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ROMANA EXKLUSIV BAND 242

MICHELLE REID

Aristos – Insel der Entscheidung

Eine sternenklare Nacht, das Rauschen der Wellen und ein einsamer Strand, der zur Liebe geradezu einlädt – alles auf der Insel Aristos weckt in Louisa bittersüße Erinnerungen an ihren Mann! Auch wenn sie sich von dem charmanten Multimillionär Andreas Markonos entfremdet hat, flammt ihre Sehnsucht wieder auf. Aber kann sie ihm wirklich noch vertrauen?

CHANTELLE SHAW

Spanische Hochzeit

Um das Imperium seiner spanischen Familie zu übernehmen, muss der smarte Banker Javier Herrera unbedingt eine Ehefrau vorweisen! Sein Traum wäre die umwerfend schöne Grace. Doch die glaubt nicht an die Aufrichtigkeit seiner Gefühle und gewährt ihm nur eine Scheinehe. Kann Javier sie in seinem Castillo in den Bergen der Sierra Nevada vom Gegenteil überzeugen?

LUCY GORDON

Venedig sehen – und sich verlieben

Die Magie der Lagunenstadt versetzt Ruth in einen wahren Rausch. Seit ihr der zauberhafte Conde Pietro Bagnelli Zuflucht in seinem luxuriösen Palazzo gewährt hat, verdrängt sie sogar, dass sie hier ein Rätsel ihrer Vergangenheit lösen wollte. Jetzt zählt nur noch die Zukunft! Dabei gibt es auch in Pietros Vorleben dunkle Schatten, die ihr Glück bedrohen …

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Aristos – Insel der Entscheidung

PROLOG

Louisa spürte es mit jeder bis zum Zerreißen gespannten Faser ihres Körpers: Das hier war kein Spiel! Nach Atem ringend, versuchte sie, die Nerven zu behalten. So selbstbewusst, wie in dieser Situation möglich, hob sie das Kinn und öffnete die Augen. Aus der Nähe betrachtet, konnte wirklich kein Zweifel mehr bestehen: Andreas war der mit Abstand bestaussehende Mann, den sie je kennengelernt hatte! Ihr Herz klopfte wild, als sie die Arme vor der Brust verschränkte.

„Und?“, fragte sie, krampfhaft bemüht, möglichst gleichgültig zu klingen. „Was willst du mir jetzt so Wichtiges sagen?“

„Du möchtest doch sicher nicht, dass die Situation ganz und gar aus dem Ruder läuft, oder? Du bist gegen Blutvergießen, ich bin dafür. Also schlage ich dir einen Deal vor.“

„Was denn für einen Deal?“

„Sei wieder meine Frau – mit allem, was dazugehört. Und ich verspreche, meinen Wunsch nach Rache im Zaum zu halten.“

„Das ist doch albern“, rief sie entrüstet. „Und überhaupt, warum müssen wir das denn jetzt diskutieren, wo wir nicht einmal wissen, ob es überhaupt etwas zu diskutieren gibt?“

„Weil es mir hierbei um weit mehr geht. Weil ich jetzt die letzten fünf Jahre zurückhaben will!“

„Das ist absolut unmöglich, Andreas!“

„Ich fürchte, dann kann ich für nichts garantieren …“

1. KAPITEL

Wäre ein Schneesturm durch die weit geöffneten Terrassentüren hereingefegt, die Stimmung in der Sommerresidenz der Familie Markonos hätte kaum frostiger sein können.

Mit wütenden Blicken musterte Andreas seinen Vater, der ihm gegenüber an dem langen Eichenholztisch saß. „Auf gar keinen Fall!“, stieß er entschlossen hervor und hieb zur Bekräftigung mit der Faust auf die Tischplatte.

„Ich verstehe dich einfach nicht“, seufzte Orestes Markonos frustriert. „Du sagst mir, dass du dich bereit fühlst, die Leitung der Firma zu übernehmen, und ich bin bereit, sie dir zu übertragen. Also, was ist dein Problem?“

Das war doch wohl offensichtlich! „Ich lasse mich nicht erpressen.“

„Du nennst es Erpressung, ich nenne es Geschäftssinn. Wer in unserer Branche erfolgreich sein will, kann sich nun mal kein derart unbeständiges Privatleben leisten. Das sollte dir doch eigentlich selbst klar sein“, predigte sein Vater. „Wir müssen blitzschnell Entscheidungen treffen, immer und überall. Und teilweise wissen wir nicht einmal, wer alles davon betroffen sein wird. Berauschend kann sie sein, diese Macht – und sehr gefährlich!“

„Versuchst du gerade anzudeuten, dass ich verantwortungslos und machtbesessen bin?“

„Ach, was!“ Orestes machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du weißt ganz genau, dass du alle mit deinem Scharfsinn und deiner sicheren Entscheidungsfähigkeit beeindruckst. Aber ich bin älter als du, Andreas, und ich weiß, wie schnell man sich die Finger verbrennen kann. Bisher habe ich dich vor Fehltritten bewahrt, weitestgehend jedenfalls. Doch was passiert, wenn ich erst im Ruhestand bin?“

„Dann muss ich mich wohl selbst vor Fehltritten bewahren …“

Seine ironische Antwort wirkte auf den alten Mann wie ein rotes Tuch auf einen kampfeslustigen Stier. Langsam und bedrohlich lehnte er sich über den Tisch, während er seinen Sohn mit zornigen Blicken anstarrte. „Wage nicht, in diesem Ton mit mir zu sprechen“, knurrte der Siebzigjährige warnend. „Du weißt ganz genau, wovon ich spreche. Ich hatte deine Mutter und meine geliebten Kinder, die mich tagtäglich daran erinnerten, was wirklich zählt im Leben. Du hingegen hast nur einige sehr unverbindliche Beziehungen zu einigen sehr unverbindlichen Damen. Und das ist ganz einfach nicht gut genug!“

„Ich werde bestimmt nicht noch einmal heiraten, weil du es so willst“, erwiderte Andreas kühl.

„Das klingt ja, als ob ich deine erste Ehe verlangt hätte! Du selbst warst irgendwann klug genug, um einzusehen, dass Louisa ein Fehler war.“

Andreas erstarrte. Dann zog er die schwarzen Augenbrauen nach oben und erklärte nachdrücklich: „Niemals habe ich das gesagt!“

„Ihr wart damals beide viel zu jung und unüberlegt“, brummte Orestes. Für seine Verhältnisse ein riesiges Zugeständnis; normalerweise gab er seiner einstigen Schwiegertochter die ganze Schuld für die Katastrophe.

Nur selten stellte Andreas sich offen gegen seinen Vater. Dazu respektierte er den alten Mann viel zu sehr. Jetzt aber bewegte er sich klar auf verbotenem Terrain! Niemand erwähnte ungestraft Louisas Namen oder seine missglückte Ehe mit ihr!

Seufzend warf er seine Serviette auf den Tisch, stand auf und ging zur Bar hinüber. Wie gewohnt hatte er seinen schlanken, muskulösen Körper in einen schwarzen Maßanzug gezwängt. Bei gemeinsamen Mahlzeiten bestand seine Mutter auf eleganter Abendkleidung, komme, was wolle.

Nachdenklich ließ Andreas den Blick durch den eleganten Salon schweifen. Seit der erste Markonos seinen Fuß auf die Insel Aristos gesetzt hatte, gab es diese Villa. Wenn auch nicht in der heutigen Form. Zahlreiche Umbauarbeiten hatten die Sommerresidenz der Markonos nach und nach zu einem wahren Prachtbau gemacht.

Trotzdem hätte er gern auf seinen Besuch hier verzichtet, wie er es auch die vergangenen fünf Sommer getan hatte. Nur die eindringliche Bitte seiner Mutter und die Andeutung seines Vaters, er habe etwas überaus Wichtiges mit ihm zu besprechen, hatten ihn letztlich umgestimmt. Allerdings auch nur, weil er ahnte, worüber sein Vater mit ihm reden wollte, sonst wäre ihm wohl in allerletzter Minute noch etwas furchtbar Dringendes „dazwischengekommen“. So wie seiner Mutter, die heute Abend mit einer höflichen Ausrede vom Abendessen ferngeblieben war, um „ihren Männern“ die Gelegenheit zu geben, unter vier Augen zu sprechen.

Längst schon wäre der Rückzug seines Vaters aus dem stressigen Tagesgeschäft des Markonos Firmenimperiums fällig gewesen. Doch bisher hatte er sich standhaft geweigert, den Chefsessel freizugeben und seinem ältesten Sohn die Firmenleitung zu überlassen. Jetzt war er zwar dazu bereit, allerdings nur unter einer Bedingung, die Andreas absolut nicht akzeptieren konnte.

„Du weißt, dass ich sehr stolz auf dich bin“, begann Orestes in versöhnlicherem Ton. „Aber wenn du meinen Platz einnehmen willst, bestehe ich darauf, dass du dich mit einer Frau verheiratest, die …“

„Ich bin bereits verheiratet“, unterbrach sein Sohn ihn barsch und griff nach der Brandyflasche.

„Das ist doch nur noch eine Formalie“, erwiderte der alte Mann ungerührt. „Meine Anwälte werden sich darum kümmern.“

Deine Anwälte?“ Wütend fuhr er herum. Jetzt ging sein Vater wirklich zu weit!

„Natürlich nur, um für dich die nötigen Informationen einzuholen.“

„Natürlich!“ Diesmal würde sich sein Vater den ironischen Ton gefallen lassen müssen. „Aber nicht ohne mein Einverständnis.“

Das war deutlich. Aufbrausend stieß sein Vater hervor: „Fünf Jahre sind ja wohl mehr als genug Zeit, um einer Vergangenheit nachzutrauern, die nicht mehr verändert werden kann!“

Ach ja? Den Kommentar seines Vaters ignorierend, schenkte er sich ein Glas Brandy ein.

