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Römisches Roulette

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

DANKSAGUNG

Mein Dank geht an meine Lektorin Margaret O’Neill Marbury, meine Agentin Maureen Walters und das Team von MIRA: Donna Hayes, Dianne Moggy, Loriana Sacilotto, Katherine Orr, Craig Swinwood, Sarah Rundle, Don Lucey, Steph Campbell, Margie Miller, Rebecca Soukis, Carolyn Flear, Kathy Lodge, Dave Carley, Gordy Giohl, Erica Mohr und Andi Richman.

Darüber hinaus danke ich allen, die das Buch gelesen haben: Christi Caldwell, Katie Caldwell Kuhn, Kelly Harden, Clare Toohey, Mary Jennings Dean, Pam Carroll, Karen Uhlman, Joan Posch, Dustin O’Regan, Beth Kaveny, Jane Jacobi Mawicke, Ted McNabola und Kris Verdeck.

Dank sagen möchte ich auch denen, die mir bei meinen ermüdenden Fragen zur Strafverfolgung bei Mord Rede und Antwort gestanden haben. Darunter Detective Kevin Armbruster, Strafverteidigerin Catharine O’Daniel, der ehemalige Staatsanwalt James Lydon und die Polizeibeamtin a. D. Giovanna Long.

Mein besonderer Dank gebührt Jason Billups: Danke, danke, danke.

PROLOG

Sie sieht Lichter. Lichter am Himmel – Sterne, korrigiert sie sich – und die Lichter aus schönen Appartements, in denen kultivierte Menschen wohnen. Gerade ist sie diesen Menschen nahe, sehr nahe. Dennoch fragt sie sich, ob irgendjemand bemerkt, dass sie gerade stirbt.

Sie hat nie zu den Personen gehört, die sich ihren eigenen Tod ausmalen. Sie hat sich sogar stets für unsterblich gehalten. Als wäre der Tod etwas, das nur den anderen widerfährt. Sie war immer davon ausgegangen, sie hätte noch Zeit.

Doch nun ist jede Sekunde kostbar. Erst vor wenigen Augenblicken hat es begonnen, und sie weiß, dass ihr vielleicht noch ein oder zwei Momente bleiben.

Sie verspürt eine sonderbare Erleichterung.

1. KAPITEL

Heute verstehe ich, dass Unschuld relativ ist. Ich weiß noch, wie erschöpft ich mich gefühlt habe, am Abend vor meiner Abfahrt nach Rom. Damals habe ich gedacht, durch all das, was wir durchgemacht hatten, wäre ich viel zu schnell gealtert und hätte an Glanz verloren. Ich wünschte nur, ich hätte schon zu diesem Zeitpunkt begriffen, dass der Verlust von Arglosigkeit weite Kreise zieht.

“Warum willst du denn jetzt mit Kit nach Italien fahren?”

Nick beobachtete vom Bett aus, wie ich im Bad mein allabendliches Pflegeprogramm abspulte: Reinigungsmilch, Gesichtswasser, Feuchtigkeitscreme, Augenpflege. Warum ich diesen ganzen Mist benutzte, war mir selbst schleierhaft.

“Ich muss ein Verkaufsgespräch mit diesem Architekturbüro führen, und du kannst ja wegen deiner Arbeit nicht mitkommen”, antwortete ich. Ich beugte mich zum Spiegel vor und massierte rings um mein linkes Auge die Creme ein.

“Du hast Kit doch seit Jahren kaum gesehen”, warf Nick ein.

“Man muss einen Menschen nicht ständig sehen, um mit ihm befreundet zu sein.”

Bei unserer Hochzeit vor vier Jahren war Kit eine meiner Brautjungfern gewesen. Kurz danach hatte es sie nach Kalifornien verschlagen, wo sie sich als Schauspielerin versuchen wollte. Wir telefonierten nicht jede Woche, noch nicht einmal jeden Monat. Und dennoch hatten wir nie das enge Band durchschnitten, das beste Freundinnen verbindet. Nach einigen Jahren in Los Angeles, in denen Kit gnadenlos ihren Dispokredit überzogen hatte und von einem erfolglosen Vorsprechen zum nächsten gezogen war, lebte sie wieder in Chicago, und ich freute mich mehr denn je, sie in meiner Nähe zu haben. Mit fünfunddreißig Jahren waren die meisten meiner Freundinnen bereits Mütter – eine Rolle, die auch ich eigentlich angestrebt hatte – und zu beschäftigt, um lange Abende in Weinstuben verbringen oder für einen Kurzurlaub nach Rom fliegen zu können.

“Wieso regst du dich überhaupt so auf?”, fragte ich Nick.

“Ich rege mich nicht auf, Rachel. Ich wundere mich nur.”

Doch mein werter Gatte Dr. Nick Blakely regte sich eindeutig auf. Das erkannte ich an der Art, wie er sich durch das kurze lockige Haar fuhr und dann die Stelle zwischen seinen Augenbrauen massierte. Außerdem gab er sich verdächtig entspannt: Nach einem langen Tag in der Praxis hatte er die Krawatte gelockert und saß nun, eine Hand nach hinten auf die elfenbeinfarbene Bettwäsche gestützt, auf unserem Bett. Doch trotz aller Lässigkeit wirkte seine Haltung irgendwie steif.

“Du musst in Italien gut auf dich aufpassen”, fuhr er fort. “Vor allem wegen der Kerle.”

“Ach, tatsächlich?”, erwiderte ich und ließ den höhnischen Klang meiner Worte im Zimmer nachhallen.

Wie merkwürdig, dass nach all den Therapiestunden, nach all den Tränen und der mühsamen Puzzlearbeit am Mosaik unserer angeschlagenen Ehe ausgerechnet Nick es war, der sich um mich sorgte. Als witterte er jetzt seine Chance.

“Nick, ich kenne Rom. Ich habe schließlich mal in Italien gelebt.”

“Aber da warst du zwölf und deine Familie war bei dir. Außerdem war es nur für ein halbes Jahr. Und seitdem bist du immer nur mit mir verreist. Jetzt fährst du mit Kit alleine. Ich meine, ich finde es gut, dass jemand bei dir ist, aber du musst trotzdem vorsichtig sein”, bekräftigte er. “Dort gibt es einen Haufen Typen, die mit Vorliebe Amerikanerinnen nachstellen.”

“Ich bin sicher, ich komme mit den Eingeborenen zurecht.”

Für eine Sekunde genoss ich den betroffenen Ausdruck, der über sein Gesicht huschte. Doch wie immer konnte ich es bereits im nächsten Moment schon nicht mehr ertragen.

“Nick”, sagte ich, als ich zu ihm hinüberging und mich auf seinen Schoß setzte. “Du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen.”

Am Samstag setzte Nick Kit und mich am O’Hare-Flughafen ab. Vor der Ankunftshalle drängten sich Autos und Taxen mit offenen Türen und sperrangelweit geöffneten Kofferraumklappen. Die Mailuft war mild. Nur hin und wieder frischte der Wind auf und schickte herumliegende Papierreste auf einen ziellosen Flug gen Himmel.

