Logo weiterlesen.de
ROMANA EXKLUSIV, BAND 224

SARAH MORGAN

VERSÖHNUNG UNTER PALMEN

Als Alex Volakis seine Exfrau, die schöne Lauranne, wiedersieht, ist das sinnliche Prickeln so stark wie damals. Sie ist die Einzige, die ihm helfen kann, seine griechische Trauminsel zu bekommen, und bei der Zusammenarbeit erwacht erneut sein Begehren. Doch schon einmal hat er sie in den Armen eines anderen gefunden – kann er ihr jemals wieder trauen?

KATHRYN ROSS

UNTER DEM HIMMEL DER PROVENCE

Mit dem Grundstück der Villa Mirabelle in der Provence hat der erfolgreiche Architekt Raymonde Pascal Großes vor – bis die neue Besitzerin Caitlin ihm den Kopf verdreht. Ray lädt die zarte Schönheit nach Paris ein. Er würde all seine Pläne über den Haufen werfen, wenn es ihm nur gelänge, sie für sich zu gewinnen …

BARBARA MCMAHON

SEHNSUCHT NACH GLÜCK UND LIEBE

Ein Traumjob in seinem spanischen Schloss! Rachel ist überglücklich, als sie Privatsekretärin des Erfolgsautors Luis Alvares wird. Aber während sie ihr Herz an ihn verliert, bleibt der faszinierende Mann zurückhaltend. Braucht Luis denn keine Liebe? Fast scheint es so – und Rachels Gefühle würden für immer unerwidert bleiben …

IMAGE

VERSÖHNUNG UNTER PALMEN

1. KAPITEL

Die Atmosphäre im Konferenzraum schien vor Spannung zu knistern. Die Blicke aller Anwesenden waren auf den Mann an der Stirnseite des Tisches gerichtet.

Alexander Volakis, griechischer Milliardär und Objekt der Begierde Tausender Frauen, lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück. Das kalte Glitzern seiner Augen war das einzige Anzeichen dafür, dass er die erbitterte Diskussion, die soeben entbrannt war, überhaupt verfolgt hatte.

Er war breitschultrig und geradezu unverschämt attraktiv, auf seinem markanten Kinn zeigte sich ein dunkler Bartschatten, der von den endlosen Stunden zeugte, die Alexander für diesen Vertragsabschluss gearbeitet hatte.

Während sie auf sein Urteil warteten, beobachteten ihn die Männer mit Respekt, aber auch Neid, die beiden Frauen im Aufsichtsrat hingegen durchlebten völlig andere Emotionen.

Nach einer kleinen Ewigkeit, wie es den anderen erschien, atmete er schließlich tief durch.

„Ich will diese Insel“, verkündete er trügerisch sanft und ließ den Blick seiner dunklen Augen über die entsetzten Mienen der Frauen und Männer rings um den Tisch gleiten. „Wir suchen also nach einer neuen Lösung.“

„Es gibt keine Lösung“, bemerkte jemand tapfer. „Seit sechsundzwanzig Jahren versuchen alle möglichen Leute, Theo Kouropoulos diese Insel abzukaufen. Der Mann wird nicht verkaufen.“

Alexander senkte die auffallend dicht bewimperten Lider. „Er wird verkaufen.“

Die Aufsichtsratsmitglieder wechselten Blicke der Verzweiflung und fragten sich, wie dieses Wunder zu bewerkstelligen sei.

Am Ende meldete der Anwalt sich zu Wort. „Er würde vielleicht verkaufen …“, nervös ordnete er die Papiere vor sich auf dem Tisch, „… wenn wir Ihr Image ändern könnten.“

Die Spannung am Tisch wuchs.

Alexander betrachtete den Mann eindringlich. Der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen. „Mein Image?“

Der Anwalt fühlte sich offensichtlich immer unbehaglicher. „Vergessen Sie nicht, mit wem Sie es zu tun haben. Theo Kouropoulos ist seit fünfzig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet. Sie haben sechs Kinder und vierzehn Enkel. Er besitzt einen ausgesprochenen Sinn für die Familie, und Blue Cove Island ist ein Paradies für Familien. So, wie die Dinge liegen, hält er Sie nicht für den richtigen Käufer.“ Er atmete tief durch und straffte die Schultern. „Sie sind – ich zitiere wörtlich – ‚ein eiskalter, skrupelloser Geschäftsmann, ein notorischer Frauenheld und besitzen nicht den geringsten Familiensinn‘.“

Alexander zog lediglich eine Braue hoch, um anzudeuten, dass ihm sein Ruf völlig gleichgültig sei.

Alec schaute Hilfe suchend zum kaufmännischen Direktor hinüber. „Kurz – er will Ihnen sein Familienparadies nicht verkaufen. Sie sind anerkannt führend auf dem Gebiet, Ferienkomplexe für Singles und Paare zu schaffen. Sie wissen, was die Gäste von einem traumhaften Urlaub erwarten. Blue Cove Island ist anders als alles, was Sie zuvor in Angriff genommen haben.“

„Sie tragen seinen Aspekt sehr überzeugend vor.“ Alexander spielte versonnen mit einem Kugelschreiber. „Für wen arbeiten Sie eigentlich … für ihn oder für mich?“

Der gefährliche Unterton blieb dem Anwalt natürlich nicht verborgen. Er räusperte sich und fuhr errötend fort: „Wenn Sie diese Insel unbedingt wollen, müssen Sie Ihr Image wechseln. Oder Sie sollten sich eine Ehefrau zulegen.“

Eine Stille, die verriet, dass die Anwesenden sowohl schockiert als auch fasziniert waren, breitete sich in dem großen Raum mit den hohen Fenstern aus, die einen atemberaubenden Blick auf die von der Sonne durchglühten, verstopften Straßen Athens boten. Keine der Personen achtete jedoch auf die Aussicht.

Alle hatten nur Augen für Alexander. Mit angehaltenem Atem warteten sie auf seine Reaktion.

„Ich werde mir keine Ehefrau zulegen“, verkündete er nun seelenruhig.

Nervöses Lachen folgte dieser Aussage, und Alec räusperte sich erneut.

„In diesem Fall schlage ich ein Treffen mit dieser Firma vor, die ich ausfindig gemacht habe.“ Er blätterte die Unterlagen auf dem Tisch durch. „Sie hat ihren Sitz in London, aber da Sie morgen ohnehin geschäftlich dorthin fliegen, können wir mühelos einen Termin arrangieren. Die Agentur ist spezialisiert darauf, Persönlichkeiten oder Unternehmen ins rechte Licht zu rücken und der Öffentlichkeit den gewünschten Eindruck zu vermitteln. Ich finde, Sie sollten zumindest mit den Leuten reden.“

Alexander betrachtete ihn schweigend und kämpfte gegen die ebenso unwillkommenen wie heftigen Emotionen an, die die bloße Erwähnung des Ehestandes ausgelöst hatten. Er hatte diese Gefühle in die hintersten Winkel seiner Seele verbannt, und ihr plötzliches Erwachen schockierte ihn zutiefst.

Eine Ehefrau kam für sein gegenwärtiges Problem keinesfalls in Betracht. Und damit blieb nur die Alternative eines Imagewechsels.

Er presste die Lippen zusammen. Der Gedanke erfüllte ihn mit Widerwillen. Er hatte sich nie für die Meinungen anderer Leute interessiert. Bis jetzt. Nun stellte sein Ruf den Kauf von Blue Cove Island infrage.

Alexander verriet mit keiner Miene, wie wichtig ihm dieser Vertrag war.

Ich will diese Insel.

Er wollte sie seit sechsundzwanzig Jahren, aber er hatte sich geduldet und auf den richtigen Moment gewartet. Und das war jetzt.

„Na gut.“ Er stand auf. Seine Bewegungen waren erstaunlich geschmeidig für einen Mann von seiner athletischen Gestalt. „Ändern wir mein Image.“

„Wir wissen also gar nichts über sie? Nicht einmal den Namen der Firma?“ Lauranne O’Neill blickte auf den Computermonitor und überprüfte noch einmal ihre Präsentation.

„Nichts. Sie sind sehr vorsichtig.“ Mary, ihre persönliche Assistentin, warf ihr einen bedauernden Blick zu und sah sich dann im Konferenzraum um. „Sonderbar, nicht wahr? Der Typ, mit dem ich gesprochen habe, sagte nur, dass sie mit uns reden wollen und alles höchst vertraulich sei.“

Lauranne lächelte spöttisch. „So vertraulich, dass sie uns nicht mal den Firmennamen verraten?“

„Mir ist es egal, wie sie heißen, solange sie gutes Geld bezahlen.“ Ihr Partner Tom kam mit einem Stapel Werbebroschüren unter dem Arm herein. „Sie sind auf dem Weg nach oben. Amanda holt sie vom Empfang ab.“

Amüsiert blickte Lauranne ihn an. „Denkst du eigentlich je an etwas anderes als an die Bilanz, Tom?“

„Nein.“ Er legte die Prospekte auf den Tisch. „Und deshalb ist dieses Unternehmen auch so gesund. Du bist das Gewissen, und ich bin die Registrierkasse.“

Lauranne lachte noch immer, als Amanda, eine ihrer jüngeren Angestellten, mit strahlendem Gesicht hereinkam.

Nach Amandas Reaktion zu urteilen, ist der Kunde berühmt und sehr reich, überlegte Lauranne, während sie ihren engen Rock glättete und sich ein höfliches Lächeln abrang, das sofort verschwand, als sie den Besucher erblickte und schockiert feststellte:

Alexander Volakis!

Atemberaubend attraktiv und voller Selbstvertrauen schlenderte er in den Raum, als würde er ihm gehören, gefolgt von mehreren Männern, die respektvollen Abstand hielten.

Lauranne war sekundenlang wie betäubt, doch dann holte die Vergangenheit sie mit Macht ein, und der Schmerz drohte sie zu überwältigen. Brennender, dunkler Schmerz, der mit der Zeit eigentlich hätte schwächer werden müssen, statt zuzunehmen. Schmerz, der die Schutzwälle durchbrach, die sie zwischen sich und der Welt errichtet hatte. Schmerz, der fünf lange Jahre unterdrückt worden war.

Sie betrachtete seine markanten Züge und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an.

Er hat sich überhaupt nicht verändert.

Er sah noch immer unverschämt gut aus und war durch und durch Grieche. Glänzendes schwarzes Haar, sonnengebräunter Teint, eine aristokratische Nase, ein energisches Kinn, auf dem sich fast immer ein feiner dunkler Bartschatten abzeichnete, und eine beeindruckende Figur, die Frauen den Atem raubte.

Sein Blick aus dunklen Augen erwiderte ihren herausfordernd. Ein Schauer durchrann Lauranne.

Alexander der Jäger.