„Es ist an der Zeit, nach vorn zu schauen, dir ein neues Leben aufzubauen. Auf der stabilen finanziellen Basis, die ich dir hier anbiete. Mit einer zuverlässigen Ehefrau, die dich ab und an ein wenig zügelt. Mit einem neuen Kind.“

Der Nachsatz des durch und durch taktlosen Vortrags seines Vaters versetzte Andreas einen heftigen Stich. „Das also willst du“, brachte er mühsam hervor. „Einen neuen Enkelsohn.“

„Unsinn!“, donnerte Orestes. „Ich will, dass du endlich einsiehst, dass es mit dir so nicht weitergehen kann! Dein Lebenswandel ist mehr als ungesund! Du machst deiner Mutter große Sorgen – und mich treibst du in den Wahnsinn!“

„Tut mir aufrichtig leid, dass ich eine solche Enttäuschung für euch beide bin!“

„Ich brauche keine Entschuldigungen von dir“, erwiderte Orestes mühsam beherrscht. „Ganz egal, wie reif und erwachsen du dich fühlst, ich bin immer noch dein Vater. Und jetzt hör mir genau zu …“

„Gern“, sagte Andreas in die Atempause seines Vaters. „Wenn du etwas zu sagen hast, was ich hören will.“ Die darauf folgende Stille legte sich bleischwer über den Salon. Bestimmt würde gleich seine Mutter hereinkommen und sich nach dem Ergebnis des Vater-Sohn-Gesprächs erkundigen und dann …

Nein! Bloß nicht noch eine zermürbende Diskussion! Entschlossen machte er auf dem Absatz kehrt und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum durch die Terrassentür. Frische Luft würde ihm guttun. Das resignierte Seufzen seines Vaters ignorierend, lehnte er sich an die Hauswand und starrte grimmig in den riesigen, dämmerigen Park, der die Villa umgab. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag, während seine Blicke zum silbrig glänzenden Meer jenseits der Gartenanlagen schweiften und an den Lichtern eines Schiffes, das gerade Kurs auf die Insel nahm, hängen blieben.

Sicherlich handelte es sich um die Fähre. Da die Insel für einen Flughafen zu gebirgig war und es noch nicht einmal eine Landebahn gab, stellte das Fährschiff, das einmal die Woche im Hafen von Aristos anlegte, die einzige Verbindung zum Festland dar. Aus lebenslanger Erfahrung wusste Andreas, dass der kleine Hafen in weniger als einer Stunde vor Menschen, Autos und Waren nur so wimmelte. Wie sehr er dieses Leben und Treiben liebte! Doch nur zwei Stunden später würde der Zauber bereits vorbei sein, wenn die Fähre wieder ablegte. Dann schien die Zeit plötzlich nur noch ganz langsam zu laufen, und Aristos verwandelte sich wieder in den ruhigen kleinen Fischerort mit den hölzernen Booten der Einheimischen, die behäbig im Wasser schaukelten. Die Promenade lag wieder verschlafen da, und nur noch ein paar Fischer tranken in den urigen Tavernen ein Gläschen Ouzo vor dem Heimgehen. Die Insel würde wieder so ruhig und beschaulich sein wie eh und je, und das war auch gut so!

Da es auf Aristos keinen Massentourismus gab – und es ihn ohne Flughafen auch niemals geben würde, konnte sich wenigstens dieser winzige Teil Griechenlands seine Besonderheiten und sein einzigartiges Flair bewahren. In der Hochsaison kamen nur wenige Sommergäste auf die Insel, die die Naturschönheiten der malerischen Landschaft und das glasklare tiefblaue Meer genießen wollten. Für Pauschalreisegruppen bot Aristos ohnehin zu wenig Abwechslung. Und wer weiß, wenn dem Anwesen der reichen und mächtigen Markonos-Familie nicht ein privater Hubschrauberlandeplatz angegliedert wäre, vielleicht würden sogar sie nur selten die Abgeschiedenheit und Stille der Insel aufsuchen.

Das leise Knarren der Terrassentür kündigte das Kommen seines Vaters an.

„Louisa war …“

„Meine Frau und die Mutter meines Sohnes“, brachte Andreas den Satz zu Ende. „Ganz egal, wie jung oder alt wir bei unserer Heirat gewesen sind – ich kann dir versichern, dass rein gar nichts es leichter macht, zu ertragen, was vor fünf Jahren passiert ist.“

„Das weiß ich doch, Junge“, sagte Orestes versöhnlich. „Deshalb habe ich mich auch immer bemüht, dieses Thema möglichst zu vermeiden.“

Dass ich nicht lache! Wortlos fixierte Andreas die Lichter der Fähre. Nur mit äußerster Anstrengung konnte er die scharfe Bemerkung hinunterschlucken, die ihm auf der Zunge lag. Sein Vater und taktvoll ein Thema vermeiden! Nie hatte er das getan! Nie! Nicht, als Louisa frisch verheiratet und schwanger mit ihm hierher gezogen war. Und erst recht nicht, als sie todunglücklich und verzweifelt der Insel ein für alle Mal den Rücken kehrte.

Damals hatte sein Vater gesagt, es sei so „am besten“ – und seitdem wiederholte er dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit, insbesondere wenn er ihn dazu bringen wollte, sich doch endlich scheiden zu lassen.

Scheidung, dachte Andreas grimmig. Gab es etwas Sinnloseres auf der Welt? Wie zum Teufel sollte er sich denn von einer Frau scheiden lassen, die Nacht für Nacht in seinen Armen gelegen und die er mit jedem Blick, jeder Berührung, jedem Atemzug mehr geliebt hatte? Wie sollte er sich von all den Bildern scheiden lassen, die sich in seinem Kopf, in seine Seele eingebrannt hatten? Als sie ihm seinen Sohn geschenkt hatte, wie sie ihn gemeinsam ins Bettchen brachten – und ihn nur wenig später in der dunklen Erde für immer schlafen legen mussten. Konnte man sich davon vielleicht scheiden lassen?

Nein, das konnte man nicht! Damit musste er leben. Tag für Tag musste er damit leben, und nachts überfielen ihn die Erinnerungen. Die schönen, die traurigen und die unerträglichen, sodass er nur noch wünschte, seinen Kopf ausschalten zu können, ganz egal wie, Hauptsache, die Erinnerungen blieben weg.

Unter diesen Umständen empfand er die Behauptung seines Vaters, dass alles so „am besten“ sei, nur als grausam, und das ermutigend gemeinte „Zeit, nach vorn zu sehen“ seiner Mutter als zynisch. Denn wie sollte er jemals diesen furchtbaren Schmerz, diese unsägliche Trauer hinter sich lassen und weiterleben, als sei nichts geschehen?

Das konnte er einfach nicht. Auch damit musste er leben!

„Andreas …“

„Nein“, sagte er eisig. „Dieses Gespräch ist beendet.“

„Du bist verrückt“, tobte Orestes los, der nun nicht mehr an sich halten konnte. „Deine Ehe ist beendet! Akzeptiere das endlich. Lass dich scheiden, und fang neu an!“

Ohne seinen Vater eines weiteren Wortes zu würdigen, lief er die Treppe in den Garten hinab und verschwand mit großen Schritten in der abendlichen Dunkelheit der Parkanlagen. Zwei Minuten später saß er in seinem Sportwagen und brauste mit offenem Verdeck davon.

Warum zum Teufel war er überhaupt hergekommen? Es hätte ihm doch klar sein müssen, wohin das führen würde. Wieso hatte er die Bitten seines Vaters nicht einfach ignoriert und war dieser verdammten Insel ferngeblieben, wie er es seit Jahren klugerweise getan hatte?

Genervt bremste er für einen alten Mann, der mit seinem Eselkarren langsam über die Straße zockelte. Wie idyllisch, dachte er zynisch. Ein zerzauster Esel, ein klappriges Wägelchen und eine Flasche Ouzo unter dem Sitz, vermutlich noch eine kleine Holzhütte in den Bergen mit einer dicken, Kuchen backenden Frau darin und ein paar Hühnern und Schafen im Olivenhain hinterm Haus – was brauchte Mann mehr im Leben?

In einem Leben, das sich von seinem eigenen so sehr unterschied, dass man es kaum für möglich hielt, dass er und der Alte auf derselben kleinen griechischen Insel das Licht der Welt erblickt hatten. Wie zwei Außerirdische, die zufällig auf dem gleichen Fleckchen Erde gestrandet sind, dachte Andreas kopfschüttelnd. Oder wie er und Louisa damals. Ein selbstbewusster junger Student von zweiundzwanzig Jahren und sie, süße siebzehn, die sechs Wochen Sommerferien mit ihrer Familie in einer gemieteten Villa am Strand verbringen wollte. Sechs Wochen, die sein Leben für immer verändert hatten.

Dumme, leichtsinnige, impulsive Kinder waren sie gewesen. Er nicht fähig, seine Finger von ihr zu lassen, und sie nicht imstande, ihn abzuweisen. Insgeheim verfluchte er diese Zeit. Wie die Lemminge hatten sie sich in ihr Unglück gestürzt, fest davon überzeugt, dass sie ihre Gegensätze und die ihrer starrsinnigen Familien durch ihre Liebe überwinden könnten.

Fluchend setzte er den Wagen wieder in Bewegung. Seidig umschmeichelte die warme Abendluft sein erhitztes Gesicht, genau wie an jenem schicksalhaften Abend, als er die gleiche kurvenreiche Straße entlanggefahren war, zum Hafen hinunter, wo er sich mit seinen Freunden auf ein Bier verabredet hatte. Während sie zusammensaßen und über ihre Lieblingsthemen Autos und Mädchen redeten, beobachteten sie, wie die Fähre anlandete und die Passagiere von Bord gingen.

Ganz genau erinnerte er sich an seine Überraschung, plötzlich ein so hübsches Mädchen mit langem blonden Haar und noch längeren schlanken Beinen vor sich zu sehen. Ihre leuchtend blauen Augen, ihre weiche, helle Haut und ihr wunderschönes Gesicht, das sich schlagartig dunkelrot färbte, als sie bemerkte, dass ein halbes Dutzend junger Männer sie mit offenem Mund anstarrte, hatten sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Ihren kleinen Bruder hinter sich herziehend, der unbedingt noch bleiben und die im Hafen vertäuten Boote anschauen wollte, war sie blitzschnell zu ihren Eltern gelaufen. Drei Tage lang hatte er sie nur in seinen heißesten Träumen wiedergesehen, bis er sich schließlich auf die Suche nach ihr machte.