“Mein Goldmädchen”, murmelte Nick und nahm mich fest in den Arm.

Kit hatte einst mit diesem Spitznamen angefangen. Als wir Teenager waren, nannte sie mich immer Goldkind. Hauptsächlich wegen meines Nachnamens, Goldin, aber auch, weil ich das einzige Kind recht wohlhabender Eltern war und dies – einfach ausgedrückt – stets auf angenehme Weise zu spüren bekam. Selbst in jungen Jahren hatte ich schon gewusst, dass Kit recht hatte: Ich war gut behütet.

Als ich Nick in unmittelbarer Nachbarschaft des Chicagoer Künstlerviertels Bucktown auf einer Vernissage traf, nannte er mich von Beginn an Goldmädchen. Auch bei ihm spielte dabei mein Nachname nicht die Hauptrolle. Er behauptete stets, einen goldenen Schimmer in meinen blassgrünen Augen zu sehen.

Bei unserer Hochzeit war ich so überglücklich, dass ich trotz der Namensänderung in Blakely dachte, nun auch zu einer Goldfrau zu werden, die ein goldenes Leben führt.

Ganz so war es dann doch nicht gekommen.

Während ich Nicks Umarmung erwiderte, musste ich daran denken, dass für gewöhnlich er es war, der auf Geschäftsreise ging und mich zu Hause zurückließ – dafür betend, dass seine Präsentation glattlaufen, er gut schlafen und weder zu viel trinken noch zu wenig essen würde. Doch jetzt freute ich mich auf mein Frauenwochenende mit Kit. Nun war er einmal an der Reihe, auf mich zu warten.

Als Nick mich wieder losließ, hielt er immer noch meine Hand fest. Er sah Kit an. “Ich wünsche allseits viel Spaß”, sagte er förmlich.

Seit Kit aus L.A. zurückgekehrt war, sprach fast jeder so mit ihr. Höflich, aber unverbindlich. Vermutlich wusste niemand etwas mit ihr anzufangen. Sie hatte weder Karriere gemacht noch einen Freund oder Ehemann an ihrer Seite. Stattdessen hatte sie vergeblich darum gekämpft, sich in L.A. einen Namen als Schauspielerin zu machen. Eine schwierige Situation, die fast niemand in Chicago nachvollziehen konnte. Und trotzdem zog Kit die Menschen mit ihrer geheimnisvollen Aura in ihren Bann. Auch an diesem Tag. Sie trug eine roséfarbene, verspiegelte Sonnenbrille und um den Hals einen maulwurfsgrauen Chiffon-Schal. Das rostrote Haar war kunstvoll zerzaust. Wenn sie die Brille abnahm, sah man ihre blauen Augen, die je nach Farbe der Kleidung einen Stich ins Violette annehmen konnten und mit denen sie abgebrüht in die Welt blickte. Sie übte auf andere Menschen eine unglaubliche Faszination aus, wie ein Hollywood-Sternchen auf der Flucht. Doch als eine ihrer engsten Freundinnen wusste ich, dass ihr der Misserfolg in Hollywood schwer zu schaffen machte.

“Danke Nick.” Sie lächelte ihm zu.

Dieses Lächeln entlockte mir einen dankbaren Seufzer. Diejenigen, die von unseren Eheproblemen wussten, waren gemeinhin wütend auf Nick. Entweder sprachen sie überhaupt nicht mit ihm, oder sie ließen in seiner Gegenwart zynische Bemerkungen fallen. Ich wusste genau, dass er die Rolle des Prügelknaben satt hatte, und auch mir reichte es allmählich. Selbst wenn ich ihn verspottete und seine Taschen heimlich durchsuchte, hieß das noch lange nicht, dass ihn auch andere so behandeln durften.

“Treffen wir uns gleich am Check-in?”, fragte ich Kit.

Sie richtete den dünnen Schal. “Geht klar.”

Als sie gegangen war, wandte ich mich Nick zu. “Was wirst du machen, solange ich weg bin?”

“Arbeiten. Dich wahnsinnig vermissen.”

Ich lächelte. “Aber schlaf auch ein bisschen, hm?”

Nick und ich verbrachten unsere Abende zwar wieder zusammen, doch wenn ich ins Bett ging, arbeitete er meist noch bis spät in die Nacht an einer neuen Veröffentlichung, in der Hoffnung, sie verhelfe ihm zu einer Teilhaberschaft an der Gemeinschaftspraxis. Nick gehörte zu den wenigen Idealisten seiner Zunft: Er hatte sich für den Beruf des plastischen Chirurgen nicht entschieden, um Schönheitsoperationen an wohlhabenden Frauen durchzuführen und von ihrem Reichtum zu profitieren. Er wollte den Menschen helfen, die auf eine Operation wirklich angewiesen waren. Jetzt hatte er sich zwar einen Platz in Chicagos angesehenster Praxis für plastische Chirurgie gesichert, musste allerdings auch genau die Glamour-Operationen durchführen, die er so verabscheute, und regelmäßig Veröffentlichungen verfassen, um gleichberechtigter Teilhaber zu werden.

“Ich glaube nicht, dass ich viel Schlaf bekommen werde”, meinte Nick. “Ich muss unbedingt noch mit dem einen oder anderen Ausschussmitglied zu Abend essen.”

“Wann fällt denn die Entscheidung?”

Er verdrehte die Augen. “In einem Monat oder so.”

Nicks gespielte Gleichgültigkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er um die Aufnahme in den Förderkreis des ‘Chicago General’ bangte, der in der gesamten Stadt nur als der Ausschuss bekannt war. Er bestand aus einer Gruppe handverlesener, junger und einflussreicher Menschen, die unentwegt Empfänge und Dinnerpartys gaben – vorgeblich, um die Geldmittel für Nicks Arbeitgeber, das Chicago General Hospital, aufzustocken, in Wahrheit jedoch, um sich als die Crème de la Crème der Chicagoer Gesellschaft hervorzutun. Nick wollte nicht nur in den Ausschuss aufgenommen werden, um seine Chancen auf eine Praxisteilhaberschaft zu verbessern, sondern auch, weil er es aus seiner Jungendzeit in Philadelphia gewohnt war, sich in den besten Kreisen zu bewegen. Sein Vater war ein alteingesessener Politiker, und obwohl die Blakelys nicht reich waren, so genossen sie doch ein hohes Ansehen und verfügten über außergewöhnlich gute Kontakte. Sie wurden zu jeder Soirée und Feier in der Stadt eingeladen. Seine Entscheidung, für das Medizinstudium in eine andere Stadt zu ziehen und später dann sich in Chicago niederzulassen, begründete Nick stets damit, dass er auf eigenen Beinen stehen wollte. Doch das änderte nichts daran, dass er es von klein auf gewohnt war, sich im Rampenlicht zu bewegen. Und jetzt vermisste er es. Obwohl es nach meinem Verständnis von Glück keinen Unterschied machte, ob ich im Keller unseres Bungalows meine Schwarzweißfotos kolorierte oder mit meinem Mann auf einen Wohltätigkeitsball ging, bestärkte ich Nick in seinem Streben. Schließlich hatte ich von vornherein gewusst, dass unser gesellschaftliches Leben sehr geschäftig sein würde.