Er verfolgte sein Opfer mit der gleichen rücksichtslosen Zielstrebigkeit, mit der er seine Konkurrenten auszubooten pflegte. Er war ein Mann, der noch nie eine Niederlage erlitten hatte. Ein Mann, der Millionen riskierte und noch mehr verdiente.

Ein Mann, der die Bedeutung des Wortes „Nein“ nicht kennt.

Aber er wird es lernen müssen, tröstete sie sich. Um keinen Preis der Welt würde sie zu diesem Mann je wieder Ja sagen. Und auf gar keinen Fall wollte sie ihm die Genugtuung verschaffen zu sehen, wie sehr diese Begegnung sie aufwühlte.

Trotzig hob sie das Kinn. „Fahr zur Hölle, Alexander.“

Seine Begleiter schnappten erschrocken nach Luft, doch Alexander zuckte mit keiner Wimper. „Willst du eine persönliche Sache daraus machen?“

„Darauf kannst du wetten. Wie könnte es nicht persönlich sein?“ Nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist. „Du hast das Einfühlungsvermögen einer Atombombe.“ Ihre Blicke begegneten sich erneut. Weder Lauranne noch Alexander achtete auf das Publikum.

Mary stieß einen leisen Schreckenslaut aus und sah zu Tom hinüber, der mit aschfahlem Gesicht in einer Ecke stand.

Einer der Männer aus Alexanders Gruppe trat vor und musterte sie kurz. „Miss O’Neill? Ich bin Alec Trevelyan. Ich bin Anwalt.“ Er lächelte zögernd. „Ich arbeite für Volakis Industries.“

„Hoffentlich ist Ihr Lebenslauf immer aktuell“, konterte Lauranne, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Die Tätigkeit für Volakis Industries ist nämlich eine höchst unsichere Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

Verwirrt und sprachlos zugleich sah der Anwalt seinen Chef an, als könnte ihm dieser die rätselhafte Äußerung erklären. Vergeblich. Alexander blickte weiterhin die Frau ihm gegenüber an und verriet mit keiner Miene seine Gedanken.

Der Anwalt wandte sich erneut Lauranne zu. Offenbar war ihm noch nie zuvor ein solcher Empfang zuteilgeworden. Er räusperte sich verlegen. „Ist Ihnen klar, wer …?“ Er deutete respektvoll, beinahe unterwürfig auf Alexander. „Ich meine … Alexander ist …“

„Ich weiß genau, wer er ist“, unterbrach sie ihn nachdrücklich. „Er ist das Scheusal, das versucht hat, mein Leben zu ruinieren.“ Sie atmete tief durch. „Und außerdem ist er mein Ehemann.“

Ein stechender Schmerz durchzuckte sie, als sie das fassungslose Raunen im Hintergrund hörte. Die Erkenntnis, dass er es ihnen nicht erzählt und seine Ehe mit ihr nicht einmal beiläufig erwähnt hatte, tat unbeschreiblich weh. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen wie ein verwundetes Tier.

Eigentlich hatte sie in den vergangenen fünf Jahren nichts anderes getan.

Sie hatte sich versteckt. Vor der Vergangenheit. Vor ihrer Ehe. Vor ihren Gefühlen.

„Hast du vergessen, das zu erwähnen?“, erkundigte sie sich spöttisch. „Wie nachlässig von dir. Falls du es geheim halten wolltest, hast du dir die falsche Frau ausgesucht. Ich bin nicht bereit, für irgendjemanden das dunkle Geheimnis zu spielen.“

In seinen dunklen Augen flammte ein sonderbarer Ausdruck auf. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, so etwas wie Bewunderung darin zu lesen, doch dann rief sie sich im Stillen zur Ordnung. Alexander bewunderte keine Frauen wie sie. Er bevorzugte scheue, fügsame Geschöpfe, die sich an die Regeln hielten, und das hatte sie nie getan.

Sie war nicht scheu und fügsam schon gar nicht.

Alec lockerte nervös seine Krawatte. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. „Nun ja … Offenbar ist … Ich meine, wir … Miss O’Neill … Ich meine, Mrs Volakis …“ Er verstummte hilflos und blickte verzweifelt zu seinem Boss hinüber.

Aber Alexander sagte kein Wort.

Er beobachtete Lauranne und benutzte das Schweigen als wirkungsvolle Waffe.

Bis alle um ihn her in Angstschweiß ausbrechen, dachte sie wütend.

Lauranne presste die Lippen zusammen und erwiderte seinen Blick. Sie kannte seine Tricks. Wusste, wie geschickt er seinen Gegner manipulieren konnte. Falls er sich einbildete, er könnte sie demütigen, hatte er sich gründlich in ihr getäuscht. Und er hatte sich schon oft in ihr getäuscht.

„Warum bist du hier?“ Sie straffte die Schultern.

Tom räusperte sich und trat einen Schritt vor. „Es handelt sich vermutlich um einen Irrtum. Wir sollten das Treffen beenden und …“

Beim Klang von Toms Stimme änderte sich Alexanders Haltung schlagartig. Blanker Zorn spiegelte sich auf seinen Zügen, und er spannte die Muskeln an. Lauranne spürte, wie seine Ablehnung sich in unverhohlenen Hass verwandelte. Es war, als würde man kurz vor der Eruption in den Krater eines Vulkans blicken.

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Tom. Seine Augen funkelten gefährlich.

Lauranne fühlte sich plötzlich fünf Jahre zurückversetzt.

In seinem exklusiven Designeranzug und mit der Rolex ums Handgelenk mochte Alexander wie der Inbegriff eines kultivierten Geschäftsmannes wirken, aber sie wusste, dass er nicht im Mindesten kultiviert war. Hinter den Statussymbolen, die er mit solcher Nonchalance zur Schau trug, verbarg sich ein Mann mit so altmodischen Ansichten, dass ein Lendenschurz eigentlich das passendere Kleidungsstück für ihn gewesen wäre.

„Alexander, nein …!“ Auf einmal war sie diejenige, die die Wogen glätten wollte. Instinktiv stellte sie sich vor Tom.

„Schützt du ihn noch immer, Lauranne?“ Wut schwang in Alexanders Stimme mit, als er sich zu seinen ahnungslosen Angestellten umdrehte. „Verschwindet. Alle.“

Sein Team starrte ihn schockiert an. Die Leute waren fasziniert und entsetzt zugleich über diesen Temperamentsausbruch eines Mannes, der für seine Selbstbeherrschung berühmt war.

Alec fasste sich als Erster. „Alexander, vielleicht sollten wir …“

„Ich will mit meiner Frau reden.“ Er wandte sich wieder Lauranne zu. „Schick Farrer raus.“

Seine eigenen Mitarbeiter ergriffen so schnell die Flucht, dass sie laut gelacht hätte, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. Mit klopfendem Herzen sah sie Tom an und versuchte, die Atmosphäre zu entspannen.

„Geh“, drängte sie ihn und klammerte sich Halt suchend an eine Stuhllehne. Ihr zitterten die Knie, und ihre Handflächen waren feucht. „Geh einfach! Und Sie auch, Amanda.“

Tom zögerte, den Blick unverwandt auf Alexander gerichtet. „Ich werde dich nicht mit ihm allein lassen.“

Sie sah, dass Alexander die Hände zu Fäusten ballte, sah seine unverhohlene Eifersucht und noch etwas – etwas wesentlich Tieferes, Gefährlicheres.

„Tom …“

Offenbar spürte Tom jetzt die Gefahr selbst und eilte zur Tür, um Alexanders verblüfften Mitarbeitern zu folgen. Auf der Schwelle blieb er stehen und betrachtete seinen Widersacher, als wäre dieser ein Raubtier, das jeden Moment zum tödlichen Sprung ansetzen könnte. „Vergiss nicht, was er getan hat, Lauranne.“

„Sie sind erstaunlich tapfer mit einer Hand auf dem Türknauf, Farrer.“ Alexanders Tonfall war trügerisch sanft, aber seine kaum verhohlene Drohung ließ Tom erblassen.

Die Spannung im Raum hatte inzwischen ein kritisches Stadium erreicht. Voller Panik erinnerte Lauranne sich an den letzten Streit zwischen diesen beiden Männern. Sie war der Anlass für die Auseinandersetzung gewesen. Es war ihre Schuld, dass Alexander Tom hasste. Sie allein war dafür verantwortlich und hatte seither mit dieser Bürde gelebt …

„Hört auf!“, befahl sie mit bebender Stimme. „Alle beide!“ Sie blickte zuerst zu Alexander und dann zu Tom. „Geh! Um Himmels willen, geh! Begreifst du denn nicht, dass du alles nur noch schlimmer machst?“

Mürrisch verließ Tom das Zimmer, und plötzlich waren sie allein.

Alexander ging sofort zum Angriff über und schoss den ersten Pfeil ab. „Du hast eine Firma mit ihm gegründet? Mit Farrer?“

Sie war froh, dass sie durch einen Tisch getrennt waren. Er hinderte sie daran, sich auf Alexander zu stürzen und ihn zu ohrfeigen.

„Ja.“ Da Tom nicht mehr im Raum war, wollte sie ihren Triumph auskosten. Wollte den Tiger reizen und abwarten, wie lange es dauerte, bis er vor Wut außer sich geriet. Es war ein riskantes Spiel, aber sie konnte nicht anders. Er hatte kein Recht, sie einem Kreuzverhör zu unterziehen oder sie mit solch offener Verachtung zu mustern. „Ja, das habe ich. Tom war nett zu mir.“

„Ich weiß ziemlich genau, wie nett er zu dir war, Lauranne“, erwiderte er grimmig. „Ich war nämlich dabei.“

Ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen. „Fang nicht wieder damit an, Alexander. Es ist fünf Jahre her. Wenn du darüber hättest reden wollen, hätten wir es damals tun sollen, aber du hast mich hinausgeworfen. Ich weigere mich, dieses Thema jetzt mit dir zu erörtern.“

„Es gab darüber nichts zu reden“, entgegnete er kalt. „Wenn ein Grieche seine Frau mit einem anderen im Bett überrascht, ist jedes Wort überflüssig.“ Er fluchte in seiner Muttersprache und ging zum Fenster.

Lauranne beobachtete ihn fasziniert. Sie hatte nie verstanden, warum Alexander Volakis den Ruf hatte, eiskalt zu sein. In ihrer Gegenwart war er stets so unberechenbar und heißblütig gewesen, dass man ihn sogar für die Klimaänderung hätte verantwortlich machen können.

„Was willst du hier?“ Ohne den Schutz des Tisches zwischen ihnen betrachtete sie ihn mit Vorsicht, all ihre Sinne waren auf Flucht ausgerichtet. „Warum bist du hergekommen? Es ist fünf Jahre her, dass …“

Fünf Jahre, in denen sie versucht hatte, ihre ebenso kurze wie katastrophale Ehe zu verarbeiten. Fünf Jahre, in denen sie sich bemüht hatte, die Trümmer ihres Lebens zu kitten und zu hoffen, dass der Kleber halten möge.