Er verzog das Gesicht zu einer finsteren Grimasse, während er daran dachte, wie er sie dann endlich beim Sonnenbaden am Strand gefunden hatte. Zwei Wochen später waren sie beide hoffnungslos verliebt gewesen und völlig außerstande, ihrem brennenden Verlangen noch länger standzuhalten. Zwei weitere, herrlich wilde und ungezwungene Wochen folgten, bis Louisa ihm anvertraute, dass sie ein Kind erwartete, und die Hölle losbrach.

Deutlicher hätten seine Eltern ihm ihre Verachtung kaum zeigen können! Aber ihr eigentlicher Hass traf Louisa.

„Die denken doch, ich bin eine billige kleine Schlampe!“

Noch immer schmerzten ihn diese Worte. Vor allem, weil sie haargenau zutrafen. Wie sehr hatte Louisa darunter gelitten, dass seine Eltern eine so schlechte Meinung von ihr hatten!

„Sicher werden sie zur Vernunft kommen, wenn du ihnen ihr erstes Enkelkind in die Arme legst!“ Schon damals hatte sein Trost sie nicht so recht überzeugen können. Er selbst hatte es, blauäugig und naiv, tatsächlich geglaubt. Heute, acht Jahre später, wunderte er sich, dass Louisa nicht schon viel früher davongelaufen war. An ihrer Stelle hätte er es getan.

Vielleicht wäre das sogar das Beste gewesen. Der schreckliche Unfall hätte nicht passieren können, Nikos würde noch leben, und er hätte mehr als nur diesen Schmerz, um die furchtbare Leere nach ihrem Fortgehen zu füllen.

Abrupt fuhr Andreas rechts ran und sprang aus dem Auto, als stünde es in Flammen. Eine salzige Brise zauste sein dichtes schwarzes Haar, während er eine kleine Anhöhe hinaufstürmte, von der aus er einen guten Blick über die Bucht hatte, in der der Hafen lag. Die Hände in den Hosentaschen, beobachtete er mit finsterer Miene, wie die weißen Lichter der Fähre ihrem Ziel immer näher kamen.

„Lass dich scheiden, und fang neu an“, hatte sein Vater gesagt. Insgeheim wusste Andreas, dass er diesen Rat beherzigen sollte. Aber dazu würde er erst einmal loslassen müssen, und er war sich nicht so sicher, ob er das eigentlich wollte.

Ob Louisa schon losgelassen hatte? Fünf lange Jahre hatte er nichts von ihr gehört. Vielleicht hatte sie mittlerweile einen netten, zuverlässigen Engländer geheiratet und schenkte nun ihm all ihre Zärtlichkeit … Bei dem Gedanken daran krampfte sich alles in ihm zusammen.

Während er zum Auto zurückmarschierte, zerrte er ungeduldig an seiner Krawatte. In hohem Bogen flog der schwarze Seidenschlips auf den Beifahrersitz, Jackett und diamantenbesetzte Manschettenknöpfe folgten. Mit offenem Hemd und aufgerollten Ärmeln fühlte er sich schon ein wenig besser. Und für den Rest würden ein paar Drinks in seiner Lieblingsbar sorgen.

Sich mit den Armen auf die Reling der Fähre stützend, beobachtete Louisa die Scheinwerfer eines Autos, das gerade über die Halbinsel, eine Art natürliche Barriere zwischen den exklusiven Villen der Reichen und Mächtigen und der kleinen Hafenstadt von Aristos, brauste. Wenn sie wollte, könnte sie auch die Lichter der Markonos-Sommerresidenz ausmachen, denn diese war auf einer Anhöhe gelegen und hob sich deutlich von den anderen Villen ab. Aber sie wollte gar nicht. Auch wenn sie dort einmal gelebt hatte, heute verband sie nichts mehr mit dem Haus und seinen Bewohnern.

Leise seufzend strich sie sich eine Locke aus der Stirn. Seit fünf Jahren kam sie nun jeden Sommer hierher, um die Ruhestätte ihres Sohnes zu besuchen, doch nicht ein einziges Mal hatte sie dabei auch nur eine Zehenspitze auf das Anwesen der Markonos gesetzt. Alles, was auch nur im Entferntesten zu dieser Familie gehörte, hatte sie ein für alle Mal aus ihrem Leben verbannt, nachdem es zwischen ihr und Andreas aus gewesen war. Alles – bis auf die Erinnerung an ihren Sohn.

„Alles o. k.?“, riss eine tiefe Stimme sie aus den Gedanken.

Langsam wandte sie sich zu dem großen, dunkelhaarigen jungen Mann um, der plötzlich neben ihr an der Reling stand. Als sie den besorgten Blick in seinen Augen sah, lächelte sie ihm zu.

„Keine Sorge, Jamie“, erwiderte sie. „Mir geht es gut. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich hierher zurückkehre.“ Und die Zeit besänftigt den Schmerz, auch wenn sie ihn nicht auslöscht, fügte sie in Gedanken hinzu, während ihre Blicke wieder die Lichter des Autos verfolgten, bis sie auf der anderen Seite der Halbinsel in der Dunkelheit verschwanden. Wahrscheinlich wollte der Fahrer jemanden von der Fähre abholen oder einfach nur das fröhliche Treiben am Hafen genießen, das einmal die Woche die kleinen, an der Strandpromenade gelegenen Cafés und Bars erfüllte, sobald das Fährschiff anlegte.

„Kannst du dich eigentlich noch an irgendetwas hier erinnern?“, fragte sie ihren jüngeren Bruder und betrachtete ihn liebevoll. Aus dem kleinen dünnen Jungen war mittlerweile ein überaus attraktiver Mann geworden. Dennoch hatten seine markanten Gesichtszüge ihren jungenhaften Charme noch nicht verloren.

„Ja, ich weiß zum Beispiel noch ganz genau, dass wir beide damals genauso zusammen an der Reling standen wie heute, bevor wir in den Hafen einliefen.“

„‚Standen‘ ist gut. Du hingst halb über der Reling vor lauter Aufregung, und ich hab dich am Gürtel festgehalten, damit du mir nicht ins Wasser fällst.“

Grinsend erwiderte Jamie: „Daran kann ich mich komischerweise gar nicht mehr erinnern! Aber dass Mom und Dad seekrank unter Deck waren und kaum geradeaus laufen konnten, geschweige denn einen quirligen Zehnjährigen beaufsichtigen.“

„Was du alles noch weißt!“, staunte Louisa.

„Um ehrlich zu sein, ich habe rein gar nichts vergessen können: wie du Andreas kennenlerntest und all den Wahnsinn, der darauf folgte. Wie unsere Eltern dich einfach hier zurückgelassen haben.“

„Unsere Eltern haben mich doch nicht ‚einfach hier zurückgelassen‘.“

„Natürlich! Sie haben dich regelrecht zu dieser schrecklichen griechischen Familie abgeschoben.“

„Quatsch!“

„Und dann hat dich Andreas auch noch im Stich gelassen und ist abgehauen!“

„Aber nur, um sein Studium zu beenden“, versuchte sie, ihren Bruder zu beruhigen.

„Unsere Eltern haben ihn gezwungen, dich zu heiraten, weil er dich geschwängert hat. So war es doch. Und dann hat er sich bei der nächstbesten Gelegenheit aus dem Staub gemacht, dieser feige Hund!“

„Jamie!“, rief sie entsetzt. „Ich dachte, du mochtest Andreas.“

„Das habe ich auch“, erwiderte er achselzuckend. „Jedenfalls bis er dein Leben kaputt machte und dich aus seinem ausschloss.“

„Er hat mich von gar nichts ausgeschlossen.“ Warum verteidigte sie eigentlich gerade ihren Ex? „Ich habe Andreas verlassen. Weil ich es so wollte. Und ich wüsste wirklich sehr gern, warum du unbedingt mit mir nach Aristos reisen musstest, wenn dich all das noch so sehr belastet!“

„Wegen Nikos“, murmelte er, die Hände in den Taschen seiner weiten Baggy-Jeans vergrabend. „Denn wenn ich erst einmal zur Uni gehe, werde ich wahrscheinlich nicht mehr den ganzen Sommer freimachen können. Und außerdem …“, unwillkürlich ballte er die Hände in den Hosentaschen, „… habe ich gehofft, diesem Feigling Andreas zu begegnen und ihm endlich das zu geben, was er verdient!“

Sein Ton ließ keinerlei Zweifel zu, dass er es ernst meinte. Trotzdem musste Louisa lachen. „Er würde dich erledigen, bevor du die Fäuste auch nur anheben könntest“, sagte sie neckend. „Du hast wohl vergessen, wie groß er ist? Eins fünfundachtzig und um einiges muskulöser gebaut als du, Brüderchen.“

„Ich trainiere aber schon seit einiger Zeit.“ Sein Ton klang beleidigt.

„Um dich mit Andreas zu prügeln?“

„Natürlich nicht!“ Seine Schwester wusste doch ganz genau, dass er damit die Mädels beeindrucken wollte. „Aber wenn er mir über den Weg läuft, kann er sich auf etwas gefasst machen!“

„Und wieso, bitte? Du hast kein Recht, ihn anzugreifen!“

„Jeder Bruder hat das Recht, seine Schwester zu verteidigen! Außerdem habe ich nie verstanden, warum Dad Andreas nicht windelweich geprügelt hat, als er dich in deiner Verzweiflung allein ließ.“

Weil Dad wusste, dass er auch verzweifelt war, dachte Louisa und unterdrückte einen schweren Seufzer. Wochenlang hatten ihre Eltern damals auf sie eingeredet, wieder zu ihnen nach England zurückzukehren, und irgendwann hatte sie nachgegeben. Allerdings hatte sie fest damit gerechnet, dass Andreas ihr folgen und sie zurückholen würde. Wie sehr sie sich doch in ihm getäuscht hatte!

Kopfschüttelnd rief sie sich zur Ordnung. Wenn sie jetzt daran dachte, in welcher Situation sie ihn dann vorgefunden hatte, als sie irgendwann von sich aus zu ihm zurückkehrte … Sie würde nur wieder die alte Wut und Enttäuschung heraufbeschwören.

„Du wirst ihn hier aber nicht treffen“, informierte sie schließlich ihren Bruder. „Seine Mutter hat mir geschrieben, dass er diesen Sommer in Thailand verbringen will. Und da diese Reise Nikos gilt, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du deine Rachepläne in Zukunft für dich behalten könntest!“

Nachdenklich starrte sie über die Reling in das dunkle Wasser. Warum verteidige ich ihn nur immer wieder, diesen feigen, treulosen …

„Tut mir leid“, sagte Jamie leise.

