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Requiem für Jakob

Roswitha Quadflieg

Requiem für Jakob

Eine Spurensuche

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Herausgegeben
von Hans Magnus Enzensberger

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ISBN 978-3-8477-5244-8

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Requiem für Jakob von Roswitha Quadflieg ist im März 2005 als zweihundertvierundvierzigster Band der Anderen Bibliothek erschienen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder
als limitierte gedruckte Ausgabe unter:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Requiem-fuer-Jakob::285.html

Herausgabe: Hans Magnus Enzensberger

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DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

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Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

Chassidische Weisheit

12. SEPTEMBER 2001

Wie die Zeit vergangen ist, Jakob, kaum zu fassen, die Tage wie Augenblicke – und plötzlich scheint sie stillzustehen. Was soll werden?

»Klingt ein bißchen nach: Armer Poet«, hatte der freundliche Herr der Carneval-Gesellschaft »Klimperkasten« halb amüsiert, halb mitleidig festgestellt, als ich ihm gestand, daß ich nun schon mehr als neun Monate mit dir beschäftigt und noch kein Ende abzusehen sei. Wie verabredet war er am 1. September in den Hinterhof der Reifenwerkstatt gekommen, hatte mir den sogenannten Ratssaal dieses Deutschen Spaßvereins von 1872 aufgeschlossen – einen muffigen Raum über der Garage –, mir geduldig alles gezeigt und erklärt, Gong und Orden, Urkunden und Schellenkappe, und anschließend die alten Photoalben aus dem Schrank geholt. Aber nichts, keine Spur von dir! Und dabei war ich so sicher gewesen, dich im lustigen Treiben zu finden. Immerhin hattest du dir die Eintrittskarte Nummer 0095 für das Maskenfest, Samstag 5. Februar 1977 aufbewahrt. Hotel Atlantic, großer Saal, bitte auf Verlangen vorzeigen. Schade! Und Armer Poet? Wir werden sehen. Ganz unrecht hat er ja leider nicht, der nette Mensch, der für drei Jahre hier freiwillig den Großonkel macht. (Auch Spaßvereine haben eine Hierarchie.) Reise- und Telefonkosten, Gebühren auf Ämtern und in Archiven, eine durchaus beachtliche Summe, die da inzwischen zusammengekommen ist. »Mehr kann ich Ihnen jetzt aber nicht sagen, denn was ich Ihnen eben gesagt habe, kostet eigentlich schon dreizehn Mark.« Zum Glück nehmen es nicht alle Beamten so genau, und wie denn sonst, wenn nicht wie bisher, hätte ich vorgehen sollen? Auch, daß ich noch einige Zeit brauchen werde, steht außer Frage – wer könnte in ein paar Monaten ein ganzes Jahrhundert verstehen?

Dein Jahrhundert, Jakob. Am 30. Juni 1906 in Metz fing es an, in der Nacht vom dritten auf den vierten April 1997 war es zu Ende. In Hamburg. Einundneunzig Jahre. Beginn: Kaiserreich. Große Familie, sieben Kinder, arm. Vater: Handelsmann, Mutter: Althändlerin, beide israelitischer Religion, beide mehrfach vorbestraft. Wie Großeltern und Urgroßeltern auch. In manchen Familien wird gedichtet, in anderen komponiert, und bei euch? Diebstahl, Hehlerei, Betrug, die Männer, Meineid, die Frauen, wahrscheinlich für ihre Männer. So jedenfalls steht es geschrieben im Metzer Meldebuch, ordentlich, Zeile für Zeile in deutscher Schrift. Auch sämtliche Strafen sind aufgeführt: Geld, Gefängnis, Zuchthaus. Laß Kriege wüten, Feuer und Wasser – Urkunden und Akten überstehen.

»Straffällig ist immer gut, dann findet man was,« hat einer der Archivare zu mir gesagt. So habt ihr euch eingeschrieben in die Ewigkeit, und so habe ich deine Spur aufgenommen. Briefe und Fragen. Warten und Nachfragen. Reisen, Lesen.

Niemals werde ich meine Toten verraten, hast du immer wieder kundgetan. Was bedeutet das? Und was eigentlich ist schlimmer, »schiefe Bahn« oder Eisernes Kreuz vom Führer? Was von beidem sich im Angesicht eines – jüdischen oder christlichen – Gottes eingestehen zu müssen wird schwerer sein? Die Frage nach der Schuld überlassen wir ihm – und seiner Barmherzigkeit.

Sieben Söhne, du warst der Jüngste, und als du geboren wurdest, gehörte Metz gerade mal wieder zu Deutschland. Ich weiß jetzt, in welcher Straße ihr gewohnt, wohin die Eltern mit dir und den Geschwistern umgezogen sind, und wann ihr Metz verlassen habt, nach Deutsch-Ott, 1913. Auch wann ihr zurückgekehrt seid. 1922. Da lag Metz schon wieder in Frankreich. 1932 starb deine Mutter. 1938 ist dein Name zum letzten Mal aufgeführt. Mit der letzten Metzer Adresse deines Vaters endet die Spur – Mai 1940. Kurz bevor die letzten Juden die Stadt verließen, wie mir die drei alten Männer, die ich im Bistro am Metzer Bahnhof traf, erzählten. Dein Vater hat sich nach Nizza durchgeschlagen, 1940 noch Freie Zone, und vier Jahre später haben sie ihn dort geschnappt, die Barbies in ihren blanken Stiefeln, mit Hilfe der französischen Polizisten. Kurz vor Landung der Alliierten. Den alten Mann von sechsundsiebzig Jahren. Und via Lyon und Drancy ab nach Auschwitz! Die Kopien der Fernschreiben, die seinen Transport begleiteten, liegen seit März bei mir. Ordnungsgemäß unterschrieben. Samt einem Auszug der Namensliste. Viele Frauen und Kinder. Deren Männern und Vätern hatten die Helden der Aktion Brehmer gleich vor Ort, noch in der Dordogne, den Tod geschenkt. Per Genickschuß.

»… Gott, der Herr hat sie gezählet, daß ihm auch nicht eines fehlet …« Beim Verlassen des Jüdischen Archivs in Paris war mir plötzlich dieses alte Kinderlied durch den Kopf gegangen. Keiner dieser Tausende von Sternen scheint verloren – jeder wurde registriert. Sein Name, das Datum der Verhaftung und auch, wieviel Geld und welche Wertsachen jeder bei sich trug. Einen deiner Brüder haben sie sich, wie ich jetzt weiß, schon im Herbst 1943 geholt, in Paris. Zusammen mit seinem kleinen Sohn. Ledig, steht auf dessen Karte aus dem Zettelkasten des Durchgangslagers Drancy. Er war fünf. Auch davon besitze ich eine Kopie – auch dort ging nichts verloren. Die Bahn hat verdient an den Transporten. Erwachsene, Kinder die Hälfte, alle einfache Fahrt. In manchen Fällen hat man die Fahrscheine sogar an den Ausgangsort zurückgebracht, wie ich las, abgeheftet und ins Regal gestellt. Mit Signatur. Und –

Jetzt fangen wir aber mal ganz von vorne an:

DEZEMBER 2000

Dritter Advent. Ein überheiztes Zimmer, ein kleines Rotklinkerhaus am westlichen Stadtrand Hamburgs. Noch weiß ich nicht, wie man das macht: jemanden kennenlernen, den man nicht gekannt hat und der seit dreieinhalb Jahren tot ist.

Anna sagt: »Mein Vater war Nazi, und Jakob war Jude – damit ist eigentlich schon alles gesagt. Er war meine persönliche Chance für Wiedergutmachung, verstehen Sie?« Anna sitzt neben mir, uns gegenüber Osip, ihr Mann, über Tisch und Fußboden haben sie deine Papiere gebreitet. An den Wänden hängen Photos von dir, gerahmt.

»Hier, ist er nicht toll, wie er dasteht?« Anna reicht mir ein Bild von dir. Ich betrachte dich genau: Einen kleinen eleganten Herrn, gebügeltes Hemd, helle Leinenhose, braune Lederschuhe. Mit dem Hut grüßt du in die Kamera. Ein Schnappschuss aus euren Ferien in Antalja. Das war dein Stil! Auftritt, Pose. Also genau das Gegenteil eines typisch deutschen Touristen in Schlabberhemd und kurzer Hose. Dreimal haben sie dich in den Urlaub mitgenommen, deine beiden um fast dreißig Jahre jüngeren Freunde, und ihr habt euren Spaß gehabt. Obwohl die letzte Reise – zu den Zigeunern ans Schwarze Meer, anläßlich deines Neunzigsten – schon ziemlich riskant war. Bereits etliche Krankenhausaufenthalte, sogar ein Pflegeheim lagen hinter dir.

Auch dort hat Anna dich besucht, jeden Tag, dich, zwei Kopf kleiner als sie selbst, vor sich auf ihre Füße gestellt, und los! So hast du wieder laufen gelernt. »Ohne uns wäre er vor die Hunde gegangen«, sagt sie, und Osip setzt noch eins drauf: »Pflegeheime sind eine moderne Form der Euthanasie.«

In was für einem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu Herrn Birnbaum? hatten die Schwestern Anna mehrfach gefragt. Kümmern sich nur Erbschleicher um alte Leute?

»Er war verliebt in dich«, sagt Osip, und Anna lacht. »Er war Lebenskünstler. Lebenskünstler und Hochstapler.« Aber das müßten Künstler wohl sein, sie jedenfalls würde sich niemals auf eine Bühne oder irgendwie sonst in die Öffentlichkeit trauen.

Anna ist Physiotherapeutin, Osip arbeitet in der Pathologie. Jeden Morgen steht er um halb sechs in seiner Abteilung und macht die Leichen zurecht. Für die Professoren. »Die sollten uns mal nicht so viele Stellen streichen«, meint er, »dann wäre die Wissenschaft schon viel weiter, und mancher natürliche Tod-« – »Jetzt hör bitte auf!« sagt Anna.

Osip hat dich angeschleppt, 1988, neun Jahre vor deinem Tod. In der Kantine des Altenheims, in dem er damals arbeitete, habt ihr euch kennengelernt. Du mal wieder auf Brautschau, mit Strauß in der Hand. Auf eine in der Küche hattest du es abgesehen. Ganz die alte Schule, dazu dein leicht französischer Akzent.

»Er hat alle fasziniert«, sagt Anna, »nicht nur Frauen!«

Hatte Osip wirklich »Shalom!« gesagt? Er weiß es nicht mehr genau, jedenfalls habt ihr euch gleich erkannt, und du hast zugegriffen! Du warst einsam, Jakob, einsam und verfolgt, Die ließen dir keine Ruhe. Tag und Nacht sprachen sie auf dich ein, bedrohten, verhöhnten, quälten dich. Auf winzigen Zetteln in lachsfarbenen A-6-Kuverts hast du sämtliche Mißhandlungen akribisch protokolliert aufbewahrt. Schlimm!, Enorm wichtig!, Hochgefährlich! Kurze, sich ständig wiederholende Qual- und Haßlitaneien von deiner Hand. Sieben waren Die, du hast sie mit Namen genannt: Der Lehrling, der Rußlandkämpfer, der Antisemit, der Berliner, die Klagemauer samt Double, die Nutte. Diese nennst du hin und wieder auch Ilse Koch, nach der Frau des Lagekommandanten von Buchenwald. Die mit den Lampenschirmen aus Menschenhaut. Sieben Dämonen also, klingt ja beinahe biblisch. Manchmal kamen sie auch nur zu zweit, selten allein.

Nun ließ dieser Menschenschinder mich in meinem Innern sterben. Ich sprang verzweifelt aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer wo ich auf und ab ging und in der Bewegung versuchte, mich von dieser Umfesselung zu befreien. Es ist mir unmöglich zu beschreiben wie verzweifelt ich war und wie elend ich mich fühlte. Eines ist mir noch bewußt, ich wollte mich töten, doch im selben kämpfte ich gegen sie an und unterdrückte die Verzweiflung. Wer kann schon verstehen, geschweige, wer könnte nachvollziehen, was ich erlebte und durchgestanden habe.

Sogar in den Urlaub sind sie dir gefolgt. Seht ihr Die denn nicht, hinten in der letzten Reihe?, hast du im Flugzeug immer wieder gefragt, und Osip hat dich beruhigt: Ich sehe nichts. »Der immer mit seinen Die!«, sagt er jetzt.

Ein Jahrzehnte währender Kampf, Energie und Lebensfreude vertan. Petitionen, Eingaben, Demonstrationen und Hungerstreik. In Hamburg, Bonn, Tel Aviv. Denn Die waren im Schutz deutscher Geheimdienste operierende Nazis, die dich, einen armen Juden verfolgten, weil er Geheimnisträger war. Und das seit Kriegsende! An die Glocke der Öffentlichkeit gehörte das. Weltweit! Inklusive gebührender Anerkennung deiner Standhaftigkeit. Denn Niemals werde ich ihnen zu Kreuze kriechen, niemals meine Toten verraten. Haftpsychose, Verfolgungswahn? Alles nur Verleumdungen, deiner Meinung nach. Die arbeiteten nämlich mit ausländischen Geheimdiensten zusammen.

Mit achtzehn Jahren zum ersten Mal Kokain? Ich habe von all dem keine Gedanken mehr, werde ich in deinen Basler Strafakten lesen.

»Kokain kann, wenn man eine Veranlagung dafür hat, die Krankheit zum Ausbruch bringen«, wird der Professor in Tübingen sagen, der einzige von den vielen Koryphäen, der dich nicht pauschal für verrückt erklärt hat. Bei Hypersensiblen genügten schon unstete Lebensführung oder Streß, um alles ins Schlingern zu bringen. Früher, auf den Dörfern, habe man sie als Sonderlinge mitlaufen lassen – oder für heilig erklärt. Heute stecke man sie in eine Anstalt. Aber du – das sei ja das Außergewöhnliche und vielleicht nur deshalb erinnere er sich an dich –, seiest ziemlich intelligent gewesen, hättest auf den ersten Blick völlig normal gewirkt.

Völlig normal, hörst du? Viele haben dich für gebildet gehalten, als Akademiker oder Künstler eingestuft. Du hast aus Faust und Goetz zitiert. Lange Passagen. Kam gut an, vor allem bei den Frauen. Auf einigen Empfängen sollst du als Professor aufgetreten sein.

Jedenfalls hatte Osip Anna begeistert von dir erzählt, und als sie dich ein paar Tage später zum ersten Mal sah, sei sie nicht enttäuscht gewesen. »Ein kleiner schlanker Mann, mit langem weißem Haar und wachen Augen …« (wie oft werde ich noch von deinen wachen Augen hören und von deiner tollen Haut! Angeblich hast du dich jeden Morgen kalt geduscht, eine spezielle Bürstenmassage vollzogen, anschließend mit Kopfstand und Yoga. Überhaupt deine Disziplin) »… nur ein Arm hing schlaff herunter.« So etwas sieht eine Physiotherapeutin sofort. Und auf ihre besorgte Frage hast du zur Antwort gegeben: »Die haben mir in den Kopf geschossen!«

Gleich beim ersten Mal hast du ihnen deine Geschichte aufgetischt. Von A bis Z: Geburt in Metz, Oberrealschule und Abitur in Berlin, Tänzer, Inhaftierung in Oranienburg, 1937 Emigration nach Frankreich. 1940 Verhaftung in Paris, Deportation in das Konzentrationslager Gurs in den Pyrenäen, Flucht. Von Ende 41 bis zum Abzug der Deutschen unter dem Namen Jacques Prout, zusammen mit drei Italienern in dem kleinen, am westlichen Stadtrand von Paris gelegenen Ort Boulogne ein Baugeschäft geführt, fünfhundert Angestellte, mehrere Außenstellen. Das Geschäft von den Deutschen für den Bau des Atlantikwalls requiriert, heimlich für die Résistance gekämpft. FFI. Wenn du nicht die geheimen Baupläne abgepaust und sie den Engländern zugeschanzt hättest, hätte Hitler den Krieg gewonnen! Besondere Attraktion: Die Beobachtungsapparate, von deren Einsatz gegen Spione außer dir und den Geheimdiensten heute niemand mehr etwas weiß. Einer der ganz Hohen, gleich unter Hitler, hatte sie dir – dem Juden Jakob Birnbaum alias Jacques Prout, Christ – eines Tages gezeigt, weit draußen in den Stellungen, irgendwann in der Stunde des Weins. Er hat dir vertraut, mit dir philosophiert, und du hast ihm Frauen besorgt. Besondere Frauen, aus Paris. Denn der war schließlich kein einfacher Mann.

Diese Beobachtungsapparate, dein Triumph, deine Qual. Sie haben dich zum Geheimnisträger, aber auch zum Gefangenen in einem Gefängnis ohne Mauern gemacht. Denn allein dir war bekannt, daß sie – ständig weiterentwickelt – nach wie vor … von sämtlichen Geheimdiensten der Welt … auch gegen dich … Tag und Nacht.

Jedem, nicht nur Anna und Osip, hast du diese Geschichte erzählt. Gern und immer wieder. Und so werde auch ich sie noch viele Male hören und lesen, in verschiedenen Fassungen und Sprachen, als Meine Akte in Archiven, bei Privatpersonen und Personen des Öffentlichen Lebens von dir selbst hinterlegt. Dein Kampf. Leitmotiv: Niemals werde ich Denen zu Kreuze zu kriechen, niemals meine Toten verraten! Eigenartig, das Kreuzmotiv für einen Juden, oder nicht? Und welche Toten? Wie auch immer, du hast nicht nachgegeben, dich nicht kaufen lassen – auch nicht für eine Million. Bis zuletzt gekämpft wie ein Löwe. Auch gegen die Wahrheit?

Die Nutte, nachdem sie mich wieder bearbeitet hatte, sagte mir abfällig, was meinst du, wie mir das egal ist, ob du nachgibst oder nicht. Wir machen unseren Dienst, wir bekommen unser Geld. Du kannst verrecken, da fragt keiner danach.

»Einer, der im KZ war, Folter und Flucht überlebt und für die Résistance gekämpft hat, hier bei uns im Zimmer – bei uns alten Revolutionären – das müssen Sie sich mal vorstellen!« sagt Anna. Selbstverständlich haben sie und Osip dir alles geglaubt. Und sich dennoch irgendwann gefragt, ob es wirklich stimme, was du so erzähltest, und vor allem, warum es für dich in Deutschland keine Wiedergutmachung gab. Und »ehrlich gesagt«, haben die gebetsmühlenartig wiederholten Schilderungen sämtlicher, angeblich allnächtlich an dir vollzogenen Torturen sie irgendwann auch genervt. Aber gut. »Er war ein alter Mann und unser Freund, und damit basta!« Außerdem, was ist Wahrheit? Anna und Osip sehen das nicht so eng, sie selbst haben schon so viel durchgemacht. Bei einer Veranstaltung zu Ehren des Vorsitzenden der KPdSU in Hamburg – gerade als die Russen in Afghanistan einmarschiert waren –, haben sie sich kennengelernt, gemeinsam Flugblätter von der Galerie in die Versammlung geworfen, »und kräftig Prügel bezogen von den roten Genossinnen und Genossen«. Überall, wo es um Widerstand gegen eine Obrigkeit, um die Rechte Entrechteter geht, sind sie zur Stelle, engagieren sie sich. Nehmen Aussiedler auf, unterstützen Asylanten, organisieren Spenden für Afrika. Zwei aus der DDR versprengte Vögel, umgeben von komischen Vögeln. Solchen wie dich. Und du hast Anna als deine Alleinerbin eingesetzt.

»Wollen Sie ihn haben?« fragt sie mich. Papiere, Photos, Kram?

Selbstverständlich hätte man alles auch wegwerfen können nach deinem Tod. All das, was bei Entrümpelung deiner Wohnung zu Tage gekommen, vor allem nach Öffnung deiner beiden Brüsseler Safes regelrecht hervorgequollen war. Hunderte von Zetteln, x-mal kopiert, manche kaum noch entzifferbar. Das Chaos eines verwirrten Kopfes, gespiegelt auf vergilbtes Papier, hineingezwängt in zwei Blechkästen. »Groß wie Kühlschränke«, sagt Anna. Aber deine beiden Freunde haben, deinem Wunsch entsprechend, alles zu sich nach Hause geschafft, in wochenlanger Arbeit durchgesehen, sortiert und was ihnen wichtig schien, aufbewahrt.

Briefe An den Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, Das Bundeskanzleramt, An die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, Mitglieder des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, General Reinhard Gehlen, Dr. Rudolf Augstein, Marion Gräfin Dönhoff, An die Menschenrechtskommission in Straßburg, den Zentralrat der Juden, etliche Jüdische Gemeinden, das Max-Planck-Institut. Briefe an Ärzte, Wissenschaftler und Künstler in aller Welt. Ein paar Monate später werde ich feststellen, daß du auch zu Avner Less Kontakt gesucht hast, den Polizeihauptmann, der Adolf Eichmann in Jerusalem verhörte.

An jeden dieselbe Suada: Empörungen über deine angeblich andauernde Verfolgung, heftige Beschuldigungen, Mutmaßungen, jeweils mit dem Schlußsatz: Mögen Sie hieranbei finden … Zunächst die schlechte Kopie eines Artikels über deine Demonstration vor dem Deutschen Bundestag 1983 aus der israelische Abendzeitung Jediot Achronot mit Photo – du mit beschrifteter Papptafel um den Hals – und dann: Meine Akte. Im Original ein grau-grüner zerfledderter Pappdeckel, fast einhundert maschinengeschriebene Seiten, unterteilt in: Vorwort, Klarstellung, Die Frage und Nomenklatura. Erster Absatz:

Bevor die hiernachstehend dargelegten Fakten zur Kenntnis genommen werden, möge man sich vorstellen: Irgend jemand hätte vor einem Jahrhundert behauptet, daß es möglich wäre, Fernsehkameras zu erstellen, die es vermögen ein jedes Geschehen, wie zum Beispiel die Olympiade, in Bild und Ton aufzuzeichnen und drahtlos, mittels eines in die Atmosphäre gebrachten Satelliten, auf die andere Seite des Globus zu übertragen und dort in alle Häuser auf dieser Hemisphäre zu projizieren. Denjenigen hätte man ohne Zweifel für einen gefährlichen »Phantasten« verschrien. Nicht anders aber reagieren viele Menschen von heute auf die, von mir hiernachstehend dargelegten Fakten und Beschreibungen der geheimen Beobachtungsapparate, auch Physio-Psycho-Apparaturen genannt, in Händen der Geheimdienstler. Und das in unserem hochtechnisierten Jahrhundert. Der Mensch ist leider all zu oft unbelehrbar!!

Die detaillierte Beschreibung der Beobachtungsapparate füllt Seiten. Pseudowissenschaftliche Ergüsse über physikalische Phänomene im allgemeinen, elektromagnetische Felder, Phonowellen und Strahlen, gespickt mit hochbrisanten Enthüllungen über den BND und bis dato geheime Namen. Alles irgendwo abgeschriebenes, geklautes Zeug, wie ich feststellen werde.

Im Anhang jeweils Krankenhausberichte, ärztliche Gutachten und Farbphotos. Als Beweise. Eine mächtige Schulternarbe, ein verbrannter Fuß, dein gequältes Gesicht. Dazu etliche Anzeigen gegen Unbekannt, wegen offenkundig auf dich verübter Attentate.

Ferner in Annas und Osips Wust: Unterlagen deiner Baufirma La Construction Nouvelle in Boulogne, eine Eidesstattliche Erklärung deines italienischen Geschäftspartners Pepe – auch Widerständler, außerdem Kommunist, wie du ihnen erzählt hast –, zur Beglaubigung deiner Identität als Jacques Prout, zwei Certificates de Domiciles, Aufenthaltsbescheinigungen, ebenfalls ausgestellt für Jacques Prout. 1943 Adresse Boulevard Washington, Suresnes, kleines Nest, gleich neben Boulogne, Herbst 1944 – Frühjahr 45 Avenue du Bel Air, Paris. Das erste Formular mit, das zweite ohne Polizeistempel.

Stapel von Zeitungsartikeln, ganze Serien, komplett durchkopiert. Über den Eichmann-Prozeß in Jerusalem 1961, über Klaus Barbie, den Schlächter von Lyon, anläßlich seiner Auslieferung von Bolivien an Frankreich 1983, über Spione in aller Welt, Geheimdienste, Tierversuche, Manipulationen von Affen. Mit Hirnantennen wie Wesen von einem anderen Stern. Mir schwindelt.

Extra-Ordner: Pullach intern. Die Spiegel-Serie von 1977, vorweg ein Statement von dir: Das Buch Pullach intern ist in der ganzen BRD nicht mehr käuflich zu erstehen. Warum? Der BND hat alle irgendwie zu habenden Exemplare aufgekauft. Jeder Kommentar erübrigt sich.

Und deine Testamente: Ein rechtsgültiges, Anna als Vormund und Alleinerbin einsetzend, datiert 1995, außerdem drei Fassungen eines alten, also längst überholten. Fünfzehn handgeschriebene Seiten von Jakob Birnbaum, zur Sicherheit an vier Stellen hinterlegt: Beim Amtsgericht Hamburg, der jüdischen Gemeinde, der Liga für Menschenrechte und bei deiner ersten Schwiegertochter Collette Birnbaum, Toulon. In jeder dieser drei Fassungen neu hast du einen Lottogewinn von DM siebenundsiebzigtausend, gewonnen 1976 (Beleg anbei), unter deinen dir damals Lieben verteilt, zunächst auch einen Enkel in Toulon noch großzügig bedacht. Aber dann? Das Testament vom Dezember 1977 soll heute, 3. Januar 1980, nach Veränderung gewisser persönlicher Verhältnisse dahingehend geändert werden, daß …. Zuletzt anscheinend also alles futsch – nicht mal mehr für einen Enkel etwas übriggeblieben.

In einer gelben Mappe: Träume, geträumt und aufgezeichnet Ende 1969 bis Anfang 71 im Basler Untersuchungsgefängnis Lohnhof, ein Veranstaltungsplan aus dem Gefängnis samt Speisezettel für die Woche zwischen Weihnachten/Neujahr 70/71: Kümmiwurst, Vogelheu, Fleischvogel. Was soll ich mir darunter vorstellen? Immerhin, kein Gestampfter Jude, wird einer meiner Basler Freunde sagen, das Gericht habe es oft beim Schweizer Militär gegeben. Du, ein Vegetarier, hast dich, wie ich in deinen Strafakten dort lesen werde, oft über das Lohnhof-Essen beklagt, dir gern etwas von draußen kommen lassen. Ja, das sei möglich gewesen, wird mir der damalige Staatsanwalt bestätigen, wenn einer die Mittel dafür besaß. Die Mittel … In Basel wegen des Verkaufs von Falschmünzen in Haft, in Deutschland vorstellig wegen Entschädigung.

Und dann das Patent für dein Tonikum gegen Rosacea, mit Nummer und Siegel. Anna hat es gehütet wie einen Schatz, und es wird nicht leicht, ihr eines Tages sagen zu müssen, daß auch dies nur Schall und Rauch war. Eine vorläufige Eintragung, international nicht anerkannt. Zu gern hättest du dein Tonikum auch über Frankreich und die USA geschüttet – ein Bombengeschäft!

Die Krönung deines Nachlasses: Ein deutsches und ein französisches Strafregister, Kopie eines Gerichtsurteils, gesprochen im Namen des Volkes 1953 in Hamburg, ein psychiatrisches Gutachten, erstellt im Auftrag der Entschädigungskammer am Hamburger Landgericht 1978, sechzig Seiten. Dazu Anwaltskorrespondenz.

Am besten wir fahren nach Brüssel, öffnen die Safes und verbrennen alles am Stadtrand, hast du manchmal zu Anna gesagt, und sie hat geantwortet: Ach Quatsch!

Insgesamt also nichts von Wert. Weder Geld noch Gold, noch Diamanten hast du deinen beiden Freunden vermacht. Der Glanz deiner besseren Jahre dahin, verstreut, veruntreut, verjubelt – konfisziert. Zwei Safes in Antwerpen wurden – um Beweisstücke sicherzustellen – auf Veranlassung des Baseler Staatsanwalts während deines Verfahrens dort per länderübergreifendem Rechtshilfeersuchen »gesprengt«, wie du es ausdrücktest. Zuletzt hast du von deutscher Sozialhilfe gelebt. Der Saustall Deutschland läßt eben keinen vor die Hunde gehen.

Anna und Osip sind die Augen übergegangen – ein ganz schöner Brocken, der arme alte Jude, ihr guter Freund. Insgesamt dreiunddreißig Jahre Knast! Aber von dir betrogen gefühlt haben sie sich nicht, im Gegenteil. Du hast ihr Leben reich gemacht, sagen sie, was wären die letzten Jahre gewesen ohne dich? Anna backt Hamantaschen und Challah, kocht Eier mit Zwiebeln – deine Rezepte.

Die Frage danach, wer der andere eigentlich ist, stellt sich ja nicht nur bei einem, der einen Wust von Papier in zwei Safes vor Gott und der Welt verbirgt, der sieben Stimmen hört –

Immer von oben rechts sprechen sie, berichten die, die Stimmen hören, wie Nachrichtensprecher im Radio, im Befehlston, dulden keinen Widerspruch!

Aber du hast es geschafft, hast dich ihnen widersetzt, dich nicht umgebracht, wie sie es Nacht für Nacht wieder von dir forderten, sogar Rache geschworen hast du, ihnen gedroht, sie hochgehen zu lassen. Welcher Taten hättest du sie bezichtigen können? Warst du nun bei der Résistance oder nicht? 1947 verurteilten dich die Franzosen wegen Kollaboration. Zwei Jahre Haft, lese ich. Gleich anschließend, 1949, achtzehn Monate wegen unerlaubten Besitzes von Kriegswaffen. Wobei dir dein liebes Maschinengewehr gute Dienste geleistet hat, wie du es in einem deiner Baseler Verhöre formulierst, weiß ich heute noch nicht. Hast du jemanden umgebracht? Oder bist du bei dem Handwerk deiner Eltern und Großeltern geblieben, ein kleiner Hehler, ein Dieb?

Ich blättere, stutze, bitte mir Bedenkzeit aus. Auch mit allem anderen, wovon hier die Rede ist, weiß ich wenig anzufangen. Gurs, Deportationen aus Paris, Vichy-Zeit. Was genau bedeutet eigentlich Kollaboration. Das wissen, wie ich feststellen werde, nur wenige, nicht einmal die Franzosen – oder sie wollen es nicht wissen. Jedenfalls nicht so genau. FFI? Keine Ahnung. Militär, Juwelenhandel, Falschmünzerei? Auch hier muß ich passen. Dein Leben, ein verwirrendes Spiegelbild verwirrter Zeit. Die Ordnungen in meinem Kopf lösen sich auf – Deutsche schlecht, Juden … Ich muß nachdenken, Jakob.

Übrigens: Nicht jedem deiner letzten Willen haben deine beiden guten Freunde entsprochen. Das Tamtam mit Brüssel habe ihnen gereicht. Zwei Urlaubstage sind dafür draufgegangen. So bist du – sei froh – nicht von einem internationalen Ärzteteam – zusammengestellt aus Juden und Christen – obduziert worden. Wozu auch? Keine Reste metallischer Substanzen hätten sie in deiner Leiche gefunden, mittels deren, deiner Theorie nach, die Anwendung der Beobachtungsapparate überhaupt möglich war. In den Sechzigern hatte einer der widerlichen Gefängnisärzte in Santa Fu, Strafanstalt Hamburg Fuhlsbüttel, sie dir angeblich injiziert. Gegen deinen Willen. In einem deiner handgeschriebenen Testamente behauptest du, er sei einer von Denen gewesen, ein Nazischwein. Zu gern wüßte ich, ob es Neuroleptika waren, die man dir verabreichte. Die nämlich, wird der Professor in Tübingen sagen, machten Leute wie dich kaputt.

Auch eine Überführung in deine Heimatstadt Metz, in der du, Annas und Osips Schilderungen nach, bis zuletzt noch das Grab deiner Mutter besucht hast, haben dir deine beiden Freunde erspart. Samt Grabinschrift: Torturé jusqu' a la mort par les Nazis du service secret de la République Fédéral Allemagne. In großen Lettern, wie du verfügt hast. Und während der Zeremonie wurde weder Tosellis Serenade noch das neapolitanische Lied Catari, Catari geblasen, denn das hätte der Rabbi nicht erlaubt, und den meinten Anna und Osip dir schuldig zu sein. Daß der, wie mir nach Durchsicht diverser Akten klarwerden wird, viel mehr über dich gewußt hat als deine beiden Hamburger Freunde jemals, hat er jedoch höflich verschwiegen und an deinem Grab der sechsköpfige Trauergemeinde nur das gesagt, worum Anna ihn gebeten hatte. So bist du als Verfolgter und Held in die Ewigkeit eingegangen und nicht als Einschleichdieb, zu Schweizerdeutsch Einsteigdieb, als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher – oder wer weiß was.

Ob er dich auch bestattet hätte, wenn ihm dein Schlußwort vor dem Basler Gericht zu Ohren gekommen wäre? Schließlich könne, hast du dort vollmundig verlautet, aus einem Saulus ja auch mal ein Paulus werden. Nicht nur dem eifrigen Gerichtsschreiber wird der Atem gestockt haben ob der so plötzlichen Bekehrung eines Juden. Aber auch diese hat dir nichts mehr genützt. Fünfzehn Monate haben sie dir verpaßt, die gnadenlosen Schweizer.

Im Sommer werde ich dein Grab besuchen, in Hamburg Ohlsdorf. Der jüdische Friedhof, ein Areal für sich neben dem christlichen. Zwischen den Pflastersteinen der kleinen Straße, die zum Eingang führt, wächst Gras. Hier wird nicht so oft gestorben, und vielleicht bekommt ihr auch nicht so viel Besuch. Dein Grab, im neu angelegten Teil, ein stoppeliger Hügel, Brombeerbewuchs, Brennesseln, hohes Gras. Am Kopfende die genormte Plastiktafel, von der Gemeinde bezahlt. Rechts und links neben dir, Marmor, goldene Buchstaben: Zum Gedenken an unsere lieben, in der NS-Zeit Umgekommenen … Wer sollte deiner gedenken, Jakob? Du hast die NS-Zeit überlebt. Eine deiner Club-Freundinnen wohnt ganz in der Nähe, aber sie weiß nicht mal, daß du hier liegst. Friedhöfe seien nichts für sie, wird sie sagen. Sie backe lieber Kuchen.

»Wollen Sie ihn haben?« fragt Anna zum zweiten Mal. Ich verlasse das kleine Rotklinkerhaus und denke nach.

Nirgendwo wird die Zweideutigkeit menschlichen Verhaltens besser sichtbar als auf dem Prüfstand der Geschichte, werde ich irgendwo lesen.

Drei Tage später sage ich zu. Anderes kann warten. In einer kleinen Holzkiste schleppt Anna alles herbei. Dazu noch eine Tüte voll Münzen aus aller Herren Länder und Restbände deiner Bibliothek dazu. Dicke Wälzer: Was gestern noch als Wunder galt, Das Wissen in unserer Zeit, Einsteins Universum, World Coins, und Kosmetologie. Ein Taschenbuch Operation EVA. Die Affäre Langemann. Nach und nach werde ich sie lesen.

Der richtige Zeitpunkt für einen Neuanfang! Alle sind jetzt mit Einkaufen und Einpacken beschäftigt – in diesem Jahr sind Handys der Renner, höre ich –, mit Kochen und Backen. Mandelkarpfen an Reisrand, Perlhuhn im Tontopf, was man nicht alles zu hören bekommt, wenn das Wort Weihnachten fällt. Und worum, bitte, geht es eigentlich? Ach, hör doch auf, du immer mit deinen Fragen! Ein gutes Essen, Gardinen zu und Kerzen an, dann wird die Stimmung schon kommen, beruhigt man mich. Die Stimmung!

Niemand wird uns also stören.

Aber wie anfangen?

Chanukka. Auch ihr, lese ich, zündet im Dezember Lichter an, acht Tage lang, beschenkt euch, kocht etwas Besonderes. Ich weiß, du warst nicht gläubig, hast jüdische Gemeinden wohl eher als Zahlstellen benutzt – oder Klagemauern. Jedenfalls hast du auch dorthin deine Unterlagen geschleppt. Ständig seiest du mit einem kleinen Rollkoffer unterwegs gewesen, wird man mir in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Hamburg sagen. Und die Synagogen? Jakob hatte seine eigenen Philosophien, hat Anna gesagt.

Jacques Prout war katholisch. Hat er die Messe besucht? An der Erstkommunion der Tochter seiner italienischen Wirtsleute in Suresnes hat er jedenfalls teilgenommen, wie ich erfahren werde. Aber heute weiß ich noch nichts davon. Das Goldrandphoto einer niedlichen Kindbraut – mit Kruzifix in der Hand und gütigem Jesus im Hintergrund – ein Rätsel wie alles andere. Claire Marini, Eglise Notre-Dame de la Paix, Suresnes, 14. Mai 1942, steht auf der Rückseite. Gedruckt. Die Kirche hat sich den Eintritt ihrer neuen Schäfchen ganz offensichtlich etwas kosten lassen. Mit der Lupe entziffere ich einen verwischten Stempelabdruck auf Jacques Prouts Aufenthaltsbescheinigung in Suresnes 1943: Hotel Marini, ebenfalls Boulevard Washington. Ein Brief von Claire, den sie dir Anfang 1970 in das Untersuchungsgefängnis Lohnhof geschickt hat, und den ich im Sommer in deiner Strafakte im Basler Staatsarchiv finden werde, wird das Rätsel lösen, mich zu einer heute alten Frau in einen anderen der vielen kleinen, westlich von Paris gelegenen Vororte führen. Bedenken Sie, was meine Aussage wert wäre. Ich war damals zwölf Jahre alt..., hatte sie dir geschrieben. Offenkundig hast du sie, wie deinen ehemaligen Geschäftspartner und Freund Pepe auch, von Basel aus bedrängt, für dich auszusagen. Denn nur wenn Jakob Birnbaum hieb- und stichfest den Beweis erbringen konnte, während des Krieges tatsächlich der Bauunternehmer Jacques Prout in Boulogne gewesen zu sein, hätte ihm in Deutschland Entschädigung für die Summe zugestanden, die seinem Baugeschäft in Frankreich durch Abzug der Wehrmacht angeblich verlorengegangen war: Sechs Millionen! Ja, der Atlantikwall, ein gutes Geschäft damals. In Frankreich nicht gerade rühmlich, in Deutschland um so mehr. Glanzleistung der Organisation Todt, im Auftrag des Führers. Sechzehntausend Befestigungsanlagen entlang der europäischen Westküste zum Schutz gegen die Alliierten. Aber als sie dann weg waren, die Fritz, da haben etliche der guten Franzosen im Regen gestanden. Sämtliche Rechnungen offen.

Und wie charmant du gewesen seiest! wird die alte Claire am Telefon sagen. Immer unangekündigt seiest du plötzlich im Hotel ihres Vaters aufgetaucht, hättest Feste im Saal organisiert und die Frauen verführt – sogar noch ihre Großmutter. Und es habe Alkohol gegeben, was eigentlich streng verboten gewesen sei. Monsieur Je suis seul ce soir hätten sie dich genannt, nach einem geflügelten Wort von dir. Der Herr Ich bin allein heut’ nacht. Raffiniert! Die Frauen haben verstanden.

Sämtliche Telefongespräche und Korrespondenzen mit Frankreich wird – weil ich kein Französisch kann –, Julia für mich führen, Lehrerin. Sie spricht die Sprache perfekt. Auch meine erste Reise nach Paris wird sie mitmachen. Wenn ich geahnt hätte, wo überall hin mich Annas Kiste noch führen würde! Ohne Julia wäre ich in Frankreich gescheitert.

Deine Sucht nach Geselligkeit, nur Flucht vor der Einsamkeit? Die Begründung einer Landesverweisung in Genf 1939 lautet schwarz auf weiß: Unerwünscht, keinerlei Rechtfertigung für die Notwendigkeit seiner Anwesenheit. Ein Motiv, das sich sowohl durch dein langes Leben, als auch durch das Leben deiner Familie zieht. Hat es je irgendwo die Notwendigkeit der Anwesenheit einer Familie Birnbaum gegeben? War es das, was dich wütend gemacht und geradezu angestachelt hat, deine Familie zu verlassen, fortzugehen? Nichts wie raus aus dem Schlamassel, weg von denen! Weit weg von diesem Judentum und seiner Chancenlosigkeit. Nach oben. Nach ganz oben!

Auch noch etliche Jahre nach dem Krieg bist du unter falschen Namen gereist. Drei weitere nach Prout werde ich finden – und immer noch als Katholik. Aber dann, Mitte der fünfziger Jahre, plötzlich »back to the roots«? Wegen Wiedergutmachung? Nur dem zum Untertauchen gezwungenen Juden konnte Schaden an Leib und Leben zugefügt, glaubhaft nur ihm diese sechs Millionen durch die Lappen gegangen sein. Aber auch der, der Jude, mußte nach so vielen Jahren »Abwesenheit« zunächst bewiesen werden. Gar nicht so leicht. Vor allem, weil du gerade mal wieder im Gefängnis saßt. Dort, wo dir sowieso keiner auch nur ein Wort abnahm. Vielleicht mit Hilfe der Presse?

»… als Anlage übersenden wir Ihnen ein Schreiben des Herrn Jakob Birnbaum, zur Zeit Strafanstalt Straubing. Vielleicht ist es Ihnen möglich, seinen Wunsch zu erfüllen. Mit freundlichen Empfehlungen …« heißt es in einem Brief der Allgemeinen, Wochenzeitung der Juden in Deutschland, Düsseldorf, gerichtet an den Zentralrat der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main, Oktober 1955.

Über die Allgemeine hast du deine Rückbesinnung auf den Weg gebracht, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V., reagierte, schrieb an die Communauté Israélite de Metz, Betr.: Jakob Birnbaum:

»Sehr geehrte Herren! Der Obengenannte, der sich in Deutschland in einem Gefängnis befindet, gibt an, Jude zu sein. Seine Beschneidung sei durch Herrn Rabbiner Dr. R. in Metz durchgeführt worden. Die Namen seiner Eltern … Da er lange Zeit sein Glaubensbekenntnis als katholisch angegeben hat, wären wir für eine Mitteilung dankbar, ob er Ihnen bekannt ist und ob die Angaben zutreffend sind. Mit vorzüglicher Hochachtung …«

Auch von Jüdischen Gemeinden in München und Düsseldorf wurden deinetwegen Nachforschungen angestellt, wie ich Dokumenten des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland entnehmen werde. Die eigentlichen Anträge an die Entschädigungskammer jedoch hast du dann zu spät eingereicht – wieder Pech! Über zwanzig Jahre hat er sich hingezogen, der Fristenstreit, immer verknüpft mit der offenen Frage nach deiner Geschäfts- beziehungsweise Zurechnungsfähigkeit. Für gewisse Zeiträume partiell oder ausreichend attestiert, für andere hingegen mit Sicherheit nicht. Phantastisch, was sich die Seelenkenner da gegenseitig um die Ohren geschlagen haben!

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