.

Um wieder Gewinne zu erzielen, hatte Remi mehrere Angestellte entlassen und nur die zuverlässigsten behalten. Diese Strategie hatte sich als richtig erwiesen, denn sein Unternehmen schrieb wieder schwarze Zahlen.

Während er sich mit dem älteren Mann unterhielt, der das Unternehmen wie seine Westentasche kannte, kehrte er Jillian den Rücken zu, um ihrem frustrierten Blick nicht zu begegnen. Es ging um die Einstellung von Jorge Diaz. Schon seit einiger Zeit äußerte der jüngere Mann den Wunsch, wieder für Remi zu arbeiten. Remi versprach Fermin, darüber nachzudenken, und eröffnete ihm, dass er ihm eine beträchtliche Gehaltserhöhung für seine Treue und Zuverlässigkeit in den vergangenen schwierigen Jahren geben würde. Der ältere Mann war ganz gerührt und konnte sein Glück kaum fassen.

Schließlich beendete Remi das Gespräch und rief die Firma an, die die Leitungen für die Internetanschlüsse auf dem Landgut gelegt hatte. Er brauchte eine Verbindung im Elternschlafzimmer und war sehr erfreut, als man zusagte, schon am nächsten Tag jemanden vorbeizuschicken. Dann telefonierte er mit Maria, um sie entsprechend zu informieren. Während er mit seiner Haushälterin sprach, kam eine Schwester herein, und Remi verließ den Raum. Draußen bat er Maria, mit Mrs Gray nicht über deren Verletzung zu reden, weil sie nicht gern daran erinnert wurde. Maria versicherte ihm, sie würde schweigen wie ein Grab.

Erst als er sah, dass schon Essen verteilt wurde, wurde ihm bewusst, wie spät es war. Die Zeit war im Nu verflogen, ohne dass er es bemerkt hatte. Er nahm der Frau, die Jillian versorgen wollte, das Tablett ab und fragte, ob er gegen Bezahlung auch etwas bekommen könnte. Ein einziges Sandwich hatte seinen Hunger nicht stillen können.

Die junge Angestellte eilte davon, um ihm etwas zu holen. Geld wollte sie jedoch nicht annehmen.

Während Remi vor Jillians Zimmertür wartete, freute er sich schon auf die Auseinandersetzung mit ihr. Obwohl sie sehr schlagfertig war und geschickt argumentierte, würde sie sich wundern und einiges hinzulernen, wenn sie sich jetzt mit einem Goyo auseinanderzusetzen hätte.

Nachdem die Schwester den Raum verlassen hatte, bedankte sich Jillian per E-Mail bei ihrer Chefin Pia und einigen Kolleginnen und Kollegen für die Blumen, doch dann gestand sie sich ein, dass sie aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen gar keine Lust hatte, sich in die Arbeit zu stürzen.

Offenbar hatte Remi Goyo ihren Wunsch respektiert und das Krankenhaus verlassen. Obwohl sie es so gewollt hatte, fühlte sie sich auf einmal sehr allein. Er fehlte ihr. Sie vermisste seine Dynamik, seine Tatkraft und Entschlossenheit, die mitreißend wirkten.

Außerdem war er ausgesprochen attraktiv. Er hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie würde ihn nie vergessen. Ein Mann in seinem Alter, sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, war normalerweise verheiratet und hatte Kinder. Allzu gern hätte sie mehr über ihn erfahren, da er jedoch sehr abweisend reagierte, wenn es um persönliche Dinge ging, hatte sie nicht gewagt, ihn auszufragen. Dazu hatte sie auch gar kein Recht.

Voller Unruhe legte sie sich auf die Seite und achtete darauf, dass ihr Laptop nicht auf den Boden fiel. Zeit zum Nachdenken konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen, denn wenn sie anfing zu grübeln, verlor sie sich möglicherweise noch in Selbstmitleid.

Schließlich drehte sie sich wieder auf den Rücken und öffnete den Laptop, um Solitär zu spielen, was sie schon lange nicht mehr getan hatte. Während sie versuchte herauszufinden, wie schnell sie die Könige und Asse auf die richtige Position schieben konnte, ging die Tür auf.

Jillian sah auf – und hielt den Atem an. Der Mann, über den sie soeben nachgedacht hatte, kam mit einem Tablett in den Händen herein. Eigentlich war sie nicht hungrig, doch der Essensduft regte ihren Appetit an. Offenbar weckte Remis Anwesenheit ihre Lebensgeister.

