Logo weiterlesen.de
Remember the time

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Einführung

Prolog

Erster Teil

Können wir nicht wieder nach Neverland zurück?

Zweiter Teil

Warum lässt man mich nicht einfach in Ruhe?

Dritter Teil

This Is It

Dank

Personenregister

Unsere Empfehlungen

Bill Whitfield und Javon Beard
mit Tanner Colby

Remember
the time

Die Bodyguards von Michael Jackson erzählen, warum der King of Pop wirklich starb

Übersetzung aus dem Amerikanischen von
Bernhard Josef

Ich widme dieses Buch Prince, Paris und Blanket.

Die führende Hand ihres Vaters hat sie auf eine Welt vorbereitet, von der er wusste, sie würde eine Herausforderung für sie. Sein Geist wird sie weiterhin leiten, und falls sie mich rufen sollten, ich bin auch für sie da.

Bill

Ich widme dieses Buch meinem Zwillingsbruder Jovon.

Ich wollte, du könntest diesen Augenblick mit mir teilen.

Ruhe in Frieden. Auch wenn du nicht mehr unter uns bist, wir werden dich nie vergessen. In ewiger Liebe!

Außerdem widme ich dieses Buch Michael Jackson. Mein Dankeschön nicht nur für deinen Glauben an mich, sondern auch für die Chance meines Lebens. Und ich widme es Prince, Paris und Blanket. Euch zu Diensten zu sein war eine Freude. Ihr wart eines der Highlights meiner Arbeitstage. Falls ihr mich brauchen solltet, ich bin für euch da.

Javon

Einführung

Sie würden das hier nicht lesen, wäre Michael Jackson noch am Leben.

Über zweieinhalb Jahre, vom Dezember 2006 bis zu seinem Tod im Juni 2009, waren wir die Bodyguards des berühmtesten und erfolgreichsten Entertainers aller Zeiten: Michael Jackson. Einen Gutteil dieser Zeit waren wir die einzigen Vermittler zwischen seiner Familie und der Außenwelt. Und wir haben was zu erzählen.

Die Welt des Personenschutzes ist für die meisten Leute da draußen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie sehen Bodyguards im Fernsehen und denken sich dabei vermutlich ihren Teil: stiernackige Rabauken in schwarzen Anzügen, die vor Türen rumstehen. Das stimmt aber nicht. Wir sind keine Rausschmeißer. Viele von uns waren mal bei der Polizei, andere beim Militär; wir sind Leute mit einer Ausbildung in der Kunst des Personenschutzes, wir kennen uns damit aus. In unserer heutigen, von Prominenz besessenen Kultur sind Einzelheiten aus dem Leben von Filmstars und Profisportlern so gut wie bares Geld. Ihre Privatsphäre steht buchstäblich unter Dauerbeschuss. Personenschutz ist eine ernste Angelegenheit. Man vertraut uns die Sicherheit von Ehepartnern, Kindern und Verschlusssachen an. Wir sorgen für Maßnahmen, die eine Überwachung in Hotels, Restaurants und Krankenhauszimmern verhindert. Wir sorgen für Tarnidentitäten, um Personen unerkannt um den Globus zu manövrieren. Und wenn wir unsere Arbeit richtig gemacht haben, dann sieht es hinterher so aus, als wären wir nie da gewesen. Aber wir sind immer da – wir halten uns im Hintergrund, beobachten, hören zu. Wir wissen so einiges, von dem die Boulevardpresse grade mal behauptet, sie wüsste Bescheid. Und wir wissen so einiges, was Sie nur zu gern wüssten.

Einen Job als Personenschützer bekommt man nicht allein seiner Erfahrung und Fähigkeiten wegen. Da muss sich schon jemand für einen verbürgen. Man nimmt in dieser Branche keinen, dem man nicht hundertprozentig vertraut. Leute, die aus dem Nähkästchen plaudern, werden in diesem Geschäft nicht alt. So ist das nun mal. Man sieht alles. Man hört alles. Man weiß jedoch nichts. Wird man nach was gefragt, erinnert man sich eben nicht mehr. Flattert einem eine Vorladung ins Haus, macht man sich aus dem Staub. So läuft das in unserer Branche, und so halten wir das heute noch, was die Angelegenheiten unserer Klienten angeht.

Michael Jackson war kein typischer Klient. Als Hüter seiner Geheimnisse zu Lebzeiten, zu was wir uns einst verpflichteten, hat sein Tod uns in eine Lage gebracht, über die wir nie so ganz glücklich waren. Die Fragen rund um seinen Tod – wer Zugang zu ihm hatte und wann und warum – rückten uns, sozusagen als vorderste Verteidigungslinie, ins grelle Licht der Öffentlichkeit. Wir haben uns alle Mühe gegeben, so wenig aufzufallen wie nur möglich. Wir haben mehrmals lukrative Angebote der Boulevardpresse für vertrauliche Einzelheiten über die kontroverseren Aspekte von Michael Jacksons Leben ausgeschlagen. Als wir uns zur Aussage gezwungen sahen, erst im Prozess gegen Dr. Conrad Murray, dann im Zivilverfahren zwischen Jacksons Erben und AEG Live, den Veranstaltern seiner nie zustande gekommenen Comeback-Show This Is It, haben wir alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Wir haben aber keinerlei Informationen über das hinaus preisgegeben, wozu wir gesetzlich verpflichtet waren. Wir hatten keine Lust, uns in diesen Zirkus hineinziehen zu lassen.

Wir haben uns nur zwei Mal in der Öffentlichkeit geäußert, anlässlich kurzer TV-Interviews mit Nightline und Good Morning America, beide im März 2010. Der Grund dafür war einfach der, dass wir die Wahrheit sagen wollten über den Michael Jackson, den wir gekannt haben. Wir wollten der Welt den anständigen Menschen und wunderbaren Vater vor Augen führen, dem zu dienen wir die Ehre hatten. Mr. Jacksons Fans, für die er nichts als tiefste Wertschätzung und Liebe empfand, verdienen es, diese Facette von ihm zu sehen. An unserer Absicht hat sich nichts geändert. Die effektivste Möglichkeit, die Dinge zurechtzurücken, so haben wir uns schließlich gedacht, wäre ein Buch aus eigener Feder – ein unmittelbarer, weder durch Reporter noch Kommentatoren gefilterter Bericht.

Wir haben versucht, einen Mittelweg zu finden zwischen der gebotenen Ehrlichkeit und der uns auferlegten Schweigepflicht. Die Personen, die in diesem Buch namentlich erwähnt werden – Michael Jacksons berühmte Geschwister, seine Managerin Raymone Bain, Grace Rwaramba, die Nanny seiner Kinder – sind allesamt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die jedem geläufig sein werden, der Michael Jacksons Geschichte verfolgt hat. Wir sehen also kaum einen Vertrauensbruch darin, sie hier namentlich zu nennen. Sie treten in Erscheinung, weil ohne sie die Geschichte nicht zu erzählen wäre. Auf der anderen Seite haben wir uns alle nur erdenkliche Mühe gegeben, die Namen von Personen außen vor zu lassen, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Abgesehen davon wurde nun wirklich genug geschrieben über die Scharen von Anwälten, Managern und Kletten am Rande von Mr. Jacksons Leben. Wir konzentrieren uns auf die einzige Person in dieser Geschichte, die den Leser auch tatsächlich interessiert.

Es handelt sich hier in vielerlei Hinsicht um eine Geschichte, die im Grunde nur wir erzählen können. Michael Jacksons Lebensweg mögen in verschiedenen Phasen Hunderte von Leuten gekreuzt haben, in seinen letzten Jahren – vor This Is It – hatte er so gut wie niemanden um sich außer uns. Es vergingen immer wieder Tage, ja Wochen, in denen wir mit Mr. Jackson und seinen drei Kindern Prince, Paris und Blanket alleine waren. Mr. Jackson wurde ja nun der Möglichkeit beraubt, seine Geschichte selbst zu erzählen. Seine Kinder sind zu jung, um sich zu erinnern beziehungsweise die Tragweite der Ereignisse voll und ganz zu verstehen. Entsprechend haben sie nichts Geringeres verdient, als diese so erinnert und aufgezeichnet zu sehen, wie sie tatsächlich passiert sind. Und das können nun mal nur wir.

So wie es all diejenigen gibt, die Michael Jacksons Namen in den Dreck zu ziehen versuchen, gibt es die, die ihn als Heiligen sehen wollen, einen Engel auf dem Podest. Er war weder das eine noch das andere. Michael Jackson war, wie jeder andere von uns auch, ein komplizierter Mensch. Ein zutiefst religiöser Mensch, der Millionen für wohltätige Zwecke verschenkte und mit seinem Talent das Leben von Millionen bereicherte, rang er in einem Maß mit einem zutiefst persönlichen Kummer, der für Außenstehende kaum nachzuvollziehen ist. Das vorliegende Buch feiert die guten Zeiten wie seine großen Leistungen, scheut aber deswegen nicht vor den schwierigeren, beunruhigenderen Augenblicken seines Lebens zurück. Es ist unsere Absicht, die ganze Geschichte so ehrlich wie verständnisvoll zu erzählen, um ein in sich geschlossenes Bild von den Ereignissen zu ermöglichen, deren Zeugen wir geworden sind.

