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Robinson Crusoe / Robinson der Jüngere

Daniel Defoe, Joachim Heinrich Campe

Robinson Crusoe / Robinson der Jüngere





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Robinson Crusoe:

Der junge Kaufmannssohn Robinson Crusoe hört nicht auf seinen Vater, der ein Leben im behaglichen Mittelstand beschwört; es zieht ihn hinaus auf die See. Selbst ein erster Schiffbruch heilt ihn nicht vom Fernweh. Bald schon sticht er erneut in See, um Sklaven für seine Plantage in Brasilien, die ihm das Glück begünstigte, zu holen. Doch nun strandet er tatsächlich als einziger Überlebender auf einer einsamen Insel.

Robinson der Jüngere:
Joachim Heinrich Campes Bearbeitung von Defoes Robinson Crusoe wurde schnell zum erfolgreichsten deutschen Kinderbuch des 18. und 19. Jahrhunderts. Vielfach übersetzt, hat es auch heute nichts von seinem Reiz verloren.

In neuer deutscher Rechtschreibung.

Robinson Crusoe

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heiratete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen habe auch ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.

Ich hatte zwei ältere Brüder. Der eine von ihnen, welcher als Oberstleutnant bei einem englischen, früher von dem berühmten Oberst Lockhart befehligten Infanterieregiment in Flandern diente, fiel in der Schlacht bei Dünkirchen. Was aus dem jüngeren geworden ist, habe ich ebenso wenig in Erfahrung bringen können, als meine Eltern je Kenntnis von meinen eigenen Schicksalen erhalten haben.

Schon in meiner frühen Jugend steckte mir der Kopf voll von Plänen zu einem umherschweifenden Leben. Mein bereits bejahrter Vater hatte mich so viel lernen lassen, als durch die Erziehung im Hause und den Besuch einer Freischule auf dem Lande möglich ist.

Ich war für das Studium der Rechtsgelehrsamkeit bestimmt. Kein anderer Gedanke aber in Bezug auf meinen künftigen Beruf wollte mir behagen als der, Seemann zu werden.

Dieses Vorhaben brachte mich in schroffen Gegensatz zu den Wünschen und Befehlen meines Vaters und dem Zureden meiner Mutter wie auch sonstiger mir freundlich gesinnter Menschen. Es schien, als habe das Schicksal in meine Natur einen unwiderstehlichen Drang gelegt, der mich geradewegs in künftiges Elend treiben sollte.

Mein Vater, der ein verständiger und ernster Mann war, durchschaute meine Pläne und suchte mich durch eindringliche Gegenvorstellungen von denselben abzubringen.

Eines Morgens ließ er mich in sein Zimmer, das er wegen der Gicht hüten musste, kommen und sprach sich über jene Angelegenheit mit großer Wärme gegen mich aus.

»Was für andere Gründe«, sagte er, »als die bloße Vorliebe für ein unstetes Leben können dich bewegen, Vaterhaus und Heimat verlassen zu wollen, wo du dein gutes Unterkommen hast und bei Fleiß und Ausdauer in ruhigem und behaglichem Leben dein Glück machen kannst. Nur Leute in verzweifelter Lage, oder solche, die nach großen Dingen streben, gehen außer Landes auf Abenteuer aus, um sich durch Unternehmungen emporzubringen und berühmt zu machen, die außerhalb der gewöhnlichen Bahn liegen.

Solche Unternehmungen aber sind für dich entweder zu hoch oder zu gering. Du gehörst in den Mittelstand, in die Sphäre, welche man die höhere Region des gemeinen Lebens nennen könnte. Die aber ist, wie mich lange Erfahrung gelehrt hat, die beste in der Welt; in ihr gelangt man am sichersten zu irdischem Glück. Sie ist weder dem Elend und der Mühsal der nur von Händearbeit lebenden Menschenklasse ausgesetzt, noch wird sie von dem Hochmut, der Üppigkeit, dem Ehrgeiz und dem Neid, die in den höheren Sphären der Menschenwelt zu Hause sind, heimgesucht.

Am besten«, fügte er hinzu, »kannst du die Glückseligkeit des Mittelstandes daraus erkennen, dass er von allen, die ihm nicht angehören, beneidet wird. Selbst Könige haben oft über die Misslichkeiten, die ihre holte Geburt mit sich bringt, geklagt und gewünscht, in die Mitte der Extreme zwischen Hohe und Niedrige gestellt zu sein. Auch der Weise bezeugt, dass jener Stand der des wahren Glückes ist, indem er betet: Armut und Reichtum gib mir nicht.

Habe nur darauf Acht«, fuhr mein Vater fort, »so wirst du finden, dass das Elend der Menschheit zumeist an die höheren und niederen Schichten der Gesellschaft verteilt ist.

Die, welche in der mittleren leben, werden am seltensten vom Missgeschick getroffen, sie sind minder den Wechselfällen des Glücks ausgesetzt, sie leiden bei Weitem weniger an Missvergnügen und Unbehagen des Leibes und der Seele wie jene, die durch ausschweifend üppiges Leben auf der einen, durch harte Arbeit, Mangel am Notwendigen oder schlechten und unzulänglichen Lebensunterhalt auf der anderen Seite, infolge ihrer natürlichen Lebensstellung geplagt sind.

Der Mittelstand ist dazu angetan, alle Arten von Tugenden und Freuden gedeihen zu lassen. Friede und Genügsamkeit sind im Gefolge eines mäßigen Vermögens. Gemütsruhe, Geselligkeit, Gesundheit, Mäßigkeit, alle wirklich angenehmen Vergnügungen und wünschenswerten Erheiterungen sind die segensreichen Gefährten einer mittleren Lebensstellung.

Auf der Mittelstraße kommt man still und gemächlich durch die Welt und sanft wieder heraus, ungeplagt von allzu schwerer Hand- oder Kopfarbeit, frei vom Sklavendienst ums tägliche Brot, unbeirrt durch verwickelte Verhältnisse, die der Seele die Ruhe, dem Leib die Rast entziehen, ohne Aufregung durch Neid, oder die im Herzen heimlich glühende Ehrbegierde nach großen Dingen.

Dieser Weg führt vielmehr in gelassener Behaglichkeit durch das Dasein, gibt nur dessen Süßigkeiten, nicht aber auch seine Bitternisse zu kosten, er lässt, die auf ihm wandeln, mit jedem Tage mehr erfahren, wie gut es ihnen geworden ist.«

Hierauf drang mein Vater ernstlich und inständigst in mich, ich solle mich nicht gewaltsam in eine elende Lage stürzen, vor welcher die Natur, indem sie mich in meine jetzige Lebensstellung gebracht, mich sichtbarlich habe behüten wollen.

Ich sei ja nicht gezwungen, meinen Unterhalt zu suchen. Er habe es gut mit mir vor und werde sich bemühen, mich in bequemer Weise in die Lebensbahn zu bringen, die er mir soeben gerühmt habe.

Wenn es mir nicht wohl ergehe in der Welt, so sei das lediglich meine Schuld. Er habe keine Verantwortung dafür, nachdem er mich vor Unternehmungen gewarnt habe, die, wie er bestimmt wisse, zu meinem Verderben gereichen müssten. Er wolle alles Mögliche für mich tun, wenn ich daheim bliebe und seiner Anweisung gemäß meine Existenz begründe.

Dagegen werde er sich dadurch nicht zum Mitschuldigen an meinem Missgeschick machen, dass er mein Vorhaben, in die Fremde zu gehen, irgendwie unterstütze.

Schließlich hielt er mir das Beispiel meines älteren Bruders vor. Den habe er auch durch ernstliches Zureden abhalten wollen, in den niederländischen Krieg zu gehen. Dennoch sei derselbe seinen Gelüsten gefolgt und habe darum einen frühen Tod gefunden.

»Ich werde zwar«, so endete mein Vater, »nicht aufhören, für dich zu beten, aber das sage ich dir im Voraus:

Wenn du deine törichten Pläne verfolgst, wird Gott seinen Segen nicht dazu geben, und du wirst vielleicht einmal Muße genug haben, darüber nachzudenken, dass du meinen Rat in den Wind geschlagen hast. Dann aber möchte wohl niemand da sein, der dir zur Umkehr behilflich sein kann.«

Bei diesen letzten Worten, die, was mein Vater wohl selbst kaum ahnte, wahrhaft prophetisch waren, strömten ihm, besonders als er meinen gefallenen Bruder erwähnte, die Tränen reichlich über das Gesicht. Als er von der Zeit der zu späten Reue sprach, geriet er in eine solche Bewegung, dass er nicht weiter reden konnte.

Ich war durch seine Worte in innerster Seele ergriffen, und wie hätte das anders sein können! Mein Entschluss stand fest, den Gedanken an die Fremde aufzugeben und mich, den Wünschen meines Vaters gemäß, zu Hause niederzulassen.

Aber ach, schon nach wenigen Tagen waren diese guten Vorsätze verflogen, und um dem peinlichen Zureden meines Vaters zu entgehen, beschloss ich einige Wochen später, mich heimlich davon zu machen.

Indes führte ich diese Absicht nicht in der Hitze des ersten Entschlusses aus, sondern nahm eines Tages meine Mutter, als sie ungewöhnlich guter Laune schien, beiseite und erklärte ihr, mein Verlangen, die Welt zu sehen, gehe mir Tag und Nacht so sehr im Kopfe herum, dass ich nichts zu Hause anfangen könnte, wobei ich Ausdauer genug zur Durchführung haben würde.

»Mein Vater«, sagte ich, »täte besser, mich mit seiner Einwilligung gehen zu lassen als ohne sie. Ich bin im neunzehnten Jahre und zu alt, um noch die Kaufmannschaft zu erlernen oder mich auf eine Advokatur vorzubereiten. Wollte ich’s doch versuchen, so würde ich sicherlich nicht die gehörige Zeit aushalten, sondern meinem Prinzipal entlaufen und dann doch zur See gehen.«

Ich bat die Mutter, bei dem Vater zu befürworten, dass er mich eine Seereise zum Versuch machen lasse. Käme ich dann wieder und die Sache hätte mir nicht gefallen, so wollte ich nimmer fort und verspräche für diesen Fall, durch doppelten Fleiß das Versäumte wieder einzuholen.

Meine Mutter geriet über diese Mitteilung in große Bestürzung. Es würde vergebens sein, erwiderte sie, mit meinem Vater zu sprechen, der wisse zu gut, was zu meinem Besten diene, um mir seine Einwilligung zu so gefährlichen Unternehmungen zu geben.

»Ich wundere mich«, setzte sie hinzu, »dass du nach der Unterredung mit deinem Vater und nach seinen Ermahnungen noch an so etwas denken kannst. Wenn du dich absolut ins Verderben stürzen willst, so ist dir eben nicht zu helfen.

Darauf aber darfst du dich verlassen, dass ich meine Einwilligung dir nie gebe und an deinem Unglück nicht irgendwelchen Teil haben will. Auch werde ich niemals in etwas einwilligen, was nicht die Zustimmung deines Vaters hat.«

Wie ich später erfuhr, war diese Unterredung von meiner Mutter, trotz ihrer Versicherung, dem Vater davon nichts mitteilen zu wollen, ihm doch von Anfang bis zu Ende erzählt worden. Er war davon sehr betroffen gewesen und hatte seufzend geäußert:

»Der Junge könnte nun zu Hause sein Glück machen, geht er aber in die Fremde, wird er der unglücklichste Mensch von der Welt werden; meine Zustimmung bekommt er nicht.«

Es währte beinahe noch ein volles Jahr, bis ich dennoch meinen Vorsatz ausführte. In dieser ganzen Zeit aber blieb ich taub gegen alle Vorschläge, ein Geschäft anzufangen, und machte meinen Eltern oftmals Vorwürfe darüber, dass sie sich dem, worauf meine ganze Neigung ging, so entschieden widersetzten.

Eines Tages befand ich mich in Hull, wohin ich jedoch zufällig und ohne etwa Fluchtgedanken zu hegen, mich begeben hatte. Ich traf dort einen meiner Kameraden, der im Begriff stand, mit seines Vaters Schiff zur See nach London zu gehen. Er drang in mich, ihn zu begleiten, indem er mir die gewöhnliche Lockspeise der Seeleute, nämlich freie Fahrt, anbot.

So geschah es, dass ich, ohne Vater oder Mutter um Rat zu fragen, ja ohne ihnen auch nur ein Wort zu sagen, unbegleitet von ihrem und Gottes Segen und ohne Rücksicht auf die Umstände und Folgen meiner Handlung, in böser Stunde (das weiß Gott!) am ersten September 1651 an Bord des nach London bestimmten Schiffes ging.

Niemals, glaube ich, haben die Missgeschicke eines jungen Abenteurers rascher ihren Anfang genommen und länger angehalten als die meinigen.

Unser Schiff war kaum aus dem Humberfluss, als der Wind sich erhob und die See anfing, fürchterlich hochzugehen.

Ich war früher nie auf dem Meere gewesen und wurde daher leiblich unaussprechlich elend und im Gemüt von furchtbarem Schrecken erfüllt.

Jetzt begann ich ernstlich darüber nachzudenken, was ich unternommen, und wie die gerechte Strafe des Himmels meiner böswilligen Entfernung vom Vaterhaus und meiner Pflichtvergessenheit alsbald auf dem Fuße gefolgt sei.

Alle guten Ratschläge meiner Eltern, die Tränen des Vaters und der Mutter Bitten traten mir wieder vor die Seele, und mein damals noch nicht wie später abgehärtetes Gewissen machte mir bittere Vorwürfe über meine Pflichtwidrigkeit gegen Gott und die Eltern.

Inzwischen steigerte sich der Sturm, und das Meer schwoll stark, wenn auch bei Weitem nicht so hoch, wie ich es später oft erlebt und schon einige Tage nachher gesehen habe. Doch reichte es hin, mich, als einen Neuling zur See und da ich völlig unerfahren in solchen Dingen war, zu entsetzen. Von jeder Woge meinte ich, sie würde uns verschlingen, und sooft das Schiff sich in einem Wellental befand, war mir, als kämen wir nimmer wieder auf die Höhe.

In dieser Seelenangst tat ich Gelübde in Menge und fasste die besten Entschlüsse. Wenn es Gott gefalle, mir das Leben auf dieser Reise zu erhalten, wenn ich jemals wieder den Fuß auf festes Land setzen dürfe, so wollte ich alsbald heim zu meinem Vater gehen und nie im Leben wieder ein Schiff betreten. Dann wollte ich den väterlichen Rat befolgen und mich nicht wieder in ein ähnliches Elend begeben.

Jetzt erkannte ich klar die Richtigkeit der Bemerkungen über die goldene Mittelstraße des Lebens. Wie ruhig und behaglich hatte mein Vater sein Leben lang sich befunden, der sich nie den Stürmen des Meeres und den Kümmernissen zu Lande ausgesetzt hatte.

Kurz, ich beschloss fest, mich aufzumachen gleich dem verlorenen Sohne und reuig zu meinem Vater zurückzukehren. Diese weisen und verständigen Gedanken hielten jedoch nur stand, solange der Sturm währte und noch ein weniges darüber.

Am nächsten Tage legte sich der Wind, die See ging ruhiger, und ich ward die Sache ein wenig gewohnt. Doch blieb ich den ganzen Tag still und ernst und litt noch immer etwas an der Seekrankheit.

Am Nachmittag aber klärte sich das Wetter auf, der Wind legte sich völlig, und es folgte ein köstlicher Abend. Die Sonne ging leuchtend unter und am nächsten Morgen ebenso schön auf. Wir hatten wenig oder gar keinen Wind, die See war glatt, die Sonne strahlte darauf, und ich hatte einen Anblick so herrlich wie nie zuvor.

Nach einem gesunden Schlaf, frei von der Seekrankheit, in bester Laune betrachtete ich voll Bewunderung das Meer, das gestern so wild und fürchterlich gewesen und nun so friedlich und anmutig war. Und gerade jetzt, damit meine guten Vorsätze ja nicht standhalten sollten, trat mein Kamerad, der mich verführt hatte, zu mir.

»Nun, mein Junge«, sagte er, mich mit der Hand auf die Schulter klopfend, »wie ist’s bekommen? Ich wette, du hast Angst ausgestanden, bei der Handvoll Wind, die wir gestern hatten, wie?«

»Eine Handvoll Wind nennst du das?«, erwiderte ich. »Es war ein grässlicher Sturm.«

»Ein Sturm? Narr, der du bist; hältst du das für einen Sturm? Gib uns ein gutes Schiff und offene See, so fragen wir den Teufel was nach einer solchen elenden Brise. Aber du bist nur ein Süßwassersegler; komm, lass uns eine Bowle Punsch machen, und du wirst bald nicht mehr an die Affäre denken. Schau, was ein prächtiges Wetter wir haben!«

Um es kurz zu machen, wir taten nach Seemannsbrauch. Der Punsch wurde gebraut und ich gehörig angetrunken. Der Leichtsinn dieses einen Abends ersäufte alle meine Reue, all meine Gedanken über das Vergangene, alle meine Vorsätze für die Zukunft. Wie die See, als der Sturm sich gelegt, wieder ihre glatte Miene und friedliche Stille angenommen hatte, so war auch der Aufruhr in meiner Seele vorüber. Meine Befürchtungen, von den Wogen verschlungen zu werden, hatte ich vergessen, meine alten Wünsche kehrten zurück, und die Gelübde und Verheißungen, die ich in meinem Jammer getan, waren mir aus dem Sinn.

Hin und wieder stellten sich indessen meine Bedenken wiederum ein, und ernsthafte Besorgnisse kehrten von Zeit zu Zeit in meine Seele zurück. Jedoch ich schüttelte sie ab und machte mich davon los gleich als von einer Krankheit, hielt mich ans Trinken und an die lustige Gesellschaft und wurde so Herr über diese »Anfälle«, wie ich sie nannte.

Nach fünf oder sechs Tagen war ich so vollkommen Sieger über mein Gewissen, wie es ein junger Mensch, der entschlossen ist, sich nicht davon beunruhigen zu lassen, nur sein kann.