Ihr war vorhin schon aufgefallen, dass er geduscht und sich rasiert hatte, als er aus Toledo zurückgekommen war. In dem dunkelblauen Seidenhemd und der hellen Freizeithose sah er umwerfend gut aus.

Ich mache es schon wieder und bewundere sein Aussehen und seinen Charme, mahnte sie sich. Die Reaktion auf diesen Mann irritierte und verblüffte sie. Insgeheim freute sie sich jedoch, dass er zurückgekommen war.

Erst letzte Woche hatte sie die Einladung eines Bekannten abgelehnt. Eine ihrer Freundinnen hatte ihr prophezeit, eines Tages würde sie das Leben wieder genießen und sich für das andere Geschlecht interessieren, woraufhin Jillian nur den Kopf geschüttelt hatte. Einen Mann wie Kyle gab es sowieso kein zweites Mal.

Doch nach dem Unfall sah alles etwas anders aus. Als sie es am wenigsten erwartet hatte, war dieser faszinierende Mensch aus Kastilien-La-Mancha in ihr Leben getreten. Er hatte sie gerettet und ins Krankenhaus bringen lassen.

Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Auch Remi Goyo war auf seine Art einmalig und unvergleichlich. Schockiert über ihre Gedanken, versuchte sie, sie zu verdrängen. Nachdem er ihr den Laptop abgenommen hatte, rollte er einen Tisch heran. „Ihr Abendessen.“ Er hob den Deckel von dem Teller. „Ich glaube, es schmeckt köstlich.“

Ohne ihn anzusehen, fragte sie leise: „Heißt das, Sie sind sich nicht sicher?“

„Wollen Sie damit andeuten, ich hätte es probieren müssen?“, gab er zurück. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass sich hinter so viel trügerischer Schönheit das Herz einer Kleopatra verbirgt.“

Was für eine seltsame Bemerkung. Was meinte er damit?

Er nahm die Gabel in die Hand, spießte ein Stück Fleisch von Jillians Teller auf und führte es zum Mund. „Ja, das ist okay. Um ganz sicher zu sein, dass es nicht vergiftet ist, warten wir am besten noch fünf Minuten.“

„Unsinn!“ Lachend fing Jillian an zu essen.

In seinen dunklen Augen blitzte es auf. „Sie leben gefährlich, Mrs Gray. Ist Ihnen das klar?“

Das sagten ihre Kollegen und Kolleginnen oft zu ihr. Auch Kyle war der Meinung gewesen, sie sei völlig furchtlos. Es hatte scherzhaft geklungen, dennoch schwang in Remis Worten so etwas wie Kritik.

„Vielleicht glauben Sie das nur, weil wir uns so ähnlich sind“, erklärte sie kühn.

„Gut beobachtet“, entgegnete er belustigt.

Während er sich mit einem Teller in der Hand in den Sessel setzte, überfielen sie alle möglichen Emotionen, die völlig neu für sie waren. Es war erschreckend und aufregend zugleich.

„Sie spielen oft Solitär, oder?“, stellte er betont unschuldig fest.

Ihm entging auch gar nichts. „Und Sie wahrscheinlich Darts, wenn Sie zur Untätigkeit verurteilt sind und sich die Zeit vertreiben wollen.“

„Das ist nichts für mich, ich habe mich aufs Messerwerfen spezialisiert.“ Die Unterhaltung schien ihn zu amüsieren.

„Genau das habe ich eigentlich angenommen“, behauptete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. „Um Ihre Gefühle nicht zu verletzen, habe ich es jedoch lieber für mich behalten.“

Remi lachte schallend. „Ich war der Meinung, Sie hielten mich für gefühllos.“

„Nein, so ist das nicht, sonst hätten Sie mir nicht geholfen und alles getan, damit ich rasch wieder gesund werde. Und damit komme ich zum Thema.“

Seelenruhig aß er weiter, als interessierte ihn die Unterhaltung wenig oder gar nicht. Es war zum Verrücktwerden.

„Ich weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan haben, aber jetzt brauche ich Ihre Hilfe nicht mehr, und ich möchte mich erkenntlich zeigen“, erklärte sie steif.

„Sie hören sich an wie Ihr Bruder.“

„Ich meine es ernst, Señor Goyo.“

„Für Sie bin ich Remi. Wie oft soll ich Sie noch daran erinnern?“

Sie hatte es nicht vergessen, ihn mit dem Vornamen anzureden war ihr jedoch zu intim. Sie war fest entschlossen, ihn nicht mehr wiederzusehen, auch wenn der Gedanke schmerzte.

