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Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge

Studien
zur Theologie und Praxis der Seelsorge
93

Herausgegeben von
Erich Garhammer und Hans Hobelsberger
in Verbindung mit
Martina Blasberg-Kuhnke und Johann Pock

Katharina Karl

Religiöse Erfahrung und
Entscheidungsfindung

Eine empirisch-pastoraltheologische Studie
zur Biografie junger Menschen
in Orden und geistlichen Gemeinschaften
im deutschsprachigen Raum

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Vorwort

Eine Situationsanalyse der pastoralen Landschaft in Deutschland, besonders der Orden, ergibt das Bild eines Umbruchs, der häufig mit den Schlagworten Mangel, Krise und Veränderungen beschrieben wird. Dahinter zeigt sich ein Veränderungsprozess sowohl auf struktureller Ebene als auch auf der Ebene des persönlichen Lebens- und Glaubensvollzugs.

Während es zur Strukturfrage eine Vielzahl an Veröffentlichungen gibt, stellt eine Reflexion der Gestaltung christlicher Lebensformen ein Desiderat in der aktuellen pastoraltheologischen Forschung dar. Um diese Forschungslücke zumindest teilweise zu schließen, befasst sich die hier vorliegende Studie, die das Ergebnis eines Habilitationsprojekts an der LMU München ist, mit einer empirischen Erhebung über die Biografieverläufe junger Ordenschristen im deutschsprachigen Raum und nimmt so eine spezifische Gruppe von Menschen in den Blick, die sich unter den gegenwärtigen Bedingungen für die Bindung an eine Ordensgemeinschaft entscheiden. Im Zentrum des Interesses steht die Beobachtung von religiösen und lebensgeschichtlichen Suchbewegungen. Es werden die religiöse Erfahrungen und Prozesse der Berufungsfindung junger Menschen bis zum Moment einer ersten Bindung an die Gemeinschaft durch Gelübde oder Versprechen untersucht. Der Quellentext ist die Erzählung der Berufungsgeschichte: die soziobiografischen und sozioreligiösen Hintergründe des Individuums, die Lebenshintergründe, Motivationen und geistlichen Erfahrungen, die zur Identitätsarbeit auf dem jeweils als stimmig empfundenen Weg führen.

Religiöse Erfahrung steht für die wissenschaftliche Auswertung als artikulierte, narrativ rekonstruierte Erfahrung zur Verfügung. Demnach ist in einem ersten Schritt zu fragen: Wie wird die persönliche Berufungsgeschichte narrativ konstruiert? Dabei ergeben sich vom Datenmaterial geleitet weitere Teilfragestellungen: nach den Mustern der Entscheidungsprozesse sowie nach den Strukturen religiöser Erfahrungen.

In einem zweiten Schritt ist dann zu reflektieren, wie eine phänomenologische Bestandaufnahme solcher Erfahrungen Rückschlüsse für die pastorale Praxis zulassen kann. Das primäre Ziel der Studie ist also kein konzeptionelles, sondern darin, eine eingehende Analyse vorzunehmen. Das sekundäre Ziel ist, einen Beitrag für die pastorale Praxis der biografiesensiblen Begleitung von Menschen zu leisten.

Die Arbeit basiert auf einer qualitativen Interviewstudie mit 50 jungen Menschen, die den Weg in eine Ordensgemeinschaft eingeschlagen haben, und gliedert sich in drei Hauptteile:

In Teil I werden die Bedingungen der Studie dargelegt – die statistischen Eckdaten des Ordensnachwuchses, der kirchenrechtliche Rahmen und eine phänomenologische Annäherung an den Begriff „Berufung“ sowie ein Überblick zum Forschungsstand.

Teil II umfasst die Auswertung der empirischen Daten. Zunächst werden die Hintergründe der Sozialisation der Teilnehmer der Studie vorgestellt: soziales Herkunftsmilieu und Bildungshintergrund, religiöse Erziehung und Formen kirchlicher Anbindung. Die beiden analytisch zentralen Kapitel der Arbeit befassen sich mit den Mustern biografischer Prozesse der Entscheidungsfindung sowie den Strukturen religiöser Erfahrung, die diesen Prozess prägen. Hierzu zählt die Analyse von Motivation, Vermittlungen, Zeiträumen, Widerständen, Kairos und Entscheidung. Die religiöse Erfahrung wird hinsichtlich ihrer Topologie, der Formen religiösen Sprechens, biografischer Wendepunkte und Intensivphasen untersucht. Die Berufungserfahrungen und Gottesbilder werden dabei gesondert betrachtet.

In Teil III werden schließlich Ergebnisse festgehalten, die weiterführende Fragestellungen eröffnen können. Systematisch-zusammenfassend wird eine Typologie der Prozess- und Glaubensstile vorgenommen, darüber hinaus wird ein fluider Berufungsbegriff entwickelt. Ausblickend werden Gestaltungsimpulse für die Ordenspastoral formuliert.

Zum Abschluss dieser Einführung folgen einige formale Hinweise: Auf explizite Fazits zu Ende der Hauptteile wurde verzichtet, da in Teil III die entscheidenden Erkenntnisse zusammengefasst sind. Bibelzitate sind der Einheitsübersetzung entnommen. Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sind wie folgt abgekürzt: LG – Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“; GS – Pastoralkonstitution Die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes), und sind zitiert nach Rahner, Karl/Vorgrimler, Herbert, Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils (Grundlagen Theologie), Freiburg 352008.

Zu den Transkriptionen ist anzumerken, dass aufgrund des Datenschutzes eine Anonymisierung der Namen, Gemeinschaften, Orte und Berufsbezeichnungen, insofern sie Rückschlüsse auf die Person und ihre Gemeinschaft zulassen, vorgenommen wurde. Die Legende zur Erläuterungen der Transkription der Interviews findet sich in Abschnitt 2.3.3.4.

Mein besonderer Dank gilt den Gutachtern der Habilitation, Prof. Dr. Andreas Wollbold, Prof. Dr. Stephan Haering und Prof. Dr. Corinna Dahlgrün, die mich konstruktiv und wertschätzend begleitet haben, meiner Familie und allen Freunden, die mir auf allen Ebenen unterstützend zur Seite standen.

Inhaltsverzeichnis

Teil I
Einführung

1Forschungsinteresse

1.1Hintergründe

1.1.1Statistische Eckdaten

1.1.2Kirchenrechtlicher Rahmen

1.1.3Phänomenologie des Berufungsbegriffs

1.2Forschungsüberblick zum Thema Berufung und Ordensleben

2Zur Methode

2.1Biografie in der empirischen Sozialforschung und Theologie

2.1.1Empirische Pastoraltheologie

2.1.2Biografieforschung

2.1.3Narrative Identität

2.1.4Rezeption von Glaubensbiografien in Theologie und Soziologie

2.2Forschungsdesign

2.2.1Entwicklung der Methodik

2.2.1.1Vorentscheidungen

2.2.1.2Die Grounded Theory

2.2.1.3Die Qualitative Inhaltsanalyse

2.2.1.4Das persönliche Gespräch

2.2.1.5Schlüsselparameter des methodischen Vorgehens

2.2.2Chancen und Grenzen der Methode

2.2.2.1Zur Kontingenzproblematik in der Sozialwissenschaft

2.2.2.2Forschen ohne Team

2.2.2.3Das Problem der Objektivität erzählter Erfahrung und erzählter religiöser Erfahrung

2.2.2.4Narrative Kluft oder Aktualisierung des Erlebten

2.3Erhebung und Auswertung der Daten

2.3.1Die Probanden

2.3.1.1Vorüberlegungen

2.3.1.2Sampling

2.3.1.3Zusammensetzung der Stichprobe

2.3.2Der Fragebogen

2.3.2.1Fragen und Funktion des Leitfadens

2.3.2.2Durchführung der Umfrage

2.3.2.3Auswertung

2.3.3Der Interviewleitfaden

2.3.3.1Fragen und Funktion des Leitfadens

2.3.3.2Durchführung der Interviews

2.3.3.3Auswertung

2.3.3.4Zur Transkription

Teil II
Erfahrungen und Entscheidungen – Eine Analyse von
Erzählstrukturen

3Sozialisationsfaktoren

3.1Herkunftsfamilien und -milieus

3.1.1Familienstruktur

3.1.2Soziale Herkunft

3.1.3Bildung

3.2Religiöse Prägungen

3.2.1Konfessionelles Milieu

3.2.2Agenten der religiösen Erziehung

3.3Religiöses Selbstverständnis

3.3.1Einstufung der religiösen Sozialisation

3.3.2Kirchliche Bindung

3.3.2.1Entwicklungsphasen

3.3.2.2Typen kirchlicher Prägung

4Muster der Entscheidungsprozesse

4.1Motivationen

4.1.1Motivationspsychologische Vorüberlegungen

4.1.1.1Nutzenorientierung

4.1.1.2Verhaltensfaktoren

4.1.2Suchbewegungen

4.1.2.1Religiöse Motive

4.1.2.2Existentielle Motive

4.1.2.3Soziale Motive

4.1.2.4Motivationsverknüpfungen

4.1.3Ertrag

4.2Vermittlungen

4.2.1Erste Begegnungen

4.2.1.1Funktionen

4.2.1.2Gründer und Heilige

4.2.2Begegnung als Disclosure

4.2.2.1Entdeckungen

4.2.2.2Erfahrungslinie

4.2.2.3Geistliche Begleitung

4.2.3Problematisierung

4.2.4Desiderat

4.3Zwischenzeit

4.3.1Lange Wege

4.3.1.1Strategien

4.3.1.2Wegverläufe

4.3.1.3Lebensübergänge

4.3.2Widerstände

4.3.2.1Äußere Widerstände

4.3.2.2Innere Widerstände

4.3.3Entwicklungsprozesse

4.4Kairos

4.4.1Handlungscharakter

4.4.1.1Die Innenseite: innere Disposition

4.4.1.2Die Außenseite: konkrete Initiativen

4.4.2Widerfahrnischarakter

4.4.2.1Erzählstruktur

4.4.2.2Erneuter Kairos

4.4.3Verhältnisbestimmung

4.5Entscheidung

4.5.1Hilfestellungen

4.5.2Wahlbewegungen

4.5.2.1Semantik

4.5.2.2Wahlzeiten

4.5.3Entscheidungsrelevante Dimensionen

4.5.3.1Situative Voraussetzungen

4.5.3.2Grundhaltungen

5Strukturen religiöser Erfahrungen

5.1Religiöse Erfahrung – ein Arbeitsbegriff

5.2Topologie der Erfahrung

5.2.1Erfahrungsräume

5.2.1.1Außeralltägliche Räume

5.2.1.2Alltagsorte

5.2.1.3Virtuelle und andere Orte

5.2.2Der innere Raum

5.2.2.1Gottunmittelbarkeit?

