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Risky Business (02) – Heimliches Spiel

Tiffany Snow

Risky Business

Heimliches Spiel

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Sonja Häußler

Zu diesem Buch

Eine schwere Entscheidung: gefährlicher Cop oder charismatischer CEO? Sage Reece wählt Dean Ryker, den sexy Detective auf der Harley, mit dem sie leidenschaftliche Nächte verbringt. Doch ihre Tage gehören weiter ihrem arroganten Chef Parker Anderson. Trotz aller Rivalität haben beide Männer aber nur ein Ziel: Sage vor der Rache der Mafia zu beschützen.

Dieses Buch ist Jill gewidmet, die mir digital die Hand gehalten hat, als wir uns gemeinsam, Tag für Tag, durchgeschlagen haben. Du bist einfach toll, Babe.

Prolog

Parker beobachtete, wie Rykers Pick-up vor dem Gebäude anhielt. Sage kam aus dem Eingang, huschte barfuß über den Gehweg und kletterte dann auf den Beifahrersitz. Der Pick-up fuhr los und verschwand wenige Sekunden später am Ende der Straße.

Er hatte die Tür zufallen hören, als sie gegangen war und ihn ohne ein Wort des Abschieds allein im Bett zurückgelassen hatte.

Nicht dass er ihr das übelnehmen konnte.

Sie wäre heute Nacht beinahe ums Leben gekommen, war nur Sekunden davon entfernt gewesen. Viktor wäre es egal gewesen, er hätte sie kaltblütig umgebracht. Er hatte ihr eine gottverdammte Plastiktüte über den Kopf gezogen und versucht, sie zu ersticken.

Bei der Erinnerung ballten sich Parkers Hände zu Fäusten – wie sie ausgesehen hatte, als er sie aus diesem Auto gezogen hatte. Totenbleich, blutverschmiert von Viktors Schlägen, die Wimperntusche von den Tränen verlaufen, die ihr über die Wangen rannen …

Sage verdiente etwas Besseres. Etwas sehr viel Besseres. Doch Parker brauchte sie in seinem Leben … in seinem Job. Ganz egal, wie verlockend es war, eine persönlichere Beziehung mit ihr einzugehen – es ging einfach nicht. Beziehungen waren nie von Dauer, und gerade wenn man glaubte, die ewige Liebe gefunden zu haben, war alles zu Ende. Und dann … würde sie weg sein. Für immer.

Besser, sie mit Ryker ziehen zu lassen, einem Mann, der sich schon so lange Parker ihn kannte, eine Frau und Kinder, eine Familie wünschte. Vielleicht lag es daran, dass er mit einer alleinerziehenden Mutter groß geworden war. Ryker hatte von nichts anderem gesprochen, als dass er sich verlieben und heiraten wollte. Parker hatte keine Ahnung, weshalb er nicht schon längst eine Familie gegründet hatte.

Vielleicht würde er Sage heiraten.

Der Gedanke war wie ein Tritt in den Magen.

Unfähig, länger im Schlafzimmer zu bleiben und nicht gewillt, unter die Decke zu kriechen, die noch warm war von Sages Körper, ging Parker ins Wohnzimmer. Der schwache Lichtschein einer der Küchenschranklampen fiel herein und reichte aus, um sich einen ordentlichen Schuss Scotch einzuschenken.

Die Erinnerungen stürmten auf ihn ein, als er in der stillen Wohnung stand und mit blinden Augen aus dem Fenster starrte. Erinnerungen an Sage und an den Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten.

»Wie viele Bewerbungen haben wir?«, fragte er die Dame aus der Personalabteilung, die den Auftrag hatte, eine neue Sekretärin für ihn zu finden.

Sie legte ihm ein halbes Dutzend Akten auf den Tisch. »Das sind die, die meiner Meinung nach am qualifiziertesten sind.«

Er schaute den Stapel durch und schlug eine beliebige Akte auf. Dann runzelte er die Stirn. »Ein Abschluss in Kunstgeschichte qualifiziert jemanden dazu, Sekretärin zu werden?«

»Direktionsassistentin«, korrigierte sie ihn. »Und das ist die am wenigsten qualifizierte Kandidatin, aber sie hat hervorragende Noten, und ihre Bewerbung war sehr gut gemacht. Ich dachte mir, ein Vorstellungsgespräch kann nicht schaden. Ich kann es auch absagen, wenn Ihnen das lieber ist. Sie ist als Letzte dran, deshalb …«

»Nein, schon gut«, unterbrach Parker sie und warf die Akten beiseite. »Schicken Sie sie einfach herein, wenn sie da sind.« Bestimmt wäre eine davon geeignet. Und könnte sofort anfangen. Er erstickte unter der vielen Arbeit und den dauernden Anrufen.

»Ja, Sir.« Sie verließ das Büro, aber Parker merkte es kaum, weil er bereits seinen Posteingang durchging, der momentan von über zweihundert ungelesenen E-Mails überquoll.

Die erste Bewerberin hieß Joanne, eine nüchterne Frau, die die letzten zwanzig Jahre für einen Hedgefonds-Manager an der Wall Street gearbeitet hatte. Dieser war inzwischen im Ruhestand, und sie war nach Chicago gezogen, um in der Nähe ihrer Enkel zu leben. Parker langweilte sich, noch bevor sie zum Namen des dritten Enkels gekommen war.

Die zweite Bewerberin kaute Kaugummi. In einem Vorstellungsgespräch. Nein, danke.

Die dritte trug eine Bluse, die drei Größen zu klein, und einen Rock, der so kurz war, dass er wegschauen musste, als sie die Beine übereinanderschlug, weil er sich sonst wie in Basic Instinct gefühlt hätte. Sie hatte den Blick einer Raubkatze, und Parker hätte schwören können, dass sie seinen Schritt musterte, als er aufstand, um ihr die Hand zu geben.

Die vierte und fünfte waren beide langweilige Optionen, die weder besonders ehrgeizig noch besonders begeistert wirkten. Parker hütete sich vor Stereotypen – das wäre politisch nicht korrekt –, aber wenn er doch eines bemüht hätte, dann hätte er sie beide als die typischen Weibchen bezeichnet, die bis zur Ehe und Kindern in einem vorübergehenden Job die Zeit totschlugen.

Als die Letzte an der Reihe war – die mit dem Abschluss in Kunstgeschichte –, hatte Parker eigentlich schon genug. Diese dämlichen Vorstellungsgespräche brachten ihn nur noch weiter in Verzug. Die Buchhaltung hatte ihm gerade einen Stapel Abrechnungen vorbeigebracht, die er überprüfen sollte, in weniger als einer halben Stunde hatte er ein Meeting, auf das er sich aus Zeitmangel nicht hatte vorbereiten können, und er war am Verhungern, weil er die Mittagspause über gearbeitet hatte. Ihn als gereizt zu bezeichnen wäre eine Untertreibung gewesen.

Jemand klopfte vorsichtig an die Glastür, und er blickte nicht einmal auf, als er »Herein« rief. Er hörte, wie sich die Tür öffnete und verrückte einen Stapel Mappen. Diese Carson-Akte musste doch hier irgendwo sein …

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte er. »Ich bin gleich bei Ihnen …« Als er aufblickte, erstarben seine Worte auf den Lippen.

Die Frau, die sein Büro betreten hatte, war einfach umwerfend. Nicht hübsch, sondern viel mehr als nur das – kurvenreich und sexy, Beine bis zum Hals und dichtes, kastanienbraunes Haar. Ihr Körper sah aus, als wäre er für Sex erschaffen; er steckte in einem pfirsichfarbenen Kleid, das jede der köstlichen Kurven sanft umschloss. Der runde Ausschnitt war sittsam und deutete nur an, was sich darunter befand. Der Saum endete neckisch direkt über den Knien. Die Haut ihrer Beine war so perfekt, dass Parker nicht sagen konnte, ob sie eine Feinstrumpfhose trug oder nicht. Doch dann fiel sein Blick auf ihre Schuhe – bronzefarbene Sandalen, die sich über einem sieben Zentimeter hohen Absatz um ihre Knöchel schmiegten.

Und die Zehen waren in exakt demselben Farbton lackiert wie ihr Kleid.

»Hi, ich bin Sage Reese.«

Ihre Stimme war sanft und kehlig, wie ein zwanzig Jahre alter Scotch, und brachte Parkers Blick mit einem Ruck zurück zu ihrem Gesicht. Sie hatte ein warmherziges, offenes Lächeln, das perfekte weiße Zähne entblößte. Ihre Augen hatten den gleichen Mahagoni-Ton wie ihr Haar und waren von üppigen dunklen Wimpern umrahmt.

