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ROMANA EXKLUSIV BAND 245

KIM LAWRENCE

Heiratsantrag in Cornwall

Cornwall ist traumhaft schön! Aber nicht, wenn man wie Samantha nach einer Autopanne durchnässt und verloren am Straßenrand steht! Zum Glück jedoch liest sie der charmante Unternehmer Alessandro Di Livio auf. Nach einer Nacht voller Zärtlichkeit erkennt sie allerdings schnell: Diesem italienischen Macho ist einfach nicht zu trauen …

ROBYN DONALD

Strand der Leidenschaft

Wolfe Talamantes will herausfinden, wie sein Halbbruder Tony ums Leben kam. Doch als er die Verdächtige Rowan in Neuseeland aufspürt, genügt ein Blick in die topasfarbenen Augen der Künstlerin, um Wolfe an ihrer Schuld zweifeln zu lassen. Gefangen zwischen Pflicht und Gefühl muss er eine Entscheidung treffen – für die Wahrheit oder die Liebe …

JESSICA HART

Paradiesische Tage am indischen Ozean

Ein Sechser im Lotto! Höchste Zeit für Alice, sich ihren größten Wunsch zu erfüllen und auf die zauberhafte Insel St. Bonaventura zu fliegen. Endlich Urlaub! Zu ihrer Überraschung trifft sie dort auf den abenteuerlustigen Meeresbiologen Will Paxman, dem einst ihr Herz gehörte! Findet sie nun das Glück in den Armen ihres Traummannes?

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Heiratsantrag in Cornwall

1. KAPITEL

Sam wusste genau, wer hinter ihren Stuhl getreten war, noch bevor sie die Hände auf ihren Schultern spürte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, doch es gelang ihr, ein gelassenes Lächeln aufzusetzen, bevor sie sich umdrehte. Inzwischen war sie Expertin darin geworden, ihre wahren Gefühle zu verbergen, obwohl es ihr wirklich nicht leichtfiel. Entschieden wehrte sie sich gegen den Anflug von Selbstmitleid.

Samantha Maguire, das Schicksal hat dich nicht als Zielscheibe für besondere Grausamkeit auserkoren. Tagtäglich werden Herzen gebrochen. Also lebe damit.

Und das gelang ihr eigentlich recht gut. Sie war der beste Beweis dafür, dass es ein Leben nach einem gebrochenen Herzen geben konnte. Nicht, dass sie das Unglück einer unerwiderten Liebe verharmlosen wollte. Wenn der Mensch, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will, eine andere heiratet, lässt sich das nicht über Nacht verwinden, ja nicht einmal in zwei Jahren.

Notgedrungen hatte sie einen Schutzwall errichtet. Inzwischen gab es Tage, an denen es ihr gelang, stundenlang nicht an Jonny Trelevan zu denken. Natürlich wäre sie leichter über ihn hinweggekommen, wenn sie ihn völlig aus ihrem Alltag hätte verbannen können. Aber das war so gut wie unmöglich. Dazu bestanden einfach zu viele gesellschaftliche Verbindungen.

Die Familien Trelevan und Maguire waren bereits seit ewigen Zeiten Freunde und Nachbarn in dem kleinen Ort an der Küste von Cornwall, in dem Sam geboren und aufgewachsen war. Jonnys Zwillingsschwester Emma zählte zu ihren besten Freundinnen; seit heute waren sie und Jonny sogar gemeinsam Taufpaten von Emmas erstgeborener Tochter Laurie.

„Hier hast du dich also versteckt.“ Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie sanft auf die Wange.

Die unerwartete Geste überraschte sie. Normalerweise neigte er nicht zu Berührungen, zumindest nicht ihr gegenüber. Sie ahnte, dass sich für einen flüchtigen Moment auf ihrem Gesicht ihre Empfindungen spiegelten. Rasch senkte sie den Kopf und widmete sich ihrem Patenkind, das sie auf dem Schoß hielt. Sie tippte Laurie mit einem Zeigefinger liebevoll auf die Stupsnase und erntete dafür ein fröhliches Glucksen.

Einen Augenblick später, als Sam sich wieder gefasst hatte und den Kopf hob, fing sie einen rätselhaften Blick von Alessandro Di Livio auf, der ein wenig abseits von den übrigen Gästen in einer Ecke des Raumes stand. Sie erstarrte. Ihr Lächeln schwand.

„Ein wenig abseits“ passte haargenau zu diesem Menschen, der sich stets so distanziert gab, dass es an Unhöflichkeit grenzte. Bei einem anderen Mann hätte sie vermutet, dass dieses brütend-geheimnisvolle Gehabe einstudiert war, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber Alessandro Di Livio brauchte sich in dieser Hinsicht nicht anzustrengen, denn er fiel schon allein durch sein Äußeres überall auf. Er war sehr groß, schlank und hatte eine sehr männliche Ausstrahlung.

Wenn er ausgezogen nur halb so gut aussieht wie angezogen …

Sam verlor ihren Gedankenfaden, während sie ihn im Geiste nackt vor sich sah. Verlegen zügelte sie ihre überbordende Fantasie und konzentrierte sich auf sein Gesicht. Die ausgeprägten Züge waren nahezu perfekt.

Selbst auf die Entfernung hin flatterte ihr Magen unter seinem Blick. Seine Augen waren dunkler als alle, die sie je gesehen hatte – nicht dunkel und warm, sondern dunkel und hart. Sie erinnerten nicht an Schokolade, nicht einmal an die bittere Sorte, sondern an kalten Stahl.

Obwohl sie wie immer eine heftige Antipathie gegen den italienischen Finanzier verspürte, zwang sie sich zu einem höflichen Lächeln. Einfach alles an ihm ging ihr gegen den Strich. Angefangen von der Art, wie er in einen Raum marschierte, als gehöre ihm alles, bis hin zu der sonoren Stimme mit dem reizvollen italienischen Akzent, die ihr stets ein Prickeln über den Rücken sandte. Selbst die Tatsache, dass sein maßgeschneiderter Anzug faltenfrei saß, enervierte sie. Auf sie wirkten seine Arroganz und seine ausgeprägte Sinnlichkeit rundherum abstoßend, obwohl alle anderen Frauen, die sie kannte, allein beim Klang seines Namens in Verzückung gerieten.

Der Mann hat einfach keine Manieren, dachte Sam verärgert, als er sie weiterhin ungeniert anstarrte. Es mochte kindisch sein, und vielleicht bildete sie sich die Herausforderung in seinem Verhalten nur ein, aber sie war fest entschlossen, dieser Musterung standzuhalten. Mit einem spöttischen Grinsen hob sie ihr Glas Orangensaft und prostete ihm zu.

Die kecke Geste verfehlte jedoch ihre Wirkung, denn er reagierte einfach nicht. Seine rätselhaften Augen, von dichten geschwungenen Wimpern umrahmt, fixierten sie unverändert.

Sie sah sich schon fast gezwungen nachzugeben. Doch die Demütigung wurde ihr erspart, denn eine attraktive Blondine, die ihm schon den ganzen Tag lang nachstellte, machte sich so nahe an ihn heran, dass ihre Brüste seinen Arm berührten.

Erst als Alessandro sich seiner Bewunderin zuwandte, stellte Sam fest, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie holte tief Luft, stellte das Glas auf den Tisch und dachte: So ein eingebildeter Langweiler!

Ein eingebildeter Langweiler, der allein durch einen Blick ihre Hände zittern ließ …

Die warmen Finger auf ihren Schultern verstärkten den Druck ein wenig. Verblüfft stellte sie fest, dass sie Jonny glattweg vergessen hatte.

„Und wie geht es meiner süßen Kleinen?“

Seine Stimme passte genau zu seinem Wesen: herzlich, solide, unkompliziert und verlässlich. All das, was Alessandro nicht ist, kam es ihr in den Sinn.

Sie verdrängte jeden Gedanken an den Italiener und schenkte Jonny ein Lächeln. Sie bildete sich keine Sekunde lang ein, dass seine Frage ihr selbst gelten könnte.

Doch so war es nicht immer gewesen. Viele Jahre hatte sie fest daran geglaubt, dass es ihm eines Tages wie Schuppen von den Augen fiel und er endlich erkannte, dass sie die Liebe seines Lebens war.

Diese Hoffnung hatte bis zu dem Moment angedauert, als er ein atemberaubend schönes Mädchen mit nach Hause gebracht und seiner Familie als seine Ehefrau vorgestellt hatte.

„Sie ist einfach vollkommen“, bemerkte er nun, als er mit dem Zeigefinger unbeholfen die Wange seiner Nichte streichelte.

Sam betrachtete Laurie, die zufrieden krähte. „Sie ist Emma wie aus dem Gesicht geschnitten, findest du nicht?“

„Kat meint, dass sie genau wie ich aussieht.“

„Was wohl auf dasselbe hinausläuft“, antwortete sie, denn die Zwillinge, obwohl vom Wesen her sehr unterschiedlich, sahen sich sehr ähnlich.

„Was ist mit dir, Sam?“

„Was soll denn sein?“

„Du klingst so … ich weiß nicht … so mürrisch.“

„Ich habe nur gerade an deinen Schwager gedacht.“

„An Alessandro?“ Automatisch schaute Jonny durch den Raum zu der großen Gestalt. Ihre Blicke begegneten sich. Er lächelte angespannt, bevor er sich hastig abwandte. Er hatte immer das unangenehme Gefühl, dass dieser Mann seine Gedanken lesen konnte.

Sie nickte: „Ja. So perfekt er auch aussehen mag, seine Manieren lassen gewaltig zu wünschen übrig. Er gibt sich überhaupt keine Mühe.“

„Wobei?“

„Umgang zu pflegen.“

„Umgang?“ Jonny grinste.

„Ich habe immer das Gefühl, dass er mich – so wie alle anderen – von oben herab ansieht. Na ja, er hält es wohl nicht für nötig, zu gewöhnlichen Leuten wie uns höflich zu sein.“

Belustigt zuckte er die Schultern. „Ach, du kennst doch Alessandro.“

„Nein. Zum Glück kenne ich ihn nicht richtig. Wir verkehren nicht in denselben Kreisen.“

„Er ist eigentlich ein sehr zurückhaltender Mensch. Und da ihn die Paparazzi ständig verfolgen, kann man es ihm nicht verdenken, dass er ein bisschen vorsichtig ist.“

„Er ist nicht vorsichtig, sondern hochnäsig und versnobt. Aber zumindest ist er heute vor Paparazzi sicher. Niemand erwartet einen Alessandro Di Livio bei einer Taufe in einem Dorf in Cornwall.“

„Du kannst ihn echt nicht ausstehen, oder?“

„Er mag mich nicht“, antwortete sie.

„Oh, das bezweifle ich.“ Er ließ den Blick langsam von ihren kupferroten Haaren über ihre gertenschlanke Gestalt wandern. „Wahrscheinlich hat er dich noch nicht richtig bemerkt.“

Sie zwang sich zu lächeln und hakte mit ironischem Unterton nach: „Du meinst, ich verwechsle Unhöflichkeit mit Gleichgültigkeit?“

„Er kann schon ein bisschen hochnäsig wirken, und er redet auch nicht viel, jedenfalls nicht mit mir. Aber er denkt ja auch, dass ich nicht gut genug für Kat bin. Damals, als wir ihm unsere Heirat gestanden haben, befürchtete ich, er würde explodieren. Aber er hat nicht mal mit der Wimper gezuckt. Doch dann, als Kat gerade nicht im Zimmer war, hat er wortwörtlich zu mir gesagt: ‚Wenn du ihr jemals wehtust, wirst du es bereuen, geboren zu sein.‘“

„Er hat dir gedroht?“

„Es war eher ein Versprechen.“

„Ich hoffe, du hast ihm gesagt, wohin er sich seine Drohungen stecken kann.“

Jonny grinste spöttisch. „Ja, ja, sicher.“

„Aber du musst dich doch gegen solche Tyrannen wehren!“

„Er wollte mich nicht tyrannisieren, sondern nur auf seine Schwester aufpassen, und ich kann es verstehen. Er verhält sich mir gegenüber sehr korrekt, aber ich habe seine Ermahnung nie vergessen – und er gewiss auch nicht.“

„Ich finde, du und Kat seid einfach füreinander bestimmt“, erklärte Sam. Eigentlich hätte Kat ihr verhasst sein sollen, weil sie einfach alles hatte – Geld, Schönheit und vor allem Jonny. Doch man musste sie einfach mögen, denn ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie warmherzig und liebenswürdig.

„Vielleicht hat er ja recht.“ Er seufzte düster. „Ich bin nicht gut genug für sie.“

„Unsinn! Seit wann ist Alessandro Di Livio denn Experte in Beziehungsfragen? Das einzige Wesen, zu dem er ein liebevolles und andauerndes Verhältnis entwickeln kann, ist er selbst!“

Jonny schmunzelte. „Lass Kat das bloß nicht hören! In ihren Augen kann er nichts falsch machen. Aber schließlich hat er sie ganz allein aufgezogen, nachdem seine Eltern bei dem Unfall ums Leben kamen.“

Ein kalter Schauer rann Sam über den Rücken. Sie schloss das Baby fester in die Arme und schmiegt die Wange an das weiche Flaumhaar. Bei diesem Unfall, den die Medien gehörig ausgeschlachtet hatten, waren zwei Mitglieder der berühmten italienischen Aristokratenfamilie getötet und ein drittes, nämlich Alessandro, lebensgefährlich verletzt worden. „Ich war damals noch ein Teenie und kann mich kaum daran erinnern, aber gestern kam zufällig ein Bericht darüber im Fernsehen“, murmelte sie.

„Ich weiß. Alessandro hat Kat angerufen und ihr gesagt, dass sie es sich nicht ansehen soll, weil es so reißerisch aufgemacht ist und sie nur aufregen würde.“

„Und? Hat sie es sich angesehen?“

„Nachdem er es ihr verboten hat?“ Jonny lachte bei der Vorstellung, dass seine Frau sich ihrem Bruder widersetzte.

„Er mag ein Kontrollfreak sein, aber in diesem Fall hat er recht“, räumte Sam ein. „Es hätte sie wirklich aufgeregt. Alles wurde sehr drastisch und in allen Einzelheiten gezeigt.“ Sie schüttelte sich bei der Erinnerung an die grausamen Bilder. „Wie alt war Kat damals?“

„Elf. Normalerweise hätte sie auch in dem Auto gesessen, aber sie war kurz vor der Fahrt an Mumps erkrankt.“

„Da hat sie Glück gehabt.“ Sie lächelte, als das Baby nach dem silbernen Anhänger griff, den sie um den Hals trug, und ihn sich in den Mund stecken wollte. Behutsam löste sie die pummeligen Fingerchen und erklärte sanft: „Nein, Laurie, das schmeckt gar nicht gut.“

Jonny drückte ihre Schulter und fragte in neckendem Ton: „Entwickelst du etwa Muttergefühle?“

„Ich? Bestimmt nicht! Ich mag nur Babys, die ich nach einer Weile wieder abgeben kann.“ Das stimmte zwar nicht, aber die Wahrheit, dass sie nämlich nur von ihm Kinder wollte oder gar keine, konnte sie ihm schließlich nicht anvertrauen.

„Das sagst du jetzt. Aber irgendwann wollen alle Frauen Babys haben.“

Sie unterdrückte ein Seufzen. „Darf man dir und Kat schon gratulieren?“

„Wozu?“

„Ich dachte, ihr wollt vielleicht eine Familie gründen.“

„Dazu bin ich nicht bereit“, entgegnete er steif.

„Aber du liebst doch Kinder!“

„Es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt.“

„Gibt es den denn?“

Aufgebracht beugte Jonny sich zu ihr und flüsterte: „Muss ich es dir erst buchstabieren? Gerade du solltest wissen, dass ich mir kein Baby leisten kann!“ Er atmete tief durch und tätschelte ihr zerknirscht den Arm. „Tut mir leid. Ich sollte es nicht an dir auslassen. Kann ich mal mit dir reden?“

„Tun wir das nicht schon die ganze Zeit?“

Er räusperte sich und deutete mit dem Kopf zur Terrassentür. „Unter vier Augen.“

Du kannst alles von mir haben, was immer du willst …

Sams Wangen röteten sich ein wenig bei diesem verräterischen Gedanken. Sie nickte bedächtig und rief sich zum wiederholten Male an diesem Tag in Erinnerung, dass sie eine starke, unabhängige Frau war, die keinen Mann brauchte.

Alessandro war fest entschlossen zu verhindern, dass seiner kleinen Schwester das Herz gebrochen wurde. Er schloss die Finger fester um das unberührte Champagnerglas, als er beobachtete, wie sich sein Schwager so nah zu der Rothaarigen beugte, dass die beiden fast wie ein Liebespaar aussahen.

Weiß der Himmel, was die beiden Frauen an diesem Taugenichts finden!

Vielleicht übten Jonnys einstige Erfolge als Profisurfer, von denen die zahlreichen in seiner Wohnung zur Schau gestellten Pokale kündeten, einen gewissen Reiz auf das weibliche Geschlecht aus. Als Geschäftsmann war er nun längst nicht so erfolgreich. Womöglich wäre er mit einem einzigen Laden für Surfzubehör ganz gut zurechtgekommen. Aber in den letzten anderthalb Jahren hatte er auf geradezu halsbrecherische Weise überstürzt und leichtsinnig expandiert. Und doch schien er erstaunlicherweise immer noch liquide zu sein.

Ein zynisches Lächeln spielte um Alessandros Lippen, als sich die Rothaarige fahrig an die Kehle griff. Falls Jonny nicht merkte, dass sie ihm hoffnungslos verfallen war, dann war er ein ausgemachter Trottel.

Alessandro blickte zu seiner Schwester, die schon den ganzen Nachmittag über zu laut und zu lebhaft redete. Sie beobachtete das Paar ebenfalls, und er war überzeugt, Tränen in ihren Augen glitzern zu sehen.

Was immer in Katerinas Ehe schieflief, er hätte darauf gewettet, dass es mit der rothaarigen Hexe zusammenhing. Was mochte sie im Schilde führen? Er neigte den Kopf zur Seite und musterte abwägend die schlanke junge Frau.

Ihr Äußeres wirkte auf ihn sexy und züchtig zugleich. Sie entsprach nicht unbedingt seinem Geschmack, aber er wusste, dass viele Männer auf diesen unschuldig-verführerischen Look standen. Sie gehörte zu jenen Frauen, die bei Männern Jagdinstinkt und Beschützerdrang gleichermaßen weckten.

Kein Wunder, dass viele Männer nicht wussten, wie sie sich ihr präsentieren sollten – als stürmischer Draufgänger oder edler Ritter, der sie vor dem leisesten Windhauch zu schützen suchte.

Alessandro jedoch wollte nichts anderes, als sie zur Räson zu rufen und ihr dringend nahezulegen, seinen Schwager nicht mit Blicken zu verschlingen.

Schon seit der ersten Begegnung vor zwei Jahren wusste er von ihrer unglücklichen Liebe – erstaunlicherweise als Einziger, soweit er es beurteilen konnte. Ihren Freunden wie Verwandten entging offensichtlich der tiefe Kummer, den sie hinter ihrem tapferen Lächeln verbarg.

Da er weder Verwandter noch Freund, sondern lediglich unbeteiligter Beobachter war, ging ihn diese unerwiderte Liebe nichts an, solange sie das Glück seiner Schwester nicht bedrohte.

Mit halb zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie sie den Kopf über das Baby auf ihrem Schoß beugte, sodass er nur ihren kupferroten Haarschopf sehen konnte.

Sähe er sie als echte Gefahr für die Ehe seiner Schwester an, wäre er beizeiten eingeschritten. Doch nichts deutete darauf hin, dass sie das leidenschaftliche Wesen besaß, das man Rothaarigen landläufig zuschrieb.

Sie warf Jonny zwar verstohlen schmachtende Blicke zu, fasste ihn aber nicht an und schien auch sonst nichts zu unternehmen, um ihn für sich zu gewinnen. Blicke sind nicht verboten.

Alessandro behielt sie im Auge, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Natürlich freute es ihn, dass sie nicht versuchte, Katerinas Ehe zu zerstören, aber es war ihm unverständlich, dass sie sich tatenlos in ihr Schicksal ergab. Vielleicht lag es an dem britischen Gleichmut, den er mit seinem südländischen impulsiven Temperament nicht nachvollziehen konnte. Er verstand einfach nicht, wieso jemand stolz darauf war, ein guter Verlierer zu sein.

Doch allmählich geriet seine Einschätzung ins Wanken. Hatte er sich vielleicht in Samantha Maguire getäuscht? Hatte sie sich bisher nur in Geduld geübt und auf ihre große Chance gewartet?

Jonny Trelevan war zu schwach und untauglich, als dass Alessandro ihn als Ehemann für seine Schwester gewählt hätte. Aber Katerina hatte diesen Mann auserkoren, und als ihr großer Bruder war Alessandro gewillt, ihr alles zu geben, was ihr Herz begehrte. Schließlich hatte sie durch sein Verschulden ohne die Liebe ihrer Eltern aufwachsen müssen.

Plötzlich stellte sich einer dieser Flashbacks ein, die seit zehn Jahren zu seinem Leben gehörten. Das dumme Geplapper der Blondine an seiner Seite hörte er nur noch bruchstückhaft.

2. KAPITEL

Ein solcher Flashback, die Rückblende in die Vergangenheit, bedeutete nicht, dass er völlig die Wahrnehmung seiner Umgebung verlor. Vielmehr befand er sich an zwei Orten zugleich.

Im Hier und Jetzt sagte er etwas, das die aufgetakelte Blondine zum Kichern brachte. Gleichzeitig saß er in jener dunklen Nacht am Steuer und trat vergeblich das Bremspedal durch.

Er hörte die Blondine ihre Lieblingslokale aufzählen und wusste dabei, dass er in der nächsten Szene dem Tod ins Auge blicken würde. Das einzige Anzeichen seines inneren Aufruhrs waren feine Schweißperlen auf der Stirn.

„Ich gehe gar nicht in Nachtklubs“, erwiderte er auf ihre Frage. Beinahe hätte er über ihre schockierte Miene gelacht, doch im Geiste versuchte er gerade vergeblich, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. Er steckte sich ihre Visitenkarte ein und murmelte ironisch: „Danke, das ist sehr nett.“

Sein Magen hob sich, als das Auto in den Abgrund segelte. Er hörte schrille Schreie und das Kreischen von berstendem Metall, der stechende Geruch von Benzin stieg ihm in die Nase.

Dann war die Blondine verschwunden. Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn und sah Samantha Maguire zur Terrassentür hinübergehen, dicht gefolgt von seinem Schwager.

Erzürnt kniff Alessandro die Augen zusammen. Glaubten die beiden, dass niemand ihren Abgang bemerkte? Erhöhte es den Reiz der ehebrecherischen Affäre, sie direkt unter Katerinas Nase auszuleben? Legte die Rothaarige es darauf an, ertappt zu werden, um die Ehe zu zerstören?

In seinem Kopf herrschte eine unheimliche Stille. Dann ertönte seine eigene Stimme, die seine Eltern immer wieder fragte, ob alles in Ordnung sei. Eingeklemmt auf dem Fahrersitz, konnte er nur erahnen, warum er keine Antwort erhielt. Und währenddessen wusste er, dass ein einziger Funken reichte, um das Auto in ein flammendes Inferno zu verwandeln …

Der Morgen hatte bereits gedämmert, als endlich Hilfe eingetroffen war. Alessandro war schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Untersuchung des Unfallwagens hatte zu einer Rückrufaktion der gesamten Serie jenes Modells geführt, das durchweg ein fehlerhaftes Bremssystem aufwies.

Die Tatsache, dass er von jeder Schuld freigesprochen wurde, weil er laut Expertengutachten nichts hätte tun können, um das Unglück zu vermeiden, schmälerte nicht das Gefühl, für den Tod seiner Eltern verantwortlich zu sein.

Unzählige Male hatte er jene schrecklichen Momente durchlebt, und noch immer glaubte er, dass er ihren Tod irgendwie hätte verhindern können. Dabei lag es nicht in seiner Natur, Zeit an Schuldgefühle zu verschwenden. Er hatte sich um seine Schwester zu kümmern, die seinetwegen elternlos aufgewachsen war.

Ohne darauf zu warten, dass sich sein rascher Herzschlag beruhigte, durchquerte Alessandro den Raum. Seine finstere Miene sorgte dafür, dass andere Gäste ihm hastig aus dem Weg gingen.

Es war an der Zeit, eine längst überfällige Warnung auszusprechen.

Die Terrasse war leer an diesem wunderschönen Tag im April, denn trotz strahlenden Sonnenscheins, weißer Schäfchenwolken am Himmel und leuchtender Löwenzahnblüten auf den weiten Rasenflächen wehte eine kalte Brise.

Sam fröstelte, als der Wind durch ihr sandfarbenes Leinenkostüm fuhr. Weder die Rocklänge noch der gerade Schnitt schmeichelten ihrer zierlichen Figur. Und der Farbton ließ sie blass und verhärmt aussehen, wie ihre Mutter ihr vorhin schonungslos mitgeteilt hatte.

Seitdem fühlte Sam sich auch blass und verhärmt. Sie schlang die Arme um sich selbst, als eine besonders kräftige Bö an ihrer Kleidung zerrte. „Ich hole mir hier noch eine Lungenentzündung! Hättest du mir nicht drinnen sagen können, was du auf dem Herzen hast?“

„Hier, nimm.“

Sie blickte von Jonnys ernstem Gesicht zu dem Umschlag, den er ihr reichte. „Was ist das?“

Er strich sich durch die zerzausten hellen Locken – mit einer so vertrauten Geste, dass ihr das Herz schwer wurde. „Ich habe versprochen, dass ich dir das Darlehen zurückzahle.“

„Und ich habe dir gesagt, dass kein Grund zur Eile besteht. Ich brauche das Geld nicht. Es läge nur auf der Bank herum.“

Das Einkommen, das ihr der weltweite Verkauf der Buchreihe Angela’s Cat einbrachte, war schwindelerregend hoch. Und in gewisser Weise verdankte sie Jonny diesen Erfolg als Kinderbuchautorin.

Ohne ihn hätte sie nicht den Drang zur Flucht vor der Wirklichkeit verspürt und vermutlich nie herausgefunden, dass ihr die Schriftstellerei eine perfekte Rückzugsmöglichkeit bot. Dann wären die Kindergeschichten in einer Schublade liegen geblieben, und sie würde immer noch als Lehrerin arbeiten.

„Du hast mir aus der Klemme geholfen, Sam, und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Aber das hier gehört dir.“ Er drückte ihr den Umschlag in die Hand. „Und dank dir wird Kat nicht erfahren, wie nahe ich einem Bankrott war.“

Widerstrebend steckte sie den Umschlag ein. „Du weißt ja, wie ich darüber denke.“

„Dass ich Kat von meiner Lage hätte unterrichten sollen?“ Er schüttelte den Kopf. „Lass es gut sein. Du weißt nicht, wovon du redest. Ich musste mir das Geld leihen.“

„Aber die Erbschaft von deiner Großmutter …“

„Ist für die Eröffnung der Geschäfte draufgegangen. Und ich brauchte Geld, um zu expandieren.“

„Wozu expandieren?“

„Ich kann nicht von Kat erwarten, die Frau eines kleinen Krämers zu sein.“

„Aus meiner Sicht bist du ein Volltrottel! Deine Frau ist reich, und ihr Bruder ist …“

„Ihr Bruder ist Alessandro Di Livio. Genau das ist der Knackpunkt. Er besitzt Milliarden, und ich …“

„Kat wusste, dass du kein Milliardär bist, als sie dich geheiratet hat.“

„Aber wie soll ich einer Frau wie ihr beibringen, dass mein Geschäft in einem Jahr weniger abwirft, als sie in einem Monat für Schuhe ausgibt? Ihr Bruder hat ihr immer jeden Wunsch von den Augen abgelesen.“ Verdrießlich, mit unüberhörbar neidischem Unterton fügte er hinzu: „Sie betet ihn an, und ehrlich gesagt, er ist perfekt.“

Sam konnte nicht leugnen, dass Alessandro äußerlich tatsächlich perfekt war – zumindest nach ihrem Geschmack. Eins neunzig, geschmeidige Muskeln, funkelnde dunkle Augen, sündhaft sinnliche Lippen, ein aristokratisches Profil und diese leicht gebräunte Haut …

Alarmiert verdrängte sie diese Bilder. Den Mann gedanklich zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde auszuziehen, war absolut nicht ratsam.

Nun, umwerfender Körper hin oder her, sein Wesen entsprach nicht ihrer Vorstellung von Vollkommenheit. Aber mit dieser Meinung war sie in der Minderheit, und sie konnte durchaus nachvollziehen, dass andere Männer sich ihm gegenüber unterlegen fühlten. „Sag mal, was ist eigentlich für dich das Wichtigste im Leben?“

„Kat natürlich.“

Ob sie eigentlich weiß, wie glücklich sie sich schätzen kann? fragte sich Sam. „Genau. Aber kannst du dir vorstellen, dass in Alessandro Di Livios Leben eine Frau das Wichtigste ist?“ Sie lächelte triumphierend. „Natürlich kannst du das nicht! Die einzig wichtige Person für Alessandro Di Livio ist nämlich er selbst.“

„Ihm liegt sehr viel an Kat“, protestierte Jonny.

„Mag sein. Aber wenn sie eine zweite Version ihres Bruders wollte, hätte sie sich die gesucht. Sie hat es nicht getan, weil sie einen anständigen Kerl will, bei dem sie an erster Stelle steht. Sie will dich.“

„Meinst du wirklich?“

„Wie würde es dir gefallen, wenn Kat Probleme hätte und damit nicht zu dir käme? Hör auf, dich wie ein Idiot zu benehmen! Sag deiner Frau die Wahrheit, und gib ihr, was sie will – nämlich dich. Und vielleicht ein Baby.“

Jonny schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Du hast ja recht! Ich bin ein Volltrottel. Ich hätte es ihr längst sagen sollen. Aber sie soll doch nicht denken, dass sie einen totalen Verlierer geheiratet hat.“

Sam hatte sich angewöhnt, aus reinem Selbstschutz jeden Körperkontakt mit ihm zu meiden. Doch nun schlang sie spontan die Arme um ihn. „Männer können ja so dumm sein.“

Er ließ das Kinn auf ihrem glänzenden Haar ruhen. „Vor allem ich.“

„Stimmt“, bestätigte sie und löste sich von ihm.

„Eine Bitte habe ich noch.“

„Was immer du willst.“

„Sag Alessandro nichts davon. In seinen Augen bin ich ohnehin nicht gut genug für Kat, und wenn er von meinen finanziellen Problemen erfährt, wird er …“

„Ich verstehe schon.“ Sie verstand vor allem, dass Jonnys Ehe auf Dauer nur funktionieren konnte, wenn Kat sich endlich dem übermächtigen Einfluss ihres Bruders entzog. „Meine Lippen sind versiegelt“, versprach sie und imitierte mit den Fingern einen Reißverschluss vor dem Mund.

Spontan nahm er sie bei den Schultern. „Ich sage es dir vielleicht nicht oft, aber ich weiß, dass du die beste Freundin der Welt bist“, und dann gab er ihr einen freundschaftlichen Kuss auf den Mund.

„Natürlich bin ich das. Und jetzt geh, und sprich mit deiner Frau.“

Ohne den rauen Unterton in ihrer Stimme wahrzunehmen, folgte Jonny ihrer Aufforderung und verschwand im Haus.

3. KAPITEL

Sams Drang, dem schneidenden Wind schnell zu entfliehen, war vergessen. Sie schloss die Augen und hob nachdenklich eine Hand an die Lippen. Sie verspürte kein Prickeln, keine Woge unbändiger Lust, ja nicht einmal einen Anflug von Erregung.

