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ROMANA EXKLUSIV, Band 225

ALISON ROBERTS

LIEBESTRAUM IM SÜDSEEPARADIES

Auf den Fidschi-Inseln hat der Arzt Ben Dawson sein Paradies gefunden. Da erscheint eines Tages eine ganz besondere Frau: Sarah Mitchell. Die hübsche Krankenschwester macht auf den Inseln Urlaub und erobert sein Herz im Sturm. Doch wie wird seine Tochter auf Sarah reagieren? Seine Exfreundin hat das Kind tief verletzt …

KATE LITTLE

SILBERMOND ÜBER FLORIDA

Betörender Blütenduft, silbernes Mondlicht, sanft rauschendes Meer: Eine Nacht wie Samt und Seide – nur für die Liebe geschaffen! In den Armen von Matthew Harding vergisst Stephanie ihren Vorsatz, sich unter allen Umständen von ihm fernzuhalten. Denn der Besitzer einer Hotelkette ist als umschwärmter Frauenheld bekannt …

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HEISSE TAGE IN VENEZUELA

Tropische Träume werden für Nicole wahr, als sie nach Venezuela zur Hochzeit ihrer Stiefmutter reist. Die hat ihr neues Glück gefunden. Und Nicole selbst? Sie lernt erst auf dem luxuriösen Landsitz Las Veridas ihre Stiefbrüder kennen. Und ausgerechnet in den heißblütigen Marcos Peraza, der sie für eine Erbschleicherin hält, verliebt sie sich unsterblich …

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LIEBESTRAUM IM SÜDSEEPARADIES

1. KAPITEL

„Ja!“

Sarah Mitchell war erst auf Seite zehn des Romans, den sie im Flughafenbuchladen gekauft hatte, doch schon jetzt war sie ganz in ihre abenteuerliche Lektüre versunken. Der Ausruf ihrer Schwester riss sie jäh aus ihrer Fantasiewelt. Bedächtig erwiderte sie: „Was, ja?“

Der ist es.“

„Wer ist was?“

„Der da – der ideale Vater meiner Kinder.“

„Nein, bitte nicht!“ Widerwillig klappte Sarah ihr Buch zu und schloss für einen Moment seufzend die Augen. „Tori, wir sind hier, um uns zu erholen, nicht wahr?“

„Und um Spaß zu haben“, bekräftigte Tori geschickt. „Eine prima Ergänzung.“

„Wir wollten dem Winter entfliehen“, erinnerte Sarah. „Unser Motto lautete Sonne, Sand und Meer. Aber keine nervenaufreibenden Urlaubsflirts. Darauf hatten wir uns geeinigt!“

„Das war, bevor dieser Mann dort aus dem Boot stieg.“

„Welcher Mann … und aus welchem Boot?“ Sarah stützte sich auf beide Ellbogen auf und reckte den Hals. Es war erst zehn Uhr und bereits so heiß, dass sie die Idee, ein Bad in dem türkisfarbenen Meer zu nehmen, sehr verlockend fand.

„Der wunderbarste Mann der Welt … da drüben – sieh nur!“

Der Bootsanleger des Feriendorfes auf den Fidschi-Inseln lag nur ein Stück weit vom Badestrand entfernt. Der Unbekannte, der eben aus dem schmalen Boot geklettert war, stand nun knöcheltief im Wasser. An seine Hände klammerten sich mehrere kleine Kinder fest.

„Er mag Kinder“, verkündete Tori hingerissen.

„Wahrscheinlich hat er ein halbes Dutzend. So wie Robert.“

„Robert hatte nur zwei.“

„Samt dazugehöriger Ehefrau. Auch wenn er es nie für nötig befand, dich darüber aufzuklären.“

„Ach ja …“ Tori seufzte. Dann schüttelte sie den Kopf. „Das liegt nun Monate zurück. Darüber bin ich hinweg.“ Sie grinste Sarah an. „Das Leben geht weiter.“

Toris Optimismus war ansteckend. Sarah lächelte zurück. Es stimmte, sie hatten beide in den vergangenen Monaten wenig zu lachen gehabt. Was also sprach dagegen, sich an einem gut aussehenden Mann zu ergötzen?

Beide beobachteten, wie der Fremde von einem der Kinder eine große Hibiskusblüte entgegennahm. Er schob den Stiel der leuchtend orangefarbenen Blüte durch sein dichtes schwarzes Haar und steckte ihn hinter seinem linken Ohr fest.

„Das linke Ohr“, hauchte Tori. „Das bedeutet auf den Fidschi-Inseln, er ist noch zu haben, oder?“

„Ich glaube, dieser Brauch betrifft nur Frauen“, hielt Sarah dagegen. „Und im Übrigen – der da ist kein Einheimischer.“

„Er scheint hier aber jeden zu kennen. Ich wüsste zu gern, wer er ist.“

„Sieht aus wie ein Pilot.“ Auch Sarah konnte den Blick kaum abwenden von der großen, schlanken, sonnengebräunten Gestalt in den ausgeblichenen uniformähnlichen Shorts und dem kurzärmligen, tropisch gemusterten Hemd. „Vielleicht steuert er eines von den Ausflugsbooten für die Touristen.“

„Dann lass uns einen Tagestrip buchen.“

„Wir sind erst gestern angekommen! Ich möchte mich an den Strand legen und Sonne tanken.“ Sarah drehte sich zur Seite, stützte sich auf einen Ellbogen auf und griff nach dem erfreulich dicken Taschenbuch, das sie neben ihrem Strandlaken abgelegt hatte. „Dabei viel lesen und, wenn es mir zu heiß wird, eine Runde schwimmen.“

Tori brummte missmutig vor sich hin. Auf einmal wurde ihre Stimme laut und schrill. „Er kommt den Strand entlang in unsere Richtung gelaufen! Hilfe!“

„Lächle einfach und klimpere mit den Wimpern“, riet Sarah ungerührt. „Damit hast du doch meistens den gewünschten Erfolg.“

Sarah gönnte es Tori von Herzen, jung, attraktiv und voller Lebensfreude zu sein. Toris optimistische Art hatte Sarah in den vergangenen trüben Monaten erheblich aufgebaut. „Wenn Mum vom Himmel herabschaut, möchte sie uns nicht unglücklich sehen“, hatte Tori oft gesagt.

Gelegentlich ließ Sarah sich sogar von Toris Unternehmungslust anstecken und verwöhnte sich selbst mit etwas Besonderem, wie etwa mit dieser Woche Winterurlaub auf einer Tropeninsel.

Sarah hoffte, eben nicht eifersüchtig geklungen zu haben. Oder wie eine bärbeißige ältere Schwester – aber auf Tori sollte sie doch ein wenig aufpassen, nach deren unseliger Beziehung zu Robert und dem Tod ihrer Mutter. Tori sollte sich auf dieser Reise amüsieren, doch eine womöglich aufreibende Geschichte mit einem Mann brauchte sie momentan überhaupt nicht.

„Guten Morgen, meine Damen. Wunderschöner Tag heute.“

So zu tun, als sei sie in ihre Lektüre vertieft, erschien Sarah zu unhöflich. Sie warf einen Blick über die Ränder ihrer Sonnenbrille … und sah nur wenige Schritte entfernt ihn in voller Pracht und Schönheit dastehen, die Kinder im Schlepptau.

„Ja, perfekt!“ Tori strahlte übers ganze Gesicht, und Sarah war klar, dass Tori damit nicht bloß das herrliche Wetter meinte.

„Gerade erst angekommen?“

„Gestern.“

„Gefällt es Ihnen?“

„Mit jedem Moment besser.“

Sarah überspielte ein verräterisches Zucken ihrer Lippen, indem sie einen etwas traurig ausschauenden Jungen mit einer Angelrute in der Hand anlächelte. „Bula.“

Ihr Gruß in der Inselsprache wurde im Chor von lachenden dunkelhäutigen Kindern erwidert, nur ein kleines Mädchen, das mit beiden Händchen eine Hand des Mannes fest umfasst hielt, vergrub sein Gesichtchen in seinen verwaschenen Shorts.

„Ich muss weiter“, sagte er. „Genießen Sie Ihre Urlaubstage!“

„Danke, das werden wir tun“, erwiderte Sarah höflich.

„Genießen auch Sie Ihre Ferien!“, rief Tori ihm hinterher.

Er wandte sich um und lachte. „Es gibt auch ein paar Leute auf der Insel, die nicht nur zum Vergnügen hier sind.“ Ein paar Schritte weiter drehte er sich noch einmal lächelnd um. „Ein hartes Los, in einer Urlaubsgegend arbeiten zu müssen“, sagte er ernst. „Aber na ja – irgendjemand muss die anfallenden Aufgaben schließlich erledigen.“

Das Wasser fühlte sich auf ihrer Haut an wie kühle Satinlaken in einer heißen Sommernacht. Träge, sanfte Wellen – die Brandung brach sich erst an den Felsen nahe dem Strand – trugen Sarahs ausgestreckten Körper; winzige Fische in leuchtend bunten Farben schossen wie Juwelen durchs kristallklare Nass.

„Einfach himmlisch.“ Sarah seufzte wohlig. „Sieben lange Tage wie im Paradies. Wie froh ich bin, dass du mich zu dieser Reise überredet hast, Tori.“

„Ich finde, wir sollten jetzt schauen, was es heute zum Mittagessen gibt.“

„Aber es ist doch erst elf. Das Restaurant hat noch gar nicht geöffnet.“

„Man kann jederzeit einen Snack bekommen. Ich habe einen Riesenkohldampf!“

„Lass dir von einem Einheimischen eine Kokosnuss vom Baum pflücken. Schau mal, da steht jemand neben unserem Domizil.“

Sarah deutete auf ihre nur einen Steinwurf vom Strand entfernt inmitten von Kokospalmen gelegene strohgedeckte Hütte. Von außen machte sie einen einfachen und urwüchsigen Eindruck, die Inneneinrichtung wirkte umso luxuriöser. Bei ihrer Ankunft hatte selbst ein ausgewachsener Gecko, der mit seinen haftenden Krallen an der Zimmerdecke hing, die beiden Frauen nicht abhalten können, zunächst das edle Mobiliar und die hochmoderne Technik zu bestaunen und sich über den zur Begrüßung hingestellten Korb mit Sekt und tropischen Früchten zu freuen.

Tori richtete sich im Wasser auf. Es floss an ihrem roten Bikini herunter, der ihre ansehnlichen Kurven bedeckte. Sie schüttelte den Kopf, sodass die Tropfen von ihrem blond gelockten Haar nur so flogen. „Ja, er kann uns vielleicht weiterhelfen.“

Bestimmt holt er dir eine Kokosnuss.“

„Nein, ich meine helfen, herauszufinden, wer der attraktive Unbekannte ist, der sagte, dass er nicht zum Vergnügen hier ist.“

„Was nur heißt, dass es sich nicht um einen Urlauber handelt – aber keineswegs, dass er auf der Insel zu Hause ist.“

„Vielleicht ist er ja auch vom Film und sucht nach geeigneten Drehorten.“

„Oder ein Schriftsteller, der in dieser Idylle sein neues Buch schreiben will.“

„Vielleicht gehört ihm sogar die ganze Ferienanlage!“ Bei dieser grandiosen Vorstellung machte Tori große Augen. Entschlossen watete sie durchs Wasser zum Strand, schnappte sich Handtuch und Sonnenbrille. „Ich werde es herausfinden“, verkündete sie. „Behalt den Strand im Auge!“

Schon nach wenigen Minuten war Tori wieder zurück, hüpfte aufgeregt durchs seichte Wasser und watete hastig weiter bis zu der Stelle, an der Sarah sich auf dem Rücken liegend vom Wasser tragen ließ.

„Er ist Arzt!“, vermeldete sie atemlos. „Sie nennen ihn hier ‚Doktor Ben‘. Gerade ist er unterwegs zum Hausbesuch bei einer hochschwangeren Dorfbewohnerin.“

„Hast du noch mehr herausbekommen?“

„Nein. Nur noch eine Frage konnte ich mir nicht verkneifen – ob es auch eine ‚Mrs Ben‘ gibt. Doch das verstand er wohl nicht recht, denn da sprach er von dieser Frau, die kurz vor der Entbindung steht“, sagte Tori stirnrunzelnd.

„Du solltest dir den Fuß verstauchen oder etwas in der Art. Und zwar genau dann, wenn ‚Doktor Ben‘ auf dem Rückweg wieder bei uns vorbeiläuft.“

Zuerst schien Tori diesen ironisch gemeinten Vorschlag ernsthaft zu erwägen, doch dann lachte sie.

„Das Restaurant aufzusuchen halte ich für eine bessere Idee. Von der dortigen Terrasse können wir die Boote beobachten. Aber womöglich kommt er sogar zum Mittagessen dorthin.“ Tori steuerte wieder hastig den Strand an. „Ich ziehe mich um und bringe meine Haare in Ordnung!“

Verlaufen konnten Sarah und Tori sich nicht. Unter den Palmen schlängelten sich schattige schmale Pfade zwischen den größeren strohgedeckten Hütten der Feriengäste und den kleineren des Personals hindurch, an einer Kapelle und einer winzigen Feuerwache vorbei. Letztlich führten alle Wege zu einem zentralen Gebäudekomplex, dem Mittelpunkt des Feriendorfes. Wie lange man für einen Weg brauchte, spielte keine Rolle. Sarah und Tori hatten sich inzwischen dem lässigen Rhythmus der Insel angepasst. Sarah hatte sogar ihre Armbanduhr im Koffer verstaut.

Beide fanden es berauschend, einmal ganz ohne Termine und Uhrzeiten im Kopf in den Tag hineinzuleben, die tropische Insel mit all ihren Annehmlichkeiten zu genießen. Statt der sportlicheren Variante – Schnorcheln, Tauchen oder Surfen – wollte Sarah momentan nur Ruhe und Entspannung.

Doch damit war es jäh vorbei, als sie und Tori an einem Teich mit Schildkröten vorbeikamen und einen schrillen Schrei hörten.

„Was war das? Von woher kam der Aufschrei?“, fragte Tori atemlos.

„Von da drüben.“ Schon hatte Sarah den Fußweg verlassen und schlug sich durch eine dichte Reihe von Hibiskusbüschen. „Ich meine, vom Minigolfplatz.“

Eine ältere Frau lag dort am Boden. Ihr Begleiter hielt ihre Hand.

„Marjorie! Geht es, Liebling …?“

„Hallo. Ich heiße Sarah und bin Krankenschwester. Kann ich helfen?“

„Sie ist gestürzt. Marjorie?“

„Es geht schon, Stanley. Mach keinen Aufstand.“ Die Frau versuchte mühsam, sich aufzurichten. „Hilf mir bitte, Stanley.“ Sie hielt beide Hände hoch, stieß aber erneut einen Schrei aus, als sie auf die Füße kam. „Mein Knöchel! Au!“

„Sie muss sich setzen“, ordnete Sarah an. „Hier.“ Sarah wandte sich um, um Tori zu bitten, ihr beim Abstützen der Frau behilflich zu sein. Doch zu Sarahs Überraschung war Tori fort. Sie musste sich auf die Suche nach Hilfe gemacht haben. Sofort drängte sich Sarah ein Verdacht auf, wessen Hilfe Tori wohl suchte.

Die über einem der Löcher des Minigolfplatzes befestigte große Schildkröte aus Beton bot eine ideale Sitzgelegenheit. Sarah stellte erfreut fest, dass Marjorie wieder eine rosige Gesichtsfarbe bekam.

„Verflucht!“, rief die Frau. „Ich bin in den offenen Sandalen zu schnell die Schräge dort hinuntergelaufen, da ist es passiert.“

„Sie war ganz aus dem Häuschen“, erklärte Stanley. „Weil sie gerade mit einem Schlag in das Loch unter der Schildkröte getroffen hatte.“

„Nicht schlecht für mein Alter, oder?“ Marjorie strahlte.

Sarah schmunzelte. „Wie alt sind Sie, Marjorie?“

„Siebenundsiebzig. Stanley ist erst achtundsechzig. Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben – liieren Sie sich nur mit einem jüngeren Mann.“

„Wir sind vor Kurzem erst getraut worden“, erklärte Stanley stolz. „Hier direkt am Strand.“

„Märchenhaft.“

„Märchenhaft, ja … bis eben.“ Marjorie stöhnte. „Ob der Fuß gebrochen ist …?“

Vorsichtig zog Sarah die Sandale mit dem hohen Korkabsatz von Marjories Fuß. „Können Sie mit den Zehen wackeln?“

Leuchtend lackierte Fußnägel bewegten sich etwas schwach.

„Versuchen Sie, den Fuß zu beugen.“

„Au!“, rief Marjorie. Dann probierte sie es noch einmal. „Na ja, es geht schon“, murmelte sie.

„Es sieht ganz nach einer Verstauchung aus“, urteilte Sarah. „Wir bräuchten Eis, eine Bandage und eine Unterlage, damit Sie das Bein hochlegen können. Mal sehen, wo meine Begleiterin bleibt.“ Sarah drehte sich um in Richtung Schildkrötenteich – und war wenig überrascht, als sie Tori herannahen sah … mit „Doktor Ben“ im Schlepptau. Noch immer war der Junge mit dem Angelgerät an seiner Seite, doch die übrigen Kinder waren verschwunden.

„Hallo zusammen“, rief Tori begeistert. „Das ist Ben Dawson. Er ist Arzt. War das nicht ein glücklicher Zufall, dass ich ihn erspähte, nachdem wir den Schrei gehört hatten?“

„Toll!“, rief Stanley.

„Darf ich vorstellen – Marjorie, Dr. Dawson.“ Sarah machte ein möglichst neutrales Gesicht. „Sie ist mit dem Fuß umgeknickt und hat sich den Knöchel verstaucht. Ansonsten scheint alles in Ordnung zu sein.“

„Nennen Sie mich ruhig Ben.“ Seine dunklen Augen glitzerten, und er machte keinen Hehl daraus, dass er die Situation genoss. „Sie haben neulich hier geheiratet, Marjorie, nicht wahr?“

„Richtig, Doktor. Das Beste, das mir in den letzten Jahrzehnten widerfahren ist.“

„Ich habe die Trauung nur von Weitem gesehen“, sagte Ben. „Aber es war ein bezauberndes Kleid, das Sie da trugen.“ Er lächelte Stanley an. „Ihr weißer Anzug gefiel mir aber auch sehr gut. Perfekte Wahl für eine Strandhochzeit.“

„Danke“, erwiderte Marjorie strahlend. „Diese nette junge Dame, Sarah, hat mich schon beruhigt, dass ich mir nichts gebrochen habe. Da sie gelernte Krankenschwester ist, wird die Diagnose stimmen, nicht wahr?“

„Absolut.“ Ben lächelte Sarah an, dann bezog er Tori ins Gespräch ein. „Sarahs Begleiterin ist ebenfalls Krankenschwester. Sie haben fast eine ganze Erste-Hilfe-Station um sich versammelt, Marjorie. Ist das nicht ein seltener Service?“

Marjorie nickte mit einem gequälten Lächeln.

„Meine Empfehlung war Kühlen mit Eis, Bandagieren und das Bein hochlegen“, sagte Sarah.

„Völlig richtig. Vielleicht sehe ich doch rasch nach dem Knöchel?“ Er sah Sarah augenzwinkernd an. „Eine zweite Meinung kann nicht schaden, oder?“

Sarah fühlte sich geschmeichelt, da er sie als Krankenschwester gleichrangig behandelte. Er verhielt sich professionell, tat das, was er als Arzt und höher Qualifizierter tun musste, stellte es aber dar, als sei es bloß eine unnötige Formalität.

„Sie sollten genau das tun, was Sarah Ihnen geraten hat“, sagte er wenig später. Dann griff er nach seinem Arztkoffer und fand sogleich einen Stützverband in der passenden Größe. Tori hielt Marjories Knöchel, derweil Ben ihn fachmännisch umwickelte. Sarah fragte sich, ob er wohl, so wie sie selbst es tat, merkte, wie oft Toris Hand ihm ein ganz kleines bisschen in die Quere kam.

„Ich bringe Sie jetzt zu Ihrer Unterkunft, wo Sie das Bein mit Eispackungen versorgen und hochlegen sollten“, erklärte Ben. Zu Marjories sichtlichem Gefallen hob er die ältere Dame mühelos auf seine Arme.

„Hinreißend“, zwitscherte sie.

„Eigentlich müsste ich dich über die Schwelle tragen“, brummte Stanley.

Ben grinste. „Wo ist denn Ihre Unterkunft?“

„Bringen Sie mich lieber gleich zum Restaurant der Ferienanlage“, bat Marjorie ihn. „Es ist Zeit für mich, etwas zu Mittag zu essen. Und auf den Schreck brauche ich auch ein Glas Sekt.“

„Dort zu essen hatte ich auch gerade vor“, sagte Ben. „Auch kann ich Sie so noch ein Weilchen im Auge behalten, Marjorie, und aufpassen, dass Sie nach dem Sekt mit Ihrem Fuß nicht auf dem Tisch herumtanzen.“

Marjorie gluckste amüsiert. Sarah, die hinter der kleinen Gruppe herlief, schüttelte nur den Kopf. Ben Dawson verstand es prächtig, mit Frauen jeden Alters zu flirten.

Tori wartete, bis Sarah sie eingeholt hatte. „Siehst du, meine Idee mit dem Mittagessen war doch die beste“, meinte sie leise.

„Funktioniert hat jedenfalls die Idee mit dem Unfall“, flüsterte Sarah zurück. „Dein Glück, dass nicht du dir den Fuß verstauchen musstest, Tori.“

„Ja, genau!“ Tori lachte. Ohne es zu merken, wurde ihre Stimme lauter. „Mich hindert kein verknackster Knöchel daran, auf dem Tisch zu tanzen.“

Stanley und Ben drehten sich gleichzeitig nach ihr um. Beide hatten den gleichen anerkennenden Gesichtsausdruck. Sarah hätte beinahe laut aufgestöhnt. „Das war hoffentlich nur ein schlechter Scherz“, bemerkte sie leise.

Tori genoss die Blicke der beiden Männer. Sie bückte sich, pflückte ein paar Hibiskusblüten von einem Busch am Wegesrand, reichte Sarah eine davon und steckte sich selbst eine hinters Ohr.

„Gehört die Blüte hinters linke Ohr, wenn man unverheiratet ist?“, fragte sie, ohne jemanden direkt anzusprechen.

„Genau weiß ich es nicht“, antwortete Ben. „Aber ich glaube, dem ist so.“

„Sie haben Ihre Blüte verloren“, erwiderte Tori. „Möchten Sie eine neue?“

„Ja, warum nicht?“ Ben blieb stehen.

Tori stellte sich vor ihn auf die Zehenspitzen. „Bei Ihnen auch hinters linke Ohr?“

„Absolut.“ Doch dann schaute er bedeutungsvoll auf die Blüte in Sarahs Fingern. Sarah errötete. Und behielt ihre Blüte reglos in der Hand.

„Ah … eine Frau mit Geheimnissen“, sagte Ben.

„Die Sie auch gut hüten sollten, meine Liebe“, trällerte Marjorie von Bens Armen herunter. „Solange man als Frau geheimnisvoll bleibt, interessieren sich die Männer für einen.“

Das allgemeine Gelächter darüber entkrampfte den für Sarah unangenehmen Moment. Inzwischen waren alle im Zentrum der Ferienanlage eingetroffen. An der Bar organisierte Ben einen Beutel mit Eiswürfeln. Ein Liegestuhl mit mehreren Kissen für Marjories Fuß wurde gebracht, und der Manager der Ferienanlage spendierte als Zeichen seiner Anteilnahme an dem Pech seines Gastes eine Flasche Sekt.

Zuletzt bekamen Sarah und Tori einen Tisch im Schatten zugewiesen. Sie holten sich vom Buffet zwei Teller mit Hühnchen und Fisch vom Holzkohlegrill, dazu diverse appetitlich angerichtete Salate. Der Blick auf die Bucht war nicht weniger fantastisch als das Essen. Zu sehen war auch eine Gruppe neuer Gäste, die gerade willkommen geheißen wurde. Sie bekamen Girlanden aus tropischen Blumen um den Hals gehängt, begleitet von traditionellem Gesang mit Gitarrenbegleitung.

„Dürfte ich mich zu Ihnen setzen?“

Tori, den Mund gerade voll mit einem großen Bissen Hühnchen, trat Sarah unter dem Tisch sanft gegen das Schienbein.

„Oh ja, natürlich, bitte“, sagte Sarah höflich zu Ben.

Er nahm mit seinem gefüllten Teller Platz, pikte mit der Gabel ein Stück perfekt gegrillten Fisch auf und steckte es sich genüsslich in den Mund. „Mm“, schwärmte er. „Sie haben den besten Ort der Gegend gewählt. Hier arbeiten die allerbesten Köche.“

„Sind Sie als Arzt für alle umliegenden Ferienorte zuständig?“, erkundigte sich Tori.

Ben schüttelte den Kopf. „Ich wohne nicht weit entfernt von der Anlage, darum wurde ich in ihrem Umkreis mit der Zeit zu so etwas wie einem ehrenamtlichen Hausarzt. Mehrere Tage die Woche arbeite ich in einer Klinik in Suva. In Notfällen bin ich natürlich, soweit gewünscht, auf allen Inseln zur Stelle.“

„Beispielsweise bei Sonnenbränden?“ Sarah wünschte, sie hätte den Mund gehalten, als sie Bens entgeistertes Gesicht sah.

„In diesen Breiten holt man sich tatsächlich schnell einen gefährlichen Sonnenbrand“, antwortete er. „Ich hoffe, Sie beide schützen sich gut davor.“

„Heute waren Sie aber nicht wegen eines Notfalls hergekommen, oder?“ Tori wollte angesichts der bissigen Ironie in Sarahs Bemerkung die Unterhaltung rasch auf ein anderes Thema lenken.

„Nein. Derzeit betreue ich auf dieser Insel eine Patientin, deren Blutdruck täglich gemessen werden muss.“

„Weil sie in Kürze ein Baby bekommt?“

Wieder machte Ben ein erstauntes Gesicht. „Woher wissen denn Sie das?“

„Jemand hat es uns erzählt“, erwiderte Tori wie beiläufig, mit einem süßen Lächeln, das signalisieren sollte, nur Gutes sei über ihn berichtet worden.

Ben lächelte zurück. „Dann wissen Sie schon einiges über mich.“ Eine Weile widmete er sich stumm seinem Teller. „Jetzt sind Sie dran, etwas von sich zu erzählen“, sagte er dann.

Er sah Sarah an.

„Wie Sie schon wissen, sind wir beide Krankenschwestern. Ich bin auf einer Kinderstation tätig, Tori derzeit in der Notaufnahme.“

„Von woher kommen Sie?“

„Aus Auckland.“

„Ah – der größten Stadt Neuseelands.“

Sarah nickte. „Und Sie? Nach Ihrem Akzent zu urteilen, sind Sie Brite.“

„Ja – ich komme aus London. Und bin mit der Stadt tief verwurzelt.“

„Hier zu arbeiten muss das totale Kontrastprogramm sein“, sagte Sarah.

„Ein Traumjob“, meinte Tori. „Könnten Sie vielleicht noch eine Krankenschwester gebrauchen, oder auch zwei?“

Ben lachte. „Stellen Sie sich das Ganze nicht zu himmlisch vor.“

„Wohnen Sie, wenn Sie viel in Suva arbeiten, auch dort?“

„Nein. Ich habe ein eigenes kleines Fleckchen …“ Für einen Moment wirkte Bens Miene verschlossen. Dann lächelte er Tori an. „Wie lange bleiben Sie hier?“

„Nur eine Woche.“ Tori rümpfte die Nase. „Also viel zu kurz.“

„Da heißt es, jede einzelne Minute gut zu nutzen.“

„Oh, das habe ich auch vor.“

Sarah hörte kaum noch zu, sondern verzehrte genüsslich den himmlischen Salat aus Mango, Papaya, Reis und ihr gänzlich unbekannten Gewürzen. Sie fühlte sich ausgeschlossen, wollte aber Tori nicht den Spaß verderben. Wenn Tori eine Ferienromanze brauchte, um sich gut zu fühlen, warum nicht? Womöglich erwies der charmante Ben sich am Ende sogar als die Liebe ihres Lebens, und Tori könnte mit ihm glücklich bis ans Ende ihrer Tage in diesem herrlichen Inselparadies leben.

Aus dieser Träumerei geweckt wurde Sarah, als sie hörte, wie Tori auf etwas sehr Persönliches zu sprechen kam.

Sarah hat sich am meisten um unsere Mutter gekümmert in ihren letzten Wochen nach dem zweiten Schlaganfall“, bemerkte sie. „Von daher war für Sarah alles noch schwerer durchzustehen.“

„Das tut mir leid.“ Ben klang ehrlich Anteil nehmend. Doch dann schlug er einen unbekümmerten Ton an. „Sie beide sind also Schwestern?“

Sarah reagierte verhalten auf seinen neugierigen Blick. Ja, sie war größer als Tori, hatte statt Toris wippender blonder Locken dunkle glatte, lange Haare, war außerdem sehr schlank und weniger fraulich als Tori. Ähnlich unterschiedlich waren beide auch vom Temperament her – Sarah öffnete sich Fremden gegenüber nicht so rasch, weder im Gespräch noch emotional oder gar physisch.

„Stiefschwestern.“ Tori schien Sarahs Warnsignale vollkommen zu übersehen. „Aber ich habe sie stets als meine richtige Schwester empfunden. Sarah kam in meine Familie, als sie vierzehn war und ich acht.“ Tori lächelte Sarah warmherzig an. „Ich wollte schon immer eine ältere Schwester, die ich ärgern kann.“ Sie lachte. „Jetzt bin ich vierundzwanzig und schaffe das immer noch ziemlich oft.“

„Nur manchmal“, erklärte Sarah abschwächend. „Aber bestimmt interessiert sich Ben gar nicht für die Einzelheiten unserer Familiengeschichte.“

Er und Tori schienen nicht zu begreifen, dass Sarah damit ihre Abneigung andeutete, Persönliches preiszugeben. Doch ehe einer von beiden Sarah widersprechen konnte, erschien eine Frau in einem seidenen weißen Sarong an ihrem Tisch.

„Ben! Wie schön, Sie wiederzusehen!“ Sie lachte unverzagt, als er sie offenbar nirgends einordnen konnte. „Lisa“, half sie ihm auf die Sprünge. „Ich war voriges Jahr genau um diese Zeit hier.“

„Ah ja …“ Ben schien sich nun doch zu erinnern. „Heliodermatitis.“

Lisa lächelte. „Ich hoffe, ich habe mich damals genügend bedankt dafür, wie reizend Sie sich um meinen Sonnenbrand gekümmert haben.“

„Doch, haben Sie, in jedem Fall.“ Ben räusperte sich. Er schien sich in der Situation unwohl zu fühlen.

Lisa schaute über die Ränder ihrer Sonnenbrille Tori an, und Sarah hätte am liebsten laut gelacht. War diese Lisa eine seiner verflossenen Eroberungen, die nun ihre neuen Konkurrentinnen inspizieren wollte?

Sarah legte ihre Gabel zur Seite. Nun gut, sie konnte Tori sicher nicht davon abhalten, sich in eine Urlaubsromanze zu stürzen, aber wenigstens wollte sie ihre Schwester vor der Illusion bewahren, es könnte eine Beziehung von Dauer werden. Der blendend aussehende Doktor Dawson konnte mit seiner charmanten Art jede Frau sofort für sich einnehmen. Aber er war ein Luftikus. Ein Weiberheld, der auf diesem perfekten Spielplatz stets aufs Neue genügend Urlauberinnen vorfand, die ihm bestimmt zu Füßen lagen.

Sarah wollte mit alledem überhaupt nichts zu tun haben. Und ein Playboy wie er sollte so wenig wie möglich über sie persönlich erfahren. Auf seine Anteilnahme an ihrer traurigen Kindheit, selbst wenn sie denn aufrichtig wäre, wollte sie gern verzichten. Zum Glück konnte selbst Tori mit ihrer übertriebenen Offenheit nicht alles enthüllen. Nur ein Mensch hatte alles über sie, Sarah, gewusst … und hatte traurigerweise alle ihre Geheimnisse vor einem halben Jahr mit ins Grab genommen.

Die Frau in dem Sarong war inzwischen weitergegangen, und auch Ben erhob sich.

„Ich muss noch etwas Wichtiges im medizinischen Zentrum des Feriendorfes erledigen“, entschuldigte er sich. „Es wird Zeit, dass ich aufbreche.“

„Es gibt hier ein medizinisches Zentrum?“, fragte Tori neugierig.

„Mehr eine kleine Krankenstation. Würden Sie gern einen Blick hineinwerfen?“

Sie nickte und stand leicht zögernd auf. „Kommst du auch mit, Liebes?“

Sarah schüttelte den Kopf. „Ich möchte mich noch einmal bei Marjorie nach ihrem Knöchel erkundigen und dann gemütlich mein Buch am Strand lesen.“

Als ihre Schwester sie noch einmal fragend ansah, wusste Sarah, Tori würde ihr jetzt sofort Gesellschaft leisten, wenn sie den Wunsch signalisierte. Egal wie hingezogen Tori sich zu Ben Dawson fühlen mochte – benötigte Sarah ihren Beistand, konnte sie sich voll auf Tori verlassen.

Sarah lächelte ermutigend. „Geh los, Tori. Du weißt, wo du mich nachher findest.“

„Du möchtest also wirklich gern hierbleiben?“

„Absolut.“ Sarah benutzte absichtlich dieses von Ben so geschätzte Wort.

Ben schaute Sarah mit seinen dunklen Augen fragend an, und sie hatte den Eindruck, dass es mehr als nur eine höfliche Geste war, als er sagte: „Hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Sarah. Und danke nochmals, wie Sie Marjorie geholfen haben.“

„War mir ein Vergnügen.“

„Ich drücke die Daumen, dass Ihr Urlaub ohne weitere solche Zwischenfälle verläuft.“

„Und auch ohne Zwischenfälle anderer Art“, murmelte Sarah.

„Genau.“ Ben hielt den Blickkontakt mit ihr gerade so lange, dass sie wusste, er hatte ihre Botschaft verstanden. Dann wandte er sich Tori zu, lächelte wieder locker und hielt ihr einen angewinkelten Arm hin. „Gehen wir?“

„Absolut.“ Tori hakte sich bei ihm ein, drehte sich noch einmal mit strahlenden Augen zu Sarah um, und schon waren beide auf dem mit Palmen gesäumten Weg entschwunden.

Sarah stand langsam vom Tisch auf, paradoxerweise enttäuscht darüber, Ben wohl völlig richtig eingeschätzt zu haben. Doch dann winkte sie im Stillen ab. Was interessierte sie das überhaupt? Und was ging es sie an? Sie war nicht der Aufpasser ihrer Schwester, und etwas Zeit allein zu verbringen machte ihr in der herrlichen Umgebung auch nichts aus – sowieso hatte Sarah Mitchell schon früh im Leben eingesehen, dass es bisweilen zu bevorzugen war, sich selbst Gesellschaft zu leisten.

Dazu sollte es nun aber gar nicht kommen. Sie blinzelte in Richtung Swimmingpool.

„Huhu!“ Marjorie hob ihren Sektkelch in die Höhe. „Hierher, meine Liebe! Wir haben ein Glas für Sie aufgehoben.“

2. KAPITEL

„An dir ist er interessiert.“

Sarah schnaubte verächtlich. „Ja, wer’s glaubt.“

„Doch, im Ernst.“ Tori steckte ihren Löffel in die Schale Fruchtsalat. „Ist dies Mango oder Papaya?“ Ohne Sarahs Antwort abzuwarten, probierte sie und seufzte genüsslich. „Jedenfalls ist es das köstlichste Dessert, das ich je gegessen habe.“

Inzwischen hatte eine Gruppe von Einheimischen sich auf der Tanzfläche des Restaurants der Ferienanlage versammelt. Auf einer Seite hockten die Männer mit kleinen Trommeln. Die Frauen stellten sich mit ihren schwingenden Baströcken barfuß in einer Reihe auf. Mit den leuchtend bunten tropischen Blütenkränzen im Haar und um ihre Handgelenke gaben sie ein eindrucksvolles Bild ab. Sarah rückte ihren Stuhl zurecht, um die Vorführung besser verfolgen zu können. Schon vom ersten Ton des vielstimmigen Gesanges an war sie vollauf begeistert.

Das Lied war fröhlich, die Sängerinnen hatten ein Lächeln auf den Lippen. Doch schwang gleichzeitig auch ein traurig-melancholischer Unterton mit, der vermittelte, dass zum Glück auch Leiden gehört. Die fremdartige Musik rührte Sarah fast zu Tränen. Dann wechselte die Stimmung. Zu den eindringlicher werdenden Trommelklängen stampften die Frauen kräftig auf. Das Tempo steigerte sich, und Sarah klatschte begeistert den Rhythmus mit und wippte mit den Füßen im Takt.

Erst beim Applaus am Ende der Vorstellung bemerkte sie Toris Grinsen.

„Worüber amüsierst du dich?“

„Es hat nicht viel gefehlt, dass du auf dem Tisch getanzt hättest.“

„Niemals!“

„Doch!“ Tori grinste noch immer. „Hätte Ben dich eben erlebt, hielte er dich nicht länger für einen distanzierten Menschen.“ Sie stand auf. „Komm, wir machen einen Strandspaziergang. Ich möchte den Rest des Sonnenuntergangs erleben.“

Sarah folgte ihr, konnte das Abendrot aber kaum genießen. Sie hatte nichts auf die Bemerkungen gegeben, die Tori seit ihrer Rückkehr von der Besichtigung des medizinischen Zentrums mit Ben gemacht hatte, doch über den letzten Kommentar kam sie nicht hinweg.

„Hat er wirklich zu dir gesagt, dass er mich für distanziert hält?“

Tori nickte. „Er fragte mich, ob du allen Männern misstraust oder nur ihm.“

Sarah lachte leise. „Sowohl als auch.“ Doch ihr spöttisches Lachen verging ihr rasch. Wie konnte er so ohne Weiteres hinter ihre Fassade geblickt haben, wo sie doch sonst perfekt darin war, ihr wahres Ich vor anderen Menschen zu verbergen? „Ich hoffe, ihr habt nicht die gesamte Zeit nur über mich geredet.“

„Nein – aber lang genug, um zu merken, dass er nicht weiter an mir interessiert ist. Ich verzichte gerne freiwillig, Schwesterherz. Dafür solltest du ihm aber auch eine Chance geben.“

„Selbst wenn ich gerade verzweifelt auf der Suche nach einem Mann wäre – was nicht der Fall ist – käme er für mich nicht infrage.“

„Wieso nicht?“

„Ich finde ihn nicht besonders anziehend.“ Wenn sie dies nur entschieden genug aussprach, würde sie es selbst glauben. Oder?

Ganz anders Tori. „Wie kannst du so etwas sagen! Er ist fantastisch! Eine aufregende Mischung aus Tom Cruise und Mel Gibson, finde ich.“

„Aussehen ist doch nicht alles, das hätte deine Erfahrung mit Robert dich lehren müssen. Mir kommt es nur wenig auf Äußerlichkeiten wie einen knackigen Körper und ein entwaffnendes Lächeln an.“

„Was ist für dich das Wesentliche?“

„Ein einnehmendes Wesen, ein guter Charakter“, antwortete Sarah nach einer Denkpause. „Und Klugheit, Intelligenz.“

„Ben ist warmherzig. Erinnerst du dich, wie nett er zu den Kindern war, die ihn umringten? Und als Arzt kann er weder dumm noch ganz oberflächlich sein.“

„Er ist kein richtiger Arzt.“ Sarah schüttelte abschätzig den Kopf. „In Badeorten den Sonnenbrand von Touristinnen behandeln? Ein Modearzt, der seinen Beruf nicht als Berufung versteht und ihn nur wegen des mondänen Lebens und des angesehenen sozialen Status ausübt. Oh … sieh mal!“, rief sie, denn sie wollte unbedingt endlich das Thema wechseln.

Und das merkwürdige Gefühl abschütteln, von diesem Tropeninseltraumdoktor enttäuscht zu sein. Wie kam sie bloß dazu? Sarah deutete in Richtung Meer, um Toris Aufmerksamkeit dorthin zu lenken. Die letzten Strahlen des blutroten Sonnenuntergangs ließen die Wasseroberfläche golden glitzern und die Silhouetten der kleineren umliegenden Inseln wie Schattenrisse erscheinen. Gekrönt wurde der malerische Anblick durch ein bildschön restauriertes altes Segelboot, auf dem, während es majestätisch zum Ankerplatz glitt, die Segel eingeholt wurden.

Sie ließen sich nebeneinander im Sand nieder, doch für Tori war es anscheinend kein Problem, das beeindruckende Schauspiel, das sich ihren Augen bot, zu genießen und gleichzeitig weiterzureden.

„Ich glaube, du tust Ben mit deinem Urteil Unrecht. Ich finde ihn sympathisch, sehr sogar.“

„Dann kannst du ihn haben“, verkündete Sarah salopp. „Betrachte ihn als Bestandteil der Pauschalreise. Als eine extra Belohnung.“

„Ich finde aber, du hättest diese Belohnung viel mehr verdient.“

„Wieso?“, fragte Sarah, obgleich sie die unausgesprochene Botschaft sehr wohl verstand. „Mir geht es gut, Tori. Auch wenn sich in den vergangenen zwei Jahren kein Mann ernsthaft für mich interessiert hat, gräme ich mich nicht.“

„Genügend Männer würden sich für dich interessieren. Und haben es auch schon immer getan. Nur, du verjagst sie alle.“

Darauf konnte Sarah zunächst nichts erwidern. Es waren ungewohnte Töne von Tori, von der normalerweise zustimmende Kommentare wie „Alle Männer sind Mistkerle“ zu hören waren. Sarah hatte bei jeder neuen Beziehung auf Stabilität gehofft, doch inzwischen genügend negative Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, dass jede Partnerschaft nach einer Weile bröckelte und zerbrach. Die einzige Variable in dieser Gesetzmäßigkeit war die Dauer der glücklichen Zeit zu zweit. Trotzdem hatte ihre Schwester vielleicht recht, wenn sie ihr eine falsche Einstellung zu dem Thema vorwarf. Darüber zu grübeln wäre allerdings einem entspannten Urlaub nicht zuträglich, und daher wollte Sarah die Sache von der heiteren Seite nehmen.

„Ich verjage die Männer nur deshalb, um ihnen zuvorzukommen“, sagte sie dann. „Und aus Stolz. Weil es erniedrigend ist, fallen gelassen zu werden.“

„Vielleicht verhalten sie sich aber nur so, weil sie glauben, du traust ihnen nicht richtig.“

„Was ja zutrifft.“

Tori legte ihre Hand auf Sarahs. „Ich weiß, du musstest als Kind viel einstecken, und ich weiß auch, dass du darüber nicht gern sprichst …“

„Das ist Vergangenheit“, unterbrach Sarah sie. „Darüber bin ich hinweg.“

Toris blaue Augen wirkten in der zunehmenden Dämmerung dunkler. „Deine Kindheitserlebnisse können trotzdem noch immer dein Verhalten beeinflussen. Nicht alle Männer sind schlecht. Es laufen auch ein paar feine Jungs herum.“

„Das weiß ich.“

„Ich möchte, dass du einen davon findest.“

„Das werde ich. Eines Tages.“

„Ich mache mir aber doch Gedanken …“

„Völlig grundlos. Ehrlich. Es geht mir gut.“

Tori blickte seufzend zum Horizont. „Mutter sagte einmal, dass von allen Kindern, die sie nach Vaters Tod aufnahm, du in ihrem Herzen einen besonderen Platz eingenommen hättest. Du hättest uns allen das Gefühl gegeben, eine richtige Familie zu sein.“

Sarah spürte einen Kloß in der Kehle. Sie würde Carol immer vermissen.

„Als Mutter noch sprechen konnte“, fuhr Tori leise fort, „legte sie mir ans Herz, dich dabei zu unterstützen, jemand Passendes zur Gründung einer Familie zu finden. Sie sagte, du hättest so viel Liebe zu geben, dass es eine Verschwendung wäre, würdest du dich in dein Schneckenhaus zurückziehen.“

Sarah stiegen Tränen in die Augen. Tori drückte ihre Hand, und sie saßen stumm nebeneinander, während der feuerrote Himmel in mattere, pfirsichfarbene Töne überging, dann perlgrau wurde, bis schließlich die Dunkelheit hereinbrach.

„Es ist, als sei man in eine bunte Ansichtskarte eingetaucht“, schwärmte Sarah leise. In stillschweigender Übereinkunft machten sie sich auf den Weg zurück zu ihrer Hütte. Ihre Vertrautheit miteinander erlaubte es, zwischen trauriger und heiterer Stimmung hin und her zu wechseln, ohne dass Missverständnisse entstanden. „Oder wie im Traum.“

Tori lächelte. „Hattest du je einen Traum, der jemand wie Ben einschloss?“

„Klar.“

„Oh. Erzähl mal.“

„Auf keinen Fall. So etwas geht nur mich etwas an, außerdem werden derlei Fantasien sowieso niemals Wirklichkeit … unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, erklärte Tori voller Inbrunst.

Sarah schüttelte den Kopf. „Die Wirklichkeit reicht nie an die Träume heran. Darum sollte man solche Fantasien nicht überbewerten.“

„Du bist nur noch nie wirklich ernsthaft verliebt gewesen, daran liegt es.“

„Niemand bleibt lange genug mit mir zusammen, als dass es bei mir dazu kommen könnte.“

Tori schüttelte heftig den Kopf. „Ach was. Du darfst nur weder etwas erzwingen wollen, noch dich innerlich krampfhaft gegen ein Gefühl stemmen, so wie bei Ben.“

„Aber was hätte ich davon, mich in jemanden zu verlieben, mit dem ich nur eine Woche zusammen sein kann?“

„Es wäre eine gute Übung.“ Tori grinste. „Damit du beim nächsten Mal, wenn du wieder Schmetterlinge im Bauch spürst, gleich erkennst, was mit dir los ist.“

Sarah lachte. „Bei mir wäre schon mehr als ein bisschen Kribbeln nötig, um mich zu überzeugen, mich auf den Mann einzulassen. Wenn du Dr. Dawson haben möchtest, Tori, bitte schön. Aber lass mich mit der Sache in Frieden.“

„Ben scheint sehr daran zu liegen, dass du morgen auf den Rundgang durchs Dorf mitkommst. Er bat mich, dich zu überreden.“

„Er wird darüber hinwegkommen, wenn nur du ihn begleitest.“

„Aber was willst du denn in der Zeit tun?“

„Schwimmen“, sagte Sarah entschieden. „Richtig schwimmen, nicht nur im seichten Wasser herumpaddeln. Vielleicht kraule ich bis zu einer der anderen Inseln, die nur einen Kilometer oder zwei entfernt sind.“

„Aber die Haie …?“

„Ich werde versuchen, ihnen auszuweichen.“

Tori lief es eiskalt den Rücken herunter. „Ich möchte mit keinem Hai Bekanntschaft machen. Ich würde in jedem Fall in der Nähe des Strandes bleiben, um mich in Sicherheit bringen zu können.“

„Du bist aber nicht ich. Und das ist auch gut so. Auf diese Weise kann jede von uns das tun, was ihr Spaß macht, wenn wir morgen etwas getrennt unternehmen. Perfekt. Wir werden beide eine gute Zeit haben. Und wir werden es auch beide überleben, das verspreche ich.“

Tori drehte sich abrupt zu Sarah, als habe sie plötzlich einen Geistesblitz gehabt. „Ben ist der Hai, vor dem du dich fürchtest, Schwesterchen“, sagte sie. „Habe ich recht?“

Sarah lächelte nur. „Wollen wir vor dem Schlafengehen noch rasch eine Runde schwimmen?“

„Im Dunkeln sieht man die Haie nicht.“

„Wir bleiben ganz dicht beim Strand.“

Tori kicherte. „Und werden versuchen, ihnen auszuweichen.“

„Absolut.“

„Ich komme mit. Unter einer Bedingung.“

„Welche?“

„Wenn ich gleich das Risiko eingehe, meinem Hai zu begegnen, dann musst du das Gleiche mit deinem Hai tun – sollte Ben dich noch einmal zu etwas einladen, musst du zusagen.“

„Aber nicht morgen. Da möchte ich wirklich einmal ordentlich schwimmen.“

„Dann das nächste Mal.“

„Abgemacht.“ Es war eine unverfängliche Zusage. Sarah hätte wetten können, dass Ben Dawson bald erkannte, woran er bei ihr war, und sich ein willigeres Opfer suchte. Nach ihrer Absage morgen würde er das Interesse an ihr verlieren und sich auf Tori konzentrieren. Auf diese Weise war Sarah frei, sich fortan entspannt auf die herrliche Insel zu konzentrieren, jede Minute bewusst zu genießen und in dem Paradies unbeschwert Neues zu entdecken.

Idealer konnte es nicht sein.

Das Meer war so ruhig und dazu angenehm kühl, dass es Sarah wie der größte Swimmingpool der Welt vorkam – die besten Voraussetzungen für ihr Vorhaben, zu einer der vorgelagerten Inseln zu schwimmen. Wassertretend beschattete Sarah ihre Augen mit der Hand über der Taucherbrille, um sich zu orientieren und sicherzugehen, dass sie noch immer die gewünschte Richtung ansteuerte.

Zur doppelten Sicherheit hatte sie vorab Nasoya Bescheid gesagt, dem Mann, der in der Ferienanlage die Taucherausrüstungen betreute und bei dem Sarah auch die Maske und Schwimmflossen ausgeliehen hatte. Ihre erste Wahl wäre eine Insel weit draußen gewesen, die sogenannte „Honeymoon“-Insel. Ein winziger Punkt im Pazifischen Ozean mit vier Quadratkilometern Palmenwald und einem durchgehenden Strand. Paare auf Hochzeitsreise konnten sich dort mit einem luxuriösen Picknick absetzen lassen und den Tag in Abgeschiedenheit verbringen, da niemand sonst befugt war, die Insel während dieses Zeitraums zu betreten.

Auch heute war das Eiland für frisch Verheiratete reserviert. Aus diesem Grund steuerte Sarah eine etwas weiter entfernt gelegene größere Insel an. Dort gab es ein Dorf, dessen Bewohner vom Zuckerrohranbau lebten. Nasoya, obschon von Sarahs Energie beeindruckt, war beruhigt gewesen, dass sie dort, sollte sie vom Schwimmen erschöpft sein, für den Rückweg ein Boot mieten konnte. Zur Sicherheit wollte er ihre Ankunft ankündigen.

Nachdem sie fast eine Stunde geschwommen war, konnte Sarah die Brandung am Eingang der Lagune erkennen. Hier und da kam ein Fischerboot in Sicht, und endlich kam der weiße Sandstreifen, Sarahs Zielmarke, in Sicht. Eine Ruhepause in der Sonne, dazu vielleicht eine frisch gepflückte Kokosnuss, die sie aufschlagen konnte, um sich an der aromatischen Milch zu ergötzen – welch herrliche Aussicht.

Doch ihr innerer Friede wurde jäh gestört, als in ihrer Sichtweite ein winziges kanuartiges Boot, das mit drei Kindern an Bord – zwei etwa sechs und neun Jahre alten Jungen und einem ganz kleinen Mädchen – schon eine Weile über die flachen Wellen glitt, plötzlich gefährlich auf eine Seite kippte.

Einige Sekunden konnte Sarah das Geschehen wegen einer größeren Welle vor ihren Augen nicht weiterverfolgen.

Das Nächste, was sie sah, war der Rumpf des mittlerweile gekenterten Bootes.

Sarah erlaubte sich nicht, lange Schrecksekunden vergehen zu lassen. Mit geballten Kräften kraulte sie sofort los.

Der ältere Junge war noch im Wasser und versuchte, dem jüngeren dabei zu helfen, auf den glitschigen Bootsrumpf zu klettern. Er rief laut um Hilfe, und jemand musste ihn über den Lärm der Brandung gehört haben, denn nun kamen gleich mehrere Fischerboote in ihre Richtung gerudert. Wo aber war das dritte Kind?

Sarah schwamm auf das gekenterte Boot zu. „Wo ist das Mädchen?“, rief sie.

Beide Jungen drehten sich um, gaben aber keine Antwort. Vielleicht konnten sie sie nicht verstehen.

Sarah tauchte und schwamm mit kräftigen Zügen weiter. Zum Glück war das Wasser glasklar. Sie erkannte deutlich ein farbiges Korallenriff unter ihr, bizarr geformte Seeanemonen und eine erstaunliche Vielfalt bunter Fische. Sie kamen in Schwärmen an ihr vorbei, und für Momente konnte Sarah kaum etwas anderes sehen. Zwischendurch musste sie auftauchen und tief Luft holen, dann trat sie wieder kräftig mit den Schwimmflossen, um die Tiefen der Lagune zu erreichen.

Beim nächsten Auftauchen sah sie, dass ein Fischer die Jungen inzwischen erreicht hatte und sie ins Boot zog. Ein weiteres Kanu kam heran, und Sarah konnte etliche Inselbewohner am Strand umherlaufen sehen und aufgeregte Stimmen hören. Sie holte Atem und tauchte erneut.

Unter Wasser verharrte sie, drehte sich langsam und suchte mit scharfem Blick systematisch jede Richtung ab. Dabei konzentrierte sie sich besonders auf Stellen, die von Meeresalgen verdeckt waren.

Und dann sah sie sie. Die Kleine trieb genau über dem Korallenstock und wirkte, als schliefe sie – wären da nicht die weit geöffneten Augen gewesen. Sarah war geschockt, doch ein Adrenalinstoß trieb sie vorwärts auf den kleinen Körper zu. Es fiel ihr nicht schwer, ihn an die Wasseroberfläche zu ziehen. Möge es noch nicht zu spät sein, bat sie inständig.

Irgendwie brachte Sarah genügend Energie auf, um in schnellen Zügen, das Mädchen im Rettungsgriff, zum Strand zu schwimmen. Die Inselbewohner verstummten, als sie durch das seichte Wasser gewatet kam und das Kind im Sand ablegte, ihm den Puls fühlte und für einen freien Luftkanal sorgte. Einige Frauen fingen an zu weinen, denn jede Hilfe schien zu spät zu kommen.

Doch welche Erleichterung! Sarah konnte einen schwachen Puls an der Halsschlagader spüren. Rasch wandte sie die Mund-zu-Mund-Beatmung an, dann nahm sie an der gleichen Stelle wie zuvor nochmals den Puls. Zu ihrer Freude war er schon stärker. Da zuckte der schwache Körper. Die dunklen Wimpern bewegten sich, gleichzeitig öffnete das Mädchen den Mund und erbrach einen Schwall Wasser nach dem anderen. Sarah legte das Kind auf die Seite und hielt es fest, bis das Würgen schließlich in jämmerliches Weinen überging. Über all diese Lebenszeichen beglückt, hob Sarah das Mädchen auf ihren Arm und wiegte es.

Dann wurden sie und die geretteten Kinder ins Dorf gebracht. Überall wurden sie laut beklatscht, als sei ein Wunder geschehen. Als das Mädchen in eine warme Decke gehüllt wohlig in den Armen seiner Mutter eingeschlummert war, wurde Sarah alle Aufmerksamkeit der Inselbewohner zuteil. Sie verstand nur wenig von dem, was gesprochen wurde, aber eines war klar – sie hatte sich auf der Insel Freunde fürs Leben gemacht.

Eine Stunde später saß sie mit Blumengirlanden um ihren Hals, einem Stapel Geschenken zu ihren Füßen und mehr zu essen und zu trinken, als sie je würde bewältigen können, zwischen den Einheimischen. Als sie plötzlich Nasoya kommen sah, den jemand informiert hatte und der Sarah nun mit seinem Boot abholen wollte, war sie unendlich erleichtert. Niemals hätte sie den Rückweg schwimmend geschafft. Die Rettung war kräftezehrend gewesen, dazu nervlich aufreibend. Im Augenblick sehnte Sarah sich nach nichts weiter als nach Ruhe und Schlaf.

Nasoya war allerdings nicht allein erschienen. In kurzem Abstand folgten ihm zwei Personen, mit denen Sarah nun wirklich nicht gerechnet hatte: Ben und Tori.

Wortlos fielen sie und Tori sich in die Arme.

„Neuigkeiten verbreiten sich in dieser Gegend wie Lauffeuer“, sagte Ben zu ihr, nachdem sie Tori endlich losgelassen hatte. „Wie fühlt man sich als gefeierte Heldin?“

„Erschöpft.“ Sarah lächelte. „Können Sie die kleine Milika untersuchen? Sie wirkt wohlauf, aber da sie fast ertrunken wäre, könnte sie Wasser in der Lunge haben.“

„Deshalb bin ich hier.“ Ben hielt seinen Arztkoffer hoch. „Ich wollte mich nur zuerst nach Ihrem Befinden erkundigen.“

„Alles bestens“, versicherte Sarah ihm und Tori. „Ich brauche nichts weiter als ein stilles Fleckchen in der Sonne, um mich auszuruhen.“

Wenig später schipperte Nasoyas Boot in atemberaubendem Tempo zu ihrer Ferieninsel zurück. Das Meer war spiegelglatt, nichts deutete mehr auf die jüngsten Turbulenzen. Sarah saß ruhig da, todmüde, aber sehr glücklich. Ben hatte sich Milika angesehen und nichts Ernstes festgestellt.

„Die Kleine hat großes Glück gehabt. Der erste Schluck kaltes Wasser muss einen Krampf im Kehlkopf verursacht haben. Es scheint kein einziger Tropfen in ihre Lunge gelangt zu sein. Dafür hatte sie allerdings reichlich Wasser im Magen.

„Ja – ich habe noch nie ein so kleines Kind so viel erbrechen sehen.“

„Das Wichtigste für das Mädchen ist jetzt viel Ruhe. Genau wie für Sie auch.“ Ben sah Sarah bedachtsam an. Wieso fühlte sie sich von diesem umsichtigen Medizinerblick gerade mehr als angenehm berührt? „Sind Sie sicher, keine Untersuchung zu brauchen?“

Sarah wandte ihr Gesicht ab, denn sie errötete. Und nicht nur, weil ihr die Frage unangenehm war. „Ganz sicher. Ich werde mich heute Nachmittag ausruhen, danach werde ich wieder voll fit sein.“

Nachdem das Boot angelegt hatte, half Tori beim Einsammeln der Geschenke, darunter ein traditioneller Bastrock.

„Darin siehst du bestimmt fabelhaft aus“, sagte sie zu Sarah. „Er ist zauberhaft.“

„Genau das Passende für heute Abend“, fügte Ben lächelnd hinzu.

Sarah drehte sich verwundert zu ihm um. „Wie?“

„Haben Sie nicht bemerkt, wie um Sie herum eifrig geplant wurde? Es wird ein großes Fest geben. Bald wird sich die gute Nachricht bis zu allen Verwandten und Freunden aus den benachbarten Dörfern herumgesprochen haben. Alle werden erscheinen.“

„Ich kann doch nicht einfach daran teilnehmen“, protestierte Sarah. „Es ist ihre Feier.“

„Das Fest wird Ihnen zu Ehren veranstaltet.“ Aus seinen dunklen Augen sah er Sarah durchdringend an. „Sie haben einem Kind das Leben gerettet, Sarah. Die Leute möchten Ihnen dafür ihre Dankbarkeit bekunden.“

„Aber …“

„Man hat bereits ein Schwein geschlachtet“, vermeldete Tori. Sie schüttelte sich. „Ich sah, wie sie das fetteste Tier auswählten und es wegführten.“

„Es wird am Spieß gebraten“, erklärte Ben. „Doch die meisten Gerichte werden in einem traditionellen unterirdischen Ofen gegart, einem lovo. Ein solches Erlebnis wird hier nicht jedem Feriengast zuteil.“

„Aber …“

„Ich hole Sie um sieben Uhr ab.“ Ben hielt Sarahs Blick immer noch fest.

„Sie nehmen auch an dem Fest teil?“ Auf einmal erschien Sarah die Einladung weniger beängstigend.

„Gewiss.“ Ben lächelte, sichtlich mit sich zufrieden. „Man hat mich als Ihren Begleiter auserkoren. Bitte bringen Sie mich nicht in Verlegenheit, indem Sie mich abweisen.“

Tori stieß mit dem Fuß sanft gegen Sarahs Knöchel. „Der Hai …“, flüsterte sie.

„Sagten Sie ‚Hai‘?“ Ben machte ein verdutztes Gesicht. „Vor Haien müssen Sie sich nicht fürchten. Viele Boote werden unterwegs sein.“ Er grinste entwaffnend. „Und Sie müssen die Strecke ja nicht schwimmen.“

„Bin ich auch eingeladen?“, fragte Tori.

„Selbstverständlich“, antwortete Ben, sah aber nach wie vor Sarah an. „Also, kommen Sie mit? Das Fest wäre nur halb so schön ohne den Ehrengast!“

„Meinten Sie eben im Ernst, ich soll den Bastrock anziehen?“

„Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie sind nun Ehrenbürgerin jenes Dorfes. Deshalb werden alle Bewohner sich heute Abend fein machen und wären sicher sehr stolz, wenn Sie in dem Rock erschienen.“

Bens Blick verriet, dass es auch ihm gefallen würde, worauf Sarah wie ferngesteuert nickte.

„Also gut. Dann bis um sieben.“

„Du willst diesen Wickelrock aus Bast doch nicht wirklich anziehen, oder?“ Tori beäugte das exotische Kleidungsstück kritisch. „Wenn du dich darin bewegst, ist es ziemlich durchsichtig …“

„Ich kann etwas darunter anziehen.“ Der mehrstündige Tiefschlaf am Nachmittag hatte Sarah belebt. Nach der Dusche bürstete sie das glänzende feuchte Haar in der Sonne trocken und sah dem vielversprechenden Abend erwartungsvoll entgegen. Die Teilnahme erschien ihr nicht mehr wie eine leidige Pflicht, sondern es war ein wertvolles, seltenes Erlebnis, auf das sie sich voll Neugier freute. „Meinen roten Glockenrock.“

Der wadenlange, hauteng auf Sarahs Hüften sitzende und nach unten hin ausgestellte Rock aus weichem Musselin eignete sich bestens. Er beeinträchtigte in keiner Weise den guten Sitz des Bastrocks. Der bei jeder Bewegung aufblitzende rote „Unterrock“ wirkte neckisch und schuf einen aparten Kontrast zu dem einfachen weißen rückenfreien Oberteil mit Halsträger, das Sarah passend dazu auswählte.

„Ziehst du deine eleganteren Sandalen dazu an oder die Flipflops?“, fragte Tori.

„Ich gehe barfuß.“

„Cool. Das tue ich dann auch. Zumal wir uns die Zehennägel lackiert haben.“

Sarah rückte das Stirnband zurecht, das ihr Haar aus dem Gesicht halten sollte. Dann steckte sie sich eine große karminrote Blüte hinters Ohr. Das linke. Um den Hals legte sie sich einen der vielen Blumenkränze, die man ihr an diesem Morgen geschenkt hatte.

„Du siehst echt wie eine Einheimische aus“, rief Tori entzückt. „Besonders mit deinem offenen Haar. Du solltest es viel öfter so lassen – es steht dir unheimlich gut!“

„Es ist aber wenig praktisch. Und im Dienst darf ich es sowieso nur zusammengebunden tragen.“

„Du bist aber nicht rund um die Uhr im Dienst.“

„Schon klar – auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, als wäre ich es.“ Sarah drehte sich zufrieden vor dem Spiegel. Ihre von Natur aus olivfarbene Haut war binnen weniger Tage auf den Fidschi-Inseln richtig tiefbraun geworden, so sah sie den Inselbewohnern tatsächlich erstaunlich ähnlich. „Ich komme mir etwas verkleidet vor, wie für einen Bühnenauftritt. Doch ich bin entschlossen, jeden Moment zu genießen.“

Das tat Sarah tatsächlich von Anfang an. Als Ben sie pünktlich abholte, genoss sie seinen bewundernden Blick. Er vermittelte ihr das Gefühl, begehrenswert zu sein. Es wirkte auf sie wie Champagner.

Die ungewohnte, berauschende Empfindung wurde durch den Jubel, mit dem die Inselbewohner sie von ihren Kanus aus begrüßten, noch weiter gesteigert. Als sie im Boot mit Ben in der untergehenden Sonne über das Meer auf die Nachbarinsel zuglitt und überall um sie herum Lieder angestimmt wurden, schloss sie die Augen und seufzte vor Entzücken.

Schon als außenstehende Beobachterin wäre es für Sarah ein traumhafter Abend geworden. Doch sie stand ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Nach der Ankunft am Strand wurde sie bis zum Dorfplatz getragen und zu ihrem Ehrenplatz auf einem mit Blumen bestreuten Teppich aus Stroh geleitet, wo die kleine Milika und ihre Mutter bereits warteten, um an Sarahs Seite zu sitzen.

Die köstlichsten Speisen wurden Sarah angeboten, vom Schwein am Bratspieß über gedünsteten Fisch und Gemüse aus dem unterirdischen Ofen bis hin zu Früchten mit dem köstlichsten Aroma, das man sich nur vorstellen konnte. Dazu unterhielten die Dorfbewohner sie mit Gesang, Tanz und sogar einem Lauf über glühende Kohlen. Man konkurrierte um die beste Vorführung. Ein Krug nach dem anderen, gefüllt mit Kava, einem traditionellen Trunk aus den Wurzeln eines Pfeffergewächses, wurde herumgereicht. Sarah nippte an jedem höflich und hoffte, der Alkoholgehalt hielte sich in Grenzen, damit sie das Feiern ohne Kater überstand.

Das Fest wollte kein Ende nehmen, auch dann noch nicht, als Milika auf Sarahs Schoß eingeschlummert und nach Hause getragen worden war. Danach hatte Sarah zu tanzen begonnen. Alle anwesenden jungen Männer und Frauen wollten ihr und auch Tori die Tanzschritte beibringen. Sarah fühlte sich wegen des Kava-Konsums anfangs etwas wacklig auf den Beinen, litt aber dafür unter keinen Hemmungen. Gemeinsam mit den jungen Einheimischen drehte sie sich im Kreis, stampfte rhythmisch auf und wackelte mit den Hüften. Dazu machte sie im flackernden Licht des Feuers graziöse Kreisbewegungen mit den Armen, wobei ihr Bastrock und ihre langen glänzenden schwarzen Haare immer ausgelassener zu den einschlägigen Trommelrhythmen herumwirbelten.

Auf dem Höhepunkt der immer lauter werdenden Festlichkeit drehte Sarah sich ein wenig zu schnell und zu lang um die eigene Achse, verlor die Balance und stolperte. Zum Glück passierte dies am Rande einer großen Gruppe von Leuten, und ein Hibiskusbusch verdeckte ihren Fall, der daher fast unbemerkt blieb.

Doch nur fast. Jemand streckte ihr seine Hände entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen … Ben. Sarah ließ sich auf die Füße ziehen, dann wurde sie von Ben in die Arme geschlossen. Sie legte keinen Protest ein. Ihm so nahe zu sein gehörte mit zum Rausch dieses Abends. Hier stand sie nun, ganz benommen von der ihr zuteilwerdenden Aufmerksamkeit, dem Kavabier und dem überschwänglichen Feiern … in den Armen des – wie sie nun zugab – tollsten Mannes, der ihr je begegnet war.

Dank des dichten Blattwerks waren sie annähernd unsichtbar, und so war es Sarah egal, als sie sich ein klein wenig näher an Ben anschmiegte und den Kopf hob, um ihm in die Augen zu schauen.

Doch zuerst sah sie etwas anderes – seinen Mund. Er wirkte ernst.

Und weich und einladend.

Lud sie mit ihrem Blick seine Lippen zum Näherkommen ein … zum Berühren ihres Mundes? Wenn ja, dann gehörte auch das zum Rausch dieses Abends. Nicht einen Moment länger wollte Sarah sich mit nutzlosen Fragen belasten. Sie schloss die Augen und wartete auf die Berührung seiner Lippen. Und wusste, dass der aufregendste Kuss ihres bisherigen Lebens sie erwartete.

Sie wurde nicht enttäuscht. Die erste flüchtige Berührung war wie der Kontakt mit einem federleichten Schmetterling. Trotzdem lief ein Zittern durch ihren gesamten Körper.

Und Ben spürte es. Es war eine Einladung, die er ohne zu zögern annahm.

Sarah hätte hinterher nicht sagen können, wie lange der Kuss dauerte. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Nichts existierte außer dem Fühlen und Schmecken von Bens Lippen, ihrem Druck und den feinen Zungenbewegungen, die Wellen des Entzückens durch sie hindurchjagten. In ihren Ohren wurde das fröhliche Stimmengewirr der Leute im Hintergrund immer leiser, dafür glich der Rhythmus der Trommeln dem ihres pochenden Herzens und steigerte ihr Wonnegefühl noch zusätzlich.

Ben schloss die Arme fester um Sarah, und sie spürte, wie sich sein muskulöser Körper der Länge nach gegen ihren presste. Es war verrückt. Ein Kuss, und Sarah war bereit, alle Regeln, die sie im Umgang mit Männern hatte, über Bord zu werfen. Bereit, eine bislang streng eingehaltene Grenze zu überschreiten und sich kopfüber in eine Erfahrung zu stürzen, von der sie nie geglaubt hatte, dass sie ihr wirklich ein Genuss sein würde. Sie konnte jetzt nicht aufhören, aber das war egal, denn der Impuls, aufhören zu wollen oder zu sollen, meldete sich nicht mehr.

Wohingegen Ben noch einen klaren Kopf bewahrt zu haben schien. Er zog sich zurück, und so lange konnte die Zeit doch nicht stehen geblieben sein, denn noch immer waren er und Sarah allein und unbemerkt. Ben ließ sie aber nicht sofort los. Nach wie vor spürte sie seine Arme fest um ihre Taille.

„Nein, so etwas“, murmelte Ben. „Sie zeigen sich heute Abend von einer Seite, die Sie sonst am liebsten im Verborgenen halten, habe ich recht, Sarah?“

Die Frage war für Sarah ein jäher Schubs zurück in die Realität. Hatte Ben sie nur geküsst, um zu sehen, ob sie wirklich so zugeknöpft war wie bislang von ihm vermutet?

Sie entzog sich seiner Umarmung. „Oh, mein Gott“, hauchte sie. „Das hätte nicht geschehen sollen.“

„Warum nicht?“ Ben klang erheitert.

„Was soll Tori denken?“

„Ich bin mir sicher, sie versteht es als Teil der ausgelassenen Feier.“

„Das würde sie wohl denken, wenn Sie sie geküsst hätten.“ Kopfschüttelnd trat Sarah einen Schritt zurück und zupfte an dem schief sitzenden Bastrock. „Ich kann nur hoffen, sie hat uns nicht gesehen.“

„In Wirklichkeit geht es gar nicht um Tori, nicht wahr, Sarah?“ Ben stand noch immer recht dicht vor ihr und schob ein paar Haarsträhnen über ihre Schultern nach hinten. Dabei sah er sie eindringlich an. „Ich denke, ich darf frei entscheiden, wen ich küssen möchte, oder?“, sagte er leise.

Sein Blick machte sie unsicher. „Aber Tori findet Sie sehr sympathisch …“

„Und Sie mich etwa nicht, Sarah?“ Etwas Neckendes lag in Bens Stimme. Sie klang so weich und verführerisch, wie seine Lippen sich eben angefühlt hatten. Er zog Sarah wieder näher an sich … und brachte damit ihre ehernen Grundsätze erneut zu Fall. Auf einmal überkam Sarah eine bis dahin unbekannte Sehnsucht.

„Nicht genauso.“ Sie musste fliehen, sich retten und sich vor jedwedem möglichen, noch gefährlicheren Angriff dieses Hais schützen. Selbst wenn es zarte Angriffe wären. „Tori ist meine Schwester, oder so gut wie, außerdem meine beste Freundin. Aus Prinzip nehme ich ihr keinen Mann weg, an dem sie interessiert ist.“

„Aber ich bin nicht an Tori interessiert“, entgegnete Ben lapidar. „Eigentlich an keiner Frau, um es genau zu sagen. Jedenfalls nicht ernsthaft.“ Das war ein glasklarer Rückzug. Womöglich folgte Ben gerade einem Fluchtinstinkt? Er schob einen Zweig des Hibiskusbusches zur Seite, um Sarah wieder in Richtung Feier zu geleiten. „Wenn man so etwas wie unsere Begegnung eben unnötig verkompliziert und nicht mit Spaß genießen kann, ist es allen Aufwand nicht wert“, setzte er nüchtern hinzu. „Vergessen wir es, ja?“

„Gute Idee.“ Sarah richtete sich kerzengerade auf und schritt an Ben vorbei. Sein offenes Bekenntnis hatte ihn nur allzu deutlich entlarvt, und nun wusste Sarah, dass ihr erster Eindruck von ihm sie doch nicht getrogen hatte. Enttäuschung, die sich mit Wut zu mischen begann, vertrieb die Verwirrung, die sein Kuss in ihr ausgelöst hatte. Ben Dawson war gefährlich. Ihm war es einerlei, was andere Menschen fühlten oder ob er sie mit seinem Verhalten verletzen konnte. Sarah wollte sich unter keinen Umständen ihre Urlaubsfreude von ihm trüben lassen, und deshalb konnte sie ihm in einer Hinsicht nur recht geben: Er war keinen Aufwand wert.

Es war jetzt nur wichtig, dass sie auch Tori davon überzeugte.

3. KAPITEL

Wie hatte sie bloß so naiv, so leichtgläubig sein können?

Selbst Tori hatte letzte Nacht vor dem Zubettgehen eingeräumt, dass sie Ben Dawson für einen Schlawiner hielt, der sich an jede Frau heranmachte, die auf seinen ebenso unwiderstehlichen wie oberflächlichen Charme hereinfiel.

„Interessanterweise hast du ihn geküsst und nicht ich.“

Sarah hatte aufgestöhnt. „Ich wünschte, das wäre nicht geschehen.“

„Warum?“ Tori hatte sich die Bettdecke über die nackten Schultern gezogen. „Küsst er nicht gut?“

Sarah hatte das Gesicht verzogen. „Das kann man nun nicht gerade behaupten.“ Nie würde sie diesen Kuss vergessen. Sie hatte eine schreckliche Ahnung verspürt, dass sie nie mehr in ihrem Leben etwas Ähnliches erleben würde, daher ihr Wunsch, er hätte nicht stattgefunden. Im Übrigen musste dieser Doktor Dawson gut küssen können … bei den vielen Gelegenheiten, die ihm dazu geboten wurden!

„Hm“, machte Tori nachdenklich.

Am nächsten Tag beim gemeinsamen Paddelausflug mit Tori musste Sarah feststellen, dass Toris „Hm“ von letzter Nacht ein interessiertes gewesen war.

Ihre Schwester wollte sich offenbar doch mit Ben Dawson einlassen.

Sarah hätte bereits am Morgen aufhorchen sollen, als Tori trotz ihrer Angst vor den Haien vorgeschlagen hatte, zwei Kanus zu mieten und eine der benachbarten unbewohnten kleinen Inseln zu erforschen. Ernsteren Verdacht hätte sie spätestens dann schöpfen sollen, als Tori sich auffallend lange mit Jolame, dem für die Kanus zuständigen jungen Fidschi, unterhielt und sich beim Aussuchen ihrer Boote und Paddel ausführlich diverse empfehlenswerte Ausflugsziele von ihm beschreiben ließ.

Arglos, wie sie war, hatte Sarah nicht weiter darüber nachgedacht, was wirklich in Tori vorging. Zu sehr ließ sie sich von der herrlichen Landschaftskulisse, der Schönheit des sie umgebenden Pazifischen Ozeans und dem Spaß am Paddeln vereinnahmen.

Bis schließlich beim Anblick der auffallend hügeligen Silhouette der Insel, auf die sie zusteuerten, Sarah richtig bewusst wurde, wohin der Hase lief.

„Wir können dort nicht an Land gehen“, sagte sie. „Diese Insel ist in Privatbesitz.“

„Ach ja?“ Toris Überraschung wirkte nicht echt. Auch schien sie nicht einmal zu erwägen, dass sie sich womöglich verfahren hatten.

„Siehst du das Haus? Du kannst nicht einfach auf jemandes Privatgrundstück herumspazieren.“

„Wir probieren die andere Seite der Insel.“

„Als ich gestern losschwamm, wies man mich ausdrücklich darauf hin, bei keiner privaten Insel an Land zu gehen. Sieh …“ Sarah machte mit ihrem Arm eine große Kreisbewegung. „Es gibt hier ein Dutzend Eilande, die meisten davon näher zu unserem Ferienort. Warum willst du ausgerechnet zu diesem?“

Tori blieb stumm.

„Oh nein!“, stöhnte Sarah auf. „Wer ist der Besitzer, Tori?“

„Keine Ahnung.“

„Victoria!“

„Ja, schon gut. Soweit ich weiß, gehört die Insel Ben. Er hat heute frei, vielleicht ist er zu Hause.“

„Wollte er uns zu Besuch haben, hätte er uns eingeladen.“

„Vielleicht wird es eine nette Überraschung.“

„Nein. Wir werden nicht dorthin fahren.“

Ich schon.“ Toris Kanu startete schon in besagte Richtung, als Sarah ihr Paddel quer über Toris schob. Tori stöhnte. „Hör zu, Schwesterherz, er weiß doch nicht, dass wir absichtlich hingepaddelt sind. Auf der anderen Seite der Insel gibt es einen hübschen kleinen Strand. Wenn wir von dort angeschlendert kommen und ihm begegnen, dann ist das nichts weiter als ein netter Zufall, nicht wahr? Hör auf, dich verrückt zu machen. Es ist nichts dabei.“

Sarah gab nach. Sie musste kräftig zulegen, um ihre vorauspaddelnde Begleiterin einzuholen. Das Unternehmen konnte brenzlig werden, würde Sarah sie einfach gewähren lassen. Tori war inzwischen deutlich die körperliche Anstrengung anzusehen. Sie wirkte erschöpft. Vielleicht konnte Sarah, sollten sie beim Betreten des Privatgeländes erwischt werden, die Situation mit der Behauptung entschärfen, sie beide hätten auf ihrer Tour die Orientierung verloren und Tori bräuchte eine Ruhepause, um genügend Kräfte für den Rückweg zum Ferienort zu sammeln.

„Am Strand auf der anderen Inselseite verzehren wir gleich unser Picknick, schwimmen eine Runde, ruhen uns kurz aus und kehren dann um“, sagte Sarah. „Wir werden nicht weiter dort herumlaufen und versuchen, Doktor Dawson zu überraschen.“

„In Ordnung.“ Tori schien sich inzwischen viel mehr Gedanken wegen etwas anderem zu machen. „Um Gottes willen! War da eine Haifischflosse?“

„Wo? Ich sehe keine.“

„Die Wellen da hinten sind ziemlich gewaltig. Was ist, wenn mein Kanu kentert, und da ist tatsächlich ein Hai?“

Sarah schmunzelte über Toris entsetztes Gesicht. „Ein Grund mehr, doch besser gleich umzukehren.“

„Nein, auf keinen Fall!“ Mit neuer Entschlusskraft stieß Tori das Paddel ins Wasser und hielt energisch auf die Brandung zu. Die Wellen sind doch eigentlich überhaupt nicht hoch, redete sie sich gut zu und war dann so mit sich zufrieden, erfolgreich bis fast an ihr Ziel gelangt zu sein, dass sie auf dem letzten Stück zum Strand nicht mehr im Kanu sitzen blieb, sondern schon aufstand. Sarah beobachtete, wie Toris Paddel einen eleganten Bogen durch die Luft beschrieb und, während Tori rückwärts ins seichte Wasser plumpste, in den Sog einer Welle geriet und zurück in Richtung offenes Meer getrieben wurde. Als das herrenlose Kanu dem Paddel zu folgen drohte, tauchte Sarah beherzt ins Wasser und hielt es auf.

„Hoppla.“ Tori watete an den Strand, und gemeinsam mit Sarah zog sie nacheinander beide Kanus an Land. „Mein Paddel hast du nicht retten können?“ Sie biss sich auf die Lippe, als sie Sarahs empörten Blick sah, grinste dann aber überhaupt nicht reumütig. „Hauptsache, der Picknickkorb ist gerettet, oder?“

Sie suchten sich ein Plätzchen im Schatten einer uralten Palme. Der Strand, an dem sie gelandet waren, war von einzigartiger Schönheit. Zu beiden Seiten steil ansteigende Hügel aus dunklem Vulkangestein schienen die Bucht vom Rest der Insel zu trennen. Unter den Palmen wuchsen dichte Büsche, die erst beim Betreten des Strandes sichtbar wurden. Sarahs Anspannung ließ etwas nach. Nun waren sie hier, und es war wirklich ein unwiderstehlich idyllisches Fleckchen Erde, also sollten sie es für die kurze Zeit auch genießen. Den Seufzer der Entspannung, der sich ihr entrang, als sie in den Picknickkorb langte, verstand Tori allerdings wohl eher als Klage.

„Vielleicht wird das Paddel wieder an Land gespült“, versuchte sie Sarah zu trösten.

„Wohl kaum. Ich werde dich heimwärts schleppen müssen. Wir sollten hier ein langes Stück einer kräftigen Kletterpflanze suchen, das uns als Leine dienen kann.“

„Wir könnten auch losgehen und schauen, ob Ben hier irgendwo ein Paddel herumliegen hat.“

„Nein, das lassen wir bleiben.“

Tori blieb stumm, bis sie sich an den frischen Früchten und Sandwichs, die man ihnen vom Buffet mitgegeben hatte, satt gegessen hatten. Dann machte Tori es sich in der Sonne bequem, streifte ihr T-Shirt ab und kramte die Sonnenmilch hervor.

„Daheim wird jeder an meiner Bräune ablesen, dass ich auf einer Tropeninsel Urlaub gemacht habe.“ Sie legte sich auf den Rücken und schloss zufrieden die Augen. „Gehst du jetzt schwimmen?“

„Erst will ich das Picknick etwas verdauen.“ Das Essen, die körperliche Betätigung und die Hitze machten Sarah schläfrig. Im Schatten machte sie es sich mit einem zusammengerollten Handtuch als Kissen im Sand gemütlich. „Bleib nicht zu lange in der Sonne“, rief sie Tori zu. „Du bekommst viel schneller einen Sonnenbrand als ich.“

„Ich passe schon auf.“ Tori rollte sich auf den Bauch. „Allerdings – bekäme ich einen Sonnenbrand, müsste ich einen Arzt aufsuchen, nicht wahr …?“

Mit einem gereizten Aufstöhnen kniff Sarah die Augen zu. Tori verstand die Reaktion sofort und fiel in Schweigen, sodass nur noch das sanfte rhythmische Wellenrauschen zu hören war.

Sarah hatte überhaupt nicht einschlafen wollen und wusste nicht, wie lang sie geschlummert hatte, aber etwas musste ihren sechsten Sinn alarmiert haben, denn plötzlich riss sie die Augen auf … und merkte, dass sie allein am Strand war.

Zuerst dachte sie nervös, Tori sei ins Wasser gegangen. Doch Tori würde niemals im offenen Meer schwimmen, ohne zuvor Sarah zu bitten, vom Land aus wegen der Haie Obacht zu geben. Also konnte Tori nur an Land unterwegs sein. Mit plötzlich beklommenem Gefühl wusste Sarah sofort, was Tori suchte.

Sie sprang auf, suchte erst mit den Augen den Strand ab und folgte dann den Fußspuren im weichen Sand.

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