Und schließlich möchten wir angesichts des anstößigen Gerangels um Michael Jacksons ungeheures Vermögen eines klarstellen: Wir schreiben dieses Buch nicht um des finanziellen Profits willen. Wie schon gesagt, wir haben erhebliche Summen abgelehnt, die man uns für unsere Geschichten geboten hat. Als Michael Jackson starb, lief unser Vertrag mit seinem Management noch weitere zwei Jahre. Und obwohl wir durchaus im Recht gewesen wären, auf unsere Ansprüche zu bestehen, hatte keiner von uns auch nur die geringste Lust, sich in die Stampede der Gläubiger einzureihen, um Michael Jacksons Leichnam zu fleddern. Mit Mr. Jacksons Tod waren für uns alle ausstehenden Verbindlichkeiten abgegolten. Im Gegensatz zu so vielen anderen erhoben wir keinerlei Forderungen gegenüber den Erben.

Bis zur Veröffentlichung der amerikanischen Ausgabe haben wir kein Honorar für das Buch bekommen. Während andere, die Mr. Jackson nahestanden, sich schier überschlugen beim Run auf sechsstellige Deals für ihre offenherzigen Erinnerungen, entschlossen wir uns für einen anderen Weg. Als wir den Vertrag für das Buch unterschrieben, bekamen wir persönlich überhaupt kein Geld. Der bescheidene Vorschuss unseres Verlegers ging nicht an uns. Er floss in die Begleichung der Spesen, die bei der Produktion des Buches anfielen: Reisekosten zu den Meetings mit dem Lektorat, das Honorar für die Mithilfe eines professionellen Autors bei der Gestaltung unserer Geschichte etc. Zeit und Energie für die Fertigstellung des Projekts kamen ausschließlich aus eigener Tasche. Und all das war gar nicht so einfach. Wir hatten bei den Vorbereitungen zu diesem Buch eine ganze Reihe von Knüppeln aus dem Weg zu räumen, die man uns zwischen die Beine warf. Wie bei allem, was mit Mr. Jackson zu tun hat, sahen wir uns bei unserem Versuch, ihm gerecht zu werden, auf Schritt und Tritt mit der Hässlichkeit der Welt konfrontiert, in der er lebte.

Es wäre uns lieb, wenn der Lohn für unsere Mühe von euch käme, den Fans, und das auch nur, wenn ihr zu dem Schluss kommt, wir hätten ihn auch tatsächlich verdient. Michael Jackson hat nach wie vor ein unüberschaubares Heer leidenschaftlicher Fans. Ihr habt ein ehrliches, rücksichtsvolles und wohlüberlegtes Zeugnis seines Lebens verdient. Ihr verdient zu erfahren, wie der Mann wirklich war. Und unser Buch gibt darüber endlich Auskunft, davon sind wir überzeugt. Wenn ihr diese Ansicht teilt, wenn ihr euer sauer verdientes Geld auf den Ladentisch legt, dann wissen wir, dass unsere Anstrengungen nicht umsonst waren. So oder so, wir werden ruhig schlafen in der Gewissheit, Michael Jacksons Erbe gerecht geworden zu sein, ohne unseren eigenen Prinzipien untreu zu werden. Michael Jackson zu beschützen war eine Erfahrung wie keine andere. Es hat uns zu einem tieferen Verständnis des Menschen und seiner Musik gebracht und unsere Weltsicht auf immer verändert. Wir teilen unsere Erfahrung mit euch in der Hoffnung, dass sie auch euch verändern wird.

Prolog

22. Dezember 2006

McCarran International Airport

Las Vegas, Nevada

Bill: Es war drei Tage vor Weihnachten, gegen zehn Uhr abends, ich saß in einem von vier schwarzen Cadillac Escalades draußen auf dem Flugfeld. Angeheuert hatte ich als Chef eines Sicherheitsteams. Der Klient flog im Privatjet aus dem Ausland in Las Vegas ein; ich hatte ihn vom Flughafen zu einem exklusiven Anwesen in Summerlin am Nordwestrand der Stadt zu eskortieren. Ich saß auf dem Beifahrersitz des Führungs-SUV. Das zum »SP-Kfz« auserkorene Fahrzeug – mit anderen Worten das mit der Schutzperson – stand direkt hinter dem meinen. Ich suchte den Himmel über uns nach der Maschine ab.

Wenn die Leute Las Vegas hören, dann denken sie: Neonlichter, heißes Pflaster und Wüste rundum. Aber im Winter? Nachts? Ist die Sonne mal untergegangen, gehen die Temperaturen rasch in den Keller. Draußen auf dem Rollfeld lagen die Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Ich hatte die Heizung voll aufgedreht, während wir warteten, damit die Kälte nicht in den Wagen eindrang. Der Umstand, dass man uns die Zufahrt auf das Rollfeld gestattet hatte, war ungewöhnlich. Jedenfalls war ich es nicht gewohnt, noch nicht einmal für superprominente Klienten. Aber in dieser Stadt, in dieser Branche ist ungewöhnlich die Norm. Ist eben Vegas. Ein bewaffneter Konvoi wie der unsere könnte für einen Filmstar, einen Konzernchef, einen Sportler oder aber auch einen Politiker sein. Herrgott, womöglich hatte man mich angeheuert, um einem geschassten Diktator bei der Flucht vor einer Revolution in irgendeiner Bananenrepublik behilflich zu sein. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wen ich da abholen kam.

Erst zwei Tage zuvor war ich von einem dreimonatigen Einsatz in zwei Ländern und fünf Bundesstaaten zurückgekommen. Ich wollte einfach nur ausspannen und Zeit mit meiner Tochter verbringen. Dann rief mich Jeff Adams an, ein Kollege. Jeff und ich sind die besten Freunde, Brüder praktisch. Wir hatten oft zusammen gearbeitet. Würde mich, so wollte er wissen, die Leitung eines Sicherheitsteams für eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens interessieren, die in zwei Wochen nach Vegas kam? Ich sollte die Person abholen und von A nach B eskortieren. Jeff sagte: »Ich habe mit dem Assistenten des Klienten gesprochen, einem gewissen John Feldman. Ich habe ihm deinen beruflichen Hintergrund geschildert. Er möchte, dass du ihm deinen Lebenslauf und eine Kopie deines Führerscheins für eine Überprüfung des Leumunds faxt.« Jeff gab mir eine Faxnummer in Übersee durch, ich schrieb sie mir auf.

»Wer ist denn der Klient?«, fragte ich.

Jeff schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Das kann ich dir im Augenblick nicht sagen. Aber glaub mir, du wirst noch froh sein, dass du das übernommen hast. Du musst übrigens eine Waffe tragen.«

Ich hatte durchaus meine Bedenken, mich darauf einzulassen, da ich nicht wusste, um wen es ging. Aber ich war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das eben manchmal so war. Solange kein Vertrauensverhältnis aufgebaut ist, gilt die Regel »Kenntnis nur bei Bedarf«: Der Vertrag geht über zwei Stunden; man tritt an, erledigt den Auftrag, und damit hat es sich. Ich hatte genügend solcher Aufträge erledigt und sagte ihm, er könne auf mich zählen.

Die nächsten beiden Wochen über durchleuchteten die Leute meinen Lebenslauf, stellten mich dann ein, und ich machte mich an die Vorbereitungen. Zwei Tage vor der Ankunft des Klienten erarbeiteten Jeff und ich unser Einsatzkonzept: Wir suchten uns die beste Route vom Flughafen zum neuen Zuhause der Schutzperson aus, fuhren die Strecke zusammen ab, notierten uns jedes Stoppschild, timten die Ampeln, notierten uns Abschnitte, auf denen wir eventuell mit Staus rechnen müssten. Wir einigten uns darauf, dass ich den eigentlichen Transport vom Flughafen übernehmen sollte; Jeff würde im Haus auf uns warten.

Am Tag des Einsatzes traf ich abends um halb acht am Flughafen ein. Der Autovermietung hatte ich gesagt, die Fahrzeuge sollten um acht geliefert werden. Als sie eintrafen, inspizierte ich sie, prüfte eines nach dem anderen auf Herz und Nieren. Ich bemerkte dabei, dass sich an den Rückspiegeln Videokameras befanden, die auf den Beifahrersitz des Fahrzeugs gerichtet waren. Ich rief Jeff an. »Keine Kameras. Basta«, sagte er. Also ging ich von Fahrzeug zu Fahrzeug und steckte sie aus.

Um zehn fuhren wir aufs Rollfeld. Um 22 Uhr 35 landete eine Gulfstream V und rollte auf uns zu. Als die Treppe ausgefahren wurde, wies ich meine Fahrer an, in Formation an der Maschine entlang aufzufahren. Ich stieg aus und ging zurück zum »SP-Kfz«, das direkt am Fuße der Treppe zum Stehen gekommen war. Ich baute mich daneben auf und wartete, bereit, den Passagieren die hintere Tür zu öffnen. Die Besatzung der Maschine machte sich zusammen mit den anderen Fahrern daran, das Gepäck in den SUVs zu verstauen.

Der Erste, der aus der Maschine kam, war ein Schwarzer Ende vierzig, tadellos gepflegte Erscheinung, aber ansonsten nicht weiter erwähnenswert. Dann kam eine Frau heraus. Sie hatte ein schlafendes Kind in den Armen, das sie vorsichtig die Treppe heruntertrug. Hinter ihr erschienen zwei Kinder etwa im Grundschulalter. Sie stiegen allesamt in den Wagen. Ich dachte mir: Okay, das wird es wohl sein. Ich wollte eben die Tür hinter ihnen schließen, als eines der Kinder fragte: »Wo ist denn Daddy?«

Daddy?

Ich warf einen Blick hinauf zum Flieger. Ein Mann kam die Treppe herunter. Er trug von Kopf bis Fuß Schwarz, sogar sein Gesicht steckte hinter einem schwarzen Schal. Als er auf mich zukam, fielen mir seine Füße auf: leichte Slipper, schlanke Fesseln, aus der Hochwasser-Hose ragten weiße Socken. Er kam die Treppe herunter, ging an mir vorbei und stieg zu den Kindern hinten ins SUV. Ich schloss die Tür und ging zum Führungsfahrzeug. Dann fuhren wir los.

Bei all dem Urlaubsverkehr brauchten wir eine geschlagene Dreiviertelstunde vom Flughafen raus zum Haus. Jeff erwartete uns. Wir fuhren in die Auffahrt; das Tor schloss sich hinter uns. Mein Wagen hielt an, um das »SP-Kfz« vorbeizulassen, damit die Familie unbeobachtet aussteigen konnte. Ich fasste beim Entladen des Gepäcks mit an – es waren mindestens dreißig Reisetaschen – und brachte alles ins Haus. Dann ging ich wieder hinaus auf die Zufahrt.

Jeff kam aus dem Haus. Per Sprechfunk fragte er: »Alles klar?«

»Code 4«, sagte ich.

Ich dachte in dem Augenblick, für mich sei der Auftrag damit erledigt. Ich hatte die Schutzperson von A nach B gebracht. Damit war mein Auftrag erfüllt. Aber meine Neugier brachte mich schier um. Ich ging hinüber zu Jeff und sagte: »Nun sag schon. Wer ist der Typ?«

Jeff grinste übers ganze Gesicht. »Hast du ihn denn nicht gesehen?«, fragte er.

Ich zuckte die Achseln. »Sicher. Spilleriges Kerlchen, Tusse, drei Kinder.«

Jeff beugte sich vor und flüsterte. »Das war Michael Jackson.«

Ich starrte ihn lediglich an. »Erzähl keinen Scheiß!«

Er hob die rechte Hand. »Tod vor Unehre«, sagte er. »Wenn ich’s dir sage.«

Ich glaubte ihm trotzdem nicht. Dann rief uns Feldman, der Typ, der als Erster aus der Maschine gekommen war, ins Haus. Als wir reingingen, dachte ich mir: Yo, echt? Lern ich jetzt tatsächlich Michael Jackson kennen?

Wir gehen rein, und da kommt der andere auf uns zu, nur dass er diesmal keinen Schal vor dem Gesicht hat. Und ich denke mir: Scheiße! Michael Jackson! Steht vor mir und drückt mir die Hand. Unwirklich ist gar kein Ausdruck. Jeff stellte uns vor. Mit seiner zarten, leisen Stimme sagte Mr. Jackson: »Hallo, freut mich.«

Ich sagte: »Ist mir eine Ehre, Sir. Ich bin schon ewig ein Riesenfan.«

Riesenfan? Mein Lebtag hatte ich keinem Klienten so was gesagt. In meinem Beruf hatte ich mich an den Umgang mit Prominenten gewöhnt. Aber jetzt hämmerte mir das Herz in der Brust; meine Nackenhaare stellten sich auf. Ich versuchte, den Profi zu geben, aber innen drin war ich ein kleines Kind. Ich war ein Riesenfan. Ich hatte noch alle meine fünf alten Jackson-Alben mitsamt den Singles. Ich erinnerte mich noch, ihn und seine Brüder in der Musiksendung Soul Train gesehen zu haben. Er tanzte den Robot zu »Dancing Machine«.

Wir plauderten kurz über Motown Records. Ich hatte ein paar Mal für das Label gearbeitet, und er hatte das in meinem Lebenslauf gesehen. Dann kamen seine Kinder dazu. Paris und Prince begrüßten mich beide. Blanket war eher reserviert und still. Er versteckte sich hinter seinem Vater und winkte mir zaghaft zu.

Mr. Jackson sagte: »Kinder, das hier ist Bill. Er beschützt uns ab jetzt.«

Ich dachte mir: Was? Beschützt uns? Was redet der denn da? Jeff hatte mir gesagt, es gehe darum, jemanden von A nach B zu bringen. Scheck abgreifen, Abflug nach Haus. In meinem Hinterkopf gingen Alarmglocken los. Und Mr. Jackson sagte – mehr Statement als Frage: »Sie bleiben doch die Nacht über, ja?«

»Ahm … ja. Ja, Sir.«

»Großartig«, sagte er. »Dann sehen wir uns morgen früh.«

Sie wünschten mir alle eine gute Nacht und gingen nach oben. Ich sah Jeff und Feldman an. Ich sagte: »Wir müssen reden.« Wir gingen nach draußen, und als wir auf der Auffahrt standen, sagte ich: »Was ist denn los hier? Wo ist die Security von dem Mann?«

»Die Nation of Islam hat eine Zeitlang seine Security besorgt«, erklärte Jeff. »Er ist deswegen unter Beschuss geraten, also will er das ändern.«

Feldman entschuldigte sich für das Missverständnis und fragte, ob es mir tatsächlich nichts ausmachen würde, die Nacht über zu bleiben, vielleicht sogar länger.

Ich wandte mich an Jeff. »Und das ist wirklich der echte Michael Jackson? Verscheißer mich jetzt nicht, Mann. Es ist zu kalt, und ich hab keinen Bock drauf, mit einem Michael-Jackson-Imitator durch Vegas zu ziehen.«

»Verlass dich drauf«, sagte er. »Der Typ ist echt. Er hat sich dein CV angeschaut, hat gesehen, dass du bei Motown warst, und sofort gesagt, du seist sein Mann.«

»Okay. Und wann kommt der Rest des Teams?«

Feldman sah Jeff an, dann wieder mich. Dann sagte er: »Ich dachte, Sie wüssten Bescheid. Wir haben kein Team. Sie sind allein.«

Was? Nee, nee. Nicht so. Jetzt war ich sauer. Ich sah mich in eine Situation gedrängt, auf die ich nicht vorbereitet war. So wie es da draußen Leute gab, die den Typ leidenschaftlich liebten, gab es auch Spinner, die ihn nicht abkonnten und alles tun würden, ihm was anzutun. Immer wenn ich Michael Jackson im Fernsehen gesehen hatte, war er mit einer ganzen Crew unterwegs gewesen. Ich war allein. Ich kannte weder das Anwesen, noch hatte ich eine Ahnung, wie das Haus innen aussah. Ich hatte noch nicht mal die nötige Ausrüstung mit, die man für so einen Einsatz braucht.

Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Irgendwas stimmt da doch nicht, dachte ich. Ich machte das zu lange, um denen abzukaufen, dass Michael Jackson – der King of Pop – ohne Security unterwegs war. Ein Assistent und ein Kindermädchen? Wo waren seine Leute? Der Manager? Die Entourage?

Was ich damals nicht wusste, aber rasch erfahren sollte: Der Michael Jackson, den ich an dem Abend vom Flughafen abgeholt hatte, war nicht derselbe Michael Jackson, der im Jahr zuvor ins Ausland gegangen war. Er hatte an dem Abend keine Entourage dabei, weil er keine mehr hatte. Niemanden. Basta. Er war mutterseelenallein. Der berühmteste Mensch auf dem Planeten – und wir waren die Einzigen, die wussten, dass er wieder zurück in den Staaten war.

Ich erklärte mich bereit zu bleiben. Ich meine, was hätte ich machen sollen? Der Mann hatte seinen Kindern gesagt, ich würde sie beschützen. Nach einer Weile gingen der Assistent und die Nanny; sie wohnten in einem Hotel in der Nähe. Dann ging auch Jeff. Er hatte noch einen anderen Job, den er bereits zugesagt hatte. Damit stand ich alleine da. Ich machte einen Rundgang, sah mir das Anwesen an, überprüfte Türen und Fenster. Dann richtete ich mich auf einem Klappstuhl in der Garage ein. Die nicht isoliert war; der reinste Kühlschrank. Zwei Grad unter null, und ich hatte nichts an als Zweiteiler, Frackhemd und Schlips.

Ich konnte es immer noch nicht so recht fassen. Die ganze Geschichte nicht. Ich war am Rotieren. Ich hätte am liebsten meine ganze Bekanntschaft angerufen, nur dass das natürlich nicht ging. Und überhaupt, wer hätte mir denn geglaubt?

»Hey, stell dir vor, ich bin in einem Haus mit Michael Jackson und seiner Familie.«

»Wen hast du denn mit?«

»Ich bin allein. In der Garage.«

»Mann, da nimmt dich doch einer voll auf die Rolle.«

Ich blieb die ganze Nacht über auf. Ich hielt Augen und Ohren offen. Und fror. Bei jedem Geräusch, bei jedem Auto, das vorbeifuhr, war ich auf den Beinen, schaute mich um, sah nach dem Rechten. Die meiste Zeit über saß ich aber einfach da, bibberte mir den Allerwertesten ab und überlegte: Wo sind die Leute von dem Mann? Ob wohl irgendein Durchgeknallter übers Tor geklettert kommt? Was zum Teufel mach ich überhaupt hier?

So gegen viertel acht ging endlich die Sonne auf. Ich hörte jemanden die Verbindungstür zum Haus aufsperren. Als sie aufging, sagte ein dünnes Stimmchen: »Entschuldigung?«

Ich hob den Kopf. Es war die Kleine. Paris. Sie kam in die Garage und hielt mir einen Becher hin. Es war heiße Schokolade mit einigen geschmolzenen Marshmallows drin. Sie stand still da, sah mich an, hielt mir den Becher hin und sagte: »Daddy hat gesagt, ich soll Ihnen die geben.«

Erster Teil

Können wir nicht wieder nach Neverland zurück?

1

Am 19. Juni 2005 ging Michael Jackson mit seinen drei Kindern an Bord eines Privatjets und verschwand. Zehn Tage später landete er, nach einem kurzen Zwischenstopp in Europa, im fernen Inselkönigreich Bahrain im Persischen Golf, das ein ganzes Jahr lang sein Zuhause sein sollte. Jackson, weltweit als King of Pop anerkannt, war im Exil.

Michael Joseph Jackson wurde am 29. August 1958 in der Eisenhüttenstadt Gary, Indiana, im amerikanischen Mittelwesten geboren. Er war das siebte von Joe und Katherine Jacksons neun Kindern. Praktisch ein musikalischer Wunderknabe, seit er laufen konnte, spielte er schon früh in der Band seiner älteren Brüder Jackie, Tito, Jermaine und Marlon und bildete schließlich mit ihnen die vom Vater gemanagte Gesangsgruppe The Jackson 5. Von seinem sechsten Lebensjahr an war Michael mit seinen Brüdern fast Woche für Woche auf Tour. Sie traten bei regionalen Talentwettbewerben, in Nachtclubs und bei Musikfestivals auf. Im Alter von zwölf Jahren zählte er bereits zu den beliebtesten Entertainern der USA. Noch vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag war er, dank seines mittlerweile legendär gewordenen Albums Thriller, die Person mit dem höchsten Wiedererkennungswert auf der ganzen Welt.

Im August 1993 begann Jacksons spektakuläre Karriere nach der öffentlichen Anschuldigung des Kindesmissbrauchs aus den Fugen zu geraten. Um ein langwieriges Verfahren und weitere Verletzungen seiner Privatsphäre zu vermeiden, erklärte er sich trotz aller Unschuldsbeteuerungen zu einem außergerichtlichen Vergleich in Höhe von angeblich zweiundzwanzig Millionen Dollar bereit. Diese Entscheidung sollte ihn für den Rest seines Lebens verfolgen, weil sie den Schatten öffentlichen Argwohns auf jeden weiteren seiner Schritte warf. In den folgenden Jahren geriet Jackson weiter ins Schleudern, und schließlich implodierte sein Leben, als 2003 ein zweiter Missbrauchsvorwurf aufkam, dem strafrechtliche Ermittlungen durch den damaligen Staatsanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon, folgten, der bereits seit den ersten Anschuldigungen zehn Jahre zuvor hinter Jackson her war.

Im April berief Sneddon eine Grand Jury ein, die sich für eine Anklage gegen den Sänger aussprach. Der Vorwurf lautete auf Kindeswohlgefährdung. Jackson, diesmal fest entschlossen, ein für alle Mal seine Unschuld zu beweisen, erklärte sich bereit, sich dem Verfahren zu stellen. Im Januar 2005 begann man den Fall Das Volk von Kalifornien gegen Michael Joseph Jackson zu verhandeln, ein Prozess, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zog. Nur hatte Santa Barbaras übereifriger Ankläger selbst nach zweijähriger Ermittlungsarbeit auch nicht einen einzigen Beweis für ein kriminelles Fehlverhalten seitens Jacksons beibringen können. Die Jury sprach ihn am 13. Juni 2005 einstimmig frei; Michael Jackson verließ den Gerichtssaal, sämtlicher Anklagepunkte entlastet, als freier Mann.

Entlastet und freigesprochen, aber gebrochen. Schwer angeschlagen von dem Prozess und angesichts eines Bergs juristischer und finanzieller Probleme, die sich während dieser schweren Zeit angehäuft hatten, verließ Jackson Amerika und ging nach Bahrain. Sie wohnten dort als persönliche Gäste von Scheich Abdullah bin Hamad bin Isa Al Khalifa, einem Freund seines Bruders Jermaine Jackson, der die beiden miteinander bekannt gemacht hatte. Scheich Abdullah, der zweite Sohn des Königs von Bahrain und Gouverneur der Südprovinz des Königreichs, hatte es sich in den Kopf gesetzt, ein Musikmogul zu werden, und sah in Jackson das perfekte Vehikel für den Aufbau seines Entertainment-Unternehmens. Die beiden gründeten ein Plattenlabel und kündigten große Pläne an. Ihre Beziehung ging jedoch rasch in die Brüche, und im Sommer 2006 verließ der Sänger Bahrain und verbrachte die nächsten sechs Monate in Irland. Jackson hatte eine Schwäche für die friedliche Entlegenheit der Grünen Insel, aber seine juristischen und finanziellen Probleme waren unmöglich dadurch zu lösen, dass er sich irgendwo in Übersee versteckt hielt. Er musste sich wieder an die Arbeit machen, und so fasste er den Entschluss, mit seiner Familie nach Las Vegas zu gehen. Der Gedanke dahinter war, sich einen Gig als Headliner in einem der Hotels am berühmten Las Vegas Strip zu sichern.

Jackson, der in seiner besten Zeit mit zwei Frachtmaschinen voll Equipment und Personal getourt hatte, kehrte von seinem achtzehnmonatigen Auslandsaufenthalt nur mit Stammbesetzung zurück: seinen Kindern, deren Nanny Grace Rwaramba und seinem persönlichen Assistenten John Feldman. Seit seinen Tagen als Kinderstar war der Kern von Michael Jacksons Entourage immer sein persönliches Sicherheitsteam gewesen; es hatte praktisch über jeden öffentlichen Auftritt des Sängers gewacht. In der Zeit vor dem Prozess 2005 hatte die Nation of Islam für die Sicherheit des Sängers gesorgt. Angesichts massiver Medienkontroversen um Jacksons Kontakte zu den Black Muslims hatte sein Management sich bei seiner Rückkehr in die Staaten jedoch entschlossen, seine persönliche Sicherheit in andere Hände zu geben. Über Jeff Adams, einen privaten Sicherheitsberater mit Verbindungen zu Jacksons Team, verbreitete sich die Nachricht, der Sänger sei auf der Suche nach neuen Bodyguards. Bei Durchsicht der Lebensläufe, die bei ihm eintrafen, fiel Jackson ein Kandidat besonders auf.

1965 geboren, wuchs Bill Whitfield in der New Yorker Vorstadt New Rochelle auf und ging dann zur Polizei. Anfang der 1990er war er Vater einer Tochter und arbeitete nebenbei als privater Bodyguard, eine Beschäftigung, die bald zu seinem Hauptberuf werden sollte. Es war die Zeit, in der die New Yorker Hiphop-Szene groß herauszukommen, sich aus den Straßen der Bronx herauszuarbeiten und zu einer Milliarden-Dollar-Industrie zu entwickeln begann. Über seinen Cousin Maxwell Dixon – besser bekannt als Grand Puba, MC der Gruppe Brand Nubian – kam Bill in Kontakt mit verschiedenen Branchengrößen und begann im privaten Personenschutz für Rapper, Musiker und Berufssportler tätig zu werden. 1995 kündigte er bei der Polizei und wurde Leiter des Sicherheitsteams von Andre Harrell, dem Gründer von Uptown Records, der eben CEO von Motown Records geworden war. Die Arbeit für Harrell brachte ihm die nächsten vier Jahre über die Kontakte, die ihm bald zu einer illustren Liste von Kunden verhalfen, darunter Harrells Protegé von Uptown Records, Sean »P. Diddy« Combs.

2001 engagierte man Bill für einen Einsatz als Bodyguard in Las Vegas, und er stellte fest, dass es ihm dort gefiel. Als Achse der Entertainment-Branche und Spielplatz der Reichen und Prominenten herrschte dort kein Mangel an Arbeit in seiner Branche. Er bekam das alleinige Sorgerecht für seine Tochter, zog in den Westen um und baute sich ein erfolgreiches Geschäft als selbstständiger privater Sicherheitsberater auf. Er arbeitete für professionelle Basketballer, tourende Musiker, VIPs aus Handel und Industrie; er besorgte sogar den Personenschutz für Präsidentschaftskandidaten.

Zur Zeit, als ihn Jeff Adams’ Anfrage erreichte, ob er Zeit und Lust habe, einen geheimnisvollen Klienten vom Executive Terminal am McCarran International Airport zu einem geschlossenen Anwesen auf der anderen Seite der Stadt zu fahren, war Bill Whitfield seit über einem Jahrzehnt einer der Spitzenleute in seiner Branche. Dennoch hatte ihn nichts, was er bis dahin gemacht hatte, so recht auf die Richtung vorbereitet, die sein Leben nehmen sollte, als die Sonne über einer leeren Garage in Las Vegas aufging und die kleine Paris Jackson den Kopf zur Tür hereinsteckte und ihm einen Becher Schokolade mit einer Handvoll geschmolzener kleiner Marshmallows hinhielt.

Bill: Den ganzen ersten Vormittag über saß ich mehr oder weniger in dieser Garage rum und versuchte dahinterzukommen, wo ich da reingeraten war. Ich blieb so bis gegen sechs Uhr abends. Jeff kam mich ablösen. Ich nahm mir ein paar Stunden frei und fuhr nach Hause, um nach meiner Tochter zu sehen. Ich musste ihr einfach erzählen, was passiert war. Sie wusste zwar, dass ich für eine ganze Reihe von Prominenten gearbeitet hatte, aber Michael Jackson? Als ich es ihr erzählte, sah sie mir direkt ins Gesicht und meinte: »Daddy, du lügst.«

Ich hatte keine Möglichkeit, es ihr zu beweisen. Schließlich hatte ich keine Fotos von Michael Jackson und seinen Kindern gemacht. Aber irgendwie musste ich sie überzeugen. Nicht nur hatten wir kurz vor Weihnachten, auch ihr Geburtstag stand an. Sie ist an Silvester geboren, also musste ich ihr beibringen, dass ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag arbeiten müsste. Glauben Sie mir, einem alleinerziehenden Vater wird so etwas nicht verziehen. Sie begann furchtbar zu heulen.

Es war der einzige Augenblick, in dem ich überlegen musste, ob ich den Job tatsächlich annehmen sollte. Ich war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite hatte ich meine Familie. Auf der anderen … tja, schwer zu erklären. Ich fühlte mich von der Aufgabe angezogen, ich verspürte eine Verpflichtung, das durchzuziehen. Ich sah einen Mann und seine Familie in dieser merkwürdigen Situation, und kein Mensch kümmerte sich um sie. Ich musste einfach sehen, wie das weitergehen würde. Ich sprach das mit meiner Tochter durch, aß einen Happen und fuhr am Abend wieder raus zum Haus.

Es gab da eine Familie, mit der Mr. Jackson befreundet war, die Cascios, eine italienische Familie aus New Jersey. Sie kannten sich seit den Tagen von Thriller. Einer der Söhne der Cascios, Angel, war über die Feiertage in Vegas und schaute am Tag vor Weihnachten auf einen Besuch vorbei. Kaum war Angel im Haus, wollte Mr. Jackson zu FAO Schwarz, ein riesiges Spielzeuggeschäft in den Forum Shops im Caesars Palace. Er wollte in letzter Minute noch ein paar Weihnachtseinkäufe tätigen.

Es war das erste Mal, dass wir ihn aus dem Haus zu bringen versuchten. Wir bereiteten den Ausflug nach allen Regeln der Kunst vor. Es war trotzdem ein Chaos. Jeff und ich fuhren am Vormittag die Route vom Haus zur Mall ab, sahen uns die Parkplätze an, suchten den sichersten Weg ins Geschäft und wieder heraus. Wir riefen an und trafen unsere Arrangements mit der Mall-Security, um die Leute wissen zu lassen, welchen Weg wir nehmen würden. Nicht, dass wir denen gesagt hätten, dass wir mit Michael Jackson unterwegs waren. So etwas kam nicht infrage; wir sprachen immer von einer »hochgestellten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens«, damit sie wussten, was sie erwartete, aber andererseits gab es nichts, was an die Presse weiterzugeben war.

Wir mieteten drei SUVs von derselben Autovermietung wie beim ersten Mal. Dann schafften wir Mr. Jackson, Feldman, Angel und die Kinder in einen von diesen und fuhren rüber zum Caesars Palace, wo wir die Tiefgarage nahmen, um dann durch die Hintertüre in die Galerie Lassen zu gehen, die ihr Geschäft mit sündhaft teuren Gemälden macht. Wir trafen uns mit den Leuten von der Mall-Security und beschlossen, die Kinder von ihrem Dad zu trennen. Jeff und Angel nahmen Paris, Prince und Blanket, damit sie alleine einkaufen konnten. Feldman und ich blieben bei Mr. Jackson. Wir gaben den anderen fünf Minuten Vorsprung, dann wagten wir uns selbst in die Nobel-Mall.

Wir hatten kaum einen Fuß über der Schwelle, als ihn jemand entdeckte und schrie: »Michael Jackson! Das ist Michael Jackson!« Die Leute blieben stehen und starrten ihn an. Mr. Jackson sagte »Hello«, drückte den Leuten die Hand. Sie riefen: »Wir lieben dich, Michael!« Und Mr. Jackson sagte immer wieder: »Ich liebe euch noch mehr! Ich bin euch so dankbar. Gott segne euch.« Er war den Tränen nahe, so gerührt war er von all der Liebe, mit der man ihm begegnete.

Es wurde etwas gedrängelt, aber wir hatten noch Luft. Wenigstens zu Anfang. Dann braute sich was zusammen. Zu dem Zeitpunkt hatte Amerika noch nicht mitgekriegt, dass er wieder im Land war. Umso größer war das Erstaunen. Es bildete sich eine Traube um ihn, man wollte ihn anfassen. Schließlich gingen ihre Gefühle mit ihnen durch, sie begannen zu kreischen, ihre Gesichter völlig verzerrt. Binnen Sekunden war der absolute Wahnsinn ausgebrochen.

Es war nicht das erste Mal, dass mir eine Situation aus dem Ruder lief, aber so was hatte ich mein Lebtag nicht gesehen. Im Zentrum eines solchen Ansturms zu stehen, bei dem die Leute von allen Seiten auf einen zukommen – himmelangst könnte einem werden. Und es lässt sich so gut wie nichts unternehmen, um der Situation Herr zu werden; die einzig vernünftige Reaktion besteht darin, sich ihr so schnell wie möglich zu entziehen. Kaum hatte die Szene begonnen, wandte Mr. Jackson sich an mich und sagte: »Wir müssen gehen, bevor sich jemand was tut.« Wir riefen über Funk das andere Team, damit man die Kinder über einen anderen Weg aus der Mall und in die Tiefgarage brachte. Die Mall-Security und die Polizei von Las Vegas halfen uns dabei, uns einen Weg zu den Fahrzeugen zu bahnen. Dann fuhren wir sie alle wieder nach Hause.

Zu Hause riefen wir bei FAO Schwarz an und sorgten dafür, dass Mr. Jackson nach Ladenschluss einkaufen könnte, wenn Kundschaft und Touristen aus dem Haus waren. Am Abend fuhren wir dann noch mal los und waren ganz allein in der riesigen Mall. Er gab um die zehntausend Dollar für Spielsachen aus. Er suchte haufenweise Zeugs aus: Eisenbahnsets, Actionfiguren, eine Menge Kleinmädchenkram für Paris. Dann wollte er noch alles als Geschenk verpackt haben. Er musste für alles, was er sich ausgesucht hatte, die Namen auf Zettel schreiben, wer was bekam, um sicherzustellen, dass die Verkäufer alles richtig hinbekamen. Schließlich chauffierten wir Mr. Jackson wieder nach Hause, und ich fuhr noch mal zurück zu den Forum Shops, um die Geschenke abzuholen. Dann stellte ich sie unter dem Weihnachtsbaum auf.

Der Baum war schon da gewesen, als wir in Las Vegas angekommen waren. Das ganze Haus war bereits weihnachtlich geschmückt. Die Hausverwaltung hatte gewusst, dass er kam, und ich bin ziemlich sicher, dass das alles auf Mr. Jacksons Anordnung hin passiert war. Er war als Zeuge Jehovas aufgewachsen. Zeugen Jehovas feiern an sich Weihnachten nicht, aber er machte das um der Kinder willen. Er wollte sie nicht um das Erlebnis bringen. Er wollte ihnen die vollkommene Überraschung bieten, wenn sie am nächsten Morgen aufwachten – und dazu gehörte der Hund. Er hatte ein spezielles Geschenk für Prince geplant; einen sieben Wochen alten schokoladenfarbenen kleinen Labrador. Nur waren die Leute, von denen Feldman den Hund gekauft hatte, zu früh dran und kamen bereits am Heiligen Abend. Mr. Jackson wollte jedoch nicht, dass Prince den Hund sah, und da niemand sonst hätte einspringen können, sagte ich eben: »Ich nehme ihn für die Nacht.«

Ich nahm den Hund mit nach Hause und behielt ihn bei mir. Ein putziges Kerlchen. Nur dass er den Mund nicht halten konnte. Die ganze verdammte Nacht wimmerte und winselte er vor sich hin. Ich hatte kaum zwei Stunden geschlafen, als mein Telefon wie verrückt zu klingeln begann. Es war gerade mal sechs Uhr früh, aber Prince hatte irgendwie Wind von der Überraschung bekommen und wollte das Hundebaby so schnell wie möglich sehen. Also schleppte ich mich aus dem Bett, packte den Hund in den Wagen und fuhr hinüber zum Haus. Der kleine Kerl wimmerte und winselte den ganzen Weg über. Aber kaum war er bei den Jacksons, war er schlagartig still. Er war mit einem Mal so unheimlich süß und liebenswert, als wäre er endlich zu Hause. Prince drehte völlig durch. Er liebte den Hund. Er taufte ihn Kenya.

Die ersten paar Tage unternahm die Familie praktisch nichts und wollte auch nirgendwohin. Meistens schickte man einfach mich los. Ständig hieß es: Kaufen Sie dies, bringen sie das. Feldman bestellte komplette Mahlzeiten für alle bei Whole Foods – immer Whole Foods –, und dann holte entweder ich oder Feldman sie ab. Gelegentlich, wenn ich auf dem Anwesen meine Runde drehte, sah ich die Familie am Küchentisch, beim Frühstück oder auch einfach nur so. Richtig zu tun hatte ich mit ihnen nichts. Sie blieben im Haus. Die Kommunikation lief ausschließlich über Feldman.

In der Woche vor Neujahr kam Mr. Jacksons Mutter zu Besuch. Niemand sonst aus der Familie, nur sie und ihr Chauffeur. Sie kam mit Geschenken für die Kinder. Als sie die Zufahrt heraufkam, standen Mr. Jackson und die Kleinen schon bereit, ihr die Haustür zu öffnen. Es herrschte große Aufregung. »Hi, Omi! Hi, Omi!«, ging es reihum. Und so weiter. Es war ziemlich klar, dass man sich eine ganze Weile nicht gesehen hatte.

Ich hielt von der Garage aus ein Auge auf das Geschehen; ich hatte mir dort einen behelfsmäßigen Kommandostand eingerichtet. Alle paar Stunden patrouillierte ich auf dem Anwesen. Es war eine stille Gegend. Mitten im Winter. Die Straßen waren leer. Es hatte sich noch nicht herumgesprochen, dass Mr. Jackson dort wohnte, es waren also keine Fans da, keine Paparazzi säumten das Tor. Es war geradezu unheimlich, wissen Sie? Fast wie die Ruhe vor dem Sturm. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand dahinterkam, dass in dem Haus Michael Jackson wohnte. Und wenn es so weit war, wer konnte sagen, welcher Wahnsinn dann durchs Tor kam? Vorbereitet waren wir jedenfalls nicht.

»Was machen wir denn nun in puncto Sicherheit?« Das war Tag für Tag das große Thema zwischen Feldman, Jeff und mir. Wir brauchten mehr Leute; Leute, denen zu trauen war. Silvester kam rasch auf uns zu, und Mr. Jackson hatte uns ausrichten lassen, dass er mit den Kindern David Copperfield im MGM Grand sehen wolle. Wir konnten mit der Familie unmöglich an Silvester auf den Strip, ohne dass das ein passendes Team in die Hand nahm. Jeff sagte, er würde bei seinem Cousin Javon anfragen, der in Vegas lebe. Ich hatte ihn nie kennengelernt, aber wenn Jeff für ihn bürgte, dann genügte mir das.

Und um ehrlich zu sein, Jeffs Wort war zu dem Zeitpunkt alles, was ich hatte. Ich fand die Situation noch immer mehr als absonderlich. Die ganze Art, wie man das anging. Es stimmte da einfach was nicht. Ich hätte nur nicht so recht sagen können, was es war. Ich hatte jede Menge Fragen. Ich stellte sie aber nicht. In meiner Branche stellt man keine Fragen. Wenn ich jemanden als Personenschützer einstelle, der zu viele Fragen stellt, dann bedeutet das für mich, dass er sich nicht auf seinen Job konzentriert. Er macht sich zu viele Gedanken über das Wer, das Was, das Warum – Dinge, die den Bodyguard nicht wirklich was angehen. Es ist ein sicheres Zeichen: Auf den Betreffenden ist kein Verlass.

Abgesehen davon, wenn man wirklich was wissen will, dann braucht der Einsatz nur lange genug zu dauern, und man weiß Bescheid. Früher oder später. Man bekommt den einen oder anderen Gesprächsfetzen mit. Man bekommt E-Mails, nimmt Telefonate entgegen. Man sieht, wer zu Besuch kommt und so weiter. Man behält seine Gedanken für sich. Man beobachtet und hört zu, und bald hat man Antworten auf alle seine Fragen, ohne je auch nur eine zu stellen.

2

Als Heranwachsender war Michaels Idol James Brown, der »Godfather of Soul«, der »am härtesten arbeitende Mann im Showbusiness«. Im Fernsehen oder von den Kulissen von Harlems Apollo Theater aus studierte der junge Künstler den Meister und prägte sich jede seiner Bewegungen ein. Obwohl er später zu Füßen von Motown-Größen wie Marvin Gaye, Diana Ross und Smokey Robinson lernen sollte, hatte James Brown, wie er zeitlebens betonte, den größten und nachhaltigsten Einfluss auf ihn.

Am Heiligen Abend, während Jackson und seine Familie sich auf das Fest vorbereiteten, ließ sich sein Kindheitsidol in Atlanta, Georgia, ins Krankenhaus fahren; er klagte über Erschöpfungszustände und einen kräftezehrenden Husten. Nur wenige Stunden später, am frühen Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags, erlag der dreiundsiebzigjährige Brown einer durch die Komplikationen einer Lungenentzündung hervorgerufenen Stauungsinsuffizienz. Am 30. Dezember ließ Jackson seine Kinder in der Obhut ihrer Nanny und flog nach Augusta, Georgia, um an Browns Begräbnis teilzunehmen, wo er neben anderen Prominenten den Sänger mit einer Ansprache würdigte. Es war Jacksons erster öffentlicher Auftritt in den Vereinigten Staaten, seit er das Land anderthalb Jahre zuvor verlassen hatte.

Während sie auf Jacksons Rückkehr warteten, machten Bill Whitfield und Jeff Adams sich daran, die Verstärkung des Security-Teams für den Silvestereinsatz zu arrangieren. Da Adams an dem Abend bereits einem anderen Klienten verpflichtet war, konnte er nicht dabei sein, und so kontaktierte er seinen Cousin Javon Beard. Sechsundzwanzig Jahre alt, Vater von drei Kindern, war Javon Beard im Herzen von South Central Los Angeles aufgewachsen; sein Vater war bei der Post, seine Mutter arbeitete an einem Schalter von FedEx. Eines von sechs Kindern, hatte Beard eine ältere Schwester, einen Zwillingsbruder, jüngere Zwillingsschwestern und einen kleinen Bruder. Sein Zwillingsbruder Jovon war mit Zerebralparese geboren und im Alter von sieben Jahren gestorben.

Die Beards wohnten bei ihrer Großmutter unweit der Kreuzung 46th Street und Western Avenue, eine Gegend, die zu Hochzeiten der Crack-Ära berüchtigt war für Drogen und Bandengewalt. Javon entkam der Straße, indem er sich an der Highschool mit Leib und Seele dem Basketballteam verschrieb. Inglewood High hatte eines der ehrgeizigsten Teams im Land, und er hoffte, dass sein Talent ihm die Tür zu einem College-Abschluss öffnen würde. Eines Abends jedoch, beim Tanken einige Blocks von zu Hause weg, versuchte man ihm den Wagen zu stehlen und schoss ihm dabei in den Arm. Sein Traum von Sportstipendium und Profibasketball war damit vorbei. Er machte seinen Abschluss an der Inglewood High und nahm einen Vollzeitjob als Wachmann in der ältesten Kläranlage von Los Angeles an, wo er es zum Leiter der Betriebssicherheit brachte.

Nach all den Jahren auf dem harten Pflaster der Stadt entschied Javon sich schließlich dazu, von South Central weg in eine weniger heiße Gegend zu ziehen. Bei einem Familienbesuch in Las Vegas 2004 sprach er für eine Stelle in der Time-Share-Anlage Summer Bay vor und bekam sie; schon die Woche darauf zog er um. Er arbeitete sich vom Security-Mann an der Rezeption hoch zum Manager von Sicherheitsteam und Hausmeisterei; damit hatte er eine zweihundert Mann starke Belegschaft von Sicherheits-, Wartungsleuten und Hauspersonal unter sich.

Im Gegensatz zu Bill Whitfield hatte Javon Beard nie Personenschutz für Prominente gemacht; aber er verfügte über die eine Qualifikation, die hier eine Rolle spielte: Er gehörte zur Familie, man konnte ihm also trauen. So nahm denn Jeff Adams, nur wenige Stunden vor dem für den Abend geplanten Besuch der Copperfield-Show, Kontakt zu seinem Cousin auf und bot ihm die Chance seines Lebens.

Javon: Ich hatte »Smooth Criminal« als Klingelton auf dem Handy, also hörte ich das, als Jeffs Anruf reinkam. Das muss kurz nach Mittag gewesen sein, so gegen halb zwei. Erst hab ich gedacht, er wolle sich wegen abends absprechen – ich hatte die ganze Familie zu meiner großen Silvesterparty eingeladen. Ich hatte extra eine Suite im Bellagio gemietet. Monatelang hatte ich das alles geplant. Aber als ich ranging, fand ich schon mal seinen Ton irgendwie komisch. Er war richtig kurz angebunden. Er sagte: »Was machst du denn grade?«

Ich antwortete ihm: »Na, Vorbereitungen für heute Abend.«

Ich war echt knapp dran. Silvester lässt die Stadt immer den Strip sperren, damit die Leute zum Feuerwerk auf die Straße können. Also sagte ich ihm: »Ich versuch es noch runter zum Strip zu schaffen, die machen den um fünf dicht, und es ist schon fast zwei.«

»Bist du zu Hause?«

»Ja, natürlich.«

»Bin schon unterwegs.«

»Wieso denn?«

»Ich muss mit dir reden, und das geht nicht am Telefon. Viertelstunde, ja? Lauf mir nicht weg.«

Damit legte er auf, einfach so. Er verabschiedete sich noch nicht mal.

Als er bei mir ankam, war ich draußen und belud den Wagen. Ein Freund von mir half mir dabei. Jeff sah den Typen kurz an und meinte, er müsse allein mit mir reden. Also gingen wir nach drinnen. Er meinte, dass ich mich setzen solle, und rückte dann raus damit: »Okay, ich weiß, du wirst das jetzt nicht machen wollen. Ich weiß, du hast Pläne, aber ich muss dich wirklich um einen echten Gefallen bitten. Ich brauche jemanden, dem ich trauen kann. Kannst du heute Abend arbeiten?«

Ich sagte: »Spinnst du?«

Also erst mal hatten wir Silvester, und dann hatte ich ja die Suite im Bellagio gebucht. Wir sprechen hier von siebenhundert Dollar die Nacht, und zwei Nächte sind dort das Minimum. Meine Kreditkarte war schon belastet. Ich hatte also bereits vierzehnhundert Mücken hingelegt, und das mit Rabatt; ich hatte dafür Monate im Voraus gebucht.

Und dann brauchte ich den Job schließlich nicht. Ich hatte mich in der Time-Share-Anlage hochgearbeitet, ich verdiente fünfundsechzigtausend Dollar im Jahr. Mir ging’s gut, und jetzt wollte ich mal ausspannen und feiern. Ich sagte zu Jeff: »Mann, ich bin versorgt. Ich habe mein Einkommen. Ich ruinier mir doch Silvester nicht wegen eines Jobs für eine Nacht.« Er ließ nicht locker. Schließlich sagte ich: »Wer ist denn der Klient?«

Er meinte: »Kann ich dir nicht sagen. Nur so viel, er ist eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.«

Ich musste lachen. »Jeff, du bist mein Cousin, aber so ’n Scheiß brauch ich echt nicht. Ohne klare Ansage blase ich meine Pläne nicht ab.«

Er überlegte einen Augenblick und meinte dann: »Okay, ich verstoße hier gegen den Grundsatz der Vertraulichkeit, aber ich sag’s dir. Unter Verwandten.« Dann beugte er sich ganz weit vor und sagte: »Es ist Michael Jackson.«

»Erzähl doch keinen Scheiß.«

»Nein, im Ernst. Es ist Michael Jackson.«

Ich sah ihm an, dass er mich nicht auf die Rolle zu nehmen versuchte. Dann erklärte er mir die Situation. »Es ist wahrscheinlich ein Job auf Dauer, wenn du willst«, sagte er. »Übernimm einfach den Job heut Abend, möglicherweise wird daraus noch ’ne ganze Menge mehr.«

Ich sagte: »Kommt nicht in die Tüte, Jeff. Ich weiß, wie das im Personenschutz läuft, ich schau dir ja schon lang genug zu. Das ist mir zu unsicher. Ich habe einen sicheren Job.«

Er antwortete, dass alles so gut wie abgemacht sei, er könne mir nur nicht sagen, ob ich Mr. Jackson recht wäre oder nicht. Er sagte: »Er ist manchmal recht eigen. Er kann ziemlich mäklig sein, wenn’s drum geht, wer für ihn arbeitet.« Schließlich meinte er: »Pass auf, ich weiß, dass du Mr. Jackson recht sein wirst. Und ich sorge dafür, dass es sich für dich auszahlt. Ich helf dir dabei, der Familie beizubringen, dass du’s nicht auf die Party schaffst. Ich nehm die Vorwürfe auf mich, und ich zahl für die Suite.«

Ich sagte: »Du zahlst mir vierzehnhundert Dollar?«

Er griff in die Tasche und brachte tausend Dollar zum Vorschein. Cash! »Mehr hab ich nicht auf Tasche«, sagte er, »aber wenn du mit zum Automaten kommst, kriegst du den Rest.«

In dem Augenblick wusste ich, dass alles in Ordnung war. Ich sagte ihm, ich sei dabei.

Er fragte: »Hast du ’n dunklen Anzug?« Hatte ich, aber der war in der Reinigung, und die war schon zu. Die Anzüge, die ich im Haus hatte, waren eher knallig – wer mich kennt, der weiß, ich hab’s gern bunt, aber bei Security-Jobs geht nur Schwarz. Oder Marineblau. Was anderes ist da nicht drin. Also sagte Jeff: »Okay, dann müssen wir los, dir ’n neuen Anzug besorgen.«

Es war mittlerweile nach zwei. An Silvester! Und wo ich nun mal eins sechsundneunzig bin, mussten wir uns beeilen, um was in 48 long zu finden, was nicht erst noch geändert werden musste, schließlich kriegt man an Silvester hier keinen Schneider. Wir fuhren zur Boulevard Mall, dann zur Meadows Mall. Schließlich fanden wir in der Burlington Coat Factory einen Anzug, der wie angegossen saß. Wir kauften ihn und rasten wieder zu mir nach Hause. Ich bügelte das Teil auf, dann ging’s raus zu Mr. Jacksons Haus.

Kurz vor fünf kamen wir dort an. Ich wurde langsam nervös. Bill kam raus und machte uns das Tor auf. Das war meine erste Begegnung mit ihm. Er sah mich an und sagte: »Bist du bereit?«

Ich antwortete: »Ich hoffe doch.« Aber ich war trotzdem nervös, was die Geschichte anging. Ich wusste wirklich nicht, ob ich das bringen würde.

Bill sagte: »Na ja, lang genug bist du ja. Könnte durchaus von Vorteil sein.«

Wir fuhren rauf an die Haustür unterm Vordach. Jeff stieg aus und ging rein. Ich saß gut fünfunddreißig Minuten allein im Wagen. Immer wieder sah ich auf die Uhr, checkte meinen Anzug, sah nach, ob meine Krawatte auch richtig saß. Schließlich kam Jeff wieder heraus und sagte: »Okay, gehen wir rein. Ich hab dich in höchsten Tönen gelobt, und er hält was auf meine Meinung, also denk ich mal, das ist gebongt.«

Dann nahm er mich mit ins Haus. Mr. Jackson kam die Treppe runter. Er trug einen Mundschutz, wie ein Chirurg, und außerdem ein weißes Hanes-T-Shirt mit V-Ausschnitt und Schlafanzughosen, aus denen unten weiße Socken raussahen. Als Erstes fiel mir auf, wie zierlich und schmal der Mann war. Als er mir die Hand hinhielt, nahm ich sie ganz vorsichtig. Ich hatte Angst, dass ich ihm was kaputtmache, so zerbrechlich, wie er aussah.

Er sagte irgendwas, aber ich konnte ihn wegen des Atemschutzes nicht verstehen. Seine Stimme war wie verschluckt. Ich gab mir alle Mühe, bescheiden und respektvoll zu sein, aber jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, fragte ich nach: »Was? Wie meinen Sie?« Dann hob er die Maske so ein bisschen an und sagte: »Hallo, Javon. Ich habe viel über Sie gehört. Sind Sie bereit, meinem Security-Team beizutreten?«

Ich sagte: »Absolut, Sir. Ich find das wirklich aufregend, zu Ihrem Team zu gehören. Ich hoffe, es wird was Festes draus.«

Und er: »Ich sehe keinen Grund, warum nicht. Kann ich Ihnen vertrauen?«

»Ja, Sir. Können Sie, auf jeden Fall.«

»Okay, dann willkommen.«

Er rief die Kids herunter. Prince und Paris kamen sofort auf mich zu und gaben mir die Hand. Nur Blanket musste Mr. Jackson einen Schubs geben, damit er hi sagte. Dann liefen sie wieder los, spielen oder was immer sie gemacht hatten. Mr. Jackson meinte: »Denken Sie sich nichts dabei. Das ist für sie Routine. Sie sind es gewohnt, ständig neue Leute kennenzulernen. Aber Sie meinen es gut.«

Wir unterhielten uns noch ein Weilchen, dann ging er wieder nach oben. Ich, Bill und Jeff machten uns an die Einsatzplanung. Die beiden führten mich über das Anwesen, erklärten mir, worauf es ankam. So gegen zehn Uhr abends traten Mr. Jackson und die Kinder wie aus dem Ei gepellt an, und wir fuhren rüber zum MGM Grand. Das Hotelmanagement sorgte dafür, dass wir durch den Bühneneingang reinkamen.

Die Vorstellung hatte schon angefangen. Wir schlichen uns rein. Mr. Jackson und die Kinder setzten sich auf ihre Plätze in der ersten Reihe. Ich saß direkt hinter ihnen. Bill postierte sich am Ausgang links von der Bühne. Wir sahen uns die Vorstellung an, dann schlichen wir uns wieder raus, bevor das Licht anging. Mr. Jackson nahm die Kinder noch mit nach hinten, um David Copperfield persönlich kennenzulernen. Sie unterhielten sich einige Minuten. Dann stiegen wir alle wieder in die Fahrzeuge, und wir brachten sie nach Hause.

Am nächsten Vormittag rief ich im Büro an, kündigte und fing bei Michael Jackson an.

3

1990 öffnete Michael Jackson zum ersten Mal die Pforten seiner Neverland Valley Ranch für die Öffentlichkeit. Nach der Märcheninsel, auf der Kinder nie erwachsen werden, in J. M. Barries Klassiker Peter Pan benannt, liegt das riesige, fast elf Quadratkilometer große Anwesen inmitten der Santa Ynez Mountains, etwa hundert Meilen nördlich von Los Angeles.

Das neue Zuhause war damals eine markante Verbesserung für den 31-jährigen Sänger, der seine ersten Jahre in einem winzigen Drei-Zimmer-Häuschen in Gary, Indiana, zugebracht hatte. Noch auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den 1980er-Jahren hatte Jackson bei seinen Eltern in Hayvenhurst gewohnt, dem Anwesen der Familie im kalifornischen Encino. Als Jackson schließlich so weit war, dort auszuziehen, kaufte er im März 1988 für siebzehn Millionen Dollar die damalige Sycamore Valley Ranch und taufte sie in Neverland um. Die nächsten beiden Jahre über verwandte er weitere fünfundfünfzig Millionen Dollar auf den Umbau des Anwesens zu einem spektakulären Spielplatz und Schaukasten seiner Fantasie.

Die Besucher erwartete ein eigener Bahnhof, von dem sie eine dampfbetriebene Schmalspurbahn zum Hauptgebäude brachte. Bei diesem handelt es sich um einen Tudor-Bau direkt am Ufer eines zwei Hektar großen Sees mit künstlichem Wasserfall. Aus Lautsprechern, die überall als Felsen kaschiert platziert waren, kam den ganzen Tag über Musik. Bronzestatuen spielender Kinder, lebensgroße Figuren von Peter Pan, Tinker Bell und anderen Charakteren der klassischen Kinderliteratur bevölkerten das Anwesen. Neverland hatte darüber hinaus seinen eigenen Erlebnispark mit Riesenrad, Autoscooter und Achterbahn; es hatte sein eigenes Kino mit samtbezogenen Polstersitzen und stets gefülltem Süßwarenstand; sogar einen eigenen Zoo gab es, mit Giraffen, Löwen und Zebras. Bei einem Personal von über sechzig Leuten beliefen sich die Betriebskosten des Anwesens angeblich auf über vier Millionen Dollar im Jahr.

Neverland war, wie er selbst immer wieder hervorhob, Jacksons Zufluchtsort, wo sich die Kindheit nachholen ließ, die ihm dadurch entgangen war, dass er sich in einem so frühen Alter schon in die Rolle des Stars gedrängt sah. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen wollte Jackson Neverland mit Kindern jeden Alters teilen, vor allem aber mit solchen, für die ihre Kindheit mehr Elend als Freude war. Unter vielen anderen wohltätigen Aktivitäten öffnete er seinen Erlebnispark das ganze Jahr über kostenlos für Kinderkrankenhäuser und Kirchengruppen aus städtischen Ballungszentren; Tausende von kranken und unterprivilegierten Kindern konnten so im Lauf der Jahre ihrem tristen Alltag entfliehen.

Am 18. November 2003 jedoch sah Jackson sich seiner Freistatt beraubt. An dem Tag nämlich rückte am frühen Morgen der Sheriff von Santa Barbara mit einer siebzig Mann starken Truppe zu einer Razzia des Anwesens an; Grund dafür war die Suche nach Beweismaterial für die Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs, die man gegen ihn vorgebracht hatte. Vierzehn Stunden lang stellte die Polizei das Anwesen auf den Kopf, ging Zimmer für Zimmer die persönliche Habe des Sängers durch. Jackson, der gerade in Las Vegas Promotion für »What More Can I Give«, seiner Wohltätigkeitssingle für 9/11, machte, hatte keine Handhabe, sich dagegen zu wehren. Die gesamte Durchsuchungsaktion wurde auf Video festgehalten und später vor Gericht gezeigt, sodass Jacksons private Welt für jeden zu sehen war. Nach der Razzia erklärte er, Neverland könne für ihn kein Zuhause mehr sein. Als er während des Prozesses dort wohnen musste, weigerte er sich, sein Haus zu betreten, und übernachtete in einem seiner eigenen Gästehäuser. Nach dem Prozess schwor er, nie wieder dorthin zurückzukehren.

Während Jackson im Ausland weilte, ging es mit Neverland rapide bergab. Er konnte nicht länger für die beträchtlichen Betriebskosten aufkommen. Die Achterbahn stand ungenutzt da; das Anwesen wurde nicht länger gepflegt; die Tiere im Zoo konnten nicht mehr ausreichend versorgt werden. Ende 2005 lief die Unfallversicherung für die Angestellten von Neverland aus; darüber hinaus schuldete Jackson seinen Leuten mittlerweile über dreihunderttausend Dollar Lohn. Am 9. März 2006 verfügte der Staat Kalifornien die Schließung der Anlage bis zur Klärung der arbeitsrechtlichen Fragen. Der Vergnügungspark wurde von Amts wegen dichtgemacht; den letzten Angestellten wurde gekündigt; lediglich ein Wachmann blieb am Tor. Die Tiere gingen an Zoos und Wildgehege unter anderem in Kalifornien und Arizona. Bahnhof und Vergnügungspark wurden eingemottet und begannen zu verstauben.

Als Jackson Ende 2006 nach Las Vegas zog, mietete ihm sein Management das Haus mit der Nummer 2785 am South Monte Cristo Way. Wie so einige Gebäude in Las Vegas war der 1400-Quadratmeter-Bau mit seinen acht Zimmern und zehn Bädern leicht überzogen. Hinter dem Tor führte eine kreisrunde Auffahrt um einen kleinen Springbrunnen herum bis direkt vor die überdachte Tür. Im Haus selbst öffnete sich ein grandioses Foyer über zwei Geschosse auf ein geradezu absurd großes Wohnzimmer mit gewölbter Decke und gewaltigen goldenen Kronleuchtern. Linker Hand ging es vom Foyer aus ins private Kino; rechter Hand führte eine geschwungene Marmortreppe nach oben zu den Schlafzimmern der Kinder und Jacksons eigener fast zweihundert Quadratmeter großen Suite, die sich über die gesamte Nordseite des Hauses zog. Im hinteren Teil des Hauses gewährten Küche und Esszimmer Blick auf den Pool und einen privaten Tennisplatz im Garten hinter dem Haus.

In einer Ecke, von der Straße aus nicht zu sehen, stand die Garage, die über eine Zufahrt zu erreichen war, die vom Rondell vor dem Haus abzweigte. Hier richteten Bill und Javon die Operationsbasis für eine Aufgabe ein, die sich alles andere als einfach gestaltete. Das feudale Anwesen mochte sich auf den ersten Blick als angemessene Unterkunft für einen Prominenten von Michael Jacksons Format präsentieren, sein Security-Team jedoch musste bald feststellen, dass es das beileibe nicht war.

Bill: Mr. Jackson hatte sich das Haus nicht selbst ausgesucht; das hatten andere für ihn arrangiert, während er noch in Übersee war. Vom Standpunkt der Sicherheit aus war das Haus schon seiner Lage an einer Kreuzung wegen ein Alptraum, weil es damit nach zwei Seiten hin exponiert war. Die Nachbarn hatten direkten Einblick in den hinteren Teil des Gartens, wo die Kinder spielten. Und als es sich erst einmal herumgesprochen hatte, dass Michael Jackson dort wohnte? Wir hatten Paparazzi auf den Bäumen, die ihn und die Kinder zu knipsen versuchten. Die Haustür war von der Straße aus einzusehen, und obendrein besaß sie durchsichtige Scheiben – man hatte noch von außerhalb des Tors Einsicht ins Haus! Wir mussten Mr. Jackson raten, die Tür nur zu benutzen, wenn Gäste kamen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Remember the Time" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen