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Requiem für einen Saumagen

Prolog

Rosenbach in der Südpfalz, Oktober 1990

Paul hatte sich oft gefragt, wann er wohl zum ersten Mal einen Toten sehen würde. Was empfanden die Menschen gemeinhin im Angesicht des Todes?

Neugier? Erleichterung, weil es einen anderen erwischt hatte? Mitgefühl? Oder Ekel? Dass er unversehens auf zwei Menschen stieß, die gestern noch springlebendig gewesen waren, nun aber leblos wie Schaufensterpuppen vor ihm lagen, überforderte ihn ein wenig, denn er konnte sich schlecht entscheiden, welche der beiden Leichen er sich zuerst anschauen sollte: die Frau, die bäuchlings über einem Tisch zusammengebrochen war, oder den jungen Mann auf dem Fußboden. Sonderbarerweise kümmerte es ihn nicht im Geringsten, wie die beiden gestorben waren und warum außer ihm keiner im Haus etwas davon mitbekommen hatte. Allerdings fand er es reichlich unverfroren, dass sie ein solches Durcheinander angerichtet hatten. Man ging doch nicht zum Sterben in eine Wirtschaft und legte sich einfach vor den Ausschank. Einen kurzen Moment lang blitzte Pauls Gewissen auf. Es drängte ihn, um Hilfe zu rufen. Aber wenn er das tat, würden sich andere um seine Leichen kümmern. Ihn würde man zurück ins Bett schicken, noch bevor er auch nur einen Blick auf die beiden hatte werfen können. Nein, entschied er. Da er sie gefunden hatte, stand ihm das Recht zu, eine Weile mit ihnen allein zu bleiben. Er richtete den Strahl der Taschenlampe auf das Gesicht des Mannes.

Und zuckte vor Schreck zusammen, als dieses sich zu einer Grimasse verzerrte.

Er lebt noch, schoss es Paul durch den Kopf. Mit Herzklopfen bewegte er sich auf den am Boden Liegenden zu. Darauf schien dieser jedoch nur gewartet zu haben. Mit einem Stöhnen auf den Lippen schoss der Mann empor. Doch statt nach Paul zu greifen, umklammerte er die Beine der Frau. Dann hob er den Kopf und fluchte, weil der Schein der Taschenlampe ihn blendete. »Licht aus!«

Paul gehorchte. Er spürte nichts außer Enttäuschung in sich. Aber warum? Weil der Mann nun doch nicht tot war, wie er angenommen hatte?

»Bleib hier«, sagte der Fremde überflüssigerweise, denn Paul machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Der Kerl war noch jung, nur ein paar Jahre älter als Paul, und kaum größer.

»Ich tu dir nichts. Ihr wollte ich auch nichts antun. Es war … ein Unfall, verstehst du? Steh doch nicht so herum und glotz mich an. Sag etwas.« Er fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. »Hilf mir, ich geb dir, was du willst! Vorausgesetzt, du kannst schweigen.«

Paul zuckte die Achseln. Schweigen? Ja, das konnte er. In diesem Nest gab ohnehin keiner etwas auf die Meinung eines Laufburschen. Daran hatte er sich inzwischen gewöhnt.

»Einen Mord zu vertuschen ist aber nicht billig!«, hörte Paul sich sagen, wobei ihm seine eigene Stimme fremd vorkam. In einem Krimi sprach man so, aber doch nicht hier. War das alles nur ein dummer Scherz? Ein Streich der reichen Taugenichtse, denen er neuen Wein bis zum Abwinken servieren musste? Während er noch darüber nachdachte, spürte er, wie ein Adrenalinstoß die letzten Reste von Angst und Skrupel aus seinem Körper schwemmte. Der Kerl, der auf dem Boden kauerte, hatte gar nicht den Mumm, um ihm gefährlich zu werden. Er war nichts weiter als ein Jammerlappen.

»Mord?«, keuchte der Mann endlose Augenblicke später. Das Wort schien lange gebraucht zu haben, um seinen Verstand zu erreichen. »Aber ich sagte doch, dass es ein Unfall war.«

Paul nickte, obwohl er ihm das nicht abnahm. Er dachte an seinen Chef, der den Burschen und seine Freunde so gern für einen Appel und ein Ei übernachten ließ. Der Alte behauptete, das sei ein uralter Brauch, gewissermaßen ein Pakt, der seit Jahrhunderten zu diesem Haus gehörte. Außerdem sei es nicht an ihm, seine Entscheidungen zu kritisieren. Dieser Idiot.

Ein Blick aus dem Fenster bestätigte Paul, dass es immer noch regnete. Seit den frühen Abendstunden schüttete es wie aus Kübeln. Bei diesem Sauwetter trieben sich nicht mal Katzen draußen herum. Die wenigen Winzerhäuser, die bis an den Rand der Felder reichten, verschwammen hinter den regennassen Scheiben wie schwarze Ölflecke.

»Wir schaffen die Alte einfach fort«, sagte er nach kurzem Zögern. Bei dem Gedanken, eine Tote anzufassen, wurde ihm schlecht, aber er musste sich zusammenreißen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er in der Position, einem anderen Befehle zu erteilen. Das würde er sich nicht nehmen lassen. Es kam nur darauf an, dass der Kerl in ihm einen Hoffnungsschimmer, nein, sogar seine einzige Rettung sah. Nur Retter wurden belohnt, Versager gingen leer aus.

»Du wirst alles tun, was ich dir sage, ansonsten kannst du deine Leiche allein durch die Weinberge schleifen.« Paul steckte seine Hände in die Hosentaschen, damit der andere nicht sah, wie sehr sie zitterten. Worauf ließ er sich ein? War er verrückt geworden? Vermutlich hätte er gut daran getan, in seinem Kämmerchen zu bleiben, einen Joint zu rauchen und sich die Decke über den Kopf zu ziehen.

»Und wenn man uns sieht?«

»Ich kenne einen Ort, wo man sie in zweihundert Jahren nicht finden wird. Vorausgesetzt, du hältst dicht. Alle im Dorf werden denken, dass sie es satt hatte, hier zu versauern, und mit einem ihrer Liebhaber auf und davon ist.«

»Mit einem Liebhaber? Du lügst! Sie ist nicht so eine.«

»Ja, glaubst du denn, du wärest der Einzige gewesen, mit dem sie es hier getrieben hat? Los jetzt, geh in den Keller und bring mir etwas, worin wir sie einwickeln können.«

Paul wartete, bis der junge Mann den Raum verlassen hatte, dann atmete er tief durch und dachte nach. Wenn er es geschickt anstellte, konnte er seinem Chef und dem miesen Job bald einen Fußtritt geben. Was er brauchte, war ein Beweis für die Schuld des Jungen. Eine Versicherung, die seinen neuen Partner daran erinnern sollte, wem er es zu verdanken hatte, wenn er nicht im Knast verschimmelte. Doch dafür musste er sich wohl oder übel an der verdammten Leiche zu schaffen machen. Den Anhänger an ihrem Kettchen hatte er noch nie gesehen. Normalerweise trug sie kein altmodisches Zeug, aber da der Typ versucht hatte, sie damit zu strangulieren, ließen sich auf dem Silber sicher Fingerabdrücke feststellen. Noch viel besser waren Hautfetzen unter den Nägeln der Toten, das wusste er aus dem Fernsehen. Er kannte auch ein Versteck dafür. Ein bombensicheres Versteck.

Paul holte aus einer Schublade beim Ausschank ein scharfes Messer und einen Spüllappen, dabei lauschte er, ob draußen alles still blieb. Die Gäste schliefen oben ihren Rausch aus, so bald würden sie nicht herunterkommen. Und das Schlafzimmer des Chefs lag zum Garten raus. Soweit Paul wusste, nahm der Alte Schlaftabletten.

Er kniete sich neben die Leiche der jungen Frau. Hübsch war sie mit ihren blonden Haaren. Sie sah aus, als schliefe sie nur. Verdammt, sollte er das wirklich tun? Sich mit einem Mörder verbünden? Eine Leiche verstümmeln? Erneut verkrampfte sich sein Magen. Das hier war kein Kinofilm.

Draußen nahm der Sturmwind zu; er fuhr mit Gewalt durchs Gebälk des alten Schuppens, dass es ächzte und stöhnte wie ein Poltergeist.

Durch das Fenster sah Paul die Scheinwerfer eines Wagens, aber er hielt nicht, sondern fuhr langsam weiter.

Blutete ein Leichnam? Ein einziger Finger würde ihm ja schon genügen, er durfte nur den Nagel nicht verletzen.

Paul zitterte, als er die Klinge am mittleren Glied des rechten Zeigefingers ansetzte und auf das Geräusch des zersplitternden Knochens wartete. Doch als er das Messer mit einem Ruck durch das Gelenk drücken wollte, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte.

Die Tote zuckte zusammen, dann hob sie den Kopf. Ein pfeifender Laut entwich den vollen, halbgeöffneten Lippen. Nun blickte sie ihn aus glasigen Augen an, und ihr Gesicht verzerrte sich, als begreife sie, was er mit ihr vorhatte. Paul sprang entsetzt zurück. Verdammter Mist, dachte er. Der Stümper hatte sie nicht getötet, nur bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Damit war ihr schönes Geschäft geplatzt. Aus und vorbei. Es gab keine Leiche. Paul würde wieder einmal leer ausgehen. Von dem Ärger, den die Alte machen würde, ganz abgesehen.

Wieder röchelte die Frau. Während sie ihren Kampf um Atemluft ausfocht, sah Paul zu, wie ihre Finger sich in die Tischplatte bohrten, bis die Nägel splitterten. Benommen wandte er sich ab und schleppte sich zum Telefon. Die Nummer des Arztes hing an der Pinnwand. Er tippte die erste Ziffer ein, dann stockte er. Die Frau war tot gewesen. Zumindest hatte er das geglaubt. Und, was wichtiger war, ihr Mörder glaubte es noch immer. Er wählte nicht weiter.

»Ist er abgehauen, der … miese, kleine Bastard?« Es war nur ein heiseres Krächzen, kaum kräftiger als ein Zischen. Aber doch zu verstehen.

Paul schüttelte den Kopf.

»Ruf die Polizei … nein, wecke meinen Mann. Dafür wird das Schwein bezahlen! Er wird niemals erfahren, was er von mir hören wollte. Hörst du? Niemals!«

Paul starrte sie an. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, fand aber auch, dass jemand für diese Nacht bezahlen musste.

Kurz entschlossen legte er den Hörer auf. Dann bewegte er sich langsam auf die Frau zu.

1. Kapitel

Ludwigshafen am Rhein, zweiundzwanzig Jahre später.

Kriminalhauptkommissar Stephan Bick wurde, wie er annahm, mitten in der Nacht von der Türklingel aus dem Schlaf gerissen. Einen Augenblick lang überlegte er, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als wäre er nicht zu Hause. Schließlich hatte er dienstfrei, was an Feiertagen nicht oft vorkam. Sein Wagen konnte ihn nicht verraten, der war in der Werkstatt. Max hatte sich erboten, das Aufziehen der Winterreifen zu übernehmen, aber der Ärmste war stark erkältet und hustete sich schon seit Tagen die Lunge aus dem Leib. Daher hatte Bick sein Angebot abgelehnt. Auf dem Revier hatten sich schon fünf Kollegen wegen Grippe krankgemeldet, da durfte er nicht riskieren, dass Max ausfiel. Außerdem mussten die Autowerkstätten in Ludwigshafen auch irgendwie über die Runden kommen.

Es läutete erneut.

Der Störenfried vor der Tür ließ sich nicht abwimmeln. Er schien zu wissen, dass Bick in der Wohnung war. Denn nun verlegte er sich aufs Klopfen. Dumpf hallten seine Schläge durch das kahle Treppenhaus. Wie die Dinge lagen, blieben Bick noch etwa vierzig Sekunden, um aus dem Bett zu springen und in Boxershorts zur Tür zu laufen, bevor Frau Görcan von nebenan mit ihrer schrillen Stimme das ganze Haus zusammenschreien würde. Frau Görcans Mann war kein Polizeibeamter wie Bick, wusste aber aus dreißigjähriger Berufserfahrung, wie hart es sein konnte, sich frühmorgens aus den Federn zu quälen, um zum Schichtdienst aufzubrechen. Sein Schlaf war heilig, und dafür hatte Bick vollstes Verständnis.

Bevor Bick den Flur durchquert hatte, stand fest, dass er den Wettlauf gegen Frau Görcan verlieren würde. Durch die geschlossene Tür konnte er hören, wie sie sich auf dem Flur mit jemandem unterhielt.

»Herr Bick, sind Sie wach?«, brüllte Frau Görcan durchs Treppenhaus. »Besuch für Sie!«

Bick entfernte die Sicherheitskette und machte einen Schritt zur Seite, um seine Schwester Christina einzulassen. Frau Görcan folgte ihr munter plaudernd bis in die Küche. Vielleicht war sie der Meinung, sie habe sich nach der Schützenhilfe, die sie Christina beim Sturm auf seine Wohnung geleistet hatte, eine Tasse Kaffee verdient. Außerdem mochte sie Christina. Zu Bicks Erleichterung rief Herr Görcan, den das Geschrei auf dem Flur geweckt hatte, nach ihr, noch bevor sie es sich gemütlich machen konnte.

»Faulpelz«, sagte die Nachbarin enttäuscht. »Den ganzen Tag schlafen. Immer schlafen.«

»Sei froh, dass du so freundliche Nachbarn hast!« Christina setzte sich auf einen von Bicks rot gepolsterten amerikanischen Diner-Küchenstühlen und schlug die Beine übereinander. Ein feiner Hauch von Knoblauch, Minze und Rosmarin lag in der Luft. Bick hatte bis spät in die Nacht hinein gekocht, um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Mit Erfolg: Die Hirschkalbsmedaillons in Johannisbeer-Rotwein-Soße waren auf der Zunge zergangen, und von den Ingwer-Marzipan-Törtchen hatte er vier Stück verputzt.

»Meine Nachbarn stecken mit Felix unter einer Decke, hättest du das geahnt?« Christina schüttelte den Kopf, um zu unterstreichen, wie empört sie war. Obwohl es noch früh am Morgen war, sah sie aus, als hätte sie gleich ein Fernsehinterview. Sie trug Schmuck und duftete nach einem blumigen Parfüm, das allmählich die letzten Küchendünste überdeckte.

»Sie gehören alle zu Felix’ Golfklub, eine verschworene Gemeinschaft der übelsten Sorte. Weißt du, dass die Blondine von gegenüber mich beschattet hat? Sie hat notiert, wann und mit wem ich das Haus verlassen habe und mit wie vielen Einkaufstaschen ich aus der Stadt zurückgekommen bin.«

»Wieso? Ist sie Privatdetektivin?«

»Ach was, sie ist die größte Klatschbase vor dem Herrn und außerdem scharf auf Felix. Vermutlich stand sie nach meinem Auszug mit einer Flasche Champagner vor der Tür, um mit ihm gemeinsam auf seine Freiheit anzustoßen. Die Alte wird sich noch wundern, wie schnell sie abserviert wird.«

Bick begann im Korridor zu frieren. Während er in seine Jeans schlüpfte, ließ sich Christina über seine Kücheneinrichtung aus, die sie unpraktisch fand. Dabei verstand sie überhaupt nichts vom Kochen. Während ihrer Ehe mit dem wohlhabenden Unternehmensberater Felix von Haller war dafür eine Köchin bezahlt worden. Mit der Leidenschaft ihres Bruders fürs Kochen hatte sie sich nie so recht anfreunden können. In Felix von Hallers Kreisen gehörten Köche, sofern sie keine Nobelrestaurants besaßen oder in Fernsehshows mit hohen Einschaltquoten auftraten, zum Hauspersonal. Und ein Kripobeamter, der gern am Herd stand, weil ihm dabei die besten Einfälle kamen, war so ziemlich das Verrückteste, was sie sich vorstellen konnte.

Christinas Blick fiel auf eine bis zum Rand mit Süßigkeiten gefüllte Schale, die neben der Mikrowelle auf der Arbeitsfläche stand. »Wie ich sehe, hast du meinen Rat befolgt und etwas für die Kinder im Haus eingekauft. Wie viele haben denn gestern geklingelt?«

»Geklingelt?« Mit einer zerstreuten Geste fuhr Bick sich durchs Haar. »Bei mir?«

»Sag jetzt bitte nicht, dass du Halloween vergessen hast. Frau Görcan hat mir erzählt, dass im Haus nette, alleinerziehende Frauen wohnen. Die Zahnärztin im Erdgeschoss macht doch beispielsweise einen sympathischen Eindruck. Über Kinder und Hunde kommt man leicht an Frauen heran. Muss ich dir das wirklich erklären?«

»Es haben keine netten, alleinerziehenden Frauen bei mir geklingelt.« Bick schenkte seiner Schwester ein Glas Orangensaft ein. Er erinnerte sich nun wieder, dass Christina ihn vor zwei Tagen angerufen und demonstrativ aufgefordert hatte, die Nachbarschaft nicht mit seinen Launen zu vergraulen, sondern freundlich auf sie zuzugehen. Insbesondere auf die Damen im Haus, die erst dann Notiz von ihm nehmen würden, wenn er endlich anfing, sich für mehr zu interessieren als für Mordfälle und Kochbücher.

Tatsächlich hatte Bick am Abend zuvor Kinder in Scharen von Tür zu Tür ziehen sehen, die von ihren Eltern als Hexen, Vampire oder Massenmörder kostümiert worden waren und sich aufgrund dieser Aufmachung das Recht herausnahmen, von fremden Menschen Süßigkeiten zu fordern. Bick hatte sich in diesem Jahr dazu durchgerungen, den Spaß mitzumachen, aber nicht ein einziges Kind hatte sich blicken lassen. Seine Wohnungstür war übersehen worden, als hätte eine dichte Nebelwand vor ihr gelegen. Zeitgleich hatten drüben bei Görcans Jubel, Trubel und Heiterkeit geherrscht.

»Du wirkst aber auch viel zu unnahbar«, urteilte Christina kopfschüttelnd. »Wahrscheinlich hast du beim Schnippeln und Brutzeln mal wieder alles um dich herum vergessen. Manchmal denke ich, du genießt es sogar, wenn deine Nachbarn und Kollegen dich links liegenlassen. Aber so warst du ja schon immer. Alles muss sich um dich und deine Empfindlichkeiten drehen. Wenn du ein richtiger großer Bruder wärst, hättest du mir schon vor drei Jahren abgeraten, mich mit Felix einzulassen.«

Bick beschloss, Christinas Vorwurf zu überhören. Christina suchte einen Sündenbock, aber in diese Rolle würde er sich gewiss nicht drängen lassen. Wie um alles in der Welt hätte ausgerechnet er seiner eigensinnigen Schwester klarmachen sollen, dass sie sich von einem Blender hatte einwickeln lassen, der seine platinblonden Geliebten öfter wechselte als seine italienischen Seidenhemden? Hätte Christina, die sich in Windeseile an ein Leben in Luxus gewöhnt hatte, seine Bedenken ernst genommen? Bestimmt nicht. Also hatte er den Mund gehalten und war seinem Schwager aus dem Weg gegangen, so gut es eben ging. Das Beste, was Bick über den Schnösel sagen konnte, war, dass er ein saftiges Filet Mignon zu schätzen wusste. Christina dagegen sah mit ihrem kupferroten Kurzhaarschnitt und den grünen, leicht schräg stehenden Augen nicht nur umwerfend aus, sondern hatte auch genug im Kopf, um ein Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre mit erstaunlich guten Noten zu absolvieren. Das hatte von Haller nicht in den Kram gepasst. Von Frauen, die ihren Verstand gebrauchten, hielt er wenig. Bick war daher erleichtert, dass seine Schwester einen Schlussstrich unter die Beziehung gezogen hatte und aus dem schicken Bungalow der von Hallers ausgezogen war. Wie weh ihr das Scheitern ihrer Ehe trotz allem tat, brauchte sie ihm nicht zu sagen. Er verstand es sehr gut. Was Beziehungen anging, waren sie wohl beide gebrannte Kinder; kein Wunder, wo doch schon die Ehe ihrer Eltern in die Binsen gegangen war.

Bick setzte einen Kaffee auf, dann verschwand er im Bad, um sich zu rasieren. Er war ein durchschnittlich großer Mann, dessen schlaksiger Körper in keiner Weise erkennen ließ, dass er für sein Leben gern kochte. Tatsächlich konnte er Unmengen an Lebensmitteln vertilgen, ohne auf sein Gewicht achten zu müssen. Christina, die ständig neue Diäten ausprobierte, fand das beklagenswert ungerecht, doch darin erschöpfte sich der geschwisterliche Neid auch schon, denn für wirklich gutaussehend hielt sie Bick nicht. Seinen Augen fehlte ihrer Meinung nach jeder Glanz, sein struppiges, aschblondes Haar war so störrisch, dass es sich nicht einmal mit Gel glätten ließ, und das schmale, kantige Gesicht wirkte so blass, als hauste er in einem fensterlosen Kellerbüro. Dabei erfreute sich Bick bester Gesundheit und war, seit er bei der Kripo arbeitete, nur ein einziges Mal krankgeschrieben worden, weil er sich während eines Einsatzes die Schulter ausgekugelt hatte. Er und sein Team bearbeiteten oft Fälle, die neben Scharfsinn auch Ausdauer und ganzen Körpereinsatz erforderten. Bick war dank Max, der mit ihm fast täglich auf der Parkinsel joggen ging, körperlich recht fit. Dessen ungeachtet wäre kaum jemand, der ihn nicht kannte, auf die Idee gekommen, er könnte Kripobeamter sein.

»Ich war vorgestern bei meinem Notar«, sagte Christina. Inzwischen zog ein aromatischer Kaffeeduft durch die Wohnung, der Bicks Stimmung schlagartig hob.

»Du meinst, du warst bei deinem Anwalt, wegen der Scheidung?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich war beim Notar. Janne hat mir geraten, Felix’ Abfindung vernünftig anzulegen. Und vernünftig heißt in diesen Zeiten in Betongold.«

»Du sprichst von Immobilien?« Bick kam aus dem Bad, sah aber, obwohl er den Rasierer bestimmt fünf Minuten über sein Gesicht gejagt hatte, kaum weniger stoppelig aus.

Christina schenkte ihnen Kaffee ein. »Ich habe die Ritterschmiede in Rosenbach gekauft.«

»Du hast … was?«

Ritterschmiede, gastlich Haus

Mit den Füßen voran trägt man dich raus.

Bick verbrannte sich die Zunge am heißen Kaffee, als ihm der alte Reim aus seiner Kindheit einfiel; jäh setzte er die Tasse ab. »Bist du übergeschnappt? Du hast dein ganzes Geld für eine heruntergekommene Spelunke in der Pampa ausgegeben?«

»Es war ein Schnäppchen«, erwiderte Christina beleidigt. »Das Haus steht seit Jahren leer, und Janne ist mit mir hingefahren, um es sich anzusehen. Sie ist auch der Meinung, dass wir daraus eine Goldgrube machen können.«

»Nichts gegen deine Freundin Janne, aber sie ist Kosmetikerin, das heißt, sie war es, bevor ihr Salon pleitegegangen ist. Das macht sie nicht zur Expertin für Immobilien. Was hast du für den alten Kasten bezahlt? Vermutlich bist du übers Ohr gehauen worden.«

Christina stand auf und nahm ihren Mantel von der Stuhllehne. Sie sah verärgert aus. »Das ist mal wieder typisch für dich«, sagte sie. »Immer musst du den Bullen spielen, und überall witterst du ein Verbrechen. Meine Bank war längst nicht so misstrauisch wie du. Sie hat das Finanzierungskonzept, das ich ausgearbeitet habe, vorbehaltlos akzeptiert.«

Bick beschloss, den Mund zu halten und seine Schwester nicht durch weitere Kritik gegen sich aufzubringen. Für jeden anderen hätte der Kauf tatsächlich nach einem guten Geschäft ausgesehen. Die Ritterschmiede wurde zwar seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet, befand sich aber in einem geräumigen Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert. Zum Besitz gehörten ein Innenhof, ein Garten und verschiedene Nebengebäude mit Weinkellern, deren Fundamente vermutlich schon im Mittelalter gelegt worden waren. Besonders vorteilhaft war die Lage des Gasthauses, denn es stand inmitten von Weinbergen. Gemeinsam mit der Ruine der Rietburg und der Villa Ludwigshöhe bescherte es jedem Touristen einen faszinierenden Anblick. Seit Jahren galt das Haus als beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen durch die Südpfalz. Christina verstand zwar von der Gastronomie in etwa so viel wie von Atomphysik, aber nach ihrem Fernstudium war ihr zuzutrauen, aus einem verlassenen Gasthof ein Hotel-Restaurant mit Wellness-Oase zu machen.

Bick gefiel die Sache trotzdem nicht. Ritterschmiede, gastlich Haus 

»Mein Anlageberater hat alles geprüft«, sagte Christina. »Und mit einem Architekten habe ich auch schon gesprochen. Er schlägt vor, das große Nebengebäude zum Hotel umzubauen. Dort ist genug Platz für den Wellness- und Saunabereich. Ich lasse große Panoramafenster einsetzen, damit die Gäste beim Baden den Blick auf die Weinberge und die Burg genießen können.«

»Du hast ja wirklich an alles gedacht«, sagte Bick. Er sah Christina prüfend an. Sie schien vor Tatendrang und Vorfreude zu bersten, aber gerade dieser Eifer alarmierte ihn. Stürzte sie sich nur deshalb in ein riskantes Abenteuer, um zu verdrängen, wie verletzt sie wegen Felix war? Und überhaupt: Warum musste es die Ritterschmiede in Rosenbach sein, in die sie ihr Geld investierte? Hatte sie schon vergessen, was sie sich als Jugendliche geschworen hatten? Wie sehr sie beide den Tag herbeigesehnt hatten, an dem sie das kleine Dorf mit all seinen bösen Erinnerungen verlassen konnten? Ihre Familie hatte nur drei Jahre dort gelebt, eine Zeit, die Bick aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte, weil sie von Armut, Unsicherheit und täglichen Demütigungen geprägt gewesen war. Er und Christina hatten sich vorgenommen, nie wieder einen Fuß in den Weinbauort zu setzen. Es gab dort bei aller Idylle etwas … Böses. Etwas, das Alpträume bescherte.

»Und wenn schon«, sagte Christina, als Bick sie an die Rosenbacher Jahre erinnerte. »Janne sagt, dass wir uns unseren Ängsten stellen müssen, wenn wir nicht an ihnen zugrunde gehen wollen. Sie hat mich daran erinnert, dass ich nicht als armes Mädchen zurückkehre, sondern als Geschäftsfrau mit einer Menge Kohle. Die einheimischen Handwerksbetriebe werden sich um meine Aufträge prügeln, und ich werde es genießen.« Sie lachte leise. »Rache ist süß.«

»Aber dir und deiner Kosmetikerin ist schon klar, dass Schimmel und feuchte Wände eure geringsten Probleme sein werden«, sagte Bick. »Der Gasthof stand schließlich nicht grundlos all die Jahre leer. Denkst du, die Gäste kehren gern in ein Restaurant ein, das möglicherweise einmal Schauplatz eines Verbrechens war?«

Christina hob die Augenbrauen. »Natürlich, warum denn nicht? Ich habe mich erkundigt. Es wurde nie bewiesen, dass in dem Haus jemand umgebracht wurde. Das sind doch alles Gerüchte und Schauermärchen, die von einem armen, verbitterten Mann in die Welt gesetzt wurden. Aber selbst wenn es so gewesen und etwas Schlimmes passiert wäre …«

»Dann liefe dort draußen ein Mörder frei herum, der es vielleicht gar nicht gern hat, dass jemand die Ritterschmiede wiedereröffnen will.«

»Unsinn! Du betrachtest die Sache schon wieder aus der Perspektive eines Kommissars.« Christina überlegte kurz. »Solche unheimlichen Geschichten von anno dazumal wirken doch heutzutage längst nicht mehr abschreckend, sondern sind die beste Werbung, die man sich nur wünschen kann. Die Leute gruseln sich gern. Je schauriger eine Geschichte, desto besser. Wir könnten Mörder-Dinner oder Lesungen von Krimiautoren bei Kerzenschein veranstalten. Ein uraltes Haus, das mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht wird, bietet dafür doch eine einmalige Kulisse.«

Bick stellte sich Christina vor, wie sie als Gangsterbraut verkleidet Wein und Obstler servierte, während Schauspieler sich mit Theatermessern den Garaus machten und dabei Tomatenketchup-Kunstblutflecken auf dem Fußboden hinterließen. Christina blickte ihn mit einem entwaffnenden Lächeln an. »Was mir jetzt noch fehlt, ist ein Fachmann, der mir hilft, die Ritterschmiede auf Vordermann zu bringen. Kulinarisch, meine ich. Ich möchte aus ihr ein Restaurant machen, über das die Leute reden. Ich sage dir, mein Konzept wird in Rosenbach einschlagen wie eine Bombe.

Eine Bombe, dachte Bick. Ja, vielleicht. Die Frage war nur, in wessen Tasche sie hochgehen würde.

2. Kapitel

Kai Holdermanns Blut tropfte von der Klinge des malaysischen Dolches auf den Bericht des Bauausschusses. Die Akte lag seit Tagen auf seinem Schreibtisch, aber bis heute hatte er sich nicht dazu durchringen können, sie zu lesen. Vermutlich würde er es auch nicht mehr tun.

»Ich bringe Ihnen Pflaster und Wundspray«, sagte seine Sekretärin trocken, die trotz des Feiertags auf einen Sprung ins Rathaus gekommen war, um ein paar E-Mails zu schreiben. »Sie sollten aufhören, mit diesem schrecklichen Brieföffner herumzuspielen. Sie sind doch kein kleines Kind mehr. Eines Tages schneiden Sie sich noch die Kehle durch. Das wäre eine Sauerei.« Die Frau blieb abwartend stehen. Ihre Miene drückte Besorgnis aus, und er wusste auch, warum. Sie hielt ihm andauernd unter die Nase, dass er zu viel arbeitete und niemals ausspannte.

»Noch was, Frau Gruber?«, fragte Holdermann gelangweilt. Sein Blick fiel auf das hübsche rote Strickkleid, in dem er seine Sekretärin noch nie gesehen hatte. Es betonte ihre Figur, war seiner Meinung nach aber zu kurz für eine Frau ihres Alters. Ihm fiel auch auf, dass sie Lidschatten aufgetragen hatte und nach einem teuren Parfüm duftete. Doch es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, nachzufragen, was sie mit ihrem freien Tag anzufangen gedachte. Ihr Privatleben ging ihn schließlich nichts an.

»Da ist ein Anruf aus Mainz«, sagte sie beiläufig. »Der Mann wollte seinen Namen nicht nennen, scheint aber zu wissen, dass Sie hier sind. Vermutlich gehört er auch zu denen, die ihr Bett im Büro aufschlagen.«

»Sonst noch was?«

»Sie haben nachher noch einen Termin im Weingut Bullinger, wegen der Präsentation der Spätlese. Vergessen Sie das nicht, sonst macht Ihnen der alte Knabe die Hölle heiß.«

Holdermann nickte. Ihm war jede Abwechslung willkommen, die ihn von dem Bericht des Bauausschusses ablenkte, sogar ein Anruf aus der Landeshauptstadt. Er wischte sich das Blut vom Finger, dann nahm er das Gespräch entgegen, während seine Sekretärin, diskret wie immer, die Tür hinter sich ins Schloss zog.

»Stimmt es, dass die Ritterschmiede jetzt doch verkauft wurde?« Die Stimme des Anrufers klang nicht nur gereizt, sie war schärfer als Holdermanns Brieföffner.

Holdermann sank in seinem Schreibtischstuhl zusammen. »Du?«, keuchte er. »Wir hatten ausgemacht, dass du mich nicht mehr anrufst, schon gar nicht im Amt …«

»Scheiß auf dein Amt, Holdermann! Du bist Ortsbürgermeister, nicht Bundeskanzler. Ich will nur wissen, ob das Haus nach all den Jahren wirklich verkauft wurde und was du nun zu tun gedenkst.«

Holdermanns Magen verkrampfte sich, als läge darin ein Kilo Kaugummi. Am liebsten hätte er das Gespräch auf der Stelle beendet, denn er wollte mit diesen Dingen nichts zu tun haben. Die Sache mit dem Gasthof hatte ihm als Ortsvorsteher zu viele schlaflose Nächte beschert. Wie oft hatte er schon zu hören bekommen, dass es eine Schande sei, ein geschichtsträchtiges Gebäude in bester Lage verfallen zu lassen. Die Mahnungen kamen natürlich nur von Neuzugezogenen und Touristen, niemals von den Alteingesessenen. Dass ihm als Ortsbürgermeister die Hände gebunden waren, schien keinen zu interessieren.

»Ja, ich hab’s gehört«, sagte er schließlich. »Das ganze Anwesen wurde verkauft, wir haben erst kürzlich davon erfahren.«

Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment lang Stille, dann zischte der Mann: »Das hättest du verhindern müssen. Wofür zum Teufel wirst du bezahlt?«

Holdermann wuchtete seinen Körper aus dem Bürostuhl und begann, im Raum auf und ab zu gehen. Er spürte ein unangenehmes Klopfen in seinem verletzten Finger, dennoch griff er erneut nach dem Brieföffner. »Warum hast du das Grundstück denn nicht selbst gekauft? Es war doch klar, dass das Haus nicht bis in alle Ewigkeit leerstehen würde. Der Alte hat sich lange gegen einen Verkauf gesträubt, aber er lebt in den Staaten und wird sich hüten, jemals wieder nach Deutschland zurückzukommen. Für den armen Teufel ist es ein Glücksfall, dass seine amerikanischen Anwälte endlich einen Investor gefunden haben. Das finanziert ihm sein Pflegeheim.«

»Ich hätte die Bude gekauft und plattgemacht, wenn ich rechtzeitig davon erfahren hätte. War im Ausland, und mein Büro hat gepennt. Wer zum Teufel ist dieser Investor?«

Mit einem Fluch auf den Lippen beugte sich Holdermann über seinen Laptop und rief die E-Mails vom Vortag ab. »Eine gewisse Christina von Haller aus Ludwigshafen«, sagte er. »Wie es aussieht, hat sie ehrgeizige Pläne. Ein Gourmetrestaurant mit Tagungshotel für gestresste Manager oder so was.« Er lachte, aber es klang gezwungen. »Ich habe noch nie was von dieser Person gehört, aber wenn du mich fragst, wird sie mit dem Projekt gehörig auf die Schnauze fallen.«

»Mag sein. Aber was ist, wenn sie anfängt, Fragen zu stellen? Du solltest ihr beibringen, dass die Leute es nicht mögen, wenn plötzlich eine Fremde auftaucht, die alles auf den Kopf stellt. Vor allem hat sie kein Recht, am Haus herumzupfuschen, hörst du? Es wird nichts verändert. Sollte es zu Umbauarbeiten kommen, wirst du mich sofort informieren.«

Holdermann versprach es zähneknirschend. Wie hatte er nur so dumm sein können, sich mit diesem Mann einzulassen? Gewiss, er war damals jung gewesen, aber das entschuldigte nichts. Wenigstens würde der Verkauf des Anwesens der Opposition im Gemeinderat vorerst den Wind aus den Segeln nehmen. Sollte man ihm diesen Erfolg zuschreiben, konnte es ihm nur recht sein. So wurde Politik gemacht. Allerdings war es gar nicht so abwegig, dass diese Frau an Dingen rühren würde, die besser nicht ans Licht kamen. Möglicherweise gehörte sie zu den Leuten, denen es Spaß machte, in einem alten Haus jeden Stein umzudrehen und in jeden staubigen Winkel zu kriechen.

Holdermann würde einen Weg finden müssen, das zu verhindern. Mit einer blitzschnellen Bewegung zog er die Klinge des Dolchs über seinen Daumen und wartete auf den erlösenden Schmerz.

Bick verspürte nicht die geringste Lust, an seinem freien Tag mit Christina nach Rosenbach zu fahren. Seit einer Viertelstunde nieselte es, so richtig hell würde es heute vermutlich gar nicht mehr werden. Genau der richtige Tag, um in der warmen Wohnung zu bleiben, den Fernseher einzuschalten und später eine Kleinigkeit zu kochen. Er hatte eine Lammschulter im Gefrierschrank, aber die würde vermutlich bis Weihnachten dort bleiben, denn nachdem er eine Weile mit Christina darüber diskutiert hatte, wie sinnvoll es war, bei diesem Wetter in die Südpfalz zu fahren, um ein verlassenes Haus zu besichtigen, streckte Bick resigniert die Waffen und zog seine Steppjacke an.

Sie nahmen Christinas Kombi, auf dessen Rückbank Bick nicht nur Decken und Isomatten fand, sondern auch einen gefüllten Proviantkorb, einschließlich Wein. Im Kofferraum lagen Gummistiefel und Taschenlampen. Was hatte Christina vor? Eine Höhlenexpedition in die Vogesen? Bick hatte im Stillen gehofft, bis zum Nachmittagskaffee wieder in Ludwigshafen zu sein. Als Christina ihren Wagen jedoch in flottem Tempo aus der Innenstadt und dann hinauf zum Autobahnanschluss lenkte, beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass er den Kaffee vergessen konnte.

Eine Weile fuhren sie schweigend über die Autobahn, auf der erstaunlich wenig Verkehr herrschte. Kurz vor Neustadt an der Weinstraße setzte Christina den Blinker, um die Ausfahrt zu nehmen.

»Ich finde, ein Stück Kuchen am Marktplatz kann uns beiden nicht schaden«, verkündete sie fröhlich. »Als kleines Dankeschön, weil du mitkommst.«

»Hatte ich denn eine Wahl?«, brummte Bick. Er verzog das Gesicht, stellte aber fest, dass Christinas Einladung in sein Lieblingscafé seine Laune hob. Neustadt an der Weinstraße, mit seiner malerischen Altstadt, den verwinkelten Gassen und den zahlreichen Kneipen rund um die mittelalterliche Stiftskirche, war sogar bei Regenwetter ein Ort, an dem Bick sich wohlfühlte. Er liebte die sanften Hügel des Haardtgebirges, die die Stadt umgaben, und genoss das milde Klima, das sogar Feigen und Granatäpfel reifen ließ. Zu Beginn seiner Karriere bei der Kripo hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich am Fuße der Haardt eine Wohnung zu suchen, doch bei seinen unmöglichen Dienstzeiten war es praktischer, in der Nähe des Polizeipräsidiums zu wohnen.

Wie Bick erfuhr, waren Kaffee und Kuchen nicht der einzige Grund für Christinas Abstecher nach Neustadt. Als sie das überfüllte Café am Marktplatz betraten, fiel ihm ein untersetzter Mann mit Nickelbrille und Halbglatze auf, der Christina an seinen Tisch winkte, um sie dort überschwänglich mit Küsschen auf beide Wangen zu begrüßen. Bick schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre. Sein dunkelgrüner Pullover wirkte selbstgestrickt und war mindestens zwei Nummern zu groß. Entweder hatte seine Ehefrau erst kürzlich die Handarbeit für sich entdeckt oder der Bursche lebte noch bei seiner Mutter, die ihm seit frühester Kindheit die Kleider herauslegte. Die enge Jeans, in der seine Beine wie Holzstämme aussahen, sollte ihm vermutlich eine jugendliche Note verleihen. Das Gegenteil war der Fall.

»Das ist mein Bruder Stephan«, stellte Christina Bick vor, nachdem sie sich zu dritt an den kleinen Bistrotisch gequetscht hatten. Vor Christinas Bekanntem stand ein Glas Kräutertee, aber er schien noch nicht davon getrunken zu haben.

»Er kennt das Haus noch von früher und ist so lieb, mich heute zu begleiten, auch wenn er die Ritterschmiede für eine Mördergrube hält.« Lächelnd legte Christina ihre Hand auf Bicks Arm. »Georg Winter ist mein Architekt. Ich habe dir schon von seinen tollen Ideen erzählt.«

Der Architekt mit den tollen Ideen begrüßte Bick mit einem gelangweilten Nicken, wobei er ihn nicht einmal ansah. Bick fragte sich, wo Christina diese Schlafmütze wohl ausgegraben haben mochte. Einen besonders kompetenten Eindruck machte er auf ihn nicht. Aber vielleicht hungerte Christina einfach danach, endlich wieder von einem Mann beachtet und bewundert zu werden. Und genau das tat dieser Winter. Noch bevor Bick einen Blick auf die Getränkekarte werfen konnte, bestellte er ihr einen Irish Coffee und ein Stück Baumkuchen. Christina hasste Baumkuchen, strahlte aber, als hätte man sie soeben zur Miss Germany gekürt.

»Ich möchte auch etwas bestellen«, rief Bick der Bedienung hinterher, aber die Frau rauschte geschäftig davon, ohne ihn zu beachten. Bick seufzte.

»Mein Bruder befürchtet, es könnte Schwierigkeiten wegen der Baugenehmigung geben«, wandte sich Christina an den Architekten, während dieser an seinem Tee nippte. »Aber das kann ich mir gar nicht vorstellen, schließlich will ich den Gasthof ja nicht abreißen lassen. Die alte Bausubstanz soll umfassend erhalten bleiben, und das schließt nicht nur das Fachwerk an der Außenfassade ein, sondern auch den Sandstein im Mauerwerk der Nebengebäude.«

Winter zog einen Schnellhefter aus seiner Aktenmappe und begann darin zu blättern. »Wir werden die Pläne mit den Beamten beim Landesamt für Denkmalschutz abstimmen müssen. Das ist bei Objekten dieser Art üblich. Die Behörde hat Vorschriften erlassen, wie bei der Restaurierung alter Bauwerke vorzugehen ist. Ich kenne den Beamten aus Mainz. Tüchtiger Mann, wenngleich auch ein wenig eigen. Einer von diesen Ohne-mich-läuft-gar-nichts-Typen.«

»Auflagen des Denkmalschutzes können die Renovierungskosten ganz schön in die Höhe treiben, nicht wahr?«, fragte Bick. Die Gesellschaft des Architekten behagte ihm nicht, und er war wütend auf Christina, weil sie ihn nicht vorgewarnt hatte. Dennoch hatte er das Gefühl, dass er sich ihr zuliebe an dem Gespräch beteiligen sollte.

»Wie gesagt, ich werde mit den Herren aus Mainz schon einig werden. Ich hoffe nur, dass die Baufirma tätig werden kann, ohne dass die Arbeiter Schwierigkeiten bekommen.«

»Wer sollte ihnen denn Schwierigkeiten machen?«, hakte Bick nach.

Winter nahm einen weiteren Schluck von seinem Tee, dann erklärte er: »Ich bin gestern nach Rosenbach gefahren und hatte den Eindruck, dass der Verkauf der Ritterschmiede dort nicht uneingeschränkt begrüßt wird. Im Laden, wo auch die Post untergebracht ist, sah mich die Frau an, als wollte ich mit der Kasse durchbrennen. So richtig von oben herab. Als ich mir das Haus ansehen wollte, kam mir so ein alter Kauz mit Stock und Schäferhund entgegen, der sich aufspielte, als wäre er der Nachtwächter oder so etwas. Er fragte mich, was ich im Hof verloren habe, und warnte mich, ins Haus zu gehen. Weil sonst etwas Schreckliches passieren würde, und das wäre dann meine Schuld.« Er kicherte nervös. »Bevor der Typ Leine zog, behauptete er, dass in dem Haus Menschen und Räume verschwinden würden.«

»Räume?«, fragte Christina irritiert. »Sagte er wirklich Räume?«

»Ich glaube, viel hätte nicht gefehlt und er hätte seinen Köter auf mich gehetzt. Wenn Sie mich fragen, war der Kerl entweder besoffen oder nicht ganz klar im Oberstübchen. Solche Irren können natürlich auf einer Baustelle zum Problem werden, wenn sie die Leute mit ihrem Geschwätz von der Arbeit abhalten. Bedauerlicherweise ist die Sache von damals immer noch ein Thema im Dorf. Der arme Kerl, dem die Ritterschmiede früher gehörte, soll ja Amok gelaufen sein, nachdem seine Frau ihm durchgebrannt ist. Er beschuldigte ein paar seiner Nachbarn, sie umgebracht zu haben, und lief mit einer Schusswaffe durch den Ort, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Beinahe hätte er ein Blutbad angerichtet. Kein Wunder, dass auch heute noch einige Leute sonderbar reagieren, wenn man sie nach dem Weg zum Haus fragt.«

Bick beobachtete, wie sich Schweißtropfen auf der Stirn des Mannes bildeten. Die Art, wie Winter sich aufspielte, kannte er von unzähligen Verhören. Er war sich sicher, dass dieser Mann ihnen etwas verheimlichte. Damit weckte er sein professionelles Interesse. Erstaunt über seinen plötzlichen Sinneswandel, stellte er fest, dass er es gar nicht mehr erwarten konnte, Christinas Neuerwerbung in Augenschein zu nehmen.

Vielleicht hatte deren Freundin, die Kosmetikerin, ja recht, und es war tatsächlich an der Zeit, sich seinen alten Ängsten zu stellen.

3. Kapitel

Während Christina noch im Handschuhfach ihres Wagens nach irgendwelchen Unterlagen suchte, schlenderte Bick allein über den einsamen Hof der Ritterschmiede, zwischen dessen Pflastersteinen das Unkraut in die Höhe schoss. Es war eigenartig, nach all den Jahren wieder hier zu sein. Nachdenklich blickte er zu den Wipfeln der hohen Pappeln hinauf, die den Hof wie einen Mantel umgaben. Kahle Zweige, die sich im Wind bewegten, sowie ein paar leere Vogelnester unterstrichen die Trostlosigkeit des Ortes, der in eine regelrechte Winterstarre gefallen war. Vor der mit hübschen Ornamenten verzierten Fachwerkfassade des Gebäudes blieb er schließlich stehen. Als Kind hatte er sich nicht für Häuser begeistert, schon gar nicht für alte, doch was er nun sah, gefiel ihm besser, als er vermutet hatte. Je länger er das Haus mit dem verspielten Erker auf sich wirken ließ, desto stärker beschlich ihn das Gefühl, dass ihm irgendeine Energie innewohnte, die alle Spuren äußerlichen Verfalls nichtig erscheinen ließ. Das Haus war gewiss verwahrlost, aber es wirkte dennoch fast ebenso majestätisch wie das Schloss oberhalb der Weinberge, das durch den grauverhangenen Himmel nur schemenhaft zu erkennen war. Vielleicht ließ es sich ja doch aus seinem Winterschlaf wecken?

Da seine Schwester noch auf den Architekten warten wollte, beschloss Bick, schon einmal ohne sie vorzugehen. Christina hatte nichts dagegen, dass er sich ein wenig umsah. Die Ritterschmiede gehörte ihr, und niemand konnte ihr verbieten, sich hier aufzuhalten. Schon bald würde sie hier ein neues Leben beginnen. Allein. Bick erschreckte der Gedanke, gleichzeitig faszinierte er ihn auf eine fast morbide Weise.

Als er die Tür zur Gastwirtschaft aufdrückte, prallte er gegen eine Wand aus Feuchtigkeit und abgestandener Luft, die ihm fast den Atem nahm. Es roch nach … Leblosigkeit und Verfall. Tiefschwarze Schatten sogen die schmalen Lichtstreifen auf, die mit ihm ins Haus gehuscht waren. Fröstelnd schaute er sich um, stellte aber überrascht fest, dass sich der Raum mit seiner rustikalen Holztäfelung, dem in die Wand eingelassenen Weinfass und den Dielenbrettern in gar keinem schlechten Zustand befand. Ein paar leere Schnapsflaschen und Konservendosen verrieten, dass sich Obdachlose oder Ausreißer zeitweilig im Schankraum einquartiert hatten. Vermutlich hatten sie versucht, sich eine Büchsenmahlzeit zu erhitzen, und dabei die Dielen angesengt. Ein unbewohntes Haus zog oft Menschen an, die kein Dach über dem Kopf hatten. Hinweise auf einen gewaltsamen Einbruch oder auf Vandalismus konnte Bick indes nicht entdecken. Wer auch immer hier Zuflucht gesucht hatte, schien das Haus verlassen zu haben, ohne Schaden anzurichten. Sogar die wertvollen Kupferlampen hingen noch über den Tischen. Auf dem Tresen stand verstaubtes Geschirr. Speisekarten in billigem Kunstledereinband gaben Auskunft darüber, was hier vor vielen Jahren gegessen und getrunken worden war. In manche der Stuhllehnen war das Wort »Hurenstück« geritzt worden. Vermutlich ein Racheakt eines verschmähten Teenagers.

Bick setzte sich auf einen der Hurenstück-Stühle und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Er war schon an vielen Tatorten gewesen und fand, dass alle etwas gemeinsam hatten: eine fast greifbare Atmosphäre von Verzweiflung, Angst und Gewalt. Er streckte den Arm aus, um den Fußboden zu berühren. Das Holz fühlte sich kühl an. Irgendwie abweisend. Ob jemals ein Toter darauf gelegen hatte? Angestrengt versuchte er, sich an den Namen der vermissten Frau zu erinnern, aber es gelang ihm nicht, schließlich war er noch ein Junge gewesen, als die Zeitungen über sie und ihren gewaltbereiten Mann berichtet hatten. Als er kurz die Augen schloss, tauchten, wie von Zauberhand gemalt, weiße Markierungsstreifen vor ihm auf, die die Umrisse eines leblosen Körpers kenntlich machten. Er stellte sich vor, wie es im Raum plötzlich vor Polizeibeamten nur so wimmelte. Geschäftig errichteten die Männer von der Spurensicherung in ihren weißen Overalls und Plastikschuhen Absperrungen und suchten den Ort mit Infrarotlampen nach Beweisen ab, während der kalte, flirrende Schein des Blaulichts verschwommen durch die hohen Fenster fiel. Der Gerichtsmediziner beugte sich mit einem prüfenden Blick über den Leichnam.

Ritterschmiede, gastlich Haus, mit den Füßen voran trägt man dich raus.

Bick riss die Augen auf und ballte die Hände zu Fäusten. Sein Kopf begann ihm wehzutun. Hier, ganz in der Nähe, war etwas vorgefallen, das spürte er so deutlich wie den Schmerz in seinen Schläfen. Aber was? Hatten die Kollegen das Haus vor zwanzig Jahren wirklich so gründlich auf den Kopf gestellt, wie man es heute tun würde? War überhaupt nach Spuren einer Straftat gesucht worden? Oder waren die Vermutungen des verlassenen Ehemanns gar nicht ernst genommen worden, bis dieser in seiner Verzweiflung 

Ein gellender Schrei riss Bick aus seinen Gedanken. Erschrocken fuhr er auf. Da folgte ein zweiter Schrei. Er kam vom Hof. Durch das schmutzige Fenster sah Bick Christina, die mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen über das  Pflaster stolperte. Die junge Frau presste ihre Hand gegen  die Stirn. Blut rann über ihr Gesicht. Sie rief Bicks Namen, dann verloren ihre Beine den Halt und sie sank zu Boden.

»Christina!«

Bick stürzte ins Freie und erreichte seine Schwester zeitgleich mit dem Architekten Winter, dessen Wagen in der Auffahrt stand. Bick hatte ihn nicht kommen hören.

»Christina, kannst du mich hören?«

Christinas Augen waren geschlossen, die Lider flatterten aufgeregt wie Schmetterlinge. Aus einem Riss oberhalb der Augenbraue rann Blut. Es lief über ihre Wangen und versickerte im Kragen ihres Mantels. Christina war leichenblass, aber ansprechbar.

»Mich  … hat etwas getroffen«, sagte sie zu Bick. »Verdammt noch mal. Was war das nur?«

»Kannst du aufstehen?«

»Weiß nicht.«

Mit Winters Hilfe schleppte Bick sie zu ihrem Auto und half ihr auf den Beifahrersitz. Dann holte er den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Kofferraum. Während Christina sich zurücklehnte, damit Bick sich ihre Verletzung ansehen konnte, machte der Architekt ihn auf ein Stück Holz aufmerksam, welches nicht weit von der Stelle entfernt lag, wo Christina hingefallen war.

»Bitte liegenlassen«, rief Bick energisch. »Ich schaue es mir gleich an.«

»Wieso Sie?«

»Mein Bruder ist bei der Polizei«, erklärte Christina mit schwacher Stimme. Sie zuckte kurz zusammen, als das Desinfektionsspray die Platzwunde an ihrem Kopf traf. Auf Bicks Frage, ob ihr übel sei, sie ein Echo höre oder Sehstörungen habe, schüttelte sie den Kopf. »Halb so schlimm. Nur ein bisschen schwindlig ist mir. Ich bin so furchtbar erschrocken, als mich das Ding am Kopf traf. Im ersten Moment dachte ich, jemand hätte auf mich geschossen.«

Bick betrachtete das Holzstück, hob es aber nicht auf, weil er erst Handschuhe aus dem Wagen holten wollte, bevor er es berührte. Es war etwa fünfzehn Zentimeter lang und hatte einen Durchmesser von geschätzten fünf Zentimetern.

»Das Teil scheint von einem Fachwerkbalken zu stammen, sogar von einem geschnitzten. Am zerbrochenen Ende sehe ich jedenfalls Linien, die von einem Messer stammen könnten und …« Er stieß die Luft aus. »Einen Nagel. Das Mistding ragt bestimmt zwei Zentimeter aus dem Holz heraus. Verdammt, das hätte buchstäblich ins Auge gehen können. Hast du gesehen, aus welcher Richtung das Holz angeflogen kam?«

Christina kämpfte mit den Tränen. Nun, da sie begriff, dass sie beinahe ein Auge verloren hätte, fing sie am ganzen Körper an zu zittern. Bick holte eine der Decken von der Rückbank und wickelte sie darin ein. Sie musste sich warm halten, schon wegen des Schocks. Und sie brauchte eine Tetanusspritze.

»Der Wind ist ziemlich heftig«, sagte Winter. »Vielleicht hat er das Stück Holz aus einem Balken gerissen.«

Bick runzelte die Stirn. Es mochte windig sein, aber ein Orkan, der Holzbalken über den Hof trieb, wütete in Rosenbach nicht. Besonders morsch schien ihm das Holz auch nicht zu sein. Bick vermutete eher, dass jemand es absichtlich mit einem Werkzeug aus dem Balken gestoßen hatte. Aber warum? Als Bick den Schrei seiner Schwester gehört hatte, war Christina nicht mal in der Nähe des Fachwerkhauses, sondern vor einem der Nebengebäude gewesen. Das Holzstück konnte natürlich vom Vordach gefallen sein, aber das beantwortete nicht die Frage, wie es hinaufgekommen war.

»Und du hast niemanden gesehen?«, wollte er von Christina wissen. »Den Mann mit dem bissigen Hund vielleicht?«

Christina starrte ihn an. »Jetzt mach mal einen Punkt. Du tust ja so, als hätte jemand einen Anschlag auf mich verübt, damit ich mich von meinem eigenen Haus fernhalte. Es weiß doch niemand, dass wir heute hier sind.«

Wie um Christina Lügen zu strafen, fuhr im nächsten Moment ein schwarzer Mercedes auf den Hof. Diesem entstieg ein leicht übergewichtiger, aber gutaussehender Mann, der unter seinem hellen Trenchcoat einen eleganten Anzug trug. Mit einem Blumenstrauß und einem Lächeln kam er auf Bick und Christina zu. Als er den Druckverband und das Blut an Christinas Mantel sah, hob er irritiert die Augenbrauen.

»Ach du meine Güte, ist alles in Ordnung?« Sein verlegener Blick streifte den Strauß in seiner Hand. »Mein Name ist Holdermann, ich bin der Bürgermeister und Ihr nächster Nachbar. Als ich gesehen habe, dass Sie heute schon  … ich meine  … ich wollte nicht versäumen, als Erster einen Willkommensgruß zu überbringen. Schließlich freuen wir uns, dass unser Sorgenkind, die Ritterschmiede, einen neuen Besitzer gefunden hat. Ich fürchte nur, ich habe mir für meinen Besuch einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht.«

»Schon gut«, sagte Christina knapp. »Mich hat etwas am Kopf getroffen. Kein Grund, ein Drama daraus zu machen. Ich lasse mich später untersuchen. Sind die Blumen für mich?«

Holdermann errötete.

»Ein hübscher Strauß, Kai. Die letzten Blumen, die du mir geschenkt hast, stammten aus dem Vorgarten deiner Mutter. Du hast deswegen mächtig Ärger bekommen.«

»Verzeihung … ich verstehe nicht ganz!« Der Bürgermeister starrte Christina geschlagene dreißig Sekunden lang an, bevor ihm ein Licht aufging. »Christel Bick? Ist das möglich? Mein Gott, wie lange ist das denn her? Sie  … ich meine, du bist Christina von Haller?«

Bick entging nicht, dass Holdermann alles andere als begeistert klang. Er selbst empfand allerdings auch kein Vergnügen dabei, dem Mann die Hand zu schütteln. Er erinnerte sich an Holdermann als einen halbstarken Großkotz, der Jungs wie Bick, die nicht dazugehörten, schikaniert hatte. Doch nun waren sie erwachsen, daher begrüßte er den Bürgermeister mit einem höflichen Nicken. »Ich bin Christinas Bruder. Vermutlich erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Ich kandidierte allerdings auch niemals für das Amt der Weinprinzessin.«

Holdermann rang sich ein Lächeln ab, das Bick verriet, dass der Mann sich weder an ihn erinnerte noch vorhatte, die Bekanntschaft zu erneuern. Vermutlich fragte er sich nur, wie aus der hübschen, mittellosen Christel Bick eine wohlhabende, elegante Frau mit Adelstitel hatte werden können.

»Dir ist also etwas auf den Kopf gefallen?«, erkundigte er sich, nachdem er auch Winter flüchtig begrüßt hatte. Es klang so überheblich, dass Christina angriffslustig das Kinn reckte. »Wer weiß? Vielleicht wurde ich auch beworfen. Hier gibt es so viele tote Winkel, in denen jemand lauern könnte.«

Holdermann runzelte irritiert die Stirn. »Und warum sollte dir jemand auflauern, wenn ich fragen darf ? Das Haus ist uralt, das sieht man doch auf den ersten Blick. Ziegel fallen vom Dach, Balken werden morsch. Du solltest künftig vorsichtig sein, wenn du hier herumläufst. Übrigens muss ich dich darauf hinweisen, dass dein Neuerwerb beim Amt für Denkmalschutz registriert ist. Mit eigenmächtigen Umbauarbeiten, die den Charakter des Hauses zerstören, könntest du dir Ärger einhandeln.«

»Oh, ich bin davon überzeugt, dass du mich vor Fehltritten bewahren wirst.«

Bick und Christina sahen zu, wie der Bürgermeister kopfschüttelnd in seinen Wagen stieg und rückwärts durch die Toreinfahrt stieß. Unter seinen Reifen schmatzte der Schlamm.

»Ein kühler Empfang«, sagte Bick. »Und ein dramatischer Abgang. Das hat er wohl in einem schlechten Film gesehen.«

»Zum Teufel mit Holdermann. Der hat mir als Kind keine Angst gemacht und wird es auch heute nicht schaffen. Aber vielleicht sollten wir jetzt nach Landau ins Krankenhaus fahren, ein bisschen schwindlig ist mir immer noch.«

Bick nickte. Bevor er sich ans Steuer setzte, verpackte er das Balkenstück vorsichtig in einer Plastiktüte. Die Jungs von der Kriminaltechnik waren ihm noch einen Gefallen schuldig.

4. Kapitel

Becky Sturms Wangen waren vor Anstrengung gerötet, als sie den letzten Oleander ihrer Mutter mit der Sackkarre die steile Kellertreppe hinunterbeförderte. Der Kübel war schwer, und sie musste höllisch aufpassen, nicht den Halt zu verlieren. Fehlte noch, dass sie auf den glitschigen Stufen ausrutschte und sich Arme und Beine brach. Obwohl es an diesem Morgen mild und trocken war und sogar ein wenig Sonne in den Hof des kleinen Winzerhäuschens fiel, bestand Beate Sturm darauf, sämtliche Pflanzen in ihr Winterquartier zu bringen.

»Noch eine Stufe, dann hast du es geschafft«, sprach die grauhaarige Frau ihrer Tochter Mut zu. »Auf die Geranien kommt es mir nicht so an, aber der Oleander ist sehr empfindlich. Den hatte ich schon auf dem Balkon, als wir noch in der Stadt wohnten. Erinnerst du dich?«

Becky bedachte die spitz zulaufenden Blätter des Oleanders mit einem skeptischen Blick. Eine ihrer Kolleginnen war einmal bei einer ähnlichen Aktion einem Blatt zu nahe gekommen und mit einer Augenverletzung in der Notaufnahme gelandet.

Aus dem geöffneten Fenster des Nachbarhauses drang Radiomusik. Vermutlich ließen sich die Grubers gerade ihr Frühstück schmecken. Kurt Gruber war zwar nicht mehr der Jüngste, aber immer noch rüstig genug, um seinen Garten in Schuss zu halten. Wiederholt hatte er Beckys Mutter angeboten, ihr bei der Pflege ihrer Hofpflanzen zu helfen, aber stur, wie Beate war, hatte sie das Angebot mit dem Hinweis abgelehnt, sie und Becky schafften das schon. Was bedeutete, dass Becky sich allein mit den schweren Übertöpfen abmühen durfte.

»Das nächste Mal bitte ich Kurt, den Oleander herumzuschleppen«, sagte Becky, nachdem der Pflanzenkübel endlich an seinem Platz stand. »Es ist mir ganz egal, was du sagst, Mama. Ich habe keine Lust auf einen Bandscheibenvorfall, nur weil du es nicht magst, dass die Nachbarn deinen Hof betreten. Schau dir nur mal an, wie ich jetzt aussehe.« Genervt blickte sie auf ihre erdverkrusteten Hände. Sie schwitzte aus allen Poren. »So kann ich nicht zur Arbeit gehen, ich muss duschen.«

»Kurt kommt mir aber nicht ins Haus«, protestierte Beate. »Er nutzt jede Gelegenheit, um mich zu betatschen.«

»Er will doch nur freundlich sein. Außerdem ist er über achtzig und schwerhörig.«

»Na und? Er muss ja nicht hören können, um zudringlich zu werden.«

»Er hat Arthrose!«

»Nicht in den Händen!«

»Wenn du etwas mehr Gesellschaft hättest, während ich bei der Arbeit bin …«

»Aber doch nicht von Kurt«, unterbrach sie Beate. »Der soll bei seinen Kartoffeln bleiben!«

Becky gab es auf. Sie war eine attraktive junge Frau von vierundzwanzig Jahren, die mit ihrem dunkelblonden Pferdeschwanz und den unzähligen Sommersprossen um die Nase fast wie ein übermütiger Teenager aussah. Zur Missbilligung ihrer Mutter kleidete sie sich nicht annähernd so damenhaft, wie es sich Beates Meinung nach für eine Lehrerin gehörte. Becky bevorzugte Jeans und bequeme Schuhe. Ihre Schwäche für weite Blusen im Folklorestil hatte sie in ihrem ersten Jahr an der Pädagogischen Hochschule entdeckt, und sie dachte gar nicht daran, davon zu lassen. Auch nicht für ihre Mutter, bei der sie wieder wohnte, seit sie an der Realschule im Nachbarort Unterricht gab.

Beate Sturm war selbst Lehrerin aus Überzeugung gewesen. Mit Intelligenz, Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen hatte sie es bis zur stellvertretenden Leiterin eines altsprachlichen Gymnasiums gebracht, bevor ein schrecklicher Verkehrsunfall sie plötzlich zu einem Dasein im Rollstuhl verurteilt hatte. Da sie nicht mehr unterrichten konnte, war ihr Leben eintönig geworden. Sie las und beschäftigte sich ein wenig mit Malerei, aber im Grunde war Becky alles, was sie noch interessierte. Becky wusste, dass ihre Mutter es lieber gesehen hätte, wenn sie in ihre Fußstapfen getreten und an ein Gymnasium oder gar nach Mainz ans Kultusministerium gegangen wäre. Beate warf ihr häufig vor, auf dem Land ihr Talent zu vergeuden. Aber Becky hatte ihre eigenen Vorstellungen davon, was sie aus ihrem Leben machen wollte. Ihr Beruf stand dabei nicht an erster Stelle, den übte sie nur aus, weil er ihr genügend Zeit für die Pflege ihrer Mutter ließ. Und für ihr Buchprojekt.

»Du bist ganz schön spät dran«, mahnte Beate, als Becky mit noch feuchten Haaren aus dem Bad kam. Sie hatte den Rollstuhl zum Küchentisch geschoben, auf dem Beckys Computer stand. Im Gegensatz zu Becky wirkte sie auch an diesem Morgen wie aus dem Ei gepellt. Ihr smaragdgrüner Hausanzug duftete nach Weichspüler, und ihr eleganter grauer Pagenschnitt glänzte im Schein der Morgensonne wie Silber.

»Ich habe heute erst zur zweiten Stunde Unterricht«, murmelte Becky, während sie den Küchenschrank nach Teebeuteln absuchte. Jeden Morgen füllte sie ihre Thermosflasche mit einer ganz speziellen Mischung, die Beate abscheulich fand.

»Als ich noch unterrichtete, war ich immer schon zur ersten Stunde in der Schule, ganz egal, wie mein Stundenplan aussah. Nur so konnte ich meinen Vorgesetzten zeigen, dass auf mich Verlass war. Ich bin sicher, Kai würde mir in diesem Punkt zustimmen. An den meisten Tagen ist er noch vor Vera im Rathaus. Sollte er die Landratswahl gewinnen, was ich hoffe, braucht er eine Partnerin, die ihn unterstützt, und keine, die nur Flausen im Kopf hat.« Die Frau im Rollstuhl bedachte Beckys Computer und die Schnellhefter mit Notizen daneben mit einem verächtlichen Blick.

Becky quittierte es mit einem Schulterzucken. Sie hatte keine Lust auf einen weiteren Wortwechsel, daher schluckte sie die Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, hinunter. Ihr war klar, dass ihre Mutter nur deshalb an ihr herumnörgelte, weil sie zutiefst unglücklich war und keinen besseren Zeitvertreib fand, als ihre Nase in Beckys Angelegenheiten zu stecken. Für gewöhnlich gelang es ihr ganz gut, Beates Spitzen zu ignorieren, was sie ihrem Tee sowie Yoga- und Meditationskursen zuschrieb. Aber nun mischte sich ihre Mutter immer öfter in die beiden Dinge ein, die Becky wichtiger waren als ihre Karriere: die Beziehung zu ihrem Verlobten Kai Holdermann und ihren großen Traum, ein Buch zu veröffentlichen. Das durfte sie sich nicht gefallen lassen.

Wortlos schnappte sich Becky Aktenmappe und Anorak und verließ, begleitet von Beates Gezeter, das Haus.

Die Theresienstraße, in der sich die meisten Weingüter des Dorfes befanden, lag noch still und menschenleer vor ihr. Weder Verkehrslärm noch Stimmengewirr störten die Ruhe des Wintermorgens. Nicht einmal Grubers Radio dudelte noch, was nahelegte, dass sich Vera, Kurts Tochter, auf den Weg zum Rathaus gemacht hatte. Dort arbeitete sie seit Jahren als Büroangestellte, und ohne sie hatte Kurt keine Lust, Radio zu hören.

Als Beckys Wagen über das Kopfsteinpflaster Richtung Ortsausgang holperte, dachte sie an Kai Holdermann, dessen Heiratsantrag sie vor zwei Wochen angenommen hatte. Fast täglich bestürmte er sie mit der Bitte, endlich zu ihm zu ziehen. Vielleicht sollte sie ihn nicht länger zappeln lassen und ihm seinen Wunsch erfüllen. Sie stellte sich das Gesicht ihrer Mutter vor, wenn sie ihr eröffnete, dass sie schon vor der Hochzeit bei Kai wohnen wollte. Ein grimmiges Lächeln umspielte ihre Lippen. Gewiss war es gemein von ihr, mit Mutters Ängsten vor dem Alleinsein zu spielen, aber vielleicht behandelte sie Becky dann nicht mehr wie ein kleines Kind und hörte auf, sich über ihre Recherchen für das Buch lustig zu machen.

Becky hatte das Ortsschild und das große, an einem Fass befestigte Bildnis der lächelnden Weinprinzessin Katrin I. hinter sich gelassen, als ihr Blick auf einen schneidigen Sportwagen fiel, der ihr mit überhöhter Geschwindigkeit auf der Straße nach Edenkoben entgegenkam. Becky schaffte es im letzten Moment, das Lenkrad herumzureißen, um eine Kollision zu vermeiden. Ihre Reifen erzeugten ein hässliches Geräusch, als sie durch den Matsch am Rand der Straße schlitterten. Viel hätte nicht gefehlt, und sie wäre im Graben oder direkt zwischen den abgeernteten Rebstöcken gelandet.

Vollidiot. Becky hupte, was den Fahrer des Sportwagens aber kaltzulassen schien, denn er setzte seine Fahrt unvermindert rasant fort. Erst jenseits des Ortsschilds bremste er ab. Becky beobachtete im Rückspiegel, wie ein hoch aufgeschossener, schlanker Mann in einem dunklen Anzug aus dem Wagen stieg. Normalerweise hätte Becky die Sache auf sich beruhen lassen. Von Natur aus eher schüchtern, ging sie Konflikten am liebsten aus dem Weg. Bei Diskussionen mit Kollegen zog sie meistens den Kürzeren, weil ihr eine passende Antwort erst viel später einfiel, und sogar die Kinder in ihrer Klasse hatten inzwischen bemerkt, dass sie sich leicht auf der Nase herumtanzen ließ. Doch nach dem Ärger mit ihrer Mutter befand sich Becky gerade in einer Stimmung, die wie geschaffen dafür war, diesem Rennfahrer die Meinung zu sagen. Sie vergewisserte sich, dass die Straße frei war, wendete und fuhr dann zurück. Den Mann erwischte sie noch vor seinem Wagen. Er hatte ihn vor einem mit knorrigen Reben überwucherten Gebäude abgestellt, dessen blaues Schild auf das einzige Immobilienunternehmen des Dorfes hinwies.

Becky parkte gleich dahinter, stieg aber erst nach einigem Zögern aus, denn sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie sich wirklich mit dem Verkehrsrowdy anlegen wollte. Vermutlich würde der Mann sie auslachen oder beschimpfen. Noch ehe sie einen Entschluss fassen konnte, wandte sich der Mann aus dem Sportwagen ihr zu. Seine Brauen hoben sich und Beckys Muskeln erstarrten vor Schreck, als sie ihm direkt ins Gesicht sah.

»Rebecca«, das ist ja eine Überraschung«, sagte der Mann mit blitzenden Augen, in denen nicht die Spur von Verwunderung lag. Er küsste Becky stürmisch auf beide Wangen, was sie über sich ergehen ließ, weil sie viel zu durcheinander war, um sich zu wehren. Zu allem Überfluss spürte sie, wie ihre Knie weich wurden. Zu dumm. Warum war sie nicht einfach weitergefahren und hatte die Sache auf sich beruhen lassen? Nun war es zu spät, sich geschmeidig aus der Affäre zu ziehen. Erst nachdem sie sich wieder halbwegs gefangen hatte, gelang es ihr, ihn mit dünner Stimme zu fragen, was er hier zu suchen hatte.

Der Mann grinste. »Geschäfte, Schätzchen, wie immer. Ich suche ein geeignetes Objekt als Kapitalanlage für einen guten Kunden. Größenordnung 2,5  Millionen Euro. Aber keine Angst, Liebling, ich hätte dich natürlich später besucht.« Sanft strich er Becky über die Wange. »Ich hatte Sehnsucht nach dir.«

»Mama würde dich hochkant rausschmeißen«, würgte Becky hervor. Sie war noch immer aufgewühlt, aber allmählich gewann sie ihre Fassung zurück. Sie gestattete sich sogar, seinen Blick zu erwidern. Während sie ihn ansah, brachen die Erinnerungen wie eine Sturmflut über sie herein.

Sie hatte Gerwalder vor einigen Jahren auf einem Weinfest kennengelernt, welches sie in Begleitung von Kai Holdermann besucht hatte. An dem Abend war es zum Umfallen schwül gewesen, und Becky hatte mehr Wein getrunken, als sie vertrug. Eine Pfälzer Band hatte Schnulzen aus den achtziger Jahren gespielt, während ein Schwarm Mücken an ihren Waden geknabbert hatte. Irgendwann gegen Mitternacht hatte Kai ihr seinen alten Kumpel Florian vorgestellt, nicht ganz freiwillig, denn eigentlich hatte ihr Freund mit ihr allein sein wollen. Kai war sechzehn Jahre älter als Becky, und es hatte einige Zeit gedauert, bis sie sich von ihm hatte einladen lassen. Florian dagegen hielt überhaupt nichts vom Umwerben. Was ihm gefiel, das nahm er sich. Sein gutes Aussehen und sein gewandtes Auftreten schienen ihm jedes Recht dazu zu geben. Becky, die nur selten auf Partys ging und mit Männern wenig Erfahrung hatte, war seinem Charme bereits nach dem ersten Tanz erlegen. Noch bevor der Morgen graute, war Kai nur noch eine blasse Erinnerung gewesen. Becky begleitete Florian in seinem Cabriolet nach Mainz, wo der Immobilienmakler ein Loft am Rhein bewohnte. Dort hatte Becky in den nächsten Stunden Dinge kennengelernt, die sie bis dahin mit Schamesröte erfüllt, ja die sie nicht einmal ihrer besten Freundin anvertraut hätte. Ihre Affäre mit Florian war prickelnd wie Sekt gewesen, sollte den Sommer aber nicht überdauern. Schuld daran waren hauptsächlich Beckys Mutter und ihre Gewissensbisse wegen Kai. Sie sorgten dafür, dass Florian ihrer bald überdrüssig wurde. Doch er stellte es so dar, als habe sie ihn verlassen, vielleicht, um sich Tränen zu ersparen, und sie beließen es dabei. Becky fand Trost in dem Gedanken, dass er sie nie wirklich geliebt, sondern nur als angenehmen Zeitvertreib angesehen hatte, während Kai bereit war, ihr die Sterne vom Himmel zu holen. Zu ihrer Erleichterung verzieh Kai ihr die Eskapade, ohne ihr Vorhaltungen zu machen. Für ihn war Florian Gerwalder offenbar so etwas wie eine Krankheit, von der sie zum Glück genesen war. Nach all den Jahren hatte Becky erwartet, über Florian hinweg zu sein, zumal dieser nie auch nur einen Versuch unternommen hatte, sie zurückzugewinnen. Dass sein Auftauchen in ihrem Wohnort sie nun derart verunsicherte, gefiel ihr überhaupt nicht. Sie konnte nur hoffen, dass Florian wieder verschwand, bevor er Kai oder ihrer Mutter über den Weg lief.

»Du bist wieder zu ihm zurückgekehrt, nicht wahr?«, holte Florian Gerwalder Becky jäh aus ihren Gedanken.

»Kai und ich sind verlobt.«

»Was du nicht sagst.« Sein Blick zeigte ihr, dass er sie für ihre Wahl verachtete. »Ich hätte dir einen besseren Geschmack zugetraut, Schätzchen. Holdermann ist doch ein langweiliger Spießer. Bestimmt möchte er, dass du dem Landfrauenverein beitrittst und den Kuchenbasar in der Kirche organisierst, wenn ihr erst einmal verheiratet seid. Schließlich braucht er eine Frau, die ihm die Stange hält.«

Becky presste die Lippen aufeinander, weil ihr plötzlich einfiel, dass ihre Mutter etwas ganz Ähnliches gesagt hatte. Florian und Beate hassten einander wie die Pest, doch wenn es darauf ankam, auf ihr herumzuhacken, zogen sie an einem Strang.

»Ich habe Besseres zu tun, als Kuchen zu backen oder mich mit dir zu unterhalten«, sagte sie schnippisch.

»Zum Beispiel ein Buch zu veröffentlichen?« Florians Augen blitzten lauernd. »Worum ging es dabei doch gleich noch?«

Überrumpelt starrte Becky ihren ehemaligen Geliebten an. Es überraschte sie, dass er ihr Buch überhaupt erwähnte, denn als sie zusammen gewesen waren, hatte er sich über ihre Recherchen nur lustig gemacht. Sie hatten ihn gelangweilt, und die Ausflüge zu historischen Orten waren ihm als Stadtmenschen lästig gewesen.

Becky bekam plötzlich Angst, dass Florian sie aus irgendeinem Grund aushorchen könnte. Sie antwortete knapp: »Ich sammle Material über eins der ältesten Gebäude der Südpfalz.«

»Dann interessierst du dich doch bestimmt auch für die Ritterschmiede.« Florians Stimme klang auf einmal kalt wie ein Regenguss. »Hast du gehört, dass der Gasthof verkauft wurde?«

Becky antwortete nicht, doch sie begann allmählich zu begreifen. Florian war in die Pfalz gekommen, weil er seine Finger in dem Geschäft mit der Ritterschmiede hatte. Ja, das passte zu ihm. In der Bäckerei hatte sie gehört, wie sich einige Leute über den Verkauf des Hauses unterhalten hatten. Angeblich sollte eine Frau das Anwesen übernommen haben, aber wenn Florian beim Verkauf der Immobilie seine Hände im Spiel hatte, ging es dabei gewiss nicht mit rechten Dingen zu. Becky schluckte schwer bei dem Gedanken, dass künftig Fremde in den Räumen herumlaufen würden, über die sie sich seit Monaten den Kopf zerbrach. Wie gern hätte sie selbst die Ritterschmiede gekauft, aber mittellos, wie sie war, war daran nicht im Traum zu denken. Sie konnte nur hoffen, dass die neue Besitzerin nichts dagegen hatte, dass sie ihre Recherchen fortsetzte, und dass Florian ihr nicht dazwischenfunkte.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie abwesend. »Sonst komme ich zu spät zur Arbeit.«

»Schade, ich dachte, wir trinken noch einen Kaffee und plaudern über alte Zeiten. Ein paar Minuten wirst du doch haben.«

Becky holte tief Luft, ihr Herz begann schneller zu schlagen. Zeit für ihn? Was wollte er? Sex? Glaubte er allen Ernstes, sie würde sich noch einmal auf ihn einlassen? Sie befürchtete, dass er ein Nein nicht gelten lassen würde. Auf einmal bekam sie furchtbare Angst. Sie traute Florian alles zu, wenn er verärgert war. Was, wenn er aus purer Boshaftigkeit zu Kai ging und behauptete, sie habe ihn eingeladen? Diesmal würde Kai ihr nicht verzeihen. Das konnte er gar nicht, denn nun, vor den Landratswahlen, standen auch sein Ruf und seine Karriere auf dem Spiel.

Sie musste Florian irgendwie loswerden; er durfte keine Gelegenheit erhalten, ihr oder Kai zu schaden.

»Hör zu, Florian«, sagte sie mit einem scheuen Lächeln. »Im Moment passt es mir wirklich nicht. Du hast doch selbst Termine, nicht wahr? Wir könnten uns heute Abend sehen.

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