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Rette mich – verführe mich!

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1. KAPITEL

„Mach um Cowboys große Bogen – sie sind treulos und ver­logen …“

Diese Liedzeile aus einem Countrysong schoss ihr in dem Augenblick durch den Kopf, als sie den großen Mann mit den strahlend blauen Augen sah, der nach ihr den Terminal des kleinen Flughafens von Red Rock in Texas betrat.

Er bemerkte ihren Blick, zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und zwinkerte ihr dann zu. Ganz eindeutig der treulose Typ – einer, von dem man sich besser fernhielt. Er tippte mit dem Finger an seinen schwarzen Stetson, und schon war er in der Menge verschwunden.

In diesem Augenblick schlug der Tornado zu. Das Letzte, was sie sah, ehe das Dach über ihr weggefegt wurde und ein mächtiger Luftwirbel alles, auch sie, erfasste und mit sich riss, war dieser schwarze Hut. Um sie herum prallten in einem wüsten Durcheinander Metall- und Holzteile aufeinander und zerbarsten.

Erst spürte sie den Schmerz, dann wurde sie panisch. Sie bekam keine Luft und konnte nicht einmal schreien.

Die plötzliche Stille war beinahe ebenso unheimlich wie der ohrenbetäubende Lärm zuvor. Dann allmählich nahm sie Geräusche wahr – Schreie, Hilferufe, Weinen.

Sie lag auf dem Boden, das Gesicht lag gegen den kalten Betonboden gepresst. Vergeblich versuchte sie, sich zu bewegen. Das Geräusch von Schritten drang in ihr Bewusstsein. Ein Mann kam und streckte sich neben ihr aus, sein Gesicht war im Schatten – ihr Held, wer auch immer er war.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er.

„Meine Beine tun weh“, stammelte sie mühsam.

Er sprang sofort auf.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. „Lassen Sie mich nicht allein. Bitte …“

Dann spürte sie, wie das Gewicht der ineinander verkeilten Brocken aus Metall, Holz und anderen Materialien auf ihrem Körper etwas nachließ.

„Können Sie sich selbst herausziehen?“, fragte dieser Riese von einem Mann, der mit einer Hand die Trümmer von ihr weghielt. „Schnell. Wir haben keine Zeit. Sie schaffen das. Versuchen Sie es.“

Es gab nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Ihre manikürten Nägel fanden nirgends Halt. Ein jäher Schmerz nahm ihr die Luft, als sie versuchte, auf dem Bauch zu robben wie ein Soldat. Als sie schon glaubte, es nie zu schaffen und für immer festzustecken, packte er sie beim Arm und zog sie unter den Trümmern hervor. Gerade noch rechtzeitig, ehe alles zusammenstürzte. Seine starken Arme hoben sie hoch, und er rannte mir ihr davon, während das ganze Gebäude wankte und ächzte.

Wieder wurde sie von Panik ergriffen. „Meine Familie …?“

„Dort drüben.“ Er machte eine Kopfbewegung.

Sie erkannte draußen einige ihrer Verwandten, als ein Teil des Gebäudes, das sie soeben verlassen hatten, mit einem hässlichen Geräusch endgültig in sich zusammenstürzte. Sprachlos vor Schock klammerte sie sich fester an ihn.

„Ich habe Sie“, sagte der Fremde. „Sie sind in Sicherheit.“

Es war der Cowboy, wie ihr schließlich bewusst wurde. Der Mann, der ihr zugezwinkert hatte. Ohne seinen Hut hatte sie ihn nicht erkannt.

„Bald wird Hilfe kommen“, tröstete er sie.

Als er sie gleich darauf absetzte, blickte sie nach oben. Ein beunruhigend friedlicher Himmel ersetzte Teile des Dachs des zweigeschossigen Gebäudes. Sie hatte auf der anderen Seite des Terminals gesessen. Wie weit war sie geschleudert worden?

„Können Sie allein stehen?“, fragte er.

„Ich glaube schon.“ Ihre Augen waren auf einer Höhe mit seiner Brust. Sie starrte wie hypnotisiert auf seine Bolokrawatte, die von einer Brosche aus Silber und Onyx geziert wurde.

„Alles wird gut“, raunte er, während er sie losließ.

Spontan packte sie seine Krawatte und zog ihn zu sich herunter, um ihm einen flüchtigen „Danke-dass-Sie-mich-gerettet-haben-Kuss“ zu geben. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Zunge war wie gelähmt. Sie konnte ihn nicht einmal nach seinem Namen fragen – oder ihm ihren nennen.

Nach dem Kuss trat er zurück. Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke, dann machte er kehrt, und sie starrte ihm wie hypnotisiert nach. Sie brauchte fast eine ganze Minute, bis sie endlich ihre Umgebung wahrnahm. Es sah aus wie im Krieg. Einige ihrer Verwandten saßen in Schockstarre da, andere liefen ziellos herum. Überall lagen Gepäckstücke und Trümmerteile verstreut.

Als sie sich umblickte, war ihr Cowboy verschwunden.

Victoria Fortune schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie lag schweißgebadet in den zerknüllten Laken ihres Bettes. Wieder hatte sie diesen Traum gehabt, den gleichen lebendigen Traum, der allerdings jedes Mal detaillierter zu werden schien. Der Tornado hatte Red Rock am 30. Dezember heimgesucht, und Victoria hatte nach der Hochzeit ihrer Cousine Wendy nach Hause fliegen wollen. Inzwischen waren drei Monate vergangen, und sie lag sicher in ihrem eigenen Bett, in ihrer eigenen Wohnung in ihrer Heimatstadt Atlanta, Georgia. Drei Monate – und noch immer träumte sie davon.

Und von ihm. Sie wusste nicht einmal seinen Namen und hatte sich daher noch nicht bei dem Mann bedanken können, der an jenem Tag ihr Leben gerettet hatte, ohne an seine eigene Sicherheit zu denken.

Mittlerweile hatte sie es satt, die ständigen Albträume und der Schlafmangel machten sie krank. Sogar tagsüber wurde sie von Visionen der Zerstörung und dem unwirklichen Gefühl heimgesucht, der Tornado schleudere sie über den Boden.

Vielleicht war der Traum dieses Mal ja deshalb noch schlimmer gewesen, weil sie gestern mit ihrer Cousine Jordana gesprochen hatte, die an ihrem eigenen Trauma litt. Sie waren übereingekommen, sich in Red Rock zu treffen, um sich dort gegenseitig bei der Bewältigung ihrer Probleme zu unterstützen.

Nach einem Blick auf die Uhr warf Victoria die Decke zur Seite. Höchste Zeit zu packen, wenn sie ihren Flug am späten Vormittag erreichen wollte. Sie würde sich der Vergangenheit und ihrer Nahtoderfahrung stellen. Und sie musste endlich ihrem Retter danken.

Doch als Erstes musste sie bei ihren Eltern anrufen und ihnen sagen, dass sie nicht wie üblich am sonntäglichen Familien-Brunch teilnehmen würde.

„Die Kirchenbank war ziemlich leer heute Morgen“, sagte ihr Vater James Marshall Fortune, nachdem er den Telefonhörer abgehoben hatte.

„Tut mir leid, Daddy. Ich habe verschlafen.“

„Du feierst zu viel“, erwiderte er etwas bärbeißig, aber doch milde. Als jüngstes Kind und einzige Tochter war Victoria ihren älteren Brüdern gegenüber eindeutig im Vorteil.

„Ach Dad“, erwiderte Victoria sanft, um auf ihren geliebten Vater einzugehen, der sich in letzter Zeit viel um sie sorgte, wie sie wusste.

„Wir werden auf jeden Fall auf dich warten. Deine Brüder sind bis auf Shane auch noch nicht da.“

Victoria schlenderte auf den Balkon vor ihrem Schlafzimmer. Sie wohnte im fünfzehnten Stock. „Ich komme gar nicht, Daddy. Ich fliege in zwei Stunden nach Red Rock. Könntest du bitte Shane ausrichten, dass ich mir ein paar Tage freinehme?“

„Dein Bruder ist dein Chef. Wenn du Urlaub nehmen möchtest, musst du das mit ihm ausmachen. Und deine Mutter will bestimmt auch noch ein Wörtchen mitreden.“

„Jawohl, Sir.“ Ihr Vater tat so, als sei sie ein sechzehnjähriges Mädchen und keine vierundzwanzigjährige junge Frau mit abgeschlossenem Studium, die allein lebte und einen guten Job hatte.

„Shane hat mitgehört und findet es gut“, sagte ihre Mutter, die jetzt am Telefon war. „Was genau hast du vor, Liebes?“

Victoria erklärte ihr, dass sie Zeit mit ihren Cousinen verbringen wollte.

„Hast du immer noch Albträume?“, fragte ihre Mutter.

„Ja, leider, und von allein verschwinden sie nicht.“

„Was ist mit diesem Mann – diesem Cowboy, der dir das Leben gerettet hat? Wirst du ihn treffen?“

„Ich möchte mich unbedingt bei ihm bedanken. Ich hoffe, ich finde ihn. Es liegt mir richtig auf der Seele, dass ich es noch nicht getan habe. Vielleicht ist das ein Teil meines Problems.“

„Möglicherweise. Nimmst du den Firmenjet?“

Victoria schloss kurz die Augen. „Dann müsste ich auf dem Flughafen von Red Rock landen – so weit bin ich noch nicht. Ich fliege nach San Antonio und nehme mir dort einen Mietwagen.“

„Ruf mich an, wenn du mich brauchst. Ich glaube, du machst das Richtige, Liebes. Es ist wichtig für dich, du hast in letzter Zeit so müde ausgesehen.“

„Danke, Mom.“ Es ist mehr als nur richtig, dachte Victoria, es ist dringend notwendig.

Einige Stunden später fuhr Victoria nach Red Rock hinein und die Auffahrt zu Marcos und Wendy Mendozas hübschem, kleinem Haus hinauf. Wendy mit ihrem künstlerischen Geschick hatte aus Marcos’ Junggesellenbude ein gemütliches Familienheim geschaffen und auch den Garten zu neuem Leben erweckt.

Wendy kam auf die vordere Veranda. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren war sie zwei Jahre jünger als Victoria, sie besaß genau wie sie braunes Haar und braune Augen. Sie standen sich so nah wie Schwestern. Genauso verhielt es sich mit Wendys Schwestern Jordana und Emily.

„Wo ist der Star der Familie?“, fragte Victoria, als sie Wendy umarmte.

„Sie schläft. Endlich“, antwortete Wendy. „Und Marcos arbeitet.“

„Und deine Schwestern?“

„Emily macht einen Spaziergang, Jordana ist abgereist.“

Victoria blieb überrascht stehen. „Abgereist? Wann? Und warum? Ich habe noch gestern Abend mit ihr gesprochen, und da sagte sie, dass sie auf mich warten würde.“

„Keine Ahnung, was passiert ist. Sie ist gleich nach dem Mittagessen weggefahren. Ganz ehrlich, Vicky, Jordana war die ganze Zeit über ziemlich komisch. Em hat es auch bemerkt. Hat sie dir nicht gesagt, was los ist?“

Jordana hatte Victoria tatsächlich etwas erzählt, aber Victoria konnte wohl kaum Jordanas Geheimnisse ausplaudern. Rasch checkte sie ihr Handy nach einer Nachricht von Jordana, fand aber keine.

„Da Jordana jetzt weg ist, kannst du dich bei Em einquartieren, statt ins Hotel zu gehen. Magst du einen Tee?“, fragte Wendy.

„Ja, gern“, erwiderte Victoria und versuchte, Wendy zuliebe etwas enthusiastischer zu klingen.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Wendy und legte Victoria eine Hand auf den Arm.

„Na klar. Warum stellt ihr mir alle dieselbe Frage?“ Sie schloss die Augen und biss sich auf die Lippen. „Entschuldige, Wendy. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob alles in Ordnung ist. Ich bin einfach nicht mehr ich selbst und hoffe, dass ich hier wieder zur Ruhe komme.“

Victoria trug ihren Koffer ins Gästezimmer. Wie konnte Jordana nur ohne ein einziges Wort der Erklärung abreisen? Sie brauchten einander doch.

Und sie brauchte den Namen ihres Retters. Musste ihn sehen und ihm danken. Momentan war sie nicht in der Stimmung für Small Talk, wusste aber, dass die Höflichkeit es gebot, zuerst Zeit mit ihrer Gastgeberin zu verbringen.

Victoria warf einen Blick ins Kinderzimmer und auf das schlafende, pinkfarbene Bündel in der Wiege, ehe sie auf Zehenspitzen wieder hinausschlich, um die sechs Wochen alte MaryAnne nicht zu wecken.

„Es wundert mich, dass Emily noch hier ist“, sagte Victoria zu Wendy, als sie beide im Wintergarten saßen. „Sie ist doch jetzt schon seit Wochen bei dir. Wie kann sie so lange Urlaub ­nehmen?“

„Irgendwann habe ich aufgehört, ihr diese Frage zu stellen. Ich gehe davon aus, dass sie weiß, was sie tut. Und sie hilft mir sehr mit MaryAnne. Als Frühchen war sie so winzig, weißt du, und doch so vollkommen. Emily hat einen ganz natürlichen Mutterinstinkt. Sie hat mir viel Halt gegeben.“ Wendy zuckte mit den Schultern. „Aber trotzdem glaube ich, dass Marcos sich schon darauf freut, wenn wir drei als Familie auch mal allein sind.“

Victoria richtete sich auf. „Natürlich tut er das. Und du doch sicher auch.“ Genau wie sie sich nichts mehr wünschte, als mit ihrem fremden Retter zu sprechen. „Ich werde Em ermuntern, wieder heimzufahren, und ich gehe ins Hotel. Wir sind so …“

„Halt. Bitte, Vicki, so habe ich das nicht gemeint. Marcos ist froh, dass ich Gesellschaft habe, wo er doch so viel im Restaurant zu tun hat. Ich wollte nur sagen, dass wir beide jetzt bald auch allein zurechtkommen. Aber nicht diese Woche. Nicht jetzt.“

„Nun, ich hatte nur ein paar Tage Aufenthalt geplant. Ich werde Em überreden, mit mir abzureisen.“

„Das ist nicht nötig, Vicki. Wirklich nicht. Ich glaube, sie versteckt sich hier bei uns, aber ich weiß nicht, wovor. Und dann Jordana …“

„Die das größte Geheimnis von allen ist“, ergänzte Emily, die gerade den Raum betrat. Sie war groß, blond und hatte grüne Augen. „Hey, Vicki.“ Sie umarmte ihre Cousine, ohne Wendy aus den Augen zu lassen. „Ich verstecke mich nicht hier draußen, liebes Schwesterherz, sondern ich wollte dir helfen. Und ich habe von hier aus auch gearbeitet. Du siehst ziemlich schlecht aus, Vicki.“

„Danke für das Kompliment.“

Emily grinste. „Schläft MaryAnne noch?“

„Wie ein Baby“, antwortete Wendy schlagfertig.

„Also, Vicki“, sagte Emily, „hat Jordana dir gesagt, was mit ihr los ist?“

„Was soll mit ihr los sein?“, fragte Victoria unschuldig zurück.

Wendy und Emily tauschten einen tiefen Blick. „Sie sieht nicht gut aus“, erwiderte Emily. „Sie sieht tatsächlich viel schlechter aus als du. Wir machen uns echt Sorgen.“

„Ich glaube, es geht ihr ganz gut“, antwortete Victoria. „Sie hat ein kleines Problem. Aber fragt mich nicht weiter. Jedenfalls ist sie nicht krank, Wendy“, bekräftigte sie und wechselte rasch das Thema. „Hat eigentlich Marcos je herausgefunden, wer mich unter den Trümmern hervorgezogen hat? Ich würde gern mit demjenigen sprechen.“

„Er meint, dass es Garrett Stone gewesen sein muss.“

Garrett Stone. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Endlich hatte ihr Retter einen Namen, einen starken Namen. „Wo wohnt er?“

„Er hat eine Ranch – obwohl das vielleicht zu viel gesagt ist – außerhalb der Stadt, die Pete’s Retreat heißt. Er ist ein wasch­echter Red Rocker, hat der Stadt aber mehrmals für Jahre den Rücken gekehrt. Es gab damals alle möglichen Gerüchte über ihn.“

„Welche zum Beispiel?“

„Vor Jahren war er in einen Skandal mit einer jungen Frau verwickelt und musste die Stadt zum ersten Mal verlassen. Einem anderen Gerücht zufolge weiß niemand, wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Außerdem ist er ein Einzelgänger. Er besitzt Hunde und ein paar Pferde. Streunende Tiere fühlen sich zu ihm hingezogen.“

Victoria erinnerte sich, dass er nur wenig gesprochen hatte, und auch daran, wie zärtlich seine Hände gewesen waren.

Da sie nun schon einmal hier war, wollte sie es hinter sich bringen. Ihn treffen und sich bei ihm bedanken. Und ihr altes Leben wieder aufnehmen. „Könnt ihr mir sagen, wie ich zu seiner Ranch komme? Ich würde gern gleich hinfahren.“

„Ich kann Marcos anrufen und fragen“, erwiderte Wendy. „Aber ich halte es für besser, wenn eine von uns mitkommt.“

„Warum?“

„Nur für alle Fälle. Falls er unhöflich ist oder so.“

„Du meinst, falls er mit einer Knarre auf der Veranda steht und auf mich zielt? So vollkommen unzivilisiert wird er schon nicht sein. Schließlich hat er mir das Leben gerettet. Außerdem bin ich durchaus mit einem gewissen Charme gesegnet“, fügte sie hinzu und klimperte mit den Wimpern.

„Ehrlich gesagt bin ich davon überzeugt, dass dich nichts in deiner Vergangenheit auf jemanden wie Garrett Stone vorbereitet hat“, bemerkte Wendy. „Sieh der Tatsache ins Auge, Vicki, dass wir alle ein behütetes Leben führen. Bei ihm ist das ganz anders. Du kannst nicht davon ausgehen, dass er dich mit offenen Armen empfängt. Soviel ich weiß, wagt sich kaum jemand zu seiner Ranch hinaus. Irgendeinen Grund dafür muss es ja geben.“

„Du tust so, als wäre ich eine Prinzessin.“ Victoria verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Wenn er sich nicht anhören möchte, was ich ihm zu sagen habe, dann eben nicht. Ich will einfach nur tun, was ich tun muss.“

„Wow! Du kannst manchmal echt schnippisch sein.“

Victoria rang um Geduld. „Verzeihung. Das lastet schon so lange auf mir.“

„Das verstehen wir doch. Aber ich fürchte, du hast dir da etwas zusammenfantasiert von einem heldenhaften Retter, ohne die ganze Wahrheit zu kennen“, sagte Emily. „Auch wenn wir keine Kronen tragen, so sind wir Fortune-Töchter doch von Geburt an behütet und verhätschelt worden. Das kannst du nicht abstreiten. Die Männer hier aus Red Rock sind aber anders gestrickt als die Männer zu Hause.“

„Und das soll heißen?“

„Hast du dir schon jemals eine Abfuhr geholt, Vicki?“

„Natürlich. Aber hier geht es schließlich nicht um eine Liebesbeziehung. Ich habe nur ein paar Dinge zu sagen.“ Dass sie in der Tat alle möglichen romantischen Fantasien um Garrett gewoben hatte, brauchte ja niemand zu wissen.

Emily gab sich geschlagen. „Okay. Jetzt weißt du wenigstens, was du zu erwarten hast.“

Stirnrunzelnd dachte Victoria noch einmal über alles nach. Sie war zurückgewiesen worden. Von niemandem, der ihr etwas bedeutet hätte, aber sie war eben noch nie wirklich verliebt gewesen. Aus diesem Grund war sie sehr zum Missfallen ihrer Eltern bisher auch noch keine langfristige Beziehung eingegangen. Ihre Eltern waren immer davon ausgegangen, dass sie ihren zukünftigen Ehemann auf dem College kennenlernen würde. In dieser Hinsicht waren sie altmodisch und hegten traditionelle Erwartungen, die Victoria nicht erfüllt hatte.

Zwanzig Minuten später machte sie sich auf den Weg. Marcos hatte ihr genau beschrieben, wie sie fahren musste. Als kleines Dankeschön für ihren Retter hatte sie eine Flasche achtzehn Jahre alten schottischen Single Malt Whisky dabei.

Die Fahrt war nicht besonders lang, die Gegend wurde jedoch immer einsamer. Sie verstand nicht, warum jemand freiwillig so fern jeglicher Zivilisation lebte. Sie liebte ihr städtisches Umfeld mit Geschäften und Restaurants, die sie zu Fuß erreichen konnte. Auch ging sie gern ins Theater oder in die Oper.

Endlich sah sie den Briefkasten, von dem Marcos ihr gesagt hatte, dass sie nach ihm Ausschau halten sollte, und bog in den Weg ein. Nach ungefähr einer Minute Fahrt auf einem langen staubigen Pfad entdeckte sie eine Koppel mit drei Pferden. Dann war Hundegebell zu hören, und plötzlich war ihr Auto von mehreren Hunden umringt. Sie fuhr langsamer, um keinen von ihnen zu verletzen. Garrett Stone nahm vielleicht Streuner auf, aber er erzog sie offensichtlich nicht richtig. Oder vielleicht war er nicht zu Hause, um sie zur Ordnung zu rufen …

Doch. Da war er – trat aus einer Scheune heraus. Vielmehr schlenderte er in dem typischen Gang, den man mit Cowboys assoziierte, gleichwohl selbstbewusst und lässig. Er war so groß wie in ihrer Erinnerung, einen guten Kopf größer als sie selbst.

Sie stoppte das Auto vor seinem Haus, einer alten, aber gut erhaltenen einstöckigen Ranch. Er baute sich genau vor dem Auto auf und starrte sie ohne irgendein Zeichen des Erkennens durch die Windschutzscheibe an. Die Hunde hatte er noch immer nicht zurückgerufen. Sie bellten und sprangen herum wie verrückt, sodass sie nicht auszusteigen wagte.

Endlich machte er eine Handbewegung, worauf die Hunde ruhig wurden. Nach einer weiteren Handbewegung liefen alle Hunde bis auf zwei zu einer Scheune.

Victoria öffnete das Seitenfenster. „Hallo. Sie erinnern sich vielleicht nicht an mich. Ich bin Victoria Fortune. Vom Flughafen? Der Tornado?“

„Ich erinnere mich.“ Sein Gesicht lag im Schatten seines Hutes verborgen, deshalb konnte sie seine Reaktion nicht beurteilen, obwohl sie das Gefühl hatte, er würde die Stirn runzeln.

„Greifen Ihre Hunde mich an, wenn ich aussteige?“

„Wahrscheinlich nicht.“

Sie erwartete, dass er ihr wieder wie am Flughafen zuzwinkern würde, aber er verzog keine Miene. Obwohl sie sich nicht gerade willkommen geheißen fühlte, nahm sie das Geschenk und öffnete die Tür. Als die Hunde nicht knurrten, stieg sie aus und war froh, dass sie Jeans und Stiefel trug. Noch immer hatte er sich keinen Millimeter bewegt.

„Ich war gerade in der Gegend …“, begann sie. Nervös wischte sie sich etwas Staub von den Jeans und hoffte, Garrett würde etwas zur Unterhaltung besteuern.

Doch er verzog nur den Mund ein wenig.

Sie warf ihm den Whisky zu, offensichtlich etwas zu unvermittelt, denn die Flasche traf ihn auf Magenhöhe und prallte an den offensichtlich gut durchtrainierten Bauchmuskeln ab. Er griff danach. Die Flasche fiel …

Als sie auf Kniehöhe war, fing er sie auf.

„Gute Reaktion“, sagte sie und grinste.

Er begutachtete die Flasche. Wenn ihm bekannt war, wie teuer der Whisky war, dann ließ er es sich nicht anmerken.

„Können wir ins Haus gehen?“, fragte sie.

„Warum?“

„Ich … ich würde gern mit Ihnen reden.“

„Das geht auch hier. Sie halten mich von der Arbeit ab.“

„Was machen Sie gerade?“

„Dies und das.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah vielleicht so aus wie der Mann vom Flughafen, aber er schien keinesfalls ein Typ zu sein, der mit den Augen zwinkerte. „Das macht Ihnen Spaß, ja?“

„Was?“

„Den wortkargen Cowboy zu spielen. Den Mythos am Leben zu erhalten.“

„Wortkarg. Ein ziemlich gewaltiges Wort, Ma’am.“

Aha. Da war ein Funkeln in seinen wunderbaren blauen Augen. Er spielte also nur mit ihr. Anscheinend hatte er beschlossen, dass sie nur ein weiteres hübsches Gesicht war. „Irgendetwas sagt mir, dass Sie die Definition kennen. Aber egal. Sie haben gewonnen. Ich bin gekommen, um Ihnen dafür zu danken, dass Sie mir das Leben gerettet haben.“

„Das haben Sie schon vor drei Monaten getan.“

„Nein.“

„Sie haben mich geküsst. Vielleicht nicht unbedingt der beste Kuss, den ich je bekommen habe, aber ich habe genau verstanden, was Sie damit sagen wollten.“

Ihre Augen wurden ganz schmal. „Wenn ich gewollt hätte, dass der Kuss unvergesslich für Sie bleibt, hätte ich dafür gesorgt, aber ich kann Ihnen garantieren, dass ich mehr Gefühl hineingelegt habe als in jeden anderen Kuss meines Lebens.“

„Wie bedauerlich.“

„Ich kann gut küssen!“

„Wenn Sie es sagen, Ma’am.“ Er tippte an seinen Hutrand. „Gute Fahrt zurück in die Stadt.“ Damit wandte er sich ab.

„Dort, wo ich herkomme, Cowboy, ist es ziemlich unhöflich, einen Gast einfach stehen zu lassen“, rief sie ihm nach.

„Dort, wo ich herkomme, Prinzessin“, erwiderte er mit einem Blick über die Schulter, „ist es unhöflich, uneingeladen aufzutauchen.“

2. KAPITEL

Garrett ging unbeirrt weiter. Sein alter Jagdhund Pete trottete neben ihm her und wandte immer wieder den Kopf nach der Frau, die ihren Missmut laut vernehmlich zum Ausdruck gebracht hatte. Die Wahrheit war, dass sie eine mächtige Versuchung für ihn darstellte, und er befürchtete, ihrem Zauber zu erliegen. Der Ärger mit ihr schien schon vorprogrammiert.

Ihr Anblick damals auf dem Flughafen vor drei Monaten hatte ihn wie ein Schlag in die Magengrube getroffen. Den Bruchteil einer Sekunde später war es ihm gelungen, ihr zuzuzwinkern, doch er war nicht stehen geblieben. Sie war überhaupt nicht sein Typ, deshalb war das Ganze umso mysteriöser. In zwei Jahren würde er vierzig werden. Sie dagegen sah aus, als käme sie frisch vom College.

Sie war zierlich und dunkelhaarig, er dagegen stand auf große, blonde Frauen. Sie trug Designer-Klamotten, sogar ihre Jeans und die Stiefel stammten vermutlich aus einer schicken Boutique.

Er hatte in seinem Leben eine Menge verwöhnter Frauen kennengelernt, und er hatte es sich angewöhnt, ihnen aus dem Weg zu gehen – besonders nach seiner Erfahrung vor einigen Jahren mit einer jungen Frau namens Crystal, die er am liebsten für immer vergessen würde.

Aber er mochte auch Frauen mit Kurven.

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