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Risky Business (01) – Gefährliches Spiel

Tiffany Snow

Risky Business

Gefährliches Spiel

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Sonja Häußler

Zu diesem Buch

Sage Reese lebt für ihren Job. Genauer gesagt lebt sie für ihren Boss Parker Andersen. Das sagen auch die Männer, mit denen sie sich verabredet … Und ja, vielleicht hegt sie Gefühle für den CEO von KLP Capital, der Investmentbank in Chicago. Doch als sie und Parker während einer Nachtschicht überfallen werden, lernt sie nicht nur die dunkle Seite ihres geheimnisvollen Chefs kennen, sondern verliebt sich Hals über Kopf in den ermittelnden Detective. Kein gewöhnlicher Detective, sondern ein Bad Boy mit Harley und unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein und doch scheint sie eine gemeinsame Vergangenheit zu verbinden – und Sage findet sich plötzlich zwischen zwei absoluten Alphamännern wieder, die beide um ihre Gunst buhlen. Im Laufe der Ermittlungen wird die Rolle Parkers immer undurchsichtiger, und doch kann Sage nicht glauben, dass er schuldig sein soll. Empfindet sie etwa noch immer etwas für ihren charismatischen Boss?

Für Jennifer – in Liebe und Dankbarkeit.

Ohne dich wäre das nicht gelungen.

1

»Du verlässt mich?«

Ich konnte es nicht glauben – nicht dass das völlig aus dem Nichts gekommen wäre, aber wir waren noch nicht einmal beim Nachtisch angelangt.

»Hör mal, Sage, ich glaube einfach nicht, dass es funktioniert«, sagte Brandon. »Ich meine, ich mag dich wirklich, aber es sieht einfach nicht so aus, als hättest du Zeit für eine Beziehung …«

Das Summen meines Handys schnitt ihm das Wort ab. Ich brauchte nicht nachzusehen, um zu wissen, wer es war. Während ich gegen den Reflex ranzugehen ankämpfte, sagte ich: »Ich habe massenhaft Zeit für eine Beziehung!«

»Sage, wir gehen schon seit drei Monaten miteinander aus, und wir waren noch nicht ein einziges Mal essen, ohne dass wir von deinem Handy unterbrochen wurden.«

»Das ist nicht wahr«, protestierte ich und versuchte mich hektisch daran zu erinnern, wann ich überhaupt je etwas gegessen hatte, ohne dass mein Handy geklingelt hatte. Wieder summte es, und ich schwöre, meine Augen zuckten schon, so groß war der Drang, das Gespräch anzunehmen.

Doch Brandon schüttelte resigniert den Kopf. »Es tut mir leid, echt.« Er nahm etwas Geld aus seiner Brieftasche und legte es auf den Tisch.

Wieder summte es hartnäckig, als wüsste der Mensch am anderen Ende genau, dass ich da war und nur nicht dranging. Ich ballte die Hände in meinem Schoß zu Fäusten.

»Brandon«, versuchte ich es noch einmal, als er aufstand. Er nickte in Richtung meines Handys.

»Sage, du wirst es vielleicht nicht zugeben, aber du bist bereits in einer festen Beziehung. Und er ist nicht bereit zu teilen.«

Bestürzt starrte ich Brandon nach, als er das Restaurant verließ. Das Telefon summte. Ich blickte das Ding wütend an, als ich es in die Hand nahm; ich wusste, dass das nur ein einziger Mensch sein konnte.

»Was ist?«, fauchte ich und erlaubte dem wartenden Kellner, meinen Teller abzuräumen. Ich brachte die Weinflasche in Sicherheit und goss mir den Rest ein.

Am Ende der Leitung entstand eine lange Pause. »Wie bitte?«

Ich hielt ein Seufzen zurück und rieb mir die Stirn. Ich hatte das Gefühl, gleich Kopfschmerzen zu bekommen. »Tut mir leid, ich dachte, es wäre jemand anderes«, log ich, während meine Stimme wieder den üblichen liebenswürdigen Ton annahm, den ich für die Arbeit reserviert hatte. »Was kann ich für Sie tun, Sir?«

Sir war Parker Anderson, und Parker Anderson war mein Boss.

»Ich brauche die Prognosen über die Margen der Layne-Akquisition. Wo sind sie?«

»Lyle hat sie heute Nachmittag vorbeigebracht«, sagte ich. »Ich habe sie Ihnen auf den Schreibtisch gelegt.«

»Ich schaue gerade nach, sehe sie aber nicht.«

»Sie sind unter dem Stapel Quartalsberichte, die ich heute Morgen ausgedruckt habe«, riet ich.

Man hörte das Rascheln von Papier. »Okay. Gefunden. Danke.« Er beendete den Anruf.

»Nichts zu danken«, murmelte ich und warf mein Telefon auf den Tisch. Parker entschuldigte sich nie, wenn er nach Feierabend noch bei mir anrief. Vermutlich lag das daran, dass er selbst so viel arbeitete. Freizeit gab es für ihn nicht, weder für sich selbst noch für seine Mitarbeiter. Normalerweise machte mir das nichts aus, weil … nun ja, es war kompliziert.

Der Wind hatte aufgefrischt, und ich zog meinen Umhang fester um meine nackten Arme, während ich auf den Michigansee hinausblickte. Brandon hatte eines der schönsten Restaurants Chicagos ausgesucht, um mit mir Schluss zu machen; man konnte draußen sitzen und hatte eine großartige Aussicht. Das war doch schon mal etwas, fand ich.

Ich beobachtete, wie die Dämmerung allmählich in die Nacht überging, und nippte an meinem Wein. Brandon hatte ihn bereits bezahlt, wozu ihn also verschwenden? Wir hatten uns ausgerechnet am Valentinstag kennengelernt, und in den folgenden drei Monaten war ich immer mehr zu der Überzeugung gelangt, er könnte Mr Right sein.

Offenbar war er Mr Wrong.

Über diesen deprimierenden Gedanken wurde ich betrunken. Nun, zumindest nehme ich an, dass ich betrunken wurde. Nur noch vage nahm ich wahr, dass mir der Hoteldiener ein Taxi rief und ich in meine Wohnung stolperte. Vielleicht – so genau weiß ich es nicht – nahm ich ein Schaumbad. Das ist eine Vorliebe von mir, wenn ich sehr betrunken bin, ganz egal zu welcher Uhrzeit. Jedenfalls erinnerte ich mich kaum an das, was war, bevor mein Kopf auf dem Kissen aufschlug. Mancher würde sagen, ich sei völlig aus den Latschen gekippt, aber ich bin eine Dame, und Damen kippen nicht aus den Latschen. Ich habe einfach nur … sehr tief geschlafen.

Der Wecker klingelte zur üblichen Zeit, und ich tastete stöhnend nach dem Knopf, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ich hatte Kopfschmerzen vom Wein und stand zu lange unter der Dusche. Als ich den Schrank durchwühlte, um den zweiten Schuh des Paares zu finden, das ich tragen wollte, war ich schon zu spät dran.

»Verdammt noch mal!«, schrie ich frustriert, dann hörte ich in Gedanken meine Mom.

Eine Dame drückt sich niemals vulgär aus.

»Ein Dame fährt vermutlich auch nie mit dem Bus zur Arbeit«, maulte ich vor mich hin.

Der Bus machte gerade die Türen zu, als ich angerannt kam, außer Puste und mit den Schuhen in der Hand. Ich hämmerte an die Tür, und der Fahrer öffnete für mich.

»Spät dran heute?«, fragte er grinsend.

Ich war zu sehr außer Atem, um etwas zu erwidern, deshalb lächelte ich nur. Er war ein netter Kerl und kannte alle Pendler auf dieser Route.

Mein Arbeitsplatz war gerade mal acht Kilometer weit weg, und ich stieg als eine der Ersten wieder aus. Die Schuhe hatte ich mir inzwischen angezogen. Es war ein kühler Frühlingsmorgen und wahrscheinlich zu früh im Jahr für die sonnengelben zehenfreien Absatzschuhe, aber ich hatte mich trotzdem für sie entschieden. Zu meinem marineblauen Rock und der weißen Bluse hatte ich mir einen passenden gelben Schal um den Hals geschlungen. Das Gelb brachte eine eigenwillige Note in den ansonsten eher konservativen Look, wie man ihn von der Assistentin des Direktors für Investmentanalysen bei KLP Capital, der Investmentbank in Chicago, erwartete.

Robin arbeitete die Morgenschicht bei Starbucks und hatte meine Dauerbestellung schon fertig, als ich hereinkam.

»Danke!«, sagte ich und blies einen Luftkuss in seine Richtung, während ich die zwei Tassen in der Papiertüte schnappte. Eine Sekunde später war ich schon wieder zur Tür hinaus und eilte über die Straße. Der Wind riss an meinen Haaren, aber ich hatte sie immer fest nach hinten gekämmt. Meine Haare waren dunkel, dick und lang, und ich trug sie bei der Arbeit nie offen. Ein Französischer Zopf, den ich zu einem Knoten hochsteckte, verhinderte, dass es mir in den Weg geriet.

Wie immer balancierte ich Kaffee, Parkers Frühstück und eine Handtasche, während ich dem Sicherheitsmann meinen Ausweis zeigte und er mich zu den Aufzügen durchließ. Fünfunddreißig Stockwerke später trat ich wieder heraus.

Es war noch immer früh genug, um alles so vorzubereiten, wie Parker es haben wollte. Eilig stellte ich Handtasche und Kaffee ab und holte dann ein Tablett und Silberbesteck aus der Küche. Nachdem ich den Scone auf den Teller gelegt und den Kaffee genau an die richtige Stelle gestellt hatte, eilte ich zurück zu meinem Schreibtisch, um seine Sprachmitteilungen abzuhören und mir dabei Notizen zu machen. Schließlich legte ich das Telefon weg und stieß einen Seufzer aus. Alles bereit für Parkers Ankunft in – ich sah auf die Uhr – drei Minuten.

Punkt acht Uhr trat Parker Anderson aus dem Aufzug und kam auf mich zu.

Insgeheim war mir das der liebste Moment des Tages.

Parker Anderson trug Fünftausend-Dollar-Anzüge und bewegte sich, als würde ihm die ganze Stadt gehören. Es gab niemanden, der sich nicht von ihm einschüchtern ließ, und das wusste er. Manche bezeichneten ihn als arrogant, er nannte es Selbstbewusstsein.

Heute Morgen trug er die übliche Art von Power-Anzug: dunkelgraue Nadelstreifen, dazu ein hellgraues Hemd und eine Krawatte, die meines Erachtens von Burberry war. Sein dunkles Haar war oben lang, seitlich gescheitelt und legte sich in einer glatten Welle von seiner hohen Stirn nach hinten. Es bildete einen hübschen Kontrast zu seinen blauen Augen. Sein Gesicht war vollkommen symmetrisch, ein Oval mit gerader Nase, die Adjektive wie »aristokratisch« heraufbeschwor. Eine starke Kiefer-Kinn-Partie bildete das perfekte Gegenstück, während seine Lippen … seine Lippen befanden sich irgendwo in der süßen Mitte zwischen zu dünn und zu feminin. Nicht dass ich besonders viel Zeit damit verbringen würde, seine Lippen anzustarren. Zumindest versuchte ich, nicht zu starren. Er war fünfunddreißig, unglaublich gut aussehend, erfolgreich, betucht – und so unerreichbar wie der Mond.

Aber das hieß ja nicht, dass ich seinen Anblick nicht genießen durfte.

»Guten Morgen, Sage«, sagte er; sein tiefer Bariton so samtig wie ein zwanzig Jahre alter Scotch. Er nahm den Stapel Nachrichten, den ich ihm reichte, und schaute sie durch. Dies gehörte auch zu unserer morgendlichen Routine.

»Guten Morgen«, erwiderte ich mit einem Lächeln. Ich nahm einen Hauch seines Eau de Cologne wahr, vermischt mit Aftershave. Ich hatte mich so an diesen leicht würzigen Duft gewöhnt, dass ich ihn wohl nie wieder würde riechen können, ohne dabei an Parker zu denken.

Normalerweise bedachte er mich mit einem höflichen Lächeln und verschwand dann in seinem Büro, doch heute zögerte er.

»Ich, ähm, habe Sie doch gestern hoffentlich nicht zu einer unpassenden Zeit erwischt?«, fragte er, während er weiterhin seine Nachrichten durchsah.

Meine Augen wurden groß. Das hatte er mich noch nie zuvor gefragt, dabei hatte es jede Menge Zeiten gegeben, die »unpassend« gewesen waren. Das musste ich mir echt im Kalender anstreichen.

Ich war so überrascht, dass ich mit der Wahrheit herausplatzte. »Mein Freund hatte gerade mit mir Schluss gemacht.«

Parker blickte auf. Falls ihn meine Offenheit schockiert hatte, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Er sah mich aus seinen blauen Augen einen Moment lang ruhig an, und es könnte sein, dass er kurz den Atem anhielt. Er konzentrierte sich selten so intensiv auf mich, und ich ertappte mich zum x-ten Mal dabei, wie ich mir wünschte, Parker wäre weniger attraktiv. Dann würde es mir verdammt noch mal leichterfallen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.

»Tut mir leid, das zu hören«, sagte er schließlich.

Mein Lächeln war so falsch wie meine Markenhandtasche, die ich bei einem Straßenhändler auf der Michigan Avenue erstanden hatte.

»Schon gut«, sagte ich rasch und machte dabei eine nervöse Handbewegung, während ich überlegte, was ich sagen sollte. Es war ja nicht so, dass Parker und ich oft über unser Privatleben plauderten. »Er war sowieso nicht gut im Bett.«

Oh. Mein. Gott. Hatte ich das wirklich gerade gesagt? Zu meinem Boss?

Bestürzt schnappte ich nach Luft und schlug beide Hände vor den Mund. So viel zum Thema mehr Information, als man sich gewünscht hätte.

Um seine Lippen zuckte es, und ich schwöre, dass sich seine Augenwinkel ein wenig in Fältchen legten, als würde er ein breites Grinsen unterdrücken. Er räusperte sich.

»Ja, nun, ähm, das ist … ein Jammer. Dann sind Sie jetzt ja wohl besser dran.« Mit einem weiteren flüchtigen Lächeln ging er in sein Büro, und die Glastür fiel hinter ihm zu.

Wenn er mich durch die Glaswand nicht hätte sehen können, hätte ich den Kopf auf die Tischplatte geschlagen und vor lauter Scham laut aufgeheult. Ich hatte vor meinem Boss Sex erwähnt. Und dass ich schlechten Sex gehabt hatte. Vielleicht dachte er jetzt, das läge an mir? Was, wenn er jetzt glaubte, ich wäre schlecht im Bett?

»Das spielt keine Rolle!«, zischte ich mir selbst zu, ergriff meine Tasse und nahm einen beruhigenden Schluck, als wäre es Bourbon und keine fettarme Karamell-Latte-ohne-Schaum (mit Schlagsahne extra). Wen kümmerte es, wenn Parker glaubte, ich wäre schlecht im Bett? Es war ja nicht so, dass ich je die Gelegenheit bekommen würde, um …

Nein. Gar nicht erst daran denken. Ich war nicht das wandelnde Klischee einer Assistentin, die scharf auf ihren Boss ist. Jede Frau mit Augen im Kopf wusste die vielen wunderbaren Eigenschaften Parker Andersons zu schätzen. Ich war einfach nur … normal.

Genau.

Danach nahm alles seinen gewohnten Gang, und ich zwang mich, meine Verlegenheit beiseitezuschieben und das mit den unanständigen Gedanken sein zu lassen. Parker war wie immer, als ich transkribierte, was er mit seinem Sprach-Rekorder aufgenommen hatte, eine Power-Point-Präsentation bearbeitete, die er für einen Vortrag in der folgenden Woche in New York benötigte, die Quartalsberichte über die Performance koordinierte und all die üblichen Dinge tat, die dafür sorgten, dass der Tag nur so verflog. Donnerstage waren stets mit Meetings vollgepackt, deshalb aß Parker immer am Schreibtisch zu Mittag. Um die Mittagszeit rannte ich los, um wie üblich etwas in dem Restaurant vier Blocks weiter für ihn abzuholen. Er nahm heute den Speziallunch, der aus Lachs im toskanischen Stil mit Rosmarin-Orzo-Nudeln bestand.

Ich selbst kaufte mir bei einem Straßenhändler einen Hotdog, den ich mir auf dem Rückweg vom Restaurant reinzog. Ich aß ihn immer ohne alles, weil ich mir einmal die Bluse mit Senf bekleckert hatte, woraufhin ich in helle Aufregung verfallen war und dreißig Minuten lang erfolglos versucht hatte, ihn in der Toilette auszuwaschen. Ich hatte versucht, den Fleck zu verbergen, doch Parker hatte ihn entdeckt, als ich ihm einige Akten brachte.

»Probleme beim Essen?«, hatte er gefragt, während er vielsagend auf meine fleckige Bluse blickte.

Seitdem habe ich mir nie wieder Senf oder etwas anderes zu meinem Hotdog geben lassen.

Parker war noch in einem Meeting, als ich das Tablett auf seinen Tisch stellte und den Teller und das Besteck anordnete. Der Lachs ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und brachte meinen Magen selbst nach meinem Hotdog zum Knurren.

Ich war gerade fertig damit, die Serviette zu einem Paradiesvogel zu falten, als die Tür von Parkers Büro aufging. Überrascht blickte ich auf … und vergaß prompt mein Servietten-Origami.

Heilige Scheiße.

Unwillkürlich musste ich an Bradley Cooper denken, der diesen muskulösen, knallharten Typen in Das A-Team gespielt hatte.