Stillschweigend seine Entschuldigung akzeptierend, erwiderte sie nur: „Gleich legen wir an.“

Langsam näherten sie sich den Hügeln der Insel, die sich in der Dämmerung dunkel gegen den samtigen Abendhimmel abhoben. Wie hatte sie Aristos vermisst! Die grünen Berghänge und die weißen feinkörnigen Sandstrände im Süden, die rauen Klippen und abgelegenen Bergdörfer im Norden und das Inselinnere mit den versteckten kleinen Wasserfällen, die kleine Teiche speisten – all das umgeben von kristallklarem, blaugrünem Meer.

Nirgends konnte man so gut nachdenken und zur Ruhe kommen wie hier. Wie sie sich danach sehnte, wieder durch die kühlen Zedernhaine zu wandern und auf den Bergwiesen Blumen zu pflücken, die im Frühjahr und Sommer die Insel wie ein dichter bunter Blütenteppich überwucherten. Fast konnte sie jetzt schon den harzig-aromatischen Duft der Zistrosen riechen, aus denen die Einheimischen nach uralten Rezepten Salben und Tinkturen herstellten und deren weiß, violett und rosa blühende Sträucher überall auf Aristos zu finden waren.

Auch wenn ihr Herz immer schwerer wurde, je näher die Lichter des Hafenstädtchens kamen, freute sie sich auf milde Abende mit glutroten Sonnenuntergängen, die sanfte Morgendämmerung, die die Felsen golden erstrahlen ließ, und die Stille der unberührten Meeresbuchten, in denen die üppige mediterrane Pflanzenwelt fast bis ans Wasser wucherte.

Jetzt waren die bunten Lämpchen der Cafés und Bars an der belebten Strandpromenade schon ganz nah. Vertraute griechische Melodien drangen an ihr Ohr und hießen sie ein weiteres Mal an einem warmen Sommerabend auf der Insel willkommen.

Während Andreas Richtung Hafen fuhr, war seine Miene immer noch grimmig. Als er in die Straße nahe der Hafenpromenade einbog, schlug ihm der wohlbekannte Mix aus griechischer Musik und aufgeregtem Stimmengewirr entgegen.

Also ist die Fähre schon da, dachte er, während er im Schneckentempo die überfüllte Straße entlangfuhr und zwischen Wohnwagen, Cabriolets und Eselkarren einen Parkplatz suchte.

Endlich fand er eine Lücke, parkte geschickt den Sportwagen ein und stellte den Motor ab. Warum er trotzdem nicht ausstieg und stattdessen das Gewimmel von Menschen, Autos und Kisten voller Waren beobachtete, das nach und nach von der Fähre auf die Insel strömte, wusste er nicht. Eigentlich wusste er nicht einmal, weshalb er zum Hafen gefahren war. Schließlich hatte er dem Impuls, die furchtbaren Erinnerungen mit Alkohol zu betäuben, schon seit Jahren nicht mehr nachgegeben. Arbeit erfüllte diesen Zweck ja auch – und diese Methode bevorzugte er bei Weitem!

Während er noch grübelte, setzte plötzlich sein Herzschlag aus. Jeder einzelne Muskel seines Körpers verkrampfte sich, als seine Blicke die hübsche junge Frau in der weißen Leinenhose und dem eng anliegenden hellblauen Top trafen, die gerade von Bord ging. Die Abendbrise spielte mit ihrem goldblonden Haar und wehte ihr einige weiche Locken ins Gesicht. Ein Gesicht, das er im Leben nicht vergessen würde und das ihm seit fünf langen Jahren jede Nacht im Traum erschien.

Louisa! Louisa ging dort von der Fähre an Land!

Sie war nach Hause gekommen!

Während Jamie sich mit ihren beiden Reisetaschen belud, nahm Louisa den Rucksack ihres Bruders. Dann reihten sie sich in den Menschenstrom ein, der die Fähre verließ.

Wie gut es tat, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren! Weniger angenehm waren allerdings die dicken Abgaswolken der wartenden LKWs, sodass sie sich beeilten, um den Pier so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Kaum hatte sich das Getümmel um sie herum ein wenig gelichtet, verkündete Jamie: „Meine Handy-Karte ist schon wieder leer. Glaubst du, dass ich sie hier irgendwo aufladen kann?“

„Aristos ist vielleicht ein wenig abgeschieden, aber ich denke, was eine Prepaid-Karte ist, weiß man hier auch schon“, antwortete sie neckend und fügte verwundert hinzu: „Hattest du die Karte nicht erst kurz vor unserer Abreise aufgeladen?“

„Doch schon. Aber das Guthaben ist durch die vielen Abschieds-SMS an meine Freunde bereits wieder aufgebraucht …“

Mit einem nachsichtigen Lächeln sagte sie: „O.k., ich warte hier auf dich. Lass die Taschen bei mir. Kosta ist eh noch nicht da, um uns abzuholen.“

„Gut, dann bis gleich“, erwiderte er und stellte schwungvoll die schweren Reisetaschen ab, ehe er in der Menge verschwand. Sekunden später war er urplötzlich wieder da. „Entschuldigung noch mal wegen vorhin“, rief er und drückte sie stürmisch an sich. „Ich wollte das alles nicht wieder aufwühlen.“

„Ich weiß“, antwortete Louisa und zeigte ihm mit einem Kuss auf die Wange, dass sie ihm verziehen hatte. „Jetzt lauf aber, damit ich hier nicht ewig herumstehen muss!“

Mit einem breiten Grinsen gehorchte er seiner großen Schwester, die ihm kopfschüttelnd nachsah. Typisch Jamie! Dann suchte sie mit den Augen die Straße nach dem silbernen Mercedes der Markonos-Familie ab, zu der sie ja, wenigstens auf dem Papier, auch immer noch gehörte. Bevor sie einen Fuß auf die Insel setzte, kontaktierte sie stets ihre Schwiegermutter, um ihren Besuch anzukündigen, vor allem aber um sicherzugehen, dass Andreas zu diesem Zeitpunkt möglichst weit weg war.

Zumindest in diesem Punkt konnte sie sich ganz auf die Familie ihres Exmannes verlassen. Selbst wenn Andreas vorgehabt haben sollte, zeitgleich mit ihr auf der Insel zu sein, würden seine Eltern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass er es sich ganz schnell anders überlegte.

Wieso eigentlich? fragte sich Louisa und setzte sich auf eine der Reisetaschen. Ob Isabella Angst hat, dass ich mich ihrem heiß geliebten Sohn sofort wieder an den Hals werfen werde, wenn wir uns zufällig auf der Insel begegnen?

Oder war das vielleicht sogar Andreas’ Befürchtung?

Nachdenklich hielt sie weiter nach dem silbernen Mercedes Ausschau, der sie abholen sollte. Normalerweise kam Kosta nie zu spät, sondern stand schon in der ersten Reihe vorne am Pier, um sie herzlich auf Aristos willkommen zu heißen. Ihr Blick blieb an einem gut aussehenden jungen Mann haften, und plötzlich begann ihr Herz wie wild zu rasen. Groß, dunkelhaarig und kaum zwei Meter von ihr entfernt an einen schicken Sportwagen gelehnt. Andreas?

Schwer atmend presste sie die Hand auf die Brust, in der unsinnigen Hoffnung, ihr Herzschlag würde sich dadurch ein wenig normalisieren. Weißes Hemd, schwarze Anzughose, sonnengebräunt – nein, das konnte er nicht sein! Er reiste doch gerade durch Thailand. Wahrscheinlich sah sie Gespenster, weil das Gespräch mit Jamie sie so durcheinandergebracht hatte!

Aber als er mit geschmeidigen Schritten auf sie zukam, konnte kein Zweifel mehr bestehen. Zu vertraut war die plötzliche Hitze, die von ihrem Körper Besitz ergriff, zu bekannt die weichen Knie, wenn er ihr in die Augen sah.

„Andreas“, hauchte sie atemlos.

„Louisa!“

2. KAPITEL

Tiefster Schmerz oder überwältigendes Glück – Worte konnten nicht beschreiben, was Louisa beim Klang seiner Stimme empfand. Krampfhaft schluckte sie die aufsteigenden Tränen hinunter und bedeckte mit der Hand ihre bebenden Lippen.

Ein sonderbarer Schimmer lag in Andreas’ Augen, er wirkte angespannt. Langsam wanderten seine Blicke erst ihren Körper hinab, dann zu den Bars an der Promenade. Schließlich stieß er wütend hervor: „Was zum Teufel soll das?“

Mit dieser Frage hatte Louisa jetzt wirklich nicht gerechnet. Was meinte er denn damit? Dass er von diesem unerwarteten Treffen ebenso geschockt war wie sie?

„Wir … wir sind gerade angekommen. Mit … mit der Fähre“, stotterte sie verwirrt.

„Das habe ich gesehen“, knurrte er. „Ich muss schon sagen: Einen gut aussehenden jungen Liebhaber hast du dir da geangelt!“

Was denn für ein junger Liebhaber? Er meinte doch nicht etwa Jamie? Trotz der unangenehmen Situation, in der sie sich gerade befand, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen. „Das ist nur mein …“, begann sie zu erklären, aber das Ende des Satzes ging im Lärm einer Gruppe Teenager unter, die direkt hinter ihnen lautstark ihre Wiedersehensfreude hinausschrien.

Kurz darauf stürmte die ganze Clique wie auf Kommando los, wahrscheinlich eine Art Wettlauf zur Strandbar, und riss Louisa fast mit sich. Verzweifelt darum bemüht, das Gleichgewicht zu halten, breitete sie die Arme aus, und … Sekunden später lag ihr Gesicht an Andreas’ muskulöser Brust, ihre Hände umklammerten krampfhaft seine Oberarme, die sich reflexartig um ihren Körper schlangen, sie festhielten und so vor einem schmerzhaften Sturz bewahrten.

Allerdings hätte sie den Aufprall auf der betonierten Straße vermutlich besser verarbeiten können! Nach Atem ringend sah sie auf, direkt in seine Augen, und ein tiefer Seufzer entfuhr ihr.

Von ihrem vertrauten, betörenden Duft völlig überwältigt, starrte er sie an, während er ihren schlanken, weichen Körper an sich presste. Großer Gott! Sie fühlte sich an, als ob sie genau hierhin gehörte! Und ein paar verrückte Sekunden lang hätte er sie am liebsten noch fester an sich gezogen und diese verführerischen Lippen geküsst. Geküsst und geküsst und geküsst.

Oder sie erwürgt!

Seine Gefühlswelt glich einer Gratwanderung zwischen Verlangen und Hass, die ihn völlig aus dem Konzept zu bringen drohte – bis ihn schließlich die eiskalte Wut packte. Was zum Teufel erlaubte sie sich eigentlich, einfach mit einem anderen Mann hier auf der Insel aufzutauchen?

„Was passiert?“, fragte er knapp und ließ sie los, als wäre sie giftig.

Mit zitternder Stimme erwiderte sie: „N … nein, alles O. k. Danke“, und versuchte hastig, sich ein paar Schritte von ihm zu entfernen. Dabei fiel sie beinahe rückwärts über ihr Gepäck, sodass er sie abermals auffangen musste.

Als er ihren schmalen Brustkorb knapp unter ihren wohlgeformten Brüsten mit den Händen umspannte, traf es ihn wie ein Blitz: Sie trug keinen BH! Da kam sie doch einfach mit einem anderen Mann auf seine Insel und dann auch noch ohne BH unter diesem hautengen ärmellosen Top!

Noch immer war sie so schlank, so zart und zerbrechlich, dass er sie mühelos dominieren konnte – wenigstens körperlich. Aber das genügte ja im Augenblick.

Entweder er nimmt seine Hände von mir, oder ich werde ohnmächtig, dachte Louisa, die vergeblich versuchte, ihre Lungen endlich einmal wieder mit Luft zu füllen. Der Schock, ihren Ex so plötzlich wieder zu sehen, hatte ihr ja schon den Atem geraubt. Ihn wieder zu spüren, war definitiv zu viel!

Zwischen ihnen gab es nichts mehr. Schon lange nicht, und es tat auch absolut nichts zur Sache, dass sie ihn früher einmal für ihren Seelenverwandten gehalten hatte!

„Bitte lass mich los“, sagte sie höflich, aber bestimmt. Zu ihrer großen Erleichterung erfüllte er ihren Wunsch sofort. Als der Griff seiner Hände sich lockerte und er sie freigab, überlief ein heftiger Schauer ihren Körper.

Ein unangenehmes, spannungsgeladenes Schweigen setzte ein. Mutterseelenallein fühlte sie sich, trotz der vielen Menschen um sie herum. In einer Sprache, die sie nicht verstand, wurde lautstark gescherzt, gestritten und debattiert. Alles strömte in die Bars und Clubs an der Strandpromenade, um sich ein wenig auf Aristos zu vergnügen, ehe die Fähre wieder abfuhr. Am liebsten wäre Louisa davongerannt!

Wieso um alles in der Welt hatte sie heute ausgerechnet ihrem Exmann in die Arme laufen müssen – und das auch noch im wahrsten Sinne des Wortes? Wo sie ihn doch im Leben nie, nie wieder sehen wollte? Jahrelang war sie so vorsichtig gewesen, hatte jede erdenkliche Vorkehrung getroffen, dass genau das nicht passierte und jetzt fühlte sie sich wieder so verletzlich wie damals, als …

Lieber Gott, wo bleibt nur Jamie? Und Kosta? Hilfe suchend blickte sie sich um.

„Dein Lover steht anscheinend noch irgendwo Schlange“, bemerkte Andreas, dem ihr Blick nicht entgangen war, sarkastisch.

Zu ihm aufschauend, stellte sie fest, dass seine Augen sie eiskalt und mit unverhohlenem Zorn fixierten. Jetzt reichte es aber! Heiße Wut überkam sie.

„Er ist nicht mein Lover“, fauchte sie erbost. „Und wenn du mir mal eine Minute zuhören wür …“

„Ganz egal, wer er ist, hier hat er nichts zu suchen!“, unterbrach er sie mit der ihr wohlbekannten Markonos-Arroganz.

Aha, natürlich glaubte der Herr immer noch, er und seine tolle Verwandtschaft könnten über Aristos herrschen, wie Zeus über seinen Olymp! „Diese Insel gehört weder dir noch deiner Familie, Andreas“, schoss sie zurück. „Ich kann hierherkommen, wann ich will und mit wem ich will, klar? Und außerdem versuche ich dir schon die ganze Zeit zu erklären, dass dieser Mann mein …“

„Dein Top ist hochgerutscht.“

„W … was?“ Verwirrt sah Louisa an sich herab.

„Man kann deinen Bauchnabel sehen.“

Das konnte doch alles nur ein Albtraum sein! Wo zum Kuckuck blieb Jamie?

Trotz seiner unbändigen Wut zog dieser schmale Streifen zarter heller Haut seine Blicke magisch an. Unwillkürlich musste Andreas daran denken, wie er diesen kleinen runden Bauchnabel mit der Zunge erforscht und mit zärtlichen Küssen bedeckt hatte …

Mit einer hastigen Bewegung zog sie ihr Top zurecht, während er noch immer wie gelähmt auf ihren Bauch starrte. Erst der Schock, sie wiederzusehen, dann die nicht weniger schockierende Erkenntnis, dass sein Körper noch genauso auf sie reagierte wie vor fünf Jahren! In seinem Kopf überstürzten sich die Gedanken. Wie hatte er nur vergessen können, dass sie so atemberaubend schön war und was ihre Berührung – und sei sie noch so flüchtig – in ihm auslöste?

Auch wenn er darauf im Augenblick nicht die passende Antwort parat hatte, eins wusste er mit Sicherheit: Die brennende Hitze, die in dem Moment in ihm aufgestiegen war, als er sie von Bord gehen sah, hatte nicht das Geringste mit dem heißen Klima auf Aristos zu tun, dafür aber umso mehr mit seinem seit acht Jahren unbezwingbaren Verlangen nach ihr, seiner Frau.

Seine Frau! Die sich auf offener Straße von einem anderen umarmen ließ! Auf seiner Insel, wo jeder sie kannte und ganz genau wusste, was zwischen ihnen vorgefallen war. Wenn er doch jetzt wenigstens nur Wut verspüren würde! Abrupt wandte er sich von ihr ab.

„Sie wussten zwar, was eine Prepaid-Karte ist, aber aufladen konnten sie sie trotzdem nicht“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme hinter ihm. „Muss ich wohl bis morgen warten und hoffen, dass es vielleicht in der Bank geht. Das hat man mir jedenfalls eben in der Bar geraten.“

Als Jamie den breitschultrigen Mann bemerkte, verstummte er. Besorgt beobachtete Louisa, wie die Gesichtszüge ihres Bruders erstarrten, als ihm dämmerte, wer da neben seiner Schwester stand.

„W … willst du Andreas nicht begrüßen?“, fragte sie und stupste ihn ermahnend in die Seite. Angesichts des wütenden Gesichtsausdrucks ihres Bruders schien diese Frage allerdings ziemlich überflüssig. Blieb nur zu hoffen, dass er die Drohung vorhin auf der Fähre nicht ernst gemeint hatte.

„Jamie?“ Erstaunt fuhr Andreas herum und musterte den jungen Mann einen Augenblick. Dann begann er zu lachen. „Ja, natürlich! Jamie!“, rief er und hielt ihm freundschaftlich die Hand hin.

Besorgt nagte Louisa an der Unterlippe und wartete angespannt, wie ihr Bruder reagieren würde. Die ihm angebotene Hand ignorierend, musterte er wortlos ihren Ex. Der schien zu verstehen, was in dem jungen Mann vorging, denn er trat einen Schritt auf ihn zu, die Hand weiterhin ausgestreckt.

Die Stille zwischen den beiden Männern war fast körperlich spürbar. Louisas Herzschlag beschleunigte sich. Hoffentlich spielte ihr Bruder jetzt nicht den Macho! Eine Prügelei wäre nun wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte!

„Jamie …“, sagte sie eindringlich.

Langsam und widerstrebend gab er Andreas die Hand und ließ sich sogar zu dem kleinen, höflichen Small Talk herab, in den der ihn verwickelte. Doch zu mehr als drei knappen Antworten fühlte er sich offensichtlich nicht verpflichtet, denn er entzog sich allen weiteren Fragen seines Ex-Schwagers mit der Ausrede, er müsse sich jetzt um das Gepäck kümmern.

„Sieht so aus, als sollte ich mich bei dir entschuldigen“, stellte Andreas leicht verlegen fest.

„Nicht nötig“, wehrte sie ab und versuchte ein zaghaftes Lächeln. „Er hat sich ja sehr verändert, seit du ihn das letzte Mal gesehen hast.“

Die Tatsache, dass sie großzügig über sein unmögliches, arrogantes Verhalten hinwegsah, schien ihn nicht im Mindesten zu beeindrucken. Seine Lippen wurden schmal, dann wechselte er das Thema: „Ich nehme an, ihr schlaft im Haus meiner Eltern? Ich frage mich, was ihnen einfällt, mich einfach nicht darüber zu informieren. Auf dieses Überraschungstreffen am Hafen hätte ich liebend gern verz …“

„Nein, tun wir nicht.“

„Was tut ihr nicht?“, fragte Andreas ungeduldig.

„Wir schlafen nicht bei deinen Eltern“, erklärte sie und unterdrückte einen Seufzer.

Während sie mit der Hand eine Locke aus der Stirn strich, überlegte sie, wie um alles in der Welt sie sich jetzt bloß aus der Affäre ziehen sollte. Ganz offensichtlich hatte seine Mutter ihm nichts über ihr Kommen gesagt – und wie sie Isabella kannte, hatte sie dafür auch einen guten Grund. Also war es wohl besser, wenn sie ihre Schwiegermutter aus allen weiteren Erklärungen heraushielt.

In diesem Moment entdeckte sie Kosta neben dem silbernen Mercedes, nach dem sie schon die ganze Zeit so sehnsüchtig Ausschau gehalten hatte. Jetzt wäre es ihr allerdings lieber gewesen, sie hätte erst Andreas abschütteln können, bevor der den Chauffeur seiner Eltern erblickte und eins und eins zusammenzählte.