5.2.2.2Gehalte

5.2.3Beobachtungen zu den Raumerfahrungen

5.3Formen religiösen Sprechens

5.3.1Motivformen

5.3.1.1Zeichen

5.3.1.2Innere Stimme und innere Bilder

5.3.1.3Dialog

5.3.1.4Biblische Typisierung

5.3.2Besondere Sprachformen

5.3.2.1Distanzierungen

5.3.2.2Sprachlosigkeit

5.3.3Erzählstrategien im narrativen Selbstbild

5.4Wendepunkte und Intensivphasen

5.4.1Nähe und Abgrenzung zum Konversionsbegriff

5.4.2Intensivierungsverläufe

5.4.2.1Intensivphasen

5.4.2.2Wendepunkte

5.4.2.3Besonderheiten

5.4.3Tiefenaspekte

5.4.4Berufungserfahrung

5.4.4.1Prozess vs. Erlebnis

5.4.4.2Erfahrungskategorien

5.4.4.3Berufungsverständnis

5.4.5Notwendige Unterscheidungen

5.5Gottesbilder

5.5.1Beziehungsaspekte

5.5.2Mehrpoligkeit

5.5.2.1Synchrone Mehrpoligkeit

5.5.2.2Diachrone Mehrpoligkeit

5.5.3Entwicklungstendenzen

5.5.4Beobachtungen zum Umgang mit Gottesbildern

Teil III
Fluider Berufungsbegriff

6Erkenntnisse

6.1Typologische Zugänge

6.1.1Prozessstile

6.1.2Glaubenstypen

6.2Fluide Berufungsidentität

6.2.1Thesen zum narrativen Selbstbild

6.2.2Erkenntnisse aus der Kontrollgruppe

6.2.2.1Spannungsfelder

6.2.2.2Vergleich der beiden Probandengruppen

7Gestaltungsimpulse

7.1Raumgestaltung

7.2Identitätsfragen

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang

Teil I

EINFÜHRUNG

1Forschungsinteresse

Das Interesse der vorliegenden Studie gilt aktuellen gruppenbezogenen Formen christlicher Lebensgestaltung unter den Bedingungen der Pluralität. Individuelle Biografieverläufe und Formen der Existenzgestaltung sind hierfür zentral. Eine Form der Nachfolge ist seit Anbeginn des Christentums das Ordensleben, das sich gegenwärtig in einem Umbruch befindet. Beiträge in den Medien mit Titeln wie „Ein leises Servus“1 singen schon einen Abgesang auf diese Lebensform und ihre Institutionen. Sicher ist, dass diese in Zukunft mehr denn je eine Minderheitengruppe in der Gesellschaft wie in der Kirche darstellen werden. Doch gerade diese Tatsache wirft die Frage auf, was junge Menschen heute dazu veranlasst, diesen Weg einzuschlagen, und verleiht ihren Biografien eine Relevanz für die Forschung.

1.1Hintergründe

Um die Situation junger Ordenschristen besser nachvollziehen zu können, wird einleitend ein Panorama eröffnet, das die statistischen Eckdaten und den kirchenrechtlichen Rahmen absteckt sowie eine phänomenologische Annäherung an den Begriff „Berufung“ unternimmt.

1.1.1Statistische Eckdaten

Von 24.472.817 Katholiken in der Bundesrepublik Deutschland sind 24.490 im Jahr 2011 Mitglieder von Ordensinstituten.2 Wirft man einen Blick in die Statistik der Deutschen Ordenskonferenz (DOK) für das Jahr 2010, wird deutlich, dass die in der Studie befragten Ordensmitglieder die kleinste Gruppe innerhalb der Ordensleute darstellt. So beträgt die Gruppe der bis 35-Jahre im Jahr der Erhebung (2010) 1% (222 Personen) und die Gruppe von 36 bis 49 Jahren, der ein kleinerer Teil der Probanden zuzurechnen ist, 5% (1.118 Personen). Im Bereich der kontemplativen Orden ist der Prozentsatz ein wenig höher: 3% bis 35 Jahre und 16% von 36 bis 49.3 Ein Vergleich der Statistik der DOK zwischen 2008 und 2012, also vom Beginn bis zum Abschluss der Studie, macht einen Rückgang der Zahl der Ordensleute insgesamt ersichtlich (Ordensfrauen 2008: 22.995 – 2012: 19.278; Ordensmänner 2008: 5.061 – 2012: 4.697). Die Zahl der Novizinnen ist relativ konstant geblieben (2008: 105, davon 80 in tätigen und 25 in kontemplativen Gemeinschaften – 2012: 104, davon 72 in tätigen und 32 in kontemplativen Gemeinschaften), die Zahl der Novizen ist gesunken (2008: 101, 2012: 84).4

Die Statistik über Ein- und Austritte von Ordenschristen der letzten Jahre erlaubt es nicht, einen Einblick in die Fluktuation zu gewinnen.5 Nicht erfasst werden die Austritte nach Altersstufen oder das Ausscheiden während des Noviziats, ebenso wenig die Ablegung der Profess bzw. Gelübde. Von daher ist es schwierig, exakte Vergleichsdaten zu gewinnen, zumal die in der Studie befragten Personen zwar alle deutschsprachig sind, aber auch Gemeinschaften außerhalb Deutschlands oder neuen geistlichen Gemeinschaften angehören. Es konnten also nur annähernde Rahmendaten für die Erhebung gewonnen werden.6

Ein Beispiel aus dem Jahr 2004 sei an dieser Stelle angeführt. Bei den Männerorden werden nicht die Novizen erfasst, die ihr Noviziat außerhalb Deutschlands gemacht haben. Die Frauenorden wiederum unterscheiden in der Statistik zusätzlich tätige und kontemplative Gemeinschaften und bei den Austritten ewige und zeitliche Profess. Es werden bei den Männerorden 66 Novizen und 48 Austritte angegeben, bei den Frauenorden 130 Novizinnen (80 tätig, 50 kontemplativ) und 108 Austritte, davon 92 ewige Professen (84 tätig, 8 kontemplativ; 26 zeitliche Professen (21 tätig, 5 kontemplativ).7

Zur Problematik des Mangels an statistischem Material haben sich schon Leimgruber und Kluitmann geäußert.8 Es ist anhand der Archivarbeit also nicht möglich, das genaue Verhältnis – und damit die Repräsentativität – der Befragten zur tatsächlichen aktuellen Zahl der jungen Ordensleute und Mitglieder geistlicher Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum zu bestimmen, die ihren Merkmalen nach für die Umfrage in Frage gekommen wären. Aus der Hochrechnung der bekannten Daten lässt sich doch sagen, dass mit den 50 Probanden ein relativ großer Kreis als Stichprobe gefunden werden konnte.

1.1.2Kirchenrechtlicher Rahmen

Der kirchenrechtliche Rahmen, der die Situation der Probanden betrifft, besteht aus der Aufnahme in ein Institut gottgeweihten Lebens, die Zulassung zur Profess (in der Regel die zeitliche) und für die Kontrollgruppe zudem die Regelungen für das Verlassen des Noviziats bzw. des Instituts. Diese drei stellen sozusagen die Eckpunkte für die Gruppe der Probanden dar.9

a)Eintritt

Als Probezeit und als Zeit der Vorbereitung (c. 597 §2) auf das geweihte Leben dient das im Eigenrecht geregelte Postulat, das von den einzelnen Gemeinschaften individuell gestaltet wird.10 Auch das darauf folgende Noviziat stellt noch einmal eine Zeit der Prüfung dar, ob der Novize dem Leben nach den evangelischen Räten, aber auch der Eigenheit des jeweiligen Instituts entspricht.11 Das abgeschlossene Noviziat ist rechtlich die Voraussetzung zur gültigen Ablegung der Profess.12

Die Faktoren für die Aufnahme in das entsprechende Institut (c. 642) sind13:

Gesundheit

geeigneter Charakter

Reife

Das Noviziat ist auf mindestens ein, oft zwei Jahre angelegt. Als Zielsetzung formuliert das Kirchenrecht die Klärung der eigenen Berufung, die Anleitung zu einem Leben der Vollkommenheit gemäß den evangelischen Räten, die Einübung in das Gebet und den Umgang mit der Heiligen Schrift sowie die vertiefte Kenntnis über Geschichte, Eigenart und Sendung des Instituts.14 Während dieser Zeit besteht noch keine gegenseitige Bindung.15

b)Profess

Die zeitliche Profess, die für mindestens drei und höchstens für einen Zeitraum von sechs Jahren abgelegt wird, bildet die erste Stufe der Eingliederung in ein Ordensinstitut.16 Bei der Profess handelt es sich um öffentliche (kirchenamtliche) Gelübde, zu deren Gültigkeit folgende Voraussetzungen gegeben sein müssen:

Vollendung des 18. Lebensjahres,

gültig absolviertes Noviziat,

frei erteilte Zustimmung des Oberen (mit Stellungnahme seines Rates),

Freiheit von Zwang und schwerer Furcht,

Entgegennahme durch den rechtmäßigen Oberen oder einen von ihm Beauftragten.17

Mit der Profess verbundene Verpflichtungen stellen die Übernahme der Rechtsordnung der entsprechenden Gemeinschaft sowie der evangelischen Räte dar. Die Profess ist zudem Ausdruck der Weihe des Mitglieds an Gott und die Kirche und der radikalen Verfügbarkeit zum Dienst an Gott und den Menschen (vgl. LG 33).18

c)Austritt

Verlässt ein Kandidat die Gemeinschaft während des Noviziats, wird nicht von Austritt gesprochen (für eine eventuelle Wiederaufnahme gelten allerdings dieselben Kriterien wie bei einem Austritt).19 Während des Verlaufs der zeitlichen Gelübde ist ein Austritt aus schwerwiegendem Grund möglich (c. 688 §2). Eine Nichtverlängerung der Gelübde nach deren Ablauf verlangt dagegen keine offizielle Erklärung. Falls wiederum der Orden die Verlängerung der Profess ablehnt, muss er dies sehr wohl begründen (c. 689 §1).20

1.1.3Phänomenologie des Berufungsbegriffs

Der Begriff der Berufung hat verschiedene Deutungstraditionen,21 wobei es in dieser Arbeit weder darum geht, eine Theorie von Berufung zugrunde zu legen, noch eine solche zu erarbeiten. Der Fokus ist ein biografischer und verfolgt kein theoriegeleitetes Interesse. Vielmehr steht zunächst die Analyse des Selbstverständnisses der Probanden im Vordergrund. Im Sprachgebrauch der Interviews wird ein weites Verständnis des Berufungsbegriffs deutlich, nämlich sowohl für den Ordensweg als auch für die Entwicklung und Ausformung der christlichen Berufung, etwa auch nach einem Austritt.

Ein kurzer phänomenologischer Einblick in alltagssprachliche, biblische und systematische Begriffsbestimmungen soll an dieser Stelle genügen.

