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Rohling Home-Gestern

Inhalt

Vorwort

Der Brief

Über das „Lesen“

Das MÄRCHEN

DAS Märchen

Der MYTHOS

Der griechische Mythos

Homer`s Bilderwelt

Die griechische Mythologie als Darstellung menschlicher Erfahrung

Die ODYSSEE

Der „Göttliche Z O R N“

Die Kunst des H O M E R

Über die Geistlosigkeit

A R B E I T

Die „sehende“ Blindheit

THERSITES

Schönheit – Liebe

„Der Amboss“

Goethes „PROMETHEUS“

„Francesco grüßt Homer, den Fürsten der griechischen Dichtung.“

Der Tod des Patrokles

Die EUDAIMONIA

WAHN

„Die Eingeweide des Unerforschlichen“

REE–SÜ–MEE

Herr Hölderlin

Vorwort

Vor 3 Jahren erhielten wir den Brief meines Bruders. Meine Frau und ich waren über seinen Inhalt sowie über die Geistesverfassung, in der dieser geschrieben wurde, verwirrt und, obwohl wir seit langem keine Beziehung zu dem mir Verwandten pflegten, wegen seines von ihm angekündigten Todes in Sorge. Es überraschte uns, dass er selbst anscheinend vor diesem Ereignis, welches wir, wie viele unserer Mitmenschen vermieden hatten anzusprechen, keinerlei Furcht empfand. Dieser Brief jedoch bewirkte es, dass wir uns diesem Thema zuwandten. Dabei machten wir die Erfahrung, dass es so zu sein scheint, dass, wenn man sich mit dem „Tod“ beschäftigt, sich automatisch die Frage nach dem „Leben“ stellt. Was ist das, „Leben“? Ist dieses nach dem körperlichen „Ableben“ wirklich beendet? Was ist „Sehnsucht“? Des Weiteren fragten wir uns ebenfalls: was ist „Verstand“? bzw. gibt es tatsächlich unterschiedliche Qualitäten davon und wie wirken diese auf unser Leben? Verändert sich die Qualität von Verstand in unserem persönlichen Leben sowie in der Menschheitsgeschichte? Gibt es überhaupt eine Entwicklung der Menschheit, was mein Bruder als „Werden“ bezeichnet? Was ist „Gewissheit“? und andere Fragen stellten sich uns in der an den Brief anschließenden Zeit. Der Brief hatte eine anregende Wirkung auf uns und wir haben das Gefühl, dass durch die Beschäftigung mit diesen Fragen unser „Leben“ intensiver geworden ist. Obwohl wir nicht alles nachvollziehen konnten, was in diesem „Testament“ niedergelegt wurde, betrachteten wir es jedoch als zu wertvoll, um es in einer Schublade verwesen zu lassen. Wir entschlossen uns, dieses Schriftstück unseren Mitmenschen bekannt zu machen und es zu veröffentlichen. In Eigenarbeit haben wir uns dann daran gemacht, die Unverständlichkeiten und offensichtlichen Fehler mit unseren bescheidenen Kenntnissen in der literarischen Aufbereitung eines Schriftstückes und mit Hilfe eines Korrekturprogramms zu beheben. Wenn dennoch einige Fehler und Unklarheiten in diesem verblieben sind, so wünschen wir uns, dass dieser Mangel nicht zum Maßstab für die Bewertung des Inhaltes gemacht wird. Dieser Brief wurde, dass darf man nicht vergessen, von einem Menschen in einer außergewöhnlichen Situation geschrieben. Die „Einsichten“, die unseren Bruder so plötzlich überfielen sowie die diese Situation begleitenden Medikamente, die sein Ableben erträglich machen sollten, werden wohl einiges dazu beigetragen haben, dass das unter diesen Umständen Entstandene teilweise für uns unverständlich und oft verwirrend und es somit für uns ebenfalls schwierig war, dass Geschriebene so zu ordnen, dass es für andere nachvollziehbar wurde. Wir hoffen, dass dieses uns geglückt ist. Wo nicht, möge der Leser uns zu Gute halten, dass wir auch „nur“ Menschen sind, die die Perfektion der Maschinen nicht erreichen – und auch nicht erreichen wollen.

 

„Seht, ich lehre Euch den Übermenschen!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde.

Euer Wille sage:

Der Übermensch sei der Sinn der Erde!

Ich beschwöre Euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche Euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. …

…Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste, und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde!“

Friedrich Nietzsche

Der Brief

Lieber Bruder!

Es würde mich nicht wundern, wenn Du überrascht bist, dass ich nach so langer Zeit etwas von mir hören lasse. Die Ursache, dass ich Dir diesen Brief schreibe, liegt darin begründet: im letzten Jahr wurde in meinem Leib der heute so verbreitete Krebs festgestellt und die Diagnose des Leidens gab mir lediglich noch eine kurze Zeit, die ich auf der Erde zu leben habe. Man sprach von ca. 2-3 Jahren, welche jetzt bald vorbeigeflogen sind. Die Nachricht war natürlich erschütternd. Sie holte mich aus einem Traum, indem ich zuvor fest eingesponnen war. Im Nachhinein kann ich sagen, dass diese Zeit nach der Diagnose für mich dennoch eine intensive, erfüllende und wahrscheinlich die fruchtbarste Zeit meines Lebens war.

Aber zum Grund meines Schreibens an Dich: Ich habe durch die nach der Diagnose anschließende Auseinandersetzung mit meinem Leben und meinem bevorstehenden Tod, inspiriert durch Träume und Gelesenes einiges über das „Leben“ ersonnen und aufgeschrieben. Das Produkt dieser Aktivität liegt nun vor Dir. Ich wusste nicht, in welche Hände ich diese Aufzeichnungen nach meinem „Abgang“ geben sollte. Da ich es den Freunden meines Lebens, die nicht die Freunde meines Sterbens sind, nicht anvertrauen mochte, fiel mir mein „kleiner Bruder“ ins Gemüt. Ich hoffe, dass ich Dir hiermit nichts aufbürde. Ich fühle jedoch, dass diese Gedanken eines „alten“ sterbenden Mannes, der das, was wir den Tod nennen, vor Augen hat, Dir, Deinen Kindern und auch anderen dabei helfen können, das Leben, welches wir als so selbstverständlich empfinden, zu begreifen und zu schätzen.

Nun ja, es war nicht ausschließlich die Botschaft des mir bevorstehenden Todes, die meinem bisherigen Lebenssystem, welches doch sehr auf Zahlen konzentriert war, einen Virus einschleuste. Natürlich bin ich durch diese in meinem Tun angehalten worden. Das, was mir zuvor so fest, so eindeutig und so selbstverständlich erschien, dieses feste Weltbild unserer modernen Zeit, wurde in seinen Grundfesten erschüttert. Die nachfolgende intensive Auseinandersetzung mit den Mythen, den Märchen und den Philosophen der älteren Zeiten konfrontierte mich mit nicht bekannten Gefühlen, Ansichten und Willen. Ich hatte diese Dokumente schon zuvor gelesen. Aus irgendeinem Grunde hat mich einiges der Literatur mein Leben lang begleitet. Ich las sie und, obwohl sie nicht zu mir sprachen, waren sie dennoch „irgendwie“ von Bedeutung für mich. Die Auseinandersetzung mit diesen Schriften, die nach der Botschaft meines baldigen Dahinscheidens begannen, zu mir zu sprechen, tat ihren Teil dazu, dass meine vor der Hiobs-Botschaft noch festgefügte Lebensstruktur zerbröckelte. Mein bisheriges Leben offenbarte sich mir weitgehendst als Fehlorganisation und die Gewissheit seiner Nichtigkeit ließ mich erschrecken. Sicherlich wäre ich in dieser Situation verzweifelt, wären da nicht Dinge geschehen, die mir halfen, diese Zeit zu überstehen. Zum einen hatte ich, nach dieser Botschaft sofort, ohne mir groß Gedanken über die Richtigkeit dieser Handlungen zu machen, mein äußeres Leben verändert. Geld hatte ich mit meinen Zahlen genug verdient, ja, ich konnte mich als wohlhabend bezeichnen (vorher nannte ich diesen Zustand noch „reich“ - jetzt weiß ich es besser). Ich war in finanzieller Hinsicht gut versorgt und konnte mich aus meiner Arbeitswelt zurückziehen. Alles, was meinen Status als erfolgreicher Broker an der Börse verherrlichte, konnte verkauft werden und ich zog mich auf mein Anwesen auf dem Lande zurück. Ich beabsichtige den Rest (wird ja nicht mehr lange sein) meines Lebens hier zu verbringen. War Maggy schon zuvor von mir eingestellt worden, um sich um dieses Haus, welches ich zuvor selten besuchte, zu kümmern, so stellte ich sie zu meinem Glück fest an. Auch willigte sie ein, hier zu wohnen und mir mit Kochen, Haushalt und allem, was dazu gehört, behilflich zu sein. Ich hatte bisher noch nie mit jemandem für längere Zeit unter einem Dach gelebt. Auch dieses Mal ist es ja befristet. Leider, da es sich als eine neue und sehr angenehme Erfahrung herausstellt. Das Eingeständnis, dass ich jemanden brauche sowie das Wissen darum, dass jemand für mich da ist, kannte ich aus meinem bisherigen Leben nicht. Ich fühlte mich immer „frei“ und war die meiste Zeit ungebunden und auf mich selbst gestellt. In dieses Leben ließ ich niemanden hinein. Die permanente Fixierung meinerseits auf die Zahlen wirkte wohl wie eine gewaltige Mauer, die niemand überwinden konnte. Diese ehemals gewaltige Mauer ist jetzt an vielen Stellen so offen, dass Maggy recht leicht in mein Reich gelangen kann und ich fühle mich dadurch nicht bedroht. Der TOD, das heißt, das Ende des leiblichen Daseins hier auf diesem Leib ERDE, ist wahrscheinlich für viele Menschen so erschreckend, weil er neben dem endgültigen Verlassen der lieben Menschen gleichbedeutend ist mit dem Glauben der endgültigen Nichterfüllung unserer Sehnsucht, d.h. unserer nicht erfüllten Wünsche und Träume. Ich hatte zuvor ein in vielerlei Hinsicht „autistisches“, nur auf mich selbst bezogenes Leben geführt, was es mir somit nicht schwer machte, Menschen und Dinge loszulassen. Mit dem Loslassen meiner Beziehungen zu meinen Mitmenschen und der Dinge, auf die ich mich im Alltag zuvor bezogen hatte, ließ ich anscheinend auch meine Vergangenheit sowie meine Zukunft los, wodurch für kurze Zeit eine Leere in mir waltete, die kaum auszuhalten war. Diese jedoch, das ist meine Erfahrung dieser Zeit, wird von dem JETZT erfüllt werden. Dieses JETZT hat mich seitdem gefunden und wird mich wohl bis zum „Ende“ nicht mehr verlassen. Mein JETZT ist hier und es ist immer wieder überraschend, was da so aus meinem „Inneren“ nach „Außen“ strebt; manchmal bestürzend, nie vorhersehbar und oft verwirrend-wundervoll. Wenn ich Dir also schon sagte, dass diese kurze Zeit, die ich am Ende meines Lebens in meinem Haus verbringe, eine erfüllende, wenn auch nicht immer die erfreulichste, so doch auf jeden Fall die intensivste Zeit meines Lebens ist, so war es nicht übertrieben. Es mag Dir merkwürdig erscheinen, aber es ist so: der „Tod“ hat mir, nach einer relativ kurzen Zeit der Verzweiflung und Angst doch das gebracht, was wir als „LEBEN“ bezeichnen und ich bin dankbar, dass ich dieses vor meinem Weggang von dieser Erde noch erleben kann.

Ein Phänomen, welches mir in der letzten Zeit oft begegnete, begann einen großen Einfluss auf die Entwicklung meiner letzten Tage zu nehmen. Das Loslassen meiner vorherigen Lebensstruktur noch in diesem irdischen Leben, welches zur Besinnung auf das JETZT führte, bildete wohl die Grundlage dafür, dass ich dieses kennenlernen konnte. Meine Träume wurden in ihren Erscheinungen und ihren Botschaften so intensiv von mir wahrgenommen, dass sie eine große Wirkung auf die Gestaltung meines Lebens bekamen und späterhin sogar entscheidend dafür wurden. Vielleicht hatte ich Träume solcherart schon vorher. Ich konnte sie jedoch nie erinnern, wie überhaupt Träume vorher für mich, so meinte ich jedenfalls, keine Rolle spielten. Ich hatte keinen Zugang zu dem, was sich da so in meinem Inneren abspielte. Das, was ich nicht durch Zahlen ausdrücken konnte, spielte für mich keine Rolle - ja, es war mir nicht einmal bewusst, dass ich so etwas wie ein „Innenleben“ habe. Dieses mir vorher nicht bekannte Leben, welches in meinem Inneren lebt und auf mich wirkt, wurde hier in meinem Haus bestimmender und ist jetzt dermaßen wirkungsvoll, dass ich das Gefühl habe, mein Leben ist wie ein Traum aus dem ich kaum mehr „erwache“.

Ich will Dir jetzt von „meinem“ Traum erzählen, der in seinem Zauber und seinem Nachwirken in meinem Gemüt mich in der folgenden Zeit so entscheidend beeinflusst hat. Die Wiedergabe dieses Traumes durch Worte, da bin ich mir bewusst, wird viel von der Intensität der erfahrenen Gefühle verlieren. Dieses Traumerleben geschieht nicht auf der Erde, dem Festen, dem Körperlichen und wenn ich in der Wiedergabe von „ICH“ spreche, so ist es doch nicht das „ICH“, welches ich hier auf Erden verkörpere. Dieses „ICH“ ist das Innerstes meines Seins, die Essenz meines Lebens, mein innerster Kern, aus dem sich die Motive meines Fühlens und Wollens in der Welt ableiten lassen.

„Ich“ gleite durch den schwerelosen Raum. „Ich“ bin eine kleine goldene, leuchtend flackernde und Funken versprühende Kugel, die nicht nach außen durch eine Hülle abgegrenzt ist. In mir selber strömt und wirbelt es. „Ich“ bin von unbegrenzter Freude, Stolz und Neugierde erfüllt. „Ich“ bin eine in sich verströmende kleine Welt, die vor Glück und Dankbarkeit kleine Funken entlässt. Hell-leuchtend und voller Wärme gleite „Ich“ durch den Raum. Zu meiner linken und rechten Seite begleiten mich je ein Wesen. Sie schauen mich nicht an. Aufs höchste konzentriert gleiten sie an meinen Seiten dahin und halten mich, diese kleine, sich vor Glück verströmen wollende Kugel, durch die unsichtbaren Fäden ihrer Konzentration im Gleichgewicht. Sie führen mich durch dieses grenzenlose Universum. Ich fühle mich zwischen diesen beiden Kräften geborgen, beschützt und gehalten. „Beschützt“ nicht vor den Kräften, die von außen auf mich einwirken könnten, sondern eher insofern, dass ich unter ihrer Obhut, unbeherrscht und zügellos wie die Stimmungen in mir walten, nicht meine Leuchtkraft, und damit „mich“ gefährde. Ich spüre großes Vertrauen in und Ehrfurcht vor diesen beiden Wesen, die mich weiterhin durch ihre Konzentration durch den Raum geleiten, bis sie mir wortlos zu verstehen geben, mich auf einem rundförmig-festen Felsen niederzulassen. Ich fühle die Ehre, die Freude, so etwas wie Auszeichnung und Stolz darüber, dass die Beiden mich zu diesem Punkt geleitet haben. Die beiden Wesen setzten sodann ihren Weg fort. Als ich mich auf der Kugel niederlasse, verschwinden sie aus meiner Wahrnehmung. Ich verharre auf der Kugel, allein, wartend.“

Als ich aus diesem Traum erwachte, wirkte dieses Glücksgefühl noch lange Zeit in mir. Ich hatte in diesem Traum etwas erfahren, was ich auf Erden in meiner wachen Alltagswelt bisher nie erfahren hatte und nicht ahnte, dass es zu erleben möglich sei. Nun kannst Du sagen, es war ja „nur“ ein Traum. Da will ich Dir auch nicht widersprechen. Jedoch hatte ich das, was ich als „Glückseligkeit“ bezeichne, wenn auch „nur“ in einem Traum, doch intensiv erfahren. Nicht die „Bedeutung“ des Traumes hatte eine so große Wirkung auf den „Fortgang“ meines Lebens, sondern die Erfahrung der Empfindung „Glück“ und die Gewissheit, dass es für uns Menschen möglich ist, dieses erstaunlich-wunderbare Gefühl empfinden zu können. Dieses zutiefst bejahende, vertrauende und grenzenlose Gefühl war es, welches mein angeschlagenes bis dahin in mir wirkendes Wertesystem endgültig zur Auflösung brachte.

Dieser Traum, wenn auch der für mein Leben Bedeutsamste, war einer von vielen Träumen, die mich in der letzten Zeit heimsuchten. Wenn die anderen auch nicht von der Intensität waren, wurden ihre Botschaften doch entscheidend für mich. Die eindeutigen Gewissheiten, die ihnen zu Grunde liegen, stellen das mir von der modernen Gesellschaft Beigebrachte, ihre dort gepredigten Werte und Gesetze nicht nur in Frage, sondern entlarven ihren Demokratie- und Fortschrittsglauben als haltlosen (weil Seelen- und Körper-los) Unsinn. Mir scheint es mittlerweile so, als wären ihre erdachten „Grundlagen“ dem Substanz-losem Reich der Spekulationen entführt und ihre sogenannten Axiome sowie ihre Wissenshörigkeit mit der entsprechenden Logik lediglich der Zement, der benötigt wird, um die Mauern um jeden einzelnen dieser Sehnsuchts-Gesellschaft fester und dauerhafter zu machen. Nun ich hoffe, dass Du mit den folgenden Gedanken und Einsichten etwas anfangen kannst und es Dich eventuell anregt, die Gedankenbahnen weiter zu spinnen. Ich bin mir sicher, dass ich mit diesen Überlegungen lediglich Türen aufgestoßen habe, durch die unsere Kinder gehen müssen, sollten sie so etwas wie ZUKUNFT haben und wollen sie dort hinein streben.

Ich möchte meinen Brief an Dich nicht beenden, ohne Dir einen Rat fürs Leben gegeben zu haben. Wahrscheinlich erscheint es Dir anmaßend, dass ich meine, dieses tun zu können. Ich denke jedoch, dass es nicht so oft vorkommt, dass Dir ein Sterbender noch einen Tipp geben will. Da mein Gemüt zurzeit beherrscht wird durch Bilder und deren Stimmungen, will ich diesen Rat ebenfalls in einem Bild zum Ausdruck bringen:

„Wir leben umgeben von der Ewigkeit. Die Ewigkeit ist wie ein großer Adler, der in ewigen Höhen frei und stolz über allem dahinschwebt. Fortwährend lässt er seine goldenen Federn auf die Erde und ihre Menschen niederfallen; eine nach der anderen, in alle Ewigkeit. Diese funkelnden Federn nennen wir AUGENBLICK. So beständig er diese auf uns herabrieseln lässt, so beständig wachsen ihm neue nach. Die Ewigkeit ist diesem Bilde zu Folge die unendliche Aufeinanderfolge der Augenblicke.

Also, fang den Augenblick, ergreife das JETZT und die Ewigkeit und ihre Wunder werden Dein sein! Lass Dir von den Menschen nichts anderes erzählen. Sie haben den Augenblick längst verloren. Sie haben seit langer Zeit Angst vor diesem und vermeiden ihn und somit auch das Glück, das in ihm, und nur in ihm, verborgen ist. Höre nicht auf diese ängstlichen Geschöpfe! Sie können zwar denjenigen, der den Augenblick gefunden hat, ans Kreuz nageln, aber glücklich können sie niemanden machen!

Also mein Bruder. Die beiden Wesen, die ich im Traum wahrgenommen habe, zeigten sich in letzter Zeit regelmäßig in meinem Sinn. Ich bin mir aus diesem Grunde sicher, dass ich unsere Erde bald verlassen werde. Da ich davon ausgehe, dass die Beiden mich abholen werden, um mich dahin zu führen, wo ich mein bisher größtes Glück empfunden habe, bin ich verständlicherweise nicht mit Furcht erfüllt. Ich habe eher das Gefühl, nach Hause zu kommen. Wenn Dich der Brief erreicht, werde ich schon dorthin gehen, woher ich gekommen bin.

Dein Bruder

Über das „Lesen“

Bevor wir zum Inhalt des Geschriebenen kommen, sollte das Werkzeug, dass uns zu diesem führen soll, bekannt sein. In diesem Fall ist es das Vermögen „LESEN“. Unter „Lesen“ verstehen wir die Aufnahme der Buchstaben mit Hilfe des Verstandes in das eigene Hirn. Dort werden die Buchstaben in der Regel sortiert und formatiert. Des Weiteren kann der Mensch ebenfalls das zwischen den Zeilen Spürbare in sich aufnehmen. Der Inhalt der Worte wird dann als Anregung für die Entwicklung der lesenden Persönlichkeit wirken. Nun gibt es ja bekanntlich unterschiedliche Formate, die wir uns tagtäglich buchstäblich zu Gemüte führen. Ob es die Zeitung, der Roman, die Fachliteratur, die Poesie, Märchen, Mythen oder andere Schriftstücke sind; alle diese schriftlichen Mitteilungen haben als Grundlage den Buchstaben. Die Aneinanderreihung derselben zu Silben, Worten und ganzen Sätzen werden im Hirn des Lesenden abgebildet und dort „verstanden“. Jedoch verfolgen diese unterschiedlichen Buchstabenvarianten unterschiedliche Absichten. Die Fachzeitschrift wie auch die Tageszeitung soll informieren. Der Roman soll unterhalten und entspannte Zeiten für den Lesenden schaffen und eventuell den Lesenden Erfahrungen vermitteln, die in der Alltäglichkeit des Daseins von ihnen zwar ersehnt, jedoch nicht erlebt werden können. Obwohl in diesem Moment des Lesens aus diesen Formaten Informationen aufgenommen oder fremde Erfahrungen erlebt werden, wird sich der STATUS QUO des Lesenden nicht verändern. Man liest die Zeitung und obwohl diese teilweise erschütternden und bedrückenden Nachrichten den Lesenden zutiefst berühren und zur Trauer oder Wut bringen müssten, ist es doch Alltäglichkeit, dass diese Wirkung nicht erzielt wird. Im Gegenteil scheint der gewohnheitsmäßig Zeitung Lesende das Gefühl zu haben, dass sich die Welt gerade wegen der immer gleichen (schlechten) Nachrichten im Gleichgewicht befindet und er sein Leben auf dieser Grundlage beruhigt und „ewig“ so weiterleben kann. Auch führen die in den Romanen geschilderten fremden Erfahrungen nicht unweigerlich dazu, dass die dadurch angesprochenen Bedürfnisse und unbewussten Wünsche dem Leser bewusst und somit in seiner alltäglichen Lebenswelt erfahrbar gemacht werden. Die Informations- übertragung von den die Buchstaben zusammenhaltenden Büchergefäßen in die Hirne des Lesenden wird dessen Status Quo und somit dessen Wahrnehmung der Welt sowie seiner Persönlichkeit und somit sein Verhalten zu diesen Wirklichkeiten, in der Regel nicht verändern. Der Leser, der durch diese Aktivität seinen Informationsvorrat vergrößert oder seine Phantasiewelt anregt, ist der sich in seinen Gewohnheiten eingelebte Mensch. Er ist nicht daran interessiert, dass das „Lesen“ sein aus Gewohnheiten bestehendes Leben in Frage stellt. Er will von diesem lediglich die Stabilisierung seiner Lebensführung.

Jeder Art und Weise des Lesens, gleichgültig welche Literatur zur Verfügung steht, liegt zu Grunde, dass der Leser im Akt des Lesens mit seiner Aufmerksamkeit den von außen angebotenen Buchstaben folgt, und somit die (in der Regel) unbewusste Aufmerksamkeit für die entsprechende Zeit den im eigenen Verstand gestalteten Buchstaben entzieht. Da die von außen angebotenen Buchstabenfolgen auf Grund ihrer Kunstfertigkeit oder ihres Klanges einen anziehenden Duft ausströmen, ist es verständlich, wenn die Aufmerksamkeit des Lesers gerne den eigenen miefigen Verstandes-Wortkasten mit den immer gleichen Wortabfolgen verlässt, um sich der Literatur oder anderem zuzuwenden. So wird auch die Fernsehsucht erklärbar: der Ferngucker, der seiner Hirn-Wüste auf der zumeist unbewussten Suche nach einem erfüllten Leben entfliehen möchte, gibt dem Angebot des aktivierten TV-Kastens gerne nach und „schenkt“ diesem seine Aufmerksamkeit, was er ja eigentlich nicht tut, da er für diesen Service (von den eigenen Gedanken befreit zu werden) zu zahlen hat. Dabei kann das Angebotene noch so „mäßig“ sein: ungewöhnlicher und lebendiger, also attraktiver als die im eigenen Oberstübchen entwickelten Wortfilme wird es in der Regel sein. Ist der Leser ein bewegungslos Verharrender und mit seinem Status Quo und dem der Welt einverstanden, wird das „Lesen“ zu einem angenehmen Vertreiben der Zeit, ohne dass die Informationen und Erfahrungen ihn verändern und zu einer Bewegung bringen werden. Ist er andererseits ein der Zukunft zugewandter, strebender und noch nicht normierter Mensch, können die Informationen und Erfahrungen in die lesende Persönlichkeit aufgenommen und dabei eventuell bewusst gemacht werden. Das Aufgenommene wirkt hier als Anregung für die Entwicklung des Lesenden. Es ist also vom „Zustand“ des Lesers abhängig, ob die ihm dargebrachten Buchstaben in seinem Hirn gespeichert werden oder ob sie zudem in die Persönlichkeitsentwicklung des „Lesenden“ eingreifen. Voraussetzung für die zweite Art zu lesen ist die OFFENHEIT des Lesers. Von dieser ist es abhängig, ob die Informationen, nachdem sie in dem Hirnkasten aufgenommen, beurteilt und ihnen Passierscheine zugestanden wurden, weiter in das Reich der Persönlichkeit des Lesenden gelangen können, um dort letztendlich „verarbeitet“ zu werden. Eine Lesermenge, die sich die Buchstaben aus Gewohnheit, aus „Langeweile“ oder aus Furcht vor der Wirklichkeit aneignet, ohne diese zu „verdauen, ist als „süchtig“ zu bezeichnen, da sie den von AUSSEN an sie herangetragenen „Stoff“ braucht, ohne den sie ihren „Lebens“-Stil nicht fortführen könnte. Diese sitzende, nach u.a. Buchstaben süchtige Lesermenge, ist sie noch in der Lage, das, was um sie herum geschieht, zu „lesen“ und zu begreifen? Wollen wir noch begreifen? Oder ist die Furcht vor den Folgen unseres „Lifestyles“ auf diesem Planeten mittlerweile so groß, dass wir lieber mit Hilfe der phantastischen Buchstaben in andere Welten flüchten wollen? „Lesen“ wir die Welt nicht mehr, indem wir die von ihr auf uns ausgehenden Wirkungen und die entsprechenden Erfahrungen nicht mehr annehmen und, wenn wir diese ignorieren, sie (die Wirklichkeit) uns nicht bewusst machen können? Aber wenn wir die Inhalte der Welt oder der Bücher nicht mehr annehmen, sind wir dann noch ein Teil dieser Welt? Leben wir dann noch gefühlt auf diesem Planeten namens ERDE oder doch eher in unseren aus Hirngespinsten zusammengesetzten Gewohnheiten, in denen sogar eine Märkel Bestand hat?

Es gibt verschiedene Arten des „Lesens“ der Buchstaben. Eine Art des „Lesens“ ist die, die nicht dazu führt, dass unser STATUS QUO und somit unsere „ICH“-Ordnung gefährdet wird. Ja sie führt dazu, dass die Aktivität des Lesens das Tun des Lesers stabilisiert. Es werden dabei (von außen) von einem Objekt aufgenommene Informationen, Bilder und Erfahrungen in die vorhandene Schatzkammer des Wissens eingeordnet und abgelagert, ohne verändernd in die Persönlichkeit einzugreifen. Dringen dagegen andererseits die von außen kommenden Buchstaben als „Botschaften“ in den Lesenden ein, um dort ihre Wirkungen zu entfalten, wird es nach dem Prozess der Verarbeitung zu den bekannten „AHA“ - Erlebnissen kommen, die dazu führen, dass sich ein neues Fühlen, Wollen und Denken im Lesenden entwickelt.

Wenn wir vom „Lesen“ sprechen, gehen wir gewöhnlich davon aus, dass es sich um Buchstaben handelt, die „gelesen“ werden. Der Winzer wird diesem Wort jedoch eine, seinem Beruf entsprechende andere Bedeutung zumessen. Geht es diesem doch nicht um das „Lesen“ von Buchstaben, sondern um das „Lesen“ der Trauben, die Wein“lese“. Das Wort „Lesen“ scheint sich aus dem lateinischen Wort „legere“ entwickelt zu haben, welches so viel bedeutet wie „Sammeln, Auswählen“. Der Winzer sammelt nun keine Buchstaben, um daraus eine Wortbrühe zu erschaffen. Er sammelt die Trauben, um diese mit Hilfe seiner Kunstfertigkeit weiter zu verarbeiten. Er lässt sie gären und lagert die aus den Trauben gewonnene Flüssigkeit in mehr oder weniger wertvollen Gefäßen, wo sie sich daraufhin in Ruhe weiter entwickeln können. Ob sie sich zu einem „edlen Tropfen“ entwickeln, ist abhängig von der Qualität der Trauben, der Qualität des Fasses, in dem diese gelagert werden - und natürlich von Erfahrung, Geduld, Gespür und den handwerklichen Fähigkeiten des Menschen, der diesen Wein in seiner Entwicklung betreut. Wenn es nach Gärung und Reifung im dunklen Fass endlich, vor dem Abfüllen in Flaschen zur „AHA“-Erfahrung durch das Geschmacks- erlebnis kommt, hat die Entwicklung sein vorläufiges Ende genommen. Aus dem „Lesen“ der Trauben ist nach mehr oder weniger langer Zeit die Köstlichkeit „Wein“ geworden. Auch hier, bei der Weinlese, beginnt der Prozess mit dem „Lesen“, - dem Sammeln und Auswählen. Wie die gesammelten Trauben können auch die gelesenen Buchstaben den Prozess des Gärens und der Reifung durchlaufen und dadurch einen guten „Geist“, d.h. Bewusstheit, erschaffen. Sie können jedoch ebenfalls, wie es so oft bei einer ungeschickten Betreuung durch den Leser geschieht, einfach vergessen werden. Entweder faulen sie in diesem Fall nach dem Sammeln oder, wie es bei den Trauben der Fall ist, wird ihnen bei einem beständigen Überangebot an Buchstaben der stimulierende Geist entzogen. Zurück im Lesenden bleibt dann eine faule Gesinnung und ein trockener, geistloser Lebensgeschmack.

Die Art und Weise des „Lesens“ kann der Mensch natürlich, als Prinzip der Weltaufnahme (dem Sammeln der auf den Menschen einwirkenden Wirklichkeiten) ebenfalls auf sein inneres Reich und somit auf seine Träume anwenden. Er kann ebenfalls sein Inneres „lesen“ und aus seinen Träumen „Eindrücke“, also Empfindungen, sammeln und auswählen. Wird der Traum erinnert, hat man es zunächst mit den Bildern zu tun. Die Bilder sind die Gefäße, die mit den in der Persönlichkeit des Träumenden wirkenden Empfindungen gefüllt sind. Diese Empfindungen werden bildhaft dargestellt durch Abbilder der Realitäten, die der Mensch der (im außen) sichtbaren Welt entnimmt. Diesen Bildern (Menschen, Landschaften o.a.) liegen wie gesagt Empfindungen zu Grunde bzw. durch die Bilder werden die Empfindungen des Träumenden im Traum „sichtbar“ gemacht. Wird in dem Traum eine angenehme, schöne Landschaft dargestellt, ist sie die bildhafte Darstellung angenehmer, schöner Empfindungen (des Träumenden). Erscheint die Landschaft eher trostlostraurig, ist sie ein Ausdruck trostlos-trauriger Empfindungen. In diesem Sinne sind ebenfalls die im Traum auftretenden Menschen Verbildlichungen der in der träumenden Persönlichkeit wirkenden Empfindungen. Ist es das Vertrauen, welches eine Verbindung und Verschmelzung mit einem anderen Menschen sucht; ist es der Neid, der die trennende, sich fern halten wollende Absicht kundtut, so erscheinen im Traum die entsprechend sympathisch oder unsympathisch wirkenden Bilder, mit denen der Traum das entsprechende Empfinden zum Ausdruck bringt.

Diese beiden unterschiedlichen Weisen, die Welt zu „lesen“, werden im Folgenden durch die Wirklichkeitsbetrachtung zweier Freunde dargestellt. Sie nehmen dieselbe Wirklichkeit wahr aber erfahren vollkommen unterschiedliche Reaktionen.

Zwei Freunde unternehmen einen Spaziergang. Es ist fortgeschrittener Herbst. Dunkel-kalte, klare Luft erfüllt den Raum. Die Sterne funkeln. Der Vollmond scheint hell und beleuchtet mit seinen silberglänzenden Strahlen die Erde. Beide schauen verzückt nach oben und sind begeistert ob der Klarheit und Mannigfaltigkeit der funkelnd-strahlenden Sterne.

Freund 1 entfließt aus seiner Betrachtung des Sternenhimmels ein begeisterter Redefluss, der das „Sternenzelt“ zum Inhalt hat. „Guck mal! Ist das nicht herrlich? All die Sterne, ihr Funkeln, Glitzern und Blitzen. Und der Mond, wie er sein strahlendes Licht über uns ergießt!“. Weiterhin wären da dieser Stern und dort jenes Sternenbild klar erkennbar! Da werden von ihm die Sternenbilder erklärt, die schwarzen Löcher gesehen, Milchstraßen und andere kosmische Strukturen aufgezeigt, bis man den Eindruck hat, die Sternendecke sei vollständig erklärt und über dieses Erstaunliche habe sich ein Redefluss ausgebreitet, der letztendlich den vor Erstaunen geöffneten Mund wieder verschließt.

Freund 1 schaut nach längerer Zeit zu Freund 2, der schon eine Weile nichts mehr von sich gegeben hat. „ Was ist denn mit Dir los?“ fragt Freund 1. „Deine Wangen sind ja feucht. Wie kannst Du bei diesem Anblick traurig sein?“ Freund 2 wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Er atmet einmal, atmet zweimal tief durch, wirft einen Blick nach oben in diese funkelnde Schwärze, um sich daraufhin seinem Freund zuzuwenden. „Auch ich habe alles sehen können, was Du soeben beschrieben hast. Jedoch, als ich den vollen, strahlenden Mond betrachtete, wurde mir so sonderbar. Ich begann durch den runden Mond wie durch eine Öffnung in das herrliche, strahlend-weiße Licht „dahinter“ zu schauen, einen kurzen Moment nur. Dann hatte ich das Gefühl, etwas würde mich erfüllen, von dorther kommend, wohin ich blickte. Ich wurde indessen so klein und dachte noch - Was sind wir Menschen doch so klein in Gegenwart der Ewigkeit - und schon schossen mir die Tränen aus den Augen. Dabei hatte ich gar keine Furcht und war auch nicht traurig. Im Gegenteil: als die Ewigkeit mich mit ihrer Gegenwart erfüllte und keine Gedankenritter diese abzuwehren vermochten, war es mir, als wäre ich in diesem Moment „heil“, „ganz“: Als wäre ich plötzlich dort angekommen, wohin ich mich schon seit langer Zeit gesehnt habe. Ich hatte für einen Moment das Gefühl, „zu Hause“zu sein. Die Tränen sind Ausdruck meiner Freude darüber. “

Freund 1 betrachtet dieses Wunder des Daseins anders als Freund 2. Das Wunder bleibt bei diesem ein „Gegenüber“ (Sternen“decke“) und wird sodann mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln beschrieben und wahrscheinlich am nächsten Tag wieder vergessen. Bei Freund 2 gibt es zwar zu Beginn ebenfalls ein „Gegenüber“, welches, wie sein „ICH“ sich jedoch im Moment des Eindrucks auflöst. Einzig das Erfahren, in diesem Fall die Erfahrung der Ewigkeit, ist in diesem Moment. Vergessen wird man den Duft, von dem diese Erfahrung erfüllt ist, niemals.

Im Folgenden werden zwei Literaturgattungen in den Mittelpunkt gestellt, die, wenn sie die Schranken des Verstandes passieren sollten, uns durch die von ihnen zum Ausdruck gebrachten Bilder in Gärung bringen und ebenfalls „reifen“ lassen können. Es handelt sich um zwei Gattungen der schriftlichen Mitteilung, die vor der Zeit der Schriftstellerei in der mündlichen Weitergabe der Buchstaben, d.h. den entsprechenden Lautklängen, bestand. Die Wirkung auf den Zuhörenden, die durch die Form der erzählenden Mitteilung erzielt wurde, wird seinerzeit beeindruckender gewesen sein, als wir es heute durch das „Lesen“ erfahren können. Die Stimmlage, die Betonungen der Worte und Silben, das Tempo des Vorgetragenen und andere, von der Persönlichkeit des Sprechenden und der Erzählsituation abhängigen Eigenarten, machen das Aufnehmen, das Sammeln, des Erzählten, zu einem intensiven Erlebnis, welches wir heute durch das Buchstaben-Sammeln in der Regel nur selten erfahren können. Die beiden Gattungen des „Mit-teilens“, auf die im Folgenden hingewiesen werden soll, sind neben dem MÄRCHEN der (griechische) MYTHOS.

Das MÄRCHEN

Märchen sind Geschichten, die über mögliche Entwicklungen der menschlichen Persönlichkeit berichten. Sie gelten heute, da sie nicht dem „Normalempfinden“, der Normalerfahrung, des Menschen entsprechen, als fantastisch, exotisch oder fabelhaft und man ordnet sie dem kindlichen (Erfahrungs-) Reich zu. Man kann sie als „Erwachsener“ nicht ernst nehmen.

„Man nimmt sie nicht ernst!“, d.h., man kann nicht wirklich etwas mit ihnen anfangen und spricht ihnen aus diesem Grunde die Bedeutsamkeit ab. Zu fremd erscheinen dem heutigen „Leser“ die in den Märchen handelnden bildhaft beschriebenen Kräfte, seien in diesen Menschen oder andere Wesenheiten dargestellt. Zu fremd sind die geschilderten Situationen. Zu weit weg sind Raum und Zeit der in den Märchen beschriebenen Geschehnisse. Alles bleibt zu weit entfernt von unserer Alltäglichkeit, mit der wir uns identifizieren. Es ist eine Eigenart des heutigen Menschen, dass er den Dingen, mit denen er „nichts anzufangen weiß“ die Bedeutung abspricht. Seien diese Dinge auch noch so altehrwürdig und waren sie in der Geschichte des Menschen von großer Bedeutung für diesen, („Gott“ oder die Geschichten, die wir „Märchen“ nennen): da der rational-denkende Mensch keinen Zugang zu diesen hat, werden sie auf den Müllplatz der Bedeutungslosigkeiten geworfen, um dort als minderwertig entsorgt zu werden. Es ist ebenfalls dem heutigen, aufgeklärten Menschen eigen, dass er sich für das Maß aller Dinge hält, was u.a. zur Folge hat, dass er sich und seine Handlungen nicht mehr hinterfragt oder gar in Zweifel zieht. Wenn der Mensch mit den „Märchen“ nichts anzufangen weiß, gäbe es die Möglichkeit, dass er sich fragt: „Da liegen nun die alten Geschichten, die meinen Ahnen viel bedeutet haben vor mir und ich kann aus diesen nichts Gescheites herauslesen. Warum habe ich keinen Zugang zu diesen? Was unterscheidet mich von den Alten, die anscheinend diesen Zugang zu den „Märchen“ noch hatten?“ Diese Möglichkeit wird von dem heutigen Menschen jedoch nicht in Erwägung gezogen. Wenn gesagt wird, dass die Alten, unsere Vorgänger in dieser irdischen Welt, einen Zugang zu diesen Geschichten hatten, folgt doch daraus, dass sie einen SINN für das Vorgebrachte hatten. Einen Sinn für etwas zu haben heißt, dass der Mensch diesen Geschichten eine Bedeutung zuspricht und bereit ist, sich mit diesen zu beschäftigen und sich von diesen berühren zu lassen. Sich berühren lassen heißt, dass das Erzählte auf den Hörenden wirken kann. Wenn etwas in den Menschen hineinwirken kann, heißt das, dass im Inneren des Hörers eine Reaktion auf das Aufgenommene erzeugt wird. Wenn es zu einer inneren Reaktion auf das Wahrgenommene kommt, muss der Eingang in den Menschen, der auf das Dargebrachte reagiert, offen sein. Die Menschen, die sich von den von außen auf sie einwirkenden Kräften berühren lassen, kann man als „offen“ bezeichnen. Das heißt nicht unbedingt, dass sich die Menschen der Wirkungen, die u.a. von diesen Geschichten ausgingen und eine Reaktion in den Aufnehmenden auslösten, bewusstwurden und sie solchermaßen zu Erkenntnis kamen. Es bestand jedoch die Möglichkeit, dass sich der Mensch seit diesen Zeiten zur Erkenntnis und Bewusstheit hätte entwickeln können. Dieses ist jedoch nicht geschehen. Er ist heute mehr denn je in einer Vorstellung von einer ausschließlich körperlich-materiellen Welt verhaftet und sich der Wirkung, die dieses rational-materielle Weltbild auf seine Einschätzung der Werte hat, nicht bewusst. Wir müssen davon ausgehen, dass, da die „Märchen“ nicht weiterhin auf ihn einwirken können, der Zugang, den der Mensch einst zu ihnen (und damit nicht nur zu den Märchen) hatte, nicht mehr geöffnet ist. Die Tür ist geschlossen und das Klopfen wird nicht mehr gehört.

Das Märchen wendet sich an den „offenen“ Leser oder Hörer. Es ist die Absicht des Märchens, in diesem Reaktionen zu erwirken, anhand derer er sich bewusst werden kann, wie seine innere Wirklichkeit beschaffen ist. Durch das Eintauchen in das „Reich“ der Märchen taucht der Leser/Hörer im selben Moment in sein ihm unbewusstes inneres „Reich“. Das Märchen ist mit einem Traum zu vergleichen. Er, der Leser, bekommt durch das Märchen die Möglichkeit, dieses (Reich) an Hand seiner Reaktionen, die durch die in den Märchen dargestellten Bilder in ihm ausgelöst werden, kennenzulernen.

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