Aber ich sollte noch eine neue Probe bestehen. Die Vorsehung hatte, wie in solchen Fällen gewöhnlich, es so geordnet, dass mir keine Entschuldigung bleiben konnte. Denn wenn ich das erste Mal mich nicht für gerettet ansehen wollte, so war die nächste Gelegenheit so beschaffen, dass der gottloseste und verhärtetste Bösewicht sowohl die Größe der Gefahr, als die der göttlichen Barmherzigkeit dabei hätte anerkennen müssen.

Am sechsten Tage unserer Fahrt gelangten wir auf die Reede von Yarmouth. Der Wind war uns entgegen und das Wetter ruhig gewesen, und so hatten wir nach dem Sturm nur eine geringe Strecke zurückgelegt. Dort sahen wir uns genötigt, vor Anker zu gehen, und lagen, weil der Wind ungünstig, nämlich aus Südwest blies, sieben oder acht Tage daselbst, während welcher Zeit viele andere Schiffe von Newcastle her auf eben dieser Reede, welche den gemeinsamen Hafen für die, guten Wind die Themse hinauf erwartenden Schiffe abgab, vor Anker gingen.

Wir wären jedoch nicht so lange hier geblieben, sondern mit der Flut allmählich stromaufwärts gegangen, hätte der Wind nicht zu heftig geweht.

Nach dem vierten oder fünften Tag blies er besonders scharf. Da aber die Reede für einen guten Hafen galt, das Ankertau sehr stark war, machten unsre Leute sich nichts daraus, sondern verbrachten ohne die geringste Furcht die Zeit nach Seemannsart mit Schlafen und Zechen.

Den achten Tag aber ward des Morgens der Wind stärker, und wir hatten alle Hände voll zu tun, die Topmasten einzuziehen und alles zu dichten und festzumachen, dass das Schiff so ruhig wie möglich vor Anker liegen könnte.

Um Mittag ging die See sehr hoch. Es schlugen große Wellen über das Deck, und ein oder zwei Mal meinten wir, der Anker sei losgewichen, worauf unser Kapitän sogleich den Notanker loszumachen befahl, sodass wir nun von zwei Ankern gehalten wurden.

Unterdessen erhob sich ein wahrhaft fürchterlicher Sturm, und jetzt sah ich zum ersten Mal Angst und Bestürzung auch in den Mienen unsrer Seeleute.

Ich hörte den Kapitän, der mit aller Aufmerksamkeit auf die Erhaltung des Schiffes bedacht war, mehrmals, während er neben mir zu seiner Kajüte hinein- und herausging, leise vor sich hinsagen: »Gott sei uns gnädig, wir sind alle verloren« und dergleichen Äußerungen mehr.

Während der ersten Verwirrung lag ich ganz still in meiner Koje, die sich im Zwischendeck befand, und zwar in einer unbeschreiblichen Stimmung. Es war mir nicht möglich, die vorigen reuigen Gedanken, die ich so offenbar von mir gestoßen hatte, wieder aufzunehmen.

Ich hatte geglaubt, die Todesgefahr überstanden zu haben, und gemeint, es würde jetzt nicht so schlimm werden wie das erste Mal.

Jedoch als der Kapitän in meine Nähe kam und die erwähnten Worte sprach, erschrak ich fürchterlich. Ich ging aus meiner Kajüte und sah mich um.

Niemals hatte ich einen so furchtbaren Anblick gehabt. Das Meer ging bergehoch und überschüttete uns alle drei bis vier Minuten.

Wenn ich überhaupt etwas sehen konnte, nahm ich nichts als Jammer und Not ringsum wahr. Zwei Schiffe, die nahe vor uns vor Anker lagen, hatten, weil sie zu schwer beladen waren, ihre Mastbäume kappen und über Bord werfen müssen, und unsre Leute riefen einander zu, dass ein Schiff, welches etwa eine halbe Stunde von uns ankerte, gesunken sei.

Zwei andere Schiffe, deren Anker nachgegeben hatten, waren von der Reede auf die See getrieben und, aller Masten beraubt, jeder Gefahr preisgegeben.

Die leichten Fahrzeuge waren am besten dran, da sie der See nicht so vielen Widerstand entgegensetzen konnten; aber zwei oder drei trieben auch von ihnen hinter uns her und wurden vom Winde, dem sie nur das Sprietsegel boten, hin und her gejagt.

Gegen Abend fragten der Steuermann und der Hochbootsmann den Kapitän, ob sie den Fockmast kappen dürften.

Er wollte anfangs nicht daran, als aber der Hochbootsmann ihm entgegenhielt, dass, wenn es nicht geschähe, das Schiff sinken würde, willigte er ein.

Als man den vorderen Mast beseitigt hatte, stand der Hauptmast so lose und erschütterte das Schiff dermaßen, dass die Mannschaft genötigt war, auch ihn zu kappen und das Deck freizumachen.

Jedermann kann sich denken, in welchem Zustand bei diesem allen ich, als Neuling zur See und nachdem ich so kurz vorher eine solche Angst ausgestanden, mich befand.

Doch wenn ich jetzt die Gedanken, die ich damals hatte, noch richtig anzugeben vermag, so war mein Gemüt zehnmal mehr in Trauer darüber, dass ich meine früheren Absichten aufgegeben und wieder zu den vorher gefassten Plänen zurückgekehrt war, als über den Gedanken an den Tod selbst.

Diese Gefühle, im Verein mit dem Schreck vor dem Sturm, versetzten mich in eine Gemütslage, die ich mit Worten nicht beschreiben kann.

Das Schlimmste aber sollte noch kommen!

Der Sturm wütete dermaßen fort, dass die Matrosen selbst bekannten, sie hätten niemals einen schlimmeren erlebt.

Unser Schiff war zwar gut, doch hatte es zu schwer geladen und schwankte so stark, dass die Matrosen wiederholt riefen, es werde umschlagen. In gewisser Hinsicht war es gut für mich, dass ich die Bedeutung dieses Worts nicht kannte, bis ich später danach fragte.

Mittlerweile wurde der Sturm so heftig, dass ich sah, was man nicht oft zu sehen bekommt, nämlich wie der Kapitän, der Hochbootsmann und etliche andere, die nicht ganz gefühllos waren, zum Gebet ihre Zuflucht nahmen. Sie erwarteten nämlich jeden Augenblick, das Schiff untergehen zu sehen.

Mitten in der Nacht schrie, um unsre Not vollzumachen, ein Matrose, dem aufgetragen war, darauf ein Augenmerk zu haben, aus dem Schiffsraum, das Schiff sei leck und habe schon vier Fuß Wasser geschöpft.

Alsbald wurde jedermann an die Pumpen gerufen. Bei diesem Ruf glaubte ich das Herz in der Brust erstarren zu fühlen. Ich fiel rücklings neben mein Bett, auf dem ich in der Kajüte saß, die Bootsleute aber rüttelten mich auf und sagten, wenn ich auch sonst zu nichts nütze sei, so tauge ich doch zum Pumpen so gut wie jeder andere. Da raffte ich mich auf, eilte zur Pumpe und arbeitete mich rechtschaffen ab.

Inzwischen hatte der Kapitän bemerkt, wie einige leichtbeladene Kohlenschiffe, weil sie den Sturm vor Anker nicht auszuhalten vermochten, in die freie See stachen und sich uns näherten.

Daher befahl er, ein Geschütz zu lösen und dadurch ein Notsignal zu geben. Ich, der ich nicht wusste, was das zu bedeuten hatte, wurde, weil ich glaubte, das Schiff sei aus den Fugen gegangen oder es sei sonst etwas Entsetzliches geschehen, so erschreckt, dass ich in Ohnmacht fiel.

Weil aber jeder nur an Erhaltung des eigenen Lebens dachte, bekümmerte sich keine Seele um mich. Ein anderer nahm meine Stelle an der Pumpe ein, stieß mich mit dem Fuß beiseite und ließ mich für tot liegen, bis ich nach geraumer Zeit wieder zu mir kam.

Wir arbeiteten wacker fort, aber das Wasser stieg im Schiffsraum immer höher, und das Schiff begann augenscheinlich zu sinken.

Zwar legte sich jetzt der Sturm ein wenig, allein unmöglich konnte unser Fahrzeug sich so lange über Wasser halten, bis wir einen Hafen erreichten.

Deshalb ließ der Kapitän fortwährend Notschüsse abfeuern. Endlich wagte ein leichtes Schiff, das gerade vor uns vor Anker lag, ein Hilfsboot auszusenden.

Mit äußerster Gefahr nahte dieses sich uns, doch es schien unmöglich, dass wir hineinsteigen könnten oder dass es auch nur an unser Schiff anzulegen vermöchte.

Endlich kamen die Matrosen mit Lebensgefahr durch mächtiges Rudern so nahe, dass unsre Leute ihnen vom Hinterteil des Schiffes ein Tau mit einer Boje zuwerfen konnten.

Als sie unter großer Mühe und Not des Seils habhaft geworden waren, zogen sie sich damit dicht an den Stern unseres Fahrzeugs heran, worauf wir denn sämtlich uns in das ihrige begaben.

Aber nun war gar kein Gedanke daran, dass wir mit dem Boote das Schiff, zu dem es gehörte, erreichen könnten. Daher beschlossen wir einmütig, das Boot vom Wind treiben zu lassen und es nur so viel wie möglich nach der Küste zu steuern.

Der Kapitän versprach den fremden Leuten, ihr Fahrzeug, wenn es am Strande scheitern sollte, zu bezahlen.

So gelangten wir denn, teils durch Rudern, teils vom Winde getrieben, nordwärts etwa in der Gegend von Winterton-Ness nahe an die Küste heran.

Kaum eine Viertelstunde hatten wir unser Schiff verlassen, als wir es schon untergehen sahen. Jetzt begriff ich, was es heißt, wenn ein Schiff in See leck wird.

Ich gestehe, dass ich kaum den Mut hatte hinzusehen, als die Matrosen mir sagten, das Schiff sei im Sinken. Denn seit dem Augenblick, wo ich in das Boot mehr geworfen als gestiegen war, stand mir das Herz vor Schrecken und Gemütsbewegung und vor den Gedanken an die Zukunft sozusagen stille.

Während die Bootsleute sich mühten, uns an Land zu bringen, bemerkten wir (denn sobald uns die Woge in die Höhe trug, vermochten wir die Küste zu sehen), wie eine Menge Menschen am Strande hin und her liefen, um uns, wenn wir herankämen, Hilfe zu leisten.

Doch gelangten wir nur langsam vorwärts und konnten das Land nicht eher erreichen, bis wir den Leuchtturm von Winterton passiert hatten. Hier flacht sich die Küste von Cromer westwärts ab, und so vermochte das Land die Heftigkeit des Windes ein wenig zu brechen. Dort legten wir an, gelangten sämtlich, wiewohl nicht ohne große Anstrengungen, ans Ufer und gingen hierauf zu Fuß nach Yarmouth.

Als Schiffbrüchige, wurden wir in dieser Stadt, sowohl von den Behörden, welche uns gute Quartiere anwiesen, als auch von Privatleuten und Schiffseignern, mit großer Humanität behandelt und mit so viel Geld versehen, dass es hingereicht hätte, uns, je nachdem wir Lust hatten, die Reise nach London oder Hull zu ermöglichen.

Hätte ich nun Vernunft genug gehabt, in meine Heimat zurückzukehren, so wäre das mein Glück gewesen, und mein Vater würde, um mit dem Gleichnis unseres Heilandes zu reden, das fetteste Kalb zur Feier meiner Heimkehr geschlachtet haben. Nachdem er gehört, das Schiff, mit dem ich von Hull abgegangen war, sei auf der Reede von Yarmouth untergegangen, hat er lange in der Meinung gelebt, ich sei ertrunken.

Jedoch mein böses Schicksal trieb mich mit unwiderstehlicher Hartnäckigkeit vorwärts. Zuweilen zwar sprach mir meine Vernunft und mein besonnenes Urteil laut zu, heimzukehren, aber ich hatte nicht die Kraft dazu.

Ich weiß nicht, ob es eine geheimnisvolle zwingende Macht, oder wie ich es sonst nennen soll, gibt, die uns treibt, Werkzeuge unseres eigenen Verderbens zu werden, wenn es auch unmittelbar vor uns liegt und wir mit offenen Augen ihm uns nähern.

Gewiss ist aber, dass nur ein unabwendbar über mich beschlossenes Verhängnis, dem ich in keiner Weise entrinnen konnte, mich, trotz den ruhigen Gründen und dem Zureden meiner Überlegung, und ungeachtet zweier so deutlicher Lehren, wie ich sie bei meinem ersten Versuch erhalten hatte, vorwärts drängte.

Mein Kamerad, der mich früher in meiner Gewissensverhärtung bestärkt hatte (er war, wie ich schon sagte, der Sohn des Eigentümers unseres untergegangenen Schiffs), war nun verzagter als ich.

Als wir uns das erste Mal in Yarmouth sprachen, zwei oder drei Tage nach unserer Ankunft – wir lagen in verschiedenen Quartieren – schien der Ton seiner Stimme verändert, und mit melancholischer Miene fragte er mich, wie es mir gehe.

Nachdem er seinem Vater mitgeteilt hatte, wer ich sei und dass ich diese Reise nur zum Versuch gemacht habe, und zwar in der Absicht, später in die Fremde zu gehen, wandte sich dieser zu mir und sagte in einem sehr ernsten feierlichen Ton:

»Junger Mann, Ihr dürft niemals wieder zur See gehen; Ihr müsst dies Erlebnis für ein sichtbares und deutliches Zeichen ansehen, dass Ihr nicht zum Seemann bestimmt seid.«

»Wie, Herr«, erwiderte ich, »wollt Ihr selbst denn nie wieder auf das Meer?«

»Das ist etwas anderes«, antwortete er. »Es ist mein Beruf und daher meine Pflicht; allein Ihr habt bei dieser Versuchsreise vom Himmel eine Probe von dem erhalten, was Euch zu erwarten steht, wenn Ihr auf Eurem Sinne beharret. Vielleicht hat uns dies alles nur Euretwegen betroffen, wie es mit Jona in dem Schiffe von Tarsis ging.

Sagt mir«, fuhr er fort, »was in aller Welt hat Euch bewegen können, diese Reise mitzumachen?«

Hierauf erzählte ich ihm einen Teil meiner Lebensgeschichte. Als ich geendet, brach er leidenschaftlich in die Worte aus:

»Was habe ich nun verbrochen, dass solch ein Unglücksmensch in mein Schiff geraten musste! Ich würde nicht um tausend Pfund meinen Fuß wieder mit Euch in dasselbe Fahrzeug setzen.«

Dieser Ausbruch war durch die Erinnerung an den von ihm erlittenen Verlust hervorgerufen, und der Mann hatte eigentlich kein Recht dazu, sich mir gegenüber so stark zu äußern. Doch redete er mir auch später noch sehr ernst zu und ermahnte mich, zu meinem Vater zurückzukehren und nicht noch einmal die Vorsehung zu versuchen. Ich würde sehen, sagte er, dass die Hand des Himmels sichtbar mir entgegenarbeite.

»Verlasst Euch darauf, junger Mann«, fügte er hinzu, »wenn Ihr nicht nach Hause geht, werdet Ihr, wohin Ihr Euch auch wendet, nur mit Missgeschick und Not zu ringen haben, bis die Worte Eures Vaters sich an Euch erfüllt haben.«

Bald darauf trennten wir uns. Ich hatte ihm nur kurz geantwortet und sah ihn nachher nicht wieder.

Ich meinesteils begab mich, da ich jetzt etwas Geld in der Tasche hatte, zu Lande nach London. Sowohl dort wie schon unterwegs hatte ich manchen inneren Kampf zu bestehen durch den Zweifel, ob ich heimkehren oder zur See gehen sollte.

Was die erstere Absicht betraf, so stellte sich den besseren Regungen meiner Seele alsbald die Scham entgegen. Es fiel mir ein, wie ich von den Nachbarn ausgelacht werden und wie beschämt ich nicht nur vor Vater und Mutter, sondern auch vor allen anderen Leuten stehen würde.

Seit jener Zeit habe ich oft beobachtet, wie ungereimt und töricht die Artung des Menschenherzens, besonders in der Jugend, gegenüber der Vernunft, die es in solchen Fällen allein leiten sollte, sich zeigt: Dass wir nämlich uns nicht schämen zu sündigen, aber wohl zu bereuen; dass wir keine Bedenken haben vor der Handlung, deretwegen wir für einen Narren angesehen werden müssen, aber wohl vor der Buße, die allein uns wieder die Achtung vernünftiger Menschen verschaffen könnte.

In jener Unentschlossenheit darüber, was ich ergreifen und welchen Lebensweg ich einschlagen sollte, verharrte ich geraume Zeit. Ein unwiderstehlicher Widerwille hielt mich auch ferner ab, heimzukehren.

Nach einer Weile aber verblasste die Erinnerung an das Missgeschick, das ich erlebt, und als diese sich erst gemildert hatte, war mit ihr auch der letzte Rest des Verlangens nach Hause geschwunden. Und kaum hatte ich alle Gedanken an die Rückkehr aufgegeben, so sah ich mich auch schon nach der Gelegenheit zu einer neuen Reise um.

Das Unheil, welches mich zuerst aus meines Vaters Hause getrieben; das mich in dem unreifen und tollen Gedanken verstrickt hatte, in der Ferne mein Glück zu suchen; das diesen Plan in mir so fest hatte einwurzeln lassen, dass ich für allen guten Rat, für Bitten und Befehle meines Vaters taub gewesen war, dasselbe Unheil veranstaltete jetzt auch, dass ich mich auf die allerunglückseligste Unternehmung von der Welt einließ.

Ich begab mich nämlich an Bord eines nach der afrikanischen Küste bestimmten Schiffes, oder, wie unsere Seeleute zu sagen pflegen, eines Guinea-Fahrers.

Jedoch, und dies war ein besonders schlimmer Umstand, verdingte ich mich nicht etwa als ordentlicher Seemann auf das Schiff. Dadurch, ob ich gleich ein wenig härter hätte arbeiten müssen, würde ich doch den seemännischen Dienst gründlich erlernt und mich allmählich zum Matrosen oder Leutnant, wenn nicht gar zum Kapitän hinaufgearbeitet haben.

Nein, wie es immer mein Schicksal war, dass ich das Schlimmste wählte, so tat ich es auch diesmal. Denn da ich Geld in der Tasche und gute Kleider auf dem Leibe hatte, wollte ich nur wie ein großer Herr an Bord gehen und hatte somit auf dem Schiffe weder etwas Ordentliches zu tun, noch lernte ich den Seemannsdienst vollständig kennen.

In London hatte ich gleich anfangs das Glück, in gute Gesellschaft zu geraten, was einem so unbesonnenen und unbändigen Gesellen nicht oft zuteilwird. Denn obzwar der Teufel gern beizeiten nach solchen seine Netze auswirft, hatte er’s bei mir doch unterlassen. Ich machte die Bekanntschaft eines Schiffskapitäns, der eben von der guineischen Küste zurückgekehrt war und, da er dort gute Geschäfte gemacht hatte, im Begriffe stand, eine neue Reise dahin zu unternehmen.

Er fand Gefallen an meiner damals nicht ganz reizlosen Unterhaltung, und als er vernommen, dass ich Lust hatte, die Welt zu sehen, bot er mir an, kostenfrei mit ihm zu reisen. Ich könne mit ihm den Tisch und den Schlafraum teilen, und wenn ich etwa einige Waren mitnehmen wolle, sie auf eigene Rechnung in Afrika verkaufen und vielleicht dadurch zu weiteren Unternehmungen ermutigt werden.

Dies Anerbieten nahm ich an und schloss mit dem Kapitän, einem redlichen und aufrichtigen Manne, innige Freundschaft. Durch seine Uneigennützigkeit trug mir ein kleiner Kram, den ich mitgenommen, bedeutenden Gewinn ein.

Ich hatte nämlich für ungefähr 4o Pfund Sterling Spielwaren und dergleichen Kleinigkeiten auf den Rat des Kapitäns eingekauft, wofür ich das Geld mithilfe einiger Verwandter, an die ich mich brieflich gewendet, zusammenbrachte, welche, wie ich vermute, auch meine Eltern oder wenigstens meine Mutter vermocht hatten, etwas zu meiner ersten Unternehmung beizusteuern.

Dies war die einzige unter meinen Reisen, die ich eine glückliche nennen kann. Ich verdanke das nur der Rechtschaffenheit meines Freundes, durch dessen Anleitung ich auch eine ziemliche Kenntnis in der Mathematik und dem Schifffahrtswesen erlangte. Er lehrte mich, den Kurs des Schiffs zu verzeichnen, Beobachtungen anzustellen, überhaupt alles Notwendige, was ein Seemann wissen muss.

Da es ihm Freude machte, mich zu belehren, hatte ich auch Freude, von ihm zu lernen, und so wurde ich auf dieser Reise zugleich Kaufmann und Seemann. Ich brachte für meine Waren fünf Pfund und neun Unzen Goldstaub zurück, wofür ich in London dreihundert Guineen löste; aber leider füllte mir gerade dieser Gewinn den Kopf mit ehrgeizigen Plänen, die mich ins Verderben bringen sollten.

Übrigens war jedoch auch diese Reise nicht ganz ohne Missgeschick für mich abgelaufen. Insbesondere rechne ich dahin, dass ich während der ganzen Dauer derselben mich unwohl fühlte und infolge der übermäßigen afrikanischen Hitze (wir trieben nämlich unsern Handel hauptsächlich an der Küste vom 15. Grad nördlicher Breite bis zum Äquator hin) von einem hitzigen Fieber befallen wurde.

Nunmehr galt ich für einen ordentlichen Guinea-Händler. Nachdem mein Freund zu meinem großen Unheil bald nach der Rückkehr gestorben war, beschloss ich, dieselbe Reise zu wiederholen, und schiffte mich auf dem früheren Schiff, das jetzt der ehemalige Steuermann führte, ein.

Nie hat ein Mensch eine unglücklichere Fahrt erlebt. Ich nahm zwar nur für hundert Pfund Sterling Waren mit und ließ den Rest meines Gewinns in den Händen der Witwe meines Freundes, die sehr rechtschaffen gegen mich handelte; dennoch aber erlitt ich furchtbares Missgeschick.

Das Erste war, dass uns, als wir zwischen den kanarischen Inseln und der afrikanischen Küste segelten, in der Morgendämmerung ein türkischer Korsar aus Saleh überraschte und mit allen Segeln Jagd auf uns machte. Wir spannten, um zu entrinnen, unsere Segel gleichfalls sämtlich auf, so viel nur die Masten halten wollten. Da wir aber sahen, dass der Pirat uns überholen und uns in wenigen Stunden erreicht haben würde, blieb uns nichts übrig, als uns kampfbereit zu machen.

Wir hatten zwölf Kanonen, der türkische Schuft aber führte deren achtzehn an Bord. Gegen drei Uhr nachmittags hatte er uns eingeholt. Da er uns jedoch aus Versehen in der Flanke angriff, statt am Vorderteil, wie er wohl ursprünglich beabsichtigt hatte, schafften wir acht von unseren Kanonen auf die angegriffene Seite und gaben ihm eine Salve.

Nachdem der Feind unser Feuer erwidert und dazu eine Musketensalve von 200 Mann, die er an Bord führte, gefügt hatte (ohne dass jedoch ein Einziger unserer Leute, die sich gut gedeckt hielten, getroffen wurde), wich er zurück.

Alsbald aber bereitete er einen neuen Angriff vor, und auch wir machten uns abermals zur Verteidigung fertig. Diesmal jedoch griff er uns auf der anderen Seite an, legte sich dicht an unser Bord, und sofort sprangen sechzig Mann von den Türken auf unser Deck und begannen, unser Segelwerk zu zerhauen.

Wir empfingen sie zwar mit Musketen, Enterhaken und anderen Waffen, machten auch zweimal unser Deck frei; trotzdem aber, um sogleich das traurige Ende des Kampfes zu berichten, mussten wir, nachdem unser Schiff seeuntüchtig gemacht und drei unserer Leute getötet waren, uns ergeben und wurden als Gefangene nach Saleh, einer Hafenstadt der Neger, gebracht.

Dort ging es mir nicht so schlecht, als ich anfangs befürchtet hatte. Ich wurde nicht wie die andern ins Innere nach der kaiserlichen Residenz gebracht, sondern der Kapitän der Seeräuber behielt mich unter seiner eigenen Beute, da ich als junger Bursch ihm brauchbar schien.

Die furchtbare Verwandlung meines Standes, durch welche ich aus einem stolzen Kaufmann zu einem Sklaven geworden war, beugte mich tief. Jetzt gedachte ich der prophetischen Worte meines Vaters, dass ich ins Elend geraten und ganz hilflos werden würde. Ich wähnte, diese Vorhersagung habe sich nun bereits erfüllt und es könne nichts Schlimmeres mehr für mich kommen. Schon habe mich, dachte ich, die Hand des Himmels erreicht, und ich sei rettungslos verloren.

Aber ach! Es war nur der Vorgeschmack der Leiden, die ich noch, wie der Verlauf dieser Geschichte lehren wird, durchmachen sollte.

Als mein neuer Herr mich für sein eigenes Haus zurückbehielt, tauchte die Hoffnung in mir auf, er werde mich demnächst mit zur See nehmen und ich könne dann, wenn ihn etwa ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff kapern würde, wieder meine Freiheit erlangen.

Dieser schöne Wahn entschwand bald. Denn sooft sich mein Patron einschiffte, ließ er mich zurück, um die Arbeit im Garten und den gewöhnlichen Sklavendienst im Hause zu verrichten, und wenn er dann von seinen Streifzügen heimkam, musste ich in der Kajüte seines Schiffes schlafen und dieses überwachen.

Während ich hier auf nichts als meine Flucht dachte, wollte sich doch nicht die mindeste Möglichkeit zur Ausführung derselben zeigen. Auch war niemand da, dem ich meine Pläne hätte mitteilen und der mich hätte begleiten können. Denn unter meinen Mitsklaven befand sich kein Europäer. So bot sich mir denn zwei Jahre hindurch, so oft ich mich auch in der Einbildung damit beschäftigte, nicht die mindeste Hoffnung erweckende Aussicht auf ein Entrinnen dar.

Ungefähr nach Ablauf dieser Zeit rief mir ein seltsamer Umstand meine Fluchtpläne wieder ins Gedächtnis. Eine geraume Weile hindurch blieb nämlich mein Herr, wie ich hörte aus Geldmangel, gegen seine Gewohnheit zu Hause liegen.

Während dieser Zeit fuhr er jede Woche ein oder mehrere Male in seinem kleinen Schiffsboot auf die Reede zum Fischen, wobei er stets mich und einen kleinen Moresken zum Rudern mitnahm. Wir machten ihm auf diesen Fahrten allerlei Späße vor, und da ich mich zum Fischfang anstellig zeigte, erlaubte er, dass ich nebst einem seiner Verwandten und dem Mohrenjungen auch bisweilen allein hinausfuhr und ihm ein Gericht Fische holte.

Als wir einst an einem sehr windstillen Morgen solch eine Fahrt machten, entstand ein so dicker Nebel, dass wir die Küste, von der wir kaum eine Stunde entfernt waren, aus dem Gesicht verloren. Wir ruderten unablässig, ohne zu wissen, ob wir vorwärts oder zurück kämen, den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch und wurden erst am nächsten Morgen gewahr, dass wir, statt uns dem Lande zu nähern, nach der offenen See hin geraten und mindestens zwei deutsche Meilen vom Ufer entfernt waren. Dennoch erreichten wir dieses, völlig ausgehungert, unter nicht geringer Mühe und Gefahr wieder, nachdem sich des Morgens ein scharfer Wind landwärts erhoben hatte.

Unser Gebieter, durch dies Ereignis gewarnt, beschloss, künftig für seine Person größere Vorsicht anzuwenden und nicht mehr ohne Kompass und Proviant auf den Fischfang zu gehen.

Da er das Langboot unseres von ihm genommenen Schiffes zu seiner Verfügung hatte, trug er seinem Schiffszimmermann, der wie ich Sklave und geborener Engländer war, auf, in diesem Boot eine kleine Kajüte zu errichten, ähnlich der in einer Barke, und zwar so, dass hinter derselben jemand Platz habe, um zu steuern und das große Segel zu regieren, davor aber zwei Personen Raum fänden, um die anderen Segel zu handhaben.

Das Langboot führte ein sogenanntes Gieksegel und die Rah ragte über die Kajüte hinaus, welche schmal und niedrig war und höchstens für den Kapitän und ein paar Sklaven sowie einen Tisch und ein Schränkchen zur Aufbewahrung von Brot, Reis, Kaffee und dergleichen Raum bot.

In diesem Fahrzeug fuhren wir dann fleißig zum Fischen aus, und da ich mich gut auf das Geschäft verstand, ließ mein Herr mich nie zu Hause.

Eines Tages wollte dieser mit ein paar vornehmen Mohren zum Vergnügen oder zum Fischfang eine Fahrt machen und ließ dazu ungewöhnliche Anstalten treffen.

Schon abends zuvor hatte er Mundvorrat an Bord geschickt und mir aufgetragen, drei Flinten mit dem im Boot befindlichen Pulver und Blei bereitzuhalten, damit er und seine Freunde sich auch durch die Vogeljagd vergnügen könnten.

Ich tat wie mir befohlen, und wartete in dem sauber geputzten Boot, darauf Flagge und Wimpel lustig wehten, auf die Ankunft meines Gebieters und seiner Gäste.

Bald nachher aber kam jener allein, sagte mir, die Letzteren seien durch Geschäfte verhindert, ich solle daher mit dem Mohren und dem kleinen Jungen wie gewöhnlich allein hinausfahren und für seine Freunde zum Abendessen ein Gericht Fische fangen.

In diesem Augenblick kamen mir meine Fluchtgedanken wieder in den Sinn. Ich sah jetzt ein kleines Schiff ganz zu meiner Verfügung gestellt und bereitete, als mein Herr fort war, sogleich alles statt für den Fischfang zu einer langen Fahrt vor. Freilich wusste ich nicht, wohin diese gehen sollte, aber das kümmerte mich nicht, da ich nur von dort wegzukommen bedacht war.

Zunächst sann ich auf einen Vorwand, um den Mohren nach Proviant auszuschicken. Ich sagte ihm, es zieme sich nicht für uns, von dem Mundvorrat unseres Gebieters zu nehmen. Dies leuchtete ihm ein, und er brachte denn auch bald einen großen Korb mit geröstetem Zwieback, wie solcher dortzulande bereitet wurde, nebst drei Krügen mit frischem Wasser herbei.

Ich wusste, wo mein Herr seinen Flaschenkorb hatte, der, nach der Fasson zu schließen, auch von einem englischen Schiffe erbeutet sein musste. Diesen stellte ich in das Boot, wie wenn er dort für unseren Herrn schon gestanden habe.

Dann trug ich einen etwa fünfzig Pfund schweren Wachsklumpen hinein sowie einen Knäuel Bindfaden, ein Beil, eine Säge und einen Hammer, lauter nützliche Dinge, besonders das Wachs, aus dem ich Lichter machen wollte.

Dann drehte ich dem Mohren, welcher Ismael hieß, aber Muley genannt wurde, eine weitere Nase.

»Muley«, sagte ich zu ihm, »die Gewehre unseres Herrn sind an Bord. Könnten wir nicht auch ein wenig Pulver und Schrot bekommen? Es wäre doch hübsch, wenn wir für uns einige Alkamies (eine Art Seevögel) schießen könnten. Ich weiß, der Schießbedarf liegt im großen Schiff.«

»Gut«, erwiderte er, »ich will’s holen.«

Bald darauf kam er wirklich mit einem großen Lederbeutel, in welchem sich etwa anderthalb Pfund Pulver, fünf bis sechs Pfund Schrot und etliche Kugeln befanden, und trug dies alles zusammen ins Boot.

Unterdes hatte ich auch in meines Herrn Kajüte etwas Pulver gefunden, das ich in eine der großen Flaschen im Flaschenkorb, die beinahe leer war und deren Inhalt ich in eine andere goss, füllte.

So, mit dem Nötigsten versehen, segelten wir aus dem Hafen zum Fischfang. Der Wind ging leider aus Nordnordost; wäre er von Süden gekommen, hätte ich leicht die spanische Küste, oder wenigstens die Bai von Cadiz erreichen können.

Trotzdem aber, mochte der Wind auch noch so ungünstig wehen, blieb mein Entschluss fest, von diesem schrecklichen Orte zu entrinnen, das Übrige aber dem Geschick anheimzustellen.

Nachdem wir einige Zeit gefischt hatten, ohne etwas zu fangen (denn wenn ich auch einen Fisch an der Angel spürte, zog ich ihn nicht heraus), sagte ich zu dem Mohren:

»Hier hat’s keine Art; wir werden von hier unserm Herrn nichts heimbringen, wir müssen es weiter draußen versuchen.«

Er, sich nichts Arges versehend, willigte ein und zog, da er am Stern des Schiffes stand, die Segel auf.

Ich steuerte dann das Boot beinahe eine deutsche Meile auf die offene See hinaus. Hierauf brachte ich es in die Stellung, als ob ich fischen wolle, gab dem Jungen das Steuerruder, ging nach vorn, wo der Mohr stand, tat, wie wenn ich beabsichtigte, hinter ihm etwas aufzuheben, fasste ihn rücklings an und warf ihn kurzerhand über Bord.

Sofort tauchte er wieder auf, denn er schwamm wie Kork, und bat mich, ihn wieder hereinzuheben. Er wolle ja, sagte er, mit mir in die weite, weite Welt gehen.

Da er rasch hinter dem Boot herschwamm, würde er mich bei dem schwachen Wind bald erreicht haben. Ich aber eilte in die Kajüte, ergriff eine der Vogelflinten und rief ihm zu:

»Wenn du dich ruhig verhältst, werde ich dir nichts zuleide tun. Du schwimmst gut genug, um das Land erreichen zu können, und die See ist ruhig. Mach, dass du fortkommst, so will ich dich verschonen; wagst du dich aber an das Boot heran, so brenne ich dir eins vor den Kopf, denn ich bin entschlossen, mich zu befreien.«

Hierauf wandte er sich um, schwamm nach der Küste und hat diese auch jedenfalls mit Leichtigkeit erreicht; denn er war ein ausgezeichneter Schwimmer.

Ebenso gut freilich hätte ich auch den Mohren mit mir nehmen und den Jungen statt seiner ersäufen können, aber es war jenem nicht zu trauen. Als er sich fortgemacht hatte, sagte ich zu dem kleinen Burschen, welcher Xury hieß:

»Höre, wenn du mir treu bleibst, will ich etwas Großes aus dir machen; willst du mir aber nicht beim Barte Mahomeds und seines Vaters Treue schwören, so muss ich dich ins Wasser werfen.«

Der Junge lächelte mir ins Gesicht und antwortete mir so treuherzig, dass ich ihm nicht misstrauen konnte: Er verspreche mir treu zu sein und mit mir zu gehen, wohin ich wolle.

Solange mich der schwimmende Mohr im Auge zu behalten vermochte, steuerte ich das Boot dem hohen Meer zu, und zwar so, dass man meinen sollte, wir hätten uns der Meerenge von Gibraltar zugewandt.

Jeder vernünftige Mensch musste anstelle der Neger dies auch annehmen. Denn wer hätte denken sollen, dass wir südwärts gesegelt wären, recht eigentlich nach der Barbarenküste hin, an der ganze Völkerschaften von Negern wohnten, die uns, mit ihren Kähnen umzingeln und uns umbringen konnten; wo wir auch nirgends zu landen vermochten, ohne Gefahr zu laufen, von wilden Bestien oder noch unbarmherzigeren wilden Menschen zerrissen zu werden.

Dennoch aber änderte ich, sobald die Abenddämmerung kam, die Richtung unseres Bootes und steuerte direkt nach Südost. Diesen Kurs schlug ich ein, um in der Nähe der Küste zu bleiben.

Da wir guten frischen Wind hatten, kamen wir so schnell vorwärts, dass wir am nächsten Nachmittag gegen drei Uhr uns schon beinahe 150 Meilen südlich von Saleh, weit entfernt von dem Reich des Kaisers von Marokko und irgendeines andern Herrschers (wir sahen wenigstens keinen Menschen am Lande) befanden.