Alexander wandte ihr den Rücken zu. Ihr Blick fiel auf seinen Nacken und das dunkle Haar, das seinen Kragen berührte. Sein Haar hatte ihr schon immer gefallen. Es war das einzig Weiche an ihm, und sie erinnerte sich genau, wie es sich anfühlte. Seidig. Verführerisch. Wie oft hatte sie ihm die Finger ins Haar geschoben und seinen Kopf umfasst, während sie unter seinen Küssen dahingeschmolzen war?

Energisch verdrängte sie jeden Gedanken an Alexanders beachtliche Fähigkeiten auf diesem Gebiet und konzentrierte sich auf die Gegenwart. „Warum hast du ausgerechnet unsere Firma ausgesucht?“

Endlich drehte er sich um. „Das habe ich nicht.“

Sie lachte bitter. „Du wusstest nicht, dass ich damit zu tun habe, oder? Einer deiner bedauernswerten, ahnungslosen Untergebenen hat meine Agentur empfohlen, und du wusstest nicht, dass ich dahinterstecke.“

„Ich hätte es mir anhand des Namens zusammenreimen müssen.“ Er lächelte ironisch. „Phoenix PR. Hast du dich aus der Asche erhoben, Lauranne?“

Sie errötete. „Und du hast diese Asche geschaffen, Alexander“, erinnerte sie ihn rau. „Du hast mich gefeuert und dafür gesorgt, dass ich keinen neuen Job bekam. Du hast meinen Ruf ruiniert.“

Und er hatte obendrein auf ihrem Herzen herumgetrampelt, doch sie war zu stolz, um ihm das zu erzählen. Er hatte bewiesen, dass er sich nichts aus ihr machte, und sie würde den Teufel tun, auch nur anzudeuten, wie sehr sie ihn geliebt hatte. Er war ein herzloses Monster, und sie hätte sich überhaupt nicht mit ihm einlassen dürfen.

„Offenbar nicht.“ Er schaute sich spöttisch in dem eleganten Konferenzraum um. „Du hast es doch geschafft.“

Es war typisch für Alexander, einen Menschen nach seinem geschäftlichen Erfolg zu beurteilen. Beruflich hatte sie sich zweifellos gefangen, aber in anderen Bereichen ihres Lebens …

Sie fragte sich, was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass sie sich seit fünf Jahren nicht mehr mit einem Mann verabredet hatte. Dass sie jeden Abend so lange arbeitete, bis sie völlig erschöpft war, und dann nach Hause ging, um ins Bett zu sinken. Dass sie Angst hatte, sich zu entspannen, weil sie sonst womöglich von ihren Emotionen überwältigt werden würde. Dass sie nur existieren konnte, solange sie gefühlsmäßig erstarrt und körperlich total ausgelaugt war.

Alexander interessierte sich jedoch nicht für Gefühle. Er hatte gar keine. Er hatte ihre kurze Ehe mit der gleichen Gründlichkeit aus seinem Gedächtnis gelöscht, wie er den Rest seines Lebens organisierte.

Lauranne presste die Lippen zusammen. Durch ihn hatte sie gelernt, ebenfalls keine Empfindungen zu zeigen. Wenn er übers Geschäft reden wollte, würden sie es tun. „Die Firma verdankt ihren Erfolg allein Tom. Er hat sie mit seinen Ersparnissen finanziert und mich eingestellt, als kein anderes Unternehmen mich haben wollte“, erklärte sie. „Ohne ihn hätte ich keine Chance gehabt, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Erwähne seinen Namen nie in meiner Gegenwart“, warnte er sie.

„Nenn mir einen guten Grund dafür.“

„Du hast mir gehört.“ Seine Augen funkelten bedrohlich. „Mir. Und Farrer hat getan, was kein anderer Mann gewagt hätte. Dazu kann ihn nur pure Dummheit bewogen haben.“

„Er hatte keine Ahnung, was für ein Mann du bist.“

„Ich bin Grieche“, verkündete er lässig. „Und griechische Männer wissen, wie sie ihre Frauen behandeln müssen.“

Sie musste nicht erst an seine Herkunft erinnert werden. Seine Abstammung war ein Teil von ihm und zeigte sich in allem, was er tat oder sagte. „Deine Einstellung zu Frauen stammt aus der Steinzeit. Würde Versace Lendenschurze produzieren, würdest du einen tragen.“

„Mir ist nicht aufgefallen, dass du dich beschwert hättest, wenn du nackt unter mir gelegen hast.“ Seine Stimme war tief und sinnlich und schlich sich direkt in Laurannes verwundetes Herz. Die Szene, die er heraufbeschworen hatte, stand allzu deutlich vor ihrem inneren Auge und löste ein höchst unwillkommenes Verlangen in ihr aus.

Die Erkenntnis, dass ein Teil von ihr sich noch immer nach ihm sehnte, erschreckte sie.

„Ich möchte, dass du sofort gehst.“

„Weil du dir selbst noch immer nicht traust, solange ich in der Nähe bin?“

„Weil ich Angst habe, dich zu verletzen, solange du in Reichweite bist“, konterte sie so würdevoll wie möglich. „Miteinander kämpfen konnten wir beide von jeher am besten.“

Spöttisch zog er eine Braue hoch. „Das habe ich anders im Gedächtnis, agape mou. Wir konnten auch viele andere Dinge außerordentlich gut.“

Ihre Blicke begegneten sich, und Lauranne stockte der Atem. Ja, sie erinnerte sich, fühlte …

Verdammt, sie wollte nichts fühlen!

„Geh, Alexander. Geh einfach.“

Aber er ging nicht. Stattdessen kam er auf sie zu.

Sie zwang sich, seinen herausfordernden Blick zu erwidern. Zwang sich, stehen zu bleiben und nicht die Flucht zu ergreifen.

„Du hast mich immer an ein Feuerwerk erinnert“, flüsterte er. „Strahlend, voller Feuer und schön genug, um einem Mann den Atem zu rauben. Und gefährlich im Umgang.“

„Komm näher, und du wirst merken, wie gefährlich. Und hör auf, so zu tun, als hätten wir eine Beziehung gehabt, die dir irgendetwas bedeutet hätte. Für dich war es bloß Sex. Du warst nur an mir interessiert, weil ich dich zurückgewiesen habe.“

„Das stimmt nicht. Ich war an dir interessiert, weil du mich herausgefordert hast. Mit jedem Funkeln deiner blauen Augen und jedem Heben deines zarten Kinns hast du mich herausgefordert.“ Er blieb unmittelbar vor ihr lächelnd stehen. „Es ist allerdings richtig, dass noch keine Frau zuvor je vor mir davongelaufen ist. Das war neu.“

„Du bist unglaublich arrogant.“ Lauranne seufzte resigniert.

Sein Lächeln vertiefte sich. „Ich bin ehrlich. Wir beide wissen doch, dass du dein Spiel mit mir getrieben hast. Du hast mir gehört von dem Moment an, als ich dich auf dem Barhocker gesehen habe. Dein Minirock hat jeden Zentimeter deiner traumhaften Beine entblößt, und das seidige lange Haar fiel dir wie flüssiges Gold über den Rücken.“

Ihr Puls raste, als sie heftig den Kopf schüttelte. „Ich hätte nie mit dir gesprochen, wenn ich gewusst hätte, wer du bist.“

Alexander strich ihr leicht übers Haar. „Du konntest gar nicht anders, Lauranne. Genauso wenig wie ich. Es war stärker als wir beide …“

Und es ist noch immer stärker als wir beide.

Sie war sich seiner Nähe überdeutlich bewusst. Sein unverwechselbarer Duft stieg ihr in die Nase, und seine erotische Ausstrahlung drohte sie zu überwältigen. Er ist so verdammt attraktiv, dachte sie verzweifelt und erinnerte sich, wie er ihr griechische Koseworte zugeraunt hatte, während sie eng umschlungen im warmen Sand gelegen hatten.

Rasch verdrängte sie diesen Gedanken und fragte sich, warum ihr Kopf stets die schönen Momente heraufbeschwor, obwohl er auch unter so vielen hässlichen hätte wählen können.

„Hätte ich geahnt, wer du bist, hätte ich gewusst, dass du Ärger bedeutest. Dein Ruf hätte mich in die Flucht geschlagen.“

Gütiger Himmel, wie konnte sie bloß so empfinden? Nach allem, was er ihr angetan hatte, verspürte sie brennendes Verlangen, und das Blut rann schneller und heißer durch ihre Adern. Es war, als wäre ihr Körper nach fünfjährigem Winterschlaf zu neuem Leben erwacht.

Nur Alexander war das je bei ihr gelungen.

Nur Alexander hatte sie in solche Ekstase versetzt, dass ihr Verstand ausgeschaltet war.

Und dabei hatte er sie noch nicht einmal berührt …

Er war gefährlicher als jede Droge.

„Du warst faszinierend – schüchtern und temperamentvoll. Du fühltest dich in meiner Nähe unbehaglich, aber gleichzeitig warst du aufgeregt und neugierig.“

„Das Unbehagen war berechtigt. Ich hätte weglaufen sollen.“

„Stattdessen hast du mich geheiratet.“

Seine nüchterne Feststellung verschlug ihr sekundenlang die Sprache. Ja, sie hatte ihn geheiratet. Sie hatte sich so rettungslos und leidenschaftlich in ihn verliebt, dass es seit dem Moment ihrer ersten Begegnung mit ihm nur noch ein Wort für sie gegeben hatte: Ja.

„Jeder macht mal Fehler, Alexander.“ Und sie bezahlte immer noch für ihren. „Du bist skrupellos und kaltherzig. Ich glaube nicht, dass du einen Funken Mitgefühl besitzt.“

Ein Muskel zuckte in seinem Kinn, als er sie betrachtete. „Es gibt viele Leute, die dir in diesem Punkt zustimmen würden, und das bringt uns zum eigentlichen Grund meiner Anwesenheit.“

Lauranne erschrak. Sie hatte in ihrem Eifer tatsächlich vergessen, dass es einen Anlass für seinen Besuch geben musste. „Du bist hier, weil deine Angestellten einen schweren Fehler begangen haben“, erinnerte sie ihn ironisch. „Hättest du gewusst, dass ich es bin, wärst du niemals gekommen. Und jetzt kannst du auf dem gleichen Weg wieder verschwinden.“

„Da bin ich anderer Meinung.“ Ein sonderbarer Funke glomm in seinen Augen. „Nach fünf Jahren habe ich endlich eine Verwendung für dich gefunden. Du wirst wieder für mich arbeiten.“

2. KAPITEL

Lauranne sah Alexander verblüfft an. Er wollte, dass sie für ihn arbeitete? Hatte er den Verstand verloren? Hatte er denn alles vergessen, was zwischen ihnen vorgefallen war? Hatte er all die scheußlichen Details vergessen?

Heiße Röte stieg ihr in die Wangen. „Du machst Witze. Ich werde nie wieder für dich arbeiten.“

Völlig unbeeindruckt von ihrer Empörung zog er lächelnd eine Braue hoch. „So?“

Zu spät erkannte sie, dass sie das Falsche gesagt hatte. Eine unverblümte Ablehnung stachelte unweigerlich seinen Ehrgeiz an. Niemand verwehrte Alexander Volakis irgendetwas. Damit bestärkte man ihn lediglich in seinem Wunsch zu gewinnen.

Er vermutete offenbar, dass sie ihn herausfordern wollte. Der Gedanke, dass ihr Überlebenswille sie zu der Weigerung bewogen haben könnte, lag ihm völlig fern.

Sie widerstand dem Impuls, ihn zu ohrfeigen, um das arrogante Lächeln von seinem Gesicht zu vertreiben. „Dies ist keines deiner Spielchen, Alexander. Ich wünschte, du wärst nie hergekommen, aber da du nun einmal hier bist, können wir die Sache ein für alle Mal klären.“ Ihr Herz klopfte wie wild, als sie ihre Entscheidung traf. „Ich will die Scheidung.“

Einen Moment lang herrschte lastendes Schweigen.

„Du willst die Scheidung?“ Alexander klang amüsiert. „Das ist ziemlich plötzlich, agape mou. Nach fünf Jahren willst du auf einmal die Scheidung?“

Fünf Jahre größten Elends. Fünf Jahre, in denen sie sich bemüht hatte, ihre Vergangenheit zu begraben und ein neues Leben zu führen. Es war, als hätte sie versucht, eine tiefe Wunde zu ignorieren und zu hoffen, sie möge von selbst heilen. Aber die Verletzung war nicht geheilt. Vielleicht war eine Scheidung die Lösung.

„Wir haben einen Fehler gemacht, Alexander“, wisperte sie. „Wir sollten ihn korrigieren.“

Versonnen blickte er sie an. „Na gut“, meinte er schließlich. „Erledige diesen Job für mich, und ich werde es in Erwägung ziehen.“

„Nein!“ Sie wollte nicht, dass er davon profitierte. Er sollte gehen, bevor sie die Fassung verlor. „Ich will nicht wieder für dich arbeiten.“

Es tat zu weh, ihn wiederzusehen. Ihm so nahe zu sein.

Ihr wachsender Zorn ließ ihn kalt. „Du führst eine Firma, Lauranne. Kannst du es dir leisten, reiche Klienten abzuweisen?“

„Kein Honorar dieser Welt könnte mich auch nur ansatzweise dazu bewegen, erneut für dich zu arbeiten“, erwiderte sie bitter. „Ein Unternehmen zu betreiben bedeutet nicht nur, Geld damit zu machen.“

Er lachte. „Wenn du so denkst, wundert es mich, dass du noch im Geschäft bist.“

„Ich habe nicht erwartet, dass du mich verstehen würdest. Für dich sind bloß Zahlen wichtig.“

„Was sonst?“

„Menschen. Menschen sind wichtig, Alexander. Menschen haben Gefühle …“ Sie verstummte erschrocken über ihren emotionalen Ausbruch. Warum schmerzte es noch immer? Wer immer den Ausspruch, die Zeit heile alle Wunden, erfunden hatte, war nie in Alexander Volakis verliebt gewesen. Sie merkte, dass die Zeit absolut nichts geheilt hatte. Um sich zu beruhigen, goss sie sich mit zittriger Hand Wasser in ein Glas ein. „Ob du es glaubst oder nicht, als ich mich weigerte, dich zu sehen, wollte ich dich nicht herausfordern.“ Ich wollte mich selbst schützen. „Ich will mit dir nichts zu tun haben und wüsste auch nicht, warum ich wieder für dich arbeiten sollte.“

„Weil ich jemanden brauche, der seinen Job gut macht.“

Lauranne umklammerte das Glas. Warum war er in ihr Leben zurückgekehrt? Und warum reagierte sie so heftig auf ihn? „Wie kommst du darauf, dass ich die Richtige dafür bin?“

„Aus drei Gründen“, erklärte er. „Erstens, weil ich dir ein astronomisches Honorar zahlen werde, das du unmöglich abweisen kannst. Zweitens, weil es keine Scheidung geben wird, falls du nicht das gewünschte Resultat erreichst.“

Sie presste die Lippen zusammen. „Und drittens?“

Alexander lächelte. „Drittens wirst du dich anstrengen, denn wenn du es verdirbst, werde ich dich und Farrer ruinieren.“ Er zuckte die Schultern. „So einfach ist das.“

Das Glas entglitt ihren Fingern und zerbarst auf dem Boden. Wie mein Leben, dachte sie verzweifelt. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Ich scherze nie, wenn es um Arbeit geht. Das solltest du eigentlich wissen.“

Oh ja, sobald es um den Beruf ging, war Alexander geradezu besessen.

Sie probierte es mit einer anderen Taktik. „Du kannst unmöglich wollen, dass ich wieder für dich arbeite. Nicht nach allem, was passiert ist.“

„Vor fünf Jahren hätte ich nicht mit dir zusammen in einem Raum allein sein dürfen“, bestätigte er. „Aber zum Glück habe ich mich seither weiterentwickelt. Du wirst für mich arbeiten, Lauranne.“

Seine ausdruckslose Miene stand in krassem Gegensatz zu Laurannes aufgewühlten Emotionen, und seine überhebliche Annahme, sie würde sich irgendwann seinen Wünschen fügen, steigerte die Spannung im Zimmer ins Unermessliche.

„Du hast mich gefeuert“, erinnerte sie ihn mit bebender Stimme. „Und zwar in aller Öffentlichkeit, und dann hast du meinen Ruf so nachhaltig ruiniert, dass kein anderes Unternehmen mich einstellen wollte.“

Alexander tat ihre Bemerkung mit einem Schulterzucken ab. „Was zwischen uns war, ist Vergangenheit. Zu deinem Glück bin ich bereit zu vergessen, was du getan hast.“

Lauranne traute ihren Ohren kaum. Vergessen? Hatte ihre Ehe ihn so wenig interessiert, dass er vergessen konnte? Bildete er sich tatsächlich ein, sie würde je vergessen? Hatte er wirklich keine Ahnung, was er angerichtet hatte? Wie sehr sie seinetwegen gelitten hatte? Ein Teil von ihr war stolz, dass sie trotz seiner Niedertracht überlebt hatte, und ein Teil von ihr wäre ihm am liebsten an die Kehle gesprungen und hätte ihm das unverschämt gut aussehende Gesicht zerkratzt, um wenigstens eine leichte Reaktion auszulösen.

„Du bist mein Ehemann, und trotzdem hast du versucht, mich zu zerstören“, sagte sie leise. „Du hast ein Gelübde abgelegt, Alexander. Versprechungen gemacht. Aber nichts davon hat dir etwas bedeutet, oder? Du bist im höchsten Maß skrupellos, und an diese Tatsache werde ich mich jeden Tag meines Lebens erinnern.“

Ihre Blicke begegneten sich.

„Du hast mich geärgert.“

Eine simple Feststellung, um Grausamkeit zu rechtfertigen. Er ist durch und durch Grieche, überlegte sie hilflos. Sein sonst so messerscharfer Verstand wird von überwältigender Rachsucht ausgeschaltet.

Alexander kam auf sie zu. Angesichts der unverhohlenen Sinnlichkeit in seinem Blick war sie wie gelähmt, doch ihr verräterischer Körper signalisierte unmissverständlich Verlangen. Hitze breitete sich in ihr aus und drohte sie zu verzehren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die traurige Wahrheit zu akzeptieren: Obwohl sie ihn verabscheute, begehrte sie ihn mit jeder Faser ihres Herzens. Wie konnte sie nur?

Wie konnte ihr Körper noch immer auf diesen Mann reagieren, wenn die Vernunft ihr doch befahl, nichts zu empfinden und zu fliehen? Es war jedoch unmöglich, Alexander Volakis so nahe zu sein und dabei nichts zu spüren. Sie war nach wie vor empfänglich für seine berauschende erotische Ausstrahlung.

Energisch ermahnte sie sich, dass sie vielleicht außerstande sein mochte, ihre Reaktionen auf ihn zu kontrollieren, aber dennoch sehr wohl ihre Handlungen steuern konnte, und sie war zu intelligent, um sich von Gefühlen leiten zu lassen.

Entschlossen, ihre eigene Schwäche zu überwinden, ballte Lauranne die Hände zu Fäusten. „Verschwinde, bevor ich den Sicherheitsdienst rufe.“

Das spöttische Glitzern seiner Augen zeigte, was er von ihrer Drohung hielt. Ihr „Sicherheitsdienst“ bestand aus dem Hausmeister, der sich um die Reinigung des Gebäudes kümmerte und auf dem Papier für die Alarmanlage verantwortlich war. Kein ernst zu nehmender Gegner für Alexander oder gar professionelle Wachleute. Alexander war größer und stattlicher als jeder Mann ihres Bekanntenkreises, und Lauranne wusste aus eigener Erfahrung, dass er sich bei körperlichen Auseinandersetzungen durchaus behaupten konnte.

„Uns beiden ist doch klar, dass dein ‚Sicherheitsdienst‘ für mich keine Herausforderung darstellt.“ Er kam noch näher.

„Ich will, dass du gehst. Es ist mein Ernst, Alexander.“

Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft riss sie den Blick von seinen langen, dunklen Wimpern los und bemühte sich, seinen verführerischen Mund zu ignorieren, dessen Küsse eine Frau verrückt machen konnten. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Schmerz und den Kummer. Auf die Zerstörung ihrer Existenz. Der Mann war ein erbarmungsloser Jäger. Er nahm sich, was ihm gefiel, und zog dann weiter, wobei er seelenruhig über die Trümmer stieg, die er geschaffen hatte.

„Ich habe dir nichts zu sagen“, fuhr sie fort. „Wenn du tatsächlich mit meiner Firma arbeiten willst, solltest du mit Tom reden.“

Falsche Antwort.

Fasziniert und schockiert zugleich beobachtete sie den Wandel, der in ihm vorging.

„Du besitzt die Dreistigkeit, mir vorzuschlagen, ich solle mit ihm reden – obwohl du genau weißt, was ich mit ihm machen würde, sobald er auch nur einen Fuß in dieses Büro setzt? Bist du tatsächlich so dumm?“

Nein. Sie war nicht dumm. Sie hatte bloß vergessen, wie man einen unberechenbaren Griechen behandelte. Die Männer, die sie kannte, waren allesamt gut erzogen und ausgeglichen. Alexander war es jedoch nicht. Er war erschreckend urwüchsig, launisch und so aufbrausend, dass man ihm eigentlich ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht, explosiv“ umhängen müsste.

