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ROMANA EXKLUSIV BAND 239

REBECCA WINTERS

Das Märchenschloss in der Bretagne

Ebenso geheimnisvoll wie das Schloss in der Bretagne wirkt auf Andrea auch dessen Erbe Lance Du Lac. Kühl und abweisend begegnet ihr der attraktive Adelige. Erst als Andrea ihm gesteht, dass sie ein Kind von ihrem verstorbenen Mann erwartet, zeigt er sich von seiner zärtlichen Seite – und macht ihr sogar einen Antrag! Doch Andrea kann nicht Ja sagen …

SANDRA FIELD

Reise des Herzens

Bis ans Ende der Welt würde der erfolgreiche Unternehmer Slade Carruthers seiner angebeteten Clea folgen. Seit er sie auf einer exklusiven Gartenparty zum ersten Mal gesehen hat, weiß er: Clea ist die Frau seines Lebens! Und deshalb folgt er ihr – nach Monte Carlo, Paris, New York … Stationen einer Enttäuschung oder einer großen Liebe?

DIANNE DRAKE

Sanft wie der Tropenwind

Was für ein toller Mann: attraktiv, einfühlsam und charmant! Die Ärztin Michelle ist von ihrem engagierten Kollegen Paul Killian mehr als fasziniert. Da sie aber mit einem tragischen Geheimnis lebt, das Paul nie erfahren soll, flieht sie vor ihrem Traummann – und vor ihren eigenen Gefühlen. Tief in den Dschungel der tropischen Insel Kijé …

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Das Märchenschloss in der Bretagne

1. KAPITEL

… Lancelot ist am Ziel seiner Wünsche, wenn es der Königin nach seiner Gesellschaft und Liebe verlangt, wenn sie ihn aufsucht und sie sich in die Arme nehmen. Ihr Tun ist so hold und ihre Wonne so süß. Sie küssen sich und berühren sich und empfinden eine Glückseligkeit, die sich in Worten nicht beschreiben lässt.

Andrea Fallon seufzte tief und klappte das Buch zu. Die Dämmerung war hereingebrochen, und es war zu dunkel zum Lesen geworden. Die bewegende Liebesgeschichte zwischen der Königin Guinevere und Lancelot war ihr ohnehin schon sehr nahegegangen, vielleicht war es besser so, dass sie die Lektüre für heute beenden musste.

Obwohl Chrétien de Troyes die Abenteuer des edlen Ritters schon vor mehr als achthundert Jahren zu Papier gebracht hatte, berührte die Liebe des Ritters zu der Königin selbst einen modernen Menschen. Auch heute noch beneidete jede Frau die Königin Guinevere darum, solche zärtlichen Gefühle in dem ruhmreichsten Ritter der Tafelrunde zu erwecken.

Wünschte sich nicht jede Frau, mit so verzehrender und ausschließlicher Leidenschaft geliebt zu werden?

Andrea schalt sich selbst, weil diese alte Geschichte sie mit dieser Intensität beschäftigte, und sie lenkte ihre Gedanken zurück auf Richard, den Mann, mit dem sie sechs Jahre lang verheiratet gewesen war und den sie vor drei Monaten verloren hatte.

Hätte er sie mehr geliebt, wenn sie fähig gewesen wäre, ihm das Kind zu schenken, das er sich so inständig gewünscht hatte?

Seit der Beerdigung versuchte sie zu ergründen, weshalb ihre Ehe nicht allzu glücklich gewesen war. Vielleicht hatte ihre Unfruchtbarkeit, mit der niemand gerechnet hatte, Richards Gefühle mit den Jahren erkalten lassen.

Sie war einundzwanzig gewesen, als sie heirateten, Richard zehn Jahre älter, und beide hatten sie sich sehnlichst Kinder gewünscht.

Eine Adoption war für Richard nicht infrage gekommen. Er wollte leibliche Kinder und die Linie der Familie fortsetzen.

Andrea hatte seine Einstellung respektiert und das Thema nie wieder angeschnitten, obwohl sie sich diesen Weg durchaus hätte vorstellen können. Dennoch änderte sich ihre Ehe grundlegend. Richard zog sich mehr und mehr in sich zurück und ging ganz in seiner Arbeit auf. Entweder spürte er nicht, wie unglücklich ich war, oder sein eigener Schmerz war zu groß, um mit mir darüber zu reden.

Da keine Aussicht auf Nachwuchs bestand, schien die körperliche Liebe für ihn mehr und mehr zur Nebensache zu werden. Während des letzten Jahres ihrer Ehe hatte er sich eher wie ein Freund verhalten, nicht wie ein liebender Mann. Nur ganz selten waren sie intim miteinander geworden, und auch nur dann, wenn sie die Initiative ergriffen hatte.

Dennoch war Andrea zuversichtlich geblieben. Sie würden die Krise meistern. Eines Tages würde Richard seinen Widerstand gegen eine Adoption aufgeben, und die Vorfreude auf das Kind würde sein körperliches Verlangen wieder beleben. Dann hatte der Tod all ihre Hoffnungen zunichtegemacht.

Oh Richard …

Sie empfand ein Gefühl der Trauer um verpasste Lebenschancen, das schier unermesslich groß wurde, und sie weinte bittere Tränen.

Nach der Beerdigung hatte ihre Tante versucht, sie ein wenig aufzumuntern. „Du bist noch jung, Andrea, du wirst den Richtigen noch treffen“, prophezeite sie gern. „Er wird dich heiraten, und ihr werdet Kinder adoptieren.“

Andrea glaubte nicht daran, ihr Leben hatte keine Perspektiven mehr.

Doch es war nicht nur die Kinderlosigkeit gewesen, die ihre Ehe überschattet hatte. So hatte Andrea ganz häufig unter dem Gefühl gelitten, Richard intellektuell unterlegen zu sein.

Als Universitätsprofessor pflegte er Umgang mit sehr gebildeten Menschen. Was hatte sie, die nicht studiert hatte, ihm schon zu bieten, wenn sie ihm nicht einmal das Kind schenken konnte, das sich beide so wünschten?

Weshalb hatte Richard sie überhaupt geheiratet?

Andrea verbot sich, weiter in diese Richtung zu denken. Sie lief Gefahr, ihren gesunden Menschenverstand zu verlieren – ebenso wie ihren Appetit, der ihr schon seit Wochen abhandengekommen war.

Mit siebenunddreißig war Richard einfach zu jung zum Sterben gewesen. Mit mehr Zeit wäre es ihnen beiden bestimmt noch gelungen, eine Familie zu gründen und glücklich zu werden. Müde erhob sich Andrea von dem Baumstumpf, der ihr als Sitz gedient hatte.

Sie brauchte Schlaf, um die Kraft zu finden, Richards letztes Projekt, ein umfangreiches Buch über die Artuslegende, für die Veröffentlichung vorzubereiten. Alles, was ihr an Illustrationen noch fehlte, war eine Aufnahme von einem Hirsch oder einem wilden Eber – beliebte Tiermotive auf mittelalterlichen Gobelins. Sobald ihr eine solche Aufnahme gelungen war, würde sie in ihren Wohnort New Haven in den USA zurückkehren.

In der knappen Woche, die sie jetzt hier war, hatte sie die Bretagne lieben gelernt. Es war faszinierend zu sehen, wie sich der Forêt de Brocéliande, ein Laubwald mit uraltem Baumbestand, nach Sonnenuntergang in eine Zauberwelt verwandelte. Unter dem dichten Blätterdach von Eichen und Kastanien tummelten sich dann Tiere, die man bei Tageslicht nicht zu Gesicht bekam. Sie hatte schon viel über die ursprüngliche Schönheit der bretonischen Wälder gehört, aber der Zauber und die Ruhe, die von dieser Landschaft ausgingen, entzückten sie trotz ihrer Traurigkeit. Bemooste Menhire standen majestätisch an Feldwegen, im Unterholz wuchsen wilde Himbeeren, duftende Blumenteppiche zogen sich über ganze Hügel hinweg. Es war, als wäre man in eine magische Welt versetzt, und wenn sie durch den dämmrigen Wald spazierte, schien es Andrea, als könnte sich jeden Moment eine der Gestalten aus Camelot aus den geheimnisvollen Schatten lösen, um hervorzutreten und ihre Geschichte zu erzählen.

Gerade wollte sie sich die Kameratasche über die Schulter hängen, als es im Unterholz raschelte. Wahrscheinlich nur der Wind oder ein harmloses Tier, sagte sie sich, wahrscheinlich nur ihre überreizten Nerven. Trotzdem zuckte sie unwillkürlich zusammen und drehte sich so abrupt um, dass ihr Haar nur so flog.

Erschrocken schrie sie auf.

Aus dem Kieferndickicht am schmalen Ende des nierenförmigen Sees, der einfach Le Lac hieß, trat ein großer Mann im Tarnanzug. Eindeutig ein lebendiger Mensch, keine Erscheinung aus dem Mittelalter.

Er war groß und athletisch gebaut, machte einen durchtrainierten, militärischen Eindruck. Wahrscheinlich jemand, der sogar beim Schlafen die Augen offen hielt. Wenn er sie gesucht und hier gefunden hatte, musste er ein ungewöhnlich feines Gespür besitzen.

Der gebräunten Haut seines scharf geschnittenen Gesichts nach zu urteilen, musste er sich bis vor Kurzem in den Tropen aufgehalten haben. Er musterte sie feindselig, und Andrea fiel auf, in welch faszinierendem Gegensatz seine blauen Augen zu seinen dunklen Brauen und dem kurz geschnittenen schwarzen Haar standen.

Andrea war noch nie einem so attraktiven Mann begegnet, und während er über die Lichtung auf sie zukam, ging ihre Bildfantasie mit ihr durch. Sie sah ihn vor sich, wie er, in strahlender Rüstung und von einem Glorienschein umgeben, vor Guinevere kniete.

Das Traumgebilde zerriss, als er sie ansprach. „Dies hier ist Privatgelände, und jeder Zutritt ist untersagt“, herrschte er sie an, erst auf Französisch, dann, mit deutlichem Akzent, auf Englisch.

Ganz offensichtlich war dieser Mann kein verkleideter, in der Minnekunst erfahrener junger Prinz, sondern ein selbstherrlicher Macho von ungefähr Mitte dreißig. Er musterte sie, als sei sie eine Beleidigung für seine Augen.

Wahrscheinlich hatte er trotz der Dämmerung ihren Buchumschlag erkennen können, anders ließ sich nicht erklären, weshalb er sie in ihrer Muttersprache angesprochen hatte.

„Ich besitze eine Erlaubnis, ich darf mich hier aufhalten“, antwortete sie tapfer und drückte ihr Buch fester an sich.

Er kniff die Augen zusammen und streifte ihr, ehe sie seine Absicht auch nur erahnt hatte, die Kameratasche von der Schulter. Obwohl sie nicht im Traum daran gedacht hätte, sie mit Gewalt wieder an sich zu bringen, wickelte er sich den Gurt ums Handgelenk.