Nach seinem verunsicherten Gesichtsausdruck zu schließen, dachte Kosta gerade dasselbe. Wahrscheinlich wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte.

Na, willkommen im Club, dachte Louisa ironisch.

„Außerdem nahmen wir an, du wärst gerade in Thailand“, mischte sich ihr Bruder wieder ins Gespräch.

„Thailand?“, wiederholte Andreas erstaunt und zog die Augenbrauen zusammen. „Was für ein … interessanter Irrtum“, murmelte er kaum hörbar.

Innerlich fluchend schloss Louisa die Augen. Den Ton kannte sie genau, ihr Exmann kombinierte. Herrgott noch mal! Jetzt hatte Jamie ihm, ohne es zu wissen, doch einen Hinweis dafür gegeben, dass sie Kontakt zu seiner Mutter gehabt hatte. Und wenn man Andreas eins nicht nachsagen konnte, dann dass er langsam im Kopf war.

Zögernd öffnete sie die Augen wieder und stellte sich tapfer seinen forschenden Blicken, die alles andere als freundlich auf ihr ruhten. Vor Aufregung krampfte sich ihr Magen zusammen. Jetzt wurde es ihr aber langsam wirklich zu viel!

Zu Jamie gewandt, sagte sie: „Kosta ist angekommen“ und deutete mit einem zitterigen Zeigefinger auf den alten Mann. „W … würdest du bitte schon mal unser Gepäck verstauen?“

Ungefähr so mussten sich Diplomaten in Kriegsgebieten fühlen! Dass ihr Bruder nicht im Traum daran dachte, sie noch einmal mit ihrem Ex allein zu lassen, sah sie ihm deutlich an. Mittlerweile war Andreas’ Blick noch um einiges frostiger geworden, was ihr trotz der abendlichen Wärme eine Gänsehaut bereitete.

„Bitte, Jamie“, wiederholte sie eindringlich. Zu ihrer großen Erleichterung ergriff er schließlich die beiden Reisetaschen und ging ohne ein weiteres Wort zu Kosta hinüber. Doch der Blick, den er seinem Schwager zum Abschied zuwarf, sprach Bände.

Einen Moment beobachtete er schweigend, wie Jamie mit dem Gepäck abzog, dann donnerte Andreas: „Hättest du vielleicht die Freundlichkeit, mir zu erklären, was hier hinter meinem Rücken gespielt wird?“

„Eigentlich nicht, wenn du so fragst“, erwiderte sie schnippisch. Ihr war absolut klar, dass sie jetzt besser diplomatisch vorgehen sollte, aber seine überhebliche Art brachte sie einfach auf die Palme. Trotzdem fügte sie leise hinzu: „Ich bin hier, um Nikos zu besuchen.“

Der Effekt, den der Name ihres Sohnes auf ihn hatte, war unübersehbar. Ein Muskel in seinem markanten Unterkiefer zuckte, während seine Augen sich verdunkelten.

Auch Louisa schnürte es die Kehle zusammen. In stummer Verzweiflung sah sie auf den Boden.

„Und meine Eltern haben rein zufällig davon erfahren und dir das Auto geschickt, nicht wahr?“

Wütend fuhr sie ihn an: „Lass gefälligst diesen sarkastischen Unterton!“

„Ich wurde hintergangen. Ich finde, ich habe jedes Recht, so sarkastisch zu sein, wie ich will.“

Er wurde hintergangen? „Wieso bist du denn nicht in Thailand?“

„Weil mein Vater mich dringend hierhergebeten hat“, antwortete er knapp. „Wie oft warst du schon auf Aristos, ohne dass ich davon wusste?“

Auf keinen Fall würde sie ihm das sagen! Stattdessen lenkte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr ab: „Es ist schon ziemlich spät … Wenn wir uns nicht beeilen, kriegen wir unsere Zimmer nicht mehr.“ Eigentlich stimmte das nicht, aber in dieser Situation war eine Notlüge ja wohl mehr als gerechtfertigt.

„Was für Zimmer?“, fragte er und runzelte die Stirn.

Seufzend erwiderte sie: „Na, unsere Hotelzimmer. Wir wohnen im Hotel.“ In dem einzigen Hotel auf Aristos, wohlgemerkt.

„Den Teufel werdet ihr!“, brauste Andreas auf. „Meine Frau wohnt nicht in einem drittklassigen Hotel, wenn ihr in meiner Villa zehn Zimmer zur Verfügung stehen!“

Auf in die nächste Runde! „Deine Exfrau“, korrigierte sie scharf. „Und sehr willkommen habe ich mich in der Markonos-Villa noch nie gefühlt, wie du weißt.“ In etwas ruhigerem Ton fügte sie hinzu: „Himmel, Andreas! Was glaubst du denn? Es sollte dir ja wohl klar sein, dass ich nicht bei euch übernachten möchte. Ich bin kein Mitglied des grandiosen Markonos-Clans mehr.“

„Doch, du bist noch immer eine Markonos.“

Nein, auf diese Diskussion würde sie sich jetzt nicht auch noch einlassen! „Wir werden im Hotel wohnen, und damit Schluss“, sagte sie energisch.

„Und meine Mutter findet das so in Ordnung?“

Resignierend sah Louisa ein, dass er sie nicht gehen lassen würde, ehe sie ihm die ganze Geschichte erzählt hatte. Um Isabella herauszuhalten, war es mittlerweile ohnehin zu spät. Deshalb nickte sie stumm.

Ein eiskaltes Markonos-Schweigen setzte ein, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Schützend verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah sich Hilfe suchend nach Kosta und Jamie um, die mittlerweile das Gepäck verstaut hatten und neben dem Wagen auf sie warteten. Am liebsten hätte sie sich wie ein kleines Kind auf den Boden geworfen und geweint.

„Sieh mal“, versuchte sie es auf eine etwas erwachsenere Art. „Ich will nicht …“

Doch Andreas schien ihr gar nicht zuzuhören. Wie hatte sie nur vergessen können, wie unendlich dickköpfig er war? Aber was bildete er sich eigentlich ein? Dass sie sich in dieser Situation wohlfühlte? Dass sie ihn unbedingt wiedersehen wollte, nachdem sie jahrelang in sämtlichen Klatschblättern brühwarm von seinen heißen Affären mit noch heißeren Frauen hatte lesen müssen?

Plötzlich wandte er sich wortlos um und marschierte mit großen, kraftvollen Schritten zu Kosta hinüber. Schon immer hatte sie an ihm die elegante männliche Art bewundert, in der er sich bewegte. Wie ein furchtloses Raubtier, nur seinen animalischen Instinkten gehorchend.

Oh, nein! Stopp! Das ging jetzt wirklich in die falsche Richtung. Als ob seine Instinkte sie interessierten! Die waren ihr schließlich schon seit Langem völlig gleichgültig!

Tief durchatmend, folgte sie Andreas, der bereits mit Kosta diskutierte, ohne ihren Bruder, der mit zorngerötetem Gesicht danebenstand, auch nur im Geringsten zu beachten. Als sie am Wagen ankam, tauschten der Chauffeur und ihr Ex gerade ihre Autoschlüssel aus. Mit einem entschuldigenden Blick in ihre Richtung verabschiedete sich der alte Mann und machte schleunigst, dass er davonkam, während Andreas die Tür hinter dem Fahrersitz öffnete und gebieterisch befahl: „Los, rein mit euch!“

Als sie sah, wie sich das Gesicht ihres Bruders vor Empörung noch um eine weitere Schattierung verdunkelte, gab sie ihm einen kleinen Stoß, begleitet von einem Blick, der sagte: Steig schon in das verdammte Auto! Diese Situation musste jetzt endlich zu einem Ende kommen! Egal zu welchem.

Sie stieg ebenfalls hinten ein.

Als die Tür ins Schloss fiel, knurrte Jamie: „Für wen hält der sich eigentlich?“

Für einen Mann, der von seiner eigenen Mutter hintergangen wurde? Louisa konnte ihm nicht einmal richtig böse sein. Natürlich war er wütend. Sie stand ja selbst vor einem Rätsel. Was um alles in der Welt hatte Isabella nur vor?

Den Finger auf den Mund legend, bedeutete sie ihrem entrüsteten Bruder, zu schweigen.

Die Fahrertür flog auf, und Andreas ließ sich mit einer geschmeidigen Bewegung hinter dem Steuer nieder. Das strahlende Weiß seines maßgeschneiderten Oberhemdes betonte seine starken breiten Schultern und den warmen Ton seiner glatten sonnengebräunten Haut.

Die Hitze stieg ihr ins Gesicht, als sie bemerkte, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Im Rückspiegel begegnete ihr der elektrisierende Blick seiner schwarzen Augen, denen nichts, aber auch absolut nichts zu entgehen schien, und ein heißer Schauer überlief ihren Körper. Wohin sollte das alles nur führen?

3. KAPITEL

Als ob er ihre Gedanken gelesen hatte, intensivierte sich sein Blick. Heiß, draufgängerisch und so unheimlich vertraut. Unhörbar rang Louisa nach Atem und hoffte inständig, dass ihr eigener Blick nicht dieselbe Botschaft beinhaltete. Sie versuchte, wegzusehen, doch sie konnte die Augen einfach nicht abwenden. Auf einmal wurde ihr Mund ganz trocken. Sie schluckte nervös. Nein, so ging das nicht! Das musste jetzt auf der Stelle klargestellt werden! Die zitternden Lippen bereits für eine harsche, abweisende Bemerkung geöffnet, spürte sie, wie die langen Jahre der Verbitterung von ihr abfielen. Leichter und leichter schien sie zu werden, und plötzlich fühlte sie sich wieder wie die hingebungsvolle Siebzehnjährige, die dem selbstbewussten jungen Studenten in die tiefschwarzen Augen sah und sich von ihm verzaubern ließ.

Allerdings hatte er sich stärker verändert, als sie es je für möglich gehalten hätte. Zwar hatte er ganz offensichtlich sein südländisches Temperament nicht verloren, aber im Vergleich zu damals schien er gereift zu sein und auch weitaus beherrschter – jedenfalls dem ersten Eindruck nach. Sein Körper war schlanker geworden, muskulöser und härter. Die größte Verwandlung hatte jedoch sein Gesicht durchgemacht. Sein markantes Kinn, die hohen Wangenknochen und die schmale Nase traten heute noch deutlicher hervor, ebenso wie sein breiter, sinnlicher Mund, der so bezwingend lächeln konnte. Allerdings war dies im Augenblick nur schwer vorstellbar, denn er hatte die Lippen verärgert zusammengepresst.

