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ROMANA EXKLUSIV BAND 231

JENNIFER TAYLOR

Brasilianische Nächte

Der Privatpilot Doyle ist tief beeindruckt: Das verwöhnte Society-Girl Gabrielle schlägt sich im unwegsamen Urwald Brasiliens großartig. Hier müssen sie nach einer dramatischen Notlandung gemeinsam zurechtkommen. Und sie kommen einander immer näher – bei Tag und bei Nacht. Wie soll er ihr nur erklären, dass alles ein abgekartetes Spiel ist?

KATHRYN ROSS

Ich Liebe dich, ich brauche dich

Eine Traumhochzeit am Strand von Jamaika – eine Ehe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, erinnert Beth sich traurig. Schließlich wollte der attraktive Designer Jay Hammond nur eine Vernunftehe mit ihr. Vergeblich hoffte sie, dass er eines Tages ihre zärtlichen Gefühle erwidern würde. Nun bittet er sie, ihn noch einmal in die Karibik zu begleiten …

KRISTIN MORGAN

Hochzeitsnacht in Acapulco

Wundervolle Stunden am weißen Sandstrand, herrliche Ausflüge in Acapulco, tiefe Blicke in ihre betörenden Augen. Gabriel Lafleur ist völlig verzaubert von Joelle. Dabei wollte er nach einer verletzenden Beziehung nie wieder etwas mit Frauen zu tun haben. Und nun wacht er neben Joelle auf – und hat nicht die geringste Erinnerung an die letzte Nacht …

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Brasilianische Nächte

1. KAPITEL

Die Sonne brannte vom Himmel.

Gabrielle hob die lange kastanienbraune Mähne aus dem Nacken und wischte sich mit einem Spitzentaschentuch die feinen Schweißperlen von der Stirn. Dann zerknüllte sie das Tuch achtlos, stopfte es wieder in die Tasche ihrer eleganten weißen Leinenshorts und sah hinaus über die Lichtung.

Der Mann saß immer noch auf dem verbeulten Ölfass, schon fast seit einer vollen Stunde. Er wirkte völlig gelassen, trotz der Hitze, und auch die feuchten Stellen, die sich auf seinem Kakihemd abzeichneten, änderten nichts an diesem Eindruck. Aus unerfindlichem Grund machte Gabrielle diese absolute Ruhe des Mannes wütend.

Sie erhob sich, lockerte die Seidenbluse, die an ihrer Haut klebte, und schritt energisch die wenigen Meter zu dem Mann hinüber, der mit einem gefährlich aussehenden Buschmesser an einem Stock schnitzte. Sie blieb vor ihm stehen, doch er sah nicht auf – was sie nur noch mehr reizte.

„Wie lange dauert es denn noch?“, fragte sie unwirsch.

Erst jetzt sah er sie an, mit diesen seltsamen silbergrauen Augen, die einen starken Kontrast zu der tief sonnengebräunten Haut und dem dunkelbraunen Haar bildeten. Nur kurz und völlig unbeeindruckt von dem Ärger, der auf ihrem Gesicht stand, blickte er auf. „Es dauert so lange, wie es dauert. Warum setzen Sie sich nicht in den Schatten, Miss Marshall? Sie sehen erhitzt aus.“

Erhitzt war nicht das richtige Wort, sie kochte geradezu – vor Wut. Sie riss ihm den Stock aus der Hand und schleuderte ihn zu Boden, ihre grauen Augen sprühten Funken. „Mein Großvater hat Sie dazu angeheuert, mich zu ihm zu bringen. Ich schlage vor, Sie tun endlich das, wofür Sie bezahlt werden!“

Er erhob sich langsam, lässig, zu seiner vollen Größe, und Gabrielle verspürte so etwas wie Unsicherheit trotz ihres Ärgers. An diesem Mann war etwas Einschüchterndes, das hatte sie schon bemerkt, als er sie am Flughafen von Mexico City abgeholt hatte, obwohl er nicht viel redete. Er hatte ihr lediglich die handschriftliche Nachricht ihres Großvaters überreicht, die ihn auswies. Dann hatte er sie zu dem ramponierten Jeep geführt, der jetzt im Schatten der Lichtung geparkt stand.

Auf der Fahrt hatte sie ihren schweigsamen Begleiter in Ruhe mustern können: von den ausgetretenen hohen Lederstiefeln, über die muskulösen Beine, die in verwaschenen Kakihosen steckten, über das verschwitzte Hemd, das an seiner Brust klebte und jeden einzelnen Muskel betonte, bis hin zu dem braun gebrannten kantigen Gesicht mit den ungewöhnlich hellen Augen. Dieser Mann entsprach keineswegs der Kategorie „schön“, dazu waren seine Züge zu hart, aber er strahlte eine raue, ungeschliffene Männlichkeit aus, bei der Gabrielles Magen sich unwillkürlich zusammenzog und die eine gewisse Unruhe in ihr auslöste. Die Männer aus ihrem Umkreis sahen alle sehr viel besser aus, hatten sehr viel bessere Umgangsformen, waren charmant und auf ihr Erscheinungsbild bedacht, aber bei keinem dieser Männer war sie sich je so bewusst gewesen, dass sie ein weibliches Wesen war. Und dieses Bewusstsein war ihr im Moment alles andere als angenehm.

„Ihr Großvater hat mich beauftragt, eine Frachtladung zu ihm zu bringen. Sie, Miss Marshall, sind lediglich zur Fracht noch hinzugekommen.“

Sie konnte nicht glauben, was er da von sich gab! Hatte er denn überhaupt eine Idee, wer sie war? „Was erlauben Sie sich! Wissen Sie eigentlich, was passiert, wenn ich meinem Großvater sage, wie grob und unhöflich Sie sich mir gegenüber benommen haben? Ein Wort, und Sie können Ihr schäbiges kleines Unternehmen dichtmachen!“ Ihre Augen funkelten wütend. „Niemand wird Ihnen je wieder einen Auftrag geben, wenn Henry Marshall es nicht will.“

„Unhöflich?“ Er sah sie so durchdringend und eisig an, dass sie sich anstrengen musste, seinem Blick standzuhalten. „Sie haben nicht die leiseste Ahnung, wie es ist, wenn ich unhöflich werde, Lady. Und ich denke, es ist höchste Zeit, dass Ihnen mal jemand sagt, dass Sie nicht alles und jeden herumkommandieren können, nur weil Ihre Familie mehr Geld im Rücken hat, als sie je ausgeben kann.“

„Also, das ist doch …!“ Ihr Temperament ging mit ihr durch. Sie hob die Hand, ihre Absicht war eindeutig, aber der Mann, der direkt vor ihr stand, machte keine Anstalten, den Schlag abzuwehren. Ein träges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, nahezu genauso langsam, wie sich auch seine Wange rötete, auf der ihre Hand gelandet war.

Plötzlich schämte sie sich für diese Ohrfeige, die sie ihm versetzt hatte. Sie hielt den durchdringenden Blick aus den hellen Augen nicht mehr aus und wandte den Kopf. Aber er griff mit einer Hand nach ihrem Kinn und hielt es erstaunlich sanft, aber unerbittlich fest. Sie sollte sehen, was sie getan hatte.

„Das, Miss Marshall, war das erste und einzige Mal, dass Sie mit so was ungestraft davonkommen. Haben Sie das verstanden?“

Sie wollte ihn nicht ansehen, wollte nicht antworten, aber sie wusste auch, dass sie keine Chance hatte, hätte sie versucht, sich seinem Griff zu entziehen. Sich zu wehren wäre nur ein weiterer Fehler gewesen.

„Ja!“, fauchte sie.

„Schön. Ein erster Schritt zu einer besseren Verständigung zwischen uns.“

Ein Unterton schien in dieser Bemerkung zu liegen, aber Gabrielle hätte nicht sagen können, welcher. Als er sie losließ, hastete sie zurück über die Lichtung und setzte sich wieder auf den Baumstamm. Sie zitterte am ganzen Körper. Warum nur, zum Teufel, hatte ihr Großvater einen solchen Mann eingestellt? Er konnte doch jeden haben, den er wollte. Und das war nur eines von den vielen unverständlichen Dingen, die Henry Marshall in letzter Zeit getan hatte, einschließlich der Ankündigung, sich zur Ruhe zu setzen und im Dschungel von Brasilien nach Amethysten zu suchen.

Sie lehnte sich an den Baumstamm und schloss die Augen. Sie konnte immer noch nicht verstehen, wie ihr Großvater auf eine solch verrückte Idee gekommen war. Der Mann da hatte recht, ihre Familie verfügte tatsächlich über ein größeres Vermögen, als die nächsten Generationen ausgeben konnten. Ihr Großvater hatte vor über fünfzig Jahren mit einer kleinen Chemiefabrik angefangen, die mittlerweile zu einem weltweiten Konzern angewachsen war. Aber das erklärte noch lange nicht, warum er mit zweiundsiebzig Jahren alldem den Rücken kehrte und in Südamerika nach Edelsteinen graben wollte.

Gabrielle war gerade bei Freunden in New York gewesen, als ihre Mutter ihr am Telefon völlig hysterisch Großvaters Entscheidung mitteilte. Dass Gabrielle jetzt hier war, lag daran, dass sie, um ihre Mutter zu beruhigen, zugesagt hatte, zu ihrem Großvater zu fliegen und zu versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Großvater und sie hatten einander immer sehr nahegestanden. Ihr Vater war früh gestorben, und Henry Marshall, der seine Enkelin abgöttisch liebte, hatte eine Art Vaterrolle bei ihr übernommen. Obwohl sie ihn in letzter Zeit nur selten gesehen hatte. Als Angehörige der Oberschicht, die es nicht nötig hatte zu arbeiten, verbrachte sie ihre Zeit ausschließlich mit den angenehmen Dingen des Lebens – Ski fahren in Aspen, Segeln in Südfrankreich, Einkaufen in New York, London und Paris.

Allerdings waren Gabrielle in der letzten Zeit öfter Zweifel gekommen, ob diese Art der Existenz tatsächlich ausfüllend war. Gab es im Leben denn nicht mehr als Müßiggang und Vergnügen? Nur – was war das? Ihr fiel nichts ein, womit sie ihrem Leben eine Richtung geben könnte; nichts, dem sie sich widmen könnte. Diese Reise zu ihrem Großvater war im Grunde genommen auch nur ein Weg, um ihr ständig lauter werdendes Gewissen zu beschwichtigen. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, die Reise in solch unangenehmer Gesellschaft machen zu müssen!

Sie schreckte zusammen und riss die Augen auf, als eine tiefe Stimme neben ihr ertönte.

„Wir können in ein paar Minuten los. Sie sollten Ihre Koffer aus dem Jeep holen.“

Für einen so großen Mann bewegte er sich außergewöhnlich leise, sie hatte ihn nicht kommen gehört. Ihr Herz schlug vor Schreck immer noch wie wild, und das verwirrte sie. Warum sollte er sie so nervös machen? Warum war sie sich seiner so bewusst? Es machte einfach keinen Sinn. Sie war bisher immer durchs Leben spaziert, ein wunderbares Leben, in dem Geld und Einfluss sämtliche Wege ebneten, und kaum etwas hatte sie berührt, niemand war an sie herangekommen. Diesem Mann schien das allerdings völlig gleichgültig zu sein, selbst wenn er es wissen musste. Und gerade die Vermutung, dass er darum wusste, weckte in ihr das Bedürfnis, ihn zu provozieren.

„Koffer tragen ist Ihr Job.“ Sie erhob sich, strich sich die Leinenshorts glatt und ging zum Flugzeug, ohne einen Blick hinter sich zu werfen.

Als sie allerdings in die kleine Maschine kletterte, die auf der Rollbahn wartete, konnte sie es sich nicht verkneifen, sich nach ihm umzuschauen. Und sie verstand auch nicht dieses unsinnige Gefühl von Enttäuschung, als sie ihn zum Jeep gehen sah. Warum ärgerte es sie, dass er so widerspruchslos nachgab? Hatte er sich doch von ihrem Status beeindrucken lassen?

Es dauerte noch eine gute Viertelstunde, bevor sie abhoben. Gabrielle saß im Cockpit und fächelte sich mit einer Zeitschrift Kühlung zu, während er draußen, eine Checkliste in der Hand, das Flugzeug überprüfte. Er hatte ihr gesagt, dass es Schwierigkeiten mit der Benzinzufuhr gegeben hatte, aber das war jetzt wohl behoben. Er war ganz offensichtlich ein erfahrener Pilot, und die Gründlichkeit, mit der er die Checkliste durchging und abhakte, nahm Gabrielle alle Befürchtungen, die sie vielleicht gehabt hatte.

Der Start verlief bestens, und Gabrielle vertiefte sich in ihre Zeitschrift – der beste Weg, einer unerwünschten Konversation auszuweichen. Ihr wäre auch nichts eingefallen, über das sie sich mit diesem Mann unterhalten könnte, vor allem, nachdem sie vorhin so aneinandergeraten waren. Trotzdem glitt ihr Blick immer wieder auf sein Profil und über seine Hände, die geschickt die Maschine steuerten. Erst als er sich unerwartet zu ihr umdrehte und sie mit einer ironisch hochgezogenen Augenbraue bei ihrer Musterung ertappte, konzentrierte sie sich darauf, ihn nicht mehr anzusehen.

Sie landeten auf einem kleinen Privatflughafen, um aufzutanken, und Gabrielle nutzte die Gelegenheit, um den Waschraum aufzusuchen. Sie genoss das kühle Wasser auf ihren Handgelenken und ließ sich Zeit damit, ihr Make-up aufzufrischen. Als sie in die kleine Kantine zurückkehrte, lehnte der Mann mit einem Becher Kaffee in der Hand am Tresen und unterhielt sich mit einem anderen Piloten. Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie mit einem so abschätzenden Blick, dass es fast beleidigend war, dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu.

Gabrielle spürte Wut in sich aufwallen. Sie war weiß Gott nicht eitel, aber sie wusste, dass sie gut aussah. Nein, man konnte sie sogar schön nennen. Der Blick in den Spiegel bestätigte ihr das immer wieder – das fein geschnittene Gesicht mit den großen grauen Augen und den dunklen Wimpern, die vollen, sinnlich geschwungenen Lippen … Und trotzdem hatte dieser Mann ihr so viel Interesse gezeigt, wie er vielleicht … vielleicht für eine saftige Rinderhälfte aufbrächte, die in irgendeinem Kühlhaus hing!

Sie riss sich zusammen, zügelte ihre Wut und warf scheinbar ruhig einige Münzen in den Kaffeeautomaten. Angeekelt verzog sie das Gesicht, als sie an der bitteren schwarzen Brühe nippte.

„Wir fliegen in zwei Minuten los, also beeilen Sie sich.“

Sie warf ihm noch nicht einmal einen Blick zu, sondern nahm einen weiteren Schluck aus dem Plastikbecher, stellte ihn auf dem Tresen ab und ging dann zu dem Automaten, der gegen Münzen Knabberzeug ausspuckte.

„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“ Seine Finger, die nach ihrem Oberarm griffen, um sie zu sich herumzudrehen, waren erstaunlich kühl. Gabrielle machte sich unwillig aus dem Griff frei.

„Natürlich, ich bin ja nicht taub.“ Sie lächelte ihn zuckersüß an. „Allerdings werden Sie wohl noch ein wenig warten müssen. Ich habe meinen Kaffee noch nicht ausgetrunken.“

„Nein?“ Er lächelte genauso freundlich zurück, während er den Becher griff, den Inhalt in einen Pflanzenkübel leerte und den zerknüllten Becher in den Abfalleimer warf. „So, jetzt ist Ihr Kaffee wohl leer, oder, Miss Marshall? Sollen wir dann?“ Er wandte sich ab, um die Kantine zu verlassen.

So leicht würde sie ihn nicht davonkommen lassen! Ihre manikürten Fingernägel gruben sich durch den Ärmel seines Hemdes, als sie nach ihm griff. „Wie können Sie es wagen? Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“

Ganz langsam drehte er sich wieder zu ihr um, seine silbergrauen Augen funkelten, als er ihr wütendes Gesicht betrachtete. Und ebenso langsam löste er ihre Hand von seinem Arm. „Ich bin der Mann, der Sie zu Ihrem Großvater hinausfliegen soll. Ich denke, das verleiht mir die gleiche Autorität wie dem Kapitän eines Schiffes. Sie können gerne über diese Logik nachdenken, Miss Marshall. Aber wenn ich sage, wir fliegen los, dann fliegen wir auch.“ Er legte eine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an, um es eindringlich zu mustern. „Und ich kann mir nicht vorstellen“, sagte er mit einer tiefen, leisen Stimme, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte, „dass Sie herausfinden wollen, wie ich auf Meuterei reagiere.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, noch bevor Gabrielle sich von dem Schock erholt hatte. Mit einer zitternden Hand fuhr sie sich über das Gesicht, dort, wo er sie festgehalten hatte. Nein, geschmerzt hatte es nicht, dazu war sein Griff zu sanft gewesen. Aber diese Berührung hatte sie zutiefst erschüttert. Diese Erschütterung und die verhaltene Sinnlichkeit seiner Drohung waren ihr durch den ganzen Körper gefahren und hatten eine seltsame Reaktion ausgelöst. Sie hatte Angst. Nicht vor ihm, sondern vor sich selbst und ihrer unverständlichen Reaktion auf diesen Mann.

Je eher dieser Trip vorüber war, desto besser!

Als sie in das Cockpit kletterte, ging sie davon aus, den Rest des Fluges in angespannter Haltung zu verbringen. Doch das Schweigen und das eintönige Brummen der Motoren zeigten ihre Wirkung: Sie döste ein und wurde erst abrupt wieder wach, als die Maschine ganz plötzlich absackte.

Alarmiert richtete sie sich kerzengerade auf. „Was ist los?“ Sie riss verängstigt die Augen auf und starrte auf das näher kommende, undurchdringliche Grün des Dschungels, als das kleine Flugzeug neuerlich absank.

„Die Treibstoffzufuhr. Sie spielt wieder verrückt.“ Sein Gesicht war reglos, seine Hände glitten eilig über die verschiedenen Knöpfe und Schalter auf dem Armaturenbrett, während er einen für Gabrielle unverständlichen Wortschwall aus Zahlen und Codes in das Mikrofon seines Kopfhörers sprach.

„Wir stürzen ab?“ Ihre Stimme klang schrill vor Angst.

Er sah sie nur kurz an, um sich dann wieder auf die Maschine zu konzentrieren, die jetzt in großen Kreisen dem Boden immer näher kam. „Nein.“

„Gott sei Dank!“ Doch der Stoßseufzer war wohl zu früh gekommen. Panisch klammerte sie sich an ihrem Sitz fest, als könnte das helfen, während die Baumkronen immer näher kamen. „Aber Sie sagten doch, wir stürzen nicht ab!“, schrie sie auf.

„Tun wir auch nicht, wir landen. Uns bleibt gar nichts anderes übrig. Eine Notlandung.“

„Landen? Zwischen all den Bäumen? Wie denn?“

Er drehte ihren Kopf nach rechts, seine Finger lagen seltsam beruhigend an ihrer Wange. „Da drüben ist eine Lichtung. Auf der werde ich landen.“

Dann lagen seine Hände wieder auf den Kontrollgeräten. Gabrielle schloss die Augen und betete. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, als das Fahrwerk unsanft auf dem Boden aufsetzte und die Maschine wieder in die Luft sprang. Noch zwei Mal setzte die kleine Maschine mit Wucht auf und wurde wieder hochgeschleudert, ehe sie endlich zum Stehen kam. Gabrielle zählte bis zehn, bevor sie es wagte, die Augen zu öffnen.

Grün, mehr nicht. Alles, was sie sah, war Grün. Unendlich hohe Bäume, riesige Blätter, undurchdringliches Buschwerk.

„Wo sind wir?“, stotterte sie schließlich.

Der Mann hatte bereits den Sicherheitsgurt abgeschnallt und die Cockpittür geöffnet. „Irgendwo im brasilianischen Dschungel, würde ich sagen.“

„Irgendwo?“ Ihre Stimme wurde wieder schriller. Ihre Hand schoss vor, um ihn an der Schulter festzuhalten, bevor er aussteigen konnte. „Sie wissen nicht, wo?“

„Nein, nicht genau. Der Kompass ist ausgefallen.“

„Aber haben Sie nicht per Funk unsere Position durchgegeben?“

„Sicher, aber die ist nicht ganz korrekt. Es war die letzte Positionsbestimmung, die ich gemacht hatte. Ich dachte mir, das sei besser als gar nichts.“

Sie wollte einfach nicht glauben, was sie hörte. Sie befanden sich irgendwo mitten im Dschungel, und keiner hatte auch nur die geringste Ahnung, wo sie waren!

Sie kletterte aus dem Flugzeug und stellte sich neben ihn. „Und was machen wir jetzt? Wie lange wird es dauern, bis man uns findet?“

Er griff hinter seinen Sitz und zog einen ledernen Rucksack hervor. „Schwer zu sagen. Ein paar Tage, eine Woche, vielleicht zwei. Könnte auch länger dauern.“

„Zwei Wochen? Aber so lange können wir unmöglich hierbleiben!“

Er lächelte ganz plötzlich, was ihn unheimlich attraktiv aussehen ließ und ihr einen angenehmen, aber völlig unerwünschten Schauer über den Rücken rieseln ließ. „Freut mich zu hören, dass Sie so vernünftig sind, das einzusehen.“

Von Vernunft merkte sie nicht viel, ganz im Gegenteil! „Also, was machen wir dann?“

„Das ist doch wohl klar.“ Er zog Kakihosen und ein ähnliches Hemd, wie er es trug, aus dem Rucksack. „Hier, die werden Ihnen zwar zu groß sein, aber daran lässt sich nichts ändern.“

Entweder hatte der Schock ihren Verstand so durcheinandergebracht, dass sie noch nicht einmal einfache Worte verstehen konnte, oder dieser Mann sprach unzusammenhängendes Zeug. Verständnislos starrte Gabrielle auf die Kleidungsstücke, die er ihr hinhielt. Als sie nicht reagierte, knüllte er die Sachen achtlos zusammen und warf sie ihr vor die Füße.

„Nun, da Sie Ihre Koffer nicht mitgebracht haben, werden Sie mit meinen Sachen vorliebnehmen müssen.“ Er sah auf ihre bloßen Beine und die eleganten Sandalen mit den dünnen Lederriemchen. „Schuhwerk ist allerdings ein Problem, es sei denn …“ Diesmal griff er unter den Sitz und holte ein erbärmlich aussehendes Paar Turnschuhe hervor, die er ihr ebenfalls vor die Füße warf. „Hier, probieren Sie die.“

Gabrielle starrte immer noch, dann dämmerte es ihr. „Soll das bedeuten, Sie haben meine Koffer in dem Jeep gelassen?“

„Ich“, er betonte das Wort überdeutlich und eiskalt, „habe Ihre Koffer nicht im Jeep gelassen, das haben Sie getan. Sie hatten die Möglichkeit, sie im Flugzeug zu verstauen, was Sie wiederum nicht getan haben.“

„Sie sollten das doch erledigen. Sie wurden angeheuert, um mich zu fliegen.“

„Stimmt genau. Als Ihr Kammerdiener wurde ich jedoch nicht angeheuert.“ Pure Verachtung lag in seinem Blick, als er sie von oben bis unten musterte. „Sie sind doch ein großes Mädchen, oder? Sie hätten sich selbst um Ihr Gepäck kümmern müssen. Und jetzt hören Sie endlich auf zu jammern, und ziehen Sie sich um!“

Sie schnappte nach Luft und hielt sie an, um nicht laut loszuschreien. Sicherlich würde er sich davon auch nicht beeindrucken lassen. Noch nie in ihrem ganzen Leben war sie sich so hilflos vorgekommen! „Verzeihen Sie mir, wenn es sich dumm anhört, aber … warum sollte ich Ihre Sachen anziehen? Ich glaube kaum, dass dies hier“, angeekelt stieß sie mit der Schuhspitze gegen das zerknüllte Bündel, das zu ihren Füßen lag, „mir passt.“

Er ging in die Hocke und packte die Sachen wortlos in den Rucksack zurück, dann richtete er sich auf und schwang sich den Rucksack über die Schultern. „Nun, ein Etikett von Dior werden Sie sicherlich nicht im Kragen finden, Miss Marshall, aber ich bin überzeugt, in dieser Gegend sind sie weitaus angebrachter als der Aufzug, in dem Sie jetzt herumlaufen, so ansehnlich er auch sein mag.“ Er ließ den Blick über das undurchdringliche Grün schweifen. „Hier kann man sich einige böse Schnitte und Kratzer zuziehen.“

Gabrielle folgte seinem vielsagenden Blick zu dem dunklen Dickicht und erschauerte. „Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich … dass ich da hineingehe?“

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern und zog den Rucksack über. „Ich erwarte gar nichts, allerdings werde ich nicht hierbleiben und auf einen Rettungstrupp warten. Die Entscheidung liegt allein bei Ihnen, ob Sie mitkommen wollen oder nicht.“

„Aber ich …“ Sie musste sich räuspern, weil die Stimme ihr zu versagen drohte. „Sehen Sie mal, Mr …“ Sie brach abrupt ab und lief rot an. Sein verächtlicher Blick sagte ihr, dass er genau wusste, was gerade in ihr vorging. Sie hatte ihn während der ganzen Zeit nicht einmal nach seinem Namen gefragt.

„Ah, es ist Ihnen also endlich aufgefallen. Mein Name ist Doyle, Miss Marshall.“

Der eisige Ton setzte ihr zu. „Wenn ich geahnt hätte, dass Sie so viel Wert auf Etikette legen, hätte ich längst gefragt, Mr Doyle“, zischte sie.

Sollte er den Sarkasmus in ihrer Bemerkung bemerkt haben, so ignorierte er ihn. Am Rand der Lichtung drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Was ist nun, kommen Sie mit oder nicht?“

2. KAPITEL

„Ich kann keinen Schritt mehr weiter. Ich bin völlig erschöpft.“ Gabrielles Stimme wurde lauter. „He, Sie! Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“

Doyle schlug noch einen weiteren Ast mit dem Buschmesser ab, bevor er sich umdrehte, sich den Schweiß von der Stirn wischte und sie ansah, als wäre sie ein besonders ekelerregendes Exemplar der Spezies Mensch.

Natürlich wusste sie, wie lächerlich sie aussehen musste, deshalb richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie waren jetzt seit Stunden durch den Dschungel unterwegs und kamen nur langsam voran, weil Doyle ihnen erst eine Bahn durch das Dickicht schlagen musste. Die Pflanzen schienen ein Eigenleben zu haben und zu versuchen, sie zurückzuhalten. Ihre Shorts erinnerten nur noch entfernt daran, dass sie einmal weiß gewesen waren, ihre Seidenbluse hatte einen langen Riss davongetragen, und ihre Schuhe, inklusive ihrer Füße, waren lehmverkrustet. Gabrielle wünschte sich nichts sehnlicher, als sich einfach hier auf den Boden fallen zu lassen und laut ihren Frust herauszuschreien, wie ungerecht das Schicksal war und wie übel es ihr mitspielte. Aber dieser verfluchte Mann da schaute sie so abschätzig an, dass sie sich dieses Bedürfnis verkniff.

„Zehn Minuten, mehr nicht. Und wenn ich Sie wäre, Miss Marshall, würde ich endlich die Sachen anziehen, die Sie da die ganze Zeit unter dem Arm tragen.“

Er stieß das Buschmesser in den weichen Boden und ging in die Hocke. Die Anstrengung der letzten Stunden schien keinerlei Auswirkungen auf ihn gehabt zu haben, zumindest war ihm nichts anzumerken. Ganz so, als befänden sie sich auf einem sonntäglichen Spaziergang durch den Park. Das war ja so unfair! Gabrielle spürte, wie die Wut in ihr wieder zu brodeln begann.

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt? Ist Ihnen eigentlich nicht klar, wie ernst unsere Lage ist, Mr Doyle?“

„Doyle reicht völlig, vergessen Sie das Mr. Und doch, ich bin mir des Ernstes der Lage durchaus bewusst. Allerdings hilft es nicht viel, hysterisch zu werden.“

„Und was könnte dann helfen?“ Immerhin fand Gabrielle ein Ventil für ihre Wut: Sie schleuderte die Kleider zu Boden. „Diese ganze Geschichte ist lächerlich! Ich gehe zurück zum Flugzeug und warte, bis Hilfe kommt.“

„So?“ Doyle kniff nur leicht die Augen zusammen. „Was versprechen Sie sich davon? Selbst wenn Sie zum Flugzeug zurückfinden, glauben Sie etwa, die Kavallerie kommt angeritten, um Sie zu retten? Ja, vielleicht können Sie über Funk ein Taxi rufen, das Sie nach Hause bringt, wie wär’s damit?“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Tut mir leid, Lady, aber für alle diese Möglichkeiten besteht wenig Hoffnung. Damit man uns überhaupt finden kann, müssen wir zu dem Punkt gehen, den ich als letzte Positionsbestimmung durchgegeben habe. In diese Gegend werden sie einen Suchtrupp schicken. Ich werde mich also bis dorthin durchschlagen. Wenn Sie möchten, können Sie sich mir anschließen, aber das überlasse ich Ihnen.“

„Sie würden mich tatsächlich allein hier zurücklassen?“ Sie stieß ein verächtliches Lachen aus. „Sparen Sie sich die Antwort, wir beide wissen, wie die ausfallen würde.“

„Dann erübrigt sich ja wohl eine weitere Diskussion, oder?“ Er stützte sich auf der Machete ab und richtete sich wieder auf.

Am liebsten hätte sie ihn lautstark zum Teufel geschickt, aber sie widerstand der Versuchung. Mit einem Seufzer rollte sie das Bündel auf und warf einen angewiderten Blick darauf. „Sie werden sich allerdings gedulden müssen, bis ich mich umgezogen habe.“

Doyle schwang schon die Machete, aber er hielt inne und drehte sich zu ihr um. „Na schön. Aber beeilen Sie sich.“

Gabrielle bedachte seine Anmerkung mit einem eisigen Lächeln, während sie an den Knöpfen ihrer Seidenbluse fingerte. „Kommen Sie sonst zu spät zu einem wichtigen Termin? Ich hätte angenommen, dass wir im Moment alle Zeit der Welt haben.“

„Diese Annahme ist leider völlig falsch.“ Mit zwei Fingern zog er den zähen Saft von der scharfen Schneide, der sie zu verkleben drohte. „Das Rettungsflugzeug wird kaum ewig auf uns warten. Wenn wir eine Chance haben wollen, müssen wir so schnell wie möglich zu der Position gelangen.“

„Die werden uns doch nicht einfach hier zurücklassen. Mein Großvater wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, das weiß ich!“ Trotzdem war es schwer, die Angst zu verheimlichen. Und sein finsteres Grinsen tat nichts, um ihr diese Angst zu nehmen.

„Oh, dessen bin ich sicher. Er wird alles tun, was in seiner Macht steht. Aber selbst Ihr Großvater wird sich irgendwann dem Unvermeidlichen beugen müssen.“ Er hielt inne, um dann völlig ruhig fortzufahren: „Hier stürzen immer wieder Flugzeuge ab, die nie gefunden werden.“

Gabrielle wandte den Kopf und schluckte. Nein, sie würden auf jeden Fall gefunden werden! Dass es anders sein könnte, akzeptierte sie einfach nicht. Sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben. Mit zitternden Fingern zog sie die Bluse über die Schultern und wollte sie zu Boden fallen lassen.

„Die brauchen wir noch. Die Farbe ist auffällig genug, wir können uns damit durch Winken bemerkbar machen. Geben Sie sie mir.“ Er streckte die Hand nach der Bluse aus, doch Gabrielle drückte das Stück Stoff schützend an sich.

„Könnten Sie sich wenigstens so lange umdrehen, bis ich umgezogen bin?“, zischte sie empört. „Ich habe nicht vor, Ihnen eine Gratisshow zu bieten.“

Er betrachtete sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Glauben Sie, Ihr Anblick würde mich so wild machen, dass ich mich nicht mehr zügeln kann?“ Er schüttelte träge grinsend den Kopf. „Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber Sie sind nicht mein Typ, Lady. Aber wenn Sie sich dann wohler fühlen …“ Er drehte sich gelangweilt ab und lehnte sich mit dem Rücken zu ihr an einen Baumstamm.

Gabrielle zog sich mit fliegenden Fingern das viel zu große Hemd über und stieg in die Kakihose. Die ihr prompt auf die Füße rutschte.

„Das bringt doch nichts!“, fluchte sie leise. Sie zog die Hose wieder hoch. Doyle drehte sich um und betrachtete sie ungerührt, wie sie dastand und die Hose mit beiden Händen festhielt. Dann ging er ein paar Schritte, schnitt eine Liane ab und kam auf Gabrielle zu, die immer noch angeekelt an sich herunterstarrte.

„Hier, das wird gehen.“ Als er seine Hand mit dem Stück Liane ausstreckte, wich Gabrielle unwillkürlich zurück. Ein gelangweiltes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Keine Panik, ich will die Hose an ihrem Platz halten, nicht das Gegenteil.“

Gabrielle wurde rot – wegen seiner Bemerkung und wegen der Tatsache, dass er jetzt direkt vor ihr stand, die Liane durch die Gürtelschlaufen der Kakihose steckte und schließlich die beiden Enden fest verknotete. Er trat zurück, um sein Werk zu begutachten. „Na ja, auf dem Laufsteg können Sie sich damit nicht sehen lassen, aber hier erfüllt es seinen Zweck. Und wie sieht’s mit den Schuhen aus?“

Gabrielle ließ sich auf dem Boden nieder. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die ganze Zeit über, als er ihr so nahe gewesen war, die Luft angehalten hatte. Sie konzentrierte sich also aufs Atmen und darauf, die Schnürsenkel der ausgetretenen Turnschuhe so fest wie möglich zu binden.

„Zu groß“, antwortete sie schließlich, ohne ihn anzusehen. „Es ist wirklich ärgerlich, dass Sie meine Koffer zurückgelassen haben. Ich hatte eine komplette Ausrüstung dabei.“

Ihre Bemerkung war tadelnd gemeint, provozierte ihn allerdings nur, was sie sofort bereuen musste.

„Wenn Sie mehr Erfahrung darin hätten, sich selbst um Ihre Dinge zu kümmern, wären Sie jetzt nicht in dieser Lage. Hier.“ Er stellte ihr den großen Lederrucksack vor die Füße. „Tragen Sie das, und sehen Sie es als Unterricht in ‚Kümmern‘ an.“ Damit drehte er sich um und war auch schon dabei, den nächsten Stamm eines riesigen Farns durchzuschlagen.

Düster starrte Gabrielle auf den Rucksack. Die Versuchung war groß, ihn einfach liegen zu lassen. Nur die Vorstellung, wie Doyle darauf reagieren würde, hielt sie davon ab. Mit einem abgrundtiefen Seufzer wuchtete sie sich das schwere Stück auf den Rücken.

Und während sie hinter ihm herstapfte, traktierte sie Doyles Rücken mit wütenden Pfeilen aus ihren Augen und belegte ihn still mit allen Schimpfnamen, die ihr einfielen. Das war vielleicht kindisch, schließlich merkte er nichts davon. Aber sie fühlte sich besser!

„Wir werden hier halten.“

Doyles Stimme riss Gabrielle aus ihren düsteren Gedanken. Sie ließ den Rucksack von den steifen Schultern gleiten, streckte den gekrümmten Rücken durch und sank dann mit einem sehr uneleganten Plumps zu Boden.

Es war später Nachmittag geworden, und ihr Körper bestand nur noch aus schmerzenden Muskeln. Sie strich sich eine feuchte Strähne aus der Stirn und sah zu Doyle hoch. Fast wäre sie in Tränen ausgebrochen. Dieser Mann sah immer noch aus, als würde ihm das alles nichts ausmachen. Sicher, sein Hemd war verschwitzt, und da war auch ein Schmutzstreifen auf seiner Wange zu sehen, aber ansonsten … Das war nicht menschlich, dass er dieses mörderische Tempo ohne sichtbare Verschleißerscheinungen durchhielt!

Sie lehnte den Kopf an den Baumstamm hinter ihr und schloss die Augen. Sie hielt es nicht mehr aus, sich dieses Paradebeispiel an Ausdauer und Kraft anzusehen! Sie war immer stolz auf ihre Kondition gewesen, erworben in den exquisitesten Fitnessclubs in der ganzen Welt, aber jetzt musste sie sich ernsthaft fragen, ob das nicht alles hinausgeworfenes Geld gewesen war. Sie fühlte sich, als wäre sie durch die Mangel gedreht worden!

„Kommen Sie, Sie können hier nicht herumliegen. Es gibt noch einiges an Arbeit zu erledigen.“

Doyles Ton war hart und unerbittlich, und mit einem Ruck riss sie die Augen auf. „Zu erledigen?“, wiederholte sie ironisch. „Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, Mister, aber wir befinden uns hier mitten im Dschungel. Was muss ich denn erledigen? Meinen Broker anrufen und mich nach dem neuesten Stand meiner Aktien erkundigen?“

Er grinste dünn und schleuderte das Buschmesser in ihre Richtung, dass es nur Zentimeter vor ihren Füßen in der Erde stecken blieb. „Oh, den Dschungel sehe ich auch. Allerdings merke ich, dass Sie sich über unsere Lage nicht ganz im Klaren sind.“ Er sah nach oben, wo das grüne Blätterdach das Sonnenlicht fast völlig abblockte, dann zurück zu ihr. „In ungefähr zwanzig Minuten wird der Himmel seine Schleusen öffnen, und wenn wir bis dahin keinen Unterstand gebaut haben, werden wir bis auf die Haut durchnässt. Also auf, nehmen Sie das Messer, und schlagen Sie damit so viele der großen Blätter da hinten ab“, er deutete auf eine Stelle, „wie Sie können. Ich werde in der Zwischenzeit eine Art Rahmen aufstellen.“

Regungslos starrte Gabrielle auf das große Messer, das vor ihr im Boden steckte. Bildete dieser Mann sich tatsächlich ein, sie würde jetzt aufspringen, und wie eine Wilde auf Dschungelpflanzen einhacken, nur weil er behauptete, dass es zu regnen anfangen würde? „In ein paar Minuten“, sagte sie kühl. „Ich muss erst einmal Atem schöpfen. Nicht, dass ich Ihre Fähigkeiten als Wetterfrosch anzweifle, aber …“

Sie hatte nicht damit gerechnet, unterbrochen zu werden. Doyle packte sie bei den Schultern und zog sie mit einem unsanften Ruck auf die Füße. Und noch weniger hatte sie damit gerechnet, dass ihr Körper mit wildem Herzschlag und rasendem Puls auf seine Nähe reagieren würde.

„Lady, Sie würden sogar die Geduld eines Heiligen überstrapazieren“, knurrte er. „Also, wir können den leichten Weg wählen oder den beschwerlichen, das liegt ganz bei Ihnen. Aber wie immer Sie sich auch entscheiden, Sie werden jetzt Ihr Hinterteil in Bewegung setzen und diese Blätter schlagen. Nun?“

Seine Lippen waren arrogant verzogen und sein Blick so unnachgiebig und durchdringend, dass er fast hypnotisierend wirkte. Gabrielle hätte zu gern widersprochen. Aber sie hatte keine Lust auf Spekulationen, was er wohl mit dem „beschwerlichen Weg“ meinen könnte.

„Na schön, wenn diese Blätter für Ihren Seelenfrieden so wichtig sind, gehe ich sie wohl besser schlagen. Aber bilden Sie sich nicht ein, dass Sie so mit mir umspringen können, Doyle. Sie werden die Art, wie Sie mich behandeln, noch bereuen, wenn wir zurück sind.“

„Darüber mache ich mir erst Gedanken, falls wir zurückkommen. Und selbst dann wird mir das wohl kaum schlaflose Nächte bescheren.“ Damit wandte er sich ab und widmete seine Aufmerksamkeit dem Inhalt des Rucksacks.

Gabrielle beherrschte sich mit übermenschlicher Anstrengung, um nicht vor Wut zu explodieren. Interessierte es diesen Menschen denn gar nicht, wie viel Macht, Reichtum und Einfluss ihre Familie besaß? Ganz augenscheinlich nicht!

Wütend stapfte sie zu dem Farn, auf den er gedeutet hatte, und schwang die Machete, als könne sie damit das Schicksal besiegen, das sie mit so einem unmöglichen Mann hier im Dschungel hatte enden lassen. Wenn sie an all die netten Männer dachte, mit denen sie ihre Zeit verbringen könnte …!

Ein weiterer heftiger Schlag, und das erste große Blatt fiel zu Boden. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und schaute verstohlen zu Doyle hinüber. Er stand mit dem Rücken zu ihr und zog gerade einen jungen Baumstamm herunter, um ihn wie einen Bogen mit einer Liane festzubinden. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, während er weitere Stämme verarbeitete, jeder Handgriff sicher, geschickt und genau.

Und plötzlich kam Gabrielle ein ganz anderer Gedanke, bei dem sie unwillkürlich die Stirn runzelte. Andere Männer behandelten sie vielleicht mit sehr viel mehr Zuvorkommenheit, aber welcher von ihnen hätte sich in einer solchen Situation wie dieser hier zurechtgefunden? Glen etwa, in seinem teuren Designer-Anzug? Oder hätte Robert, der charmante geistreiche Robert, etwa eine Idee gehabt, wie sie sicher in die Zivilisation zurückfinden würden?

Gabrielle bearbeitete weiter die großen Blätter, während sie in Gedanken all die Männer an sich vorbeiziehen ließ, die sie in den letzten Jahren kennen und schätzen gelernt hatte. Aber alle schienen ihr plötzlich oberflächlich und seicht. Keiner von ihnen hätte angesichts dieser Herausforderung bestanden, hätte gewusst, was zu tun war – so wie Doyle. Wenn sie schon im Dschungel verschollen war, dann am liebsten mit einem Mann wie Doyle.

Diese Erkenntnis schockierte und verwirrte sie zutiefst.

Die ersten Regentropfen fielen, als Doyle gerade das letzte Blatt auf dem Dach festband. Gabrielle genoss die kühlen Tropfen auf ihrer verschwitzten Haut, aber als es abrupt wie aus Kübeln zu schütten begann, brauchte Doyle sie nicht einmal aufzufordern, um in dem Unterstand Schutz zu suchen. Sie krabbelte hastig auf allen vieren hinein und rutschte schnell zur Seite, als Doyle ihr folgte. Es war eng hier drinnen, aber wenn sie die Beine anzog, war gerade genug Platz für zwei.

„Woher wussten Sie, dass es regnen würde?“

„Das hier ist der Regenwald.“ Er seufzte ungeduldig, als er ihre verständnislose Miene sah. „Man muss kein Meteorologe sein, um zu wissen, dass es hier jeden Tag zur gleichen Zeit regnet. Zumindest wird es so lange regnen, bis es dem Menschen gelungen ist, den Kreislauf, der hier seit Anbeginn der Zeit herrscht, zu zerstören.“ Gabrielle wurde bewusst, dass sein scharfer Ton ausnahmsweise mal nicht ihr galt. „Der Regenwald wird rücksichtslos abgeholzt, man schätzt, dass es ihn im Jahre 2020 nicht mehr geben wird, falls es in diesem Tempo weitergeht. Welche Auswirkungen das auf das Klima der Erde hat, wagt man sich gar nicht vorzustellen. Aber wer will es der brasilianischen Regierung schon verübeln, wenn sie versucht, die Armen mit einem Stück Land zu versorgen, damit die ihre Nahrung selbst anbauen können? Das Land ist jahrelang von den Reichen dieser Welt ausgebeutet worden, die nur noch reicher werden wollten.“

Gabrielle versteifte sich. „Warum habe ich jetzt das Gefühl, dass das auf mich gemünzt war?“

„Nun, wem der Schuh passt …“ Er rutschte auf dem Boden herum auf der Suche nach einer bequemeren Sitzhaltung, dabei berührte sein Schenkel Gabrielles Bein.

Sie hasste sich dafür, dass ihre Haut an dieser Stelle wie Feuer zu brennen begann. „Ich wüsste nicht, was ich an den Problemen dieses Landes ändern könnte!“, fauchte sie.

„Vielleicht nicht, aber würden Sie es überhaupt versuchen? Ich meine, wie füllen Sie denn Ihren Tag, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen? Diese Frage beschäftigt mich wirklich. Wie viele Tage kann man denn mit Einkaufen, Lunchverabredungen und Schönheitssalons verbringen, bevor es langweilig wird?“ Seine Stimme wurde ironisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das befriedigt. Sie scheinen doch eine einigermaßen intelligente Person zu sein.“

Sein bissiger Tonfall verletzte sie und verstärkte nur die Zweifel, die sie in letzter Zeit immer wieder wegen ihres müßiggängerischen Lebens gehabt hatte. Aber gerade deshalb schaute sie ihn hochmütig an. „Jemand wie Sie kann das natürlich nicht verstehen. Warum sollte mir mein Leben missfallen? Ich habe doch alles, was ein Mensch sich wünschen kann.“

„Haben Sie das wirklich?“ Er lächelte und musterte sie mit einem Blick, bei dem sie unruhig wurde. „Immerhin haben Sie Durchhaltevermögen, das gestehe ich Ihnen zu. Und Sie werden nie zugeben, dass ich recht habe.“

Sie setzte ein hochmütiges Lächeln auf. „Wenn Sie recht hätten, Doyle, würde ich es sicherlich zugeben. Allerdings befürchte ich, dass Sie sich da in etwas verrennen. Es gibt eine Menge Leute, die nur zu gern mit mir tauschen würden.“

„Vielleicht, aber ich bin sicher, dass der übergroße Teil davon sofort wieder zu seinem alten Leben zurückkehren würde, sobald er erst einmal in dieses andere Leben hineingeschnuppert hat. Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Was hat denn mein Alter damit zu tun?“

Er zuckte die Schultern. „Ich mache nur Konversation. Es werden ein paar sehr lange, sehr stille Tage werden, wenn wir nicht miteinander reden.“

Unglücklicherweise hatte er recht, und so biss Gabrielle sich auf die Zunge, um weitere hitzige Ausbrüche zu verhindern. Sie schaffte es sogar, völlig normal zu erwidern: „Ich bin zweiundzwanzig. Und Sie?“

Er lächelte dünn. „Vierunddreißig. Damit bin ich ein ganzes Stück älter als Sie und mit Sicherheit doppelt so erfahren.“

Sein spöttischer Ton gefiel ihr überhaupt nicht. „Da ich nicht weiß, worauf Sie sich mit Ihrer ‚Erfahrung‘ beziehen, kann ich nicht das Gegenteil behaupten. Aber Sie sollten sich im Klaren darüber sein, Mr Doyle, dass ich bereits einiges von dieser Welt gesehen habe!“

„Das, was Sie gesehen haben, ist nur durch das Geld Ihrer Familie möglich gewesen. Sie haben nie wirklich auf eigenen Füßen gestanden, oder irre ich?“ Da sie es nicht abstreiten konnte, hob sie nur hochmütig eine Augenbraue. „Das hier ist eine ganz neue Erfahrung für Sie, nicht wahr?“, fuhr er unbeeindruckt fort. „Hier im Dschungel kann das Geld Ihrer Familie nicht den Weg für Sie ebnen, da müssen Sie sich schon auf sich selbst verlassen. Sie werden gezwungenermaßen herausfinden, aus welchem Holz Sie geschnitzt sind.“

„Und Sie sind natürlich davon überzeugt, dass ich es nicht schaffe, nicht wahr?“ Sie lachte plötzlich laut heraus. „Nun, wenn das Ihre Herausforderung sein soll – ich nehme sie an. Alles, was Sie schaffen, Doyle, schaffe ich auch!“

„Wir werden sehen“, sagte er nur. „Aber in der Zwischenzeit sollten Sie die Ruhe ausnutzen. Sobald der Regen aufhört, ziehen wir weiter – wenn Sie meinen, dass Sie das schaffen.“

Sie ging nicht darauf ein, sondern rollte sich zusammen und schloss die Augen. Dieser Mann mit seiner Überheblichkeit trieb sie zur Weißglut!

Doch während sie in einen leichten Dämmerschlaf fiel, kam ihr der Gedanke, dass er ihr diese Herausforderung bewusst entgegengeschleudert hatte. Wenn sie zusammenbrach, würde er erhebliche Schwierigkeiten haben, sie aus dem Dschungel herauszuführen. Indem er sie provozierte, wollte er nur sicherstellen, dass sie wirklich alles daransetzen würde, um mit ihm mitzuhalten.

Ein ganz mieser Trick, dachte sie noch, bevor sie endgültig einschlief.

3. KAPITEL

Das Kissen war ja steinhart!

Mit einem schläfrigen Brummen schob Gabrielle die Hand unter ihre Wange – und war plötzlich hellwach. Das war mit Sicherheit nicht ihre Satinbettwäsche, was sie da fühlte.

Vorsichtig tastete sie mit den Fingern weiter über den rauen Stoff, der etwas Hartes, aber Warmes bedeckte. Sie runzelte die Stirn, weil sie nicht ausmachen konnte, was das nun war. Sie tastete weiter, und etwas Weiches, Seidiges kitzelte sie an ihrer Handfläche …

„Mhm, aber das reicht jetzt, sonst kann ich nämlich für nichts mehr garantieren.“ Eine tiefe Stimme erklang, und im gleichen Moment umklammerte ein eiserner Griff ihr Handgelenk.

Die Erkenntnis traf Gabrielle wie ein Schlag. Sie wusste jetzt wieder, wo sie war und was das da unter ihrer Handfläche war. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und schaute Doyle mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen an. Sein unverschämtes Grinsen trieb ihr das Blut in die Wangen. „Ich … Verflucht, Doyle! Warum haben Sie mich nicht geweckt?“

Als Antwort knöpfte er sich nur in aller Seelenruhe die Hemdsknöpfe zu. „Warum hätte ich das tun sollen? Sie brauchten Ruhe, und mir hat es nichts ausgemacht, als Ihr Kissen herzuhalten – bis es ein bisschen zu intim wurde.“

Wenn überhaupt möglich, lief sie noch röter an. Ihre Erinnerung tat ihr keinen Gefallen, sondern hielt ihr mit Detailtreue die angenehme Wärme seiner samtigen Haut vor Augen, die Härte seiner Muskeln, das seidige Gefühl der dichten Brustbehaarung, das noch auf ihrer Handfläche kitzelte.

Hastig rieb sie die Handfläche an der Hose, während sie ihn verlegen und wütend zugleich anfunkelte. „Ich wusste nicht, dass ich Sie als Kissen benutzt habe. Von jetzt an werde ich darauf achten, dass es nicht wieder vorkommt!“

„Gut. Da Sie jetzt wohl wach sind, schlage ich vor, wir brechen auf. Wir haben noch ein ganzes Stück vor uns, wir sollten uns beeilen.“ Als er ihr die Hand hinstreckte, um ihr beim Aufstehen zu helfen, schützte sie momentane Blindheit vor. Für heute hatte sie genug Tuchfühlung mit Doyle gehabt. Das reichte wahrscheinlich noch für die nächsten Tage!

Sie streckte sich und sah sich um, hoffte gegen besseres Wissen, dass sich ihre Lage auf wundersame Weise irgendwie verbessert hätte. Aber alles, was sie sah, war die undurchdringliche grüne Wand rund um sich herum, die scheinbar noch dichter und dunkler geworden war. Und die Luftfeuchtigkeit war gestiegen, Gabrielle spürte schon jetzt, wie ihr der Schweiß über den Körper rann.

„Hier. Wir sollten erst etwas essen, bevor wir losmarschieren.“ Doyle hielt ihr ein in Alufolie eingeschweißtes kleines Päckchen hin. Neugierig öffnete sie die Verpackung und verzog angesichts der traurig aussehenden zwiebackähnlichen Scheibe angeekelt das Gesicht. „Das sieht ja widerlich aus!“, entfuhr es ihr spontan.

Doyle biss in seinen Biskuit und kaute sorgfältig. „Es enthält alles, was Ihr Körper an Vitaminen und Mineralstoffen braucht, um fit zu bleiben.“ Er beobachtete sie mit Adleraugen, als sie mit spitzen Zähnen an ihrem Biskuit knabberte. „Natürlich könnten Sie sich auch am reich gedeckten Tisch von Mutter Natur bedienen.“

Sie wusste, sie sollte besser nicht nachfragen, trotzdem konnte sie es nicht lassen. „Und was genau meinen Sie damit?“

„Affe, Schlange, Eidechse. Ich habe mir sagen lassen, es schmeckt gar nicht schlecht, wenn es sich um junge Tiere handelt.“

Gabrielles Mundwinkel zogen sich nach unten. „Wirklich sehr lustig! Dann bleibe ich doch lieber bei diesem Ding hier.“

„Was hatten Sie denn erwartet, Gabrielle? Kristallgläser und Silbertabletts?“

Die Verachtung in seiner Stimme tat weh. „Warum hacken Sie eigentlich ständig auf mir herum, Doyle? Ich habe Ihnen nichts getan! Also lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“

„Kein Problem!“, gab er zurück. „Ich möchte nur, dass Sie sich im Klaren darüber sind, dass das hier kein Sonntagsspaziergang wird.“

„Das ist mir klar.“ Sie steckte sich das restliche Stück Biskuit in den Mund und sah ihn abwartend an. „Ich bin so weit.“

Er nickte nur knapp, prüfte die Richtung auf dem Kompass und schlug dann mit dem Buschmesser auf die grüne Wand ein. Sie war schon einige Schritte hinter ihm hergegangen, als sie stoppte und über die Schulter zurückblickte. Der Rucksack lag immer noch dort, wo sie gerastet hatten. Mit einem Seufzer ging sie zurück, um ihn zu holen.

Es war schon fast dunkel, als sie endlich auf einer kleinen Lichtung Halt für die Nacht machten. Während der letzten Meilen hatte Gabrielle vor Erschöpfung einen Fuß automatisch vor den anderen gesetzt, ohne noch irgendetwas richtig wahrzunehmen, und so lief sie auf Doyles Rücken auf, als er stehen blieb. Am liebsten wäre sie auf der Stelle auf den Boden gesunken und hätte eine Woche durchgeschlafen, aber Doyle würde ihr einen solchen Luxus kaum erlauben. Immerhin nahm er ihr den Rucksack vom Rücken. Er zog eine Taschenlampe und eine Blechtasse hervor und drückte ihr beides in die Hand.

„Gehen Sie Wasser holen.“

Gabrielle starrte mit leerem Blick auf die beiden Dinge, dann sah sie sich um. „Gibt es hier denn einen Bach oder so was?“

Er stieß einen ungeduldigen Stoßseufzer aus. „Eher ‚oder so was‘. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Er ging ein paar Schritte, zog ein großes Blatt an der Spitze nach unten und hielt den Becher darunter. Das Regenwasser, das auf der Blattmitte zusammengelaufen war, tropfte in den Becher. „Fließendes Wasser im Dschungel“, meinte er spöttisch. „Meinen Sie, Sie schaffen es, den Becher zu füllen?“

Ihr gefiel sein Ton nicht, und, müde oder nicht, so würde sie ihn nicht davonkommen lassen. Sie griff nach seinem Arm und hielt ihn zurück. „Sie lassen keine Gelegenheit aus, was, Doyle?“ Ihre Augen funkelten böse. „Woran liegt das? Braucht Ihr Ego ständig die Bestätigung, wie clever Sie sind?“

Er schaute schweigend auf die Hand mit den manikürten Fingernägeln, dann in Gabrielles Gesicht, sodass sie die Hand hastig zurückzog und einen Schritt zurückwich. „Meinem Ego geht es gut, es ist auch nicht auf Bestätigung angewiesen. Mir ist es völlig egal, was Sie über mich denken, mich interessiert lediglich, dass wir aus diesem Schlamassel herauskommen, in dem wir uns befinden. Aber wenn Sie sich unbedingt etwas vormachen wollen … ich werde Sie nicht davon abhalten. Also, nachdem das nun geklärt ist, könnten Sie Ihre Aufgabe übernehmen, während ich ein Feuer für uns mache? Ansonsten fällt das Abendessen ebenso karg aus wie der Lunch.“ Er lachte, aber es war ein kaltes, herablassendes Lachen. „Unsere kleine Expedition ist wirklich eine Zumutung für Ihren verwöhnten Gaumen, nicht wahr?“

Da war er schon wieder, dieser verächtliche Ton, der sie so wütend machte. „Keine größere Zumutung, als Ihre Gesellschaft es für mich ist!“

„Wirklich?“ Mit einer schnellen Bewegung griff er plötzlich nach ihrer Taille und zog sie hart zu sich heran. Ihr Puls begann zu rasen, als er ihre gepflegte Hand in seine nahm und mit seinem Daumen die weiche Handfläche streichelte. Ein Lächeln zuckte um seine Lippen, als sie die Hand zurückzog. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und bog ihr Gesicht nach oben. Einer der letzten Lichtstrahlen fiel auf die makellose Haut, die feinen Gesichtszüge, die vollen Lippen. Gabrielle schaute wie hypnotisiert in sein Gesicht und biss sich hart auf die Lippe, um sich auf diesen Schmerz konzentrieren zu können anstatt auf die heftigen Gefühle, die jetzt in ihr tobten und sie verwirrten.