Er war weit über eins achtzig groß, seine breiten Schultern wurden von einem weißen T-Shirt und einer Lederjacke bedeckt. Unter dem dünnen Stoff seines T-Shirts, das sich über seiner Brust spannte, zeichneten sich seine Erkennungsmarken ab. Leicht gelocktes kastanienbraunes Haar, das nach hinten gekämmt war und geradezu danach schrie, dass eine Frau mit den Fingern hindurchstrich. Auf seinem Kiefer zeichnete sich ein Zweitagebart ab, während seine Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille verborgen waren.

Der Mann setzte die Sonnenbrille ab, und ich schwöre, dass mir die Knie weich wurden. Seine Augen waren strahlend blau, in den Augenwinkeln hatten sie leichte Krähenfüße, die entweder vom Lächeln oder vom Augen-Zusammenkneifen kamen. Ich beschloss, dass sie vom Lächeln kommen mussten, denn warum sollte jemand, der so aussah, nicht lächeln?

»Wo ist Ihr Boss, Süße?«, fragte er, während er seine Sonnenbrille vorn in seinem T-Shirt einhakte. Er sah sich neugierig im Büro um.

Mir wurde bewusst, dass ich ihn angaffte, und ich klappte den Mund zu. Das »Süße« ging mir gewaltig auf die Nerven. Ich war nicht seine Süße – nicht bevor er mich zumindest zum Abendessen ausgeführt hatte.

Mein Lächeln war zuckersüß. »Wer fragt, Sahneschnitte

Seine Augenbrauen schossen nach oben, und sein Blick fuhr zu mir herum. Dann gluckste er leise und kam ein paar Schritte auf mich zu, bis er direkt vor dem Schreibtisch stand. Er hielt eine Marke hoch.

»Detective Ryker, CPD.«

Jetzt war es an mir, vor den Kopf gestoßen zu sein. Die Polizei? Hier? Um Parker zu sehen?

»Ähm, sind Sie sicher, dass Sie Parker Anderson suchen?«, fragte ich.

Der Detective schnaubte spöttisch, während er seinen Ausweis wieder einsteckte. Ich erhaschte einen Blick auf eine Waffe in einem Halfter. »Oh ja. Da bin ich mir sicher. Wo ist er?«

»Er ist in einem Meeting«, sagte ich, während ich eilig die Serviette fertig faltete. »Er kann jeden Augenblick zum Lunch zurück sein.«

Detective Ryker warf einen Blick auf das Tablett, während ich behutsam die zum Paradiesvogel gefaltete Serviette an die Seite legte. Ich runzelte die Stirn und kaute nervös auf meiner Unterlippe herum. Wenn Parker sich nicht beeilte, würde der Lachs kalt sein, und ich würde ihn in der Mikrowelle aufwärmen müssen. Und wenn dieser Cop hergekommen war, um ihn zu sprechen, bestand die Gefahr, dass es eine Weile dauern könnte, sodass er erst später die Gelegenheit hätte zu essen. Vielleicht sollte ich das Tablett erst mal in die Küche stellen?

Der Detective unterbrach meine Gedanken.

»Sie wollen mich wohl verscheißern.«

Schockiert blickte ich mich um, weil ich nicht wusste, was er meinte; dann merkte ich, dass er sich auf das Mittagessen bezog oder auf mich oder vielleicht beides.

»Was?«, fragte ich. »Was ist denn?«

Doch der Detective schüttelte nur den Kopf. Allmählich bekam ich ein ungutes Gefühl.

»Hören Sie«, sagte ich, umrundete den Tisch und ging auf ihn zu. »Warum kommen Sie nicht einfach ein paar Minuten mit mir? Ich kann Ihnen vielleicht einen Kaffee holen oder einen Tee, während Sie warten.« Ja klar, weil dieser Typ auch aussah, als würde er sich in der Lobby die Beine in den Bauch stehen und an seinem heißen Tee nippen, aber was soll’s! Ich sprach in dem Tonfall, den ich immer benutzte, wenn ich einen wütenden oder dickköpfigen Parker (meistens war er beides) beruhigen wollte, und fügte ein sanftes Lächeln hinzu. Bei ihm funktionierte das fast immer.

Der Cop schien jedoch eine härtere Nuss zu sein.

»Netter Versuch, aber ich werde wohl warten.« Er drehte sich um und machte es sich auf dem schwarzen Ledersofa in der Ecke bequem.

Entsetzt schaute ich ihn an. Er schien vollkommen entspannt zu sein, legte das Fußgelenk auf das Knie des anderen Beines und breitete die Arme weit auf der Lehne des Sofas aus. Offenbar würde er nirgendwohin gehen, wenn es ihm nicht passte.

Parker würde mich umbringen.

»Bitte, warten Sie in der Lobby«, drängte ich, weil allmählich Panik in mir hochkroch. »Dort ist es wirklich schön. Es gibt einen Fernseher und Zeitschriften …«

Er sah mich einfach nur an.

Dann griff ich auf unverblümte Ehrlichkeit zurück. »Er wird sauer auf mich sein«, brach es aus mir heraus. »Bitte, warten Sie in der Lobby.«

Ehrlich gesagt wusste ich nicht, ob Parker böse werden würde oder nicht, aber ich war mir sicher, dass er es vorziehen würde, vorgewarnt zu werden, wenn ein Polizeibeamter in seinem Büro wartete. Ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen, denn nichts war so niederschmetternd, wie wenn Parker wütend auf mich war.

»Er wird sauer auf Sie werden?«, fragte Detective Ryker ungläubig, seine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Was für ein verdammter Scheißkerl«, murmelte er verhalten.

Ich zuckte bei dem Schimpfwort zusammen und fragte mich, was um alles in der Welt die Polizei Parker vorwarf, wenn dieser Kerl solche Dinge über einen Mann sagte, dem er noch nie begegnet war.

Ich erfuhr nie, ob der Detective getan hätte, worum ich ihn gebeten hatte, oder nicht, denn just in dem Moment kam Parker herein. Falls es ihn überraschte, einen fremden Mann in seinem Büro anzutreffen, so ließ er es sich nicht anmerken.

»Ryker«, sagte er und würdigte dabei den Mann kaum eines Blickes, als er an mir vorbei zu seinem Schreibtisch ging. »Solltest du nicht einen Mord aufklären oder jemanden verhaften?« Seine Stimme klang kalt. Jemandem, der ihn nicht so gut kannte wie ich, mochte er wohl unbeeindruckt vorkommen, aber ich bemerkte die Anspannung in seinem Körper.

»Oh, du behältst mich im Auge. Ich bin gerührt«, höhnte Ryker.

Parker blickte nicht einmal von seinem Teller auf. Er sprach mit einem Bissen Lachs im Mund. »Bilde dir keine Schwachheiten ein. Nur ein Cop gelangt bewaffnet in dieses Gebäude, und nur ein Mord kann rechtfertigen, dass jemand so beschissen angezogen ist.«

Ich hatte Parker noch nie so mit jemandem sprechen hören. Skrupellos und sarkastisch? Ja. Aber absichtlich einen Cop zu beleidigen stand eigentlich nicht ganz oben auf seiner Agenda.

»Lieber beschissen angezogen als die Leute beschissen behandeln. Du lässt dir von deiner Sekretärin den Lunch servieren, ohne dich bei ihr zu bedanken? Was für eine Überraschung, dass du immer noch ein narzisstisches Arschloch bist!«

Mein Gesicht wurde so heiß, dass meine Ohren brannten, während Parkers Blick zu mir huschte, als würde er eben erst merken, dass ich auch im Raum bin.

»Sonst noch etwas, Sage?«, fragte er steif.

»N-natürlich nicht, Sir«, stammelte ich und zog mich hastig zurück. »Entschuldigen Sie mich.« Ich konnte gar nicht schnell genug hinauskommen.

Nach der angespannten Atmosphäre in Parkers Büro war mein Schreibtisch das Paradies. Heimlich beobachtete ich die beiden, während ich tat, als würde ich arbeiten. Allerdings hätte mich wahrscheinlich auch dann niemand bemerkt, wenn ich mir die Nase an der Scheibe platt gedrückt hätte.

Parker schien Ryker kaum zu beachten, aber ich hatte das schon früher bei ihm erlebt, und es war immer vorgetäuscht gewesen. Ihm entging nichts.

Ryker für seinen Teil hatte seine entspannte Pose aufgegeben und sich inzwischen vorgebeugt, die Ellbogen beim Sprechen auf die Knie gestützt.

Keiner der beiden lächelte.

Sie kannten einander, und offenbar hassten sie sich – zumindest hasste Ryker Parker. »Narzisstisches Arschloch« und »verdammter Scheißkerl« waren keine Ausdrücke, mit denen man einen guten Kumpel bezeichnete. Es war ein faszinierendes Rätsel, und ich konnte nichts anderes tun, als darüber zu spekulieren; zehn Minuten später war meine Fantasie schon ziemlich mit mir durchgegangen.

Endlich stand er auf und ging zur Tür. Er schien sich nicht zu verabschieden, und Parker war anscheinend schon in eine Akte vertieft, noch bevor Ryker zur Tür hinaus war.

