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Rendezvous im Winter

1. KAPITEL

Welch ein Chaos! Blossom White seufzte. Sie war nur eine Minute nicht im Zimmer gewesen. Und schon sah es aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgefegt. Entsetzt betrachtete sie die Szene, die sich ihr bot, und bemühte sich, das Geschrei der Kinder zu übertönen. Sie waren zwar nur zu viert, machten aber mehr Radau als ein gutes Dutzend. „Harry! Simone! Es reicht. Hört sofort auf, Rebecca und Ella mit Kuchen zu bewerfen!“

Als in diesem Moment ein Stück Schokoladenkuchen direkt auf ihrer Stirn landete, vergaß die sonst eher gutmütige Tante Blossom ihren festen Vorsatz, die Ruhe und Geduld in Person zu sein. Den hatte sie gefasst, weil ihre Schwester, die Mutter der Kinder, im Krankenhaus lag. Doch jetzt stürzte Blossom quer durch den Raum und packte die beiden älteren Kinder.

Am liebsten hätte sie ihnen den Hintern versohlt, stattdessen begnügte sie sich damit, sie zornig zu ermahnen: „Habt ihr gehört, was ich gesagt habe? Es reicht. Für euch ist Fernsehen nach dem Dinner heute gestrichen. Es wird noch gebadet, und dann geht ihr direkt ins Bett.“

„Wir wollen aber unsere Sendungen gucken“, protestierte Harry trotzig. Er hatte ein engelhaftes Gesicht, das viel zu leicht darüber hinwegtäuschte, dass er ein wahrer Rabauke war. Außerdem versuchte er, sich ihrem Griff zu entwinden.

„Das kannst du vergessen, Harry. Jedenfalls, solange ihr nicht das tut, was ich euch sage.“ „Mummy lässt uns immer fernsehen.“

Mummy befindet sich zweifellos auch ständig im Zustand völliger Erschöpfung. „Ich bin nicht eure Mummy, und ich sage euch, was ihr zu tun habt und nicht umgekehrt. Verstanden?“

Das war für ihren Neffen offensichtlich eine völlig neue Vorgehensweise. Zum ersten Mal sah er die andere Seite seiner Tante Blossom und brach prompt in Tränen aus. Es dauerte nur etwa ein bis zwei Sekunden, bis seine Schwestern mit einstimmten.

Wie Melissa mit diesen beiden Zwillingspaaren unter fünf Jahren fertig wird, ist mir ein völliges Rätsel, dachte Blossom grimmig. Sie war jetzt seit einem Tag für sie verantwortlich und fühlte sich bereits vollkommen erledigt. Resigniert blickte sie auf die hellen Wände, an denen nun Flecken von Kuchen und Sahne zu sehen waren. Auf dem Tisch breitete sich verschütteter Orangensaft aus, der langsam auf die Holzdielen tropfte.

Blossom hätte ohne Weiteres in das Heulkonzert mit einstimmen können. Stattdessen erklärte sie bestimmt: „Kein Gejammer mehr. Wir werden dieses Chaos jetzt gemeinsam beseitigen, Harry und Simone, okay? Wer kann am meisten aufräumen und putzen?“

„Ich, ich.“ Harrys Tränen waren urplötzlich versiegt.

Sie schickte die beiden älteren Kinder in die Küche, um Besen und Putzlappen zu holen, während sie ihre beiden jüngsten Nichten anstarrte. Die zwei hatten ebenfalls aufgehört zu weinen und leckten sich die Schokolade von den kleinen Händchen. Jedes Mal, wenn ein Krümel auf den Boden fiel, kicherten sie laut.

Kurzentschlossen nahm Blossom die beiden auf den Arm und trug sie ins Wohnzimmer hinüber, wo sie sie erst mal in den Laufstall verfrachtete.

Als sie ins Esszimmer zurückkehrte, hatten Harry und Simone sich bereits eifrig ans Putzen gemacht. Sie waren eine ganze Weile beschäftigt.

Doch irgendwann war der Raum wieder einigermaßen in Ordnung gewesen. Alle vier Kinder waren gebadet, sie hatte ihnen eine Gutenachtgeschichte vorgelesen, und nun schliefen sie tief und fest. Blossom schlich die Treppe hinunter in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.

Nach der ganzen Aufregung des Tages hatte sie endlich die Gelegenheit, sich hinzusetzen und nachzudenken, und plötzlich wünschte sie sich beinahe, die Kinder wären wieder wach. Am Morgen hatte ihr Schwager Greg sie voller Panik angerufen, um ihr mitzuteilen, dass Melissa mit fürchterlichen Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Bei allem, was sie den Tag über getan hatte, hatte sie zwar die Sorge um ihre Schwester immer im Hinterkopf gehabt. Aber jetzt, wo zum ersten Mal Ruhe herrschte, wurde die Angst um Melissa plötzlich übermächtig.

Geradezu in Rekordzeit war sie am Morgen von ihrer Wohnung in London zu dem Haus in dem Vorort Sevenoaks gerast, um dort einen völlig überforderten und panischen Greg anzutreffen.

„Gestern Abend ging es ihr nicht besonders gut“, erklärte er verzweifelt, als er sie mit Rebecca und Ella im Arm an der Tür begrüßte. Harry und Simone standen mit einem Toast in den klebrigen Händen direkt hinter ihm. „Als sie gegen drei Uhr nachts aufwachte, sagte sie, ihr wäre übel, und eine halbe Stunde später setzten dann die Schmerzen ein. Schon bald konnte sie sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen. Der Arzt meint, es könnte der Blinddarm sein. Manchmal würde der völlig ohne Vorwarnung Probleme verursachen.“

„Nun, ich bin ja jetzt da, und ich bleibe, bis ich nicht mehr gebraucht werde“, erklärte Blossom energisch. „Du fährst jetzt ins Krankenhaus und vergisst das hier alles.“

Greg nahm sie sofort beim Wort, allerdings hatte Blossom nicht damit gerechnet, dass er sie tatsächlich komplett vergessen und sie nicht mal anrufen würde, um ihr mitzuteilen, wie der Stand der Dinge war.

Rasch griff sie nach dem Telefon und wählte die Nummer des Krankenhauses. Nachdem sie zweimal weiterverbunden worden war, sprach sie schließlich mit einer Schwester, die sie freundlich darüber informierte, dass Melissa zurzeit operiert würde. „Dr. Robinson vermutet, dass sie eine starke Blinddarmentzündung hat und dass es vielleicht schon einen Durchbruch gegeben hat. Auf jeden Fall schien eine Operation das sicherste Mittel.“ Die Schwester zögerte kurz. „Ich fürchte, Ihr Schwager ist im Moment ein wenig … angespannt. Soll ich ihm sagen, dass er Sie später anrufen soll, wenn Ihre Schwester aus dem OP kommt und er Neues weiß?“

„Das wäre großartig, vielen Dank.“ Blossom legte den Hörer auf und griff nach ihrer Kaffeetasse. Vermutlich war die Krankenschwester eine Meisterin der Untertreibung. Greg war sicher mit den Nerven am Ende.

Er war ein brillanter Physiker, der einen Spitzenjob in einer Elektronikfirma in London hatte, aber was praktische, alltägliche Dinge anging, war er absolut nicht zu gebrauchen. Dass er sich voll und ganz auf Melissa verließ, bestritt niemand. Er wusste nicht mal, welcher Wochentag war, wenn seine Frau es ihm nicht sagte. Sie war für ihn Sonne, Mond und Sterne in einem.

Oh, Melissa, Melissa. Blossom beugte sich vor, den Kaffeebecher in der Hand, und schloss die Augen. Obwohl sie keine eineiigen Zwillinge waren, standen sich die Schwestern sehr nahe, auch wenn Melissa bereits mit zweiundzwanzig geheiratet hatte und hierhergezogen war. Blossom dagegen hatte sich für die Karriere entschieden und war in London geblieben, wo sie sich als Modefotografin einen hervorragenden Ruf erworben hatte – mit viel Blut, Schweiß und Tränen.

Blossom hob den Kopf und schaute mit feuchten Augen durch den Raum, ehe sie nach einem Taschentuch griff. Es wäre nicht fair, wenn Melissa jetzt etwas zustieße – jetzt, wo sie endlich die Kinder besaß, auf die sie so lange gewartet hatte.

Rasch ermahnte sie sich, dass sie es sich nicht leisten konnte, in Tränen auszubrechen. Am besten machte sie sich erst mal ein Sandwich. Den ganzen Tag hatte sie noch nichts gegessen, und ihr Magen knurrte. Dennoch verspürte sie kaum Appetit. Allerdings musste sie hundert Prozent fit sein für den Fall, dass eins der Kinder aufwachte und sie brauchte. Besonders, wenn es sich dabei um Harry handeln würde.

Also griff sie nach dem Laib Brot im Brotkasten – natürlich selbst gebacken. Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Schwester das hinkriegte, aber Melissa war es unheimlich wichtig, dass ihre Kinder nur sorgfältigst zubereitete Nahrung zu sich nahmen, weshalb sie alles selber kochte und buk. Blossom hatte das Brot gerade auf der Arbeitsfläche abgelegt, als es an der Haustür klingelte. Keine zwei Sekunden später läutete es noch einmal.

Besorgt, dass Harry aufwachen könnte, der nur einen leichten Schlaf hatte, stürzte Blossom zur Tür und verfluchte insgeheim denjenigen, der um diese Zeit auf der Schwelle stand, wer immer es auch sein mochte.

„Hallo.“

Er hatte dunkles Haar, die schönsten himmelblauen Augen, die man sich nur vorstellen konnte, und er war unheimlich groß. Mindestens eins neunzig, dachte sie benommen. Vielleicht sogar noch größer.

Urplötzlich war sie sich bewusst, dass sie ihre älteste Jeans trug und dass an ihrem weißen T-Shirt von allem etwas klebte, was die Kinder während des Tages gegessen hatten. Außerdem hatte sie sich am Morgen nicht die Mühe gemacht, sich zu schminken. Ihr Haar war lediglich zu einem Pferdeschwanz gebunden. „Hallo“, entgegnete sie schwach. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Zak Hamilton.“ Er streckte ihr eine gebräunte Hand entgegen. Seine Kleidung bestand aus einem makellosen hellblauen Hemd, das sicherlich noch nie in Kontakt mit schmutzigen Kinderfingern gekommen war, und einer eleganten mittelgrauen Hose. „Greg arbeitet für mich“, fügte er erklärend hinzu, als Blossom ihn nur stumm anstarrte.

Zak Hamilton. Natürlich. Das war der Big Boss von Hamilton Electronics. Sie erinnerte sich, dass Melissa einmal erzählt hatte, er habe die Firma vor sechs Jahren geerbt, als sein Vater unerwartet starb, und seitdem war sie zu einem weltweiten Imperium angewachsen.

Hastig riss sie sich zusammen und erwiderte: „Ich bin Melissas Schwester, Gregs Schwägerin.“ Im nächsten Moment schalt sie sich eine Idiotin. Natürlich war sie Gregs Schwägerin, wenn sie die Schwester seiner Frau war. Das hätte dieser Mann mit Sicherheit auch allein herausgefunden.

„Hallo, Gregs Schwägerin.“ Er wirkte amüsiert. „Besitzen Sie auch einen Namen oder nur diesen Titel?“

Oh, nein. Sie hasste es, wenn sie ihren Namen zum ersten Mal nennen musste. „Blossom White.“ Sie wartete darauf, Überraschung in seinen schönen Augen zu sehen oder dass sich seine Belustigung noch verstärkte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen schaute er sie nur weiterhin aufmerksam an.

„Melissa und ich sind Zwillinge“, fügte sie rasch hinzu. „Auch wenn man uns das nicht ansieht. Meine Mutter fand es irgendwie süß, die Ältere, also meine Schwester, Melissa zu nennen, was ja ‚Biene‘ bedeutet, und die jüngere dann Blossom. Die Biene, die zur Blüte fliegt, verstehen Sie?

Wahrscheinlich dachte sie, dass die Ältere auf die Jüngere aufpassen würde.“ Mein Gott, wie oft habe ich das schon erklärt.

„Hat es funktioniert?“, fragte er mit echtem Interesse.

„Nicht wirklich.“ Eigentlich war genau das Gegenteil der Fall. Melissa war immer die Schüchterne, Zurückhaltende gewesen, während Blossom sich in jedes Abenteuer hineinstürzte. Na ja, zumindest bis ihr Dean über den Weg lief.

„Sind Sie vorbeigekommen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen?“ Eine weitere dumme Frage unter den gegebenen Umständen.

Er nickte. „Greg wollte anrufen, aber das hat er nicht getan.“

„Ich kann Ihnen auch nicht viel sagen – nur, dass Melissa gerade operiert wird, und ich darauf warte, dass Greg anruft und mir sagt, wie es gelaufen ist.“

„Operiert?“

Er schaute ernsthaft besorgt drein, und zu Blossoms Entsetzen traten ihr plötzlich Tränen in die Augen. „Sie … sie vermuten, dass ihr Blinddarm vielleicht durchgebrochen sein könnte.“ Nicht weinen. Bloß nicht weinen! Nicht jetzt. Nicht vor ihm.

„Das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass es so ernst ist.“ Seiner tiefen Stimme haftete ein ganz leichter Akzent an, den sie nicht einordnen konnte. „Kann ich irgendwie helfen?“

Blossom holte tief Luft. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie unhöflich es von ihr war, dass sie ihn nicht mal hereingebeten hatte. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Zu ihrer Entschuldigung konnte sie nur vorbringen, dass die Sorge um Melissa sie ihre Manieren vergessen ließ. „Nein, wir haben so weit alles im Griff“, log sie schamlos. „Aber vielleicht möchten Sie auf einen Kaffee hereinkommen?“

„Danke, gerne.“

Er zögerte keine Sekunde, was Blossom schon ein wenig überraschte. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, musste ihm doch klar sein, dass sie einen furchtbaren Tag hinter sich hatte und sich nur noch nach einem heißen Bad sehnte?

„Sie müssen mein Aussehen entschuldigen“, erklärte sie ein wenig steif, während sie ins Wohnzimmer vorging. Zu spät fiel ihr ein, dass sie es noch nicht geschafft hatte, den Laufstall zu säubern. „Die Kinder haben eine Schokokuchenschlacht veranstaltet.“ Mit der Hand deutete sie auf den Laufstall. „Wie Sie sehen können.“

Er nickte nachdenklich. „Ich habe mich schon gefragt, was das da auf Ihrer Stirn ist. Offensichtlich hat der Schokokuchen gewonnen.“

Nun, das war nicht besonders taktvoll. Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln und erinnerte sich daran, dass dieser Mann Gregs Boss war. „Ich bin nicht daran gewöhnt, nach vier kleinen Kindern zu sehen“, versetzte sie kühl. „Und Harry ist ein ganz schöner Wildfang.“

Wieder nickte er. Sie wusste nicht, ob er damit ausdrücken wollte, dass er das für offensichtlich hielt, oder ob er sie bedauerte. Allerdings hatte sie das ungute Gefühl, dass es sich um Ersteres handelte. Daher war ihr Lächeln nicht unbedingt wärmer, als sie hinzufügte: „Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment, ich kümmere mich um den Kaffee.“ Mit so viel Würde, wie sie nur aufbringen konnte, verließ sie den Raum.

Sobald sie im Flur stand, schloss sie sorgfältig die Tür hinter sich und eilte in das Gästebad im Erdgeschoss. Der Blick in den Spiegel ließ sie aufstöhnen.

Schlimmer ging es gar nicht. Ihr Haar war total zerzaust, ihr Gesicht glänzte – zumindest bis auf die Stellen, die mit Schokokuchen beschmiert waren – und in ihren Locken hatten sich sogar ein paar Blätter der Trauerweide verfangen, als sie mit Harry und den Mädchen vor dem Abendessen im Garten gespielt hatte.

„Großartig, einfach großartig“, murmelte sie, doch dann zuckte sie die Achseln. Spielte es eine Rolle, wie sie aussah, jetzt, wo Melissa so krank war? Zak Hamilton musste sie nehmen, wie sie war. Sie würde ihm einen Kaffee vorsetzen und dann höflich klarmachen, dass es nett wäre, wenn er danach gehen würde.

Dennoch wusch sie sich rasch Hände und Gesicht und kämmte sich das Haar. Sie band es zu einem Pferdeschwanz zusammen, der jetzt dick und glänzend war. Dann warf sie einen letzten Blick in den Spiegel und ging in die Küche.

Er musste sich mit Instant-Kaffee zufriedengeben. Die Packung hatte sie vor zwei Monaten mitgebracht. Da hatte sie übers Wochenende auf die Kinder aufgepasst, während Melissa und Greg ihren Hochzeitstag in Paris feierten. Seitdem war sie offensichtlich nicht mehr angerührt worden.

Blossom hatte gerade eine großzügige Menge in zwei Becher gelöffelt, als das Telefon klingelte. Sofort griff sie nach dem Küchentelefon und hauchte atemlos: „Ja?“

„Blossom? Ich bin’s, Greg. Sie ist jetzt aus dem OP raus. Der Arzt sagt, der Eingriff sei gut verlaufen. Offensichtlich stand der Blinddarm kurz vorm Durchbruch, deshalb ist es gut, dass sie sofort operiert haben. Allerdings wird sie ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Irgendetwas mit ihren Blutwerten ist nicht ganz in Ordnung.“

„Oh, Greg.“ Blossom ließ sich auf einen der Hocker an der Frühstücksbar sinken. „Hast du mit ihr gesprochen? Wie geht es ihr?“

„Sie ist noch nicht aus der Narkose erwacht. Laut Auskunft des Arztes wird das noch bis morgen früh dauern. Trotzdem würde ich gerne noch ein wenig länger bleiben, wenn das für dich okay ist? Kommst du mit den Kindern klar?“

Er klang so verzweifelt, dass Blossom sofort Mitleid mit ihm hatte. „Natürlich“, sagte sie. „Bleib so lange, wie du willst. Den Kindern geht es gut. Sie schlafen tief und fest. Hast du irgendwas gegessen?“

„Gegessen?“, wiederholte er vage. „Oh, ja, ich glaube schon. Ein paar Sandwichs. Ich muss jetzt los. Bis morgen.“ Und damit legte er auf. Typisch Greg.

„Alles in Ordnung? Ich habe das Telefon gehört. War das das Krankenhaus?“

Die ruhige Stimme, die aus Richtung Türrahmen kam, riss Blossom aus ihren Gedanken. Zak stand da, seine blauen Augen zu Schlitzen verengt. Es war ein total unpassender Moment, um festzustellen, dass er einer der attraktivsten Männer war, den sie je gesehen hatte.

Krampfhaft schluckte sie, dann entgegnete sie: „Das war Greg. Melissa ist aus dem OP raus, und alles lief gut. Sie muss nur noch aus der Narkose erwachen.“

Er nickte. „Gut. Und jetzt stelle ich Ihnen dieselbe Frage, die Sie Greg gestellt haben – haben Sie schon etwas gegessen?“

Sie starrte ihn an. „Es war zu hektisch.“

Erneut nickte er. „Sie sehen aus wie der Tod auf Raten“, erklärte er schonungslos. „Sie werden mir doch nicht in Ohnmacht fallen, oder?“

Mein Gott, der Mann hatte Nerven! Sie wurde wütend. Natürlich wusste sie, dass sie furchtbar aussah, aber deshalb musste er doch nicht auch noch darauf herumreiten. „Mir geht es hervorragend“, erwiderte sie kalt. „Vielen Dank der Nachfrage. Ich bin außerdem noch nie in meinem Leben in Ohnmacht gefallen.“

Es war so, als hätte sie gar nichts gesagt. „Warum nehmen Sie nicht ein Bad, während ich etwas zu essen bestelle?“, fragte er in einem Ton, der eher auf einen Befehl als einen Vorschlag schließen ließ. „Ich habe auch noch nichts gegessen und bin am Verhungern. Worauf haben Sie Lust – indisch, chinesisch, italienisch, thailändisch? Ich lade Sie natürlich ein, darauf bestehe ich.“

So wie Blossom ihn anstarrte, hätte man meinen können, ihm wären Hörner gewachsen. Von wegen, ich habe alles im Griff, dachte sie benommen. Es dauerte ein, zwei Sekunden, ehe sie antwortete: „Ich möchte nichts, aber trotzdem vielen Dank.“ Hoffentlich verstand er den Wink.

„Sie sind vollkommen sicher.“ Es war eine Spur Belustigung zu hören. „Ich werde die Situation nicht ausnutzen, falls Sie davor Angst haben.“

Allmählich verlor sie die Geduld, die von den Kindern ohnehin bereits arg auf die Probe gestellt worden war. Sie glitt von dem Hocker und entgegnete: „Das habe ich nicht eine Sekunde befürchtet.“

Das stimmte. Zak Hamilton wirkte wie ein Mann, der nur mit Frauen ausging, nach denen sich alle umdrehten. Selbst wenn sie ihre besten Kleider trug und sorgfältig geschminkt war, war das bei ihr jedoch nicht der Fall.

Sie hatte einfach keine Lust, ihn den barmherzigen Samariter spielen zu lassen. Schließlich hatte er bereits deutlich gemacht, dass sie in seinen Augen ziemlich katastrophal aussah. Selbst das verlockende Angebot von thailändischem Essen konnte sie nicht umstimmen – und dabei liebte sie die thailändische Küche.

„Gut. Was soll ich also bestellen? Ich selbst bevorzuge ja thailändisch, aber ich bin offen für alles.“

Sie hatte einen sehr guten Vorschlag für ihn, nur dass der nichts mit Essen zu tun hatte. „Hören Sie, Mr. Hamilton, ich möchte nicht unhöflich wirken …“, begann sie und dachte einmal mehr daran, dass dies Gregs Boss war, „aber ich habe noch einige Dinge zu tun. Möchten Sie jetzt einen Kaffee, bevor Sie gehen?“

Sein Blick begegnete dem ihren. „Sie sind nicht gerade unkompliziert, was?“, bemerkte er ruhig. „Definitiv ein wenig kratzbürstig.“

Eigentlich kam sie mit jedem klar, das sagten alle. „Ich richte Greg aus, dass Sie hier waren, um sich nach Melissa zu erkundigen“, entgegnete sie eisig. Jetzt zieh dich endlich zurück, Mr. Big Boss Hamilton!

„Genau genommen habe ich das gar nicht.“ Mit verschränkten Armen lehnte er am Türrahmen und sah sie gelassen an. „Mich nach Melissa erkundigt, meine ich. Denn ich wusste gar nicht, dass sie im Krankenhaus ist. Greg hat gegenüber meiner Sekretärin heute Morgen nur erwähnt, dass sie Bauchschmerzen habe. Ich nahm an, dass sie vielleicht etwas Falsches gegessen habe. Eigentlich bin ich hier, weil ich Greg daran erinnern wollte, dass wir morgen Vormittag einen wichtigen Termin in Watford haben.“

Blossom starrte ihn an. „Meine Schwester liegt nach einer Notfalloperation im Krankenhaus, und Sie erwarten, dass mein Schwager morgen mit Ihnen nach Watford fährt?“ Ihre Stimme war mit jedem Wort lauter geworden. Was war nur los mit diesem Mann? Hatte er überhaupt kein Einfühlungsvermögen?

Zak seufzte. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich die Umstände nicht kannte“, erklärte er mit übertrieben betonter Geduld. „Natürlich erwarte ich jetzt nicht mehr, dass er mich begleitet. Ich käme nicht im Traum darauf.“

Einigermaßen besänftigt, goss sie heißes Wasser in die beiden Becher. „Milch und Zucker?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

„Ich trinke ihn schwarz. Danke.“

Mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze nahm er den Becher entgegen, den Blossom ihm reichte. Seine Nähe machte sie nervös.

„Möchten Sie ein Stück Kuchen dazu?“ Aus Höflichkeit fühlte sie sich verpflichtet, ihm etwas anzubieten. Immerhin hatte er sie zum Essen einladen wollen. Außerdem musste sie selbst dringend etwas in den Magen bekommen – er würde sonst sicher gleich anfangen zu knurren.

„Welchen Kuchen? Doch nicht etwa die Reste des Schokokuchens, oder?“, fragte er mit vollkommen ernstem Gesicht.

Dabei machte er sich bestimmt über sie lustig, auch wenn er das nicht zeigte. Wortlos öffnete Blossom den Küchenschrank und nahm Melissas Kuchendosen heraus. In der einen befand sich die verbliebene Hälfte des Schokoladenkuchens. Pech für ihn. Am Nachmittag hatte sie einen Krümel vom Tisch aufgepickt, als sie den Zwillingen beim Putzen geholfen hatte, und er war wirklich köstlich. Natürlich sahen auch der Früchtekuchen und der Ingwer-Walnusskuchen in der anderen Dose absolut fantastisch aus – alles, was Melissa buk, schmeckte hervorragend.

„Davon hätte ich gern ein Stück.“ Er deutete auf den Ingwer-Walnusskuchen. „Haben Sie den gebacken?“

Ihre Freunde hätten sich über diese Frage ausgeschüttet vor Lachen. „Ich backe nicht“, erklärte sie knapp. „Diese hier hat Melissa gemacht.“ Sie schnitt ein großzügiges Stück ab, legte es auf einen Teller und reichte ihn ihm, ehe sie sich selbst ebenfalls ein Stück gönnte.

„Sollen wir ins Wohnzimmer gehen?“ Seitdem er in der Küche aufgetaucht war, wirkte der Raum seltsamerweise viel zu eng und intim. „Da haben wir es gemütlicher.“

Im Wohnzimmer angekommen, nahm Zak auf dem Sofa Platz. Blossom setzte sich auf den Sessel, der am weitesten entfernt stand.

Nachdem Zak einen Bissen von dem Kuchen gekostet hatte, verkündete er, dass er köstlich sei, dann betrachtete er sie aus schmalen Augen. „Sie backen also nicht“, bemerkte er nachdenklich. „Was tun Sie denn?“

„Wie bitte?“ Er machte sich schon wieder über sie lustig, sie wusste es einfach.

„Was haben Sie für einen Job – oder arbeiten Sie nicht?“, fragte er glatt.

„Doch, ich arbeite.“ Er brachte sie aus der Fassung, aber sie wollte es sich keinesfalls anmerken lassen. Also holte sie tief Luft und sagte sich, dass sie ruhig bleiben müsse. „Ich bin Modefotografin.“ Damit kannst du jetzt anfangen, was du willst.

Er hob eine Augenbraue. „Wirklich?“

Ja, wirklich, trotz meiner derzeitigen Aufmachung. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich fürchte schon.“ Sie nahm mehrere Schlucke Kaffee und beschloss dabei, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. „Finden Sie das überraschend?“, fragte sie zuckersüß. Sag Ja, wenn du es wagst.

„Ja, das tue ich.“ Er sah sie ausdruckslos an.

Der Mann schoss ja wirklich den Vogel ab. Da konnte er doch genauso gut gleich laut aussprechen, was er dachte. „Und warum, Mr. Hamilton?“

„Zak, bitte.“ Er besaß doch tatsächlich die Unverschämtheit, sie anzulächeln. „Es besteht kein Grund für Formalitäten.“

Dieses Lächeln. Perfekte, ebenmäßige Zähne. Wahrscheinlich hatte er sich nie mit Zahnspangen rumschlagen müssen so wie sie als Teenager. „Warum überrascht es sie, Zak?“, wiederholte sie ihre Frage mit grimmiger Höflichkeit. Immerhin war Greg von diesem Mann abhängig.

„Sie sagen, dass Sie und Melissa Zwillinge sind, aber was ich bislang von Ihrer Schwester gesehen habe und nach allem, was Greg erzählt, ist sie das Paradebeispiel der zufriedenen Ehefrau und Mutter, ohne auch nur die leisesten Karriereabsichten zu hegen. Ich habe angenommen, dass Zwillinge in dieser Hinsicht ähnlich veranlagt wären.“

Sie starrte ihn an. „Wir sind Zwillinge“, betonte sie, „keine Klone.“ Warum mussten Männer wie er immer über diese unverschämt langen Wimpern verfügen, für die jede Frau töten würde? Es verhalf ihnen zu einem unfairen Vorteil. Die von Dean waren mindestens zwei Zentimeter lang gewesen.

„Touché.“ Er lächelte sie unverschämt an und gönnte sich einen weiteren riesigen Bissen von Melissas köstlichem Kuchen. „Der schmeckt übrigens wirklich fantastisch.“

Innerhalb von Rekordzeit war auch der Rest des Kuchens vertilgt. „Ich nehme mal an, dass es nicht leicht ist, in Ihrer Branche Fuß zu fassen. Arbeiten Sie für ein Studio, ein Modehaus oder ein Magazin?“

Blossom schüttelte den Kopf. „Ich bin freiberufliche Fotografin, das ist mir lieber so. Und ja, zu Beginn war es schwierig, ins Geschäft zu kommen, und es ist auch immer noch nicht leicht, drinzubleiben, aber mir gefällt es. Es gelingt mir ganz gut, meine Fähigkeiten und Fotos zu verkaufen.

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