„Sie sind eine schöne Frau, Gabrielle, aber das muss ich Ihnen sicher nicht erst sagen. Ihre Haut ist samtweich und so fein, dass sie fast durchsichtig wirkt. Aber warum sollte sie das auch nicht sein? Sie haben alle Zeit und alles Geld der Welt, um Ihre Schönheit zu pflegen. Sie haben immer ein beschütztes Leben gelebt, und nichts hat Sie auf die nächsten Tage vorbereitet, die Sie durchmachen werden. Ich will Ihnen nur klarmachen, was Ihnen bevorsteht. Ich würde Ihnen keinen Gefallen tun, wenn ich Ihnen etwas anderes erzählte.“

Gabrielle machte ihr Kinn aus seinem Griff frei und legte all ihre Verachtung in ihren Blick. Er sollte nicht merken, was seine Nähe mit ihr anstellte. „Mag sein, dass ich keine Vorstellung habe, was mich in den nächsten Tagen erwartet, aber ich war auch noch nie in einer solchen Situation, woher sollte ich es also wissen! Ich kann nichts dafür, wer ich bin und in welches Leben ich hineingeboren wurde, aber für Sie scheint das ein Verbrechen zu sein. Sie geben mir noch nicht einmal eine Chance, Doyle, und ich verstehe nicht, wieso.“

Etwas blitzte in seinen hellen Augen auf. Sein Griff wurde so fest, dass er ihr wehtat, aber wahrscheinlich wusste er das nicht einmal. Dann gab er sie abrupt frei und machte sich an dem Rucksack zu schaffen. „Wenn wir heute noch etwas zu essen haben wollen“, sagte er mit ausdruckslosem Gesicht, „sollten Sie zusehen, dass Sie das Wasser besorgen.“

Hatte sie sich das nur eingebildet, oder hatte sie wirklich einen Sekundenbruchteil lang so etwas wie Schmerz in seinem Blick gesehen? Sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen, nicht gewillt, sich einzugestehen, dass diese kurze Episode sie aufgewühlt hatte. Irgendetwas musste in Doyles Vergangenheit passiert sein, etwas, das ausschlaggebend für sein Benehmen ihr gegenüber war. Und ganz plötzlich überkam sie das Bedürfnis, herauszufinden, was es war.

Entschlossen umklammerte sie den Becher und stapfte davon. Es war schon seltsam: Gabrielle Marshall hatte es bisher noch nie interessiert, was andere Leute in ihrem Leben durchgemacht hatten und was andere Leute von ihr hielten. Und jetzt wünschte sie sich, dass ausgerechnet dieser arrogante, unhöfliche und völlig unmögliche Mensch, der ein Fremder für sie war, sie mochte.

Die Suppe, die Doyle aus dem gesammelten Regenwasser und einem Päckchen – zutage gefördert aus den scheinbar unerschöpflichen Tiefen des Rucksacks – gekocht hatte, schmeckte besser als alles, was sie je in ihrem Leben gegessen hatte! Genießerisch trank Gabrielle den letzten Schluck der heißen Flüssigkeit und reichte Doyle den Becher.

Seit sie sich niedergesetzt hatten, hatten sie kein Wort gesprochen. Die Luft war drückend – von der Spannung, die zwischen ihnen herrschte. Aber Gabrielle brachte es nicht über sich, das unerträgliche Schweigen zu brechen. Bis Doyle sich erhob und zum Rand der Lichtung ging.

„Wohin wollen Sie?“

Ihre aufgeregte Stimme ließ ihn sich umdrehen, und er zog eine Augenbraue leicht hoch. „Keine Sorge, ich bin gleich wieder zurück.“

Sie wurde rot, als sie erkannte, warum er den Rastplatz verließ. Sie stand auf, nahm die beiden Becher und ging an den entgegengesetzten Rand der Lichtung, um die Becher auszuwaschen und wieder im Rucksack zu verstauen. Ein schiefes Grinsen schlich sich auf ihre Lippen. Wenn ihre Mutter sie so sähe, sie würde ihren Augen nicht trauen. Gabrielle räumte nach dem Essen das Geschirr fort!

„Was ist denn so lustig?“

Sie zuckte erschreckt zusammen und sprang auf, als Doyle plötzlich wieder aus dem Gebüsch auftauchte. Prompt landete sie mit einem Fuß im Feuer.

Doyle reagierte blitzschnell. Mit einem Griff zog er sie zurück und fluchte laut. „Können Sie nicht besser aufpassen, wenn Sie neben einer offenen Flamme stehen?“

Wütend starrte sie ihn an und bemühte sich, den Gefühlstumult aus Schreck und noch etwas anderem, das sie nicht näher zu untersuchen wagte, unter Kontrolle zu bekommen. „Müssen Sie sich unbedingt so anschleichen? Sie haben mir einen Heidenschreck eingejagt! Nur deshalb ist das passiert.“

Für einen Moment sah es so aus, als wolle er ebenso hitzig parieren, aber dann schien er es sich anders zu überlegen. „Wir sollten jetzt besser schlafen. Morgen früh bei Tagesanbruch gehen wir weiter.“

4. KAPITEL

Gabrielle hatte lange nicht einschlafen können. Auf Doyles Geheiß hatte sie Hemd und Hose so fest wie möglich um sich geschlungen, um Insekten und andere Krabbeltiere davon abzuhalten, in Ärmel und Hosenbeine zu kriechen. Auf dem relativ weichen Waldboden hatte sie sich zusammengerollt. Aber die ungewohnten Dschungelgeräusche flößten ihr Angst ein, und angespannt horchte sie auf jedes Rascheln und Knistern. Doyle schien solche Ängste nicht auszustehen, schon bald fügte sich sein ruhiges Atmen in das Dschungelkonzert ein. Endlich übermannte auch sie der Schlaf aus purer Erschöpfung.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war von Doyle keine Spur zu sehen. Für einen Moment blieb sie still liegen und sah sich um, die nebligen Bilder eines unruhigen Traumes abschüttelnd. Dann spannte sie ihre steifen Muskeln an und richtete sich mit einem lauten Stöhnen auf.

Genau in diesem Moment trat Doyle auf die Lichtung. Wie gebannt starrte sie auf die Gestalt, hinter deren Rücken das grüne Dickicht wieder zusammenschlug.

Außer Boxershorts trug er nichts. Wassertropfen glitzerten auf seinem breiten Brustkorb, der wie von Künstlerhand gemeißelt wirkte. Als ihr schließlich bewusst wurde, dass sie starrte, schlug sie hastig die Augen nieder. Doyle trug nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Mann am Strand tragen würde – warum also schlug ihr das Herz bis zum Hals? Warum durchfuhr sie diese verräterische Wärme?

Sie drehte ihm den Rücken zu und zuckte zusammen, als er sein Kleiderbündel in ihrer Nähe zu Boden fallen ließ. „Da hinten gibt es einen Wasserfall. Das Wasser ist eiskalt, aber kristallklar. Wenn Sie sich waschen gehen wollen … Ich brühe in der Zeit Kaffee.“

„Eine gute Idee“, stotterte sie, den Blick immer noch krampfhaft abgewandt. Sie hörte sein hartes Lachen, als sie sich dem Rand der Lichtung näherte.

„Entschuldigen Sie, Gabrielle, ich hatte vergessen, wie sensibel Sie sind.“

Sie hielt mitten im Schritt inne. Hatte er etwa bemerkt, was sein Anblick mit ihr angestellt hatte?

Er kam zu ihr und lächelte auf sie herab. Er stand ihr so nahe, dass sie seinen frischen Duft wahrnehmen konnte. Seine Muskeln spielten bei der kleinsten Bewegung unter der samtigen Haut. Auf seiner Brust kringelten sich die nassen Haare, liefen am Saum der Boxershorts zu einem V zusammen und verschwanden. Sie hatte Schwierigkeiten zu atmen.

„Eine Frau wie Sie muss es ja als Zumutung empfinden, wenn ein halb nackter Mann vor ihr herummarschiert. Ich entschuldige mich für diesen Affront.“

Seine Bemerkung war keine Entschuldigung, sondern kam einer Beleidigung viel näher. Er wusste das ebenso wie Gabrielle, aber sie war unfähig, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen. Mit ausholenden Schritten stapfte sie durch das Unterholz in die Richtung, in die er gezeigt hatte. In Gedanken schalt sie sich eine Närrin, weil sie so auf ihn reagierte. Noch nie hatte sie so auf den Anblick eines Mannes reagiert, warum also ausgerechnet bei ihm? Sie hatte sich schon gefragt, ob etwas mit ihr nicht stimmte, weil kein Mann Verlangen in ihr erregen konnte. Während ihre Freundinnen sich ständig verliebten und mit ihren wechselnden Partnern schliefen, hatte Gabrielle sich in dieser Hinsicht immer zurückgehalten. Nicht weil sie etwas dagegen hatte, sondern einfach deshalb, weil kein Mann sie in dieser Beziehung interessierte. Und es hatte auch keinen Sinn, es abzustreiten – das, was sie da gerade bei Doyle empfunden hatte, war Verlangen gewesen. Pures, unverfälschtes und völlig unverständliches Verlangen!

Während sie noch grübelte, kam sie bei dem Wasserfall an. Sie konnte es kaum glauben, aber es war wie ein kleines Paradies. Die Wassertropfen liefen silbrig schimmernd über Felsen und sammelten sich in einem Becken, um das exotische Pflanzen wuchsen. Bunt gefiederte Vögel saßen in den Bäumen, stießen hinab und tauchten ihre Flügelspitzen in das kristallklare Wasser, um sich dann wieder auf einem Ast auszuruhen. Andächtig betrachtete Gabrielle das Schauspiel, berührt von seiner Schönheit. Sie hätte ewig so stehen können, doch dann fiel ihr wieder ein, dass Doyle dafür kaum Verständnis haben würde.

Also zog sie sich aus, tauchte in das Becken ein und schnappte unwillkürlich nach Luft, als das eiskalte Wasser ihre Haut berührte. Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper, doch dann gewöhnte sie sich allmählich an die Temperatur. Sie stellte sich unter das fallende Wasser und spielte mit den Tropfen, die sie wie ein feiner Schleier umgaben.

„Ich verderbe Ihnen nur ungern den Spaß, Gabrielle, aber wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, damit Sie hier die Badenixe spielen.“

Beim Klang von Doyles Stimme ließ sie sich erschreckt bis ans Kinn ins Wasser gleiten. Da stand er, am Ufer auf der anderen Seite, die Hände in die Hüften gestützt, und schaute grimmig zu ihr hin. Gabrielle starrte ebenso verärgert zurück. Doch dann fiel ihr auf, dass sie keineswegs in der Position war, sich auf einen stummen Kampf einzulassen. Ihre Sachen lagen auf dem Stein neben ihm, und wer wusste schon, wie lange er sie beobachtet hatte.

„Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie mir die Privatsphäre ließen, die in solchen Situationen allgemein üblich ist“, fauchte sie böse.

Er verzog den Mund. „Sie haben Ihre Ration Privatsphäre für heute verbraucht. Kommen Sie da heraus, und beeilen Sie sich, wir müssen weiter.“

Für ihn war das Gespräch damit beendet, er drehte sich um und wollte zwischen den Bäumen verschwinden. Was eigentlich auch logisch und annehmbar gewesen wäre. Warum also konnte Gabrielle sich nicht zurückhalten zu sagen: „Ich komme aus dem Wasser heraus, wenn ich es für richtig und nötig befinde?“

Er blieb stehen und drehte sich wieder zu ihr um. „Wie bitte?“

Wenn auch eine kleine Stimme sie warnte, sie konnte es nicht lassen. „Ich denke, Sie haben gehört, was ich sagte.“

Er kam zum Becken zurück. „Oh, gehört habe ich es schon, ich kann es nur nicht glauben.“

Sie lächelte ihn freundlich an. „Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Ich komme heraus, sobald ich fertig bin …“

„Und Sie erwarten von mir, dass ich auf Sie warte. Verstehe ich das richtig?“ Er ging am Ufer in die Hocke und musterte ihr Gesicht. Der Vergleich mit einem Tiger, der seiner Beute auflauerte, drängte sich Gabrielle unwillkürlich auf, aber sie verdrängte dieses Bild sofort. Doyle hatte ihr bisher das Leben so ungemütlich wie möglich gemacht, warum sollte sie ihn da nicht auch ein wenig ärgern?

„Aber ja.“ Sie lächelte immer noch freundlich. „Schließlich können Sie ja schlecht ohne mich weitergehen, oder?“

Er schien über die Bemerkung nachzudenken, dann richtete er sich auf. „Ehrlich gesagt, die Vorstellung hat etwas Verlockendes.“

„Was tun Sie da?“ Sie beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie er vom Ufer zurücktrat und begann, sich die Stiefel aufzubinden. Dann machte er sich an seinen Hemdsknöpfen zu schaffen. „Doyle! Was soll das?“

Er wandte ihr das Gesicht zu und lächelte, während er das Hemd von den Schultern streifte und sich die Hose auszog. „Ich weiß noch nicht genau, welches Spiel Sie spielen, Gabrielle, aber ich werde es herausfinden.“

„Spiel? Ich spiele kein …“ Sie schrie auf, als er ins Wasser stieg und mit kräftigen Zügen auf sie zugeschwommen kam. Direkt vor ihr tauchte er auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht, während er sie abwägend anlächelte. Dieses Lächeln jagte ihr einen erwartungsvollen Schauer über den Rücken, und sie verabscheute sich dafür.

„Dieses kleine Verführungsspiel“, sagte er leise. „Denn das ist es doch, nicht wahr, Süße? Sie wollen unbedingt herausfinden, ob ich für Ihre Reize genauso empfänglich bin wie andere Männer.“

„Ich … Nein! Sie irren sich! Verdammt, Doyle, ich will Sie nicht verführen!“ Sie hatte sich so in Rage geredet, dass sie sich aufgerichtet hatte. Als sie seinen Blick sah, der zu ihren bloßen Brüsten ging, sank sie sofort wieder bis zu den Schultern ins Wasser. Sie lief rot an und wandte den Kopf, denn dieser Blick hatte eine Sehnsucht in ihr aufflackern lassen, von der er nie erfahren durfte.

„Wirklich nicht, Gabrielle?“ Seine Stimme klang tief und verführerisch, seine Hand lag an ihrem Kinn, und sie konnte nur hilflos den Kopf schütteln, wenn sie sich nicht verraten wollte.

„Nun, es wäre verständlich. Ich meine, Sie befinden sich unfreiwillig in einer Situation, in der Sie noch nie waren, die völlig fremd für Sie ist und von der Sie nicht wissen, ob Sie damit fertig werden. Deshalb führen Sie eine Situation herbei, in der Sie Erfahrung haben, mit der Sie umgehen können. Sie brauchen die Bestätigung, dass Sie die Kontrolle über Ihr Leben nicht völlig verloren haben. Und ich muss gestehen, mir fällt es gar nicht schwer, dieses Spiel mitzuspielen.“ Er schob seine Hand hinter ihren Nacken und zog sie leicht zu sich heran, gerade weit genug, dass nackte Haut nackte Haut berührte.

Gabrielle schnappte nach Luft, verwirrt und erschreckt über die Reaktion ihres eigenen Körpers. Jedes Nervenende vibrierte, Flammen leckten an ihr, die ihren Ursprung in ihrem tiefsten Innern zu haben schienen. Als seine Lippen sich auf ihren Mund pressten, wehrte sie sich nicht, im Gegenteil, sie erwiderte den Kuss mit Inbrunst. Als seine Hand fordernd über ihren Rücken glitt, hielt sie ihn nicht zurück, fasziniert von den Gefühlen, die in ihr tobten. Sie spürte seine Erregung, als sie die Hände zu seinem Nacken gleiten ließ und ihn zu sich heranzog.

Es war das uralte Spiel seit Menschengedenken – ein Mann und eine Frau, bloße Haut an bloßer Haut, zwei Menschen allein in einer intimen Umarmung.

Dann machte er sich abrupt von ihr los. „Nun, sind Sie jetzt zufrieden, Gabrielle?“

„Ich … ich verstehe nicht …“ Sie wusste nicht mehr, was sie hatte sagen wollen. Sie blickte in seine kalten Augen und versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war. Vor einer Sekunde waren sie sich so nahe gewesen, wie ein Mann und eine Frau sich kommen konnten, und jetzt sah er sie an, als sei sie eine völlig Fremde.

„Sind Sie sich Ihrer selbst jetzt wieder sicher?“ Er lächelte kühl. „Keine Sorge, Gabrielle“, er blickte durch die Wasseroberfläche auf ihren nackten Körper, „Sie haben nichts von Ihrer Wirkung verloren. Jeder Mann will Sie. Also, sind Sie wieder mit sich im Reinen? Ihr Leben hat sich nicht grundlegend verändert.“

„Ich …“ Immer noch konnte sie keine Worte finden. In ihr war nur noch Schmerz, so düster und allumfassend, dass sie meinte, es würde ihr das Herz zerreißen. Diese Zärtlichkeiten waren für ihn nichts anderes gewesen als eine Beweisführung, wie ein klar durchdachtes Argument in einer Diskussion. Nicht eine Spur von Gefühl! Außer Verachtung und Spott!

Der Stolz half ihr schließlich. Er war es, der sie dazu brachte, den Rücken durchzustrecken und selbstsicher zu lächeln. „Sie haben natürlich völlig recht. Ich war wirklich ein wenig durcheinander und brauchte diese Bestätigung. Es ist gut zu wissen, dass die Kontrolle noch da ist, auch wenn man meint, sie verloren zu haben. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, Doyle.“

Sie sprach herablassend, wollte ihn damit verletzen, dass sie sich seiner scheinbar nur bedient und jetzt keinen Nutzen mehr für ihn hatte. Doch er war nicht verletzt. Zu ihrer Enttäuschung nickte er nur knapp und schwamm zum Ufer zurück, sammelte seine Sachen ein und verschwand zwischen den Bäumen.

Sie wartete eine ganze Weile, bevor sie selbst aus dem Becken stieg und sich anzog. Nein, sie würde nicht in Tränen ausbrechen, ganz gleich, wie sehr es auch schmerzte. Doyle durfte nie erfahren, wie sehr er sie verletzt hatte. Ihm zu zeigen, wie verletzlich sie war, wäre ein großer Fehler.

Der Tag verlief nicht viel anders als der erste. Gabrielle hatte längst jeden Sinn für Richtung verloren. Sie hatte keine Ahnung, wohin Doyle sie führte, und ehrlich gesagt, es war ihr auch gleichgültig.

Am Nachmittag bauten sie wieder einen Unterschlupf, in den sie krochen, als der Regen einsetzte. Gabrielle war so erschöpft, dass sie kaum mehr die Kraft hatte, die Beine anzuziehen, um Doyle hineinzulassen. Seit dem Vorfall am Morgen hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt, und Gabrielle hatte auch keinen Versuch gemacht, das Schweigen zu brechen. Sie hatte Angst, sie könnte ihre Gefühle verraten und etwas sagen, das ihr nur leidtun könnte. Wenn sie erst wieder zurück in der Zivilisation waren, würde sie Doyle vergessen. Das hatte sie sich geschworen.

Gabrielle öffnete die Augen, als jemand sie sanft wach rüttelte.

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