Aber Lauranne war nicht mehr einundzwanzig und nicht bereit, sich erneut von ihm demütigen zu lassen. „Du schüchterst mich nicht ein, Alexander. Solltest du noch einmal Hand an Tom legen, werde ich … werde ich …“ Sie verstummte hilflos, weil ihr klar wurde, wie lächerlich ihre Drohung klang.

„Du wirst was?“, hakte er verächtlich nach. „Schlägst du noch immer die Schlachten für diesen einfältigen Feigling, Lauranne?“

„Er ist nicht einfältig.“

„Er hat dich hier mit mir allein gelassen“, erinnerte er sie kühl. „Wahrlich keine Heldentat in Anbetracht unserer Vergangenheit. Er sollte hier sein, um seine Geliebte zu schützen.“

„Ich war nie seine Geliebte!“

Nun war es heraus. Sie hatte es gesagt. Diese Worte hätte sie schon vor fünf Jahren aussprechen müssen und hätte es auch getan, wäre sie nicht von ihrem kindischen Stolz und dem Verlangen, es Alexander heimzuzahlen, daran gehindert worden.

Ihre Äußerung hatte jedoch keinen Einfluss auf ihn. Sie kam fünf Jahre zu spät.

„Beleidige nicht meine Intelligenz“, befahl er wütend. „Du warst mit ihm im Bett, obwohl du damals noch meinen Trauring am Finger hattest.“

Lauranne fiel das Atmen schwer. Alexander war Grieche bis ins Mark, und jeder Versuch, ihm die Wahrheit zu sagen, war zwecklos. Im Grunde genommen war es ihre eigene Schuld. Hatte sie nicht die Situation herbeigeführt, um ihn eifersüchtig zu machen? Sie hatte ihn für den Kummer bestrafen wollen, den er ihr zugefügt hatte. Und das war ihr gelungen.

Es ist mir so gut gelungen, dass mir seine Reaktion Angst eingeflößt hat …

Die Situation war so schnell außer Kontrolle geraten, dass Lauranne keine Chance mehr gehabt hatte, die Wahrheit zu gestehen. Dass die Szene, die er beobachtet hatte, als tröstende Geste begonnen hatte. Eine freundschaftliche Umarmung, um den Schmerz zu lindern, nachdem sie entdeckt hatte, dass Alexander keineswegs beabsichtigte, seinen Lebensstil als Playboy zu ändern, nur weil er sie geheiratet hatte.

„Es ist zu spät für Entschuldigungen oder Erklärungen“, fuhr er ungerührt fort. „Du suchst nur nach Ausflüchten, weil du fürchtest, ich könnte deinem Liebhaber etwas antun. Du hast recht. Ich würde ihm am liebsten den Hals umdrehen.“ Seine Augen funkelten gefährlich.

„Alexander …“

„Trotz deines aufreizenden Äußeren warst du bei unserer ersten Begegnung noch unschuldig.“ Er rang sichtlich um Fassung. „Was ist passiert, Lauranne? Wolltest du experimentieren? Musstest du unbedingt herausfinden, wie es mit anderen Männern ist?“

Die Unterstellung traf sie wie ein Schlag. Empört blickte sie ihn an. „Du hast nicht den alleinigen Anspruch auf Abwechslung, Alexander.“ Eine leichtfertige, riskante Bemerkung, die sie gern zurückgenommen hätte.

Alexander Volakis war als Gegner eine schlechte Wahl.

Lauranne fühlte sich unter seinem Blick wie ein Reh, das von hellen Autoscheinwerfern geblendet und hypnotisiert wird. Instinktiv straffte sie die Schultern.

Alexander presste die Lippen zusammen. Ein feindseliger Ausdruck lag plötzlich in seinen Augen. Plötzlich dämmerte ihr, dass sie mit diesem Mann nur über die Vergangenheit reden konnte, wenn er gefesselt war. Er wollte ihr einfach nicht zuhören.

Erst als er sich unvermittelt abwandte, um die Fotos und Urkunden an den Wänden zu studieren, konnte sie wieder frei atmen. Ratlos schaute sie sich um. Eine Flucht war sinnlos, denn er würde ihr den Weg abschneiden, also blieb ihr nichts anderes übrig, als auf seinen nächsten Angriff zu warten.

Er betrachtete neugierig eines ihrer Zertifikate. „Du hast viele Auszeichnungen bekommen …“

„Ich bin gut in meinem Job. Und ich war auch gut in meinem Job, als du mich gefeuert hast.“

Er ignorierte ihre Bemerkung. „Wir waren längst über eine Geschäftsbeziehung hinaus.“

Das war ihr größter Fehler gewesen.

Sie hatte den Boss geheiratet, und mit ihrer Ehe war auch ihre Karriere beendet gewesen.

„Du warst meine Frau und hast mich betrogen“, erklärte er bitter. „Jetzt hast du endlich, was du wolltest. Ein neues Leben mit deinem Liebhaber.“

„Tom ist nicht mein Liebhaber!“

Wäre sie nicht so zornig gewesen, hätte sie laut gelacht. Alexander war ein Mann mit einem brillanten Verstand, sein Zahlengedächtnis war legendär und seine Logik berühmt.

Warum war er so engstirnig, sobald es um sie ging? Wie konnte er zwei und zwei zusammenzählen und auf fünfzig kommen? Wusste er denn nicht, wie sehr sie ihn geliebt hatte?

Lauranne wollte ihm diese Frage stellen, besann sich dann aber anders. Es war zu spät. Zu spät für sie beide. Sie hatten längst den Punkt hinter sich gelassen, an dem Gespräche noch etwas bewirkt hätten. Die Vergangenheit war Geschichte. Lauranne wollte, dass Alexander ebenfalls Geschichte wurde, und je weniger sie sagte, desto besser. Es gab nur eine Ebene, auf der sie je harmoniert hatten, und an diesen Aspekt wollte sie nicht einmal ansatzweise denken. Also schwieg sie und versuchte, seinen nächsten Schritt zu erahnen.

„Ich will Farrer nicht in meiner Nähe haben“, erklärte er. „Du musst wieder für mich arbeiten.“

Nervös befeuchtete sie sich die trockenen Lippen. Seine männliche Ausstrahlung machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Erinnerungen stürmten auf sie ein. Bilder voller Leidenschaft und Erotik …

Die Luft im Zimmer schien vor Spannung zu knistern. Alexander ließ den Blick auf der pulsierenden Ader an Laurannes Hals verweilen, um ihn dann zu der sanften Wölbung ihrer Brüste unter der cremefarbenen Seidenbluse zu lenken.

Weiß er es?

Wusste er, welche Wirkung er auf sie ausübte? Lauranne unterdrückte den Impuls, die Arme schützend um sich zu legen. Hilflos spürte sie, wie die festen Knospen sich steil aufrichteten und Hitze sich in ihr ausbreitete.

Sexuelle Erregung beherrschte die Atmosphäre. Mit einem leisen Fluch in seiner Muttersprache wandte Alexander den Blick von Lauranne ab und brach den Zauber, der sie gefangen hielt.

Natürlich weiß er es. Er hat es immer gewusst. Er hatte ihre Reaktion auf ihn durchschaut, bevor sie sich selbst darüber klar geworden war. Kein Wunder. Ein Mann mit seiner Erfahrung kannte sich mit Frauen aus und verstand es, die Signale richtig zu deuten, mochten sie auch noch so unterschwellig sein. Und dann entschied er über den nächsten Schritt.

„Farrer wäre nie imstande, eine Frau wie dich zu befriedigen.“ Seine unverblümte Feststellung verblüffte sie ebenso wie die darin versteckte Andeutung, dass er, Alexander, der einzige Mann sei, der diese Aufgabe erfüllen könne. „Du würdest ihn mit Haut und Haar verschlingen.“

„Nicht jede Frau ist für dein Machogehabe empfänglich.“ Sie bereute ihre Worte sofort, denn er hatte mit zwei Schritten den Raum durchquert und sie an sich gerissen.

Seufzend gestand sie sich ein, dass sie nach wie vor äußerst verwundbar war, wenn es um Alexander ging.

„Wir sollten deine Theorie überprüfen.“ Den Blick seiner dunklen Augen unverwandt auf sie gerichtet, raunte er etwas auf Griechisch, bevor er den Mund auf ihren presste.

Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, öffnete sie die Lippen und erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich. Sie spielte mit seiner Zunge, während sie ihm die Finger ins seidige schwarze Haar schob.

Es war der wilde, fordernde Kuss eines Mannes, der seine Ansprüche geltend machte, und Lauranne gab sich dem rückhaltlos hin. Sie drängte sich an ihn, um ihm noch näher zu sein.

Wie sehr hatte sie das vermisst! Wie sehr hatte sie ihn vermisst!

Ihre Körper schienen einander wiederzuerkennen und zu verschmelzen. Sie spürte Alexander erschauern. Dann hob er sie auf den Tisch und legte sich ihre Beine um die Taille, sodass sie auf intimste Weise miteinander verbunden waren.

„Nicht empfänglich?“, flüsterte er an ihren Lippen und bewegte sich ein wenig, sodass sie spüren konnte, wie erregt er war. „Weckt er solche Empfindungen in dir, Lauranne?“

Die Lust drohte sie zu überwältigen. Frustriert über die letzten trennenden Barrieren, schmiegte sie sich noch enger an ihn.

Unvermittelt löste er sich von ihr, murmelte einen wüsten Fluch und befreite sich energisch aus ihrer Umklammerung.

Benommen stützte sie sich auf der Tischplatte ab. Ihr Körper pulsierte förmlich vor sexuellem Verlangen, das sie seit fünf Jahren nicht mehr verspürt hatte, und sie begriff nicht, warum Alexander etwas so Vollkommenes unterbrochen hatte. Erst nach einer Weile begann ihr von Leidenschaft umnebeltes Gehirn wieder zu arbeiten. Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt und beschämt.

Er hatte es beendet, weil der Kuss nichts mit Chemie zu tun gehabt hatte, sondern mit Rache. Sie hatte an seinem Ego gerüttelt, und dafür bestrafte er sie.

Was hatte sie angerichtet? Dieser Mann war ihr Feind. Ohne nachzudenken, hatte sie ihn erneut herausgefordert – diesmal bezüglich seiner Sexualität –, und er hatte mit einem zornigen Kuss geantwortet und Leidenschaft zur Rache und nicht zur Verführung benutzt. Von dem Moment an, als seine Lippen ihre berührten, hatte sie sich ihm buchstäblich an den Hals geworfen, überwältigt von einer Begierde, die nur Alexander in ihr zu wecken vermochte.

War sie tatsächlich so oberflächlich?

„Ich hasse dich“, wisperte sie, doch die Worte waren bedeutungslos, denn ihre Lippen glühten noch immer von seinem Kuss, und ihre Augen glänzten sehnsüchtig.

„Das ist mir egal.“ Er entfernte sich von ihr mit der stolzen Haltung eines Mannes, der seinen Standpunkt nachdrücklich klargemacht hatte. „Ich hole dich um halb acht ab. Wir besprechen die Einzelheiten beim Dinner.“

Dinner? Verwirrt sah sie ihn an.

„Was ist?“ Spöttisch zog er eine Braue hoch. „Keine schlagfertige Bemerkung? Keine Weigerung? ‚Nein, du bist der letzte Mann auf Erden, mit dem ich zu Abend essen würde?‘ Es dürfte ziemlich langweilig werden, wenn du so fügsam bist, agape mou.

„Warum beim Dinner?“ Lauranne war kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, so schockiert war sie über ihre Reaktion auf ihn.

Er lächelte. „Trotz deiner Behauptung, nicht empfänglich für mich zu sein, glaube ich, dass wir nur dann eine halbwegs vernünftige Unterhaltung führen können, wenn wir uns in der Öffentlichkeit treffen. Hoffentlich hindert uns das anwesende Publikum daran, unseren Instinkten zu folgen und einander die Kleidung vom Leib zu reißen.“

Es erschütterte sie, dass er sie mit dieser unbestreitbaren Tatsache konfrontierte. Wie hatte sie sich nur so benehmen können? Sie hätte ihn ohrfeigen sollen, aber stattdessen …

„Ich habe absolut keine Schwierigkeiten, dir zu widerstehen“, beteuerte sie rau.

„Natürlich nicht.“

Sein Blick ruhte auf ihren Brüsten, und sofort wurde sie sich der steil aufgerichteten Knospen bewusst, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten – der unleugbare Beweis ihrer Erregung.

Trotzig hob sie das Kinn und besann sich darauf, was ihr noch von ihrem Stolz übrig geblieben war. „Ich will nicht über die Einzelheiten diskutieren. Ich habe dir nichts zu sagen, Alexander, weder privat noch in der Öffentlichkeit.“

„Dann übernehme ich das Reden.“ Völlig unbeeindruckt von ihrem Protest ging er zur Tür. Als er sich umwandte, lag ein gefährliches Funkeln in seinen Augen. „Noch ein guter Rat von mir …“, seine Stimme klang trügerisch sanft, „… wenn du einen harmonischen Abend verleben möchtest, solltest du Farrer mit keiner Silbe erwähnen.“

Harmonisch? Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Konnte ein Abend mit Alexander je harmonisch sein? Er war der unberechenbarste Mensch, den sie kannte.

„Ich werde gar nichts erwähnen, weil ich mich nicht mit dir treffen werde.“

Sie maßen einander mit Blicken. Die Atmosphäre war feindselig und äußerst gereizt.

„Spiel nicht mit mir, Lauranne“, warnte er. „Der Einsatz ist hoch. Halb acht. Du weißt genau, dass ich dich finden werde, wenn du nicht kommst.“ Dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Sie schaute ihm hinterher, unsicher, ob sie schreien oder weinen sollte. Fünf Jahre lang hatte sie erfolgreich ihre Vergangenheit verdrängt. Sie hatte es geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen. Und dann war Alexander mit seinen glühenden dunklen Augen und seiner Arroganz zurückgekehrt, und all ihre Bemühungen, die gemeinsame Zeit und ihre Ehe zu vergessen, erwiesen sich als zwecklos. Ein einziger stürmischer Kuss hatte genügt, um ihre Emotionen zu befreien.

Als Alexander den Raum betreten hatte, war sie außer sich vor Zorn gewesen, aber eigentlich hätte sie das schon vor fünf Jahren sein müssen. Damals war sie jedoch zu erschöpft und verzweifelt gewesen, um sich gegen seine Anschuldigungen zu verteidigen.

Jetzt wusste sie, wer er war und wie er war … Sie wusste, dass Alexander Volakis keine sanfte Seite besaß. Aber all das hatte schlagartig an Bedeutung verloren, als er sie küsste. Sie hatte alles vergessen, außer der Wärme seiner Lippen, dem sinnlichen Spiel seiner Zunge und dem spürbaren Beweis seiner Erregung. Und ihr eigener verräterischer Körper hatte mit einer geradezu demütigenden Gier reagiert, die einem so erfahrenen Mann wie Alexander nicht entgehen konnte.

Lauranne glitt vom Tisch und glättete ihre Kleidung. Sie wünschte, sie könnte ihre Gefühle ebenso mühelos ordnen. Die Erkenntnis, dass er noch immer eine so starke Wirkung auf sie ausübte, deprimierte sie.

Eigentlich ist es egal, ob er in eine Scheidung einwilligt oder nicht, dachte sie. Was sie miteinander verband, war so stark, dass auch alle Anwälte dieser Welt nicht imstande wären, dieser Magie ein Ende zu bereiten. Es gab nur eine Lösung: Sie musste sich von ihm fernhalten.

Wenn er erst merkte, dass er sie zu nichts zwingen konnte, würde er sie in Ruhe lassen. Nachdem sie in Gedanken die Liste ihrer Kunden durchgegangen war, gelangte sie zu dem Schluss, dass er ihre Firma nicht ruinieren konnte. Er bluffte bloß. Versuchte, sie einzuschüchtern, damit sie sich seinen Wünschen fügte.

Sie würde nicht mit ihm zu Abend essen. Sie würde ihn auch nie wiedersehen. Wenn er um halb acht hier eintraf, um sie abzuholen, würde sie nicht hier sein. Sie kannte ihn zwar gut genug, um zu wissen, dass er sie finden würde, aber ihm sollte auch klar sein, dass sie es ihm nicht leicht machen würde.

Falls er sich einbildete, er brauche bloß an die Tür zu klopfen, und sie würde ihm entgegeneilen, stand ihm ein langer, enttäuschender Abend bevor.

3. KAPITEL

Alexander stieg in seinen Sportwagen. Er ärgerte sich über sich selbst und verwünschte seinen Mangel an Selbstbeherrschung.

Was, zum Teufel, war in ihn gefahren? Er warf die Akte über Phoenix PR auf den Beifahrersitz, während der Rest seines Teams und die Leibwächter hastig in die hinter seinem Auto geparkte Limousine kletterten. Um ein Haar hätte er Lauranne auf dem Konferenztisch genommen, so hatte er sich noch nie aufgeführt. Er war ein Mann, der sich seiner Selbstdisziplin rühmte und stolz darauf war, sich bei seinen Entscheidungen nie von Emotionen beeinflussen zu lassen.

Aber Lauranne schaffte es, die primitivsten Instinkte in ihm zu wecken, sodass er sich kaum selbst wiedererkannte.

Ich wollte sie bestrafen …

Es war der Schock, sie wiederzusehen, tröstete er sich. Er hatte nicht damit gerechnet, ihr zu begegnen. Und auf gar keinen Fall hatte er erwartet, Farrer zu treffen.

Er war von dem Wunsch getrieben worden, Farrers Namen aus ihrem Wortschatz zu verbannen und Ansprüche anzumelden, die gar nicht existierten. In dem Moment, als er ihre weichen Lippen unter seinen gespürt hatte, war er verloren gewesen, überwältigt von einem hemmungslosen Verlangen, das er mit keiner anderen Frau außer Lauranne O’Neill je erlebt hatte.

Lauranne … Der größte Irrtum seines Lebens. Wie zum Hohn erschien ein Bild vor seinem geistigen Auge. Die Vision von honigblondem Haar und einem sinnlichen Mund, den ein verführerisches Lächeln umspielte, das jeden Mann um den Verstand gebracht hätte.

Lauranne mit ihren kurzen Miniröcken, den schier endlosen, sonnengebräunten Beinen und dem leidenschaftlichen Naturell.

Alexander lachte bitter. Den größten Teil seines Lebens hatte er beobachtet, wie sein Vater sich wegen unzähliger Frauen zum Narren machte, und sich geschworen, nie den gleichen Fehler zu begehen. Er hatte um keinen Preis der Welt heiraten wollen. Er war nicht so dumm.

Aber dann war er Lauranne begegnet …

Aufstöhnend lehnte er sich in seinem Sitz zurück. Er meinte noch ihren Mund auf seinem zu spüren. Sie waren vom ersten Moment an von heißem Verlangen nacheinander überwältigt worden. Das gegenseitige Begehren war so heftig gewesen, dass er das getan hatte, was er immer hatte vermeiden wollen.

Er hatte sie geheiratet. Und bis zum heutigen Tag wusste er nicht, warum.

Alexander schlug die Mappe auf, die sein Anwalt ihm gegeben hatte, und betrachtete mit klopfendem Herzen das Foto auf der ersten Seite.

Hätte ich mir früher die Mühe gemacht, die Informationen zu sichten, würde ich jetzt nicht unter seelischem und sexuellem Frust leiden, überlegte er resigniert und beschloss, künftig jede Firma zu überprüfen, die sein Anwalt ihm empfahl. Hätte er geahnt, dass Lauranne sein Gesprächspartner sein sollte, hätte er diesem Termin nie zugestimmt.

Oder doch?

Angesichts dieser unglaublich blauen Augen reagierte sein Körper prompt und unmissverständlich. Alexander presste die Lippen zusammen. So war es mit dieser Frau immer gewesen. Seit er zum ersten Mal beobachtet hatte, wie sie an der Strandbar einen Cocktail trank und ein langes, sonnengebräuntes Bein vom Barhocker baumeln ließ, hatte er an ihrem Haken gezappelt. Mein Ruf als kühler Geschäftsmann rührt jedenfalls nicht von dieser Gelegenheit her, dachte er selbstironisch. Im Gegenteil, er war so wild nach ihr gewesen, dass er alle Tricks angewandt hatte, um sie dorthin zu locken, wo er sie haben wollte. In seinem Bett.

Seine gesamte Beziehung zu Lauranne war ein nicht enden wollender erotischer Rausch gewesen. Er hatte ihre Weiblichkeit geweckt, und ihr war es gelungen, seine einfühlsame Seite zu entdecken. Bis dahin hatte er nicht einmal gewusst, dass er eine einfühlsame Seite hatte, aber Lauranne hatte sich in Bereiche seines Wesens geschlichen, die zuvor für alle Frauen tabu gewesen waren, egal, wie schön oder raffiniert sie im Bett gewesen sein mochten.

Alexander studierte das geschäftsmäßige Bild der Frau, die er einmal so intim gekannt hatte, wie ein Mann eine Frau nur kennen konnte. Er war ihr erster Liebhaber gewesen, was ihm eine Befriedigung verschafft hatte, die nur ein konservativer Grieche wirklich nachvollziehen konnte.

Sie hatte ihm gehört. Er hatte sie gehalten, als sie unter ihm erbebt war, hatte ihre verzückten Schreie mit seinen Küssen erstickt, als er sie zum ersten Mal in ihrem Leben in die Freuden körperlicher Liebe eingeweiht hatte.

