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Mittelmeerträume, Band 176

REBECCA WINTERS

AMORE, AMORE!

Wie hätte die hübsche Gaby ahnen sollen, dass der charmante Giovanni, den sie im Museum des Provere-Palastes in Italien kennenlernt, selbst ein Provere ist? Und dann stellt der zukünftige Fürst sie seiner Familie auch gleich noch als Braut vor. Gaby fühlt sich überrumpelt – doch als sie Giovannis umwerfendem Bruder Luca begegnet, ist das Gefühlschaos perfekt …

CAROLINE MORTIMER

LIEBESGESCHICHTE IN ATHEN

Merrys Welt ist das Theater! Doch der berühmte Filmregisseur Gideon Steele eröffnet ihr unverhofft eine andere: ihre Familie. Er gibt sich als ihr Stiefbruder zu erkennen und führt sie auf einer Jacht im Mittelmehr mit ihrer Mutter zusammen. Unter blauem Himmel beginnt eine Reise in die Vergangenheit – und mit Gideon in eine strahlende Zukunft?

LYNNE GRAHAM

DAS SCHLOSS AUF SIZILIEN

Für Mina brach eine Welt zusammen, als man sie der Firmenspionage bezichtigte. Ihr Chef und Geliebter Cesare Falcone entließ sie damald fristlos – und weiß bis heute nicht, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Vier Jahre sind seither vergangen, aber Minas Gefühle für Cesare sind unverändert: So tief er sie auch verletzt hat, sie liebt ihn weiterhin.

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Rebecca Winters

AMORE, AMORE!

1. KAPITEL

„Einen Augenblick noch, Giovanni, ich komme gleich.“

Das kurze Klopfen an Gaby Holts Tür in der kleinen Pension war ein Erkennungszeichen, das sie mit dem höflichen, zweiundzwanzigjährigen Studenten abgemacht hatte, den sie während ihres Studiums an der Universität von Urbino kennengelernt hatte. Er arbeitete in dem Museum eines ehrwürdigen Palastes und sprach mehrere Fremdsprachen. Sie waren gute Freunde geworden und gingen abends oft spazieren, um sich über italienische Kunstgeschichte zu unterhalten und noch ein Eis in der warmen Nacht zu genießen.

Gaby hatte einfach eine Schwäche für italienische Eiscreme. Seit sie in Italien angekommen war, hatte sie einige Pfund zugenommen. Aber weil sie schon in wenigen Wochen wieder nach Las Vegas zurückkehren würde, machte sie sich deswegen keine großen Sorgen. Dort gab es schließlich weder italienische Pasta noch dieses köstliche Eis.

Giovanni aber betonte immer wieder lächelnd, dass sie hinreißend aussehe. Ein paar Kilo mehr oder weniger schienen für ihn keine Rolle zu spielen. Gaby musste unwillkürlich lachen. Sie hatte rasch erkannt, dass italienische Männer alle Frauen liebten, ob diese nun dick oder dünn, jünger oder älter waren. Giovanni aber verhielt sich nicht wie ein typischer Macho. Er hatte gute Manieren und lachte offen und herzlich. Er und Gaby waren einfach nur gute Freunde, doch gab es keinerlei erotische Anziehung zwischen ihnen.

Die einzige Sache, die sie trotzdem störte, war, dass Gaby genauso groß war wie er. Deshalb trug sie oft Schuhe mit flachen Absätzen und ließ das rote Haar offen bis auf die Hüften fallen.

Bevor sie Giovanni die Tür aufmachte, warf Gaby noch einen raschen Blick in den Spiegel. Dann zog sie sich eine leichte Sommerjacke über, die ihre weiblichen Formen verhüllte.

Giovanni begrüßte sie fröhlich: „Ciao, Gaby.“

Buona sera.“ Obwohl sie die italienische Sprache sehr gern mochte, beherrschte sie nur wenige Brocken. Schade, dass ich nicht genug Geld habe, um ein Jahr länger zu bleiben und die Sprache von Grund auf zu lernen, sagte Gaby sich bedauernd. Doch schon steckte Giovanni sie mit dem herzlichen Lachen an. Als sie nach unten gingen, schaute Gaby ihn nachdenklich an. Er war bestens gekleidet und trug zu dem eleganten, hellen Anzug teure Schuhe. Dabei hatte sie immer gedacht, dass er so wie sie aus einfachen Verhältnissen stammte.

„Woher hast du die schicken Sachen?“, fragte Gaby erstaunt. Giovanni warf ihr einen Seitenblick aus den braunen, warmen Augen zu.

„Du kennst Urbino schon so gut, da habe ich gedacht, wir gehen zur Abwechslung mal woanders aus. Du wirst sehen, in dem Restaurant, das ich ausgesucht habe, gibt es das beste Essen von ganz Italien.“

Irgendwie fühlte sie sich unwohl dabei. Es war nicht richtig, dass er sie in ein teures Restaurant einlud, schließlich musste er hart für seinen Lohn arbeiten. Rasch erwiderte sie: „Das ist doch nicht nötig, Giovanni. Außerdem bin ich gar nicht richtig dafür angezogen.“

„Du siehst einfach blendend aus. Komm schon, Gaby, tu mir den Gefallen, es soll eine Überraschung sein. Mein Wagen ist gleich dort drüben geparkt.“

„Ich wusste gar nicht, dass du ein Auto hast“, bemerkte sie verblüfft.

„Das habe ich auch nur bei besonderen Gelegenheiten. Und ich denke, wir sollten woandershin fahren, hier in der Stadt ist ja unglaublich viel los.“

Und da hatte er recht. Zu dieser Jahreszeit kamen Touristen aus Europa und der ganzen Welt, um an einer Ausstellung über die Renaissance teilzunehmen. In den letzten Jahren war die kleine Stadt, die etwa zwei Autostunden nördlich von Rom lag, zu einem Mekka für Kunstfreunde aus aller Herren Länder geworden.

Gaby war hierher gekommen, um das Studium fortzusetzen, das sie in den Vereinigten Staaten begonnen hatte, doch war sie von Anfang an auch von der Landschaft begeistert gewesen. Die Vorstellung, bald wieder nach Hause zurückzukehren, wo sie nichts anderes erwartete als die eintönige Wüstenlandschaft um Las Vegas, ließ sie erschauern, doch hatte sie einfach keine andere Wahl. Bald würden ihre finanziellen Rücklagen aufgebraucht sein, und sie konnte unmöglich ihre Eltern darum bitten, ihr Geld zu leihen. Schließlich hatten die für die Erziehung von sechs Kindern zu sorgen, da musste jede Münze zwei Mal umgedreht werden.

Diesen Aufenthalt in Italien hatte Gaby sich selbst verdient. Sie hatte hart dafür gearbeitet und das nötige Geld beiseitegelegt. Dass sie Giovanni kennengelernt hatte, gab dem Ganzen noch eine besondere Note, doch änderte das alles nichts daran, dass sie bald in die USA zurückkehren würde. Das Studium war beendet, und sie konnte die restliche Zeit, die ihr in diesem traumhaften Land noch blieb, in vollen Zügen genießen.

Gaby war so tief in Gedanken versunken, dass sie erst gar nicht bemerkte, dass sie bei Giovannis Wagen angekommen waren. Dann aber wurde die Überraschung immer größer. Das Auto stellte sich nicht nur als elegante Limousine heraus, sondern hinter dem Lenkrad saß auch noch ein Chauffeur, der rasch ausstieg, um die Beifahrertür aufzuhalten.

Giovanni lachte fröhlich auf und wandte sich an Gaby: „Darf ich dir meinen Bruder vorstellen? Luca Francesco della Provere. Er ist extra aus Rom gekommen, um sich die Ausstellung anzuschauen.“

Gaby wusste natürlich, dass Giovannis Familie in Urbino und in Rom lebte, doch hatten sie niemals weiter darüber gesprochen, da ihre Unterhaltungen sich meistens um Kunst drehten. Als sie näher zu dem Wagen trat, erkannte sie, dass die beiden Brüder sich nicht unähnlich waren. Doch ging eine ganz andere Ausstrahlung von Giovannis Bruder aus. In seinen Augen lag ein seltsamer Ausdruck, der Gaby heiße Schauer über den Rücken jagte. So etwas hatte sie bei Giovanni niemals erlebt.

Auf einmal erschauerte Gaby, da sie genau spürte, wie Luca sie von Kopf bis Fuß musterte, ohne dass dabei auch nur zu erahnen war, was er wohl denken mochte. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Signorina“, sagte er höflich und streckte ihr die Hand zur Begrüßung entgegen.

Rasch schüttelte Gaby ihm die Hand und zuckte dann zurück. Immer wieder hatten Freunde sie davor gewarnt, dass alle Italiener nur an das eine dachten. Bis jetzt hatte sie keine schlechten Erfahrungen gemacht, und sie fragte sich schon, ob es sich nicht einfach nur um ein Vorurteil handelte. Doch bei Luca war sie sich da keinesfalls sicher.

Gina, eine gute Freundin von Gaby, die sich angeblich mit Italienern auskannte, hatte ihr einige Regeln mit auf den Weg gegeben. Vor allem sollte sie niemals einem Mann tief in die Augen schauen. Und keinen Pfifferling auf die Geschichten geben, die die Italiener erzählten, da es nur darum ging, Frauen um den kleinen Finger zu wickeln. Einmal war Gaby in Rom gewesen und hatte beobachtet, wie die Männer neben einem Springbrunnen auf die weiblichen Touristen warteten, die dort Fotos machten. Es war eigentlich nur ein harmloses Spiel, doch war es Gaby tatsächlich gelungen, sich die Männer vom Hals zu halten, indem sie Ginas Regeln befolgt hatte.

Doch die Provere-Brüder schienen ganz und gar nicht so wie die anderen Männer hier zu sein. Zumindest Giovanni nicht. Was Luca anging, war Gaby sich da wesentlich weniger sicher, da sie genau spürte, wie eine erotische Ausstrahlung von ihm ausging. Luca war ungefähr dreißig Jahre alt. Er hatte dunkle Haare und schwarze Augen und machte einen temperamentvollen Eindruck. Andererseits schien er sehr sensibel zu sein. Gaby war höchst verwirrt. Je länger sie diesen Mann anschaute, desto weniger verstand sie, was eigentlich vor sich ging.