„Eine solche Erlaubnis gibt es nicht. Wer immer Sie auch sein mögen, ich rate Ihnen dringend, das Grundstück schnellstens zu verlassen.“

„Der Aufseher hat mir diese Stelle empfohlen, um Tieraufnahmen zu machen.“

Er schob das Kinn vor. „Morgen früh dürfen Sie sich Ihre Kamera bei der Aufsicht am Tor abholen. Sollten Sie mich belogen haben, rate ich Ihnen dringend, sich hier nie wieder sehen zu lassen.“

Ungeniert musterte er sie von oben bis unten, und Andrea wurde sich ihres Körpers deutlich bewusst. Die Tatsache, dass sie eine Frau war, schien den Fremden noch wütender zu machen.

„Ich habe Sie gewarnt“, herrschte er sie an, drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

Andrea bebte. Nicht nur die Feindseligkeit, auch die unverschämten Blicke des Fremden waren ihr unter die Haut gegangen. Sie brauchte einige Minuten, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie zum Château du Lac zurückkehren konnte. Es wurde auch höchste Zeit, denn in dem schwindenden Licht war der Weg kaum noch zu sehen. Über dem See begannen Nebelschwaden aufzusteigen, die alle Umrisse verwischten und fahrige Geister unter dem Blätterdach tanzen ließen. Andrea fühlte sich unbehaglich.

Der Aufseher, der ihr eine grobe Skizze des riesigen Anwesens angefertigt hatte, hatte von einem Wachmann nichts erwähnt. Wahrscheinlich hatte er nicht daran gedacht, dass sie sich nach Sonnenuntergang noch im Wald aufhalten könnte.

Und in Wahrheit war sie ja auch nicht nur zum Fotografieren an den See gekommen. Sie hatte es einfach spannend und aufregend gefunden, Lancelots Geschichte an einem Ort zu lesen, an dem er sich als Kind aufgehalten haben soll.

Mit ihren Gedanken immer noch bei der Begegnung mit dem verwirrenden Fremden, ging sie viel zu schnell. Als sie die Kies­auffahrt zu dem prächtigen Château erreichte, musste sie stehen bleiben, um Atem zu schöpfen.

In der Dämmerung wirkte das dreigeschossige, lang gestreckte Gebäude mit seiner Schieferfassade und den runden Türmen wie ein Märchenschloss.

Nach der unheimlichen Atmosphäre des nächtlichen Waldes empfand Andrea das Château mit seinen erleuchteten Fenstern als hell und anheimelnd – und wie verzaubert. An diesem Abend schien alles eine traumhafte Qualität zu besitzen. Wahrscheinlich hatte sie sich zu intensiv mit Lancelot und ihren eigenen gescheiterten Lebensplänen beschäftigt und befand sich in einer überempfindlichen Stimmung.

Das war bestimmt auch die Erklärung für die erschreckende Intensität, mit der sie auf die Begegnung mit dem unfreundlichen Fremden reagiert hatte.

Nach langen Monaten hatte sie zum ersten Mal wieder sinnliches Verlangen empfunden. Erfreut war sie nicht darüber, denn es brachte ihren ohnehin schon empfindsamen Gemütszustand noch mehr aus dem Gleichgewicht.

Andrea eilte durch die prächtige Halle und lief die breite Treppe hinauf in das oberste Stockwerk. Vor zweiundzwanzig Uhr wurde nicht abgeschlossen, bis dahin konnte sie nach Belieben kommen und gehen. Geoffroi Malbois, der gegenwärtige Duc du Lac und Besitzer des Schlosses, hatte es ihr erlaubt.

Leider war ihr adeliger Gastgeber gesundheitlich nicht in der Lage gewesen, sie persönlich zu empfangen. Als Folge einer schweren Grippe hatte er sich eine Lungenentzündung zugezogen und musste das Bett hüten. Dennoch hatte er auf ihrem Besuch bestanden.

Brigitte, die ältliche Hausdame, hatte sie begrüßt und in das Zimmer gebracht, das der Duc für sie bestimmt hatte: das sogenannte Grüne Zimmer, das normalerweise nicht benutzt wurde. Als Andrea nach ihrer Ankunft über die Schwelle trat, hatte sie sofort gewusst, weshalb der Raum meistens verschlossen war.

An den hellgrünen Wänden war in einem Jahreszyklus die heimliche Affäre zwischen Lancelot und Guinevere, König Artus’ Gemahlin, im Bild verewigt. Ein Künstler des vierzehnten Jahrhunderts hatte für jeden Monat ein Motiv ausgewählt und in Lebensgröße direkt auf die Wand gemalt. Die herrlichen Farben waren noch so intensiv und leuchtend, als sei das Werk gerade erst entstanden.

In der ersten Nacht hatte Andrea in dem massiven Bett lange wach gelegen und mehrmals den Blickwinkel geändert, um die beiden Liebenden genau zu betrachten. Sie war überzeugt gewesen, kein Mann aus Fleisch und Blut könne es an männlicher Schönheit mit diesem Lancelot aufnehmen.

Heute jedoch verdrängte selbst der Anblick von Lancelots prächtiger Gestalt nicht das Bild des Fremden, das ihr immer noch im Kopf herumspukte. Schnell zog sie sich um und wollte dann nach unten gehen. Sie hielt es für klug, noch eine Kleinigkeit zu essen, obwohl ihr der Appetit fehlte. Danach würde sie kurz bei Geoffroi Malbois vorbeisehen, um ein wenig mit ihm zu plaudern und ihm eine gute Nacht zu wünschen – falls sein Zustand es gestattete. Der Herzog bestand auf diesen abendlichen Besuchen.

Für Andrea war er der gütigste Mensch der Welt, selbst sein angegriffener Gesundheitszustand hatte seinem Einfühlungsvermögen nichts anhaben können. Seit sie ihn näher kannte, wusste sie, was sie in ihrer Ehe vermisst hatte.

Von Förmlichkeiten hielt der Duc nicht viel, denn er hatte sie sofort gebeten, ihn einfach Geoff zu nennen. Ostern war sie mit ihrem Mann hier gewesen, und Richard hatte ihm sein Projekt vorgestellt. Geoff hatte sich sofort dafür begeistert und nach Richards tragischem Tod Andrea nach Kräften unterstützt. Sie durfte im Château bleiben, bis sie alle Aufnahmen für die Illustration des Buches beisammenhatte.

Aus den Gesprächen mit Geoff wusste sie, dass er ein geselliges Leben pflegte und sich für soziale Belange und Umweltschutz einsetzte. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, der im Ausland lebte. Seine Stieftochter aus seiner gescheiterten zweiten Ehe lebte bei ihm, befand sich aber zurzeit auf Reisen.

Andrea verehrte Geoff und war von seiner Persönlichkeit tief beeindruckt, daher bereitete ihr sein Gesundheitszustand ernsthaft Sorge. Schon bei ihrer Ankunft war der Duc bettlägerig gewesen, doch in den letzten drei Tagen hatte sich sein Zustand dramatisch verschlimmert. Eine Schwester betreute den Herzog jetzt rund um die Uhr, und täglich kam der Arzt zur Visite.

Auch Andrea hatte ihre Hilfe angeboten. Nachdem ein Blutgerinnsel im Gehirn Richard so völlig unerwartet und viel zu früh zu seinem Tod geführt hatte, war sie sehr sensibel für die Gesundheit ihrer Mitmenschen.

Nachdem sie ihre Hose abgestreift hatte, fühlte sie sich sofort wohler. Die Jeans war neu und anscheinend beim ersten Waschen eingelaufen, denn in der Taille saß sie so eng, dass sie beim Sitzen den Knopf öffnen musste.

Andrea duschte, wusch sich die Piniennadeln aus dem Haar und wählte für den Abend eine elegantere Garderobe: einen braunen Wickelrock und dazu eine elfenbeinfarbene Seidenbluse. Bevor sie den Duc aufsuchte, wollte sie noch mit Henri über den unerfreulichen Zwischenfall am See sprechen und den Butler bitten, ihr die Kamera zurückzuholen.

In den nächsten Tagen, das nahm sie sich vor, wollte sie nur noch morgens fotografieren. So würde sie ein weiteres unerfreuliches Zusammentreffen mit dem Fremden vermeiden.

Lance Malbois kraulte Percy, dem Hund seines Vaters, ausgiebig das Fell. Erst danach trat er ans Krankenbett.

„Papa, bist du wach?“, fragte er leise.

Geoff öffnete die Augen, die durch die Krankheit ihren Glanz verloren hatten. Ungläubig blickte er in das Gesicht seines Sohns. „Mon fils …“

Die schwache Stimme versetzte Lance einen Stich. Ohne Sauerstoffgerät schien sein Vater kaum atmen zu können. Er war doch noch viel zu jung, um so krank und hinfällig zu sein!

„Seit wann bist du hier?“, erkundigte sich Geoff mühsam.

„Ich bin schon seit ein paar Stunden hier. Du warst gerade eingeschlafen, und ich wollte dich nicht wecken, deshalb habe ich mich erst einmal im Park umgesehen.“

Lance nahm die Hand seines Vaters und drückte sie. „Warum wurde ich nicht benachrichtigt? Weshalb musste ich erst von Henri erfahren, wie ernst es um dich steht? Ich hätte schon viel eher hier sein können.“

„Ich war lediglich stark erkältet, mit einer Lungenentzündung konnte niemand rechnen. Heute geht es mir auch schon deutlich besser als gestern Abend.“ Ein Hustenanfall machte ihm das Sprechen schwer. „Wie lange kannst du denn bleiben?“

Lance biss sich auf die Lippe. „Dies ist kein Besuch. Ich bleibe für immer.“

Geoff schien sein Glück kaum fassen zu können. „Wirklich?“ Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, doch Lance drückte ihn sanft aufs Kissen zurück.

„Ich habe den Dienst quittiert. Es ist aus und vorbei.“

„Wie ich diesen Tag herbeigesehnt habe!“ Geoff hustete erneut. „Meine Gebete sind erhört worden, du bist gesund und wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt.“

Lance ging darauf nicht ein. Was sein Vater sah, war lediglich die äußere Hülle. Der Lancelot Malbois, der er einst gewesen war, existierte nicht mehr.

„Ab jetzt bin ich wieder für dich da und werde dir helfen, schnellstens gesund zu werden“, antwortete er ausweichend. „Alles, was dir Kummer bereitet, werde ich dir abnehmen.“

Geoff lächelte unter Tränen. „Träume ich?“

„Non, mon père.“ Lance musste schlucken.

Es wurde wirklich höchste Zeit, dass er seinen Vater unterstützte, der sich nicht nur immer vorbildlich um ihn gekümmert, sondern ihn auch vor zehn Jahren ohne jeden Vorwurf hatte ziehen lassen. Diese weise und großzügige Haltung war es letztlich auch gewesen, die ihn schließlich aus freien Stücken hatte zurückkehren lassen.