Nick küsste mich auf die Stirn. “Viel Erfolg bei deinem Gespräch, Liebes.”

Ich schloss die Augen und atmete seinen warmen Duft. Er roch immer so wunderbar, als käme er direkt von einem Sonnenbad. “Danke. Und ich meine es Ernst, wenn ich sage: Schlaf genug.”

“Du weißt doch, dass ich nur mit dir einschlafen kann.”

Für einen Moment erstarrten wir beide. Diese harmlose Bemerkung bezog sich viel zu sehr darauf, wie es zwischen uns einmal gewesen war. Ganz am Anfang.

“Im Ernst”, beeilte sich Nick zu sagen, um die eisige Stille zu überbrücken; um es wieder gutzumachen. “Ich wollte sagen, ich werde die ganze Nacht auf sein, weil ich nicht weiß, was ich ohne dich anfangen soll.”

Ich trat einen Schritt zurück und wich seinem Blick aus. Rechts von mir bemühte sich gerade ein Vater, einen Kinderwagen aus dem Kofferraum seines Wagens zu befreien. Solche Probleme sollten wir jetzt eigentlich haben, dachte ich. Ob der Kinderwagen auch ins Auto passt, wo wir das Bettchen hinstellen und in welcher Farbe wir das Kinderzimmer streichen sollen.

“Rachel”, setzte Nick nach. “Es tut mir leid.”

Mein Gatte war nicht gerade ein Meister im Entschuldigen, das wusste ich. Aber, um ehrlich zu sein, ich wollte seine Erklärungen im Moment auch gar nicht mehr hören.

“Komm her”, sagte er und zog mich an sich.

Dann küsste er mich und ich konnte nicht anders, als den Kuss zu erwidern. Vor der “Sache” waren wir ein ganz normales Paar gewesen. Jetzt waren wir zwei Menschen, die verzweifelt um ihre Beziehung kämpften, und Nick war ein Mann, der nicht genug von mir bekommen konnte.

“Pass auf dich auf, ja?”, wiederholte er und strich dabei zärtlich über mein Gesicht.

“Nick, ich bin doch bald zurück.”

“Versprich mir, dass du auf dich aufpasst.”

“Versprochen. Ich werde mir die Tasche fest um den Körper zurren und nach Zigeunern Ausschau halten.”

Er sah mir tief in die Augen. “Ich werde dich vermissen”, flüsterte er.

“Ich liebe dich”, erwiderte ich, weil es die Wahrheit war. Zu sagen, ich würde ihn vermissen, wäre in diesem Fall eine Notlüge gewesen.

2. KAPITEL

Es heißt, Rom fehle der freundlich-träge Reiz anderer italienischer Städte, doch ich finde die römischen Morgenstunden einfach bezaubernd. Die Farben betören die Sinne – Hunderte Goldtöne, die sich unmöglich auf Film oder im Gedächtnis festhalten lassen. Auch beim Kolorieren der selbst geschossenen Schwarzweißfotos ist es mir nie gelungen, einen römischen Morgen einzufangen – die Art, wie die Sonne jeden Winkel der Stadt in einen goldglänzenden Schleier hüllt, ist einzigartig.

Genau dieser blassgelbe Anblick war es auch, der mir den Atem verschlug, als wir gleich um die Ecke der Piazza di Spagna aus dem Taxi stiegen.

“Wow”, murmelte Kit bestimmt zum zehnten Mal seit unserer Landung. Als der Taxifahrer unser Gepäck auslud, umarmte sie mich. “Es ist so toll von dir, dass du mich mitgenommen hast.”

Ich hatte fast meine gesamten Flugmeilen aufgebraucht, um zwei Erste-Klasse-Plätze zu erstehen, und einige Hundert Dollar zu Kits Ticket beigesteuert. Seit ihrer Rückkehr aus L.A. war sie völlig abgebrannt. Nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre. Ich kannte Kit seit dem ersten Schuljahr. Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatten ihre Mutter und sie den Gürtel sehr eng schnallen müssen. Also bezahlte ich oft ihre Kinokarten oder die Armbänder in Claires Boutique, damit sie mit den anderen Mädchen mithalten konnte. Und nun war bei ihr das Geld noch knapper. Kit erzählte den Leuten stets, sie arbeite “in der Werbeabteilung des Goodman Theaters”. Das entsprach der Wahrheit und machte was her. Zutreffender war allerdings, dass sie dort als eine Art Sekretärin arbeitete. Sie machte die Ablage, stellte Infomaterial zusammen und nahm Anrufe entgegen. Und sie bekam ein mickriges Gehalt, das in der Regel direkt in die Krebsbehandlung ihrer Mutter floss.

“Das habe ich wirklich gerne gemacht”, versicherte ich Kit und drückte ihre Hand. Ich war aufgekratzt von der albernen Hoffnung auf eine wiederbelebte Freundschaft und – wenn es mir gelang, das Verkaufsgespräch am nächsten Tag für einen Moment zu verdrängen – von der kurzen Flucht aus der Realität.

Kit und ich checkten im Il Palazzetto ein, einem restaurierten Palazzo nahe der U-Bahn-Station Spagna. Im vergangenen Sommer waren meine Mutter und ihr neuer Ehemann – ein Immobilienmogul, der um einiges älter war als sie – zwei Monate in Rom gewesen und hatten im Il Palazzetto residiert. Sie hatte darauf bestanden, dass wir uns ebenfalls hier ein Zimmer nahmen. Alles andere sei absurd. Als wir das kleine Foyer betraten, wurde mir sofort klar, was sie meinte.

Der Fußboden bestand aus einem einzigen bunten Steinmosaik. Sonnenlicht überflutete die Wendeltreppe aus Marmor samt ihrer verdrillten schmiedeeisernen Geländer. Unser Zimmer befand sich in der zweiten Etage und hatte eine traumhaft hohe Decke. Sie wurde durch römische Säulen getragen und über die Wände spannte sich fließend zarter Seidenstoff.

Ich öffnete die Balkontür. Gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie das reine weiße Sonnenlicht die Spanische Treppe erreichte.

Ich warf Kit ein genießerisches Lächeln zu.

“Das wird ein schönes Wochenende”, sagte sie. Der Klang ihrer Stimme verriet mir, dass sie aufgeregt war wie schon lange nicht mehr. “Ein verdammt schönes!”

Während ich mich wieder dem römischen Morgen zuwandte, nickte ich.

Einfach jeder Mensch liebt Italien. Ein Erwachsener, der schwärmt: “Oh, ich verehre Italien”, ist nicht anders als ein Kind, das ruft: “Ich liebe Disneyland!” Man kann gar nicht anders.