„Welch rührende Szene!“

Das kann nicht sein, durchfuhr es sie. Aber niemand sonst, den sie kannte, hatte eine so sonore Stimme. Sie wirbelte herum und murmelte. „Ach, Sie sind’s.“

Alessandro beobachtete, wie sie sich in einer beinahe kindlich anmutenden Geste mit beiden Händen die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, die sich aus dem losen Knoten gelöst hatten. Der leuchtende Kupferton hob sich von ihrer zarten hellen Haut ab, die beinahe durchscheinend wirkte und förmlich zum Streicheln einlud.

Zumindest geht es meinem Schwager so, schoss es ihm durch den Kopf, während er die Lippen musterte, denen Jonny nicht hatte widerstehen können.

Trotzig erwiderte Sam den feindseligen Blick, der ein Prickeln bis in die Zehenspitzen und ein wildes Herzklopfen in ihr auslöste. Plötzlich fühlte sie sich wie eingesperrt und verspürte den Impuls zu fliehen.

Nun konnte sie nachvollziehen, warum Jonny unfähig war, sich gegen seinen Schwager zu behaupten. Kein Wunder, dass er sich im Vergleich zu diesem Mann klein und unbedeutend vorkam.

An seiner Schulter würde ich mich auch niemals ausweinen wollen, dachte sie. Alessandro wirkte auf sie wie ein Mensch ohne jegliches Mitgefühl, ohne Fehl und Tadel, ohne Nachsicht für die Schwächen Normalsterblicher.

Alarmiert fragte sie sich, ob er ihr Gespräch mit Jonny verfolgt hatte. Doch dazu hätte er sehr lange im Gebüsch kauern müssen, was ihr unwahrscheinlich erschien. Bestimmt hatte er nur die harmlose Umarmung und das freundschaftliche Küsschen beobachtet und wusste nichts von dem Scheck in ihrer Tasche. Sie atmete erleichtert auf und murmelte: „Ich habe Sie gar nicht bemerkt.“

Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. „Den Eindruck hatte ich auch.“

Sein Zorn war so deutlich spürbar, dass sich ihr die Nackenhaare sträubten. Was seine Nähe sonst noch in ihrem Körper auslöste, wollte sie lieber nicht analysieren. Angesichts seiner offenen Feindseligkeit erschien es geradezu lächerlich, dass sie ihm ein eiskaltes Gemüt angedichtet hatte. „Gibt es irgendein Problem?“

„Sie sind das Problem.“

Verwundert über die heftige Antwort fragte sie: „Haben Sie getrunken?“

„Nein. Ich habe gesehen, wie Sie sich ihm an den Hals geworfen haben.“

„Wie bitte? Wem?“

Alessandro blickte auf ihre leicht geöffneten Lippen. „Wie Sie ihn geküsst haben …“ Er lächelte verächtlich, als ihre Wangen erglühten. „Es gibt einen hässlichen Namen für Frauen, die sich mit verheirateten Männern einlassen.“

Sam warf nun den Kopf in den Nacken. Wie konnte ausgerechnet er es wagen, der Gerüchten zufolge die Ehe zwischen einem hochgestellten Politiker und einer berühmten Anwältin auf dem Gewissen hatte! „Sie haben also etwas gegen Küsse?“, fragte sie ziemlich sarkastisch. „Im Allgemeinen?“ Sie tippte sich mit einem Finger an das Kinn und gab vor nachzudenken. „Nein, das kann nicht sein, denn neulich bei dieser Filmpremiere hatten Sie offensichtlich nichts dagegen. Die geschmacklosen Fotos waren am nächsten Tag in der ganzen Klatschpresse zu sehen.“

„Die fragliche Dame war nicht verheiratet“, konstatierte er.

„Und anscheinend nicht sehr wählerisch. Einige Leute scheinen fast alles zu ertragen, um ihre Karriere voranzutreiben. Ich kann mich wohl glücklich schätzen, dass ich es nicht nötig hatte, mich nach oben zu schlafen.“

„Demnach sind Sie an der Spitze angekommen?“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.

Sam, die sonst sehr bescheiden war, hob jetzt stolz das Kinn. „Noch nicht ganz, aber es wird nicht mehr lange dauern. Und wo immer ich auch gerade stehen mag, ich muss zumindest nicht auf mein Äußeres zurückgreifen, um dort zu bleiben.“

Abschätzig musterte Alessandro ihre gertenschlanke Gestalt und registrierte einen zarten Körperbau und makellosen Teint. „Das ist in der Tat ein Glück.“

Sie lächelte ihn an. „Und ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob die Leute nur mit mir befreundet sein wollen, weil ich reich bin und etwas für sie tun kann.“

„Das macht auch mir kein Kopfzerbrechen. Ich halte mich für einen hervorragenden Menschenkenner.“

„Das wundert mich gar nicht.“ Sams Lächeln wurde breiter. Irgendwie genoss sie diesen Austausch zuckersüßer Beleidigungen. „Aber in diesem Fall irren Sie dermaßen, dass Sie sich noch sehr dumm vorkommen werden.“

„Das bezweifle ich.“

„Ein Unrecht einzugestehen, ist ein Zeichen von Reife.“

„Wovon Sie nicht viel verstehen dürften.“

So erheiternd der verbale Schlagabtausch sein mochte, allmählich hatte sie genug von seinen Unterstellungen. „Hören Sie, Sie haben die Situation völlig falsch eingeschätzt.“

„Ich weiß, was ich gesehen habe.“

„Selbst wenn ich ihn geküsst hätte, was geht es Sie an?“

„Katerina ist meine Schwester, und ich werde sie beschützen.“

Sam erkannte, dass es keinen Sinn hatte, weiterhin ihre Unschuld zu beteuern. „Wie wollen Sie denn verhindern, dass ich mit Jonny schlafe?“

„Indem ich ihm sage, dass Sie mir gehören“, erwiderte er nüchtern.

Nur wenige Sekunden zweifelte sie, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Seine Skrupellosigkeit ließ keinen Raum für falsche Deutungen. Die Vorstellung, einem Mann wie ihm ausgeliefert zu sein, ließ sie vor Entsetzen erschauern.

Bist du sicher, dass es Entsetzen ist?

Sie schluckte schwer und befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zungenspitze.

Alessandro begegnete ihrem Blick schweigend, aber mit unverhohlener Begierde.

Eine Welle der Lust nahm ihr plötzlich den Atem. Sie schloss einen Moment lang die Augen, holte tief Luft und tat dieses Gefühl als lächerlich ab. „Jonny würde es nicht glauben. Niemand würde es glauben.“

„Warum nicht?“

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Weil Sie …“ Sie besann sich gerade rechtzeitig, bevor sie sagen konnte: unglaublich gut aussehen. „Weil ich Sie nicht mag. Das weiß jeder.“

„Sich zu mögen, ist ja keine Voraussetzung für …“

In zuckersüßem Ton unterbrach sie: „Hören Sie, dieses Gespräch führt zu nichts, und ich gehe jetzt.“

Er versperrte ihr den Weg zur Tür. „Vorher möchte ich klarstellen, dass es höchst unklug von Ihnen wäre, Jonny Trelevan weiterhin nachzustellen.“

„Wie kommen Sie dazu, über mich zu urteilen?“, konterte Sam. „Sie kennen mich doch kaum! Wie oft sind wir uns begegnet? Fünf Mal?“

„Acht Mal. Heute nicht mitgerechnet.“

„Sie haben mitgezählt?“ Verwundert lachte sie. „Soll ich mich geschmeichelt fühlen?“

„Das überlasse ich Ihnen. Wenn Sie Wert darauf legen, spricht übrigens nichts dagegen, dass wir uns besser kennenlernen.“

„Abgesehen von gegenseitiger Abneigung. Und übrigens lege ich keinen Wert darauf.“

„Abneigung?“ Alessandro schüttelte den Kopf und lächelte. „Der Ausdruck ist zu milde. Ich glaube, zwischen uns herrscht etwas Stärkeres als bloße Abneigung.“

Der verführerische Ton seiner Stimme wurde ihr mehr denn je bewusst. Dieser Mann war wirklich durch und durch hintergründig und aufreizend. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, es ist kühl hier draußen.“ Aber sie spürte die Kälte nicht mehr. Im Gegenteil, ihre Haut glühte.

Doch er gab auch jetzt den Weg nicht frei, sondern lehnte sich an die Tür, sodass sie mit einem Klicken ins Schloss fiel.

„Entschuldigen Sie mich …“

„Nein, ich entschuldige Sie nicht.“

Verblüfft über die offene Provokation blickte Sam ihn sprachlos an.

Ein langes Schweigen folgte, das er anscheinend nicht zu füllen gedachte. Doch plötzlich sagte er: „Ihre Augen sind grün geworden.“

„Verzeihung?“ Möglicherweise hatte sie sich verhört. Ebenso möglich war es, dass sich ihre Augen, die normalerweise aquamarin waren, tatsächlich verändert hatten. Chamäleonaugen nannte ihr Vater sie, obwohl das Farbenspiel ihre Gefühle nicht verbarg, sondern enthüllte.

Alessandro umfasste ihr Kinn und blickte sie eindringlich an. „Sie wollen mich bestimmt nicht zum Feind haben.“

Die Tiefe seiner dunklen Augen faszinierte sie. Aber sie lächelte nur verächtlich. „Zum Freund möchte ich Sie ebenso wenig haben.“

„Freundschaft zwischen Mann und Frau ist doch gar nicht möglich.“

„Diese Machoeinstellung passt zu Ihnen. Aber zufällig ist einer meiner besten Freunde ein Mann.“

„Und da war nie Sex im Spiel?“

„Ich rede von Jonny.“

„Ich auch.“

„Ich bin für ihn nichts weiter als eine hilfreiche Freundin, und ich bin es allmählich leid, Ihnen zu versichern, dass nie etwas zwischen uns war!“

„Das heißt noch nicht, dass Sie es sich nicht anders wünschen. Spielen Sie nicht die Unschuldige! Ich habe Sie beobachtet.“

„Der allwissende Alessandro Di Livio, dem aber auch gar nichts entgeht“, murmelte sie mit einer Mischung aus Langeweile und Belustigung, obwohl sie innerlich sehr aufgewühlt war. Sie heftete den Blick auf einen Punkt über seiner rechten Schulter. „Falls Sie es vergessen haben sollten, Jonny ist verheiratet.“

Er fragte sich, ob sich ihr kupferrotes Haar so seidig anfühlte, wie es aussah. „Ich habe es nicht vergessen. Und ich rate Ihnen, es auch nicht zu tun.“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Jonny und ich nur gute Freunde sind.“

„Nun, das sagt Ihr Mund.“ Er hielt inne und betrachtete ihre vollen Lippen. „Aber Ihre großen hungrigen Augen sagen etwas ganz anderes. Haben Sie es etwa nicht darauf angelegt, dass er Sie als Frau begehrt?“

„Oje, jetzt haben Sie mich durchschaut!“, spottete Sam und hob die Hände in gespielter Kapitulation. „Ich bin eine sexhungrige Person, vor der kein Mann sicher ist.“ Sie seufzte. „Sie Dummkopf, ich bin für niemanden eine Gefahr.“ Sie entnahm seiner verblüfften Miene, dass es bisher niemand gewagt hatte, ihn so zu nennen. Das war schade, denn sonst hätte er vielleicht gelernt, sich nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

„Sie sind eine äußerst aufreizende Person!“, bemerkte er verärgert, doch sein Unmut war auch gepaart mit widerstrebender Bewunderung für ihre Selbstironie.