Sie streckte erwartungsvoll die Hand aus und Parker sprang auf die Füße, reckte seine Rechte nach vorne und warf dabei den ganzen Stapel Abrechnungsdateien um.

Mist.

»Oh, nein!«, rief sie. »Das ist allein meine Schuld.« Sie ging in die Hocke und fing an, die verstreuten Akten aufzusammeln, wobei sie Parker zuerst einen Einblick in ihr Dekolleté gewährte, dann einen Blick auf ihre Hüften und den sanft wippenden Hintern, um den sich das Kleid spannte. »Machen Sie sich deswegen keine Gedanken«, sagte er hastig. »Lassen Sie es einfach liegen.« Er packte sie am Handgelenk, als sie eine Akte zurück auf den Tisch legte. Ihre Knochen fühlten sich zerbrechlich an unter der weichen Haut, und er ließ sie rasch wieder los. Er deutete auf einen der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch. »Setzten Sie sich, bitte.«

Ihr Lächeln war jetzt nicht mehr ganz so breit, aber sie setzte sich. Auf der Suche nach ihrer Akte kramte Parker in dem Chaos auf seinem Schreibtisch herum, während das Schweigen länger wurde und unangenehm. Er fühlte sich inkompetent und unvorbereitet, ihre Erscheinung brachte ihn aus dem Konzept, was lächerlich war. Schließlich war sie nicht die erste schöne Frau, mit der er zusammen war.

Die Formulierung »zusammen war« rief bei ihm jede Menge Assoziationen hervor, die in einem Arbeitsumfeld absolut fehl am Platz waren, deshalb räusperte er sich und verbannte diese Gedanken, bis er endlich ihre Akte in die Finger bekam und aufschlug.

»Erzählen Sie mir doch bitte etwas über sich selbst, Sage«, sagte er, während er versuchte, sich von seinem ersten Eindruck wieder zu erholen. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen unorganisierten, unprofessionellen Trampel.

»Äh, gerne. Nun, ich habe mein Studium der Kunstgeschichte an der University of Chicago magna cum laude abgeschlossen. Ich habe ein Praktikum am Art Institute of Chicago gemacht …«

»Und warum haben die Sie nicht eingestellt?«, unterbrach er, während er von der Akte aufblickte.

Sie errötete. »Das weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich glaube, es gab gerade keine offenen Stellen.«

Er hatte sie in Verlegenheit gebracht und hätte sich für diese taktlose Frage selbst ohrfeigen können. Sie hätten ihr ja wohl kaum den Grund genannt, weshalb sie sie nicht einstellten, selbst wenn sie eine offene Stelle gehabt hätten.

»Haben Sie irgendwelche Erfahrungen mit Investment-Banking?«, wechselte er eilig das Thema. Ihr Blick war auf ihn gerichtet, tief und unergründlich, und er musste wegschauen. Er blätterte ihre Bewerbung und ihren Lebenslauf durch, wobei er kaum etwas wahrnahm.

»Ähm, nein.«

»Irgendwelche Erfahrungen mit dem Aktienmarkt? Mit Hedgefonds? Wirtschaft? Finanzen?« Sie schüttelte jedes Mal den Kopf, und ihr Gesicht wurde mit jedem Wort röter. »Haben Sie je zuvor als Sekret… als Direktionsassistentin gearbeitet?«

»Nein.« Ihre Stimme war leise, und selbst ihr kleines Lächeln von vorhin war jetzt verschwunden.

Parker fühlte sich inzwischen wie ein Fiesling, aber was zum Teufel hätte er sonst tun sollen? Das war schließlich ein Vorstellungsgespräch und kein Date.

»Sind Sie aus Chicago?«, fragte er, weil er mal etwas anderes von ihr hören wollte als nein.

»Lake Forest«, erwiderte sie und nannte damit eines der wohlhabendsten Viertel Chicagos.

»Brüder? Schwestern?« Freund? Ehemann? Natürlich durfte er nach den beiden Letzteren nicht fragen, auch wenn er es noch so gerne getan hätte. Er hatte keinen Ring bei ihr entdeckt, aber heutzutage hieß das nicht unbedingt etwas.

»Einzelkind.«

Daddys kleine Prinzessin. Er konnte es ihr so deutlich ansehen, als würde es auf dem Kleid stehen, das sie anhatte. Was geradezu nach der Frage schrie, weshalb sie sich für so einen Job beworben hatte, wo sie doch bestimmt bei ihren Eltern wohnen konnte, bis etwas auf ihrem Gebiet frei wurde.

»Ich weiß, was Sie jetzt denken«, sagte sie.

Das bezweifelte er.

»Sie fragen sich, weshalb ich mich um einen Job bewerbe, für den ich absolut keine Qualifikationen habe«, fuhr sie fort.

Okay, vielleicht wusste sie doch, was er dachte.

Parker warf die Bewerbung auf den Tisch, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete ab.

»Ich bin klug«, sagte sie. »Ich arbeite hart und habe eine schnelle Auffassungsgabe.«

»Sie haben keinerlei Erfahrung in dieser Branche«, entgegnete Parker unverblümt. »Können Sie wenigstens tippen?«

»Ja, ich kann tippen«, sagte sie beleidigt.

»Sie haben einen Abschluss in Kunstgeschichte«, schoss er zurück. »Da ist das eine berechtigte Frage.«

Ihre Mundwinkel hoben sich ganz leicht zu einem Beinahe-Lächeln. Der Anblick schlug ihn in seinen Bann. Als er sich dabei ertappte, wie er auf ihren Mund starrte, riss er seinen Blick los.

Sie schluckte; ihre folgenden Worte schienen sie Mühe zu kosten. »Ich brauche diesen Job. Ich habe Rechnungen zu begleichen. Bitte, Mr Anderson. Geben Sie mir eine Chance. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

In Anbetracht ihres Hintergrunds war es seltsam, dass sie so dringend einen Job brauchte. Durchlebten ihre Eltern gerade schwere Zeiten? Hatten sie sie vielleicht enterbt? Bei dem Gedanken überkam ihn Mitgefühl, was völlig untypisch für ihn war, und er runzelte die Stirn – ein Fehler, denn sofort verschwand ihr Lächeln wieder, weil sie seine Reaktion fehlinterpretierte.

Sie sprang auf. »Es tut mir so leid, dass ich Ihre Zeit verschwende«, brach es aus ihr heraus. »Ich werde einfach gehen.« Sie sah aus, als wäre sie den Tränen nahe, was den letzten Ausschlag gab. Insgeheim fluchte er darüber, dass er immer schwach wurde, wenn er ein hübsches Mädchen in Tränen sah.

»Warten Sie«, rief er und hielt sie damit auf ihrem Weg zur Tür auf. Sie drehte sich um. »Dieser Job wird nicht einfach werden, und Sie werden wahrscheinlich mehr als vierzig Stunden pro Woche arbeiten«, warnte er, wobei er sich fragte, ob er jetzt den Verstand verloren hatte. Sie war nicht nur unerfahren, er traute sich in Bezug auf sie selbst nicht über den Weg. Nichts schlimmer als das Klischee des Bosses, der seine Sekretärin vögelte.

Direktionsassistentin.

Fuck.

»Das schaffe ich«, sagte sie; Hoffnung leuchtete in ihren Augen auf.

»Wenn Sie es nicht bringen, werden Sie entlassen«, warnte er noch einmal.

»Verstehe.«

Parker kam hinter seinem Schreibtisch vor und bemerkte den dezenten Duft ihres Parfüms, als er sich ihr näherte. Er streckte die Hand aus und fragte: »Wann können Sie anfangen?«

Ihr Lächeln war blendend, als sie ihre Hand in seine legte, und Parker wusste in dem Moment, in dem sich ihre Haut berührte, dass er einen riesigen Fehler gemacht hatte. Er hatte sich soeben einer Folter ausgesetzt, von der nur Gott wusste, wie groß sie werden würde. Wenn er sie nicht eingestellt hätte, hätte er mit ihr ausgehen, sie zum Abendessen einladen können … und dann mit ihr ins Bett gehen. All das kam jetzt absolut nicht mehr infrage.

»Vielen, vielen Dank, Sir«, sagte sie begeistert. »Ich werde Sie nicht enttäuschen. Das verspreche ich.«

Parkers Gesichtsausdruck war grimmig, das wusste er, deshalb riss er sich zusammen und lächelte ein wenig. »Dann bis morgen, Sage. Sieben Uhr dreißig.«

Sie nickte, noch immer lächelnd, dann drehte sie sich um und ging. Ihr Duft hing noch eine Zeit lang in seinem Büro. Frustriert und resigniert fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Das hatte er sich selbst eingebrockt. Jetzt musste er die Suppe auch auslöffeln. Mit ein wenig Glück würde sie den Job hassen und kündigen.

Aber sie hatte den Job nicht gehasst. Vielmehr hatte sie ein Engagement an den Tag gelegt, als wäre sie dafür geboren, seine Assistentin zu sein; die Kommunikation verlief vom ersten Tag an reibungslos. Irgendwie hatte sie ihn, den Job und was er brauchte fast von Anfang an verstanden. Innerhalb beängstigend kurzer Zeit war sie unentbehrlich für ihn geworden.

Und er hatte sie immer mehr ins Herz geschlossen. Nicht nur fühlte er sich derart von ihr angezogen, dass es ihm schwerfiel, sich zu konzentrieren, wenn sie in seinem Büro war – zum Beispiel wenn sie in ihrem Rock und barfuß auf dem Boden herumkroch und Schachtel um Schachtel von Dokumenten leerte –, er mochte auch ihre Wesen. Sie war lustig, ein wenig schräg, fast immer heiter und positiv – seine persönliche frische Brise in der abgestandenen Business-Atmosphäre, die ihn manchmal zu ersticken drohte.

Am Ende war er froh, sie eingestellt zu haben, auch wenn dies alles Körperliche zwischen ihnen ausschloss; es bedeutete, dass ihre Beziehung von Dauer war. Denn wenn er sich stattdessen mit ihr verabredet hätte, wäre das nur von kurzer Zeit gewesen, da war er sich sicher. Beziehungen waren nichts für ihn. Nicht einmal mit Sage. Vor allem nicht mir Sage.

Mitanzusehen, wie sie mit anderen Männern ausging, war schwer gewesen, und wenn jemand ihn fragen würde, ob er diese kurzlebigen Beziehungen absichtlich sabotierte, würde er es abstreiten. Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass seine häufigen Anrufe, wenn sie mit einem anderen Mann zusammen war, von Eifersucht getrieben wurden. Natürlich war es unfair gewesen, doch er hatte einfach nicht anders gekonnt.

Und jetzt hatte sie beschlossen, von seinem Bett zu Ryker zu gehen. Eifersucht war ein zu schwaches Wort, um zu beschreiben, was er dabei empfand, doch wenn die letzten paar Wochen ihm eines gezeigt hatten, dann, dass er sie gehen lassen musste. Er hatte sie rundheraus abgewiesen, was das Schwerste gewesen war, was er je getan hatte. Definitiv zu wissen, und nicht nur zu ahnen, dass Sage ihn begehrte, war berauschend gewesen. Das Gefühl, sie in den Armen zu halten, der Druck ihrer Lippen auf seinen … der Anblick, als sie nackt in der Badewanne lag, wie ihre seifigen Hände ihre Brüste anfassten, ihren Bauch …

Parker kippte den Rest des Scotchs in einem Schluck hinunter und verdrängte die Bilder aus seinem Kopf. Er musste aufhören, sich in etwas hineinzusteigern, und er musste aufhören, ihr Leben zu sabotieren. Das war Sage gegenüber nicht fair, und es war einfach nur sein verdammtes Pech, dass er das ausgerechnet jetzt begriff, wo sie mit Ryker zusammen war und nicht schon vorher, als sie mit wem auch immer ausgegangen war. Der Typ, von dem sie gesagt hatte, dass er schlecht im Bett war.

Es zuckte um seine Mundwinkel, als er daran dachte. Sie war so entzückend verlegen gewesen, als sie damit herausgeplatzt war, und es war ihm schwergefallen, nicht laut zu lachen. Bis ihm klar geworden war, dass sie das nur wusste, weil sie mit ihm geschlafen hatte. Da hatte das grüne Eifersuchtsmonster wieder voll zugeschlagen und er war heilfroh gewesen, dass er am Abend vorher ihr Date unterbrochen hatte.

Aber jetzt nicht mehr. Genug davon. Es reichte. Parker würde sich in Selbstbeherrschung üben und die Eifersucht ignorieren, denn ansonsten würde er nie zulassen, dass Sage jemanden fand. Und sie verdiente es, glücklich zu sein.

Selbst wenn es mit Ryker war.

1

Vier Monate später

Es ist schon erstaunlich, wie sehr es einen motiviert, seinen Hintern ins Fitnessstudio zu schwingen, wenn man mit einem Kerl mit steinharten Bauchmuskeln schläft.

Zumindest redete ich mir das ein, während ich schwitzend meine zwanzig Minuten auf dem Crosstrainer ableistete. Ich verfolgte dabei den Ticker der Nachrichtensendung, die auf dem integrierten Fernseher lief, und mein Groll gegen die Sprecherin mit ihren perfekten straffen, gebräunten Beinen wurde immer größer.

Schließlich piepste die Uhr und ich schaltete das Gerät ab; dann stieg ich mit Beinen, die sich wie Gummi anfühlten, davon herunter. Megan kam zu mir herüber getänzelt, ihr Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt.

»Nach dem Workout fühle ich mich immer, als könnte ich Bäume ausreißen«, sagte sie grinsend.

Ich warf ihr einen tödlichen Blick zu. »Ich hasse dich«, keuchte ich, während ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Megan war klein und zierlich und absolut liebenswert … normalerweise. Wir arbeiteten schon seit fast zwei Jahren zusammen bei KLP Capital.

»Komm schon, Sage, du weißt, dass du dich besser fühlen wirst, wenn du geduscht hast.« Sie packte mich am Ellbogen und zog mich in die Umkleidekabine. »Danach gehen wir mittagessen. Ich kenne da dieses großartige Sushi-Restaurant gleich um die Ecke.«

Die Aussicht auf etwas zu essen munterte mich ein wenig auf, und ich schaute weniger finster drein. Nachdem ich mich gewaschen, die Haare geföhnt und etwas Make-up aufgetragen hatte, gratulierte ich mir selbst, wie gesund und tüchtig es doch war, an einem Samstag früh aufzustehen, um zum Training zu gehen. Was genau so lang anhielt, wie es dauerte, zu diesem Sushi-Laden zu gehen und den Donut-Shop daneben zu entdecken.

»Wie geht es der bewaffneten Sahneschnitte?«, fragte Megan, während sie in ihren mit Puderzucker bestreuten Donut biss.

Mit dem Mund voller Erdbeergelee antwortete ich: »Ryker geht es gut. Er hat diese Woche Spätschicht. Hat noch geschlafen, als ich weggegangen bin. Also … ich nehme an, dass wir jetzt irgendwie … zusammenleben?« Eigentlich war dies als Feststellung gemeint, kam aber als Frage heraus.

Megan hielt beim Kauen inne. »Irgendwie?«, fragte sie mit vollem Mund. Sie schluckte. »Wie lebt man irgendwie zusammen?«

»Na ja, ich habe ihm einen Schlüssel gegeben, weil seine Arbeitszeiten so verrückt sind«, erklärte ich. »Und jetzt kommt er einfach vorbei, wenn er dort fertig ist – wann immer das ist – und bleibt bei mir. Wenn ich zur Arbeit muss, steht er auf und trinkt eine Tasse Kaffee mit mir, dann geht er nach Hause und schläft. Dann geht das Ganze von vorne los. Ist das zusammenleben?«

»Hat er Kleidung und Toilettenartikel in deiner Wohnung?«, fragte sie.

Ich dachte darüber nach. »Eine Zahnbürste und ein paar Wechselklamotten«, gab ich zu. »Manchmal duscht er bei mir, deshalb ja, ein paar Sachen hat er bei mir.«

»Glückwunsch«, sagte sie. »Dein Freund lebt bei dir und du weißt es noch nicht einmal.«

Ich verdrehte die Augen angesichts ihres trockenen Sarkasmus‘ und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. Heute war es kalt und regnerisch – der Herbst kam – und der Kaffee wirkte wie eine beruhigende Decke.

»Ist das nun gut oder schlecht?«, fragte sie, während sie in die Tüte schaute, um sich einen weiteren Donut zu nehmen.

»Gut, glaube ich. Es ist nur so schleichend passiert, das ist alles«, sagte ich.

»Es klingt, als würde es vorangehen«, meinte sie. »Du schläfst mit ihm, ihr verbringt ganz selbstverständlich so viel Zeit wie möglich miteinander, und jetzt lebt ihr ‚irgendwie‘ zusammen.« Sie zeichnete um irgendwie Anführungszeichen in die Luft. »Ist das nicht das, was du wolltest?«

Parkers Gesicht tauchte vor meinem geistigen Auge auf. Ich schob es weg. »Ja«, sagte ich. »Es scheint mir nur ein wenig … schnell zu gehen, das ist alles. Wir sind erst etwas mehr als vier Monate zusammen. Findest du, dass es zu schnell geht?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Das kommt auf dich und Ryker an.«

»Es fühlt sich richtig an, glaube ich. Es ist ja nicht so, dass wir großartig darüber geredet hätten. Letzte Nacht kam er erst um drei Uhr morgens zu mir.«

Ich erwähnte nicht, dass ich nicht gedacht hatte, dass er noch kommen würde, weil er angerufen und mir mitgeteilt hatte, dass er bis spät in die Nacht arbeiten musste. Doch dann war ich aufgewacht, als ich seinen Körper an meinem Rücken spürte und er mir den Arm um die Taille schlang.

»Was machst du hier?«, hatte ich gemurmelt, während ich die Hand nach hinten gestreckt hatte und ihm durch die Haare gefahren war.

Er hatte sich an meinen Hals geschmiegt und seine Lippen auf die zarte Stelle unter meinem Kiefer gepresst. »Konnte es nicht ohne dich aushalten«, hatte er mir ins Ohr geflüstert.

Ryker war ein knallharter Detective in der Mordkommission der Chicagoer Polizei. Zu sagen, er sei nicht der Typ, der über seine Gefühle spricht, wäre noch untertrieben. Deshalb hatte ich überrascht die Augen aufgerissen, als er das gesagt hatte.

»Echt jetzt?«, fragte ich und drehte mich in seinen Armen um. Unsere Beziehung war noch am Anfang, und es widerstrebte uns beiden, uns in irgendwelchen großartigen Liebesschwüren zu ergehen.

»Echt.«

Daraufhin hatte er kurzen Prozess mit meinem Pyjama gemacht, den ich vor dem Schlafengehen angezogen hatte; seine Hände strichen über meine Hüften zu meinen Schenkeln, während er sich über mich schob. Er drückte seine Lippen auf meine, und ich zerrte ihm die Erkennungsmarken auf den Rücken, die ich auf meinem Körper gespürt hatte.

Ich verlor mich in der Erinnerung an das, was danach passiert war, als ich meinen Namen hörte.

»Hey, Sage. Jetzt reiß dich mal zusammen.«

Verlegen sah ich zu Megan hinüber, doch sie grinste.

»Du bist ihm ja hoffnungslos verfallen«, sagte sie und verdrehte die Augen.

»Ich bin ihm nicht verfallen«, protestierte ich. »Ich … mag ihn nur total.«

»Offenbar ist das L-Wort noch nicht im Gespräch?«, stellte sie mit hochgezogener Augenbraue fest.

»Es sind doch erst vier Monate.«

»Was länger ist, als jede andere Beziehung, die du in den letzten zwei Jahren gehabt hast«, sagte sie. »Es überrascht mich, dass Parker das erlaubt hat.«

Mein Lächeln schwand bei der Erwähnung meines Bosses, Parker Anderson. Ich wusste, dass Megan nur Spaß machte … irgendwie. Meine Arbeit hatte sich in mein Privatleben hineingedrängt, seit ich vor fast zwei Jahren angefangen hatte, als Direktionsassistentin für Parker Anderson zu arbeiten, dem Direktor für Investmentanalysen bei KLP Capital, der Investmentbank in Chicago.

Vor vier Monaten hatte sich das geändert. Während ich sonst rund um die Uhr – und ich meine hier wirklich vierundzwanzig Stunden – wegen der unterschiedlichsten Dinge Anrufe von Parker bekommen hatte, rief er nun nur noch ganz selten abends an und am Wochenende gar nicht mehr. Ich hätte mich über den Freiraum, den ich dadurch hatte, freuen sollen. Und das tat ich auch.

Irgendwie.

»Es ist nicht an Parker, mir irgendetwas zu erlauben«, sagte ich. »Das ist mein Leben.«

»Und du schläfst mit seinem Erzfeind«, rief sie mir in Erinnerung.

»Sie haben sich miteinander verkracht. Das ist schon eine Ewigkeit her.« Ich zuckte mit den Schultern und steckte mir den Rest des Donuts in den Mund.

»Es ging um eine Frau und sie hassen sich deswegen immer noch gegenseitig«, sagte sie. »Es ist ja nicht so, dass sie zu den Typen gehören, die Vergangenes ruhen lassen.«

Das stimmte. Parker und Ryker verachteten sich gegenseitig vehement, was irgendwie traurig war, wenn man bedachte, dass sie ihre ganze Kindheit lang beste Freunde gewesen und sogar zusammen zu den Marines gegangen waren. Eine Frau namens Natalie hatte all das geändert. Sie hatten sich beide in sie verliebt, und jetzt war sie tot.

»Du wolltest doch immer, dass mein Leben nicht nur aus Parker und dem Job besteht«, erinnerte ich Megan. »Freu dich doch, dass er sich zurückgezogen hat, und lieg mir nicht deswegen in den Ohren.«

»Ich freue mich auch, dass er sich dir gegenüber nicht mehr ganz so wie ein Arsch verhält«, räumte sie ein, während sie sich mit der Serviette sittsam die Lippen abtupfte. »Ich habe mich nur gefragt, ob du das auch tust.«

Darauf wusste ich keine Antwort, und auch als sie mich auf dem Rückweg vor meiner Wohnung absetzte, war mir dazu noch nichts eingefallen. Parker und ich hatten schon immer ein gutes Arbeitsverhältnis gehabt – professionell und intuitiv. Ich hatte ihn von Anfang an, seit er mir den Job trotz meines beklagenswerten Mangels an Erfahrung gegeben hatte, gemocht und bewundert. Ich hatte hart für ihn gearbeitet, und der Job war gut. Ich hatte mich nie über das Pensum beklagt oder darüber, wie oft er mich außerhalb der Arbeitszeiten angerufen hatte.

Und wenn dies teilweise daran gelegen hatte, dass ich in ihn verliebt gewesen war, nun, dann ging dies niemanden außer mir etwas an.

Als einziges Kind reicher Eltern, die auch nach dreißig Jahren Ehe noch ineinander verliebt waren, war es ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden. Und dieses Gefühl vermittelte mir Parker. Das Gefühl, unersetzlich zu sein. Auch wenn er mich nicht auf die gleiche Weise ansah, wie ich ihn.

Als ich endlich begriffen hatte, dass Parker meine Gefühle nicht erwiderte und das auch niemals tun würde, hatte ich beschlossen, dass mich meine Verliebtheit in meinen Chef nicht davon abhalten würde, eine Beziehung mit Ryker einzugehen. Ryker war ein guter Mann, der mich begehrte, der mich haben wollte, und der meinen Puls beschleunigte, wann immer er in der Nähe war.

Als hätte ihn dieser Gedanke heraufbeschworen, steckte Ryker den Kopf aus meiner Küche, als ich meine Wohnungstür aufschloss. Er hatte offenbar gerade geduscht, denn sein dunkles Haar war noch nass, und er trug nur eine Jeans. Die Erkennungsmarken, die er niemals ablegte, baumelten um seinen Hals, als er auf mich zukam.

»Du warst weg, als ich aufgewacht bin«, sagte er und küsste mich flüchtig.

»Ich habe Megan versprochen, dass wir heute Morgen zusammen trainieren«, erklärte ich. Er hatte die Hände fest auf meine Hüften gelegt und zog mich an sich. »Sie hätte mich umgebracht, wenn ich sie versetzt hätte.«

»Worauf hast du heute Lust?«, fragte er.

»Du musst nicht arbeiten?«

»Nee. Ich bin ganz der Deine.«

Ein ganzer Samstag, den wir gemeinsam verbringen konnten, weil keiner von uns arbeiten musste, war eine unerwartete Freude. Er hatte in letzter Zeit so viel gearbeitet, dass wir gar keine Zeit gehabt hatten, einfach nur beisammen zu sein.

»Ich muss nur zuerst nach Hause und mich um McClane kümmern«, sagte er.

Ich schnitt eine Grimasse, als Ryker seinen riesigen Polizeihund erwähnte. Der Vierbeiner war aus der Ausbildung geflogen und Ryker hatte ihn adoptiert. Ich war keine Hundeliebhaberin, deshalb stand McClane natürlich total auf mich.

Rykers Handy summte, und während er die SMS durchlas, machte ich mich daran, die Küche aufzuräumen. Keiner von uns war ein begnadeter Koch, aber zusammen schafften wir es, an einigen Abenden pro Woche zu kochen.

»Hey, das war ein Kumpel von mir«, sagte er, während er hinter mich trat. »Er fragt in seiner SMS, ob wir heute auf sein Boot am See kommen wollen.«

»Was für eine Art von Boot ist das denn?«, wollte ich wissen.

Er zog eine Augenbraue nach oben. »Spielt das eine Rolle? Es ist ein herrlicher, sonniger Septembertag, und der Winter kommt noch früh genug.«

»Ich mag den Winter«, protestierte ich, während ich Geschirr in die Spülmaschine räumte.

»Du bist verrückt«, sagte er. »Schnee und Eis, Erkältungen und Grippe. Winter nervt.«

»Weihnachten und Kaminfeuer, Pullover und eine weiße Welt. Es kommt immer darauf an, wie man es betrachtet, Mister Zyniker.«

Er legte mir von hinten die Arme um die Taille und schmiegte sich an meinen Nacken. »Wenn ich mit dir vor einem Kaminfeuer kuscheln kann, macht mir die Kälte vielleicht nicht so viel aus.«

»Ja, vielleicht«, stimmte ich zu. Es lief gut mit Ryker. Zu gut. Es war beinahe beängstigend, wenn ich näher darüber nachdachte. Deshalb tat ich das nicht.

»Geh dich umziehen, und vergiss den Badeanzug nicht«, forderte er mich auf und schob mich in Richtung Schlafzimmer.

Es gab wohl schlechtere Arten, einen Samstag zu verbringen, als zusammen mit meinem Freund auf einem Boot auf dem Michigansee herumzudümpeln.

Ich schlüpfte in meinen Bikini und zog eine kurze Hose und ein T-Shirt darüber. Eine leichte Hemdbluse, für den Fall, dass es abends kühl würde, komplettierte mein Outfit. Ich schnappte mir meine Strandtasche mit Sonnenhut und Sonnenbrille, schlüpfte in Sandalen und war bereit zu gehen.

Wie erwartet zeigte sich McClane außerordentlich begeistert darüber, mich zu sehen, als wir zu Rykers Haus kamen, und ich schnitt eine Grimasse, als er versuchte, jeden Teil von mir, den er erreichen konnte, abzulecken.

»McClane! Verdammt!«

Der Hund gehorchte Ryker – letztendlich; sein Schwanz trommelte auf die Erde und seine Zunge hing heraus, während er bewundernd zu mir aufblickte.

»Wenn du ihn begrüßen würdest, würde er dich in Ruhe lassen«, sagte Ryker, während er an mir vorbei in den Flur ging, der zu seinem Schlafzimmer führte.

»Das stimmt doch gar nicht«, murmelte ich.

»Das habe ich gehört«, rief Ryker. Ich warf einen Blick durch den Flur.

Vorsichtig tätschelte ich McClanes Kopf ein paarmal. »Hi, McClane. Hör doch auf, mich dauernd ablecken zu wollen.« Wie ich befürchtet hatte, steigerte es seine Begeisterung nur, wenn ich ihn streichelte. Ich kreischte entsetzt auf, als er an mir hochsprang und mir die Pfoten auf die Schultern legte. Eine große, warme Wolke Hundeatem wehte mir direkt ins Gesicht und ich hätte beinahe gewürgt.

»McClane, runter von ihr«, sagte Ryker und schnippte im Vorbeigehen mit den Fingern. Widerwillig setzte sich der Hund wieder hin und ließ die Ohren hängen. Er tat mir beinahe leid, als ich sein niedergeschlagenes Gesicht sah. Beinahe. Ich hörte das Geräusch von Hundefutter in der Küche und McClane ebenfalls. Er stellte die Ohren auf und schoss davon.

Ich wartete ab und wagte es nicht, wieder in McClanes Sichtfeld zu treten; Ryker kam aus der Küche zurück. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt ein weißes Tanktop, eine verschlissene Jeans und darüber ein offenes, kurzärmeliges Hemd, so wie ich. Seine Marken glitzerten in der Sonne, als er auf sein Motorrad stieg und seine verspiegelte Sonnenbrille aufsetzte.

Mjam.

»Gehen wir, Babe.«

Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen.

Ich zog den Helm auf, den ich so hasste, und kletterte hinter ihm aufs Motorrad – ein Verkehrsmittel, an das ich mich allmählich gewöhnte, wobei ich bezweifelte, dass ich mich darauf jemals sicher fühlen würde; dann schlang ich ihm die Arme um die Brust, um mich festzuhalten. Es war heiß heute, um die dreißig Grad, und ich spürte, wie mir Schweißperlen über den Rücken liefen.

Eine halbe Stunde später fuhren wir auf einen Parkplatz und stellten das Motorrad ab.

Meine Beine fühlten sich taub an vom Motorradfahren, und meine Knie waren wie Gummi. Die plötzliche Stille nach dem Motorenlärm in meinen Ohren war eine willkommene Erleichterung.

»Wer ist denn dein Kumpel?«, fragte ich und folgte Ryker, der meine Hand ergriffen hatte und auf den Anleger hinaustrat. Ich konnte das Wasser jetzt riechen. Und es war windig, wodurch die Hitze ein wenig gelindert wurde.

»Er heißt Troy, und wir haben zusammen gedient«, sagte Ryker und meinte damit die Zeit, als er bei den Marines war. »Jetzt arbeitet er als Mechaniker, vor allem für hochwertige Luxusfahrzeuge. Ich glaube, das läuft ziemlich gut.« Er hielt inne und zeigte auf etwas. »Ich denke, das dort ist sein Boot.«

Ich legte die Hand über die Augen, weil bei dem grellen Sonnenschein nicht mal meine Sonnenbrille etwas half, und sah nach, worauf er zeigte. Es war ein schöner Kabinenkreuzer, groß genug für mehrere Leute und absolut makellos. Ja, anscheinend lief es bei Troy wirklich gut.

»Komm«, sagte Ryker und zog an meiner Hand.

An Bord waren bereits drei Frauen und zwei Männer, zusammen mit zwei Kindern, die herumrannten.

»Hey, Dean!« Eine der Frauen näherte sich. Sie trug einen einteiligen Badeanzug, darüber abgeschnittene Shorts; offenbar war sie schon mehrere Monate schwanger. Sie umarmte Ryker. »Schön, dich zu sehen.«

»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Sammy«, entgegnete er. »Wie geht es dir?«

»Gut, danke«, sagte sie und legte sich die Hand auf den Bauch. Erwartungsvoll sah sie mich an.

»Das ist meine Freundin Sage«, stellte Ryker mich vor.

»Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte ich, während ich Sammy die Hand schüttelte. Sie war süß, wahrscheinlich auch Mitte zwanzig, so wie ich.

»Ganz meinerseits«, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.

»Wo ist Cody?«, fragte Ryker.

»Immer noch bei der Arbeit. Er sollte aber bald hier sein.«

»Hey, Dean! Wird auch mal Zeit, dass du herkommst.«

Einer der Männer näherte sich. Er war riesig, hatte einen gewaltigen Bizeps und einen kahlen Schädel, der in der Sonne glänzte. Seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen, und als er grinste, blitzten strahlend weiße Zähne auf. »Du warst wohl beschäftigt.«

»Tyrone, altes Haus, darf ich dir mein Mädchen vorstellen? Das ist Sage.«

»Wird aber auch Zeit, dass du mal eine Lady mit hierher bringst«, sagte Tyrone. Er ergriff nicht die Hand, die ich ihm hinstreckte, sondern umarmte und drückte mich. »Du musst einen rechtschaffenen Mann aus ihm machen, Sage.«

Ich grinste zurück, weil ich Tyrone sofort mochte. »Danke für den Rat.«

»Tyrone, lass das Mädchen in Ruhe.«

Ich drehte mich zu einer Frau um, die vermutlich zu Tyrone gehörte. Sie schlug ihm spielerisch auf den Arm und er ließ mich los, dann stellte sie sich mir als Anisha vor.

Das letzte Paar auf dem Boot waren die Bootsbesitzer Amy und Troy, die sich auch als die Eltern der Zwillinge Robin und Ricky herausstellten. Sie waren ebenso nett wie die anderen Freunde von Ryker, die ich schon kannte. Cody tauchte schon kurz danach auf und es war offensichtlich, dass er seine schwangere Frau anbetete. Eifrig sorgte er dafür, dass sie es bequem hatte und dass alles, was sie möglicherweise brauchen könnte, in ihrer Reichweite war.

Und erst während ich beobachtete, wie Ryker und Troy das Boot losmachten, fiel mir auf, dass alle Freunde von Ryker verheiratet waren; manche von ihnen hatten bereits Kinder. Konnte es sein, dass ich tatsächlich dieses schwer fassbare Wesen gefunden hatte … einen Mann, der sesshaft werden wollte?

Wir hatten noch nicht über Heiraten und Familie gesprochen, weil ich eine treue Anhängerin der Regel war, nie die Erste zu sein, die dieses Thema aufbrachte. Es gab zu viele Männer, die eine Bindungsphobie hatten und verschreckt davonliefen, wenn man das Thema Heiraten auch nur erwähnte.

Die Frauen waren nett und ich kam leicht mit ihnen ins Gespräch, während Troy uns auf den Michigansee hinaussteuerte. Ryker kam mit zwei Bierflaschen zurück und reichte mir eine davon.

»Hast du die von deinen Freunden geschnorrt?«, neckte ich ihn. Ich nahm einen Schluck von dem Bier und bemühte mich, nicht das Gesicht zu verziehen. Bier war nicht gerade mein Lieblingsgetränk, aber ich brachte es herunter, wenn es sein musste.

Er warf mir einen gespielt finsteren Blick zu. »Du solltest mal sehen, wie viel sie von meinem Bier trinken, wenn sie rüberkommen, um die Chicago Bears spielen zu sehen.«

Ich lachte und seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, das mir den Atem raubte. Er hatte sein Tanktop ausgezogen, was mir eine gute Sicht auf seine schweißglänzende Brust gewährte.

»Zeig deinen Badeanzug her«, sagte er und nickte zu meinem T-Shirt hin. Ich war beim Schlussverkauf gewesen und hatte einen Bikini gekauft, den ich schon mehrfach erwähnt, ihm aber bislang nicht gezeigt hatte.

»Okay, aber er ist empfindlich und nur zum Anschauen«, warnte ich ihn. »Mach mich also nicht nass.«

Rykers Grinsen wurde breiter und ich wurde rot wegen meiner unbeabsichtigten Anspielung. Er beugte sich vor. »Ich kann nichts versprechen, Babe.« Seine raue Stimme an meinem Ohr jagte mir Schauer über den Rücken.

Ich verschränkte die Arme über der Brust und zog mir das T-Shirt über den Kopf. Meine Besorgnis darüber, wie der kaum vorhandene beigefarbene Häkelbikini aussah, wurde sofort zerstreut, als Ryker seine Sonnenbrille nach unten schob, um über sie hinwegzuschauen. Er zog mich mit Blicken aus, deshalb zögerte ich nicht, auch noch meine Shorts abzustreifen.

Ich reichte ihm meine Sonnencreme und fragte: »Cremst du mir den Rücken ein?«

»Ich würde dich lieber vorne eincremen«, scherzte er.

»Das glaube ich dir gern.«

Als das Boot ein Stück hinausgefahren war, setzten sich die Männer zusammen; die Frauen streckten sich Seite an Seite auf dem Deck aus.

»Wo habt ihr euch kennengelernt, du und Dean?«, fragte mich Amy, während sie Wasser in Robins Schnabelbecher goss.

Ich zögerte, weil ich mich fragte, wohin das führen würde. »Er kennt meinen Chef«, sagte ich. »Sie waren früher wohl befreundet.«

»Wer ist dein Chef?«

»Parker Anderson.«

Amy warf mir mit hochgezogenen Augenbrauen einen Blick zu. »Im Ernst?«

Ich nickte. »Ja.«

»Die Welt ist klein.«

Auch Anisha schaute von da, wo sie sich auf dem Deck ausgestreckt hatte, zu uns hinüber. »Du arbeitest für Parker? Wie ist das so?«

Mir stellten sich die Nackenhaare auf, weil offensichtlich war, dass keine von ihnen Parker mochte. »Es ist großartig, wirklich«, beantwortete ich die Frage. »Er ist ein guter Chef. Ich liebe meinen Job.«

Man merkte wohl, dass ich mich in die Defensive gedrängt sah, denn Sammy griff ein und nahm die plötzliche Spannung heraus.

»Das ist toll«, sagte sie. »Nicht jeder mag seinen Chef und seinen Job, nicht wahr, Amy?«

Amys Lächeln war gezwungen. »Stimmt.«

Doch Anisha war nicht so leicht zu besänftigen. »Du kennst bestimmt die Geschichte zwischen Parker und Dean, oder? Was ihm das Arschloch Parker angetan hat?«

»Ich weiß, dass das in der Vergangenheit liegt und mich nichts angeht«, sagte ich und rappelte mich auf. »Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen würdet.«

Ich schnappte mir ein weiteres beschissenes Bier aus der Kühlbox und machte mich auf die Suche nach Ryker. Er war mitten in einem Gespräch über einen 68er Mustang, den er vielleicht kaufen und restaurieren wollte, deshalb setzte ich mich einfach neben ihn. Er blickte auf mich herunter, lächelte und legte mir den Arm um die Schulter. Ich hörte ihnen eine Weile zu; als ich zwei Drittel meines Biers getrunken hatte, beschloss ich, dass es gar nicht mal so übel war. Als ich es ausgetrunken hatte, ging ich mir noch eins aufmachen.

Als ich gerade einen Schluck davon nahm, trat Amy hinter mich. »Hey«, sagte sie lächelnd. »Ich wollte mich nur entschuldigen. Anisha ist zu weit gegangen. Es ist nur so, dass bei uns allen … der Beschützerinstinkt erwacht, wenn es um Dean geht. Das ist alles.«

»Ich mag ihn auch«, sagte ich. »Sonst wäre ich nicht hier.«

»Wir waren nur überrascht. Parkers Name fiel schon so lange nicht mehr.«

»Was ist denn passiert?«, fragte ich. »Warum hasst ihr ihn alle so sehr?«

»Weißt du das wirklich nicht?«, fragte sie und sah mich prüfend an.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe von beiden dies und das gehört, und natürlich erzählen die zwei die Geschichte sehr unterschiedlich. Es wäre schön, mal von Außenstehenden zu hören, was eigentlich passiert ist.«

Der Wind hatte Strähnen aus ihrem Zopf gerissen und sie löste beim Reden ihr Haar und versuchte, es zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden.

»Nun, alles hat angefangen, als sie von ihrem Einsatz zurückkamen«, sagte sie. »Troy und ich waren schon seit der Highschool zusammen und schon seit Ewigkeiten mit Dean befreundet. Er und Troy wohnten zusammen in dieser miesen Wohnwagensiedlung. Parker war nie wirklich einer von uns, er hat nie so richtig dazugepasst, aber Dean mochte ihn, deshalb akzeptierten wir ihn.

Parker und er waren unzertrennlich«, fuhr sie fort. »Ich weiß auch nicht, was sie so zusammengeschweißt hat – keiner von beiden wollte es uns je sagen –, aber während der ganzen Highschool und später beim Militär hielten sie einander den Rücken frei. Ich hätte nicht gedacht, dass etwas zwischen sie geraten könnte. Bis sie Natalie kennenlernten.«

Natalie. Die Frau, in die sich beide verliebt hatten, die Frau, die deswegen Selbstmord begangen hatte.

»Erzähl mir von ihr«, sagte ich.

Amy zuckte mit den Schultern, ihr Gesicht war ausdruckslos. »Sie war ein kleines Persönchen. Hübsch. Irgendwie zart, nehme ich an. Männer mögen so etwas, zumindest mochten es Dean und Parker.«

»Das ist alles?«, fragte ich, als sie nicht mehr weitersprach.

»Es ist nicht nett, schlecht von den Toten zu sprechen.«

Das kam unerwartet. So wie Ryker und Parker über Natalie gesprochen hatten, hatte ich angenommen, dass sie lieb und nett gewesen war. Vielleicht war diese Annahme falsch gewesen. »Du hast sie nicht gemocht?«, hakte ich nach.

Amy zögerte, wandte sich ab und starrte aufs Wasser hinaus. »Ich glaube … Natalie war jemand, den man nur schwer richtig kennenlernen konnte. Ich glaube, Verliebtheit kann Menschen dazu bringen, Dinge zu übersehen, die eigentlich offensichtlich sind. Und sowohl Parker als auch Dean waren sehr in Natalie verliebt. Dean liebte sie, aber sie hatte mit Parker geschlafen. Einen solchen Verrat mit seiner Liebe zu ihr in Einklang zu bringen, das war nicht leicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Deshalb hat er es wohl an Parker ausgelassen. Er konnte es nicht ertragen, Natalie zu verlieren, deshalb richtete er seine ganze Wut gegen seinen angeblich besten Freund.« Ihre Stimme war bitter. »Dann hat sich Natalie umgebracht, und seitdem gibt er sich die Schuld dafür.«

Sie holte tief Luft und sah mich wieder an. »Aber wie du schon sagtest, das ist alles lange her.«

»Und doch hat keiner von euch Parker verziehen«, beharrte ich.

»Er hat Deans Vertrauen missbraucht«, sagte sie. »Das verzeiht man nicht so leicht.«

Unsere Blicke trafen sich in gegenseitigem Einverständnis und ich nickte. Ganz egal, was ich davon hielt, Ryker und seine Freunde glaubten, dass Parker seinen Freund verraten hatte.

»Jetzt hast du aber immer noch nicht erzählt, wie ihr euch kennengelernt habt«, sagte sie. »Wie lange seid ihr zwei denn schon zusammen?«

»Etwas mehr als vier Monate«, erwiderte ich. »Ryker arbeitete an einem Fall, in den Parker verwickelt war. Wir haben uns kennengelernt, und er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe. Na ja, gefragt hat er ja eigentlich nicht«, räumte ich ein. »Es war eher so, dass er mir mitgeteilt hat, dass ich mit ihm Essen gehen würde.«

Amy lachte. »Das klingt genau nach Dean. Wenn es um Frauen ging, hat er noch nie unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten. Aber ich finde es toll, dass ihr schon so lange zusammen seid. Ich glaube, das ist die längste richtige Beziehung, die er seit Jahren gehabt hat.«

Das überraschte mich. »Ehrlich?«

Sie nickte. »Es hat eine Weile gedauert, bis er wieder jemandem vertrauen konnte. Ich bin froh, dass er dich heute mitgebracht hat. Er hat seit Jahren niemanden mehr mitgebracht, um unseren Segen einzuholen.«

»Na ja, ich glaube nicht, dass Anisha ihren Segen geben wird«, meinte ich kläglich.

»Das wird sie schon«, Amy klang zuversichtlich. »Vor allem, wenn Dean glücklich ist.«

»Redest du über mich, Amy?«

Ryker tauchte an meiner Schulter auf, seine Hand legte sich auf meine Hüfte. »Glaub kein Wort von dem, was sie sagt«, sagte er zu mir. »Das sind alles Lügen.«

»Ich wollte ihr gerade erzählen, wie du diese Dame verhaftet hast und sich dann herausgestellt hat, dass sie ein Mann ist«, witzelte Amy.

Ryker stöhnte. »Das war eine Leibesvisitation, die ich niemals vergessen werde.«

Amy und ich lachten. Danach wurde es ein wenig leichter. Anisha redete nicht viel mit mir, aber das war in Ordnung. Sammy war nett, und die Kerle sorgten mit ihren rauen Späßen für gute Stimmung. Alles in allem war es ein entspannter Nachmittag, und als wir gegessen und zurück zum Anleger gefahren waren, hatte ich so viel Bier getrunken, dass ich mehr als nur ein bisschen beschwipst war. Außerdem war ich braun geworden und der Bikini sah toll aus. Er war knapper als alles, was ich je zuvor getragen hatte, aber als ich ihn am Ständer hatte hängen sehen, hatte ich nur den einen Gedanken gehabt, nämlich wie Ryker darauf reagieren würde, wenn er ihn sah. Und da er heute Nachmittag jeden Anlass, mich zu berühren, ausgenutzt hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass das Teil ziemlich gut angekommen war.

Tyrone und Troy legten an, während Ryker und ich am Bug standen und beobachteten, wie die Sonne allmählich unterging.

Seine Brust fühlte sich heiß an meinem Rücken an; er hatte mir die Arme um die Taille geschlungen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und er beugte sich herunter und drückte seine Lippen in die Kuhle zwischen meinem Hals und meiner Schulter.

Ein anderes Boot war neben unserem festgemacht und ich warf einen Blick hinüber aufs Deck. Gegenüber von uns stand ein Mann, vielleicht zehn bis zwölf Meter von uns entfernt. Sein weißes Hemd war aufgeknöpft und flatterte im Wind, eine Brise zerzauste sein dunkles Haar. Er war atemberaubend; er hatte eine Ausstrahlung, die mich sofort in den Bann schlug, noch während Ryker meine nackte Schulter küsste. Dann drehte er sich um, und obwohl er eine Sonnenbrille trug, wusste ich, dass er mich ansah, und mir wurde klar, weshalb er mir so bekannt vorgekommen war.

Es war Parker.

Seine Brust war köstlich nackt und zeigte einen Sixpack aus Muskeln, die normalerweise unter seinen Anzügen verborgen waren. Die locker sitzende Leinenhose, die er anhatte, saß tief auf seinen schmalen Hüften. Er hielt ein Glas Weißwein in der Hand, und als er mich sah, erstarrte er. Ich fragte mich, ob er mich erkannte. Wahrscheinlich nicht, nicht aus dieser Entfernung, so zerzaust, wie mein Haar vom Wind war, und mit der Sonnenbrille im Gesicht. Zweifellos war ihm mein Bikini ins Auge gestochen – immerhin war er ein Mann.

Doch dann neigte er den Kopf, nur ein kleines bisschen, gerade genug, dass ich es als nichts anderes als ein Zeichen des Erkennens deuten konnte. Er nahm einen Schluck Wein und sah weiterhin zu mir herüber.

»Was zum Teufel hat er hier zu suchen?« Rykers Knurren zwang mich, meinen Blick von Parker abzuwenden.

»Er ist auf seinem Boot«, sagte ich. »Genau wie wir.« Ich hatte die Rechnung ganz vergessen, die jeden Monat von Parkers Konto abgebucht wurde, weil sein Boot hier vor Anker lag. Ich hatte sein Boot noch nie zuvor gesehen, aber ich hatte gewusst, dass er eines besaß.

»Ich kann es nicht leiden, wie er dich ansieht.« Er zog mich an sich.

»Er sieht uns an«, sagte ich sanft. »Und darf ich dich daran erinnern, dass ich seine Assistentin bin? Er sieht mich jeden Tag an.«

»Aber da hast du nicht diesen Bikini an.«

Ich wurde von jemand anderem auf Parkers Boot von unserem Wortwechsel abgelenkt. Von einer Frau. Sie war soeben die Stufen aus der Kabine heraufgekommen.

Sie war groß und schlank – wie ein Model von Victoria’s Secret –, hatte langes, dunkles Haar und trug eine übergroße Designersonnenbrille. In einem schwarzen Bikini, neben dem meiner wie ein bescheidenes Vintage-Teil aussah, ging sie zu Parker hinüber und versperrte mir die Sicht auf ihn. Ihre Hände begannen seine Taille zu streicheln und sie legte den Kopf in den Nacken. Mit ihren acht Zentimeter hohen Absätzen war sie kaum kleiner als er. Ich konnte sehen, wie sich ihre Lippen zu einem halben Lächeln verzogen, dann küsste er sie.

Nun ja.

Schön für ihn. Wirklich.

Ich spürte einen Schmerz in der Magengrube, der vorher nicht da gewesen war, aber ich ignorierte ihn. Ich hatte noch ein halbes Bier und kippte es hinunter, dann bedeckte ich vornehm meinen Mund, als mir ein wenig damenhafter Rülpser entfuhr.

»Ups. Sorry.«

Doch Ryker lachte nur, hob mich hoch und nahm mich in seine Arme. Ich kreischte auf, als das Deck unter mir schwankte, und klammerte mich an seinen Schultern fest.

»Das solltest du nicht mit jemandem machen, der so viel getrunken hat wie ich heute«, sagte ich. »Du bist selbst schuld, wenn du angekotzt wirst.«

»Das Risiko gehe ich ein«, sagte er grinsend. »Ich wäre jetzt bereit, nach Hause zu gehen und dir diesen Bikini auszuziehen, der mich den ganzen Tag schon verrückt gemacht hat.«

Ich blickte über seine Schulter zu Parker hinüber, der immer noch mit dieser Frau dastand. Er spielte jetzt mit ihren Haaren und unterhielt sich mit ihr; er sah nicht in unsere Richtung. Mein Lächeln verblasste.

»Ja, ich auch.«

Später am Abend saßen wir in meinem Wohnzimmer und aßen Pizza, und ich beschloss, anzusprechen, was heute passiert war.

»Ich glaube, deine Freunde mögen mich nicht besonders«, sagte ich und trank einen Schluck Wasser. Ich brauchte Flüssigkeit.

Ryker sah mich stirnrunzelnd an, während er nach einem Stück Pizza griff. »Warum sagst du das?«

»Weil ich für Parker arbeite und ihn nicht für den Teufel halte.«

Er verdrehte die Augen. »Sei nicht albern. Natürlich mögen sie dich.«

»Wie habt ihr euch kennengelernt, du und Parker?«, fragte ich, weil ich diesen Punkt nicht weiter vertiefen wollte. »Niemand scheint es zu wissen.«

»Warum willst du es dann wissen?«, fragte er.

»Warum willst du es mir nicht sagen?«, konterte ich.

Ryker biss von seiner Pizza ab und kaute langsam. Ich schwieg und hoffte, dass er irgendwann von alleine reden würde. Er schluckte und nahm einen Schluck Cola.

»Ich habe dir ja schon erzählt, dass meine Mutter alleinerziehend war«, sagte er schließlich. Ich nickte. »Wir lebten in einer beschissenen Wohnwagensiedlung in einer miesen Gegend. An den meisten Tagen war es schon ein Glück, wenn ich nicht auf dem Heimweg in irgendwelche Auseinandersetzungen geriet. Dieser Teil der Stadt wurde von diversen Gangs beherrscht, und sie waren immer auf der Suche nach neuen Leuten. Meine Mom war wild entschlossen, mir eine vernünftige Schulbildung zu verschaffen, deshalb zahlte sie das Schulgeld für eine bessere Schule als die in meinem Bezirk. Das kostete sie nahezu jeden Dollar, den sie hatte, aber sie war nicht davon abzubringen, da wäre es ziemlich undankbar gewesen, wenn ich mich einer Gang angeschlossen hätte. Deshalb sagte ich immer Nein; das hört sich leicht an, war es aber nicht. Die hatten alle möglichen Methoden auf Lager, einen unter Druck zu setzen, angefangen davon, dass sie dir nachstellten, um eine Gelegenheit abzupassen, dich in die Mangel zu nehmen, bis hin dazu, deine Familie zu bedrohen.«

Er holte tief Luft, während ich zuhörte und schwieg. Das war mehr, als mir Ryker jemals über seine Vergangenheit erzählt hatte.

»Jedenfalls war da dieser Junge in der Schule«, sagte er. »Ein stiller Junge, eine Art Außenseiter. Scheißreich, natürlich. Das waren die meisten dort. Er beobachtete mich immer. Hat ein paarmal versucht, mit mir zu reden, aber ich sagte ihm ziemlich deutlich, dass er sich vom Acker machen soll. Ich nahm an, dass er einfach seltsam war. Eines Tages wartete ich an der Bushaltestelle, um nach Hause zu fahren. Ich musste zwei verschiedene Busse nehmen, deshalb kam ich erst gegen sechs Uhr abends oder noch später nach Hause. Es war Anfang Winter und es wurde früh dunkel. Ich wartete also, und das war der Abend, an dem ich überfallen wurde. Drei Typen aus der Highschool, älter als ich. Ich wollte ihrer Gang nicht beitreten, deshalb hatten sie mir gedroht, es mir heimzuzahlen. Und das hätten sie auch getan, wenn Parker nicht gewesen wäre.«

»Parker war da?«, fragte ich überrascht.

»Ja. Er war der Kerl, der mich nicht in Ruhe gelassen hatte. Keine Ahnung, warum. Vielleicht tat ich ihm leid, weil ich ein Sozialfall war, vielleicht dachte er einfach, ich könnte einen Freund gebrauchen. Die anderen Kinder behandelten mich wie einen Paria, der mitten unter ihnen lebt. Er nicht. Er war entschlossen, dass wir Freunde würden. Er war mir an dem Tag gefolgt. Er war neugierig, glaube ich. Seine Eltern wollten ihn natürlich vor verkommenen Subjekten beschützen. Vor Leuten wie mir, nehme ich an. Jedenfalls hat er sich auf der Stelle auf diese Kerle gestürzt. Hat überhaupt nicht gezögert. Das Nächste, was ich wusste, war, dass zwei von ihnen am Boden lagen und der Dritte türmte.«

»Und was war mir dir? Warst du verletzt?«

»Sie hatten mich mit dem Messer erwischt. Womöglich wäre ich verblutet, wenn Parker nicht da gewesen wäre und Hilfe geholt hätte. Er hat mir an diesem Abend das Leben gerettet.«

»Warum hast du das nie jemandem erzählt?«, fragte ich.

»Weil Parker es nicht wollte«, sagte er schulterzuckend. »Er wusste, dass wir beide dann nur Ärger kriegen würden. Die Gang würde es noch mal bei mir versuchen und vielleicht würde sie auch ihn angreifen, um sich zu rächen. Und so hat niemand erfahren, was an diesem Abend wirklich geschehen ist. In dem Alter war das für uns beide sicherer.«

»Wie alt wart ihr da?«

»Vierzehn.«

»Wow«, hauchte ich. »Das ist … echt jung, um sich mit so etwas herumzuschlagen.«

»Das kann man wohl sagen. Jedenfalls besiegelte das so ziemlich unsere Freundschaft. Es war klar, dass seine Eltern mich nie ausstehen konnten oder verstanden haben, weshalb Parker sich mit jemandem von der South Side angefreundet hatte, aber Parker war nie so. Er wäre für mich gestorben und ich für ihn. Während unseres gesamten Militäreinsatzes haben wir uns gegenseitig den Rücken freigehalten. Ich habe ihm ein paarmal das Leben gerettet, und er hat sich revanchiert. Ich hätte nicht gedacht, dass jemals etwas zwischen uns geraten könnte.«

Sein Blick war versonnen und sein Gesicht wirkte älter. Trauriger. Aus einem Impuls heraus legte ich ihm die Hand um die Wange. Seine Bartstoppeln fühlten sich rau auf meiner Haut an.

»Es muss nicht so bleiben«, sagte ich. »Ihr könnt wieder Freunde sein.«

Doch Rykers Lächeln war bitter, als er meine Hand ergriff, sie von seinem Gesicht nahm und auf seinen Oberschenkel legte. »Nein. Was er getan hat, war unverzeihlich. Manchmal gibt es kein Zurück mehr. Und in diesem Fall ist es so.«

Natalie.

Ich wusste nicht, warum, aber ich hatte das Gefühl, alles, was in meiner Macht stand, tun zu müssen, um die Freundschaft zwischen Ryker und Parker zu kitten. Sie waren die beiden wichtigsten Männer in meinem Leben, und sie bedeuteten sich gegenseitig etwas. Aber um das zu tun, musste ich erst alles wissen, was all diese Jahre zuvor passiert war. Ich musste mehr über Natalie erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte.

2

Es war die übliche Morgenroutine für mich: Ich war spät dran, weil ich beschlossen hatte, den Nagellack an meinen Zehen zu ändern – Kiss Me on My Tulips passte nicht zu meiner Stimmung, deshalb trug ich stattdessen I Don’t Give a Rotterdam auf –, und verpasste beinahe den Bus. Zum Glück mochte mich der Fahrer und kannte meinen Zeitplan, deshalb gewährte er mir zusätzliche dreißig Sekunden oder so, um meinen Hintern zur Bushaltestelle zu schwingen.

»Danke, Bob«, keuchte ich lächelnd; ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen, während ich die Stufen hinauf und zu meinem Platz ging.

»Sie haben wohl etwas Sonne getankt«, bemerkte er, als er mir im Rückspiegel einen Blick zuwarf.

»Ja. Das war vielleicht eines der letzten schönen Wochenenden, die wir bekommen«, sagte ich. »Was haben Sie am Wochenende gemacht?«

Wir plauderten auf dem Weg zu meiner Haltestelle, während ich mein Make-up fertigstellte. Bob fuhr seit etwa fünf Jahren dieselbe Strecke, und montagmorgens hatte er immer die eine oder andere Geschichte auf Lager. Letztes Jahr hatte ich ihm selbst gemachte Karamellbonbons zu Weihnachten geschenkt, und sie hatten ihm so gut geschmeckt, dass ich mir im Geiste notiert hatte, ihm dieses Jahr die doppelte Portion zu machen.

Mein Handy summte, als ich auf dem Weg zu Starbucks war, ein paar Türen vom Bürogebäude entfernt. Ich zog das Handy aus meiner Handtasche und stöhnte, als ich auf die Anruferkennung blickte.

»Hi, Mom«, sagte ich und warf einen Blick auf die Uhr.

»Guten Morgen, Liebes! Du hast mich gestern nicht zurückgerufen.«

Ich unterdrückte einen Seufzer.

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