„Da Sie von mir sowieso kein Geld annehmen würden, brauche ich es Ihnen erst gar nicht anzubieten. Stattdessen werde ich Sie von dem Versprechen entbinden, das Sie meinem Bruder gegeben haben. Ehrlich gesagt, möchte ich heute Nacht allein sein, und ich bin mir sicher, Sie möchten es auch.“

Geschmeidig stand er auf und stellte den leeren Teller auf das Tablett. Dann sah er sie mit einem rätselhaften Leuchten in den Augen an. „Obwohl wir uns erst kurze Zeit kennen, tun Sie so, als wüssten Sie sehr viel über mich.“

Jillian atmete tief durch. „Ich kenne das Öl, das Sie herstellen. Nachdem ich gestern Ihre Olivenhaine gesehen habe, bin ich davon überzeugt, dass Sie ein verantwortungsbewusster Mensch sind, Remi.“

„Wenigstens haben Sie sich überwunden, mich mit dem Vornamen anzureden“, stellte er zufrieden fest.

Sie wandte sich ab. „Es wäre mir wirklich lieber, Sie würden mich jetzt allein lassen. Sie müssen sich um Ihr Unternehmen kümmern, und auch ich möchte mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren“, fügte sie hinzu.

„Bestimmt nicht heute Abend.“

Schweigend sah sie ihn an. Was hätte sie auch darauf erwidern sollen?

Als er die Hand auf den Tisch legte, um ihn wegzuschieben, fiel ihr auf, dass er keinen Ehering trug, was natürlich nichts zu bedeuten hatte. Der dezente Duft seines Aftershaves hatte eine verheerende Wirkung auf ihre Sinne und brachte sie völlig durcheinander.

„Sie sehen müde aus. Lassen Sie uns die Unterhaltung morgen fortsetzen, ehe Sie entlassen werden. Außerdem wollen Sie sicher noch einige E-Mails an Freunde und Bekannte schicken. Deshalb verabschiede ich mich jetzt. Im Notfall können Sie mich telefonisch im Hotel Casa Cervantes hier in Madrid erreichen, man wird Sie zu mir durchstellen. Gute Nacht, Jillian.“

Auf dem Weg zur Tür nahm er das Notbett mit hinaus auf den Flur, da es nicht mehr gebraucht wurde.

„Gute Nacht“, flüsterte sie. Zu ihrer grenzenlosen Enttäuschung hatte er gar nicht beabsichtigt, noch eine Nacht bei ihr zu verbringen.

3. KAPITEL

Der Arzt legte Jillian die Augenbinde wieder an. „Das sieht schon ganz gut aus, Miss Gray, ich bin sehr zufrieden. Sobald ich das Entlassungsformular unterschrieben habe, wird Sie jemand zum Ausgang begleiten. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?“

„Ja, etwas möchte ich noch unbedingt wissen“, erwiderte Jillian ruhig. „Aber auf die Antwort muss ich wohl noch warten.“

„Sie sind sehr tapfer. Nächste Woche Donnerstag um elf sollten Sie zur Nachuntersuchung in meine Praxis kommen. Sie befindet sich in dem Gebäude gegenüber dem Haupteingang des Krankenhauses.“

„Ich werde pünktlich erscheinen. Vielen Dank für alles.“

Er nickte. „Wir geben Ihnen Tropfen mit, und Sie erhalten noch schriftliche Verhaltensregeln. Falls es Probleme gibt, können Sie mich zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen. Meine Telefonnummer schreibe ich Ihnen auf.“ Er tätschelte ihr den Arm und verließ dann den Raum.

Sie war froh, dass der Arzt so früh zur Visite gekommen war. So konnte sie die Klinik verlassen, ehe Remi Goyo erschien. Ihr Koffer war schon gepackt und sie fertig angezogen. Außer Lippenstift hatte sie kein Make-up aufgetragen, um das Augenmerk nicht unnötig auf ihre Verletzung zu lenken.

Während sie darauf wartete, dass die Schwester sie abholte, ging sie noch einmal ins Badezimmer, um sich die Haare zu bürsten. Sie fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern, das Trockenshampoo war offenbar gar nicht so schlecht. Dennoch vermisste sie den dezenten Duft ihres eigenen Mittels.