Lustig ist, dass alle Bewunderer Italiens glauben, sie hätten dieses Land als Erste entdeckt. Sie verspüren eine Liebe für sämtliche italienische Details: das Essen, die ockergelben Sonnenuntergänge, den Wein, das beschauliche Leben. Dieses Gefühl stellt sich ein, sobald sie den Fuß auf die staubigen Straßen Roms setzen und endet in dem Moment, in dem sie die Heimreise antreten. Jeder Italien-Fan weiß, dass er dieses Land mehr liebt als alle anderen. Er fühlt, dass nur er dieses Land wirklich versteht und wahrhaft zu schätzen weiß.

Kit und ich bildeten da keine Ausnahme. Wir hatten nur drei Tage in Rom. Anstatt den Rest des Tages zu verschlafen, ließen wir unseren Jetlag also links liegen und brachen zu einem Spaziergang mit Kaffeepause in der Stadt auf.

An der nahe gelegenen Piazza Navona entdeckten wir eine gemütliche Bar. Der Platz war in einer großen U-Form angelegt und wurde in der Mitte von einem großen Obelisk, einer Bernini-Skulptur und einem Brunnen geziert. Einst hatten hier Wagenrennen stattgefunden, nun beherbergte dieser Ort Cafés und wurde von Fußgängern bevölkert.

“O Mann, das war jetzt wirklich bitter nötig”, stöhnte Kit, nachdem wir vor der Bar Platz genommen hatten. Vor uns standen zwei Tassen Cappuccino und ein Korb mit frischen Brötchen. Kit schlug die Serviette zurück und hielt mir den Korb hin. Ich nahm mir ein Hörnchen, sie tat es mir gleich.

“Finde ich auch”, stimmte ich ihr zu. “Wie geht es eigentlich deiner Mom?”

Sie zuckte mit den Achseln, wobei ihr Chiffon-Schal in Bewegung geriet. “Sie hält sich genau an die Vorgaben der Ärzte, aber sie weiß, dass die Chemotherapie gleichzeitig einen Körperteil kuriert und einen anderen zerstört.”

“Wie furchtbar.” Für einen Augenblick verspürte ich tiefe Dankbarkeit dafür, zwei gesunde Eltern zu haben. Gesunde, geschiedene, kein Wort miteinander wechselnde Eltern, aber wer konnte sich das schon aussuchen? “Das tut mir leid”, fügte ich hinzu. Überflüssige Worte.

“Wir schaffen das schon.” Kit schüttelte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dieses gewellte rotbraune Haar war eines von Kits Attributen, die die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen automatisch auf sie lenkte. Nicht nur Männer starrten sie an, sondern auch die Frauen. Kits Haar war zugleich mondän und feurig. Merkmale, auf die viele Frauen neidisch waren.

“Meine Güte, sieh dir die mal an.” Mit einer Kopfbewegung deutete Kit zu einer extrem schlanken, auffällig gestylten Italienerin, die gerade die Piazza überquerte. Sie trug ein schwarzes Minikleid und dazu ein pinkfarbenes Halstuch. Ihr schwarzes Haar war zu einem festen Knoten geschlungen und sie klackerte in zehn Zentimeter hohen Stilettos im Fischgrät-Look an uns vorbei. Das tückische Kopfsteinpflaster ließ sie völlig unbeeindruckt.

“Was meinst du?”, fing Kit an. “Die arbeitet bestimmt in der Werbung. Oder in der Modebranche.”

“Sie könnte auch Sekretärin sein. Hier putzen sich sogar die Staatsdiener raus wie Filmstars.”

“Okay, aber ihr Mann hat Geld. Sie ist auf jeden Fall verheiratet.”

Beide spähten wir auf die linke Hand der Frau und sahen einen Diamantring, der selbst aus dieser Entfernung riesig aussah. “Volltreffer”, staunte ich.

Kit liebte dieses Spiel: das Leben anderer Leute erraten und sich dann so intensiv wie möglich in sie hineinversetzen. Auf diese Weise war sie zur Schauspielerei gekommen.

Kit wandte sich wieder mir zu. “Wo wir gerade von der Ehe sprechen: Wie geht es Nick?”

“Gut. Glaube ich.”

“Glaubst du?” Vor Sorge wurden ihre Augen schmaler.

Nick hatte im vergangenen Jahr während eines einwöchigen Mediziner-Seminars im kalifornischen Napa eine Affäre gehabt und es mir Monate später gebeichtet. Er legte sein Geständnis an einem Dienstagabend ab. Ich schnitt gerade eine Tomate für den Salat. Es war exakt 20.07 Uhr. Ich weiß das so genau, weil ich das Messer in der einen Hand hielt und die große Tomate in der anderen, als mich der auslaufende Tomatensaft plötzlich an Blut erinnerte und mir der Vergleich widerlich und makaber erschien. Also warf ich einen Blick auf die Uhr an der Mikrowelle und überlegte, ob die Zeit bis zu Nicks Heimkehr noch ausreichen würde, um uns etwas anderes zu zaubern, etwas Freundlicheres wie Spinatsalat.

Ich hatte zwar nicht die Haustür gehört, dafür jedoch das Knarren einer Bodendiele in unserem alten Haus in der Bloomingdale Avenue. Nick kam in die Küche, verbarg das Gesicht hinter den makellosen Chirurgenhänden und fing so bitterlich an zu weinen, dass ich dachte, jemand sei gestorben. Er habe keine Ahnung, warum er es getan habe, schluchzte er. Er könne nur sagen, dass er etwas Neues gewollt, ja: gebraucht habe. Er habe es wie einen hartnäckigen Juckreiz gespürt. Aber nun sei das einzig Neue der Hass, den er für sich selbst empfinde. Während seines Geständnisses stand ich vollkommen reglos da. Als ich die Sprache wiederfand, flehte ich ihn an, es möge nur eine Nacht gewesen sein. Eine Nacht könne ich irgendwie verkraften. Nick schüttelte nur den Kopf und weinte noch mehr.

Ich warf ihn für drei Monate aus dem Haus. Meine Nerven lagen blank. Die banalsten Dinge brachten mich zum Weinen. Während dieser Zeit wurde mir klar, dass Untreue viel mehr ist als nur der physische Akt. Natürlich kann man das Körperliche nicht ignorieren. Die abstoßende Vorstellung von Nick, zusammen mit einer anderen Frau – ihre sich küssenden Lippen, die miteinander verschmolzenen Körper – verfolgte mich, ließ mich sogar mit vor den Mund gehaltener Hand auf die Toilette laufen, wie in einem schlechten Film. Obwohl ich versuchte, solche Gedanken zu verscheuchen, malte ich mir die Bilder geradezu zwanghaft bis ins Detail aus. Ich stellte mir die Frau als hinreißend vor, mit glänzendem honigfarbenem Haar und einem sportlichen braungebrannten Körper. Seltsamerweise half das, weil es Nicks Verhalten irgendwie Weise verständlich machte. Er war von einer atemberaubenden Schönheit geködert worden – von einer großen blonden Frau, die völlig anders war als ich, die zierliche Dunkelhaarige.