Meine Furcht vor den Mohren war so groß, und ich bangte so sehr davor, ihnen in die Hände zu fallen, dass ich mich nicht entschließen konnte, an Land oder auch nur vor Anker zu gehen.

Der Wind wehte noch volle fünf Tage hindurch uns günstig. Nachdem er sich dann südwärts gedreht hatte, durfte ich glauben, dass, wenn man auch zu Schiffe auf uns Jagd gemacht haben sollte, diese doch nun aufgegeben sein würde.

Daher wagte ich mich jetzt an die Küste und warf Anker an der Mündung eines kleinen Flusses. Ich wusste weder, unter welchem Breitengrade noch in welchem Land noch bei welchem Volk ich mich befinde. Keine Menschenseele ließ sich sehen; auch hatte ich kein Verlangen danach, denn das Einzige, wonach ich mich sehnte, war frisches Wasser.

Wir gelangten abends in die Flussmündung und beschlossen, sobald es dunkel sei, an Land zu schwimmen und die Gegend auszukundschaften.

Jedoch vernahmen wir, als es Nacht geworden, einen so fürchterlichen Lärm, ein solches Bellen, Brüllen und Heulen wilder Tiere, Gott weiß welcher Art, dass mein armer Junge vor Angst sterben wollte und mich flehentlich bat, nicht vor Tagesanbruch an das Ufer zu gehen.

»Gut, Xury«, sagte ich, »dann wollen wir es lassen; aber vielleicht bekommen wir bei Tage Menschen zu sehen, die es gerade so schlecht mit uns meinen wie diese Löwen.«

»Ei, dann wir schicken ihnen einige Kugeln aufs Fell«, erwiderte Xury lachend, »die ihnen machen Beine.«

Ein wenig Englisch nämlich hatte der Junge durch den Verkehr mit uns Sklaven gelernt.

Ich war froh, den Jungen so lustig zu sehen, und ließ ihn zur Ermutigung einen Schluck Rum aus einer der Flaschen meines Patrons tun.

Übrigens war Xurys Rat gut, daher befolgte ich ihn auch. Wir warfen unseren kleinen Anker aus und lagen die Nacht über still.

An Schlafen war jedoch kein Gedanke. Denn nach einigen Stunden sahen wir gewaltig große Bestien verschiedener Art, die wir nicht zu nennen wussten, an den Strand kommen und sich ins Wasser stürzen. Sie machten sich das Vergnügen einer Abkühlung und heulten und brüllten dabei in einer Art, wie ich es mein Lebtag nicht wieder gehört habe.

Xury war furchtbar erschrocken und ich nicht minder. Aber wie entsetzten wir uns erst, als eines der Untiere auf unser Boot zugeschwommen kam. Wir konnten es nicht sehen, doch an seinem Schnauben war zu hören, dass es eine ungeheuer große und grimmige Bestie sein musste. Xury behauptete, es sei ein Löwe, und es mochte wohl auch einer sein. Der arme Junge schrie, ich sollte den Anker lichten und wegrudern.

»Nein«, erwiderte ich, »wir wollen nur das Kabeltau verlängern und nach der See hinsteuern, dann können die Tiere uns nicht folgen.«

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als ich das Ungeheuer zu meiner großen Überraschung schon bis auf zwei Ruderlängen uns nahe erblickte. Sofort eilte ich nach der Kajüte, ergriff ein Gewehr und gab Feuer, worauf die Bestie sich alsbald umwandte und wieder nach dem Lande schwamm.

Es ist unmöglich, den fürchterlichen Lärm, das Geschrei und Geheul zu beschreiben, das unmittelbar an der Küste und weiter ins Land hinein nach meinem Schusse entstand.

So etwas hatten diese Kreaturen wahrscheinlich früher nie gehört. Ich zog daraus den Schluss, dass wir während der Nacht nicht hier ans Land gehen dürften, und es schien sogar fraglich, ob wir es bei Tage wagen dürften; denn den wilden Menschen in die Hände zu geraten, war um nichts besser, als in die Gewalt der wilden Tiere zu kommen, zum Wenigsten hatten wir vor beiden gleich große Angst.

Trotzdem aber gebot uns die Notwendigkeit, irgendwo zu landen, um Wasser zu holen, wovon wir keine Pinte mehr im Boote hatten. Es fragte sich nur, wo wir es wagen sollten.

Xury sagte mir, wenn er mit einem der Krüge ans Ufer gehen dürfe und es da überhaupt Wasser gäbe, wolle er es schon bekommen.

Ich fragte ihn, warum denn er gehen wolle und er nicht lieber sehe, wenn ich es täte.

Er antwortete mir darauf mit solcher Treuherzigkeit, dass ich ihn dadurch für immer lieb gewann. »Wenn kommen wilde Männer«, sagte er, »sie essen mich, du weggehen.«

»Nun Xury«, erwiderte ich, »dann wollen wir alle beide gehen, und wenn die wilden Männer kommen, schießen wir sie nieder, dann können sie keinen von uns treffen.«

Hierauf gab ich ihm ein Stück Zwieback und ließ ihn einen Schluck Rum aus dem Flaschenkorb tun. Dann ruderten wir das Boot möglichst nahe ans Ufer und wateten, nur mit unsern Gewehren und zwei Wasserkrügen ausgerüstet, ans Land.

Ich wagte nicht, das Boot aus den Augen zu verlieren, weil ich fürchtete, die Wilden möchten in Kähnen den Fluss herunterkommen. Der Junge aber, welcher etwa eine Meile landeinwärts eine Niederung gewahrte, eilte danach hin, und gleich darauf sah ich ihn wieder zurückkehren.

Ich glaubte, er sei von Wilden verfolgt oder durch ein Tier erschreckt, und rannte, um ihm zu helfen, ihm entgegen.

Als ich jedoch näher kam, sah ich, dass er etwas über die Schultern hängen hatte, das ich als ein von ihm getötetes Tier erkannte. Es glich einem Hasen, war aber von anderer Farbe und länger von Beinen. Wir hatten große Freude darüber, da es uns eine herrliche Mahlzeit lieferte.

Das Beste aber, was Xury mitbrachte, war die Nachricht, dass er gutes Wasser gefunden und keine Wilden gesehen hatte.

Bald darauf wurden wir gewahr, dass wir uns um Wasser nicht so große Sorgen hätten zu machen brauchen. Denn ein wenig höher in der Bucht hinauf, in der wir lagen, fanden wir, sobald die Flut, die nicht tief den Fluss hineinging, verlaufen war, das Wasser süß und frisch. So füllten wir denn unsere Krüge, verschmausten unser Wildbret und machten uns wieder reisefertig. Spuren eines menschlichen Wesens hatten wir in dieser Gegend nicht wahrgenommen.

Weil ich schon früher einmal an dieser Küste gewesen war, wusste ich, dass die kanarischen Inseln, sowie die des grünen Vorgebirges, von hier nicht weit abliegen konnten.

Da mir’s aber an Instrumenten zur Untersuchung des Breitengrades, unter dem wir uns befanden, gebrach, und ich auch leider nicht genau die Lage jener Inseln kannte, war ich im Zweifel über die Richtung, die ich nach ihnen einzuschlagen hätte. Außerdem wäre es eine Leichtigkeit gewesen, sie zu erreichen.

Ich hatte meine Hoffnung darauf gesetzt, dass wir, wenn ich mich immer längs der Küste hielte, bis ich in die Region käme, wo die Engländer ihren Handel trieben, eins von ihren Schiffen aufstoßen und uns aufnehmen werde.

So viel ich nach meiner Berechnung herausgebracht, musste ich damals in der Gegend sein, die zwischen dem Kaiserreich Marokko und den Negerstaaten liegt und wo die Küste nur von Bestien bewohnt ist. Die Neger haben diesen Landstrich verlassen und sich aus Furcht vor den Mohren nach Süden zurückgezogen, während die Mohren die Gegend wegen ihrer Unfruchtbarkeit nicht des Anbaus wert halten.

Beide Völkerschaften haben auch deshalb jene Strecke aufgegeben, weil so erstaunlich viele Tiger, Löwen, Leoparden und andere wilde Tiere dort hausen. Die Mohren benutzen die Gegend daher nur zum Jagen, indem sie armeenweise zu zwei- bis dreitausend Mann dorthin ziehen.

Beinahe hundert Meilen lang sahen wir an der Küste nur wüstes Land, bei Tage wie ausgestorben, des nachts erfüllt vom Geheul und Gebrüll der Bestien.

Ein oder zwei Mal glaubte ich den Pik von Teneriffa zu erblicken und hatte große Lust, nach ihm hin zu steuern; nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen aber, durch widrigen Wind genötigt und auch, weil die See für mein kleines Fahrzeug zu hoch ging, beschloss ich, mich längs der Küste zu halten.

Mehrmals war ich genötigt, ans Land zu gehen, um frisches Wasser zu holen. Eines Tages warfen wir früh am Morgen unter einem ziemlich hoch gelegenen Küstenpunkt Anker. Die Flut begann und wir wollten sie abwarten, um mit ihr weiter zu gehen.

Xury, der seine Augen flinker als ich überall hatte, rief mir leise zu, es sei besser, wenn wir uns von der Küste abwendeten, »denn«, sagte er, »dort liegt ein schreckliches Ungeheuer neben dem Hügel und schläft«.

Ich sah nach der angedeuteten Richtung und erblickte wirklich ein scheußliches Untier. Es war ein sehr großer Löwe, der am Ufer im Schatten eines Hügelvorsprungs lag.

»Xury«, sagte ich, »du musst ans Land und ihn abmurksen.«

Xury schauderte und erwiderte:

»Ich murksen? Er mich essen auf einen Bissen.«

Da ließ ich den Jungen sich still verhalten, nahm unsere größte Flinte, lud sie stark mit Pulver und mit zwei Kugeln und legte sie neben mich. In ein anderes Gewehr tat ich zwei Kugeln, in ein drittes (denn wir hatten drei) fünf Kugeln von kleinerem Kaliber.

Beim ersten Schuss hielt ich der Bestie scharf nach dem Kopf, allein sie hatte die Tatze ein wenig über die Schnauze gelegt, sodass die Kugeln sie über dem Knie trafen und ihr nur den Gelenkknochen zerschmetterten.

Der Löwe sprang auf, knurrte anfangs leise, fühlte aber sein Bein entzwei, sank nieder und stellte sich dann auf drei Beine, indem er das schrecklichste Gebrüll losließ, das ich je vernommen.

Ich war erschrocken, dass ich den Kopf verfehlt, griff aber sofort nach dem zweiten Gewehr und gab abermals Feuer; wiewohl der Feind ausreißen wollte, traf ich ihn diesmal doch in den Kopf und sah mit Vergnügen, wie er zusammenbrach und ohne großen Lärm seinen Todeskampf kämpfte.

Jetzt bekam Xury Courage und wollte ans Land.

»Gut«, sagte ich, »geh.«

Darauf sprang er ins Wasser, nahm in die eine Hand eine kleine Flinte, schwamm mit der anderen ans Ufer, begab sich dicht an das Tier heran, hielt ihm das Gewehr nahe vors Ohr und machte ihm mit einem neuen Schuss durch den Kopf vollends den Garaus.

Dies Wildbret lieferte uns aber nichts zu essen, und es tat mir leid, drei Schüsse an ein Tier verschwendet zu haben, mit dem wir nichts anfangen konnten.

Xury aber sagte, etwas wolle er doch davontragen, und bat mich um das Beil.

»Wozu, Xury?«, fragte ich.

»Kopf abhauen«, antwortete er.

Jedoch gelang ihm das nicht, und er brachte nur eine ungeheure Tatze mit sich zurück.

Ich hatte unterdessen überlegt, dass uns vielleicht das Fell von einigem Wert sein könnte, und beschloss, es abzuziehen.

So machte ich mich denn mit Xury ans Werk; der Junge aber leistete dabei viel mehr als ich, denn ich verstand mich schlecht auf die Sache.

Die Arbeit nahm einen ganzen Tag in Anspruch, bis wir zuletzt das Fell davontrugen. Wir spannten es über das Dach unserer Kajüte aus, wo es die Sonne rasch trocknete; dann benutzte ich es als Decke für mein Lager.

Nach diesem Aufenthalt segelten wir zehn bis zwölf Tage in einem fort südwärts. Jetzt gingen wir mit unserem Proviant, der stark ins Abnehmen geraten war, sehr sparsam um. Ans Land wagten wir uns nur, um Wasser zu nehmen.

Mein Plan war, zu versuchen, ob wir den Gambia oder Senegal, das heißt die Gegend des grünen Vorgebirges zu erreichen vermöchten, wo ich hoffen durfte, einem europäischen Schiffe zu begegnen.

Geschah dies nicht, so blieb mir nichts übrig, als nach den Kapverdischen Inseln zu steuern oder unter den Negern umzukommen.

Ich wusste, dass alle europäischen Schiffe, die nach der Küste von Guinea oder nach Brasilien oder Ostindien gehen, auf dem grünen Vorgebirge oder jenen Inseln Station machen. So setzte ich denn mein ganzes Geschick auf die eine Nummer: Entweder begegnete ich einem Schiff oder ich war verloren.

Als ich in dieser Ungewissheit etwa zehn Tage hindurch gesegelt war, begann ich wahrzunehmen, dass die Küste bewohnt sei. An mehreren Stellen sahen wir im Vorbeifahren Leute an dem Ufer stehen, die uns beobachteten. Wir konnten auch erkennen, dass sie ganz schwarz und völlig nackt waren.

Einmal wandelte mich die Lust an, ans Land zu ihnen zu gehen, aber Xury riet mir ab und sagte:

»Nicht gehen, ja nicht gehen.«

Dennoch näherte ich mich der Küste so weit, dass ich mit den Leuten sprechen konnte.

Sie liefen eine geraume Strecke neben dem Schiff die Küste entlang. Waffen hatten sie nicht, außer einem Einzigen, der einen langen dünnen Stab trug, den Xury als eine Lanze bezeichnete, mit der diese Leute auf weite Entfernung mit großer Sicherheit werfen könnten.

Deshalb hielt ich mich in gehöriger Ferne, redete aber, so gut es ging, durch Zeichen mit ihnen und gab ihnen insbesondere zu verstehen, dass ich etwas zu essen haben möchte.

Sie forderten mich durch Winke auf, das Boot anzuhalten, und deuteten an, sie würden dann Speisen für mich herbeischaffen.

Hierauf zog ich die Segel ein und legte bei, während zwei der Neger landeinwärts liefen. Nach kaum einer halben Stunde kamen sie mit zwei Stücken geröstetem Brot und etwas Korn zurück.

Ohne zu wissen, was es sei, waren wir doch entschlossen es anzunehmen, nur fragte es sich, wie wir’s bekommen könnten. Denn ans Land zu gehen wagte ich nicht.

Die guten Leute aber schienen sich ebenso sehr vor uns zu fürchten wie wir vor ihnen. Endlich fanden sie einen guten Ausweg. Sie legten die Sachen auf die Erde nieder und zogen sich eine weite Strecke zurück, bis wir ihre Gaben an Bord gebracht hatten; dann kamen sie wieder ans Ufer heran.

Wir machten ihnen Zeichen des Danks, da wir sonst nichts zu bieten hatten. Gleich darauf aber ward uns die Gelegenheit, ihnen einen großen Dienst zu leisten. Es kamen nämlich zwei gewaltige Tiere, eins das andere verfolgend, von den Bergen herab nach dem Meer gelaufen.

Wir konnten nicht erkennen, ob Brunst das Männchen das Weibchen jagen hieß oder ob die Bestien wütend aufeinander waren; ebenso wenig ob eine solche Sache hierzulande alltäglich oder ungewöhnlich sei.

Doch glaube ich das Letztere. Einmal weil solch wilde Tiere regelmäßig sich nur des nachts zeigen, und dann weil die Leute am Ufer, besonders die Weiber, sehr erschrocken schienen. Alle, außer dem Mann mit der Lanze, entflohen.

Die Bestien dachten jedoch nicht daran, die Neger zu verfolgen, sie stürzten sich vielmehr ohne Weiteres ins Wasser und schwammen darin umher, als ob sie sich ein Pläsier machen wollten.

Endlich kam eins der Tiere dem Boot näher. Ich legte mich auf die Lauer, ein Gewehr schussfertig in der Hand. Zuvor hatte ich Xury befohlen, die andern beiden Flinten zu laden.

Sobald mir das Tier in Schussweite kam, gab ich Feuer und traf es gerade vor den Kopf. Alsbald sank es unter, kam aber gleich wieder in die Höhe und tauchte im Todeskampf auf und nieder. Es hatte sich unverzüglich nach dem Lande hingewendet, allein noch ehe es das Ufer erreichte, gaben ihm die tödliche Wunde und das verschluckte Wasser den Tod.

Es ist unmöglich, das Erstaunen der armen Leute über den Knall und das Feuer meines Gewehrs zu schildern. Einige von ihnen wollten vor Furcht sterben und fielen wie tot vor Schrecken um.

Als sie aber die Bestien leblos und ins Wasser versunken sahen und ich ihnen zugewinkt hatte, ans Ufer zu kommen, fassten sie Mut, näherten sich und fingen an, das Tier zu suchen.

Es schwamm in seinem Blute, von dem das Wasser sich gefärbt hatte. Ich schlang ihm ein Seil um den Leib, das ich den Negern zuwarf, welche das tote Tier damit an den Strand zogen. Es war ein ungemein schöner und wundervoll gefleckter Leopard. Die Neger schlugen vor Verwunderung über das Ding, womit ich ihn getötet hatte, die Hände über dem Kopf zusammen.

Die andere Bestie, erschreckt durch Blitz und Knall des Schusses, schwamm ans Land und rannte nach dem Berg zurück, woher es gekommen. Wegen der Entfernung vermochte ich nicht zu erkennen, was es für ein Tier war.

Ich merkte, dass die Neger Lust hatten, den toten Leoparden zu verzehren, und war auch gern bereit, ihnen denselben zu überlassen. Daher gab ich ihnen das durch Zeichen zu verstehen, und sie schienen sehr dankbar dafür.

Sofort machten sie sich an die Arbeit und zogen ihm mit einem scharfen Stück Holz das Fell rascher ab, als wir es mit unseren Messern gekonnt hätten.

Sie boten mir etwas von dem Fleisch an, was ich jedoch ablehnte, dagegen winkte ich ihnen, sie sollten mir das Fell geben, was sie denn auch sehr bereitwillig taten.

Sie brachten mir ferner noch eine große Menge von Lebensmitteln, die ich zwar nicht kannte, aber dennoch annahm.

Ich machte ihnen dann durch Zeichen begreiflich, dass ich Wasser nötig habe, indem ich einen von meinen Krügen umgekehrt ihnen vorzeigte, um damit anzudeuten, dass er leer sei.

Sofort kamen auf ihren Ruf zwei Weiber und trugen ein großes irdenes Gefäß, das, wie ich vermute, in der Sonne gebrannt war. Sie setzten es in der früher erwähnten Weise nieder, und ich schickte Xury ans Ufer und ließ meine drei Krüge sämtlich füllen. Die Weiber waren ganz und gar nackt, wie auch die Männer.

Jetzt hatte ich essbare Wurzeln, Korn und Wasser in Menge. Nachdem ich diese freundlichen Neger verlassen, segelte ich etwa elf Tage weiter, ohne der Küste nahe zu kommen, bis ich ungefähr fünf Meilen vor mir eine weit in die See ragende Landspitze bemerkte.

Da das Meer sehr ruhig war, steuerte ich vom Land ab, um diese Spitze zu umsegeln. Endlich, nachdem ich etwa zwei deutsche Meilen an dem gedachten Punkt vorüber war, erblickte ich vollkommen deutlich auch auf der andern Seite seewärts Land, woraus ich den begründeten Schluss zog, jenes sei das grüne Vorgebirge und dies Land seien die nach demselben benannten Kapverdischen Inseln. Jedoch lagen sie mir noch zu fern, und ich wusste nicht, nach welcher Seite ich mich wenden sollte, denn wenn sich ein frischer Wind erhob, war es leicht möglich, dass ich keine von beiden erreichte.

In dieser zweifelhaften Lage ging ich gedankenvoll in die Kajüte und setzte mich, nachdem ich Xury das Ruder übergeben, dort nieder.

Plötzlich rief der Junge:

»Herr, ein Schiff, ein Segelschiff!«

Der arme Teufel war vor Schreck ganz außer sich, weil er meinte, es müsse notwendig eines von den uns verfolgenden Schiffen unseres Patrons sein, während ich wusste, dass wir uns längst außer dessen Bereich befanden.

Ich sprang aus der Kajüte und sah nicht nur das Schiff, sondern erkannte es auch sofort als ein portugiesisches.

Anfangs glaubte ich, es sei nach der guineischen Küste zum Negerhandel bestimmt, jedoch wurde mir bei genauerer Betrachtung seines Kurses klar, dass es anderswohin gehe und nicht nach dem Lande hinsteuere.

Ich wendete mich deshalb mit vollen Segeln nach der offenen See, entschlossen, wenn es möglich sei, mit den Leuten im Schiffe zu unterhandeln.

Aller Anstrengung ungeachtet, erkannte ich aber bald, dass ich sie nicht einholen würde und dass sie mir aus den Augen kommen müssten, ehe ich ein Zeichen zu geben vermöchte.

Schon fing ich an, zu verzweifeln, als sie, wie es schien, mithilfe ihrer Perspektive mich bemerkt und wahrgenommen hatten, dass mein Boot ein europäisches sei, das vermutlich zu einem verlorenen Schiffe gehöre.

Sie zogen die Segel ein und ließen mich herankommen. Hierdurch ermutigt, hisste ich die Flagge meines ehemaligen Patrons auf und feuerte als weiteres Notsignal einen Schuss ab.

Sofort legten sie das Schiff bei und nach ungefähr drei Stunden hatte ich sie erreicht.

Sie fragten mich nacheinander auf portugiesisch, spanisch und französisch, was ich für ein Landsmann sei. Ich verstand aber keine dieser Sprachen.

Endlich rief mich ein schottischer Matrose, der an Bord war, an, und ich erwiderte, dass ich ein Engländer und aus der Mohrensklaverei von Saleh entflohen sei. Hierauf luden sie mich ein, an Bord zu kommen, und nahmen mich mit all meiner Habe freundlich auf.

Ich war, wie jedermann glauben wird, unbeschreiblich froh, auf diese Art aus einer so elenden und fast hoffnungslosen Lage befreit zu sein. Sofort bot ich alles, was ich hatte, dem Schiffskapitän als Lohn für meine Befreiung an.

Er aber erwiderte mir großmütig, er werde nichts annehmen, es solle vielmehr alle meine Habe mir wieder zugestellt werden, sobald wir nach Brasilien kämen.

»Denn«, sagte er, »ich habe Euch das Leben nur aus dem Grunde gerettet, aus dem ich mir selber in ähnlicher Lage Rettung wünschen würde. Vielleicht werde ich früher oder später einmal in gleicher Weise von jemandem aufgenommen werden müssen.

»Obendrein«, fuhr er fort, »wenn ich Euch so weit von der Heimat, wie Brasilien entfernt ist, brächte und Euch dann Eure Habe abnähme, so müsstet Ihr doch Hungers sterben und ich hätte Euch dann ja das wieder genommen, was ich Euch kaum gegeben habe. Nein, nein, Señor Inglese, ich will Euch umsonst mitnehmen, und Eure Sachen werden Euch dort Unterhalt verschaffen und die Heimreise ermöglichen.«

So liebreich, wie er gesprochen, so liebreich handelte er auch. Er untersagte den Matrosen, das Geringste unter meinen Sachen anzurühren; dann nahm er diese in eigenes Gewahrsam und händigte mir ein genaues Verzeichnis derselben ein, damit ich sie sämtlich, sogar meine drei irdenen Krüge, wiederbekomme.

Mein Boot war ein treffliches Fahrzeug. Der Kapitän bemerkte das und fragte mich, ob ich es wohl an sein Schiff verkaufen und was ich dafür haben wolle.

Ich antwortete, er sei so edelmütig in jeder Hinsicht gegen mich, dass ich für das Boot gar nichts nehmen könne, sondern es ihm gänzlich überlasse.

Er aber erwiderte, er wolle mir einen Handschein auf achtzig Goldstücke für Brasilien geben, und wenn mir dort jemand mehr biete, so werde er auch das zahlen.

Dann bot er mir sechzig Goldstücke für meinen Jungen, den Xury. Hierzu aber hatte ich keine Lust, nicht weil ich den Buben dem Kapitän nicht gern überlassen hätte, sondern weil es mir leidtat, seine Freiheit zu verkaufen, nachdem er mir so treulichen Beistand geleistet hatte.

Als ich dies dem Kapitän vorstellte, fand er es gerechtfertigt und schlug die Auskunft vor, dass er dem Jungen durch eine Urkunde versprechen wolle, ihn nach zehn Jahren, wenn er Christ geworden sei, wieder freizugeben.

Hierauf, und da Xury auch einwilligte, überließ ich ihn dem Kapitän.

Wir hatten eine sehr gute Reise nach Brasilien und warfen schon nach etwa drei Wochen in der Allerheiligenbucht Anker.

Nun war ich auf einmal aus der jämmerlichsten Lebenslage befreit, und es galt zu überlegen, was ich in Zukunft anfangen wolle.

Das edelmütige Benehmen des Kapitäns gegen mich werde ich nie vergessen. Er nahm für die Überfahrt nichts von mir und gab mir obendrein zwanzig Dukaten für das Leopardenfell und vierzig für das Löwenfell, auch ließ er mir pünktlich alles, was im Schiff mir gehörte, ausliefern.

Was ich zu verkaufen Lust hatte, zum Beispiel den Flaschenkorb, zwei meiner Gewehre und den Rest des Wachses, kaufte er mir ab.

Kurz, ich löste aus meiner Habe gegen zweihundert spanische Speziestaler. Mit diesem Kapital ging ich in Brasilien an Land.

Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitän an einen Mann von gleicher Redlichkeit, wie er selbst war. Dieser besaß ein Ingenio, das heißt eine Zuckerplantage. Auf derselben hielt ich mich eine Zeit lang auf und wurde dadurch mit der Kultur und Bereitung des Zuckers bekannt.

Da ich sah, welch angenehmes Leben die Pflanzer führten und wie rasch sie reich wurden, entschloss ich mich, wenn mir die Niederlassung gestattet würde, gleichfalls Pflanzer zu werden und mir zu diesem Zweck mein in London hinterlassenes Geld schicken zu lassen. Ich ließ mich deshalb durch eine Urkunde naturalisieren, kaufte so viel Land, wie mit meinem Kapital möglich war, und machte einen Plan zu einer Pflanzung, wie sie mein in England befindliches Geld mir anzulegen gestatten würde.

Ich hatte einen Portugiesen, der aus Lissabon, aber von englischen Eltern stammte, mit Namen Wells zum Nachbar, der sich ungefähr in gleichen Umständen befand wie ich. Wir wurden miteinander gut bekannt. Sein Betriebskapital war wie das meinige nur gering, und unsere Pflanzung verschaffte uns etwa zwei Jahre hindurch wenig mehr als den Lebensunterhalt.

Indessen begannen wir uns zu vergrößern und unser Land zu verbessern, sodass wir im dritten Jahr schon etwas Tabak anpflanzen und jeder von uns ein großes Stück Land zum Zuckeranbau für das folgende Jahr vorbereiten konnte. Beide aber hatten wir Hilfe nötig, und jetzt wurde es mir fühlbar, dass es eine Torheit von mir gewesen war, mich von Xury zu trennen.

Aber ach! Es ist kein Wunder, dass ich, der ich’s nie vernünftig angefangen hatte, auch diesmal verkehrt gehandelt hatte. Das war nun nicht wieder gut zu machen. Ich hatte mich jetzt auf ein Leben eingelassen, das meiner ganzen Natur entgegen und völlig verschieden von dem war, an dem ich Gefallen fand, dessentwillen ich das Vaterhaus verlassen und den väterlichen Rat in den Wind geschlagen hatte. Jetzt befand ich mich auf der Mittelstraße des Lebens, die ich zu Hause auch hätte wandern können, ohne mich in der Welt so abzuplagen, wie ich es nun tat.

Oft sagte ich zu mir selbst: Diese Art Leben konntest du auch in England unter deiner Sippschaft führen und brauchtest nicht deswegen fünftausend englische Meilen unter Fremde und unter die Wilden in eine Wüstenei zu gehen, wo man von dem Fleckchen Erde, das deine Heimat ist, niemals ein Wort vernommen hat.

So sah ich meine Lage mit immer größerem Missvergnügen an. Ich hatte niemanden zum Umgang als jenen Nachbar, mit dem ich zuweilen verkehrte. Was zu arbeiten war, musste ich mit eigenen Händen tun, und ich kam mir vor wie jemand, der auf eine einsame Insel verschlagen ist.

Aber das sollte erst noch kommen. Jedermann möge bedenken, dass, wenn er seine gegenwärtige Lage ungerecht beurteilt, die Vorsehung ihn leicht zu einem Tausche zwingen kann, damit er durch die Erfahrung lerne, wie glücklich er früher gewesen.

Jenes einsame Leben auf einem öden Eilande, an das ich damals dachte, sollte mir noch dereinst beschieden sein, weil ich so oft ungerechterweise damit mein damaliges Leben verglichen hatte, welches, wenn es länger gedauert, mich sehr wahrscheinlich zu einem begüterten und reichen Mann gemacht hätte.

Ich hatte meine Plantage schon einigermaßen instand gebracht, als der Schiffskapitän, der mich auf der See eingenommen, die Rückreise antrat. Das Schiff hatte nämlich, bis die Ladung und die Reisevorbereitungen beendet waren, beinahe drei Monate dort verweilt.

Als ich meinem Freund sagte, dass ich ein kleines Kapital in London hinterlassen, erwiderte er in seiner freundlichen und aufrichtigen Art:

»Señor Inglese (denn so nannte er mich immer), wenn Ihr mir Briefe und eine Vollmacht mitgeben wollt, mit dem Auftrag an die Person, die Euer Geld in London hat, dieses nach Lissabon zu schicken, und zwar in solcher Münze, wie sie hierzulande gilt, so werde ich’s Euch, will’s Gott, bei meiner Rückkehr mitbringen.

Doch weil menschliche Dinge dem Wechsel und Missgeschick so sehr unterworfen sind, rate ich Euch, nur die Hälfte Eures Kapitals, hundert Pfund Sterling, kommen zu lassen und dem Glück anzuvertrauen.

Kommt dies Geld richtig hier an, dann könnt Ihr ja den Rest in gleicher Weise beziehen. Geht’s verloren, so habt Ihr wenigstens die Hälfte gerettet.«

Dies war ein so vernünftiger Rat, dass ich ihn nicht ausschlagen durfte. Ich fasste daher Briefe an die Frau in London, welche mein Geld besaß, und eine Vollmacht für den portugiesischen Kapitän ab, wie mein Freund es mir geraten hatte.

Der Kapitänswitwe gab ich einen ausführlichen Bericht über meine Abenteuer, erzählte ihr von meiner Sklaverei und Flucht, von der Begegnung mit dem portugiesischen Kapitän und seinem menschenfreundlichen Benehmen, von meiner gegenwärtigen Lage und erteilte ihr die nötige Anweisung zur Übersendung des Geldes.

Als mein Freund nach Lissabon gekommen, gelang es ihm, durch einen englischen Kaufmann sowohl die Anweisung als auch einen mündlichen Bericht über meine Erlebnisse nach London zu übermachen.

Die Witwe sandte hierauf außer dem Geld noch aus eigner Tasche an den portugiesischen Kapitän ein sehr schönes Geschenk für sein liebreiches Benehmen gegen mich.

Der Londoner Kaufmann legte die hundert Pfund in englischen Waren an, wie es der Kapitän vorgeschrieben, schickte sie sofort nach Lissabon und Letzterer brachte sie wohlbehalten nach Brasilien.

Es befanden sich darunter (der Anordnung des Kapitäns gemäß, denn ich verstand zu wenig von der Sache) alle Arten Werkzeuge, Eisenwaren und andere Dinge, die ich auf meiner Pflanzung gut benutzen konnte.

Als die Sendung angekommen war, dachte ich, mein Glück sei gemacht, so voll freudiger Zuversicht war ich. Mein guter Kapitän hatte die fünf Pfund Sterling, die ihm meine Freundin zum Geschenk gemacht, dazu verwandt, für mich auf sechs Jahre einen Diener zu mieten. Er nahm nichts dafür zur Vergeltung an als ein wenig Tabak, den ich selbst gezogen hatte.

Meine Waren bestanden in lauter englischen Manufaktursachen, in Tüchern, Stoffen, und solchen Dingen, die in Brasilien besonders gesucht waren, daher ich sie mit Vorteil verkaufen konnte. So löste ich denn das Vierfache des Einkaufspreises aus meiner ersten Ladung und war nun meinem armen Nachbar weit an Mitteln überlegen.

Das Erste, was ich nun tat, war, dass ich mir einen Negersklaven kaufte und außer dem europäischen Diener, welchen der Kapitän mitgebracht hatte, noch einen Weiteren mietete.

Wie aber der Missbrauch des Glücks oftmals unser größtes Unglück herbeiführt, so war’s auch bei mir. Meine Pflanzung nahm im nächsten Jahr einen großen Aufschwung. Ich erntete fünfzig schwere Rollen Tabak, außer dem, was ich meinen Nachbarn überlassen hatte.

Diese fünfzig Rollen, deren jede über hundert Zentner wog, wurden wohl verwahrt aufgespeichert bis zur Rückkehr der Lissaboner Schiffe.

Jetzt aber füllte mir mein wachsender Reichtum den Kopf mit allerlei Anschlägen, die über meine Mittel gingen, wie das schon oft die gescheitesten Geschäftsleute ruiniert hat.

Wäre ich in meiner damaligen Lage geblieben, so hätte ich wohl noch alles Glückes teilhaftig werden können, um dessentwillen mein Vater mir so eindringlich ein ruhiges stilles Leben empfohlen hatte.

Allein es harrten andere Dinge auf mich. Ich sollte noch der willfährige Schmied meines eigenen Unglücks werden. Ich sollte das Maß meiner Torheit vollmachen und mir für Selbstbetrachtungen, zu denen ich später Zeit genug haben sollte, noch mehr Stoff sammeln.

All mein Missgeschick aber ward herbeigeführt durch meine törichte Neigung zu einem unsteten Leben, dem ich, entgegen den klarsten Beweisen, dass mir das Beharren in meinem jetzigen Leben am besten bekomme, unablässig nachstrebte.

Wie ich einst meinen Eltern entlaufen war, so konnte ich auch jetzt nicht in zufriedener Ruhe leben. Ich musste auf und davon und der glücklichen Aussicht, ein reicher Mann auf meiner neuen Pflanzung zu werden, den Rücken kehren.

Nur das unmäßige Verlangen, höher zu steigen, als es meiner Natur angemessen war, trieb mich dazu, und so stürzte ich mich denn in die tiefste Tiefe menschlichen Elends, in die je einer geraten ist, und in der nicht leicht ein anderer sein Leben und seine Gesundheit behalten haben würde.

Ich werde jetzt den Faden meiner Geschichte wieder im Zusammenhang verfolgen. Wie man denken kann, hatte ich nach vierjährigem Aufenthalt in Brasilien und nachdem meine Pflanzung in guten Zug gekommen war, nicht nur die Landessprache gelernt, sondern auch Bekannte und Freunde unter meinen Pflanzerkollegen und den Kaufleuten in St. Salvador gewonnen.

Bei meinen Gesprächen mit ihnen war auch oft von meinen beiden Reisen an die Küste von Guinea, von der Art und Weise des Handels mit den Negern und auch davon die Rede gewesen, wie leicht es sei, dort für Kleinigkeiten, wie Spielwaren, Glasperlen, Messer, Scheren, Beile und dergleichen, nicht nur Goldstaub, Guineakorn, Elefantenzähne et cetera, sondern auch Neger zur Sklavenarbeit in Brasilien zu erhandeln.

Man lauschte auf diese Mitteilung mit gespannter Aufmerksamkeit, vorzüglich aber auf das, was den Ankauf von Negern anging. Damals wurde der Handel mit diesen noch nicht stark betrieben. Er stand unter der Oberaufsicht der Könige von Spanien und Portugal, und die Einkünfte flossen in die königlichen Kassen, daher wurden nur wenig Neger nach Brasilien gebracht und diese kosteten schweres Geld.

Einmal, nachdem ich mit einigen Pflanzern und Kaufleuten über diese Dinge mich angelegentlich unterhalten hatte, kamen am nächsten Morgen drei von ihnen zu mir und sagten, sie hätten sich jene Angelegenheit reiflich überlegt und wollten mir einen Vorschlag machen.

Ich musste Verschwiegenheit geloben und hierauf teilten sie mir mit, dass sie Lust hätten, ein Schiff nach Guinea zu schicken, da es ihnen auf ihren Pflanzungen an nichts so sehr fehle als an Arbeitern.

Weil sie jedoch keinen öffentlichen Handel mit Sklaven treiben dürften, so beabsichtigten sie nur eine einzige Reise zu machen, die erkauften Neger heimlich ans Land zu bringen und dann unter sich zu teilen.

Es frage sich nun, ob ich als ihr Supercargo die Expedition zu Schiffe leiten wolle. Als Vergütung sollte ich einen gleichen Anteil wie sie von den Negern bekommen, ohne zu dem Ankaufskapital beizusteuern.

Dies wäre ein lockendes Anerbieten für einen gewesen, der nicht eine eigene Pflanzung, die auf dem besten Wege sich zu vergrößern war, zu überwachen gehabt hätte.

Für mich aber, der ich einen guten Anfang gemacht hatte und nur so fortzufahren brauchte, um mithilfe meiner anderen hundert Pfund aus England binnen drei oder vier Jahren sicherlich mir ein Vermögen von drei- bis viertausend Pfund Sterling erworben zu haben, war der bloße Gedanke an eine solche Reise das Unsinnigste, dessen ich mich schuldig machen konnte.

Jedoch ich hatte nun einmal die Bestimmung, mich zugrunde zu richten, und deshalb konnte ich dem Anerbieten ebenso wenig widerstehen, wie ich einst dem guten Rat meines Vaters zu folgen vermocht hatte.

Kurz, ich sagte jenen Leuten, dass ich von Herzen gern die Reise machen wollte, wenn sie versprächen, während meiner Abwesenheit für meine Pflanzung zu sorgen und sie, wenn ich umkommen sollte, an die von mir bestimmten Personen zu überliefern.

Sie gingen hierauf ein und stellten mir ein urkundliches Versprechen darüber aus.

Ich fasste dann ein förmliches Testament ab, verfügte darin über meine Pflanzung und über meine sonstige Habe für den Fall meines Todes und ernannte den Kapitän, meinen Lebensretter, zum Universalerben, mit der Bestimmung, dass er die Hälfte meines Besitztums für sich behalten, die andere Hälfte verkaufen und den Ertrag nach England schicken solle.

So traf ich allerdings die besten Maßregeln, um die Zukunft meines Vermögens zu sichern. Hätte ich nur halb so viel Nachdenken auf das verwandt, was mein wahres Interesse forderte und was ich tun und lassen sollte, so würde ich sicherlich nicht meine günstige Lage aufgegeben und eine Seereise angetreten haben, auf der mich die gewöhnlichen Gefahren einer solchen und obendrein noch, wie ich nach meiner Erfahrung Grund hatte anzunehmen, ganz besondere Gefährlichkeiten erwarteten.

Ich aber folgte blindlings den Lockungen meiner Einbildungskraft und hörte nicht auf die Stimme der Vernunft.

Das Schiff wurde ausgerüstet, die Ladung geliefert und alles der Verabredung gemäß von meinen Kompagnons ins Werk gesetzt.

In schlimmer Stunde ging ich an Bord, am 1. September 1659, just an dem Tag, an welchem ich acht Jahre zuvor meinen Eltern in Hull entflohen war, ihren Geboten trotzend und mein eigenes Glück töricht verscherzend.

Unser Schiff war etwa hundertzwanzig Tonnen schwer, führte sechs Kanonen und eine Mannschaft von vierzehn Leuten außer dem Kapitän, dem Schiffsjungen und mir. Wir hatten keine schwere Ladung, sondern nur solche Waren, die sich zum Handel mit den Negern eigneten: Perlen, Muscheln und allerlei Kleinigkeiten, wie kleine Spiegel, Messer, Scheren, Beile und dergleichen.

Noch an dem Tag, an dem ich an Bord gegangen, lichteten wir die Anker. Wir hielten uns zunächst nordwärts an der brasilianischen Küste entlang, um dann vom 10. oder 12. Grad nördlicher Breite aus hinüber nach Afrika zu steuern, welches der gewöhnliche Kurs dorthin in dieser Jahreszeit war.

Wir hatten bis auf die große Hitze bei der Küstenfahrt sehr gutes Wetter. Von der Höhe von St. Augustin aus nahmen wir, das Land aus dem Gesicht verlierend, den Weg seewärts, als ob wir nach der Insel Fernando de Noronha wollten, die wir jedoch östlich liegen ließen.

Nach zwölftägiger Fahrt passierten wir die Linie und hatten gerade, nach unserer Berechnung, 7° 22’ nördlicher Breite erreicht, als ein heftiger Orkan uns gänzlich desorientierte. Er erhob sich von Südost, drehte sich dann nach Nordwest und blieb hierauf in Nordost stehen. Von dort blies er in so furchtbarer Weise zwölf Tage hindurch, dass wir weiter nichts tun konnten, als uns von der Wut der Windsbraut forttreiben zu lassen.

Ich brauche kaum zu sagen, dass ich während dieser ganzen Zeit jeden Tag meinen Untergang erwartete und dass niemand im Schiffe hoffte, mit dem Leben davon zu kommen.

Zur Steigerung dieser Not verloren wir drei unserer Leute. Einer davon starb am hitzigen Fieber, ein anderer nebst dem Schiffsjungen wurde über Bord gespült.

Ungefähr am zwölften Tag legte sich der Sturm ein wenig und der Kapitän begann, so gut es gehen wollte, zu observieren.

Er brachte heraus, dass wir etwa unter dem 11. Grad nördlicher Breite, aber 22. Längengrade westwärts vom Kap St. Augustin verschlagen wären.

Demnach befanden wir uns in der Nähe der Küste von Guyana oberhalb des Amazonenstroms und nahe beim Orinoko, der gewöhnlich der große Fluss genannt wird.

Der Kapitän beriet mit mir, welchen Kurs er jetzt nehmen sollte, und war gewillt, da unser Schiff leck und arg zugerichtet war, direkt nach der brasilianischen Küste zurückzukehren; wogegen ich mich jedoch entschieden erklärte.

Wir studierten hierauf die Seekarte und fanden, dass wir kein bewohntes Land antreffen würden, bis wir in den Bereich der karibischen Inseln kämen.

Deshalb beschlossen wir, nach Barbados hinzusteuern, das wir, wenn wir uns seewärts hielten, um den Golfstrom der Bai von Mexiko zu vermeiden, binnen etwa fünfzehn Tagen zu erreichen hoffen konnten. Denn ohne unser Schiff auszubessern und für uns selbst Lebensmittel einzunehmen, wären wir in keinem Falle imstande gewesen, die afrikanische Küste zu erreichen.

In der erwähnten Absicht änderten wir nun den Kurs und steuerten nach Westnordwest, um auf irgendeiner der englischen Inseln Station zu machen.

Aber es sollte anders kommen. Als wir uns unter 12° 18’ nördlicher Breite befanden, überfiel uns ein neuer Sturm und trieb uns mit solcher Gewalt nach Westen, dass wir aus dem Bereich aller zivilisierten Bevölkerung und in die Gefahr gerieten, selbst wenn uns die See verschonte, wahrscheinlich eher von Wilden gefressen zu werden, als wieder heimzukommen.

In dieser traurigen Lage, während der Wind noch sehr heftig ging, erscholl eines Morgens von einem unserer Leute der Ruf: »Land!«

Kaum aber waren wir aufs Deck geeilt, um zu schauen, wo wir uns befänden, so saß auch schon unser Schiff auf einer Sandbank.

Sobald es festlag, wurde es von den Wogen dergestalt überflutet, dass wir uns sämtlich verloren glaubten und uns so rasch wie möglich in die Kajüten zurückzogen, um vor den schäumenden Wellen Schutz zu suchen.

Niemand, der nicht Ähnliches durchgemacht hat, kann sich die menschliche Ratlosigkeit in solcher Lage vorstellen. Wir wussten nicht, wo wir uns befanden, ob das Land, an das wir getrieben waren, eine Insel oder ein Teil des Festlandes, ob es bewohnt sei oder nicht.

Auch mussten wir, da der Wind zwar ein wenig gemäßigt, aber immer noch sehr heftig war, jeden Augenblick fürchten, das Schiff werde in Trümmer gehen, wenn nicht wie durch eine Art Wunder der Wind plötzlich umschlage.

Wir schauten einer den andern in Todeserwartung an, und jeder von uns machte sich zum Eintritt in eine andere Welt bereit.

Ganz gegen unser Erwarten jedoch zerbarst das Schiff nicht, und, wie der Kapitän versicherte, begann der Wind sich plötzlich zu legen.

Trotzdem aber, da wir auf dem Strande saßen und keine Hoffnung hatten, das Schiff flottzumachen, blieb uns in unserer traurigen Lage nichts übrig, als daran zu denken, wie wir das nackte Leben retten könnten.

Vor dem Sturm hatten wir am Stern unseres Schiffes ein Boot gehabt, das aber während des Unwetters ans Steuerruder geschleudert, dann losgeworden und entweder versunken oder fortgetrieben war.

Wir hatten zwar noch ein anderes Boot an Bord, aber es schien unmöglich, dasselbe in See zu bringen. Zu langem Besinnen jedoch fehlte die Zeit, da wir jede Minute das Schiff in Stücken zu sehen meinten, und einige riefen, es sei bereits geborsten.

Trotz dieser schlimmen Lage gelang es dem Steuermann, mithilfe der übrigen Mannschaft jenes Boot über Bord zu lassen.

Wir sprangen alle, elf an der Zahl, hinein, uns der Barmherzigkeit Gottes und dem wilden Meer gänzlich überlassend. Denn wiewohl der Sturm sich bedeutend gemindert hatte, gingen die Wogen doch noch furchtbar hoch, und man konnte hier mit den Holländern die stürmische See in Wahrheit »den wild Zee« nennen.

Unsere Not war immer noch groß genug. Wir sahen klar voraus, dass das Boot sich in den hohen Wellen nicht halten könne, sondern untergehen müsse.

Segel hatten wir nicht, hätten auch nichts damit anfangen können. Daher arbeiteten wir uns mit den Rudern nach dem Lande hin, aber schweren Herzens, wie Leute, an denen ein Todesurteil vollzogen werden soll. Denn es war uns bewusst, dass das Boot, näher zur Küste gelangt, von der Brandung in tausend Stücke zerschmettert werden müsse.

Gleichwohl, indem wir unsere Seelen Gott befahlen, ruderten wir mit allen Kräften nach dem Land hin, mit eigenen Händen unserem Verderben entgegen.

Ob die Küste aus Fels oder Sand bestehe, ob sie flach oder steil sei, wussten wir nicht. Der einzige Hoffnungsschimmer, der uns noch geblieben, bestand in der Aussicht, dass wir vielleicht das Boot in irgendeine Bai oder Flussmündung einlaufen lassen oder uns unter einem Vorsprung der Küste bis zum Eintritt der Ebbe bergen könnten. Von diesen Dingen ließ sich aber nichts sehen, vielmehr bot das Land, als wir dem Ufer näherkamen, einen noch schrecklicheren Anblick als das Meer selbst.

Wir waren nach unserer Berechnung ungefähr anderthalb Meilen gerudert oder vielmehr vom Wasser getrieben, als eine berghohe wütende Welle gerade auf uns zugerollt kam und uns den Gnadenstoß erwarten ließ.

Sie traf das Boot mit solcher Gewalt, dass sie es alsbald umwarf und uns nicht nur aus demselben schleuderte, sondern auch voneinander trennte. Ehe wir nur ein Stoßgebet hatten tun können, waren wir sämtlich von den Wogen verschlungen.

Die Verwirrung meiner Gedanken beim Untersinken ins Wasser ist unbeschreiblich. Obwohl ich sehr gut schwamm, hatte mich die Welle, noch ehe ich Atem zu schöpfen vermochte, eine ungeheure Strecke nach der Küste hingetragen, und als sie dann erschöpft zurückkehrte, sah ich mich halb tot in Folge des verschluckten Wassers auf dem fast trockenen Lande zurückgeblieben.

Ich besaß noch so viel Geistesgegenwart, dass ich, da ich mich unerwartet so nahe dem Festland sah, mich aufrichtete und versuchte, so weit wie möglich nach dem Ufer hin zu gelangen, ehe eine andere Welle kommen und mich mitnehmen würde.

Dieser Versuch misslang jedoch. Eine Woge wie ein großer Hügel, gleich einem wütenden Feind, mit dem zu kämpfen ich mir nicht einfallen lassen konnte, stürzte hinter mir her.

Es blieb mir nichts übrig, als den Atem einzuhalten und mich, so gut es ging, über dem Wasser zu halten. Dabei war mein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, dass die See mich nicht, wie sie mich eine gute Strecke landeinwärts getrieben, auch ebenso weit wieder zurücktrage.

Die neue Woge begrub mich sofort wieder zwanzig bis dreißig Fuß in die Tiefe. Ich konnte fühlen, wie sie mich mit großer Gewalt und Schnelligkeit eine geraume Strecke nach der Küste hintrug.

Wiederum hielt ich den Atem an und bemühte mich, mit aller Kraft vorwärts zu schwimmen.

Fast wäre mir der Atem ausgegangen, als ich plötzlich auftauchte und Hand und Kopf über dem Wasser sah.

Obwohl dies nur zwei Sekunden dauerte, reichte es doch aus, mir neue Luft und neuen Mut zu verschaffen.

Abermals war ich eine gute Weile mit Wasser bedeckt, dann aber, als sich die Woge erschöpft hatte und zurückkehrte, fühlte ich Grund unter den Füßen.

Ich stand einige Augenblicke still, schöpfte Luft und eilte sofort mit allen Kräften dem Ufer zu. Aber auch diesmal entrann ich nicht der wütenden See, die mich aufs Neue überflutete. Zweimal noch erfassten mich die Wellen und trieben mich, da die Küste sehr flach war, vorwärts wie vorher.

Das Letzte dieser beiden Male hätte leicht verhängnisvoll für mich werden können. Das Meer warf mich nämlich dabei gegen ein Felsstück, und zwar mit solcher Gewalt, dass ich die Besinnung verlor und ganz hilflos dalag.

Der Schlag traf mich in die Seite und gegen die Brust und nahm mir dadurch den Atem, sodass ich, wäre alsbald wieder eine Welle gekommen, ertrunken sein würde.

Jedoch kam ich kurz vor der Rückkehr der Wogen wieder zu mir und beschloss diesmal, mich fest an dem Fels zu fassen und wenn möglich den Atem bis zur Rückkehr der Welle einzuhalten. Dies gelang denn auch, da die Wogen nicht mehr so hoch wie vorher gingen.

Ein weiterer Lauf brachte mich dann so nahe dem Strand, dass die nächste Welle, obwohl sie mich übergoss, mich nicht mehr fortzutragen vermochte.

Abermals rannte ich weiter, und diesmal gelangte ich zum festen Land, wo ich in großer Freude die Anhöhe der Küste erkletterte und mich da, frei von Gefahr und außerhalb des Bereichs der See, ins Gras niedersetzte.

Jetzt, da ich mich gerettet sah, hob ich meine Augen empor und dankte Gott für das Leben, auf dessen Erhaltung ich vor einigen Minuten noch nicht hatte hoffen können.

Ich glaube, es ist unmöglich, das Entzücken und die Wonne eines Menschen, der sozusagen unmittelbar dem Grabe entronnen ist, zu schildern.

Ich begreife jetzt, dass, wenn man einem armen Schächer, der schon den Strick um den Hals hat, Begnadigung schenkt, man zu gleicher Zeit einen Wundarzt schickt, der ihn zur Ader lässt, damit die Überraschung ihm nicht das Herz abdrücke:

»Denn rasche Freud' gleicht jähem Leid.«

Mit emporgehobenen Händen, ganz versunken in das Gefühl meiner Errettung, ging ich am Strand auf und ab.

Ich dachte an meine ertrunkenen Gefährten und dass ich die einzige gerettete Seele unter allen sei; denn ich sah keinen wieder, habe auch kein Zeichen von ihnen wahrgenommen, außer drei Hüten, einer Mütze und zwei nicht zusammengehörigen Schuhen.

Als ich nach dem gestrandeten Fahrzeug, das durch die Stärke der Brandung meinem Anblick fast entzogen worden war, blickte, rief ich unwillkürlich aus:

»Gott, wie ist es möglich gewesen, dass ich das Land erreichen konnte!«

Nachdem ich nun meine Seele in solcher Weise an der tröstlichen Seite meiner Lage erhoben hatte, begann ich umherzublicken und auszuschauen, auf was für einem Land ich mich eigentlich befinde und was zunächst zu tun sei.

Da sank nun bald wieder mein Mut und ich erkannte, dass meine Errettung eine furchtbare Begünstigung sei. Ich war durchnässt und konnte die Kleider nicht wechseln; hatte weder etwas zu essen, noch etwas zu meiner Stärkung zu trinken; keine andere Aussicht bot sich mir, als Hungers zu sterben oder von den wilden Tieren gefressen zu werden; und, was mich besonders bekümmerte, ich besaß keine Waffen, um irgendein Tier zu meiner Nahrung zu töten oder mich gegen andere, die mich zu der ihrigen zu verwenden Lust hätten, zu wehren.

Nichts trug ich bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und ein wenig Tabak in einem Beutel. Dies war meine ganze Habe, und ich geriet darob in solche Verzweiflung, dass ich wie wahnsinnig hin und her lief.

Die Nacht kam, und ich begann schweren Herzens zu überlegen, was mein Los sein würde, wenn es hier wilde Tiere gäbe, von denen ich wusste, dass sie stets des nachts auf Beute auszugehen pflegen.

Die einzige Auskunft, die mir einfiel, war, einen dicken buschigen Baum, eine Art dorniger Fichte, die in meiner Nähe stand, zu erklettern. Ich beschloss, dort die ganze Nacht sitzen zu bleiben und am nächsten Tag die Art, wie ich meinen Tod finden wolle, zu wählen, denn auf das Leben selbst hoffte ich nicht mehr.

Ich ging einige Schritte am Strande her, um nach frischem Wasser zu suchen; das fand ich denn auch zu meiner großen Freude.

Nachdem ich getrunken und etwas Tabak in den Mund gesteckt hatte, um den Hunger abzuwehren, erstieg ich den Baum und versuchte mich in demselben so zu lagern, dass ich im Schlafe nicht herunterfallen könnte.

Vorher hatte ich mir einen kurzen Stock, eine Art von Prügel zu meiner Verteidigung abgeschnitten, und dann verfiel ich in Folge meiner großen Müdigkeit auf dem Baum in einen tiefen Schlaf und schlief so erquickend, wie es wohl wenige in meiner Lage vermocht hätten. Nie im Leben hat mir, glaube ich, der Schlummer so wohlgetan wie damals.

Als ich erwachte, war es heller Tag. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und der Sturm sich gelegt, sodass die See ruhig ging.

Am meisten überraschte mich, dass das Schiff in der Nacht durch die Flut von der Sandbank, auf der es gestrandet, fast bis zu dem früher erwähnten Felsen, an welchen mich die Woge so heftig geschleudert hatte, getrieben war. Es befand sich etwa eine Meile von der Küste, und da es noch aufrecht stand, wünschte ich sehr, an Bord zu sein, um wenigstens einige nötige Gegenstände für mich retten zu können.

Als ich von meiner Schlafstätte auf dem Baum heruntergestiegen, schaute ich umher, und das Erste, worauf meine Augen fielen, war das Boot.

Der Wind und die Wellen hatten es etwa zwei Meilen zu meiner Rechten entfernt auf den Strand geschleudert.

Ich ging die Küste entlang danach hin, aber ein kleiner, etwa eine halbe Meile breiter Meeresarm hinderte mich, zu ihm zu gelangen.

Da ich nun für den Augenblick mein Augenmerk mehr auf das Schiff gerichtet hatte, wo ich etwas zu meiner nächsten Lebensfristung zu finden hoffte, kehrte ich für diesmal wieder um.

Kurz nach Mittag ward die See sehr ruhig und die Ebbe so stark, dass ich bis auf eine Viertelmeile dem Schiffe nahekommen konnte. Hier wurde mir ein neuer Schmerz bereitet. Ich sah nämlich klar, dass wir, wären wir alle an Bord geblieben, sämtlich gerettet sein würden. Wir würden dann alle ans Land gelangt und ich nicht so jammervoll von allem Trost und aller menschlichen Gesellschaft verlassen gewesen sein wie jetzt.

Die Tränen traten mir bei diesem Gedanken in die Augen. Da ich aber wenigstens einige Erleichterung meines Aufenthalts auf dem Schiff zu finden hoffte, beschloss ich, den Versuch zu machen, ob ich es erreichen könne.

Ich zog wegen der großen Hitze die Kleider aus und begab mich ins Wasser. Als ich zu dem Schiff gelangt war, zeigte sich eine neue besonders große Schwierigkeit, in der Frage nämlich, wie ich an Bord gelangen sollte.

Das auf dem Grund aufliegende Fahrzeug ragte hoch aus dem Wasser, und ich konnte nirgends eine Handhabe finden, um mich daran in die Höhe zu heben.

Erst nachdem ich es zwei Mal umschwommen hatte, erspähte ich beim letzten Mal ein kleines Tauende, das an dem Vorderteil so tief herunterhing, dass ich, wenn auch nur mit großer Mühe, es fassen und mit Hilfe desselben in den Vorderteil des Schiffes gelangen konnte.

Hier sah ich, dass das Schiff leck und schon eine große Masse Wasser eingedrungen war. Es lag auf der Seite einer Sandbank und das Hinterteil ragte hoch in die Luft. Das Vorderteil lag gänzlich im Wasser. Dennoch war das Deck frei und was sich auf diesem befand war trocken.

Wie man denken kann, untersuchte ich vor allen Dingen, was verdorben sei und was nicht.

Zunächst fand ich, dass der sämtliche Schiffsproviant trocken und vom Wasser verschont geblieben war.

Da ich starken Appetit verspürte, eilte ich sofort nach dem Brotkasten, füllte mir die Taschen mit Zwieback und aß davon, während ich zugleich noch die andern Sachen durchmusterte, da ich keine Zeit zu verlieren hatte.

Auch etwas Rum fand ich in der großen Kajüte und trank davon einen gehörigen Schluck, was zur Ermunterung meiner Lebensgeister nötig genug war.

Jetzt hätte ich vor allen Dingen ein Boot brauchen können, um mich mit mancherlei Dingen zu versehen, die mir voraussichtlich sehr nötig sein würden.

Aber was hätte es geholfen, die Hände in den Schoß zu legen und Unerreichbares zu wünschen. Meine große Not spornte meinen Eifer an. Wir hatten an Bord einige Rahen und zwei oder drei dicke hölzerne Sparren, auch einige große Masten.

Ich beschloss, dies alles zu benutzen, und warf davon so viel über Bord, wie ich, der Schwere halber, bewältigen konnte, indem ich jeden Balken mit einem Seil befestigte, dass er nicht fortschwimmen konnte.

Hierauf verließ ich das Schiff und zog die Hölzer an mich heran, band vier davon an beiden Enden, floßartig, möglichst fest zusammen und legte zwei bis drei Stücke quer darüber.

Da ich bemerkte, dass ich zwar ganz gut auf den so verbundenen Hölzern herumgehen konnte, dass sie aber kein großes Gewicht zu tragen vermochten, machte ich mich an eine neue Arbeit.

Ich sägte mit der Zimmermannssäge einen langen Topmast der Länge nach in drei Teile und brachte diese mit großer Mühe und Arbeit an meinem Floß an.

Die Hoffnung, mich mit dem Notwendigsten zu versehen, feuerte mich an, sodass ich vollbrachte, was mir wohl bei keiner andern Gelegenheit möglich gewesen wäre.

Das Floß war nun stark genug, um ein ansehnliches Gewicht aushalten zu können. Es fragte sich zunächst, womit ich es belasten und wie ich die Ladung vor dem Seewasser schützen solle.

Zuerst beschloss ich, alle Planken und Dielen, deren ich habhaft werden konnte, darauf zu legen. Nachdem dies geschehen, nahm ich, in richtiger Erwägung dessen, was ich am nötigsten brauchte, drei den Matrosen gehörige Kisten, brach sie auf und ließ sie, nachdem ich sie leer gemacht, auf das Floß herunter.

In die erste tat ich Lebensmittel, nämlich Brot, Reis, drei holländische Käse, fünf Stücke Ziegenfleisch (das auf dem Schiff unsere Hauptkost ausgemacht hatte) und einen kleinen Rest europäischen Getreides, welches wir für Geflügel mitgenommen hatten, das unterwegs geschlachtet worden war. Es bestand aus Gerste mit Weizen untermischt, was aber, wie ich später mit großem Bedauern bemerkte, teils von den Ratten angefressen, teils durch die Länge der Zeit verdorben war.

Auch einige Flaschen Likör entdeckte ich, die der Kapitän für sich bestimmt hatte, sowie fünf bis sechs Gallonen Arrak. Die letzteren Gegenstände stellte ich frei auf das Floß, da in den Kisten kein Raum mehr für sie war.

Inzwischen begann die Flut sehr allmählich zu steigen. Mit Betrübnis sah ich sie meinen Rock, mein Hemd und die Weste wegschwemmen, die ich am Ufer auf dem Sand zurückgelassen hatte, während ich meine leinenen, nur bis ans Knie reichenden Hosen sowie die Strümpfe beim Schwimmen anbehalten hatte.

Der Verlust jener Sachen veranlasste mich, nach Kleidern umherzustöbern, und ich fand deren auch in Menge. Doch nahm ich nur das für den Augenblick Nötigste, denn ich hatte mein Augenmerk noch mehr auf andere Dinge gerichtet, und zwar vor allem auf Handwerkszeug, mit dem ich auf dem Land hantieren könnte.

Nach langem Suchen fand ich denn auch den Zimmermannskasten, der mir eine sehr kostbare Beute und in diesem Augenblick mehr wert war als eine ganze Schiffsladung von Goldbarren.

Ich brachte ihn, wie er war, aufs Floß, ohne seinen Inhalt vorher zu untersuchen, da mir dieser ungefähr bekannt war.

Meine nächste Sorge ging nun auf Munition und auf Waffen. Es befanden sich zwei sehr gute Vogelflinten und zwei Pistolen in der großen Kajüte, und dieser sowie einiger Pulverhörner, eines kleinen Schrotbeutels und zweier alter verrosteter Säbel bemächtigte ich mich zuerst.

Wie ich wusste, waren auch drei Fässchen mit Pulver im Schiff, doch hatte ich keine Ahnung davon, wo sie der Stückmeister aufgehoben hatte. Erst nach langem Suchen fand ich sie, zwei davon waren noch gut und trocken, das dritte aber hatte Wasser gezogen.

Die beiden Ersteren schaffte ich nebst den Waffen aufs Floß und dachte nun darüber nach, wie ich dieses ans Ufer bringen solle. Ich hatte nämlich weder Segel noch Steuer noch Ruder. Eine Handvoll Wind aber würde ausgereicht haben, mein ganzes Fahrzeug umzuwerfen.

Dreierlei jedoch ermutigte mich: erstens die ruhige See, zweitens das Steigen der Flut, die landwärts ging, und drittens der Umstand, dass das bisschen Wind, das wehte, nach der Küste hin blies.

So nun, nachdem ich noch mehrere zerbrochene Ruder, die zum Boot des Schiffs gehört hatten, sowie außer dem Werkzeug im Kasten zwei Sägen, eine Axt und einen Hammer aufgefunden, begab ich mich auf die Fahrt.

Etwa eine Meile weit ging es ganz gut mit meinem Floß, nur bemerkte ich, dass es ein wenig von meinem früheren Landungsplatz abgetrieben wurde.

Daraufhin vermutete ich, es möge da wohl eine Wasserströmung und demzufolge vielleicht eine Bucht oder eine Flussmündung sein, die ich als Hafen für meine Landung benutzen könnte.

Wie ich gedacht, so war’s in der Tat. Vor mir zeigte sich eine kleine Landöffnung, und die Flut strömte, wie ich merkte, stark nach derselben hin. In dieser Strömung suchte ich denn mein Floß so gut wie möglich zu halten.

Jetzt aber hätte ich fast zum zweiten Mal Schiffbruch gelitten, und diesmal würde ich schwerlich den Kummer überstanden haben.

Weil ich nämlich die Beschaffenheit der Küste nicht kannte, geriet mein Floß mit dem einen Ende auf eine Untiefe, und da das andere Ende nicht auch auf den Grund stieß, fehlte nicht viel, dass meine ganze Ladung abgerutscht und ins Wasser gefallen wäre.

Ich tat mein Möglichstes, um dies zu verhüten, indem ich mich hinten auf die Kisten setzte, um sie an ihrem Platz festzuhalten. Leider aber konnte ich nun das Floß mit aller Gewalt nicht losbringen, besonders deshalb, weil ich meinen Posten bei den Kisten nicht verlassen durfte.

In dieser Situation verharrte ich beinahe eine halbe Stunde, dann aber brachte mich das steigende Wasser ein wenig mehr ins Gleichgewicht, kurz darauf wurde mein Floß wieder flott, ich stieß mit dem Ruder ab und gelangte endlich in die Mündung eines kleinen Flusses, zwischen dessen engen Ufern die Flut sich in heftigem Strome bewegte.

Jetzt sah ich mich nach einem geeigneten Landeplatz um, indem ich besonders wünschte, einen solchen nicht allzu weit flussaufwärts zu finden. Denn in der Hoffnung, bald ein Schiff zu erspähen, hatte ich beschlossen, dem Ufer so nahe wie möglich zu bleiben.

Endlich sah ich denn auch zur rechten Seite der Bucht eine kleine Einbiegung; nach dieser trieb ich mit großer Mühe das Floß, bis ich ihr so nahe kam, dass ich mit meinem Ruder Grund fand und geraden Weges einlaufen konnte.

Hier aber wäre beinahe abermals meine ganze Ladung zugrunde gegangen. Die Küste fiel nämlich dort ziemlich steil ab, und wenn ich landen wollte, musste das eine Ende meines Fahrzeugs, sobald es auf den Strand stieß, wieder hoch, das andere wieder so tief zu liegen kommen, dass meine Beute dadurch gefährdet wurde.

Da blieb mir denn nichts weiter zu tun, als den höchsten Grad der Flut abzuwarten, indem ich mit meinem Ruder wie mit einem Anker das Floß festhielt und das Letztere möglichst dicht an eine flache Uferstelle drängte, welche voraussichtlich vorn Wasser überflutet werden musste.

Sobald dies geschehen war (meine Flöße ging etwa einen Fuß tief im Wasser), trieb ich sie auf jene flache Stelle und befestigte sie da, indem ich an jedem Ende eines meiner zerbrochenen Ruder in den Grund stieß. So blieb ich liegen, bis die Ebbe das Floß und meine ganze Beute unversehrt auf dem Land zurückließ.

Meine nächste Aufgabe war jetzt, die Gegend auszukundschaften, einen geeigneten Platz für meine Niederlassung auszusuchen und mich umzusehen, wo ich meine Güter am sichersten unterbringen könnte. Ich wusste nämlich nicht, ob ich mich auf dem Festland oder auf einer Insel befinde; ob die Gegend unbewohnt sei oder nicht; ob es hier wilde Tiere gebe oder keine.

Etwa eine Meile von mir entfernt stieg ein Hügel steil empor, welcher den sich ihm nach Norden hin anreihenden Höhenzug überragte.

Ich nahm eine von den Vogelflinten, eine Pistole und ein Pulverhorn zu mir, und so bewaffnet trat ich meine Entdeckungsreise nach jenem Punkte an.

Von dort erkannte ich zu meiner großen Betrübnis, dass ich mich auf einer rings vom Meer umgebenen Insel befand. Kein Land war zu sehen, ausgenommen einige Felsen in ziemlicher Entfernung und zwei kleinere Inseln, die etwa drei Meilen westwärts lagen.

Ich bemerkte ferner, dass meine Insel unangebaut und, wie deshalb mit gutem Grunde anzunehmen, unbewohnt war, wenn es nicht etwa wilde Bestien dort gab, deren ich jedoch bis dahin keine wahrnahm. Nur eine große Menge mir unbekannter Vögel sah ich, von denen ich jedoch, auch nachdem ich einige getötet, nicht zu sagen vermochte, ob sie essbar seien.

Bei meiner Rückkehr schoss ich einen großen Vogel, der neben einem ansehnlichen Gehölz auf einem Baum saß. Das mochte wohl der erste Schuss sein, der hier seit Erschaffung der Welt vernommen wurde.

Kaum war er gefallen, so erhob sich aus allen Gegenden des Waldes eine Unzahl von Vögeln verschiedenster Art, die alle durcheinander krächzten und schrien. Keine mir bekannte Art war darunter. Der von mir erlegte schien, nach der Farbe und dem Schnabel zu schließen, dem Habichtgeschlecht anzugehören, doch waren seine Klauen nicht wie die bei dieser Vogelgattung gewöhnlich beschaffen. Mit dem Fleisch ließ sich nichts anfangen.

Indem ich mit diesen Ergebnissen meiner Entdeckungswanderung mich vorläufig begnügte, ging ich nach meinem Floß zurück und beschäftigte mich den Rest des Tages über damit, die Ladung ans Land zu bringen.

Da ich mich fürchtete, auf bloßer Erde zu schlafen, wegen der etwa vorhandenen wilden Tiere (später zeigte sich, dass diese Furcht unbegründet gewesen), verbarrikadierte ich mich, so gut es ging, mit den Kisten und Brettern, die ich ans Ufer gebracht hatte, und baute mir daraus für mein nächstes Nachtlager eine Art von Hütte.

In Bezug auf meine Nahrung hatte ich vorläufig nichts Brauchbares bemerkt außer einigen hasenähnlichen Tieren, die aus dem Wald gelaufen kamen, in welchem ich den Vogel geschossen hatte.

Ich bedachte nun, dass ich noch sehr mannigfache nützliche Gegenstände und vor allem das Tau- und Segelwerk aus dem Schiff holen könnte. Daher beschloss ich eine weitere Reise an Bord des gestrandeten Fahrzeugs zu unternehmen, und da ich einsah, dass der nächsterfolgende Sturm dieses notwendig zertrümmern musste, nahm ich mir vor, mit Beiseitesetzung alles andern, sofort zu retten, was möglich sei.

Meine Flöße wiederum zu der Fahrt zu benutzen, erschien mir nach reiflicher Erwägung nicht geraten, und so entschloss ich mich, den Weg zum Schiff wieder ganz in der früheren Weise zu machen.

Sobald die Flut vorüber war, entkleidete ich mich in meiner Hütte und behielt nichts an als mein leinenes Hemd, meine leinenen Hosen und die Strümpfe, schwamm an das Wrack heran und begann, an Bord gelangt, sogleich mir ein zweites Floß herzurichten.

Diesmal baute ich es, durch die Erfahrung genötigt, weniger schwerfällig und belud es auch nicht so sehr als das erste Mal.

Unter den nützlichen Dingen, die ich diesmal mitnahm, befanden sich zunächst einige Beutel mit Nägeln, ein großer Bohrer, etliche Dutzend Handbeile und ein mir ganz besonders dienlich erscheinender Schleifstein.

Außer diesen Gegenständen versicherte ich mich einiger dem Stückmeister anvertraut gewesenen Sachen, nämlich mehrerer Stücke Eisen, zweier Fässchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen, noch einer Vogelflinte und einer weiteren kleineren Quantität von Pulver; ferner fand ich einen großen Sack mit kleinem Schrot und eine dicke Rolle Blei. Die Letztere war jedoch so schwer, dass ich nicht wagte, sie über Bord zu bringen.

Weiterhin eignete ich mir zu, was ich an Kleidungsstücken finden konnte, sodann ein Bramsegel, eine Hängematte und etwas Bettwerk.

Auch diese zweite Ladung brachte ich zu meiner großen Freude auf dem Floß unversehrt und vollständig ans Ufer.

Mit einiger Furcht hatte ich daran gedacht, während meiner Abwesenheit vom Lande könnten meine dort befindlichen Lebensmittel geraubt sein, doch fand ich bei meiner Rückkehr keinerlei Spuren eines Gastes. Nur sah ich ein Tier, ähnlich einer wilden Katze, auf einer der Kisten sitzen, das, als ich näherkam, eine Strecke fortlief und dann stehen blieb. Es saß ganz ruhig da und sah mir ins Gesicht, als ob es Lust habe, meine Bekanntschaft zu machen.

Ich zielte mit dem Gewehr nach ihm, aber das verstand es nicht, wenigstens machte es keine Miene, wegzulaufen. Hierauf warf ich ihm ein Stück Zwieback zu, wiewohl ich nicht sehr freigebig mit diesem Artikel sein durfte, da mein Vorrat nicht weit reichte.

Das Tier lief darauf zu, beschnüffelte es, fraß es auf und sah mich dann vergnügt an, als ob es noch mehr verlange. Ich dankte jedoch für Weiteres, und da es sah, dass nichts mehr zu erwarten sei, lief es fort.

Nachdem ich meine zweite Ladung ans Land gebracht, hätte ich am liebsten vor allen Dingen die Pulverfässer geöffnet, um den Inhalt nach und nach (denn es waren große, schwere Behälter) fortzuschaffen. Doch hielt ich es für geratener, mir zunächst aus Segeltuch und einigen Pfählen, die ich zu diesem Zwecke gefällt hatte, ein Zelt zu errichten.

Sobald dies fertig war, brachte ich alles hinein, was durch Regen oder Sonne beschädigt werden konnte. Rund um das Zelt türmte ich sämtliche leeren Kisten und Fässer auf, um mich gegen plötzliche Angriffe von Menschen oder Tieren zu sichern

Sodann verschloss ich den Eingang mit einigen Brettern von innen und mit einem leeren Kasten von außen, breitete ein Bett auf den Boden, legte meine zwei Pistolen mir zu Häupten und meine Flinte neben mich, ging dann zum ersten Male wieder zu Bett und schlief die ganze Nacht sehr ruhig.

Meine Müdigkeit war begreiflich genug, da ich die vorige Nacht nur wenig geschlafen und den letzten Tag über tüchtig gearbeitet hatte.

Wiewohl ich jetzt das größte Magazin von Gegenständen besaß, das wohl jemals ein einzelner Mensch um sich her aufgehäuft hat, gab ich mich dennoch nicht damit zufrieden. Denn da das zertrümmerte Schiff noch in seiner früheren Stellung verharrte, glaubte ich mich verpflichtet, daraus zu holen, was ich nur bekommen konnte. So ging ich denn jeden Tag bei niedrigem Wasser an Bord und schaffte diesen und jenen Gegenstand herüber.

Das dritte Mal holte ich mir, so viel ich vermochte, vom Takelwerk, alle dünnen Seile und Stricke, ein Stück Leinwand, das zum Ausbessern der Segel bestimmt war, und das Fass mit dem nassen Pulver.

In der Folge bemächtigte ich mich nach und nach des sämtlichen Segeltuchs, ließ es jedoch nicht ganz, sondern schnitt es kurzerhand in Stücke, da es nur noch als bloße Leinwand zu verwenden war.

Wie groß aber war meine Freude, als ich nach fünf oder sechs solcher Fahrten, während ich schon glaubte, das Schiff enthalte nichts Brauchbares mehr für mich, noch eine große Tonne mit Brot, drei ansehnliche Behälter mit Rum und Spiritus, eine Schachtel mit Zucker und ein Fässchen mit feinem Mehl entdeckte. Ich leerte die Brottonne aus, wickelte die Brote einzeln in Segelstücke und brachte alles wohlbehalten ans Ufer.

Am nächsten Tag unternahm ich eine weitere Fahrt. Da jetzt das Schiff alles Beweglichen entledigt war, machte ich mich an die Taue, schnitt das große Kabel in Stücke, um es fortschaffen zu können, und nahm auch noch zwei andere Taue und eine Helse sowie alles Eisenwerk mit ans Land.

Dann fällte ich den Fock- und den Brammast, verfertigte aus diesen und allen anderen dazu brauchbaren Dingen wiederum ein großes Floß, belud es mit jenen schweren Gütern und trat dann die Rückfahrt an.

Jetzt aber begann mein gutes Glück mich zu verlassen. Die Flöße waren nämlich so schwerfällig, dass ich sie, nachdem ich in die kleine Bucht, wo ich sonst immer gelandet war, gebracht hatte, nicht so gut zu dirigieren vermochte wie die früheren. Sie schlugen um, und ich fiel mit meiner ganzen Beute ins Wasser.

In Bezug auf meine Person hatte das nichts zu sagen, da das Ufer nahe war. Jedoch von meiner Ladung ging der größte Teil, besonders das Eisen, von dem ich große Dienste erwartet hatte, verloren.

Indes bekam ich während der Ebbe die meisten Taustücke und auch ein wenig von dem Eisen wieder, das Letztere aber nur mit unendlicher Mühe, da ich es durch Tauchen aus dem Wasser holen musste, und das war eine ungemein anstrengende Arbeit.

Von jetzt an begab ich mich täglich nach dem Wrack, um was nur möglich war, zu holen.

Am dreizehnten Tag meines Aufenthalts auf der Insel war ich bereits elfmal auf dem Schiff gewesen und hatte in dieser Zeit alles, was zwei Menschenhände fortzuschleppen vermochten, herübergeschafft.

Wäre das Wetter ruhig geblieben, so würde ich mich nach und nach des ganzen Schiffes bemächtigt haben, aber schon als ich mich anschickte, zum zwölften Mal an Bord zu gehen, fühlte ich, dass sich der Wind erhob. Dennoch trat ich während der Ebbe die Fahrt an.

Ich entdeckte denn auch, wiewohl ich geglaubt hatte, die Kajüte schon völlig ausgeräumt zu haben, darin noch eine Kommode, in der sich mehrere Rasiermesser, ein paar große Scheren und zehn bis zwölf Messer und Gabeln befanden; in einem anderen Behälter aber lag ein Häuflein Geld, etwa sechsunddreißig Pfund wert, in europäischen und brasilianischen Gold- und Silbermünzen.

Bei diesem letzteren Anblick konnte ich mich eines ironischen Lächelns nicht erwehren.

»O elender Plunder«, rief ich, »wozu taugst du mir nun? Du bist hier nicht wert der Mühe, dich im Wege aufzulesen. Eines jener Messer nützt mehr als dein ganzer Haufen! Bleib, wo du bist, und ertrinke wie ein Tier, um das es sich nicht verlohnt, ihm das Leben zu retten.«

Nach besserer Überlegung nahm ich jedoch trotzdem das Geld mit. Ich wickelte meine sämtliche Beute in ein Stück Leinwand und schickte mich an, ein neues Floß herzustellen.

Während ich eben daran gehen wollte, sah ich, dass der Himmel sich umzog. Zugleich steigerte sich der Wind, und nach einer Viertelstunde wehte eine ganz frische Brise vom Land her.

Sofort überlegte ich, dass ich mit einem Floß nicht dem Wind entgegenlanden könne und dass ich vor Beginn der Flut hinüber sein müsse, wenn ich überhaupt ans Ufer gelangen wolle.

Da sprang ich denn ohne Weiteres ins Wasser und schwamm nach der Küste, allerdings nicht ohne erhebliche Anstrengung, teils wegen des Gewichts, das ich zu tragen hatte, teils wegen der Strömung des Wassers. Denn der Wind war heftig geworden, und bis die volle Flut eintrat, hatte sich ein förmlicher Sturm erhoben. Da aber war ich schon wohlbehalten zu meinem kleinen Zelt gelangt, wo ich, meinen ganzen Reichtum um mich hergebreitet, sicher lag.

Es stürmte die ganze Nacht hindurch, und als ich am Morgen mich umsah, war das Schiff verschwunden. Nun gereichte es mir zum großen Trost, dass ich keine Zeit und Mühe versäumt hatte, was mir nützlich sein konnte, aus demselben herüberzuschaffen.

Ich konnte jetzt von dem Fahrzeug und dem, was es etwa noch enthielt, nichts mehr hoffen und höchstens darauf bedacht sein zu retten, was von dem Wind an den Strand getrieben werden würde. In der Tat geschah das später mit mehreren Stücken, die ich jedoch wenig zu nützen vermochte.

Jetzt vertiefte ich mich gänzlich in die Überlegung, wie ich mich gegen die Wilden, wenn solche sich etwa zeigen sollten, oder gegen die Bestien, wenn deren auf der Insel wären, zu schützen hätte.

Ich war anfangs unschlüssig, ob ich mir eine Höhle in die Erde graben oder ein Zelt über derselben errichten solle.

Endlich entschloss ich mich, beides zu tun. Die Art und Weise, wie ich es bewerkstelligte, wird dem Leser nicht uninteressant sein.

Ich erkannte bald, dass die Gegend der Insel, in der ich mich damals aufhielt, zu einer Niederlassung nicht geeignet sei, teils weil der Boden dort tief gelegen, sumpfig, dem Meer zu nah und auch ungesund war, und teils weil sich kein frisches Wasser in der Nähe befand. Ich beschloss daher, einen gesünderen und passenderen Platz auszusuchen.

»Vor allem«, sagte ich mir, »werden folgende Umstände bei dieser Wahl ins Auge zu fassen sein: erstens gesunde Lage und frisches Wasser; sodann Schutz vor der Sonnenhitze; Sicherung vor wilden Menschen oder Tieren; endlich ein freier Ausblick auf die See, damit du, wenn Gott dir ein Schiff auf Sehweite nahekommen lässt, nicht die Gelegenheit zu deiner Befreiung versäumst.« Denn ich hatte noch keineswegs aufgegeben, auf diese zu hoffen.

Bei dem Suchen nach einer geeigneten Stelle fand ich denn auch eine kleine Ebene neben einem felsigen Hügel, der wie die Front eines Hauses steil nach jener hinabfiel, sodass von oben her kein lebendes Wesen so leicht an mich herankommen konnte.

An der Seite dieses Felsens war eine Höhlung wie der Eingang zu einem Keller, ohne dass jedoch der Felsen an dieser Stelle wirklich ausgehöhlt gewesen wäre.

Auf dieser grünen Fläche nun, gerade vor der Höhlung, beschloss ich, mein Zelt aufzuschlagen.

Der ebene Platz war nicht mehr als hundert Ruten breit und nur etwa zweimal so lang und fiel an seinem Ende unregelmäßig gegen das Meer hin ab. Er lag auf der Nordnordwestseite des Hügels, sodass ich immer vor der Höhe geschützt war, bis die Sonne, was in diesen Gegenden spät geschieht, von Ostsüdost her schien.

Ehe ich das Zelt errichtete, zog ich vor der Höhlung einen Halbkreis, zehn Ellen im Halbmesser von dem Felsen aus und zwanzig Ellen im Durchmesser von seinem einen Endpunkt bis zum andern gerechnet.

In diesem Halbkreis pflanzte ich zwei Reihen Palisaden, die ich in den Boden schlug, bis sie fest wie Pfeiler standen. Sie ragten fünf und einen halben Fuß von der Erde empor und waren oben zugespitzt. Beide Reihen standen nur sechs Zoll voneinander entfernt.

Dann legte ich die auf dem Schiff abgeschnittenen Tauenden reihenweise zwischen die Pfähle und schlug andere Palisaden, die sich wie Strebepfeiler gegen jene stützten, etwa drittehalb Schuh hoch auf der Innenseite gleich in die Erde.

Der so errichtete Zaun war dermaßen stark, dass weder Menschen noch Tiere ihn hätten durchbrechen oder übersteigen können.

Am meisten Mühe bei der ganzen Arbeit kostete es mich, die Pfähle in dem Wald zu fällen, sie an Ort und Stelle zu schaffen und in den Boden einzutreiben.

Zum Eingang in diesen Platz bestimmte ich nicht eine Tür, sondern ich überstieg den Zaun stets mithilfe einer kurzen Leiter. Befand ich mich in der Einfriedigung, so zog ich die Leiter hinter mir her und war so, wie ich glaubte, gegen alle Welt sicher verschanzt. Indes sah ich später ein, dass all diese Vorsichtsmaßregeln unnötig gewesen waren.

In meine neue Festung brachte ich nun mit unsäglicher Mühe all meine Reichtümer, die Lebensmittel, die Munition, das Werkzeug, und was ich sonst oben erwähnt habe.

Sodann errichtete ich mir ein großes Zelt, um vor dem Regen, der zu gewisser Jahreszeit hier sehr heftig ist, geschützt zu sein, ein doppeltes, das heißt, ich spannte über ein kleineres Zelt ein größeres, das ich oben mit einem Stück geteerter Leinwand bedeckte, welche ich unter den Schiffssegeln gefunden hatte.

Statt in dem Bett, das ich ans Land gebracht, zu schlafen, nahm ich von jetzt an mein Nachtlager in einer sehr guten Hängematte, die früher dem Steuermann gehört hatte.

In das Zelt brachte ich alle meine Vorräte, die keine Nässe vertragen konnten; nachdem ich nun meine Güter solchergestalt sämtlich hereingeschafft, verschloss ich den bis dahin offengelassenen Eingang und stieg von nun an, wie gesagt, mittels der Leiter aus und ein.

Hierauf machte ich mich daran, ein Loch in den Felsen zu graben, trug alle Erde und Steine, die ich dabei losarbeitete, durch das Zelt und legte sie terrassenförmig um den Zaun, sodass der Erdboden auf dessen Innenseite etwa anderthalb Fuß höher wurde als der äußere. Zugleich gewann ich dabei just hinter meinem Zelt eine Höhlung, die mir für meine Behausung als Keller diente.

Schwere Arbeit und manchen Tag kostete es, bis ich alle diese Dinge zustande brachte. Aus der Zwischenzeit sind einige Umstände, die mein Nachdenken in Anspruch nahmen, nachträglich zu erwähnen.

Einmal, während ich an meinem Zelt und an der Höhlung arbeitete, erhob sich ein starkes Gewitter. Aus dunklem, dicken Gewölk zuckte plötzlich ein Blitz und ein gewaltiger Donnerschlag folgte.

Rascher noch wie dieser Blitz überkam mich der Gedanke: O weh, mein Pulver!

Das Herz bebte mir bei der Überlegung, dass ein einziger Blitzstrahl meinen ganzen Vorrat vernichten könne, von dem, so meinte ich, nicht nur die Verteidigung, sondern auch die Ernährung meines Lebens gänzlich abhängig sei. Wegen der Gefahr, in der ich selbst dabei schwebte, ängstigte ich mich nicht so sehr, obwohl ein Funke, ins Pulver geraten, mich ja gleichfalls augenblicklich vernichtet haben würde.

Ich war von jenem Gedanken so betroffen, dass ich, sobald der Sturm vorüber war, alles andere stehen und liegen ließ, um nur Beutel und Kästen anzufertigen, in denen ich das Pulver verteilen und in kleinen Partien aufheben wollte; denn ich hoffte, es würde dann wenigstens nicht alles zu gleicher Zeit vorn Feuer verzehrt werden.

Diese Arbeit brachte ich in etwa vierzehn Tagen fertig. Ich teilte mein Pulver, das etwa drittehalb Zentner wog, in wenigstens hundert Häuflein.

Von dem Fässchen, das Wasser gezogen hatte, fürchtete ich keine Gefahr und hob es daher in meiner neuen Höhle auf, die ich meine Küche nannte. Das Übrige verbarg ich in Löchern unter dem Felsen, damit es nicht nass werden sollte, und merkte mir aufs Genaueste die Orte, wo ich es aufbewahrt hatte.

Diese Beschäftigung zur Sicherung meines Schießbedarfs unterbrach ich jeden Tag durch Pausen, in denen ich wenigstens einmal mit dem Gewehr ausging, sowohl zum Vergnügen, als auch um zu sehen, ob ich irgendetwas Essbares erlegen könne.

Zu gleicher Zeit beabsichtigte ich, hierbei mich möglichst mit dem, was die Insel hervorbrachte, bekannt zu machen.

Gleich auf dem ersten dieser Streifzüge entdeckte ich zu meiner großen Befriedigung, dass es hier Ziegen gab; sie zeigten jedoch so viel Schlauheit, Vorsicht und Flinkheit, dass ihnen nur mit der allergrößten Schwierigkeit beizukommen war. Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf, hin und wieder eine davon zu schießen.

Bei der Verfolgung ihrer Fährten beobachtete ich, dass sie, wenn sie sich auf den Felsen befanden und mich im Tal erblickten, in größtem Schreck davoneilten, während sie dagegen im Tal weidend, wenn ich auf dem Felsen stand, mich gar nicht beachteten.

Da ich hieraus schloss, dass sie durch die Stellung ihrer Augen genötigt seien, den Blick zur Erde zu richten und demzufolge nicht leicht Gegenstände über ihnen wahrnehmen könnten, wendete ich später den Kunstgriff an, ihnen immer von den Felsen aus beizukommen, voll wo aus ich dann auch oft Gelegenheit hatte, Beute zu machen.

Bei der ersten Jagd auf diese Tiere erlegte ich eine Geiß, die ein Junges säugte. Das tat mir nun sehr leid. Als die Alte tot hingefallen war, stand das Lamm ganz still neben ihr, bis ich kam und sie aufhob, worauf das Junge mir nach meiner Einfriedigung folgte.

Ich legte die Ziege von den Schultern ab und hob das Lamm über die Einpfählung.

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