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Riyala - Tochter der Edelsteinwelt 1: Kristallmagie

Antje Ippensen

Riyala - Tochter der Edelsteinwelt 1: Kristallmagie

Fantasy





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Riyala – Tochter der Edelsteinwelt 1

Kristallmagie

Fantasyroman

von Antje Ippensen

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by author und Edition Bärenklau Jörg Munsonius

© Titelbild Steve Mayer

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1. Kapitel: Frei

Der silbergraue Raubvogel stieß sich von ihrem lederumhüllten Unterarm ab und flog. Sie hörte seinen rauen Schrei ... dann flog der Falke in den tiefblauen Himmel hinein, und seine schlanke Silhouette schrumpfte rasch zu einem Punkt zusammen.

Riyala, Tochter der Matriarchin und des Heros der Stadt Co-Lha, seufzte tief auf. Wie sehr wünschte sie sich, es dem Vogel gleichtun zu können ...! Einfach weg von hier. Auf und davon.

Doch schon seit geraumer Zeit war es ihr nicht mehr erlaubt, die Stadt zu verlassen. Ihr blieb nichts, als hier an den äußeren Zinnen des Burgturms zu stehen und sehnsüchtig dem Falken nachzuschauen ... nicht sehr lange, und er würde zurückkehren, eine kleine Beute in den Fängen, denn sie hatte ihn sehr gut abgerichtet. Markho, der Falkner, hatte sie alles gelehrt, was er selber wusste.

Riyala stützte beide Ellbogen auf die Mauer und schaute verdrossen in die Tiefe. Jenseits des breiten, ausgetrockneten Grabens, der sich um die gesamte Stadt zog, sah sie wieder einmal ein Grüppchen von Landvolk-Bettlern. Die Leute lungerten da herum in der Hoffnung, dass ihnen eine mitleidige Seele unter den Zinnenwächtern Essensreste herunterwerfen würde. Das geschah in letzter Zeit nicht mehr sehr oft, da man sich sogar innerhalb der Stadt Co-Lha genötigt sah, die Nahrungsmittel zu rationieren. – Einmal innerhalb eines Mondzyklus ließ der Heros, Riyalas Vater, trotzdem immer noch eine größere Ladung Nahrungsmittel in Körben von der Stadtmauer herab, um die schlimmste Not der „Draußen-Menschen“ zu lindern. Es war zwar wenig mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber immer noch besser als nichts.

Riyala beobachtete die Armen dort unten und verspürte plötzlich Durst. Sie griff nach der Lederflasche an ihrem Gürtel und nahm einen tiefen Schluck vom kühlenden Nass. Es schmeckte ein kleines bisschen brackig, und sie rümpfte ihre schmale Nase.

In der Stadt musste man immer tiefer bohren, um das Wasser aus den Brunnen zu fördern. Jedoch deutete nichts darauf hin, dass die Brunnen etwa am Versiegen gewesen wären, und man konnte das Wasser mit Kräutern würzen, um den schlechten Geschmack zu überdecken. Riyala wusste zwar, dass die landbebauenden Co-Lhaner sogar viele Meilen zurücklegen mussten, um noch Wasser zu finden, aber sie verschwendete kaum einen Gedanken daran.

Was sie viel mehr beschäftigte, war ihre eigene Langeweile. Aus den Falten ihres mit Gold und Silber bestickten Gewandes zog sie einen kleinen Spiegel hervor und betrachtete ihr Gesicht. Sie wusste, dass sie sehr hübsch war mit ihren ebenmäßigen Zügen, den hohen Wangenknochen und ganz leicht schräggeschnittenen Augen von türkisgrüner Färbung. Ihr zarter und heller Teint ließ ihre Lippen, ihre zierlichen Augenbrauen und die blauschwarzen Wimpern gut zur Geltung kommen. Das lange Haar – links silberblond, rechts kupferrot – war zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten.

Heute funkelten ihre Augen besonders erlebnishungrig, fand Riyala – sie musste raus aus der Mondburg, sie wollte sich amüsieren und ablenken, endlich einmal etwas anderes sehen! Wenigstens in der von Menschen überfüllten Stadt durfte sie ja noch umherschlendern, wenn sie sich nur einen überzeugenden Vorwand ausdachte.

In diesem Moment sah sie ihren Falken zurückkommen. Mit schnellen, kreisenden Flügelschwüngen kam er näher, so wie immer, und seine junge Herrin streckte bereits ihren Arm aus. Doch urplötzlich, als habe ihn etwas erschreckt, machte der Raubvogel eine scharfe Kehrtwendung und stieß einen schrillen Ruf aus.

Was war nur los mit ihm? Riyala runzelte ihre glatte Stirn und blickte sich nach allen Seiten um, konnte aber nichts Furchteinflößendes entdecken. Und ihr Falke besaß ein mutiges Herz; noch nicht einmal Blaue Riesenadler konnten ihn in Schrecken versetzen.

Für einen kurzen Moment fühlte sich das Mädchen wie von einem gestaltlosen Schatten kommenden Unheils berührt. War es nicht so gewesen, als habe der Falke Angst vor ihr, Riyala, gehabt ...? Dann war diese flüchtige Empfindung schon wieder vorüber.

Der Falke verschwand über den Dächern der Stadt.

„Riyala! Riyala! Ja wo bleibt Ihr denn, mein Kind?“

Beim Klang dieser Stimme drehte sich Riyala rasch um und sah ihre rundliche Dienerin Lania, die soeben um die Wölbung des Burgturms herumkam. – Wie bei allen älteren Co-Lhanern hatte Lanias Haar eine einheitliche Farbe angenommen; in ihrem Fall mausbraun. Sie trug es in einem hochgesteckten Zopf, aber unbedeckt wie alle Frauen, gleich welcher Schicht sie angehörten.

Das plötzliche Erscheinen Lanias und ihre vorwurfsvollen Worte hatten das Rot des Ärgers in Riyalas Wangen steigen lassen. Auf einmal fiel ihr ein, was für ein Tag heute war.

„Was fange ich nur mit Euch an! Ihr seid so pflichtvergessen wie ein Gauklermädchen!“, klagte die ältere Frau, die auch Riyalas Amme gewesen war und sie also von kleinauf kannte. Sie stand nun dicht vor ihrem Schützling, mit ungehalten blitzenden, eisengrauen Augen. Obwohl fast einen Kopf kleiner als Riyala, war Lania eine sehr energische Person und konnte auch recht streng sein.

„Ihr müsstet schon längst im Silbernen Saal sein, damit ich Euch auf die Zeremonie vorbereiten kann, und das wisst Ihr auch sehr gut, nicht wahr? Weshalb trödelt Ihr also noch hier herum?“

Die scheltende Stimme der Amme schmerzte geradezu in Riyalas Ohren und riss sie aus ihren bunten Träumen von Freiheit und Abenteuern.

Ja, in ein paar Stunden begann das geheiligte Mond-und-Sterne-Ritual, das die Herrscherfamilie von Co-Lha durchführte, um dem notleidenden Land zu helfen ... Eben darum trug Riyala ja auch bereits das kostbare zeremonielle Gewand. Sie hatte das schlichtweg verdrängt.

Hastig suchte sie nach einer Ausrede. „Verzeih mir, Lania ... Hör zu, ich – ich mache mir Sorgen um meinen Falken. Er muss aber jede Minute zurück sein. Geh doch schon voraus in den Saal, ich komme gleich nach.“

Lania starrte sie noch ein paar Sekunden lang an, drehte sich dann aber mit einem mürrischen Brummen um und ging.

Riyala atmete erleichtert auf. Sofort aber dachte sie wieder an das stundenlange Ritual, das ihrer harrte. Schier endlose Gesänge und von feierlichen, genau vorgeschriebenen Gesten begleitete Litaneien. Die milden, aber dennoch mahnenden Augen der Mutter, die es sogleich spüren würde, wenn ihre Tochter ihre Gedanken abschweifen ließ ...

Und nützen wird es doch nichts, dachte sie geringschätzig. Ebenso wie all die Rituale zuvor.

Blitzschnell fasste sie einen Entschluss. Anstatt Lania über die Nordtreppe in Richtung Silberner Saal zu folgen, nahm sie die schmale Südtreppe. Jetzt kam es nur darauf an, wer beim Lieferantentor Wachdienst hatte.

Und das Glück war mit ihr: Kazolo stand am Tor. Der leicht untersetzte junge Mann errötete, als er Riyala sah. Grüßend hob er die Hand an die weiße Lederkappe, die seinen halb maisgelben, halb erdbraunen Haarschopf größtenteils bedeckte, und dann schlug er verlegen die Augen nieder.

Riyala hingegen reckte das Kinn empor und sagte knapp und herrisch: „Ich gehe kurz in die Stadt, um weiße Blumen zu besorgen.“ Aber aus den Augenwinkeln heraus schenkte sie ihm ein kleines Lächeln, und das genügte schon. Vor lauter Verliebtheit brachte Kazolo kein Wort heraus, und Riyala wusste genau, dass er ihr nun verstohlen nachblickte, als sie ihr Gewand raffte und leichtfüßig die paar Stufen zur Straße hinunterhüpfte.

So rasch wie möglich entfernte sie sich von der Burg und eilte durch abgelegene Nebengassen, als hätte sie ein bestimmtes Ziel – so hoffte sie, nicht so stark aufzufallen. Dennoch fühlte sie sich in ihrem auffallenden Gewand wie ein bunter Pfau unter grauen Hühnern, während sie sich durch die einfach gekleideten Einwohner und Landflüchtlinge schob.

Es war Riyala nur halb bewusst, dass sie sich mehr und mehr in Richtung der gewaltigen Stadtmauer bewegte – warum tat sie das? Hoffte sie insgeheim auf eine Möglichkeit, Co-Lha unerkannt zu verlassen? Wo es doch jeder Frau und jedem Mann, ja selbst jedem Kind klar war, wie streng der Wall tagtäglich kontrolliert wurde, um jedes Eindringen von außen zu verhindern.

Plötzlich stand Riyala direkt vor dem sich riesig auftürmenden, schützenden Bollwerk und spähte hinauf. Sie achtete darauf, im Schatten des Torbogens eines fest verrammelten Lagerhäuschens zu bleiben, damit kein Mauerwächter sie entdeckte. Hier war es still und einsam; menschenleer lag die kurze Sackgasse da.

Das Mädchen seufzte tief.

... um jeden Eindringling draußen zu halten – ja, der umgekehrte Fall kommt gar nicht mehr vor. Niemand außer mir hat den Wunsch, Co-Lha wieder zu verlassen, ging es ihr bitter durch den Kopf, und sie fühlte sich eingesperrter denn je. Und selbst wenn mir dieses Zauberkunststück gelänge, ich hätte nicht viel davon. In dieser Aufmachung hätten die Bauern draußen mich sofort erkannt. Ich will aber nicht mit Ehrfurcht und Respekt behandelt werden, ich will ... etwas ganz anderes. – Dann dachte sie daran, dass ihr sogar etwas noch Schlimmeres passieren könnte, als mit Ehrfurcht und Respekt behandelt zu werden. Wenn ich draußen entdeckt werde – womöglich halten sie mich sogar als Geisel fest, um Wasser zu erpressen.

Bei diesem letzten düsteren Gedanken verzagte Riyala vollends und hätte vor Zorn und Selbstmitleid am liebsten geweint.

Blicklos starrte sie auf einen kleinen Lichtdornenstrauch, der am Fuße der rötlichen Stadtmauer wuchs. Seine staubigen gelben Blüten bewegten sich im Wind.

Im Wind? ---

Aber es ging doch nicht die kleinste Brise! Schwer und heiß, beinahe wie ein Gewicht lastete die Luft ... doch die Zweige des Strauches zitterten nun sogar noch heftiger!

Im nächsten Moment erkannte Riyala, was genau an dieser Stelle geschah: Jemand kam aus einem Loch unter der Stadtmauer hervor.

Die Tochter des Herrscherpaares von Co-Lha hielt unwillkürlich den Atem an. Sie erkannte die magere Gestalt eines jungen Mädchens, das wie eine Gauklerin gekleidet war: in ein buntes, sackartiges Kleid, dessen Schärpe sich gelöst hatte.

Riyalas erster Impuls hätte sie beinahe gezwungen, „Alarm!“ zu schreien – gerade noch rechtzeitig biss sie sich auf die Lippen. In ihrem Kopf wirbelte plötzlich ein einziger Gedanke, aufgeregt wie ein vom Wind aufgestörtes Blatt – ja, das war die Gelegenheit! –

Wenn ich geschickt und kaltblütig genug bin.

Das Gauklermädchen stand jetzt ängstlich an die Mauer gepresst da, ohne Riyala zu bemerken.

Im nächsten Moment sprang diese vor, packte das Mädchen und zerrte es in ihr schattiges Versteck, wobei sie ihm den Mund zuhielt. Das magere Ding war zu überrumpelt und zudem zu schwach, um Widerstand zu leisten. Riyala konnte Knochen fühlen, die offenbar direkt unter der Haut lagen.

Sie unterdrückte eine kurze Regung des Mitgefühls und zischte dem Mädchen ins Ohr: „Bleib ganz ruhig, dann passiert dir nichts! Ich werde dich nicht den Wachen ausliefern, wenn du mir gehorchst.“

Ihre Gefangene nickte zitternd, und daraufhin lockerte Riyala ihren Griff ein wenig.

„Wie heißt du?“

„Sandirilia ...“

„Gut. Hör mir nun aufmerksam zu, Sandirilia. Und beantworte meine Fragen. – Du hast verbotenerweise einen Geheimtunnel benutzt, um nach Co-Lha zu gelangen. Wissen noch andere davon? Hast du etwa eine ganze Schar hungriger Bettler im Schlepptau?“

„Nein, nein!“, beteuerte die junge Gauklerin. „Nur ich kenne diesen Weg ... ich suche meine Schwester, die ...“

„Das interessiert mich nicht“, schnitt Riyala ihr barsch das Wort ab. „Nur ich kann dafür sorgen, dass du nicht wieder hinausgeworfen wirst – oh, und ich kann ...

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