Obwohl sie die hübschen Blumensträuße gern mitgenommen hätte, verzichtete sie darauf. Es wäre zu mühsam, sie zum Taxi und dann ins Hotelzimmer zu bringen. Nur Remis Rosen und das Bouquet ihres Bruders wollte sie mitnehmen.

„Oh …“, rief sie beim Verlassen des Raums verblüfft aus, denn sie wäre beinah mit Remi zusammengestoßen. Er packte sie an den Armen, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor, und musterte sie so eindringlich, dass sie kaum zu atmen wagte.

„Offenbar haben Sie es sehr eilig, von hier wegzukommen“, stellte er schließlich mit seiner tiefen Stimme fest, „was ich nur zu gut verstehen kann.“

Sie spürte seinen warmen Atem an der Wange und zugleich ein Kribbeln im Bauch. „Der Arzt hat mich entlassen“, sagte sie leise und löste sich aus seinem Griff.

„Ja, ich weiß.“

In dem weißen Hemd und der hellen Baumwollhose sah er ungemein attraktiv aus. Hinter ihm kam eine Schwester mit einem Rollstuhl herein. „Sind Sie fertig, Miss Gray?“

„Ja, ich muss mir allerdings noch ein Taxi bestellen.“

„Das ist schon erledigt. Setzen Sie sich bitte in den Rollstuhl.“

Jillian hatte keine andere Wahl, als der Aufforderung der älteren Frau zu folgen.

„Die Blumen …“

„Darum kümmere ich mich“, erklärte Remi so dicht an ihrem Ohr, dass sie erbebte.

„Die Sträuße von meinen Kollegen können an andere Patienten verteilt werden, ich möchte sie nicht mitnehmen.“

„Wie Sie wollen.“

Mit dem Koffer in der einen Hand und den Blumen in der anderen ging Remi hinter den beiden her.

Jillian bemerkte die bewundernden Blicke sehr wohl, die die Frauen, denen sie auf dem Weg in die Eingangshalle begegneten, Remi zuwarfen. Viele drehten sich sogar nach ihm um. So lächerlich werde ich mich niemals machen, nahm sie sich fest vor.

Und dann entdeckte sie die schwarze Limousine vor dem Eingang. Diese war ihr schon aufgefallen, als sie vor dem Tor zu Remis Landgut angehalten hatte. Irgendwie überraschte es sie nicht, dass dieser überaus attraktive Mann ihr auch noch seine Dienste als Chauffeur anbot.

Als Reiseleiterin hatte sie auf ihren Rundreisen durch Europa in den letzten sechs Jahren unzählige fantastisch aussehende Männer, die bei Frauen stets großes Interesse hervorgerufen hatten, kennengelernt, doch im Gegensatz zu seinen Geschlechtsgenossen schien Remi gegenüber solcher Bewunderung immun zu sein.

Vermutlich war er weniger mit sich selbst als mit anderen Dingen beschäftigt, eine Eigenschaft, die sie an Männern ganz besonders schätzte.

Nachdem er ihr beim Einsteigen geholfen hatte, reichte die Schwester ihr eine kleine Tragetasche mit Medikamenten und den Verhaltensregeln.

„Alles Gute, Señorita. Vaya con dios“, verabschiedete sich die Frau und schloss die Beifahrertür.

Remi verstaute das Gepäck im Kofferraum, legte die Blumen auf den Rücksitz und unterhielt sich kurz mit der Schwester, ehe er sich ans Steuer setzte. Der dezente Duft seines Aftershaves vermischte sich mit dem nach Leder.

Während er den Motor startete, erklärte Jillian: „Ich habe mir ein Zimmer im Prado Inn reservieren lassen.“

„Sie können es aber erst heute Nachmittag beziehen.“

„Ja, ich weiß. Ich werde mich so lange in der Lounge aufhalten und arbeiten.“

„Arbeit ist ein gutes Allheilmittel, oder?“ Sein Tonfall verriet, dass er damit auch seine Erfahrungen hatte. Dann legte er den ersten Gang ein, fuhr von dem Hotelparkplatz auf die dreispurige, von Bäumen gesäumte Straße und lenkte den Wagen geschickt durch den dichten Verkehr. Es schien ein heißer, sonniger Tag zu werden, und Jillian betrachtete schweigend die vielen blühenden Pflanzen und die Springbrunnen mit den Wasserspielen. Madrid mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten war eine wunderschöne Stadt.