Ich erwartete, dass Ryker direkt zu den Aufzügen gehen würde, aber er ertappte mich dabei, wie ich ihn beobachtete. Ein Ausdruck, aus dem ich nicht schlau wurde, huschte über sein Gesicht; er änderte die Richtung und blieb vor der erhöhten Theke stehen, die zwei Wände meiner »Würfels« bildete.

»Also … Sage, nicht wahr?«

Ich beäugte ihn misstrauisch und tippte auf das Namensschild, das auf der Theke stand, anstatt ihm zu antworten.

»Sage Reese«, las er. »Direktionsassistentin.«

»Sie können lesen«, sagte ich und zog eine Augenbraue nach oben. »Ich hatte Sorge, dass Sie mit den langen Worten Schwierigkeiten haben würden.« Wenn Parker Ryker nicht leiden konnte – und es war ziemlich eindeutig, dass das so war –, dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch ich ihn nicht leiden konnte.

Er grinste mich trotz meiner Dreistigkeit an, wodurch ein waschechtes Grübchen auf seiner Wange erschien. Seine Zähne waren vollkommen gerade und weiß, und durch sein Lächeln wurde sein harter Gesichtsausdruck mit einem Schlag sexy und schalkhaft. Ich verlor vorübergehend den roten Faden.

Ryker beugte sich vor, als wollte er mir ein Geheimnis erzählen. Der Duft von Leder und so etwas wie Moschus hing in der Luft, und ich ertappte mich dabei, wie ich tief einatmete.

»Ich weiß, was Sie nach der Arbeit vorhaben«, sagte er.

Ich sah ihn verwirrt an. »Was?«

»Sie essen mit mir zu Abend.«

Das war das Letzte, was ich erwartet hätte. Ich glotzte ihn an.

Ryker griff nach mir, und mir stockte der Atem. Seine Finger streiften den Stoff des Schals um meinen Hals. Ich erstarrte, die Augen aufgerissen, während ich mit hämmerndem Puls zu ihm aufblickte. Ich spürte, wie seine Knöchel sehr sanft über meine Kieferlinie strichen; dann griff er an mir vorbei und stibitzte eine paar Erdnuss-M&M’s aus der kleinen Süßigkeitenschale, die auf meinem Schreibtisch stand, für den Fall, dass ich unbedingt Schokolade haben musste. Er warf sie sich in den Mund, grinste wieder, und sein wissender Blick sagte mir, dass er genau wusste, wie er mich kriegen konnte.

»Ich hole Sie um sechs ab«, sagte er mit einem Zwinkern und ging dann auf die Aufzüge zu. Seine Jeans und seine Lederjacke wirkten hier, in diesem Meer aus Anzügen und Businesskleidung, völlig fehl am Platz. Aber so, wie er ging, hätte man meinen können, er wäre ein Model, das das Neueste von Armani präsentierte.

Als er beim Aufzug angekommen war, machte es pling, als hätte der Aufzug schon gewusst, dass Ryker käme. Er hatte seine Sonnenbrille wieder aufgesetzt und drehte sich um, bevor er in den Aufzug trat. Ich starrte ihn immer noch an, und wieder ertappte er mich dabei; erneut breitete sich ein wissendes Grinsen auf seinem Gesicht aus, bevor er aus meinem Sichtfeld verschwand.

»Wow. Wer war das?«

Ich drehte mich um und entdeckte Megan, eine Freundin, die hier ebenfalls Sekretärin war. Sie arbeitete für eine Gruppe von Analysten, die Parker unterstellt waren.

Sie schob sich die Brille auf der Nase nach oben, während sie sich mir zuwandte. »Im Ernst. Bitte sag mir, dass er hier ein Vorstellungsgespräch hatte und morgen anfängt.«

Ich lachte. Megan war voller Widersprüche. Sie war winzig, gerade mal einsfünfzig groß, hatte lockiges blondes Haar und ein herzförmiges Gesicht – der stereotype liebe, schüchterne Typ. Sie war lieb, das stimmte, aber sie hatte einen bissigen Witz und einen respektlosen Humor, wofür sie fast alle bei KLP mochten.

»Tut mir leid«, sagte ich mit einem übertriebenen Seufzer. »Er hat schon einen Job.«

»Als Filmstar, richtig?«

»Er ist ein Detective«, sagte ich grinsend. »Und ich glaube, ich bin für heute Abend mit ihm verabredet.«

»Du machst Witze!«

Ich zuckte mit den Schultern. »Er hat mich um ein Date gebeten.« Ich hielt einen Moment inne. »Eigentlich hat er mich nicht darum gebeten. Er teilte mir einfach mit, dass ich heute Abend mit ihm essen würde.« Was mich eigentlich zum Ausrasten bringen sollte, doch stattdessen fand ich es irgendwie … sexy.

»Wenn ich dich nicht so mögen würde, würde ich dich jetzt hassen«, seufzte Megan. »Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass du für den attraktivsten Kerl im ganzen Gebäude arbeitest. Jetzt hast du auch noch eine Verabredung mit einem sexy Detective.«

»Es gibt Tage, an denen ich nichts lieber tun würde, als die Bosse mit dir zu tauschen«, sagte ich trocken. »Das weißt du genau.«

»Ich weiß, dass Parker total nervig sein kann«, meinte sie. »Aber erzähl mir doch nichts. Wenn Parker sagt, dass er dich braucht, würdest du doch noch schwerkrank zur Arbeit kommen – und hast das auch schon getan. Versuch also bei mir nicht, die Ich-hasse-meinen-Job-Karte auszuspielen. Das nehm ich dir eh nicht ab.«

»So übel ist er nicht«, sagte ich.

Megan schnaubte. »Du bist die Einzige, die ihn ertragen kann. Tolles Gesicht hin oder her – früher oder später würde ich ihm etwas in den Kaffee tun.«

Da konnte ich ihr nicht widersprechen. An manchen Tagen hätte ich ihm am liebsten selbst etwas in den Kaffee getan.

»Dann ist Brandon wohl nicht mehr aktuell, wenn du mit diesem absolut heißen Detective essen gehst?«, fragte sie.

»Er heißt Ryker – und nein. Gestern Abend hat er mit mir Schluss gemacht.«

»Was du nicht sagst!«, sagte sie und sah dabei absolut nicht überrascht aus.

Ich hob den Finger. »Sag es nicht.«

»Was sollte ich sagen?«, erwiderte sie in aller Unschuld.

»Du weißt schon.«

»Du meinst, dass ich dir jetzt schon seit Monaten sage, dass du nie eine vernünftige Beziehung haben wirst, solange du zulässt, dass Parker jeden deiner wachen Momente bestimmt? Dass ich dich dauernd daran erinnere, dass das hier nur dein Job ist und nicht dein Leben? Dass Parker dich nicht zu schätzen weiß und dass ich absolut nicht begreifen kann, warum du total nach seiner Pfeife tanzt, und zwar in einem Maße, dass du nicht einmal mehr mit jemandem ausgehen kannst? Ist es das, was ich jetzt nicht sagen soll?«

Ich seufzte. Ich konnte Megan einfach nicht böse sein. Nichts von dem, was sie da sagte, war falsch. Ich wusste, dass sie all diese Dinge nur sagte, weil sie mich liebhatte und sich Gedanken um mich machte, aber es war, wie es war. Ich brauchte diesen Job. Mir gefiel dieser Job, auch wenn er ganz schön fordernd war. Die Bezahlung war großartig, die soziale Absicherung vorbildlich, und ich lebte gern in Chicago. Auch wenn mich Megan eine Masochistin nannte, weil die meisten meiner wachen Stunden von Parker und meinem Job verschlungen wurden – mir gefiel es so.

Als ich schwieg, machte Megan ein zerknirschtes Gesicht. »Tut mir leid«, entschuldigte sie sich. »Manchmal sollte ich einfach die Klappe halten.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, schon okay.« Der Gedanke, dass Brandon mit mir Schluss gemacht hatte, war irgendwie deprimierend – eine weitere kurzlebige Beziehung auf meiner Strichliste –, deshalb schob ich ihn beiseite.

»Ich habe dieses Wochenende übrigens Brian eine SMS geschrieben«, sagte sie, und ich war froh über diesen Themenwechsel. Brian war ein Typ, der in der IT-Abteilung arbeitete. Er war wirklich nett und sah gut aus, aber was Frauen anging, war er ziemlich schwer von Begriff.

»Und?«, fragte ich. Megan hatte seit einem Jahr, als sie ihn kennengelernt hatte, ein Auge auf Brian geworfen. Sie arbeiteten gemeinsam an einem Projekt und waren gute Freunde geworden. »Hat er zurückgeschrieben?«

»Ja, ein wenig«, sagte sie mit einem leichten Seufzer. »Aber ich glaube, er hat mich dauerhaft als gute Freundin abgestempelt. Egal, wie heftig ich flirte – er scheint es nicht zu kapieren.«

»Natürlich kapiert er es nicht«, sagte ich. »Er ist in der IT. Du müsstest schon oben ohne vor ihm herumspazieren, damit er es begreift.«

Sie lachte. »Ich weiß nicht, was er an sich hat. Bei jedem anderen Kerl würde ich einfach fragen, ob er mit mir ausgeht. Aber bei ihm … ich weiß nicht.« Sie seufzte.