Und er war unerbittlich gewesen, als er ihre Untreue entdeckt hatte. Die Erfahrungen seines Vaters mit Frauen hätten ihn eigentlich auf die Enttäuschung vorbereiten müssen, aber die Emotionen, die auf ihn eingestürmt waren, hatten ihn durch ihre Intensität schockiert. Die Situation war außer Kontrolle geraten, und dieses Gefühl war ihm zuwider. Er hatte gewollt, dass sie aus seinem Leben verschwand, bevor er sich zu einer noch größeren Dummheit als der Ehe mit ihr hinreißen ließ.

Zum Beispiel dazu, ihr zu verzeihen.

Rasch überflog er den Rest des Dossiers. In den fünf Jahren seit ihrer letzten Begegnung hatte Lauranne Erstaunliches erreicht. Trotz seines Ärgers über sie bewunderte er im Stillen, wie sie aus den Trümmern einer Karriere, die er persönlich zerstört hatte, ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hatte.

Eigentlich war das nicht überraschend. Sie besaß seltene Tugenden, Eigenschaften, die ihn von der ersten Sekunde ihrer Bekanntschaft an fasziniert hatten.

An Lauranne war alles außergewöhnlich. Ihre Intelligenz, ihre Schlagfertigkeit und ihr schimmerndes blondes Haar, das sich jedes Mal wie ein seidiges Netz um ihn geschlungen hatte, wenn sie einander liebten. Das Zusammensein mit Lauranne war wie ein Blick in die grelle Sonne. Man war geblendet und benommen.

Und nun wollte sie die Scheidung.

Er hatte nie auch nur einen Gedanken an Scheidung verschwendet, bevor sie es erwähnt hatte. Er hatte einfach die ganze Episode aus seinem Gedächtnis verdrängt und sein Leben fortgesetzt.

Zutiefst verärgert über die starken Emotionen, die die bloße Erinnerung an Lauranne hervorrief, schlug er die Mappe zu. Fluchend fädelte er sich in den Verkehr ein und fuhr zu seinem Büro. Er brauchte eine kalte Dusche. Eine sehr, sehr kalte Dusche. Vielleicht hatte er danach seine Gelüste und seinen Verstand wieder im Griff.

„Ich habe meinen Augen kaum getraut, als er ins Zimmer kam.“ Tom blickte Lauranne vorwurfsvoll an. „Du hast ihn hoffentlich rausgeworfen.“

Sie dachte an Alexanders knapp eins neunzig große, muskulöse Gestalt. „Nein.“

Tom ging vor ihrem Tisch auf und ab. „Ich brauche eine Zigarette.“

„Du hast vor einem halben Jahr mit dem Rauchen aufgehört“, erinnerte sie ihn sanft.

Tom verzog das Gesicht. „Falls Volakis in unser Leben zurückkehrt, werde ich damit verdammt schnell wieder anfangen.“ Er war blass. „Bitte sag mir, dass ihr beide nicht mehr verheiratet seid und dass es nur eines eurer Spielchen war. Mich hätte fast der Schlag getroffen, als du ihn in frostigem Ton ‚meinen Ehemann‘ genannt hast.“

Lauranne schloss kurz die Augen. „Das war kein Spiel.“

Er blieb kopfschüttelnd stehen und blickte sie ungläubig an. „Oh nein. Nein, nein, nein. Du willst doch nicht etwa behaupten, ihr wärt noch immer verheiratet …“

Sie nickte und schluckte zwei Aspirin, um die Kopfschmerzen zu bekämpfen, die sie seit der Begegnung mit Alexander quälten.

„Hast du denn nicht die Scheidung eingereicht?“

Lauranne biss sich auf die Lippe. „Ich konnte mich nicht dazu entschließen.“

„Du konntest dich nicht dazu entschließen?“ Tom starrte sie an. „Warum nicht, zum Teufel?“

Weil sie jedes einzelne ihrer Ehegelöbnisse ernst genommen hatte. Weil sie mit der Scheidung das Ende ihrer Beziehung hätte akzeptieren müssen, und dazu war sie einfach nicht imstande.

„Weil ich nicht darüber nachdenken wollte.“

Tom seufzte. „Und Volakis? Welche Ausrede hat er?“

„Wahrscheinlich hat er vergessen, dass er überhaupt mit mir verheiratet war.“

„Fabelhaft. Juristisch betrachtet bist du also immer noch mit ihm verheiratet.“ Er atmete tief durch. „Was wollte er? Abgesehen von seinem Wunsch nach Gewalttätigkeiten, die ja sein liebster Zeitvertreib sind, wenn ich mich recht erinnere.“

Lauranne faltete die Hände im Schoß, um das Beben ihrer Finger zu verbergen. „Er will, dass ich für ihn arbeite.“

Tom stieß einen verächtlichen Laut aus. „Du machst Witze.“

„Ich wünschte, es wäre so.“

„Du hast natürlich abgelehnt, oder?“ Er fuhr sich durchs bereits zerzauste Haar. „Vergiss nicht, er ist der Mann, der dir das Herz gebrochen hat. Er hat mit einer anderen Frau geschlafen, dir den Job genommen, der dir alles bedeutet hat, und alles in seiner Macht Stehende getan, um zu verhindern, dass du einen neuen findest.“

Sie senkte den Kopf. „Das weiß ich, und ich bin nicht …“

„Doch, das bist du“, unterbrach er sie. „Ich kenne dich genau und weiß, was du für ihn empfunden hast. Ich weiß auch, dass es seit eurer Trennung keinen Mann mehr in deinem Leben gegeben hat. Und allmählich frage ich mich, warum du dich nicht zu einer Scheidung entschließen kannst.“

„Tom …“

„Du träumst noch immer von ihm, oder?“

Lauranne wollte es vehement leugnen, brachte jedoch kein Wort über die Lippen.

Er stöhnte auf. „Mach dir keine Illusionen. Alexander Volakis bedeutet Ärger. Vielleicht wäre er früher oder später ohnehin in dein Leben zurückgekehrt, aber dann wäre er auch wieder daraus verschwunden – nachdem er dich endgültig zerstört hätte.“

Sie zuckte zusammen. „Das ist mir klar. Ich würde niemals …“

„Unsinn“, erklärte er unverblümt. „Du kannst gar nicht anders, und er kann es auch nicht. Es ist, als würde man die Entstehung einer Naturkatastrophe beobachten. Hat er dich geküsst?“

Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, und Tom fluchte leise.

„Ich wusste es!“ Resigniert hob er die Hände. „Ihr beide könnt nicht in einem Raum sein, ohne euch die Sachen vom Leib zu reißen!“

„Tom, bitte …“

„Lass uns eines klarstellen. Ich werde es nicht wieder tun! Ich werde nicht mit ansehen, wie du es noch einmal durchmachst, Lauranne. Sechs Monate lang warst du ein emotionales Wrack. Ich musste dich jeden Morgen aus dem Bett zerren. Ich bin dein bester Freund, aber dieser Kerl hat dich fast umgebracht. Ich habe dich Stück für Stück wieder zusammengesetzt, aber ein zweites Mal kann ich es nicht.“

„Ich habe dich nicht darum gebeten“, flüsterte sie, während die Erinnerungen sie zu überwältigen drohten. „Ich habe ihn auch nicht gebeten herzukommen. Er ist einfach hereingeplatzt und hat alles an sich gerissen.“

„Der griechische Eroberer“, meinte Tom bitter und schlug wütend mit der Faust gegen die Wand. „Du hättest ihn zum Teufel schicken sollen.“

„Das habe ich doch probiert. Sein Hörvermögen scheint ernstlich gelitten zu haben.“ Ihr Versuch zu scherzen scheiterte kläglich.

„Lass dich scheiden, Lauranne. Du hast unzählige gute Gründe. Unvernünftiges Verhalten … Ehebruch – oder hast du den Ehebruch vergessen?“

Sie schüttelte den Kopf. Natürlich hatte sie nichts vergessen. Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sie nicht gewusst, was echter Schmerz ist.

„Und was nun?“, fragte Tom. „Wenn ich nicht irre, ist er gerade in seinem schicken Wagen die Straße entlanggerast. Kommt er zurück?“

Lauranne zögerte. „Er holt mich um halb acht ab, um das Geschäftliche beim Dinner zu besprechen.“

„Dinner? Als ich den Typ das letzte Mal gesehen habe, waren wir beide sein Abendessen. Hauptgang und Dessert. Er ist ein Jäger, Lauranne, und wenn du ihm traust, bist du eine Närrin.“

„Ich traue ihm nicht.“

„Dieser Mann hat mich ins Krankenhaus gebracht.“

Die Erinnerung ließ sie schaudern. Sie hatte solche Angst gehabt. Angst vor dem, was sie heraufbeschworen hatte. Wenn ich Tom nicht geküsst hätte … „Ich weiß. Aber er ist Grieche und hat uns beide zusammen gesehen. Er ist sehr besitzergreifend …“ Warum, um alles in der Welt, versuchte sie, Alexander zu entschuldigen?

Nach seinem schockierten Gesichtsausdruck zu urteilen, fragte Tom sich das Gleiche. „Besitzergreifend? Du meinst, jähzornig. Genügt es, Grieche zu sein, um dir den Verstand zu rauben? Der Mann ist angeblich hochintelligent. Bei näherer Betrachtung hätte ihm auffallen müssen, dass du geweint hast. Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, bricht sie normalerweise nicht in Tränen aus.“

„Aber er hat mich mit dir auf dem Bett erwischt“, wandte Lauranne ein.

„Nun ja“, räumte er widerstrebend ein. „Das war zum Teil meine Schuld. Ich hatte mit ein paar Gästen getrunken, und dann bist du aufgetaucht. Du hast so verletzlich gewirkt und … Verdammt!“

„Schon gut.“ Besänftigend legte sie ihm eine Hand auf den Arm. „Wir wissen beide, dass der Alkohol dich so mutig gemacht hat. Wir waren immer nur Freunde, nicht wahr?“

Tom seufzte. „Ich habe schon vor langer Zeit begriffen, dass es auf Erden nur einen Mann für dich gibt. Deshalb habe ich alle Hoffnungen auf dich begraben und mir anderweitig ein Liebesleben aufgebaut.“

Lauranne lächelte wehmütig. „Schön, dass es wenigstens einem von uns gelungen ist.“ Sie wurde wieder ernst. „Es ist meine Schuld, dass Alexander dich hasst. Als er uns damals überrascht hat – ich hätte dich ohrfeigen können, wenn ich es gewollt hätte, aber als ich aufblickte und Alexander sah, dachte ich bloß noch an Rache. Es war wirklich meine Schuld. Ich hätte ihn nicht eifersüchtig machen dürfen.“

Sie hatte sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen, aber sie hatte auch nicht klar gedacht, sondern war von der Entdeckung berauscht gewesen, dass sie genauso dickköpfig und eifersüchtig sein konnte wie Alexander.

„Tu uns allen einen Gefallen, und mach ihn nicht wieder eifersüchtig“, bat Tom. „Hast du seinen Gesichtsausdruck bemerkt, als er mich heute erblickt hat? Ich dachte, ich müsste sofort tot umfallen.“

Ehe Lauranne antworten konnte, kam Mary atemlos hereingestürmt. „Das war Alexander Volakis! Der griechische Wunderknabe … hier … in unserem Büro!“ Sie blickte Lauranne mit großen Augen an. „Sie sind mit ihm verheiratet?“

„Nur dem Namen nach“, erwiderte Lauranne nun ziemlich ausweichend.

Mary schüttelte den Kopf. „Ich habe noch nie erlebt, dass Sie so mit einem Kunden sprechen.“

„Er ist kein Kunde“, erklärte Lauranne kühl.

Verwirrt schaute Mary zu Tom. „Er ist wahrscheinlich der reichste Mann der Welt. Sie beide lieben doch solche Herausforderungen“, protestierte sie. „Alle halten Volakis für kalt und skrupellos. Sie hätten die einmalige Chance zu beweisen, dass sich unter seiner harten Schale ein mitfühlendes Herz verbirgt.“

Wäre es nicht so schmerzlich gewesen, hätte Lauranne laut gelacht. Ein mitfühlendes Herz?

Alexander hatte ihr Leben ruiniert. Er hatte ihr die unschuldigen Träume genommen und sie mit der gleichen Erbarmungslosigkeit zerstört, die er bei seinen Geschäften an den Tag legte.

Er hat nicht an mich geglaubt.

Es tat weh, aber dennoch durfte sie nicht vergessen, was sie seit jenem verhängnisvollen Sommer vor fünf Jahren erreicht hatte. Und diesen Erfolg würde sie sich nicht durch einen einzigen Kuss nehmen lassen, und sei er auch noch so leidenschaftlich.

„Alexander Volakis hat kein Herz. Er ist genau so, wie man ihn in der Presse beschreibt“, sagte sie nachdrücklich. „Er ist unerbittlich und rücksichtslos, und weder ich noch sonst jemand könnte etwas an seinem Image ändern.“

„Ich fasse es einfach nicht, dass Sie ihn kennen“, flüsterte Mary ehrfürchtig.

Lauranne verdrängte die aufsteigenden Tränen. „Ich habe ihn nie gekannt.“ Sie hatte zwar gedacht, ihn zu kennen, aber dann war ihr in demütigender Weise das Gegenteil bewiesen worden.

Noch heute ließ ihre Naivität sie erröten. Wie hatte sie sich je einbilden können, ein so erfahrener und weltgewandter Mann wie Alexander Volakis könnte mehr von ihr wollen als einen flüchtigen Flirt? Wie hatte sie sich einreden können, dass die Affäre mehr bedeutete als aufregenden Sex? Er war durch und durch Grieche. Seine Vorstellung von einer Beziehung unterschied sich grundlegend von Laurannes. Er glaubte noch immer an unschuldige Bräute, Geliebte und Rache für Missetaten.

Rache …

Lauranne wurde blass, als sie daran dachte, wie gnadenlos er sie behandelt hatte. Er war kalt und unnahbar gewesen und hatte sich geweigert, sie anzuhören. Es war, als hätten sie einander nie gekannt. Was Alexander betraf, so hatte sie ihn betrogen, und damit war für ihn die Sache beendet. Erklärungen interessierten ihn nicht.

Seine abweisende Haltung hatte sie so sehr geschmerzt, dass sie gemeint hatte, vor Kummer sterben zu müssen.

Aber sie war nicht gestorben. Sie war noch immer hier und würde nicht dulden, dass Alexander Volakis ihr Leben zum zweiten Mal zerstörte.

Tom sah sie prüfend an. „Willst du etwa um halb acht hier sein?“

„Nein.“ Ihr Puls raste, als sie sich an seine Warnung erinnerte, sie überall aufzuspüren. Wenn Alexander eine Verfolgungsjagd wollte, sollte er sie haben.

Tom entspannte sich. „Geh nicht nach Hause“, riet er. „Dort wärst du zu leicht zu finden. Am besten tauchst du in London unter. Geh spazieren. Such dir eine Bar in einem Stadtteil, in dem ein versnobter griechischer Milliardär sich nie blicken lassen würde. Kauf dir eine Perücke. Färb deine Haare. Nimm vierzig Kilo zu. Verbring ein paar Nächte in einem schäbigen Hotel.“

Lauranne lächelte traurig. „Wenn ich fortliefe, würde ihn das bloß in seiner Entschlossenheit bestärken, mich zu finden. So funktioniert sein Verstand. Alexander Volakis verliert niemals.“

Allerdings würde sie es ihm schwer machen.

Sie überlegte. Was genau wollte er eigentlich von ihr? Warum sollte sie wieder für ihn arbeiten? Das hatte sie bereits getan – vor fünf Jahren …

Lauranne hätte sich niemals träumen lassen, dass sie unmittelbar nach dem Studium einen Job in der Public-Relations-Abteilung des Volakis-Konzerns bekommen würde. Sie hatte in der Londoner Niederlassung angefangen, sich rasch eingearbeitet und gemeinsam mit drei anderen Universitätsabsolventen – unter anderem Tom Farrer – ein Gespür für das weitverzweigte Unternehmen entwickelt.

Alexander Volakis selbst hatte sie nie gesehen. Wie alle anderen weiblichen Angestellten betrachtete sie hingerissen sein Porträt auf der Titelseite des Jahresberichts, hegte jedoch keine Hoffnungen, ihm jemals persönlich zu begegnen. Er war ständig unterwegs zu Konferenzen in den Hauptstädten der Welt und musste sich einem straffen Terminplan unterwerfen.

Lauranne hätte ihn vermutlich nie getroffen, wenn sie nicht an den Vorbereitungen zur Eröffnung eines neuen Hotels in der Karibik beteiligt gewesen wäre.

„Sie werden für zwei Monate dorthin versetzt“, teilte ihr Boss ihr eines Tages mit. „Sie sollen in verschiedenen Abteilungen arbeiten und ein Gefühl für die Anlage entwickeln, damit Sie Journalisten herumführen können, wenn wir Pressebesichtigungen arrangieren. Wir nennen das sanfte Beeinflussung. Die Leute werden rundum verwöhnt, schließlich sollen sie den Aufenthalt genießen und das Hotel in ihren Berichten loben. Das neue Haus ist unser Aushängeschild.“

„Wird er auch dort sein?“ Lauranne war von der Aussicht fasziniert, dem legendären Mann zu begegnen, der aus dem verschuldeten Erbe seines Vaters bereits in jungen Jahren eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen geformt hatte.

„Keine Ahnung.“ Ihr Chef zuckte die Schultern. „Vermutlich nicht. Er ist meist in der Luft und fliegt von einer Besprechung zur nächsten. Oder er ist mit einem atemberaubenden Model oder einer berühmten Schauspielerin im Bett. Geben Sie sich keinen Illusionen hin.“

Nein, Lauranne hing tatsächlich keinen Illusionen nach. Mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie nicht die Absicht, sich zu verlieben, insbesondere nicht in Alexander Volakis, mochte er auch noch so gut aussehend und reich sein. Der Mann hatte einen schlechten Ruf, was Frauen anging, und sie war zu intelligent, um sich mit einem solchen Typ einzulassen.

Eines Abends saß sie an der Bar und plauderte mit einigen Gästen, als sie plötzlich spürte, dass sie beobachtet wurde.

Der Mann stand ein wenig abseits und hob sich von der Menge durch seine befehlsgewohnte Haltung, die athletische Gestalt und das außergewöhnlich attraktive Gesicht ab. Eigentlich hätte sie ihn sofort erkennen müssen, was aber nicht der Fall war. Vielleicht lag es daran, dass das Foto auf dem Jahresbericht nicht annähernd die vitale Ausstrahlung des Mannes hatte einfangen können, der nun vor ihr stand.

Er sah sie unverwandt an und ließ den Blick mit unverhohlener Bewunderung über ihr langes blondes Haar gleiten, bis ein Prickeln sie durchrann.

Er war einfach hinreißend. Und er ließ sie nicht aus den Augen.

Da sie normalerweise Männer auf Distanz zu halten pflegte, war Lauranne das köstliche Sehnen fremd, das sich plötzlich in ihr ausbreitete. Sie wandte sich ab, fest entschlossen, ihn zu ignorieren.

Wenn er im Hotel wohnte, musste er sehr reich sein, und sie flirtete nicht mit Millionären, gleichgültig, welch umwerfendes Bild sie boten. Trotz aller guten Vorsätze verschlug es ihr fast den Atem, als er auf sie zukam.

„Ich will, dass Sie mit mir zu Abend essen.“ Sein Englisch war perfekt, bis auf einen leichten Akzent, der seiner tiefen Stimme eine sinnliche Note verlieh.

Obwohl die Versuchung groß war, blieb Lauranne kühl. „Bekommen Sie immer, was Sie wollen?“

„Immer.“

„Es ist mir nicht gestattet, mit Gästen …“

Er schenkte ihr eines seiner unwiderstehlichen Lächeln, das sämtliche Regeln fürs Hotelpersonal verblassen ließ. „Ich bin kein Gast.“

In diesem Moment hätte sie es natürlich merken müssen, doch sie war wie betäubt.

Erst sehr viel später, als sie über alles Mögliche sprachen und sie bereits halb verliebt in ihn war, fiel ihr das ehrerbietige Benehmen der Angestellten auf. „Oh nein!“ Sie ließ die Gabel sinken, als ihr endlich dämmerte, mit wem sie da dinierte.

„Sie sind …“

Er zog amüsiert eine Braue hoch. „Ich bin …?“

„Sie sind es tatsächlich.“ Lauranne schluckte trocken. „Ich hätte Sie erkennen müssen, aber Sie sehen gar nicht aus wie auf dem Jahresbericht.“

„Eine Hochglanzbroschüre mit vierzig Seiten?“ Er lachte.

Nervös stimmte sie in sein Lachen ein, denn sie dinierte gerade mit einem Milliardär, der sonst nur außergewöhnlich schöne Frauen einlud. „Ich darf mich nicht mit dem Boss verabreden“, wisperte sie. „Es ist gegen die Regeln.“

„Aber ich mache die Regeln“, erwiderte er lässig. Dann tauchte er eine Erdbeere in geschmolzene Schokolade und beugte sich vor, um sie ihr zwischen die leicht geöffneten Lippen zu schieben. „Ich kann also entweder die Regeln ändern oder Sie feuern.“

Und später, viel später, tat er das auch.

Fünf Meilen entfernt ging Alexander Volakis in seinem luxuriösen Büro auf und ab und dachte über das Treffen mit Lauranne O’Neill nach.

Alec beobachtete ihn nervös. „Ich werde eine andere PR-Agentur suchen.“

Alexander unterdrückte die sonderbaren Gefühle, die auf ihn einstürmten. „Warum?“

„Weil Sie …

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Exklusiv Band 0224" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen