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Ring frei für die Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. 37. Kapitel
  44. 38. Kapitel
  45. 39. Kapitel
  46. 40. Kapitel
  47. 41. Kapitel
  48. 42. Kapitel
  49. 43. Kapitel
  50. 44. Kapitel
  51. 45. Kapitel
  52. 46. Kapitel
  53. 47. Kapitel
  54. 48. Kapitel
  55. 49. Kapitel
  56. 50. Kapitel
  57. 51. Kapitel
  58. 52. Kapitel
  59. 53. Kapitel
  60. Epilog
  61. Danksagungen

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig. Besuchen Sie auch die Homepage der Autorin: www.sharilow.com

Meiner wunderbaren deutschen Freundin Sylvia (Hartl) Lavizani für ihre jahrelange Zuneigung und Unterstützung und ganz viel Kaffee.

2011 bin ich für eine Spendenaktion zugunsten einer Kinder-Krebsforschungsstiftung den London Marathon gelaufen (gewankt!). Bei einer Spendenauktion haben Sylvia und ihr Mann Michael eine großzügige Summe dafür geboten, dass ich in meinem letzten Roman Liebe Ahoi! eine Figur nach ihnen benennen würde. Die beiden waren so nett, dass ich gleich zwei genommen habe. Lawrence und Lavinia Lavizani, die Namensvettern in der Geschichte, waren für Euch!

In Liebe, Shari

Dieser Roman ist ein fiktionales Werk. Namen und Figuren sind das Ergebnis der Fantasie der Autorin oder fiktiv gebraucht. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.

Prolog

Januar 2013

Verträge! Darin war sie noch nie gut gewesen. Nicht, dass sie damit viel Erfahrung hätte.

Der Mann vor ihr hüstelte ungeduldig. Wenn er sie damit einschüchtern wollte, hatte er Erfolg. Sie sollte unterschreiben. Unbedingt. Aber …

Ihr Blick fiel auf die große schwarze Uhr an der gelben Wand. Zwölf Uhr mittags.

Der Füllfederhalter grub sich in die Haut ihres Zeigefingers, aber sie konnte nicht entspannen. Mit der Unterschrift würde sich so viel verändern. Alles eigentlich. Es ging zu schnell. Sie brauchte noch Zeit. Aber den ungeduldigen Gesichtern um sie herum war anzusehen, dass sie nur diese eine Chance hatte.

Kleine Schweißperlen sammelten sich in ihren Handflächen, sie passten perfekt zu ihrem hochroten Gesicht und ihrem wild hämmernden Herzen.

Diese verdammte Uhr.

Eine Minute nach zwölf.

Also gut, es musste sein. Sie musste jetzt unterschreiben, ganz gleich, was das für Folgen haben würde.

Der Füller berührte das Papier, bewegte sich zögernd, formte den ersten Buchstaben ihres Namens.

Plötzlich stockte sie. Schaute auf. Der Typ mit dem nervtötenden Husten starrte sie an.

»Es tut mir leid, aber ich glaube, dieser Stift schreibt nicht.«

Er sah auf das Papier, starrte dann wieder sie an, ehe er hektisch in seinen Jackentaschen wühlte. Alle im Raum machten es ihm nach, sie durchsuchten ihre Taschen. Absurd sah das aus, wie eine Formationstanzgruppe im Superstress.

Seltsamerweise hatte die Situation bei ihr genau die gegenteilige Wirkung. Zum ersten Mal, seit sie am Morgen aufgewacht war, überkam sie ein Gefühl ungeheurer Ruhe. Es begann bei ihren perfekt pedikürten Zehen und setzte sich von dort langsam nach oben fort. Das Papier vor ihr war noch immer nicht unterschrieben.

Das musste ein Zeichen sein.

1. Kapitel

Der Klingelton ihres Handys versetzte Talli in Panik. Hektisch durchwühlte sie den ihr am nächsten liegenden Papierstapel auf dem Schreibtisch. Ein Stapel Kataloge, stürzte polternd zu Boden.

Das Handy klingelte unerbittlich.

Als sie sich bückte, um die Bücher aufzuheben, stieß sie mit dem Ellbogen gegen den Venti Coffee Frappuccino mit Sahnehaube, den sie sich zehn Minuten zuvor bei Starbucks geholt hatte. Der Kaffee ergoss sich über ihre nackten Füße, sodass sie vor Schmerz aufschrie und instinktiv die Knie hochzog. Damit erschütterte sie den gesamten Schreibtisch, wodurch ein weiterer Stapel Dokumente, Proben und eine große Achtzehn aus Kristall ins Rutschen gerieten. Das Kristall zerschellte. Und das Handy klingelte immer noch.

Mit nassen Füßen und völlig entnervt stellte Talli fest, dass ihre rechte Brust vibrierte. Seufzend angelte sie das Handy aus der Tasche ihres kaffeebefleckten Calvin-Klein-Shirts.

»Guten Morgen. Grand Affairs of Chelsea, Event Agentur. Was kann ich für Sie tun?«

»Tallulah Caston-Jones, bitte.« Die Stimme war schrill und fordernd.

Beim Klang ihres vollständigen Namens musste Talli sich instinktiv schütteln. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie ihn auf ihre Visitenkarten druckte, dabei wollte Talli, seit sie zwölf war, nur Talli Jones genannt werden.

»Am Apparat«, antwortete sie ungeduldig.

Sie musste das Gespräch rasch hinter sich bringen, damit sie sich wieder der sie so in Panik versetzenden Party zum achtzehnten Geburtstag widmen konnte. Kleine Anmerkung an sie selbst: Dringend neue Kristall-Achtzehn bestellen. Die Party fand schon in einer knappen Woche statt, und das Geburtstagskind, Cosima Carlton, hatte ihr soeben mitgeteilt, das Motto »Schneekönigin«, das sie sich in den Kopf gesetzt hatte, sei »völlig outdated«, und sie habe sich stattdessen für »Vampire und Dämonen« entschieden. Jetzt musste Talli eine Schneekanone, zwölf Iglus, sechsunddreißig Eisfiguren und ein Dutzend heulender Wölfe loswerden. Und in weniger als fünf Tagen Särge, Kreuze und mehrere Hektoliter falsches Blut auftreiben …

»Hier ist Tabitha Deloite. Ich bin die beste Freundin von Cosima Carlton. Können Sie mir einen Riesengefallen tun? Ein paar von uns Mädels möchten Cosima gern ein Schmuckstück zum Geburtstag schenken. Eine Überraschung, versteht sich. Könnten Sie mir vielleicht ein Foto des Kleids schicken, das sie auf der Party tragen wird? Wir wollen natürlich, dass der Schmuck perfekt dazu passt.«

»Äh … ja. Na klar.«

»Sie sind super. Echt super.«

Klick.

Sofort machte Talli sich auf die Suche nach dem Laufstegfoto des Dior-Fummels. Wenn sie es nicht gleich tat, würde sie es vergessen – das war so sicher wie deprimierend. Wo hatte sie es bloß? Verdammt! Hastig blätterte sie einen Stapel Prospekte, Rechnungen und herausgerissene Zeitungsartikel durch. Ordnung hatte noch nie zu ihren Stärken gehört.

»Ja!«, rief sie triumphierend aus, als sie endlich fand, wonach sie gesucht hatte: eine Amazonengöttin, die in einem Outfit, das so extravagant war, dass es an Kunst grenzte, über einen Laufsteg stöckelte.

Ein zugegeben atemberaubendes Kleid, aber Talli würde so was niemals tragen. Sie war zwar fast so groß wie das Model und würde sich zur Not auch in Größe 36 quetschen können, aber so ein Look war ihr viel zu anstrengend. Ihr Schönheitsprogramm beschränkte sich auf Seife, Feuchtigkeitscreme und einen Fettstift für die Lippen. Und was ihren Stil anging: Jeans und T-Shirts, sonst nichts.

Mit ihrem I-Phone machte sie schnell ein Foto von dem Kleid und schickte es an die Handynummer der Anruferin. Aufgabe erledigt. Die Ironie dieses Augenblicks würde ihr erst viel später klar werden. Sie hielt sich für besonders effizient. Als sie ihr dickes honigblondes Haar zu einem Knoten drehte und einen Bleistift hineinsteckte, ahnte sie jedenfalls nicht im Mindesten, dass ihre Aktion insofern perfekt zum Thema der Party passte, als sie damit das Tor zur Hölle aufstieß.

2. Kapitel

Celebrity-Magazin, 15. Oktober 2012
Sensationelle Neuigkeiten für die gesamte Lovin’-Essex-Crew: Die Show toppte erstmals seit dem Start vor zwei Jahren die Quote von einer Million Fernsehzuschauern. Die Serie, entstanden als Konkurrenzformat zu Großbritanniens beliebtester Reality-Doku-Soap The Only Way Is Essex (oder wie wir in der Redaktion sagen: TOWIE – das lässt sich nach ein paar Gläsern Prosecco leichter schreiben), zeigt, dass man auch mit kleinen Mitteln Großes erreichen kann. Die Soap wird in Chelmsford produziert, mit einem überschaubaren Produktionsteam, kleiner Besetzung und einem Budget, das mit dem von TOWIE nicht zu vergleichen ist. Trotzdem wird jede Menge Drama geboten.

Der Erfolg von Lovin’ Essex beweist, dass sich die Reality-Doku-Soap auch hierzulande endgültig durchgesetzt hat. In den USA haben Jersey Shore und The Hills in den letzten Jahren atemberaubende Quoten erzielt. Bei uns in Großbritannien wurden falsche Sonnenbräune, Extensions, künstliche Wimpern und Designer-Blingbling auf den TV-Sendeplätzen um die vornehmere, zurückhaltendere Note der Besetzung von Made in Chelsea ergänzt. Die beiden Welten könnten kaum unterschiedlicher sein. Standesgemäß für einen der teuersten Stadtteile Londons gibt es bei Chelsea Milliardenerbinnen und -erben und Schauspieler, die mit Mitgliedern des Königshauses zur Schule gegangen sind und für die es das Normalste der Welt ist, mal eben übers Wochenende nach Monaco zu jetten.

Kiki Spooner, Hauptdarstellerin von Lovin’ Essex, sagt dazu: »Wir sind vielleicht nicht so schickimicki wie die Mädels von Made in Chelsea, aber ich gönne ihnen ihren Champagner und ihre vornehmen Clubs, denn dafür haben wir die süßeren Jungs. Und was TOWIE betrifft: Wir freuen uns, das Rampenlicht mit ihnen zu teilen. Essex ist definitiv groß genug für uns alle.«

Vier der fünf weiblichen Stars von Lovin’ Essex waren in eine Unterhaltung vertieft; ihre langen künstlichen Wimpern klimperten aufgeregt.

»Haltet die Klappe! Echt, haltet die Klappe! O mein Gott, ist das idiotisch! Ich hab so die Nase voll von Porsche. Sie bildet sich ein, hier die Oberchefin zu sein, dabei ist sie das echt kein bisschen! Ich kannte sie schon, als sie es diesem DJ von der Beach Box regelmäßig mit dem Mund besorgt hat.« Wie mit einer Kalaschnikow feuerte Shiraz lipglossglänzende Wortsalven durch den Raum.

Die anderen nickten zustimmend. Sie sehen aus wie Barbie-Puppen im Regal eines Spielzeugladens, dachte Zac. Lena und Minx zum Beispiel, seine atemberaubenden Schwestern. Sie waren Zwillinge und bis auf einen minimalen Unterschied in Schnitt und Farbton ihrer Haare und Klamotten absolut identisch. Lenas pinkfarbene Extensions reichten ihr bis zur Hüfte, sie trug wie üblich Girlie-Pastelltöne. Minx dagegen hatte eine hellrosafarbene Pagenfrisur. Sie war eher der burschikose Typ – zumindest das, was sie für burschikos hielt: komplettes Make-up, hautenge Denim-Shorts und Sportschuhe mit zehn Zentimeter Keilabsatz.

Zacs Freundin Kiki war die Variante Sexy-Barbie: eine Brünette mit Smokey Eyes, die die Rolle der ungezähmten Draufgängerin spielte. Dann war da noch Glamour-Barbie Porsche, die heute nicht mit am Set war, was den anderen die perfekte Gelegenheit zum Ablästern gab. Porsche brüstete sich (im Wortsinn) gern damit, dass sie ihre Ausstattung regelmäßig in sämtlichen Klatschmagazinen öffentlich zur Schau stellte.

Die rassige Shiraz war die Domina-Barbie: pechschwarze Locken, kurzer Lederrock, Besitzerin eines Beauty-Spas, das ihr Vater finanzierte, ein Immobilienmogul, dem mehr Häuser und Grundstücke gehörten als der Stadt. Shiraz’ Spa war eine Art Heimathafen für die Mädels und natürlich die beste Adresse für Extensions, falsche Wimpern, Gelnägel und künstliche Sonnenbräune.

Für eine Reality Show, die inzwischen über eine Million Zuschauer pro Folge hatte, war bei Lovin’ Essex nicht allzu viel real, aber genau das hatte Zac immer beeindruckt. Diese Mädels wussten was aus sich zu machen. Sie sahen sensationell aus, und die meisten waren auch noch richtig süß. Er kannte Shiraz und Porsche seit Ewigkeiten, weil sie schon als kleine Mädchen mit seinen Schwestern befreundet gewesen waren. Schon damals war Lena immer die Vernünftige, Diplomatische gewesen, und daran hatte sich bis heute nicht viel geändert.

»Es lohnt sich doch nicht, sich darüber aufzuregen!«

Das kam von Lena, die ihren Part als Friedensstifterin innerhalb der Gruppe perfekt spielte. Es gab kein Drehbuch. Jedem Mädchen war eine bestimmte Rolle zugeschrieben, die ihrem tatsächlichen Charakter entsprach.

Shiraz, die Knallharte, war mal wieder auf dem Kriegspfad. »Aber es wird höchste Zeit, dass sie jemand in die Schranken weist. Kommt, lasst uns ins Studio rüberfahren.« Sie sprang auf, dabei rutschte ihr Versace-Mini hoch und gestattete einen kurzen Blick auf ihren goldenen Pailetten-String. »Wenn ich die Schlampe treffe, wird das jedenfalls sehr unangenehm für sie, das schwöre ich euch.«

»Und CUT!« Edwina, die Regisseurin, bellte ihre Anweisung. Alle am Set gehorchten sofort. »Okay, gut gemacht, Mädels. Shiraz, dein Frust ist echt gut rübergekommen.« Sie stand von ihrem Stuhl auf. »Kiki, können wir noch kurz reden, Schätzchen? Zac, mein heißer Hengst, kommst du auch mit?«

Zac zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Er hoffte nur, dass Edwina nicht wieder versuchte, ihn zum Mitmachen in der Show zu bewegen. Sie sagte dauernd, mit seinem Body sei er ein echter Quotentreiber, aber das kam für ihn nicht infrage. Schon der Gedanke an die Publicity war ihm ein Graus. Er wollte definitiv im Hintergrund bleiben. Auch heute war er nur am Set erschienen, weil er Lena und Minx zum Shoppen abholen wollte. Sie mussten ein Geburtstagsgeschenk für Tante Dottie besorgen.

Sie folgten Edwina in eines der Nebenzimmer, einen Massageraum, in dem esoterische Musik dudelte, obwohl kein Mensch da war. Zac kam sich vor, als müsste er ins Büro der Schuldirektorin, dabei war er sich gar keines Verstoßes gegen die Schulordnung bewusst. Edwina hatte so was Autoritäres, schon allein durch ihre Größe, die stämmige Figur und die kurzen dunklen Haare mit den grauen Strähnchen. Eine Sünde, dass sie sie nicht färben ließ. Machte sie um Jahre älter, dabei war sie höchstens dreißig. Sie war auch nicht geschminkt. Und diese Nase konnte nun wirklich ein bisschen Abtönung vertragen …

Verdammt, er war viel zu viel mit den Mädels zusammen. Er wurde ja schon richtig bilingual: fließend Englisch und Max Factor.

Edwina hingegen sprach gerade reinstes Londonerisch. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und verlangte ihre gesamte Aufmerksamkeit.

»Ich komme gleich zur Sache. Wir haben schon wieder so einen beschissenen Brief bekommen. Wir haben ihn gleich an die Polizei weitergeleitet, weil ein Foto von deiner Buchsignierung letzte Woche dabei war, Kiki.«

Kiki fing an zu zittern. »Zeig mal.«

»Ich glaube nicht …«, begann Edwina.

»Ich möchte ihn sehen. Bitte.«

Edwina nahm eine schwarze Kladde vom Counter hinter sich, blätterte kurz darin und zog ein Din-A4-Blatt heraus. In der Mitte war deutlich ein Bild von Kiki zu erkennen: Sie saß im Lakeside Shopping Center bei Waterstones an einem Tisch, vor sich einen Stapel Lovin’-Essex-Weihnachtsbücher. Das Foto stammte vom vergangenen Mittwoch. Zac wusste das so genau, weil er auch dort gewesen war. Und er war unschwer zu erkennen. Er stand direkt hinter Kiki und sah aus wie einer der Security-Typen, die ihr Management angeheuert hatte.

Aber es war nicht das Bild, das ihn so besorgte, es waren die Worte, die darüberstanden, zusammengesetzt aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben.

Stirb, Bitch! Stirb!

3. Kapitel

Tallis Mutter bedachte sie mit einem derart tödlichen Blick, dass sich Tallis Zehennägel in den Burberry Biker Boots zusammenkrallten.

Zumindest deutete sie es als tödlichen Blick. Seit der OP zwei Wochen zuvor hatte Arabella Caston-Jones’ Gesicht immer den gleichen Ausdruck, egal ob sie gerade wütend, glücklich, ängstlich oder traurig war. Es war wie zu einer Maske erstarrt und so geschwollen, dass es bestürzenderweise dem eines Kugelfisches nicht unähnlich war. Mit einem menschlichen Gesicht hatte es jedenfalls noch immer nicht die geringste Ähnlichkeit, schon gar nicht mit dem ihres Idols Carole Middleton, Mutter des jüngsten Neuzugangs des englischen Königshauses. Offenbar hatte der Schönheitschirurg einen kurzen Blick auf das Foto geworfen (ein Bild aus der Daily Mail, das die Familien Windsor und Middleton bei Wills und Kates Hochzeit zeigte), das Arabella ihm bei ihrem ersten Besuch vor die Nase gehalten hatte, und fälschlicherweise angenommen, seine neue Patientin böte ihm mehrere Tausend Pfund ihres Barvermögens für die Umwandlung in Prince Andrew.

»Tallulah, wie konnte das passieren? Die Carltons weigern sich, ihre Rechnung zu begleichen. Sie behaupten, sie hätten dem Dorchester Hotel ein Vermögen als Entschädigung zahlen müssen, und die kleine Cosima sei so verstört, dass sie in ihr Haus auf den Bahamas flüchten musste. Die arme Kleine! Du weißt, wie empfindlich dieses Kind ist.«

Talli biss die Zähne zusammen, um die Bemerkung, die ihr auf den Lippen lag, irgendwie zurückzuhalten. Die arme Kleine? Cosima war eine unerzogene, verwöhnte Göre, die ein Riesentheater veranstaltet hatte, nur weil Tabitha Deloite, ihre beste Exfreundin (mit großem E wie Edelschlampe), auf ihrer Geburtstagsparty dasselbe Kleid angehabt hatte wie sie: einen abgefahrenen knallroten Dior-Fummel, der mehr gekostet hatte, als das gesamte anwesende Catering-Personal in einem halben Jahr verdiente. Für jede andere wäre das eine kleine Panne an einem ansonsten sensationellen Abend gewesen. Aber nicht für die arme kleine Cosima. O nein! Man hatte ihre spitzen Schreie noch in weit entfernten Londoner Stadtteilen hören können, ebenso die Sirenen des Löschzugs, der sich in Bewegung gesetzt hatte, nachdem die arme kleine Cosima in ihrem Wutanfall einen ihrer Jimmy Choos gegen die Wand geschleudert und dadurch den Feueralarm ausgelöst hatte.

Die Hotelleitung hatte sich daraufhin gezwungen gesehen, alle Gäste zu evakuieren, darunter auch drei amerikanische Rapper, verschiedene Kabinettsmitglieder und Gwyneth Paltrow.

Alle, außer der armen kleinen Cosima, die sich mit mehreren Gramm Kokain und einer Flasche Tequila in ein Bad verzogen hatte und dort erst entdeckt wurde, nachdem ihr Vater eine Suchaktion verlangt und angedroht hatte, notfalls ein Spezialistenteam des Geheimdienstes anzufordern. Das konnte man offenbar, wenn man so jemand Wichtiges im Verteidigungsministerium war wie er.

Talli hatte sich jedenfalls schon im Knast gesehen, in Guantanamo oder wohin auch immer die britische Regierung Leute schickte, die sie so richtig ankotzten.

Zugegeben: Sie hatte blöderweise eine der heiligsten Regeln der Party-Organisation missachtet: das Outfit des Gastgebers unter allen Umständen geheim zu halten – notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens. Da half es auch nicht, dass das Debakel weiter eskaliert war. Tabitha hatte nämlich über Facebook, Twitter und E-Mail – genau genommen war das einzige Kommunikationsmittel, das sie ausgelassen hatte, ein Flugzeug mit einem Spruchband – verbreitet, dass ihr das Kleid viel besser gestanden habe als Cosima. Ach, und danke an das nette Mädchen von der Veranstaltungsagentur, das ihr das Foto von dem Kleid des Geburtstagskinds geschickt habe …

Talli war nicht sicher, was mehr schmerzte – die Tatsache, dass die Party so ein Desaster gewesen war, oder die Schmach darüber, dass sie sich von einer Achtzehnjährigen so hatte hinters Licht führen lassen. Aber diese Tabitha hatte sich am Telefon so überzeugend angehört. Und irgendwie traf auch Cosima eine gewisse Teilschuld. Wenn sie sich nicht dabei hätte erwischen lassen, als sie es Tabithas Freund in der Marmortoilette des Privatjets der Carltons besorgte, wäre das alles nicht passiert.

Gott, seit wann sind schon Teenies so bösartig?, überlegte Talli und seufzte frustriert.

Ihre Mutter setzte nun ihr ungeduldiges Gesicht auf. Vermutlich. Jedenfalls kam Talli zu dem Schluss, dass es keinen Sinn machte, einen Streit vom Zaun zu brechen, der zu einer Familienfehde und möglicherweise zum Aufreißen der Naht hinter den Ohrläppchen ihrer Mutter führen würde.

»Tut mir leid, Mum, aber du weißt doch, dass ich in so was nicht besonders gut bin.«

Arabella betrachtete ihre Tochter mit offener Enttäuschung. Oder war es Mitleid?

»Wag es ja nicht, wieder mit diesem Unsinn anzufangen«, zischte sie. »Grand Affairs braucht dich jetzt, Darling.« Also doch Enttäuschung.

Das vierte Kind ihrer Mutter, die Veranstaltungsagentur. Grand Affairs of Chelsea (ja, über die Website kamen auch Anfragen von zweiundzwanzigjährigen Damen, die einen Wohltäter aus einem der begehrtesten Viertel Londons suchten) war ein weiteres Phänomen im Leben der Familie Caston-Jones, das sie den Royals verdankten. Arabella hatte glücklich und zufrieden eine kleine, feine Hobby-Event-Agentur betrieben und hauptsächlich exklusive Partys für Freunde organisiert – bis Carole Middleton aufgetaucht war. Seit diesem Tag war Arabellas Ehrgeiz erwacht, und sie tat alles, um immer größere und Aufsehen erregendere Aufträge an Land zu ziehen. Dabei griff sie, wann immer nötig, auf Tallis Hilfe zurück.

»Ich erinnere dich nur daran, dass wir eine Familie sind. Da hilft man sich gegenseitig in Zeiten der Not …«

Und der misslungenen Schönheitsoperationen. Das sprach Talli natürlich nicht laut aus. Ebenso wenig wie die Frage, warum sie die Einzige der Geschwister war, die dauernd aushelfen musste. Okay, sie war aktuell arbeitslos, zumindest im strengen Arbeiten-gleich-Geld-verdienen-Sinn. Nachdem sie vor zwei Jahren die Uni mit einem Sportdiplom verlassen hatte, hatte sie für ein Sozialprojekt gearbeitet, das sich um Jugendprogramme und Gesundheitseinrichtungen in Äthiopien kümmerte. Seit sie von dort zurück war, hatte sie nichts wirklich geschafft. Sie war hin und her gerissen zwischen dem Erwerb einer Zusatzqualifikation als Lehrerin und ehrenamtlichen Trainerjobs, die ihren Lebenslauf etwas aufhübschten. Sie hatte sich nämlich bei insgesamt siebenundzwanzig Fußball-, Rugby- und Tennisvereinen beworben und nur eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen – von einem Footballteam in Bolton, dessen Manager sie als Schickimickimieze bezeichnet hatte und überrascht gewesen war, dass sie einen Torschuss von einer Leistenzerrung unterscheiden konnte. Sie hatte den Job nicht bekommen.

Ihr Bruder Persimmon hatte wenigstens eine Entschuldigung, warum er ihrer Mutter nicht zu Hilfe kam: Schließlich war er Stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Gambond Paper, dem größten Toilettenpapierhersteller des Landes und seit fünf Generationen im Besitz der Familie seiner Verlobten, der TV- Regisseurin Edwina Gambond. Tallis einundzwanzigjährige Schwester Dessi (eigentlich Desdemona) war ununterbrochen damit beschäftigt, sich selbst zu finden. Bisher hatte sie herausgefunden, dass sie Kaffeetrinken und Champagnerfrühstück in den schicken kleinen Bistros an der King’s Road liebte und Wochenenden in Cap Ferrat. Talli hatte nicht den geringsten Zweifel, dass Dessi derselben Meinung war wie ihre Mutter: dass nur Talli den Job übernehmen könne. So war es immer gewesen. Ihre Geschwister waren durchsetzungsfähig, selbstbewusst und zielstrebig, während Tallis Entschlusskraft eher die Konsistenz von Zahnpasta hatte. Schon allein um des lieben Friedens willen wollte sie es immer allen recht machen. Allerdings hatte sie das Gefühl, dass ihr das im Augenblick nicht so gut gelang.

»Bambi Abercrombie war auch auf der Party und hat alles hautnah mitbekommen«, fuhr Arabella fort. »Jetzt haben die Abercrombies ihre Weihnachtsfeier storniert. Ich muss dir nicht sagen, dass es sich dabei um unseren größten Event handelt.«

Talli schwankte zwischen der Sorge, dass die Nähte jeden Augenblick aufreißen könnten, und dem Wunsch, vor Freude einen Luftsprung zu machen. Damit blieben bis Weihnachten nur noch ein paar kleinere Veranstaltungen – Nullachtfünfzehn-Geburtstagsfeiern, die selbst sie nicht so leicht vermasseln konnte.

Eine unangenehme Pause entstand, deren Stille nur kurz durchbrochen wurde, als ihre Mutter den Fellüberwurf richtete, der lässig über die Louis-XVI-Chaiselongue drapiert war. Würde Marie Antoinette heute leben, in einem eleganten Stadthaus am Chelsea Square wohnen, Halston tragen und eine obsessive Leidenschaft für plastische Chirurgie entwickeln – ihr Name wäre Arabella Caston-Jones.

Talli bemerkte, dass Marie Antoinette noch immer weiterredete. »Natürlich bin ich nicht sehr erfreut darüber, dass sie ihre Feier nun von jemand anderem organisieren lassen wollen. Aber vielleicht ist es am Ende ein Segen. Persimmon hat nämlich heute Morgen angerufen. Er ist völlig aus dem Häuschen. Wie du weißt, haben er und Edwina sich in den Kopf gesetzt, auf Highdrow Castle zu heiraten. Leider gibt es dort eine dreijährige Warteliste …«

Talli nickte vorsichtshalber. Insgeheim fragte sie sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie sich unter irgendeinem Vorwand entschuldigen und aus dem Schussfeld retten konnte.

»Wie auch immer, es gab offenbar eine Absage eines anderen Pärchens, und Lord Highdrow muss sich an mich erinnert haben. Wir hatten eine kurze Affäre, ehe ich deinen Vater kennengelernt habe. Und jetzt können Edwina und Simmy …«

Talli frohlockte innerlich. Das würde nicht nur das Carlton-Debakel neutralisieren, ihre Mutter würde sich ab sofort so sehr in die Hochzeitsvorbereitungen stürzen, dass sie sich ihrem anstrengenden Regiment bestimmt etwas entziehen konnte.

»Guten Morgen! Wie geht es meinen beiden Lieblingsdamen?«

Persimmons ölige Stimme brachte das Gesicht ihrer Mutter zum Strahlen. Vielleicht. Schwer zu sagen.

»Persimmon, mein Liebling, wie schön, dich zu sehen. Oh, dieser Anzug ist einfach göttlich.«

Persimmon küsste Talli auf die Wange und zwickte sie kurz in die Schulter. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Bruder war zweifellos das Lieblingskind ihrer Mutter, eine Position, auf die Talli sehr gern verzichtete. In dieser Familie war es definitiv ein Segen, nicht so sehr im Fokus zu stehen. Aber der arme Simmy kam mit dem Erwartungsdruck ganz gut klar. Er war nicht unbedingt gut aussehend, konnte das aber mit seinem Humor und seinem Geschäftssinn mit Leichtigkeit ausgleichen. Außerdem hatte er durch die Beziehung zu Edwina, der Alleinerbin des Toilettenpapierimperiums, viele Zusatzpunkte gesammelt. Die beiden Familien besaßen benachbarte Sommerhäuser in Brighton, ein Strandhauskuss mit vierzehn hatte eine Beziehung gezündet, die auch heute noch hielt.

Persimmon begrüßte seine Mutter mit einem Kuss, der nach Tallis Einschätzung ein paar Zentimeter über ihrem Kopf landete. Vermutlich war es klüger, ohne Krankenschwester in der Nähe oder zumindest einer Packung antiseptischer Tücher, vorerst Abstand zu Arabella zu halten.

Seufzend ließ Simmy sich in ein vergoldetes Louis-XVI-Sesselchen fallen und legte seine teuer beschuhten Füße auf einen Beistelltisch, der aus Napoleons Kleinkindzeit stammen musste.

»Hast du Talli die Neuigkeiten schon mitgeteilt, Mum?«

»O ja, hat sie. Äh … herzlichen Glückwunsch.« Talli grinste. »Eine Hochzeit in Highdrow ist wirklich großartig.«

»Ich wusste, dass du es so sehen würdest. Danke, Talli. Du bist ein echter Fels in der Brandung.«

Ein seltsam ungutes Gefühl sagte ihr, dass ihr irgendetwas entgangen sein musste. Noch vor wenigen Tagen hatte man sie als Star bezeichnet, und das hatte böse geendet. Jetzt war sie plötzlich ein Stein?

»Ja, zu dem Teil wollte ich gerade kommen.« Arabella drehte sich langsam zu Talli um. »Es gibt einen kleinen Haken an der Sache. Die Hochzeit soll Heiligabend stattfinden.«

»Aber das ist fantastisch! Ein perfekter Tag für eine Hochzeit – und wir haben doch seit Neuestem beste Kontakte zu Eisskulpturenherstellern.«

Talli dachte an die übrig gebliebenen Dekoteile. Na ja, vielleicht passten Iglus und heulende Wölfe doch nicht so recht zum Anlass.

»Es geht nur so schnell«, meinte Simmy entschuldigend.

Talli runzelte erstaunt die Stirn. Vierzehn Monate waren hinreichend Zeit für die Planung einer Hochzeit. Ihre Mutter würde in ein paar Wochen wiederhergestellt sein, und dann konnte sie sich das gesamte nächste Jahr um die Hochzeit kümmern.

Talli sah ihre Mutter fragend an. »Ich verstehe nicht so ganz.«

»Tallulah, zieh die Stirn nicht so in Falten. Du solltest wirklich mal über Botox nachdenken. Wie auch immer … Heiligabend ist vielleicht nicht ideal, aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Arbeit zu machen. Du übernimmst die Sache. Ich würde ja helfen, aber ich fahre morgen in die Schweiz. Wenn ich in acht Wochen unter die Menschheit gehen soll, muss ich jetzt dringend ins Spa.«

Acht Wochen?

Talli wiederholte es in Gedanken ein paarmal und hoffte, sie würde endlich statt zu hyperventilieren begreifen. Heiligabend. Sie meinte tatsächlich dieses Jahr Heiligabend. Und offenbar wurde sie mit den Vorbereitungen allein gelassen, weil ihre Mutter ins Spa verschwand – ein Deckname für eine sündhaft teure Schweizer Klinik, in der sie hungerte, sich reinigte und sich Fettzellen von Schafen ins Gesicht spritzen ließ.

»Darling, mach dir keine Sorgen, du kriegst das schon hin. Wenn Pippa Middleton es geschafft hat, den ganzen Weg zum Altar zu laufen, ohne dem Erzbischof von Canterbury vor die Füße zu fallen, wirst du ja wohl eine simple Hochzeit organisieren können.«

Eine simple Hochzeit. Der Gedanke gab Talli Hoffnung. Vielleicht sollte es eine ganz kleine Feier werden, nur die engste Familie und der Schweizer Arzt ihrer Mutter.

»Wir werden nur zweihundert Gäste einladen«, informierte Persimmon sie mit lässiger Handbewegung. »Ach, und Schwesterherz, vielleicht buchst du sicherheitshalber schon mal die Tauben. Edwina wünscht sich für jeden Gast eine. Blöde Idee. Diese Viecher scheißen alles voll.«

Talli schloss gequält die Augen. Die Tauben waren noch gar nicht da, und sie fühlte sich schon jetzt total beschissen.

4. Kapitel

»Er steht wieder da draußen, Leute. Ich spüre das!«

Kiki Spooner spähte ängstlich durch die Jalousien. Zac sprang von der braunen Draloncouch und rannte zum Fenster, um die Straße vor dem Haus zu scannen.

Nichts. Zumindest nichts Außergewöhnliches.

An der Bushaltestelle ein paar hundert Meter weiter stand ein Typ, der sich mit einer Frau in einem pinkfarbenen Regenmantel unterhielt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lehnte ein Paparazzo an einem Motorroller, aber Jezzer war ein bekanntes Gesicht, er verfolgte die Sternchen von Lovin’ Essex seit der allerersten Minute. Der Drogendealer aus dem Nachbarhaus warf ihm einen misstrauischen Blick zu, als er mit seinen zwei Pitbull-Terriern vorbeiging. Sicher befürchtete er, Jezzer könne ein Undercover-Bulle sein und seine Wohnung zum dritten Mal innerhalb eines Monats durchsucht werden.

Davon abgesehen gab es nichts Verdächtiges.

Zac war nun schon zwei Jahre mit Kiki zusammen, aber in so einem Zustand hatte er sie noch nie erlebt. Nicht, dass er ihr verübelte, dass sie nervös war. Seit ein paar Wochen, seit die Bosse von der Show ihr zum ersten Mal gesagt hatten, dass sie böse Drohbriefe bekam, die unscharfe Fotos von ihr von den verschiedensten Orten in Chelmsford enthielten, hatte sie Angst. Die Fotos bewiesen eindeutig, dass jemand sie verfolgte, und nach den Texten der Briefe zu urteilen, handelte es sich dabei nicht um einen bewundernden Fan. Krankes Schwein! Zac war eigentlich nicht gewalttätig, aber wenn er diesen Typen in die Finger kriegte, würde er ihn … würde er ihn …

Sie zuckten beide zusammen, als seine Tante Dottie ins Zimmer polterte, ein Tablett mit fünf Bechern Tee, einer Biskuitrolle und einem Teller voller Cupcakes balancierend.

»Was ist los, Schätzchen?«, fragte Dottie und setzte das Tablett auf dem größten der Teakbeistelltische in der Zimmerecke ab.

Das Tischset stand dort, seit Zac ein kleiner Junge war, aber Dot Parker widerstand allen Versuchen und Angeboten, das Haus zu modernisieren. Sie entstammte der Reparieren-hält-noch-Generation und passte damit genetisch perfekt zu den gemusterten Teppichböden, den rosafarbenen Lampenschirmen und dem Mobiliar, das um 1975 zu einer globalen Teakholzverknappung geführt haben musste.

»Schon okay, Tante Dot. Kiki dachte, sie hätte diesen Widerling gesehen, aber da draußen ist niemand.«

»Wenn ich den erwische …«, murmelte Dot und schüttelte energisch den Kopf, was ihre Ivana-Trump-Bienenstock-Frisur bedenklich ins Schwanken brachte.

Sie legte fünf Papierspitzen auf Teller und gab auf jeden einen Cupcake und ein Stück Biskuitrolle. Zac sah, dass beides selbst gemacht war, und öffnete vorsichtshalber das Fenster. Dot hatte viele Talente, aber Backen gehörte definitiv nicht dazu. Die Rosen direkt vor dem Fenster erduldeten schon seit Jahren das Bombardement entsorgter Cupcakes und steinharter Biskuitrollenstücke.

»Ich meine, ein junges Mädchen so zu behandeln. Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben. Wir haben uns noch ins Gesicht gesagt, was wir voneinander hielten – nicht mithilfe dieses ganzen Interweb- und Facepage-Krams.«

Weder Zac noch Kiki dachten auch nur daran, sie zu korrigieren. Dot zu unterbrechen, wenn sie sich gerade in Rage redete, war ungefähr so, als wollte man sich mit einem Regenschirm und einer extra großen Regenjacke vor einem Tsunami schützen.

Die Tür öffnete sich erneut. Lena kam auf atemberaubend hohen pinkfarbenen Plateauschuhen hereingestöckelt, dicht gefolgt von Minx in hautengen Shorts und weißen Stiefeln. Minx ließ sich auf den Fußboden fallen, während Lena vorsichtig auf die Couch glitt. Sie hielt einen Sicherheitsabstand von ungefähr einem Meter zu Kiki, damit ihre Frisuren, die in etwa den Durchmesser von fünfjährigen Kirschlorbeersträuchern hatten, sich nicht ineinander verhedderten. Der aufwendige Look war nicht nur für den Lovin’-Essex-Dreh, zu dem sie später noch gehen würden. Minx, Lena und Kiki hatten schon so ausgesehen, bevor sie ihre Rollen in der Show bekamen. Während Minx’ süßer Kurzhaarschnitt vergleichsweise pflegeleicht war, hatte Kiki wie Lena Extensions bis auf die Hüften, nur in Rosskastanienbraun. Alle drei hatten falsche Wimpern, die so lang waren, dass sie beim Klimpern Wind erzeugten, und ihre Roberto-Cavallo-Outfits (Hot Pants bei Minx, Minikleidchen bei Lena und Kiki) zeigten jede Menge sonnenbankgebräunte Haut, die im Farbton perfekt zu Tante Dotties Tischset passte. Alle drei waren bei den Heat’s Reality TV-Babe of the Year Awards unter die ersten Zehn gekommen. Lena und Minx hatten sich den vierten Platz geteilt, und auch Kiki hatte super abgeschnitten. Sicher würde sie irgendwann darüber hinwegkommen, dass sie hinter einem Sternchen aus Made in Chelsea gelandet war. Spätestens in hundert Jahren …

Lena warf einen kurzen Blick auf die Biskuitrolle und leitete sofort eine Fluchtmaßnahme ein. Betont auffällig starrte sie auf ihre goldene Dolce-&-Gabbana-Armbanduhr.

»Äh … Tante Dottie, vielen, vielen Dank, aber wir müssen unbedingt anfangen zu arbeiten. Hab ich recht, ihr Süßen?«

Lena liebte Tante Dottie sehr und würde sie niemals verletzen. Mit flehendem Gesichtsausdruck bat sie Minx, Zac und Kiki daher, ihr beizupflichten. Sie brauchten nicht lange überredet zu werden.

»Mmh … Ja, wirklich, Mrs. Parker. Aber vielen Dank für den Kuchen.« Kiki zeigte ihre blendend weißen, perfekt geformten Beißerchen.

Dot winkte ungeduldig ab. »Ihr habt ihn ja noch gar nicht probiert. Wie wär’s, wenn ich euch ein paar Stücke zum Mitnehmen einpacke? Minx, du isst doch wenigstens ein Stück, oder?«

Zac sah, wie Minx das Gesicht verzog und nach einem großen Kuchenstück griff. Typisch Minx. Während Lena die Diplomatin, die Ruhige und Besonnene war, war Minx die Abenteuerlustige. Mit neunzehn war sie zu ihrem Freund Dale gezogen. Sie waren das coole Pärchen in der Show, sie hingen sehr aneinander; ihre gemeinsame Liebe zu Partys und Extremsportarten schweißte sie noch zusätzlich zusammen. Die Folge, in der sie gemeinsam Bungee-Jumping von der Tower Bridge gemacht hatten, war ein Quotenhammer gewesen, jetzt warteten sie auf die Erlaubnis, sich vom Shard abzuseilen. Seit sie ans andere Ende der Stadt gezogen war, sah Zac Minx nicht mehr so häufig wie Lena, aber er liebte sie trotzdem abgöttisch. Daher musste er unbedingt verhindern, dass sie wegen ihrer Abenteuerlust in Schwierigkeiten geriet. Oder in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Zac legte den Arm um Dots Schulter, was er regelmäßig tat, seit er groß genug dazu war. Die vierundsechzigjährige Dot Parker war die fast zwei Jahrzehnte ältere Schwester ihrer Mutter; sie hatte ihn und seine Schwestern großgezogen, seit ihre Mum sie zwanzig Jahre zuvor einfach verlassen hatte. Zac war damals fünf gewesen, die Zwillinge erst drei. Ihren Dad kannten sie nicht. Tante Dottie sagte immer, sie glaube, es sei der Typ von der Post gewesen, betonte aber auch, dass ihre Mutter diese pikante Mutmaßung nie bestätigt habe und man daher nicht sicher sein könne.

Dot, geschieden und ohne eigene Kinder, verbrachte den größten Teil ihres Lebens mit einem Becher Tee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Dieses Leben hatte ihr eine zerknitterte Haut beschert und ein heiseres Lachen, das man noch in den Nachbarstraßen hören konnte. Als die Kinder klein waren, hatte sie zwei Putzstellen gehabt, um sie durchzubringen. Noch immer trug sie grellrot geschminkte Lippen und schicke Schuhe und konnte im Nu eine toupierte Hochsteckfrisur zaubern. Sie war eine starke, optimistische Frau, die ihnen beigebracht hatte, was das Wichtigste im Leben war: eine Familie, eine ordentliche Arbeit und der Spruch »Solange es Bingo gibt, gibt es Hoffnung«.

»Weißt du was, Tante Dottie. Ich komme morgen wieder vorbei, und dann lassen wir es uns so richtig schmecken.«

Zac gab seiner Tante einen Kuss auf die Wange und lachte, als sie ihn kopfschüttelnd von sich schob. Er war ein erwachsener Mann mit eigener Wohnung, verdiente ganz annehmlich als Personal Trainer, sah aus wie ein Model aus der Men’s Health, war weit gereist (Benidorm, Fuengirola, Marbella), aber die Vorstellung, Tante Dot zu verletzen, war ihm ein Graus.

»Du bist viel zu schön für diese Welt«, sagte sie mit stolzem Lächeln – ein Satz, den sie beständig wiederholte, seit er ein kleiner Junge war.

Minx warf ihrem Bruder einen dankbaren Blick zu, weil er Tante Dot abgelenkt hatte. Zac küsste seine Tante noch einmal auf die Wange, dann nahm er Lenas Hand.

»Okay, dann lasst uns gehen. Lena, Minx – Jezzer steht da draußen, also bleibt schön in meiner Nähe. Kiki, du gehst vor.«

Kiki hatte sich im Laufe der beiden Staffeln von Lovin’ Essex als die Wilde etabliert, resistent gegen jede Form von Verbindlichkeit, ständig bikinizonengewachst und kampfbereit. Natürlich war das alles erfunden – aber das begriffen ihre hundertfünfundsechzigtausend Facebook-Freunde nicht.

Um die Fassade zu wahren, hatten die Produzenten ihr streng verboten, weder Zac noch irgendein Detail ihrer Beziehung im Fernsehen zu erwähnen. Das passte ihnen beiden gut. Sie hatten sich erst kurz vor Ausstrahlung der ersten Folge kennengelernt, während eines fünftägigen Bootcamps, bei dem die weiblichen Stars der Show so richtig in Form gebracht werden sollten, bevor die Kameras wieder auf sie gerichtet wurden. Zac hatte es geleitet. Und er hatte eines seiner zehn Gebote (Nummer 3: Du sollst deine Kundinnen nicht vögeln) gebrochen und am letzten Abend was mit ihr angefangen. Irgendwann würde er es zu was richtig Dauerhaftem machen – vorausgesetzt, Tante Dottie brachte Kiki nicht vorher mit einem Bananen-Muffin um.

Als sie aus der Haustür kamen, ließ Jezzer sein Schinkenbrötchen fallen und griff nach seiner Nikon. Er machte einen Schnappschuss nach dem anderen, während die vier in Zacs schwarzes BMW Cabrio stiegen. Es war ein älteres Modell, aber so liebevoll gepflegt, dass er es mit jedem Neuwagen aufnehmen konnte. Kiki hing ihm ständig in den Ohren, er solle sich was Neues kaufen, aber er hatte andere Pläne. Andere Pläne für sein Geld. Bei dem Gedanken zogen sich seine Muskeln zusammen. Er schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden, das ihm so zusetzte und das immer wieder vor ihm auftauchte. Er musste die Sache unbedingt in Ordnung bringen, aber es machte keinen Sinn, sich deswegen jetzt zu stressen. Ihm würde schon was einfallen. Ihm fiel immer etwas ein.

Jezzer hatte sich inzwischen an der Beifahrerseite postiert und machte Fotos von Kiki, die ihren schönsten »Ich-ignoriere-dieKamera-aber-sehe-ich-nicht-umwerfend-aus«-Schmollmund aufsetzte. Lena und Minx lächelten amüsiert. Lena fand Kikis Bedürfnis, sich vor Presse und Publicity zu produzieren, ziemlich anstrengend und hatte nicht die geringste Lust, sich damit zu belasten. Und Minx war überzeugt, dass das ständige Posen mit nach hinten gebogenem Rücken, in die Hüften gestemmten Händen und rausgestreckten Brüsten später im Leben zu ernsten Haltungsschäden führen würde.

Zwanzig Minuten später fuhren sie auf den Parkplatz von Daversity Fitness, einem Studio in Chelmsford, das Zacs Kumpel Dave gehörte. Es war das Epizentrum sämtlicher Tagesaction der Show. Die Jungs machten Workouts und tauschten sich über ihre Vorabendaktivitäten aus. Die Location war vor allem deshalb perfekt, weil sie sich im selben Gebäude befand wie Shiraz’ Spa.

Der heutige Dreh würde im Spa stattfinden. Auf dem Programm standen der Klatsch und Tratsch der Mädels beim Stylen für einen großen Abend in der Beach Box, dem angesagten Top-Club. Shiraz und Porsche waren bereits da.

»Diese Schlampen müssen sich immer den besten Platz aussuchen«, zischte Kiki Lena ins Ohr, ehe sie laut »Hey, Babes!« kreischte und den beiden Handküsse zuwarf. Zac schüttelte den Kopf.

»Hallo Leute!«, grüßte er in Richtung Filmteam.

Drei Kameramänner im Standardoutfit – Jeans, T-Shirt, Cowboystiefel –, der Tontechniker und einer der Regieassistenten erwiderten seinen Gruß und setzten ihre Arbeit fort. Zac konnte der ganzen Sache beim besten Willen nichts Attraktives abgewinnen. Er hatte nicht das geringste Interesse daran, ebenfalls auf der Mattscheibe zu erscheinen, da konnte Edwina noch so viel bitten und betteln. Meine Güte! Wer wollte schon sein Leben in die Öffentlichkeit tragen? So viel waren lebenslanges kostenloses Enthaaren sämtlicher Körperzonen und ein VIP-Ausweis für die Beach Box einfach nicht wert. Außerdem würde Dot ihm Stress machen, wenn er es wagte, über das Zeug zu reden, das sie in der Show ständig diskutierten. Eine seltsame Doppelmoral. Lena und ihre Freundinnen durften völlig ungeniert über die Jungs reden, mit denen sie sich trafen. Aber wenn die Typen Einzelheiten ihres Sexlebens preisgaben, wurde Dot immer gleich böse, murmelte Sätze wie: »Robert De Niro wäre niemals so indiskret gewesen« und drohte mit einer Demo am Set.

Ein durchdringender Schrei ließ sie alle zusammenzucken. Edwina erschien am Set. »Okay, meine kleinen Miststücke, dann lasst uns mal loslegen!«

Zac spürte, wie sich seine Backenzähne zwangsläufig aufeinanderpressten. Wie konnte Edwinas Freund das nur den ganzen Tag ertragen? Sie hatte eine Stimme wie eine Exocet-Rakete, die durch den Eurotunnel gejagt wurde.

Edwina warf einen Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand. »Okay, Lena, du fängst an. Wir wollen heute wissen, ob du gestern Abend mit Max gevögelt hast oder nicht, und wenn ja, ob er es seiner Frau erzählt, bevor sie aus Vilamoura zurückkommt. Nein, sag jetzt noch nichts – ich will es ganz authentisch vor der Kamera.«

Zac krümmte sich innerlich. Er würde Dot an dem Abend, an dem die Folge gesendet wurde, wieder zum Bingo schicken müssen. Lenas Gerede vor der Kamera war kein Problem für sie, aber sie hatte etwas gegen Affären mit verheirateten Männern. Also musste er jedes Mal, wenn es um dieses Thema ging, ein Ausweichmanöver starten. Und das bestand im Wesentlichen aus einem Bingo-Stift und einem Taxi für sie und ihre Freundinnen zum Full-House-Spieleparadies. Sollte Dot sich jemals Sky+ zulegen, war Lena geliefert. Ihre Tante würde niemals glauben, dass alles nur erfunden und Max und seine Glamour-Ehefrau Coco in Wahrheit schon seit Monaten getrennt waren. Zac war von diesem Handlungsstrang ganz und gar nicht überzeugt, ebenso wenig wie Lena – es zeigte sie in einem Licht, dem sie überhaupt nicht entsprach.

»Porsche, von dir wollen wir alles über die Untersuchungsergebnisse aus dieser Klinik für Geschlechtskrankheiten hören. Und gib uns bitte ein kurzes Update über deinen Ausschlag.«

»Das war eine allergische Reaktion auf den Nagelkleber, mit dem sie Ramones Initialen auf meine Scheide geklebt hat«, zischte Porsche und warf Shiraz böse Blicke zu. »Ich musste sogar meine Nacktaufnahmen absagen.«

Bei der Aussicht auf einen potenziellen Zickenkrieg begann Edwina zu strahlen. Die Folge, in der Kiki mit einer Küchenschere auf Porsches Extensions losgegangen war, war fast so quotenträchtig gewesen wie die, in der Lena sich mit dem (angeblich) verheirateten Max eingelassen hatte.

»Okay, Schätzchen, spar es dir auf, bis die Kameras laufen. Kiki, du hattest überlegt, Tobys Einladung zu einem richtig versauten Wochenende in Dubai anzunehmen.«

Zac störte das nicht sonderlich. Er kannte Toby, seit sie zusammen zur Schule gegangen waren, er war immer ein megaattraktiver Typ gewesen. Aber er würde sich vermutlich eher ein schmutziges Wochenende mit Zac als mit Kiki wünschen. Doch Tobys Coming-out war erst für das Ende der Staffel vorgesehen.

Toby war ziemlich neu in der Show und froh, von Anfang an offen mit seiner sexuellen Neigung umgehen zu können. Nach langem Hin und Her hatten die Produzenten beschlossen, dass ein Coming-out vor laufender Kamera bei den schwulen Zuschauern gut ankommen und natürlich Quote bringen würde. Eine große Pressekampagne war geplant, mit einer Roadshow und einer Telefon-Hotline-Kampagne – woher allerdings das Gerücht stammte, dass Elton John beim Coming-out Special auftauchen würde, wusste niemand.

Edwina bellte immer noch Anweisungen. »Minx, du erklärst gleich, dass du darüber nachgedacht hast, Dale auf eine Verlobung anzusprechen.«

Minx kicherte. »Wir werden ihn so richtig betrunken machen müssen, bevor ich ihm sage, wie viel der Ring kostet, den ich haben will.«

»Ach, und Shiraz, die Polizei erwägt Ermittlungen nach dieser Nummer, in der du nackt mit dem Motorrad durchs Lakeside Shoppingcenter gefahren bist. Unsere Anwälte sind bereits eingeschaltet, also mach dir keine Sorgen. Wenn wir für diese Folge keinen Fernsehpreis kriegen, will ich Martin Scorsese heißen.«

Unwillkürlich überkam Shiraz ein Hauch von Unwohlsein. Niemand zweifelte daran, dass Edwina verdammt weit gehen würde, um Aufsehen zu erregen. Shiraz in Handschellen abzuführen wäre eine perfekte Ergänzung zu Tobys Coming-out in der letzten Folge der Staffel. Aber wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses im Knast zu sitzen wäre tödlich – besonders für ihren Teint. Und natürlich für ihre Aussichten auf ein USA-Visa, wenn der Zeitpunkt gekommen war, Essex den Rücken zu kehren und Hollywood zu erobern.

Edwina wuselte weiter herum, dann schaute sie auf. »Übrigens, Porsche, was habe ich da gehört? Du willst heute früher weg?«

»Etwa wegen des Castings für die String-Promotion?«

Shiraz tat ganz unschuldig, dabei gelang es ihr kaum, ihr böses Lächeln zu verbergen. Die Raumtemperatur sank um einige Grade. Die vielen Nebenjobs und Zusatzverpflichtungen ihrer Stars waren für Edwina ein ständiger Grund zur Irritation. Zac wusste, dass Kiki schon seit vierzehn Tagen versuchte, allen Mut zusammenzunehmen, um ihr von ihrer neuen Kollektion Gel-BH-Einlagen zu erzählen.

Um der drohenden Eskalation zu entgehen, beschloss er nachzuschauen, ob Dave oben in seinem Büro war. Dave war zwar zwanzig Jahre älter als er, aber sie waren gute Freunde, seit Dave ihm mit fünfzehn Jahren bei seinem ersten Besuch bei Daversity Fitness gezeigt hatte, wie man die Vario-Bauchpresse benutzte. Zwischen ihnen hatte es einfach Klick gemacht. Er hatte sogar kurz überlegt, Dave in das Problem einzuweihen, das ihn nachts wach hielt, aber noch war er zu stolz dazu. Er musste das allein lösen. Was war er für ein Loser, wenn er das nicht hinbekam? Und er hatte schließlich schon Fortschritte gemacht. Zwanzig Riesen wollten sie von ihm, zehn hatte er bereits zusammen. Still und heimlich hatte er alles verkauft, was er besaß, sein Auto würde noch mal fünf große Scheine bringen. Die Bank hatte ihm keinen Kredit bewilligt, aber das hatte ihn nicht weiter überrascht. Schließlich war er selbstständig, und seine Geschäfte stagnierten in letzter Zeit etwas. Blöd nur, dass Kiki ihn seit dieser Stalker-Geschichte ununterbrochen in ihrer Nähe haben wollte. Nicht, dass er damit ein Problem hatte – er würde nie zulassen, dass jemand anderes sie anrührte. Er wusste auch, dass er sie um das Geld bitten konnte – sie war im Moment ziemlich flüssig –, aber das würde er niemals tun.

Er warf einen Blick auf seine Tag Heuer, die nur deshalb noch an seinem Handgelenk und nicht bei Ebay war, weil es sich um ein Geschenk von Lena und Minx handelte. Für unseren großen Bruder in grenzenloser Liebe hatten sie hinten auf das Gehäuse gravieren lassen.

Vielleicht konnte er ja ein kurzes Workout einschieben. Sicher dauerte es ein paar Stunden, bis sie in die Beach Box fuhren, um dort weiterzudrehen, und er hatte diese Woche noch gar nichts für Brust, Bauch und Bizeps getan. Dabei gehörte das zu seinem Job. Er war seit fünf Jahren Personal Trainer, und er wusste, dass sein Body für ihn die beste Werbung war. Jeder Muskel war perfekt modelliert, wenn er auf dem Rücken lag, konnte man seine Bauchmuskeln als Toastständer benutzen. Nicht, dass er je Kohlenhydrate zu sich nahm, wenn er in der Trainingsphase war.

»Stopp!«, kreischte Edwina in dem Moment, als er die Tür erreicht hatte.

Sie stürzte sich auf ihn wie eine Python auf eine Maus. Innerlich wappnete er sich schon gegen eine weitere Salve unwiderstehlicher Argumente, wieso er unbedingt bei der Show mitmachen müsse. Das Profil. Der Glamour. Die Mädels. Die Tatsache, dass sie ihren Kiefer ausklinken und ihn im Ganzen verschlingen würde, wenn er nicht tat, was sie wollte.

»Dave hat mir erzählt, dass du als Personal Trainer wahre Wunder wirkst«, fügte Edwina in einer Lautstärke hinzu, die ihn dazu brachte, dass er sich innerlich krümmte. Der Umgang mit dieser Frau brachte definitiv ein Tinnitus-Risiko mit sich.

Er nickte stumm. Was sollte er auch sonst tun? Wenn er selbst nicht an seine Fähigkeiten glaubte, wer dann? Er wartete auf das Unausweichliche. Sicher brauchten sie einen Personal Trainer für die Show. Bloß nicht. Das konnte er nicht. Eher würde er sich nackt auf so eine Motorradnummer einlassen, als sein Leben mit der gesamten britischen Öffentlichkeit zu teilen.

»Also, folgender Deal, Schwarzenegger. Ich hab gerade erfahren, dass ich in acht Wochen vor der gesamten scheiß Öffentlichkeit heirate. Und ich beabsichtige nicht, zum Altar zu gehen und alle auf diesen Arsch glotzen zu lassen.« Sie zeigte auf ihr Hinterteil.

Gott, sie bot ihm einen Job an. Eine neue anstrengende Kundin, das hatte ihm gerade noch gefehlt – wo er doch schon so viele Probleme am Hals hatte. Sicher wollte sie maximal ein oder zwei Stunden in der Woche trainieren, erwartete ein Wunder und würde sich überall das Maul über ihn zerreißen, wenn es ausblieb. Das war es wirklich nicht wert. Er musste sich jetzt echt darauf konzentrieren, das Geld zusammenzukriegen, um aus der Sache rauszukommen.

»Tut mir leid, ich habe im Moment keine Kapazitäten frei. Aber ich kann dir jemand anderen empfehlen.« Er hätte schwören können, dass jeder hörte, wie ihr Unterkiefer beim Herunterklappen aus der Verankerung sprang.

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