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Robin Hood

Impressum

Titel der Originalausgabe

Forest days; a romance of old times

Nach einer alten Übersetzung neu durchgesehen von Edwin Orthmann und Marlies Juhnke

ISBN 978-3-8412-0509-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

© Neues Leben, Berlin

Bei Aufbau Taschenbuch erstmals 2010 erschienen; Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, unter Verwendung eines Fotos von Kai Dieterich / bobsairport

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

George P. R. James

George P. R. James

Inhaltsübersicht

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Als England noch eine ackerbautreibende Nation war, als noch der Pflug einer reichlichen Ernte vorarbeitete und eine dünngesäte, aber tüchtige und großherzige Bauernschaft sich ausschließlich dem Anbau des Bodens widmete, als noch in weitgedehnten Forsten das Lager des Rehs und die Grube des Kaninchens zu finden waren – zu jener Zeit stand in einer Ortschaft, etwa vierzehn Meilen von Pontefract entfernt, eine hübsche kleine Herberge, allen Reisenden auf jener Straße wohlbekannt als ein behaglicher Rastort. Das Haus war von Holz und hatte nur ein Obergeschoss, aber es war mit vielfältigen Schnitz- und Skulpturarbeiten geschmückt und schien ursprünglich für andere Zwecke erbaut worden zu sein; aber viele Veränderungen hatten gerade in jener Gegend des Landes stattgefunden bis zu den Tagen, in welchen unsere Erzählung spielt.

Wer das Haus genauer in Augenschein nahm, konnte sehen, dass es vor dem Jahre 1180 errichtet sein musste; denn in der Art der Fenster und in der Linie verschiedener Balken, die an der Vorderseite hinliefen, sprach sich unverkennbar die Tatsache aus, dass zur Zeit seiner Erbauung der Gebrauch von Glasfenstern in Privathäusern noch nicht bekannt war. Um 1200 aber hatte man schon reichlich Glas in England, und obgleich ländliche Häuser selten den Schmuck von Scheiben besaßen, entbehrte doch kein Haus von der Würde eines Gasthofes, wo Reisende bei regnerischem und ungestümem Wetter eine Unterkunft suchten, der Glasfenster, die damals aus vielen kleinen rautenförmigen Glasstücken zusammengesetzt waren.

Der Gasthof machte bei hellem wie bei schlechtem Wetter einen heiteren Eindruck. Das obere Stockwerk des Hauses ragte über das Untergeschoss und bildete so eine Art Säulengang, in dem zwei lange Bänke standen, die sowohl vor der Hitze des Sommers als auch vor dem Regen des Herbstes und des Frühlings schützten.

Vor der Tür des Gasthauses breitete sich einer jener angenehmen offenen Plätze aus, wie man sie damals für gewöhnlich in jedem Landstädtchen und Dorf Englands antraf. Dort wurden die Spiele und Belustigungen des Orts abgehalten, dorthin brachte der Jockei sein Pferd zum Verkauf oder ritt es zur Probe, dort kam mancher Ringer zu Fall, und manches Mädchen wurde dort umworben und gewonnen.

Dieser grüne Platz hatte alles, was nötig war: einen glatten, trockenen Weg für Pferde, zwei Fußpfade, die sich in der Mitte kreuzten, und eine Gruppe von hohen Ulmen auf der Südseite. Er hatte einen Teich, der von einer Quelle genährt und frisch erhalten wurde, und eine Allee von Bäumen nach der Kirche zu. Der Boden war recht wellig, so dass die jungen Leute bei ihren lustigen Begegnungen die Möglichkeit hatten, für kurze Zeit aus dem Blickfeld der Erwachsenen zu verschwinden und das Ganze war mit jenem kurzen, trocknen Rasen bedeckt, wie man ihn nur auf einem gesunden Sandboden findet.

An einem Frühlingsabend – der größte Teil der Reisenden, die auf eine Stunde in dem Gasthof von Barnesdale eingekehrt waren, hatten sich wieder auf den Weg gemacht, um noch vor Einbruch der Nacht unter ihrem eigenen Dach zur Ruhe zu kommen – saß in dem niedrigen Wirtszimmer noch ein Mann in der Tracht eines Landbewohners, einen großen, schwarzen, ledernen Krug vor sich und ein paar Hornbecher daneben. Ein Stück braunes, auf der heißen Asche geröstetes Brot, das er von Zeit zu Zeit in seinen Becher tauchte, war die einzige feste Nahrung, die er zu sich nahm, und es war vermutlich nicht ratsam für ihn, kostbarere Speisen zu verlangen, wenigstens nach seiner Kleidung zu urteilen. Obgleich sie nicht sehr alt schien, war sie doch von der ärmlichsten und einfachsten Art: eine grobe, schmutziggraue Jacke von rauem Tuch, lederne Beinkleider und Holzschuhe.

Aber der Anzug des Landmannes war nicht das Einzige, was an seiner Erscheinung auffiel. Seine Gestalt hatte jene Eigentümlichkeit, die man in der Regel nicht als eine Vollkommenheit ansieht, eine Art übermächtiger Anmaßung des Nackens, den Kopf hinunterzudrücken, die ihm ein augenfälliges Recht auf den Namen eines Buckligen gab.

Andererseits war er ein nicht übel aussehender Mann: Seine Beine waren kräftig und wohlgeformt, seine Arme derb und lang, seine Brust ausnehmend breit für eine verwachsene Gestalt und seine grauen Augen groß, klar und funkelnd. Seine Nase war etwas lang und spitz, aber in seinen Mundwinkeln und unter seinen Augenlidern lag viel Schalkheit und schlaue Lustigkeit. Den Bart hatte er glatt geschoren wie ein Priester, seine sehr hervorstehenden Brauen und sein Haar, das in drei oder vier Locken über seine sonnverbrannte Stirn hing, waren beinahe schon weiß.

Behäbig saß der Bauer an dem Tisch, tunkte sein Brot in den Becher und schaute von Zeit zu Zeit mit einem Auge in den Krug, als wollte er sich vergewissern, wie viel noch drinnen sei. Er rührte sich kaum auf seinem Sitz und wandte nicht einmal den Kopf vom Fenster, obgleich ein hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren sich öfter verstohlen nach ihm umsah.

Als sich jedoch plötzlich das Geräusch eines trabenden Pferdes vernehmen ließ, rief der Bauer lebhaft: »Da, Kate, Ihr lustige Mischung von Weib und Schlange, nehmt den Krug weg; sie kommen jetzt. Fort damit, gutes Mädchen! Sie dürfen mich nicht dabei antreffen, dass ich teuren Bordeauxwein trinke. Gebt mir eine Kanne Ale, Mädchen. Wie riecht es im Zimmer?«

»Wie in der Zelle eines Mönchs, Mr. Hardy«, sagte das Mädchen, während sie lachend den schwarzen Krug wegnahm. »Nach wohlgegorenem Traubensaft und einem Stück gerösteten Brotes.«

»Pack dich fort, Hexe!«, schrie der Bauer. »Was weißt du von Mönchszellen? Nur allzu viel, fürchte ich. Bring das Ale, sage ich, und schütte ein paar Tropfen davon auf den Boden, damit sich hier ein anderer Geruch zu verbreitet.«

Das Mädchen lief fort und kehrte nach einer Minute zurück, das verlangte Ale in der Hand.

»Gieße etwas davon aus – verschütte etwas!«, rief Hardy. Aber da es schien, als halte sie ein solches Beginnen mit einem guten Getränk für Sünde, war der Bauer genötigt, es selbst zu tun. Er entriss ihr die Kanne und schwappte einen gehörigen Teil des Inhalts über Tisch und Fußboden.

In diesem Augenblick verstummte das Stampfen von Rossehufen, das man gehört hatte, und laute Rufe nach Bedienung riefen das Mädchen fort. Hardy nahm seinen Platz wieder ein, setzte die Kanne Ale an den Mund und schien es nicht übelschmeckend zu finden, trotz des Bordeauxweins, der vorangegangen war. Zugleich jedoch ging in seinem Äußern eine beträchtliche Veränderung vor. Sein Nacken wurde gekrümmter, seine Schultern zogen sich noch mehr nach vorn. Er machte zudem die Knöpfe hinten an seinem Wams auf, so dass es etwas zu weit für seine Gestalt schien; auch zog er die Haare mehr in die Stirn, ließ seine Wangen einfallen, und durch diese und andere kleine Kunstgriffe wusste er sich das Aussehen eines volle fünfzehn Jahre älteren Mannes zu geben, als er eine Minute vorher geschienen hatte.

Inzwischen hatte vor der Tür des Gasthofes all das Lärmen und Treiben geherrscht, das gewöhnlich den Empfang eines Gastes in jenen Zeiten begleitete, wo die Wirte einem eintreffenden Kunden nicht genug Ehre und Respekt bezeigen konnten und ihr Willkommen mit Scheltworten an Pferdebuben und vielfältigen lauten Anweisungen an Kammeraufwärter und Mägde vermischten.

Endlich führte der Wirt einen stattlichen, gut aussehenden Mann von etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahren herein. Er war unverkennbar der Lieblingsdiener irgendeines vornehmen Mannes und von recht derber, freimütiger Art; etwas wichtigtuerisch vielleicht, aber gutmütig und munter.

»Nicht gekommen«, sagte er beim Eintreten über die Schulter weg zu dem Wirt sprechend, »nicht gekommen! Das ist doch sehr sonderbar! Ich wurde doch über eine halbe Stunde aufgehalten in Barnsley Green, um Richter bei einem Ringkampf zu sein. So fürchtete ich, sie würden vor mir hier sein. Nun, gebt uns einen Becher guten Getränks, um die Zeit zu verplaudern. Ich darf nicht sagen, gebt uns vom Besten – denn das Beste ist für meinen Herrn. Aber ich sehe nicht ein, warum nicht das Zweitbeste für meines Herrn Mann gut sein sollte. So schafft es uns schnell herbei, ehe die Leute kommen, und lasst es eine gute Sorte sein!«

Der von ihm geforderte Wein war bald gebracht, auf den Tisch gesetzt, woran der Bauer Hardy saß. Der Dienstmann des Lords, Blawket mit Namen, nahm auf der andern Seite Platz und betrachtete einen Augenblick seinen Tischgenossen, während der Wirt dabeistand, seinen Blick auf das Gesicht des neuen Gastes heftend, um darin die Billigung seines Weines zu lesen. Blawket säumte nicht, die Güte des Getränkes zu erproben. Er hob die Kanne an den Mund, nahm einen guten Zug, atmete tief auf, trank wieder und nickte dann dem Wirt mit einer Miene zu, die seine Zufriedenheit ausdrückte.

Nach einigen Worten zwischen dem Wirt und dem Gast, woran der Bauer keinen Anteil nahm, sondern mit der Miene eines Mannes dasaß, der ebenso ermüdet wie schwächlich ist, begab sich der Wirt zu seinen Geschäften, und der Dienstmann, seine Blicke eine kleine Weile auf seinen Tischgenossen heftend, fragte in freundlichem, aber gönnerhaftem Ton: »Was habt Ihr denn da, Bauersmann? Dünnes Ale, nicht wahr? Kommt, nehmt einen Becher von etwas Besserem, Euch aufzuheitern. Schlechte Zeiten, wie? Ja, es ist mir auf Erden noch kein Ackermann vorgekommen, der nicht etwas auszusetzen fände an Gottes Jahreszeiten. Da, trinkt das! Es wird Euch Euern Weizen zehnmal grüner erscheinen lassen! Wäre ich ein Pflüger, ich wollte meine Felder mit solchen Güssen bewässern, tagtäglich in die eigene Kehle geleitet. Dann gäbe es kein Murren über schlechte Ähren.«

»Ich murre nicht«, antwortete der Bucklige, während er das Horn nahm und es langsam schlürfend leerte. »Meine Ähren werden grün und voll. Wenig Mühe nur kostet mich das Bewirtschaften meines Landes, und doch bekomme ich eine fette Ernte. Und überdies, mit Verlaub, guter Herr, und ohne Beleidigung gesprochen, ich will doch lieber mir selbst und dem Himmel als irgendeinem andern Menschen angehören.«

»Schwerlich, wenn Ihr einen so guten Herrn hättet, wie ich einen habe«, versetzte der andere, der dennoch ein wenig errötete. »Ein Dienstmann ist in seinem Hause so frei wie auf dem freien Platz von Salisbury; es ist eine Lust, seine Befehle auszuführen. Er ist auch ein Freund des Bauern und des Bürgers und des guten de Montfort. Er ist kein ausländischer Günstling, sondern ein echter Engländer.«

»Auf seine Gesundheit denn!«, sagte Hardy. »Befindet sich Euer Lord gerade in der Gegend?«

»Jawohl«, versetzte Blawket, »in Doncaster, und ich bin hier, um einige Herren zu treffen, welche diesen Weg nach York reiten sollen, um ihnen zu sagen, dass ihre Versammlung dort nicht ganz sicher sein dürfte, so dass sie einen andern Ort festsetzen müssen.«

»Ho, ho!«, sagte der Bauer. »Ein neuer Aufstand gegen die Fremden auf dem Weg? Nun, nieder mit ihnen, sag’ ich, und hinauf mit den englischen Freibauern. Aber wer kommt da? Es sind welche von denen, die Ihr sucht, ich will darauf wetten. Lasst uns ihre Gesichter besehen.« Er schaute durch eine der kleinen rautenförmigen Glasplatten am Fenster. Der Dienstmann folgte seinem Beispiel und nahm mehrere eben angekommene Reisende in Augenschein, bevor sie in das allgemeine Empfangszimmer geführt wurden.

»Kennt Ihr den?«, fragte der Bauer. »Ich meine, ich habe dies dunkle Gesicht da unten früher schon gesehen.«

»Ja, ich kenne ihn«, antwortete Blawket. »Er ist ein Vetter des Grafen von Ashby, den aufzusuchen ich hauptsächlich hierherkam. Er ist ein gutaussehender Gentleman und vermag schön zu reden, obwohl etwas schwarz um das Maul.«

»Wenn sein Herz so schwarz ist wie sein Gesicht«, sagte der Bauer, »so würde ich an Eurer Stelle das, was ich zu sagen hätte, lieber für das Ohr des Grafen aufsparen, als es ihm mitteilen.«

»Ha, meint Ihr?«, fragte der Dienstmann. »Mir scheint, Ihr wisst mehr von ihm, Freund Pflüger.«

»Nicht viel«, versetzte der andere, »und was ich weiß, ist nichts sonderlich Gutes, und so muss man wohl vorsichtig sein, es weiterzusagen.«

»Was hält ihn denn so lang auf? Das bin ich neugierig zu wissen?«, sagte der Dienstmann, nachdem er zum Tisch zurückgekehrt war und noch etwas von seinem Wein getrunken hatte.

»Er spaßt draußen, darauf will ich schwören«, sagte der Bauer, »mit der hübschen Kate, des Wirts Tochter. Er täte gut, dafür zu sorgen, dass der junge Harland, des reichen Freisassen Sohn, ihn nicht sieht, sonst dürften sein Schädel und ein tüchtiger Knüttelstock genauere Bekanntschaft miteinander machen. Es wäre beinahe so gekommen vor drei Monaten, als er das letztemal hier war.«

Kurz darauf öffnete sich die Tür, und herein trat ein mittelgroßer Mann, dessen Schlankheit keineswegs Schwäche, sondern vielmehr rüstige Sehnenkraft zu verraten schien. Sein Anzug bestand aus einem Rock von kastanienbrauner Farbe, Reitstiefeln und Sporen. Über dem engen Rock, der halb über die Schenkel reichte, trug er einen weiten braungelben Waffenrock und darüber wieder einen grünen Mantel, den er jetzt über die Schultern zurückgeworfen hatte. Sein Auftreten war unbefangen und sicher, aber sein Auge schweifte mit einem hastigen und verstohlenen Blick umher und gab ihm ein verschlagenes und lauerndes Aussehen. Sein Gesicht war unstreitig hübsch, obwohl etwas fahl, sein Bart kurz und schwarz und sein Haar auffallend glänzend wie das einer Frau. Es war augenscheinlich, dass er seinem Anzug nicht geringe Sorgfalt widmete. Die gestickten Schnabel seiner Schuhe waren entsetzlich lang und mit einer kleinen goldenen Spange an seine Knie geheftet, auch sein kostbarer Mantel war reich mit Figuren bestickt. Doch war die Kleiderpracht des Zeitalters so groß, dass man seinen Aufzug nicht vergleichen konnte mit denen der meisten Männer seines Ranges; denn seine Einkünfte waren viel zu beschränkt, um ihm zu erlauben, seiner Vorliebe für prächtige Kleidung nachzugehen.

Der Dienstmann hatte sich bei seinem Eintritt erhoben und trat ihm mit einer tiefen Verbeugung entgegen.

Der Vetter des Grafen jedoch kannte entweder den sich ihm Nähernden nicht oder tat zumindest so, und Blawket sah sich genötigt zu erklären, wer er sei und was seine Botschaft war.

»So?«, sagte Richard de Ashby. »Gefahr in York, wirklich? Dann hat uns der gute Lord Monthermer, Euer Gebieter, wohl umsonst hierherbeordert, wie es scheint. Ich weiß nicht, wie mein Vetter Alured, der Graf von Ashby, dies aufnehmen wird; denn er liebt es nicht, Reisen zu machen, um sich dann getäuscht zu sehen.«

»Mein Lord hat nicht die Absicht, den Grafen zu täuschen«, versetzte der Dienstmann. »Er will die Zusammenkunft im Laufe des morgigen Tages irgendwo mit ihm halten.«

»Wisst Ihr nicht, wo?«, fragte der Edelmann, und als Blawket einen misstrauischen Blick auf den Bauern richtete, fuhr er fort: »Kommt mit mir auf den grünen Platz, wo keine müßigen Ohren uns belauschen können.«

Wenn diese Worte ein Wink für den Buckligen sein sollten, das Zimmer zu verlassen, so bewirkte er nichts, denn Hardy blieb wie angenagelt am Tisch sitzen, langte von Zeit zu Zeit nach seinem Krug Ale und sah mehr als einmal zu der Tür, nachdem Sir Richard und des Lords Dienstmann das Zimmer verlassen hatten. Ihre Besprechung dauerte lange, und inzwischen traten zwei Diener Richard de Ashbys in das Gastzimmer und näherten sich dem Tisch, an dem der Bauer saß.

»Holla, was hast du denn da, Bauernlümmel?«, schrie einer von ihnen. »Wein für einen solchen Kerl, wie du einer bist?« Mit diesen Worten hob er die Kanne empor, aus welcher der Dienstmann getrunken hatte.

»Die ist weder mein noch dein«, versetzte Hardy, »und so tätest du wohl am besten, sie stehenzulassen.«

»Ei, ei!«, rief der Diener, »man wird zurechtgewiesen von einem buckligen Bauern! Wenn es nicht dein Wein ist, Gesell, so halt dein Maul, denn dann geht er dich nichts an! Ich werde mir aber erlauben, damit nach meinem Belieben zu verfahren«, und damit schenkte er einen Becher ein und goss ihn hinunter.

»Ihr müsst ein armer Schelm sein«, sagte der Bauer, »dass Ihr so darauf erpicht seid, auf andrer Leute Kosten zu trinken, ohne wenigstens mit einem höflichen Wort Euern Trunk zu bezahlen.«

»Was sagt er da?«, schrie der Mann und wandte sich zu seinem Begleiter. Denn obgleich er verstanden hatte, war er doch nicht darauf vorbereitet zu handeln, da er zu denen gehörte, die bereitwilliger sind, zu zechen und zu schimpfen als einen Kampf aufzunehmen. »Was sagt er da?«

»Er nannte dich einen armen Schelm, Timotheus«, sagte sein Gefährte. »Wirf ihn kopfüber hinaus, den missgestalteten Lump!«

»Hinaus mit ihm!«, schrie der andere, als er seinen Kameraden bereit sah, ihm beizustehen, »hinaus mit ihm!« und trat drohend dem Bauern näher.

»Bleibt mir vom Leibe!«, sagte Hardy, den Kopf schüttelnd. »Ich bin ein alter Mann und nicht so wohlgewachsen wie ihr zwei Knappen. Aber ich dulde keinen Schlag von den halbverhungerten Kötern irgendeines armen Vetters! Nehmt euch in Acht, meine Freunde!« Und als einer von ihnen ihm etwas zu nahe kam, versetzte er ihm, ohne von seinem Sitz aufzustehen, einen Schlag, der ihn seine Länge an den Binsen messen ließ, womit der Boden bestreut war. Zugleich rief er mit kläglicher Stimme: »Wer sollte denken, dass zwei gewaltige Burschen einen armen, missgestalteten Mann anfallen würden?«

Es traf sich, dass derjenige, den der Bauer zu Boden geschlagen hatte, der Mutigere von den beiden war. Er raffte sich wieder auf und stürmte heftig auf seinen Gegner ein. Dies sah der andere, ging im selben Augenblick auf Hardy los und trat ihm den Stuhl unter dem Leib weg, so dass der Bucklige und sein Kamerad miteinander zu Boden stürzten. Dann packte er seinen Feind beim Kragen und drückte ihm den Kopf mit beiden Händen fest auf den Boden.

»Prügle ihn durch, Dickon, prügle ihn durch!«, schrie er.

»Ich will ihm ein Bad in der Rossschwemme verschaffen«, sagte der andere keuchend. »Seine Nase wird das Wasser zischen machen wie ein rotglühendes Hufeisen.«

In diesem Augenblick jedoch zog der durch solch ungestüme Vorgänge verursachte Lärm die hübsche Wirtstochter Kate Greenly herbei, die, obwohl sie große Achtung und einigen Respekt vor allen Dienern Richard de Ashbys hatte, doch den armen Hardy nicht gern misshandelt sehen mochte. Sie sah sich rasch um, ergriff dann einen Kübel voll Wasser, der hinter der Tür des Wirtszimmers stand, und goss den ganzen Inhalt desselben über die Kämpfer aus, die ringend auf dem Boden lagen.

Alle drei sprangen nach Luft schnappend und keuchend auf; aber der Gewinn war unstreitig auf Hardys Seite, der, befreit von den Griffen seiner Gegner, den dreibeinigen Stuhl fasste und ihn leicht über seinem Kopf schwang, um sich damit zu verteidigen, während die Angreifer die kurzen Schwerter zogen und mit den erbarmungslosesten Absichten auf den alten Bauern losstürmten.

Kate Greenly kreischte jetzt laut auf, wobei sie ihren hübschen kleinen Hals aufs äußerste anstrengte, und ihr Geschrei rief bald Blawket, den Dienstmann des Lords, herbei, dem langsam auch Richard de Ashby folgte. Der gute Wirt selbst, der es sich, sowohl aus Rücksicht auf seine eigene Person als auch auf die Kundschaft seines Hauses, zum Gesetz gemacht hatte, sich nie in Händel einzumischen, hielt sich aus allem heraus und begab sich sogar in den Stall unter dem Vorwand, nach den Pferden seiner Gäste zu sehen.

Blawket jedoch, ganz im Geist eines echten englischen Dienstmannes, stürzte sich sogleich in den Kampf und nahm sofort für den Schwächeren Partei.

»Kommt!«, rief er, sich auf Hardys Seite stellend. »Zwei gegen einen und dazu gegen einen alten Mann! Pfui! Zurück, oder ich zerschlage euch die Kinnbacken!«

Diese Verstärkung auf der Seite des Gegners machte die beiden Diener Richard de Ashbys unsicher, und augenblicklich trat eine Pause ein, in der sich endlich ihres Gebieters Stimme vernehmen ließ.

»Was, Händel anfangen, ihr Narren!«, rief er. »Wir haben jetzt an anderes zu denken. Zurück, und lasst den alten Mann gehen. Macht Ihr Euch fort, Pflüger, und lasst Euch nicht wieder dabei antreffen, dass Ihr mit eines Edelmanns Dienern hadert, oder ich will Euch dafür in den Stock legen lassen!«

»Ich zerschmettere ihm den Schädel, ehe er aus dem Hause ist«, sagte einer der Männer, der den Befehlen Richard de Ashbys wenig Achtung zu zollen schien.

»Und ich dir den deinigen, wenn du es versuchst«, versetzte Blawket drohend. »Komm fort, Alter! Ich will dich ungefährdet aus dem Hause geleiten.«

Mit diesen Worten fasste er Hardy beim Arm, führte ihn aus dem Gasthaus und murmelte dabei vor sich hin: »Beim Schulterbein des heiligen Lukas, der alte Kerl ist kräftig genug, um sich selbst verteidigen zu können! Sein Arm ist so dick wie die Keule eines Ebers und so hart wie ein Eichenast. Wie geht es dir, Gesell?«

»Meine Knochen sind steif, wund und steif«, antwortete der Bucklige. »Aber ich danke Euch von ganzem Herzen, dass ihr Euch meiner angenommen habt, und ich möchte Euch gern einen Becher gutes Ale dafür geben, solches, wie Ihr es außerhalb Londons nie gekostet habt. Wenn Ihr es nur einrichten könntet, morgen früh in meine arme Wohnung zu kommen«, fuhr er fort, seine Stimme zu einem Flüstern senkend. »Ich könnte Euch ländliche Spiele und Kurzweil zeigen, die Euch Freude machen würden, da Ihr in solchen Dingen ein Kenner seid.«

»Das müsste zu recht früher Stunde sein«, erwiderte Blawket. »Die heute Nacht nicht kommen, werden zwar auch morgen nicht vor Mittag hier sein, das ist wahr, aber ich glaube, ich täte besser, sie zu erwarten.«

»Nein, nein, kommt!«, sagte Hardy rasch. »Kommt und trinkt einen Becher Ale mit mir.« Und nach einer Pause fügte er mit bedeutungsvoller Miene hinzu: »Überdies möchte ich Euch auch etwas mitteilen, was Eurem Lord nützlich sein dürfte.«

»Aber wie soll ich den Weg finden?«, fragte der Dienstmann, ihm forschend ins Gesicht schauend, doch ohne einen Ausdruck von Überraschung über die Andeutung, die der andere gemacht hatte.

»Oh, ich werde ihn Euch zeigen!«, antwortete der Bauer. »Trefft mich an dem Kirchsteig dort, und ich will Euch führen. Findet Euch ein wenig vor sechs Uhr ein. Ich werde schon dort sein. Gebt mir die Hand darauf!«

Der Dienstmann streckte ihm die Hand hin, und Hardy schüttelte sie mit einem Druck, wie ihn etwa eiserne Zangen geben mögen, beugte zugleich den Kopf vor und sagte leise: »Seht wohl zu, was Ihr tut, Ihr habt einen Verräter hier! Einer von den Männern dort ist ein Dummkopf, und der andere ist ein falscher Hund, hierhergekommen, um rechtschaffene und treue Leute auszuspionieren!«

Mit diesen Worten ließ er die Hand des andern los und war bald im Zwielicht des Abends verschwunden.

2

Der Himmel war noch grau, als Thomas Blawket, der stämmige Dienstmann des Grafen Monthermer, frisch aus seinem Bett sprang und jene eilfertige Toilette machte, wie sie damals ein derber Engländer seines Standes gewohnt war. Sie bestand einfach darin, dass er ein paar große Eimer voll reinen kalten Wassers über seinen runden, lockigen Kopf und seine nackten Schultern goss und dann, ohne sich lange mit den Zeremonien des Abtrocknens aufzuhalten, die Kleider anlegte und mit dem Gürtel um den Leib befestigte.

»Wünsch dir guten Tag, Wirt!«, sagte er, als er wegging. »Ich werde bald wieder zurück sein.« Er schlenderte gemächlich über den grünen Platz und blieb ab und zu stehen, damit es nicht aussähe, als schlüge er eine verabredete Richtung ein. Langsam schritt er so der Kirche zu und erreichte, am Hause des Priesters vorbeikommend, den Kirchsteig.

Am andern Ende des Steiges stand Hardy, der Bucklige, eine lebhafte Melodie pfeifend und den Herankommenden erwartend, ohne sich von der Stelle zu rühren. Nach kurzer Begrüßung wanderten beide rasch durch die grünen Felder dahin, von all den lustigen Geringfügigkeiten plaudernd, welche freie Herzen am frühen Morgen beschäftigen.

Am Bach machten sie halt und blickten in seine tanzenden Wellen; sie schauten dem raschen Fisch nach, wie er im Wasser dahinschoss, und schrien einem Reiher zu, der eben mit seinem Schnabel eines von den sumpfigen Geschöpfen gepackt hatte.

»Jetzt, wenn wir einen Falken hätten«, sagte der Bauer, »wir hätten bald den Meister Graufeder hier, so gewiss, wie der nichtswürdige Richard de Ashby die hübsche Kate Greenly fangen wird.«

»Meint Ihr?«, fragte des Lords Dienstmann, der gar nicht daran dachte, den Reiher zu fangen. »Wird sie sich so leicht beschwatzen lassen?«

»Ja, das wird sie«, versetzte der Bauer. »Nicht, dass es dem Mädchen an Verstand oder Unterricht fehlt; denn der gute Priester gab sich mächtig viel Mühe mit ihr, und sie kann lesen und schreiben, so gut wie irgendein Schreiber im Land. Auch hat sie kein schlechtes Herz, obgleich es allerdings etwas trotzig und rasch ist. Aber das Mädchen ist so eitel wie eine Meise, und obwohl ich glaube, sie liebt im Grunde ihres Herzens den jungen Harland, habe ich ihm doch schon oft gesagt, es sei unwahrscheinlich, dass sie ihn heiratet. Da nun dieser Richard de Ashby wiedergekommen ist und sich an sie hängt wie früher, sage ich: Ihre Eitelkeit wird sie bei den Ohren nehmen und sie auf jeden Markt führen, wohin er sie zu bringen Lust hat.«

»Dass ein solcher Herr nicht einen so abgelegenen Ort wie diesen in Frieden lassen kann, mit seinem ruhigen Sonnenschein und guten Landvolk. Er könnte doch leicht genug ein lustiges Liebchen finden in den großen Städten, ohne dass er es nötig hätte, einen guten Jüngling unglücklich zu machen und ein frohherziges Dorfmädchen in Schande zu bringen! Ich hoffe, es wird ihm dafür noch der Schädel eingeschlagen!«

»Er hat Aussicht, sich zum Lohn für etwas anderes den Hals zu brechen, wenn ich die Sache richtig beurteile. Aber davon wollen wir bald mehr reden. Lasst uns weitergehen!«

So wanderten sie denn weiter, bis sie auf einen offenen, weiten Platz kamen, der mit kurzem Gras und alten Weißdornbüschen bedeckt war und am Waldrand lag.

»Ei, Ihr scheint ja am Saum des Waldes zu wohnen, Bauersmann«, sagte Blawket. »Es muss hier schlechter Boden sein, denke ich.«

»Er ist ganz gut für meine Art Landwirtschaft«, versetzte der andere, ihm einen listigen Blick zuwerfend. »Wir haben noch eine Meile vor uns, Meister Blawket, und können ebensogut ruhig ein bisschen durch das Waldland laufen.«

»Ich bin dabei«, versetzte der Dienstmann. »Ich liebe den Waldboden, und oft, wenn die Jahreszeit kommt, helfe ich mit meines Herrn Erlaubnis, seinen Forstleuten das Wild zu erlegen.«

»Gefährliche Liebhabereien, das, in solchen Zeiten«, sagte der Bauer, und hiermit verstummte das Gespräch wieder.

Obwohl sie nun den eigentlichen Wald betreten hatten, standen die Bäume viele Ellen weit voneinander entfernt und warfen lange Schatten auf das Samtgrün des Grasbodens. Aber als Blawket durch die Stämme hindurch nach Norden und Westen schaute, konnte er wohl sehen, wie eine dämmernde Masse von dunklerem Grün sich in der Ferne ausbreitete und bewies, dass der Wald bald dichter wurde.

Dass sie in das Reich der jagdbaren Tiere kamen, war bald augenfällig.

Mehr als einmal sprang ein Hase vor ihren Füßen auf und hoppelte in nicht sehr eiligem Lauf davon. Alle zwei, drei Schritt sah man ein Eichhörnchen von Baum zu Baum flitzen und den Stamm hinanklettern, und mehrmals wurde das geübte Auge Blawkets eines bräunlichen Hirsches ansichtig, der einen der Pfade entlanglief, um Zuflucht im dichteren Walde zu suchen.

»Nun, Meister Pflüger«, sagte er endlich. »Ihr scheint mich ja in den dicksten Wald hineinzuführen. Liegt Eure Wohnung in dieser Richtung?«

»Ja, ganz gewiss!«, antwortete Hardy. »Sie wird sogleich offener hervortreten.«

»Das ist sehr nötig«, erwiderte der Dienstmann. »Sonst müsste ich Euch für einen Waidmann halten, und zwar nicht für einen von den königlichen.«

Der Bauer lachte, gab aber keine Antwort, und nach ein paar Minuten fuhr der Dienstmann fort: »Ihr seid ein wunderlicher Mann, denn Ihr seid diesen Morgen zehn Jahre jünger, als Ihr gestern Abend wart. Meiner Treu, wenn ich geahnt hätte, dass Ihr so stark seid, ich glaube, ich hätte Euch die Sache mit den zwei Burschen allein ausfechten lassen!«

»Ich wollte auch, ich hätte sie nur eine halbe Stunde hier unter den grünen Weißdornbüschen«, bestätigte der Bauer lachend. »Ich bedürfte keines Helfers, um ihnen eine solche Tracht Prügel zu verpassen, wie sie sie wohl selten in ihrem Leben bekommen haben. Obwohl ich nicht daran zweifle, dass ihnen bereits einige zuteil geworden sind.«

»Gewiss, gewiss!«, antwortete Blawket. »Aber ein Wort, mein guter Freund, ehe wir weitergehen: Da Ihr nicht seid, was Ihr schienet, wäre es mir doch lieb zu wissen, wohin wir gehen.«

»Ich bin nicht, was ich schien, und auch nicht, was ich jetzt scheine«, sagte der Bauer mit einem offenen und fröhlichen Lächeln. »Aber beides hat gar nichts zu sagen. Da, helft mir nur von meiner Bürde; ich bin nicht der Erste, der sich das Ansehen gegeben, mehr zu sein, als er ist. Da, legt Eure Hand unter mein Wams und löst auf dem Rücken den Knoten auf, während ich den andern vorn aufknüpfe.«

Mit Hilfe seines Begleiters ließ er nun einen großen Wulst von seinen Schultern herabgleiten, der ganz und gar das Ansehen eines Buckels hatte. Sobald diese Bürde weg war, stand er vor Blawket als ein stämmiger, untersetzter Mann mit hohen Schultern, aber ohne den leisesten Ansatz von einem Höcker links oder rechts. An dem Erstaunen seines Begleiters sich weidend, sagte er: »So viel, was den Buckel betrifft, Meister Blawket. Hätten jene guten Gesellen mich so gesehen, sie würden wohl nicht so eilig mit ihren Händen gewesen sein. Und hätten sie dies gesehen«, fuhr er fort, den Griff eines guten starken Dolches unter seinem Kleid zeigend, »sie wären wohl nicht so eilig mit ihren Schwertern bei der Hand gewesen. Doch jetzt lasst uns ohne Zeitverlust vorwärtseilen; denn es warten Leute auf Euch, die Euch eine Botschaft an Euern Lord auftragen möchten.«

Blawket bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: »Gut, es hat nichts zu sagen. Ich will keinem Verdacht gegen Euch Raum geben, obgleich dies ein sonderbarer Handel ist. Ich habe Euch einmal aus einer Klemme geholfen – wenigstens hatte ich die Meinung und die Absicht, Euch zu helfen, und ich glaube gewiss, dass Ihr es mir nicht schlecht vergelten werdet.«

»Zweifelt nicht an mir!«, sagte der Bauer. »Ihr seid ein Freund, kein Feind. Aber jetzt, um allem, was Ihr heute hören mögt, noch ein Wort beizufügen, lasst Euch sagen, dass der eine der beiden Männer, mit denen Ihr mich gestern im Kampf saht, ein Verräter und Spion ist. Und, ich glaube fast, dass der, der ihn mitbrachte, selbst nicht viel besser ist!«

»Harte Worte, das, Meister Pflüger, oder was immer Ihr sein mögt«, sagte des Lords Dienstmann mit ernsthafter Miene. »Ich hoffe, es ist nicht ein zerschlagener Kopf oder ein Hader im Bierhaus, was Euch den Mann des Verrats beschuldigen lässt. Zudem, wenn er ein Spion ist, kann er nur einer sein gegen seinen eignen Herrn.«

»Und wer ist sein eigner Herr?«, fragte Hardy. »Kommt, strengt Euern Witz an und sagt mir das!«

»Nun, Sir Richard de Ashby«, antwortete der Mann.

»Wahrhaftig!«, versetzte Hardy. »Mich dünkt, das Wappen des Hauses Ashby sei ein Baum, der aus einer Kohlenpfanne hervorwächst.«

»So ist es «, erwiderte der Mann, »und den hat er auch auf seinem Rock.«

»Und was hat er auf der Brust?«, fragte Hardy. »Drei schreitende Leoparden.«

Der Mann fuhr auf. »Ha, das ist das Wappen des Königs!«

»Oder des Prinzen Edward«, fügte Hardy hinzu. »Wenn Ihr also wieder heimkommt, so sagt Eurem Lord, er möge wohl auf der Hut sein vor dem Vetter des Grafen von Ashby, wenn nicht auch vor dem Grafen selbst. Wir hatten Nachricht von etwas dergleichen erhalten, und ich blieb zurück, um zu beobachten – denn Ihr müsst mich nicht für einen solchen Narren halten, dass ich einem Dienstmann harte Worte für nichts sagte und mir Schläge auf den Kopf zuzöge, ohne einen bestimmten Zweck.«

»So habt Ihr also die Leoparden gesehen?«, fragte Blawket eifrig. »Habt sie mit eignen Augen gesehen?«

»Ich balgte mich mit ihm und riss ihm mit beiden Daumen den Rock auf, während er wähnte, wir wälzten uns nur auf dem Boden herum wie Hund und Katze. Unter seinem Rock trug er ein prächtiges Gewand mit drei goldgestickten Leoparden auf der Brust. Als ich dies sah, war ich zufrieden. Aber das tolle Mädchen Kate nahm an, ich hätte ernstliche Händel, und goss einen Kübel Wasser auf uns, der uns auseinanderbrachte; das Übrige wisst Ihr ja. Er ist kein Diener des Richard de Ashby, der arme Schelm hat höchstens zwei. Ich glaube eher, nachdem er längst seine Seele dem Teufel verkauft hat für Wohlleben und Semmelbrot, hat er jetzt das Einzige, was ihm noch zu verkaufen übrigblieb, nämlich seine Freunde, irgendeinem irdischen Teufel verhandelt für Gold, um damit die hübsche Kate Greenly zu gewinnen.«

Blawket ging ein paar Schritte in tiefem Nachsinnen weiter.

»Wahrhaftig«, sagte er endlich, »wenn diese Geschichte wahr ist – und ich zweifle nicht an dem, was Ihr sagt, guter Freund, sondern ich meine, wenn ich das alles meinem Herrn beweisen kann gibt es morgen einen Verräter weniger. Er gefiel mir nie, dieser Richard de Ashby; obgleich er so sanft und süßlich ist wie sein Vetter Alured hitzig und hochfahrend.«

»Es wird leicht zu beweisen sein«, versetzte sein Begleiter. »Klagt den Sir Richard, wenn Euer Lord und seine Freunde beisammen sind, frei und offen an, er habe einen Diener des Königs verkleidet mitgebracht, um ihre Beratungen auszuspionieren.«

»Nein, nicht so«, versetzte der Dienstmann. »Ich bin geübter, mit Lords umzugehen als Ihr. Das könnte Unheil anstiften zwischen den zwei Grafen. Nein, ich will einen Hader mit ihm anfangen in der Gasthofsküche, will ihn veranlassen, seinen Rock abzulegen, um ein paar Streiche mit mir zu probieren, und dann, wenn wir alle die Leoparden sehen, wollen wir ihn vor die Herren schleppen.«

»Zuerst erzählt alles Eurem Herrn«, sagte Hardy etwas finster. »Es kann wichtig für ihn sein, ohne Verzug zu wissen, mit wem er es zu tun hat.«

»Das will ich!«, versetzte der Mann. »Und ich will ihm meinen Plan, die Verräterei zu beweisen, mitteilen. Aber was ist das? Euer Haus, denke ich? Ihr habt einen trefflichen Haufen Söhne, wenn das alles Eure Kinder sind. Ein Scheibenschießen wird veranstaltet, so wahr ich lebe! Ja, jetzt sehe ich, was hier los ist!«

3

Ein lustiges Glockengeläute führte den Maimonat des Jahres 1265 ein, und eine glänzende Sonne stieg am Osthimmel empor und warf lange Lichtstreifen über die grünen Felder, welche von den Tautropfen der entschwundenen Nacht schimmerten. Der Frühling hatte sich in großer Schönheit eingestellt, beinahe alles Laub war schon auf den Bäumen, ausgenommen einige jener knorrigen alten Eichen, die in ihrer braunen Starrheit nicht geneigt schienen, die Livree des Frühlings anzulegen. Das Schneeglöckchen hatte schon seine Zeit gehabt, aber das Veilchen blühte noch und strömte seinen Wohlgeruch aus, und der Weißdorn schaukelte seine duftigen Blüten in den liebkosenden Lüften. Kurz, der fröhliche Monat Mai hatte seine Fahnen in jeder Hecke und in jedem Feld aufgesteckt und versprach einen schönen Sommer.

Manches Mädchen war, noch ehe die Sonne aufging, hinter den Anhöhen in der Ferne gewesen, um Maientau zu holen, der die Schönheit frisch erhalten sollte, und mancher Jüngling, die Blüte des Weißdorns suchend, hatte durch verabredeten Zufall das Mädchen, das er liebte, unter dem Liebesbaum getroffen. Der junge Harland jedoch hatte sich zwar auch nach Kate Greenly umgeschaut auf dem Platz, wo er sie voriges Jahr an demselben Tage gefunden hatte, aber diesmal vergebens. Als er, etwas verdrießlich über die Täuschung seiner Hoffnung, heimkehrte, hatte er sie in einer Gesellschaft munterer Mädchen getroffen, manchmal einstimmend in deren Gelächter, manchmal aber auch in tiefes, düsteres Grübeln versunken.

Ihre jungen Gespielinnen machten sich davon, um sie mit ihrem Liebhaber allein zu lassen, und Kate schritt rasch an seiner Seite heim, mit einem unbeständigen, wechselnden Wesen. Bald war sie munter und scharf, bald nachdenklich und traurig. Ihr Benehmen war so launenhaft wie ein Apriltag. Aber das war es schon oft gewesen, und er übersah den tieferen Schatten, der mit einer Schlimmes weissagenden Schwere alles umwölkte. Sie trennten sich vor dem Haus ihres Vaters, und der junge Ralph Harland wandte sich wieder heimwärts, an die Freuden des bevorstehenden Maientanzes denkend.

Der grüne Platz des Ortes, den wir schon beschrieben haben, war bereits mit allem versehen worden, was zu den Belustigungen des Tages erforderlich war. Der große Maibaum in der Mitte trug einen Blumenkranz, dessen Bänder lustig flatterten. Auch die übrigen Bäume waren mit Girlanden behängt, und selbst der alte Brunnen war mit Kränzen und Weißdornzweigen geschmückt. Vor der Tür des Gasthauses waren schon zu früher Stunde die verschiedenen Preise ausgestellt, welche die glücklichen Preiskämpfer in den ländlichen Spielen belohnen sollten. Sie waren der Hauptanziehungspunkt für manche Gruppe von neugierigen Jungen und Mädchen.

Der Maientanz zog zu jener Zeit auch einen Haufen von Musikanten herbei, und »Freier Trunk für die Spielleute!« war eine geläufige Redensart. Der erste Spielmann, der an diesem Tage auf dem grünen Platz von Barnesdale erschien, war ein Pfeifer mit seinem Dudelsack unter dem Arm. Er entlockte dem Instrument solche Töne, dass ihm beinahe sämtliche Hunde des Ortes bellend oder heulend folgten. Der gute Pfeifer jedoch schien dies gar nicht als ein schlechtes Kompliment anzusehen, sondern setzte sich auf die Bank vor der Tür des Wirtshauses nieder und spielte drauflos, bis auch einige menschliche Zuhörer herbeikamen, unter andern der Wirt selbst mit einem Krug schäumenden Ales, den er neben ihn hinstellte.

Der Pfeifer tat, wie alle Pfeifer pflegen, einen langen und herzhaften Zug, sah sich dann um und pries, wie sich von selbst verstand, die Vorbereitungen, die zu den Maientagsbelustigungen getroffen worden waren.

Ein Flötenspieler folgte bald und diesem dann ein Mann mit einer Leier; aber der Hauptmusikant, der Künstler auf der Geige, ohne den der Tanz nicht vollständig hätte abgehalten werden können, ließ, wie alle wichtigen Personen, auf sich warten. Als er endlich erschien, kam er, begleitet von seinem Gesinde, bestehend aus zwei langohrigen Kötern und einem Knaben, der seine Geige trug. Mit großer Würde und Vornehmheit nahm auch er seinen Weg sogleich in das Wirtshaus.

Nachdem die Spiele des Morgens vorüber waren und man das Mittagsmahl eingenommen hatte, versammelten sich die Mädchen des Dorfes, die ihre Kleidung wieder der leichteren Unterhaltung des Abends angepasst hatten, fröhlich auf dem Rasenplatz, um ihren ersten Tanz um den Maibaum zu beginnen.

Ralph Harland stand an Kates Seite und erkundigte sich angelegentlich und ängstlich, was sie so traurig mache, als er plötzlich aufhorchte.

Das Stampfen von drei oder vier Pferden, die sich in raschem Trab näherten, hatte zwar an einem so geräuschvollen Tag nichts Ungewöhnliches an sich, aber das Herz des jungen Mannes ward beklommen, und als er Richard de Ashby erkannte, der, von drei Dienern gefolgt und mit ungewöhnlichem Glanz gekleidet, daherritt, mochte wohl die Brust des jungen Freisassen von bitteren Empfindungen gequält werden, zumal er sie, die er liebte, rot und blass werden sah und in ihrer wechselnden Farbe die Bestätigung manch finsteren Argwohns las.

Derjenige, welcher diese Empfindungen erweckte, schien anfänglich gar keine Notiz zu nehmen von den fröhlichen Gruppen um ihn her. Er ritt direkt auf die niedrige Tür des Wirtshauses zu, die beinahe ganz versperrt wurde durch die behäbige Gestalt des Wirtes John Greenly, sprang dort leicht und anmutig vom Pferd und fragte so laut, das alle Umstehenden es hören konnten: »Ist der Graf von Ashby schon angekommen?«

Als dies verneint wurde, wandte er sich mit gleichgültiger Miene um und sagte: »Meiner Treu, dann muss ich mich eben auf eigene Faust unterhalten, bis mein edler Vetter kommt! Was geht denn hier eigentlich vor? Ein Maientanz? Wahrhaftig, da will ich auch teilnehmen. Hübsche Kate«, fuhr er fort und näherte sich ihr, »wollt Ihr mir Eure Hand reichen, damit ich Euch einmal um den Maibaum herumschwenken kann?«

»Sie ist mir zugesagt«, sagte Ralph Harland mit finsterer Miene, ehe Kate antworten konnte.

»Wirklich?«, rief Richard de Ashby, ihn von Kopf bis Fuß messend mit jenem kühlen Blick hochmütiger Verachtung, der so schwer zu ertragen und wegen dem es doch so schwierig ist, Händel anzufangen. »Nun gut, aber sie hat zwei Hände. Soll sie Euch eine reichen und mir die andere. Und diese hübsche kleine Jungfer«, fuhr er fort und wandte sich zu einem Mädchen von etwa dreizehn Jahren, »soll meine andere Hand nehmen. So ist alles ins Reine gebracht. Kommt, Meister Fiedler, lässt uns einen Tanz hören! Kommt, holde Kate, ich freue mich, diese schönen Glieder in der anmutigen Bewegung des Tanzes zu sehen!«

Der arme Ralph Harland! Es war einer der Augenblicke, wo es gleich schwer ist, zu handeln und nicht zu handeln, zumal für einen unerfahrenen jungen Mann, aufgewachsen in der beständigen Gewohnheit der Untertänigkeit gegen Personen höheren Ranges und Standes. Eine offene Beschimpfung, eine entschiedene Beleidigung würde er sofort am höchsten Haupt gerächt haben, das im Königreich herumstolzierte; aber er wusste nicht, wie er dem verdeckten Hohn, der verhüllten Niederträchtigkeit von Richard de Ashby begegnen sollte.

Ralph folgte trotzig und schweigsam zum Tanz, während Richard de Ashby ganz Liebenswürdigkeit, Zuversicht, Lächeln und Fröhlichkeit war. Sein Gespräch und seine Blicke gehörten nur Kate Greenly. Während sie tanzten, flüsterte er ihr zärtliche Worte ins Ohr, die niemand recht verstehen konnte, obgleich Ralph Harland auf jeden Ton lauschte, um gegebenenfalls mit dem Redenden Hader anzufangen.

Endlich verstummte die Musik, und der Tanz ging zu Ende, gerade als Richard de Ashby noch ein paar Worte an die hübsche Kate an seiner Seite richtete. Die plötzlich eintretende Stille machte die letzte Hälfte des Satzes vernehmlich: »... daher verliert keinen Augenblick!«

Ralph Harland ließ entrüstet Kates Hand los, und vor Richard de Ashby hintretend, rief er: »Um was zu tun?«

»Was geht das dich an, Bauer?«, fragte Richard de Ashby, gleichermaßen vor Zorn, dass seine Worte gehört worden waren, wie vor Hochmut errötend.

»Alles, was sie tut, geht mich an«, versetzte Ralph drohend, »wenn ich ihr Gatte werden soll. Und wenn ich es nicht werden sollte, wehe dem Mann, der sie ihre Zusage brechen macht!«

»Ihr seid unverschämt, Bauer«, versetzte der Vetter des Grafen mit verächtlichem Lächeln. »Nehmt Euch in Acht, oder Ihr bringt mich in Zorn!«

»Es soll ohne viel In-Acht-Nehmen geschehen«, entgegnete Ralph Harland, der jetzt keine Bedenken mehr kannte. »Lasst meinen Arm los, Kate, und ich will Euch und andern zeigen, aus welchen Eierschalen eines Lords Vetter besteht. Was kommt Ihr hierher, um unsere Freuden zu stören und unsre Maientagsspiele zu verderben? Nehmt das zur Erinnerung, an Ralph Harland!«, und er versetzte Richard de Ashby einen Faustschlag, der ihn zurücktaumeln ließ.

In diesem Augenblick eilten die drei Diener herbei, und einer von ihnen fing de Ashby in seinen Armen auf und hielt ihn, damit er nicht zu Boden fiel.

Dessen Schwert war nun aus der Scheide; die Waffen seiner Begleiter blieben auch nicht zurück, und alle vier stürzten auf den jungen Freisassen los mit dem Ruf: »Schneidet ihm die Ohren ab! Der Schurke hat sich erfrecht, einen Edelmann zu schlagen! Schneidet ihm die Ohren ab!«

Sämtliche Bewohner des Ortes wichen auseinanderstiebend zurück, ausgenommen zwei: Kate Greenly, die sich vor Richard de Ashby auf die Knie warf und ihn um Schonung für ihren Liebhaber bat, und Ralphs Vater, der, aus der Tür des Gasthauses herbeieilend, seinem Sohn einen derben Prügel in die Hand gab und rief: »Recht so, Ralph, mein Junge! Drisch sie alle zusammen! Hallo, Greenly, gebt mir auch einen Knüttel, dass ich ihm helfen kann!«

Einer von den Dienern schlug jedoch den alten Freisassen mit dem Schwertknauf zu Boden, während die zwei andern auf Ralph eindrangen. Der vorderste packte seinen linken Arm, und Richard de Ashby, Kate beiseiteschiebend, stürzte sich auf ihn, wobei er mit wilder Heftigkeit wiederholte: »Schneidet ihm die Ohren ab!«

Wahrscheinlich wäre der Befehl ohne Barmherzigkeit ausgeführt worden, hätte sich nicht plötzlich Verstärkung auf Ralphs Seite eingefunden.

Aus dem Fenster der Herberge sprang ein grüngekleideter Mann, ein Schwert an der Seite und in der Hand eine sechs Fuß lange Stange schwenkend. Unter dem linken Arm trug er ein Bündel Pfeile. Mit drei Sätzen legte er den Raum zwischen dem Wirtshaus und den Kämpfenden zurück. Den dritten Satz, der ihn auf gleiche Linie mit ihnen brachte, hatte er kaum getan, als er schon mit einem Schlag seiner Stange den Mann, der Ralph am linken Arm gefasst hatte, niederstreckte und mit einem zweiten Schlag Richard de Ashbys Schwert weit über dessen Kopf hinweg in die Lüfte schleuderte.

Nach einem Blick auf den Mann, den er niedergeschlagen hatte, rief er aus: »Haha, mein alter Bekannter! Als wir neulich miteinander in der Herberge dort zu Fall kamen, dachte ich mir gleich, wir würden uns wieder treffen. Ehrliches Spiel! Nicht vier gegen einen! Geht Ihr hinein, Kate Leichtsinn! Geht aus dem Wege, dass Euch kein Leid geschieht! Der Tag könnte leicht nicht so gut enden, wie er angefangen hat. Ehrliches Spiel, sage ich, oder wir rufen Verstärkung herbei!«

Richard de Ashby sah sich voll Wut nach seinem Schwert um und legte die Hand an den Dolch, den er an seiner rechten Seite trug. Aber der Anblick, der sich ihm darbot, als er nach dem Gasthaus blickte, war wohl geeignet, den Ausdruck seiner Wut zu mäßigen. Acht bis neun Männer, alle wie Hardy in knappe Röcke von grünem Tuch gekleidet, kamen in raschem Lauf hinter dem Hause hervor, und ihr Aufzug ließ wenig Zweifel daran, dass sie Verbündete des zuerst Angekommenen waren, in dem er jetzt mit nicht geringem Erstaunen den blaunasigen alten Bauern erkannte, den er kürzlich mit seinen Dienern sich hatte balgen sehen. Der Buckel war freilich weg, und auch alle Zeichen der Schwäche waren verschwunden; aber das Gesicht war nicht zu verkennen, und Richard de Ashbys Miene umwölkte sich bei dem Anblick.

Er war indessen kein Feigling. Unter den vielen Lastern und Fehlern, die so manchen vom normannischen Adel jener Zeit entwürdigten, fand sich Feigheit selten. Sie waren Leute des Schwerts und nie abgeneigt, sich desselben zu bedienen.

Sein erster Gedanke war also, sich bis auf den Tod zu widersetzen, der nächste aber, wie er den Widerstand aufs vorteilhafteste leisten könne. So nahm er denn sein Schwert an sich, das einer seiner Diener aufgehoben hatte, und richtete sein Augenmerk auf die Baumgruppe. Aber Harland und der Mann in Grün, nebst einem ganzen Schwarm von Einwohnern des Ortes, deren zornige Gesichter ihm nichts Gutes voraussagten, stellten sich ihm augenblicklich in den Weg, so dass ihm keine andere Möglichkeit zu bleiben schien, als sich zur Tür der Herberge zurückzuziehen.

Der erste Schritt jedoch, den er in diese Richtung machte, veranlasste eine rasche Bewegung von Seiten der Freibauern oder Waidmänner, oder was die grüngekleideten Männer sonst sein mochten. Sie schnitten ihm blitzschnell auch diesen Zufluchtsort ab, und Hardy rief: »Vertretet ihm den Kirchenpfad, Much! Jetzt, Junker Richard de Ashby, hört ein paar Worte! Ihr seid hierhergekommen mit keinen guten Absichten, und wir brauchen Euch nicht mehr hier. Aber Ihr sollt freie Wahl haben zwischen drei Dingen: Entweder sollt Ihr auf Euer Pferd steigen, fortreiten und schwören, nie wieder einen Fuß auf diesen Platz zu setzen, oder ...«

»Ich will nicht«, antwortete Richard de Ashby trotzig.

»Gut«, fuhr Hardy fort. »Wenn es so ist, sollt Ihr hier mitten auf den Platz treten, Schwert und Dolch ablegen, dafür einen dicken Prügel in die Faust nehmen und zusehen, ob nicht, bei gleichen Waffen, der junge Ralph Harland Euch wie eine Weizengarbe zusammendreschen wird.«

»Mit einem Bauern auf Prügel fechten!«, rief Richard de Ashby empört. »Das will ich nicht!«

»Gut denn; das Dritte gefällt Euch vielleicht noch weniger«, sagte Hardy kalt. »Ich habe Euch nichts anderes anzutragen, als dass wir alle über Euch und die Eurigen herfallen und Euch durchprügeln auf dass Ihr an uns denkt, solange Ihr Euch einen Mann nennt.«

»Ermordet uns, wenn Ihr wollt«, sagte Richard de Ashby verstockt. »Wir werden unser Leben teuer verkaufen!«

»Ich bin da nicht sicher, würdiger Herr«, sagte der Mann mit der Purpurnase. »Wir haben keine Lust, mehr Leute durchzudreschen als eben nötig ist, und so mögen Eure Diener sich wegbegeben, wenn sie wollen. Lauft, Freunde, lauft, wenn es Euch beliebt. Aber beeilt Euch, denn mein Knüttel lechzt danach, mit Eures Gebieters Ohren Bekanntschaft zu machen.« Und mit diesen Worten schwenkte er ihn in der Hand wie Windmühlenflügel.

Einer von den Männern brauchte nicht viel Zeit zur Überlegung, sondern gab Fersengeld, so schnell er nur laufen konnte. Ein Zweiter bedachte sich eine kleine Weile und entfernte sich dann langsam mit den Worten: »Es nützt nichts, gegen eine solche Übermacht zu kämpfen.« Der Dritte jedoch, Hardys alter Gegner von der Herberge her, stellte sich neben Richard de Ashby und sagte: »Ich will zu Euch stehen, Sir!« Dann fügte er leiser noch etwas hinzu.

»Jetzt, Much, und Ihr, Tim von der Mühle«, rief Hardy, »lasst uns alle auf einmal über sie herfallen! Schlagt ihre Schwerter mit euren Schilden nieder und bindet ihnen die Hände. Dann wollen wir den Sackpfeifer ihnen voraustreten lassen und sie prügeln bis halbwegs nach Pontefract. Schnell, schnell! Ich sehe den Priester kommen, und der wird den Friedensstifter machen wollen!«

Aber kaum war der erste Schritt zum Angriff getan, als das Schmettern einer Trompete auf der Landstraße ertönte und verschiedene der Dorfleute riefen: »Lasst ab!« – »Wartet!« – »Lauft, Meister Hardy. Da kommen die Lords, von denen Greenly sprach!«

Nun kamen zwei vornehm gekleidete Herren langsam an der Spitze von etwa fünfzig Reitern die Straße herauf auf den Rasenplatz zu geritten. Hardy, als er sah, dass der Tag nicht sein Glückstag bleiben würde, wollte eben weiter, um sich seinen Gefährten auf der anderen Seite anzuschließen, als Richard de Ashby sich ihm in den Weg warf und mit dem Schwert einen Streich gegen ihn führte. Der stämmige Freibauer parierte ihn leicht mit seinem Knüttel und stieß seinen Gegner mit dem Ende desselben vor die Brust, wodurch er sich freien Weg bahnte. Gleich darauf stand er an der Spitze der Waidmänner.

»Kommt mit uns, Harland!«, rief er. »Es ist besser für Euch, wenn Ihr Euch entfernt!«

Richard de Ashby jedoch, dem sich nähernden Trupp von Edelleuten mit der Hand winkend, schrie: »Haltet sie auf! Ich bin schwer misshandelt und beinahe ermordet worden! Lasst Eure Leute sie umzingeln, mein Lord!«

Ein Wort, ein Zeichen von einem älteren Mann an der Spitze des Trupps ließ in einem Augenblick etwa zwanzig von den Reitern ihre Pferde in Galopp setzen, um die Waidmänner von der Straße nach der Kirche abzuschneiden. Diese jedoch begegneten dem sehr kaltblütig. Sie nahmen ihre Bogen von der Schulter, spannten sie, und legten jeder einen Pfeil auf die Sehne, mit einer ruhigen Bedächtigkeit, welche bewies, dass sie solche Begegnungen durchaus gewohnt waren.

Die meisten Einwohner flüchteten inzwischen in die benachbarten Häuser oder eilten auf der Straße fort. Etwa sieben stämmige Bauern aber, zum Teil mit Schwertern und Bogen bewaffnet, blieben bei den Waidmännern stehen und schienen sehr geneigt, an dem Kampf teilzunehmen.

So standen die Sachen, als der Priester, den man vorhin aus seinem Hause hatte treten sehen, jetzt auf die Gruppe von Edelleuten zueilte, die sich, ohne von ihren Pferden zu steigen, um Richard de Ashby versammelt hatten. Seine Aufgabe war natürlich, Frieden und Sanftmut zu predigen. Obgleich sein Gesicht rund und rosenfarbig und seine Gestalt füllig war und deutlich ein gutes Leben und Neigung zum Genuss verriet, erfordert doch die Gerechtigkeit, zu sagen, dass er seiner Gemeinde nicht nur das Gebot des Friedens und der Ruhe mit Eifer einschärfte, sondern auch Richard de Ashby schalt wegen seines Benehmens im Ort. Er hielt nicht hinter dem Berge damit, dass er von seinem Tun und Treiben mehr wusste, als diesem Herrn irgend lieb war.

Der Priester redete noch; die Waidmänner zogen sich langsam in Richtung Kirche zurück, ohne sich um die ihnen im Wege stehenden Reiter zu kümmern. Zwei oder drei ältere Herren liehen den Worten des Geistlichen ein aufmerksames Ohr. Zwei junge Herren, einen Schritt weiter hinten, hielten sich etwas entfernt voneinander; es schien keine große Freundschaft zwischen ihnen zu bestehen. Plötzlich setzte der eine das herrliche Pferd, auf dem er saß, in einen raschen Galopp und ritt gerade auf die Waidmänner los.

In der Meinung, seine Absicht sei feindselig, erhoben diese alle zugleich ihre Bogen, und jeder zog den Pfeil bis ans Ohr. Als sie aber bemerkten, dass niemand ihm folgte, nahmen sie ein friedlicheres Aussehen an. Einer von den alten Herren, die er verlassen hatte, rief dem jungen Edelmann laut nach, zurückzukommen. Aber er ritt nicht nur weiter, sondern sprang auch, zum Erstaunen aller, bei der Gruppe der Waldleute angekommen, vom Pferde und fasste mit Wärme die Hand des jungen Harland.

Dieser Vorgang zog nun die Aufmerksamkeit aller nach dieser Seite hin, und der Schluss der Rede des Priesters ward nur wenig beachtet. Aber auf sein Verlangen schickte einer der Herren einen Diener an die Reiter bei der Kirche ab, um ihnen zu sagen, dass sie nichts ohne weiteren Befehl unternehmen sollten.

Mittlerweile fand eine kurze Unterredung zwischen dem jungen Edelmann und dem Freisassen statt, worauf jener sein Pferd wieder bestieg, zu dem Reitertrupp zurückritt und sagte: »Darf ich mir einige Worte erlauben, meine Lords?«

»Natürlich«, rief Richard de Ashby, »Lord Hugh ergreift gegen mich Partei, oder es müsste nicht das Blut der Monthermer in seinen Adern fließen!«

»Nicht so!«, versetzte der junge Hugh de Monthermer. »Alle alten Fehden zwischen unsern Familien sind – dank der Weisheit dieser zwei edlen Grafen – abgetan. Niemand freut sich mehr über die jetzt zwischen unsern Häusern bestehende Freundschaft als ich, niemand kann ernstlicher danach trachten, sie aufrechtzuerhalten. Ich wollte nur sagen, was ich soeben gehört habe. Der junge Mann, mit dem ich gesprochen habe, ist so redlich und treu als nur irgendein Ritter oder Edelmann in der Welt. Er hat mir einmal einen großen Dienst geleistet, und niemand soll ihm ein Leid antun. Dafür verpfände ich meinen Namen und meine Ehre als Ritter. Er sagt mir nun aber, dieser werte Edelmann hier habe eine Neigung zu seiner Braut gefasst, dränge sich bei ihren Maientagsbelustigungen ein und gebe, die Vorrechte des Edelmannes etwas weit ausdehnend, vor seinen Augen den Liebhaber des Mädchens. Seine Geduld, scheint es, reicht dafür nicht. So schlug er unsern Freund Sir Richard, der dann wieder, das Schwert in der Hand, mit seinen drei Dienern ihn anfiel. Da mischten die Männer vom Sherwood sich ein, um darauf zu achten, dass es ein ehrliches Spiel würde.«

»Das alles ist wahr, ich zweifle nicht daran!«, rief der Priester mit beschwörend erhobenen Händen. »Denn ich ...«

»Schaut, schaut!«, schrie Richard de Ashby. »Während Ihr solches Geschwätz anhört, entfliehen sie! Sie treten in das Haus des Priesters, so wahr ich lebe!«

Während er sprach, rief eine laute Stimme von der andern Seite des Rasenplatzes herüber: »Es gilt Richard de Ashbys Mütze!«

Alle Augen wandten sich sogleich nach dieser Richtung, wo an der Tür des Pfarrhauses noch zwei oder drei Waidmänner sichtbar waren. Ganz vorn stand der Mann, den sie Hardy nannten, und er wiederholte mit überlauter Stimme: »Es gilt Richard de Ashbys Mütze!«

Sobald er sah, dass er die allgemeine Aufmerksamkeit erregt hatte, hob er plötzlich den Bogen, spannte ihn, und ein Pfeil schwirrte durch die Luft. Richard de Ashby war, da nun klar war, dass der Schütze ihn zum Ziel nahm, auf die Seite gewichen; aber der Waidmann hatte ebenfalls, während er den Pfeil von der Sehne schnellen ließ, die Richtung seines Armes geändert, und das Geschoss traf mit nicht irrender Sicherheit den Hut Richard de Ashbys und blieb in seinen Haaren stecken. Als dieser ihn erblassend und mit leicht zitternder Hand herauszog, las er die mit schwarzen Buchstaben in das Holz eingeätzten Worte: »Scathelock! Gedenke!«

Die Edelleute reichten einer dem andern den Pfeil, lasen den Namen und das folgende Wort und sahen dann einander mit bedeutungsvollen Mienen an.

»Ruft die Reiter zurück«, sagte einer der älteren Herren. »Diese Männer sind auf und davon, und es ist recht so.«

4

Nach diesem für die damaligen Zeiten keineswegs ungewöhnlichen Zwischenfall wurden die Spiele auf dem grünen Platz von Barnesdale nicht wieder aufgenommen, und all die Kurzweil und Unterhaltung, womit in der Regel der Maientag abschloss, waren vergessen. Die Einwohner und die Leute vom Lande hatten sich nach Hause begeben, und das Gasthaus wurde den Edelleuten und ihrem Gefolge überlassen. Es wurden Maßnahmen getroffen, um den Männern von hohem Rang Zimmer bereitzustellen, die, wenn sie auch nicht ihrem Stande entsprachen, doch wenigstens einige Behaglichkeit boten. Rollbetten fanden sich für Pagen und Knappen, und Stroh ward hingeschüttet für die Dienstmänner, welche gewohnt waren, vor den Türschwellen der Schlafzimmer ihrer Herren zu liegen. Das alles verursachte natürlich viel Getöse und Verwirrung; neben den Menschen waren auch die Pferde zu versorgen, und oft hörte man den Wirt laut nach seiner Tochter Kate rufen.

»Ja, Meister Greenly«, sagte die Zapferin zum Wirt, »es ist der Abend des Maientags, bedenkt das. Die hübsche Kate hat wohl zwanzig Burschen, die ihr den Hof machen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie und der junge Harland in diesem Augenblick sich hinter der Kirche küssten und die Sache ins Reine brächten.«

»Ich fürchte«, versetzte der Wirt, »sie wird vierzehn Tage brauchen, um mit der Sache ins Reine zu kommen. Kate ist ein einfältiges Mädchen, sie könnte nicht besser für sich sorgen, als wenn sie den jungen Harland nähme. Sein Vater ist so reich wie eine Abtei und so gastlich wie ein Grafschaftsritter. Lauft hinaus, Bessy, und seht, ob Ihr sie irgendwo finden könnt.«

Mittlerweile hatten die Lords von der kleinen Gaststube Besitz ergriffen, und ein Koch, den die Gesellschaft mitgebracht hatte, bereitete in der Küche ein Abendessen für die Herren. Die kleine Zahl der in der Gaststube versammelten Personen rechtfertigte zwar nicht die große Fülle von guten Sachen, die der Koch mit großer Geschäftigkeit zubereitete; aber er dachte auch daran, dass er selbst und der Wirt satt werden wollten und dass die Diener der anwesenden Lords nebst den Günstlingen und Freunden im Gefolge seines eigenen Gebieters erwarten durften, so gut wie ihre Herren versorgt zu werden.

Zu den wichtigsten Edelleuten, die in der Gaststube versammelt waren und auf das Essen warteten, gehörten in erster Linie die Herren von Ashby und von Monthermer.

Der Graf von Ashby war über die besten Jahre hinaus und von hitzigster Gemütsart. Das Alter jedoch hatte sein feuriges Blut einigermaßen gezähmt, und seine Vorliebe für die Freuden der Tafel nebst einer nicht geringen Neigung zu gutem, altem Wein hatten ihn etwas träge gemacht.

Er hatte aber nach wie vor eine hohe Meinung von seiner Wichtigkeit und betrachtete seine Geschicklichkeit in den Waffen sowie seine Weisheit im Rat als mindestens so groß wie die der Ersten im Lande. Wenn er einmal auf seinem Ross saß, von Kopf bis Fuß bewaffnet, so konnte er immer noch einen Schlag führen und einen Angriff machen. Auch sein Urteil war gesund, wenn es nicht durch Leidenschaften getrübt wurde. Dennoch lag in seinem Charakter eine gewisse schwankende Unstetigkeit, die ihn zu einem nicht gerade zuverlässigen Bundesgenossen machte.

Sein Sohn, Alured de Ashby, glich in vielen Punkten seinem Vater, aber auch Eigenschaften seiner Mutter waren auf ihn übergegangen, vor allem ein hartnäckiger Stolz, jedoch ohne den mildernden Einfluss von Herzensgüte und Zärtlichkeit, die seine Mutter in starkem Maße besessen hatte. Er war keineswegs talentlos, war ein so tüchtiger Ritter, als nur je einer im Sattel saß, und hatte sich bei vielen Kriegszügen jener Zeit ausgezeichnet. Er war zudem ein durchaus ehrenhafter Mann, hielt sein Wort pünktlich und war großmütig und freigebig. Eine ritterliche Eigenschaft allerdings fehlte ihm. Er fragte wenig nach Liebe, und es war nach seiner Mutter Tod nur ein Wesen auf der Welt, für das er wirkliche Zärtlichkeit empfand: seine Schwester Lucy, die neun Jahre jünger war als er. Vielleicht liebte er sie, weil sie in jeder Beziehung gerade das Gegenteil von ihm war: sanft und doch heiter, lebhaft und zärtlich anschmiegsam, aber mit einem Anflug von trotzigem Unabhängigkeitssinn.

Von ihr wird später mehr zu berichten sein. Wenden wir uns jetzt dem alten Lord von Monthermer zu, dessen treuer Dienstmann Blawket schon bekannt ist. Lord von Monthermer, »der alte Graf« genannt, stand im neunundfünfzigsten Jahre und war, da er den größeren Teil seines Lebens im Lagerzelt und auf dem Schlachtfeld zugebracht hatte, körperlich ziemlich zerrüttet, obgleich er den Namen wohl verdient hatte, der ihm in früheren Jahren gegeben worden war. Damals hatten ihn die Leute wegen seines unerschütterlichen Mutes den »Eisernen Monthermer« genannt. Er war noch immer stark, wenn auch dürr und mager von Gestalt; eine gesunde Farbe bedeckte sein Gesicht, das etwas ungemein Einnehmendes an sich hatte, und man konnte darin sowohl Herzensgüte als auch Festigkeit und Entschiedenheit des Charakters lesen. Er war reich, aber nicht verschwenderisch gekleidet und trug in Friedenszeiten nicht die förmliche Bewaffnung der Ritter.

Der junge Mann, der ihm gegenübersaß, war sein einziger Neffe, Hugh de Monthermer, von allen, die ihn kannten, »Lord Hugh« genannt. Er war der junge Edelmann, der nach dem Streit zwischen Richard de Ashby und Ralph Harland so warm für den jungen Freisassen eingetreten war. Obwohl der einzige Erbe des alten Grafen, war Lord Hugh von ihm doch vollständig unabhängig. Sein Vater war schon lange tot, und da er seine Erziehung unter seinem Oheim erhalten hatte, schloss er sich immer noch ganz an diesen Edelmann an, ehrte ihn wie einen Vater und wurde von ihm wie ein Sohn behandelt. Er war etwa vier oder fünf Jahre jünger als Alured de Ashby, hatte sich aber dennoch schon einen ansehnlichen Ruf in den Waffen erworben. Er war von Gestalt dem Grafen ähnlich, sein Gesicht wirkte jungenhaft, seine braunen Augen waren voll Glanz und Feuer, und ein offenes, etwas sarkastisches Lächeln spielte häufig um seinen Mund.

In einer Beziehung war Hugh de Monthermer vielen seiner Zeitgenossen überlegen: Er hatte verschiedene fremde Sprachen gelernt und sich ein gewisses Maß an gelehrter Bildung erworben, was hin und wieder Neid bei denen erweckte, die selbst nichts anderes als körperliche Fertigkeiten besaßen. Zu diesen gehörte auch Alured de Ashby, der deshalb Hugh de Monthermers kriegerische Talente gern als gering einschätzte. Hugh de Monthermer ließ sich davon nicht beirren. Aus ganz besonderen Gründen lag es ihm nicht wenig am Herzen, die Freundschaft des Hauses Ashby zu gewinnen, das viele Jahre lang dem seinigen entfremdet gewesen war durch eine jener erbitterten Fehden, die damals so oft zwischen den Adelshäusern des Landes herrschten. Zu einer Aussöhnung der beiden Familien war es erst vor kurzem gekommen, und sie konnte kaum herzlich genannt werden, obgleich sie ihr gemeinsames Eintreten für Simon de Montforts Sache häufig in vertrauten Umgang miteinander brachte.

Die Kleidung des jungen Lord Hugh war nicht so anspruchslos wie die seines Oheims. Obgleich die Farben dunkel, war doch die Stickerei reich und kostbar. Zu weit trieb er es aber nicht, denn mit Ausnahme des weiten Waffenrocks schloss sich ihm sein ganzer übriger Anzug so knapp wie möglich an, und es gab nichts, was die freie Bewegung seiner Glieder behindern konnte.

Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen reichen und mächtigen Edelleuten, die jedoch von minderer Bedeutung als die zwei erwähnten Grafen waren.

Natürlich bildeten die Ereignisse, die soeben auf dem Rasenplatz vorgefallen waren, den Hauptgegenstand des Gesprächs. Die jüngeren Männer lachten bloß über den Vorfall. »Ihr müsst Euch eine schöne Dame gewinnen, um das Loch in Eurem Hut steppen zu lassen, Richard«, sagte Lord Alured spöttisch.

»Mich wundert«, fügte ein anderer der jungen Edelleute hinzu, »dass der Pfeil nicht eine der weichen Locken mitnahm.«

»Dann hätte er mit Recht den Namen ›Scathelock‹ verdient«, bemerkte ein Dritter.

Die älteren Herren jedoch behandelten die Sache ernsthafter. Der Graf von Ashby tadelte seinen Verwandten mit zorniger Miene wegen seiner Zügellosigkeit und stellte ihm mit großem Nachdruck den Schaden dar, den er anrichtete, wenn Edelleute sich beim Volk in schlechten Ruf brachten.

»Wisst Ihr nicht«, sagte er, »dass gegenwärtig die Edelleute zwischen dem König samt seinen ausländischen Lieblingen und dem Volk die Wahl zu treffen haben? Selbstverständlich müssen wir auf die Seite des Volkes treten, dies ist unser Halt und unsere Stärke, und wir müssen in allen Dingen vermeiden, ihm etwa Anlass zu berechtigten Klagen zu geben. Scathelock? Scathelock? Ich habe den Namen schon gehört!«

»Ihr müsst ihn sogar schon oft gehört haben, mein Vater«, sagte Alured de Ashby. »Es ist der Name eines unserer guten Freibeuter im Walde von Sherwood. Ich habe den Mann bereits zweimal in der Nachbarschaft unseres Schlosses gesehen.«

»Ihn zweimal gesehen und ihn nicht festgenommen?«, schrie Richard de Ashby mit auffallender Betonung.

»Das verhüte der Himmel!«, erwiderte Alured lachend. »Einen guten englischen Freibauern wegen seiner Vorliebe für des Königs Wildbret? Wenn Heinrich uns seine Forste öffnen und nicht stolzen Franzosen und Spaniern Rechte einräumen würde, die er uns verweigert, so könnten wir ihm schon in solchen Dingen beistehen; aber so wie es jetzt ist, soll kein Freijäger je von unsern Leuten oder auf unserem Grund und Boden verhaftet werden.«

Graf von Monthermer und sein Neffe schwiegen und überließen die Zurechtweisung Richard de Ashbys seinen eigenen Verwandten, denn sie kannten die Empfindlichkeit der mit ihnen verbündeten Edelleute wohl und waren beflissen, jeden Streit und Verdruss zu vermeiden.

»Verzeiht ein altes Sprichwort, Alured«, versetzte nun Richard. »Es heißt: Vögel von gleichen Federn fliegen miteinander! Vielleicht seid Ihr selbst, da Ihr solches Gefallen an Wilddieben habt, dem Wildbret des Königs nicht abgeneigt?«

»Ein unglückliches Sprichwort für Euch, Richard«, sagte der junge Lord, während seines Vaters Wange sich einigermaßen rötete. »Wenn wahr ist, was wir gehört haben, so sind die Vögel, mit welchen Ihr fliegt, nicht eben die, welche unseren gegenwärtigen Zwecken gemäß sind.«

»Was Ihr schon wieder gehört habt!«, rief Richard de Ashby und wurde blass. »Wenn Ihr irgendetwas gegen mich vorzubringen habt«, fuhr er nach kurzem Besinnen fort, wandte sich zu Hugh de Monthermer und verbeugte sich tief, »so weiß ich, aus welchem Munde es stammt.«

»Ihr irrt Euch, Sir«, sagte Hugh finster. »Die Achtung vor diesen zwei edlen Lords, Euern Verwandten, hat mir den dringenden Wunsch eingegeben, dass keinerlei Anschuldigung gegen Euch von irgendeinem unserer Leute erhoben werde. Das wissen sie wohl.«

»Und sie wissen auch«, fügte der alte Graf Monthermer hinzu, »dass sowohl ich als auch mein Neffe von Anfang an erklärt haben, dass wir Euch für rein von aller Mitwisserschaft des Umstandes halten, selbst wenn sich dessen Wahrheit erweisen sollte.«

»Welches Umstandes?«, fragte Richard mit leiser Stimme und mit unsicher umherschweifenden Augen, was einen nicht sehr günstigen Eindruck auf die übrigen Anwesenden machte, die sein Gesicht beobachteten. »Welches Umstandes, mein Lord? Doch jede Anschuldigung von einem Monthermer oder von einem aus dem Gefolge der Monthermer gegen einen Ashby sollte, dünkt mich, mit einiger Vorsicht betrachtet werden!«

»Gewiss!«, stimmte ihm Alured de Ashby mit Nachdruck zu.

Aber zur Überraschung beider sagte auch der alte Graf von Monthermer: »Gewiss! Alte Fehden, selbst wenn sie glücklich beigelegt wurden, lassen doch immer einigen Argwohn zurück, und dies mag zu einer Anschuldigung geführt haben, der ich nicht einen Moment mein Ohr geliehen haben würde, hätte nicht mein guter Freund Lord Ashby hier darauf bestanden, dass sie untersucht wird. Die Anschuldigung geht dahin, Sir Richard, dass Ihr unter Euren Dienern einen ... Spion des Königs habt. Diese Entdeckung wurde mir von meinem Dienstmann Blawket berichtet, der beteuert, er habe den Mann bei Euch gesehen. Sir, Ihr scheint aufgeregt, und mir ist klar, dass eine solche Anschuldigung jeden Gentleman sehr treffen muss. Aber Lord Ashby weiß wohl, dass ich vom ersten Augenblick an meine Überzeugung von Eurer Schuldlosigkeit bei dem ganzen Handel erklärt habe.«

»Ich versichere Euch, mein Lord ... bei meiner Ehre, Ihr Herren ... glaubt mir ...«, rief Richard de Ashby stockend. »Es ist nicht... nicht wahr ... Der Mann ist ein Lügner!«

»Nein, Sir Richard, nein!«, sagte Hugh de Monthermer rasch. »Der Mann ist kein Lügner, sondern ein so ehrlicher Dienstmann, wie nur je einer lebte. Ihr könnt hintergangen worden sein, Sir Richard«, fuhr er fort, und ein leises Lächeln zuckte um seinen Mund. »Es kann uns allen gelegentlich begegnen, dass wir ...

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