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ROMANA EXKLUSIV BAND 243

PENNY JORDAN

HEIRATSANTRAG AUF PORTUGIESISCH

Wie sehr man sich doch irren kann! Als Shelley plötzlich in seinem traumhaften Anwesen an der portugiesischen Algarve auftaucht, hält der stolze Graf Jaime des Hilvares sie zunächst für eine Erbschleicherin. Bis sie mit ihrer bezaubernden Art sein Herz im Sturm erobert. Doch kann er ihr und seinen Gefühlen wirklich vertrauen?

HELEN BIANCHIN

SO FREMD UND DOCH VERTRAUT

Der atemberaubende Alejandro Santanas löst in Elise einen Sturm der Leidenschaft aus – und gleichzeitig eine unerklärliche Angst. Wenn sie bloß wüsste, was in der Zeit vor ihrem Unfall geschah! Als die Erinnerung an ihre Ehe zurückkehrt, bricht die schreckliche Wahrheit über Elise herein: Ihr Mann hat sie betrogen! Aber warum ist er jetzt so zärtlich und liebevoll?

JULIA JAMES

EIN VERFÜHRERISCHER PLAN

Jahrelang war der vermögende Vito nur von Rache erfüllt. Jetzt steht die Tochter der Frau, die seine Familie bestohlen hat, überraschend vor ihm und bietet ihm einen ungewöhnlichen Handel an: Rachel will ihm die Schmuckstücke zurückgeben, wenn er sie heiratet! Hin- und hergerissen zwischen Verlangen und dem Wunsch nach Vergeltung geht Vito auf den Vorschlag ein …

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HEIRATSANTRAG AUF PORTUGIESISCH

1. KAPITEL

Nur noch fünfzig Kilometer bis zu ihrem Ziel. Shelley hatte sich bewusst Zeit gelassen für die lange Fahrt von London nach Portugal, doch nun war sie versucht, mehr aus ihrem alten Citroën herauszuholen, um der Ungewissheit möglichst schnell ein Ende zu bereiten. Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Es war nicht ihre Art, vorwärtszupreschen.

Gleichzeitig überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Hätte sie die Reise doch nur ein halbes Jahr früher antreten können.

Mit vierundzwanzig machte sie sich nicht mehr viele Illusionen über das Leben. Gleichwohl waren die Enthüllungen der letzten Tage ein Schock für sie gewesen, von dem sie sich noch immer nicht ganz erholt hatte.

Es war gegen Mittag, und die hochstehende Sonne warf harte Schatten auf die staubige Straße, die durch eines der zahlreichen verschlafenen Dörfer führte. Shelley hatte schon öfter ihren Urlaub auf dem europäischen Festland verbracht, aber es war ihre erste Reise an die Algarve, und was sie sah, übertraf alle ihre Erwartungen. Hier im Landesinneren fernab der Küste schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie war an Gehöften mit Weinbergen und Obstbäumen vorbeigekommen, die von runzligen Männern und schwarz gekleideten Frauen bewirtschaftet wurden, durch lichte Korkeichenwälder gefahren und hatte in kleinen Ortschaften Rast gemacht, bezaubert von der ausgesuchten Höflichkeit, mit der man ihr die einfachen, aber schmackhaften landestypischen Mahlzeiten servierte.

Die Algarve war ein Landstrich, der vor sehr langer Zeit stark von den Mauren beeinflusst worden war. Das Land hatte abenteuerlustige Seefahrer hervorgebracht, die ein Weltreich errichteten.

Sie ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen, was sie über Portugal gelesen hatte, und das half tatsächlich, das nervöse Kribbeln in ihrem Bauch zu beruhigen. Sie und nervös? Shelley verzog das Gesicht, als sie daran dachte, was ihre Kollegen wohl dazu sagen würden.

Sie wusste, dass sie im Allgemeinen als kühl und besonnen galt. Zu besonnen, fanden manche. An der Universität hatte sie des Öfteren von ihren Professoren zu hören bekommen, dass sie viel zu zurückhaltend sei. Und sie wusste, dass es stimmte. Nach dem Studium bewarb sie sich bei einem großen Unternehmen, da ihr die Anonymität dort zusagte.

Sie stieg schnell auf und war nun Leiterin der Vertragsabteilung. Beruflich war sie viel auf Reisen, konnte sich aber nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein wie auf dieser Fahrt nach Portugal. Natürlich war sie diesmal auch nicht geschäftlich unterwegs. Nein, es handelte sich um eine Reise in ihre eigene Vergangenheit, bei der sie ihre Angehörigen kennenlernen würde. Vor vier Wochen hatte sie nicht einmal gewusst, dass noch Verwandte von ihr lebten.

Noch immer konnte Shelley es kaum fassen, dass der Zufall sie hierher geführt hatte. Alles nur, weil sie eine Verabredung mit Warren Fielding ausgeschlagen hatte und stattdessen an einem Sonntag lieber in den Lesesaal des Museums gegangen war. Andernfalls hätte sie die Zeitungsannonce nicht gesehen und nie die Wahrheit erfahren.

Es hatte immer wieder Männer gegeben, die sich für sie interessierten, auch wenn sie nicht verstand, warum. Da es ihr an Selbstvertrauen mangelte, fand sie sich nicht besonders attraktiv, obwohl sie recht groß war, schimmerndes rotbraunes Haar hatte und einen hellen, ebenmäßigen Teint. Beides verriet ihre keltische Abstammung. Ihre Augen waren mandelförmig und goldgrün, wobei je nach Stimmung mal die eine, mal die andere Farbe dominierte.

Aufgewachsen ohne die Wärme und Zuneigung, die so wichtig für das Selbstbewusstsein sind, hatte sie sich nie bemüht, anderen zu gefallen. Kleidung und Make-up wählte sie nach ihrem eigenen Geschmack aus, und ihr kühles Auftreten war nicht dazu angetan, ihren Mitmenschen zu schmeicheln oder sie für sich einzunehmen.

Gleichwohl fühlten sich immer wieder Männer von ihr angezogen. Warren Fielding war der hartnäckigste ihrer Verehrer. Ein Kollege aus den Staaten, der es nie versäumte, sich bei ihr zu melden, wenn er in London war. Shelley war auf diese Verabredungen nicht erpicht.

Ihr kleiner Freundeskreis bestand aus einigen Studienkolleginnen aus ihrer Zeit in Oxford. Die meisten davon waren inzwischen verheiratet oder arbeiteten im Ausland. Daher ging Shelley am Wochenende gern in den Lesesaal des Museums.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie ausgerechnet den Anzeigenteil der Zeitung aufgeschlagen hatte. Aber den Schreck, der ihr in die Glieder fuhr, als sie ihren Namen las, spürte sie noch deutlich. Immer wieder ging sie die Annonce durch und fragte sich, wie die renommierte Anwaltskanzlei Macbeth, Rainer & Buccleugh dazu kam, ausgerechnet nach ihr zu suchen.

Erst am darauffolgenden Mittwoch rief sie die Londoner Nummer an und vereinbarte einen Termin für denselben Nachmittag. Zu ihrer Überraschung war Charles Buccleugh noch recht jung, um die vierzig. Er begrüßte sie mit einem charmanten Lächeln. Zahlreiche Familienfotos standen auf seinem Schreibtisch.

Als er den Namen ihres Vaters nannte, wäre sie am liebsten aufgesprungen und davongelaufen. Doch ihre Selbstbeherrschung gewann die Oberhand. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich immer wieder gesagt, dass sie kein Einzelfall sei und es unzählige unerwünschte Kinder gab.

Ihre Großmutter hatte ihr die traurige Geschichte über die Ehe ihrer Eltern erzählt. Man war mit der Wahl der Tochter nicht einverstanden gewesen, wie sie immer wieder betonte. Es hatte kein gutes Ende nehmen können. Als Shelleys Vater erfuhr, dass seine junge Frau schwanger war, begann er, sie zu vernachlässigen. „Wochenlang ist er einfach verschwunden. Deiner Mutter hat er gesagt, dass er Arbeit sucht. Aber ich habe ihm nicht geglaubt. Zum Glück hat dein Großvater das tragische Ende nicht mehr miterlebt.“

Shelley wusste, dass der Großvater vor ihrer Geburt gestorben war und ihr Vater ihre neunzehnjährige Mutter sitzen gelassen hatte.

„Ich habe es kommen sehen. Er war zu egoistisch. Hat sich nur für seine Malerei interessiert und gar nicht versucht, eine anständige Arbeit zu finden. Es hat deiner Mutter das Herz gebrochen, als er einfach so verschwand. Meine arme Sylvia. Und dann starb sie bei deiner Geburt. Vier Wochen später erfuhren wir, dass dein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Aber wen interessiert das schon.“

Und nun erfuhr Shelley, dass ihr Vater gar nicht so früh verstorben war, sondern jahrelang verzweifelt nach ihr gesucht hatte.

Was Charles Buccleugh ihr berichtete, erschütterte sie. Entgegen den Erzählungen ihrer Großmutter schien Shelleys Vater tatsächlich Arbeit gesucht und in London auch eine Stelle gefunden zu haben. Er hatte ihrer Mutter geschrieben, ihr die gute Nachricht mitgeteilt und sie zu sich holen wollen.

Auf jener Fahrt nach Hause geschah der Unfall, der angeblich tödlich endete. Schwer verletzt kam Shelleys Vater in ein Krankenhaus, wo man nichts von seiner Familie wusste. Als er in der Lage war, sich verständlich zu machen, half man ihm, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Die Antwort der Großmutter lautete, ihre Tochter und das Baby seien tot und sie wolle nie wieder etwas von ihm hören.

In seiner Verzweiflung wanderte er nach Portugal aus und widmete sich ganz dem Malen. Die Entschädigungssumme, die er nach dem Unfall erhielt, ermöglichte ihm diesen Schritt.

Jahre später heiratete er ein zweites Mal – eine Witwe mit zwei Kindern. Durch einen Zufall traf er später einen Bekannten aus seiner Heimatstadt, der an der Algarve Urlaub machte. Von ihm erfuhr er, dass er eine Tochter hatte. Doch inzwischen war die Großmutter verstorben, und Shelley hatte in verschiedenen Pflegefamilien gelebt, sodass es ihm nicht gelang, sie ausfindig zu machen.