Sie war nichts Besonderes, versicherte Nick mir mindestens hundertmal. Nur irgendjemand, den er in einem Restaurant in Napa getroffen habe. Er wisse, dass es seine Schuld war, nicht ihre, aber dennoch hasse er sie jetzt, da es vorbei war. Er hasse Napa. Er hasse das Restaurant, in dem er sie traf.

An diesem Punkt des Gesprächs hob ich immer abwehrend meine Hand. “Bitte”, sagte ich dann und er verstand sofort. Obwohl ich ein klares Bild von ihr in meinem Kopf hatte, wollte ich keine Einzelheiten über diese Frau wissen. Ich wollte nichts über das Restaurant wissen, in dem sie gekellnert hatte, oder ob sie ein Kind aufzog oder ihre Schwester im Jahr zuvor gestorben war. Ich wollte nichts hören, was sie übermäßig vermenschlicht hätte.

Ich blieb bei Nick, weil ich – im Gegensatz zu ihm – nichts Neues wollte. Ich wollte ihn, uns, eine Familie; eben alles, worin ich investiert hatte. Vor seiner Beichte hatten wir den ersten Nachwuchs fest eingeplant. Doch anstelle eines Babys bescherte uns Nicks Untreue einen Therapeuten: Robert Conan. Ein gutes halbes Jahr lang suchten wir ihn auf, zwei Mal pro Woche bis vor kurzem.

Conan sagte mir, die Glorifizierung dieser Frau als Amazonen-Göttin sei “mit Sicherheit nicht gesund”. Doch für mich war es der einzige Weg, damit zurechtzukommen. Ich entschied mich bewusst, diese Frau als göttliches Wesen aus einer anderen Welt zu betrachten, das eines Tages Nicks Weg gekreuzt und ihn fünf Nächte lang auf Abwege geführt hatte, nur um unsere Welt dann wieder zu verlassen – hoffentlich geradewegs in den glühenden Vorhof der Hölle.

Wie dem auch sei: Offiziell waren Nick und ich wieder zusammen, doch die ganze Angelegenheit machte mir noch immer schwer zu schaffen.

“In einer Minute ist es genau wie früher”, erzählte ich Kit, “und in der nächsten macht einer von uns eine unbedachte Äußerung, und alles kommt wieder hoch.”

“Und dann?”

Ich knabberte an meinem Croissant. Obwohl es locker und buttrig war, bekam ich plötzlich keinen Bissen mehr hinunter. “Dann ist es ein einziger Albtraum.”

Manchmal war ich bis über beide Ohren in Nick verliebt und stolz darauf, wie gut wir den Sturm überstanden hatten, der unser Leben verwüstet hatte. Und manchmal – wenn ich eine Flasche Wein aus der Region Napa aus dem Supermarkt-Regal nahm oder eine Fernsehsendung zum Thema Untreue sah – wütete in mir ein Orkan der Unsicherheit. Dann hasste ich Nick.

“O Mann, es tut mir leid”, meinte Kit. “Was sind wir doch für ein trauriges Gespann.” Sie stellte ihre Tasse ab und umarmte mich quer über den Tisch.

Ich erwiderte die Umarmung. Während der Highschool- und College-Zeit – und auch in meinen ersten Jahren in Chicago – war mein Leben stets durch die Augen meiner Freundinnen, besonders durch die von Kit, reflektiert worden. Als ich heiratete und Kit wegzog, dachte ich, ich bräuchte diese Art von Bestätigung nicht mehr. Doch nun tat mir die Anwesenheit einer Freundin überraschend gut. Eine ordentliche Portion Zusammenhalt war genau das, was ich brauchte.

Über Kits Schulter sah ich, wie die Sonne über die Piazza wanderte und schließlich die graue Skulptur in ihrem Zentrum wärmte. Das Wasser aus dem Springbrunnen wusch die Figur unermüdlich und hielt sie sauber.

Ich lehnte mich zurück und hob meine Tasse. “Einen Toast auf Italien. Und auf wundervolle Tage des Ausbrechens.”

“Auf mordsmäßige Freundinnen!”, fügte Kit hinzu. Dann ließ sie einen begeisterten Jauchzer los, was die Blicke der anderen Gäste auf uns zog, und wir stießen mit unseren Cappuccini-Tassen an.

Kit und ich gingen den ersten Tag gemächlich an. Auf der Via del Corso schlenderten wir von einem überfüllten Geschäft zum nächsten und erduldeten lachend die Verkäuferinnen, die mitleidig auf unsere amerikanische Kleidung schauten und einander fragten, ob wir uns die Röcke, die wir uns ansahen, überhaupt leisten konnten. (Sie wussten ja nicht, dass ich jedes ihrer Worte verstand.)

Durch den Schlafmangel waren wir albern und überdreht, und außerdem waren wir in Italien! Nichts konnte uns die Laune verderben. Am Abend aßen wir in einem Lokal auf der Via Veneto, dessen rundliche Eigentümerin uns nur so umschwärmte und sich damit gänzlich von den Verkäuferinnen vom Nachmittag unterschied.

“Esst, esst!”, wiederholte sie ständig. “Ihr seid ja nur Haut und Knochen.”

Unaufhörlich tauchten neue Gerichte auf: Safranrisotto mit Blattgold oder roséfarbener Lachs mit grünen Dillsprenkeln. In derselben Frequenz wie das Essen kamen auch die Männer an unseren Tisch. “Schon vergeben”, murmelte ich wieder und wieder und streckte meine linke Hand in die Luft. Zwar sonnte ich mich in der Aufmerksamkeit, genoss aber auch meinen Status als verheiratete Frau. Kit hingegen grinste und flirtete und schickte die Verehrer dann fort – selbst als sie uns Chianti in glitzernden Karaffen spendierten. Arm in Arm stolperten wir zum Hotel und lachten dabei über gemeinsame Erinnerungen.

Am nächsten Morgen übermannte mich ein Jetlag, der die Müdigkeit des vergangenen Tages geradezu lächerlich erscheinen ließ. Ich konnte unmöglich an einem Meeting teilnehmen, geschweige denn einen ausführlichen Vortrag über komplizierte Architektursoftware halten.

Selbst die Dusche machte mich nicht wach. Ich würde Kit erst nach dem Meeting treffen, also ließ ich sie in ihrem Luxusbett weiterschlafen. Dann ging ich in eine nahe gelegene Bar und kippte zwei Espressi herunter, die beide nichts anderes bewirkten, als dass ich öfter blinzeln musste und mich noch benommener fühlte.