Alltagssprachlich lassen sich folgende Nuancen in der Verwendung des Begriffs beobachten:22

als kirchlicher Beruf sowie als seelsorglich-karitatives Wirken

als Lebensaufgabe (nicht religiös) oder als der von Gott verstandene persönliche Lebens- oder Sendungsauftrag (explizit religiös)

in der Rede vom „geistlichen Beruf“ als Priester- und Ordensberufung

Eine Schwierigkeit im letztgenannten spezifischen Gebrauch des Begriffs als „geistliche Berufung“ zum Priester- oder Ordensleben liegt darin, dass – gewollt oder nicht – ein Gefälle anklingt, das suggeriert, dass die Getauften in Berufene und Nichtberufene, Geistliche und Nicht-Geistliche aufzuteilen wären. Dies birgt die Gefahr eines Missverständnisses in sich, nämlich eines impliziten Prädestinationsdenkens, das theologisch problematisch ist.23

Im biblisch-neutestamentlichen Sinn sind Kennzeichen von Berufung und Jüngerschaft das persönliche Angesprochensein von Gott, das Leben in einer Nachfolgegemeinschaft, der prophetische Lebensstil und die Aussendung zur Verkündigung des Evangeliums.24 Dies richtet sich einerseits auf einen konkreten Auftrag, der sich aus den Umständen ergibt und auf die Verwirklichung des Gottesreichs abzielt, und beruht andererseits auf der göttlichen Initiative von Berufung. Die Dimension einer persönlichen Gottbeziehung ist dabei wesentlich. Der Kern des Reiches Gottes liegt in der Aktualisierung dieses Rufes und der Ausgestaltung der Beziehung zu ihm. Deselaers bezeichnet Berufung in diesem Kontext als „andauerndes Geschehen“25, was besagt, dass diese entwurfsoffen bleibt und zugleich ein Kontinuum enthält. Der Mensch ist immer neu herausgefordert, zu antworten.

Das Zweite Vatikanische Konzil unterscheidet zwischen allgemeiner und persönlicher Berufung.26

Die allen gemeinsame christliche Berufung ist in der Taufe begründet (vgl. LG 10, LG 31, LG 42) und findet ihre je besondere Ausformung, die sich in der Entscheidung zu einer Lebensform und einem Beruf (vgl. LG 41) konkretisiert.27

Berufung als das Werden-auf-Gott-Hin enthält den Aspekt der Subjektwerdung als Person, und ist damit individuell einzigartig. Darüber hinaus konkretisiert sich die persönliche Berufung häufig in Formen von Gemeinschaftsbildung. Für den vorliegenden Kontext ist dies insofern relevant, als die jungen Ordenschristen die Option zu einer Bindung treffen und so Gemeinschaftsbildung mit gestalten.28

Wenn im Folgenden häufig vereinfachend von Ordensgemeinschaften gesprochen wird, sind darunter Institute geweihten Lebens, Gesellschaften apostolischen Lebens sowie Säkularinstitute und vereinzelt neue Formen geistlicher Gemeinschaften erfasst.

Nicht zuletzt jedoch ist ein Proprium von Berufung die Dimension des „Voraus Gottes“, d. h. dass sie sich letztendlich menschlicher Machbarkeit entzieht. Dies verweist immer auf das Kontinuum des Rufes, sensibilisiert darüber hinaus aber auch für die dialektische Dimension der Berufung, die Möglichkeit des immer Neuen und Anderen. So bedarf auch die methodische Betrachtung religiöser und kirchlicher Biografien des Bewusstseins für die Unverfügbarkeit, das Geheimnis der göttlichen Wege im menschlichen Leben, und für die Kontingenz menschlicher Verstehensprozesse, sowohl bezüglich der Probanden, die deutend von ihren Lebenswegen berichten, als auch bezüglich der Auswertung ihrer Geschichten.

1.2Forschungsüberblick zum Thema Berufung und Ordensleben

In der Literatur erfolgt die Behandlung des Themas „Berufung“ bislang vorwiegend unter theologisch-systematischer oder psychologisch-praktischer Perspektive. Zur ersten gehört etwa der Beitrag von Gisbert Greshake „Wie ist Gottes Ruf erkennbar“ über das Wesen christlicher Berufung.29 Zur zweiten zählt Hermann Stengers Veröffentlichung „Eignung für die Berufe der Kirche“30.

Eine Monografie zu einer Theologie des Ordenslebens nach dem II. Vatikanum verfasste Anneliese Herzig.31 Herzig untersucht die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils darauf hin, welche Veränderungen in der Theologie des Ordenslebens darin grundgelegt wurden. Zugleich macht sie deutlich, dass es sich trotz der Indikation eines Neuaufbruchs um „Dokumente des Übergangs“ handelt, die einen Zwischenstand markieren.32 Die theologische Entwicklung, die dadurch erst in Gang gesetzt wurde, bildet den Kern der Dissertation. Die Leistung dieser Arbeit ist eine weitgehend umfassende Behandlung von entscheidenden, für die Ordenstheologie relevanten Bezugsfeldern (Spezifikum der Ordensberufung, Verhältnis zu Kirche und Welt) und ihrer begrifflichen Bestimmung in den Ansätzen prominenter Theologen. Herzig entwirft so ein Panorama der aktuellen Strömungen. Die Reichweite der Positionen, deren Entfaltung an dieser Stelle zu weit gehen würde, umspannt das Verständnis von Orden in den Polen von Zeichenhaftigkeit und Dienst, Gemeinschaft und Prophetie.33 Schon der Titel „Ordenschristen“ zeigt eine Positionierung des Ordenslebens als Ausformung des Christseins aus der Taufe und als „Nachfolge des ‚universale concretum‘ Jesus Christus“34.

Seitdem wurde das Thema Berufung über den Bereich der Ordenstheologie hinaus in der Forschung aus verschiedenen Perspektiven behandelt. Der Berufungspastoral im Besonderen hat sich schon in den 90er Jahren Jörg Swiatek zugewandt.35 Seine Arbeit untersucht den Berufsfindungsprozess im Kontext der Pastoral der Diözesanstellen „Berufe der Kirche“ unter konzeptuellem Blickpunkt. Dieser Ansatz bietet einen wichtigen Beitrag zur Analyse und Reflexion bestehender Programme. Das Anliegen Swiateks ist kein induktives, noch unternimmt er ein biografieorientiertes Herangehen an tatsächliche Entscheidungswege, wie es das Ziel der vorliegenden empirischen Studie ist.

Vor allem das Berufungsverständnis zweier Theologen des 20. Jahrhunderts – Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar – liegt den weiteren systematischen Forschungsbeiträgen zugrunde. Rahner versteht Berufung als „Existential“36 menschlicher Existenz, Balthasar betont eher den Aspekt der Unterscheidung von allgemeiner und besonderer Berufung.37 Zu dem hier aufscheinenden Spannungsverhältnis beziehen die folgenden Untersuchungen Position.

Die systematisch-theoretische Monografie von Stefan Heße untersucht in erster Linie exegetische und lehramtliche Texte und erarbeitet auf der Basis der Konzeption Balthasars eine Theologie der Berufung.38

Ulrich Feeser-Lichterfeld dagegen unternimmt auf der Grundlage der Theologie Rahners eine empirische Analyse des Prozesses der Berufswahl von Theologiestudierenden und postuliert die Entfaltung der Berufung aller Getauften als Grunddimension der Pastoral.39 Im Vergleich zum Ziel der vorliegenden Studie, die anhand der Erhebung des biografischen Prozesses und der Erfahrungsmuster die für die Wahl zum Ordensleben entscheidenden Kriterien erheben will, ist mit dem Thema der Berufswahl ein anderer Fokus gewählt.

Michael Höffner untersucht phänomenologisch den Freiheitsbegriff in seiner Relevanz für das Verständnis von Berufung zum Priestertum. Die theologische Problematik besteht zunächst darin, den Freiheitsbegriff in seinem Verhältnis zur Berufungsnotwendigkeit zu rechtfertigen.40 Auf die Einzelheiten dieses theologischen Ansatzes einzugehen, würde hier zu weit führen. Interessant sind aber die Elemente, die Höffner als wesentlich für die „Hebung“ eines Rufes benennt: Fundstellen, Vorbilder und Gebet.41 Sie werden uns in eigener Form als Kategorien der Interviews noch beschäftigen.

Ein kleiner, aber für die Praxis nicht unbedeutender Zeitschriftenbeitrag, der die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher Neigung und kirchlicher Bestätigung der Berufung behandelt, stammt von Eva Maria Faber.42

In der religionspsychologischen Forschung hat die Schule von Luigi Rulla sowohl in der Grundlegung einer theoretischen Anthropologie der Berufung als auch in der Feldforschung einen wesentlichen Beitrag vor allem für die Klärung der Motivation, Schwierigkeiten und die Erstellung von Reifekriterien für geistliche Berufungen geleistet.43 Während in der psychologischen Forschung die Frage nach Reife und Eignung im Zentrum des Interesses steht, liegt der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit auf den religiösen Erfahrungen und den Entscheidungsprozessen der einzelnen Probanden.

Katharina Kluitmann befasst sich empirisch-psychologisch mit der Situation junger Frauen in apostolisch-tätigen Ordensgemeinschaften in Deutschland.44 Die von ihr erhobenen Ergebnisse über psychologische Motivation, Schwierigkeiten und Herausforderungen der Ordensfrauen münden in eine Überlegung über die Berufungspastoral, die allerdings noch eher als Postulat formuliert ist und für eine Aufstellung von zuverlässigen Kriterien weiterer Vertiefung bedarf.45

Unter fremdsprachigen Forschungsbeiträgen sei auf Sandra M. Schneiders verwiesen, die aus US-amerikanischer Perspektive einen wesentlichen Beitrag zur Untersuchung der grundsätzlichen Verortung des Phänomens des geweihten Lebens in der nachkonziliaren Kirche leistet.46

Ute Leimgruber befasst sich aus der Genderperspektive mit dem Thema Frauenorden. Sie stellt anhand exemplarischer Frauengemeinschaften die historische Entwicklung von den Anfängen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar und stellt die Frage nach der Funktion und den Motiven von Frauenorden in der „zweiten Moderne“. Schließlich betrachtet Leimgruber den theologischen Ort der Frauenorden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Licht aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen. Ausblickend erarbeitet sie pastoraltheologische Leitimpulse, die Frauenklöster als Lernorte der „Zeichen der Zeit“ für die Kirche heute propagieren.47

In den letzten Jahren verfolgten zwei Projektgruppen das Anliegen, die Reflexion über Ordenstheologie weiterzuführen. Besonders das Thema der (post)säkularen Gesellschaft, das vorher noch nicht bedacht wurde, rückt immer mehr ins Zentrum der Fragestellung nach dem Ort der Orden heute.48

Als Zeitdiagnostiker betrachtet Michael Hochschild die Orden unter den Bedingungen der Gegenwart. Er spricht 2005 von der Neuzeit der Orden49 und misst dem Ordensleben gerade in seiner veränderten Form, in seiner Pluriformität als geistlichem Zentrum für religiös Engagierte sowie Neugierige, große Bedeutung bei. Der Ordensmensch ist für ihn der „Himmelsstürmer“50, Orden charakterisieren sich als „Suchbewegungen des Heiligen.“51 Konkret befasst er sich aktuell mit dem benediktinischen Leben, in einer Studie über die Erneuerungsinitiativen in acht Männerklöstern, in der er die Begriffe der Biometrie und der elastischen Tradition prägt.52

Ein pastoralpraktischer Beitrag ist das Bändchen des freikirchlichen Pastors Dirk Fuisting „Berufung zur Ehelosigkeit. Eine seelsorgliche Hilfe für Singles?“53. Er wirft angesichts der steigenden Zahl von Alleinstehenden die Frage auf, ob die seelsorgliche Begleitung nicht eine Hilfe sein könnte, dass Menschen in ihrer Lebenssituation eine Berufung entdecken. Fuistings Argumentation wirkt im Einzelnen teilweise stark schematisierend. Zudem ist zu fragen, ob Singlesein und Ehelosigkeit um des Himmelreich willens so ohne Weiteres gleichzusetzen sind. Für die Mehrheit der Christen dürfte dies pastoral schwer vermittelbar sein.

