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Risky Business (03) – Verführerisches Spiel

TIFFANY SNOW

Risky Business

Verführerisches Spiel

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Dorothee Danzmann

Zu diesem Buch

Sich in zwei grundlegend unterschiedliche Männer zu verlieben war das Aufregendste, was Sage Reece jemals widerfahren ist – und das Gefährlichste, denn es brachte ihr beinah den Tod. Doch es hat ihr auch gezeigt, dass das Spiel, das sie spielen, die neu aufkeimende Freundschaft der beiden Männer für immer zerstören könnte. Aber dann taucht eine Totgeglaubte aus der Vergangenheit auf, die die Karten noch einmal völlig neu mischt. Und nun ist es an Sage, sowohl Parker, den charismatischen Businessmann, als auch Ryker, den knallharten Cop, zu schützen – selbst wenn das bedeutet, beide für immer zu verlieren …

Für Leah. Danke, dass du es mit mir gewagt hast.
(Und eines Tages mache ich doch noch eine Selfie-Expertin aus dir, versprochen!)

Prolog

»Ich habe mit Parker geschlafen.«

Die Worte schlugen ein wie eine Bombe. Ryker starrte die Frau, die er liebte, verständnislos an. Sie hatte was? Mit seinem besten Freund? … Der Schock ließ ihn erstarren, und er konnte kaum noch atmen.

Das konnte nicht sein, er hatte sie bestimmt falsch verstanden. Sie log, oder es handelte sich um einen wirklich schlechten Scherz …

»Ich bin schon eine ganze Weile in ihn verliebt.« Sie schien gar nicht mitzubekommen, wie tief ihn jedes ihrer Worte traf. »Und er liebt mich auch. Wir wollten es dir ja schon eher sagen, aber …« Achselzuckend ließ sie den Satz unbeendet in der Luft hängen.

»Aber was?«, fragte er; seine Stimme klang so rau wie ein Rechen auf Kies.

»Aber es ist schwer, jemandem wehzutun, den man liebt.«

Sie kam näher, bis sich ihre Körper fast berührten, und legte ihm die Hände auf die nackte Brust. Ryker schloss die Augen. All seine Sinne wurden von ihr eingenommen. Er nahm nichts anderes mehr wahr als den Duft, den ihre Haut verströmte, die Wärme ihrer Hände, die Berührung einer Haarsträhne, die von einer leichten Brise bewegt wurde. Oben an der Schlafzimmerdecke summte der Ventilator leise vor sich hin.

»Das ist doch bestimmt auf Parkers Mist gewachsen«, meinte Ryker schließlich, denn eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Natalie war so lieb, so vertrauensvoll, sie würde alles glauben, was Parker ihr erzählte. Er hatte ihr wahrscheinlich sonst was vorgegaukelt, um sie in sein Bett zu kriegen und sie glauben zu machen, dass er sie liebte.

Ryker packte Natalie so fest an den Oberarmen, dass sie erschrocken nach Luft schnappte, und schob sie von sich, bis er ihr in die Augen sehen konnte.

»Sag mir die Wahrheit«, knurrte er, gar nicht erst bemüht, seine Wut zu zügeln. »Was hat er dir eingeredet? Was hat er dir vorgelogen, um dich in sein Bett zu locken? Du liebst mich, du willst mit mir zusammen sein!« Er schüttelte sie leicht, bevor er sich zusammenriss. »Sag es mir!«

»N-N- Nein«, stotterte Natalie mit weit aufgerissenen Augen. »Ich kann dir nicht länger etwas vormachen, ich schaffe es einfach nicht. Ich kann nicht mehr so tun, als hätte ich keine Gefühle für Parker …«

»Er will dich für sich«, unterbrach Ryker sie. »Ich fasse es nicht.« Abrupt ließ er sie los und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich glaube es nicht.«

Es war ja auch kaum zu glauben und schon gar nicht zu verstehen. Parker und er kannten sich seit einer Ewigkeit und hatten sich in dieser Zeit immer gegenseitig unterstützt und aufeinander aufgepasst, hatten gegen Straßenbanden und Schlägertypen auf dem Schulhof zusammengehalten, tyrannischen Unteroffizieren getrotzt und einander unter feindlichem Beschuss Rückendeckung gegeben. Parker wusste genau, wie sehr Ryker Natalie liebte. Ryker hatte ihm sogar anvertraut, dass er erwog, Natalie einen Heiratsantrag zu machen.

Er hatte geglaubt, sie sei auch so weit – oder doch wenigstens fast so weit. Sie hatte ihm versichert, dass sie ihn liebte, sie hatten miteinander geschlafen. Sie war wie er, sie stammten beide aus derselben Ecke, dem falschen Ende der Stadt, hatten eine harte Kindheit und Jugend hinter sich und immer getan, was sie konnten, um denen, die sie liebten, zu helfen. Natalie war als erste Frau durch den Panzer gedrungen, mit dem Ryker sein Innerstes schützte. Er hatte sie an sich herangelassen, sich ihr geöffnet, ihr vertraut, sich in sie verliebt …

Und dann hatte Parker sie verführt. So musste es gewesen sein, etwas anderes war gar nicht möglich. Parker hatte Natalie eingeredet, dass er sie liebte, damit sie mit ihm ins Bett ging. Wie konnte er es wagen, wie konnte er Natalie das antun? Der Verrat ließ Rykers Blut kochen. Sie war so vertrauensvoll, so verletzlich. Dann war Parker also doch ein selbstverliebtes Arschloch, wie Ryker insgeheim immer befürchtet hatte, geblendet von Reichtum und den damit verbundenen Privilegien, und es hatte nur die richtige Frau auftauchen müssen, damit dies offenbar wurde. Seine Rolle als rettender Engel für den armen Jungen aus dem heruntergekommenen Viertel, der sich im Rahmen eines Sozialprojekts an seine noble Schule verirrt hatte, war wohl all die Jahre nur ein amüsanter Zeitvertreib gewesen, mehr nicht.

Aber so ist Parker doch gar nicht, meldete sich ganz hinten in Rykers Kopf eine leise Stimme. Er hat dir das Leben gerettet. Er stiehlt dir doch nicht die Freundin.

Wenn er jedoch weiterhin an Parkers Loyalität glaubte, hieß das automatisch, an Natalies Untreue glauben zu müssen, und das war einfach unmöglich.

Er spürte Natalies Hände auf seinem Rücken. Sie streichelten ihn sanft.

»Es tut mir so leid«, flüsterte sie. »Jetzt hasst du mich sicher. Ich würde es verstehen, wenn du mich nie wiedersehen …«

»Sei nicht albern«, unterbrach er sie barsch. An irgendwem musste er den nagenden Schmerz in seinem Innern auslassen, doch nicht an Natalie. Parker war schuld. Parker hatte ihre Freundschaft verraten. Der Gedanke, dass Parker mit Natalie …

Nein. Darüber konnte er jetzt nicht nachdenken, und er würde es auch nicht tun. Egal, was Natalie getan hatte oder wozu sie verführt worden war, Ryker konnte nicht ohne sie leben. Jeden Atemzug tat er nur für sie. Wenn sie ihn verließ, hatte er nichts und niemanden mehr. Er brauchte sie zu sehr, als dass ihn sein verletzter Stolz oder seine verwundete Seele kümmerten.

»Ich verzeihe dir«, erklärte er, leise und heiser. »Wir gehören zusammen, du und ich. Nichts kann zwischen uns kommen, schon gar nicht Parker.«

Er holte tief Luft und drehte sich zu ihr um, schloss sie in die Arme, suchte ihren Mund zu einem brennenden Kuss, bei dem aller Zorn dahinschmolz und sich sein Innerstes in einen Strom aus glühendem Begehren wandelte.

Sie ließ zu, dass er sie liebte, heftig und von seiner Seite aus fast schon verzweifelt. Als wüsste seine Seele, dass er Natalie Stück für Stück verlieren würde.

Eine Woche später wurden seine schlimmsten Befürchtungen wahr.

Ryker betrat Parkers Wohnung, ohne sich vorher anzukündigen. Er hatte eine Stunde lang vergeblich versucht, Natalie zu erreichen, obwohl sie mit ihm nach der Arbeit hatte essen gehen wollen. Jetzt war er hier, weil ihn ein Verdacht plagte, über den er nicht weiter nachdenken mochte.

Mit Parker hatte er seit Natalies Beichte nicht gesprochen. Er wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn Parker vor ihm stand, also hatte er ihn die ganze Woche gemieden.

Jetzt verharrte er zur Salzsäule erstarrt in der offenen Tür von Parkers Schlafzimmer und konnte den Blick nicht von dem Bild lösen, das sich ihm bot.

Da lag Natalie, nackt, die Beine um Parkers Hüften geschlungen, und ihr lautes Keuchen und Stöhnen drang wie flüssige Säure in seine Ohren. Das Laken war um die Beine der beiden gewickelt, und der Anblick seines Freundes, der sich zwischen Natalies Schenkeln auf und ab bewegte, ließ Ryker rot sehen.

Rasend vor Wut stürmte er auf das Bett zu und riss Parker von Natalie herunter. Der flog durchs Zimmer, prallte mit lautem Stöhnen gegen die Wand und landete auf dem Boden.

Völlig schockiert rappelte Parker sich wieder auf und starrte Ryker fassungslos an. »Was zum Teufel willst du hier?«

»Dich umbringen, du Arschloch – nachdem ich zusehen durfte, wie du meine Freundin vögelst!«

Ryker stürzte sich erneut auf ihn, aber diesmal war Parker gewarnt, blockte den rechten Haken des Freundes ab und wich geschickt aus.

»Sie sagte, zwischen euch sei es aus«, verteidigte er sich. »Das musst du akzeptieren.«

»Fick dich.« Wutentbrannt stürzte sich Ryker noch einmal auf seinen Rivalen, wobei er diesmal Treffer auf Kinn und Unterleib landen konnte, ehe Parker sich mit eigenen Schlägen auf den Solarplexus seines Gegners revanchierte, die Ryker zwangen, eine kurze Pause einzulegen und nach Luft zu schnappen.

»Hör auf.« Auch Parker atmete schwer. »Das ist sie doch gar nicht wert.«

Etwas Schlimmeres hätte er kaum sagen können: Mit einem lauten Schrei stürzte sich Ryker erneut auf ihn, und diesmal war sein Zorn so mächtig, dass Parkers Gegenwehr mehr oder weniger an ihm abprallte. Blut floss, Rykers Knöchel taten weh, aber alles, was er durch den roten Nebel seiner Wut sehen konnte, war Natalies nackter Leib, an dem Parker sich verging.

»Hör auf! Du bringst ihn ja um! Hör auf!«

Erst Natalies Stimme bereitete dem Wüten ein Ende. Ryker hielt inne, seine Brust hob und senkte sich heftig. Parker lag vor ihm am Boden, Blut um Mund und Nase, die Augen geschlossen. Er regte sich nicht.

»O Gott, o Gott, o Gott …« Natalie war auf die Knie gefallen, um Parker sanft die Haare aus dem Gesicht zu streichen. »Ich glaube, er ist nur bewusstlos«, sagte sie endlich.

Sie sah auf. Schockiert stellte Ryker fest, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

»Ich schaffe das nicht«, schluchzte sie. »Ich kann nicht zusehen, wie ihr beide euch zerfleischt.«

»Du musst dich entscheiden«, meinte Ryker mit tonloser Stimme. »Er oder ich. Uns beide kannst du nicht haben.« Denn jetzt wusste er Bescheid. Ihr Blick hatte ihm verraten, dass sie ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte.

»Warum willst du mich überhaupt?«, flüsterte Natalie verzweifelt. »Ich habe mit deinem besten Freund geschlafen. Du musst mich doch hassen.« Aber ihr Blick ließ ihn nicht los.

»Ich kann dich nicht hassen. Ich liebe dich.«

Natalie stand ganz langsam auf. »Das solltest du aber nicht«, widersprach sie. »Zu deinem eigenen Besten. Ich verstehe nicht, wie du mich noch lieben kannst.«

»Mir ist egal, was du getan hast. Ich liebe dich, was immer auch geschieht.«

»Und das soll ich dir glauben, Ryker?«, fragte sie ungläubig. »Ich soll dir einfach so vertrauen?«

Verzweifelt fuhr sie sich mit beiden Händen durchs Haar und verschränkte die Arme vor der Brust, wodurch sie sogar noch zierlicher wirkte.

»Nichts, was du sagst oder tust, könnte mich dazu bringen, dich nicht mehr zu lieben«, wiederholte Ryker leise. »Das musst du einfach hinnehmen.«

Ohne ihm zu antworten, suchte Natalie ihre Kleider zusammen und zog sich an. Dann kam sie noch einmal zu ihm.

»Küss mich«, bat sie mit solcher Verzweiflung im Blick, dass ihm das Herz brechen wollte.

Natürlich konnte er ihr nicht widerstehen, dazu war die Hoffnung viel zu stark. Er beugte sich vor und küsste sie. Lange und zärtlich.

Als er den Kopf hob, um Atem zu schöpfen, mochte er kaum die Augen aufschlagen. Als er es dann doch tat, wich er erschrocken zurück.

Denn es war nicht Natalie, die er da in den Armen hielt und die ihn mit einem Blick tiefster Zufriedenheit ansah. Es war Sage.

Ryker schreckte mit einem Ruck aus dem Schlaf und setzte sich auf. Am ganzen Körper klebte ihm kalter Schweiß, aber das bemerkte er kaum. Alles, was er vor seinem geistigen Auge sah, waren Natalie und Sage; die schmale, scharfe Klinge des Betrugs schnitt tief in seine Seele. Ohne Licht anzumachen, stand er auf und ging in die Küche.

Dort ließ er sich, immer noch tief in Gedanken versunken, ein Glas Wasser einlaufen und trank durstig ein paar Schlucke. Die Nachtluft fühlte sich auf seiner schweißnassen Haut sehr kühl an. Noch jetzt, obwohl Jahre vergangen waren, erinnerte er sich nur mit Schrecken an jene vergangene Nacht und den darauffolgenden Morgen. An den Anruf der Polizei und die Meldung, man habe Natalies Wagen im Fluss entdeckt und ein Bergungsteam sei bereits dabei, nach der Leiche zu suchen.

Seit jener Nacht klaffte dort, wo Natalie eine Zeit lang eine schmerzliche Lücke hatte füllen können, wieder ein großes Loch. Der Verlust hatte ihn tief getroffen, dazu plagten ihn Schuldgefühle – oft grübelte er darüber nach, was er anders machen würde, bekäme er die Chance dazu. Natalie war ihm so ähnlich gewesen, voller Angst davor, jemanden zu nahe an sich heranzulassen, jemandem voll und ganz zu vertrauen. Dabei war er sich so sicher gewesen, dass das Schicksal sie beide zusammengeführt und er in ihr die geheimnisvolle wahre Liebe gefunden hatte, an die er bis dahin noch nicht einmal geglaubt hatte.

Dann war sie verschwunden.

Mit Parker hatte er seit jener Nacht nicht mehr geredet, bis er ihn vor vier Monaten im Rahmen seiner Arbeit als Cop in seinem Büro hatte aufsuchen müssen – und dort zum ersten Mal Sage gesehen hatte.

Jetzt stand er wieder kurz davor, die Frau, die er liebte, zu verlieren, und auch diesmal an den Mann, der ihn vor all den Jahren verraten hatte.

Das würde er nicht zulassen. Er würde Sage nicht an Parker verlieren. Er hatte fest vor, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit sich die Geschichte nicht wiederholte.

1

Ein Monat später.

»Parker ist tot.«

Ryker starrte mich an. Er schien mich nicht verstanden zu haben, was ich gut nachvollziehen konnte. Ich war mitten in der Nacht ohne Vorwarnung bei ihm aufgetaucht. Wobei ich ihn allerdings nicht geweckt zu haben schien, denn so, wie es aussah, hatte er nicht geschlafen.

»Sie sind in meine Wohnung gekommen«, fuhr ich mit tonloser Stimme fort. »Sie haben mich mitgenommen und Parker getötet. Einfach … umgebracht.« Weiter kam ich nicht. Alles, was ich so lange stoisch unterdrückt hatte, stürzte jetzt mit Macht auf mich ein. Tränen rannen in Strömen über mein Gesicht, und ich schluchzte so heftig, dass ich kein Wort mehr herausbekam. Die Entführung mit all ihren Schrecken hatte ich nur überstanden, weil ich mich innerlich von den Ereignissen in meinem Wohnzimmer abgekoppelt hatte. Lag Parkers Leiche noch dort?

Ich bekam keine Luft mehr. Ryker sagte etwas zu mir, aber ich hörte ihn nur wie aus der Ferne und bekam kaum noch Luft. Ich wankte, meine Knie gaben nach, und wenn Ryker mich nicht festgehalten hätte, wäre ich in mich zusammengesackt.

»Hör mir zu, Sage«, bat Ryker. »Hör doch!« Aber nach wie vor verstand ich ihn kaum.

Plötzlich riss mich jemand aus seinen Armen. Eine Hand schloss sich um mein Kinn, zwang es nach oben, bis ich blinzelnd die Augen aufschlug.

Parker.

Ich keuchte erschrocken auf, wich zurück, stolperte und wäre bestimmt gestürzt, hätte er mich nicht aufgefangen.

»Es geht mir gut«, versicherte Parker, die blauen Augen fest auf mich gerichtet. »Sie haben mich nicht umgebracht, es geht mir gut.«

Ich starrte ihn mit weit offenem Mund an, das letzte Schluchzen noch halb in der Kehle. Dann fiel ich ihm um den Hals.

»O mein Gott, o mein Gott, o mein Gott …« Ich klammerte mich so fest an ihn, dass ich ihn fast erwürgt hätte, was ihm allerdings nichts auszumachen schien. »Du bist hier! Es geht dir gut.« Vor lauter Erleichterung fing ich schon wieder an zu weinen.

Parker umarmte mich genauso fest wie ich ihn; in jeder anderen Situation hätte ich mich beschwert, weil es fast wehtat. Er barg das Gesicht an meinem Hals und ich genoss seine Nähe, seinen Duft wie nie zuvor … weil ich noch nie so nahe daran gewesen war, ihn zu verlieren wie in dieser Nacht.

Rykers Räuspern holte mich mit einem Ruck wieder ins Hier und Jetzt. Ich ließ Parker los. Er gab mich ebenfalls frei, wenn auch allem Anschein nach nicht gern. Ich wich zurück, um eine gewisse Distanz zwischen uns beiden zu schaffen. Erst jetzt wurde mir die Situation voll bewusst. Ryker stand ein wenig abseits. Er trug kein Hemd, ein Verband bedeckte die Brandwunde auf seiner Brust. Er beobachtete uns.

»Und wie … wie bist du hierhergekommen?«, fragte ich Parker, während ich mir rasch die nassen Wangen abwischte. Meine Stimme klang rau und heiser, und ich vermied es, die beiden Männer anzusehen, als ich mich auf die Couch fallen ließ. Wo war eigentlich McClane? Ich hätte ein wenig Ablenkung gut gebrauchen können, aber dann fiel mir ein, dass sich der Hund ja noch in der Tierklinik von seinen Verletzungen erholte.

»Ryker ist gerade noch rechtzeitig aufgetaucht, ehe Leo und seine Männer mich kaltmachen konnten«, erklärte Parker.

Leo Shea war der skrupellose Gangsterboss und »Geschäftsmann«, der nicht nur mich, sondern auch Parker hatte umbringen wollen. Ein Leben bedeutete diesem Mann wenig. Parker wäre ganz beiläufig getötet worden, ich hatte aus Rache sterben sollen. Parker hatte Glück gehabt, bei mir hatte mein Vater gerade noch rechtzeitig intervenieren und Leo einen Strich durch die Rechnung machen können.

»Deine Wohnung braucht übrigens schon wieder ein Reinigungsteam«, fuhr Parker fort. »Ich rufe gleich an und lasse das erledigen.«

Gut zu wissen. Wen die CIA wohl mit solchen Aufträgen betraute? Und bekam man als Stammkunde Rabatt?

»Ich wusste ja, dass sie dich in ihrer Gewalt hatten«, erzählte Parker. »Ryker hat Waffen und Munition, also kamen wir hierher.«

Weiter sagte er nichts, aber ich konnte mir den Rest auch so denken: Die beiden hatten gerade aufbrechen wollen, um mich zu retten. In dieser Frage waren sie sich immerhin noch einig.

Und so, wie es aussah, hatte Ryker dafür gesorgt, dass Parker am Leben blieb. Langsam fiel mir alles wieder ein: Ryker hatte mich auf seinem Weg zum Revier bei mir zu Hause abgesetzt, jedoch gesagt, er würde später wiederkommen. Genau rechtzeitig, das Timing hätte nicht besser sein können. Also hatte er Parker das Leben gerettet, dem Mann, den er doch angeblich hasste.

Jetzt standen die beiden Männer relativ dicht nebeneinander und sahen mich an. Und ich? In Windeseile rief ich mir noch einmal alles, was in den letzten Tagen passiert war, ins Gedächtnis, bis mir der Kopf zu platzen drohte und ich mir verzweifelt die Stirn rieb. Ryker hatte gesagt, er würde mich nie aufgeben, und Parker hatte gesagt, er würde mich lieben. Und nun hatte ich auch noch Bilder von Parker und mir im Bett vor Augen – kein Wunder, dass meine Kopfschmerzen von Sekunde zu Sekunde stärker wurden.

»Ich hole dir einen Eisbeutel für dein Auge.« Ryker verschwand in der Küche, um gleich darauf wiederzukommen. Er kauerte sich neben mich und drückte mir sanft einen eiskalten Beutel ans Auge.

»Danke«, flüsterte ich. Die Kälte tat meinem dröhnenden Schädel gut. Leos rechter Haken war nicht von schlechten Eltern gewesen, aber der Mann hatte dafür bezahlt, und zwar nicht zu knapp.

Der hatte mich entführt und Parker fast umgebracht. Mich hätte er unter Garantie getötet, wäre nicht in letzter Sekunde ein Retter aufgetaucht, mit dem niemand gerechnet hatte: mein Dad. Allerdings nicht allein, sondern in Begleitung etlicher großer, schwer bewaffneter Männer, die sich auf eine sehr endgültige Weise um Leo und seine Kumpane gekümmert hatten. Anscheinend hatte mein Dad Geheimnisse, von denen ich bisher nichts geahnt hatte.

Über Dad wollte ich jetzt nicht nachdenken, das musste warten. Momentan plagten mich drängendere Probleme und zwar in Form zweier stattlicher Alphamänner, die mich erwartungsvoll anstarrten.

»Und was jetzt?«, fragte ich in die Runde, weil ich, ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer hatte, wie es weitergehen sollte.

Hier saß ich nun mit zwei Männern. Ich hatte mit beiden geschlafen, ich liebte beide, aber drei sind nun mal einer zu viel. Bloß war ich mir in diesem Moment nicht sicher, ob nicht ich aus der Gruppe fliegen würde.

»Du bist völlig erledigt«, stellte Ryker fest. »Du brauchst jetzt erst einmal Ruhe.«

Schlafen – das klang gut. Mit taten sämtliche Knochen weh, und auch mein Herz hatte sich noch nicht von den Schlägen erholt, die es in den vergangenen vierundzwanzig Stunden hatte einstecken müssen. Bevor Leo aufgetaucht war und Parker fast umgebracht hatte, hätte ich ihn und Ryker um ein Haar an Viktor verloren, einen durchgeknallten russischen Mafioso, der mich gezwungen hatte zuzusehen, wie er die beiden folterte. Ich zitterte noch immer am ganzen Leib, als mir Bilder der schrecklichen Szenen durch den Kopf schossen.

Ryker nahm mich bei der Hand, zog mich von der Couch und wollte mich aus dem Zimmer führen, aber so weit war ich noch nicht.

»Was ist mir dir?«, fragte ich Parker. »Willst du gehen?« Beim bloßen Gedanken daran wurde mir vor Angst ganz schlecht.

Er schien zu ahnen, was in mir vorging: »Wenn du möchtest, bleibe ich. Ryker hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich heute Nacht auf seiner Couch campiere.« Er warf Ryker einen fragenden Blick zu.

»Geht in Ordnung«, brummte Ryker.

Die beiden Männer wechselten einen Blick. Irgendetwas ging hier vor, doch ich war viel zu müde, um die Spannung im Zimmer genauer analysieren zu können. Erleichtert, dass Parker nicht gehen würde, nickte ich nur. »Dann ist es gut«, sagte ich leise.

Ryker brachte mich ins Schlafzimmer, wo er mich aufs Bett setzte und mir die Schuhe auszog. Mit den Jeans wurde ich allein fertig. Ich kroch unter die Bettdecke und Ryker, der nur seine Trainingshose trug, legte sich zu mir, schaltete die Nachttischlampe aus und nahm mich in die Arme. Mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Seufzer schmiegte ich mich an seine Brust und war sofort eingeschlafen.

Ich wachte von Schreien auf. Meinen eigenen.

»Sage! Hey, alles ist gut. Ganz ruhig, du bist in Sicherheit.«

Langsam kam ich zu mir. Ich saß kerzengerade im Bett, neben mir Ryker, der mir die Hand auf den Arm gelegt hatte und mit leiser, eindringlicher Stimme versuchte, mich zu beruhigen. Er hatte Licht gemacht, was aber anscheinend nicht gereicht hatte, um zu mir durchzudringen.

»Viktor …«, stieß ich keuchend hervor. Noch standen mir die Bilder aus meinem Albtraum deutlich vor Augen, in dem ich wieder einmal erlebt hatte, wie der verrückte Russe Parker und Ryker folterte.

Die Tür flog auf.

»Sage …« Parker stand in der Tür, die Sorge war ihm ins Gesicht geschrieben. Ohne groß nachzudenken, streckte ich die Arme nach ihm aus, und er kam zu mir, nahm meine Hand und setzte sich neben mich aufs Bett.

»O, Gott«, hauchte ich leise, so müde, dass mir die Augen zuzufallen drohten. Rykers Hand war von meinem Arm gerutscht, aber ich suchte nach ihr und hielt sie ganz fest.

Niemand sagte etwas, während ich mühsam und am ganzen Körper zitternd um Fassung rang. Die Götter mochten wissen, wie viele Therapiesitzungen nötig sein würden, bis ich gelernt hatte, mit dem Geschehenen zu leben, aber in dieser Nacht konnte nur eins helfen – dass beide Männer mir die Hand hielten.

Ich legte mich zwischen die beiden. Ryker und Parker sahen mich an, beide mit ihrem besten Pokerface.

»Ich bin müde«, verkündete ich und warf ihnen einen flehenden Blick zu. Ich hielt sie fest an der Hand, keiner von ihnen konnte gehen, ohne sich von mir loszureißen. Ich wollte, dass sie beide blieben. Es war eine seltsame Bitte, das war mir absolut bewusst. Aber ich hatte ein paar echt harte Tage hinter mir, und wenn ich etwas Schlaf finden wollte, gab es nur eine Möglichkeit, um mein Unterbewusstsein zu beruhigen.

Die zwei Männer wirkten nicht glücklich mit der Situation, als sie endlich begriffen hatten, was ich wollte. Sie gaben jedoch nach und legten sich neben mich, wenn auch in fast identischer steifer Haltung. Ryker knipste das Licht aus, und ich schloss die Augen. So, im Dunkeln, spürte ich die beiden Körper rechts und links von mir, ließ mich von ihrer Hitze wärmen. Ich hörte die beiden Männer atmen und dieses Geräusch tröstete mich. Endlich konnte ich mich entspannen, und so schlief ich mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

2

Vielleicht gibt es ja noch bessere Arten aufzuwachen als zwischen zwei halb nackten Männern, aber mir persönlich fällt da nichts ein.

Das erste Morgenlicht drang durch die Spalten der Jalousie und ließ mich blinzeln, während ich mit mir haderte, ob ich mich rühren sollte.

Wir drei lagen in Löffelchen-Position, ich mit der Brust an Rykers Rücken geschmiegt, Parker mit seiner Brust an meinem Rücken, Parkers Arm ruhte auf meiner Taille. Es war warm und gemütlich und am liebsten hätte ich mich nie mehr vom Fleck bewegt.

Sie waren alle beide da, unversehrt und in Sicherheit. Rykers Brust hob und senkte sich regelmäßig, in meinem Nacken spürte ich Parkers Atem. Meine Albträume schienen zu einer anderen Welt zu gehören. Mit diesen beiden Männern an meiner Seite fühlte ich mich absolut geborgen, und ich nahm mir fest vor, dieses Gefühl nie zu vergessen. In letzter Zeit hatte ich mich nicht oft sicher fühlen dürfen.

Welcher Wochentag war eigentlich? All die Ereignisse der letzten Zeit hatten mich den Überblick verlieren lassen. Im Grunde konnte es mir auch egal sein, ich musste ja nicht aufstehen und mich für die Arbeit fertig machen. Wenn mich nicht alles täuschte, war ich arbeitslos, weil ich meinem Chef, dem Mann, der mich gerade von hinten umarmte, mitgeteilt hatte, ich würde kündigen.

Wobei mir in dieser Frage keine Wahl geblieben war, denn hat man erst einmal mit seinem Chef geschlafen und ihm gestanden, dass man ihn liebt, gibt es wohl kaum noch ein Zurück. Allerdings hatte es in meinem Fall vielleicht schon zu einem früheren Zeitpunkt kein Zurück in die Normalität mehr gegeben, nämlich von dem Tag an, wo ich anfing, mit dem Erzfreund meines Chefs, dem Mann, den ich gerade von hinten umarmte, auszugehen und auch mit ihm zu schlafen.

Aber was soll ein Mädchen schon tun, wenn russische Mafiabosse und Auftragsmörder hinter einem her sind und sich das Leben in einen schrägen Film verwandelt?

In diesem Moment wollte ich nicht über das Desaster meines Lebens nachdenken. Dazu war er zu perfekt, und der Realität konnte ich mich auch später noch stellen.

Leider schien die Realität selbst das anders zu sehen, denn kaum hatte ich beschlossen, den Augenblick noch eine Weile schweigend zu genießen, als sich Parkers Arm fester um meine Taille schloss. Er schmiegte sich dicht an mich, und so konnte ich unmissverständlich spüren, dass sein Körper unter Viktors Folter keine Langzeitschäden davongetragen hatte und den Morgen mit ganzer Manneskraft willkommen hieß.

Okay … ich mochte eine heißblütige junge Frau sein, die in ihrem Leben einen oder zwei Liebesromane zu viel gelesen hatte, aber die Bilder, die mir in diesem Moment durch den Kopf schossen, waren dann doch einen Tick zu heiß. Dabei verfluchte ich alle ethischen, moralischen und sonstigen Bedenken, die mich davon abhielten, meine Lippen an Rykers nackten Rücken zu pressen und meine Hüften weiter nach hinten zu schieben, näher an Parker heran.

Ach, jetzt eine Flasche Tequila und dann alle Schicklichkeit in den Wind schlagen …

Als hätte er meine Gedanken gespürt, rührte sich Ryker und drehte sich auf den Rücken. Meine Hand zögerte kurz, ehe sie es sich auf seiner Brust bequem machte. Die Kette mit seiner Erkennungsmarke daran hatte sich verheddert, und mein Blick wanderte unwillkürlich über Brust und Bauchmuskeln, um bei dem Verband über der Brandverletzung zu verharren.

Wahrscheinlich war es besser, wenn ich aufstand, ehe ich etwas kolossal Dummes tun konnte. Meine Hormone schienen feiern zu wollen, dass wir alle noch lebten und gesund und munter waren. Ich persönlich hätte gegen ein solches Fest auch wirklich nichts einzuwenden gehabt, aber leider würden die beiden anderen hier im Bett das bestimmt anders sehen.

Ich drehte mich vorsichtig hin und her, um herauszufinden, wie ich aufstehen konnte, ohne die Männer zu wecken, die mich zwischen sich eingeklemmt hatten.

»Wenn du mich mit einem Mann im Bett allein lässt, sehe ich mich gezwungen, dich zu entlassen«, flüsterte mir Parker ins Ohr.

Ich musste gegen meinen Willen lächeln. »Du kannst mich nicht feuern«, flüsterte ich zurück. »Ich habe gekündigt. Schon vergessen?«

»Ich nicht, aber ich hoffte, du vielleicht.«

»Da geht er hin, der Traum, das hier würde gar nicht stattfinden«, meldete sich Ryker, der die Augen aufgeschlagen hatte und mich von der Seite musterte.

»Tu so, als wäre eine Zombie-Apokalypse über uns hereingebrochen«, schlug ich vor. »Wir kuscheln uns aneinander, um uns zu wärmen und zu trösten.«

Um Rykers Lippen zuckte es, bis sein Blick auf Parkers Arm auf meiner Taille fiel, wonach sich auch diese Andeutung eines Lächelns auf Nimmerwiedersehen verabschiedete.

Okay … Da ich hier offenbar als Einzige bereits im Kopf einen Brief fürs Penthouse-Forum formulierte, war es wohl an der Zeit, die Sache zu beenden.

Ich rutschte nach unten, von der Matratze herunter, und war aufgestanden, ehe einer der beiden noch etwas von sich geben konnte. Zwei Paar blauer Augen folgten jeder meiner Bewegungen, und da ich lediglich mit Slip und T-Shirt bekleidet war, verschwand ich so schnell es ging im Bad.

Dort musterte ich mich erst einmal mit zusammengekniffenen Augen im Spiegel. Himmel! Mein Auge war zwar nicht noch weiter zugeschwollen, aber unter dem Strich sah ich so aus, als wäre ich in eine Kneipenschlägerei geraten und hätte dort gewaltig den Kürzeren gezogen.

Ich duschte lange und heiß, wonach es mir schon erheblich besser ging. Da ich natürlich keine Kleider zum Wechseln dabeihatte, hüllte ich mich erst einmal in ein Handtuch und machte mich auf die Suche nach meiner Jeans und einem T-Shirt, das ich mir leihen konnte. Das Schlafzimmer lag inzwischen verwaist da, also konnte ich mich in aller Ruhe ankleiden, ehe ich nach den beiden Männern fahndete, die zurzeit all mein Denken und Fühlen in Beschlag nahmen.

Als ich in der Küche Stimmen hörte, blieb ich neugierig stehen, um zu lauschen.

»… ein ganz anderer Mensch als Natalie«, sagte Parker gerade. »Ich weiß, über die willst du nicht reden, aber ich habe dich wirklich nie angelogen.«

»Natalie war nie das Problem, das Problem warst du«, gab Ryker zurück. »Glaubst du echt, ich wüsste nicht, wie du sie manipuliert hast?«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Parker. »Ich habe sie nie manipuliert. Sie hat mir erzählt, sie hätte Gefühle für mich und würde dich nicht mehr lieben.«

»Sie dachte, ich würde sie hassen, weil sie mit dir geschlafen hat«, gab Ryker zurück. »Aber ich habe sie geliebt, ich hatte nicht vor, sie gehen zu lassen, nur weil sie mit dir einen dummen Fehler gemacht hatte.«

»Es war kein dummer Fehler und ich wollte nicht mehr von ihr für ihre Spielchen benutzt werden. Mir war unsere Freundschaft mehr wert als diese Frau. Sie hat uns auseinandergebracht, Ryker.«

Die kaum unterdrückte Wut in Parkers Stimme ließ mich zusammenzucken.

»Blödsinn«, knurrte Ryker. »Du hast unsere Freundschaft verraten. Schieb das jetzt nicht auf Natalie.«

»Ich wollte, dass du sie so siehst, wie sie wirklich war«, erwiderte Parker.

»Und Sage?«, konterte Ryker hitzig. »Machst du das mit ihr auch so? Benutzt du sie, um mir eine Lektion zu erteilen?«

Schockiert hielt ich die Luft an. Das konnte nicht stimmen. So etwas würde Parker mir doch nie antun – oder doch? Er mochte mich, ihm lag etwas an mir. Vielleicht liebte er mich nicht, auf einer bestimmten Ebene jedoch lag ihm etwas an mir.

»Natürlich nicht …«

Ich stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus.

»Aber wir müssen entscheiden, wie es jetzt weitergehen soll«, fuhr Parker fort.

»Diese Entscheidung treffen wohl kaum wir beide«, sagte Ryker. »Sage wird uns sagen, wo es langgeht.«

»Und was machst du, wenn sie sich für mich entscheidet?«, wollte Parker wissen. »Drehst du dann durch?«

»Wer sagt denn, dass sie sich für dich entscheidet?«, schoss Ryker zurück. »Das ist mal wieder typisch: Du denkst automatisch, dass sie dich will, nicht mich. Du hattest mehr als ein Jahr lang Zeit, dich um Sage zu bemühen und mit ihr eine Beziehung zu führen. Aber nein, du wartest, bis sie mit mir zusammen ist, und erst dann beschließt du, dass sie eine begehrenswerte Frau ist. Das ist mir ein bisschen zu viel Zufall.«

»So stimmt das doch gar nicht«, wehrte sich Parker. »Du ziehst wieder mal die völlig falschen Schlüsse.«

Ich hatte mittlerweile lange genug gelauscht. Und vor allem hatte ich genug von diesem Streit. Ich ging in die Küche.

Natürlich verstummten die Männer sofort. Ich sah erst den einen an, dann den anderen.

»Gestern Abend dachte ich, ihr zwei hättet euch wieder vertragen«, sagte ich. »Darüber war ich sehr glücklich. Und ich bin nicht Natalie. Ich werde nichts zerschlagen, was endlich wieder heil ist.«

»Was soll das heißen?«, fragte Ryker.

Parker schwieg, der durchdringende Blick jedoch, mit dem er mich musterte, ließ mich ahnen, dass er schon wusste, was ich gleich sagen würde.

»Ich mache Schluss«, erklärte ich. »Mit euch beiden.«

Das waren harte Worte. Es fiel mir nicht leicht, sie auszusprechen, und die verängstigte Frau in mir, die gestern Nacht Parker und Ryker gebraucht hatte, um endlich einschlafen zu können, starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber ich beachtete sie nicht.

»Ryker …« Ich trat vor ihn und legte ihm die Hand auf die Brust. »Die Monate mit dir waren fantastisch. Ich hatte jede Menge Spaß und du … du bedeutest mir inzwischen sehr viel. Ich wünsche dir nur das Beste.« Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen züchtigen Kuss auf die Lippen zu drücken, ehe ich mich Parker zuwandte.

»Ich habe eine ganze Weile für dich gearbeitet«, sagte ich zu ihm, »und es hat mir unglaublichen Spaß gemacht. Ich respektiere und bewundere dich und werde unsere gemeinsame Zeit immer in gutem Andenken bewahren.« Tränen drohten mir die Kehle zuzuschnüren, aber ich schluckte sie tapfer hinunter, drückte Parker denselben unschuldigen Kuss auf die Lippen, den Ryker bekommen hatte, und wandte mich ab.

»Sage, tu das nicht …«, setzte Parker an, doch ich brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Ihr beide wart beste Freunde. Was ihr hattet, hätte nie zerstört werden dürfen, und ihr wart Idioten, euch von einer Frau auseinanderbringen zu lassen. Ich will verdammt sein, wenn ich jetzt zulasse, dass sich die Geschichte wiederholt.« Draußen hupte ein Auto.

»Das ist für mich«, sagte ich. »Ich werde abgeholt.« Nachdem ich geduscht und mich angezogen hatte, hatte ich meinen Dad angerufen und ihn gebeten, mir einen Wagen zu schicken. Dad hatte mir keine Fragen gestellt. »Also – dann bis irgendwann mal.«

Keinem der beiden war anzusehen, was sie dachten. Ich warf einen letzten Blick zurück, um mir das Bild einzuprägen. Sie standen nebeneinander, zwei Traummänner, denen das Testosteron praktisch aus allen Poren drang. Beide mussten sich dringend mal rasieren, bei beiden zeugten blaue Flecken und kaum verheilte Narben an nackten Unterarmen und Knöcheln von den Schrecken, die wir in den vergangenen Wochen durchlebt hatten. Selbst Parker hatte etwas von seiner makellosen Nonchalance eingebüßt, seine kantigen Gesichtszüge traten schärfer hervor als sonst.

Bis zur Tür schien es unendlich weit, ich konnte sie kaum erkennen, da meine Sicht verschwamm. Entschlossen wischte ich mir die Tränen aus den Augen. Wie hatte es nur passieren können, dass ich mich gleich in zwei Männer verliebte – und jetzt beide verlor?

Aber ich schaffte es zur Tür hinaus, fand den wartenden Wagen und kletterte hinein.

»Wohin, Miss Sage?«, erkundigte sich Shultz, der Chauffeur meiner Familie.

»Nach Hause, bitte«, flüsterte ich mit letzter Kraft. »Richtig nach Hause, nicht in meine Wohnung.« Ich musste ganz dringend zu meiner Mutter. Sie sollte mich in den Arm nehmen und mir versichern, dass alles wieder gut werden würde.

Vielleicht würde es ja auch wieder gut werden. Irgendwann einmal.

»Irgendwelche Pläne für heute?«, wollte meine Mutter wissen, als ich mir die erste Tasse Kaffee einschenkte. Es war jetzt zwei Wochen her, dass ich nach Hause gekommen war, und die meiste Zeit hatte ich damit verbracht, trübsinnig von einem Zimmer in das andere zu schleichen. Ich schien nirgendwo Ruhe finden zu können. Wohin ich auch ging, die Bilder von Ryker und Parker folgten mir überallhin. Am schlimmsten war es in meinem Zimmer, dort hatten Parker und ich uns das erste Mal geliebt. Ich hatte gleich nach meiner Heimkehr die Laken vom Bett gerissen und weggeworfen. Ich konnte mir nicht vorstellen, noch einmal darin zu schlafen; noch immer bildete ich mir ein, sie würden nach ihm – nach uns – riechen.

»Weiß nicht.« Ich reagierte nicht gerade munter auf Moms Frage. »Hab noch nicht darüber nachgedacht.«

»Ich dachte, es wäre doch nett, wenn du dich heute zur Abwechslung mal anziehen würdest«, schlug sie liebevoll vor. »Vielleicht auch die Haare richten? Gönn dir doch einen Wellnesstag. Ich könnte dir einen Termin machen.«

Okay, ich war zu deprimiert gewesen, um mich groß um mein Äußeres zu kümmern. Na, und? Ich war arbeits- und beziehungslos, da durfte ich mich wohl ein bisschen im Selbstmitleid suhlen.

»Ich werde ja wohl kaum müffeln«, verteidigte ich mich. Oder? Zur Sicherheit schnupperte ich kurz unauffällig.

»Natürlich nicht, Schatz«, beruhigte mich Mom. »Aber du solltest trotzdem nicht so weitermachen. Du musst zu dir kommen und dein Leben wieder in die Hand nehmen.«

Sofort sackte ich als Häufchen Elend am Küchentisch zusammen und barg den Kopf in beiden Händen. Mein Bademantel stand offen. Darunter trug ich einen Pyjama, obwohl längst Mittag war.

»Du hast ja recht«, seufzte ich müde. »Das weiß ich auch. Es ist bloß so … so schwer.« Sie fehlten mir. Beide. Ich hatte meiner Mom alles gestanden, nachdem mich Shultz als Jammergestalt mit blauem Auge zu Hause abgeliefert hatte. Und ganz wie ich es gehofft hatte, hatte mich Mom in den Arm genommen, mir zugehört und mich getröstet.

»Das weiß ich doch«, versicherte sie mir jetzt und setzte sich neben mich. »Aber die Sage, die ich kenne, ist eine Kämpfernatur. Du hast getrauert, jetzt ist es an der Zeit, dich aufzurappeln und weiterzumachen.«

Schon klar, meine Mom wollte nur helfen. Sie würde mich nie aus dem Haus werfen, wenn ich bleiben wollte, und in ihrem riesigen, mehr als 500 Quadratmeter großen Heim im vornehmen Chicagoer Vorort Lake Forrest war für drei Bewohner wirklich mehr als genug Platz. Gut – fünf Bewohner, wenn man Shultz, den Chauffeur, und die Köchin Rita dazu nahm, aber die beiden schliefen nicht hier.

»Wellness wäre wohl nicht schlecht«, lenkte ich schließlich ein. Es hatte keinen Sinn, sich in meinem Zustand in die Jobsuche zu stürzen. Ich sollte mich lieber langsam ins Leben zurückschleichen. Einen Tag im Spa hatte mein gebrochenes Herz auf jeden Fall verdient, selbst wenn ich nicht sitzen gelassen worden war, sondern im Gegenteil von mir aus Schluss gemacht hatte.

»Gute Idee.« Mom strahlte mich an, als sei die Idee von Anfang an auf meinem eigenen Mist gewachsen.

Sechs Stunden, eine Maniküre, eine Pediküre, eine Massage und eine Gesichtsbehandlung später fühlte ich mich fast schon wieder normal und fand, es sei an der Zeit, mir meinen Dad vorzuknöpfen.

Also klopfte ich an die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Ganz wie ich es erwartet hatte, saß er hinter seinem Schreibtisch und sah Papiere durch, als ich eintrat. Mein Dad war der klassische Workaholic, aber da er seine Arbeitswut zu Hause auslebte und nicht täglich zwölf Stunden oder länger im Büro verschwand, beklagte meine Mom sich nicht. Dad sah auf, als ich ins Zimmer kam.

»Liebling! Schön, dass du auf bist. Wie war es im Spa?«

»Prima.« Ich setzte mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Und was kann ich heute für dich tun?«

Ich musterte ihn streng. »Das fragst du mich jetzt nicht ernsthaft, oder? Du weißt doch, warum ich hier bin.«

Er lächelte ein wenig verhalten. »Ja, ich habe geahnt, dass wir diese Unterhaltung irgendwann einmal würden führen müssen. Du willst mir wahrscheinlich sagen, dass die Zeit jetzt gekommen ist.«

»Wer waren diese Typen, Dad?« Ich meinte damit die Männer, in deren Begleitung Dad aufgetaucht war, um mich aus Leo Sheas Klauen zu befreien.

»Sie arbeiten für mich.«

»Du beschäftigst Leute, nur um andere Menschen zu töten?«, fragte ich ungläubig.

Dad schnaubte. »Sei nicht albern. Das war der Sicherheitsdienst aus meinem Betrieb. Die meisten dieser Männer waren früher beim Militär. Sie verfügen über unglaubliche Fähigkeiten und Kenntnisse, die in den meisten zivilen Berufen nicht richtig geschätzt werden. Das sind keine einfachen Söldner, die jeder anheuern kann.«

»Und weswegen brauchst du so einen Sicherheitsdienst?«, wollte ich wissen.

Mein Vater seufzte. »Du weißt kaum etwas darüber, wie ich mein Geschäft führe, Sage. Es ist nicht einfach, der größte Spirituosengroßhändler Chicagos zu sein. Ich musste hart arbeiten, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin und leider halten sich in der Geschäftswelt nicht immer alle an die Spielregeln.«

»Du schon?«

Er zuckte die Achseln. »Ich tue mein Bestes. Ich transportiere nichts Illegales, aber es gibt trotzdem immer wieder Leute, die in meinem Revier wildern wollen oder versuchen, mich ganz und gar aus dem Geschäft zu drängen.«

»War das schon immer so?«, fragte ich. »Auch während meiner Kindheit hier? Habe ich es nur einfach nicht mitbekommen?«

»Du wirst dich nicht daran erinnern, weil du damals noch sehr klein warst, aber alles fing damit an, dass jemand dich und deine Mom bedrohte«, erklärte Dad. »Ihr wart auf dem Weg zurück vom Kinderarzt, als das Auto deiner Mutter streikte. Damals gab es noch keine Handys, also war sie froh, als jemand hielt und vorgab, ihr helfen zu wollen. Aber statt ihr zu helfen, drohte er ihr. Er schilderte ihr ausführlich, was alles geschehen würde, wenn ich nicht täte, was … was dieses eine Konkurrenzunternehmen von mir verlangte. Er hat ihr Angst gemacht. Und mir auch.«

»Ich habe damals gründlich nachgedacht«, fuhr er fort. »Dann war klar, dass mir nur zwei Wege offenstanden: Ich konnte kapitulieren, den Forderungen nachgeben und mich damit bis ans Ende meiner Tage einem Mann ausliefern, der nicht davor zurückschrecken würde, mir und meiner Familie wehzutun. Oder ich konnte mich wehren. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit.«

»Was wurde aus dem Mann, der Mom bedroht hat?«, wollte ich wissen.

»Dem habe ich klargemacht, dass es keine gute Idee ist, sich mit mir anzulegen«, erklärte Dad gelassen.

Das ließ ich so stehen. Weitere Einzelheiten wollte ich im Moment lieber nicht wissen.

»Ich habe mich noch nicht dafür bedankt, dass du gekommen bist, um mich zu retten«, wechselte ich das Thema. »Ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte, wenn du nicht aufgetaucht wärst.« Wahrscheinlich hätte ich die Nacht mit Leo nicht überlebt.

»Ich bin froh, dass ich dir helfen konnte und die Mittel hatte, dich da rauszuholen«, sagte Dad. »Du brauchst dich nicht zu bedanken, du bist doch meine Tochter.«

Wir sahen uns an. Dad und ich, wir verstanden einander auch ohne Worte. Mein Vater zeigte nur ungern Gefühle, aber ich wusste, was er jetzt nicht sagte, und war ihm dankbar dafür.

»Was hast du nun vor?«, erkundigte er sich. »Nachdem du gekündigt hast?«

Diesmal war ich mit Achselzucken an der Reihe. »Ich weiß noch nicht. Ich dachte, ich versuche es vielleicht noch mal im Museum.« Obwohl ich mir da kaum Hoffnungen machte, denn einen Job im Museum ergatterte man nur mit Beziehungen, und die hatte ich nicht.

»Du könnest für mich arbeiten«, schlug Dad vor.

Ich hob die Brauen. »Für dich arbeiten? Als was denn?«

»Du könntest dich in die Geschäftsführung einarbeiten. Du bist unser einziges Kind und ich würde die Firma lieber dir hinterlassen als sie irgendwann verkaufen zu müssen. So bliebe sie in der Familie.«

Ich dachte nach. Bei KLP hatte ich in den vergangenen zwei Jahren viel gelernt, besonders in der engen Zusammenarbeit mit Parker. Ich wusste inzwischen, dass die Arbeit in einer großen Firma mir Spaß machte und in einem Betrieb tätig zu sein, den mein Vater gegründet und eigenhändig zu dem gemacht hatte, was er jetzt war, würde dem Ganzen noch eine persönliche Note verleihen. Ja, das könnte mir gefallen. Zum ersten Mal seit Tagen verspürte ich so etwas wie Interesse.

»Reden wir hier von einem Job auf Zeit oder von einer dauerhaften Festeinstellung?«, erkundigte ich mich vorsichtig. Vielleicht freute ich mich gerade viel zu früh auf eine neue berufliche Laufbahn, und Dad hatte mir nur etwas anbieten wollen, um mich von meinem gebrochenen Herzen abzulenken.

»Ganz wie du möchtest. Das entscheidest du.«

Mehr konnte ich wirklich nicht verlangen. »Okay«, sagte ich. »Wie stellst du dir die Sache konkret vor?«

Mein Vater strahlte mich an. »Du arbeitest in der Stadt, im Hauptbüro«, sagte er. »Ich bitte Charlie, dich auszubilden. Erst einmal läufst du mit ihm mit.«

Charlie war der Stellvertreter meines Dads und arbeitete schon seit einer Ewigkeit für ihn.

»Ich selbst bin in der Regel an zwei, drei Tagen in der Woche im Büro«, fuhr Dad fort, »und könnte dir dann noch mehr beibringen. Wann möchtest du anfangen?«

»Wie wäre es mit Montag?« Dann bliebe mir das Wochenende, um in meine Wohnung zurückzuziehen und mein altes Leben wieder aufzunehmen. Der Gedanke an meine Wohnung deprimierte mich mit einem Mal nicht mehr ganz so sehr, und die Vorstellung, einen neuen Karriereweg einzuschlagen und einen interessanten Beruf erlernen zu dürfen, gab mir erheblichen Auftrieb.

»Wunderbar!« Dad freute sich sichtlich. »Ich leite gleich alles in die Wege.«

Ich stand auf, ging um den Tisch herum und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Danke, Dad.« Damit meinte ich nicht nur das Jobangebot. Dad hatte hart gearbeitet und offenbar ja auch gefährliche Zeiten durchgestanden, um gut für mich und meine Mom sorgen zu können. Dafür war ich ihm sehr verbunden. Und ich war froh und dankbar dafür, ihn zu haben.

»Jetzt ist es aber genug.« Dads Ohren waren ganz rot geworden. »Geh zu deiner Mutter, wenn du schmusen willst. Die hat sich in den letzten Wochen weiß Gott genug Sorgen um dich gemacht.«

Meine Mom half mir, meine Sachen zusammenzusuchen und fuhr mich zu meiner Wohnung. Sie hatte auch ein paar Lebensmittel eingepackt, und während sie die in meinem Kühlschrank verstaute, plapperte sie munter vor sich hin.

»… finde diese Sofakissen ganz entzückend«, sagte sie gerade. Ich selbst sah mich immer noch in der Wohnung um. Parker hatte Wort gehalten und wirklich noch einmal jemanden zum Saubermachen hergeschickt. Alles stand wieder ordentlich an seinem Platz, und die Sofakissen waren eindeutig neu. Ich malte mir lieber nicht aus, was mit den alten passiert war.

Meine Mutter puzzelte noch ein bisschen in der Wohnung herum, ehe sie mich zum Abschied fest in den Arm nahm und küsste. Dann ging sie. Es tat erstaunlich gut, wieder zu Hause zu sein. Langsam fühlte ich mich mehr und mehr wieder wie ich selbst.

Aber Montag früh holt jemand anderes Parker den Kaffee.

Bei diesem Gedanken kam kurz Eifersucht bei mir auf, dicht gefolgt von Bedauern. Dennoch hatte ich das Richtige getan. Hatte ich wirklich.

Ich wollte mir die Keksdose aus dem Küchenschrank holen, doch dann fiel es mir wieder ein. Die war ja kaputt, weil ich damit nach Parker geworfen hatte.

Mist.

Nun musste ich schon wieder heulen, und das ohne meine geliebte Keksdose voller M&Ms, die mich wenigstens ein bisschen getröstet hätten. Wenigstens war noch Wein da, und einen Fernseher hatte ich auch.

Zwei Stunden später – ich hatte eine Flasche Wein geleert, eine Packung Tempotaschentücher nass geweint und mir im Fernsehen Wie ein einziger Tag reingezogen – war ich bereit für den Abschied von der Liebe und dem Leben. Da meldete sich mein Handy: Megan.

»Ja?«, begrüßte ich sie leise schniefend.

»Ich weiß, was du gerade treibst«, sagte meine Freundin.

»Ach, ja? Was denn?«, grummelte ich.

»Du bläst Trübsal. Du hast gekündigt, was du im Übrigen ruhig mal hättest erwähnen können, und mit Ryker Schluss gemacht. Wie viele Flaschen Wein hast du schon intus?«

»Eine«, knurrte ich und kippte den letzten Rest hinunter. Immerhin hatte ich nicht gleich aus der Flasche getrunken.

»Könnte wohl schlimmer sein«, meinte sie seufzend. »Ich hatte befürchtet, du hängst über der Kloschüssel und kotzt dir die Seele aus dem Leib.«

Das hatte ich bereits daheim bei meinen Eltern erledigt. Die hatten zum Glück nicht mitgekriegt, wenn ich abwechselnd heulte und würgte, dazu war das Haus zu groß.

»Bist du jetzt wieder bei dir in der Wohnung?«, wollte Megan wissen.

»Ja.«

»Dann komme ich vorbei und bringe was zum Essen mit. Pizza und Eis. Irgendwelche besonderen Wünsche?«

»Mehr Wein.«

»Wein hattest du jetzt genug. Ich meinte Vanille oder Schokolade.«

»Was ist das denn für eine Frage?«

»Auch wieder wahr. Schokolade natürlich. Ich bin in einer Stunde bei dir.«

Ich rührte mich nicht vom Fleck, sondern blieb einfach auf dem Bauch auf meiner Couch liegen und sah mir an, was mir das Fernsehen nach dem wohl traurigsten Film aller Zeiten sonst noch zu bieten hatte. Irgendwann klopfte es an der Tür.

»Es ist Freitagabend, du bist frisch getrennt – da darf der Mensch nicht allein sein.« Umgeben vom Duft frischer Pizza schob sich Megan an mir vorbei durch die Tür und steuerte meine Küche an. Ich folgte ihr.

»Das mit der Trennung ist schon zwei Wochen her, und mir geht es bestens«, sagte ich.

Sie verstaute die Packung Eis in meinem Tiefkühlfach, ehe sie mir einen prüfenden Blick zuwarf. »So siehst du auch aus«, meinte sie trocken.

Wie soll man sich gegen blanken Sarkasmus wehren? Wobei sie wahrscheinlich recht hatte: Ich hatte zwei Stunden lang geheult, da sieht man zwangsläufig grauenhaft aus.

»Ich habe uns extra Käse gegönnt.« Megan öffnete die Pizzaschachtel. »Lass uns essen.«

Drei fetttriefende Stück Pizza später ging es mir schon etwas besser. Megan hatte gegen den Sender protestiert, der mir beim Heulen geholfen hatte (»Was tust du dir auch Lifetime an? So was guckt man, wenn man sich die Pulsadern aufschneiden will!«) und auf ein Programm umgeschaltet, das eine Comedyshow zu bieten hatte. Wir hatten es uns nebeneinander auf der Couch gemütlich gemacht, und ich warf der verbliebenen Pizza begehrliche Blicke zu. Ob ich mir noch ein Stück genehmigen sollte?

»Jetzt erzählst du mir ganz genau, was los ist«, befahl Megan. »Den Job hinzuschmeißen ist ja ein ziemlich dickes Ding. Und ich dachte, zwischen dir und Ryker liefe es gut.«

»Lief es auch. Bis ich mit Parker geschlafen habe.«

Megan riss die Augen auf. Ihre Lippen formten sich zu einem überraschten O, und ich durfte kurzfristig das Gefühl genießen, sie zur Sprachlosigkeit verdammt zu haben. Natürlich währte das nicht lange.

»Du hast mit Parker geschlafen?«, quietschte sie mit hoher Stimme. »Aber … wann denn? Wie …«

»Nachdem mich dieser von Viktor angeheuerte Typ verfolgt hatte«, erklärte ich. »Ich war bei meinen Eltern, und Parker tauchte auf. Ich hatte mir Sorgen um ihn gemacht, er dachte, mir wäre etwas Schreckliches zugestoßen und so … na, ja.« Ich zuckte die Achseln. »Ich dachte, es wäre ein Riesending und würde alles verändern … Und er hat ja auch gesagt, es würde alles verändern. Aber das hat er sich dann wohl anders überlegt, wahrscheinlich wegen Ryker, denn als der am nächsten Tag auftauchte …«

»Moment«, fiel mir Megan ins Wort. »An dem Morgen, nachdem du mit seinem ehemaligen besten Freund geschlafen hattest, ist Ryker bei deinen Eltern zu Haus aufgetaucht?«

Ich nickte.

»Hast du es ihm gebeichtet?«, fuhr sie fort.

»Nein, aber er weiß, dass ich etwas für Parker empfinde. Er sagte, er würde nicht wieder kampflos aufgeben wie beim letzten Mal. Dann hat Parker mir gesagt, dass er mich liebt und danach ging alles den Bach runter.«

Megan schüttelte hilflos den Kopf. »Verdammt, du hattest recht. Hier ist dringend mehr Wein gefragt.«

Ich musste lachen, woraufhin sie grinste.

»Ich fasse das jetzt mal zusammen und du korrigierst mich, wenn ich irgendetwas falsch verstanden habe«, sagte sie. »Da sind zwei Männer, die dir beide versichern, dass sie dich lieben. Du hast dich von beiden getrennt und als Krönung des Ganzen hast du auch noch deinen Job geschmissen.«

Ich nickte. »Ich glaube, sie sind inzwischen wieder Freunde geworden. Wenn ich gewählt und mich für einen von ihnen entschieden hätte, hätten sie sich nur wieder gehasst. Das wollte ich den beiden nicht antun.«

»Es ist doch nicht deine Schuld, dass sie sich beide in dich verliebt haben«, sagte Megan. »Ich persönlich finde dich ziemlich umwerfend.«

Ich lächelte schwach.

»Andererseits finde ich es aber auch ziemlich albern, dass du gleich beide abserviert hast«, fuhr sie fort. »Du verzichtest auf deine Chance auf Liebe, nur weil die zwei ihr Ego nicht im Griff haben und nicht weiter Freunde bleiben können, egal, für wen du dich entscheidest?«

Ich schüttelte den Kopf. »Mein Leben kommt mir sowieso schon vor wie die reine Seifenoper, da mag ich mich nicht auch noch in das Drama der beiden verstricken lassen.«

»Kannst du denn deine Gefühle einfach so abstellen?« Megan ließ nicht locker. »Und willst du jetzt keinen der beiden je wiedersehen?«

Jetzt war es um meine Fassung geschehen. Megan warf einen Blick auf mein Gesicht, ehe sie mich leise fluchend in die Arme schloss. »Entschuldigung! Ich wollte dich doch nicht wieder zum Weinen bringen.«

»Ist schon okay.« Ich schniefte. »Aber so, wie du das eben gesagt hast … so kann ich daran einfach nicht denken, weil ich dann … weil ich …« Weiter kam ich nicht, dazu war der Kloß in meinem Hals zu dick geworden. Aber ich glaube, sie wusste auch so, was ich meinte.

Es dauerte ein bisschen, bis ich alles heruntergeschluckt hatte und mir die letzten Tränen aus den Augen wischen konnte. Ich räusperte mich und lehnte mich zurück. »Tut mir wirklich leid.«

»Aber du musst dich doch nun wirklich nicht entschuldigen«, protestierte Megan. »Ich bin die miserable Freundin, die dich zum Heulen gebracht hat.«

Ich lachte ein wenig unsicher. »Von wegen, du hast doch nur die Wahrheit gesagt. Sie fehlen mir. Sehr sogar. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie dazu bringen, dass sie um mich wetteifern?« Ich schüttelte den Kopf.

»Sag mir die Wahrheit«, bat Megan. »Wenn du dir einen aussuchen dürftest, könntest du das? Wüsstest du, welcher dir lieber wäre?«

Als ich über die Frage nachdachte, hatte ich sofort ein Gesicht vor Augen. »Ja.« Ich nickte. »Ja, das könnte ich. Aber es geht nicht, und deswegen mache ich es nicht. Es wäre falsch und sie würden sich nur wieder entzweien. Es ist vorbei.«

Megan schien das akzeptieren zu wollen, wirkte nun aber auch eher niedergeschlagen. Ich wusste ihr Mitgefühl zu schätzen, dabei hatte ich es meiner Meinung nach gar nicht verdient.

»Wo willst du denn jetzt arbeiten?«, fragte sie als Nächstes. Ich war ihr dankbar für den Themenwechsel.

»Für meinen Dad«, sagte ich. »In seiner Firma. Es ist erst einmal ein Versuch, aber Montag fange ich an.«

»Ich wusste gar nicht, dass dich Betriebswirtschaft so interessiert«, meinte sie. »Ich hätte gedacht, du würdest eher in einem Museum arbeiten wollen.«

Ich zuckte die Achseln. »Ich hatte auf dem College Betriebswirtschaft als Nebenfach belegt, so als Backup für den Notfall. Dad hat mir angeboten, für ihn zu arbeiten und irgendwie schien es mir eine gute Idee. Ob es mir in der Firma gefällt oder nicht, werde ich dann wohl sehen.« Ich zögerte kurz. »Was ist mit meinem alten Job? Hat Parker schon jemanden für mich eingestellt?« Ich fragte betont beiläufig, was mir Megan aber sicher nicht abnahm. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich glaube, er tut so, als kämst du zurück«, antwortete sie. »Momentan schickt eine Zeitarbeitsfirma diverse Frauen, und die verschleißt er dann in rasantem Tempo. Die letzte ist mitten am Tag in Tränen aufgelöst abgehauen. Ich habe gehört, die Zentrale will bei ihm Druck machen, weil die Zeitarbeitsfirma uns niemanden mehr schicken mag.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst«, sagte ich entsetzt. So schlimm war Parker doch wirklich nicht. Mich hatte er nie zum Weinen gebracht oder so. Jedenfalls nicht bei der Arbeit.

»Er benimmt sich wie das letzte Arschloch, heißt es.« Megan zuckte die Achseln. »Und das wird wohl auch so weitergehen, bis ihm klar ist, dass du nicht wiederkommst.«

Das war doch mal ein tröstlicher Gedanke. Eine gewisse Befriedigung verschaffte es mir schon, dass Parker mich nicht gleich ersetzt hatte. Kein feiner Zug von mir, das war schon klar, aber so empfand ich nun einmal.

Wir plauderten noch ein bisschen, Megan sehr um lockere Themen bemüht, um mich aufzuheitern. Kurz nach elf verabschiedete sie sich. An der Tür umarmte ich sie noch einmal lange und herzlich. Ich war glücklich darüber, eine Freundin zu haben, mit der ich reden konnte.

In meinem Schlafzimmer stürzten viel zu viele Erinnerungen an Ryker und Parker auf mich ein: Die schreckliche Angst, als ich fürchten musste, der neben mir liegende Parker würde gleich umgebracht werden und das Echo von Rykers und meinen Liebesnächten, das irgendwie noch in den Laken hing.

Hätte das mit Ryker und mir gut gehen können, wenn ich nicht bereits etwas für Parker empfunden hätte? Diese Frage vermochte ich nicht zu beantworten. Eins aber wusste ich genau: Solange ich noch etwas für Parker empfand, durfte ich nicht mit Ryker zusammen sein. Und auf eine Beziehung mit Parker durfte ich mich nicht einlassen, solange klar war, dass dies unweigerlich zu einem neuen Zerwürfnis zwischen den beiden Männern führen musste.

Mit leichter Nervosität im Magen machte ich mich am Montagmorgen für die Arbeit fertig. Im Hauptbüro meines Vaters arbeiten nur ein paar Dutzend Leute, und ich fragte mich natürlich unwillkürlich, ob die das Auftauchen der Tochter ihres Chefs nicht als eklatanten Fall von Vetternwirtschaft auffassen mussten.

Ich wollte professionell wirken, also zog ich einen engen, knielangen schwarzen Rock an, den ich mit einer weißen Bluse und einer grauen Strickjacke kombinierte. Ich schlang mir einen dünnen roten Gürtel um die Taille und ergänzte das Ganze noch mit passenden roten, hochhackigen Schuhen.

Da ich meine Haare zur Abwechslung einmal nicht hochstecken musste, fasste ich sie in einem tief sitzenden lockeren Pferdeschwanz zusammen. Dazu eine leuchtende Statementkette, meine Handtasche, und fertig war ich.

Ich nahm denselben Bus wie sonst, stieg aber nicht an der üblichen Haltestelle aus. Der Anblick des Starbucks, in dem ich immer Parkers Frühstück geholt hatte, versetzte mir einen Stich, aber ich schüttelte das Gefühl sofort energisch wieder ab.

Als ich zwei Haltestellen später als normal ausstieg, war es bis zum Büro meines Vaters nur noch einen Block weit. Auch dort gab es an der Ecke ein Starbucks. Also schlüpfte ich schnell hinein und ließ mir einen doppelten Gingerbred Latte, fettarm und ohne Schaum, geben.

»Keine Sahne?« Der Barista schrieb etwas auf einen Pappbecher.

»Doch, extra Sahne.« Da muss ich also einen neuen Barista anlernen, dachte ich mit einem leisen Seufzer. Mein alter hätte lauthals gelacht, wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich meinen Latte ohne Sahne wollte.

Der hier, der freche Knabe, warf mir einen verschmitzten Blick zu, als müsse er nachsehen, ob ich mir die Sahne auch leisten konnte. Ich schenkte ihm weiter keine Beachtung und reichte ihm wortlos mein Geld.

Im Laufe der Jahre war ich bestimmt schon hundert Mal bei meinem Vater im Büro gewesen, doch immer nur zu Besuch. Heute war alles anders, was sich allein schon in der Begrüßung der Empfangsdame Carrie äußerte.

»Guten Morgen, Miss Muccino«, sagte sie lächelnd.

Ich blieb stehen. »Carrie! Wir kennen uns jetzt seit fünf Jahren. Bitte nennen Sie mich Sage.«

Sie lachte. »Wenn Sie darauf bestehen. Ich wollte Sie nur nicht gleich am ersten Arbeitstag auf dem falschen Fuß erwischen.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich werde mir hier nichts anmaßen und bin ganz bestimmt nicht daran gewöhnt, dass mich jemand Miss Muccino nennt.« Ich grinste ihr zu. »Sage ist wunderbar.«

»Charlie wartet schon auf Sie.« Carrie stand auf. »Aber erst einmal zeige ich Ihnen Ihr Büro.«

»Ich kriege ein eigenes Büro?«

»Sie lachte. »Natürlich! Ich dachte, Ihr Vater platzt gleich vor Stolz, als er Freitag hier auftauchte um zu verkünden, dass Sie jetzt für ihn arbeiten. Wir hatten am Wochenende die Innenarchitekten hier, damit mit den Möbeln und Vorhängen auch ja alles stimmt.«

Ich musste mich vor lauter Rührung ein paarmal räuspern; mir war gar nicht bewusst gewesen, dass es meinem Vater so viel bedeuten könnte, mich in seiner Firma zu wissen. Er hatte nie Druck auf mich ausgeübt, mich nie dazu überreden wollen, ins Familienunternehmen einzusteigen, und er hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als ich verkündete, Kunst und Kunstgeschichte studieren zu wollen. Er hatte lediglich angemerkt, BWL im Nebenfach habe »noch nie jemandem geschadet«.

»Hier ist es.« Voller Schwung öffnete Carrie die Tür zu einem Büro, das größer war als alles, womit ich gerechnet hätte.

Die Wände waren in einem warmen Mokkaton gehalten, Schreibtisch und Anrichte zeichneten sich durch leichte, anmutige Linien aus und erstrahlten im dunklen Walnussglanz. Zwei kleine Polstersessel vor dem Schreibtisch brachten mit ihren schokobraunen und burgunderroten Streifen Farbe in den Raum, die von den Kissen auf dem Sofa in einer Ecke aufgenommen wurde.

»Das sieht alles einfach umwerfend aus!« Sofort lief ich zum Schreibtisch, um meine Handtasche in der untersten Schublade zu verstauen.

»Dann sage ich jetzt Charlie, dass Sie hier sind«, meinte Carrie lächelnd.

Ich bekam kaum mit, wie sie das Zimmer verließ, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, alles in mich aufzunehmen. Auf dem Schreibtisch stand ein großer Computerbildschirm, an den ein Laptop angeschlossen war. Als ich mich setzte und mit der Tastatur spielte, erwachte der Monitor zum Leben und verlangte, dass ich mich einloggte. Ein kurzer Blick, und ich hatte den Ordner mit meinem Namen darauf entdeckt, der die typischen Formulare für neue Mitarbeiter enthielt: eine Liste mit Log-ins und Passwörtern für die verschiedenen Systeme, mit denen der Betrieb arbeitete, die Telefonnummer meines Büros, meine Faxnummer, E-Mail-Adresse und so weiter und so fort.

»Sage! Wie schön, dass Sie hier sind!«

Ich sah auf: Charlie war ins Zimmer gekommen. Er war groß, breitschultrig und kahl, trug einen Schnurrbart, der langsam grau wurde. Mir war klar, dass er zwar einerseits wie ein gutmütiger Großvater wirken, aber auch in Sekundenschnelle zum scharfzüngigen Tyrannen wechseln konnte. Er gehorchte meinem Vater, ohne Fragen zu stellen, und regierte die Firma mit eiserner Hand.

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