Die zwanzigminütige Taxifahrt führte mich über den trüben Tiber, durch Trastevere und schließlich auf eine enge, gewundene Kopfsteinpflasterstraße, die an beiden Seiten von Stein-Palazzi gesäumt war. Dann hielt der Fahrer an und zeigte auf ein Eisentor, in dessen verputzten Pfeiler die Nummer 13 gemeißelt war. Beim Aussteigen fiel mir ein kleines Messingschild mit der Aufschrift “Rolan & Cavalli” ins Auge, eigentlich viel zu unscheinbar für das größte Architekturbüro Italiens. Ein aufgeregter Schwarm Schmetterlinge flatterte in meinem Bauch.

Fünf Jahre nach dem College war ich, eher zufällig, in den Verkaufssektor gerutscht. Ich hatte gerade beschlossen, die Werbebranche, in die ich mich irgendwie verlaufen hatte, so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Anfangs betrachtete ich die Verkaufsbranche als eine Art Pause. Ich dachte, ich ginge irgendwann ohnehin zurück in die Werbung (“von der sich kein Mensch völlig trennen kann”, wie einer meiner Chefs einmal gesagt hatte) und fände einen Job in einer besseren Agentur, oder zumindest einen, bei dem ich mich nicht auf den Inbegriff von Langeweile würde spezialisieren müssen: Buchhaltung. Aber wider Erwarten liebte ich das Verkaufen – die Hektik, das Staunen, die Schwindel erregenden Höhen – und sogar die Tiefen.

Noch bis vor kurzem waren Tiefen sehr rar gewesen. Doch dann schaltete die Wirtschaft einen Gang zurück, und mit ihr das Baugewerbe. Viele Architekten begannen genau abzuwägen, ob sie für die Gestaltung neuer Gebäude tatsächlich unsere kostspielige Software brauchten. Über ein Jahr hatte es mich gekostet, bis sich die amerikanischen Büros von Rolan & Cavalli zum Kauf unseres Programms entschlossen hatten. Nun sollte ich die römischen Architekten davon überzeugen, dass ihre italienischen Dependancen von der Software ebenso profitieren würden wie die amerikanischen Kollegen. Laurence Connelly, mein Chef in Chicago, zählte bei diesem Kunden fest auf mich. “Die werden Sie umhauen wie Bowlingkegel, Blakely”, hatte er in dem seltenen Versuch einer Ermunterung gesagt. “Zeigen Sie denen, was eine Harke ist!”

Der Toröffner summte. Ich betrat einen großen Hof, dessen Mitte von einem weißen Springbrunnen mit Engelsfiguren geziert wurde und an dessen Seite Autos und Motorroller geparkt waren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs schwang eine massive Doppeltür aus Kiefernholz auf und ein beleibter Mann Anfang fünfzig trat ins Freie. Er streckte mir die Hand entgegen.

“Sie müssen Rachel Blakely sein”, begrüßte er mich in förmlichem Englisch mit starkem Akzent.

“Ganz recht, guten Tag.” Eilig überquerte ich den Hof und schüttelte ihm die Hand.

“Ich bin Bruno Cavalli. Benvenuto. Willkommen in Rom.”

“Vielen Dank. Es ist mir eine Ehre.” Überrascht, vom Chef selbst empfangen zu werden, drückte ich seine Hand gleich noch einmal.

Ich war erfüllt von der Vorfreude auf die bevorstehende Präsentation, auf einen potenziellen Verkauf. Es gab Phasen, da lief das Verkaufsgeschäft zäh, bisweilen sogar schmerzhaft langsam. Besonders, wenn man sich durch eine Kaltakquise hangeln musste oder von einem Unternehmen, mit dem man über fünf Jahre kooperiert hatte, einen Korb bekam. Doch die beruflichen Herausforderungen und Wechselbäder hatten mir bei der Bewältigung von Nicks Affäre geholfen. Sie gaben mir etwas von dem Selbstvertrauen zurück, das er gestohlen hatte. Und hier in Rom war alles drin. Hier konnte ich wieder ein Geschäft abschließen.

Bruno geleitete mich durch die Eingangstür und weiter in einen Salon, der in cremigen Weiß- und warmen Brauntönen gehalten war. Auf unserem Weg vorbei an Büros und Zeichentischen hielten wir Small Talk. Als wir schließlich den Konferenzraum erreichten – ein rundes Zimmer mit mittig platziertem, großem Mahagonitisch –, waren meine Akkus wieder aufgeladen, und ich fühlte mich gewappnet, Bruno und seinem aus vier Männern und zwei Frauen bestehenden Team unsere Spitzensoftware zu verkaufen.

Bruno stellte mich dem Team vor und ich bedankte mich auf Italienisch, ehe ich ins Englische wechselte. “Herzlichen Dank, dass Sie mich heute empfangen und mir Ihre Zeit widmen.”

Einer der Mitarbeiter, ein dickbäuchiger Mann in olivgrünem Anzug, drehte seinen Kopf und lieh mir sein Ohr. Ein paar der anderen nickten zur Begrüßung, aber als ich von den einleitenden Worten zu meiner Präsentation überging, schaute ich in lauter ratlose Gesichter. Ich verlangsamte mein Tempo, merkte jedoch schnell, dass bis auf Bruno niemand der Anwesenden besonders gute Englischkenntnisse zu haben schien. Einige kannten ein paar Floskeln, waren aber, was die architektonischen Fachtermini betraf, nur in ihrer Muttersprache firm. Als sich die verwirrten Blicke am Tisch häuften, sank mein Adrenalinspiegel rapide.

Schließlich hielt ich inne. “Capice?”, fragte ich. Verstehen Sie?

Der Mann im olivgrünen Anzug schüttelte den Kopf. Eine Frau hob die Hand und wiegte sie hin und her. “Così, così.”

Ich sah Bruno an, der mit den Achseln zuckte. “Italiano?”, schlug er vor.

Ich nahm mich zusammen, um mir nicht nervös über das müde Gesicht zu fahren. Es stimmte zwar, dass ich als Kind sechs Monate in diesem Land gelebt und später auf dem College Italienisch studiert hatte; und es stimmte ebenfalls, dass ich mit viel gutem Willen Wein bestellen und hochnäsige Verkäuferinnen belauschen konnte. Dennoch glaubte ich nicht, eine komplette Präsentation auf Italienisch halten zu können, schon gar nicht, wenn sie schwierige Architekturbegriffe beinhaltete. Meine Firma, Randall Design, hatte mich zwar eigens für dieses Gespräch ausgesucht, da ich in unserem Verkaufsteam die Einzige mit Italienischkenntnissen war. Doch man hatte mir den Eindruck vermittelt, dass ich in englischer Sprache vortragen könnte und höchstens vereinzelte italienische Phrasen einstreuen müsste.

Natürlich wollte ich trotzdem mein Bestes geben. Also begann ich den Vortrag in meinem Schulitalienisch. Die ersten Sätze kamen mir recht gut über die Lippen. Dann geriet ich ins Stocken. Ständig musste ich Pausen machen und über die richtigen Vokabeln, die korrekten Zeiten und einen anständigen Satzbau nachdenken. Von allen Seiten des Tisches erntete ich mitleidige Blicke.