Die Umstände, die ihn damals in die Fremde getrieben hatten, waren nicht länger von Bedeutung. Das Leben hatte ihm inzwischen einen Schlag versetzt, von dem er sich nie wieder erholen würde, egal, wo er lebte. Und zu Hause konnte er sich wenigstens nützlich machen, indem er seinem Vater zur Seite stand.

„Du brauchst jetzt deine Ruhe, Papa. Die Schwester meint übrigens, du würdest zu viele Besucher empfangen. Das ist nicht gut für dich. Auch ich werde dich jetzt verlassen, weil ich eine Besprechung mit unseren Angestellten angesetzt habe. Percy wird dir so lange Gesellschaft leisten.“

Als wolle er das bekräftigen, wedelte der Hund mit dem Schwanz.

Geoff nickte. „Er wacht Tag und Nacht an meinem Bett. Henri hat Mühe, ihn nach draußen zu bekommen, damit er sein Geschäft verrichten kann.“

„Das wundert mich nicht.“ Lance lachte.

Einige Zeit bevor Lance ins Ausland gegangen war, hatte Geoff den Hund im Wald gefunden, wo er wahrscheinlich ausgesetzt worden war. Er hatte den halb verhungerten Welpen mit ins Château genommen und ihn aufgepäppelt. Von jenem Tag an waren Herr und Hund unzertrennlich.

„Du weißt noch gar nichts von unserem Gast.“ Geoff wurde von einem starken Hustenanfall geschüttelt und war nicht in der Lage, mehr zu dem Thema zu sagen. Lance küsste seinen Vater auf die Wange und verabschiedete sich. Eins war sicher: Wer immer der Gast auch war, er würde sofort abreisen müssen.

Geoff war einfach nicht in der Lage, Nein zu sagen – allein die Tatsache seiner zweiten Eheschließung bestätigte diese Theorie. Höchste Zeit, dass ich zurückgekommen bin, um die Dinge in die Hand zu nehmen.

Kurz nickte er der Schwester zu und verließ das Zimmer, um Henri zu suchen. Er fand ihn, als dieser gerade das Portal zur Nacht verschloss.

„Wer ist eigentlich der Gast, der sich im Augenblick im Château aufhält?“

„Das ist Madame Fallon.“

Lance runzelte die Stirn. „Wer ist sie? Wo kommt sie her? Eine bedeutende Persönlichkeit?“

„Ihr Vater bestand darauf, sie im Grünen Zimmer unterzubringen.“

Lance war wie vor den Kopf gestoßen. Seit er sich erinnern konnte, war dieser Raum wegen seiner Kunstschätze als Gästezimmer tabu gewesen. Hatte sich sein siebenundsechzigjähriger Vater etwa ernsthaft verliebt?

Der Name sage Lance nichts. „Kennt mein Vater Madame Fallon schon länger?“, erkundigte er sich bei Henri.

„Ostern war sie schon einmal hier, und jetzt wohnt sie seit einer Woche bei uns.“

Lance biss sich auf die Lippe. Welchen Einfluss übte diese Frau auf seinen Vater aus? In dessen Leben hatte es nur eine große Liebe gegeben, die zu seiner ersten Frau und Mutter seines Sohnes. Nach ihrem frühen Tod hatte er bis Mitte vierzig gewartet, bis er eine zweite Bindung wagte.

Diese Farce einer Ehe hatte noch nicht einmal ein Jahr gehalten. Lance hatte geglaubt, diese Erfahrung hätte seinem Vater einen heilsamen Schock versetzt. Anscheinend hatte er sich getäuscht.

„Was hältst du von dieser Frau?“, fragte er Henri rundheraus.

„Sie hat einen wohltuenden Einfluss auf Ihren Vater.“

Das offene Lob irritierte Lance. Anscheinend hatte diese Person selbst dem armen Henri den Kopf verdreht.

„Wann war Corinne das letzte Mal hier?“

„Vergangenen Monat. Im Moment ist sie in Australien.“

Corinne konnte also vom Stand der Dinge nichts wissen. Wie sie auf die Tatsache, dass sich ihr Stiefvater für eine Frau interessierte, reagieren würde, wusste Lance genau. Wie sie sich zu seiner eigenen, völlig unerwarteten Rückkehr verhalten würde, war ihm ebenfalls klar.

Er klopfte dem Butler auf die Schulter. „Vielen Dank für alles, was du für meinen Vater getan hast, Henri. Von nun an wende dich bitte mit allen Problemen an mich.“

„Schön, dass Sie wieder zu Hause sind.“ Henri strahlte. „Damit haben Sie den sehnlichsten Wunsch Ihres Vaters erfüllt.“

Brigitte hatte sich schon zurückgezogen. Schade, denn sie war aus anderem Holz geschnitzt als ihr Ehemann Henri und hätte aus ihrer persönlichen Meinung keinen Hehl gemacht. Langsam ging Lance Richtung Küche. Er brauchte jetzt unbedingt einen starken Kaffee, denn die Wiedersehensfreude war ihm gründlich vergällt worden.

Eine unerträgliche Vorstellung, mit einer Frau unter einem Dach schlafen zu müssen, die schon die Stunden zählte, bis sie die dritte Ehefrau seines Vaters sein würde!

Am liebsten hätte Lance sich einen Cognac eingeschenkt, doch darauf verzichtete er lieber. Alkohol vertrug sich nicht mit dem Schmerzmittel, das er seit seinem Unfall benötigte.

Gegen die Verzweiflung allerdings, dass all seine Lebensträume an jenem Tag zerplatzt waren wie eine Seifenblase, halfen keine Tabletten …

Andrea hatte von Brigitte gleich bei der Ankunft die Erlaubnis erhalten, sich jederzeit in der Küche bedienen zu dürfen. Da sie keinen Appetit hatte, aß sie lediglich eine Scheibe Brioche und trank ein Glas Wasser dazu.

Sie stand gerade auf den Zehenspitzen, um das Geschirr in den Oberschrank zurückzustellen, als die Küchentür geöffnet wurde.

„Geoff geht es hoffentlich besser“, rief sie über die Schulter, in der festen Annahme, es sei Brigitte, die gekommen war, um dem Duc Tee zu machen.

„Auf dieses Wunder hoffen wir alle.“

Wie gelähmt verharrte Andrea mitten in der Bewegung. Die Stimme mit dem starken französischen Akzent war unverkennbar!

Mit hart klopfendem Herzen drehte sie sich langsam um. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der Fremde, dem sie im Wald begegnet war, stand ihr direkt gegenüber.

Er musterte sie von Kopf bis Fuß, und das Aufblitzen seiner stahlblauen Augen verriet ihr, dass auch er sie wiedererkannt hatte – und über die erneute Begegnung alles andere als erfreut war. Er trug immer noch seinen Tarnanzug und hätte sich dringend rasieren müssen.

In der hell erleuchteten Küche fiel ihr etwas auf, das ihr im Dämmerlicht des Waldes entgangen war: Eine feine, aber deutlich sichtbare Narbe zog sich vom Ohr bis zum Hals. Wie er sich diese Verletzung wohl zugezogen hatte?

„Wer sind Sie?“, fragte er barsch.

„Andrea Fallon. Anscheinend hat man versäumt, Sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Ich bin Gast des Hauses.“

Er ging zur Kaffeemaschine und schenkte sich ein. Während er trank, beobachtete er Andrea ungeniert über den Rand seiner Tasse.

Verlegen schlug sie die Augen nieder. Gesittete Umgangsformen schienen diesem Mann fremd zu sein.

„Haben Sie meine Kamera bei der Aufsicht am Tor abgegeben?“

„Nein.“ Er trank den letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse neben die Spüle. „Das mache ich später.“

„Gut, dann eben morgen früh. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich möchte zu Geoff.“

„Nein.“ Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er ihr den Weg zur Tür versperrt und sie am Handgelenk gepackt.

„Was fällt Ihnen ein?“ Empört versuchte sie, sich zu befreien, was ihr natürlich nicht gelang. Sie war knapp eins siebzig groß und wog fünfundfünfzig Kilo – gegen den athletischen Fremden konnte sie nichts ausrichten.

„Beantworten Sie mir eine Frage.“ Er zog sie so dicht an sich, dass sie die Wärme seines Körpers und die Kraft seiner Muskeln deutlich spürte. Diese Empfindung zusammen mit seinem männlichen Duft weckten plötzlich erotische Gefühle in ihr, was sie überraschte und irritierte. „Wie alt sind Sie? Zweiundzwanzig? Passt das zu fast siebzig?“

Als Andrea endlich verstanden hatte, worauf er anspielte, lachte sie ungläubig. „Ich finde, dass mein Privatleben einen Fremden nichts angeht! Doch ich darf Sie beruhigen: Geoff und ich sind lediglich gute Freunde.“

„Zweifellos ist das einer Frau wie Ihnen nicht genug.“ Er verstärkte den Griff.

Obwohl Andrea es nicht wahrhaben wollte, erregte sie der enge Kontakt. Sie spürte den Atem des Mannes, sah, wie lang seine Wimpern und wie sinnlich sein Mund waren. Wie konnte ein derart überheblicher Typ nur so faszinierend sein?

„Was gibt Ihnen überhaupt das Recht, sich als Geoffs Vormund aufzuspielen?“, fragte sie aggressiv.

„Das Wissen, mit welcher Katastrophe seine zweite Ehe geendet hat.“ Sie meinte, in seinen Augen nicht nur Wut, sondern auch Trauer zu entdecken. „Wenn Sie glauben, ich ließe ihn eine dritte Ehe eingehen mit einer Frau, die seine Enkelin sein könnte, haben Sie sich gewaltig getäuscht.“

Seine anmaßende Haltung ärgerte sie maßlos. „Zuneigung und Wärme sind manchmal wichtiger als das Alter“, erwiderte sie hitzig.

Er lächelte sarkastisch. „Besonders, wenn eine dicke Erbschaft winkt.“

„Jetzt verstehe ich“, spottete Andrea. „Sie arbeiten lediglich deshalb für Geoff, weil Sie etwas abstauben wollen. Aber Sie sollten nicht von sich auf andere schließen, nur weil Sie aus jeder Situation Profit schlagen wollen.“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, ärgerte sie sich über ihre mangelnde Selbstkontrolle. Energisch versuchte sie, sich von ihm zu befreien.

„Warum nicht?“, fragte er gedehnt. „Wenn Sie es mir schon vorschlagen …“

Hilflos musste sie erleben, wie sich seine Lippen auf ihre senkten. Ihre Wehrlosigkeit ausnutzend, küsste der Fremde sie leidenschaftlich und fordernd. Von ihren Gefühlen überwältigt, fühlte sich Andrea einer Ohnmacht nah, und ihre Knie gaben nach.

Gerade wollte sie sich Halt suchend an seine Brust lehnen, da fasste er ihre Oberarme und schob sie von sich. Ein Blick in sein Gesicht zeigte ihr, dass ihn der Vorfall anscheinend nicht im Geringsten berührt hatte, während sie erhitzt und außer Atem war.

Wut und Scham verliehen ihr ungeahnte Kräfte. Mit einem Ruck, der sie beinahe hätte stolpern lassen, befreite sie sich von ihm und floh aus der Küche. Wie gehetzt lief sie die Treppe hinauf, um sich in Geoffs Zimmer in Sicherheit zu bringen.

2. KAPITEL

Die Schwester, die Andrea die Tür öffnete, nickte freundlich. Geoff war demnach kräftig genug, um Besucher zu empfangen.

Erleichtert ging Andrea zu ihm ans Bett. Mit geschlossenen Augen lag er ruhig da, und seine Wangen hatten sogar wieder etwas Farbe bekommen. Die Sauerstoffmaske lag unbenutzt auf dem Nachttisch, und er atmete gleichmäßig und nahezu beschwerdefrei.

Andrea, deren Herz immer noch wie wild hämmerte, zog sich einen Stuhl heran und war froh, sich endlich setzen zu dürfen. Gleichgültig, ob der Fremde im Dienste des Ducs stand oder nicht, sein Benehmen war anmaßend und ungehörig. Um Geoff nicht zu beunruhigen, wollte sie sich jedoch nicht bei ihm, sondern bei Henri nach dem neuen Wachmann erkundigen. Dann erst würde sie entscheiden, wie sie sich weiter verhalten sollte.

„Geoff?“ Sanft legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich bin es, Andrea.“

Er öffnete die Augen, die zu ihrer Freude wieder glänzten. Geoff schien wirklich auf dem Weg der Besserung zu sein.

„Schön, dass du gekommen bist.“ Er tätschelte ihre Hand. „Etwas Wunderbares ist passiert.“

„Der Arzt ist zufrieden mit dir, weil du das Schlimmste überstanden hast“, versuchte sie, die Neuigkeit zu erraten.

„Mir geht es zwar deutlich besser, aber ich meine etwas anderes: Mein Sohn ist nach Hause zurückgekehrt! Ich habe bisher nie über ihn oder seine Mission gesprochen, weil ich an die Schweigepflicht gebunden war – doch damit ist es jetzt glücklicherweise endgültig vorbei, nachdem er aus der Spezialeinheit unserer Armee ausgeschieden ist.“

Andrea stockte der Atem. Blitzartig war ihr klar geworden, um wen es sich bei dem unverschämten „Wachmann“ handelte. Er war der Sohn des Ducs. Deshalb also hatte er sich so selbstverständlich auf dem Anwesen bewegt, und deshalb hatte sein Benehmen nicht den Umgangsformen eines Bediensteten entsprochen.

„Erst gestern Abend waren meine Gedanken bei ihm, und ich fragte mich, ob ich ihn wohl jemals wiedersehen würde“, redete Geoff weiter. „Und plötzlich stand er leibhaftig vor mir. Er hat den Dienst quittiert. Endlich können Corinne und er heiraten.“

„Corinne?“ Andrea zog fragend die Brauen hoch.

„Die Tochter meiner zweiten Frau.“

Sie schluckte. Die Ehe zwischen Stiefgeschwistern kam ihr merkwürdig vor.

„Corinne hatte von Anfang an ein Auge auf meinen Sohn geworfen. Jetzt ist der Weg frei, und ich werde endlich die Enkel bekommen, nach denen ich mich schon so lange gesehnt habe. Wenn sie nur schon hier wäre! Wir erwarten sie stündlich aus Australien zurück.“

„Ich freue mich für dich, das sind gute Nachrichten“, antwortete Andrea und stand auf, um zu gehen. Insgeheim jedoch bezweifelte sie, ob die Ehe einen Mann wie Geoffs Sohn zu ändern vermochte. Wenn sein Vater gesehen hätte, wie er sie geküsst hatte, würde er die Zukunft vielleicht nicht in so rosigem Licht sehen.

„Du musst ihn unbedingt kennenlernen, Andrea“, meinte Geoff zum Abschied.

„Das ist bereits geschehen, Papa.“ Beim Klang der ihr mittlerweile bekannten Stimme schreckte Andrea auf. „Wir haben uns schon am See getroffen.“

„Dann weißt du ja, wie viel Leid das arme Kind erfahren musste, Lance.“

Er hieß also Lance? Wie der Ritter Lancelot du Lac?

„Wir haben uns nicht eingehend unterhalten“, warf Andrea schnell ein. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass Geoff vom Verhalten seines Sohns erfuhr. Es hätte ihn bestimmt traurig gestimmt, und das wollte sie nicht.

„Ihr beide habt euch gewiss viel zu erzählen.“ Sie lächelte Geoff an. „Deshalb wünsche ich dir jetzt eine gute Nacht und besuche dich morgen wieder.“

„Versprochen?“

„Versprochen. Und mach weiter so, dann bist du bestimmt bald wieder ganz gesund.“ Sie drückte Geoff kurz die Hand und eilte aus dem Raum. Sie konnte förmlich spüren, wie sich Lance’ missbilligende Blicke in ihren Rücken bohrten.

In ihrem Zimmer ließ sie sich erschöpft aufs Bett sinken. Gleich am nächsten Morgen, beschloss sie, werde sie das Château verlassen.

Nicht, weil Lance sie so rüde behandelt hatte, und auch nicht, weil er ihr unlautere Absichten unterstellte. Für seine Vorbehalte ihr gegenüber hatte sie Verständnis. Einem so reichen und interessanten Mann wie dem Duc stellten bestimmt viele Frauen nach, daher war Lance’ Misstrauen erklärlich.

Der Grund lag ganz woanders.

Andrea holte ihren Koffer vom Schrank und packte. Sofort nach dem Aufstehen würde sie sich bei Geoff für seine Gastfreundschaft bedanken und sich verabschieden. Das war für alle das Beste.

Eine Zuneigung zu Lancelot du Lac zu entwickeln, konnte zu keinem guten Ende führen. Er war kalt und zynisch. Seine Erfahrungen, über die sie zwar nichts wusste, die sie sich aber vorstellen konnte, hatten offensichtlich körperliche und seelische Narben hinterlassen. Und ein Mann, der anscheinend mit seinem Leben so gespielt hatte wie er, musste unzählige Liebschaften gehabt haben. Außerdem war Lance gebunden – er war nach Hause zurückgekehrt, um zu heiraten.

Auch nur einen einzigen zärtlichen Gedanken an ihn zu verschwenden, war Verrat an Richard. Er war noch keine drei Monate tot, und schon hatte ein Fremder, noch dazu einer mit ungeschliffenen Manieren, sie erregt und dazu gebracht, sich zu vergessen.

Viel schlimmer noch, es gelang ihr nicht, die Erinnerung an seine Umarmung und den leidenschaftlichen Kuss zu vertreiben. Ohne zu fragen, hatte Lance sich genommen, was er wollte, und jeglichen Respekt ihr gegenüber vermissen lassen.

Dennoch hatte er ihre Sinnlichkeit erweckt, und sie hatte brennendes Verlangen empfunden. Das war es, was sie sich nicht verzeihen konnte.

Richard hatte diese Leidenschaft nicht in ihr geweckt. Kennengelernt hatte sie ihn in dem Fotostudio, in dem sie damals arbeitete. Es schmeichelte ihr, dass sich ein Professor für ihre fotografischen Arbeiten interessierte und sie um Rat bei der Illustration eines Buches bat, an dem er gerade arbeitete.

Durch die Bekanntschaft mit ihm erhielt sie Einblick in eine Welt, die ihr bisher verschlossen geblieben war. Sie lauschte fasziniert Richards Ausführungen und half ihm, wo sie nur konnte. Sie, die keine höhere Schulbildung besaß, bewunderte ihn nicht nur, sie vergötterte ihn als großen Schriftsteller. Es dauerte nicht lange, und Richard bat sie, seine Frau zu werden. Einen zärtlicheren und rücksichtsvolleren Liebhaber hätte sie sich nicht wünschen können.

Nach seinem Tod hatte sie ihr Dasein als trostlos und leer empfunden. Um dieser depressiven Stimmung zu entkommen, hatte sie die Initiative ergriffen und war nach Frankreich gereist. Hier wollte sie die Aufnahmen machen, die für die Bebilderung seines letzten Buches noch fehlten. Arbeit ist die beste Medizin, hatte sie sich gesagt.

Ihre heftige Reaktion auf einen zynischen Fremden, das genaue Gegenteil ihres verstorbenen Mannes, verstörte sie zutiefst. Vielleicht waren es die Folgen der Hormontherapie, der sie sich kurz vor Richards Tod wegen ihrer Regelstörung unterzogen hatte.

Oder steckte in dem Klischee von den Bedürfnissen einer Witwe ein Körnchen Wahrheit? Der Gedanke war zu schrecklich, als dass sie ihn weiter verfolgen wollte.

Lance setzte sich ans Bett seines Vaters, genau auf jenen Stuhl, von dem Andrea Fallon gerade aufgestanden war. Das schlechte Gewissen war ihr anzumerken gewesen, nicht nur ihre Miene, ihr ganzes Verhalten hatte es verraten.

Ein schönes Gesicht, musste er widerwillig zugeben, und ein verführerischer Körper dazu.

Was die äußere Erscheinung anbetraf, besaß sein Vater Geschmack, das stand außer Frage. Der weibliche Charakter allerdings schien sich seinem Urteilsvermögen zu entziehen.

„Erzähl mir etwas über Andrea, Papa. Was meintest du mit der Bemerkung, sie habe in der Vergangenheit viel Leid erfahren müssen?“, eröffnete er das Gespräch.

„Du kannst dich doch bestimmt erinnern: Als du mich Ostern mit deinem Blitzbesuch überrascht hast, arbeitete in unserer Bibliothek ein amerikanischer Professor.“

Lance dachte an die wenigen Stunden, in denen er sich heimlich von seiner Einheit entfernt hatte, um unerlaubterweise seinen Vater zu besuchen. „Henri hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich ihn auch flüchtig begrüßt – erinnern kann ich mich jedoch beim besten Willen nicht mehr an ihn.“

Geoff wurde von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. Nachdem sich sein Atem wieder etwas beruhigt hatte, redete er weiter.

„Professor Fallon lehrte mittelalterliche Literatur an der Yale-Universität in Connecticut. In den Osterferien war er hier in der Bretagne, um Forschungsarbeiten zu betreiben. Er und Andrea, seine Frau, wohnten damals im Hotel Excalibur.“

Die Frau, deren sinnlicher Kuss noch auf seinen Lippen brannte, gehörte einem anderen? Weshalb trug sie keinen Ring?

„Professor Fallon, ein Spezialist von Weltruf im Hinblick auf König Artus, rief mich im letzten Winter an und bat mich, sich in der Bibliothek umschauen zu dürfen.“

„Und du hast natürlich nicht Nein sagen können.“ Lance lächelte gezwungen. Die Vorstellung, sein Vater sei ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau eingegangen, verursachte ihm Übelkeit.

„Als ich den Titel des Buches, das er gerade in Arbeit hatte, erfuhr, musste ich einfach Ja sagen. Er lautete ‚Die Wahrheit über Lancelot du Lac‘.“

Lance empfand die Formulierung als abgedroschen. Schließlich beanspruchte jeder, der über den berühmten Ritter, einen der Auserwählten von König Artus’ Tafelrunde, arbeitete, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.

„Vier Wochen nach der Abreise der Fallons erhielt ich einen Brief von Andrea“, redete Geoff weiter. „Der Professor war an einer Gehirnblutung gestorben. Tief erschüttert kondolierte ich ihr und lud sie, falls sie Ablenkung brauchte, aufs Château ein. Zu meiner großen Freude nahm sie das Angebot an, weil ihr noch einige Aufnahmen für das neue Buch fehlten.“

Geoff schwieg einen Moment. „Ich muss dir etwas gestehen, Lance. Andrea ist genau die Frau, die ich mir immer als Tochter gewünscht habe.“

Tochter?

Lance war wie vor den Kopf gestoßen, doch dann wurde ihm blitzartig alles klar. Endlich verstand er, weshalb sein Vater Andrea im Grünen Zimmer einquartiert hatte.

„Andrea besitzt jene Herzensgüte, die auch deine Mutter ausgezeichnet hat.“ Geoff lächelte wehmütig. „Eine sehr seltene Eigenschaft.“

Von Herzensgüte hatte Lance während der emotionsgeladenen Auseinandersetzung in der Küche nicht die leiseste Spur entdecken können. Vielleicht war das ja seine Schuld gewesen, denn er hatte Andrea zu Unrecht verdächtigt und sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen benommen.

„Mit dem Buch, das schon bald erscheinen soll, will Andrea ihrem verstorbenen Gatten ein Denkmal setzen. Deshalb möchte ich ihr helfen, ausgefallene und einmalige Motive zu finden. Würdest du ihr bitte die Plätze zeigen, die nur wir beide kennen? Um es selbst zu tun, bin ich einfach zu krank.“

Lance senkte den Kopf und rieb sich den Nacken. Wie er die Lage beurteilte, würde Andrea nie wieder mit ihm sprechen – und spazieren gehen schon gar nicht.

Warum war er nur so aus der Rolle gefallen? Er kannte viele Frauen, die weitaus attraktiver und verführerischer waren als sie und in deren Gegenwart er nie die Kontrolle verloren hatte. Er dachte dabei besonders an eine ganz bestimmte Frau, und Wut stieg in ihm auf.

Warum hatte er Andrea nicht geglaubt, dass sie eine Erlaubnis habe? Warum war er so blind gewesen und hatte nicht erkannt, dass der gehetzte Ausdruck ihrer Augen auf seelisches Leid zurückzuführen war?

Auch sein rabiates Benehmen in der Küche vermochte er sich nicht richtig zu erklären. Anscheinend hatte seine Fähigkeit, sich im zivilen Leben zurechtzufinden, während seiner Zeit bei der Elitetruppe stark gelitten. Selbst Henris Bemerkung hatte er völlig falsch gedeutet – offensichtlich war er nicht mehr in der Lage, in der Welt zu leben, in der er aufgewachsen war.

„Ich lasse dich jetzt kurz allein, Papa, weil ich noch etwas Dringendes zu erledigen habe“, meinte er und stand auf. „Anschließend sehe ich noch einmal nach dir.“

Er musste unbedingt mit Andrea sprechen. Wenn er sie richtig einschätzte, würde sie so schnell wie möglich abreisen – und das konnte er seinem Vater gegenüber nicht verantworten.

„Tu das, mon fils. Da du jetzt für immer hierbleibst, kann ich beruhigt warten. Corinne wird ihr Glück gar nicht begreifen können, wenn sie von deiner Rückkehr erfährt.“

Lance blickte auf seinen Vater hinunter. Sein Zustand war zu labil, um ihn mit unerfreulichen Neuigkeiten zu konfrontieren. Nach seiner Genesung würde er ihn nicht länger schonen können.

Percy begleitete Lance bis zur Tür, aber keinen Schritt weiter. Anscheinend zog der Hund die Gesellschaft seines Vaters vor. Lance machte ihm keinen Vorwurf daraus.

Nachdem er die Kamera aus seinem Zimmer geholt hatte, klopfte er an Andreas Tür. Selbst auf die Gefahr hin, dass sie sich bereits hingelegt hatte – er musste mit ihr sprechen, um den Schaden, den er angerichtet hatte, wiedergutzumachen.

„Andrea? Ich bin es, Lance. Ich muss Sie unbedingt sprechen. Ich möchte mich entschuldigen.“

Stille.

„Die Entschuldigung ist angenommen.“

Das war ihm zu wenig. „Dann machen Sie bitte die Tür auf.“

„Das ist nicht nötig.“

„So?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wollen Sie mir Ihre gepackten Koffer verheimlichen? Sollten Sie Hals über Kopf abreisen, wird mein Vater mir das nie verzeihen.“

„Das ist Ihr persönliches Problem.“

Unwillkürlich musste er lächeln. Sein Vater mochte Andrea Fallon für nachgiebig und sanftmütig halten, er hätte sie eher mit einer kleinen Wildkatze verglichen. „Sie haben recht, es ist wirklich ein Problem für mich. Nach einem schweren Schock leide ich unter einem Trauma – glauben Sie mir das?“

„Selbstverständlich, doch Sie sollten versuchen, selbst damit fertig zu werden.“

„Gibt es gar nichts, womit ich meine Verfehlungen wiedergutmachen kann?“

„Im Moment fällt mir nichts ein, aber ich werde darüber nachdenken.“

Lance atmete tief durch. „Ich lege Ihre Kamera vor die Tür. Bitte bleiben Sie hier. Ich schwöre bei der Ehre meiner Mutter, dass ich Ihnen nicht zu nahe treten werde.“

Wieder herrschte Stille. „Da ich weiß, wie sehr Ihr Vater Ihre Mutter geliebt hat, werde ich Ihren Wunsch in Betracht ziehen.“

Diese Frau war mehr als gefährlich. Sie wusste genau, wie man einen Gegner an der verwundbarsten Stelle traf.

„Die Sache mit Ihrem Mann tut mir leid. Ich wusste nichts davon“, versuchte er es mit einer Entschuldigung. Als sie nicht darauf reagierte, redete er weiter. „Ich gehe jetzt zu meinem Vater und bleibe bei ihm, bis er einschläft. Bitte lassen Sie sich durch mein unhöfliches Verhalten nicht davon abbringen, ihm weiterhin Gesellschaft zu leisten. Wenn Sie überstürzt und ohne jede Erklärung abreisen, wird seine Genesung bestimmt einen Rückschlag erleiden.“

Lance hoffte immer noch, Andrea würde die Tür öffnen, und er könne von Angesicht zu Angesicht mit ihr reden. Doch seine Chancen standen schlecht. Er hatte sich unmöglich benommen, und dafür ließ sie ihn jetzt büßen.

Schließlich drehte er sich um und ging. Die Erinnerung an den Kuss und die Umarmung stand lebhaft vor seinem inneren Auge. So schnell würde er heute Nacht bestimmt nicht einschlafen …

Am folgenden Morgen machte sich Andrea früh auf den Weg zur anderen Uferseite des Sees. Die Sonne war gerade aufgegangen, und die ersten Strahlen drangen durch das dichte Blätterdach des Waldes und malten helle Kringel auf den Weg.

Sie folgte einem Wildwechsel, der zum Wasser führte, weil sie hoffte, die Tiere beim Trinken fotografieren zu können. Die Uferböschung fiel an dieser Stelle sanft ab, das Morgenlicht ließ die Oberfläche des Sees, auf die die Bäume ihre langen, schmalen Schatten warfen, golden aufglänzen. Ein schöneres Motiv konnte sie sich nicht wünschen.

Erstaunlicherweise hatte sie tief und fest geschlafen und fühlte sich ausgesprochen gut. Wegzulaufen wäre wirklich eine Dummheit gewesen. Geoff hätte dieses Verhalten nicht verstanden – sie hätte es ihm noch nicht einmal erklären können. Das Vernünftigste war, die Vorfälle des gestrigen Tages einfach zu vergessen und sich ganz natürlich und gelassen zu verhalten.

Lance hatte in seiner Vergangenheit seelischen Schaden erlitten, so viel stand fest. Unbesehen hatte er sie als Erbschleicherin eingestuft und mit skrupellosen Mitteln versucht, sie zu enttarnen. Was seinen Vater anging, schien er einen übertriebenen Beschützer­instinkt entwickelt zu haben und Frauen gegenüber ein tief verwurzeltes Misstrauen. Sich bei ihr zu entschuldigen, musste ihm sehr schwergefallen sein.

Trotzdem hatte er ihr die Kamera zurückgegeben und für die Zukunft Besserung gelobt. Sie schenkte diesem Versprechen Glauben.

Für ihre leidenschaftliche Reaktion auf ihn konnte er nichts. Und genau darin lag ihr Problem. Lance gegenüber war sie hilflos, denn er erweckte Gefühle in ihr, die sie nicht kontrollieren konnte. In dieser Intensität war ihr das noch nie passiert.

Außer zu Richard hatte sie sich nie zu einem Mann körperlich hingezogen gefühlt. Und er hatte ihr Zeit gelassen; sie waren schon sehr vertraut miteinander gewesen, bevor es zu intimen Zärtlichkeiten gekommen war.

Diese beunruhigenden Gedanken wollten sie nicht loslassen. Sie setzte sich auf einen Baumstamm, der quer zum Ufer lag. Auf einmal fühlte sie sich unwohl, und ihr war schwindlig. Schon bevor sie nach Frankreich gekommen war, hatte sie an morgendlicher Unpässlichkeit gelitten.

Sie konnte sich also nicht bei Geoff angesteckt haben. Das Unwohlsein war kein Zeichen einer sich ankündigenden Grippe. Da eine Schwangerschaft nicht in Betracht kam, litt sie wahrscheinlich mit körperlichen Symptomen an der Leere ihres Lebens. Wenn sie wieder zu Hause war, würde sie sich sofort nach einem Job umsehen, der ihr gefiel und ihren Tag ausfüllte.

Nachdenklich blickte sie sich um. Eichhörnchen und Kaninchen flitzten umher, doch Wild war keines zu entdecken. Wahrscheinlich war sie doch zu spät gekommen, und die Rehe und Hirsche hatten schon längst geäst und sich ins Unterholz zurückgezogen.

Vielleicht sollte sie ihr Vorhaben fürs Erste aufgeben und sich noch einmal für ein Schläfchen ins Bett legen. Ein leises Plätschern schreckte sie auf.

Im Wasser bewegte sich etwas! Andrea schnellte hoch, das Herz schlug ihr bis zum Hals, so sehr hatte sie sich erschrocken.

Dann entdeckte sie Lance, der inmitten der Seerosen auftauchte.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie mit seinem unwiderstehlichen Akzent, schwamm jedoch nicht näher zum Ufer heran. Zwischen den rosafarbenen und weißen Blüten wirkte er wie ein wunderschöner, verwunschener Prinz – er machte den Zauber des Ortes perfekt.

„Ich wollte Sie nicht ein zweites Mal erschrecken“, erklärte er. „Daher hielt ich es für eine gute Idee, mich auf diese Weise bemerkbar zu machen.“

„An Land bewegen Sie sich lautlos wie eine Schlange, und im Wasser tauchen Sie wie ein Otter. Wenn ich Sie demnächst wie einen Vogel durch die Luft fliegen sehe, bin ich mir endgültig sicher, in Merlins Zauberwald geraten zu sein.“

Statt über ihre Worte zu lächeln, flog ein Schatten über sein Gesicht. „Kommen Sie. Ich wollte Sie abholen, um Ihnen geheimnisvolle Plätze zu zeigen, die sonst niemand kennt. Wir müssen allerdings schwimmen, doch keine Angst, das Wasser ist nicht tief.“

„Ich habe keinen Badeanzug dabei.“ Andrea war froh, diese Ausrede zu haben, denn ein romantisches Bad allein mit Lance war ihr nicht geheuer.

„Hier.“ Zielsicher warf er ihr die Plastiktüte, die er in der Hand gehalten hatte, genau vor die Füße. „Corinne, die Stieftochter meines Vaters, hält immer eine ganze Kollektion an Badesachen für ihre Freunde bereit.“

Wie distanziert er von seiner zukünftigen Ehefrau sprach! Andrea bückte sich und zog einen kirschroten Bikini aus der Tüte.

„Sie können sich hinter den Büschen umziehen. Beeilen Sie sich, ich warte.“

Offensichtlich wollte Lance die Fehde beenden – sein Vater musste ihn gebeten haben, ihr das Anwesen zu zeigen. Das Angebot abzulehnen, wäre unklug, denn Lance könnte auf die Idee kommen, sie würde seinem spontanen Kuss eine tiefere Bedeutung beimessen und sich vor weiteren Nachstellungen fürchten.

Ihre Unpässlichkeit war wie verflogen, rasch zog sie sich hinter dichtem Gebüsch um. Der Zweiteiler passte – wenn der Schnitt für Andreas Begriffe auch äußerst gewagt war. Ans Barfußlaufen war sie nicht gewöhnt, vorsichtig setzte sie auf dem Weg zum Ufer einen Fuß vor den anderen. Lance, der ein Stück weiter hinausgeschwommen war, winkte ihr zu.

Schon nach einigen Schritten war das Wasser tief genug zum Schwimmen. Hatte Andrea es zuerst als eisig empfunden, kam ihr die Temperatur nach einigen Zügen angenehm und belebend vor. Kurz bevor sie ihn erreichte, gab er das Zeichen zum Abtauchen, und neugierig folgte sie ihm.

Auf dem Grund des Sees, von Wasserpflanzen teilweise überwuchert, entdeckte sie einen mittelalterlichen Schild, neben dem noch ein Schwert lag. Sonnenstrahlen, die durch das klare Wasser drangen, ließen das Metall an einigen Stellen hell aufblitzen.

Unvermittelt jedoch wich Andreas Faszination einer Panikattacke. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr genug Luft in den Lungen zu haben, und bekam es mit der Angst zu tun, obwohl die Stelle nicht sehr tief war.

Lance musste es gespürt haben, denn sofort legte er seinen Arm um sie und tauchte mit ihr gemeinsam auf. An der Oberfläche hielt sie sich an seinen Schultern fest und versuchte, ruhig durchzuatmen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Ja. Meine Form ist momentan nicht die beste – weshalb, weiß ich auch nicht.“ Unabsichtlich berührte sie ihn mit dem Bein. „Was hat es mit den Gegenständen auf sich?“, fragte sie hastig.

„Sie liegen schon etliche Jahre da unten. Mein Vater hat sie damals versenkt, um für mich und meine Freunde eine Art Abenteuerspielplatz zu schaffen.“

Andrea lächelte. „Typisch Geoff! Wie herrlich für einen Jungen, so einen Vater zu haben.“

Die Narbe, die sich vom Ohr über den Hals bis fast zur Schulter zog, lag, während sie auf der Stelle schwammen, direkt auf ihrer Augenhöhe. „Ich hoffe, der Mann, der Ihnen dies zugefügt hat, kann Ihnen nichts mehr anhaben“, sagte sie spontan. Am liebsten hätte sie die deutlich sichtbare Linie gestreichelt.

Sein Augenausdruck war unergründlich. „Und wenn es eine Frau war?“

Andrea wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. „Die Wunde sieht noch recht frisch aus. Haben Sie Schmerzen?“

„Nein.“

„Das freut mich für Sie.“

„Wirklich?“, fragte er skeptisch.

„Natürlich freut es mich, wenn es meinen Mitmenschen gut geht“, behauptete sie unwirsch und schob ihn von sich. Die Nähe und das Gesprächsthema waren für ihren Geschmack viel zu intim.

Lance ließ sich nicht abweisen, er schwamm wieder näher. „Die Frage war ernst gemeint. So, wie ich mich gestern Ihnen gegenüber verhalten habe, habe ich Ihr Mitleid nicht verdient.“

„Das stimmt, aber gestern ist vergangen und vorbei. Sie haben sich entschuldigt, und damit ist die Angelegenheit für mich erledigt. Ihr Vater ist überglücklich, dass er Sie unversehrt zurückbekommen hat. Sie hätten Ihr Augenlicht verlieren können oder ein Bein oder …“

„Oder andere unaussprechliche Körperteile?“, spottete er. „Wie recht Sie haben! Verluste treffen einen jedoch auch im zivilen Leben. Wie lange waren Sie verheiratet?“

„Sechs Jahre.“

„Dann müssen Sie ja von der Schulbank weg geheiratet haben.“

„Oh nein, da täuschen Sie sich gewaltig. Ich bin fast achtundzwanzig und alles andere als das habgierige Kind, als das Sie mich gestern hingestellt haben.“

Er betrachtete sie eingehend. „Kein Mann würde Sie je für ein Kind halten. Mit Ihrem Alter habe ich mich allerdings verschätzt. Aber meinen Vater haben Sie völlig um den Finger gewickelt, das ist eine Tatsache.“

Lance war ihr also zum See gefolgt, um mit ihr zu sprechen, und kam nun endlich zur Sache. „Und das stört Sie?“, fragte sie herausfordernd.

„Ja.“

Ehrlich war Lance, das musste man ihm lassen. Ob er andere mit seiner Offenheit verletzte, interessierte ihn nicht. Andrea schluckte. „Geben Sie mir bis morgen Nachmittag Zeit, dann sind Sie mich los.“

Er wich nicht von ihrer Seite. „Geoff wünscht sich etwas anderes, das wissen Sie ganz genau.“

„Er hat seinen geliebten Sohn zurück, das ist für ihn das Wichtigste. Er hat große Pläne für Sie.“

„Was für eine unbeschreiblich zarte Haut Sie haben“, antwortete er völlig unvermittelt. Andrea wurde es heiß, schnell drehte sie sich um und schwamm Richtung Ufer.

Lance folgte ihr. „Ich bin der Erste, der Sie nach dem Tod Ihres Manns geküsst hat, stimmt’s?“

Ihre Wangen glühten vor Zorn. „Keine Angst, auf eine Wiederholung lege ich wirklich keinen Wert. Nicht jede Witwe ist darauf aus, mit dem Erstbesten ins Bett zu steigen – mag er so attraktiv sein, wie er will!“

Endlich hatte sie das Ufer erreicht. Sie stieg aus dem Wasser und eilte ins schützende Dickicht, um sich schnell wieder korrekt anzuziehen. Sie fühlte sich Lance gegenüber ausgeliefert, was ihm bestimmt nicht entgangen war.

Lance sprach Gefühle in ihr an, vor denen sie sich fürchtete.

Ein Mann wie er stellte eine neue Erfahrung für sie dar. Die Männer ihres Bekanntenkreises, Richards Freunde, waren ebenfalls alle Wissenschaftler. Sie lebten in der Welt mittelalterlicher Mythen und Legenden, fernab der Realität.

Andrea schlüpfte in ihre Jeans und nahm sich fest vor, morgen Nachmittag abzufliegen. Auto und Chauffeur standen ihr jederzeit zu ihrer Verfügung, das hatte Geoff ihr versichert.

Nur zögernd kam sie hinter dem dichten Busch hervor, doch ihre Angst war grundlos gewesen. Lance war verschwunden. Auf dem Weg zurück zum Château redete sie sich ein, dass es so viel angenehmer für sie war. Auf diese Weise brauchte sie nicht mit ihm zu diskutieren und wurde von Bemerkungen über ihre Haut verschont.

Sie fühlte sich erschöpft und war müde. Nichts schien ihr so verlockend wie ein tiefer, traumloser Schlaf, in dem sie alles vergessen konnte – besonders die beunruhigenden Gedanken, die sie seit der Begegnung mit Lance plagten.

3. KAPITEL

Mit dem Gefühl eines Déjà-vu klopfte Lance an Andreas Tür. Seit dem gemeinsamen Schwimmen im See gestern waren sie sich nicht mehr begegnet, da er geschäftlich in Rennes zu tun gehabt hatte.

Sein Vater, dem es an diesem Morgen erstaunlich gut ging, hatte ihn gebeten, Andrea zu einem gemeinsamen Frühstück einzuladen. Offensichtlich war sie aber schon zu einem Spaziergang im Park aufgebrochen.

Andrea Fallon schien ausgesprochen selbstständig zu sein und unterschied sich damit deutlich von den Frauen, denen er bisher in seinem Leben begegnet war.

Nach kurzem Überlegen ging Lance in die Küche, um sich dort nach Andrea zu erkundigen, doch auch vom Personal hatte sie noch niemand gesehen. Er gab die Suche auf, kehrte zu Geoff zurück und versprach ihm, Andrea zum Mittagessen mitzu­bringen.

Ihr Verschwinden ließ ihm jedoch keine Ruhe. Kurz entschlossen sattelte er seinen Hengst Tonnerre und ritt Richtung See. Vielleicht wollte Andrea dort noch einige Aufnahmen machen. Da er sie nirgends fand und es zu regnen begann, wendete er und galoppierte den Abhang hinunter. Er wollte den Hengst zurück in den Stall bringen und gegen sein Auto eintauschen, um nach Lyseaux zu fahren. Vielleicht war Andrea ja ins Dorf gegangen.

Erst im allerletzten Moment entdeckte er sie. Zusammengekrümmt lag sie im Gras, und er hatte Mühe, Tonnerre rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Der Hengst hatte Andrea nicht berührt, aber ihre Kamera lag zerschmettert zwischen seinen Hufen. Lance schauderte bei dem Gedanken, was passiert wäre, wenn sein Pferd auch nur noch einen Schritt weitergegangen wäre.

„Andrea!“ Im Nu kniete er neben ihr. Sie zu berühren, wagte er nicht, weil er befürchtete, sie habe sich die Wirbelsäule gebrochen.

Zu seiner grenzenlosen Erleichterung drehte sie sich mühelos auf den Rücken. Sie stöhnte leise, und ihre Gesichtsfarbe verriet, dass ihr sehr schlecht sein musste.

„Lance …“ Andrea klang hilflos und verzweifelt. Es musste wirklich schlimm um sie stehen.

Er beugte sich über sie, um sie mit seinem Körper wenigstens etwas vor dem Regen zu schützen, der jetzt in dicken Tropfen vom Himmel fiel. „Was ist passiert?“

„Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, so übel ist mir plötzlich geworden. Auch jetzt ist es noch nicht besser, anscheinend bekomme ich die Grippe.“

„Sollten Sie sich wirklich bei Geoff angesteckt haben, ist es kein Wunder, wenn es Ihnen so schlecht geht. Der Erreger ist außergewöhnlich aggressiv.“

Er hob sie auf und trug sie zum Pferd. „Ich bringe Sie sofort nach Lyseaux zu unserem Arzt.“

Vorsichtig setzte er sie in den Sattel und schwang sich hinter sie. Einen Arm legte er um sie, die Zügel hielt er in der freien Hand. Lance genoss es, Andrea so eng bei sich zu spüren. Seit jener unbedachten Umarmung hatte er sich nach ihrer körperlichen Nähe gesehnt.

Natürlich tat sie ihm sehr leid, er empfand zugleich aber auch eine gewisse Genugtuung, weil sie in ihrer Not auf ihn angewiesen war. Die Abfuhr, die sie ihm gestern am See erteilt hatte, war nicht spurlos an ihm vorübergegangen … Tief atmete er den Duft ihres Haars ein und musste dabei an Aprikosen denken. Warum sie es wohl immer so streng in einem Zopf zusammenfasste, anstatt es offen zu tragen?

Das Auto stand glücklicherweise bereits vor der Garage. Er brachte Tonnerre zum Stehen, saß ab und hob Andrea vorsichtig vom Pferd auf den Beifahrersitz, den er in Liegeposition brachte.

Anschließend band er seinem Hengst die Zügel hoch und forderte ihn mit einem Klaps auf, allein in den Stall zurückzukehren. Gehorsam machte sich Tonnerre auf den Weg.

Andrea hielt die Augen geschlossen und sagte kein Wort. Glücklicherweise waren es nach Lyseaux nur sechs Kilometer. Lance gab Gas. Wenn der Arzt sie ins Krankenhaus überwies, würde er sie sofort nach Rennes bringen.

Als Lance mit Andrea auf dem Arm in der Anmeldung erschien, sprang die Helferin erschrocken auf und führte ihn in ein Behandlungszimmer. „Dr. Semplis wird gleich kommen“, versprach sie.

„Ich möchte, dass Dr. Foucher nach Andrea sieht“, widersprach Lance.

„Tut mir leid, Monsieur, er ist heute nicht im Haus.“

Lance unterdrückte einen Fluch. Dr. Semplis war ihm weder bekannt, noch wusste er etwas über dessen Ruf. Für Andrea kam nur der beste Arzt infrage.

Sanft ließ er sie auf die Untersuchungsliege gleiten. „Gleich kommt Hilfe, chérie.“ Wie konnte ich Andrea nur mit einem Kosewort anreden, fragte er sich erschrocken. „Wir sind beim Arzt.“

„Danke“, antwortete sie kaum hörbar.

Die Sprechstundenhilfe zog sich zurück und schickte eine Schwester zu der Kranken. „Ich muss die Patientin für die Untersuchung vorbereiten. Wenn Sie das Zimmer jetzt bitte verlassen würden, Monsieur“, forderte sie Lance auf und holte ein OP-Hemd aus dem Schrank.

Wohl oder übel musste er sich fügen. Kurz vor der Schwelle drehte er sich noch einmal um. „Ich warte gleich neben der Tür. Wenn etwas ist, brauchst du nur zu rufen.“

Lance wusste selbst nicht, weshalb er plötzlich zum vertrauten Du übergegangen war. Es musste an dem Vorfall liegen, der ihm seit zehn Jahren auf der Seele lag und der so viele Ähnlichkeiten mit dem heutigen Geschehen aufwies. Damals war es einer seiner besten Kameraden gewesen, den er ins Feldlazarett gebracht hatte. Als er ihn den Ärzten übergab, hatte er noch mit ihm gesprochen – das letzte Mal. Lebendig hatte er ihn nie wiedergesehen.

Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen, und ging auf den Flur. Dort griff er zum Handy und erkundigte sich im Stall nach Tonnerre. Wie erwartet, stand dieser wohlbehalten und schon abgesattelt in seiner Box. Anschließend sprach Lance mit seinem Vater und erklärte ihm entschuldigend, Andrea und er hätten sich spontan zu einem Ausflug nach Lyseaux entschlossen. Das gemeinsame Mittagessen müsse leider verschoben werden.

Die Nachricht betrübte Geoff nicht sonderlich, denn er hatte eben überraschend Besuch von einem guten Freund bekommen.

Erleichtert steckte Lance das Handy in die Jackentasche zurück. Endlich hatte er den Kopf frei, um sich um Andrea zu kümmern, für die er auf einmal eine ungeheure Verantwortung fühlte.

„Monsieur?“ Ein jüngerer Mann kam auf ihn zu. „Ich bin Dr. Semplis.“

„Endlich! Madame Fallon ist es im Wald schlecht geworden. Sie erlitt einen Zusammenbruch und war nicht mehr in der Lage, allein zu laufen – ich musste sie tragen. Der Vorgeschichte nach ist es wahrscheinlich die Grippe.“

Der Arzt betrachtete ihn nachdenklich. „Dazu kann ich erst nach der Untersuchung etwas sagen. Nehmen Sie bitte so lange im Wartezimmer Platz.“

Lance schob das Kinn vor. „Ich warte hier!“

„Wie Sie möchten. Es kann jedoch eine Weile dauern.“

Andrea wachte kurz auf, nur um sofort wieder einzuschlummern. Sie träumte von Lancelot, wie der den Naturgewalten trotzte und sie auf seinem wunderbaren Schimmel in Sicherheit brachte. Wie aus weiter Ferne drang die Stimme des Arztes in ihr Bewusstsein.

„Sie haben viel Flüssigkeit verloren, deshalb legen wir Ihnen jetzt eine Infusion an. Ihre Blutproben sind bereits im Labor und werden untersucht.“

Wieder wurde Andrea vom Schlaf übermannt. Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, saß Lance auf einem Stuhl an ihrer Seite. Er stellte keine Fragen, sondern ließ sie in Ruhe zu sich kommen. Ernst und besorgt sah er sie an.

Es ist rührend, wie er sich um mich kümmert, dachte Andrea. Selbst wenn er es nur tat, weil sein Vater ihn darum gebeten hatte, war seine Geduld bewundernswert. Ihr schlechtes Gewissen rührte sich, weil Lance bei ihr und nicht an Geoffs Krankenbett saß.

Sie fühlte sich nicht mehr ganz so elend und drehte den Kopf, um Lance besser zu sehen. „Ich hätte gestern wirklich abreisen sollen“, meinte sie.

„So?“ Er kniff die Augen zusammen. „Und wohin? In ein leeres Haus voller Erinnerungen?“

„Eine Eigentumswohnung“, berichtigte sie ihn, erstaunt über seinen aggressiven Ton.

„Und wer würde sich um dich kümmern?“ Zu seinem Erstaunen nahm sie keinen Anstoß am Du.

„Meine Freundin. Ihr Mann hat eng mit Richard zusammengearbeitet.“

„Und deine Familie?“

„Die gibt es nicht. Meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, und ich bin bei Tante Kathy, der Schwester meiner Mutter, groß geworden. Sie und ihr Mann Rob haben mich zusammen mit ihren beiden Töchtern aufgezogen. Sie wohnen immer noch in New Haven und arbeiten dort auch. Sie sind alle sehr beschäftigt, und ich möchte ihnen nicht zur Last fallen.“

„Dann lass uns dem Schicksal dankbar sein, dass du gestern nicht geflogen bist. Stell dir vor, du hättest im Flugzeug einen Kollaps erlitten, und niemand wäre da gewesen, an den du dich hättest wenden können.“

Lance wirkte bedrückt. Wahrscheinlich macht er sich Sorgen um seinen Vater, vermutete Andrea. „Es tut mir alles so leid, Lance. Geoff würde dich jetzt so dringend brauchen“, sagte sie leise.

„Darum geht es nicht, er ist auf dem Weg der Besserung. Du bist es, die mir Kopfzerbrechen bereitet, nicht mein Vater.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Es ist mir wirklich unerklärlich, wie ein Arzt so lange zu einer Diagnose brauchen kann! Dr. Foucher wäre das nicht passiert!“

„Du bist zu lange in der Armee gewesen“, stellte Andrea fest. „Alles hat schnell zu gehen, und Entscheidungen müssen im Handumdrehen gefasst werden. Jetzt bist du wieder zu Hause, in Frankreich verläuft das Leben nach anderen Regeln.“

Lance strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Wie recht du hast!“ Er musterte sie eingehend. „Dein Gesicht hat wieder etwas Farbe bekommen.“

„Mir geht es auch besser.“ Sie schluckte. „All deine Sünden sind dir verziehen, und ich möchte mich bei dir bedanken. Du hast deinem Namen alle Ehre gemacht, ohne Zögern hast du gehandelt wie der edle Lancelot du Lac, der Ritter ohne Fehl und Tadel.“

„Jetzt übertreibst du wirklich. Ich …“

„Sie dürfen sich freuen!“ Dr. Semplis kam ins Zimmer und lachte. „Herzlichen Glückwunsch zum Baby.“ Er schüttelte Lance die Hand.

„Zum Baby?“ Lance erstarrte.

„Ausgeschlossen!“ Andrea versuchte, sich aufzurichten. „Das ist unmöglich.“

„Und ob, Sie sind in der dreizehnten Woche schwanger.“ Dr. Semplis blickte belustigt zwischen Lance und Andrea hin und her. „Wirklich höchst erstaunlich, dass keiner von Ihnen die Anzeichen richtig gedeutet hat, eindeutiger hätten sie kaum sein können. Ich lasse Sie jetzt noch einmal kurz allein, damit Sie sich von der Überraschung erholen können, dann besprechen wir das Weitere.“

„Nein, warten Sie! Es ist …“ Andrea richtete sich auf.

„Vielen Dank für Ihr Verständnis, Dr. Semplis.“ Lance ließ Andrea nicht ausreden und drückte sie sanft zurück auf die Liege. „Wir nehmen Ihr Angebot gerne an.“

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, brach Andrea in Tränen aus. Lance redete beruhigend auf sie ein, reichte ihr eine Box mit Papiertaschentüchern und bat sie, ihm die Situation zu erklären.

„Du würdest es nicht verstehen.“ Sie schluchzte krampfhaft. Wie sollte er etwas begreifen, das sie sich selbst nicht erklären konnte?

„Richard ist also nicht der Vater?“

Entsetzt blickte Andrea nun auf. „Richard war der einzige Mann in meinem Leben, es ist sein Kind … und es ist ein Wunder.“

„Wieso?“

„Wieso?“ Sie griff zu einem Papiertaschentuch. „Meine Gynäkologin hatte mir jede Hoffnung genommen, jemals schwanger zu werden – es sei so wahrscheinlich wie ein Hauptgewinn im Lotto.“

Täuschte sie sich, oder flog ein Schatten der Trauer über sein Gesicht?

„Natürlich habe ich Veränderungen an mir festgestellt, doch ich führte sie auf die Hormontherapie zurück. Ich kann zum Beispiel meine Ringe nicht mehr tragen, weil meine Finger angeschwollen sind.“

Das also ist die Erklärung, dachte Lance, deshalb habe ich sie für unverheiratet gehalten.

„Außerdem bin ich seit Richards Tod ständig müde und leide unter Übelkeit – ich dachte, das kommt, weil ich so traurig bin.“ Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. „Ich kann es nicht glauben, schon bereits ein Drittel meiner Schwangerschaft hinter mir zu haben, ohne überhaupt zu wissen, dass ich ein Kind erwarte. Ich stehe unter Schock. Lance, wenn du wüsstest, Richard hat sich dieses Kind so gewünscht, und jetzt wird er es nie in den Armen halten, und ich werde es allein großziehen müssen.“

Lance antwortete nicht darauf. Geduldig wartete er, bis ihr neuerlicher Tränenausbruch wieder verebbte und sie stockend weiterredete.

„Richard war Einzelkind, und ich bin Waise, wir beide wünschten uns eine große Familie. Als wir die schreckliche Wahrheit erfuhren, fühlten wir uns am Boden zerstört. Nach Richards Tod dachte ich, für mich sei das Leben zu Ende. Und jetzt …“

„Jetzt ist alles anders“, ergänzte er und streichelte ihr liebevoll die Hand.

Andrea wischte sich die Wangen trocken. „Mein Baby wird ohne Vater aufwachsen, es wird eine Halbwaise sein – die Geschichte wiederholt sich. Ist das nicht schrecklich? Jedes Kind braucht einen Vater. Warum musste Richard nur sterben?“

Wieder brach sie in Tränen aus, und Lance zog sie an sich. Als sie merkte, dass sie seine Hemdbrust durchnässt hatte, rückte sie beschämt von ihm ab. „Du hältst mich bestimmt für durchgedreht“, schluchzte sie.

„Ich denke, Richard ist ein äußerst glücklicher Mann gewesen, weil er dich zur Frau gehabt hat. In seinem Kind wird er weiterleben – vielleicht wächst gerade ein zukünftiger Professor in dir heran. Was sagt dir dein mütterlicher Instinkt, wird es ein Mädchen oder ein Junge?“

„Mütterlicher Instinkt? Bis vor wenigen Minuten war ich fest davon überzeugt, niemals schwanger zu werden. So richtig glauben kann ich es immer noch nicht.“

„Ende gut, alles gut. Lass uns darüber freuen, denn als ich dich reglos im Gras liegen sah, habe ich das Schlimmste befürchtet.“

„Auch ich habe befürchtet, ernsthaft krank zu sein. Vielen tausend Dank noch einmal für deine Hilfe. Es war mir übrigens ausgesprochen peinlich, dass der Arzt dich für den Vater gehalten hat. Ich werde ihm die Situation erklären.“ Lance’ offenes Lächeln ließ seine Lippen noch sinnlicher wirken. Andrea hielt den Atem an.

„Es braucht dir nicht peinlich zu sein. In dem Moment, als ich mit dir zusammen die Neuigkeit erfuhr, habe ich mich tatsächlich wie ein angehender Vater gefühlt. Du glaubst gar nicht, wie glücklich mich diese Erfahrung gemacht hat – ich bekam richtig Herzklopfen.“

Dann schwand das Lächeln aus seinem Gesicht, und er runzelte die Stirn. „Wenn ich von dem Baby gewusst hätte, hätte ich dich gestern bestimmt nicht aufgefordert, mir auf den Grund des Sees zu folgen.“

Nur zu gut erinnerte sich Andrea, wie eng er sie beim Auftauchen an sich gezogen hatte. „Ich habe das Erlebnis genossen“, antwortete sie leise. „Eines Tages, wenn mein Sohn groß genug ist, werde ich ihn hierher bringen, damit auch er die Geheimnisse des Sees erkunden kann.“

„Du rechnest also mit einem Jungen?“

Wie immer, wenn Lance lächelte, beschleunigte sich ihr Puls.

„In vier Wochen werden wir auch darüber Sicherheit haben.“ Von beiden unbemerkt, hatte Dr. Semplis das Behandlungszimmer betreten. „Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe“, entschuldigte er sich. „Aber Sie haben auf mein Klopfen nicht reagiert. Möchten Sie die Herztöne hören?“

Er setzte das Stethoskop an. „Ich kann es nicht fassen!“ Fasziniert hörte Andrea auf die ersten Lebenszeichen ihres Babys.

„Ihr Baby ist schon fast zehn Zentimeter groß und sehr kräftig“, erklärte der Arzt.

Auch Lance ließ sich das Stethoskop geben. Er reichte es Dr. Semplis zurück, ohne den Blick von Andrea zu lassen. „Als ich herkam, hatte ich die schlimmsten Befürchtungen. Ihre Nachricht hat mich zu einem glücklichen Mann gemacht, Dr. Semplis.“

„Das freut mich.“

Andrea errötete. „Ich muss Ihnen etwas erklären, Doktor. Monsieur Malbois ist nicht mein Ehemann, ich bin nur für kurze Zeit Gast seines Vaters im Château.“

Dr. Semplis wickelte ihr die Manschette um den Arm, um den Blutdruck zu messen. „Dann sollten Sie schleunigst heiraten.“

„Sie haben mich nicht richtig verstanden. Er ist nicht der Vater des Kindes.“

„Dann sollte dieser schnellstens benachrichtigt werden.“

„Das ist leider unmöglich.“ Andreas Stimme schwankte. „Am Morgen, an dem ich dieses Kind empfangen haben muss, ist mein Mann aus dem Haus gegangen und nie zurückgekehrt – er ist während der Arbeit an einer Gehirnblutung gestorben. Das war vor genau drei Monaten.“

„Andrea …“

Sie schloss die Augen. Lance’ Mitleid ging ihr zu Herzen.

„Es muss ein schwerer Verlust für Sie gewesen sein. Doch Ihr Gatte hat Ihnen ein wunderbares Vermächtnis hinterlassen.“

Dr. Semplis sah die Schwangerschaft also im gleichen Licht wie Lance.

„Ich weiß. Im Moment kann ich die Wahrheit nur noch nicht begreifen.“

„Das ist unter den gegebenen Umständen nur mehr als verständlich. Wie ich Ihnen bestätigen kann, sind Sie kerngesund und werden den Schock in kürzester Zeit überwunden haben. Das Medikament gegen Übelkeit, das ich Ihnen verschreibe, wird Ihnen schnell helfen. Nehmen Sie es bitte dreimal täglich vor den Mahlzeiten, das sollte genügen.“

Er entfernte die Manschette wieder. „Auf dem Rezept, das an der Anmeldung für Sie bereitliegt, stehen auch noch Vitamintabletten. Vorsichtshalber möchte ich Sie nächste Woche noch einmal sehen und kontrollieren, ob Sie genug Eisen im Blut haben.“

„Bis dahin werde ich schon wieder zurück in den Staaten sein. Trotzdem vielen Dank.“

„Dann melden Sie sich zu Hause bitte sofort bei Ihrer Gynäkologin.“ Dr. Semplis wandte sich zum Gehen. An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Die Schwester wird Ihnen die Infusion abnehmen, dann dürfen Sie gehen. Schonen Sie sich die nächsten Tage, und trinken Sie genug. Essen dürfen Sie alles, worauf Sie Appetit haben.“

„Sie wird sich danach richten“, antwortete Lance, ehe sie noch den Mund aufmachen konnte. Andrea musste lächeln. Lance blieb eben Lance – und sie fand das noch nicht einmal schlimm.

„Ich warte an der Anmeldung auf dich“, verabschiedete er sich, als die Schwester kam, um Andrea von den Schläuchen zu befreien.

Langsam erhob sich Andrea von der Liege und ging zu dem Schrank mit ihrer Garderobe. Dort streifte sie das OP-Hemd ab. Bevor sie sich wieder anzog, legte sie zärtlich die Hand auf ihren Bauch. Wieso hatte sie das Baby, das in ihr wuchs, nur nicht gespürt? Selbst als ihr ständig übel wurde und ihre Jeans spannten, war sie der Wahrheit nicht auf die Spur gekommen.

Andererseits hatte ihre Ahnungslosigkeit gewichtige Gründe gehabt, denn ihre Chancen, ein Kind zu empfangen, waren nicht viel größer als null gewesen.

Im Moment kam es ihr ganz so vor, als schwebte sie über den Dingen. Das Baby, das sie erwartete, war von Richard. Lance Malbois aber war es gewesen, der sie in die Klinik gebracht und mit ihr gemeinsam von der Schwangerschaft erfahren hatte.

Wie seine Augen gestrahlt hatten! Ein leiblicher Vater hätte nicht glücklicher aussehen können. Selbst Dr. Semplis hatte sie für ein Paar gehalten.

Erklären konnte sie sich Lance’ Verhalten beim besten Willen nicht, schließlich war sie für ihn nicht mehr als eine flüchtige Bekannte. Vielleicht fühlte er sich lediglich verantwortlich für sie, weil die schwere Grippe seinen Vater daran hinderte, sich um den Gast des Hauses zu kümmern.

Sobald sie sich wieder einigermaßen gut fühlte, würde sie zurück nach New Haven fliegen. Nur noch sechs Monate, dann war sie schon Mutter! Bis dahin gab es viel zu organisieren, sie musste sich nach einem passenden Job umsehen und ein Kinderzimmer einrichten.

Wie sehr sie sich auf ihr Baby freute! Ob Junge oder Mädchen, es war ihr gleichgültig. Wichtig war, dass ihr Leben wieder einen Sinn bekam und es jemanden gab, den sie lieben durfte.

Sie würde das Geld, das sie von der Lebensversicherung bekommen hatte, anlegen und von zu Hause aus einige Stunden für das Unisekretariat oder das Fotostudio arbeiten. Damit sollte es ihr gelingen, ihren Lebensunterhalt zu sichern und sich trotzdem ganz ihrem Kind zu widmen. Sie wollte selbst den kleinsten Schritt seiner Entwicklung nicht verpassen.

Als Andrea zur Anmeldung kam, hatte sich das Wartezimmer merklich gefüllt. Lance stand nahe der Tür und wartete auf sie. Alle anwesenden Frauen, Schwestern und Sprechstundenhilfen eingeschlossen, warfen ihm mehr oder weniger verstohlene Blicke zu. In seinem Wildlederjackett, dem schwarzen Rollkragenpullover und seinen perfekt sitzenden Reitjeans ...

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