Zusammenfassend soll noch einmal betont werden, dass das Ziel dieses Habilitationsprojektes eine Bestandsaufnahme aktueller Berufungsbiografien im deutschsprachigen Raum sowie deren Analyse ist. In dieser Form trifft die Studie auf ein Desiderat in der Pastoraltheologie im deutschen Sprachraum, deren Ertrag sowohl den Orden als auch der pastoralen Reflexion und Praxis Impulse geben zu können hofft.

2Zur Methode

In diesem Abschnitt werden methodische Vorüberlegungen zum Verhältnis von Theologie und Empirie angestellt und die soziologischen Methoden, die zum Forschungsdesign beitragen, sowie der Vorgang der Erhebung und Auswertung der Daten vorgestellt.

2.1Biografie in der empirischen Sozialforschung und Theologie

Das Herangehen der vorliegenden Arbeit ist eine phänomenologische Betrachtung des Berufungsweges junger Ordenschristen.54 Für die Exploration von Biografien zur Beschreibung existentieller innerer Vorgänge soll auf den philosophischen Ansatz der Neuen Phänomenologie zurückgegriffen werden.55 „Die Phänomenologie gewinnt ihre Eigenart als Forschungsrichtung durch die Tendenz, die Abstraktionsbasis der Begriffsbildung näher an die unwillkürliche Lebenserfahrung heranzulegen.“56

Im Vergleich zur älteren Phänomenologie Husserls arbeitet die Neue Phänomenologie ebenso deskriptiv, erhebt aber nicht den Anspruch der Apriorität,57 sondern zielt darauf ab, eine Vielfalt und Vieldeutigkeit von Perspektiven aufzuzeigen.58 Ihr Hauptvertreter Schmitz sieht „die unwillkürliche Lebenserfahrung [als] letzte Instanz für alle Rechtfertigung von Behauptungen.“59 Sie prägt Kriterien, die es erlauben, auch innere Vorgänge zu beschreiben und intersubjektiv zugänglich zu machen, z. B. die Kategorien der affektiven Betroffenheit.60 Eines ihrer Anliegen ist es, „mit scharfen, aber geschmeidigen Begriffen, die Betroffenheit der Besinnung zugänglich“61 zu machen. Auch Dimensionen des Räumlichen, die in den Beschreibungen der Probanden eine wichtige Rolle spielen, werden berücksichtigt.62 Somit gibt die Neue Phänomenologie ein für unsere Studie hilfreiches Interpretationsinstrumentarium an die Hand.

Die vorliegende qualitative Interviewstudie arbeitet induktiv, setzt also nicht bei einer Theorie, sondern am Einzelfall bzw. -phänomen an, und bewegt sich somit im Raum der empirischen Biografieforschung. Das Verhältnis von Theologie und empirischer Sozialforschung ist spannungsreich und wurde in der letzten Zeit mit erhöhter Aufmerksamkeit bedacht.63 Theologisch gesehen geht es um zwei Grundanliegen: das radikale Ernstnehmen der Biografie und die kairologische Suchbewegung nach der Gotteswirklichkeit in allem Geschehen.64

2.1.1Empirische Pastoraltheologie

In der Pastoraltheologie findet die empirische Forschung in den letzten Jahrzehnten verstärkt Beachtung.65 Dies liegt zum einen an der „anthropologischen Wende“ in der Theologie und der in der Pastoralkonstitution anvisierten verstärkten Konzentration auf die theologische Wahrnehmung der sichtbaren Wirklichkeit. In deren Folge wurden Konzepte entwickelt, welche die Pastoraltheologie als Handlungswissenschaft definierten.66 Andere Positionen setzen einen Schritt eher an und wollen Pastoraltheologie zunächst als Wahrnehmungswissenschaft verstanden wissen.67 Dabei richten sie eine erhöhte Aufmerksamkeit auf die Alltagswelt.68 Eine phänomenologisch orientierte Pastoraltheologie sucht „die Vieldeutigkeit und Offenheit von Erfahrungshorizonten“69 festzuhalten.

Zudem war in den Sozialwissenschaften eine verstärkte Hinwendung zur Empirie erfolgt, im Zuge derer methodische Grundlagen entstanden sind, mit denen die Theologie in unterschiedlicher Positionierung in Dialog treten kann.70

Johannes Först entwickelt eine theologische Methodologie des empirischen Umgangs mit religionsbezogenen Daten.71 In vier Thesen lassen sich seine grundlagentheoretischen Überlegungen zusammenfassen: Angesichts der Begrenztheit und Vorläufigkeit des Wissens befürwortet Först einen Ansatz, in dem sich Theologie und Empirie mit ihrem je eigenen Deutungshintergrund in einem gemeinsamen Diskurs den Problemen der Gegenwart zuwenden (These 1). Aus der theologischen Tradition bietet sich hierfür die analytische Tradition an, die eine sachgemäße Rezeption der Wirklichkeit als erstes methodisches Ziel postuliert (These 2). Der Sozialwissenschaft zu vermitteln, dass die Theologie, unter Einbehalt ihres spezifischen Blickwinkels, die Strukturen empirischen Forschens anerkennt, ist eine tragende Aufgabe. Hierbei kommt dem Forschungsdiskurs auch im Sinne einer gegenseitigen Kontrolle der Verständlichkeit der Hypothesen eine wichtige Rolle zu (These 3). Darüber hinaus ist der transzendente Denk- und Deuterahmen der Theologie zu berücksichtigen, so dass alle Empirie offen bleibt auf den weiteren, letzten, göttlichen Bezugsrahmen hin und somit auch offen gehalten werden muss für Heil, Rettung und Veränderung (These 4).72 Meines Erachtens ist es gerade die letzte These, die verstärkt der Beachtung und Reflexion bedarf. Denn hier stellt sich die Frage nach der Wahrnehmung dieses Bezugsrahmens.73

Eine Theologie, welche sich unter die Prämisse eines heilsgeschichtlichen Verständnisses stellt, nimmt das Wirken Gottes am und mit dem Menschen an. Der Blick auf den Menschen als Subjekt der empirischen Forschung ist der Blick auf einen Menschen, der sich als ein in Beziehung mit Gott stehender und so als Gerufener versteht. „In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“ (DV 2). Die reformatorische Theologie fordert „die Rede vom Handeln Gottes als kritische Instanz“74 immer wieder ein. Daher geht es ihr auch um die „prinzipielle theologische Verhältnisbestimmung, um Religion als menschliches Handeln auf die klassisch theologische Rede vom ‚Handeln Gottes‘ zu beziehen.“75 Wenn es um das Erleben von Berufung geht, muss ein tastendes Suchen nach der Wahrnehmbarkeit Gottes, nach seiner Gegenwart in der menschlichen und erfahrbaren Wirklichkeit gewagt werden.76

2.1.2Biografieforschung

Die Biografieforschung ist ein Forschungsbereich, bei dem zum einen soziale (Lebenslaufforschung) und zum anderen individuelle Komponenten (Biografieforschung) stärker in den Vordergrund der Betrachtung rücken können,77 wobei sich hier eine Vielzahl an methodischen Ansätzen bzw. Forschungsintentionen nebeneinander finden.78 Es soll vorausgeschickt werden, dass für das Forschungsanliegen dieser Arbeit der strukturanalytische Blick auf Übergänge79 wie Krisen80 und besondere Zeiten81 von besonderem Interesse sein wird. Insa Fooken betont über übliche Etappen des Lebenslaufs hinausgehend die einschneidende Bedeutung von Lebensereignissen mit nicht-normativem Charakter.82 Erikson spricht von Identitätsentwicklung durch psychosoziale Krisen, welche für ihn normativen Charakter innehaben, d. h. typisiert werden. Im Gegensatz dazu findet sich hier ein Ansatz, welcher auf individuelle Erfahrungen und Schlüsselerlebnisse schaut, ohne diese normativ zu verstehen.83

Auf evangelischer Seite hat unter Henning Luther in seinem subjektbezogenen Ansatz die Biografieforschung als Geschichte der unverwechselbaren Einmaligkeit des Menschen bezeichnet, dessen autobiografische Selbstreflexion auch theologisch bedeutsam ist.84 Wilhelm Gräb betont die Bedeutung gelebter Religion als kommunikativen Tatbestand85 für die Untersuchung von Lebensgeschichten und befasst sich v. a. mit der religiösen Dimension der Alltagskultur, mit den „in den alltagsästhetischen Zeichen beschlossenen Symbolisierungen unserer normativen Lebensorientierungen.“86

Stephanie Klein erschloss in ihrer Dissertation die methodischen Zugänge zur Biografiearbeit an Glaubensgeschichten.87 Ihr Ansatz erfahrungsbezogener Theologie besagt etwas Entscheidendes für den Kontext dieser Arbeit: „Will die Theologie den gelebten Glauben reflektieren und Hilfen zur Praxisbewältigung für die Gläubigen geben, muß sie die Probleme der Gläubigen möglichst aktuell in ihrer Lebensgeschichte ins Auge fassen.“88

Klein verortet die theologische Biografiearbeit als entscheidenden methodischen Beitrag zur „Hinwendung zum konkreten Leben der Menschen und zum gelebten Glauben“89 theologisch in dem nachkonziliar in besonderer Weise rezipierten Schlagwort der Würde des Menschen. Daraus leitet sich die Bedeutung aller Christen als Glaubenssubjekte und Apostolatsträger, unter besonderer Beachtung der Armen (Befreiungstheologie) und der Frauen (feministische Theologie) ab.90 Der hier dargestellte Ansatz fordert das Wahr- und Ernstnehmen des Einzelnen seitens der Theologie zu Recht ein. Dabei fließt auch das Von-Gott-Her in die Reflexion mit ein: der Gehalt des erzählten und erfahrenen Glaubens als Ausdruck der immer schon sich in allem Menschlichen manifestierenden Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen. So ist das Geheimnis Gottes im Spiegel der konkreten Erfahrung entscheidend für den Blick auf das Phänomen von Berufung.

Als ihre beiden grundlegenden forschungspraktischen Verfahren benennt Klein den erzählanalytischen Ansatz von Fritz Schütze und den Ansatz der objektiven (später strukturalen) Hermeneutik von Ulrich Oevermann.91 Schützes Arbeiten verdanken sich die Beobachtung von Prozessstrukturen als Teil der kognitiven Figuren des autobiografischen Erzählens.92 Er unterscheidet drei Typen von Erzählstrukturen: kognitiv-formale Ordnungsprinzipien (Handlungs- und Ereignisträger, sozialer Rahmen, Ablauf), sprachlich-formale Strukturen (Ausdruck der erlebten Nähe) und erzählformale Strukturen (Logik des Erzählzusammenhangs).93

Oevermann unterscheidet zwei Textebenen: Auf der intentionalen Ebene geht es um die Realität des Textes, während auf der Ebene latenter Sinnstrukturen, einem nicht notwendig im Bewusstsein gelagerten Bereich, soziale Gebilde (Personen, Familien, soziale oder politische Institutionen) tragend sind. Letztere bilden wiederum sogenannte Fallstrukturen aus.94 Textebenen können durch die Erstellung einer Handlungsfolie, durch Sequenzanalyse und Feinanalyse unterschieden und einzelne Strukturtypen können eruiert werden.95

Auf eine weitere Entfaltung dieser beiden Ansätze soll an dieser Stelle verzichtet werden, da diese für die Methodik der vorliegenden Studie zu kleinschrittig vorgehen und daher nicht grundlegend sind. Dies Arbeit bezieht sich wesentlich auf Methoden mit dem Vorzug eines induktiven Vorgehens, deren Akzent stärker auf der Analyse inhaltlicher Kategorien und auf kommunikationstheoretischen Elementen der Gesprächssituation liegt (vgl. 2.2.1.).

2.1.3Narrative Identität

Der Begriff der narrativen Identität geht auf Paul Ricœur zurück, der ihn folgendermaßen beschreibt:

„Our life, when embraced in a single glance, appears to us as the field of constructive activity, borrowed from narrative understanding, by which we attempt to discover and not simply to impose from outside the narrative identity which constitutes us.“96

Ricœur macht deutlich, dass Biografie sich aus dem Vorgang der Erzählung generiert und Identität sich dynamisch aus der subjektiven Lebenserzählung konstituiert.97 Biografien sind wesentlich als soziale Konstrukte verstanden.

Die „formalen Schemata strukturieren die Erzählung tendenziell analog der faktischen Erfahrungsaufschichtung (biografische Gesamtformung). Was aber der erzählenden Person aufgrund ihrer faktischen Erfahrungsaufschichtung ins Bewußtsein kommt, wird durch die intentionale Erzählabsicht überarbeitet, die sich aus der aktuellen Gesprächssituation ergibt.“98 Die Komplexität der Erzählung ist bedingt aus der Erinnerungsleistung und der Situation des Gesprächs, hat also eine retrospektive und eine präsentische Komponente. Dies impliziert eine Unterscheidung verschiedener Ebenen in der Konstitution einer Erzählung.99

Corinna Dahlgrün macht darüber hinaus auf mehrere Faktoren aufmerksam, welche die Rekonstruktionen eines Narrativs beeinflussen:

„Deutlich ist, dass eine ‚objektive‘ Wahrheit der Erkenntnis nicht zugänglich ist, denn Erzählungen sind notwendig parteilich. (…)

Unabhängig von der Frage nach der Wahrheit einer Erzählung legen Menschen durch das – unvermeidliche – Auswählen der erlebten Eindrücke und ihrer Kontextualisierung, ihre Anordnung in einem Erzählzusammenhang, den kontingenten Ereignissen einen Sinn bei, (…)

wobei Erzähltraditionen einer Gesellschaft die Sinnzuweisung unterschiedlich stark prägen.“100

2.1.4Rezeption von Glaubensbiografien in Theologie und Soziologie

Im Umgang mit Glaubensbiografien, deren Ursprung in der Hagiografie oder in der christlichen Autobiografie liegt, die beide eine lange Tradition besitzen, steht häufig der prototypische Charakter sowie die Vorbildfunktion positiv im Vordergrund.101 Das Interesse Hagiografie ist es, Glaubensvorbilder zu zeichnen.102 Weniger das Individuum steht hier im Zentrum als vielmehr das Ideal, welches es repräsentiert. Martin Luther betont dagegen nicht so sehr ein festes Ideal, sondern vielmehr den Aspekt der Entwicklung: „Der Glaube des Menschen hat also darum eine Geschichte und eine Entwicklung, weil er ständig im Angesicht vielfältiger Erfahrungen und Anfechtungen sich zu bewähren hat.“103 Diese Vielfalt von Erfahrungen in den einmaligen Glaubensgeschichten von Menschen ist Gegenstand der Biografieforschung.

In der soziologischen Literatur hingegen findet sich der Bezug auf einen christlichen Lebenslauf wenig positiv konnotiert. Vielmehr sind dort – vielleicht etwas vorschnell generalisierend – Wertemuster postuliert, die kritisch eingefordert werden. So schreibt Rosenthal etwa in ihrer Abhandlung über Ordensleute: „Bei der Suche nach den Bedingungen, die es den Nonnen und Mönchen erschweren, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, stoßen wir – ähnlich wie bei Psychiatriepatientinnen – auf die fehlende individuelle Gestaltung der Lebensplanung. […] mit dem Eintritt verliert sie bzw. er an Individualität.“104 Diese Schwierigkeit ergab sich bei der vorliegenden Erhebung nicht. Im Gegenteil, die große Mehrheit der Probanden wies durchaus die Fähigkeit auf, ihre Lebensgeschichte im Grad einer hohen Dichte zu erzählen. Eine überraschende Beobachtung war, dass sich die beiden Probandinnen aus demselben kontemplativen Kloster als charakterlich höchst verschieden erwiesen und zugleich beide – obwohl ihr Lebensrhythmus äußerlich stark vorgegeben war – eine stark ausgeprägte Individualität zeigten (vgl. 12; 13).

Hans-Peter Müller setzt die Freiwilligkeit als konstitutives Kriterium für einen Lebensstil voraus.105 Er erkennt daher „aus traditionellen oder religiös vorgeschriebenen Stilisierungsweisen […] (Priester, Klosterangehörige, bäuerliche Trachten)“106 erwachsene Lebensweisen mit dem Verweis auf das Fehlen des Freiwilligkeitskriteriums nicht als eigene Lebensstile an. Inwieweit andere Lebensstile sich nicht auch (ungeschriebenen) Regeln und Vorschriften sozialer Gruppen unterwerfen oder diese erst ausbilden, ist jedoch kritisch zu hinterfragen. Gerade in der heutigen Zeit ist der Anschluss an eine religiöse Gemeinschaft in der Regel wohl weniger von außen bestimmt als frei gewählt. Daher soll Ordensleben als eigener Lebensstil, wie es Leimgruber in ihrer Arbeit tut, wenn sie von „Ordensfrauen und ihre[n] Lebensstile[n]“107 spricht, postuliert werden.108 Aus Gründen der Differenzierung wäre es treffender, von einem Bündel von Lebensstilen zu sprechen. Michael Hochschild nennt die Orden „Lebensstilgemeinschaften“109.

2.2Forschungsdesign

An dieser Stelle erfolgt eine Darstellung des Verhältnisses von Theologie und Biografieforschung sowie der für den Charakter und die Prägung der Studie relevanten soziologischen Methoden.

2.2.1Entwicklung der Methodik

Die Vorstellung der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Stränge, aus denen die dieser Arbeit eigene Methodik entwickelt wurde, soll in aller Kürze geschehen, um im Anschluss daran dem eigentlichen Datenmaterial als Erkenntnisquelle Raum zu geben.

2.2.1.1Vorentscheidungen

Im Raum der Ordenstheologie und der berufungspastoralen Forschung liegen bis dato noch keine eingehenden empirischen Studien vor. Daher ist ein erster Schritt in der Exploration dieses Forschungsfeldes eine qualitative Interviewstudie. Die Themenstellung der vorliegenden Arbeit fragt allerdings nach den grundlegenden Faktoren und Erfahrungen, die einen Ordenseintritt bestimmen, weshalb die Option getroffen wurde, eine relativ große Anzahl von Probanden zu befragen. So wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Faktoren, die eine solche Entscheidung bedingen, durchaus komplex sind, und einer individuellen Engführung entgegengewirkt, ohne quantitativen Anspruch zu erheben

Die Entscheidung für eine Kombination aus induktiv-offenen Erhebungs- und Deuteverfahren sowie regelgeleiteten Verfahren liegt in dem Anliegen begründet, zum einen das Gewicht auf Sprachäußerungen zu legen, in denen sich latente Sinnstrukturen und Erfahrungsmuster ausdrücken können,110 zum anderen durch eine Eingrenzung der Fragestellung einen möglichst hohen Grad an Vergleichbarkeit herzustellen.

Da ein induktives Vorgehen für die Prozesshaftigkeit des Forschens grundlegend ist, ist es sinnvoll, schon in diesem Teil exemplarisch Erfahrungen im Erhebungsprozess zu reflektieren, die bei der Durchführung der Studie eine Rolle spielten und z. B. in den Memos zu den Gesprächen festgehalten wurden.

In der Auswertung der Interviews wird versucht mittels der narrativen Analyse nachzuvollziehen, wie auf der Ebene des bewussten Formulierens der eigene Berufungsweg plausibilisiert wird. Die Faktoren, die als handlungsleitend für die Entscheidung gedeutet werden können, stehen im Mittelpunkt des Interesses.

2.2.1.2Die Grounded Theory

Als die ersten, die das induktive Vorgehen in der Sozialwissenschaft stark machten, gelten Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss mit der Formulierung der Grounded Theory.111

Diese induktive Methode entstand mit dem Anliegen, die Kluft zwischen wissenschaftlicher Theorie und Lebenswirklichkeit zu überbrücken, wobei die Prozesshaftigkeit der Erkenntnisbildung sowie die Offenheit der Kategorienbildung entscheidend für das Vorgehen sind. Sie basiert auf einer Strategie der komparativen Analyse112, der es nicht um die Überprüfung von Theorien, sondern vielmehr um deren Generierung geht.113 Nicht apriorische Annahmen stehen im Vordergrund der Forschung, sondern die Gewinnung von Daten, die als Grundlage für Hypothesen fungieren.114 Der ständige Vergleich ist ein Verfahren, das im Prozess der Analyse die Generierung neuer Eigenschaften einer Kategorie ermöglicht.115

Der erste Arbeitsschritt ist das theoretische Sampling, die Vorüberlegungen zur gezielten Auswahl der Stichprobe und zu den Konzepten der Datenanalyse. Dies hat die Funktion, die Daten auf die gewählte Fragestellung und Theorie bezogen einzugrenzen.116 Dafür gelten folgende Grundsätze: Relevante Kategorien werden dadurch ermittelt, dass sie öfters auftreten, also durch Wiederholung bestätigt werden können. Minimale Unterschiede fungieren als Indikatoren für die Relevanz einer Kategorie, wogegen maximale Unterschiede die Reichweite der Theorie festlegen.117 In die Tiefenstruktur dringt man durch Ableitung neuer Kategorien bzw. Untergliederungen ein. Dieser Prozess wiederholt sich, bis der Forscher eine theoretische Sättigung als erreicht erachtet.118 „Die Theorie selektiert auf diese Weise selbst, wohin und wie tief sie sich entwickelt.“119

Die Grounded Theory erscheint für das Anliegen der Studie deshalb so wertvoll, weil sie dem Erzählen des Erlebten den Vorrang vor seiner Theoretisierung einräumt bzw. erst die Voraussetzungen dafür schafft. Aus diesem Grund wurde sie zu einer prägenden Methode für die vorliegende Arbeit.

Allerdings wurde die Verwendung der Grounded Theory modifiziert, indem durch den teilstandardisierten Leitfaden eine gewisse Lenkung vorgenommen, also der Forschungsbeginn nicht vollkommen offen gehalten wurde.120 Der Leitfaden sollte eine Orientierung für die Erzählung darstellen und die Vergleichbarkeit der Interviews gewährleisten. Dennoch stand zu Beginn der Erhebung bewusst nicht primär die Theoretisierung des Themas, sondern die Erstellung des Fragebogens und die Durchführung der Interviews.

2.2.1.3Die Qualitative Inhaltsanalyse

Die Qualitative Inhaltsanalyse121 nach Philipp Mayring versucht dem Problem der Organisation und Ordnung der freien Interpretation innerhalb der offenen empirischen Ansätze zu begegnen.122

Inhaltsanalyse ist die Analyse von fixierter Kommunikation durch systematisches, regel- und theoriegeleitetes Vorgehen mit dem Ziel, auf bestimmte Aspekte der Kommunikation zurück schließen zu können.123

Die Qualitative Inhaltsanalyse bedient sich äußerst verschiedener Ansätze zur Auswertung ihrer Daten, etwa der Content Analysis aus dem Bereich der Kommunikationswissenschaften, der Hermeneutik, der qualitativen Sozialforschung, welcher auch die äußerst kleinschrittige Objektive Hermeneutik nach Oevermann zuzurechnen ist, diverser literaturwissenschaftlicher Ansätze sowie der Psychologie der Textverarbeitung, aus denen sich die Prinzipien für die Qualitative Inhaltsanalyse entwickeln lassen.124

Folgende wichtige Beobachtungen bzw. Entwicklungen der Qualitativen Inhaltsanalyse fließen in die Analyse der Daten ein:

1. Mayring nennt als wichtigste Punkte für eine methodisch kontrollierte Textauswertung die „Einordnung in ein Kommunikationsmodell, Regelgeleitetheit, Arbeiten mit Kategorien und Gütekriterien.“125 Nach Mayring gelten drei Kriterien zur Bestimmung der typischen Ausprägung: nach Extremen, theoretischem Interesse und empirischer Häufigkeit.126 Wenn auch die 50 Interviews nicht im streng-klassischen Sinn der Inhaltsanalyse Wort für Wort kategorisiert und interpretiert wurden, waren die drei genannten Kriterien doch für die Typisierung leitend.

2. Auch die verschiedenen Techniken der qualitativen Analyse, wie etwa die Betrachtung des Kommunikationszusammenhangs, das Anliegen systematisch und regelgeleitet zu arbeiten, sowie der Versuch, quantitative und qualitative Analyseschritte zu verbinden, sind wichtige Bestandteile des Vorgehens zur Erfassung und Deutung des vorliegenden Materials.127

2.2.1.4Das persönliche Gespräch

Inghard Langer richtet in seinem Buch „Das persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung“128 den Blick auf die Bedingungen des Interviewgesprächs. Dazu bezieht Langer Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung, der Gesprächsführung nach Carl Rogers, der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn sowie den Grundlagen des Personalismus nach Martin Buber ein.129 Von Rogers stammt die Erkenntnis, dass die Gesprächsbeziehung für die Qualität der Inhalte wesentlich ist. Die personzentrierte Haltung ist deshalb auch in der Sozialwissenschaft nicht nur anwendbar, sondern verspricht auch Gewinn.130 Denn gerade im Vertrauen in die persönliche Wahrheit des Gesprächspartners liegt für Langer die Reliabilität der erhobenen Daten begründet.131 „Die Verfälschungsgefahr durch unsere persönliche Beteiligung als Gesprächsleiterin, als Gesprächsleiter – wie sie in der gesamten Interviewliteratur vielfältig diskutiert wird – ist umso geringer, je persönlicher das Gespräch gelingt.“132 Dem Problem der Reaktivität, also der Verfälschung durch den Vorgang der Beobachtung, wird hier offensiv begegnet. Der persönliche Bezug des Forschers darf hier vorkommen, ebenso wie die Selbstexploration der Eigenerfahrung.133

Im Unterschied zum narrativen Interview eröffnet die Methode des persönlichen Gesprächs einen „Spielraum der persönlichen Resonanz“134 und legt Wert auf die Gestaltung der Beziehung als Qualität förderndes Element. Der Begriff der verstehenden Resonanz bedeutet für Langer, „eine Person in dem zu begleiten, was sie spricht, sich innerlich daran zu beteiligen und dies äußerlich sichtbar zu machen.“135 Darunter versteht er etwa das aktive und empathische Zuhören, das den Probanden bei der Selbstexploration unterstützt.

Für die Repräsentativität ist das Kriterium nicht die Größe der Stichprobe, sondern die Vielfältigkeit der Erfahrungen zu einem Lebensthema. Merkmale, die eine Person für das Gespräch qualifizieren, sind ihr Erfahrungshintergrund im Blick auf das Thema, ebenso wie das intensive und bewusste Durchleben desselben und die Herstellung eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen den Gesprächspartnern.136

Methodisch wird das Gespräch in einem konzentrierten Verdichtungsprotokoll festgehalten, das primär der Dokumentation dient und die Informationen zunächst ohne Analyse und Interpretation zu sichern sucht.137

Ein Gewinn dieser Methode besteht in der Alltagsnähe. Die Beachtung der Authentizitätsebene ist für den Auswertungsprozess entscheidend, wobei Langer ohne die Frage nach eventueller Selbstkonstruktion durch Ich-Aussagen als authentisch annimmt, was ein Sprecher über sich selbst aussagt.138 Im Unterschied zu Langer bin ich der Meinung, dass der Authentizitätsbegriff komplexer ist als hier beschrieben, und Faktoren wie Rollenbilder, Unterbewusstsein o. ä. darin berücksichtigt werden sollten.

Mein Vorgehen weist insofern Berührungspunkte mit der personzentrierten Methode Langers auf, als es mir wichtig war, eine empathische Gesprächssituation zu schaffen, in welcher sich der Gesprächspartner öffnen konnte.139 Die Erfahrung zeigt, dass in dem Maße, wie dies im Gespräch gelang, die narrative Dichte an Qualität gewann.

Für die vorliegende Arbeit ist das persönliche Gespräch in einem doppelten Sinn relevant: zum einen für die atmosphärische und nicht rollenbezogene Durchführung der Interviews und zum anderen für den Fokus auf die persönlichen Selbstaussagen in der Auswertung.

Aus der Fülle des Datenmaterials wurden für eine Tiefenanalyse speziell die Passagen ausgewählt, aus denen eine besondere narrative Dichte ersichtlich ist, d. h. die Merkmale wie die gesteigerte Raffung oder Verlangsamung der Erzählung, die subjektive Bedeutung hervorhebende Ausdrücke, Passagen mit erhöhter Emotionalität usw. aufweisen.

Diese eher eklektische Auswahl der hochgradig verdichteten Gesprächsstellen entspricht zwar nicht im strengen Sinn der Methodik Langers, folgt ihm jedoch in der Hinsicht, als sie den Fokus auf die Passagen setzt, die für die erzählende Person von besonderer Bedeutung sind.

Der Prozess des Zuhörens hatte insofern Einfluss auf die Gewinnung der Daten, als ich im Laufe der Zeit dem Erzählfluss ein stärkeres Gewicht beimaß und weniger durch Nachfragen lenkte, wenn etwa einzelne Punkte des Leitfadens nicht erwähnt wurden. Den Befragungsstil, der so entwickelt wurde, könnte man empathisches Hören nennen.

2.2.1.5Schlüsselparameter des methodischen Vorgehens

Die folgenden Schlüsselparameter bestimmten wesentlich den Auswahlprozess für die Kategorienbildung und sind aus einer Synthese der vorgestellten Ansätze entstanden.

Die Auswahl der Texte für die Analyse wird auf zweifache Art und Weise vorgenommen, nämlich durch die Erhebung der Signifikanz durch Strukturparallelen (komparative Analyse) und der Signifikanz durch narrative Dichte (Einzeltextanalyse).

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Die Kombination von Breiten- und Tiefenanalyse verbindet komparative Elemente und Einzelfall. Dies ermöglicht die Selektion relevanter Textstellen aus dem relativ großen Umfang an Material, und versucht den individuellen Merkmalen der einzelnen Probanden gerecht zu werden. Es macht die Besonderheit der vorliegenden Studie aus, dass Texte zwar qualitativ untersucht werden, über den Einzelfall hinaus jedoch eine Annäherung an Typen und Muster erfolgen kann.

2.2.2Chancen und Grenzen der Methode

Die Prämisse, der sich jede empirische Arbeit stellen muss, ist, dass Beobachtungen nur verallgemeinert werden können, wenn sie die Kriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität erfüllt. Nur dann ist die Basis für theoretische Erklärungsversuche gegeben. Jede Methode und jede Thematik bergen diesbezüglich eigene Schwächen und Stärken in sich. Drei Punkte sind im Folgenden genannt, die problembezogene Erkenntnisse im Prozess der Durchführung und Auswertung der vorliegenden Untersuchung thematisieren.

2.2.2.1Zur Kontingenzproblematik in der Sozialwissenschaft

Der aktuelle Diskurs zur Kontingenz in der Sozialwissenschaft wurde von Armin Nassehi und Irmhild Saake angestoßen.140 Angesichts der Vielzahl an methodischen Ansätzen, die unter den Begriff der qualitativen Forschung fallen, stellen Nassehi und Saake die These auf, dass diesbezüglich eine Leerstelle auf der Ebene der theoretischen Reflexion bestünde. „Gegenstand der Sozialforschung […] ist dann die Frage nach der Kontingenz ihres Gegenstands.“141

Es wird betont, dass eine „rigorose Eindeutigkeit“ in der Sozialforschung kaum hergestellt werden, also keine Methode einen letztgültigen Anspruch auf alleinige Gültigkeit stellen kann. Der Forscher muss sich dessen bewusst sein, um erkennen zu lassen, wie er darauf reagiert, wie er also versucht, die Kontingenz einzuschränken.142

Die Kontingenz der Daten wird in der Bedeutung wahrgenommen, die sie für die Forschungsfrage besitzt. Das Nichtgesagte, die ausgeschlossenen Möglichkeiten rücken so ins Zentrum der Betrachtung.143 Es geht also darum, kontingenzbewusst zu forschen und durch das Bewusstsein für Leerstellen Begrenztheiten methodisch sichtbar zu machen.144

Mit Verweis auf die Relevanz der Kontingenzthematik ist im Zusammenhang unserer Arbeit Verschiedenes zu bedenken:

Auf der methodischen Ebene ist die Kombination verschiedener Methoden eine Strategie, mit der Kontingenzproblematik umzugehen und sich ihr zu stellen.

Auf der Ebene der sprachlichen Formulierung persönlicher Erfahrungen wird die Vorläufigkeit der Aussagen im Interview akzeptiert, sowohl ausgehend von der Sprachlichkeit selbst, als auch diachron für die Gültigkeit in der weiteren Entwicklung im Lebenslauf.

Auf der Ebene der Auswertung eröffnet der Verweis auf die Kontingenz Raum für einen intuitiven Zugang, der nicht interpretatorische Willkür rechtfertigt, aber eine methodische Leerstelle darstellt.145 Dies erfordert eine kritische Relecture, also ein Sicherungsverfahren der Reflektion auf der Metaebene.

Auf theologischer Ebene ist der Kontingenzbegriff in Bezug auf die Interpretation von Glaubenserfahrungen und die Grenze ihrer Deutungskriterien relevant.

2.2.2.2Forschen ohne Team

In der Regel werden qualitative Interviews von einer Gruppe von verschiedenen Experten besprochen und kategorisiert. Um die Eigenständigkeit der Forschungsleistung zu gewährleisten, musste im Fall dieser Studie darauf verzichtet werden. Gleichwohl wurde das Kriterium der intersubjektiven Nachprüfbarkeit durch verschiedene Maßnahmen berücksichtigt:

Die ersten fünf Interviews wurden von einem unabhängigen Beobachter durchgelesen, um zu einer Kreuzvalidierung zu gelangen. Im Rahmen des Oberseminars am Lehrstuhl wurde die Kategorienbildung diskutiert.

Ein entscheidender Teil der Durchführung der Interviews war die Wahrnehmung eigener vorgeprägter Schemata seitens der Autorin. Als Folge dieser Sensibilisierung wurde etwa die Frage nach dem Sozialen (Frage 5 im Leitfaden) als Kriterium für Berufung, die in den Gesprächen beinahe durchgehend ignoriert bzw. verneint worden war, zurückgestellt. An diesem Beispiel wird einmal mehr deutlich, wie sehr Deutungen von Vorprägungen abhängig sind und dass die Reflexion derselben Eingang in den Forschungsprozess finden sollte.

2.2.2.3Das Problem der Objektivität erzählter Erfahrung und erzählter religiöser Erfahrung

Da junge Ordenschristen in den Blick genommen werden, deren Eintrittsentscheidung noch nicht lange zurück liegt, sind natürlich nicht die Distanz und Selbstreflexion bezüglich des eigenen Weges gegeben, wie sie sich nach mehreren Jahren einstellen mag. Es ist auch nicht auszuschließen, dass ein Weg in Zukunft anders verlaufen wird, als es momentan erscheint. Dies mag als Problem wahrgenommen werden, hat aber zugleich den Vorteil, dass sich der Erzähler selbst noch in relativ unmittelbarer Nähe zum Erzählten befindet. Zudem ist das Ziel der Studie nicht der Beweis der gelungenen Entscheidung, sondern die Erhebung der Motivation und spirituellen Erfahrung seitens des Subjektes.

Der Subjektivität der Aussagen muss dabei Rechnung getragen werden, da jede biografische Narration auf der momentanen Einschätzung und Gewichtung von Erfahrungen durch die unmittelbar betroffene Person beruht. Der Grad an Betroffenheit bestimmt maßgeblich, welche Bedeutung einem Erlebnis beigemessen wird. Die Frage, in welchem Maße es dabei zu einer Selbststilisierung kommt, die von verschiedenen, auch innerpsychischen, Faktoren abhängt, soll in den Prozess der Auswertung jedoch nicht einbezogen werden.

Was grundsätzlich für die Erhebung von Erfahrung gilt, ist verstärkt eine Anfrage an die empirische Erhebbarkeit religiöser Erfahrung.146 Diese beruht zum einen auf der Prämisse des Handelns Gottes, theologisch gesprochen auf dem Phänomen Gnade bzw. ihrer Deutung, die sich einer direkten empirischen Überprüfbarkeit entzieht, und ist zum anderen bedingt durch Vorprägung, Persönlichkeit, religiöser Entwicklung und Sprachcodes der jeweiligen Person.

2.2.2.4Narrative Kluft oder Aktualisierung des Erlebten

In der Forschungsliteratur wird davon ausgegangen, dass Erzählungen Elemente von Selbststilisierung und Distanz zum tatsächlichen Erleben und Geschehen aufweisen.147 Es entstand im Laufe der Interviewaufnahmen der Eindruck, dass dies je nach Persönlichkeit und Bildungsgrad mehr oder weniger bewusst eingesetzt wurde.148

Allerdings erscheint die Beobachtung beachtenswert, dass im Erzählen eine Aktualisierung des Erlebten149 geschieht, die eine Art von Unmittelbarkeit herstellt. Die erzählerische Dichte konzentriert das Erlebte in einer Weise, in der nicht der exakte Ablauf entscheidend ist, sondern die Bedeutung, die das Erlebnis für den Erzähler im Nachhinein hat. Ein weiteres in diesem Zusammenhang bedeutsames Phänomen im Rahmen des Kodierens ist das Auftreten narrativer Leerstellen, d. h. das Ausklammern und Nicht-Thematisieren eines für die Geschichte Ereignisses oder Erlebnisses (vorrangig spiritueller Natur), obgleich der Erzählkontext erweist, dass dieser Faktor für den Erzähler in besonderem Maß wichtig war (vgl. 4.1).150

Es ist zu beobachten, dass auch diejenigen Probanden, deren Lebensweg sich nach einem Austritt in eine andere Richtung entwickelte, die Momente der Erfahrung, welche sie zum Eintritt in die jeweilige Gemeinschaft bewegten, meist ohne nachträgliche Distanzierung oder Relativierung erzählen.

2.3Erhebung und Auswertung der Daten

Zur Erhebung der Daten wurde, wie bereits erwähnt, ein Mischverfahren gewählt, um quantitative und qualitative Anteile gegebenenfalls miteinander vergleichen zu können. Auf diese Weise soll ein eingeschränkt als solcher postulierter Grad an Repräsentativität erreicht werden und doch dem je einzelnen Weg Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Das vorliegende Projekt ist eine Kurzzeitstudie, die innerhalb von etwas mehr als einem Jahr durchgeführt wurde. Die Möglichkeit einer Fortführung des Projekts in Form einer Langzeitstudie steht offen.

a)Quellen für statistische Daten

Als statistische Daten für Hintergrund- und Kontextinformation dienen neben den in der Einleitung behandelten Angaben der DOK die glaubensbiografische Erhebung von Herkunft- und Familiendaten der Befragten durch einen Fragebogen (s. Anhang).

b)Quellen für qualitatives Vorgehen

Die Studie besteht aus 50 narrativen Interviews151 anhand eines Interviewleitfadens, der den Weg der Berufung und Entscheidungsfindung zum Ordenseintritt erfragt.

Im Fragebogen finden sich einige Fragen, die zum einen eine Ergänzung bzw. einen Kontrast zu den Interviewaussagen darstellen, und durch die zum anderen wesentliche Aussagen in verschriftlichter Form knapp und griffig festgehalten sind.

2.3.1Die Probanden
2.3.1.1Vorüberlegungen

Der Grund, die Zahl der Befragten auf 50 – eine für qualitative Untersuchungen sehr hohe Stichprobe – festzulegen, liegt darin, durch einen gewissen Grad der Quantifizierung der Beobachtungen Vergleichbarkeit und somit Validität herzustellen.

Die Zielgruppe sind junge Frauen und Männer bis 42 Jahren, die eine Entscheidung gefällt und durch Gelübde oder Versprechen besiegelt haben, sich an eine Ordensgemeinschaften, an ein Säkularinstitut oder eine geistliche Gemeinschaft zu binden.

Eine Anfrage mag sein, warum diese Eingrenzung vorgenommen wurde, wo doch gerade heute immer mehr „Spätberufene“ den Weg in ein Kloster oder eine geistliche Gemeinschaft finden. Die Grenze im Alter von etwa 40 Jahren zu ziehen und den Zeitpunkt der ersten Profess als Entscheidungspunkt festzusetzen hat den Sinn, die Jüngsten unter den Ordensmitgliedern in den Blick zu bekommen. Da anzunehmen ist, dass sich eventuell Eigenheiten aus zeitgenössischen kirchlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen im Lebensweg, im Glaubens- und Selbstverständnis und in der Entscheidungsfindung niederschlagen, erscheint mir eine je eigene Untersuchung des jüngeren und älteren Ordensnachwuchses wichtig, um differenzierte und situationsgerechte Ergebnisse zu erhalten.

Es ist zu vermuten, dass sich ein neuer Generationenwandel andeutet, mit der Tendenz, dass die jungen Menschen sich in ihrer Religiosität wieder mehr an festen Formen und Strukturen orientieren, und die zukünftigen Interessenten am Ordensleben ein anderes Profil aufweisen werden. Dies ist zunächst jedoch eine Hypothese, deren Tragfähigkeit erst noch nachzuweisen ist.

2.3.1.2Sampling

Das Vorgehen bei der Auswahl der Probanden folgte dem Schneeball-Prinzip bzw. dem Prinzip des gelenkten Zufalls. Angesprochen wurden junge Frauen und Männer, die nicht vor dem Jahr 2000 in einen Orden, ein Säkularinstitut oder eine geistliche Gemeinschaft eingetreten sind.

Die Eruierung der Probanden für die Interviews lässt sich in drei Phasen einteilen:

Erste Phase: Ausschreibung der Studie per Internet, an die Verantwortlichen der Berufungspastoral und verschiedener Gemeinschaften.

Zweite Phase: Suche über persönliche Kontakte, darunter Vorstellung des Projekts bei einem regionalen Treffen junger Ordensleute in einer Diözese. Das Anliegen war hier, auch diejenigen zu erreichen, die nicht von ihren Gemeinschaften als geeignete Probanden angesprochen wurden, oder wieder andere, die etwa in kontemplativen Klöstern über keinen Zugang zum Internet verfügten oder es wenig nutzen.

Nachlese: direkte Anfrage an mögliche Probanden in der Schlussphase der Erhebung, um Gruppen zu erreichen, die bislang schwer gewonnen werden konnten (v. a. kontemplative Gemeinschaften und Frauen für die Kontrollgruppe, also Frauen, die den Orden wieder verlassen hatten).

Aus der Art der Rückmeldung wurde ersichtlich, dass die Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie stark davon abhing, ob bzw. wie die Anfrage in den einzelnen Gemeinschaften aufgenommen und weitergegeben wurde. Teilweise wurde eine Mitwirkung von der Ordensleitung oder den jeweiligen Verantwortlichen aktiv befürwortet, in diesem Fall kam es vor, dass sich eine ganze Junioratsgruppe zur Verfügung stellte. Teils wurde die Anfrage weitergegeben und diskutiert, es fand sich aber kein Freiwilliger, der an der Studie teilnehmen wollte. In einzelnen Fällen lehnte die Ordensleitung eine Beteiligung ab, bei einer kontemplativen Gemeinschaft etwa aus Gründen der Unvereinbarkeit mit der Entscheidung zu vollkommener Zurückgezogenheit.

Wie das Gesamtergebnis zeigt, war die Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie sehr hoch, so dass ich zu Ende der Befragung noch weitere Probanden hätte hinzuziehen können. Es erwies sich allerdings als deutlich schwieriger, Teilnehmer aus kontemplativen Gemeinschaften und aus der Gruppe der ausgetretenen Frauen zu finden, da die Bereitschaft zum Gespräch aus Gründen des Selbstverständnisses oder aus persönlichen Gründen weniger gegeben war.

2.3.1.3Zusammensetzung der Stichprobe

Von den 50 Probanden waren 25 Frauen und 25 Männer aus 29 verschiedenen Gemeinschaften. Das Alter der Probanden liegt zwischen 21 und 42 Jahren. Die ursprüngliche Suchanfrage hatte das Alter auf 40 Jahre eingegrenzt, doch durch die tatsächliche Stichprobe ergab sich eine Anhebung der Altersgrenze auf 42 Jahre. Der Altersdurchschnitt der Probanden liegt bei 32,69 Jahren. Die Spitze bilden sieben Teilnehmer der Studie im Alter von 36 Jahren, gefolgt von fünf im Alter von 31 Jahren und je vier mit 29 und 38 Jahren. Von den 50 Probanden kommen 43 aus Deutschland (davon aus drei Ostdeutschland), sieben aus Österreich und einer aus der Schweiz.

Die Teilnehmer der Studie lassen sich also in folgende Gruppen aufteilen:

a)Alter

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b)Männer – Frauen

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c)Kontemplative, kontemplativ-aktive, monastische und apostolische Gemeinschaften

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Die Befragung von Mitgliedern aus klassischen, älteren Orden sowie aus neueren Gemeinschaften dient nicht der Kontrastierung, sondern möchte im Wissen um die Pluralität geweihter Lebensformen eine Vielfalt an Gemeinschaften in die Studie einbeziehen.

In der folgenden Zusammenfassung wird zwischen drei Gruppen unterschieden, die aus der Grafik nicht ersichtlich werden:

Ausrichtung

Probanden

Kontemplative Gemeinschaften

5 aus 3 Gemeinschaften

Monastische und Apostolische Gemeinschaften

40 aus 29 Gemeinschaften

Neuere Geistliche Gemeinschaften und Säkularinstitute

7 aus 2 Neuen Geistlichen Gemeinschaften und 3 Säkularinstituten

Gesamt

50 aus 29 Gemeinschaften

d)Probanden, die nach einem Entscheidungsprozess eine Bindung mit dem Institut eingegangen sind (Gruppe 1) – Probanden, die nach einem Entscheidungsprozess die Gemeinschaft verlassen haben (Gruppe 2).

Die Gruppe 1 umfasst 42 aktive Mitglieder (19 Männer – 23 Frauen).

Die Gruppe 2 besteht aus 8 Personen (6 Männer – 2 Frauen), die aus ihren Gemeinschaften wieder ausgetretenen sind. Letztere ist die eigentliche Kontrollgruppe der Studie.

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2.3.2Der Fragebogen
2.3.2.1Fragen und Funktion des Leitfadens

Der Fragebogen (vgl. Anhang), welcher vor allem die objektiven, zahlenmäßigen Anteile der Gruppe der Befragten eruieren sollte, ist für die Studie von überwiegend quantitativem Interesse.

Die Items des Leitfadens wurden in einer Expertengruppe zur Diskussion gestellt.

Die Fragen sind thematisch in vier Blöcke eingeteilt:

i.

Zur Person

ii.

Zur Berufungserfahrung

iii.

Zur Gemeinschaft

iv.

Zur Berufung

Zu i. gehören Fragen nach der religiösen Sozialisation, Familie, Alter, Ausbildung, Eintrittsdaten, zu ii. die Art der Berufungserfahrung und die Motivation. Block iii. besteht aus Fragen zum Charisma und zur Eigenart der Gemeinschaft und iv. wollte Spiritualität, Wertoptionen und das Selbstverständnis als gottgeweihter Mensch erfragen.

Der Fragebogen der Befragungsgruppe 2 (Kontrollgruppe der Ausgetretenen) folgte demselben Aufbau, mit einer Modifikation in der Formulierung der Fragen für die Bereiche iii. (Zur ehemaligen Gemeinschaft) und iv. (Zur Berufung). Es handelt sich um die Entscheidung zum Ein- und Austritt, um das Selbstverständnis der eigenen Berufung.

Die aus der Fragebogenerhebung gewonnenen Informationen erfüllen zwei Funktionen für die Auswertung: als Systematisierung der Daten über die Herkunft der Probanden und die Eigenart ihrer jeweiligen Ordensgemeinschaft sowie als Ergänzung zu den Interviews (Kontrast- oder Vergleichsdaten).

2.3.2.2Durchführung der Umfrage

Nach dem Interview erhielt der Proband den Fragebogen, in der Regel mit zeitlichem Verzug, um eine Distanz zur unmittelbaren Gesprächssituation herzustellen. Dieser wurde ausgefüllt und per Post oder Mail zurückgegeben. Die Rückmeldequote betrug 98%, d. h. nur ein Fragebogen wurde nicht beantwortet.

2.3.2.3Auswertung

Die Auswertung des Fragebogens erfolgte mit Unterstützung der Computersoftware SPSS. Leitend für die Auswahl der grafischen Darstellung war die Relevanz der Ergebnisse.

Zur Datenauswertung ist anzumerken, dass wegen der für ein quantitatives Vorgehen geringen Anzahl an Fragebögen keine Relevanzquotienten erstellt werden konnten. Die Ergebnisse sind also nicht im strengen Sinne repräsentativ, aber angesichts der kleinen Zielgruppe durchaus aussagekräftig.

2.3.3Der Interviewleitfaden
2.3.3.1Fragen und Funktion des Leitfadens

Die Fragen des Interviewleitfadens (vgl. Anhang) wurden in einer Expertengruppe zur Diskussion gestellt.

Der teilstandardisierte Leitfaden ist eingeteilt in drei Themeneinheiten:

I.

Wie es anfing

II.

Auf dem Weg der Klärung

III.

Lebensstil, Weihe, Sendung

Damit sind biografische (I./II.) und themenorientierte (III.) Gesichtspunkte angesprochen.

Im ersten Block des Interviews wurde versucht, einen möglichst großen erzählerischen Freiraum zu lassen. Im letzten Teil des Leitfadens hingegen wurden Werteüberzeugungen und Einstellungen zum geweihten Leben und zur Spiritualität thematisiert, wofür eine stärker gelenkte Interviewführung erforderlich war.

2.3.3.2Durchführung der Interviews

Die aus den Interviews gewonnenen Daten stellen das primäre Quellenmaterial der Arbeit dar. Die Durchführung der Studie verlief in zwei Phasen: Die Testphase (ein Monat) und die aktuelle Aufnahme (ca. ein Jahr). Nach der Testphase wurde der Leitfaden leicht modifiziert, weitere Spezifizierungen wurden vorgenommen, wenn bei den Probanden Unklarheit über einen Begriff vorherrschte (die Fragen lagen den Probanden kurz vor dem Gespräch vor).

a)Die Probeinterviews

Insgesamt wurden drei Probeinterviews geführt (zwei zur Erprobung des Leitfadens I und eines für den Leitfaden II).

b)Bemerkungen zum Feldkontext152

Die Kenntnis religiöser Gemeinschaften seitens der Autorin hatte überwiegend positive Auswirkungen auf die Gesprächssituation. So konnte seitens der Teilnehmer der Studie eine Vertrautheit mit ihren Optionen und dem Feld des Ordenslebens vorausgesetzt werden. Eine Offenheit für das Gespräch stellte sich in der Regel schnell ein. Jedoch war auch beobachtbar, dass einzelne Teilnehmer Vorbehalte bezüglich der Fairness und Diskretion hatten, die erst angesprochen werden mussten.

Der Zeitumfang der Interviews betrug zwischen ca. 30 Minuten und 60 Minuten. Die Länge war v. a. abhängig von zwei Faktoren: dem Grad der Bereitschaft, wie detailliert der Proband seinen Weg beschreiben wollte, und der Sprachfähigkeit, innere Prozesse in Worte zu fassen.

c)Zur Gesprächssituation

Was den Ort des Interviews betrifft, wurde versucht, eine vertraute, persönliche Atmosphäre zu schaffen. Viele der Gespräche fanden in Häusern der jeweiligen Gemeinschaften statt, die anderen entweder in meinem Büro oder in einem Café bzw. am Arbeitsplatz der Probanden. Zwei Interviews wurde in Privatwohnungen der Probanden geführt.

2.3.3.3Auswertung

Die Auswertung erfolgte in den folgenden Schritten:

1.Memos zu den einzelnen Interviews

2.Transkription

3.Theoretisches Sampling

4.Leseprozess

5.Kodierung

6.Interpretation

7.Typenbildung

Die Kategorisierung erfolgte materialgeleitet nach den klassischen Kriterien der extremen Ausprägung, des theoretischen Interesses und der Häufigkeit.153

2.3.3.4Zur Transkription

Das transkribierte Material erstreckt sich auf ca. 35 Aufnahmestunden und knapp 522 DinA4- Seiten der Schriftgröße 12. Die Transkription wurde von einem Schreibbüro durchgeführt.154

Die Genauigkeit bei der Transkription orientierte sich am Kriterium der Lesbarkeit. Pausen und besondere, nicht-sprachliche Äußerungen (etwa Lachen) wurden dokumentiert, nicht jedoch Gesten oder die Länge von Pausen.

Es gelten folgende Hinweise zur Transkription:

Pause, Schweigen der Gesprächsteilnehmer, Abbruch des Satzes:

Auslassung, z. B. bei Füllwörtern, Wiederholungen

[…]

Unverständliches Wort, Satz:

(…)

Unsichere Transkription, vermuteter Text

(Text)

Einschübe von Gedanken oder direkter Rede des Sprechers,

 

Hervorhebungen

‚Text‘

Kommentar

[lacht]

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