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Die Herren auf Kimbara – Rivalen der Liebe

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Brod betrat den Flur der alten Heimstätte, in dem es im Gegensatz zu draußen, wo die Sonne brannte, angenehm schummrig war. Er war verschwitzt und sein Hemd mit Staub- und Grasflecken übersät. Er und seine Männer waren seit dem Morgengrauen auf, weil sie wegen der Trockenheit eine Herde von Egret Creek nach Three Moons, einer Reihe von Wasserlöchern in einigen Meilen Entfernung, hatten treiben müssen.

Da die Tiere besonders störrisch gewesen waren und einige von ihnen ständig versucht hatten, sich von der Herde abzusetzen, war es eine elende Schinderei gewesen.

Jetzt konnte er ein ausgiebiges Bad gebrauchen, doch dafür hatte er keine Zeit, weil es wie immer viel zu tun gab. Heute Nachmittag gegen drei würde der Tierarzt einfliegen, um einen weiteren Teil der Herde zu begutachten. Also blieb ihm gerade noch genug Zeit, um ein Sandwich zu essen und eine Tasse Tee zu trinken und zu der Koppel unter den Gummibäumen zurückzukehren.

Nun fiel sein Blick auf die Post auf der Pinienbank, die als Ablage diente. Das hier ist eben nicht Kimbara, dachte Brod mit einem Anflug von Galgenhumor.

Sein Vater residierte auf Kimbara, der prachtvollen alten Heimstätte seiner Jugend. Stewart Kinross. Herr der Wüste. Er überließ es seinem einzigen Sohn, sich um die Herde zu kümmern und sich zu Tode zu schuften, während er den ganzen Ruhm einheimste. Allerdings wussten nicht viele Leute davon. Und mir macht es auch nichts aus, dachte Brod, während er seinen schwarzen Akubra auf den Haken an der Wand warf. Sein Tag würde noch kommen. Er und Ally besaßen einen beträchtlichen Anteil an den diversen Unternehmen der Familie, von denen Kimbara, das Flaggschiff ihrer Rinderfarmen, das Prunkstück war.

Dafür hatte ihr berühmter Großvater schon gesorgt, denn er hatte seinen Sohn Stewart gekannt. Andrew Kinross weilte nun schon lange nicht mehr unter ihnen, und er, Brod, lebte seit fünf Jahren fast wie ein Ausgestoßener auf Marlu – seit Ally nach Sydney zurückgekehrt war, nachdem ihre leidenschaftliche Romanze mit Rafe Cameron geendet hatte.

Damals hatte Alison gesagt, sie wollte ihr Glück als Schauspielerin versuchen, wie ihre berühmte Tante Fee, die mit achtzehn von zu Hause weggegangen war, um in London Karriere auf der Bühne zu machen. Und sie hatte es tatsächlich geschafft, obwohl sie ein ausschweifendes Liebesleben geführt hatte. Jetzt lebte sie wieder auf Kimbara und schrieb an ihren Memoiren.

Fee war eine echte Persönlichkeit, zu berühmt, um als das schwarze Schaf der Familie zu gelten, doch sie hatte zwei gescheiterte Ehen hinter sich. Aus einer dieser Ehen hatte sie eine Tochter, Lady Francesca de Lyle, eine echte englische Schönheit. Sie war seine und Allys Cousine und, soweit sie sie kannten, ebenso nett wie schön.

Jetzt erzählte Fee ihre Lebensgeschichte einer gewissen Rebecca Hunt, einer jungen, preisgekrönten Journalistin aus Sydney, die bereits die Biografie einer bekannten australischen Diva verfasst hatte, und das mit großem Erfolg.

Allein der Gedanke an Rebecca entzündete eine gefährliche Flamme in ihm. So viel Macht hat also das Äußere einer Frau, dachte Brod verächtlich, denn er traute ihr nicht über den Weg. Sie hatte seidiges schwarzes Haar, ein zartes, ebenmäßiges Gesicht und einen verführerischen Mund. Sie war viel zu perfekt für ihn. Er lachte unwillkürlich, und das Sonnenlicht, das in den Flur fiel, ließ sein attraktives Gesicht viel härter erscheinen. Ja, Miss Hunt war in Wirklichkeit nur eine von vielen sehr ehrgeizigen Frauen.

Es war nicht sein Vater, der sie faszinierte. Sein Vater war zwar attraktiv, denn er sah wesentlich jünger aus als fünfundfünfzig, war selbstsicher, kultiviert und schwerreich. Nein, es war die wilde Schönheit von Kimbara, die Miss Hunt interessierte. Ein Blick in ihre hinreißenden grauen Augen, und er, Brod, hatte sofort gewusst, dass sie ihre vielversprechende Karriere sofort sausen lassen würde, um Herrin von Kimbara zu werden. Sie konnte alles haben, solange sein Vater noch lebte. Danach war er, Brod, an der Reihe.

Traditionsgemäß wurde Kimbara, der alte Sitz der Familie, immer vom Vater an seinen erstgeborenen Sohn vererbt. Und keiner der Söhne hatte je zugunsten eines Bruders darauf verzichtet. Nur Andrew Kinross war nicht der Erstgeborene gewesen, doch im Gegensatz zu ihm hatte sein älterer Bruder James den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt.

Brod schüttelte traurig den Kopf, nahm die Post von der Bank und sah sie durch. Sie war an diesem Tag eingeflogen worden, und Wally hatte sie hergebracht. Wally war Halbaborigine und ehemaliger Farmarbeiter, doch nach einem schweren Beinbruch bei einem Sturz vom Pferd kümmerte er sich nun um die alltäglichen Dinge wie die Post und den Gemüsegarten. Außerdem war er mittlerweile ein passabler Koch.

Nur ein Brief fiel Brod ins Auge, und irgendwie hatte er damit gerechnet. Er riss den Umschlag auf und lächelte grimmig, als er den Inhalt las. Warum hätte sein Vater sich auch direkt mit ihm in Verbindung setzen sollen? Kein “Lieber Brod”, keine Frage, wie es ihm ging. Sein Vater lud zu einem Polowochenende am Monatsende, also in zehn Tagen, ein, mit dem er Miss Hunt beeindrucken wollte. Die Spiele begannen am Samstagmorgen und endeten am Nachmittag, und abends fand im großen Ballsaal ein Galaball statt.

Sein Vater würde natürlich das Team anführen, das aus den besten Spielern bestand. Er, Brod, durfte das andere Team anführen. Sein Vater sah es überhaupt nicht gern, dass sein Sohn so verdammt gut war, auch wenn er ein bisschen wild war. Eigentlich betrachtete er ihn überhaupt nicht als seinen Sohn, sondern sah vielmehr einen Rivalen in ihm, seit er erwachsen war. Es war alles so absurd. Kein Wunder, dass Ally und er, Brod, bleibende Narben zurückbehalten hatten. Aber sie hatten sich beide damit auseinander gesetzt.

Ihre Mutter war weggelaufen, als er neun und Ally vier gewesen war. Wie hatte sie ihnen das antun können? Nicht dass er und Ally es mit der Zeit nicht verstanden hatten. Mit seinen Launen, seiner unerträglichen Arroganz, seiner Gefühlskälte und seiner scharfen Zunge hatte ihr Vater sie wohl dazu getrieben. Vielleicht hätte sie tatsächlich um das Sorgerecht für sie gekämpft, wie sie angekündigt hatte, doch weniger als ein Jahr später war sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er, Brod, erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sein Vater ihn in sein Arbeitszimmer gerufen hatte, um ihm von dem Unfall zu erzählen.

“Niemand kommt von mir los”, hatte Stewart Kinross kalt lächelnd erklärt.

Verzweifelt schüttelte Brod den Kopf. Wenigstens hatten er und Ally Grandfather Kinross gehabt. Zumindest eine Zeit lang. Er war der beste Mensch gewesen, den sie kannten.

“Du hast das Herz und den Kampfgeist deines Großvaters”, hatte Sir Jock McTavish, einer der engsten Freunde seines Großvaters, einmal zu ihm gesagt. “Ich weiß, dass du in seine Fußstapfen treten wirst.”

Jock McTavish hatte eine gute Menschenkenntnis. Bei den vielen Auseinandersetzungen mit seinem Vater hatte er, Brod, versucht, an Sir Jocks Worte zu denken. Es war nicht einfach gewesen, denn sein Vater hatte immer versucht, ihn zu zermürben.

Brod seufzte und schob den Brief in die Tasche seiner Jeans. Er hatte keine Lust, die weite Reise nach Kimbara zu machen, das im Channel Country, dem Land der Kanäle, im äußersten Südwesten von Queensland lag. Außerdem war er viel zu beschäftigt. Wenn er hinfuhr, musste er fliegen. Und da sein Vater ihm nicht angeboten hatte, ihn mit der Beech Baron abholen zu lassen, würde er wie sonst auch die Camerons anrufen müssen.

Er war mit Rafe und Grant Cameron aufgewachsen. Die Geschichte der Familien Kinross und Cameron war die Geschichte des Outback. Es waren ihre schottischen Vorfahren gewesen, selbst dicke Freunde von Kindesbeinen an, die sich damals hier niedergelassen und sich zu Viehbaronen emporgearbeitet hatten.

Plötzlich war Brod frustriert. Er erinnerte sich noch genau daran, als Ally zu ihm gekommen war und ihm gesagt hatte, sie könnte Rafe nicht heiraten und würde weggehen, um zu sich selbst zu finden.

“Aber du liebst ihn, verdammt!”, hatte er ungläubig eingewandt. “Und er ist ganz verrückt nach dir.”

“Ich liebe ihn über alles”, erwiderte sie und wischte sich die Tränen von den Wangen. “Aber du weißt nicht, wie das ist, Brod. Alle Mädchen verlieben sich in dich, doch du empfindest nichts für sie. Und Rafe erdrückt mich mit seiner Liebe.”

“Er ist also stark? Er ist ganz anders als unser Vater, falls du dir darüber Sorgen machst. Er ist ein prima Kerl. Was ist in dich gefahren, Ally? Rafe ist mein bester Freund. Unsere Familien stehen sich sehr nahe, und wir dachten, deine Ehe mit Rafe würde sie endgültig miteinander verbinden. Selbst unser Vater denkt, es wäre eine gute Partie.”

“Ich kann ihn nicht heiraten”, beharrte Ally. “Noch nicht. Ich muss erst einmal eine Menge über mich selbst lernen. Es tut mir schrecklich leid, dich enttäuschen zu müssen. Vater wird außer sich sein.” Bei der Vorstellung wurden ihre schönen grünen Augen dunkler.

Daraufhin nahm er sie in die Arme. “Du könntest mich niemals enttäuschen, Ally. Dafür liebe und respektiere ich dich zu sehr. Vielleicht liegt es daran, dass du noch so jung bist. Nicht mal zwanzig. Du hast das ganze Leben noch vor dir. Geh mit Gott, aber geh zu Rafe zurück.”

“Wenn er mich dann noch haben will.” Unter Tränen hatte sie gelächelt.

Doch das war nicht passiert. Rafe hatte nie wirklich etwas für eine andere Frau empfunden, aber seitdem sprach er nicht mehr über Alison und ließ sich auch nicht anmerken, wie tief sie ihn verletzt hatte.

Starr blickte Brod durch die offene Tür. Nach fünf Jahren war Ally noch immer nicht nach Hause zurückgekehrt. Sie musste das Schauspieltalent von Fee geerbt haben, denn sie hatte gerade einen Logie als beste Schauspielerin für die Rolle einer jungen Ärztin in einer Kleinstadt in einer Fernsehserie bekommen. Sie war wegen ihrer Schönheit und ihres Charmes sehr beliebt, und er bewunderte sie sehr, vermisste sie jedoch schmerzlich.

Was in Rafe vorging, wusste er nicht. Rafe und Grant standen sich ebenfalls sehr nahe, und daher hatte Grant vermutlich auch unter den damaligen Ereignissen gelitten. Beide Brüder waren hervorragende Spieler und würden sicher auch an dem Poloturnier teilnehmen. Ihm waren sie allerdings nicht gewachsen.

Er liebte die Herausforderung und die Gefahr und würde die beiden wohl ohne Probleme davon überzeugen können, in seinem Team mitzuspielen.

Opal Plains, die Farm der Camerons, grenzte an der nordnordöstlichen Grenze an Kimbara. Grant hatte einen Hubschrauber-Flugdienst, während Rafe die Ranch leitete. In der Presse wurden sie drei als “Aristokraten des Outback” bezeichnet, doch sie hatten alle schwere Schicksalsschläge erleiden müssen.

Nein, selbst wenn er mit den beiden fliegen könnte, hatte er keine Lust, seinem Vater oder Rebecca zu begegnen. Wenn er ehrlich zu sich war, musste er sich eingestehen, dass er es nicht ertrug, die beiden zusammen zu sehen. So aufmerksam, wie sein Vater ihr gegenüber war, war er seiner Tochter oder gar seiner Frau gegenüber nie gewesen.

Stewart Kinross war so reich und mächtig, dass er sich für unbesiegbar hielt. Und er war sich seiner männlichen Ausstrahlung so sicher, dass er glaubte, auch auf Frauen anziehend zu wirken, die nur halb so alt waren wie er. Und wenn es nicht so verdammt wahrscheinlich gewesen wäre, hätte er, Brod, darüber lachen können.

Ich muss mehr über Miss Rebecca Hunt in Erfahrung bringen, beschloss er. Sie war auffallend zugeknöpft, was ihre Vergangenheit betraf, doch von der Kurzbiografie in ihrem neusten Buch wusste er, dass sie 1973 in Sydney geboren worden war, also siebenundzwanzig war und damit drei Jahre jünger als er.

Mit vierundzwanzig war sie als Nachwuchsjournalistin des Jahres ausgezeichnet worden. Sie hatte für die Australian Broadcasting Corporation, SBS und Channel 9 gearbeitet, außerdem zwei Jahre bei der englischen Presse. Und sie hatte ein Buch mit Interviews mit Prominenten veröffentlicht sowie jene Biografie über die Diva.

Über ihr Privatleben erfuhr man jedoch nichts. Allerdings war die Frau, die sich hinter der kühlen Fassade verbarg, so faszinierend, dass Rebecca zumindest einige flüchtige Affären gehabt haben musste. Wenn sie ungebunden war, dann aus freien Stücken. Wartete sie noch auf den Richtigen? Einen charmanten, klugen, reichen und mächtigen Mann?

Die meisten Menschen schrieben Stewart Kinross all diese Eigenschaften zu, denn seine schlechten Eigenschaften traten für andere nur gelegentlich zutage. Allerdings musste er, Brod, zugeben, dass sein Vater überaus charmant sein konnte, wenn er wollte. Und wenn Rebecca ihn heiratete, würde sie mehr bekommen, als sie erwartete, diese intrigante kleine Hexe! Beinahe verspürte er Mitleid mit ihr.

Plötzlich wurde ihm klar, dass er doch sehr gern nach Kimbara fliegen würde.

2. KAPITEL

Rebecca stand auf dem oberen Balkon und blickte auf den herrlichen Garten von Kimbara, als Stewart Kinross sie doch aufspürte.

“Ah, da sind Sie ja, meine Liebe.” Er lächelte nachsichtig, als er sich zu ihr an die Balustrade gesellte. “Ich habe Neuigkeiten für Sie.”

Sie drehte sich zu ihm um. “Dann lassen Sie mal hören!”, erwiderte sie betont fröhlich, denn die Vorstellung, dass er ein Auge auf sie geworfen haben könnte, war ihr äußerst unangenehm. Stewart Kinross war zwar reich, weltgewandt und charmant, doch er hätte ihr Vater sein können, und sie war ohnehin nicht an einer Beziehung interessiert, auch nicht mit einem Mann in ihrem Alter. Stewart Kinross betrachtete sie jedoch entzückt aus graugrünen Augen.

“Ich habe Ihnen zuliebe eines meiner berühmten Polowochenenden anberaumt.” Ihm wurde bewusst, dass er sich in ihrer Gegenwart von Tag zu Tag jünger fühlte. “Nach dem Turnier findet am Samstagabend ein Galaball statt, und am Sonntag gibt es einen großen Brunch. Danach kehren die Gäste nach Hause zurück. Die meisten fliegen, einige fahren mit dem Wagen.”

“Das klingt aufregend.” Rebecca versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie beunruhigt sie war. “Ich war noch nie bei einem Poloturnier.”

“Warum veranstalte ich es wohl ausgerechnet an diesem Wochenende?” Er verzog den Mund unter dem vollen, akkurat gestutzten Schnurrbart. “Ich habe gehört, wie Sie es Fee gesagt haben.”

Trotz seines Charmes war Stewart Kinross ein Mann, der bekam, was er wollte. Es würde in einer Katastrophe enden, wenn er etwas von ihr wollte, das sie ihm nicht geben konnte. “Sie sind sehr nett zu mir, Stewart”, brachte sie hervor. “Sie und Fiona.”

“Zu Ihnen muss man einfach nett sein, meine Liebe.” Vergeblich bemühte er sich um einen neutralen Tonfall. “Und Sie machen Fee sehr glücklich mit Ihrer Arbeit.”

“Fees Geschichte ist ja auch faszinierend.” Sie wandte sich halb ab und lehnte sich an das schmiedeeiserne Geländer.

“Fee hat ein bewegtes Leben geführt”, bestätigte er trocken. “Sie ist die geborene Schauspielerin, genau wie meine Tochter Alison.”

Seine Stimme klang erstaunlich kühl.

“Ja, ich habe sie oft im Fernsehen gesehen”, erwiderte Rebecca bewundernd. “Sie verkörpert die Landärztin so glaubhaft, dass ich sie gern mal kennenlernen würde.”

“Ich glaube nicht, dass Sie Alison hier je begegnen würden.” Er seufzte bedauernd. “Sie kommt selten hierher, und manchmal denke ich, sie tut es nur wegen Brod, weil sie mich fast vergessen hat.”

Mitfühlend blickte sie ihn an. “Ich bin sicher, dass sie Sie vermisst. Wahrscheinlich hat sie kaum Freizeit.”

“Alison ist im Outback aufgewachsen, hier auf Kimbara, das ein Vermögen wert ist. Sie bräuchte überhaupt nicht zu arbeiten.”

“Sie sprechen ihr doch nicht etwa das Recht auf einen eigenen Beruf ab?”, fragte Rebecca erschrocken.

“Natürlich nicht”, beschwichtigte er sie. “Aber Alison hat einige Menschen unglücklich gemacht, als sie weggegangen ist – vor allem den Mann, der sie geliebt und ihr vertraut hat. Rafe Cameron.”

“Ah, die Camerons. Ich habe auch ihre Familiengeschichte recherchiert. Zwei große Pionierfamilien. Legenden des Outback.”

“Unsere Familien haben sich immer sehr nahegestanden, und ich habe mir so gewünscht, dass Alison Rafe heiratet. Aber sie hat sich genau wie Fee für eine Schauspielkarriere entschieden. Ich erzähle Ihnen das, weil Sie Rafe nämlich beim Poloturnier begegnen werden. Es findet übernächstes Wochenende statt. Rafe wird niemals verzeihen oder vergessen, was Alison ihm angetan hat, und ich kann es ihm nicht verdenken. Er ist Brods bester Freund und übt, glaube ich, einen positiven Einfluss auf ihn aus. Brod ist ein Rebell, wie Sie bestimmt gemerkt haben. Das war er schon immer. Es ist schade, denn es hat deswegen immer Spannungen zwischen uns gegeben.”

“Das ist schade”, sagte sie. “Kommt er auch?”

“Ich habe ihn jedenfalls eingeladen.” Stewart Kinross wandte den Blick ab. “Wir brauchen ihn, weil er die gegnerische Mannschaft anführen muss. Ich möchte unbedingt, dass alles glattläuft, denn Sie sollen Ihren Aufenthalt hier genießen.”

“Es ist wundervoll, hier zu sein, Stewart.” Als sie den Ausdruck in seinen Augen sah, sank ihr Mut.

“Was halten Sie von einem Ausritt heute Nachmittag?” Stewart umfasste ihren Arm und führte sie ins Haus.

“Das wäre sehr schön”, antwortete Rebecca angemessen bedauernd, “aber Fiona und ich müssen an dem Buch weiterarbeiten.”

Er neigte den Kopf. “Sie können mir keinen Korb geben, meine Liebe. Ich werde mit Fee sprechen, und dann holen wir die Pferde. Ich möchte, dass Sie Ihren Aufenthalt hier teils als Arbeit, teils als Urlaub betrachten.”

“Danke, Stewart”, erwiderte sie leise. Einerseits fühlte sie sich in der Falle, andererseits hatte sie den Eindruck, dass sie undankbar war. Schließlich war Stewart Kinross der netteste und aufmerksamste Gastgeber, den man sich denken konnte. Vielleicht war sie aufgrund ihrer früheren Erfahrungen ein wenig paranoid.

Am frühen Abend rief Broderick Kinross an. Da sie in dem Moment gerade durch die Eingangshalle ging, nahm Rebecca ab.

“Kinross Farm.”

Der Anrufer schwieg zunächst. Schließlich sagte eine Männerstimme, die so markant war, dass Rebecca erschrak: “Miss Hunt, nehme ich an.”

“Richtig.” Sie war stolz darauf, dass sie so ruhig sprach.

“Hier ist Brod Kinross.”

Als hätte sie das nicht gewusst! “Wie geht es Ihnen, Mr. Kinross?”

“Prima, und es tut gut, Ihre Stimme zu hören.”

“Sicher möchten Sie mit Ihrem Vater sprechen”, erklärte sie schnell, da ihr sein scharfer Unterton nicht entgangen war.

“Wahrscheinlich nimmt er gerade seinen allabendlichen Drink vor dem Essen”, erwiderte er langsam. “Nein, stören Sie ihn nicht, Miss Hunt. Würden Sie ihm bitte ausrichten, dass ich zum Polowochenende nach Kimbara komme? Grant Cameron nimmt mich mit, falls mein Vater beschließen sollte, mich mit der Beech abholen zu lassen. Dad hängt sehr an mir, wissen Sie.”

Sarkasmus, kein Zweifel. “Ich werde es ihm ausrichten, Mr. Kinross.”

“Ich schätze, Sie werden bald Brod zu mir sagen können.” Wieder dieser spöttische Unterton.

“Meine Freunde nennen mich Rebecca”, erwiderte Rebecca schließlich.

“Der Name passt zu Ihnen.”

“Warum sind Sie so ironisch?”, fragte sie direkt.

“Sehr gut, Miss Hunt”, meinte Broderick Kinross beifällig. “Die Zwischentöne entgehen Ihnen nicht.”

“Sagen wir, Warnsignale entgehen mir nicht.”

“Sind Sie sicher?”, erkundigte er sich genauso kühl.

“Sie müssen mir nicht sagen, dass Sie mich nicht mögen.” Nach ihrer ersten Begegnung konnte er das kaum leugnen.

“Warum sollte ich Sie nicht mögen?”, fragte er und legte dann auf.

Rebecca atmete langsam aus, bevor sie ebenfalls einhängte. Ihre erste und bisher einzige Begegnung war kurz, aber beunruhigend gewesen. Sie erinnerte sich noch genau daran. Es war Ende letzten Monats, also vor etwa vier Wochen gewesen, und er war unerwartet auf Kimbara eingetroffen …

Da Fee leichte Kopfschmerzen gehabt hatte, hatten sie eine Pause eingelegt. Rebecca setzte ihren großen Strohhut auf und ging nach draußen, denn sie nutzte jede Gelegenheit, um Kimbara zu erkunden. Es war wunderschön mit den bizarren Bäumen, den Büschen und Felsen und den roten Dünen an der südsüdwestlichen Grenze. Es war wirklich eine andere Welt, denn die Entfernungen waren gewaltig, das Licht gleißend und die Farben wegen der intensiven Sonneneinstrahlung viel intensiver als anderswo. Sie liebte die Erdtöne und die tiefen Blau- und Violetttöne, die einen reizvollen Kontrast dazu bildeten.

Stewart hatte ihr einen Ausflug in die Wüste versprochen, wenn die schlimmste Hitze vorüber war, und darauf freute Rebecca sich sehr, denn dann würde sie die wilden Blumen blühen sehen. Es hatte seit Monaten nicht mehr geregnet, doch Stewart hatte ihr seine Fotos gezeigt, auf denen Kimbara von Blütenteppichen überzogen war. Dabei hatte er ihr erklärt, dass es nicht einmal in der Gegend regnen musste, damit die Wüste blühte. Sobald es im tropischen Norden zu regnen anfing, würden die Flüsse anschwellen und die Tausende von Quadratmeilen im Channel Country bewässern. Es war so ein faszinierendes Land und so ein faszinierendes Leben.

Sie hatte gerade die Ställe erreicht, in denen einige wunderschöne Pferde standen, als sie wütende Stimmen hörte. Männerstimmen, die sich ähnelten.

“Ich bin nicht hier, um Anweisungen von dir entgegenzunehmen”, sagte Stewart Kinross schroff.

“Doch, das wirst du, es sei denn, du willst das ganze Projekt vermasseln”, erwiderte die andere, jüngere Stimme. “Nicht jedem gefällt deine Vorgehensweise, Dad. Jack Knowles zum Beispiel, und wir brauchen Jack, wenn dieses Projekt Erfolg haben soll.”

“Das hast du im Gefühl, stimmt’s?”, fragte Stewart Kinross so höhnisch, dass Rebecca zusammenzuckte.

“Dir könnte es jedenfalls nicht schaden”, erwiderte sein Sohn scharf.

“Halt mir keine Vorträge”, brauste Stewart Kinross auf. “Dein Tag ist noch nicht gekommen, vergiss das ja nicht.”

“Wie sollte ich das vergessen”, konterte sein Sohn. “Ein Streit ist die größte Belohnung, die ich je bekomme. Aber es ist mir egal, verdammt! Ich mache die meiste Arbeit, während du rumsitzt und die Früchte genießt.”

Daraufhin verlor Stewart Kinross die Beherrschung, und Rebecca wandte sich entsetzt ab. Sie hatte gehört, dass die beiden sich nicht besonders nahestanden, aber dass die Kluft so tief war, hätte sie nicht für möglich gehalten. Sie wusste auch, dass Broderick Kinross erst dreißig war und das Kinross-Imperium von Marlu aus leitete. Und seine Worte hatten das bestätigt. Es war alles sehr verwirrend. Selbst als Außenstehende hatte sie die Feindseligkeit zwischen den beiden gespürt. Und sie hatte Stewart Kinross von einer ganz anderen Seite erlebt. Fee hatte ihr erzählt, ihr Neffe und ihre Nichte wären wunderbare Menschen. Nicht dass Fee viel Kontakt zu ihnen gehabt hätte. Doch sie sprach sehr liebevoll von ihnen.

Zum ersten Mal fiel Rebecca auf, wie wenig Fee über ihren einzigen Bruder sprach, obwohl sie sonst so redselig war. Sie, Rebecca, war entsetzt über seinen hasserfüllten Tonfall, zumal sie angenommen hatte, Stewart Kinross wäre sehr stolz auf seinen Sohn.

Verstört ging sie weg, da sie den beiden Männern auf keinen Fall begegnen wollte. Doch offenbar waren sie in ihre Richtung gegangen, denn kurz darauf hörte sie Stewart Kinross ihren Namen rufen.

Als sie sich umdrehte, sah sie die beiden Männer aus den Ställen kommen.

“Stewart!” Trotz des Strohhuts musste sie ihre Augen mit der Hand beschatten, weil die Sonne so blendete.

Zuerst sah sie nur die Umrisse der beiden. Beide waren sehr groß, fast einen Meter neunzig, der eine sehr kräftig, der andere jungenhaft schlank, und beide trugen den obligatorischen Akubra. Der jüngere hatte einen beeindruckenden Gang, wie ein Schauspieler.

Ihre Augen tränten, und Rebecca fragte sich, warum sie ihre Sonnenbrille nicht mitgenommen hatte.

Schließlich standen Stewart Kinross und Broderick Kinross, der Erbe des Kinross-Imperiums, vor ihr.

Sie wusste nicht, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Auf jeden Fall attraktiv, aber nicht in dem Maße. Er sah einfach umwerfend aus, und seine blauen Augen funkelten so lebhaft, dass sie sich der Wirkung nicht entziehen konnte.

“Rebecca, darf ich Ihnen meinen Sohn Broderick vorstellen?” Stewart Kinross blickte auf sie herunter, und sein Tonfall verriet, dass er ihr seinen Sohn lieber nicht vorgestellt hätte. “Er ist hier, um mir einen Zwischenbericht zu geben.” Etwas forscher fuhr er fort: “B

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