Charles Buccleugh setzte Shelley darüber in Kenntnis, dass ihr Vater vor Kurzem ebenfalls gestorben war. „Wir haben die Anzeige in die Zeitung gesetzt, um Sie zu finden, denn Sie sind erbberechtigt. Über die Einzelheiten ist allerdings nur der portugiesische Anwalt Ihres Vaters informiert. Unsere Aufgabe war lediglich, den Kontakt zu Ihnen herzustellen. Diesen Auftrag erteilte uns der Stiefsohn Ihres Vaters, Conde Jaime y Felipe des Hilvares.“

Als sie den Titel vernahm, hob Shelley kurz die Augenbrauen, gestattete sich aber keine weitere Regung. Hinter der Fassade von Gelassenheit, die sie dem Anwalt präsentierte, rang sie mit einem Sturm von Empfindungen, ausgelöst von der Erkenntnis, dass ihre Großmutter ihr absichtlich die Wahrheit verschwiegen hatte.

„All die vergeudeten Jahre …“

Ohne es zu bemerken, hatte sie die Worte laut ausgesprochen, während sie den Wagen durch die nächste Ortschaft lenkte. Hier kam die Gabelung, auf die sie gewartet hatte. Eine Abzweigung führte in Windungen hinab zur rot leuchtenden Felsenküste und dem Meer, das sich glitzernd in der heißen Sonne ausbreitete. Die andere Straße ging in die Hügel. Dieser musste sie folgen, um zum Anwesen des Condes zu gelangen.

Seit sie denken konnte, hatte sie sich nach einer eigenen Familie gesehnt und geglaubt, sie sei allein auf der Welt. Dabei hätte sie viele Jahre mit ihrem Vater verbringen können. Nun war es zu spät. Die Erbschaft interessierte sie nicht. Sie war nach Portugal gekommen, um zu erfahren, was für ein Mensch ihr Vater gewesen war.

Ein Wegweiser informierte sie, dass sie erneut abbiegen musste. Die Straße führte nun durch ein gepflegtes Weinbaugebiet. Charles Buccleugh hatte ihr gesagt, dass ihr Stiefbruder Winzer sei. Vielleicht war dies bereits sein Land.

Was ist er wohl für ein Mensch? überlegte sie.

Sie wusste nicht viel von der zweiten Familie ihres Vaters, nur, dass sein Stiefsohn älter war als sie und seine Stieftochter jünger. Zu ihrer Überraschung hatte sie erfahren, dass seine zweite Frau aus England stamme. Seltsam, dass sie sich zunächst von einem portugiesischen Conde und dann von einem mittellosen englischen Maler angezogen fühlte? Ein unangenehmer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Hatte ihr Vater womöglich des Geldes wegen geheiratet? Schnell schüttelte sie die Vorstellung ab. Es war dumm, sich Spekulationen hinzugeben.

Der portugiesische Anwalt aus Lissabon hatte sie darüber informiert, dass ihr Stiefbruder sie bei sich zu Hause treffen wolle. Auch wenn ihr dieser Wunsch ein wenig eigenwillig vorgekommen war, war sie doch bereit, ihn und seine Familie in Portugal zu besuchen. Sie hatte lange keinen Urlaub mehr genommen. Also stand der Reise nichts im Weg.

Nun fuhr sie über eine Hügelkuppe, stoppte den Wagen und hielt vor Entzücken den Atem an, als sie den ersten Blick auf das vor ihr liegende Ziel ihrer Reise warf.

Unter ihr zwischen den Weinbergen lag die quinta, eine malerische Ansammlung von strahlend weißen Gebäuden mit terrakottafarbenen Dächern. Die Reben wuchsen bis an die Mauer heran, die das gesamte Anwesen umgab. Auch wenn sie noch zu weit entfernt war, um Einzelheiten wahrzunehmen, so hätte Shelley doch schwören können, das Plätschern von Wasser zu hören. Sie sah bereits die ineinander übergehenden Innenhöfe vor sich, die so charakteristisch für maurische Anlagen waren. Fast glaubte sie, das Aroma von starkem Kaffee und den Duft des süßen Gebäcks wahrzunehmen, das die Menschen hier im Süden so liebten.

Deine Fantasie geht mit dir durch, schalt sie sich und griff nach Handtasche und Spiegel, um ihre Frisur und das Make-up zu überprüfen. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war beruhigend vertraut. Ihre Augen schauten leicht distanziert, und das glänzende Haar fiel ihr in einer weichen Welle über die Schultern.

Ihre Nervosität war nur natürlich. Da ihr dieses Gefühl jedoch fremd war, umfasste sie das Steuer mit festem Griff, als sie weiterfuhr.

Die schmale, holprige Straße führte direkt zum Weingut. Die weiße Umfriedungsmauer war höher, als sie angenommen hatte, und warf einen dunklen Schatten. Das aus zwei Flügeln bestehende halbrunde Holztor der Einfahrt stand offen, und während sie hindurchfuhr, hörte Shelley das unverwechselbare Plätschern von Springbrunnen. Sie hatte es sich also nicht eingebildet.

Aus der Nähe betrachtet, erschien das zweistöckige Haus mit den verschiedenen Anbauten noch größer. Irgendwo im Inneren bellte ein Hund. Ansonsten drang kein Laut durch die Nachmittagshitze.

Natürlich, es war gerade Siesta. Bei ausgeschaltetem Motor wurde es im Inneren des kleinen Wagens schnell stickig. Shelley öffnete die Tür und betrachtete die halbrunde verzierte Haustür. Sie ähnelte dem Eingangstor, durch das sie gerade gefahren war, und sie vermutete, dass dahinter einer der entzückenden maurischen Innenhöfe lag, die in der Gegend so beliebt waren.

Etwas steif stieg sie aus dem Wagen und war schon fast beim Eingang angelangt, als sie hinter sich das Getrappel von Hufen hörte.

Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, als sie sich zu Pferd und Reiter umdrehte. Blinzelnd nahm sie einen hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann auf einem großen ebenfalls dunklen Pferd wahr. Dann schloss sie die Augen und tastete nach ihrer Sonnenbrille.

Als sie die Brille aufhatte, sah sie zu dem Reiter auf.

„Miss Howard, nehme ich an.“

Der Mann sprach perfektes Englisch, aber seine Stimme klang kalt und abweisend.

Shelley sah keinen Grund, freundlicher zu antworten, und erwiderte kühl: „Ja. Und Sie, Senhor?“

„Ich bin Ihr Stiefbruder, Jaime y Felipe des Hilvares, aber Sie müssen mich Jaime nennen.“ Während er noch sprach, schwang er sich aus dem Sattel. Neben dem Haus erschien eilig ein kleiner, o-beiniger Mann, der ihm die Zügel abnahm und das Pferd davonführte.

Ihr neuer Stiefbruder sagte etwas auf Portugiesisch zu dem Stallburschen. Dabei klang seine Stimme plötzlich viel weicher. Der andere lächelte breit, nickte und erwiderte: „Sim, Excelentíssimo … sim …“

Shelley zuckte zusammen. Sie wusste, dass Jaime einen Titel führte. Gleichwohl war sie von der Unterwürfigkeit des Bediensteten überrascht.

Arrogant sieht er aus, dachte sie und betrachtete ihren Stiefbruder verstohlen. Rasch bemühte sie sich, die aufkommende Unsicherheit abzuschütteln, die sie in der ungewohnten Umgebung beschlich. Sie würde sich nicht von ihm beeindrucken lassen. Wenn er versuchen sollte, sie von oben herab zu behandeln, dann würde er schnell merken, dass er damit an die Falsche geraten war.

„Es ist ziemlich heiß hier draußen, Jaime“, sagte sie, „und ich habe eine lange Fahrt hinter mir …“

„Richtig … allerdings sehen Sie dafür erstaunlich frisch aus.“

Abschätzend ließ er den Blick aus seinen harten grauen Augen über ihre zierliche Figur in weißem Top und Jeans wandern.

„Wir fühlen uns sehr geehrt, dass Sie nun doch bereit sind, uns hier aufzusuchen. Und natürlich ist es sehr unhöflich von mir, Sie in der Hitze stehen zu lassen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Wieder klang seine Stimme kalt, und sein Mund war zusammengepresst, als er sich ihr näherte. Anscheinend gelang es ihm nur mit Mühe, seine Abneigung ihr gegenüber zu zügeln.

Was hat er nur gegen mich?

Die Sonne schien ihm nun direkt ins Gesicht, und sie nahm seine hohen Wangenknochen und die markanten Züge wahr. Zweifellos ein Erbe seiner maurischen Vorfahren. Seine Haut war leicht gebräunt. Mit ihrer hellen Haut kam Shelley sich sehr blass und farblos vor. Auch fühlte sie sich erschreckend klein neben ihm. Seinem muskulösen Körper sah man an, dass er ein geübter Reiter war, und ihr fiel auf, dass er sich mit einer erstaunlichen Geschmeidigkeit bewegte.

„Ich dachte, Sie wollten endlich der Hitze entkommen?“ Sie wandte den Blick von seinen breiten Schultern und sah zu ihm auf. Seine Miene war distanziert, aber höflich. Doch sein verächtlich verzogener Mund verriet ihn. Der Schock darüber war so groß, dass es ihr plötzlich nicht mehr peinlich war, ihn so offen gemustert zu haben.

Hochmut hätte sie akzeptieren, ja sogar verstehen können. Auch sie begegnete Fremden mit Zurückhaltung. Aber Verachtung hatte sie nie erfahren. Die meisten Menschen, die sie kannten, brachten ihr Anerkennung und Respekt entgegen.

Langsam folgte sie ihm in die kühle, geflieste Eingangshalle. Die Fensterläden waren gegen die Hitze geschlossen, und bevor ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, stolperte sie und griff instinktiv nach Jaime.

Durch den Ärmel seines Hemds spürte sie seinen warmen und sehnigen Arm. Sie bemerkte, dass er unter ihrer Berührung leicht zusammenzuckte, ihr aber höflich half, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Vielleicht gefällt ihm mein Aussehen nicht, ging es ihr durch den Kopf, während ihre Augen sich langsam an die Dämmerung gewöhnten. Abrupt rief sie sich zur Ordnung. Es spielt keine Rolle, warum er mich nicht mag. Ich bin nur hier, um Näheres über meinen Vater zu erfahren.

Das Erbe – sofern es sich um Geld handelte – war ihr nicht wichtig. Schon seit Beginn ihres Studiums in Oxford stand sie auf eigenen Füßen. Sie war stolz auf ihre finanzielle Unabhängigkeit. Wenn ihr Vater ihr etwas hinterlassen hatte, dann würde sie es wertschätzen, weil es von ihm stammte und zeigte, dass er an sie gedacht hatte.

Mehrere Türen führten von der Halle weg. Jaime schritt auf eine davon zu und erklärte ihr, dass der Hauptteil des Hauses um einen Innenhof gebaut war und die meisten Räume auf diese kühle Oase hinausgingen.