Schleppend fuhr ich fort, bis ich ein hohes, ruhiges Scusi! vernahm.

Die Sprecherin war eine Dame mit weißem Haar, das im Nacken zu einem Dutt zusammengebunden war. Sie hielt ihre zarte Hand anmutig in die Luft. Ein geflochtenes Goldarmband zierte ihr schlankes Handgelenk.

Si?”, ermunterte ich sie eifrig. Wenn während meiner Vorträge Fragen gestellt wurden, motivierte mich das. Es zeigte, dass der Kunde interessiert war.

Doch die weißhaarige Frau ratterte ihre lange Frage so schnell herunter, dass ich höchstens jedes fünfte Wort verstand.

Ich holte Luft und versuchte auf das zu antworten, was sie gefragt haben könnte – irgendetwas zur 3-D-Tauglichkeit des Programms. Ich stammelte ein paar Worte und vergaß andere. Ein Mann zu meiner Rechten sah vollends verwirrt aus und beugte sich weiter zu mir herüber, als bräuchte ich nur lauter zu sprechen, damit er mich endlich verstand. Die Fragestellerin schüttelte geringschätzig den Kopf.

Letztlich bot Bruno sich als Dolmetscher an, und so dauerte die Frage-und-Antwort-Runde anstatt zehn Minuten eine Dreiviertelstunde. Mein Vortrag hinkte.

Nach zwei Stunden erhob sich Bruno von seinem Stuhl. “Grazie, Rachel”, bedankte er sich und sah auf seine Uhr. “Vielleicht machen wir jetzt eine Pause.”

Ich hätte ihn vor Dankbarkeit am liebsten geküsst.

Doch dann fuhr er fort: “Zwei meiner Mitarbeiter werden Sie zum Essen begleiten. Am Nachmittag machen wir dann weiter.” Er sprach Italienisch und seine Mitarbeiter nickten.

“Oh …”, stammelte ich. Ich dachte an Kit, die im Hotel auf mich wartete. Ich hatte ihr versprochen, den Nachmittag mit ihr zu verbringen. Ich wollte ihr meine Lieblingsplätze in Rom zeigen – außer der Gucci-Boutique gab es da noch eine ganze Reihe anderer. Außerdem sehnte ich mich nach einer Dusche, einem Glas Wein und einem ausgiebigen Gespräch mit meiner besten Freundin.

Andererseits gab Bruno mir eine zweite Chance. Eine, die ich brauchte und zu schätzen wusste.

“Herzlichen Dank. Das wäre großartig”, schmeichelte ich ihm. “Könnte ich bitte kurz Ihr Telefon benutzen?”

Aus Brunos Büro rief ich Kit an und entschuldigte mich bei ihr. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann sagte sie: “Schon gut, Rachel. Ich werde mich einfach ein bisschen allein herumtreiben. Dir viel Glück.”

“Danke. Das kann ich gebrauchen.”

Mein erbärmlicher Versuch, mich auf Italienisch zu verständigen, fand seine Fortsetzung in dem Ristorante, in dem wir zu Mittag aßen. Meine Begleiter gewährten mir keine Schonfrist, sondern stellten nur noch mehr Fragen zu der Software – Fragen, die ich erst nach Jahrzehnten verstand und nach Jahrhunderten beantwortete. Dieses traurige Szenario setzte sich auch während meiner Produktpräsentation am Nachmittag fort. Ich registrierte jeden Seufzer meiner Zuhörer, die mich einfach nicht verstanden und ständig auf ihre Uhren sahen.

Als das Meeting – endlich – zu Ende war, knöpfte ich meine Jacke zu und schüttelte Bruno die Hand. Sie würden über die Anschaffung der Software nachdenken und sich bei mir melden, versicherte er. Doch als ich ihm in die Augen sah, wusste ich, dass die Entscheidung bereits gefallen war und die Antwort nein lautete.

Meiner mentalen, körperlichen und sonstigen Kräfte beraubt, ging ich durch das Architekturbüro. Wie toll es sich in Chicago angehört hatte: Ich fliege für ein Meeting nach Rom! Doch in der Realität hatte es genauso viel Spaß gemacht, wie in einem überfüllten Flugzeug auf dem Mittelplatz zu sitzen.

3. KAPITEL

Auf dem Rücksitz des Taxis sackte ich in mich zusammen und überlegte, wie ich diese Neuigkeit meinem Chef beibringen sollte. Er würde alles andere als erfreut sein.

Ich bezahlte den Fahrer und versuchte, mich mit den Gedanken an einen Frauenabend mit Kit aufzuheitern. Berufliches Desaster hin oder her: In dieser Stadt gab es unzählige Weinflaschen, die nur darauf warteten, von uns entkorkt und geleert zu werden.

Doch im Hotelzimmer fand ich eine Nachricht vor.

Rach,

habe einen super Typen getroffen! Er arbeitet für die französische Botschaft. Er will mit mir in einen Laden namens Ketumbar gehen. Ich dachte mir, Du bist sicher müde und willst schlafen. Bis später (vielleicht …).

Kit

PS: Ich hoffe, das Gespräch ist gut gelaufen. Aber bestimmt … Danke nochmal, dass Du mich mitgenommen hast. Ich liebe diese Stadt!

Ich versuchte nicht allzu enttäuscht zu sein. Immerhin hatte ich sie den ganzen Tag allein gelassen und, ja, ich war erschöpft.

Ich zog mich aus und schlüpfte in den schweren seidenen Hotelbademantel. Dann machte ich mich an das gefürchtete Telefonat mit Laurence und berichtete ihm von der Präsentation. “Vor meiner Abreise hat mir der italienische Chef gesagt, sein Team könnte Englisch. Aber sie haben von meinem Vortrag nicht ein Wort verstanden.”

“Ich dachte, Sie sprechen Italienisch.”

“Aber nicht gut genug, um aus dem Stehgreif eine komplette Präsentation halten zu können.”

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

“Schlechtes Timing, Blakely.” Seine Stimme klang streng wie die eines Lehrers. “Wir haben heute Ricewell verloren.”

“Wie bitte?” Ricewell war ein großes Architekturbüro und einer unserer Hauptkunden. Ihre Einkäufe neuer Software und die damit verbundenen alljährlichen Updates machten den Großteil unserer Einnahmen aus. “Was ist passiert?”

“Darüber kann ich jetzt nicht reden. Randall will mich sprechen.” Terry Randall war der weniger freundliche Inhaber der Firma. Verglichen mit ihm war Laurence ein wahrer Sonnenschein. “Und Sie sind sicher, dass Cavalli nicht kaufen wird?”, fragte er.

Vor meinem geistigen Auge rasten die Bilder des Nachmittags vorbei – die geringschätzigen Blicke der weißhaarigen Frau, die mitfühlenden von Bruno. “Ganz sicher.”

“Mein Gott, Blakely, das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Wir sprechen uns, wenn Sie wieder im Lande sind. Machen Sie sich noch eine schöne Zeit da drüben.” Seine Stimme troff vor Sarkasmus. “Ich freue mich, dass wenigstens einer von uns Urlaub machen kann.” Dann legte er auf.

Ich warf mich aufs Bett und wählte Nicks Telefonnummer. In Chicago war jetzt später Vormittag und ich wusste, dass die Praxis dann immer brummte. Aber ich wollte seine Stimme hören.

Tina, die Empfangsdame, nahm ab. “Hi Rachel!”, begrüßte sie mich fröhlich. “Wie ist es denn so im schönen Rom?”

Ich drehte meinen Kopf zur Seite und sah mich im Zimmer um. Die Fenster standen offen und eine sanfte Brise fing sich in den Vorhängen. “Wunderschön, danke der Nachfrage. Sag mal, hat Nick gerade sehr viel zu tun?”

“Er ist heute gar nicht da.”

“Wie bitte?”

“Er hat sich frei genommen. Es ist ziemlich warm hier, fast 30 Grad. Er hat irgendwas von Golf erwähnt.”

“Ach so, verstehe.”

Aber Nick spielte überhaupt kein Golf mehr. Zumindest nicht, wenn er nicht unbedingt musste. In Philadelphia war er Mitglied des Highschool-Teams gewesen. Eine prägende Erfahrung, die ihm die Freude an dem Spiel nachhaltig verdorben hatte. Nun ließ er sich nur noch auf ein Spielchen unter Kollegen ein, wenn es die Umstände erforderten.

“Hat sich sonst noch jemand frei genommen?”, hakte ich hoffnungsvoll nach. “Dr. Adler zum Beispiel oder Dr. Simons?”

“Nö”, antwortete Tina so gut gelaunt wie immer.

Ich legte auf, um gleich darauf unsere Privatnummer zu wählen, und bemühte mich, den aufkeimenden Verdacht zu ersticken. Vielleicht hatte Nick das Golfen nur vorgeschoben, um zu Hause an einer Veröffentlichung zu arbeiten. Vielleicht brütete er auch eine Erkältung aus. Nach viermaligem Klingeln begrüßte mich meine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter und bat mich höflich, Namen und Telefonnummer zu hinterlassen. Ich drückte auf die Gabel und wählte Nicks Handynummer. Der Anruf wurde direkt auf seine Mailbox geleitet, als hätte er das Telefon abgeschaltet, um partout nicht erreichbar zu sein.

In meiner Brust machte sich eine bleierne Schwere breit. Ich erhob mich vom Bett und trat an die Balkontür. Ich stieß sie weiter auf, in der Hoffnung, der Anblick der Spanischen Treppe würde mich aufheitern. Doch der orangefarbene Schein der Sonne, die irgendwo über der Stadt unterging, ließ meine Sehnsucht nach Gesellschaft, nach meinem Mann oder zumindest nach dem Mann, den ich einst geheiratet hatte, nur noch größer werden. Die Dämmerung schien Pärchen anzulocken wie umgekehrt das Licht die Motten. Zumindest waren die weißen Marmorstufen mit Verliebten übersät. So weit das Auge reichte, sah ich Menschen, die Händchen hielten oder einander sanft Dinge ins Ohr flüsterten.

Wo war er? Warum nahm er sich an einem Montag frei? Nur zwei Tage nach meiner Abreise? Warum hatte er mir nichts davon erzählt?

Ich musste an die endlosen Gespräche denken, die wir nach seiner Affäre geführt hatten. Warum, warum, warum?, hatte ich wieder und wieder gefragt. Warum hast du das getan? Nick schüttelte den Kopf. In seinem Blick lagen Schmerz und Ungläubigkeit, als könnte er sein Handeln selbst nicht nachvollziehen. Er sagte, die Affäre sei ein Produkt seiner Langweile gewesen, seiner Sorge über die Teilhaberschaft an der Praxis und über die bevorstehende Aufnahme in den Ausschuss. Zur Ablenkung habe er etwas Neues und Aufregendes gebraucht, und als sie ihm in Napa über den Weg lief, habe er das Gefühl gehabt, sie könne ihm genau diese Aufregung bieten – wenn auch nur für den Augenblick. Er schwor, dass ihm in unserer Beziehung nichts fehle. Er sei nicht gelangweilt von mir, beteuerte er.

Auf gewisse Weise beruhigte mich seine Erklärung oder besser gesagt: die Unfähigkeit, es erklären zu können. Denn ich wollte nicht, dass mit uns irgendwas von Grund auf nicht stimmte. Ich wollte Napa einfach als riesigen, dummen und impulsiven Fehler verbuchen.

Obwohl ich den Gedanken nicht loswurde, dass er solche Impulse vielleicht gar nicht kontrollieren konnte, hütete ich mich sogar davor, ihn zu fragen, ob er es überhaupt wollte.

Ich schloss die Fenster und legte den Bademantel ab. Dann stellte ich die Dusche an, drehte das warme Wasser weit auf, hüpfte in die Kabine und ließ die Tropfen auf meine Haut prasseln.

Er macht es schon wieder. Das war alles, was ich denken konnte. Diesmal war es nicht die Amazone aus Napa, sondern irgendein anderes Flittchen. Unglaublich. Wie blasiert war ich eigentlich, zu glauben, er würde mich vermissen. Ich war mir seiner Treue so sicher gewesen, als ich ihm am Flughafen den Rücken zugedreht hatte.

Eine Scheidung konnte Nicks Karriere momentan nicht verkraften. Hatte er mir das in unseren endlosen Therapiesitzungen nicht auf zig verschiedene Arten deutlich gemacht? Wir hatten in Conans Praxis auf dem kastanienbraunen Sofa gesessen. Conan selbst – ein hochgewachsener Mann mit gestutztem grauen Bart – hatte sich auf einem breiten Lehnstuhl niedergelassen.

Wie hatte Nick es ausgedrückt? “Hör zu, Rach: Ich weiß, das ist unfair, aber ich muss dich um etwas bitten. Ich …” Seine Stimme versagte und er sah mich schuldbewusst an.

“Sprechen Sie weiter, Nick”, forderte Conan ihn auf. “Hier darf jeder sein Anliegen vortragen.”

Nick fuhr fort. “Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du nicht so vielen Leuten von unseren … Problemen erzählen würdest.”

Es war unsere zweite Sitzung bei Conan und ich sah Nick voller Abscheu an. “Du hast mit einer anderen Frau geschlafen. Immer wieder, eine Woche lang.” Meine Stimme war laut geworden, und ich bemerkte, dass Conan mich eindringlich ansah. Also atmete ich tief durch und sprach leiser weiter: “Und jetzt verlangst du von mir, dass ich darüber schweige?”

“Es tut mir ja so leid, Rachel”, meinte Nick. Er streckte einen Arm aus und berührte mein Bein. “Wie ich schon sagte, ich weiß, dass es unfair ist. Aber du kennst doch die Leute in meiner Praxis.”

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