»Das liegt daran, dass er ganz anders ist als die anderen Typen, mit denen du dich sonst so verabredet hast«, sagte ich. »Ihr seid richtig befreundet, was toll ist. Freunde sollen die besten Ehemänner abgeben.«

Nun war es an Megan, leicht unbehaglich auszusehen. »Was wollte der Detective überhaupt hier?«, wechselte sie das Thema.

»Keine Ahnung«, erwiderte ich. »Aber ich glaube, sie kennen sich, er und Parker. Ihre Unterhaltung war ein wenig … feindselig.« Eine massive Untertreibung.

»Huch. Seltsam. Vielleicht wird er es dir erzählen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Aber ich werde es dir auf jeden Fall weitertratschen, falls er es tut.« Ich grinste sie an. Megan liebte Klatschgeschichten.

»Das will ich hoffen.«

Nachdem ich geschworen hatte, ihr alle schmutzigen Details von meinem Date mit Ryker zu erzählen, kehrte Megan zurück an ihren Schreibtisch und ich ging in Parkers Büro, um das Lunch-Tablett abzuholen.

Er war in irgendetwas vertieft, so wie er die Stirn runzelte und sich sein Gesicht vor Konzentration grimmig verzerrt hatte, deshalb sprach ich ihn nicht an. Er hatte sein Jackett ausgezogen und auf das Sofa geschleudert. Ich hob es auf und hängte es in den Schrank in der Ecke, damit es nicht zerknitterte. Parker hatte immer einen Extra-Anzug und ein paar zusätzliche Hemden in seinem Büro. Als ich damit fertig war, nahm ich das Tablett, das er an die Seite seines Schreibtisches geschoben hatte.

»Danke«, sagte er.

Ich warf ihm einen Blick zu, weil ich mich einen Moment lang fragte, ob er mich meinte, aber er war immer noch auf seinen Computerbildschirm konzentriert. Da niemand anderes da war und er kein Telefon in der Hand hatte, musste er wohl mich gemeint haben. Das war ein wenig seltsam. Normalerweise sagte er gar nichts, wenn ich sein Tablett wegnahm oder seine Jacke aufhängte.

»Bitte«, murmelte ich, weil es seltsam gewesen wäre, ihn einfach zu ignorieren. Unwillkürlich fragte ich mich, ob es an Rykers beißendem Kommentar gelegen haben mochte, dass ich jetzt ein Dankeschön bekam, was das Ganze irgendwie schmälerte. Nicht dass ich meinen Job für ein Dankeschön erledigte; ich machte meinen Job für ein Gehalt. Aber trotzdem!

»Könnten Sie mir die Akte über diese neue russische Firma bringen, mit der wir Geschäfte machen?«, sagte Parker. »Ich glaube, sie ist bei Rogers.«

Ich runzelte die Stirn und dachte nach. »Sie meinen ZNT-Bank

»Genau.«

»Natürlich.« Ich ging zur Tür, zögerte dann und warf Parker einen Blick zu. Er sah auf.

»Ja?«, fragte er.

»Ich habe mich nur gewundert, und wahrscheinlich geht mich das nichts an – es geht um den Detective, der vorhin hier war. Ähm, ist … alles in Ordnung? Brauchen Sie etwas? Kann ich etwas tun …?« Ich schwafelte jetzt, deshalb hielt ich lieber die Klappe.

Parker sah mich auf diese eindringliche Art an, die er so an sich hatte; wahrscheinlich steckte ich besser nicht meine Nase in Angelegenheiten, die offensichtlich privat waren. Ich blickte auf das Tablett in meinen Händen hinunter, unfähig, ihn anzusehen, und verlagerte unbehaglich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

»Vergessen Sie’s. Ich wollte nicht neugierig sein«, brach es aus mir heraus, während ich das Tablett mit einem Arm balancierte, damit ich die Tür öffnen konnte.

»Sage«, sagte Parker; ich hielt inne und wandte mich zu ihm um. »Sie können nichts tun, aber … danke, dass Sie gefragt haben.«

Das milderte meine Verlegenheit ein wenig; ich warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu und bedachte ihn mit einem kurzen Nicken, dann eilte ich aus dem Büro.

An diesem Nachmittag sah ich viel zu oft auf die Uhr, die Schmetterlinge in meinem Bauch flatterten mit jeder Stunde, die verging, heftiger. Um Viertel vor sechs hörte ich ganz auf zu arbeiten und fing einfach an, meinen Schreibtisch abzuwischen. Ich wusste nicht, ob die Schmetterlinge auf Nervosität zurückzuführen waren, auf Vorfreude oder auf beides.

Was, wenn er mich nur verscheißert hatte? Die Männer, mit denen ich sonst ausging, waren eher ungefährliche Typen mit soliden Bürojobs. Noch nie in meinem Leben war ich mit einem Mann ausgegangen, der wusste, wie man eine Waffe abfeuerte, geschweige denn eine mit sich herumschleppte. Alle meine Verabredungen trugen Anzug und Krawatte, fuhren ein vernünftiges Auto und besaßen keine Lederjacken. Und keiner von ihnen hatte je dieses Klischee des Typen, »vor dem uns unsere Mutter immer gewarnt hat«, so erfüllt wie Ryker.

Ich musste den Verstand verloren haben.

Ich ging in die Damentoilette, um nach meiner Frisur zu schauen und mein Make-up aufzufrischen; dabei betrachtete ich mich kritisch im Spiegel. Ich sah sehr … businessmäßig aus, nahm ich an. Wenigstens peppten meine hochhackigen gelben Schuhe und der Schal die langweilige weiße Bluse und den dunkelblauen Rock auf. Mein Körper war ganz ansehnlich, außer dass ich wahrscheinlich öfter ins Fitnessstudio gehen sollte. Meine Taille war schmal, meine Hüften waren kurvig, und ich füllte Körbchengröße C ganz passabel aus.

Ich kramte in meiner Handtasche, legte ein wenig mehr Rouge auf und zog meinen blassrosa Lippenstift nach. Meine Haut hatte einen warmen Pfirsichton, der sich im Sommer goldbraun verfärbte. Mein dunkles Haar passte gut zu meinen tiefbraunen Augen, auch wenn ich mir oft wünschte, ich hätte helle Augen – deshalb fühlte ich mich wahrscheinlich auch so zu Männern mit blauen Augen hingezogen.

Nachdem ich einige eigenwillige Haarsträhnen zurück in meinen Zopf gesteckt hatte, holte ich tief Luft. Ich beäugte meine Bluse. Sollte ich vielleicht einen Knopf öffnen? Sie war bis obenhin zugeknöpft. Zwischen dem unteren Rand meines Schals und dem oberen Rand meiner Bluse waren gerade mal fünf Zentimeter Haut zu sehen. Ich zögerte, dann öffnete ich einen Knopf – und dann noch einen. Mein Dekolleté konnte sich sehen lassen, deshalb konnte ich genauso gut damit angeben. Und schon sah ich ein wenig mehr wie eine Frau aus, die von einem Cop namens Ryker um ein Date gebeten wird.

Ich warf einen Blick auf die Uhr und eilte zur Tür. Es war sechs, und ich würde zu spät kommen. Nicht dass das unbedingt schlecht war. Mir war lieber, er war schon da und wartete auf mich, als dass ich unten herumstünde und auf einen Mann wartete, der nie käme.

Parker schien auch einzupacken, als ich sacht an die Tür klopfte und in sein Büro trat.

»Gibt es für heute noch etwas zu tun?«, fragte ich so wie immer, bevor ich ging.

»Nein, ich glaube nicht …« Parker blickte von seiner Aktentasche auf, in der er gerade Akten verstaut hatte. Als er mich sah, hörte er auf zu sprechen. Ich wartete, aber er fuhr nicht fort, sein Blick war auf meine Brust gerichtet.

Okay, vielleicht war das Dekolleté nicht gerade businessmäßig, aber es war ja auch nicht mehr acht Uhr morgens. Theoretisch waren die Bürozeiten schon vorbei. Wieder schaute ich auf die Uhr. Mist! Fünf nach sechs. »Ähm, okay, dann sehen wir uns morgen«, platzte ich heraus. Ich schleuderte ihm noch »Schönen Abend« hin, während ich aus der Tür eilte.

Ich schnappte mir meine Handtasche von meinem Schreibtisch, eilte zum Aufzug und drückte auf den Knopf. Dann wartete ich ungeduldig. Was würde ich tun, wenn Ryker nicht da wäre? Und was, wenn er da wäre?

Ich rannte nicht durch die Lobby. Stattdessen ließ ich mir Zeit, ging in meinem normalen Tempo und mischte mich unter die anderen Leute, die gerade das Gebäude verließen. Als ich auf dem Gehweg angelangt war, sah ich mich um. Dabei achtete ich darauf, dass man mir nicht so offensichtlich anmerkte, dass ich nach jemandem Ausschau hielt. Doch innerhalb von Sekunden fand mein Blick, was ich suchte, und ich erstarrte.