Dazu kam noch, dass Luca sich mit kühler Distanz verhielt. Das gab ihm noch zusätzlich ein vornehm elegantes Aussehen. Männer von dieser Sorte hatte Gaby noch niemals kennengelernt. Zuweilen hatte sie sie natürlich in ihren schicken Wagen gesehen und sich gefragt, in welchem Palast sie wohl wohnen würden, doch hatte sie sich niemals auch nur im Traum eingebildet, einem dieser vornehmen Reichen zu begegnen.

Giovanni war Gaby beim Einsteigen behilflich. Die weich gepolsterte Rückbank, die Holzverkleidung, die dunklen Polster und die getönten Scheiben, alles strahlte eine stilvolle Eleganz aus. Gaby fragte sich, was das wohl alles zu bedeuten hatte, doch brachte es einfach nicht fertig, Giovanni danach zu fragen. Schon hatte sein Bruder den Motor angelassen und lenkte den Wagen durch die engen Straßen.

Jetzt gab es keine Gelegenheit mehr, sich mit Giovanni zu unterhalten, ohne dass sein Bruder das bemerkt hätte. Gaby schaute aus dem Seitenfenster. Die Häuser in diesem Teil der Stadt waren uralt. Immer wieder musste Luca hupen, da ihm Fußgänger den Weg versperrten, so schmal waren die Bürgersteige.

Giovanni und sein Bruder unterhielten sich angeregt, doch sie verstand nicht gut genug Italienisch, um dem raschen Wortwechsel folgen zu können. Zuweilen schnappte sie zwar ein Wort auf, doch begriff nicht den Sinn der Unterhaltung. Dabei aber fiel ihr auf, dass Giovanni einen höchst zufriedenen Eindruck machte. Nach einer ganzen Weile fragte Gaby: „Wohin fahren wir eigentlich?“

Sie kannte Giovanni seit sechs Wochen, und es war das erste Mal, dass sie sich in seiner Begleitung nicht wohl fühlte. Doch lag das wirklich an Giovanni oder kam das nicht viel mehr von seinem Bruder? Als sie bemerkte, wie Luca sie im Rückspiegel musterte, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Wie sollte sie damit nur umgehen?

„Wir fahren zu mir nach Hause“, antwortete Giovanni. „Ich hatte schon lange vor, dich meiner Familie vorzustellen.“

„Es freut mich, deine Angehörigen endlich kennenzulernen“, antwortete Gaby mechanisch, doch es gelang ihr dabei kaum, den Blick von Luca abzuwenden. Gina hatte sie immer wieder gewarnt, nicht auf das gute Aussehen der Italiener hereinzufallen, doch jetzt war sie offenbar dabei, alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord zu werfen. Wohin sollte das noch führen?

Gaby drückte sich in eine Ecke der Rückbank, sodass Luca sie nicht mehr im Spiegel sehen konnte. Dann fragte sie leise: „Wo wohnt denn deine Familie?“

„Du weißt doch, wo ich arbeite“, erwiderte Giovanni rätselhaft.

„Ja, sicher. Und?“

„Dort ist auch mein Zuhause.“ Bei diesen Worten lehnte Giovanni sich leicht zu Gaby hinüber und hauchte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Dann zog er sich wieder zurück.

„Das soll wohl ein Witz sein, Giovanni“, rief Gaby aus und runzelte die Stirn. Es war doch unmöglich, dass Giovannis Familie in dem großartigen Palast wohnte, in dem das Museum lag, wo sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

„Das ist mein Ernst“, erklärte Giovanni, und das Lachen war aus seinen Augen gewichen. Er klopfte seinem Bruder auf die Schulter und sagte zu ihm: „Vielleicht glaubt sie dir eher als mir.“

Luca drehte sich kurz um und erklärte distanziert: „Mein Bruder hat recht, Signorina, unsere Familie wohnt wirklich in dem Palast.“

Gaby starrte Giovanni ungläubig an. Die ganze Geschichte kam ihr nicht geheuer vor. „Ich glaube dir kein Wort, Giovanni. Es ist doch einfach unmöglich, dass deine Familie in einem großartigen Palast aus der Renaissancezeit wohnt. Sicher machst du dich wieder nur über mich lustig.“

„Das würde ich nie wagen, Gaby. Außerdem macht mein Bruder niemals Witze, nicht wahr, fratello?“

Gaby spürte, dass es ein tiefes Verständnis zwischen den beiden Brüdern gab, aber dahinter schien sich noch etwas anderes zu verbergen, was sie nicht recht erfassen konnte. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als in der Komödie weiter mitzuspielen.

Ihre Pension lag ein wenig außerhalb der Stadt. Normalerweise brauchte man eine Viertelstunde mit dem Wagen bis zum mittelalterlichen Zentrum, doch es herrschte so viel Verkehr, dass sie nur langsam vorankamen. Das gab Gaby die Gelegenheit, sich in Ruhe umzuschauen. Vom ersten Augenblick an hatte die kleine Stadt mit den vielen Palästen und winkeligen Häusern Gaby gefallen. Sie konnte sich immer noch nicht sattsehen an den vielen Türmchen und Erkern. Gerade um diese Uhrzeit, wenn die Sonne langsam am Horizont unterging und die alten Sandsteine in sanftes Licht tauchte, war es am schönsten.

Wenig später kamen sie bei dem Palast an, dessen Erdgeschoss als Museum diente. Hier hatte sie Giovanni kennengelernt. Als sie nicht bei dem Seiteneingang hielten, vor dem die Busse der Touristen parkten, atmete Gaby erleichtert durch. Offenbar hatten die beiden Brüder sich doch nur lustig über sie gemacht.

Sie wollte Giovanni gerade einen Stoß in die Seite versetzen, um ihm zu zeigen, dass sie die Schwindelei durchschaut hatte, als Luca den schweren Wagen in eine kleine Seitengasse steuerte. Es ging über Kopfsteinpflaster, bis sich ein Tor weit vor ihnen öffnete. Dann kamen sie in den Innenhof des Palastes, der aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammte.

„Ist Ihnen kalt?“, fragte Luca, als er sich zu Gaby umdrehte, da ihm offenbar aufgefallen war, wie sie von Kopf bis Fuß erzitterte.

Giovanni aber zog sie lachend in die Arme und erklärte: „Wenn ihr kalt ist, wärme ich sie sofort.“ Schon war er aus dem Wagen gesprungen und hielt Gaby die Tür auf. Staunend stieg sie aus. Neben dem Haupteingang standen zwei Uniformierte Wache. Gaby aber fühlte sich höchst unwohl in ihrer Haut. Was nur hatte Giovanni auf einmal vor? Es hatte doch niemals auch nur den Hauch einer erotischen Beziehung zwischen ihnen gegeben. Warum benahm er sich dann auf einmal so seltsam?

Ob das alles nur ein Spiel war? Gaby wusste doch genau, was für ein lustiger Kerl Giovanni sein konnte. Oft hatte er sie von der Universität abgeholt, um ein Museum zu besichtigen. Obwohl mittelalterliche Kunst etwas Ernstes an sich hatte, hatte er immer wieder Witze erzählt und Gaby damit zum Lachen gebracht.

„Sag mir endlich die Wahrheit, Giovanni“, erklärte Gaby entschieden. „Seid ihr beide vielleicht die Söhne der Wächter hier oder des Chauffeurs? Und seid ihr so zu dem teuren Wagen gekommen?“

Giovanni lachte laut auf, dann wandte er sich an seinen Bruder: „Hast du das gehört, Luca, sie möchte unbedingt die Wahrheit erfahren. Da schlage ich vor, dass ich unserer Mutter gleich einmal Bescheid sage. Kümmere du dich doch so lange um unsere charmante Besucherin.“

„Giovanni …“, rief Gaby ihm nach, doch er war bereits im Inneren des hochherrschaftlichen Palastes verschwunden. Zu ihrem Bedauern blieb Gaby allein mit Luca zurück. Am liebsten hätte sie sich sofort aus dem Staub gemacht, doch wäre das natürlich sehr unhöflich gewesen. Und da gab es noch etwas anderes. Es gelang ihr einfach nicht, den Blick von diesem Mann abzuwenden. Er war sehr elegant gekleidet, trug feinste Schuhe, einen leichten Anzug und ein Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen. Wenn er tief durchatmete, konnte Gaby die breiten Schultern und den muskulösen Oberkörper erahnen.

Im Gegensatz zu den anderen Männern, die sie bisher kennengelernt hatte, schien Luca sich jedoch nicht viel aus ihr zu machen. Beinah hatte sie sogar den Eindruck, dass er ihr alles andere als Sympathie entgegenbrachte. Dabei fanden die meisten Männer Gaby sehr attraktiv und machten ihr ständig den Hof. Das war Gaby manchmal zu viel geworden, da sie eher ein Faible für etwas ältere Männer hatte. Auf der Universität war sie manchmal mit Jungen ihres Alters ausgegangen, doch fühlte sie sich eher zu deren Vätern hingezogen. Luca aber bildete da eine Ausnahme.

Rasch wandte Gaby den Blick ab, da sie das Gefühl hatte, dass er sie ein wenig zu neugierig fand.

„Warum meinen Sie, dass das hier nicht Giovannis Zuhause sein kann, Signorina?“, fragte er kühl.

Gaby zuckte zusammen. Sollte das etwa ein Vorwurf sein? „Glauben Sie, ich spiele Ihnen nur was vor?“, gab sie ein wenig zu scharf zurück, doch Luca zeigte sich unbeeindruckt.

„Mein Bruder hat mir erzählt, dass sie sich hier in dem Museum kennengelernt haben.“

„Ja. Er hat unsere Gruppe durch die Säle geführt und …“

„Und er hat Ihnen auch die Juwelen gezeigt, oder?“

„Ja, aber …“

„Sie haben also auch erfahren, dass der Palast der Provere bereits über fünfhundert Jahre alt ist.“ Bei dieser Bemerkung zog er leicht die Augenbrauen zusammen und betrachtete Gaby, die rasch ihr Wissen über die Stadt zusammensuchte. Urbino war in der Renaissance eine wahre Konkurrenz für Rom und Florenz gewesen. Zu der Zeit hatte es auch einen sehr berühmten Geistlichen in der Stadt gegeben, der der Provere-Familie angehört hatte. Auf einmal fuhr Gaby ein unglaublicher Schrecken in die Glieder.

„Wollen Sie etwa behaupten, dass Sie und Giovanni direkte Nachfahren der Provere sind?“, stieß sie ungläubig hervor.

„Ihre Reaktion zeigt mir, dass Ihnen mein Bruder nichts davon erzählt hat. Sie wissen wohl auch nicht, dass er einer der einflussreichsten Männer von Urbino ist, oder?“

„Wer? Giovanni?“ Gaby dachte an den jungen, stets fröhlichen Mann, mit dem sie so viel Zeit verbracht hatte. Sie war davon ausgegangen, dass er genauso arm wie sie war. Schließlich ging er immer zu Fuß und gab niemals viel Geld aus. Jetzt aber betrachtete Gaby den Palast mit ganz anderen Augen. War Giovanni wirklich der Herr all dieser Zimmer, Erker und Türme?

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er das Oberhaupt einer großen Familie war und über die Geschicke der Provere entschied. Das passte eigentlich nur zu einem Mann, und der stand jetzt vor ihr: Luca.

Sie schauten sich lange schweigend an, dann erklärte er: „Als Vater gestorben ist, hat Giovanni den Fürstentitel geerbt. Obwohl solche Titel heute nicht mehr getragen werden, ist unsere Mutter doch die letzte Fürstin aus der Provere-Familie.“

Gaby schüttelte den Kopf. „Ich hatte ja nicht die geringste Ahnung davon. Ihr Bruder hat niemals auch nur die kleinste Andeutung gemacht.“ Dabei sah sie, wie ein Muskel auf Lucas Wange zuckte. Genauso wie bei ihrem älteren Bruder Wayne. Das zeigte meistens an, dass er sehr nervös war. Ob das auch für den stolzen Italiener galt?

„Was Giovanni anordnet, hat hier immer noch den Charakter eines Gesetzes. So ist das auf dem Land. Das war hier immer schon so. Und die gleiche Macht geht auch auf seine Frau über.“

„Was glauben Sie, warum hat Giovanni so lange die Wahrheit verheimlicht?“

Die Antwort ließ lange auf sich warten, dann sagte Luca leise: „Nun, ich nehme an, dass jeder Mann von seiner Braut für das geschätzt werden möchte, was er ist, und nicht, was er besitzt oder welchen Titel er trägt.“

„Von seiner Braut?“

Luca schien alle Muskeln anzuspannen, bevor er erklärte: „Ich nehme an, Sie haben doch sicherlich geahnt, dass Giovanni Sie der Familie vorstellen möchte, da er hofft, dass Sie die zukünftige Fürstin von Provere werden.“

Gaby glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. „Das kann doch nicht wahr sein“, hauchte sie.

„Ich kann Ihnen versichern, ich würde niemals schwindeln, wenn es um so etwas Wichtiges geht wie die Zukunft meines Bruders.“

„Aber ich liebe Giovanni nicht“, erwiderte Gaby offen und ehrlich, bevor sie das Gesicht in den Händen verbarg, da ihr die Tränen in die Augen stiegen.

„Hat er denn nicht um Ihre Hand angehalten? Sagen Sie die ganze Wahrheit.“

Gaby wischte sich die Tränen entschlossen aus den Augenwinkeln und hob den Kopf. „Nein“, rief sie aus. „Wir haben nicht ein einziges Mal darüber gesprochen. Giovanni ist ein guter Freund, aber das ist auch alles.“

Luca schien mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein. „Dann ist es Ihnen wohl noch gar nicht recht bewusst geworden, dass es Ihnen gelungen ist, sein Herz zu erobern. Und da sind Sie die erste Frau.“

Gaby kam gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. „Hat Giovanni Ihnen gesagt, dass wir heiraten werden?“

„Nun, er hat die ganze Familie hierher eingeladen, um Sie vorzustellen. Ich denke, die Antwort ist klar. Er hat mich in Rom angerufen und mehrfach gebeten, dass ich hierher komme, obwohl er genau wusste, dass ich …“ Er zögerte einen Augenblick, dann fuhr er fort: „Dass ich andere Verpflichtungen habe.“

Obwohl die Nacht angenehm warm war, zitterte Gaby. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was Giovanni sich denkt. Selbst wenn er in mich verliebt ist, muss er doch wissen, dass ich diese Gefühle nicht erwidere.“

Wieder schaute sie sich staunend um. Giovanni war also in diesem Palast aufgewachsen. Sicher war er es von Kindesbeinen an gewöhnt gewesen, dass alle Menschen nach seiner Pfeife tanzten. Seine Familie gehörte zu den ältesten und vornehmsten in ganz Italien. Merkwürdig war nur, dass Luca sich keinerlei Fragen zu stellen schien, was Giovannis angebliche Ehefrau anging. Schließlich kannte er sie doch gar nicht.

Gaby kam aus Amerika. Für viele Europäer bedeutete das doch, dass sie über keine Kultur verfügte. Und es stimmte ja, dass ihre Kenntnisse der italienischen Sprache sehr beschränkt waren. Würde sie da wirklich die richtige Frau sein, um an der Seite des Provere-Familienoberhauptes zu bestehen?

Sie erschauerte und rieb die Hände aneinander, um sich ein wenig zu wärmen, und fragte: „Meinen Sie, dass Sie Giovanni finden könnten? Ich würde sehr gern mit ihm sprechen, bevor wir die ganze Familie treffen.“

Luca aber schüttelte den Kopf. „Nein, Signorina. Ich liebe meinen Bruder über alles, da möchte ich auf keinen Fall, dass Sie seinen Traum zerstören. Deshalb werden Sie an dem Fest teilnehmen, als sei nichts geschehen. Danach können Sie ihm ja immer noch sagen, dass Sie nicht mit dem Plan einverstanden sind.“

„Das wäre doch geschwindelt!“

„Richtig. Aber Giovanni hat sich Ihnen gegenüber ja auch nicht ehrlich verhalten.“

„Dabei habe ich gar nicht so sehr an ihn gedacht, sondern eher an Ihre Mutter. Ich kann ihr das doch unmöglich antun.“

„Das wird sie überleben. Mir geht es vor allem um Giovanni.“

„Luca?“, stieß sie hervor, ohne darüber nachgedacht zu haben. Ein Blick aus seinen Augen zeigte ihr nur zu deutlich, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Rasch fügte sie hinzu: „Ich meine Signore, entschuldigen Sie.“

„Was gibt es denn noch?“, fragte er ungeduldig. Gaby aber gelang es kaum noch, sich auf diese Unterhaltung zu konzentrieren. Es lag ein süßlicher Duft von Rosen in der warmen Nachtluft. Giovanni hatte viel von seinem Bruder gesprochen, doch Gaby wollte mehr von ihm wissen. Was war er nur für ein Mann? Sie spürte, wie sie sich auf einmal mit allen Sinnen danach sehnte, von ihm in den Armen gehalten zu werden. Wie wäre es wohl, ihm über das dunkle Haar zu streicheln, die sanfte Haut mit zärtlichen Küssen zu bedecken, sich an die starken Schultern zu schmiegen?

„Signorina?“, fragte Luca und riss Gaby aus ihren Tagträumen. Sie war nur froh, dass es schon dunkel geworden war, sonst hätte er sicher bemerkt, wie ihr das Blut in die Wangen geschossen war.

„Vielleicht täuschen Sie sich ja in Giovanni, und er hat einfach genug davon, so viel Verantwortung zu tragen.“ Da Luca nicht antwortete, fuhr Gaby hastig fort: „Und vielleicht ist das alles doch nur eine Komödie. Ich bin doch eine Fremde hier und würde niemals von einer alteingesessenen Familie akzeptiert werden. Das muss auch Ihrem Bruder klar sein. Ich nehme an, für ihn ist das alles nur ein Spiel.“

Luca sagte immer noch nichts und hielt den Blick unverwandt auf Gabys volle Lippen.

„Wenn er gewollt hätte, dass ich seine Frau werde, hätte er doch um meine Hand angehalten. Und das hat er nie getan und …“

„Giovanni wollte, dass ich seiner Hochzeit zustimme, deshalb war ihm so viel daran gelegen, dass ich nach Hause zurückkomme“, unterbrach er Gaby. „Und morgen früh muss ich nach Rom zurück.“

„Sie fahren schon so schnell wieder ab“, platzte sie heraus, wobei es ihr kaum gelang, ihre Enttäuschung zu verbergen. Luca atmete tief durch. Wieder beobachtete sie, wie sich der mächtige Brustkorb spannte. Sie atmete tief durch, doch konnte sie sich einfach nicht der Ausstrahlung dieses Mannes entziehen.

„Schade für Giovanni“, erklärte sie mit zittriger Stimme. „Er hätte Sie sicher gern länger gesehen. Er hat mir oft erzählt, dass er Sie sehr schätzt und auf Ihre Meinung größten Wert legt.“

Luca machte einige Schritte auf Gaby zu. Sie spürte genau, wie schwer es ihm fiel, die Selbstbeherrschung zu wahren, als er leise sagte: „Ich weiß.“

„Dann gehen Sie endlich zu Giovanni und sagen ihm, dass ich nicht die richtige Frau für ihn sei, bevor es endgültig zu spät dafür ist.“

„Das ist ausgeschlossen“, stieß er hervor. „Nein, Signorina, ich werde meinen Bruder niemals so sehr enttäuschen und seine Träume zerstören. Und Sie werden das auch nicht tun. Wir werden beide unsere Rolle spielen, bis Giovanni Sie nach Hause bringt. Dann ist es immer noch genügend Zeit, alles zu klären.“

Gaby gefiel es ganz und gar nicht, doch musste sie sich eingestehen, dass Luca recht hatte. Es war einfach unmöglich, Giovanni so tief zu verletzen. Doch wie sollte sie dieses seltsame Abendessen nur überstehen?

„Mein Bruder ist ein durch und durch guter Mensch“, erklärte Luca. „Deshalb mag ihn auch jeder hier. Als er mich angerufen hat, um mir zu sagen, dass er seiner Familie eine junge Amerikanerin vorstellen wolle, habe ich genau bemerkt, wie froh und stolz er war. Das wollte ich ihm auf keinen Fall nehmen, bevor ich Sie nicht persönlich kennengelernt habe.“

Gaby hatte sich also nicht getäuscht! Rasch erklärte sie: „Ich habe mir schon gedacht, dass Sie mich nicht für die richtige Ehefrau Ihres geliebten Bruders halten.“

„Nein, nicht Sie, Signorina. Aber ich habe bis jetzt immer gedacht, dass es keine Frau gibt, die gut genug für meinen Bruder wäre.“ Er lächelte leicht. „Jetzt aber muss ich einsehen, dass ich mich getäuscht habe.“

Mit diesem Kompliment hatte Gaby nun wirklich nicht gerechnet. Verblüfft schaute sie Luca an, als dieser fortfuhr: „Vor einigen Jahrhunderten hätte man nicht die geringste Rücksicht auf Ihre Gefühle genommen und Sie zur Hochzeit gezwungen. Und vielleicht sollte ich genau das tun, schließlich bin ich Giovannis älterer Bruder.“

„Aber wie kommt es dann, dass Giovanni den Fürstentitel geerbt hat?“, fragte Gaby überrascht. Obwohl es bereits dunkle Nacht war, erkannte sie doch, wie sich sein Gesichtsausdruck zu einer undurchdringlichen Maske wandelte. Einen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als ob sie sich offen unterhalten könnten, doch damit war es nun vorbei.

„Tut mir leid, dass ich diese Frage gestellt habe“, murmelte Gaby.

„Das ist doch ganz normal“, erwiderte Luca erstaunlich gelassen. „Nur leider haben wir jetzt keine Zeit, uns darüber ausführlich zu unterhalten. Giovanni wird sicher gleich zurückkommen, und ich habe mich nicht einmal richtig um Sie gekümmert. Bitte kommen Sie doch.“

Er nahm Gaby beim Arm und führte sie die geschwungene Treppe zur Eingangstür hinauf.

„Ich fühle mich gar nicht wohl in meiner Haut“, sagte Gaby leise.

Luca blieb stehen, wandte sich zu ihr und schaute ihr tief in die Augen. Sanft erwiderte er: „Das geht mir genauso.“

2. KAPITEL

Irgendwo in dem weitläufigen Palazzo musste Giovanni bei seiner Familie sein, doch war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Gaby hatte den Eindruck, durch eine riesige Kirche zu wandern, in der sie ganz allein war. Luca hatte sich einen Augenblick zurückgezogen. Offenbar brauchte er ein wenig Zeit für sich. Gaby erschauerte. Sie hatte gehofft, dass er bei ihr bleiben würde, da sie sich wie ein Eindringling vorkam.

Langsam aber beruhigte sie sich ein wenig. Sie schaute sich lange die fantastischen Fresken an, die die weite Eingangshalle überspannten. Hier hatte Luca seine ganze Kindheit verbracht. Wie war es wohl, wenn man ständig von mittelalterlicher Kunst umgeben war? An den Wänden hingen Gemälde, die die Geschichte der Provere-Familie nachzeichneten. Gaby schlenderte ein wenig umher und betrat einen Nebenraum, in dem eine wunderbare Marmorstatue stand. Sie zeigte den griechischen Gott Apollo. Lange betrachtete Gaby das fein geschnittene Gesicht. Die Züge waren so genau in dem Marmor nachgebildet, dass die Statue in dem Abendlicht beinah lebendig zu sein schien.

Gaby konnte einfach nicht glauben, was sie da sah. Es war wie ein fantastischer Traum, so von einem Raum in den anderen zu schlendern, die alten Möbel zu betrachten, die Wandteppiche, die Statuen. Der Fußboden bestand aus hellen Marmorplatten, auf den Kommoden strahlte feinstes Porzellan, überall blitzte Gold und Silber. Sie blickte sich staunend um. Die Harmonie, die in diesen Räumen herrschte, hatte schon etwas Unwirkliches. Es war beinah unglaublich, dass das das Werk von Menschenhand war. Doch wenn sie sich nicht täuschte, waren die Gemälde hier von den bedeutendsten Künstlern der italienischen Renaissance gemalt worden.

„Ich habe auch eine besondere Vorliebe für diesen Raum. Genauso wie Sie offenbar, Signorina.“

Gaby zuckte zusammen. Sie war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie jemand in den Saal gekommen war. Rasch wirbelte sie herum. Die dunkle, männlich vibrierende Stimme erkannte sie sofort. Und wieder spürte sie, wie Luca sie in seinen Bann schlug.

„Ihre Haare haben wirklich eine hinreißende Farbe, solch ein Rot sieht man nur selten“, erklärte er lächelnd.

Gaby spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Sie räusperte sich und wechselte rasch das Thema. „Wenn ich nur gewusst hätte, dass das hier Giovannis Zuhause ist, hätte ich ihn öfter gebeten, mich hierher zu bringen. Ich habe bis jetzt nicht viele Paläste von innen gesehen, aber dieser hier muss einer der schönsten und prächtigsten Palazzi von Italien sein. Vielleicht sogar von ganz Europa.“

„Nun, sagen wir, dass es nicht unangenehm ist, hier zu leben“, erwiderte Luca bescheiden.

„Aber sagen Sie, das Medaillon dort über der Tür, ist das nicht von Michelangelo geschaffen worden?“

„Richtig. Kardinal Alessandro hat die Fresken bei Francesco Salviati in Auftrag gegeben, und Kardinal Odoardo hat die berühmten Caracci-Brüder eingestellt. Dazu aber kamen noch viele andere Künstler und Architekten. Einer der berühmtesten war Michelangelo, wie Sie ganz richtig erkannt haben.“

Ganz offenbar war Luca ein ausgezeichneter Fremdenführer. Lächelnd fragte er: „Möchten Sie noch mehr wissen?“

„Ja“, stieß Gaby hervor. „Aber jetzt beschäftigt mich vor allem etwas anderes. Schließlich werde ich in wenigen Augenblicken Ihre Mutter treffen. Ist sie wirklich glücklich über Giovannis Wahl?“

In Lucas Blick lag ein Ausdruck, der schwer zu deuten war. Langsam machte er einige Schritte auf Gaby zu und antwortete sanft: „Sie hätte Giovanni beinah bei der Geburt verloren, deshalb hat sie eine besondere Verbindung zu ihm.“

Aber wie sah es mit Luca selbst aus? Liebte seine Mutter ihn denn nicht? Gaby hätte so gern mehr über ihn erfahren, aber er erzählte von seinem Bruder.

„Mutter weiß seit sechs Wochen, dass es eine Frau in seinem Leben gibt. Ich fürchte, das hat sie noch nicht überwunden. Aber ich denke, Sie sollten dem nicht zu viel Bedeutung beimessen und …“

„Luca!“, rief Giovanni aus, als er den Raum betrat. „Was für Geheimnisse plauderst du denn gerade aus? Gaby sieht ja ganz mitgenommen aus.“ Schon nahm er sie bei der Hand. „Komm, ich möchte dich gern meiner Mutter vorstellen.“

Gaby warf Luca einen flehenden Blick zu, doch er reagierte nicht darauf, sondern blieb unbeweglich stehen. Rasch wandte sie sich an Giovanni: „Ich hätte es besser gefunden, wenn du mir früher erklärt hättest, was du eigentlich vorhast.“

Mit einem schelmischen Lächeln erwiderte er: „Dann wärst du vermutlich nicht mitgekommen. Gib es ruhig zu. Aber keine Sorge, wir sind gar nicht so schrecklich, wie mein Bruder das sicher dargestellt hat. Und wir haben schon seit einigen Jahren keine Frau mehr vergiftet. Stimmt doch, Luca, oder?“

Normalerweise hätte Gaby herzhaft gelacht über diese Bemerkung, doch danach war ihr in dieser Situation ganz und gar nicht zumute.

„Hör endlich auf damit, Giovanni“, rief sie aus. Bemerkte er denn gar nicht, wie sehr sie litt? Sie konnte nur hoffen, dass sich das alles in letzter Sekunde doch noch als schlechter Scherz herausstellte, doch sah es gar nicht danach aus, da Giovanni sie durch mehrere Säle führte, bis sie einen herrlichen Salon betraten.

Dort hatte die Familie auf mehreren Sofas Platz genommen. Leise plätscherte die Unterhaltung dahin, doch sie erstarb sofort, als Giovanni und Gaby den Raum betraten. Nervös strich sie sich das Haar zurecht und wünschte, dass sie ein Kleid angezogen hätte, das ihre weiblichen Formen weniger betonte. Doch dafür war es nun zu spät. Schon gingen sie auf Signora Provere zu. Sie war ebenso zierlich wie ihr Sohn Giovanni und mochte wohl schon über sechzig sein, aber man konnte sie leicht auf jünger schätzen.

Gaby sagte sich, dass Luca seiner Mutter ganz und gar nicht ähnlich war. Er war hochgewachsen und kräftig. Das musste wohl von seinem Vater kommen. Giovanni hingegen hatte viel von seiner Mutter geerbt.

Mamma, darf ich dir Signorina Holt vorstellen?“

Die ältere Dame hob eine Hand, damit Gaby ihr einen leichten Kuss darauf hauchen konnte.

„Freut mich sehr“, sagte sie leise. In ihrer Stimme aber lag ein eiskalter Unterton, der nur zu deutlich machte, was sie wirklich von Gaby hielt. Sicher gefiel es ihr ganz und gar nicht, dass es eine andere Frau im Leben ihres Lieblingssohnes gab. Wenn Gaby wirklich gehofft hätte, Giovannis Frau zu werden, hätte sie dieser kühle Empfang vermutlich geschockt, und sie wäre wohl in Tränen ausgebrochen. So aber zeigte sie sich gelassen.

Giovanni spürte offenbar, dass er eingreifen sollte. Rasch erklärte er: „Ich möchte Signorina Holt jetzt meinen Brüdern vorstellen, wenn du nichts dagegen hast, Mamma.“ Da Signora Provere leicht mit dem Kopf nickte, führte Giovanni Gaby von einem Mitglied seiner Familie zum nächsten. Sie war erleichtert, dass Giovanni sie als gute Freundin vorstellte, sonst aber keine weiteren Anspielungen machte. Abgesehen von einer Tante und einer sehr gut aussehenden jungen Frau, die als Giovannis Patentochter vorgestellt wurde, begrüßten alle Anwesenden Gaby sehr herzlich und freundlich.

Luca hielt sich die ganze Zeit über im Hintergrund. Er zeigte einen düsteren Gesichtsausdruck und sagte kaum ein Wort. Mehrfach schaute Gaby zu ihm hinüber, doch wenn sich ihre Blicke kreuzten, wandte sie rasch den Kopf ab. Sie konnte den Gedanken kaum ertragen, dass er Frau und Familie hatte. Da war es nur ein Glück, dass er offenbar allein gekommen war. Giovanni unterhielt die Familie mit lustigen Anekdoten, die alle zum Lachen brachten. Das alles kam Gaby wie ein seltsamer Traum vor.

Nach einiger Zeit erklärte Giovannis Mutter: „Giovanni, mio figlio, komm her und begleite deine Mutter ins Esszimmer. Luca, kümmere du dich bitte um Signorina Holt.“

Giovanni nahm Gaby rasch bei der Hand und hauchte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. „Du zitterst ja“, stellte er fest. „Aber keine Sorge, mein Bruder tut dir nichts, ich habe vollstes Vertrauen in ihn. Und jetzt genieße das Abendessen. Ich habe den Koch extra gebeten, deine Lieblingsspeisen zuzubereiten.“

Sie konnte noch immer nicht fassen, was eigentlich vor sich ging. So wie Giovanni sich benahm, konnte nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass er in sie verliebt war. Und die Anspielung darauf, dass das Essen zu ihren Ehren gegeben wurde, zeigte doch nur zu deutlich, welche Absichten er hegte. Wie sollte sie da nur einen Bissen herunter bekommen?

„Komm, Luca, Mutter wartet schon“, sagte Giovanni zu seinem Bruder, doch lag dieses Mal kein Lächeln in seinem Blick. „Und pass gut auf Gaby auf. Ich fürchte, so eine große Familie ist ziemlich beeindruckend.“

Er ließ Gaby los und ging zu seiner Mutter, um sie in den Speisesaal zu begleiten. Gaby musste einen Augenblick lang warten, da Luca es offenbar nicht eilig hatte, den anderen zu folgen.

„Ich wollte Sie nur kurz warnen, Signorina“, sagte er, als die anderen Familienmitglieder den Saal verlassen hatten. „Sie werden heute Abend neben Efresina Ceccarelli sitzen. Bis Sie hier aufgetaucht sind und die Pläne meiner Mutter durchkreuzt haben, hatte Efresina alle Chancen, die nächste Fürstin zu werden.“

Gaby dachte an die strahlend schöne Frau, die gar nicht erfreut gewesen zu sein schien, als sie einander vorgestellt worden waren.

„Efresina hat Giovanni von Kindesbeinen an angehimmelt“, fuhr Luca fort. „Da wäre es nett von Ihnen, wenn Sie ein wenig nachsichtig mit ihr wären.“

„Das ist doch schon in Ordnung“, erwiderte Gaby, da sie sich nicht recht betroffen fühlte. Sie drehte sich um und wollte zum Speisesaal gehen, doch auf einmal spürte sie, wie Luca sie am Arm festhielt. Ein heißer Schauer lief ihr über den Rücken.

„Ich wollte Sie nur bitten, sich gelassen zu geben, auch wenn Efresina sich unfreundlich verhält. Denken Sie immer daran, dass Giovanni Sie erwählt hat. Er hat mir mehrfach gesagt, dass Sie die einzige Frau seien, die für ihn als Braut in Frage käme.“

Aber ich will doch gar nicht, murmelte Gaby. Bis jetzt hatte sie sich niemals so sehr zu einem Mann hingezogen gefühlt, dass eine Ehe für sie in Frage gekommen wäre. Nur in Lucas Nähe hatte sie plötzlich den Eindruck, dass es da mehr geben konnte.

Sie zuckte zusammen. Was ging eigentlich mit ihr vor? Rasch wandte sie den Blick ab, damit Luca nicht erahnte, woran sie dachte. Dann machte sie sich auf den Weg zum Speisesaal, doch blieb dann wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen, als ihr auf einmal bewusst wurde, wie man sie anstarrte. Am Ende des langen Tisches waren noch zwei Plätze frei. Eingeschüchtert lief sie dorthin. Auch Luca war ihr gefolgt und zog nun vornehm den Stuhl zurück, damit sie Platz nehmen konnte.

Staunend sah Gaby sich um. Über dem langen Esstisch hing ein strahlender Lüster. Der Tisch war mit edelstem Porzellan und Besteck aus Silber und Gold gedeckt. In den Kristallgläsern spiegelte sich das Licht. Gaby aber gelang es vor lauter Anspannung kaum, diese traumhafte Atmosphäre zu genießen. Als sie sich zur Seite drehte, um sich freundlich mit Efresina zu unterhalten, zuckte sie erschrocken zusammen. Efresina war offenbar nicht gewillt, gute Miene zu dieser Komödie zu machen und ignorierte sie. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterhin den Raum zu betrachten.

An der gegenüberliegenden Wand hing ein Gemälde von einem Papst, dem Luca wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein schien. Die gleiche Nase, der fein geschnittene Mund, die hohen Wangenknochen. Und die gleiche männliche Ausstrahlung. Abgesehen davon, dass Luca in Schwarz gekleidet war, ähnelten die beiden sich so sehr, dass sie Zwillinge hätten sein können.

„Signorina Holt ist offenbar die Ähnlichkeit zwischen mir und diesem Vorfahren aufgefallen, Effie“, sagte Luca zu seiner Tischnachbarin. „Schade, dass das Gemälde nicht in dem Museum hängt, da gehört es doch eigentlich nicht hin.“

Offenbar gefiel es Efresina gut, bei ihrem Kosenamen angesprochen zu werden, doch schien sie es immer noch nicht für nötig zu halten, Gaby auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Das Publikum wüsste doch so ein Kunstwerk gar nicht zu schätzen“, bemerkte sie hochnäsig und wandte sich endlich doch an Gaby: „Wissen Sie eigentlich, mit was für einer bedeutenden Familie Sie es zu tun haben, Signorina?“

„Ich habe schon viel davon gehört“, erwiderte Gaby freundlich. „Und ich habe Kunstgeschichte studiert, da kenne ich mich ein wenig mit solchen Gemälden aus.“

„Ach ja, richtig. Ich habe gehört, dass Sie Amerikanerin sind. Warum sind Sie denn hierher gekommen und nicht nach Florenz oder Siena gegangen wie die meisten Ihrer Landsleute?“ Efresina hatte so laut gesprochen, dass es niemandem am Tisch entgangen war.

Gaby aber zeigte sich gelassen. Sie nahm einen Schluck Wein, bevor sie antwortete: „Meine Urgroßmutter stammt aus dieser Gegend hier. Sie ist neunundneunzig Jahre alt geworden. Kurz vor ihrem Tod musste ich ihr versprechen, eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren.“

„Ihre Urgroßmutter war also Italienerin.“ Das schien Efresina genauso wenig zu gefallen wie Giovannis Mutter.

„Ja. Ihr Name ist Gabriella Trussardi, und sie stammte aus Loretello. Meine Eltern haben mich nach ihr Gaby genannt, da ich das rote Haar von ihr geerbt habe.“

Die Stimmung am Tisch wurde deutlich lebhafter. Giovanni warf Gaby ein strahlendes Lächeln zu. Offenbar gefiel es ihm sehr gut, dass sie die Familie ein wenig aufgerüttelt hatte.

„Die Tatsache, dass du italienisches Blut hast, gefällt unserer Mutter überhaupt nicht“, bemerkte Luca.

„Hat Giovanni das denn niemals erzählt?“, fragte Gaby erstaunt.

„Wissen Sie“, erwiderte Luca seufzend, „bei uns in der Familie spricht man nicht viel über solche Dinge.“

Und was Luca angeht, so scheint er diese Lektion sehr gut gelernt zu haben, überlegte Gaby. Er verbirgt sich doch genauso wie sein Bruder. Ob es wohl jemanden gab, der wusste, was wirklich in ihm vor sich ging? Einer seiner Brüder fragte Gaby: „Was waren Ihre Vorfahren denn von Beruf?“

„So weit ich weiß, waren sie arme Bauern.“

Wieder seufzte Signora Provere auf, doch Giovanni konnte das Lachen einfach nicht unterdrücken. „Erzähl doch mehr davon, Gaby“, forderte er sie auf.

„Meine Urgroßmutter hatte das Landleben satt. Sie hat sich in einen Künstler verliebt und ist mit ihm nach New York durchgebrannt. Dort haben sie mehr schlecht als recht von den Bildern gelebt, die sie gegen Essen oder Übernachtung getauscht haben. Später sind sie durch Europa gezogen und haben von der Hand in den Mund gelebt.“ Gaby machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort: „Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ist dann meine Großmutter zur Welt gekommen. Mein Urgroßvater hat entschieden, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren und dort eine Familie zu gründen. Schließlich haben sie sich in Las Vegas niedergelassen. Dort habe ich meine Kindheit verbracht.“

Offenbar war es eine große Erleichterung für die vornehme Familie, als das Essen serviert und so die Unterhaltung abgebrochen wurde. Gaby bemerkte genau, wie sie die edlen Italiener geschockt hatte, doch war ihr das herzlich egal.

Signora Provere aber schien außer sich zu sein. Lange sprach sie auf ihren Sohn ein, wobei es Gaby kaum gelang, auch nur einige Wortfetzen zu erhaschen. Aber es wurde nur zu deutlich, dass sie Giovanni klarmachte, was sie von seiner zukünftigen Frau hielt. Schweigend beobachtete Gaby die Szene. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut und rührte das Essen kaum an.

„Sie sollten Giovanni zuliebe ein wenig essen“, sagte Luca mitfühlend. „Er hat doch extra Ihr Lieblingsessen bestellt.“

„Stimmt“, erwiderte Gaby und lächelte schwach. Um sie herum ging die Unterhaltung weiter, als sei nichts Besonderes vorgefallen. Nur Efresina war immer noch feindlich gestimmt und sagte kaum ein Wort zu ihr.

Zum Nachtisch gab es Eiscreme, und Gaby langte mit gutem Appetit zu. Das war auch Giovanni nicht entgangen.

„Ich hoffe, es schmeckt dir“, rief er ihr zu. Gaby atmete tief durch.

„Ja, vielen Dank. Du hast recht gehabt vorhin, ich habe niemals zuvor so gut gegessen in Italien.“

„Ich weiß doch, wie gern du Eis magst. Genauso wie Luca. Nicht wahr, Bruderherz?“

Luca lächelte zaghaft, doch antwortete er nicht.

„Du musst wissen, Gaby“, fuhr Giovanni fröhlich fort, „seitdem Luca in Rom wohnt, ist er wohl ein wenig aus der Übung gekommen, denn dort bekommt er bestimmt niemals so gutes Eis.“

3. KAPITEL

Wie schon auf der Fahrt zum Palast, machte es Giovanni offenbar großen Spaß, seinen Bruder zu necken. Gaby ging davon aus, dass das seine Art war, die Zuneigung zu zeigen, die er für Luca empfand. Doch gleichzeitig schuf das eine seltsame Spannung zwischen den beiden Brüdern.

„Haben Sie schon die Gelegenheit gehabt, Loretello zu besichtigen, Signorina Holt?“, fragte einer von Giovannis Onkeln, sodass Gaby gar nicht mehr dazu kam, ihren Gedanken nachzuhängen.

„Ja. Ich bin einige Tage nach meiner Ankunft in Urbino dorthin gefahren. Bevor meine Urgroßmutter gestorben ist, hat sie es mir genau beschrieben, aber ich hätte mir niemals träumen lassen, wie wunderschön diese kleine Stadt mit den hohen Mauern tatsächlich ist.“

Er lächelte. „Sie scheinen Italien sehr gern zu mögen.“

„Ja. Alles hier gefällt mir. Wenn ich wieder zu Hause in Las Vegas bin, werde ich mich sicherlich schrecklich nach diesem Land sehnen.“

„Erzählen Sie ein wenig von Ihrer Familie“, sagte der Mann freundlich.

„Wir waren sechs Kinder zu Hause. Meine fünf Brüder und ich.“

Die anderen am Tisch waren offen erstaunt. Jemand fragte: „Sind Sie die Älteste?“

„Nein, ich komme erst an vierter Stelle.“

„Was machen denn Ihre Eltern?“

„Meine Mutter kümmert sich um Kinder, die soziale Probleme haben.“

„Das muss eine schwierige Arbeit sein.“

„Ja“, erwiderte Gaby. „Das kann man wohl sagen. Aber es macht ihr sehr viel Spaß und bereitet manchmal auch große Genugtuung.“

„Und Ihr Vater?“

„Er ist Künstler. Früher hat er viele Bilder gemalt, aber jetzt arbeitet er in der Werbung.“

„Dann sind Sie wohl auch eine Künstlerin, oder?“

„Nein“, rief Gaby lachend aus. „Daddy sagt oft, dass ich mich für zu viele Dinge auf einmal interessiere und mich nicht genügend auf eine Sache konzentriere, aber mir gefällt das so.“

„Sie sind zu bescheiden, Signorina, sicher gibt es etwas, was Sie ausgezeichnet beherrschen“, mischte Luca sich in die Unterhaltung.

„Du glaubst gar nicht, wie viele Talente sie hat“, erklärte Giovanni sofort.

Sofort schoss ihr das Blut ins Gesicht. Hastig erklärte sie: „Das ist nun auch wieder übertrieben. Man merkt es doch gleich daran, wie schlecht mein Italienisch noch ist, obwohl ich sogar Latein in der Schule hatte. Ein Glück nur, dass Giovanni so ein geduldiger Lehrer ist.“

„In Amerika wird noch Latein unterrichtet?“ Es war Giovannis Mutter, die diese Frage gestellt hatte, da sie offenbar das Thema der Unterhaltung wechseln wollte.

Giovanni lachte leicht auf. „Natürlich, Mutter.“

„Ich kann verstehen, dass Sie das wundert, Signora Provere“, erklärte Gaby höflich. „Die meisten Menschen denken natürlich nur an Glücksspiel, wenn sie den Namen Las Vegas hören. Aber das ist nicht alles, was es bei uns gibt. Meine Eltern zum Beispiel halten nichts davon und gehen niemals in ein Spielkasino.“

„Dennoch kann es nicht gerade ein geeigneter Ort sein, um Kinder aufzuziehen.“

Giovanni legte seiner Mutter eine Hand auf den Unterarm und sagte sanft: „Das kommt ganz auf die Kinder an. Gaby hat sich niemals für Glücksspiel interessiert.“

Seine Mutter aber sah ganz und gar nicht überzeugt aus.

„Es gibt heutzutage sehr viel schlechte Einflüsse auf Kinder“, fuhr Gaby ruhig fort. „Aber das ist überall auf der Welt so. Meinen Sie wirklich, dass man hier in Italien sicherer lebt als woanders?“

Giovannis Onkel schien ganz ihrer Meinung zu sein. Auf einmal aber stand Luca auf und erklärte: „Es tut mir leid, aber es gibt einige Dinge, die ich schon zu lange habe warten lassen. Deshalb entschuldigt mich jetzt bitte, ich ziehe mich zurück. Buona notte.“

Gaby schaute ihm lange erstaunt nach. Als er den Raum verlassen hatte, war so eine starke Ausstrahlung von ihm ausgegangen, dass es ihr einen Schauer über den Rücken gejagt hatte. Sie bedauerte, einen ganzen Abend mit ihm verbracht zu haben, ohne jedoch etwas Persönliches von ihm erfahren zu haben. Er würde nach Rom zurückkehren, und sie selbst verließ Italien in zwei Tagen. Würde sie Luca nun nie mehr wieder sehen?

Seufzend musste Gaby sich eingestehen, dass sie diese Vorstellung kaum ertrug. Trotz der kurzen Zeit, die sie Luca erst kannte, bedeutete er ihr sehr viel. Aber war es nicht verrückt, so viele Gedanken auf einen Mann zu verschwenden, den sie kaum kannte? Oder war es nicht vielmehr so, dass Gaby sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte? So oft hatte sie sich einzureden versucht, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick nicht geben konnte, aber wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie sich eingestehen, dass sie an diesem Abend ihr Herz an Luca Provere verloren hatte.

„Gaby, was ist denn mit dir?“ Das war Giovanni. „Morgen haben wir wieder einen anstrengenden Tag vor uns, da schlage ich vor, ich bringe dich jetzt nach Hause.“

Hatte er etwa begriffen, was mit ihr vor sich ging? Gaby erschrak. Sie konnte nur hoffen, dass die Gefühle, die sie für Luca hegte, nicht so offensichtlich waren. Hastig stand sie auf und wandte sich an Giovannis Mutter: „Signora Provere, ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich in diesen wunderbaren Palast eingeladen haben. Wann immer ich an Italien zurückdenken werde, wird dieser Abend eine fantastische Erinnerung bleiben.“

„Freut mich, Signorina Holt“, erwiderte die ältere Dame kühl, doch Giovanni schien das nicht weiter zu beeindrucken.

Unterdessen bemühte Gaby sich, die Enttäuschung darüber, dass Luca bereits gegangen war, zu verstecken. Sie bedachte sogar Efresina mit einem strahlenden Lächeln und erklärte: „Es war mir eine Freude, Sie kennengelernt zu haben.“

Die meisten Gäste verabschiedeten sich ebenso freundlich von Gaby, doch auf einmal verspürte sie einen schmerzhaften Stich, da ihr Blick wieder auf das Porträt fiel. Es kam ihr beinah so vor, als ob Luca ihr einen langen Blick zuwarf. Hastig wandte Gaby sich an Giovanni: „Fährt dein Bruder uns wieder zurück?“

„Hast du etwa Angst davor, wenn ich selbst den Wagen lenke?“, gab er zurück, nachdem er Gaby nachdenklich angeschaut hatte.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie rasch, um zu verhindern, dass er erkannte, wie es um sie stand. „Aber er hat uns doch hierher gefahren.“

Giovanni schien sich mit dieser halben Begründung zufrieden zu geben. Lächelnd begleitete er sie zum Wagen und hielt ihr die Tür auf. Als er sich hinters Lenkrad gleiten ließ, erklärte er: „Wundere dich nicht, wenn Luca sich manchmal ein wenig seltsam benimmt, aber er war seit einem Jahr nicht mehr hier, da fällt es ihm vielleicht nicht ganz leicht, plötzlich die Familie wiederzusehen.“

„Aber es scheint ihm viel daran zu liegen, dass es dir gut geht“, erklärte Gaby und fragte sich, warum Luca wohl so lange weg gewesen war.

„Ich weiß. Er war immer schon so. Luca denkt stets an das Wohl anderer Menschen, aber leider nicht oft genug an sein eigenes.“

„Offenbar habt ihr eine sehr enge Beziehung.“

„Ja“, erwiderte Giovanni. „Mein Bruder war immer ein großes Idol für mich.“

Gaby biss sich auf die Lippen. „Aber in all den Wochen, die wir uns jetzt kennen, hast du ihn niemals erwähnt.“

„Das wäre zu schmerzlich gewesen.“ Giovanni steuerte den Wagen durch die schmalen Gassen, bis sie zur Hauptstraße kamen.

Gaby warf ihm einen Seitenblick zu und sagte: „Ich verstehe nicht recht.“

„Du hast doch das Porträt gesehen.“

„Ja, es ist Luca wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Genau das haben meine Eltern auch gemeint. Und sie haben in Luca immer den würdigen Nachfolger unserer Ahnen gesehen. Im Gegensatz zu mir war Luca ein brillanter Schüler. Er hat vor allem viel Verständnis für politische, wirtschaftliche, aber auch religiöse Fragen. Da war es von Anfang an deutlich, dass er sein Leben der Kirche widmen würde, um dort Karriere zu machen.“

Gaby glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Verblüfft fragte sie: „Soll das etwa bedeuten, dass Luca Priester wird?“

Giovanni nickte bedächtig mit dem Kopf und sagte: „Ja. Er hat sich sein ganzes Leben lang darauf vorbereitet. Nach Vaters Tod musste er sein Studium unterbrechen, um sich um die Familienangelegenheiten zu kümmern. Vor einem Jahr dann hat er mir die Leitung anvertraut und ist nach Rom gegangen, um sich dort auf das Priesteramt vorzubereiten. Die Weihe findet Ende September an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag statt.“

Sie seufzte auf. Das alles durfte doch einfach nicht wahr sein! Der Mann, der tiefste Gefühle in ihr wachgerufen hatte, war auf alle Zeiten für die Frauenwelt verloren. Niemals mehr würde sie Luca wiedersehen. Jedenfalls nicht als Ehemann, höchstens als Pater Luca …

Es gelang Gaby einfach nicht zu verheimlichen, wie es in ihr aussah. Was Giovanni ihr da erzählt hatte, war einfach ein zu großer Schock, als dass sie das hätte überspielen können.

„Es ist beinah ein Wunder, dass mein Bruder die Erlaubnis erhalten hat, für vierundzwanzig Stunden nach Urbino zu kommen“, bemerkte Giovanni.

Ein Wunder? Nein, Gaby wusste doch ganz genau, was das zu bedeuten hatte. Luca war nach Hause gekommen, um zu schauen, ob die junge Amerikanerin, die sein Bruder zur Frau erkoren hatte, den hohen Ansprüchen der Familie gerecht wurde. Vielleicht hatte er befürchtet, dass sie Giovanni nur um den kleinen Finger gewickelt hatte, um sich seines Reichtums zu bemächtigen. Nachdem sie sich aber kennengelernt hatten, war Luca wohl beruhigt. So konnte er nach Rom zurückkehren und würde sicher kaum noch einen Gedanken an sie verschwenden. Oder würde er immer wieder von ihr träumen, so wie sie von ihm?

Gaby wusste gar nicht mehr, was sie noch denken sollte. Vor allem ging es jetzt darum, Giovanni klarzumachen, dass er sich getäuscht hatte. Vorsichtig sagte sie: „Dein Bruder liebt dich sehr, da hat er sicher gern das Opfer gebracht, für einige Stunden zurückzukehren.“

„Ja, ich sollte ihm dankbar sein. Und ich bin sicher, eines Tages wird Luca höchste Funktionen in der Kirche innehaben. Dann muss ich um eine Audienz bitten, wenn ich ihn sehen möchte.“

„Er fehlt dir sehr, nicht wahr?“

Giovanni nickte schweigend. Sie verstand sehr gut, wie es in ihm aussah, da sie doch schon zu genau gespürt hatte, welche Anziehungskraft Luca ausübte. Und daran würde wohl auch ein hohes Kirchenamt nichts ändern. Und doch konnte sie sich einfach nicht vorstellen, wie Luca ein Leben führte, das ausschließlich Gott gewidmet war. Er schien ein Mann zu sein, der das Leben in vollen Zügen genießen sollte, um eine Frau zu lieben und eine Familie zu gründen.

Die ganze Zeit über hatte Gaby gefürchtet, dass eine andere Frau schon sein Herz erobert hatte, doch jetzt war es noch schlimmer zu erfahren, dass er sich niemals einer Frau hingeben würde.

„Ich verstehe sehr gut, was du für deinen Bruder empfindest“, erwiderte sie leise. „Mir geht es genauso mit meinem Bruder Wayne, er arbeitet auf einer Ranch in der Sierra Nevada, und wir sehen uns auch nur sehr selten.“

„Gefällt deinem Bruder die Arbeit?“

„Die Ranch ist sein Ein und Alles.“

„Dann solltest du glücklich für ihn sein, auch wenn er dir fehlt.“

„Ja, sicher.“ Auf einmal kam Gaby ein seltsamer Gedanke. Sie schaute Giovanni lange an, dann fragte sie nachdenklich: „Willst du etwa behaupten, dass dein Bruder nicht glücklich ist?“

„Ich weiß nicht recht. Luca teilt seine Empfindungen mit niemandem, nicht einmal mit mir.“

„Er hat von dir das Gleiche behauptet.“ Gaby zögerte einen Augenblick, dann erklärte sie entschieden: „Giovanni, ich muss dir eine Frage stellen. Bitte nimm es mir nicht übel. Aber als du Luca gebeten hast, nach Hause zu kommen, hast du ihm da gesagt, dass du vorhast, mich zu heiraten?“

„Nein.“

Gaby fühlte sich unglaublich erleichtert, doch es gelang ihr nicht so einfach, alle Zweifel wegzuwischen. „Er schien aber diesen Eindruck zu haben. Wie deine Mutter auch.“

„Das liegt daran, dass ich dich liebe, Gaby. Wenn ich heiraten würde, hielte ich um deine Hand an, nicht um Efresinas. Mutter hat sie für mich ausgesucht, aber ich will nicht. Das hat Luca sicherlich sofort gespürt.“

Gaby ballte die Hände zusammen. Luca hatte sich also nicht getäuscht und genau erkannt, was sein Bruder für sie empfand.

„Aber keine Sorge, Gaby, ich weiß genau, dass du niemals meine Gefühle erwidern würdest. Trotzdem fand ich es wichtig, dich meiner Familie vorzustellen.“

„Ich mag dich sehr gern, Giovanni, aber eben nur als Freund.“ Gaby brach ab. Es war grausam, Giovanni so offen die Wahrheit zu sagen, doch natürlich war es besser so. Aber wäre nicht alles viel einfacher gewesen, wenn sie sich in ihn statt in seinen Bruder verliebt hätte?

„Mir ist das schon seit langem bewusst, Gaby. Und ich hoffe, du wirst noch oft an mich denken, wenn du wieder in Las Vegas bist. Schließlich hatten wir doch eine sehr schöne Zeit miteinander. Und wer weiß, vielleicht kommst du ja nächstes Jahr nach Urbino zurück.“

Gaby warf ihm einen dankbaren Blick zu. Er war wirklich ein guter Freund geworden. Niemals aber würde er das gleiche Fieber in ihr entfachen wie sein Bruder. „Giovanni, ich …“

„Es ist schon gut, Gaby. Ich war sehr froh, dich heute Abend meiner Familie vorgestellt zu haben. Du warst sehr nett zu meiner Mutter. Verstehe sie bitte, schließlich hat sie schon Luca verloren, da möchte sie, dass wenigstens ich ihren Vorstellungen entspreche.“

„Ja, Giovanni, sicher will sie nur das Beste für dich.“

Sie konnte Signora Provere nur zu gut verstehen. Sicher hatte sie die Freude am Leben verloren, seitdem Luca das Elternhaus verlassen hatte.

„Was mir besonders gut an dir gefällt, sind deine Reife und deine Großzügigkeit. Und ich bin sicher, Luca sieht das genauso. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dass die beiden Menschen, die ich am meisten schätze, sich gut miteinander verstehen. Du magst ihn doch auch sehr gern, oder?“, hakte Giovanni vorsichtig nach.

„Ja, sicher“, antwortete Gaby mit zitternder Stimme.

„Luca hatte immer schon diese beschützerische Ader. Vermutlich weil ich kleiner bin, hat er sich immer eingemischt, wenn ich Streit mit meinen Freunden hatte. Und hinterher hat er den Tadel meiner Eltern ertragen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.“

Alles was Giovanni sagte, führte dazu, dass Gaby sich noch elender fühlte. Traurig lächelnd sagte sie: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du jemals Streit haben könntest.“

„Mein Vater hätte dir da ganz andere Geschichten erzählen können“, erwiderte Giovanni. „Aber leider ist er schon vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt verstorben.“ Er seufzte auf. „Wäre Luca nicht gewesen, hätte ich wohl niemals das Abitur geschafft. Er hatte sehr großen Einfluss auf mich und war immer mein Vorbild.“

Gaby hörte wieder genau den seltsamen Unterton aus seiner Stimme heraus. Da gab es etwas, was sie einfach nicht begreifen konnte. Als sie bei der Pension, in der sie wohnte, vorfuhren, betrachtete sie ihn lange schweigend. Dann fragte sie: „Giovanni, was willst du mir eigentlich sagen? Bist du der Meinung, dass Luca nicht ein Kirchenmann werden sollte?“

Er hielt den Wagen an und starrte vor sich hin. Endlich antwortete er leise, aber bestimmt: „Ich wünsche mir nichts mehr auf der Welt, als dass er diese Laufbahn mit Freude erfüllt. Aber nur, wenn das wirklich sein innerster Wunsch ist.“

Gabys Herz begann wie wild zu schlagen. Gab es denn noch Hoffnung? „Und was glaubst du, was ist Lucas innerster Wunsch?“

„Das ist schwer zu sagen, Gaby. Er ist ein edler Mensch, aber er ist sehr verschwiegen, wenn es um seine eigenen Gefühle und Hoffnungen geht.“

Es herrschte langes Schweigen. Gaby dachte daran, wie traurig Lucas Eltern darüber gewesen sein mussten, dass er sich der Religion widmete. Ganz offensichtlich ging es Giovanni da nicht anders. Gaby atmete tief durch und erklärte: „Ich habe den Eindruck, dass dein Bruder nur das tut, was er selbst für richtig hält. Und dann lässt er sich von nichts und niemandem mehr davon abhalten.“

Giovanni lächelte leicht. „Du verfügst über eine sehr gute Menschenkenntnis, Gaby. Und du hast recht mit dem, was du sagst. Luca würde niemals etwas tun, von dem er nicht selbst überzeugt ist. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber das ist einfach unmöglich. Vermutlich liegt es daran, dass wir einander zu nahestehen.“

„So geht es mir mit meinem Bruder auch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für eine Auseinandersetzung wir vor meiner Abreise gehabt hatten.“

Giovanni lachte auf. „Ging es dabei um italienische Männer?“

„Erraten. Scott, mein Bruder, meint, dass ich nach unserer Urgroßmutter komme. Er hat immer wieder gesagt, dass ich ein südländisches Temperament habe und mich bestimmt in Italien verlieben würde. Und dann käme ich niemals mehr nach Hause. Robbie, mein anderer Bruder, ruft mich jede Woche an, um zu hören, wie es mir geht.“

„Es ist doch schön, wenn man sich Gedanken um dich macht.“

„Ja, das finde ich auch.“

Giovanni wollte sich offenbar noch länger unterhalten. Unter normalen Umständen hätte Gaby das sehr gut gefallen, doch jetzt lag ein Schatten über ihnen. Nachdem sie Luca kennengelernt hatte, wäre sie gern allein gewesen, um in Ruhe über alles nachzudenken. Seitdem sie erfahren hatte, dass es niemals eine gemeinsame Zukunft mit ihm geben konnte, stand sie wie unter Schock.

Leise sagte sie: „Giovanni, vielen Dank für den Abend. Es war wirklich traumhaft schön. Ich werde ihn niemals vergessen.“

„Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut. Aber bevor wir uns verabschieden, möchte ich dir noch etwas geben. Und ich möchte, dass du es morgen trägst. Du weißt doch, wir wollten auf den Maskenball gehen.“

Er zog eine altertümliche Schachtel aus der Tasche und öffnete sie. Gaby riss die Augen auf. Sie konnte kaum glauben, was sie da sah. Vor ihr funkelte ein zauberhaftes Schmuckstück aus der Renaissance.

„Dieses Diadem stammt aus unserem Museum, es ist ein Familienstück“, erklärte Giovanni.

„Aber ich werde es niemals tragen können“, platzte Gaby heraus.

„Warum nicht? Ich denke, dafür sind solche Schmuckstücke gemacht. Und dein Haar ist wunderschön, da wird es erst richtig zur Geltung kommen. Bitte, ich habe dich niemals um einen Gefallen gebeten, aber dieses Mal möchte ich, dass du es für mich trägst.“

Gaby sagte sich, dass dieser Abend offenbar jede Menge Überraschungen bereithielt. Wohin sollte das alles noch führen? Ganz offenbar hatte Giovanni vor, die Geschichte noch weiter zu treiben. Für den Maskenball am nächsten Tag hatte er wohl etwas ganz Besonderes geplant. Dem konnte Gaby einfach nicht widerstehen. Andererseits aber spürte sie nur zu genau, dass sie nicht glücklich werden konnte, so lange Luca in Rom weilte, um sich auf das Priesteramt vorzubereiten. Obwohl der Vatikan nur zwei Autostunden entfernt war, hätte er ebenso gut auf einem anderen Planeten leben können. Nicht einmal einem Mitglied seiner eigenen Familie war es erlaubt, ihn dort zu besuchen.

Gaby aber hatte das Gefühl, dass ihr eigenes Leben davon abhing, ob Luca nach Rom zurückging und sie verließ oder nicht. Wie sollte sie den Verlust jemals verschmerzen? Niemals zuvor hatte sie so für einen Mann empfunden wie für ihn. Er aber hatte das Familientreffen verlassen, bevor sie sich ihm nähern konnte. Ob es wohl eine Chance gab, dass sie ihn noch am nächsten Morgen sah?

„Giovanni“, sagte sie leise. „Es ist wirklich eine große Ehre für mich, dieses Diadem zu tragen, aber ich habe nicht die geringste Idee, wie man so etwas ins Haar steckt.“

„Kein Problem. Du kommst in den Palazzo zu Luciana, sie hilft meiner Mutter oft dabei, das Haar zu frisieren, und es wird ihr sicher eine Freude sein, dir zu zeigen, wie man es macht.“

„Das ist aber nur morgen früh möglich, da ich den ganzen Tag brauche, um meine Sachen für die Rückreise vorzubereiten. Das Problem ist allerdings, dass dein Bruder auch morgen schon in der Frühe abreist – und ich möchte mich nicht in die Familienangelegenheiten einmischen …“

Gaby konnte nur hoffen, dass Giovanni nicht durchschaute, was sie eigentlich im Schilde führte. Es war schon ungerecht, da er sich wie ein Freund benommen hatte. Gaby aber sehnte sich mit ganzem Herzen nach einem Wiedersehen mit seinem Bruder. Wäre es nicht besser, sich diese fixe Idee endlich aus dem Kopf zu schlagen? Aber wie soll das möglich sein?

„Mach dir keine Sorgen darum“, erwiderte Giovanni fröhlich. „Ich lasse dich um halb sieben abholen, dann kommst du noch rechtzeitig zum Frühstück. Luca reist um acht Uhr ab, so könnt ihr euch noch kurz sehen.“

Ihr blieb beinah das Herz stehen. Das war ja mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. „Gut“, rief sie aus. „Aber du solltest den Schmuck bis morgen behalten, er ist viel zu wertvoll, als dass ich ihn mit mir nehmen könnte. Ich würde vor Scham sterben, wenn ich ihn verlöre.“

Giovanni schaute sie lange forschend an, dann sagte er nachdenklich: „Es gibt nichts auf der Welt, für das es sich zu sterben lohnte. Außer vielleicht die wahre Liebe.“

Auf einmal verstand sie, dass Giovanni ahnte, was in ihr vor sich ging. Sicher spürte er genau, wie sie sich zu Luca hingezogen fühlte, und er hatte das nur gesagt, um zu schauen, wie sie reagierte. Gaby fragte sich, ob es ihm schon einmal passiert war, eine Frau mit nach Hause gebracht zu haben, die sich dann Hals über Kopf in seinen Bruder verliebt hatte. Auf einmal schämte sie sich beinah ihrer Gefühle. Rasch verabschiedete sie sich: „Gute Nacht, Giovanni.“

Buona notte, Gaby.“

Sie stieg aus dem Wagen und schaute Giovanni lange nach, wie er in der dunklen Nacht verschwand. Vorhin, als er sie abgeholt hatte, war sie einfach eine junge Frau gewesen, die sich auf einen netten Abend in Begleitung eines guten Freundes gefreut hatte. Doch als sie jetzt nachdenklich die kleine Pension betrat, hatte sich das gründlich geändert. Würde ihr Leben jemals wieder so unbeschwert wie vorher sein?

Sicherlich konnte sie nach Las Vegas zurückkehren. Dort erwarteten sie schon Freunde und Familienangehörige. Sie konnte sich auch hier in Italien ansiedeln, da sie diese Landschaft über alles in der Welt liebte. Doch was immer sie auch tat, ihr Leben würde leer bleiben, da sie den Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte, niemals mehr sehen würde.

Vielleicht hatte Scott wirklich recht, und Gaby kam nach ihrer Urgroßmutter, schließlich hatte Gabriella Trussardi sich in einen Künstler verliebt und war ihm ohne langes Nachdenken gefolgt. Gaby Holt war bereit, das gleiche Opfer für die Liebe ihres Lebens zu bringen. Doch da Luca entschieden hatte, Priester zu werden, durfte sie ihn nicht in Versuchung führen.

Traurig stieg sie in ihr Zimmer hinauf und zog sich ein leichtes T-Shirt und eine sommerliche Hose an, da es trotz der vorgerückten Stunde noch sehr warm war. Sie entschloss sich, nach unten in den Aufenthaltsraum zu gehen, um etwas zu trinken. Zu ihrer Überraschung saßen dort noch viele Studenten zusammen, die ebenfalls in der Pension wohnten. Sie waren in ernsthafte Diskussionen versunken.

Gaby spürte gleich, dass irgendetwas nicht stimmte. Celeste, eine Zimmernachbarin, wandte sich an sie: „Hast du von dem Unfall gehört?“

„Nein, was ist geschehen?“

„Es ist einfach schrecklich. Nicht weit von hier hat sich ein schwerer Autounfall ereignet.“

„Welche Farbe hat der Wagen?“, fragte Gaby, da sie auf einmal eine ungute Vorahnung hatte.

„Schwarz. Man sagt, er sei vom Palast der Provere gekommen.“

„Was?“, rief Gaby aus. „Das muss mein Freund sein!“

Eilig lief sie auf die dunkle Straße hinaus. Vor der Tür der Pension stand ein nachtblauer Sportwagen. Gaby versuchte, daran vorbeizukommen, doch war die Gasse so eng, dass kaum Platz für einen Fußgänger blieb. Sie drückte sich an der Hauswand entlang, als die Fahrertür des Sportwagens aufging. Und auf einmal stand der Mann, der alle ihre Gedanken beherrschte, vor ihr.

„Luca!“, rief sie seinen Namen.

Dass er gekommen war, zeigte, wie dramatisch die Situation sein musste. Gaby spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich, und die Knie waren ihr so weich geworden, dass sie der Länge nach hingefallen wäre, wenn Luca sie nicht bei den Schultern gepackt hätte.

„Gabriella.“ Er sprach ihren Namen auf Italienisch aus. „Es kommt alles wieder in Ordnung. Giovanni hat zum Glück nur leichte Verletzungen erlitten. Ich war gerade im Krankenhaus, er ist in besten Händen und wird bald wieder auf den Beinen sein.“

Sie war unglaublich erleichtert. Seufzend lehnte sie sich an Lucas Brust. Plötzlich aber zuckte sie zusammen. Es war herrlich verlockend, ihn so dicht bei sich zu spüren. Am liebsten hätte sie ihm die Arme um den Nacken geschlungen, doch durfte sie auf keinen Fall vergessen, dass er Priester werden wollte. Rasch zog sie sich zurück und stammelte: „Oh, Entschuldigung. Ich wollte nicht …“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Mein Bruder hat uns ja mehr als eine Überraschung heute Abend bereitet. Möchten Sie noch etwas aus Ihrem Zimmer holen, oder kann ich Sie gleich zum Krankenhaus fahren? Giovanni möchte Sie sehen.“

Gaby versuchte, ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Dabei spürte sie genau, wie Luca den Blick über ihre weiblichen Formen gleiten ließ. Sie war viel zu leicht angezogen.

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