Da sie nur mit einem Auge sehen konnte, schienen alle ihre Sinne geschärft zu sein. Der Himmel kam ihr viel blauer vor, das Essen schmeckte besser, die Rosen dufteten noch intensiver, die Stimme des Mannes neben ihr berührte sie zutiefst, und jede seiner zufälligen Berührungen ließ sie erbeben.

Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mich wieder lebendig fühle, überlegte sie. Als Kyle nicht mehr nach Hause gekommen war, hatte sie geglaubt, nie mehr etwas empfinden zu können.

Verzeih mir, mein Liebling, eigentlich dürfest nur du solche Gefühle in mir wecken, entschuldigte sie sich insgeheim bei ihrem Mann und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ehe sie begriff, was Remi vorhatte, lenkte er den Wagen in eine Parklücke, drehte sich zu Jillian um und legte den Arm auf die Rücklehne ihres Sitzes. Dann wischte er ihr sanft mit den Fingern die Tränen weg. „Wie kann ich Ihnen helfen, Jillian?“

In seiner Stimme schwang Mitgefühl, und Jillian war so gerührt, wie sie es kaum für möglich gehalten hätte. Offenbar glaubte er, sie sei wegen ihrer Verletzung so verstört. Sie hob den Kopf.

„Sie haben mir jede erdenkliche Hilfe geleistet, dafür bin ich Ihnen sehr dankbar“, erwiderte sie leise.

„Wollen Sie mir nicht verraten, was in Ihnen vorgeht?“ Seine tiefe, volltönende Stimme ging ihr durch und durch.

Für ihr seelisches Gleichgewicht wäre es sicher das Beste, sie würde ihn nie wiedersehen. Es gab keinen Grund, seine Hilfsbereitschaft überzubewerten. Er fühlte sich mitschuldig an dem Unfall, nur deshalb tat er so viel für sie. Dass sie gegen ihren Willen etwas für ihn empfand, konnte sie ihm nicht anlasten.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Kümmern Sie sich nicht um mich, Remi. Manchmal bin ich ohne Grund fürchterlich emotional.“

Er wickelte sich eine Strähne ihres langen Haares um den Finger. „Sind Sie deshalb vorgestern allein umhergefahren?“

„Ja“, erwiderte sie, froh, dass er ihr eine Erklärung abgenommen hatte.

„Dann wollten Sie aus keinem bestimmten Grund mit mir reden?“

Ihr Herz begann zu rasen, und sie sah ihn an. Seine Nähe ließ all ihre Sinne verrücktspielen.

„Weshalb möchten Sie das wissen?“

„Es interessiert mich einfach. Mein Mitarbeiter Diego hat mir erzählt, dass er mit Ihnen gesprochen hat.“

Das hätte ich mir denken können, sagte sie sich.

„Wie er mir verraten hat, haben Sie ihn nach dem Besitzer des Landguts gefragt, und er hat Ihnen daraufhin vorgeschlagen, telefonisch mit mir einen Termin zu vereinbaren. Er wusste sogar noch die ungefähre Zeit. Es muss zehn Minuten vor dem Unfall gewesen sein“, fuhr Remi fort.

„Das stimmt“, gab sie leise zu.

Sekundenlang herrschte Schweigen, dann fragte er: „Warum wollten Sie mit mir in Kontakt treten?“

Jillian senkte den Kopf und hätte am liebsten das Thema gewechselt. „Es war ein Fehler.“

Sie spürte, dass er sich versteifte. „Wieso?“

Nervös befeuchtete sie die Lippen und befürchtete, sie hätte ihn beleidigt. „Ich wollte etwas Geschäftliches mit Ihnen besprechen, habe es mir jedoch anders überlegt.“

„Nun verstehe ich überhaupt nichts mehr.“

Nur mit einer ehrlichen Antwort würde er sich zufriedengeben, das war ihr klar. „Sie haben schon so viel für mich getan. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, Ihre Freundlichkeit auszunutzen.“

„Auf den Gedanken wäre ich gar nicht gekommen. Immerhin ist der Unfall erst passiert, nachdem Sie versucht hatten, mit mir zu reden.“

„Okay“, gab sie sich geschlagen. „Seit sechs Jahren arbeite ich als Reiseleiterin für EuropaUltimate Tours und helfe bei der Planung von Rundreisen. Bis jetzt haben wir uns in Spanien und Frankreich auf die bekanntesten Touristenorte an der Costa del Sol und der französischen Riviera konzentriert. Ich will jedoch auch andere Gebiete abseits der am meisten besuchten Orte Spaniens und Frankreichs in unser Programm aufnehmen.“

Nachdenklich sah er sie an. „Die Mehrzahl der Touristen zieht einen Badeurlaub an der Küste vor.“

„Ja, das ist richtig. Es gibt aber auch Leute, die genauso wie ich mehr über das Land, das sie besuchen, erfahren möchten.“

„Irgendwie überrascht mich das nicht“, antwortete er.