Ryker wartete tatsächlich hier auf mich; er hatte seine Sonnenbrille auf, die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt und lehnte an einem riesigen schwarzen und chromfarbenen Motorrad, das am Straßenrand parkte. Als er mich sah, verzogen sich seine Lippen zu einem trägen Grinsen, das ein warmes Prickeln unter meiner Haut hervorrief.

Ich brachte meine Füße wieder dazu, sich zu bewegen, und Ryker richtete sich auf, während ich mich näherte, und wartete, bis ich in Hörweite war.

»Wird aber auch Zeit«, neckte er mich. »Ich dachte schon, Sie versetzen mich.«

»Werden Sie oft von Frauen versetzt?«, fragte ich.

Sein Grinsen wurde breiter. »Nee.«

Ich verdrehte die Augen, musste mir aber eingestehen: Arroganz und Großspurigkeit turnten mich an, und Ryker hatte von beidem reichlich.

Ich zeigte auf das Motorrad und sagte: »Ich hoffe, das Restaurant ist zu Fuß zu erreichen, denn darauf werde ich auf keinen Fall steigen.«

»Sind Sie je Bike gefahren?

»Bike, ja«, sagte ich. »Eine Todesmaschine, die hundertvierzig Sachen fahren kann und auf der ich nur durch einen Helm geschützt bin, wenn mein Kopf auf den Asphalt trifft? Nein. Ich reagiere allergisch auf Gefahr.«

Ryker trat heran, kam mir unverschämt nahe, und ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu schauen. Aber ich sah nur mein eigenes Spiegelbild, das mich anstarrte. Die Nähe setzte mich jedoch unter Strom und brachte meinen Körper zum Summen, als würde Elektrizität durch ihn hindurchfließen.

»Süße, ich bin so gefährlich, wie es nur geht.«

Bei seiner tiefen Stimme schlug mein Herz plötzlich mit dreifacher Geschwindigkeit. Mein Blick driftete von Rykers Sonnenbrille zu seinen Lippen, die immer noch zu diesem selbstgefälligen Grinsen verzogen waren. Wie es wohl wäre, von einem Mann wie ihm geküsst zu werden? Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen würde?

»Was meinen Sie, Fräulein Etepete? Bereit für einen wilden Ritt?«

Mein Blick schoss wieder zu seinen Augen. »Haben Sie mich gerade …?«, fing ich entrüstet an.

»Ja. Jetzt aber mal los. Ich bin am Verhungern.« Er schnappte sich einen Helm vom Sozius seines Bikes und stülpte ihn mir über den Kopf. Ich wollte ja protestieren, aber als er damit begann, den Riemen unter meinem Kinn zu befestigen, wurde ich plötzlich willenlos. Seine Finger strichen über meine Haut, und plötzlich fiel es mir schwer zu atmen.

»Nun, wenn das mal nicht süß ist!«, sagte Ryker, als er fertig war.

Ja klar. Helme waren ja ach so sexy.

Er schwang ein Bein über das Motorrad und schob mit seinem Stiefelabsatz den Ständer nach hinten. Kurz danach sprang der Motor an. Die Passanten wandten bei dem Geräusch die Köpfe.

Ich stand da und sah ihn vom Gehweg aus zweifelnd an. Als hätte es mich nicht schon nervös genug gemacht, mit Ryker essen zu gehen – bei der Aussicht, mit ihm Motorrad zu fahren, wurde mir leicht schwindelig. Meine Mutter würde mich so was von umbringen.

»Kommen Sie schon«, übertönte Ryker den Lärm. »Sie wissen doch genau, dass Sie das wollen. Seien Sie kein Frosch.« Er streckte mir die Hand hin.

Meine Augen wurden schmal. Schulhofhänseleien waren etwas für Kinder, versicherte ich mir selbst, während ich nach seiner Hand griff. Er zog mich vorwärts, sein verschmitztes Lächeln wurde triumphierend.

Ich hätte keinen Rock angezogen, wenn ich gewusst hätte, dass ich auf ein Motorrad steigen würde. Ich war ein Mädchen, dem seine Mutter beigebracht hatte, wie eine Dame angemessen aus dem Auto steigt, wenn sie einen Rock anhat. Meinen Rock bis zu den Schenkeln hochzuziehen brachte mich zum Schaudern.

Ich schob die Gedanken daran, was meine Mutter jetzt sagen würde, beiseite, und setzte mich rasch hinter Ryker. Als er nach hinten griff und mich enger an sich zog, entfuhr mir ein Quieken. Wenigstens war der Riemen meiner Handtasche so lang, dass ich ihn mir über die Brust ziehen konnte, sodass die Tasche auf meinem Rücken hing.

Um Halt zu finden, packte ich seine ledergekleideten Schultern. Ich hätte wohl der ganzen Straße den fabelhaften schwarzen Spitzensatinslip gezeigt, den ich anhatte, wenn er nicht gerade an Ryker gedrückt worden wäre, als ich mich rittlings auf das Motorrad setzte. Seine Hand glitt an meinem Schenkel hinunter, um sich in meiner Kniekehle einzuhaken. Seine schwielige Handfläche fühlte sich warm auf meiner Haut an, und ich schnappte nach Luft. Eine Hitzewelle lief durch meinen Körper.

»Sie müssen sich so festhalten«, erklärte Ryker und drehte beim Sprechen den Kopf zu mir. Er ließ mein Bein los und griff nach meinen Händen, um sie von seinen Schultern unter seinen Armen hindurch auf seine Brust zu legen. »Und bloß nicht loslassen!«

Ich zitterte jetzt. Angst – und ja, auch ein Hauch von Erregung – jagte mir Adrenalin durch die Adern.

»Angst?«, wollte Ryker wissen.

»Habe ich Grund dazu?«, fragte ich zurück, um meine Angst nicht zugeben zu müssen.

Ich spürte, wie er lachte, konnte es aber wegen des Lärms nicht hören.

»Vertrauen Sie mir, Süße. Bei mir sind Sie sicher.« Der Motor heulte auf, und ich klammerte mich fester an ihn.

Als ich zum Gehweg und zu den Leuten darauf blickte, bemerkte ich plötzlich Parker, der vor dem Eingang des Gebäudes stand. Er hatte einen Gesichtsausdruck, der schwer zu deuten war. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber er starrte direkt zu Ryker und mir herüber. Irgendetwas an seinem zusammengepressten Kiefer und der Anspannung seines Körpers bereitete mir Unbehagen.

Dann bewegte sich das Motorrad, und ich verlor Parker aus den Augen, während wir die Straße entlangschossen.

2

Hinten auf einem Motorrad mitzufahren war berauschender, als ich mir hätte vorstellen können. Ich legte meinen Kopf an Rykers Rücken, um mich vor dem Wind zu schützen. Der Geruch seiner Lederjacke stieg mir in die Nase, und ich atmete tief ein. Meine Arme waren fest um seine Brust geschlungen, was den Vorteil hatte, dass ich die Arbeit seiner Muskeln eigenhändig spüren konnte. Und, Junge, Junge, er war ganz schön muskulös!

Schließlich wurde das Motorrad langsamer, der Motor puckerte, und ich spürte, wie Ryker die Füße auf den Boden stellte, um das Motorrad zu stützen, als wir anhielten. Dann schaltete er den Motor ab. Mein Körper schien von der Fahrt noch immer zu vibrieren, und ich konnte das dämliche Grinsen nicht aus meinem Gesicht wischen.

Er schaute über die Schulter, um mich anzusehen, und sagte: »Das war doch jetzt gar nicht so schlimm, oder?«

Das Letzte, was Ryker brauchte, war ein Kick für sein Ego, deshalb zog ich eine Augenbraue nach oben. »Hätte schlimmer sein können.«

Er lachte leise, dann nahm er meinen Arm, um mir Halt zu geben, während ich so grazil wie möglich vom Motorrad kletterte. Viel zu viel Oberschenkel war zu sehen und wahrscheinlich noch viel mehr, woran ich gar nicht denken wollte, bevor ich meinen Rock nach unten zog. Ich löste den Helm und gab ihn ihm zurück.

Meinen Haaren war es nicht so gut ergangen, sie waren im Helm zerknautscht worden, und ich spürte, dass der Zopf und der Dutt, die ich mir heute Morgen gemacht hatte, jetzt Schlagseite hatten und in sich zusammenfielen. Das war nicht der Look, auf den ich es angelegt hatte.

Während Ryker seinen Helm abnahm und das Motorrad abstellte, löste ich hastig mein Haar und fuhr mit den Fingern hindurch.

Der Zopf hatte meinem normalerweise glatten Haar eine nette leichte Welle verpasst. Als Ryker sich schließlich umdrehte, stand ich da und wartete, die Hände vor mir gefaltet.

Er hielt inne. Dann griff er nach seiner Sonnenbrille und nahm sie langsam ab. Er starrte mich einfach nur an, sein Gesichtsausdruck war leicht überrascht.

Daraufhin wurde mir ziemlich mulmig. Hatte ich etwas im Gesicht? Hatte sich ein weiterer Knopf an meiner Bluse geöffnet, und ich hatte die Grenze zwischen sexy und nuttig überschritten? Ich klopfte meinen Rock ein wenig ab und zappelte unter seinem prüfenden Blick nervös herum.

»Was ist?«, fragte ich schließlich.

Ryker schüttelte den Kopf und hakte seine Sonnenbrille an seinem Hemd ein. »Wie zum Teufel Parker es schafft, eine Granate wie Sie für sich arbeiten zu lassen, werde ich nie begreifen.«

Ich wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Einerseits hat mich noch nie jemand als Granate bezeichnet, und ich freute mich insgeheim über das Kompliment. Andererseits schien er damit wieder Parker zu beleidigen, was ich nicht okay fand.

»Hören Sie«, sagte ich, »ich habe schon kapiert, dass Sie und Parker sich nicht leiden können oder so, aber er ist mein Chef und, na ja, wissen Sie, wenn Sie nichts Nettes sagen können …« Dabei beließ ich es.

Ryker kräuselte die Lippen. »Sie sind ihm gegenüber loyal«, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. »Er ist mein Boss.« Meiner Meinung nach brauchte ich das nicht auszuführen. Es sagte so ziemlich alles.

Ryker studierte mich noch einen Moment länger, dann wechselte er das Thema. »Lassen Sie uns etwas essen.«

Er nahm mich am Ellbogen und führte mich auf die Tür eines Lokals zu, das ich bisher noch gar nicht so richtig bemerkt hatte.

Es sah wie eine Spelunke aus, eine Bar, an der ich normalerweise rasch vorübergehen und darauf achten würde, dass ich nicht zu lange hinstarrte, damit nicht jemand, mit dem ich lieber nichts zu tun haben wollte, zurückstarrte. Auf dem Schild über der Tür stand: Blue Streak.

»Ist das wirklich ein Laden, in den Sie gehen, wenn Sie mit einer Frau verabredet sind?«, platzte ich heraus, während ich zu ihm aufblickte.

»Was ist verkehrt daran?«, fragte er stirnrunzelnd, während er mich durch die Tür schob.

Mein Gesicht wurde heiß, und mir wurde klar, dass ich mir gerade wohl einen riesigen Fauxpas geleistet hatte. Er war ein Cop. Ich wusste, dass man da nicht viel Geld verdiente. Vielleicht war dies die Art von Laden, die er sich leisten konnte, und ich hatte mich gerade wirklich wie Fräulein Etepetete verhalten.

»N-nichts«, stotterte ich und versuchte rasch, zurückzurudern. »Es ist schön hier.« Ich schenkte ihm ein mattes Lächeln.

Von innen sah das Lokal nicht so schlecht aus, wie es das Äußere befürchten ließ. Die Tische bestanden aus schwerem altem Holz, und weit und breit war kein Plastikstuhl in Sicht. Jede Menge Leute waren da, der Männeranteil war ziemlich hoch. Einige saßen an der Bar, tranken und sahen im Fernsehen den Chicago Cubs beim Verlieren zu, während andere an einem der beiden Tische auf der anderen Seite des Raumes Billard spielten.

»Hey, Ryker! Wie läuft’s?« Eine Frau kam näher. Sie hatte zwei Speisekarten in der Hand und lächelte.

»Alles bestens, Rachel«, sagte Ryker. Sein Gesicht verzog sich zu einem warmherzigen Lächeln. »Und bei dir?«

»Kann nicht klagen. Nur ihr beide heute Abend?«

Als Ryker bejahte, folgten wir ihr zu einer Nische bei den Fenstern. Ich rutschte hinein, und er nahm mir gegenüber Platz. Rachel reichte uns die Speisekarten.

»Christy kommt gleich vorbei und nimmt eure Bestellung auf«, sagte sie.

»Kommen Sie oft hierher?«, fragte ich, als Rachel weg war.

Er zuckte mit den Schultern. »Wohl schon.«

Ich runzelte die Stirn, in meinem Gehirn nahm ein Verdacht Gestalt an. »Ist das eine Cop-Bar?«

Ryker grinste. »Umwerfend und dann auch noch klug. Das kommt nicht besonders oft vor.«

Ich warf ihm einen bösen Blick zu, der aber gespielt war. An seine Komplimente würde ich mich gewöhnen können. Aber das erklärte auch, weshalb er mich hierher gebracht hatte – es war offensichtlich ein Ort, an dem er sich wohlfühlte. Meine Voreingenommenheit tat mir nun leid.

Christy kam und fragte, was wir trinken wollten. Ich bestellte ein Glas Weißwein, dann sah ich, wie es um Rykers Mundwinkel wieder zuckte.

»Was ist?«, fragte ich. Er antwortete nicht und bestellte stattdessen ein Bier. Als Christy wieder weg war, fragte ich noch einmal. »Was ist daran so komisch?« Mich beschlich das bange Gefühl, dass ich doch recht gehabt hatte. Dass Ryker mich ausführte, war für ihn ein großer Witz, aus Gründen, die ich nicht begreifen konnte.

»Wissen Sie was? Ich sollte einfach gehen«, sagte ich, griff nach meiner Handtasche und machte Anstalten, aus der Nische aufzustehen, erpicht darauf, von hier wegzukommen.

»Gehen Sie nicht«, bat Ryker und packte mich am Arm. »Es ist nichts, wirklich. Sie … haben einfach nur mehr Stil, als ich es gewöhnt bin.« Sein Lächeln ging in ein träges sexy Grinsen über, das die Konsistenz meiner Knochen in die von geschmolzener Butter verwandelte. »Das gefällt mir.«

Ich räusperte mich und wandte den Blick von seinen tiefblauen Augen ab. Dann legte ich meine Handtasche wieder hin. »Na gut.« Mehr Stil, als er es gewöhnt war. Hmm. Ich fragte mich, mit wie vielen Frauen er schon ausgegangen war, um in der Lage zu sein, diesen Satz anzubringen.

Von dem Gedanken wurde ich sogleich abgelenkt, als Ryker aus seiner Lederjacke schlüpfte. Sein T-Shirt saß wie eine zweite Haut und spannte sich so über seiner Brust und seinen Schultern, dass nichts der Fantasie überlassen blieb. Auf seinem Bizeps und seinen Unterarmen zeichneten sich Adern ab, die von einem harten Work-out zeugten. Seine starken Hände waren rau von der Arbeit, seine Finger waren kräftig und so lang, dass ich mir alle Arten von unanständigen Dingen ausmalte. Ich sprach insgeheim ein Dankgebet, dass eine Laune des Schicksals mein ansonsten langweiliges Leben mit diesem besonderen Anblick versüßte.

»Also, wie lange sind Sie schon Sekretärin, Sage?«, fragte er.

»Direktionsassistentin«, korrigierte ich ihn automatisch. Ich seufzte leise und hob meinen Blick widerwillig von der Region unterhalb seines Halses. Unsere Blicke trafen sich, und er verzog die Lippen, als würde er ganz genau wissen, was ich gerade gedacht hatte. Himmel, wahrscheinlich wusste er das sogar wirklich! Zweifellos brachte er andauernd irgendwelche Frauen zum Sabbern.

Und mich kann er auch gleich auf diese Liste setzen, schoss es mir durch den Kopf.

»Entschuldigen Sie. Wie lange sind Sie schon Direktionsassistentin?«

»Ein wenig mehr als ein Jahr«, erwiderte ich. »Seit ich mit dem College fertig bin.«

Ryker runzelte die Stirn. »Moment mal. Sie haben einen College-Abschluss und sind nur …« Er fing sich wieder und unterbrach sich.

»Und bin nur eine Sekretärin, nicht wahr?«, brachte ich den Satz für ihn zu Ende. Ich zuckte mit den Achseln. »Es war schwierig, einen Job zu finden, als ich fertig war, und ich wollte die Gegend nicht verlassen. Da war ein Job ausgeschrieben, ich hatte Rechnungen zu begleichen, und deshalb nahm ich ihn an. Wie sich herausstellte, gefiel mir meine Arbeit, deshalb blieb ich.«

»In welchem Fach haben Sie den Abschluss gemacht?«

»Kunstgeschichte.«

Ryker prustete los, gerade als Christy unsere Getränke vor uns abstellte.

»Was wollt ihr heute Abend essen?«, fragte sie, während sie einen Notizblock und einen Stift aus der Schürze nahm, die um ihre Taille gebunden war.

Ich blickte auf die Speisekarte hinunter. »Ähm, ich hätte gern den Salat des Hauses mit Huhn und dem fettarmen italienischen Dressing in einem Extra-Schälchen«, sagte ich. Christy notierte sich alles und sah dann Ryker erwartungsvoll an. »Moment«, sagte ich, und sie wandte sich wieder an mich. »Haben die Tomaten Zimmertemperatur, oder waren sie im Kühlschrank?«

Sie blinzelte kurz. »Ähm, das weiß ich nicht. Ich nehme an, sie haben Zimmertemperatur?«

»Oh. Dann ist ja gut. Wenn der Salat mit Croutons ist, würden Sie die dann bitte weglassen? Und keine Zwiebeln, bitte.« Ich wollte heute Abend auf keinen Fall Zwiebel- oder Knoblauchatem.

Christy notierte sich auch das und murmelte vor sich hin: »Keine Zwiebeln …«

Ich reichte ihr meine Speisekarte und sah Ryker an, der mich wieder schweigend beobachtete.

»Was ist?«, fragte ich, doch er schüttelte nur den Kopf.

»Für dich das Übliche, Ryker?«, fragte Christy.

»Ja, danke.« Er reichte ihr seine Speisekarte, und sie entfernte sich.

»Und was genau macht man mit einem Abschluss in Kunstgeschichte?«, fragte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nur zum Spaß studiert haben.«

»Nein, habe ich nicht. Am liebsten würde ich in einem Kunstmuseum arbeiten, deshalb mag ich Chicago auch so.« Und weil es nahe an zu Hause war. »Aber es ist wirklich schwer, eine dieser Stellen zu bekommen. Sie werden nur selten angeboten.«

Ryker dachte darüber nach. »Eine angehende Museumskuratorin also, aber stattdessen machen Sie die Direktionsassistentin für den großen und mächtigen Parker Anderson.«

»Ich verdiene meinen Lebensunterhalt«, sagte ich und nippte vorsichtig an meinem Wein. Er war nicht schlecht. Auch nicht großartig, aber immerhin. »Was ist mit Ihnen? Warum waren Sie heute bei uns im Büro? Ist etwas passiert?« Ich hatte mir den ganzen Tag insgeheim Sorgen gemacht und wusste, dass ich viel besser würde schlafen können, wenn ich irgendeine Ahnung hätte, worüber sich Ryker und Parker unterhalten hatten.

»Nur ein Fall, an dem ich gerade arbeite«, sagte Ryker. »Ich dachte, vielleicht wäre Parker in der Lage … etwas Licht in die Sache zu bringen.«

Mir fiel auf, dass sich sein ganzes Benehmen änderte, wenn er von Parker sprach. Sein Körper spannte sich an, und er presste den Kiefer zusammen, die humorvollen Züge um seinen Mund und seine Augen verblassten.

»Sie beide kennen sich also«, hakte ich nach, als er nicht weitersprach.

Rykers Lächeln war angespannt und drang nicht bis zu seinen Augen vor. »So könnte man sagen.«

Ich wollte gerade noch mehr Fragen stellen, doch da redete er weiter. »Da Sie mit mir hierhergekommen sind, nehme ich an, dass Sie mit niemandem ausgehen.«

Okay, ich gebe zu, dass mein Herz daraufhin ein wenig schneller schlug. Ich fühlte mich, als wäre ich wieder auf der Highschool. Interessiert sich der tolle, beliebte Junge aus der coolen Clique für mich? Ich hatte Mühe, meine Stimme locker klingen zu lassen, als ich antwortete. »Nein. Im Moment nicht. Und Sie?«

Ryker beugte sich vor und verschränkte die Arme auf dem Tisch. »Bisher nicht, aber ich glaube, jetzt schon.«

Seine Augen wurden von dunklen Wimpern eingerahmt; von Nahem war ihr Blau noch intensiver, und einen Moment lang vergaß ich, wie man atmete. Dann verarbeitete ich seine Worte.

Hatte er gerade wirklich gesagt, was ich glaubte, gehört zu haben? Ich riss die Augen auf, während sich langsam ein Grinsen auf Rykers Gesicht ausbreitete. Mein innerer Zyniker spottete darüber, wie gut er diese Zeile vorgetragen hatte, aber meine innere Prinzessin war stolz auf dieses Kompliment.

»Bitte schön«, sagte Christy und unterbrach den Moment, indem sie zwei Teller auf den Tisch stellte.

Ich sog die Luft ein, weil mich meine Lungen daran erinnerten, dass das generell erforderlich war. Ich bemerkte mein Essen kaum, als ich automatisch nach der Gabel griff und einen Bissen Salat nahm.

Wie sich herausstellte, war Rykers »Übliches« ein doppelter Cheeseburger mit Bacon, dazu Pommes. Es roch himmlisch, und ich lechzte nach den Pommes, während ich eine kalte Gurkenscheibe kaute.

»Dann erzählen Sie mir doch mal, woher Sie kommen, Sage«, sagte Ryker. »Die Lebensgeschichte. Mit allem Drum und Dran.«

Es gefiel mir, wie er meinen Namen sagte. »Meine Lebensgeschichte liefert nicht genug Stoff bis zum Nachtisch«, erwiderte ich trocken. Ryker lachte, was mich ebenfalls zum Lächeln brachte. »Vermutlich wäre Ihr Leben da weit interessanter«, sagte ich. »Wie lange sind Sie schon Cop?«

»Seit fast neun Jahren«, erwiderte er und nahm einen Schluck von seinem Bier.

»Ihre Eltern sind bestimmt stolz auf Sie.«

»Von meinem Dad wüsste ich das nicht, aber ja, ich glaube, meine Mom ist stolz.«

Ich spürte, dass hinter der Geschichte mit den Eltern mehr steckte, aber es schien auch, als wollte er nicht weiter darüber sprechen. »Es ist bestimmt aufregend«, sagte ich stattdessen.

Er zuckte mit den Schultern. »Kann vorkommen. Was ist mit Ihnen. Sind Ihre Eltern noch da?«

Ich nickte. »Ja. Mom und Dad wohnen nicht weit von hier, deshalb kann ich sie oft besuchen.« Ich erwähnte die Stadt nicht und hoffte, dass Ryker nicht fragen würde.

»Wo genau?«, fragte er und machte damit meine Hoffnungen zunichte.

»Ähm, Lake Forest.« Ich schob mir ein großes Salatblatt in den Mund.

Rykers Augenbrauen wanderten nach oben, wie ich erwartet hatte. Jeder wusste, dass in Lake Forest die Reichen wohnten, deshalb hasste ich es, Leuten zu erzählen, dass ich von dort kam. Sie hatten dann gleich bestimmte Vorstellungen von mir, von denen manche zutrafen, andere nicht.

»Ist Ihr Dad auch im Ruhestand?«, fragte Ryker.

»Ähm, könnte man so sagen«, sagte ich, während ich meinen Blick weiterhin auf den Salat fixiert hielt. »Er besitzt in Chicago ein paar Lieferfirmen.«

»Dann sind Sie also ein armes reiches Mädchen?«, stichelte Ryker.

Mein Blick schoss nach oben zu ihm. »Ich habe nie behauptet, ich wäre ein armes Irgendwas«, erwiderte ich steif. »Und ich bin nicht reich; meine Eltern sind es. Ich arbeite, um meine Rechnungen zu begleichen, so wie alle anderen.«

»Nehmen Sie es locker, Süße«, sagte Ryker, seine Mundwinkel wanderten nach oben. »Ich wollte Ihr Blut nicht in Wallung bringen.« Er hielt inne, fuhr dann aber in etwas rauerem Ton fort: »Auch wenn das nach einem guten Plan für später klingt.« Er senkte den Blick auf meine offenen Blusenknöpfe, und meine Haut brannte, als hätte er mich dort berührt.

Hatte er gerade angedeutet, dass wir heute Abend Sex haben würden? War »in Wallung bringen« ein anderer Ausdruck dafür? Fast wäre ich an der Kirschtomate erstickt, die ich mir in den Mund gesteckt hatte.

Und dann klingelte mein Handy. Ohne nachzusehen, wusste ich, wer es war, und es kam mir gar nicht in den Sinn, einfach nicht dranzugehen. Ich schluckte die zerkaute Tomate hinunter, die keineswegs Zimmertemperatur hatte.

»Entschuldigen Sie«, murmelte ich und kramte in meiner Tasche nach dem Handy. »Hallo?«

»Sage«, sagte Parker, »die Akten für die Lawson-Abrechnung sind gekommen. Sie müssen gestempelt und registriert werden.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Ich habe sie heute in Empfang genommen.« Alle sechs. »Ich wollte das morgen erledigen.«

»Das kann nicht warten«, sagte er. »Morgen habe ich den ganzen Tag ein Meeting mit GoTech, und ich brauche Sie dort mit dabei. Es muss heute Abend noch erledigt werden.«

Mist! Ich schaute auf meine Uhr. Es war schon nach sieben. Jede dieser Boxen würde mich mindestens eine Stunde kosten, wenn nicht mehr.

»Ähm, okay. Ich komme, sobald es geht.«

»Gut.« Er legte auf.

Ich seufzte und steckte das Handy zurück in meine Handtasche. So viel zum Thema »Date« … oder irgendwelche anderen Aktivitäten, die Ryker für später am Abend vielleicht geplant hatte. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Ich schlief normalerweise nicht in der Gegend herum, aber andererseits war ich auch noch nie von einem Mann wie Ryker angemacht worden. Apropos Ryker – ich blickte auf und merkte, dass er mich aufmerksam beobachtete.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich, »aber ich muss zurück zur Arbeit.« Ich hängte mir die Handtasche über die Schulter und nahm noch einen Schluck Wein.

»Warum?«

»D

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