„Über die Jahre wurde immer wieder angebaut, und es entstanden noch weitere kleine Innenhöfe. In Portugal ist es üblich, dass die verschiedenen Generationen unter einem Dach zusammenleben. Dieses Haus wurde mir von meinem Vater überschrieben, als ich volljährig wurde. Natürlich wohnen meine Mutter und meine Schwester ebenfalls hier.“

„Und mein Vater …“

Nach einem kurzen Zögern antwortete er scharf: „Er wohnte auch manchmal hier, aber die meiste Zeit verbrachte er in seinem eigenen Haus an der Küste.“

Shelley runzelte die Stirn. Warum klang seine Stimme so angespannt? „Mein Vater hatte ein eigenes Haus?“

„Mir ist klar, dass Sie so schnell wie möglich Einblick in die Vermögensverhältnisse Ihres Vaters erhalten wollen, Miss Howard“, unterbrach Jaime sie abrupt und zeigte durch die Verwendung ihres Nachnamens, dass er sie auf Distanz halten wollte, obgleich er ihr seinen Vornamen angeboten hatte. „Darüber unterhalten Sie sich am besten mit dem Anwalt aus Lissabon. Ich habe veranlasst, dass er morgen hierherkommt und mit Ihnen das Testament Ihres Vaters bespricht. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Ich werde eine der Hausangestellten bitten, Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Sie wird Ihnen auch einige Erfrischungen bringen. Das Abendessen nehmen wir um acht Uhr ein.“

Ungläubig sah Shelley, wie er sich von ihr abwandte und sie allem Anschein nach einfach stehen lassen wollte.

Der Zorn gewann die Oberhand über ihre Zurückhaltung.

„Ihre Mutter und Ihre Schwester …“

„Sie sind einkaufen, kommen aber rechtzeitig zum Abendessen zurück.“

Er sah ihren Gesichtsausdruck und lächelte sarkastisch. „Was ist? Sie haben doch sicher nicht erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden? Ich muss sagen, ich bewundere Ihren Mut, Miss Howard. Es gehört einiges dazu, die Familie des Vaters erst dann aufzusuchen, wenn etwas dabei herausspringt. So lange hat er sich bemüht, Sie zu finden … sein Kummer …“ Er schluckte, und Shelley begriff mit einem Mal, was ihr Stiefbruder ihr unterstellte. Erneut bemerkte sie, dass er sein Temperament nur mit Mühe zügelte. „Nein, Sie sind hier nicht willkommen“, fuhr er fort. „Aber ich bin es Ihrem Vater, den ich sehr geliebt habe, schuldig, dafür zu sorgen, dass sein Letzter Wille geachtet wird. Meine Mutter ist nicht hier, um Sie zu begrüßen, weil sie immer noch zu tief trauert. Ihr Vater hat ihr alles bedeutet. Warum sind nicht früher gekommen, als er noch lebte? Oder ist es nur das Geld, das sie hierher zieht?“

Scharf stieß er die Frage hervor, und sie war zu schockiert, um sofort zu antworten. Dann wandte er sich abrupt ab und verließ den Raum.

Zitternd stand Shelley im Halbdunkel. Nun kannte sie die Ursache für seine Verachtung. Sie hätte alles dafür gegeben, sofort wieder abreisen zu können und nie mehr zurückzukehren. Aber sie schuldete es ihrem Vater, nicht davonzulaufen. Aus der Sicht ihres Stiefbruders waren die Vorwürfe sogar verständlich. Doch warum macht er sich nicht die Mühe, mich kennenzulernen, bevor er mich verurteilt?

Sie war nach Portugal gekommen, um mehr über ihren Vater zu erfahren. Und sie würde sich nicht von diesem eingebildeten, hochnäsigen Kerl davon abbringen lassen. In Kürze würde sie Gelegenheit bekommen, ihm und seiner Familie zu erklären, dass sie nicht aus Habgier hier war.

Erschrocken zuckte Shelley zusammen. Sie hatte nicht gehört, dass eine junge Frau in den Flur getreten war.

„Ich bin Luisa“, sagte die Bedienstete mit einem entzückenden Akzent. „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer, sim … ja?

„Ja, bitte.“

2. KAPITEL

Shelley hatte keineswegs vorgehabt, das Abendessen zu boykottieren. Sie hatte sich nur kurz ausruhen wollen und war dann in einen langen, unruhigen Schlaf gefallen. Als sie schließlich erwachte, war es bereits nach zehn Uhr. Mit der Erinnerung an den bisherigen Tagesverlauf überkam sie eine lähmende Niedergeschlagenheit.

Voller Erwartungen und romantischer Vorstellungen hatte sie sich auf den Weg nach Portugal gemacht. Nun wurde ihr klar, wie naiv sie gewesen war. Wenn sie geglaubt hatte, herzliche Aufnahme in einer Großfamilie zu finden, so war sie nun eines Besseren belehrt worden.

Ihr ganzes Leben hatte sie sich gewünscht, eine Familie zu haben. Nun wusste sie, dass sich ihr Wunsch nicht erfüllen würde. Selbst wenn sie das Missverständnis über den Grund ihres Besuchs aufklären konnte, so gebot ihr doch der Stolz, abzureisen.

Auch entsprach Jaime überhaupt nicht ihren Vorstellungen von einem Stiefbruder. Sie konnte sich unmöglich ein geschwisterliches Verhältnis zu ihm vorstellen. Dazu war sie sich seiner sexuellen Ausstrahlung, von der sie sich magnetisch angezogen fühlte, viel zu stark bewusst. Unversehens tauchte in ihrer Erinnerung der verächtliche Blick auf, den er ihr zugeworfen hatte, und ein Schauer überlief sie.

Vor dem offenen Fenster zirpten die Grillen, und die Vorhänge bauschten sich in der warmen Abendluft. Alles erinnerte sie daran, dass sie sich in einem fremden Land befand. Inzwischen war sie durstig geworden und viel zu wach, um wieder einzuschlafen. Ihre Koffer standen ordentlich aufgereiht auf einer langen, niedrigen Truhe. Anscheinend hatte jemand sie ausgepackt, während sie schlief. Sie ging zum Kleiderschrank, öffnete ihn und nahm ein figurnah geschnittenes Baumwollkleid heraus.

Ohne Schwierigkeiten fand sie den Weg über das Treppenhaus zurück in die Eingangshalle. Ratlos überlegte sie, wo die Küche sein mochte. Beim Aufwachen hatte sie bereits Durst verspürt, inzwischen war ihre Kehle rau und trocken.

Lange hatte sie sich nicht mehr so unsicher und verletzlich gefühlt. Während der vielen Jahre, die sie bei verschiedenen Pflegefamilien verbracht hatte, war es ihr zur zweiten Natur geworden, einen Schutzwall gegen unbeabsichtigte Kränkungen aufzubauen. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen, dachte sie. Gleichwohl war sie in diesem Moment den Tränen nah.

Das Geräusch einer Tür, die laut geöffnet wurde, ließ sie erschreckt zusammenfahren. Ihr Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an, als sie ihren Gastgeber auf sich zukommen sah.

„Haben Sie sich doch noch entschlossen, uns mit ihrer Anwesenheit zu beehren? Schade, dass Sie nicht zum Abendessen erschienen sind.“

Die Verachtung in seiner Stimme ließ sie ihren Vorsatz vergessen, sich nicht von ihm provozieren zu lassen. Mit einer Direktheit, über die sie selbst erschrak, erwiderte sie: „Und warum sollte ich? Sie wissen doch so genau, warum ich hier bin. Das haben Sie mir schließlich sofort nach meiner Ankunft mitgeteilt. Unter diesen Umständen können wir auf ein gemeinsames Abendessen mit Small Talk sicher verzichten.“

Sie sah, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Röte stieg ihm ins Gesicht, vermutlich eher aus Zorn als Verlegenheit, und seine Augen glühten vor unterdrückter Wut. Vermutlich hat der Seitenhieb über den Empfang, den er mir bereitet hat, gesessen.

Von ihrem Erfolg ermutigt, fuhr sie mit sanfter Stimme fort: „Sie sind ein sehr kluger Mann, wenn Sie meine Motive so genau analysieren können, ohne mich näher kennengelernt zu haben.“

Er hatte sich nun wieder unter Kontrolle und antwortete mit schneidender Stimme: „Sie überschätzen mich leider. In diesem Fall braucht es keine besondere Intelligenz, die Fakten sind so eindeutig: eine Tochter, die sich weigert, Ihren Vater zu besuchen, und sich erst blicken lässt, wenn er tot ist und sie erbt. Nicht einmal dann wären Sie persönlich gekommen, wenn ich nicht darauf bestanden hätte. Warum haben Sie nie versucht, ihren Vater zu finden? Ich kann noch verstehen, dass der Einfluss Ihrer Großmutter sehr groß war. Aufgrund der Nachforschungen der Anwälte habe ich allerdings erfahren, dass Sie vierzehn waren, als sie verstarb. Wollten Sie Ihren Vater nicht kennenlernen? Hatten Sie nie Sehnsucht nach ihm?“

Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam. Es war offensichtlich, dass Jaime die Wahrheit nicht kannte. Er wusste nicht, dass ihre Großmutter sie in dem Glauben großgezogen hatte, dass ihr Vater tot sei. Der Stolz, mit dem sie so viele Situationen in ihrer Kindheit ertragen hatte, ließ es auch jetzt nicht zu, dass sie diesen Mann um Verständnis oder Mitgefühl bat.

So sagte sie nur: „Sollte ich denn?“

Die Verachtung in seinem Gesicht stachelte ihren Zorn weiter an, und sie fuhr fort: „Und mit welchem Recht verurteilen Sie mich? Sie wissen gar nichts, weder über mich noch über den Grund, warum ich hier bin. In Ihrer Arroganz fällen Sie ein Urteil, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, die Wahrheit herauszufinden.“ Ihre Augen blitzten dunkel in ihrem fast weißen Gesicht. Der Wutausbruch hatte sie ihrer letzten Reserven beraubt. Zitternd erkannte sie, dass sie diesem Mann weder körperlich noch nervlich gewachsen war.

„Ich bleibe keine Minute länger hier!“ Ihre Stimme war lauter geworden, und sie spürte, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. „Ich reise auf der Stelle ab.“

Abrupt drehte sie sich um, der Durst war vergessen, der Wunsch, diesen Ort unverzüglich zu verlassen, war übermächtig geworden. Doch ein fester Griff verhinderte ihre Flucht.

„Bleiben Sie stehen!“

Ein Ruck fuhr durch ihren Körper, und sie drehte sich voller Verachtung zu Jaime um, als plötzlich die Tür hinter ihm aufging und eine Frau erschien.

„Jaime, was ist los?“

Sie sprach englisch, aber Shelley hätte auch so auf den ersten Blick erkannt, dass die blonde Frau keine Portugiesin war.

Das ist also die Frau meines Vaters … meine Stiefmutter. Als sie in das zarte Gesicht sah, erkannte sie sofort den Schmerz und die tiefe Trauer darin. Ja, diese Frau hatte ihren Vater geliebt. Shelleys Herz zog sich zusammen, als sie den traurigen Blick der Frau sah, die zuerst sie und dann Jaime anblickte.

„Miss Howard will uns anscheinend schon wieder verlassen“, sagte Jaime kurz. „Ich versuche gerade, ihr klarzumachen, dass dies nicht ratsam ist. Zum einen gibt es im Dorf kein Hotel und keinen Gasthof, zum anderen kommt der Anwalt morgen, um das Testament ihres Vaters mit ihr zu besprechen.“

Ihre Stiefmutter war nun zum ersten Mal gezwungen, Shelley direkt anzusehen.

„Sie sind also Philips Tochter. Ihr Vater …“ Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wandte den Blick ab. Jaime ließ Shelleys Arm los und ging zu seiner Mutter. Seine offensichtliche Sorge um sie stand in so scharfem Kontrast zu der Art, wie er Shelley behandelte, dass ihre Wut auf ihn noch weiter zunahm.

Fast wäre es aus ihr herausgeplatzt: Wie unfair man sie behandelte, dass sie nichts von ihrem Vater gewusst und ebenfalls gelitten hatte. Doch Vorsicht und Zurückhaltung waren ihr zur zweiten Natur geworden, und so schwieg sie. Diesem Mann gegenüber würde sie sich keine Blöße geben. Wenn sie Schwäche zeigte, so würde er triumphieren. Natürlich würde er seine Freude unter dem Mantel der Höflichkeit verbergen, aber in seinem Inneren würde er seinen Sieg auskosten.

Erneut ging die Tür auf, und ein junges Mädchen kam herein. Sie schien weniger abweisend als Jaime zu sein, auch wenn sie ihm ähnlich sah – die gleichen dunklen Haare und der leicht gebräunte Teint. Das musste ihre Stiefschwester sein.

Jaime sagte etwas auf Portugiesisch zu ihr, woraufhin die junge Frau Shelley einen kurzen Blick zuwarf, dann ihre Mutter sanft am Arm nahm und hinausführte.

„Ich kann Ihnen nur dringend davon abraten, heute Abend noch abzureisen“, wandte er sich nun wieder Shelley zu. „Natürlich kann ich Sie nicht zwingen, hierzubleiben, aber wie ich vorhin schon erwähnte, kommt der Anwalt morgen. Er hat einiges mit Ihnen zu besprechen.“

„Und ich habe einiges mit ihm zu besprechen“, brach es aus ihr heraus. „Gut, Excelentíssimo“, der Sarkasmus war nicht zu überhören, „dann bleibe ich bis nach dem Gespräch. Und glauben Sie mir, ich nehme Ihre Einladung ebenso ungern an, wie Sie sie aussprechen.“

Bevor er etwas erwidern konnte, machte sie auf dem Absatz kehrt und ging die Treppe hinauf. Sie war noch immer durstig, hätte ihn aber niemals auch nur um ein Glas Wasser gebeten. Wie sie ihn hasste! Als sie ihr Zimmer betrat, bemerkte sie, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte und ihre Nägel Abdrücke in den Handflächen hinterließen.

Sie hatte sich gerade hingelegt, als sie ein kurzes Klopfen an der Tür vernahm. Erschreckt setzte sie sich auf und straffte die Schultern, als die Tür aufging und ihr Stiefbruder ein Tablett mit Tee und Sandwiches hereintrug. Damit hatte sie nicht gerechnet, und ihr Herz klopfte schneller, als er sich ihr näherte und das Tablett neben ihr abstellte.

Als spürte er ihr Erschrecken, sagte er spöttisch: „Auch wenn Sie hier vielleicht nicht willkommen sind, so ist es doch nicht unsere Art, Gäste einfach verhungern zu lassen.“

Der Gedanke an eine Tasse Tee war verlockend. Dennoch kam ihr nur ein kurzes „Dankeschön“ über die Lippen. Sie war viel zu erregt, um sich mit mehr als einem Wort für sein zuvorkommendes Verhalten zu bedanken. Dass er ihr nach diesem Streit überhaupt etwas zu essen und zu trinken brachte, machte sie fassungslos. Aber vielleicht sind Südländer solche lautstarken Auseinandersetzungen eher gewohnt als ich, ging es ihr durch den Kopf. Dabei war er ihr bei ihrer ersten Begegnung gar nicht aufbrausend erschienen, ganz im Gegenteil. Sie hatte ihn für einen kühlen und beherrschten Mann gehalten.

„Meine Mutter bittet um Entschuldigung dafür, Sie nicht persönlich begrüßt zu haben. Ihnen ist sicher aufgefallen, dass sie in keiner sehr guten Verfassung ist. Sie trauert noch sehr.“

„Anders als ich, meinen Sie.“

Da war sie wieder, die Verachtung in seinem glühenden Blick, als er seine Hände auf ihrem Bett abstützte und sich über sie beugte.

„Das haben Sie gesagt.“ Unverfroren fuhr er fort: „Aber da Sie es nun ausgesprochen haben, kann ich mir wohl die Bemerkung erlauben, dass ich es in der Tat schockierend finde, wie wenig der Tod Ihres Vaters Sie zu berühren scheint.“

Nun wäre der passende Moment gewesen, ihm zu erzählen, wie viele Tränen sie in den vergangenen Jahren über den Verlust vergossen hatte. Wie groß ihre Verzweiflung war, als sie die Wahrheit erfuhr. Doch sie brachte es nicht über sich, ihm ihr Herz auszuschütten und Trost zu suchen. Im Gegensatz zu seiner Mutter hatte sie niemanden, der ihr beistand, keine männliche Schulter, an die sie sich lehnen konnte. So sagte sie nur spöttisch: „Es überrascht mich, dass mein Verhalten Sie schockiert. Für Sie bin ich doch ein Niemand.“

„Das stimmt nicht!“

Sie hielt den Atem an, und ihr Herz begann unkontrolliert zu rasen. Wollte er damit andeuten, dass er etwas in ihr sah, sie womöglich begehrenswert fand? Das konnte nicht sein. Unvermittelt wurde ihr bewusst, dass sie im Nachthemd vor ihm saß, auch wenn es ein schlichtes aus Baumwolle und nicht im Geringsten sexy war. Und für den Bruchteil einer Sekunde stellte sie sich vor, wie es wäre, in seinen starken Armen zu liegen und von seinen männlichen, provozierenden Lippen liebkost zu werden. Die Macht dieser Vorstellung raubte ihr erneut den Atem.

Als hätte Jaime ganz ähnliche Gedanken, hob er die Hand und strich ihr über das Gesicht. Die Berührung ließ ihre Haut erglühen, und sie zuckte erschrocken zurück, was das Feuer in seinen Augen erneut auflodern ließ.

„Spüren Sie es auch?“, fragte er mit gesenkter Stimme. „Ja, die Natur spielt uns manchmal Streiche, nicht wahr? Als Stiefsohn Ihres Vaters kann ich Ihre Haltung ihm gegenüber nur verachten. Als Mann erregt mich Ihr Temperament, und ich stelle mir vor, wie es wäre, das Feuer, mit dem Sie mir begegnen, noch weiter anzuheizen. Ja, die Lust löscht alle anderen Gedanken aus. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde vermeiden, dass wir beide diesem unangemessenen Verlangen nachgeben.“

Begehrt er mich wirklich? Das kann nicht sein. Sicher will er mich nur einschüchtern.

Wortlos sah Shelley zu, wie er aufstand und zur Tür ging. Tausend Dinge lagen ihr auf der Zunge. Vor allem wollte sie ihm sagen, dass sie keinerlei Verlangen nach ihm verspürte. Doch die Worte kamen ihr nicht über die Lippen.

Kein Wunder, dass sie schlecht geschlafen hatte. Unglücklich betrachtete Shelley ihr müdes Gesicht im Spiegel und überlegte, was sie am besten zu der Besprechung mit dem Anwalt anziehen sollte. Sommerlich, aber nicht zu leger – Kleider machen Leute, das hatte sie im Geschäftsleben gelernt. Zu Hause hätte sie nicht lange überlegen müssen. Eines ihrer eleganten Kostüme oder ein gut sitzender Hosenanzug wären die perfekte Wahl gewesen. Doch sie hatte keine Bürokleidung mitgebracht.

Ein Fehler, wie sie nun wusste, nachdem sie ihren anmaßenden Stiefbruder kennengelernt hatte. Hätte sie bei ihrer ersten Begegnung nicht Jeans und ein lässiges Top getragen, würde er nie gewagt haben, sie so unverschämt anzusprechen und sich dann auch noch an sie heranzumachen.

Beim Auftragen des Lidschattens zitterte ihre Hand leicht, und Shelley schimpfte leise vor sich hin. Doch mit dem Morgenlicht war auch ihr Selbstvertrauen zurückgekehrt. Sie konnte kaum noch nachvollziehen, wie es zu der Szene am Vorabend hatte kommen können. Genau betrachtet war es verständlich, dass die zweite Familie ihres Vaters sie nicht mit offenen Armen empfing. Und wenn Jaime ihr Habgier vorwarf, so setzte er sich damit nur dem Verdacht aus, ebenfalls nicht ganz uneigennützig zu sein. Denn das ihr zugedachte Vermächtnis ging natürlich von seinem eigenen Erbteil ab.

Sie konnte es kaum glauben, dass er ihr wirklich einige kleine Erinnerungsstücke an ihren Vater neiden sollte. Andererseits waren gerade die Reichen oft erstaunlich geizig. Vermutlich waren auch seine aufreizenden Worte nur Taktik, um sie einzuschüchtern. Ein attraktiver Mann wie er wusste um seine sexuelle Wirkung und setzte sie gezielt ein, da war sie sich sicher. Wahrscheinlich machte es ihm sogar Spaß, sie zum Narren zu halten. Hält er mich wirklich für so dumm, seine Verachtung nicht zu bemerken?

Ein Klopfen an der Tür ließ sie erschreckt zusammenfahren. Das Hausmädchen kam herein und wollte das Frühstückstablett holen, das es zuvor gebracht hatte.

„Der Conde lässt Ihnen ausrichten, dass Senhor Armandes in einer halben Stunde hier sein wird.“

Shelley wartete, bis die Bedienstete den Raum verlassen hatte, und beendete dann ihre Morgentoilette. Ihr Schlafzimmer besaß zwei große Fenster, von denen eines auf die Weinberge hinausging und das andere auf einen großen Innenhof. Sie hätte auch auf dem Balkon über dem Patio frühstücken können, war aber lieber in ihrem Zimmer geblieben. Sie hatte nicht die Absicht, sich den Blicken ihres Stiefbruders auszusetzen, der anscheinend dort sein Frühstück einnahm, wie ihr der im Hof gedeckte Tisch verraten hatte.

Man hatte sie nicht eingeladen, am Familienfrühstück teilzunehmen. Doch sie beschloss, sich davon nicht kränken zu lassen. Wenn man ihr mit derart unberechtigten Vorurteilen begegnete, dann konnte sie ebenfalls auf die Gesellschaft dieser Menschen verzichten.

Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie bis zur Ankunft des Anwalts noch eine Viertelstunde Zeit hatte. Sie würde so lange in ihrem Zimmer warten und nach der Unterredung schnellstmöglich abreisen. Ihre Sachen hatte sie schon gepackt. In den frühen Morgenstunden war sie bereits aufgewacht und hatte nicht mehr einschlafen können. Also war sie aufgestanden, bevor Luisa mit dem Frühstückstablett erschien, und hatte ihre Kleider, die das Hausmädchen am Abend zuvor so sorgfältig aufgehängt hatte, wieder im Koffer verstaut.

Sie wollte sich nicht länger darüber ärgern, keine passende Bürokleidung eingepackt zu haben. Immerhin hatte sie ein schickes Leinenkostüm mitgebracht. Das würde es tun, auch wenn ihr das helle Türkis für den Anlass nicht ganz angemessen erschien. Dabei übersah sie völlig, wie gut ihre Figur in dem schmal geschnittenen Rock zur Geltung kam.

Nach einem erneuten Blick auf ihre Armbanduhr überprüfte sie ein letztes Mal, ob sich auch wirklich alles im Koffer befand. Dann vernahm sie ein höfliches Klopfen an der Tür.

„Der Anwalt ist da“, informierte Luisa sie schüchtern, als Shelley die Tür öffnete.

Sie bemerkte, wie das Hausmädchen an ihr vorbei ins Zimmer blickte und beim Anblick der gepackten Koffer kurz zusammenzuckte.

„Ich reise noch heute ab. Danke für alles.“

Vermutlich war es nicht angebracht, ein Trinkgeld zu geben. Ein kürzlich gekauftes, noch ungeöffnetes Parfüm konnte sie aber sicher als Geschenk für die junge Frau zurücklassen, die sie nun mit großen Augen ansah. Anscheinend hatte sie erwartet, dass Shelley wesentlich länger blieb.

„Könnten Sie mir zeigen, wo die Besprechung stattfindet?“

Luisa hatte sich schnell wieder gefasst und antwortete: „Der Anwalt ist im Arbeitszimmer des Conde. Ich bringe Sie hin.“

Während sie dem Hausmädchen folgte, bemerkte Shelley, dass es in dem weitläufigen Gebäude mehr als ein Treppenhaus gab, und sie erinnerte sich daran, dass man für die verschiedenen Generationen immer wieder angebaut hatte.

Schließlich gingen sie eine Treppe hinab, die in einer eleganten Halle endete, von der drei Türen abgingen. An einer davon klopfte Luisa kurz an, trat dann zurück und bedeutete Shelley einzutreten.

Der mit schweren dunklen Möbeln eingerichtete Raum wirkte auf den ersten Blick düster und einschüchternd. Nachdem sich ihre Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten, erkannte sie jedoch die Schönheit der einzelnen Einrichtungsgegenstände. Eine Terrassentür führte auf einen kleinen privaten Innenhof. Dieser Patio ist offensichtlich dem Hausherrn vorbehalten, dachte sie spöttisch und wandte sich den Anwesenden zu.

Außer ihr befanden sich nur Jaime und ein weiterer Mann im Raum, von dem sie annahm, dass es sich um den Anwalt handelte.

Es überraschte sie nicht sonderlich, dass ihre Stiefmutter und ihre Stiefschwester nicht anwesend waren. Was würde mein Vater wohl dazu sagen, ging es ihr durch den Kopf. Anscheinend hat man beschlossen, kurzen Prozess mit mir zu machen.

„Ah, Shelley, darf ich Ihnen Senhor Armandes vorstellen. Er wird Ihnen das Testament Ihres Vaters erläutern … soweit es Sie betrifft.“ Dann fügte er dem Anwalt zugewandt einige Worte auf Portugiesisch hinzu, woraufhin der Shelley die Hand schüttelte.

Wut stieg in ihr auf. Sollte ihr Stiefbruder doch auf seinen Vorurteilen ihr gegenüber beharren. Dem Anwalt würde sie jedenfalls unverzüglich reinen Wein einschenken.

Die Tür hatte sich kaum hinter Jaime geschlossen, als sie bereits mit einem Redeschwall loslegte.

„Bitte, setzen wir uns doch zuerst“, unterbrach Senhor Armandes sie sanft.

Widerwillig nahm sie Platz und wartete, bis er sich ebenfalls niedergelassen hatte. Dann brach es aus ihr heraus: „Bevor Sie mir irgendetwas zum Testament meines Vaters erklären, möchte ich klipp und klar sagen, dass ich keinerlei Ansprüche erhebe. Egal, was er mir vermacht hat, ich werde es nicht annehmen. Es genügt mir, zu wissen, dass ich einen Platz in seinem Herzen hatte. Mehr will ich nicht.“ Die Emotionen, die sich seit ihrer Ankunft angestaut hatten, überwältigten sie, die Stimme drohte ihr zu versagen, und Tränen schossen ihr in die Augen.

Dennoch fuhr sie entschlossen fort: „Ich weiß, dass man hier anscheinend der Ansicht ist, ich habe meinen Vater absichtlich nicht besucht. Aber das stimmt nicht.“

Etwas gefasster schilderte sie nun die tragischen Umstände. Sie erzählte dem Anwalt vom Unfall ihres Vaters und wie sie geglaubt hatte, er sei dabei ums Leben gekommen. Ein-, zweimal schien er sie unterbrechen zu wollen, und sie sah den Ausdruck von tiefem Mitgefühl in seinen Augen.

„Sie brauchen kein Mitleid mit mir zu haben. Ich bin froh darüber, dass mein Vater an mich gedacht hat. Mehr kann ich nicht erwarten.“ Sie biss sich auf die Lippe und fügte leise hinzu: „Sie können sich nicht vorstellen, wie traurig ich darüber bin, die Wahrheit nicht eher erfahren zu haben. Ich bin so oft umgezogen. Er konnte mich nicht finden. Es war der reine Zufall, dass ich die Anzeige in der Zeitung gelesen habe.“

„Was für eine Tragödie.“ Der Anwalt seufzte kopfschüttelnd. „Ihr Vater …“ Wieder schüttelte er den Kopf und fuhr lächelnd fort: „Wenn er Sie kennengelernt hätte, dann hätte er Sie noch mehr geliebt. Da bin ich mir ganz sicher. In seinen letzten Jahren hat er alles darangesetzt, Sie zu finden. Aber es sollte wohl nicht sein.“

So einfach komme ich leider nicht darüber hinweg, dachte sie bedrückt.

Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr sagte sie: „Es tut mir leid, dass ich so viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen habe.“

Sie wollte aufstehen, doch der Anwalt bedeutete ihr, zu warten.

„Bitte bleiben Sie noch einen Moment sitzen. Ich habe Verständnis für Ihren Standpunkt, aber Sie sollten sich nicht von Ihren Gefühlen leiten lassen und etwas Wertvolles einfach ausschlagen.“ Er sah sie beschwörend an. „Wissen Sie, ich bin seit vielen Jahren mit den Angelegenheiten der Familie Hilvares betraut. Die einzelnen Familienmitglieder stehen mir nahe. Und ich habe miterlebt, wie Ihr Vater sich bemühte, Sie zu finden. Es heißt, wenn man alles weiß, kann man auch alles verstehen. Deshalb möchte ich Sie um etwas Geduld bitten, denn ich würde Ihnen gerne die Geschichte der Familie erzählen.“

Was blieb ihr anderes übrig? Nach diesen Worten konnte sie schlecht den Raum verlassen. Also lehnte sie sich leise seufzend wieder zurück.

Am liebsten hätte sie dem Anwalt erklärt, dass sie sogar ein gewisses Verständnis für Jaimes vorschnelles Urteil aufbrachte. Sie floh nicht vor seiner Abneigung, sondern vor ihrer eigenen Reaktion auf ihn. Noch nie hatte ein Mann sie derart erregt, und das beunruhigte sie. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie gehen musste, solange sie noch einigermaßen klar denken konnte.

Stattdessen sitze ich nun hier und soll mir Jaimes Familiengeschichte anhören. Das wird sicher ewig dauern.

„Die Condessa lernte Ihren Vater in einer schwierigen Phase ihres Lebens kennen“, begann er. „Ihr Ehemann, der Vater von Jaime und Carlota, war beim Polospielen ums Leben gekommen. Da er ausschweifend gelebt und sich finanziell verspekuliert hatte, stand seine Frau nach seinem Tod kurz vor dem Ruin.“ Der Anwalt blickte gedankenverloren vor sich hin, als sähe er die alten Zeiten wieder vor sich. „Sie beschloss, den Landsitz und ihr Haus in Lissabon zu verkaufen und mit den Kindern in eine kleine Villa am Meer zu ziehen, die ebenfalls der Familie gehörte. Für das Haus in der Stadt fand sich rasch ein Käufer. Aber die quinta mit den vernachlässigten Weinbergen, die war nicht so leicht zu verkaufen. Der verstorbene Conde hatte sich nie um sein Land gekümmert.“

Shelley glaubte, einen missbilligenden Unterton in seiner Stimme zu hören.

„Also zog die Condessa mit ihren Kindern ans Meer. Kurz darauf lernte sie Ihren Vater kennen. Ich habe die beiden miteinander bekannt gemacht, denn er war auch ein Klient von mir. Er hatte ein gutes Gespür für Geldanlagen. Manche sagen, es war Glück. Aber es gehört mehr als Glück dazu, um an der Börse ein Vermögen zu machen.

Als ich ihn der Condessa vorstellte, war Ihr Vater bereits ein wohlhabender Mann. Doch seine ganze Liebe galt nach wie vor der Malerei. Sie wissen sicher, dass er Maler war, oder? Er wollte die Villa am Meer malen, und ich glaube, damals begann die Romanze zwischen den beiden.

Ihr Vater riet der Condessa vom Verkauf der quinta ab, und er begeisterte Jaime für das Gut und den Weinbau. Sie haben sicher schon bemerkt, wie sehr Jaime seinen Stiefvater verehrte. Nur mit seiner finanziellen Unterstützung gelang es, das Weingut wieder profitabel zu machen.

Vor der Hochzeit kaufte Ihr Vater der Condessa die Villa ab. Dieses Haus am Meer hinterließ er Ihnen. Außerdem erhalten Sie einen kleinen Anteil vom Gewinn aus dem Weinbau. Sie brauchen keine Bedenken zu haben, wenn Sie die Erbschaft annehmen. Ihre Stiefmutter und ihre Kinder sind sehr gut versorgt.“

„Und dennoch ist mein Stiefbruder verärgert.“ Shelley hatte leise zu sich selbst gesprochen, doch der Anwalt hatte ihre Worte verstanden. „Ich glaube nicht, dass der Conde wegen der Hinterlassenschaft verärgert ist“, sagte er ruhig. „Er ist aufgebracht, weil er die Wahrheit nicht kennt. Wie wir alle glaubte er, dass Sie Ihren Vater nicht sehen wollten. Wir wussten ja nicht, dass Sie ihn für tot hielten. Wenn der Conde erst die volle Wahrheit weiß …“

„Nein!“ Als sie die überraschte Miene des Anwalts sah, beeilte sie sich, dem Ausruf mit einem Lächeln etwas von seiner Schärfe zu nehmen.

„Ich möchte noch nicht mit dem … mit meinem Stiefbruder darüber reden. Ich brauche etwas Zeit, um all das, was Sie mir eben mitgeteilt haben, zu überdenken. Trotz allem bin ich noch immer der Meinung, dass die Villa das rechtmäßige Eigentum der Condessa ist.“

„Nein. Sie ist Ihr rechtmäßiges Eigentum“, korrigierte er sie. „Ich bewundere Ihren Großmut. Doch Sie sollten auch an die Zukunft denken, Miss Howard. Sie wissen nicht, was das Leben für Sie bereithält.“

„Ich will sie nicht haben.“ Shelley konnte stur sein. Sie war froh, von ihrem Vater bedacht worden zu sein. Es machte sie glücklich, dass er in Gedanken bei ihr gewesen war. Doch mehr erwartete sie nicht.

Auch wenn sie nun die Gründe dafür kannte, schmerzte sie die Zurückweisung durch seine Familie noch immer. Es war ihr Stolz, der sie daran hinderte, Jaime den wahren Sachverhalt darzulegen. Er hatte ihren Vater verehrt, gut, dennoch konnte sie ihm nicht verzeihen. Er hatte ihren Vater all die Jahre um sich gehabt, seine Unterstützung erfahren, während sie …

„Es ist Ihnen sicher bekannt, dass die Condessa Engländerin ist“, fuhr der Anwalt fort. „Zumindest väterlicherseits, ihre Mutter war Portugiesin. Sie kehrte hierher zurück, nachdem ihr Mann im letzten Krieg gefallen war. Jaime ist seiner Mutter sehr viel ähnlicher als seinem Vater. Er hat sich nie gut mit Carlos verstanden, und seine Kindheit war sehr unglücklich. Sie beide haben viel gemeinsam, auch wenn Ihnen das noch nicht bewusst ist.“

An diesem Punkt wurde er von einer Hausangestellten unterbrochen, die ein Tablett mit drei Tassen Kaffee hereinbrachte. Als Jaime hinter ihr durch die Tür kam, stand Shelley auf und entschuldigte sich. Sie bemerkte seine gerunzelte Stirn, er machte jedoch keine Anstalten, sie zurückzuhalten.

Nach dem Gespräch mit dem Anwalt gab es für sie nichts mehr zu tun. Ihr Gepäck stand noch auf dem Zimmer, und sie ging unverzüglich nach oben, um es zu holen. Auch den Wagen fand sie problemlos, nachdem sie den alten Mann, der im Garten arbeitete, danach gefragt hatte.

Man hatte ihn neben den Pferdeställen geparkt. Normalerweise hätte sie sich die Zeit genommen, um die schönen Tiere zu bewundern und ihnen über das samtige Fell zu streicheln. In diesem Moment hatte sie jedoch keinen Blick dafür.

Noch vor zwei Tagen wäre es für sie unvorstellbar gewesen, abzureisen, ohne sich bei ihren Gastgebern zu verabschieden. Inzwischen wusste sie, dass man froh sein würde, sie loszuwerden. Unvermittelt brach ein Gefühl von Verlassenheit wie eine Welle über sie herein. Reiß dich zusammen, du bist doch kein Kind mehr, dachte sie beschämt.

Der Wagen sprang sofort an, und sie verließ das Anwesen, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Nach etwa dreißig Kilometern kam sie zu der ihr bekannten Gabelung und nahm die Abzweigung zur Küste hinab.

Auch wenn sie das Vermächtnis ihres Vaters ausgeschlagen hatte, so wusste sie doch, dass sie die Algarve nicht verlassen konnte, ohne sich die Villa zumindest anzusehen.

Glücklicherweise hatte der Anwalt den Namen der Ortschaft erwähnt. Als Shelley zum Tanken anhielt, warf sie einen Blick auf die Straßenkarte und stellte fest, dass sie ohne Schwierigkeiten bis zum Nachmittag dort sein konnte. Am Meer gab es zahlreiche Hotels, und sie würde sicher ein Zimmer für die Nacht finden, bevor sie am nächsten Morgen die Heimreise antrat.

Eine innere Stimme warnte sie davor, die Villa zu besichtigen, doch sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. Es war die einzige Möglichkeit, mehr über ihren Vater zu erfahren und ein paar Erinnerungen zu sammeln für die einsame Zukunft ohne ihn.

3. KAPITEL

Das Dorf lag am Fuße eines mit Pinien bewachsenen Hügels. Als Shelley den schattigen Wald hinter sich gelassen hatte, führte die Straße um eine scharfe Biegung, und plötzlich bot sich ihr ein atemberaubender Blick. Rot in der Sonne leuchtende Felsklippen ragten aus dem Meer auf, das sich tiefblau unter einem wolkenlosen Himmel erstreckte. Direkt vor ihr lag das Dorf, dessen weiße Hauswände die Sonne reflektierten, sodass sie die Augen zusammenkneifen musste. Zwischen den Häusern wuchsen farbenfroh blühende Oleander- und Hibiskussträuche. Bougainvilleen überzogen die Mauern mit ihrer violetten Blütenpracht.

Kurz darauf erreichte Shelley einen kleinen Platz im Zentrum, wo die Menschen vor dem einzigen Café in der Sonne saßen.

Einige neugierige Blicke folgten ihr, als sie aus dem Wagen stieg und auf das Lokal zuging. Doch sie hatte bereits festgestellt, dass sie überall mit unaufdringlicher Höflichkeit behandelt wurde und die Portugiesen zurückhaltender waren, als man das den Südländern gemeinhin nachsagte.

Sie fand einen freien Platz und setzte sich. Trotz des regen Autoverkehrs und der staubigen Straße waren die Tische und Stühle des Cafés blitzsauber. Sie musste nicht lange warten, bis ein Kellner kam und sie nach ihren Wünschen fragte. Shelley bestellte eine Limonade und erkundigte sich dabei nach der Villa Hilvares. Erleichtert stellte sie fest, dass der Ober gut englisch sprach und ihr den Weg in wenigen Worten erklären konnte. Anscheinend lag das Haus ihres Vaters etwas außerhalb der Ortschaft am Meer.

Die Augen des Kellners hatten bei ihrer Frage neugierig aufgeblitzt, und Shelley nahm an, dass die Familie Hilvares in der Gegend gut bekannt war.

Auch wenn sie Jaime in ihrem Zorn unterstellt hatte, er wolle sich nicht von seinem Besitz trennen, so wusste sie doch, dass sie ihm damit vermutlich unrecht getan hatte. Er war viel zu stolz, um sich von derart niedrigen Instinkten leiten zu lassen. Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte. Sie hatte den Anwalt bereits angewiesen, eine Schenkungsurkunde aufzusetzen. Auch die Einnahmen aus dem Weinbau, die ihr laut Testament zustanden, sollten bei Jaime und seiner Familie verbleiben. Der Anwalt würde alles vorbereiten und die Unterlagen dann an ihren Rechtsbeistand in London schicken, wo sie schneller als geplant wieder eintreffen würde. Dabei war sie so voller Erwartungen nach Portugal gereist. Wie lächerlich meine Träume doch waren, schalt sie sich. Hätte sie in Ruhe über alles nachgedacht, wäre ihr klar geworden, dass man sie hier nicht mit offenen Armen empfangen würde.

Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her und versuchte, Jaime aus ihren Gedanken zu verbannen. Am Nachbartisch bestellte jemand ein Sandwich, und ihr fiel plötzlich ein, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Es dauerte eine Weile, bis es ihr gelang, den Ober auf sich aufmerksam zu machen. Doch als er die Bestellung schließlich brachte, war der Kaffee heiß und belebend und das Schinkenbrötchen lecker und frisch zubereitet.

Um sechs Uhr kehrte sie zu ihrem Wagen zurück und machte sich auf die Suche nach der Villa. Die Wegbeschreibung war eindeutig gewesen, und sie fand das Haus ohne Schwierigkeiten. Es lag am Ende eines schmalen, nicht asphaltierten Wegs auf einem Hügel und überblickte das Meer.

Ein Feigenbaum mit großen grünen Blättern und reifen Früchten stand direkt neben einem großen, halbrunden Holztor, das ihr den Eintritt verwehrte. Ich hätte mir doch denken können, dass ich nicht hineinkomme, dachte sie frustriert. Hier vor dem Eingang werde ich nichts finden, was mir Aufschluss über meinen Vater gibt.

Sie trat einige Schritte zurück und betrachtete das Gebäude. Wie die quinta war es im maurischen Stil gebaut. Die dunklen Fensterläden waren verschlossen. Nichts, das ihr Aufschluss über ihren Vater gegeben hätte.

Enttäuscht ging sie um das Haus herum zu einem Aussichtspunkt, von dem aus sie den tiefer liegenden Strand überblicken konnte.

Dieser Teil der Algarve war berühmt für seine schönen Sandstrände, und sie sah, dass in einiger Entfernung ein großes Hotel gebaut wurde. Ein seltsames Gefühl überkam sie, als ihr zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, dass sie hier auf ihrem eigenen Grund und Boden stand. Die Strände waren in Portugal alle öffentlich, doch das Grundstück, auf dem die Villa stand, gehörte ihr.

Es ist besser, ich gewöhne mich gar nicht erst an den Gedanken. Schließlich wollte ich mir das Haus nur ansehen und vielleicht einen Blick auf die Bilder meines Vaters werfen. Aber ich werde nicht zurückfahren und den Schlüssel verlangen.

Die Sonne versank langsam im Meer. Bald würde es dunkel sein. Es war besser, zum Wagen zu gehen und in einem der Hotels nach einem Zimmer zu fragen. Doch irgendetwas hielt sie noch zurück. Hier hatte ihr Vater also gelebt. Es gelang ihr nicht, ihn sich vorzustellen. Ich weiß nicht einmal, wie er aussah, dachte sie bitter. Ihre Großmutter hatte nach dem Tod von Shelleys Mutter sogar die Hochzeitsfotos vernichtet.

Es war sinnlos. Sie hätte gar nicht erst den Umweg hierher zum Meer zu machen brauchen. Abrupt wandte sie sich ab und erstarrte, als sie sah, dass sie beobachtet wurde.

„Jaime!“

Ohne es zu wollen, hatte sie seinen Namen ausgerufen. Eine Auseinandersetzung hier an diesem Ort, das hatte ihr gerade noch gefehlt.

„Ich habe gehofft, dich hier anzutreffen.“

Er wirkte verändert, nicht mehr so verächtlich, und als ihre Blicke sich begegneten, sah sie tiefe Reue in seinen Augen.

Während er sprach, war er nähergekommen und stand nun auf Armeslänge vor ihr, machte aber keine Anstalten, sie zu berühren.

„Was soll ich sagen?“ Er zuckte die Schultern. „Warum hast du uns nicht alles erzählt?“ Seine Stimme klang rau und müde. „Wenn wir die Wahrheit gewusst hätten …“

„Dann hättet ihr mich immer noch abgelehnt“, unterbrach sie ihn. „Du warst entschlossen, schlecht von mir zu denken. Auch jetzt geht es dir nicht um meine Gefühle, sondern nur um deinen Stolz. Ich bin dir doch egal. Du denkst nur an deine Ehre.“

„Da irrst du dich. Du bist mir nicht egal. Und ich bin nicht der Einzige, der stolz ist. Du willst uns bestrafen, indem du nicht zulässt, dass wir unseren Fehler wiedergutmachen. Dein Vater war einer der anständigsten Menschen, die ich kannte, und ich habe mich immer glücklich geschätzt, ihn an meiner Seite zu haben. Umso mehr schmerzt es mich, zu erfahren, dass ich damit zu deinem Unglück beigetragen habe; denn du hast ihn all die Jahre entbehren müssen.“

Seine Worte ließen ihre Wut dahinschmelzen, und Tränen traten ihr in die Augen. Schnell wandte sie sich ab.

„Die ganze Zeit hielt ich ihn für tot. Wenn ich doch …“ Sie brach ab und blickte zur Villa hinüber, ohne etwas wahrzunehmen. „Ich habe geglaubt, dass ich hier etwas von ihm finden würde. Ich weiß selbst nicht, was.“ Sie befürchtete, völlig die Fassung zu verlieren. Ich muss hier so schnell wie möglich weg. Die Dämmerung ließ eine beunruhigende Intimität zwischen ihnen entstehen.

„Ich möchte jetzt weiterfahren. Der Anwalt ist über alles informiert. Er wird einen Vertrag aufsetzen, sodass die Villa wieder in den Besitz deiner Familie zurückkehrt. Ich will sie nicht.“

Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und hoffte, den Wagen zu erreichen, ohne völlig die Beherrschung zu verlieren. Seit Jahren hatte sie nicht mehr geweint. Sie weinte nie. Doch das alles war mehr, als sie verkraften konnte.

Erschrocken zuckte sie zurück, als sie seine Hand auf ihrem Arm spürte. Sie wollte ihm ausweichen, doch er verstellte ihr den Weg, nahm ihr Gesicht in seine Hände und bog ihren Kopf zurück, sodass er ihre Augen sah, in denen die Tränen standen.

„Du brauchst deine Tränen vor mir nicht zu verstecken“, sagte er. „Glaubst du, ich hätte nicht um ihn geweint?“

Er nahm sie in die Arme, strich ihr sanft über den Rücken und sprach mit leiser Stimme auf sie ein, während Shelley ihren Schmerz und ihre Trauer zuließ, den Kopf an seine Schulter lehnte und weinte. Wie sehr hatte sie sich nach diesem Gefühl der Geborgenheit gesehnt!

„Komm, wir lassen die Streitigkeiten hinter uns und fangen noch einmal von vorn an. Fahren wir zurück in die quinta. Meine Mutter macht sich große Sorgen um dich. Es ist hier nicht üblich, dass junge Frauen allein in der Dunkelheit unterwegs sind.“

Sie wollte protestieren, fand aber nicht die Kraft dazu.

„Mein Wagen“, erinnerte sie ihn, doch Jaime führte sie bereits von der Villa weg.

„José wird ihn später holen. Und wir kommen morgen wieder. Dann zeige ich dir alles. Wenn du das Haus wirklich nicht behalten willst, kaufe ich es dir zum Marktpreis ab. Nein … sag jetzt nichts. Wir können später darüber reden, wenn du etwas zur Ruhe gekommen bist.“

Er hatte den Arm um sie gelegt und führte sie zu seinem Wagen, der weiter unten am Straßenrand geparkt war.

Sein Verhalten ihr gegenüber hatte sich völlig verändert. Hatte er ihr wirklich am vergangenen Abend zu verstehen gegeben, dass er sie begehrte? Wahrscheinlich war das alles nur gespielt gewesen. Schon bereute sie, sich ihm gegenüber gehen gelassen zu haben, und sie versuchte, sich seinem Arm zu entwinden. Doch er hielt sie weiterhin schützend umfasst. Seine Umarmung war so tröstlich gewesen. Wie passte das zu seinem Verhalten vom Vorabend? Zu der Verachtung, die er ihr entgegengebracht hatte? Aus welchem Grund nahm er sie nun mit zurück? Und warum ließ sie es geschehen?

Sie glaubte, die Antwort zu wissen, als er ihr in den Wagen half und mit dunkler Stimme sagte: „Meine Mutter würde mir nie verzeihen, wenn ich ohne dich nach Hause käme. Als ich mich umhörte und erfuhr, dass niemand im Dorf dich gesehen hatte, nahm ich an, dass du hierher gefahren bist. Ich hoffe, du gibst uns die Gelegenheit, unser unfreundliches Verhalten dir gegenüber wiedergutzumachen. Meine Mutter hat ein sehr schlechtes Gewissen.“

Ist er mir deshalb gefolgt? Aber warum gebe ich ihm nach und fahre mit zurück? Nur so kann ich mehr über meinen Vater erfahren. Das ist der einzige Grund.

Im Landhaus angekommen, bat sie Jaime, nicht am gemeinsamen Abendessen teilnehmen zu müssen. Der Tag hatte ihr zu viel abverlangt, und sie fühlte sich nicht in der Lage, noch am selben Abend ihrer Stiefmutter gegenüberzutreten.

„Luisa wird dir das Essen aufs Zimmer bringen“, versprach Jaime und fügte dann hinzu: „Wenn du Lust hast, können wir morgen zusammen frühstücken. Ich stehe meistens früh auf und reite durch die Weinberge, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Danach gehe ich in mein Arbeitszimmer. Weder meine Mutter noch Carlota sind so früh auf den Beinen.“

Falls Luisa über Shelleys Rückkehr überrascht war, so ließ sie sich nichts anmerken. Mit einem warmen Lächeln brachte sie ihr ein reichlich beladenes Tablett aufs Zimmer und stellte es auf dem Balkontisch ab.

Die cremige Krabbensuppe schmeckte sehr lecker, und als sie den Teller leer gegessen hatte, war sie zu satt, um noch mehr zu sich zu nehmen. Sie naschte nur noch etwas von dem köstlich aussehenden Salat, schob dann die kleinen süßen Törtchen und die Pralinen beiseite und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Hier auf dem Balkon konnte sie die Grillen hören. Die milde Nachtluft trug einen kaum wahrnehmbaren, feinen Duft herbei, den Shelley nicht kannte. Zufrieden und entspannt, fühlte sie sich nun müde genug, um schlafen zu gehen, auch wenn es gerade erst zehn Uhr war.

Niemand hätte rücksichtsvoller und zuvorkommender sein können als Jaime an diesem Abend. Sein arrogantes, zynisches Wesen war vollkommen verschwunden. Hätte sie nicht selbst erlebt, wie hochmütig er sein konnte, sie würde ihn für den aufmerksamsten und verständnisvollsten Mann halten.

Vom Patio drang das Plätschern des Springbrunnens zu ihr empor und noch etwas anderes – Stimmen. Neugierig lehnte sie sich über das Balkongeländer. Unten im Innenhof gingen Jaime und seine Mutter auf und ab.

„Ich bin so froh, dass du sie überreden konntest, zurückzukommen“, vernahm sie die Stimme ihrer Stiefmutter. „Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen. Wenn man sich vorstellt, wie sie gelitten haben muss. Wenn Philip das gewusst hätte …“

Shelley musste schlucken, als sie hörte, wie die Stimme der älteren Frau brach.

„Die Schuld liegt bei mir“, erwiderte Jaime. „Ich habe sie zu schnell verurteilt. Aber mach dir keine Sorgen, wir werden nun immer für sie da sein.“

„Und die Villa? Senhor Armandes hat mir gesagt, sie will sie unter keinen Umständen behalten.“

Weiter konnte Shelley dem Gespräch nicht folgen, da die beiden zurück ins Haus gegangen waren, und so verließ sie seufzend den Balkon. Warum war sie mit Jaime zurückgefahren? Ging es ihr wirklich nur um ihren Vater? Oder war es ihr Stiefbruder, der sie nicht losließ?

Plötzlich fröstelte sie. Bereits vor Jahren hatte sie sich geschworen, der Liebe aus dem Weg zu gehen. Auch von der Ehe hielt sie nichts, da sie sich nicht vorstellen konnte, einem anderen Menschen bedingungslos zu vertrauen. Sie wollte lieber unabhängig sein, sowohl emotional als auch finanziell. Und nun verlor sie auf einmal bei der Erinnerung an Jaimes Umarmung den Kopf?

Er ist mein Stiefbruder, sagte sie sich zum wiederholten Male, als sie sich zum Schlafengehen fertig machte. Mehr nicht. Sie errötete bei dem Gedanken, dass sie an seiner Schulter geweint hatte. Niemand hatte sie je so erlebt, weder ihre Großmutter noch ihre Pflegeeltern, noch ihre Freunde. Dass Jaime sie so hilflos erlebt hatte, machte sie sehr verletzlich, und das gefiel ihr gar nicht.

Ungeduldig und verärgert über sich selbst, suchte sie in ihrem Koffer nach einem frischen Nachthemd und ging ins Bad. Die Ausstattung war etwas altmodisch und die Wanne riesig. Erleichtert, den Tag endlich überstanden zu haben, ließ sie sich in das dampfende Wasser gleiten. Sie wusch sich die Haare und rieb sie anschließend mit einem flauschigen Handtuch halbtrocken.

Ohne Make-up trat die Blässe ihrer Haut noch stärker hervor, und als sie in den Spiegel blickte, verglich sie sich unwillkürlich mit Jaime. Seine attraktive Bräune bildete einen starken Kontrast zu ihrem Teint. Unvermittelt stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie beide nackt auf dem Bett liegen und sich umarmen würden. Sofort verdrängte sie die Bilder. Was ist nur los mit mir? Ich reagiere doch sonst nicht so auf Männer? Die strenge Erziehung durch ihre Großmutter hatte alles Sinnliche in ihr unterdrückt. Nie hatte sie sich beim Anblick eines Mannes erotischen Fantasien hingegeben.

Vierundzwanzig und noch immer Jungfrau. Wie altmodisch. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass Jaime sehr viel erfahrener war.

Warum denke ich schon wieder an ihn? Was geht mich sein Liebesleben an? Er ist mein Stiefbruder und damit basta! Stirnrunzelnd setzte sie sich auf den Badewannenrand und rieb die Haare noch einmal trocken.

Wie alt mochte Jaime wohl sein? Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Wie kam es, dass er noch nicht verheiratet war?

Ihr Föhn befand sich noch im Koffer, und so wickelte sie sich das Handtuch um und ging ins Schlafzimmer. Als sie an dem großen Spiegel vorbeikam, zögerte sie. Das Handtuch war nicht sehr breit und enthüllte mehr, als es verbarg. Zu Hause zog sie nach dem Baden stets einen knöchellangen Morgenmantel an, der ihre langen, wohlgeformten Beine verschwinden ließ. Als sie ihr Haar betrachtete, schüttelte sie den Kopf. Wild und zerzaust fiel es ihr über die Schultern. Leider war hier an einen Friseurbesuch nicht zu denken.

Immerhin hatte sie daran gedacht, einen Adapter einzupacken, sodass sie es nun zumindest föhnen konnte. Später gab sie dem Lärm des Haartrockners die Schuld daran, das Klopfen nicht gehört zu haben.

Als sie aus den Augenwinkeln sah, wie die Tür aufging, dachte sie, es sei Luisa, die das Tablett holen wollte, und föhnte sich weiter.

Als sie ihren Irrtum bemerkte, war Jaime bereits ins Zimmer getreten und hatte die Tür hinter sich geschlossen.

„Meine Mutter möchte sichergehen, dass du alles hast, was du brauchst, deshalb wollte ich noch einmal nach dir sehen.“

Ihr Gesicht war von dem warmen Luftstrom leicht gerötet. Das fast trockene Haar schimmerte seidig und fiel ihr in ungebändigten Locken über die Schulter. Shelley nahm es bei einem schnellen Blick in den Spiegel wahr. Und sie sah außerdem, dass ihr Handtuch verrutscht war und ihr Dekolleté freigab.

Als sie Jaimes Blick bemerkte, zog sie die Schulter abwehrend zusammen und sah ihn zornig an.

„Bei uns ist es nicht üblich, dass sich eine junge Frau einem Mann gegenüber so freizügig zeigt.“

Wut stieg in ihr auf.

„Nur dass du es weißt, ich hatte nicht vor, mich dir so zu zeigen. Du bist einfach zur Tür hereingekommen.“

„Ich habe angeklopft.“

„Und ich habe dich nicht gehört, weil der Föhn lief, sonst hätte ich dir gesagt, du sollst draußen bleiben. Auch wenn du es mir nicht glaubst, es ist nicht meine Art, spärlich bekleidet vor einem Mann herumzulaufen. Ich habe keinen Morgenmantel dabei und konnte wirklich nicht damit rechnen, hier in meinem Zimmer behelligt zu werden. Ich denke, es ist besser, du gehst jetzt wieder.“

Ihr Ausbruch schien ihn zu amüsieren. Statt ihrer Aufforderung Folge zu leisten, lehnte er sich an die Wand und steckte die Hände in die Taschen seiner sehr gut sitzenden hellen Hose.

„Kein Grund zur Aufregung. Es ist dir vielleicht nicht bewusst, aber hier in der Gegend haben die Männer Feuer im Blut. Sie reagieren sehr schnell auf weibliches Entgegenkommen. Ich kann dir versichern, kein Portugiese würde die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, wenn du dich ihm so spärlich bekleidet präsentierst.“

„Dann ist es ja nur gut, dass in deinen Adern ausreichend englisches Blut fließt und du deshalb nicht so leicht verführbar bist.“

Der kalte Blick, den er ihr zuwarf, ließ sie betroffen zurückfahren.

„Wenn du auf meine Worte von gestern Abend anspielst, so kann ich nur sagen, dass es mir leidtut, so mit dir gesprochen zu haben.“

„Du hast mich gar nicht begehrt, stimmt’s? Du wolltest mir nur Angst einjagen.“

Ein unergründlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Angst einjagen?“ Er sah nachdenklich vor sich hin, dann: „Du hast ganz recht, aber ich verspreche dir, du wirst keinen Anlass haben, mich zu fürchten. Jetzt gehe ich besser, bevor meine Mutter nachsieht, warum ich mich so lange hier aufhalte. Auch wenn sie englische Vorfahren hat, würde sie es nicht gutheißen, dass du halb nackt vor mir stehst.“

Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen, bis ihr heiß und kalt wurde. Ein völlig unbekanntes Gefühl glühender Lust stieg in ihr auf. Doch sofort meldete sich eine warnende Stimme. Ich darf mich ihm nicht hingeben, darf weder meinen Körper noch meine Seele preisgeben.

„So wie du mich jetzt ansiehst, könntest du auch eine unserer verschreckten Klosterschülerinnen sein. Keine Sorge, selbst wenn wir keine Blutsverwandte sind, bist du vor mir sicher. Aber du sollst auch wissen, es war der sehnlichste Wunsch deines Vaters, dass wir … Freunde werden.“

„Freunde?“

„Hier an der Algarve besiegeln wir Freundschaften so.“

Er beugte sich vor und küsste sie ganz leicht auf die Lippen. Tausend widerstreitende Gefühle bemächtigten sich ihrer. Sie wollte Jaime wegschieben, aber zu ihrem Erstaunen öffnete sie die Lippen und erwiderte seinen Kuss. Ungekannte Wellen der Lust brachen über sie herein. Nie hatte sie Ähnliches empfunden. Und doch verspürte sie tief in ihrem Inneren, dass sie genau darauf gewartet hatte.

Jaime schien ihr Begehren zu spüren, denn er löste seine Lippen von ihren und flüsterte einige unverständliche Worte. Dann spürte sie seine Hände und einen Lufthauch an ihrem Körper.

Sie bemerkte, dass sie nackt vor ihm stand, und im gleichen Moment fühlte sie, wie er ihr sanft über Bauch und Hüften strich. Sie hatte sich noch nie in einer vergleichbaren Situation befunden, doch ihr Körper antwortete intuitiv auf seine Liebkosungen.

Verlangend küsste er sie erneut und umfasste dabei zart ihre Brüste.

„Shelley!“

Sie öffnete die Augen und sah ihn an. Sein Atem ging rasch, als wäre er gerannt. Die Erregung in seinem Blick wich Bedauern.

„Nein … es darf nicht sein“, murmelte er, hob das Handtuch auf und hüllte sie darin ein. Kurz streifte sein Blick ihren Mund, und der Druck seiner Hände auf ihrer Taille verstärkte sich. Shelley verharrte atemlos. Mit einem kaum hörbaren Seufzer ließ er sie los und trat einen Schritt zurück.

„Schlaf gut“, sagte er leise. „Und vergiss nicht, wir sehen uns morgen beim Frühstück.“

Sie stand regungslos, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte. In wenigen Minuten war ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt worden. Was war mit ihrer Selbstbeherrschung geschehen, auf die sie so stolz war? Mit einem einzigen Kuss hatte Jaime alle Mauern, die sie um sich errichtet hatte, zum Einstürzen gebracht. Eine einzige Berührung seiner Hände hatte ihr gezeigt, dass die Gleichgültigkeit, die sie anderen Männern gegenüber empfand, in seiner Gegenwart einer glühenden Erregung wich. Ein Schauer überlief sie, und sie zog sich ihr Nachthemd über. Morgen früh würde sie sich Gedanken darüber machen, warum er sie geküsst hatte. Nun wollte sie erst einmal schlafen und sich von diesem Tag, der ihr das Äußerste abverlangt hatte, erholen.

4. KAPITEL

In den frühen Morgenstunden erwachte Shelley mühsam aus einem unruhigen Schlaf. Eine schwere Last schien auf ihr zu liegen. Nur langsam kehrte die Erinnerung an den vergangenen Abend zurück und damit auch die Unsicherheit. Unmöglich, dass ein Mann wie Jaime sie begehrte. Und doch … wenn er sie so ansah. Wovor fürchtete sie sich? Gewiss nicht nur vor seinem Verlangen?

Nein, es waren ihre eigenen Gefühle, die sie erschreckten. Ihr ganzes Leben war sie bindungsscheu gewesen, weil sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, zurückgewiesen und verletzt zu werden. Sie hatte sich eingeredet, Männern gegenüber gleichgültig zu sein. Nun wusste sie, sie hatte sich etwas vorgemacht.

Was sie für Jaime empfand, war mehr als eine Jugendliebe, mehr als die sexuellen Fantasien einer jungen unerfahrenen Frau. Aber was genau war es? Sehnsucht? Schmerz? Das alles und noch viel mehr.

Und Jaime wusste davon. Er hatte gespürt, wie sie von ihren Gefühlen für ihn überwältigt wurde. Wie hatte das nur geschehen können?

Sie stand auf, zog sich an und trat auf den Balkon hinaus. Jaime! Kraftvoll schritt er durch den Innenhof und brachte ihr Herz zum Rasen. Er sah nach oben, erblickte sie, und zu ihrem Ärger spürte sie, wie sie errötete.

„Komm runter und lass uns zusammen frühstücken.“

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