Machte er sich etwa über sie lustig? Sie atmete tief durch, ehe sie fortfuhr: „Bei den Busrundreisen lassen wir die Urlauber alles Mögliche besichtigen, sogar Weinberge, aber noch nie wurde die Besichtigung einer Ölmühle inmitten von Olivenhainen angeboten. Als ich an Ihrem Landgut vorbeifuhr, kam mir plötzlich die Idee, mit dem Besitzer zu reden, und deshalb hielt ich vor dem Tor mit der Aufschrift ‚Soleado Goyo‘ an. Ihr Mitarbeiter erklärte mir, das Gut gehöre einem Conde.

Vor dem Unfall habe ich gehofft, Sie wären damit einverstanden, den Teilnehmern unserer Rundreisen die Besichtigung Ihrer Olivenhaine und der Anlagen zur Gewinnung des Öls zu erlauben. Es wäre sicher eine Attraktion geworden, wenn wir das Angebot geschickt vermarktet hätten. Und Sie hätten auch davon profitiert.“

Nach sekundenlangem Schweigen atmete Remi so tief ein, als lastete eine schwere Bürde auf ihm, von der niemand etwas ahnte. Es schien aus tiefster Seele zu kommen. Obwohl Jillian nicht wusste, was ihn bedrückte oder quälte, empfand sie großes Mitleid mit ihm.

Langsam nahm er den Arm weg und lehnte sich auf dem Sitz zurück. „Kommen Sie mit zu mir, dann sehen wir weiter.“

„Jetzt?“, fragte sie.

„Ja. Wenn Sie sich die Fahrt jedoch noch nicht zutrauen, habe ich dafür volles Verständnis.“

„Mir geht es gut“, entgegnete sie.

„Fein. Erst müssen Sie sich selbst ein Bild machen, sonst ist jedes Gespräch sinnlos. Da ich unbedingt nach Hause zurückfahren muss, schlage ich vor, wir nutzen die Gelegenheit. Sie wollten ja sowieso heute arbeiten, wie Sie vorhin erwähnt haben.“

„Ich möchte Ihnen aber nicht zumuten, mich später wieder nach Madrid zurückzubringen.“

„Diese Aufgabe würde jeder meiner Mitarbeiter liebend gern übernehmen und sich sogar noch über den Ausflug freuen.“

Sie verzog die Lippen. „Sind Sie etwa ein strenger Chef?“

Er schenkte ihr ein verführerisches Lächeln. „Das zu beurteilen überlasse ich Ihnen. Sie sollten aber wissen, dass Diego sogar auf sein nächstes Gehalt verzichten würde, wenn er Sie chauffieren dürfte.“

Jillian errötete. „Jedenfalls war er sehr freundlich.“

„Alle meine Mitarbeiter würden Sie nett und freundlich behandeln, egal, ob sie in festen Händen sind oder nicht.“

Wollte er sie warnen? „Ist Diego verheiratet?“

„Ja, sehr sogar.“

Sie musste lachen. „Was heißt das?“

„Er hat vier Kinder, und seine Frau kontrolliert ihn nach Strich und Faden.“

„Zugegeben, er sieht sehr gut aus. Sie kann jedoch unbesorgt sein, von mir hat sie nichts zu befürchten, ich möchte nur mit dem Conde Goyo ins Geschäft kommen.“ Conde Goyo, ja, das klingt gut, dachte sie.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie fest er plötzlich das Lenkrad umklammerte. „Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte der Titel vielleicht einen gewissen Wert, jetzt ist er jedoch völlig bedeutungslos. Es ist mir wirklich lieber, Sie nennen mich einfach nur Remi. Tun Sie mir bitte den Gefallen.“ Er bat sie nicht zum ersten Mal darum. „Eins dürfen Sie nicht vergessen, Ihre Augenbinde wirkt in gewisser Weise interessant, vielleicht findet der eine oder ...

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