Ob er jetzt immer so grimmig dreinschaute? Oder lag das nur an ihrer Gegenwart? Louisa wusste es nicht, aber eins wurde ihr mit jeder Minute, die sie länger in dem dämmerigen Auto verbrachte klarer: Vor ihr am Steuer saß der bei Weitem schönste Mann, den sie in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. Selbst nach all den Jahren übte er noch immer die gleiche unbändige Anziehungskraft auf sie aus. Kein Wunder, dass seine Blicke, seine Nähe sie völlig aus der Fassung brachten!

Dann musste sie daran denken, wie er an jenem Tag ausgesehen hatte, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, damals in ihrem Apartment in Athen. Und die schmerzhafte Bitterkeit, die sie seit Jahren mit sich herumtrug, erfüllte wieder beklemmend ihr Herz. Wie hatte sie diesen Mann geliebt! So sehr, dass es sie fast zerstört hätte!

Abrupt wandte sie den Blick ab.

Im selben Moment heulte der Motor des offenen schwarzen Sportwagens auf, der an der Ampel schnittig wendete. Durch das Fenster des Mercedes beobachte sie, wie Kosta mit dem Cabrio davonfuhr.

Nun startete auch Andreas den Motor. Das solide, leise Brummen begleitete ein geschicktes Wendemanöver, ehe er den Wagen in Richtung Halbinsel lenkte. Die Stimmung im Inneren der Limousine war allerdings nicht halb so glatt wie ihr poliertes silbernes Äußeres …

Die Ankunft auf Aristos lag kaum eine halbe Stunde zurück, und schon hatte sich ihre Reise in eine einzige Katastrophe verwandelt! Mit einem vorsichtigen Blick auf Andreas’ Profil stellte sie fest, dass sein Gesichtsausdruck auf einmal noch grimmiger schien. Was er wohl gerade dachte? Ob er sie verdächtigte, dieses Zusammentreffen eingefädelt zu haben?

Fragen würde sie ihn das natürlich auf keinen Fall. Nachdenklich ließ sie die Blicke zu seinem modern gestylten dunklen Haar wandern. Die Frisur betonte seinen wohlgeformten Hinterkopf und stand ihm außerordentlich gut. Ebenso wie das feine, maßgeschneiderte weiße Hemd, das perfekt die Konturen seiner starken Schultern umschmeichelte.

Die letzten fünf Jahre haben ihm gut getan. Jedenfalls optisch, stellte sie fest, während sie den muskulösen sonnengebräunten Unterarm und die starke Hand betrachtete, die lässig auf dem lederumhüllten Schaltknüppel ruhte.

Als sie aufsah, wurde sie erneut von seinen schwarzen Augen im Rückspiegel gefesselt. Ihr Herzschlag setzte aus, und die Zeit schien abermals stillzustehen, nein, rückwärts zu laufen!

Plötzlich wusste sie, dass sie noch existierte, ihre Verbindung – und er kannte sie besser, als ihr lieb war! Ob er ahnte, was gerade in ihr vorging? Wie viele Emotionen in ihr tobten, seit sie ihm vorhin am Hafen in die Arme stolperte? Dass nur er die Macht hatte, in ihr ein solches Durcheinander auszulösen?

Ein durchdringender Handyton brach den Bann. Und während Jamie sich hinunterbeugte, um in seinem Rucksack nach dem Telefon zu fischen, wandte Andreas den Blick von ihr ab und wieder der Straße zu.

Kraftlos sank Louisa in ihrem Sitz zusammen.

Grinsend begann ihr Bruder eine Antwort auf die Textnachricht seines Kumpels zu schreiben. Sofort schien seine Laune gebessert. Auch wenn sie seine Handysucht nie verstehen würde, wirkte das gleichmäßige Geräusch, das seine Finger auf der Tastatur des Telefons vollführten, sonderbar beruhigend auf sie.

Schließlich hatte sie genug Mut gesammelt, um einen erneuten Blick in den Rückspiegel zu wagen. Oh, mein Gott! Er sah sie schon wieder an! Anscheinend konnte auch er seine Augen nicht von ihr lassen.

Früher hatten sie sich ständig Nachrichten geschrieben. Lauter süße, sinnlose Dinge wie „Was machst du gerade?“, „Vermisst du mich auch so?“ und „Ich wünschte, du wärst jetzt bei mir“. Ob er sich daran noch erinnerte?

Angespannt versuchte sie, eine bequemere Position in ihrem Sitz zu finden. Am Anfang ihrer Beziehung waren Mobiltelefone noch lange nicht so verbreitet gewesen wie heute, und auch SMS waren beinahe unbekannt. Daher hatten sie oft viele Stunden am Telefon verbracht. Ohne die unzähligen Ferngespräche hätte sie die langen Trennungszeiten auch kaum aushalten können.

„Was für einen pflichtbewussten Bruder ich doch habe“, pflegte Alex in sarkastischem Ton festzustellen, wenn das schrille Klingeln Andreas’ allabendlichen Anruf ankündigte. „Andererseits würde unsere Mutter ihm auch den Kopf abreißen, wenn er sein kleines Frauchen ganz bei uns vergäße.“

Kein Mitglied des Markonos-Clans war ihr gegenüber derart feindlich gestimmt wie Alex. Ständig hatte er ihr vorgeworfen, sie hätte das Leben seines Bruders zerstört. „Egal wo er hinkommt, Andreas liegen überall die schönsten Frauen zu Füßen. Glaubst du wirklich, dass er dir treu bleibt, während du hier bei uns jeden Tag fetter wirst mit deinem Babybauch?“

Als sie den Blick vom Spiegel abwandte, fragte sich Andreas, was plötzlich den tiefen Schmerz in ihren Augen hervorgerufen hatte.

Ich wahrscheinlich. Wer denn sonst? dachte er bitter. Verdammte Erinnerungen! Anscheinend wurde nicht nur er von den Schatten der Vergangenheit verfolgt. Und selbst Louisas Bruder ließ sie nicht in Ruhe. Eigentlich war er einmal gut mit ihm befreundet gewesen, jetzt sah Jamie ihn an, als wäre er eine giftige Schlange oder ein widerliches Insekt. Und das tat weh. Richtig weh. Irgendwie traf es einen wunden Punkt, von dem er seit Jahren geglaubt hatte, es gäbe ihn nicht mehr und den er am liebsten auch in Zukunft nicht berühren wollte.

Energisch schluckte Andreas gegen den dicken Kloß in seinem Hals an. Louisa war und blieb die Mutter seines geliebten Sohnes! Egal wie viel Zeit verging oder wie sehr sie sich veränderte.

Aber eigentlich hat sie sich gar nicht verändert, stellte er mit einem forschenden Blick in den Rückspiegel fest. Ihr wunderschönes Gesicht hatte seine weichen, femininen Konturen behalten, und auch die weit auseinanderstehenden blauen Augen, die gerade kleine Nase und ihr sinnlicher Mund waren noch genauso, wie er sie in Erinnerung hatte. Wie er das Gefühl dieser vollen, weichen Lippen auf seinen geliebt hatte!

Entschlossen ignorierte er das plötzlich in ihm aufsteigende Verlangen und richtete den Blick wieder auf die Straße. Wenn sein Körper noch immer so auf sie, auf ihren bloßen Anblick reagierte, sah er besser nicht mehr in den Rückspiegel!

Geräuschlos bog der Wagen in das dunkle Waldgebiet im Westen der Halbinsel ein. Ein Ortsunkundiger hätte wohl nie vermutet, dass dieser finstere, holprige Sandweg zum einzigen Hotel auf Aristos führte. Doch das weiße, in mediterranem Stil erbaute Gebäude, zu dem eine gemütliche kleine Taverne gehörte, lag direkt an einem der schönsten Strände. Einen Großteil der Insel bedeckten dichte Wälder. Riesige Steinpinien und Platanen, Zedern und Kastanienbäume spendeten selbst in der größten Mittagshitze, wenn die Luft über den alten schiefergedeckten Steinhäuschen der Einheimischen zu flirren begann, Kühle und Schatten. Nicht zu Unrecht wurde die fruchtbare grüne Insel auch als „Smaragd von Griechenland“ bezeichnet. Wein, Oliven und Nüsse, aber auch Pflaumen und anderes Obst gediehen unter dem tiefblauen Himmel von Aristos, den nur selten einmal ein paar kleine weiße Federwölkchen durchzogen, wie nirgendwo anders.

Schließlich lichtete sich der Wald, und Andreas erkannte den kleinen Park, der das Hotel umgab. Bloß gut, dass ich mich hier auskenne, dachte er, während er das Auto parkte, denn nur ein einziges schwaches Lämpchen glimmte über der Eingangstür.

Beinahe fluchtartig verließ Louisa den Wagen, kaum dass er zum Stillstand gekommen war. Der Gesang Hunderter Zikaden erfüllte die laue Sommernacht. Die Augen schließend, atmete sie tief den Duft von Zitronen und Pinien ein, in den sich das Salz des Meeres mischte. Abwartend beobachtete sie, wie Andreas zum Kofferraum ging, um ihr Gepäck auszuladen.

„Lass mich das machen!“, rief Jamie, der gerade ausstieg.

„Ach, bis du hier bist, habe ich das längst erledigt.“ Und schon stellte Andreas die zweite Reisetasche ab.

„Man kann hier ja sogar das Meer rauschen hören. Sind wir so nah am Wasser, Louisa?“

Aha, Jamie ist also zum ersten Mal hier, kombinierte Andreas.

Ehe sie ihm eine Antwort geben konnte, kam Yannis, der Hotelbesitzer, herausgeeilt, um sie wie jedes Jahr herzlich zu begrüßen. Als der kleine alte Mann Andreas erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen. Ihn hier zu sehen, hatte er nun wirklich nicht erwartet! Wo steckte denn sein alter Freund Kosta?

Die Insel war klein, und das Gedächtnis der Menschen lang. Natürlich wusste Yannis über den Familienskandal der Markonos genau Bescheid. Jeder auf Aristos wusste, dass sich der älteste Sohn Hals über Kopf in eine blutjunge Touristin verliebt und sie geschwängert und dann – gegen den Willen seiner Eltern – auch noch geheiratet hatte! Auch der tragische Unfall des kleinen Nikos’ war kein Geheimnis, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Louisa und Andreas seit Jahren getrennt voneinander lebten. Längst hatten sich alle daran gewöhnt, dass entweder sie oder er auf der Insel weilten, nie aber beide zusammen.

Als er Yannis die Hand zur Begrüßung schüttelte, wies er Andreas auf Griechisch an, Jamie mit dem Gepäck zu helfen. Während der Hotelbesitzer mit ihrem Bruder im Haus verschwand, stand Louisa noch immer unschlüssig neben dem Wagen.

„Morgen sind wir das Gesprächsthema auf der Insel. Wetten?“, bemerkte er trocken.

„Ist ja nichts Neues“, erwiderte sie. Doch im nächsten Moment bereute sie bereits den sarkastischen Ton und murmelte leise: „Sorry.“

„Wieso? Du hast ja recht“, sagte er achselzuckend und lehnte sich seitlich an das Auto, sodass er ihr genau gegenüberstand. Die Hände in den Taschen, gefährlich gut aussehend und viel zu nah bei ihr! „Außerdem interessiert es mich nicht, was andere über mich denken.“

„Das hat es ja noch nie.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf ihre Sandaletten, krampfhaft bemüht, nicht darüber nachzudenken, wie unheimlich groß er wirkte, wenn er so direkt neben ihr stand. Wie groß und … atemberaubend männlich.

„Stimmt“, gab er ihr recht. Dann streckte er die Hand aus und strich ihr sanft über die Wange.

Völlig überrumpelt hielt sie den Atem an.

„Ich war vielleicht geschockt, als ich dich vorhin von der Fähre spazieren sah“, raunte er ihr zu. „Einen Moment lang dachte ich, ich träume.“

„Ja, schlimm, wenn einen die Albträume auch noch heimsuchen, wenn man wach ist!“, erwiderte sie ironisch und entzog sich seiner Berührung.

Unbeeindruckt strich er ihr eine weiche goldblonde Locke aus der Stirn. „Eigentlich war es eher ein unerwartet schöner Traum.“

Ärgerlich fauchte sie: „Lass das, Andreas! Hör auf, mit mir zu spielen!“

„Ich habe nicht mit dir, sondern mit deinem Haar gespielt.“

„Auch dazu hast du kein Recht!“

„Ich finde schon.“

Was für eine bodenlose Frechheit! „Wie in aller Welt kommst du denn darauf?“, zischte sie außer sich vor Wut.

Demonstrativ schob er die Hände wieder in die Hosentaschen und verdrehte die Augen. „Vielleicht weil du immer noch meine Frau bist?“

Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild, das sich in ihr Herz eingebrannt hatte, als sie damals zu ihm nach Athen geflogen war. Wie sie ihn dort in ihrem Apartment gefunden hatte – oder besser mit wem. Blitzartig distanzierte sie sich ein paar Schritte. Oh, am liebsten hätte sie diesem Mistkerl ihre ganze jahrelang angestaute Wut und Verletzung entgegengeschrien! Stattdessen kämpfte sie gut zehn Sekunden stumm gegen das Gefühlschaos in ihrem Inneren an. Wie konnte er es wagen, dort so seelenruhig am Auto zu lehnen, mit ihrem Haar herumzuspielen und unmögliche Dinge von sich zu geben? Und musste er dabei unbedingt so verdammt gut aussehen? Jetzt grinste er sie auch noch so überlegen an! Anscheinend las er wirklich ihre Gedanken.

Fuchsteufelswild streckte sie ihm ihre rechte Hand hin und rief: „Siehst du das? Es gibt keinen goldenen Ehering mehr an diesem Finger. Oder sonst irgendein Zeichen, dass ich jemals zu dir gehört habe. Außerdem nenne ich mich wieder Johnson – Miss Johnson! Verstehst du? Ich bin keine Markonos mehr!“

„Du hast mich wohl völlig aus deinem Leben verbannt, was?“, fragte er ruhig.

„Ganz genau.“

Plötzlich und unerwartet, sodass sie überhaupt nicht wusste, wie ihr geschah, zog er sie an sich und küsste sie ungestüm. Denken ging nicht mehr. Sie spürte nur noch seine harte männliche Brust, seine heißen fordernden Lippen auf ihren, und in ihrem Körper begann ein wahres Feuerwerk der Emotionen, so heftig, so atemberaubend und so unglaublich vertraut, als würde rein gar nichts zwischen ihnen stehen. Als wäre wieder alles wie früher.

Gegen ihren Willen öffneten sich ihre verräterischen Lippen, ließen ihn ein, gaben ihm, was er begehrte, und ermutigten ihn noch, mehr und immer mehr zu verlangen. Nein, das konnte, das durfte einfach nicht wahr sein! Warum hatte er noch immer diese Macht über sie? Und warum genoss sie trotz allem jede einzelne Sekunde dieses wilden, leidenschaftlichen Kusses? Wo zum Teufel war ihre Selbstkontrolle geblieben?

Die Antwort lag auf der Hand – oder besser gesagt in seinen großen, starken Händen, mit denen er ihre Hüften packte und sie fest an seinen muskulösen Körper presste. Aufreizend streichelte er ihren Rücken entlang, bereitete ihr Gänsehaut.

Beinahe gleichzeitig stöhnten sie nach Atem ringend auf. Dann schob er sie plötzlich mit einer energischen Bewegung von sich.

Eine Armeslänge Abstand haltend, durchbohrte er sie förmlich mit seinem durchdringenden, spöttischen Blick. Ein wohlbekanntes, unbändiges Verlangen glitzerte in seinen Augen, aber auch so etwas wie Triumph.

„Sieht für mich nicht so aus, als hättest du mich erfolgreich aus deinem Leben verbannt, Kleines!“, stellte er höhnisch fest.

Wie konnte er nur so ein mieses Spiel mit ihr treiben? Am ganzen Körper zitterte sie vor Erniedrigung und Scham. Doch tapfer schluckte sie die aufsteigenden Tränen hinunter.

„Was interessiert dich das überhaupt?“, stieß sie mit brechender Stimme hervor. „Du hast doch tausend andere, mit denen du dich vergnügen kannst!“ Noch einen letzten angewiderten Blick, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte ins Hotel.

Bestürzt sah Andreas ihr nach. Oh, Gott! Was hatte er nur getan? Und vor allem wieso? Wieso? Was zum Teufel war bloß in ihn gefahren? Fluchend riss er die Autotür auf und schwang sich in den Wagen. Die Antwort auf all diese Fragen kannte er nur zu gut. Doch sie rechtfertigte nicht im Geringsten, dass er Louisa gegen ihren Willen geküsst und in voller Absicht gedemütigt hatte! Mit quietschenden Reifen brauste er davon, den Klang ihrer tränenerstickten Stimme im Ohr. „Tausend andere“ …

Zitternd lehnte Louisa den Kopf an die Tür des Hotels und lauschte dem Geräusch des davonrasenden Mercedes. In ihren Schläfen pochte es, und sie fühlte sich so schwach, dass sie sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte.

Noch immer pulsierten ihre Lippen von seinem Kuss. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Wie konnte er ihr das nur antun? Sie so zu küssen, dass ihr ganzer Körper, sich unendlich nach ihm sehnte und sich hinterher über sie lustig machen!

Die Tür öffnete sich. „Louisa? Alles in Ordnung?“

Die besorgt klingende Stimme ihres Bruders ließ sie erschrocken zusammenzucken. „J … ja, keine Sorge“, log sie, um ihn nicht noch weiter zu beunruhigen.

Anscheinend hatte sie ihn nicht so recht überzeugen können, denn er fragte: „Hat er irgendetwas gesagt, das dir wehgetan hat?“

„Nein“, log sie erneut. „Wir … wir standen nur beide unter Schock, das ist alles.“

Doch auch wenn sie es sich kaum eingestehen wollte, was sie aus der Fassung brachte, war es weit mehr als nur der Schock, ihn so plötzlich und unerwartet wiederzusehen. Stunden später marschierte sie noch immer rastlos in ihrem Zimmer auf und ab. Außer sich, und zwar nicht nur wegen seines unmöglichen Verhaltens, sondern vor allem wegen ihrer eigenen Reaktionen darauf. Ihm ohne nennenswerten Widerstand in die Arme zu sinken, kaum dass seine Lippen sie berührten!

„Lieber Gott, gib mir Kraft!“, betete sie und versuchte, das brennende Verlangen zu ignorieren, das allein bei dem Gedanken, wie sich seine harten Muskeln unter ihren Fingern anfühlten, in ihr aufstieg.

Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können? Sie konnte ihn doch nicht immer noch begehren? Jedenfalls wollte sie ihn nicht mehr begehren, das wenigstens wusste sie genau! Schützend schlang sie die Arme um ihren zitternden Körper, ging zum Fenster und starrte in die samtig schwarze Dunkelheit der mediterranen Nacht hinaus. Spät war es geworden, sehr spät. Eigentlich hätte das große gemütliche Bett einen unwiderstehlichen Reiz auf sie ausüben müssen. Doch jedes Mal, wenn sie einen Blick darauf warf, spielte ihre verräterische Fantasie ihr einen Streich, und sie sah ihn darin liegen und auf sie warten. Nackt!

Ruckartig setzte sie sich in Bewegung und stürmte in das kleine Badezimmer. Zehn eiskalte Minuten unter der Dusche später schlüpfte sie fröstelnd unter die Decke. So, und jetzt vergiss diesen verdammten Kuss und schlaf!

Die schwarzen Augen auf den blinkenden Sternenhimmel geheftet, lag Andreas in einem Liegestuhl auf der Terrasse. Neben ihm auf dem Beistelltischchen standen ein Glas Brandy und eine große Tasse Kaffee. Was die Drinks betraf, hatte er vor Kurzem seine Meinung geändert. Auch wenn er sich sonst damit sehr zurückhielt, heute brauchte er sie einfach!

Das Gespräch mit seinen Eltern war vor allen Dingen eins gewesen: kurz.

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