Sein sanfter Tonfall ging ihr unter die Haut. „Und es liegt viel mehr an Ihnen als an mir, wenn die Ehe Ihrer Schwester scheitert.“

„Glauben Sie bloß nicht, dass Sie die Schuld so einfach abwälzen können!“, rief Alessandro. „Wieso reden Sie, als ob eine Trennung unausweichlich wäre?“ Als sie den Kopf abwandte, legte er ihr einen Finger unter das Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich herum. „Was wissen Sie?“

Hastig wich sie vor der Berührung zurück. Sie stemmte die Hände in die Hüften und starrte ihn mit blitzenden Augen an. „Als ob ich es ausgerechnet Ihnen verraten würde, wenn ich etwas wüsste!“

„Sie werden es mir sagen“, entgegnete er im Brustton der Überzeugung.

„Ach, haben Sie etwa Daumenschrauben mitgebracht?“

Bevor er antworten konnte, bog ein fröhliches Pärchen mit Weingläsern um die Ecke und blieb abrupt stehen. „Ups … Wir sind schon wieder weg“, murmelte die Frau grinsend. Sie nahm ihren Partner bei der Hand und zog ihn hastig mit sich.

Sam barg das Gesicht in den Händen. „Das hat mir gerade noch gefehlt! Das war Pam Sullivan, die größte Klatschbase im Dorf! Die stellt die harmloseste Begebenheit als obszön dar.“

„Wir sollten uns an einen ruhigeren Ort begeben.“ Alessandro deutete mit dem Kopf zu einem Dach, das hinter einem hohen Busch aufragte. „Das Ding da drüben, was ist das?“

„Eine Gartenlaube, glaube ich.“

„Die ist genau richtig für unsere Zwecke.“

Zum Glück hat Pam das nicht gehört, dachte Sam. „Ich gehe nirgendwohin, außer zurück ins Haus. Mir ist eiskalt, und was mich angeht, ist dieses Gespräch …“ Sie hielt inne und starrte auf die Hand, die er auf ihren Oberarm legte – eine starke, wohlgeformte Hand mit langen, geschmeidigen Fingern.

„Ihnen ist tatsächlich kalt.“ Er ließ die Finger zu ihrem Hals gleiten, unter den Kragen der Bluse und auf dem Puls verweilen, der heftig pochte.

Die Berührung übte auf Sam eine geradezu elektrisierende Wirkung aus, die sie bis in die Zehenspitzen spürte.

Als er sich das Jackett auszog, erklärte sie hastig: „Ich will Ihre Jacke nicht.“ Noch weniger wollte sie dieses lustvolle Sehnen, das ihren Körper durchströmte. So gesehen war es ein Glück, dass Alessandro sie nicht länger berührte.

Ungeachtet ihres Einwandes hängte er ihr das hellgraue Designerjackett um, dem die Wärme seines Körpers und sein dezenter herber Geruch anhafteten.

„Sie akzeptieren wohl nie ein Nein als Antwort, wie?“

„Für gewöhnlich nicht.“

Er schien die Kälte nicht zu spüren, obwohl er nur in einem sehr dünnen Seidenhemd und der Anzughose dastand.

Vage konnte Sam die dunkle Brustbehaarung und die Muskeln an seinem Waschbrettbauch ausmachen. Beschämt über die Faszination, die sein Körper auf sie ausübte, wandte sie den Kopf ab. Sie wusste, dass sie sich mehr bemühen sollte, sich ihm zu widersetzen. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte glattweg die Schlussfolgerung ziehen können, dass sie die gemeinsame Zeit ausdehnen wollte.

„Das ist ja lächerlich“, murmelte sie vor sich hin und dachte: Aber er ist kein normaler Mann, er ist eine verdammte Naturgewalt.

4. KAPITEL

Die Gartenlaube war zwar an einer Seite offen, bot aber einen gewissen Schutz vor dem kalten Wind.

Alessandro nahm Sam bei den Schultern, kaum dass sie eingetreten waren, drehte sie zu sich herum und musterte sie forschend. „Warum sehen Sie mich so an?“

Ich habe mir nur gerade ausgemalt, wie es wäre, mit dir Sex zu haben …

Dieser spontane Gedanke kam wohl kaum als Antwort infrage. Also schüttelte Sam den Kopf und zitterte weiter unter seinem Jackett. Sie beabsichtigte keineswegs, ihrer Lust nachzugeben, auch wenn die abgelegene Laube eine günstige Gelegenheit dafür bieten mochte.

Dass sie überhaupt solche Lustgefühle hegte, war eine erschreckende Erkenntnis. Dagegen waren ihre Empfindungen für Jonny viel erbaulicher und leichter zu handhaben. Außerdem war es ungefährlich, von einem Mann zu träumen, dem ihre Weiblichkeit nie aufgefallen war.

Dagegen schien Alessandro, obwohl er sie nicht mochte und vielleicht sogar verachtete, sie sehr wohl bemerkt zu haben …

„Die Situation lässt sich ganz einfach klären“, sagte er in ihre Überlegungen hinein. „Berichten Sie mir nur, was Sie wissen.“

Sam verschränkte die Arme vor dem Oberkörper, als sie ein Prickeln in den Brüsten spürte. „Die ganze Sache wird allmählich mehr als lächerlich.“

„Lächerlich ist es von Ihnen zu glauben, dass ich Sie gehen lasse, bevor Sie mir alles über die Eheprobleme meiner Schwester erzählt haben. Und sagen Sie ja nicht, dass Sie nichts wissen, denn Sie sehen verdammt schuldbewusst aus.“

Und Sie sehen verdammt gut aus.

Sie wich zurück, und er ließ die Hände von ihren Schultern sinken. Die Wärme seiner Berührung lag noch einen Moment auf ihrer Haut. „Was Sie sehen, ist keine Schuld, sondern Angst um meine Sicherheit. Sie sind ja total verrückt.“

„Dann empfehle ich Ihnen, mich bei Laune zu halten.“

Sie wandte sich ab. Ihre niedrigen Absätze klickten auf den Holzbohlen, als sie ans andere Ende der achteckigen Laube ging, um so viel Raum wie möglich zwischen sich und Alessandro zu bringen. Ein sinnloses Unterfangen, wie ihr bewusst wurde, als sie seine Schritte hinter sich hörte.

Sam wirbelte herum und warf frustriert die Hände hoch. „Okay! Ja, es gibt ein Problem in Kats Ehe.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf seine Brust. „Nämlich Sie.“

„Ich warne Sie. Ich will eine ernsthafte Antwort.“

„Und ich bin dabei, sie Ihnen zu geben. Hat Kat Sie gebeten, sich in ihre Ehe einzumischen?“

Er strich sich durch das dunkle Haar. „Was soll diese Frage?“

„Nun, hat sie?“

Alessandro schüttelte den Kopf.

„Und würde sie sich an Sie wenden, wenn sie Hilfe bräuchte?“

„Natürlich.“

„Halten Sie es dann nicht auch für eine gute Idee, einfach abzuwarten, bis sie es tut? Kat ist immerhin einundzwanzig. Sie ist erwachsen.“

„Sie war erst neunzehn, als sie geheiratet hat. In dem Alter hätte sie …“

„Sie war in Ihren Augen zu jung für die Ehe?“

„Meinen Sie etwa, dass man sich schon mit neunzehn für immer an eine einzige Person binden sollte? Was haben Sie mit neunzehn gemacht?“

„Ich habe auf Lehramt studiert.“

„Und hätten Ihre Eltern sich gefreut, wenn Sie heimlich einen Gammler vom Strand geheiratet hätten?“

„Jonny war kein Gammler, sondern ein sehr erfolgreicher Surfprofi!“

„Oh, dann nehme ich alles zurück“, murmelte er sarkastisch.

„Meine Eltern wären ausgeflippt“, gab Sam zu. „Aber es ist nun mal passiert, und Sie müssen sich damit abfinden. Ich glaube, dass Kat durchaus fähig ist, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und das wäre viel leichter für sie, wenn Sie nicht ständig im Hintergrund schweben würden wie ein schlechter Geruch.“ In Wirklichkeit roch er sehr gut, und der Vergleich hinkte gewaltig, aber in diesem Moment hielt sie ein bisschen dichterische Freiheit für angebracht. Sanfter fuhr sie fort: „Meinen Sie nicht, dass es an der Zeit ist loszulassen? Hat Kat nicht die Chance verdient, ihre eigenen Fehler zu machen?“

Blanke Verwunderung spiegelte sich auf Alessandros Gesicht. „Sie halten sich für qualifiziert, um ausgerechnet mir kluge Ratschläge zu geben?“

„Qualifiziert bin ich vielleicht nicht, aber Sie haben gefragt. Ich weiß, dass Sie eine enge Beziehung zu Ihrer Schwester haben und …“

„Sie wissen nichts darüber.“

„Ich habe mir immer gewünscht, kein Einzelkind zu sein. Aber durch die Bekanntschaft mit Ihnen habe ich erkannt, welches Glück ich habe.“ Sie seufzte. „Lassen Sie es mich deutlicher sagen: Tatsache ist, dass Sie nicht länger die Hauptperson in Kats Leben sind. Können Sie sich nicht damit zufriedengeben, ihr im Notfall zur Seite zu stehen? Und haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie bedrohlich Sie auf einen jungen Mann wie Jonny wirken?“

„Wieso bedrohlich?“ Seine Fassungslosigkeit wirkte beinahe belustigend.

Sie verdrehte die Augen. „Welcher Mann kann schon mit dem wundervollen Alessandro Di Livio konkurrieren?“

„Seien Sie nicht albern.“ Nachdenklich fügte er hinzu: „Es ist kein Konkurrenzkampf.“

„Für Sie vielleicht nicht.“

„Ich habe mich nie in die Ehe meiner Schwester eingemischt.“

So etwas konnte er nicht im Ernst behaupten. „Oh, Entschuldigung, ich muss mir die vergangene …“, sie blickte bedeutungsvoll zur Uhr, „… halbe Stunde eingebildet haben.“

„Mir kommt es wesentlich länger vor“, murmelte er.

„Sie sind nur so gemein, weil Sie wissen, dass ich recht habe. Übrigens sollten Sie nicht so mit den Zähnen knirschen. Jeder Zahnarzt würde Ihnen sagen …“ Sie verstummte und lauschte bewundernd einer Flut von zornigem Italienisch aus seinem Mund.

Als er seiner Verärgerung gehörig Luft gemacht hatte, bemerkte er: „Da Sie Jonny Trelevan so zugetan sind, ist Ihnen gewiss sehr daran gelegen, seine Ehe scheitern zu sehen. Oder etwa nicht?“

„Zuneigung bedeutet für Sie offensichtlich etwas ganz anderes als für mich. Wenn ich jemanden mag, will ich ihn glücklich sehen.“

„Zuneigung? Darum geht es mir nicht. Ich rede von stürmischer Leidenschaft, von unbändiger Lust …“

„Sie reden von schmutzigem Sex.“

„Und woran denken Sie? An Händchenhalten?“ Er umschloss ihre Finger mit seinen. „Eine gemeinsame Wohnung einrichten?“

Sam betete, dass sein zweifellos hoch entwickelter Jagdinstinkt ihm nicht verriet, was die Berührung bei ihr bewirkte. Mit einem Ruck entriss sie ihm die Hand. „Sie sind ja geradezu besessen von Sex!“ Und es ist ansteckend.

Er lachte. „Wenigstens habe ich kein Problem damit.“

„Ich habe kein Problem mit Sex – nur mit Ihnen.“

„Sie werden ja schon rot, nur wenn Sie das Wort aussprechen“, stellte er erstaunt fest. „Bestimmt haben Sie noch nie jemanden so begehrt, dass Sie alles getan hätten, um ihn zu kriegen.“ Nachdenklich sah er sie an. „Wann haben Sie beschlossen, dass er die Liebe Ihres Lebens ist?“

„Ich diskutiere nicht mit Ihnen über Jonny.“

„Mir ist ehrliche Lust tausendmal lieber als dieser rührselige Blödsinn: ‚Sieh mich an – ich habe ein gebrochenes Herz, aber ich leide im Stillen.‘“ Er verzog das Gesicht. „Der Himmel bewahre mich vor Frauen, die sich für Märtyrerinnen halten!“

Sie hielt die Hände hoch. „Moment mal. Ich dachte, ich wäre ein berechnendes, ehebrecherisches Weibsbild …“

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was Sie sind. Aber da Sie mir so großzügig Ratschläge erteilt haben, will ich Ihnen als Gegenleistung auch einen geben.“

Sam verschränkte die Arme: „Da bin ich aber mal gespannt.“

„Hören Sie auf, Ihre sexuellen Fantasien um einen verheirateten Mann zu spinnen, und suchen Sie sich einen Geliebten.“

„Jonny taucht überhaupt nicht in meinen sexuellen Fantasien auf!“

Seine Haltung blieb feindselig. „Dann ist er eindeutig nicht der Richtige für Sie.“

„Ich habe überhaupt keine sexuellen Fantasien.“

„Demnach sind Sie tatsächlich so verklemmt, wie Sie aussehen.“

Hoffentlich lacht ihm eines Tages eine Frau ins Gesicht, wenn er ihr seine Liebe gesteht. Wahrscheinlich existiert so eine Frau gar nicht, aber wenn es überhaupt Gerechtigkeit im Leben gibt, dann erlebt er eines Tages eine solche Niederlage.

„Dann müssen Sie sich ja keine Sorgen machen. Ich bin also zu verklemmt, um den Mann Ihrer Schwester zu verführen. Und nebenbei bemerkt, bezweifle ich, dass Sie überhaupt zu tieferen Gefühlen als Lust fähig sind – das heißt, für jemand anderen als sich selbst.“

Als Antwort auf ihre Tirade zog Alessandro nur eine Augenbraue hoch. „Überrascht es Sie wirklich, dass er Sie nicht als Frau ansieht, wenn Sie sich so kleiden? Sie verbergen Ihre Weiblichkeit, anstatt sie zu unterstreichen.“

„Sie meinen, ich sollte sie zur Schau stellen?“ Sie lachte auf, obwohl es sie nicht sonderlich belustigte, dass der attraktivste Mann auf dem Planeten sie für schlecht gekleidet und unattraktiv hielt. „Ich mag es nicht, lüstern angeglotzt zu werden.“

„Es wundert mich, dass Sie irgendwelche Erfahrung mit Lüsternheit haben.“

„Nicht alle Männer sind so oberflächlich wie Sie.“

„Ich fürchte, Sie werden noch herausfinden, wie sehr Sie sich in diesem Punkt irren.“

„Tja, ich will keinen Mann, für den ich mich aufdonnern und etwas vortäuschen muss, was ich nicht bin.“

„Es geht eher darum, dass ein Mann Ihnen das Gefühl gibt, sexy und attraktiv zu sein. Hat das noch keiner bei Ihnen getan?“

„Hören Sie auf damit!“

Er sah ein verräterisches Funkeln in ihren Augen: „Sie weinen doch nicht etwa, oder?“

Sam presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Das würde Ihnen so passen, wie?“

Er nahm ihre Hand und zog sie an die Lippen. „Ich habe kein Bedürfnis, Sie weinen zu sehen. Aber Ihr hitziges Temperament wird Sie noch in Schwierigkeiten bringen, wenn Sie nicht lernen, es zu zügeln.“

Sie entriss ihm die Hand und wich zurück, bis sie mit den Beinen an einen Holzstuhl stieß und beinahe das Gleichgewicht verlor.

Alessandro stützte sie mit einem Arm um die Taille. „Sie sollten besser aufpassen.“

„Das ist ein guter Rat.“

Seine Züge wirkten hart und abweisend, als er fragte: „Sie lieben ihn?“

Sie räusperte sich. Überdeutlich war ihr bewusst, dass sein Arm noch immer auf ihrer Taille lag. „Ich bin nicht bereit, mit Ihnen über meine Gefühle zu diskutieren.“

„Warum haben Sie zugelassen, dass Katerina Ihnen Jonny wegschnappt? Das kann ich nicht verstehen.“

Als ob mir eine Wahl geblieben wäre! „Was hätten Sie denn an meiner Stelle getan?“

„Ich? Wieso?“

„Na ja, Sie scheinen doch ein Experte zu sein.“ Sam trat beiseite, sodass sein Arm von ihrer Taille sank. „Was würden Sie tun, um jemanden auf sich aufmerksam zu machen?“

Sobald sie die Frage ausgesprochen hatte, wurde ihr klar, wie töricht sie war. Als ob irgendjemand ihn übersehen könnte! Er war geradezu ein Adonis mit mehr Anziehungskraft im kleinen Finger als andere Männer im ganzen Körper, ein Musterexemplar vom glänzenden Haar bis hin zu den polierten Schuhen. Ihr Blick glitt von dem männlich-schönen Gesicht über die geschmeidige Gestalt. Manche Männer trugen Anzüge, um überflüssige Zentimeter um die Taille zu kaschieren, nicht aber Alessandro. Sein Körper war in einem Topzustand.

Er starrte auf ihren Busen. „Ich dachte, Frauen wüssten von Natur aus ihre körperlichen Reize zu betonen.“

„Es ist nichts Natürliches an Push-up-BHs. Außerdem sind sie unbequem.“

„Ich habe nicht von Dessous gesprochen.“

„Was schlagen Sie mir dann vor? Viel Bein zeigen?“ Sie streckte einen Fuß in seine Richtung. „Oder Striptease tanzen?“

Er ließ seinen Blick über ihre wohlgeformte Wade gleiten und schluckte. „Eine interessante Idee, aber es nützt Ihnen wahrscheinlich nichts, wenn die Chemie nicht stimmt.“

„Zu Ihrer Information: Ich würde mich nie so erniedrigen, nur um mir einen Mann zu angeln. Aber ich nehme an, Ihnen gefällt es, wenn Frauen sich zum Narren machen, um von Ihnen bemerkt zu werden.“

„Sie finden es erniedrigend, einen Mann zu verführen?“

„Verführen?“, murmelte Sam verträumt und sah sich im Geiste einen perfekten Männerkörper liebkosen. Das Bild an sich war schon beunruhigend. Dass es sich bei dem fraglichen Wesen eindeutig um Alessandro handelte, war regelrecht schockierend.

„Jede wahre Frau kämpft um den Mann, den sie liebt“, behauptete er. „Es ist ganz gewiss gesünder, als sich an eine kindische Vernarrtheit zu klammern.“

„Ich bin in niemanden vernarrt!“, widersprach sie hitzig.

Er lächelte nur. „Sie verbringen zu viel Zeit allein mit Ihren Träumen. Bei Sex geht es nicht um romantischen Kerzenschein und sanfte Musik. Sex ist Instinkt. Es geht um lustvolle Berührungen und wilde Erregung.“ Unverhofft streckte er eine Hand aus und strich mit einem Finger über die Innenseite ihres Unterarms.

Ein Prickeln lief über ihre Haut. Als sie die Sprache wiederfand, schien ihre Stimme aus weiter Ferne zu kommen. „Vielen Dank für die Lektion.“ Sie bezweifelte nicht, dass er ein Experte auf diesem Gebiet war.

„Sex bedeutet stürmische Leidenschaft und Schweiß.“

Seine leise kehlige Stimme wirkte betörend. Auch wenn Sam ihn nicht mochte und vielleicht sogar verabscheute, was er war und wofür er stand, konnte sie nicht behaupten, immun gegen seine ausgeprägte Sinnlichkeit zu sein.

Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, und es kostete sie Mühe, ihre Atmung zu kontrollieren. Gleichzeitig war ihr vollkommen klar, dass diese körperliche Reaktion nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Wen wunderte das? Verglichen mit den begehrenswerten gestylten Frauen, mit denen Alessandro verkehrte, wirkte sie auf ihn sicherlich wie eine geschlechtslose Kuriosität. Hätte ihr eine gute Fee in diesem Moment einen Wunsch gewährt, hätte sie ohne Zögern dieses gewisse Etwas gewählt, das Frauen unwiderstehlich macht.

„Wenn ich schwitzen will, gehe ich ins Fitnessstudio“, antwortete sie schnippisch, obwohl ihre Knie zitterten.

Unter halb gesenkten Lidern betrachtete er ihre Figur. „Sie brauchen mehr Sinn für Realität.“

Sie fragte sich, was abgesehen von einem Lottosechser weniger real war als ein Gespräch über wilden Sex mit Alessandro Di Livio. Sie lachte auf, und es klang verwegen, obwohl Verwegenheit in Wirklichkeit ganz und gar nicht ihrem Naturell entsprach. „Was ich auf keinen Fall brauche, sind Ratschläge von Ihnen.“

Er heftete den Blick auf ihre Lippen, und es zuckte um seine Mundwinkel. „Was Sie brauchen, ist Erfahrung.“

„Als Nächstes sagen Sie mir wohl noch, dass ich Sie brauche!“

Sams Belustigung verflog, als er ihr Gesicht zwischen die Hände nahm. Sie öffnete den Mund zu einer frostigen Bemerkung, um ihm zu zeigen, dass er es nicht mit einer seiner einfältigen Eroberungen zu tun hatte. Seit ewigen Zeiten verstand sie es ausnehmend gut, sich mit geistreichen Sprüchen aus unangenehmen Situationen zu winden. Doch nun, als sie in seine funkelnden Augen blickte, verließ sie dieses Talent völlig.

Plötzlich bemerkte sie, dass ihr schon lange nicht mehr kalt war. „Wenn Sie mich küssen, schlafe ich mit Jonny“, drohte sie hilflos.

5. KAPITEL

Viel zu spät erkannte Sam, dass Alessandro kein Mann war, der sich so leicht einschüchtern ließ. Dabei wusste er nicht einmal, dass es sich nur um eine leere Drohung handelte. Schließlich war sie in seinen Augen ein Flittchen, wenn er sie nicht gerade für frigide hielt. Seine gesamte Haltung ihr gegenüber wirkte überaus widersprüchlich.

Nun legte er ihr eine Hand in den Nacken und neigte den Kopf. Es war einer jener Momente, die eine verbale Kaltdusche erforderten, um Schlimmeres zu verhindern.

Sie hätte diesen Mann nachdrücklich und eindeutig in seine Schranken verweisen müssen, doch sie fühlte sich zu nichts anderem fähig, als seufzend zu flüstern: „Oh, mein Gott …“

Langsam strich er ihr durch das seidige Haar und sandte damit ein warmes Prickeln durch ihren Körper.

Sam hatte das Gefühl, von innen heraus lichterloh zu brennen. Der Verstand sagte ihr, dass in seinen Augen kein Feuer der Leidenschaft loderte, dass es nur ein Trugbild war, und doch schlug ihr Herz höher.

„Ich denke wirklich …“ Sie rang nach Atem, als er mit dem Daumen über ihre zitternden Lippen strich. Es brauchte keinen genialen Kopf, um sein plötzliches Interesse an ihr zu ergründen. Er wollte sie küssen, um ihre Begierde nach ihm zu wecken, damit sie darüber Jonny vergaß. „Du musst das nicht tun, damit …“

„Aber die Sache ist die, dass ich es sehr wohl tun muss.“

„Ich versuche doch gar nicht, Jonny zu verführen“, protestierte sie. „Und wenn ich es täte, würde er es gar nicht merken. Er sieht mich nicht als Frau an.“

„Nicht einmal er ist ein so großer Idiot.“

„Doch. Das heißt, er ist kein Idiot, aber … Ach, das verstehst du nicht.“

„Ich will es ja auch gar nicht verstehen“, entgegnete er schroff, denn es ärgerte ihn, dass sie Jonny so vehement verteidigte.

„Aber du …“

„Ich will nichts weiter als dich küssen“, erklärte er in rauem Ton, der ihr unter die Haut ging. „Und es ist mir lieber, wenn du währenddessen nicht von einem anderen Mann redest.“

„Habe ich in der Sache gar nichts zu sagen?“ Dann erst fragte sie sich, ob sie ihn überhaupt davon abhalten konnte – oder wollte. Und was war schon dabei? Es konnte sich sogar als interessant erweisen, von einem Mann geküsst zu werden, der umwerfend gut aussah, perfekt gebaut war und betörend maskulin roch.

„Normalerweise bitte ich nicht um Erlaubnis, bevor ich eine Frau küsse“, sagte Alessandro mit einem zuversichtlichen Lächeln, und dann öffnete er kurzerhand ihre Haarspange.

Verblüfft über diese Geste, stand Sam reglos da, den Blick auf sein Gesicht geheftet, während ihr die Haare hinab auf die Schultern fielen.

„Du solltest es immer offen tragen.“ Er wickelte sich eine Strähne um den Finger und ließ sie wieder abrollen. „Warum sollte ich dich um Erlaubnis fragen, wenn ich weiß, dass du mich küssen willst?“

„Du bist ja verrückt!“ Und nicht nur du, dachte sie und strich sich mit beiden Händen die Haare hinter die Ohren. „Wenn du so was öfter tust, wundert es mich, dass du noch nicht wegen Belästigung verhaftet wurdest.“

Er wirkte amüsiert. „Es liegt an den Signalen, die du aussendest. Aber vielleicht bist du dir dessen gar nicht bewusst“, räumte er ein. „Deine Pupillen sind geweitet, und deine Wangen glühen.“

„Deine auch“, stellte sie fest.

„Du siehst aus, als ob du sehr süß schmeckst.“

„Das kann nur an der Erdbeertorte liegen, die ich vorhin gegessen habe“, bemerkte sie nüchtern, auch wenn ihr das Herz bis zum Hals pochte. „Habe ich noch Krümel auf dem Mund?“ Sie strich sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

Ein Funkeln trat in seine Augen, und Sams Puls raste noch mehr. Aus reinem Selbstschutz senkte sie den Blick und zupfte an dem Kragen ihrer Bluse.

„Im Gegenteil, deinem Mund fehlt etwas, nämlich mein Kuss.“

Seine arrogante Machobemerkung hätte rein theoretisch ihren Zorn wecken müssen, doch praktisch fand sie nichts daran auszusetzen, dass er seine Lippen auf ihre senkte. Er mochte in vielerlei Hinsicht irren, aber in diesem Moment brauchte sie wirklich nichts anderes als seinen Mund auf ihrem.

Als er schließlich den Kopf hob, verkündete sie mit blitzenden Augen: „Bilde dir bloß nicht ein, dass es etwas beweist – außer der Tatsache, dass du ganz gut küssen kannst.“ Woran ich nie gezweifelt habe …

Er zog einen Mundwinkel hoch. „Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich es nicht besser als nur ‚ganz gut‘ kann.“ Er legte ihr eine Hand auf den Nacken und die andere auf den Po, zog sie heftig an sich und küsste sie wieder.

Eine erotische Spannung erwachte in ihr und wuchs an, bis Sam nicht mehr an sich halten konnte und die Lippen öffnete.

Sie küssten sich mit einem wilden Hunger, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, presste sich an seinen Körper und vergrub die Finger in seinem Haar.

Als der Kuss endete, starrte Alessandro sie mit großen Augen an. Es war ihr nur ein schwacher Trost, dass er fast ebenso benommen aussah, wie sie sich fühlte. Mit weichen Knien wich sie einen Schritt zurück. „Warum hast du das getan?“

Gute Frage. „Wenn du Jonny küsst – nein, wenn du dich ihm auch nur näherst, drehe ich ihm den Hals um“, drohte er in der Überzeugung, dass ihr das Wohlergehen des Mannes wichtiger war als ihr eigenes.

Nun wusste sie also, was ihn dazu getrieben hatte. Ihre eigene Motivation war längst nicht so eindeutig. „Du bist ein gemeiner Schuft.“ Und ich bin ein verflixt leichtes Opfer. „Und wenn du mich je wieder anfasst …“

„Dann wirst du mich anflehen, nicht aufzuhören“, warf er ungerührt ein.

„Dann verkaufe ich die Story an die Klatschpresse.“

Es war eine armselige leere Drohung, wie er genau zu wissen schien, denn sein Lachen folgte ihr, als sie die Laube verließ.

Sam hielt den Rücken ausgesprochen gerade und den Kopf hoch erhoben, bis sie die Toilette erreichte. Insgesamt verbrachte sie dort eine gute halbe Stunde damit, zunächst heiße Tränen zu vergießen und danach den Schaden an ihrem Make-up zu beheben.

Als sie den Waschraum verließ, war sie zu dem Schluss gekommen, dass es sehr töricht war, wegen eines Kusses derart die Fassung zu verlieren. Es war nichts von Bedeutung, nur eine Nebensächlichkeit.

6. KAPITEL

„Entschuldige, aber ich muss jetzt los.“

„Jetzt schon? Es ist doch noch so früh“, protestierte Emma mit erhobener Stimme, um das Stimmengewirr und die laute Musik zu übertönen. Sie musterte den schiefen Knoten auf dem Kopf ihrer besten Freundin. „Was hast du denn mit deinen Haaren angestellt?“

Sam ignorierte die Frage. Die Bemühungen, ihr Äußeres in Ordnung zu bringen, waren beträchtlich behindert worden durch zitternde Hände und das Bedürfnis, ihr Spiegelbild alle zwei Sekunden als Dummkopf zu beschimpfen. „Ich will ankommen, bevor es dunkel wird.“

Emmas Enttäuschung weckte ihre Schuldgefühle, aber Sam blieb bei ihrem Entschluss, denn es war zu befürchten, dass sie sich völlig zum Narren machte, wenn sie Alessandro noch einmal über den Weg lief. Und sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, welche Alternative sie in diesem Fall wählen würde – ihm eine Ohrfeige zu verpassen oder ihn um weitere körperliche Zuwendungen anzuflehen.

„Ich dachte, du wolltest bei deinen Eltern übernachten.“

Das war, bevor mich einer deiner ehrenwerten Gäste geküsst hat. „Ich habe umdisponiert.“ Das schlechte Gewissen ließ ihr Lächeln besonders strahlend wirken.

Emma grinste. „Wie heißt er? Kenne ich ihn? Ist es was Ernstes? Ist er ehetauglich?“

Alessandros Gesicht tauchte nun im Geiste vor Sam auf. Jemand, der es weniger ernst mit ihr meinte, ließ sich kaum finden. Außerdem war er stets von Frauen umringt, die ihn auf Abwege führten. Sie war nicht unbedingt der Ansicht, dass gutes Aussehen bei einem Mann automatisch mit Untreue Hand in Hand ging, aber es brauchte eine äußerst selbstsichere Frau, um die offenen Annäherungsversuche ihrer Rivalinnen zu verkraften.

Die Frau, die ihn einmal heiratete, musste ein sehr selbstbewusstes oder faszinierendes Wesen sein – am besten beides. Also kurzum: sein weibliches Gegenstück.

„Ich habe einen Anruf bekommen – von meinem Verleger.“

Emma wirkte misstrauisch, bestand jedoch nicht länger darauf, dass Sam blieb. „Aber bevor du gehst, musst du dich von Paul verabschieden. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er mit den anderen Männern in der Orangerie.“ Sie verdrehte die Augen. „Ich glaube, sie diskutieren über Kricket.“

„Also gut.“ Sam nahm ihre Handtasche und folgte ihrer Freundin.

Emmas Mann Paul und ein halbes Dutzend männlicher Gäste waren tatsächlich in der Orangerie versammelt, aber sie unterhielten sich nicht über Kricket. Vielmehr standen sie zusammengedrängt in einer Ecke und beobachteten entsetzt und hilflos das Wesen, das den ohrenbetäubenden Lärm verursachte, der bereits im Flur zu hören gewesen war.

Noch vor Kurzem hatte der blonde Dreijährige namens Harry die Erwachsenen mit seinem sonnigen Lächeln und lispelnd vorgetragenen Kinderreimen entzückt. Nun lag er auf dem Rücken, das knallrot angelaufene Gesicht verzerrt, schrie aus Leibeskräften und stampfte mit den Fersen auf den Boden.

Paul eilte Emma entgegen, sobald er sie eintreten sah. „Gott sei Dank, dass du kommst! Harry dreht total durch. Rachel hat einen Anruf bekommen und mich gebeten, einen Moment auf ihn aufzupassen.“

Sie zuckte zusammen, als Harry einen besonders schrillen Ton anschlug. „Wie lange ist er schon in dem Zustand?“

„Mir kommt es vor wie Stunden.“

„Ich glaube, er braucht seine Mum. Sam, du weißt doch sicher, wo Rachel steckt, oder?“, fragte Emma, denn Sam war schon seit ihrer frühen Kindheit eng mit Rachel befreundet und auch Harrys Patentante.

„Nein. Soll ich sie suchen gehen?“

Paul hielt sie am Arm fest und bot eifrig an: „Bleib du lieber hier. Ich gehe schon.“

Doch Emma befahl ihm streng: „Rühr dich nicht vom Fleck!“

Amüsiert blickte Sam in die Runde. „Ist denn keiner von euch auf die Idee gekommen, das arme Würmchen zu trösten?“

„Hast du nicht gesehen, in welchem Zustand er ist?“, wandte Paul im Namen aller anwesenden Männer ein. „Er ist total mit Schokolade vollgeschmiert, und ich habe meinen besten Anzug an. Außerdem tritt dieses ‚arme Würmchen‘ um sich wie ein Maulesel!“

„Du Niete!“, schimpfte Emma mit gespielter Empörung.

„Die Situation verlangt offensichtlich nach der Hand einer Frau“, beharrte er würdevoll. „Oder eines guten Kinderpsychologen.“

„Ach, meinst du?“ Sie packte ihn am Arm und drehte ihn um. „Sieh dir das an! Er hat keine Angst davor, sich den Anzug schmutzig zu machen.“

Sam wandte ebenfalls den Kopf und beobachtete verblüfft, wie Alessandro – ungeachtet des Höllenlärms oder der Gefahr für seinen maßgeschneiderten Anzug – sich neben das kreischende Kleinkind hockte und seelenruhig mit ihm sprach.

„Der Mann hat Mumm, das muss man ihm lassen“, bemerkte Paul. „Sag mal, unsere süße kleine Laurie wird doch nicht solche Anfälle kriegen, oder?“

Emma ignorierte die Frage, beobachtete fasziniert Mann und Kind und sagte zu Sam: „Das ist eine kulturelle Sache. Südländische Männer haben kein Problem damit, Zuneigung zu Babys zu zeigen – im Gegensatz zu unserer einheimischen Sorte“, fügte sie mit einem verächtlichen Seitenblick zu ihrem Mann hinzu.

Sam stand zu weit entfernt, um zu verstehen, was Alessandro sagte. Aber die Worte schienen auf geradezu magische Weise eine beruhigende Wirkung auf das aufgebrachte Kind auszuüben.

Das Geschrei wurde zunehmend leiser und verstummte schließlich. Dann hob Harry das tränenüberströmte Gesicht und lächelte sogar.

„Wie macht der Mann das bloß?“, wunderte Emma sich mit ehrfürchtigem Unterton.

Sam antwortete nicht. Aus einem seltsamen Grund verspürte sie ein hohles Gefühl in der Magengegend, als Alessandro mit einem Schmunzeln, das ihn entspannt und zehn Jahre jünger aussehen ließ, einladend die Arme ausbreitete.

Harry warf sich ihm an die Brust und klammerte sich an seinen Nacken.

Durch die Runde der anderen Männer ging, wenn auch widerstrebend, ein anerkennendes Raunen.

Alessandro stand auf und wandte sich zur Tür um. Sobald er Sam sah, wurde sein Lächeln ein wenig verkrampft, so schien es ihr zumindest.

Attraktiver Mann mit Baby auf dem Arm …

Die ganze Szene war so klischeehaft, dass nur ein ausgemachter Dummkopf darauf hereinfallen konnte. Aber sie mochte nicht leugnen, dass sie sich in diesem Moment in ihn verguckte. Anscheinend gehörte sie zu den Frauen, die sich von einem Mann nur angezogen fühlten, wenn keine Chance auf Erwiderung der Gefühle bestand.

„Das war sehr beeindruckend.“ Emma trat zu Alessandro. „Jetzt bin ich aber froh, dass ich dich eingeladen habe.“

Lachfältchen erschienen um seine Augen. „Vorher warst du es nicht?“

„Vorher warst du als Kats großer Bruder willkommen. Jetzt bist du es, weil du tapfer, einfallsreich und krisenfest bist.“

„Es ist schön, sich willkommen zu fühlen“, erwiderte er und schaute dabei in Sams Richtung.

Ihr Herz pochte wild, doch sie gab vor, seinen Blick nicht zu bemerken.

„Soll ich dir Harry abnehmen?“, bot Emma an.

„Nein. Harry möchte gern seine Mum finden, und wenn wir auf der Suche nach ihr auf Eiscreme stoßen, hätten wir schon gewonnen.“

Sam musterte den Schokoladenfleck auf seiner Wange und das von Kinderhänden zerzauste Haar. Er sah völlig entspannt und gelassen aus mit dem schmuddeligen, quengeligen Jungen auf dem Arm. Empörung stieg in ihr auf. Wie konnte er es nur wagen, derart aus der Rolle des allein auf Lustgewinn ausgerichteten Playboys zu fallen, die sie ihm angedichtet hatte?

„Ich habe keine Ahnung, wo seine Mum steckt“, sagte Emma. „Aber das Eis besorge ich persönlich.“

In diesem Moment trat Rachel ein, wie üblich umgeben von einer Aura unerschütterlicher Heiterkeit. Sie schaute in die Runde: „Euren glasigen Blicken entnehme ich, dass Harry wieder mal einen Wutanfall der Güteklasse A hatte.“ Sie schenkte Alessandro ein herzliches Lächeln. „Es sieht ganz so aus, als ob ich mich bei Ihnen bedanken muss, Mr Di Livio.“

„Ganz und gar nicht. Harry und ich haben uns nur angefreundet und eine gemeinsame Vorliebe für Eiscreme entdeckt.“ Er lächelte in die Runde. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“

„Wenn du keine Kinder bekommst“, rief Emma ihm nach, „ist es eine sträfliche Verschwendung!“

Im Hinausgehen warf er grinsend über die Schulter zurück: „Ich bin nicht verheiratet.“

Sie seufzte inbrünstig. „Wo warst du vor drei Jahren?“

„Vor Gericht – in einen hässlichen Scheidungsprozess verwickelt!“, brummte Sam und fragte sich, ob Marisa Sinclair, die damals Ehemann wie Geliebten verloren hatte, den Seitensprung bereute.

„Wie kannst du nur!“, schalt Emma. „Er hat es bestimmt gehört!“

„Na und? Wenn schon! Was willst du überhaupt? Du magst ihn doch auch nicht.“

Verwundert fragte Rachel: „Habe ich denn irgendwas verpasst?“

„Sam kann den umwerfenden Alessandro nicht ausstehen“, erklärte Emma.

Rachel lachte. „So viel habe ich auch schon erraten.“ Sie grinste. „Ich persönlich finde ihn ganz süß.“

„Süß?“, wiederholte Sam fassungslos. „Er ist ein Widerling!“

Emma tauschte einen erstaunten Blick mit Rachel. „Was hat der arme Kerl dir denn angetan?“

„Der ‚arme Kerl‘ hat mich geküsst!“ Sam sah Verblüffung über die Gesichter ihrer beiden besten Freundinnen huschen, gefolgt von schierem Entzücken. Sie stöhnte laut. „Vergesst, dass ich das jemals gesagt habe“, flehte sie und wusste doch, dass ihre Bitte auf taube Ohren fiel.

„Du und Alessandro?“ Emma seufzte neidisch. „Ich kann mir vorstellen, dass er sehr gut küsst. Wie könnte es anders sein bei einem Mann, der so umwerfend aussieht!“

„Er selbst wäre der Erste, der dir darin zustimmt“, entgegnete Sam verächtlich.

„Ich wette, er ist verdammt gut im Bett.“

„Guck mich nicht so an! Ich habe ganz gewiss nicht vor, es herauszufinden.“

Rachel grinste. „Das ist echt gemein. Du bist frei und ungebunden. Emma und ich sind vergeben und können uns nur indirekt an deinen Abenteuern erfreuen. Aber bisher hattest du uns in puncto Liebesleben nicht gerade viel zu bieten.“

„Das tut mir ja so leid“, meinte Sam sarkastisch. Dann fügte sie etwas kleinlaut hinzu: „Hört mal, ihr zwei, ihr macht doch keine große Sache daraus, oder? Es war nichts weiter – absolut nichts.“

„Dafür regst du dich aber ganz schön auf“, neckte Rachel. „Aber schon gut, keine Sorge. Wir sind die Diskretion in Person.“

Die Ära der Ritterlichkeit ist anscheinend endgültig zu Ende, dachte Sam missmutig, als sie den Ersatzreifen aus dem Kofferraum hievte. Die einzige Reaktion auf ihre eindeutige Notlage war bisher blödes Gehupe von einigen Lkw-Fahrern gewesen.

Mehrere Minuten hantierte sie mit dem Wagenheber, bevor endlich jemand anhielt. Ihre Kenntnis und ihr Interesse, was Autos anging, waren beschränkt, um es milde auszudrücken. Das Fahrzeug, das hinter ihrem anhielt, war groß und schwarz und sah teuer aus.

Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und spähte durch den dichten Regen. Die Umrisse der Gestalt hinter dem Steuer deuteten darauf, dass es sich um einen Mann handelte.

So ein Pech!

Von einer Frau hätte sie sich weder herablassende Bemerkungen über die Unfähigkeit des weiblichen Geschlechts in technischen Dingen anhören noch schmierige Annäherungsversuche befürchten müssen.

Bereit zu Kompromissen, dachte sie sich, dass die Situation eben ein aufgesetztes Lächeln und womöglich die Verteidigung ihrer Tugend erforderte, wenn sie unbeschadet in die Stadt kommen wollte, bevor sie sich eine Lungenentzündung holte.

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