Logo weiterlesen.de
Respekt

Ingrid & Werner Gansl

Respekt

Zwei Ehrenamtliche über Ihre Erfahrungen mit Asylbewerbern und Behörden

Image

© 2017 Ingrid & Werner Gansl

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7439-0526-9
Hardcover:978-3-7439-0527-6
e-Book:978-3-7439-0528-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Die Autoren sind beide 65 Jahre alt, miteinander verheiratet und leben in einem niederbayrischen Marktflecken. Sie wollen zeigen, dass die „Masse“ Flüchtlinge aus Individuen besteht, die alle ein Schicksal hinter sich haben und mehr oder weniger liebenswert sind. Gleichzeitig berichten die beiden über ihre positiven und negativen Erfahrungen mit Mitbürgern und Behörden. Alle Personen und Orte existieren ganz real, deren Namen allerdings wurden frei erfunden.

Eigentlich war ein bisschen Deutschunterricht angedacht....

Spätestens ab Mitte 2014 konnte man täglich von Flüchtlingen in sämtlichen Medien hören und lesen. Ihr Zustrom nach Deutschland erfolgte noch in geordneten Bahnen, es kristallisierte sich jedoch schon heraus, dass unsere Kommunen und Behörden heillos überfordert waren.

Damals wollte ich mich schon als freiwilliger Helfer einbringen, allerdings gemeinsam mit meinem Mann. Es war mir aber wohl bereits zu der Zeit klar, dass dieses Engagement viel Zeit erfordern würde und ohne Mitwirken des Partners nicht zu realisieren wäre.

Eigentlich wollte ich nie mehr unterrichten. Ich bin von Beruf Lehrer und wurde vor ein paar Jahren vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Zwar hatte ich viele, viele Jahre große Freude an meinem Beruf, war, so behaupte ich, sehr engagiert und den Schülern zugetan, war fast immer Vertrauenslehrer… Vielleicht drei, vier Jahre vor meinem Ausscheiden änderte sich das allerdings: Das Schlüsselerlebnis war eine Bedrohung durch einen Schüler, dazu kam dann eine stetig anwachsende Zahl von „‘Ich-willeinmal-HartzIV-werden‘-Schülern“. Ich verstand viele Schüler nicht mehr (vielleicht auch umgekehrt) – ich bekam das bekannte Burn-Out-Syndrom, und auf Anraten von verschiedenen Ärzten und Bitten meiner Frau Ingrid sträubte ich mich dann letztendlich nicht gegen eine Frühpensionierung. Ca. ein Jahr lang verdrängte ich Nachrichten und Berichte über Flüchtlinge, reagierte nicht auf behutsame „Anschübe“ von Seiten meiner Frau. Gegen Ende des Jahres 2014 aber konnte ich langsam nicht mehr in den Spiegel sehen, und so kam es endlich dazu, was Ingrid schon lange vorhatte: Wir stiegen gemeinsam in das „Asyl-Geschäft“ ein. Man soll eben nie „Nie!“ sagen!!

Werner war also schließlich bereit, diese neue Herausforderung gemeinsam mit mir anzunehmen.

Wir wussten nicht recht, wie wir diese Aufgabe angehen sollten und nahmen deshalb Kontakt zum hiesigen Bürgermeister auf. Ein Termin Anfang Januar 2015 mit ihm, einem Vertreter der Caritas sowie vor allem mit bereits drei vor Ort engagierten freiwilligen Deutschlehrern wurde anberaumt und erste Kontakte zu den Asylbewerbern wurden vereinbart.

Zuerst machten wir uns mit dem Deutsch-Unterrichtsangebot in unserer Gemeinde Rassnach vertraut. Ca. 120 Asylbewerber aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern (darunter viele Schwarzafrikaner) und auf unterschiedlichstem sprachlichen Niveau galt es zu betreuen. Kein Problem, dachten wir: Wir sprechen Englisch, Französisch, Italienisch und auch etwas Spanisch; wer also, wenn nicht wir?

Drei Leute, allen voran Franziska, Krankenschwester, ‚Dr. Manuel‘, ein pensionierter hoher Finanzbeamter, sowie Elfriede hatten schon gute Vorarbeit geleistet und eine stattliche Anzahl an Asylbewerbern für ihren Unterricht begeistern können.

Hier konnten wir also einsteigen und unsere Hilfe anbieten. Die Unterkunft für Asylbewerber in Oberstätten (ein Ortsteil von Rassnach), wo Franziska unterrichtete, so oft es ihr enger Zeitplan als ‚Schichtarbeiterin‘ im Krankenhaus 50 km vom Wohnort entfernt erlaubte, war vollgepflastert (im positivsten Sinne) mit Bildern und Transparenten: deutsche Wörter, Grammatik, Telefonnummern von Ärzten, Notrufnummern, etc.

Dr. ‚Manuel‘ hatte in Rassnach alles bestens im Griff. Er erteilte nicht nur Deutschunterricht, sondern engagierte sich auch in anderer Hinsicht, z.B. Besorgung dringend benötigter Kleidung, Bemühung um sinnvolle Freizeitgestaltung usw. Da er, bis dahin ganz alleine unterrichtend, logischerweise nur ein bestimmtes Niveau bedienen konnte, hatte er sich für die sprachliche Förderung der „Fortgeschrittenen“ entschieden.

Schnell erkannten wir, dass wir mit unserem Unterrichtsangebot neue Wege gehen konnten. Wir sahen die Notwendigkeit zu differenzieren. Wenn jeder von uns zwei bis drei Mal wöchentlich Unterricht anbieten würde, könnten wir effektiv mit kleinen, homogenen Gruppen arbeiten, Werner in Rassnach, ich zunächst in Oberstätten.

Es war anfangs schwierig, einen geeigneten Raum in Rassnach zu finden. ‚Dr. Manuel‘ hatte seinen Unterricht in der dortigen Unterkunft im Flur gehalten. Hier war aber auch die ‚Küche‘, und es war sehr eng und dunkel. Deutschlernen wurde also immer von Kochgeräuschen, Kochdünsten und neugierigen Mitbewohnern begleitet.

Ingrid und ich versuchten ein Klassenzimmer in der Schule zu bekommen. Das scheiterte vornehmlich aus zwei Gründen: Erstens verfügt die hiesige Schule über eine Schließanlage, die während der Ferien nicht aktiviert wird, und zweitens gab es die Bedenken, dass, sollte etwas aus den Klassenzimmern verschwinden, automatisch die Asylbewerber zum Sündenbock gemacht würden.

Letztendlich stellte uns die Gemeinde die Küche in einem gemeindeeigenen Mehrzweckgebäude zur Verfügung. Wir bekamen eine ausrangierte Schultafel, einen Overheadprojektor und zwei Stellwände. Wasser war auch da, also für unsere Bedürfnisse perfekt.

Ich kann mich zwar an das genaue Datum nicht erinnern (leider habe ich erst vor kurzem von mir geführte Listen und Aufzeichnungen „entsorgt“) – es war jedenfalls Anfang März 2015, als ich mich mit Sebastian, dem Asylberater der Caritas, in der Unterkunft in Rassnach traf. Er hatte für zehn Uhr acht Asylbewerber zusammengetrommelt, die seiner Ansicht nach in meinen „Anfängerkurs“ passten – drei aus Afghanistan, drei aus Mali, einer aus dem Senegal und einer aus Sierra Leone, alles junge Männer zwischen 18 und 33 Jahren. Als ich mir ihre Namen aufschreiben wollte, gab es gleich das erste Problem: Ich verstand die Namen nicht, einige konnten diese nicht einmal schreiben. Aber nachdem am Ende alle ihre Ausweise, also ihre Aufenthaltsgestattung, vorgelegt hatten und ich so die Namen vor Augen hatte, zogen wir gemeinsam los Richtung „Schule“ (so wurde ab sofort die Küche in dem vorhin erwähnten Gebäude genannt und hat diesen Namen bis heute behalten). Und das ist so ein Bild, das sich in meinen Kopf eingebrannt hat: Skeptisch beäugt von den wenigen Passanten gehen wir im „Gänsemarsch“ den Marktplatz hinunter, allesamt wahrscheinlich ziemlich gespannt darauf, was das nun werden soll.

Auch ich wollte den Unterricht aus den Unterkünften in eine ‚Schule‘ verlagern. Elfriede unterrichtete bereits im Gruppenraum der Feuerwehr in Oberstätten. Das Problem dort war aber, dass der Raum verschiedenen Vereinen zur Verfügung stand und nicht immer sauber hinterlassen wurde. So musste ich vor meinem Unterricht am Samstag immer erst die (halb)leeren Bier- und Schnapsflaschen, dreckigen Gläser usw. wegräumen, die die Landjugend am Freitagabend zurückgelassen hatte. Eseyas, ein kleiner ‚Putzteufel‘ aus Eritrea, der oft schon vor mir da war, kehrte die verschütteten Chips zusammen und wischte die klebrigen Tische und den Fußboden sauber. Ein weiterer Nachteil war, dass Tische und Stühle jedes Mal vor dem Unterricht aufgebaut und danach weggeräumt werden mussten. Eigentlich kein Thema, das machten unsere ‚Asylis‘ sowieso ohne Aufforderung. Es gab aber nicht genügend Tische und so saßen die Leute so gedrängt, dass kaum Platz für Hefte und Bücher war. Auf Dauer wollte ich diese Zustände nicht ertragen und vor allem die Asylbewerber nicht die Drecksarbeit für die deutschen Jugendlichen, die eigentlich Vorbild hätten sein sollen, machen lassen.

Ein großes Problem in Oberstätten war, dass die Schüler anfangs kamen, wann sie wollten. Einige waren immer sehr pünktlich, andere erschienen teilweise erst eine Viertelstunde vor Unterrichtsschluss. Elfriede sah das sehr gelassen, da ja „die Busse in Afrika auch erst fahren, wenn sie voll sind“, und wir froh sein müssten, wenn unser Deutschunterricht überhaupt angenommen würde. Das widersprach allerdings meiner Überzeugung total, sollten doch die Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt mit der Forderung nach absoluter Pünktlichkeit integriert werden. Ich sperrte also die Haustüre ab, sobald der Unterricht begann. Wer aber Tausende Kilometer Flucht hinter sich hat, nimmt diese Hürde mit links. Schnell wurde der Weg an die Rückseite des Gebäudes zu den Fenstern gefunden und dort geklopft. Also musste ich erst einmal Erziehungsarbeit leisten, das heißt durch pünktliches Erscheinen Respekt vor meiner Arbeit zu zeigen, zuerst mich als Frau zu grüßen, Türen aufzuhalten etc. Dankbar nahmen die Schüler diese Benimmregeln an, halfen sie ihnen doch auch im Alltag weiter.

Als der von den Asylbewerbern äußerst geschätzte ‚Dr. Manuel‘ dann schwer erkrankte und seine Arbeit nicht mehr fortführen konnte, entschloss ich mich nach Rassnach, unserem Wohnort zu wechseln. Somit hatten sowohl Oberstätten als auch Rassnach je zwei Deutschlehrer.

Ich hatte nun in Rassnach wie auch schon vorher in Oberstätten zwei verschiedene Gruppen, Anfänger mit wenig Deutschkenntnissen und Fortgeschrittene, die gerne mehr gefordert sein wollten. Schnell zeigte sich, dass die einzelnen Asylbewerber sich in einer einigermaßen homogenen Gruppe wohler fühlten als in einer Gruppe, wo die Schere weit auseinander geht. So dauerte es auch nicht lange, bis die Asylbewerber aus Oberstätten den vier Kilometer langen Weg nach Rassnach in Kauf nahmen um zusätzlich hier am Unterricht teilzunehmen.

Von Anfang an hatte ich meinen Unterricht um zehn Uhr vormittags angeboten. Entgegen Elfriedes Meinung (‚Da schlafen die doch noch‘) waren meine Schüler froh, aufstehen zu dürfen und eine Aufgabe zu haben.

Unsere Schüler konnte man immer gut auf der Straße erkennen. Dank der hiesigen Sparkasse hatten wir sie als erstes mit roter Stofftasche, Block, Kugelschreiber, Bleistift und Radiergummi ausgestattet. Ausrangierte Leitzordner bekamen wir von der Gemeinde. Die Lehrbücher erhielten wir kostenlos über die Freiwilligenagentur (ein kommunales Netz von Ehrenamtlichen), sofern wir mindestens fünf Personen mindestens 90 Minuten pro Woche unterrichteten. Beide Voraussetzungen konnten wir locker erfüllen.

Natürlich war nach 90 Minuten nicht Schluss. ‚Unsere‘ Asylbewerber hatten immer noch mehr auf dem Herzen: amtliche Schreiben, die sie nicht verstanden, Vorladungen zu Terminen bei Rechtsanwälten, im Landratsamt etc., leider nur sehr sporadisch Termine beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) zum sogenannten Interview, also der Anhörung zu ihren Fluchtgründen. Die Termine beim BAMF stellten sowohl Betroffene als auch uns Helfer vor große Probleme, da sie immer auf acht Uhr morgens in München anberaumt waren. Unmöglich, das vom mindestens 100 km entfernten Rassnach zu schaffen! Der früheste Bus in die 15 km entfernte Kreisstadt geht um sechs Uhr, mit dem Zug nach München Hauptbahnhof dauert es eine weitere Stunde und von dort zum BAMF......

Deshalb empfahlen wir den ‚Geladenen‘ immer schon am Vorabend nach München zu fahren und bei Freunden dort zu übernachten um am nächsten Tag pünktlich im BAMF zu sein.

Trotzdem wurden einige Asylbewerber am späten Nachmittag wieder ‚nach Hause‘ geschickt, weil zu viele Personen einbestellt worden waren. Das heißt: neuer Termin in ….. Wochen, ohne Gewissheit, dass es das nächste Mal klappen würde.

Befremdlich für uns ‚Insider‘ war, ständig in der Presse zu lesen, dass Anhörungen sehr zeitnah, also innerhalb weniger Wochen nach Stellen des Asylantrags behandelt würden. Vor Ort mussten wir miterleben, dass die Mehrheit der Asylanträge bis zu teilweise drei (!!!) Jahren unbearbeitet beim BAMF lag. Wir konnten die Frustration bei den Flüchtlingen nachvollziehen, fühlten doch auch wir uns durch die geschönten Zahlen mehr als vera......t.

In der „Schule“ angekommen, stelle ich mich zunächst einmal vor. Da gibt’s aber gleich die erste Schwierigkeit: Wie erkläre ich den Unterschied zwischen Vorname und Familienname? „Du: Fatah, ich: Werner““ ist die Lösung. Es stellt sich nämlich heraus, dass drei Leute noch nie (!) eine Schule besucht haben, dass sie weder lesen noch schreiben können – auch nicht in ihrer eigenen Sprache. Die zwei Analphabeten aus Mali verstehen zwar „Französisch“ (ein Französisch, das ungefähr genau so viel zu tun hat mit der Hochsprache wie der Bayerwalddialekt mit Hochdeutsch), der Analphabet aus Afghanistan aber versteht außer seinem Farsi gar nichts – und Farsi kann ich nun wirklich nicht.

Diese Schwierigkeit wird mich in den ersten Monaten begleiten. Ich habe als „gelernter“ Lehrer auch schon in ersten Klassen unterrichtet, kenne mich mit dem Unterrichten von Analphabeten also ein bisschen aus. Es gibt hierzu jetzt aber einen großen Unterschied: Wenn ich in einer deutschen 1. Klasse am ersten Schultag sage, die Kinder sollen einen Stift in die Hand nehmen, verstehen sie das, auch wenn sie noch nicht lesen können. Das ist bei meinen “Asylis“ (ich werde sie, wenn auch politisch nicht korrekt, für mich weiterhin liebevoll so nennen) jetzt anders: Sie verstehen nur ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Respekt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen