Logo weiterlesen.de
Reiner Instinkt

Stefanie Markstoller

Reiner Instinkt


Für meine Testleser, die mich so bereitwillig unterstützt haben. Black.Point, BlackAssanssina, Biggy41, Charlotte57, NachtLesEr, und rikerike. Und am Meisten danke ich meiner Lyriky, die mich die ganze Zeit unterstützt hat. Ich danke euch.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

„Mami, wann gibt´s Kuchen?“ Als sie nicht sofort reagierte, zupfte ich an ihrem Kleid, um ihr zu zeigen, dass ich langsam ungeduldig wurde. „Ich hab Kuchenhunger.“

Sie unterbrach sich dabei das Glas unter dem klarem Wasser in der Spüle abzuwaschen, und lächelte zu mir hinunter. Mit ihren blonden Haaren sah sie dabei aus wie ein Engel. Ja, meine Mami war ein Engel. „Das dauert noch einen Moment, Grace.“

„Wie lange ist ein Moment?“

„Ich muss noch den Tisch fertig decken. Aber keine Angst, ich rufe euch dann. Geh doch solange noch im Garten spielen.“

Hmpf, aber ich wollte aber gar nicht im Garten spielen. Ich hatte schon den ganzen Tag mit Wynn im Garten gespielt, jetzt wollte ich meinen Geburtstagskuchen. „Aber dann verhungere ich noch.“

Sie kniff ihre Augen gespielt kritisch zusammen, und musterte mich von oben bis unten in meinem gelben Sommerkleid, das sie mir extra für heute gekauft hatte. Mein Geburtstagskleid. Ich bekam zu jedem Geburtstag ein neues Kleid.

„Du hast recht“, sagte sie dann nachdenklich. „Mein armer Schatz ist ja nur noch Haut und Knochen. Da muss ich mich wohl beeilen.“

Ich nickte eifrig, um ihr zuzustimmen.

„Na dann geh mal den Papa suchen, und sag ihm, dass er mir helfen soll. Und dann kannst du den anderen Kindern bescheid geben, dass es gleich Kuchen gibt.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, schon war ich herumgewirbelt, und rannte auf der Suche nach meinem Papa aus der Küche. Eben hatte ich ihn noch im Garten beim Grill gesehen, also wollte ich da als erstes nach ihm gucken, doch kaum dass ich auf die Terrasse gelaufen war, packten mich zwei starke Arme, und hielten mich fest.

„Na wohin so eilig, Geburtstagskind?“

„Onkel Rod, lass mich los!“, forderte ich, und versuchte mich aus seiner Umklammerung zu befreien, aber mein Onkel war stark, viel stärker als ich. „Ich muss Papa finden!“

„Und da hast du nicht mal genug Zeit deinem Onkel einen Kuss zu geben?“ Er tippte sich auf die Wange, die ein wenig von seinen roten Bartstoppeln verdeckt war. „Genau da hin?“

„Nein, kann ich nicht.“

„Ach nein?“ Er zog einen Flunsch, wie Mami das immer nannte. „Warum denn nicht?“

Na das war doch wohl offensichtlich. „Du piekst immer.“

„Oh.“ Er machte ein erschrockenes Gesicht, das mich fast zum Lachen brachte. Onkel Roderick war immer lustig. Ich hatte meinen Onkel lieb. „Das ist natürlich ein Problem. Hm, was machen wir denn da?“ Übertrieben nachdenklich tippte er sich gegen das Kinn, während ich ungeduldig wartete, dass er mich endlich losließ. „Oh, ich weiß, wir versuchen es mit Bestechung.“

„Bestechung?“ Ich neigte meinen Kopf zur Seite. „Was heißt das?“

„Das wirst du gleich sehen. Pass auf.“ Er ließ mich los, und kramte aus seiner Jackentasche ein kleines Päckchen in buntem Papier.

Meine Augen wurden ganz groß. „Ist das für mich?“

„Aber nur wenn du das Geburtstagskind bist.“

„Bin ich“, sagte ich eifrig.

„Ach wirklich? Wie alt bist du denn heute geworden?“

„So alt“, sagte ich, und hielt meine ganze Hand direkt vor seine Nase, und noch einen Finger von der anderen. „Sechs.“

„Schon sechs Jahre? Da kommst du ja bald in die Schule.“

Wieder nickte ich, und zeigte dann auf das kleine Geschenk. „Krieg ich jetzt die Bestechung?“

„Aber nur, wenn ich vorher meinen Kuss bekomme.“

„Na gut.“ Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange – aber nur einen ganz kurzen –, und zog das Gesicht dann schnell wieder weg. Onkel Roderick pickte nämlich wirklich.

„Na siehst du, war doch gar nicht so schlimm. Hier.“ Er hielt mir das Geschenk hin, und schmunzelte, als ich sofort das Papier davon abriss, und achtlos auf den Boden fallen ließ. Darin war eine kleine Schachtel, so klein, dass ich sie in meiner Hand verstecken konnte. Ich klappte sie auf, und zwei kleine, goldene Ohrringe in Kätzchenform kamen zum Vorschein. Die gleichen die ich letzte Woche in dem Schaufenster beim Juwelier gesehen hatte. „Oh guck mal!“, rief ich begeistert, und hielt ihm mein Geschenk vor die Nase, wie eben meine Finger. „Die habe ich mir schon immer gewünscht!“

„Na dann habe ich ja das richtige ausgesucht.“

Ich nickte wieder, und konnte es noch immer nicht glauben. Mami hatte sie mir nicht kaufen wollen, weil sie zu teurer waren, und jetzt lagen sie funkelnd in meiner Hand. „Die muss ich Wynn zeigen.“ Ich ließ meinen Onkel einfach auf der Terrasse hocken, und rannte los, nur um nach zwei Schritten wieder zurück zu rennen, und ihm noch einen Kuss auf die picksige Wange zu geben. „Danke, Onkel Rod.“ Und schon war ich wieder weg, und suchte zwischen Luftballons, Luftschlangen und Geburtstagsgästen den Garten nach meiner kleinen Schwester Wynn ab. Sie war schon fast vier, und fand immer alles toll, was ich toll fand, deswegen musste ich ihr unbedingt meine Ohrstecker zeigen.

Als ich am halbgedeckten Tisch auf der Terrasse vorbeilief, sah ich Papa, der sich mit der Mutter von Moritz unterhielt. An den roten Haaren die ich von ihm geerbt hatte, würde ich ihn überall erkennen. Kurz überlegte ich, ob ich ihm noch sagen sollte, dass er zu Mami gehen musste, damit ich meinen Kuchen essen konnte, aber dann entschied ich mich dafür, erst mal Wynn zu suchen, um ihr mein Geschenk zu zeigen.

Ich fand Louis und Benny, die in auf meinem Klettergerüst spielten. Und auch Chiara, Melli und Leonie konnte ich sehen. Moriz war oben in meinem Baumhaus, und spielte mit Ty und Kevi Pirat, aber Wynn war nicht da. Vorhin hatte ich sie doch aber noch im Sandkasten gesehen. War sie vielleicht reingegangen?

Ich ließ meinen Blick nochmal durch den festlich geschmückten Garten wandern, und entdeckte dann den Zipfel eines grünen Kleides in dem Gebüsch vorne am Zaun. Gleich bei Mamis Beeten. Was machte sie da? Mami mochte es doch nicht, wenn wir in ihren Beeten spielten.

„Wynn!“, rief ich, doch sie warf mir nur einen kurzen Blick durch ihr unordentliches, rotes Haar zu, bevor sie noch tiefer in dem Gebüsch verschwand.

Was sollte das? Entschlossen sie da wegzuholen, lief ich durch den Garten. Ich war die große Schwester, deswegen musste ich auf sie aufpassen. Das hatte Papa schon ganz oft gesagt.

Beim Beet passte ich auf Mamis Blumen auf, und zog meine kleine Schwester dann am Kleid. „Wynn, komm da raus, hier dürfen wir nicht spielen.“

„Guck mal, Gracy, der lustige Hund“, sagte sie nur.

Hund? Das wollte ich auch sehen. Ich schloss die Hand fester um meine neuen Ohrstecker, und drängte mich neugierig zu Wynn in das Gebüsch, bis ich vor unserem grünen Zaun hockte. Da stand wirklich ein Tier auf der anderen Seite auf dem Gehweg, doch ich war mir nicht so sicher, ob das ein Hund war. Es war fast so groß wie ich, und hatte eine Mähne wie ein Löwe mit einer langen Schnauze. Und ein Ziegenbärtchen. Und einen ganz plüschigen Schwanz. Es war grau-schwarz, mit dunklen Streifen im Gesicht, aber seine Augen waren ganz seltsam. So gelb wie das Innere von meinem Frühstücksei heute Morgen.

„Ich habe ihn Plüsch genannt, weil er so plüschig aussieht“, erklärte Wynn mir, und legte ihre Hände ans Gitter. „Komm, Hundi, Hundi, Hundi“, versuchte sie das Tier näher zu locken, doch es bewegte sich nicht von der Stelle, starrte uns nur an. „Komm her, ich hab was für dich.“ Irgendwo aus ihrem Kleid zauberte sie ein Bonbon hervor, und packte es aus.

„Du kannst ihn doch nicht mit einem Bonbon füttern“, tadelte ich sie.

Für einen Moment hielt sie inne, und guckte mich an. „Warum nicht?“

„Weil das ungesund ist, davon bekommt er schlechte Zähne.“ Und da Hunde sich nicht die Zähne putzten, durften sie auch keine Bonbons essen. War doch ganz logisch.

Wynn ignorierte meinen Einwand, steckte das Bonbon durch den Zaun, und ließ ihn auf die Straße fallen.

Der Hund der eigentlich keiner war, machte zwei Schritte auf uns zu, schnupperte an dem Bonbon, und hob dann zähnebleckend den Kopf. Im nächsten Moment rammte er knurrend das Gitter.

Wynn und ich schreckten mit einem Schrei zurück. Ich fiel auf meinen Po, und verlor dabei fast das Kästchen mit den Ohrsteckern.

Das seltsame Tier verbiss sich geifernd in den Draht des Zaunes, rüttelte daran, und versuchte sich mit den Pfoten darunter durchzugraben, während wir erschrocken weiter zurückwichen. Ich griff mit der freien Hand nach Wynns, und zog sie eilig mit mir aus dem Gebüsch, nur um ein weiteres Mal zu erschrecken, als hinter mir Leonie aufschrie, und auf etwas im dem Sandkasten zeigte.

Papa kam herbeigelaufen, erstarrte aber sofort. Da war noch so ein Nichthund. Er stand in meinem Sandkasten, und fletschte die Zähne, während er langsam auf Melli zu schlich. Einen Moment später stürzte er sich auf sie, und begrub den kleinen, schreienden Körper unter sich, der panisch mit den Armen wedelte, und doch nichts gegen den überstarken Gegner ausrichten konnte.

Mein Papa rannte wieder los, brüllte dass wir alle ins Haus laufen sollten, da sprangen auf der anderen Seite zwei weitere Plüschs über den Zaun, und griffen sofort die Gäste an. Einer schmiss den Tisch um. Das Geschirr fiel  klirrend und klappernd zu Boden. Gläser zersprangen, und halbvolle Becher mit Saft rollten über die Terrasse.

Durch das Schreien der Kinder angelockt, kam Mami aus dem Haus gerannt, und sah sich einem weiteren dieser Tiere gegenüber. Sie versuchte noch schnell die Tür zuzuschlagen, als der Nichthund auf sie zusprang, doch da hatte er sie schon zu Boden gerissen, und verbiss sie in ihrer Schulter. Sie kreischte, und schrie panisch. Ich konnte es durch den ganzen Garten hören. Mami hatte Angst, er tat ihr weh!

Plötzlich war die Luft erfüllt von Schreien, Weinen, und Klagen. Dazwischen immer wieder das Knurren der seltsamen Tiere. Ich hörte Moritz nach seiner Mama rufen, und das Kreischen von Chiara. Einer dieser Nichthunde hatte sich in ihr Bein verbissen, und zerrte sie knurrend hinter sich her ins nächste Gebüsch, während ein anderer Onkel Roderick mit dem Handy am Ohr um das Haus jagte, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.

Wynn klammerte sich weinend an meinen Arm, während der Plüsch hinter uns immer noch versuchte sich durch den Zaun zu beißen. In der Zwischenzeit schafften es drei andere in den Garten, die bei der Terrasse über den Zaun sprangen, und sich sofort geifernd auf alles stürzten, was sich bewegte – ja, einer erwischte sogar einen anderen Plüsch.

Die beiden rollten knurrend und beißend über den Rasen, bevor sie sich trennten, und sich auf leichtere Beute stürzten.

Das Schreien von Chiara hallte durch den ganzen Garten, aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Ihr Angreifer hatte sich mit ihr ins Gebüsch zurückgezogen.

Mitten auf dem Rasen lag Louis. Zwei Nichthunde zerrten an seinem kleinen Körper, während er weinte und schrie. Ihre Schnauzen waren voller Blut.

„Grace!“, schrie Papa, und schlug mit einem Spaten nach einem knurrenden Plüsch. Seine Augen waren panisch geweitet. „Grace, Wynn! Klettert ins Baumhaus, so…ahhh!“

„Papa!“

„Papi!“, schrien Wynn und ich gleichzeitig, als er von drei dieser Tiere gleichzeitig angegriffen wurde. Papa wehrte sich gegen sie, aber sie bissen und schnappten nach ihm. Ich hörte seine Schreie, sah das viele Blut.

Moritz Mutter rannte quer durch den Garten, bevor sie niedergerissen wurde. Und wieder war da Blut. Überall war Blut.

Der Radau, den der Plüsch am Zaun machte wurde immer größer, aber ich konnte mich nicht bewegen.

„Gracy.“ Weinend zupfte Wynn an meinem Kleid. „Gracy, ich hab Angst.“

Als eine Fensterscheibe klirrte, erwachte ich aus meiner Erstarrung. Klettert ins Baumhaus, hatte Papa gerufen. Wo war Papa? Ich konnte ihn nicht mehr sehen. Aber dafür war hier überall Blut. Und diese Geräusche.

„Gracy“, sagte Wynn wieder.

Und dann stand plötzlich ein Nichthund vor uns. Seine Schnauze war ganz rot, und zwischen den gebleckten Zähnen hing ein Fleischfetzen. Er kam näher, während ich mit Wynn langsam zum Gebüsch zurückwich. Er würde uns wehtun, so wie er Mami und Papa wehgetan hatte. Ich hatte Angst, aber ich wusste nicht was ich tun sollte.

Wynn weinte immer lauter, versteckte sich halb hinter mir.

Und dann griff er plötzlich an. Ich schrie auf, als er mich zu Boden riss, spürte den Aufprall, den Schmerz in meinem Gesicht, als die Haut aufriss, und wusste ich würde sterben. Er würde mich töten.

Im gleichen Moment zerriss ein lauter Knall die Geräuschkulisse. Das Tier über mir sackte zusammen, und drohte mich unter sich zu begraben. Es war schwer, und es stank.

Ich weinte, wollte hier weg, wollte zu Mami und Papa. Da war das Gewicht plötzlich von mir verschwunden, und ein fremder Mann hockte sich neben mich. „Bist du in Ordnung?“, fragte er mich eindringlich.

Ich konnte nicht antworten, saß nur da, schluchzend und weinend. Mein Gesicht tat so weh. 

Der Plüsch lag tot neben ihm im Gras, und da waren auf einmal noch andere Leute in unserem Garten. Wo kamen die alle her?

Wynn hatte sich hinter mir zusammengekauert, die Hände auf die Ohren gedrückt, und die Augen zusammengekniffen. Sie summte leise vor sich hin, während sie vor und zurück schaukelte. Vor und zurück, vor und zurück, und damit alles andere ausschloss.

„Hey, nicht weinen“, sagte der Mann sanft. „Keine Sorge, alles wird wieder gut.“

Ein weiterer Knall tönte durch unseren Garten, und noch einer. Das waren Waffen. Die Fremden erschossen die Nichthunde, die jaulend und knurrend zu Boden gingen, aber trotzdem nicht von ihrer Beute ablassen wollten, nicht bevor sie endgültig starben.

„Das sieht halb so schlimm aus, das wird wieder“, sagte der Mann vor mir, doch erst als er nach meinem Gesicht greifen wollte, verstand ich wovon er sprach.

Ich wich ängstlich vor ihm zurück, wollte nicht dass er mich anfasste. Es tat so weh, und da tropfte etwas Warmes von meiner Lippe auf mein gelbes Geburtstagskleid. Mein schönes, neues Geburtstagskleid.

Ich wollte Mami und Papa. Schluchzend sah ich mich nach ihnen um, aber sie waren nicht da. Wo war Mami?

„Okay, dann bleibt hier sitzen. Euch kann nichts mehr passieren.“ Der Mann erhob sich, als ein weiterer Knall die Luft zerriss. Eins Tier jaulte. Knurren, Rufe. Die Fremden liefen geschäftig durch den Garten, und töteten alles was vier Beine hatte.

Durch den verschwommenen Blick meiner Augen sah ich nicht viel. Nur das Blut. Überall. Und Louis, der nicht mehr schrie und weinte. Er lag nun mit starrem Blick auf unserem Rasen.

Happy Birthday, Grace.

°°°°°

In einer Welt voller Monster

„Na komm schon!“, feuerte Bay die geifernde Bestie an. „Zeig mir, was du kannst!“

Der Krant, ein Ursus-Proles, mit den Farben der aufgehenden Sonne, schlich knurrend um sein Opfer herum, die kleine Handfeuerwaffe des jungen, blonden Mannes dabei fest im Blick. In den Jahren seiner Gefangenschaft hatte er gelernt. Er wusste, wie gefährlich dieses Ding war, dass es Schmerz bedeutete. Aber er hatte Hunger, so großen Hunger. Und manchmal schaffte er es sogar, einen Bissen zu ergattern, bevor der Schmerz kam.

Manchmal.

Seine riesigen Pfoten verursachten kein Geräusch auf dem weichen Sand, während er um sein Opfer herumschlich. Er würde nicht aufgeben, bis er bekommen hatte, was er wollte, oder der Schmerz kam, der ihn zuckend zu Boden schickte. Er würde nicht aufhören, bis sein Hunger gestillt war. 

Sein schmaler Schädel mit den hornartigen Knochenauswüchsen am Hinterkopf, war dunkel wie die Schatten der Nacht, genau wie seine wachsamen Augen. Die schwarze Färbung zog sich vom Kopf über die Brust bis hinunter zum Bauch und ging dann allmählich in das orangerote, lange Fell über, das in der Neonbeleuchtung der Arena stumpf und ungepflegt wirkte. Und trotzdem, war er eines der faszinierendsten Geschöpfe, die unser Planet beherbergte.  Wie konnte etwas so Schönes, in Wirklichkeit so hässlich sein?

Die Lefzen seiner kurzen Schnauze waren hochgezogen. Geifer tropfte ihm von den Zähnen, wobei sein Knurren die Luft erfüllte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich auf sein Opfer stürzen würde, bis er endlich seinen Hunger stillen konnte.

Als Bay einen Schritt zur Seite machte, um mit seinem Taser genau auf das Herz zielen zu können, brüllte der Krant ihn grollend an. Sein Hunger trieb ihn voran, doch er hatte auch aus der Vergangenheit gelernt. Die Menschen konnten ihm gefährlich werden, solange er nicht in einem Rudel unterwegs war. Er musste vorsichtig sein, wachsam, auf jede Bewegung seines Gegners bedacht.

Zwei Raubtiere, die sich gegenüber standen und nur eines der beiden konnte gewinnen.

„Achte auf den Stein, bevor du darüber stolperst!“, rief unser Mentor Herr Keiper quer durch die Arena der Beluosus Akademie. Schon die ganze Zeit schritt er im Inneren des Zwingers – wie die riesige Voliere unten in der Mitte der Arena von uns genannt wurde – entlang und behielt sowohl seine Lehrlinge, als auch die wechselnden Proles genau im Auge, um Tipps zu rufen, oder im Notfall eingreifen zu können. Das hier war schließlich nur eine Übung und niemand sollte verletzt werden – naja, von den Proles vielleicht mal abgesehen. Was mit ihnen geschah, war egal, sie waren austauschbar.

Durch den Zuruf unseres Mentors einen Moment abgelenkt, ließ Bay seinen Gegner für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen und das war sein Fehler. Der Krant nutzte seine Chance. Er griff sofort an, riss Bay mit sich zu Boden und schnappte knurrend nach ihm. Sein Ziel war Bays Kehle. Menschen waren leichte Beute und dort am empfindlichsten. Nur ein Biss und diese Mahlzeit gehörte ihm. Dann könnte nur noch der Tod sie von ihm trennen.

Doch Bay wehrte sich, hielt den großen Schädel von seinem Gesicht fern und versuche dabei dieses Biest von sich runter zu stoßen, doch es war zu schwer. Es hatte seine Beute am Boden und würde sie so schnell nicht wieder aufgeben. Zu allem Überfluss hatte Bay bei dem Sturz auch noch seinen Taser verloren und konnte sich jetzt nur noch mit Händen und Füßen wehren.

„Wirf ihn ab!“, rief Herr Keiper ihm zu. „Nun mach schon, oder willst du als Mittagessen enden?!“

Bay gab sein Bestes. Vor Anstrengung war das Gesicht unter dem Helm schon ganz rot angelaufen, doch egal wie sehr er sich bemühte, er schaffte es einfach nicht, sich aus der Umklammerung des Krant zu befreien. Es war vielleicht nur der Abkömmling eines Hundes, aber es war stark und es wollte seine Beute, koste es, was es wolle.

„Benutz deine Waffen!“, brüllte unser Mentor. Er sah aus, als wolle er jeden Moment explodieren.

„Anfänger“, murmelte ich und lehnte mich auf meinem unbequemen Plastiksitz auf der kreisrunden Tribüne zurück. Im Gegensatz zu da unten, wo Flutbeleuchtung herrschte, war es hier oben ziemlich dunkel, was nicht nur an der blauen Farbe der Sitze lag. Auch die steinernen Wände wirkten nicht sehr einladend. Nur die grüne Beleuchtung der Notausgangschilder störte diese mittelalterliche Atmosphäre des großen Gewölbes. Die und der riesige, moderne Stahlkäfig, in dem sich Bay mit dem Krant befand. „Normalerweise liefert er eine bessere Show.“

Neben mir gab meine beste Freundin Evangeline ein unbestimmtes Geräusch von sich, das sowohl eine Zustimmung, als auch eine Bestellung für eine Salamipizza hätte sein können. Sie war gerade etwas zu abgelenkt, um auf mich oder den Unterricht achten zu können.

Vor ein paar Minuten hatte sie ihren Schreibblock aus ihrer Tasche gekramt, auf ihren Knien platziert und schrieb dort nun hektisch Zeile um Zeile voll. Wollte ich wissen, was die da machte? Nicht unbedingt. Würde ich es erfahren? Wahrscheinlich.

Ich richtete meinen Blick wieder hinunter in den Zwinger. Zwar war die untere Fläche mit doppelten Gittern zu allen Seiten gesichert, damit die Proles auch keine Chance auf Freiheit hatten – ja, auch oben drüber war alles dicht, weil manche von den Viechern verdammt gut klettern, oder sehr hoch springen konnten –, trotzdem behinderte es die Sicht kaum.

Ich konnte mir gerade noch so ein Augenrollen verkneifen, als ich sah, wie Bay umständlich versuchte an das Messer in der Halterung an seinem Oberschenkel zu kommen. Leider hatte der Krant seine Pranken so gesetzt, das Bay die Arme nicht groß bewegen konnte. Eigentlich blieb ihm nur die Möglichkeit seine Hände in das Sonnenfell zu krallen, um wenigstens die Schnauze des geifernden Biestes von seinem Hals fern zu halten. Das hörte sich einfacher an, als es war, wenn einem so ein hundert Pfund Proles auf der Brust rumturnte – ja, ich sprach aus eigener Erfahrung. Bay war hier nicht der einzige, der zu Trainingszwecken regelmäßig in den Zwinger musste. Es gehörte hier an der Beluosus Akademie zum wöchentlichen Unterricht. Wir mussten lernen uns auch in den brenzligsten Situationen zu behaupten, wenn wir überleben wollten, denn der Weg, den wir uns ausgesucht hatten, war gefährlich, wenn nicht sogar tödlich.

Sand spritzte zu beiden Seiten der Gegner auf. Bays Beine gruben sich, auf der Suche nach Halt, in den weichen Boden. Doch, obwohl er sich gegen den Proles stemmte, wurde er das Vieh einfach nicht los.

Herr Keiper schritt dabei weiter am Zaun entlang, immer um die beiden herum. Noch war Bay nicht ernsthaft in Gefahr, was zum einen daran lag, dass dem Krant bereits direkt nach seinem Einfangen die Krallen gezogen worden waren und zum anderen, dass sowohl Bay, als auch Herr Keiper selber in einem ledernen Schutzanzug steckten, der sie vor schwereren Verletzungen bewahren sollte. Das durch Stahlfäden und Helm mit Halsschutz verstärkte Leder war so steif, dass man sich darin nicht gut bewegen konnte, was wohl auch der Grund dafür war, warum Bay solche Probleme hatte, an sein Messer zu kommen.

Aber im Moment war alles im grünen Bereich, also kein Grund zum Eingreifen – noch nicht.

„Jetzt hau ihm endlich auf die Schnauze!“, brüllte Herr Keiper seinem Lehrling zu. Selbst von hier oben konnte ich sehen, dass der glatzköpfige Mann wieder mal einen hochroten Kopf hatte. „Benutz deinen Kopf, tu was du gelernt hast!“

Als ich vier Reihen unter mir ein Kichern hörte, richtete ich meinen Blick darauf. Dort, in der ersten Reihe der Tribüne, saßen Pia und Marle, die einzigen anderen Mädchen in unserem Ausbildungsjahr.

Die Beluosus Akademie nahm jedes Jahr rund fünfundsiebzig Schüler auf, von denen höchstens zehn Mädchen waren. Die Jagd nach Monster war eben doch eine Männerdomäne – zumindest bildeten die Kerle sich das ganz gern ein. Ich war da ganz anderer Meinung, was nicht nur damit zusammenhing, dass ich dem anderen Geschlecht angehörte.

Pia kicherte über Bays Unbeholfenheit. Vielleicht sollte ich sie mal daran erinnern, wie sie letzte Woche mit dem Wrath ausgesehen hatte. Da hätte man wirklich glauben können, dass sie in den letzten zwei Jahren hier nichts gelernt hätte.

Aus dem Zwinger hörte ich das wütende Geknurre des Krants, als Bay ihm endlich einen Schlag auf die kurze Schnauze versetzte. Doch das hielt das Vieh nicht davon ab, nach ihm zu schnappen.

Das könnte noch eine Weile dauern.

Gelangweilt ließ ich meinen Blick durch die kleine Arena im Keller der Akademie gleiten. Die Tribüne hatte zwölf Ränge, die sich im Kreis um den Zwinger in der Mitte zogen. Selbst wenn die ganze Akademie hier auflaufen würde, blieben noch Plätze frei. Es gab einfach nicht genug Leute, die Venatoren werden wollten, Jäger, die einzig dazu da waren, die Erde von den Monstern dieser Welt zu befreien. Viel zu gefährlich. Die Sterberate bei diesem Job war extrem hoch. Aber die Alternative wäre, sich mit einer Knarre unterm Kissen in seinem Haus einzuschließen und darauf zu hoffen, dass die Monster einen nicht fanden. Das war nicht meins. Ich wollte mich nicht verstecken, ich wollte Rache und deswegen war ich hier. Also nicht hier im Sinne von der Arena, sondern hier im Sinne von hier in der Akademie. Hier in der Arena war ich nur wegen dem Unterricht. Zu Kompliziert? Ja, mein Kopf tat auch langsam weh.

„Kannst du dir mal den Aufsatz durchlesen?“, riss Evangeline mich aus meinen unsinnigen Gedanken. Mit den großen, braunen Augen und dem rötlichen Haar, erinnerte sie mich immer an einen Collie. Auch das schmale, etwas zu spitz geratene Gesicht passte dabei ins Bild.

Ich senkte den Blick auf ihr Geschreibsel. „Du meinst den Aufsatz, der heute bereits in der ersten Stunde fällig war?“

Ohne darauf eine Antwort zu geben, hielt sie mir den Block so unter die Nase, dass er mir fast im Gesicht klebte. Nun blieb mir die Wahl zwischen zugreifen und zu riskieren, dass sie mir mit der Ecke gleich ein Auge ausstach. Ich entschied mich fürs Zugreifen und bereute es sogleich. Evangeline hatte eine schreckliche Sauklaue und damit, dass sie die ganze Zeit auf den Knien geschrieben hatte, wurde es nicht wirklich besser. Seufz, was tat man nicht alles für seine Freunde.

Um die kraklige Schrift entziffern zu können, musste ich mich ein wenig vorbeugen. Zum Glück hatte ich schon einige Erfahrung damit, ihre Hieroglyphen zu übersetzen. Die Entstehung der Monster, lautete die Überschrift. Nun gut, ich war gespannt.

 

Vor nun fast genau vierzehn Jahren wurde in einem Forschungslabor ein Gen entwickelt, das schon Mutationen im Mutterleib verhindern sollte, damit Kinder nicht mehr missgebildet, oder behindert (sowohl körperlich, als auch geistig) auf die Welt kommen könnten. Es wurde an verschiedenen, trächtigen Muttertieren getestet (Affen, Hunde, Katzen, Ratten, Mäuse, Marder und sogar an ein paar Eidechsen, aus was weiß ich für Gründen). Zu Anfang funktionierte alles soweit ganz gut, die ersten Testergebnisse waren geradezu grandios, doch dem ehrgeizigen Doktor Christopher Krynick ging die Forschung zu langsam voran. Tiere sind keine Menschen und die vorgeschriebene Abläufe, bis das Mittel an Menschen getestet werden durften, waren ewig lang. Daher entschloss er sich, das Gen mit radioaktiver Strahlung zum Mutieren zu zwingen, damit es auf Menschen angewendet werden konnte (wie sich das eine mit dem anderen vereinbaren lässt, hab ich bis heute nicht verstanden, aber ich bin ja auch kein Wissenschaftler). Er versuchte eine gametische Genmutation zu kreieren. Seiner Theorie nach, mussten nur zwei Gameten (auch als Geschlechtszellen oder Keimzellen  bezeichnet)  zusammengeführt werden (eine davon die genetisch manipulierte). Durch Vereinigung zweier Gameten entsteht eine diploide Zygote, aus der ein neues Individuum entstehen kann. Die Vereinigung der Gameten wird als Geschlechtsvorgang oder Gametogamie bezeichnet. Durch die genmanipulierten Gameten wollte er erreichen, dass es nicht mehr zu Mutationen nach der Befruchtung kommen konnte. Aus den dadurch entstandenen Embryonen, entnahm er zur Weiterforschung weitere Zellen, um die Mega-Supermedizin zu erschaffen, die ihm den Nobelpreis einbringen würde. Leider war der gute Doktor Christopher Krynick ein wenig zu ehrgeizig. Irgendwas ging bei seiner Forschung schief und die, durch das manipulierte Gen entstandenen Babys (Proles) die überlebten, brachten selber missgebildete Junge zur Welt. Mutationen, die nicht nur anders als ihre Art aussahen, sondern auch noch seltsame Eigenschaften entwickelten. So gab es da zum Beispiel einen Hund, der dreimal so groß wurde, wie es für einen Hund seiner Rasse normal war und eine Farbe hatte, die irgendwo zwischen Schwarz und Blau lag (ja, ich meine so richtiges Blau). Außerdem besaß er zusätzliche Krallen, die durch Drüsen mit Gift versorgt wurde. Wurde man mit dieser Kralle verletzt, erlitt man eine Vergiftung, der man innerhalb kürzester Zeit erlag (das Gift hat die Blutgerinnung zerstört. Arterien wurden verstopft und sind irgendwann wie ein Luftballon geplatzt, man verblutete von innen.). Ansonsten wiesen diese Abkömmlinge auch noch Verhaltensstörungen auf. Ihre Instinkte wurden auf drei einfache reduziert. Fressen, Fortpflanzung und Revierverteidigung. Dabei gingen sie äußerst aggressiv vor. Und sie alle waren überdurchschnittlich intelligent. Die Intelligenz dieser ersten Proles, kam der der menschlichen sehr nahe (heute ist das nicht mehr so, heute sind sie nur noch hirnlose Fressmaschinen die auf Fortpflanzung gepolt sind. Naja, die meisten zumindest.). Der wirklich gefährliche Teil der Abkömmlinge – die Proles, wie sie genannt werden (ja, ich weiß, ich hab es oben schon ein paar Mal erwähnt) –, wurden getötet, doch der harmlose Teil zur Weiterforschung behalten. Genau wie die Muttertiere (sowohl die trächtigen, als auch die, die bereits Junge bekommen hatten). Zu diesem Zeitpunkt bestand für die Menschheit noch keine Gefahr, da all diese Forschungen im Geheimen hinter verschlossenen Türen einer gesicherten Forschungseinrichtung à la Spionage geführt wurden. Ohne Zugangsberechtigung kam da niemand rein, oder raus und das war auch gut so.

Ich zog die Augenbraue hoch. „À la Spionage?“ Das war ja fast noch besser, als ihre in Klammern gesetzten Kommentare, die sie immer in den Text schrieb.

„Lies weiter“, forderte sie mich auf.

Na, das konnte ja etwas werden.

Zur gleichen Zeit erfuhr die bis dahin kaum bekannte Tierschutzgruppe Live For Animals von den Tierversuchen in dieser Einrichtung. Sie hatten es geschafft einen ihrer Leute einzuschleusen, um an die Zugangsberechtigung zu kommen und in einer illegalen, nächtlichen Aktion brachen sie in das Gebäude ein, mit dem Vorhaben die Tiere dort zu befreien. Dabei entließen sie nicht nur normale Tiere, sondern auch trächtige, die mit dem Gen infizierte Embryonen in ihrem Bauch trugen. Auch ein paar der Proles kamen frei, griffen ihre Befreier zum Teil an und veranstalteten ein riesiges Blutbad. Es ist nicht genau bekannt, wie viele Tiere die Forschungseinrichtung beherbergt hatte, diese Zahlen wurden für die Öffentlichkeit nie freigegeben. Nur so viel: Ein Großteil wurde freigelassen und von denen, die sich nicht gegenseitig umgebracht hatten, konnten sich etwas mehr als vier Dutzend nicht nur aus den mitgebrachten Käfigen befreien, sondern auch aus dem Gebäude. Durch die Geburten der genmanipulierten Proles und der Paarung mit normalen Tieren, oder auch untereinander, vermehrten sich die Abkömmlinge mit unglaublicher Geschwindigkeit. Durch ihre Verteidigungsfähigkeiten (wie zum Beispiel die Sache mit dem Gift) und der Tatsache, dass sie nicht nur größer waren, als ihre natürlichen Artgenossen, hatten die Proles keine natürlichen Feinde, die ihnen Einhalt gebieten konnten. Alles was sich ihnen in den Weg stellte, wurde gefressen und ja, auch Menschen stehen auf ihrem Speiseplan. Und da man es während der Forschung nicht für nötig erachtet hatte, eine Sicherung einzubauen (wie zum Beispiel Unfruchtbarkeit), pflanzen die Monster sich nun frisch, fröhlich fort und sind damit zu der größten Gefahr geworden, die die Menschheit bis heute kennenlernen durfte. Nichts kann sie aufhalten.

 

Ende.

„Liest sich wie ein schlechter Krimi“, murmelte ich und wandte ihr mein Gesicht zu. Sie wollte eine ehrliche Meinung? Die konnte sie haben. „Das hört sich an, als hätte es ein Kleinkind geschrieben, das sich ein paar Sätze von einem Wissenschaftler hat diktieren lassen und zwischendurch noch ein bisschen mit einem alten Freund chattet.“

„Heißt das, ich kann den nicht so abgeben?“, fragte sie mich ganz entsetzt, als ihr die Arbeit von ganzen zehn Minuten zwischen den Händen zu zerrinnen drohte.

„Das heißt, es würde sicher nicht schaden, wenn du es noch einmal überarbeiten würdest. Ich würde es auch nicht als Aufsatz beschreiben, dafür ist es zu kurz. Und da es der Sachlichkeit nicht dienlich ist, wenn du immer wieder deine persönliche Meinung, oder unpassende Kommentare dazwischen schiebst, würde ich die auch weg lassen. Also, ja, du solltest das dringend noch einmal überarbeiten, wenn du nicht willst, dass Herr Keiper dir dafür das Praktikum streicht.“ Ich reichte ihr den Zettel zurück und störte mich auch nicht daran, dass sie mitleidig stöhnte. „Wenigstens die Rechtschreibung ist gut. Jedenfalls habe ich keinen Fehler gefunden.“

Sie grummelte etwas Unverständliches.

„Und hin und wieder einen Absatz einzubauen würde auch nicht schaden. Ganz im Gegenteil, es würde das Lesen ungemein erleichtern.“

Dafür bekam ich den Todesblick.

Ich hob ergeben die Hände. „War ja nur ein Vorschlag.“ Mein Gott, sie hatte mich nach meiner Meinung gefragt, also sollte sie ihren Frust jetzt nicht an mir auslassen.

„Das reicht!“, donnerte der Keiper unten im Zwinger. Eine Sekunde später blitzte es. Der Krant schrie unmenschlich auf, als der Taser unseres Mentors ihn traf und ihn zuckend zu Boden schickte.

Diese Szene berührte mich nicht im Geringsten. Alle Proles waren Monster und verdienten nichts anderes als den Tod. Nur der Stärkste konnte überleben und in den Jahren seit meiner Geburt war das Leben zu einem einzigen Überlebenskampf geworden. Wer Mitleid mit diesen Wesen zeigte, der würde früher oder später auf ihrer Speisekarte enden.

„Alle hierherkommen, sofort!“

Herr Keiper hatte noch nicht einmal zu Ende gebrüllt, da war die Hälfte der Lehrlinge seines Kurses schon auf dem Weg hinunter zum Zwinger. Auch Evangeline und ich griffen nach unseren Taschen und nahmen die alte Steintreppe in Angriff. Dabei stolperte sie auch fast noch, weil sie versuchte, beim Gehen ihren Aufsatz zu verbessern – keine gute Idee.

Wir durften den Zwinger nicht betreten, da die meisten von uns keine Schutzkleidung trugen. Daher reihten wir uns artig am äußeren Gitter auf und erwarteten ungeduldig, was unser Mentor uns mitzuteilen hatte. Nein, das Ungeduldig war nicht sarkastisch gemeint, sondern wortwörtlich. Dies hier war die letzte Stunde und wir alle wollten endlich nach Hause.

Der Krant winselte, zeigte Bay aber trotzdem die Zähne, als der sich auf die Beine rappelte. Das nahm der Lehrling wohl persönlich. Verärgert trat er eine Ladung Sand in die Richtung des Biests. Dieser zog sich ein wenig zurück. Er hatte immer noch mit den Spasmen durch den Elektroschock zu kämpfen und würde so schnell nicht wieder angreifen. Aber er war noch immer hungrig und würde seine Chance ergreifen, wenn er sie bekam.

„Eve, pack die Sachen weg und hör zu!“

Meine beste Freundin ließ fast ihren Block fallen, als unser Mentor sie direkt ansprach – oder besser gesagt, in ihre Richtung brüllte. Hastig verschwanden Block und Stift in der Tasche. Übrig blieb nur ein kleiner Tintenfleck auf ihrem Daumen.

Herr Keiper sah alle der Reihe nach an, blieb einen Moment bei Evangeline hängen, nur um dann auch den Rest von seinen dreiundzwanzig Lehrlingen in Augenschein zu nehmen. „Hab ich jetzt eure Aufmerksamkeit? Gut. Dann sagt mir, welchen Fehler hat Bay begangen.“ Sein Blick blieb auf meiner besten Freundin hängen – oh weh. „Eve, wie wäre es wenn du es uns sagst.“

„Ähm …“, machte sie und warf mir einen kurzen, hilfesuchenden Blick zu, nur um dann ihr Gewicht von einem Bein aufs andere zu verlegen. Es sah fast aus, als würde sie nervös auf der Stelle tänzeln, weil sie ganz dringend aufs Klo musste. „Er hätte zur Seite springen müssen, als der Krant ihn angegriffen hat?“

Bei der Antwort hätte ich mir am liebsten selber ins Gesicht geklatscht. Und dann auch noch als Frage formuliert. Oh weh, am besten fiel sie gleich auf die Knie, um zu Kreuze zu kriechen.

Das Gesicht unseres Mentors verfinsterte sich. „Es freut mich immer wieder zu sehen, wie gut ihr dem Unterricht folgt und aufpasst. Es geht hier ja schließlich nur um euer Überleben, also keine große Sache.“

Ein paar Meter weiter kicherte Pia wieder. Gott, dieses Mädchen war manchmal so albern.

Herr Keiper ließ den Taser aus seiner Hand in der Halterung an seinem Gürtel verschwinden. „Möchte jemand anderes vielleicht die Frage beantworten?“

„Er hat sich ablenken lassen“, kam es von dem hochgewachsenen Seth. „Er hätte die Gegebenheiten des Bodens mit dem Fuß ertasten müssen, aber stattdessen hat er den Blick abgewandt, um zu sehen, wohin er tritt und das hat der Krant sofort ausgenutzt.“

Unser Mentor nickte. „Das war einer der Fehler. Und der andere?“

Unwissendes Schweigen folgte. Auch ich kannte die Antwort nicht, mir war nur dieser eine Fehler aufgefallen.

Herr Keiper seufzte. „Wo befinden wir uns?“

„Im Zwinger?“, riet Evangeline.

„Und was befindet sich in diesem Zwinger?“

„Sand“, kam es nicht sehr intelligent von Seth.

Doch zu unser aller Überraschung nickte Herr Keiper. „Genau. Der ganze Boden besteht aus weichem Sand. Erinnert sich vielleicht noch jemand, was ich gerufen hatte?“

Die meisten schüttelten den Kopf, doch dieses Mal konnte ich etwas Sinnvolles beitragen. „Sie haben gesagt, er soll auf den Stein aufpassen.“

„Halleluja, es gibt doch noch Lehrlinge die zuhören.“ Er ließ seinen Blick wieder über uns schweifen. „Ich habe gerufen, er soll auf den Stein aufpassen, obwohl es hier nur Sand gibt. Warum habe ich das getan?“

Ja, das fragten wir uns jetzt wohl alle, denn das ergab keinen Sinn. Zumindest nicht aus meiner Sicht.

Als auf der gegenüberliegenden Seite der Zwinger geöffnet wurde und eine weitere Person in die Voliere trat, sah ich kurz rüber. Das war Domenico, der Pfleger der Proles hier in der Akademie. Und mein bester Freund gleich nach Evangeline. Ich winkte ihm unauffällig zu, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf unseren Mentor richtete, der noch immer auf eine Antwort wartete.

„Keiner?“ Er sah von einem zum anderen. „Nun gut. Dann hört mal zu. Ab Morgen werdet ihr euer Praktikum bestreiten. Das heißt fünf Tage in der Woche mit einem Venator unterwegs und dort werdet ihr keinen gezähmten Proles gegenüberstehen. Die Bestien dort draußen haben noch ihre Krallen, ihre Zähne und auch ihr Gift. Und wenn sie die Chance bekommen, dann werden sie euch nicht nur töten, sondern auch fressen. Die kleinste Ablenkung kann tödlich sein.“ Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und sah uns wieder der Reihe nach an. „Manchmal wird es auch Leute geben, normale Zivilisten, die euch vielleicht mit Rufen ablenken, genau wie ich es bei Bay getan habe. Ihr dürft nie, niemals, euer Ziel aus den Augen verlieren.“

Also war das eine Art Demonstration für uns gewesen, unter der Bay leiden musste. Tja, die Mentoren auf der Beluosus Akademie hatten halt ihren ganz eigenen Stil zu unterrichten. Und wenn sie dafür einen Lehrling lächerlich machen mussten, dann war das eben so. Hier ging es ums Überleben, nichts anderes zählte.

Ich warf kurz einen Blick zu Domenico hinüber, als er sich dem grollenden Krant vorsichtig nährte, um ihm die Kette anzulegen, damit er ihn zurück in seinen Käfig bringen konnte. Andere Pfleger nutzen dafür die Angel – ein langer Stock mit einer Schlaufe am Ende – um den Proles nicht zu nahe kommen zu müssen. Aber nicht so Domenico. Er war sowieso sehr eigen, wenn es um die Pflege dieser Viecher ging. Tja, Venatoren und jene die zu solchen werden wollten, waren eben doch ein wenig anders als die übrige Bevölkerung – ja, das schloss auch Pfleger wie meinen besten Freund mit ein.

„Ihr habt euch einen Berufsweg ausgesucht, bei dem ihr mit eurem Leben spielt“, fuhr Herr Keiper fort. „Und ich bin nicht gewillt auch nur einen von euch an diese Biester dort draußen zu verlieren, doch leider kann ich das nicht allein bewerkstelligen, ihr müsst mir dabei schon ein wenig helfen. Klar soweit?“

Zustimmendes Gemurmel erfüllte die Arena.

„Gut. Ab morgen werdet ihr entweder zu den staatlichen Venatoren gehen, oder in die Gilde und da werde ich nicht sein, um im Notfall einzugreifen und euch den Arsch zu retten. Natürlich habt ihr eure Lehrcoachs, aber auch die können nicht immer zur Stelle sein, um euch den Hintern abzuwischen, weil sie damit ihr eigenes Leben riskieren würden und …“

Hinter Bay stieß Domenico einen Fluch aus, als der Krant mit seiner Pranke nach ihm schlug. Er stolperte zurück und hielt sich den Arm. Hatte das Vieh ihn etwa erwischt?

Der Krant knurrte drohend.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte er Herr Keiper ihn.

Doch Domenico schüttelte den Kopf und griff nach der Kette, die in den Sand gefallen war. Dabei fiel mir sehr wohl auf, dass er nicht wie sonst seinen rechten Arm benutzte. „Nein, nein, alles okay, ich komm schon klar.“ Er grinste uns an. „Der Kleine hat nur etwas schlechte Laune.“

Was so ziemlich der Dauerzustand bei diesen Viechern war.

Domenico konnte froh sein, dass er wie die anderen im Zwinger einen Schutzanzug trug. Manchmal war er so leichtsinnig, dass ich ihn am liebsten mit dem Kopf voran gegen die nächste Wand geklatscht hätte, nur um ihm ein wenig Vernunft einzubläuen. Als er den Proles dann auch noch mit einem „Komm, mein Süßer“ hinter sich aus dem Zwinger zog, war ich nicht die Einzige die ungläubig den Kopf schüttelte. Wie konnte er nur immer so leichtsinnig sein? Er hatte definitiv einen Knall. Okay, den hatten wir wahrscheinlich alle, denn, wer machte schon freiwillig eine Ausbildung zum Monsterjäger? Aber Domenicos Knall war eben noch eine Nummer größer. 

Herr Keiper sah ihm noch einen Augenblick skeptisch hinterher, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf uns richtete. „Was ich euch mit der ganzen Sache eigentlich vermitteln wollte, ist, seid …“

„Immer wachsam“, sagten wir alle im Chor. Das war das Motto eines jeden Venator – und natürlich eines angehenden, so wie wir. Immer wachsam, immer bereit.

Herr Keiper nickte zufrieden. „Hat jemand noch Fragen?“ Einstimmiges Kopfschütteln. „Und jeder weiß wo er morgen hin muss? Gut, dann packt eure Sachen zusammen und macht, dass ihr nach Hause kommt. Wir sehen uns dann am Freitag. Unverletzt, wenn ich bitten darf.“

Das war das Zeichen worauf wir nur alle gewartet hatten. Unterhaltungen setzten ein, als alle ihr Zeug von den Tribünen einsammelten und sich eilig auf den Weg nach Hause machten, bevor Herr Keiper noch etwas einfiel, dass er uns seiner Meinung nach unbedingt mitteilen musste. Ja, das passierte regelmäßig.

„Das wird der Wahnsinn“, schwärmte Evangeline mir auf dem Weg zur Treppe vor. „Endlich dürfen wir bei den großen Jungs mitspielen. Nur noch einmal schlafen.“

Ich zog eine Augenbraue nach oben. „Eve, das hat sich gerade angehört, als würde es aus dem Mund eines Kleinkindes kommen.“

Das ignorierte sie völlig. „Ich freu mich wie wahnsinnig. Wie mein Lehrcoach wohl sein wird? Ich kann es kaum noch erwarten.“

Über so viel Euphorie konnte ich nur den Kopf schütteln. „Dir ist schon klar, dass …“

„Eve!“, rief da Herr Keiper, als er mit Bay zusammen den Zwinger verließ. „Könntest du bitte noch mal zu mir kommen?“

Evangeline zog einen Flunsch. „Warum formuliert er es als Frage? Ich kann doch sowieso nicht nein sagen ohne Ärger zu bekommen“, grummelte sie.

Das ließ mich schmunzeln. „Er ist nur höflich.“

„Als wenn der sowas könnte. Wahrscheinlich will er meinen Aufsatz haben.“ Sie straffte die Schultern. „Okay, ich bin bereit. Wünsch mir Glück.“

„Nun übertreib mal nicht. Gefährlicher als ein Proles ist er sicher nicht.“

„Eve!“, donnerte Herr Keiper, als es ihm zu lange dauerte.

Vielleicht irrte ich mich da ja auch. Ich gab meiner Freundin einen kleinen Schubs. „Nun geh schon. Wir telefonieren.“

„Okay, bis dann.“

Schmunzelnd sah ich zu, wie meine Freundin zu unsrem ungeduldigen Mentor trat. Wenn sie diesen Aufsatz wirklich abgab, würde das mordsmäßigen Ärger geben. Da war es wahrscheinlich besser, einfach zu behaupten, sie hätte ihn nicht gemacht.

Die meisten der anderen waren schon weg, nur noch ein paar vereinzelte Nachzügler waren zu sehen. Ich hing mir meine lederne Kuriertasche über die Schulter und nahm die steinerne Treppe in Angriff, um aus der Arena zu kommen. Ich wollte Domenico noch einen Besuch abstatten, bevor ich nach Hause ging. Dass er seinen Arm vorhin so komisch gehalten hatte, machte mir doch ein wenig Sorgen.

°°°

Als ich in den für Lehrlinge eigentlich verbotenen Bereich der Akademie trat, schlug mir der Geruch von Stroh, Tier und nassem Fell zur Begrüßung entgegen. Hier, noch hinter der Arena, wurden die Proles in gesicherten Käfigen verwahrt, bis sie in den Zwinger gebracht wurden, damit wir unsere Fähigkeiten an ihnen testen und ausbauen konnten, um eines Tages Jagd auf Ihresgleichen zu machen.

Das einzige Licht, das es hier unten gab, war die triste Neonbeleuchtung der summenden Röhren an der Decke. Es machte diese ganze Atmosphäre hier unten bei Stein und Stahl nur noch kälter.

Ich drückte die Brandtür fest ins Schloss und lief die breite Gasse hinunter. Links und rechts von mir reihten sich die Käfige der Proles dicht aneinander. Doppelt gesichert, wie alles hier. Stahlgitter vom Boden bis zur Decke, dahinter eine kugelsichere Scheibe aus Panzerglas, die sie alle sicher verwahrte, bis sie gebraucht wurden.

Bei meinem Anblick fingen viele der Proles an zu Kurren. Ein besonders aggressives Exemplar sprang sogar gegen die Scheibe. Doch sie war zu dick. Er prallte einfach nur ab und landete kauernd auf dem Boden, von wo aus er mich weiter angrollte.

Kopfschüttelnd lief ich auf der Suche nach Domenico weiter. Diese Biester würden es wohl nie lernen. Eigentlich sollten sie sich doch glücklich schätzen hier gelandet zu sein. Hier hatten sie ein warmes Plätzchen zum Schlafen und jede Menge Futter. Zwar befanden sie sich in Gefangenschaft, aber sie hätten es durchaus schlechter treffen können – zum Beispiel die Tötungsstationen der Venatoren.

„Dom?“, rief ich meinen besten Freund, erwartete aber keine Antwort. Wie ich ihn kannte, saß er wieder bei den geifernden Monstern im Käfig und band ihnen Schleifchen ins Haar und durch die dicke Panzerglasscheibe konnte er mich nun mal nicht hören. Bei dem Gedanken daran, er könnte das wirklich machen, musste ich schmunzeln. Aber es verging mir sofort wieder, als ich an Käfig Nummer 37 vorbei kam.

Dieser Proles war ruhig, lauerte auf seine Gelegenheit.

Guck mal, Gracy, der lustige Hund. Ich habe ihn Plüsch genannt, weil er so plüschig aussieht.

Immer wenn ich einen von ihnen sah, hörte ich Wynns kindliche Worte in meinen Ohren. Hätte ich doch nur damals schon verstanden, was das Auftauchen dieser Proles bedeutete, ich hätte so viel Leid vermeiden können. Doch als mein sechster Geburtstag zu einem Massaker wurde, waren die Abkömmlinge noch kaum verbreitet, unbekannt, etwas das man nur aus den Nachrichten kannte.

Heute war es anders, heute wusste jeder wer sie waren.

Die gelben Augen unter der langen, windschnittigen Mähne beobachteten mich ruhig. Er wusste wer ich war, da Herr Keiper mich früher oft mit ihm und seinesgleichen in den Zwinger geschickt hatte, damit ich mein Trauma aufarbeiten konnte. Ich war immer als Sieger hinausgegangen. Niemals wieder wollte ich mich so hilflos wie damals fühlen, als aus einem unschuldigen Kindergeburtstag ein Tag des Grauens geworden war.

Niemals wieder würde ich es seinesgleichen gestatten, mich zu verletzten.

Als wüsste er, was ich dachte, zog er die Lefzen hoch und zeigte mir die Zähne, doch ich wandte den Blick nicht ab, fühlte mit der Hand nur über die Narbe schräg über meinen Lippen. Die einzige äußere Verletzung, die ich von diesem Tag zurückbehalten hatte. Ein Andenken, dass ich jeden Morgen im Spiegel sah und mich niemals vergessen ließ, mich immer daran erinnerte, warum ich das alles tat.

„Komm, Hundi, Hundi, Hundi“, flüsterte ich die gleichen Worte, die damals Wynns Mund verlassen hatten und verzog meine missgestaltete Lippe zu einem kalten, verzerrten Lächeln.

Der Plüsch – wie ich ihn heute immer noch nannte –, sprang ohne Vorwarnung auf mich zu, knallte frontal gegen das Panzerglas und fiel mit einem Jaulen zurück auf den Boden.

Ich verzog keine Miene, als er sich knurrend einige Schritte zurück zurückzog und das Fell dabei so sehr sträubte, dass er fast doppelt so groß wirkte. Nie wieder würde ich vor einem von ihnen zurückweichen.

Ich wandte den Blick auch nicht ab, als im hinteren Teil der Gasse die Tür zur Futterküche geöffnet wurde, denn wer zuerst wegsah, würde damit die Überlegenheit des anderen anerkennen. Außerdem wusste ich, dass es nur Domenico sein konnte. Keiner der anderen Pfleger würde sich um diese Zeit noch hier unten rumtreiben.

„Ah, wie ich sehe, frischst du mal wieder alte Bekanntschaften auf.“ Den Geräuschen nach schritt er die Stallgasse herunter, bis er neben mir zum Stehen kam und auch einen Blick in den Käfig werfen konnte.

Der Plüsch wandte kurz die Augen ab, um den Neuankömmling ins Visier zu nehme und damit hatte ich gewonnen. Er hatte zuerst weggesehen. Das wusste er auch und zog sich leise grollend in sein Nest aus Stroh an der hinteren Wand zurück.

Was bedeutete es, wenn ein Monster vor einem anderen Wesen zurückwich?

„Wenn du sie nicht immer so böse angucken würdest, dann …“

„Dom“, unterbrach ich ihn, bevor er mir wieder sagen konnte, ich solle lieb zu den Ungeheuern sein. „Das da drin ist eine Bestie, die dich bei lebendigem Leibe verschlingen würde, wenn sie dazu jemals die Gelegenheit bekäme.“

„Sie werden einfach nur missverstanden“, widersprach er mir. „Wenn man sich ein wenig mit ihnen beschäftigt, dann sind sie eigentlich ganz lieb.“

Jetzt ging das wieder los. Die armen, missverstandenen Wesen. Wäre er damals an meinem Geburtstag dabei gewesen und hätte erlebt, was ich erlebt hatte, würde er heute nicht so über sie sprechen. „Und wenn sie so harmlos sind, warum trägst du dann immer einen Schutzanzug, wenn du zu ihnen gehst?“

„Ich bin vertrauenswürdig, nicht Lebensmüde.“

Da war ich mir bei ihm manchmal gar nicht so sicher. „Irgendwann wird eines deiner Kuscheltiere dich fressen, dann denkst du nicht mehr so über sie.“ Ich wandte ihm meinen Blick zu.

Er hatte den Helm abgenommen und den ledernen Schutzoverall bis zur Hüfte runter gekrempelt. Sein hübsches Gesicht mit den hohen Wangenknochen, seine kupferfarbenen Haare, die ihm immer ins Gesicht hingen, seine schmale Nase, auf der vereinzelte, ganz zarte Sommersprossen waren und die etwas zu groß geratenen Ohren, das alles war mein bester Freund Domenico.

Doch sei Aussehen interessierte mich im Augenblick weniger, als sein rechter Arm der knapp unter der Schulter deutlich dicker war als sonst. Ich tippte mit dem Finger vorsichtig gegen die Stelle.

„Au!“ Mit einem kleinen Fluch trat er einen Schritt von mir zurück.

„Ich wusste es!“, regte ich mich auf. „Warum zum Teufel benutzt du nicht die verfluchte Angel? Dafür habt ihr die extra!“

„Reg dich ab“, versuchte er mich zu beschwichtigen. „Das wird nur einen blauen Fleck geben.“

Wütend hielt ich ihm den Finger vor die Nase und drückte angestrengt die Lippen zusammen, damit ich ihm nicht all das um die Ohren haute, was mir auf der Zunge lag. Am liebsten hätte ich ihn … ahrrr!

„Ach komm schon, Grace, so schlimm war das doch gar nicht.“

„Dieses Mal nicht“, sagte ich dann schlussendlich und ließ meinen Finger sinken. „Aber irgendwann wirst du so unvorsichtig sein, dass sie dich erwischen und wenn es soweit ist, Dom, dann werde ich dir so in den Arsch treten, dass sogar deine Urenkel es noch spüren können.“

Er grinste und zeigte mir damit sein ganz spezielles Grübchen. „Ich kann es kaum erwarten.“

Was sollte man dazu noch sagen, außer: „Blödmann.“ Ich drehte mich herum und lief den Weg zurück, den ich gerade erst gekommen war.

„Hast du eigentlich etwas Bestimmtes gewollt, oder bist du nur hier gewesen, um mich anzupflaumen?“, rief Domenico mir hinterher.

„Ich war nur hier um dich anzupflaumen.“ Ich zog die schwere Stahltür auf. „Und da wir deinen Arm nicht amputieren mussten und du noch blöde Sprüche reißen kannst, verschwinde ich jetzt.“

„Es ist immer schön, wenn du mich besuchst“, grinste er.

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und sperrte sein leises Lachen ein. Manchmal könnte ich ihn wirklich einfach nur gegen die Wand klatschen. Warum nur musste er immer dieses Risiko eingehen? Okay, ich verstand, dass er seine Ausbildung zum Venator abgebrochen hatte, weil er es einfach nicht über sich brachte, ein anderes Wesen zu töten – egal ob nun genmanipuliert, oder nicht –, im Gegensatz zu mir war er eben einfach zu zartfühlig für diesen Job. Aber das hieß doch noch lange nicht, dass er hier als Tierpfleger einen auf Doktor Doolittle machen musste. Die Prolos waren gefährliche Fressmaschinen und ich hoffte, dass er das noch kapierte, bevor einer von ihnen begann, seine Gliedmaßen anzuknabbern.

Seufzend rieb ich mir übers Gesicht, als ich über die seitliche Holztreppe den Keller verließ, um nach oben ins Hauptgebäude zu kommen. Natürlich hätte ich auch den Weg durch die Arena nehmen können, da wäre ich sogar ganze fünf Minuten schneller, aber wie bereits erwähnt, war der Zugang hier unten für Lehrlinge ohne Begleitung eines Mentors eigentlich verboten. Sicherheitsvorschriften. Würde ich den Weg durch die Arena wählen, war zu befürchten, dass ich Herr Keiper, oder einem der anderen Mentoren in die Arme lief. Und da ich keine Lust auf Stress und Erklärungsnöte hatte, nahm ich doch lieber dem Umweg über die Seitentreppe, um oben in den vertäfelten Korridor zu gelangen.

Hier war es etwas heller, freundlicher, wärmer. Der Geruch nach Bohnerwachs erfüllte die Luft. Überall dort, wo keine Türen waren, reihten sich Porträts von ehemaligen Direktoren, Mentoren und Ehrenschülern dicht an dicht. Die Beluosus Akademie ist eine der ältesten Jägerschulen im ganzen Land und nur die besten Schüler werden hier aufgenommen und ausgebildet.

Ich hatte immer hart gearbeitet, um hier einen Platz zu ergattern, denn es galt, wenn man die Beste werden wollte, musste man auch von den Besten geschult werden. Und ich war ehrgeizig genug, um dieses Ziel zu erreichen und der Monsterwelt dort draußen einen kräftigen Tritt in den Hintern zu geben.

Dass die Schule praktischerweise nur einen Katzensprung vom Haus meines Onkels entfernt lag, machte das Ganze umso besser.

Um diese Zeit war es in der Akademie sehr still. Die knapp zweihundert Lehrlinge hatten sich schon längst aus dem Staub gemacht. Selbst die Nachzügler waren wahrscheinlich schon alle fast zuhause. Und nun verließ auch ich für die nächsten vier Tage diese schulische Einrichtung durch die große Flügeltür, die aus der viktorianischen Epoche zu stammen schien – genau wie der Rest des Gebäudes. Morgen würde mein dreimonatiges Praktikum in der Venatorengilde starten. Das hieß, ich würde nur noch montags und freitags hier sein. Die Sonntage würden meine einzigen freien Tage in der Woche werden, da ich die restliche Zeit mit meinem Lehrcoach auf Streife gegen würde, um diese Monster zu töten. Ich konnte es kaum erwarten.

Mit diesen Gedanken schritt ich die Freitreppe herunter und verließ das Gelände über den breiten Kiespfad, um den  nächsten Bus nicht zu verpassen.

Am Himmel hatten sich dicke Wolken zusammengetürmt, die von dem Regen kündeten, der für diese Jahreszeit völlig normal war. Die letzten Reste des winterlichen Schnees waren schon vor ein paar Wochen geschmolzen und nun befand sich das Wetter in einem ständigen Wechsel zwischen stürmischem Unwetter und strahlendem Sonnenschein. Typisch April eben.

Endlich dürfen wir bei den großen Jungs mitspielen.

Eigentlich hatte Evangeline ja Recht. Ich freute mich auch und frage mich genau wie jeder andere aus meinem Kurs, wie mein Lehrcoach wohl sein würde. Ich wollte auf keinen Fall an so einen Stümper geraten, der alles immer vermasselte. Am liebsten wäre mir eine Frau. Intelligent, listig, schnell. Oder kurz gesagt tödlich, so wie ich sein wollte. Ich hatte bei meiner Bewerbung bei der Gilde sogar extra noch einen förmlichen Brief abgegeben, in dem ich darum bat, vom besten Venator der Gilde unterrichtet zu werden. Ob es klappte würde ich leider erst morgen erfahren. Aber egal was kam, ich würde bestehen, egal was ich dafür tun müsste.

Ja, Monster, nehmt euch in Acht, ich komme und …

Als mein Bus plötzlich an mir vorbeituckerte, vergaß ich meinen Gedanken ganz schnell und nahm die Beine in die Hand, um ihn noch zu erwischen. Zum Glück war die Haltestelle gleich vorne an der Ecke und da die ältere Dame dort sich sehr viel Zeit beim Einsteigen ließ, schaffte ich es mit Leichtigkeit, ihn zu erwischen. Tja, ich war halt nicht nur gut trainiert, sondern auch sehr schnell. Als zukünftiger Venator musste man das auch sein. Schnelligkeit konnte dein Leben retten.

Es war nicht sehr voll, das war es um diese Zeit nie und so konnte ich ganz hinten problemlos einen Platz am Fenster ergattern. Obwohl sich das Hinsetzten kaum lohnte, da ich sowieso nur vier Stationen fahren musste.

Als der Bus startete, platschte der erste Regentropen gegen das Fenster und verzerrte die Spiegelung meines Gesichtes. Deutlich war nur mein langes, rotes Haar zu erkennen, das mein ovales Gesicht einrahmte und die lange Narbe, die sich von meiner rechten Wange quer über meine Lippen nach unten zum linken Teil meines Kinns zog. Meine Augenfarbe lag irgendwo zwischen Moosgrün und Oliv und wirkte immer irgendwie verwaschen.

Als der Bus drei Stationen zurückgelegt hatte, kübelte es draußen bereits wie aus Eimern.

Seufzend erhob ich mich von meinem Platz, drückte das grüne Knöpfchen, damit der Bus auch anhielt und stellte mich an die Tür. Dabei glitt mein Blick über die Plakate im Bus. Werbung für ein Sonnenstudio, ein schwedisches Möbelhaus und Englischkurse. Alltägliche Dinge, die es auch schon vor den Monstern gab. Doch heute gab es dazwischen immer wieder Plakate wie „Wir garantieren Ihnen die Sicherheit ihrer Familie!“ und „Lernen Sie sich zu schützen“, mit denen die Leute versuchten, anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ja, die Monster waren die größte Plage, die jemals über die Menschheit gekommen war, aber für manch einen war sie auch ein riesen Geschäft.

Der Mensch zog halt aus allem seinen Nutzen, auch aus dem Leid der anderen.

Wir konnten wirklich selbstsüchtige Geschöpfe sein.

Als der Bus hielt und ich ausstieg, zog ich die Mütze meiner Jacke über den Kopf, um dem schlimmsten Regen zu entkommen. Leider waren meine Hosen nicht gegen die tiefen Pfützen gewappnet und so war ich trotz Jacke und der Entfernung von vielleicht fünfzig Metern, zwischen Haltestelle und dem alten, kleinen Häuschen meines Onkels, klitschnass, als ich eilig durch die Tür trat.

„Mistwetter“, fluchte ich leise und stellte Schuhe und Kuriertasche neben die kleine, schäbige Garderobe, bevor ich meine Jacke auszog und sie dazu hängte. „Ich bin wieder da!“, rief ich und steckte den Kopf rechts neben der Garderobe durch die Tür, weil ich das Gemurmel des Fernsehers aus dem Wohnzimmer hörte.

Wynn lag ausgestreckt auf der Couch und zeppte gelangweilt durch die Kanäle. Meine Anwesenheit wurde von ihr nur durch einen kurzen Blick wahrgenommen. War schließlich nichts Besonderes, da ich jeden Tag um diese Zeit nach Hause kam. Mit Jeans, Top und gestylten Haaren, sah sie aus, als würde sie gleich zu einer megaheißen Party aufbrechen und nicht als würde sie den Rest des Nachmittags vor dem Fernseher rumgammeln wollen.

In den letzten Jahren hatte sie sich mit ihren langen, roten Haaren zu einer richtigen Schönheit entwickelt. Wenn sie nur aufhören würde, sich immer das Gesicht mit dem ganzen Make-up zu bemalen. Das wirkte einfach nur billig – das war meine Meinung. Aber laut ihren Freunden sah sie so richtig toll aus und dass die Kerle ihr nachpfiffen, half wohl auch nicht dabei, meine Meinung zu unterstützen.

Ich hatte ihr schon ein paar Mal gesagt, sie sollte aufhören, sich wie ein Paradiesvogel zu dekorieren, doch dann bekam ich immer zu hören, dass ich doch nur neidisch war, weil ich nicht so hübsch war. Okay, sie hatte Recht, mir stiegen die Kerle nicht gerade nach. Bis auf mein rotes Haar, war ich eben doch nur normaler Durchschnitt, aber ich war zufrieden mit meinem Äußeren.

Neben ihr im Sessel saß Onkel Roderick und versuchte angestrengt dem Programm auf der Mattscheibe zu folgen, was gar nicht so einfach war, da Wynn nach genau drei Sekunden immer weiter schaltete. Sein Haar hatte in den letzten Jahren einen strategischen Rückzug begonnen und war mit seinen ausgeprägten Geheimratsecken nun auf dem besten Wege zu einer Halbglatze. Auch um den Bauch herum hatte er ein wenig zugelegt. Das Gesicht zeichneten heute mehr Falten als damals, aber im Großen und Ganzen hatte er sich eigentlich ganz gut gehalten. Das zumindest war meine Meinung, aber auf meine Meinung wurde hier ja nicht so viel Wert gelegt.

Seufz.

„Onkel Rod?“, sprach ich ihn direkt an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Er wandte mir das Gesicht zu. „Ah, Grace, da bist du ja endlich. Soll ich dir was zu essen machen?“

„Nein, bleib nur sitzen, ich mach mir gleich selber was. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich da bin.“

Er runzelte die Stirn, als er mich sah. „Warum bist du so nass?“

„Weil es draußen regnet.“ Was auch der Grund war, warum das Essen noch einen Moment warten musste. Erst mal musste ich aus diesen nassen Sachen raus, um mich unter einer schönen, warmen Dusche ein wenig aufzuwärmen.

„Oh wirklich?“ Onkel Roderick sah zum Fenster. „Tatsächlich, es regnet.“

Über so viel Zerstreutheit konnte ich nur den Kopf schütteln. Manchmal hatte ich echt das Gefühl, dass er in seiner eigenen Welt lebte, so geistesabwesend, wie er immer war. Dazu kam noch seine tollpatschige Ader und seine Vergesslichkeit, die uns immer mal wieder kleine Katastrophen bescherte – wie zum Beispiel letzte Woche, wo er den Stecker für den Eisschrank rausgezogen hatte, weil er die Steckdose kurzzeitig für den Bohrer gebraucht hatte, um die lose Jalousie am Küchenfenster wieder fest zu machen. Leider hatte er danach vergessen, den Stecker wieder reinzustecken. Das Ergebnis war ein abgetauter Gefrierschrank, verdorbene Lebensmittel und eine Überschwemmung in der Küche gewesen.

Aber trotz seiner häufigen Gedankenlosigkeit war ich froh, ihn zu haben. Nach dem Tag des Grauens, an dem ich meine Eltern verloren hatte, waren er und Wynn alles was mir noch geblieben war. Er hatte uns ohne Bedenken aufgenommen, zwei traumatisierten Kindern ein liebevolles Zuhause gegeben und war immer für uns da gewesen, wenn wir ihn gebraucht hatten. Zwölf lange Jahre lang.

Es war sicher nicht immer einfach mit uns gewesen. Noch dazu hatte er nie viel Geld gehabt, aber er hatte uns nie aufgegeben, wie schwer die Zeiten auch gewesen waren.

Ich klopfte mit der Faust gegen den Türrahmen. „Ich geh dann kurz duschen. Wollt ihr dann auch etwas zu Essen haben, oder seid ihr schon satt?“

„Für mich nichts“, sagte Wynn und blieb mit gerunzelter Stirn einen Moment länger an einem Kanal hängen, bevor sie weiter zappte.

„Für mich auch nicht, danke.“

„Okay.“ Ich schnappte mir noch meine Tasche aus dem kleinen Flur, mit der alten geblümten Tapete und brachte sie in mein Zimmer, das ich mir mit Wynn teilen musste, weil das Haus für drei Personen einfach nicht genug Räume besaß.

Hier konnte man genau sehen, wer welche Seite des Zimmers bewohnte. Wynns Seite war voll mit Postern ihrer Lieblingssängerin und einer Fotocollage, die sie mit ihrer besten Freundin gemacht hatte. Ihren Schreibtisch hatte sie so vor ihr unordentliches Bett geschoben, dass ich sie dahinter nicht sehen konnte, wenn sie lag und ihr Kleiderschrank am Fußende war offen, damit die vielen Klamotten darin herausquellen konnten. Kurz, ihre Seite wurde von Chaos und bunten Farben beherrscht.

Meine war das genaue Gegenteil. Der Schreibtisch war ordentlich an die Wand gerückt, das Bett stand gemacht unter dem Fenster und mein Kleiderschrank war verschlossen. Ich hatte keine Poster an der Wand. Dafür eine große Pinnwand über dem Schreibtisch, die voll mit Zeitungsauschnitten über Proles war. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich ordentlich Fachzeitschriften, die sich mit Venatoren und ihrer Beute befassten.

Das einzige was wir uns teilen mussten, war das große Regal, das unser Zimmer in der Mitte in zwei Bereiche unterteilte. Aber auch hier sah man deutlich, wem welche Fächer gehörten. Penible Ordnung versus das reine Chaos.

Ich legte meine Tasche ordentlich auf meinen Schreibtisch und verschwand dann in das kleine, geflieste Duschbad auf der anderen Seite vom Flur. Die nassen Klamotten landeten auf einem unordentlichen Haufen neben dem Wäschekorb unterm Waschbecken. Dann stand ich auch schon in der gefliesten Dusche unter dem prasselnden Strahl.

Hmmm, ich war im Himmel. Das warme Wasser tat gut auf meiner Haut, es entspannte mich vom anstrengenden Tag in der Akademie.

Um uns noch mal einen letzten Crashkurs vor dem Praktikum zu geben, hatte Herr Keiper uns heute besonders hart rangenommen und das spürte ich nun in jedem Knochen. In Monsterkunde Theorie hatte er uns so viel Wissen in den Kopf gehämmert, dass mir davon fast der Schädel geplatzt war – okay, es hieß eigentlich nicht Monsterkunde, sondern Proles Theorie, aber so wurde es nicht mal von den Mentoren genannt. Und als er uns dann auch noch einen Test vor die Nase geklatscht hatte, war ich wohl die einzige, die nicht laut aufgestöhnt hatte. Und das lag nicht nur daran, dass ich so gut war in dem was ich tat – nein, ich war nicht eingebildet, es war eben einfach eine Tatsache, für die ich hart gearbeitet hatte. Ich war gut und ich wusste es auch, daran war nichts Verwerfliches – sondern dass ich damit wirklich etwas erreichen wollte.

In den anderen Fächern war es heute nicht viel besser gewesen. In Jägerspreche mussten wir alles immer und immer wieder wiederholen, bis unsere Köpfe rauchten und Waffenlehre Praxis hatte Herr Keiper uns beim kleinsten Fehler so sehr angebrüllt, dass es mich wunderte, dass er davon nicht ganz heiser geworden war. Danach in Sport mussten wir heute so viel rennen, springen und klettern, dass schon nach kurzer Zeit jeder Muskel in meinem Körper protestiert hatte.

In Monsterkunde Praxis hatten nicht alle in den Zwinger gemusst, aber die, die drinnen waren, haben heute eine Strenge erleben dürfen, die sogar für unseren Mentor übertrieben war. Herr Keiper hatte den Eindruck erweckt, als wollte er alles, was wir bei ihm in den letzten zwei Jahren gelernt hatten, aus den Tiefen unserer Köpfe zerren, um die größtmögliche Chance zu bekommen in jeder auf uns zukommenden Situation richtig zu reagieren.

Seufzend lehnte ich meinen Kopf gegen die Fliesen und ließ mich noch ein paar Minuten von dem warmen Wasser berieseln, aber als mein Magen dann lautstark zu meckern begann, machte ich, dass ich aus der Dusche kam. Noch schnell die dreckige Wäsche in die Waschmaschine, dann ein kurzer Abstecher in mein Zimmer, um mir eine bequeme Jogginghose und einen weiten Pulli anzuziehen und dann stand ich auch schon, mit einem Handtuchturban auf dem Kopf, vor unserem Kühlschrank in der kleinen Küche und durchstöberte die einzelnen Fächer systematisch nach etwas Essbarem.

Hm, viel war da ja nicht gerade zu finden. Ein abgelaufener Pudding, etwas Belag und eine Tupperdose mit einer seltsamen Masse, die vor ein paar Wochen wohl mal ein Mittagessen gewesen sein könnte – ich warf das Zeug samt Dose in den Mülleimer, bevor sich daran noch jemand eine Lebensmittelvergiftung holen konnte. Onkel Roderick hatte wohl mal wieder vergessen einkaufen zu gehen. Dann würde ich das nachher wohl wieder machen müssen.

Seufz.

Wenigstens war noch alles für ein Käse-Schinken Sandwich da – naja, zumindest Käse und Schinken. Und in den Tiefen unseres Vorratsschrankes fand ich sogar noch etwas Brot, mit dem man noch keine Steine klopfen konnte.

Ich nahm was ich kriegen konnte, verschwand dann mit den fertigen Sandwiches kurz in mein Zimmer, um meine Lektüre zu besorgen und ging dann bewaffnet damit zurück ins Wohnzimmer, wo sich meine Familie in der Zwischenzeit keinen Millimeter bewegt hatte. Wynn zappte immer noch – oder schon wieder? – von Programm zu Programm und Onkel Roderick versuchte weiterhin angestrengt den wechselnden Bildern zu folgen.

Familie. Darum ging ich diesen Weg. Ich würde sie beschützen. Und mich rächen, für das, was ihnen und mir angetan wurde.

Onkel Roderick sah neugierig zu mir rüber. „Ist was, Kleines, oder warum kommst du nicht rein?“

Einem Impuls folgend legte ich meine Sachen auf den kleinen Wohnzimmertisch vor der Couch und nahm meinen Onkel in den Arm.

„Oh.“ Überrascht sah er zu mir auf. „Womit habe ich das denn verdient?“

„Einfach nur so.“ Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und ja, die pikste auch heute noch. „Ich hab dich lieb, Onkel Rod.“

„Ach Grace.“ Er tätschelte etwas hilflos meinen Arm. „Damit machst du einen alten Mann eine große Freude.“

„Ach, so alt bist du doch noch gar nicht“, warf Wynn von der Seite ein, hielt es dabei aber nicht für nötig, den Blick vom Bildschirm abzuwenden. „Du bist erst … äh …“ Sie runzelte angestrengt die Stirn. „Hm, hab´s vergessen.“

Da konnte man nun wirklich nur noch die Augen verdrehen. „Onkel Rod ist zweiundvierzig“, sagte ich, als ich ihn losließ und zur Couch ging. „Und ich bin achtzehn und du sechzehn, falls du das auch vergessen haben solltest. Und jetzt nimm die Füße da runter, ich will auch irgendwo sitzen.“

Bevor sie die Gelegenheit bekam, meiner Aufforderung zu folgen, schob ich ihre Beine weg und ließ mich ins Polster fallen. Noch ein Griff zu Buch und Essen, dann machte ich es mir mit übergeschlagenen Beinen bequem und schlug meine völlig zerlesene Lektüre auf, während ich mir mein Sandwich einpfiff.

„Liest du schon wieder diesen Schinken?“ Den Blick von Wynn spürte ich mehr, als dass ich ihn sah. „So interessant kann das doch gar nicht sein.“

Das konnte sie aber auch nur sagen, weil sie nichts außer hirnlosen Teenyzeitschriften las. „Ich lerne. Versuchs auch mal damit, ist gut für deine Zukunft.“

„Aber Grace“, tadelte Onkel Roderick über meinen abfälligen Ton milde. „Sei nicht so. Außerdem hat Wynn schon recht, zu viel lernen ist auch nicht gut. Hin und wieder sollte man sich mal eine Auszeit nehmen und sich ein wenig entspannen. Ausruhen. Das hat noch niemanden geschadet.“

Ich schlug mein Buch zu und sah etwas genervt zu ihm rüber. Dieses Gespräch hatten wir schon so oft geführt, dass ich es langsam leid war. „Ausruhen kann ich mich immer noch, wenn ich tot bin. Morgen beginnt schließlich das Praktikum und da muss ich gut vorbereitet sein, um nicht wie ein totaler Anfänger rüberzukommen.“ So wie manch anderer aus meinem Kurs. „Ich will einmal der beste Venator werden, den es jemals gegeben hat, das habe ich mir fest vorgenommen und dafür muss ich eben viel lernen.“ Ich wollte die Beste der Besten werden.

Wynn durchbohrte mich mit ihrem Blick. Seit diesem Tag vor zwölf Jahren hasste sie alles was mit Proles zu tun hatte und machte es auch sehr deutlich. Und dass ich den Weg des Venators eingeschlagen hatte, passte ihr so gar nicht.

„Hör auf mich so böse anzugucken, ich muss das machen“, rechtfertigte ich mich.

Sie schnaubte. „Du musst das nicht machen, du willst das machen, das ist ein himmelweiter Unterschied.“

Da täuschte sie sich aber gewaltig. Früher hatten die Bilder meines sechsten Geburtstags mich Tag und Nacht heimgesucht und geplagt. Mehr als einmal war ich an dem Rand eines Nervenzusammenbruchs gewesen, war genau wie sie von einer Therapie in die andere gegangen. Ich hatte mich in meinem Leben mit fast allen Psychodocs der Stadt auseinandersetzten müssen, aber nichts davon hatte mir geholfen. Ganz im Gegenteil, es war immer schlimmer geworden. Erst als ich erfahren hatte, dass man sich ausbilden lassen konnte, um gegen die Monster da draußen zu bestehen, erst als ich diesen Weg gesehen hatte, der mir zeigte, wie ich mich in Zukunft schützen konnte, erst da war es mit mir langsam bergauf gegangen. Seitdem hatte ich alles getan, um die Beste zu werden. Die Beste in der Schule, die Beste beim Abschluss, die Beste auf der Beluosus Akademie. Ich wollte in allem die Beste sein, denn nur so würde ich mich niemals wieder so hilflos wie damals fühlen. „Du hast keine Ahnung wovon du sprichst.“

„Nein, du hast keine Ahnung wovon du da sprichst!“ Sie fuhr so schnell aus ihrer Position hoch, dass die Fernbedienung auf den Boden viel. „Glaubst du ich fand es toll Mama und Papa zu verlieren? Meinst du ich würde mich nicht mehr an diesen Tag erinnern, nur weil ich erst vier war? Falsch gedacht. Und jetzt willst du da rausgehen und diesen Viechern auch noch hinterherlaufen, damit sie dich noch schneller erwischen können?!“ Ihre Augen funkelten vor Wut.

„Ich werde sie töten, nicht sie mich“, sagte ich fest.

„Das kannst du doch gar nicht wissen! Gott, wie blöd bist du eigentlich? Guckst du hin und wieder vielleicht mal Nachrichten? Weißt du wie oft da Venatoren sterben, weil sie doch nicht so gut waren, wie sie es sich eingebildet haben? Und du tust auch noch alles, um dich in diesen aussichtlosen Kampf mitten reinzuwerfen. Dein ganzes Leben dreht sich um diesen Mist. Ständig muss ich diesen Scheiß hier reinziehen und mir anhören, wie du in der Arena wieder einem dieser Bestien gegenübergestanden hast und die Kratzer und Blutergüsse sehen, die du deswegen hast. Ich hasse das!“

„Jetzt hör auf, dich hier so künstlich aufzuregen. Ich mache das auch für dich, um dich im Notfall schützen zu können und …“

„Wage es ja nicht zu behaupten, dass du das für mich machst!“, fauchte sie mich an. „Das ist die größte Lüge die jemals aus deinem Mund gekommen ist! Ich hasse den Weg den du eingeschlagen hast! Ich hasse deine fanatische Ader! Willst du unbedingt krepieren? Bitte, dann mach doch, mir doch egal. Fall tot um, ich hasse dich!“

Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Wohnzimmer. Einen Moment später knallte unsere Zimmertür. Das Schloss klickte und die Musikanlage nebenan bis zum Anschlag aufgedreht.

Zurück blieben Onkel Roderick und ich in gedrückter Stimmung.

Das war auch nicht zum ersten Mal passiert. Sie verstand einfach nicht, warum ich das wollte, dass ich das brauchte um mich sicher fühlen zu können. Man musste seinen Ängsten entgegentreten und ins Gesicht sehen, nur so konnte man sie überwinden. Ich tat wenigstens etwas Vernünftiges. Sie hingegen schloss sich den ganzen Tag im Haus ein, weil sie Angst hatte auf die Straße zu gehen. Ich konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie so getan hat, als wäre sie krank, nur um nicht in die Schule gehen zu müssen. Zwei Mal hatte sie deswegen die Klasse wiederholen müssen.

Nein, nicht ich beschritt den falschen Weg, sondern sie.

„Schau nicht so, sie meint es nicht böse“, sagte Onkel Roderick irgendwann. „Sie hat nur Angst davor, dass dir etwas passieren könnte.“

„Mir wird aber nichts passieren.“ Ich legte ein angebissenes Brot zurück auf den Teller und strich mit dem Fingern über den Titel meines Buches. Proles – Die Natur im Wandel. „Dafür trainiere ich schließlich so viel. Ich arbeite so hart wie kein anderer, bin die beste in meiner Gruppe. Ich bin in allem die Beste und da werde ich es auch sein.“

Onkel Roderick tippte die Spitzen seiner Finger gegeneinander, als er über meine Worte nachdachte. „In Gewissen Punkten muss ich dir zustimmen. Du arbeitest wirklich viel und hart und gönnst dir kaum Freizeit. Natürlich hat deine Arbeit zum Teil schon Früchte getragen. In dem was du tust bist du sehr gut, aber auch ich habe manchmal Angst, dass dein Erfolg dich irgendwann zu leichtsinnig werden lässt. Du kennst sicher das Sprichwort, Übermut kommt vor den Fall?“

Bei diesem Spruch verzog ich finster das Gesicht. „Ich bin nicht übermütig.“

„Nein, so habe ich das gar nicht gemeint, was ich eigentlich sagen wollte … ich …“ Unsicher suchte er nach Worten. „Natürlich würde ich es auch begrüßen, wenn du einen weniger gefährlichen Berufsweg eingeschlagen hättest, aber ich werde deinen Wünschen nicht im Weg stehen. Ich bin stolz auf dich, egal für was du dich entscheidest, nur sei bitte vorsichtig. Dass ich meinen Bruder und deine Mutter verloren habe, war schon schwer genug für uns alle. Ich möchte nicht auch noch meine Nichte zu Grabe tragen müssen.“

„Ach Onkel Rod, wie oft soll ich es noch sagen, mir wird nichts passieren. Es ist ja nun nicht so, dass ich blindlings und unbewaffnet auf einen Proles zugehen würde. Ich pass auf mich auf, versprochen.“

„Das hoffe ich, Grace, das hoffe ich wirklich.“ Er bückte sich nach der Fernbedienung, um sie vor mich auf den Tisch zu legen und erhob sich dann aus seinem Sessel. „Ich werde mal nach Wynn sehen.“

„Okay.“ Obwohl du dir das eigentlich auch sparen könntest, dachte ich, als ich ihm beim Verlassen des Zimmers hinterher sah. Wenn Wynn so drauf war, kam niemand an sie ran. Sie hatte sich wieder in ihre kleine Welt zurückgezogen.

Früher, als sie noch klein gewesen war, hatte sie, wenn ihr alles zu viel wurde, immer die Hände auf die Ohren gedrückt und mit zusammengekniffenen Augen leise vor sich hin gesummt. Heute machte sie das nicht mehr. Wenn sie mit ihrer Welt heute nicht klar kam, schloss sie sich in ihr Zimmer ein und drehte die Musik voll auf. Ich konnte nur hoffen, dass sie sich bis heute Abend wieder eingekriegt hatte, denn sonst würde ich mal wieder eine Nacht auf der Couch schlafen dürfen – und die war echt unbequem.

Seufzend lehnte ich mich zurück und schlug erneut das völlig zerlesene Buch auf, das ich eigentlich schon auswendig kannte. Aber ich wollte heute noch so viel wie möglich wiederholen, um morgen einen guten Start hinlegen zu können.

Ich ließ meinen Finger über das vertraute Inhaltsverzeichnis gleiten. Vorwort, Evolution, Instinkt, Sozialleben, Physiologie, Fortpflanzung, Abstammung, Stammgruppen und Unterarten.

Wie oft schon hatte ich diese Bewegung mit dem Finger gemacht? Ich konnte es nicht mehr zählen, aber es war wie ein kleines Ritual, das ich absolvieren musste, bevor ich anfangen konnte zu lesen. Ich blätterte eine Seite weiter, beachtete meine handgeschriebenen Notizen am Rand nicht, sondern konzentrierte mich direkt auf den Tex.

Vorwort

 

Viele Tiere erregen Angst. Seit jeher haben manche Menschen Furcht vor Schlangen, Kröten, Käuzen und Eulen und auch vor Fledermäusen. Heute allerdings sind viele Vorurteile und irrige Vorstellungen verschwunden, denn das Auftauchen der Proles hat vielem eine neue Bedeutung gegeben.

 

Proles – Die Natur im Wandel ist ein Nachschlagewerk, in dem das Wissen unserer Zeit in 13 Kapiteln geordnet, klar und übersichtlich abgehandelt wird. Es ist zur Unterstützung der heranreifenden Venatoren von Spezialisten in Zusammenarbeit mit ausgebildeten Venatoren verfasst worden und enthält alle nötigen Informationen die im Verlauf der Bildung gefordert werden. Es ist für den täglichen Gebrauch bestimmt und vor allem zum schnellen Nachschlagen geeignet.

Evolution

 

Das Tierreich verändert sich ständig. Wir brauchen uns nur einen weißen Raben anzusehen, ein Tier, das sich aufgrund einer Mutation von der Mehrzahl der Vertreter seiner Art unterscheidet.

Der Wandel, in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Organismen wird als Evolution bezeichnet. Auffällige Beweise für das Phänomen der Evolution erbringt die Paläontologie, denn sie zeigt uns, dass früher Tiere auf unserem Planeten lebten, die sich von den uns vertrauten Arten unterscheiden. Das bringt uns zu der Evolutionstheorie.

Zwar waren verschiedene Evolutionstheorien schon von verschiedenen Gelehrten und Schriftstellern entwickelt und verfasst worden, aber erst der französische Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck stellte 1809 eine Evolutionstheorie vor, die auf Anpassung der Umgebung basierte. Fünfzig Jahre später veröffentlichte der britische Biologe Charles Darwin seine berühmte Theorie von der natürlichen Auslese, die – über viele Generationen – zum Wandel der Arten führte.

Obwohl bis heute, von bestimmten Gruppierungen abgelehnt, hat sich die Darwin‘sche Evolutionstheorie in der Biologie durchgesetzt. Besonders in ihrer modernen Form, die sich durch Einbeziehung neuer Erkenntnisse v.a. der Genetik, Populationsbiologie, Biographie, Ökologie, Biochemie und Physiologie seit den 1930er und 1940er Jahren zu einer synthetischen Evolutionstheorie weiterentwickelt hat. Auch für diese gilt, dass noch immer nicht alle an der Evolution beteiligten Faktoren erfasst sind. Sie kann jedoch die heute bekannten Erscheinungen weitgehend erklären und ist in der Lage, künftig bekannt werdende Evolutionsfaktoren aufzunehmen.

Die Paläontologie ermöglicht sogar eine Schätzung der Evolutionsgeschwindigkeit, die bei den verschiedenen Tiergruppen sehr unterschiedliche Werte ergibt. In der Stammesgeschichte des Pferdes bilden sich acht Gattungen in sechzig Millionen Jahren heraus.

In anderen Gruppen stagnierte die Evolution dagegen. Daher haben wir heute noch Tiere vor uns, die ihren Vorfahren aus dem Paläozoikum oder Mesozoikum stark ähneln und meist die einzigen heute noch lebenden Vertreter ihrer Gruppe sind. Bekannt Beispiele für lebende Fossilien sind der Pfeilschwanzkrebs und das Opossum.

 

Und hier Beginnt die Entstehung des Proles.

Doktor Christopher Krynick …

Ich blätterte ein paar Seiten weiter. Die Entstehung des Derivat-Gens interessierte mich im Moment nicht besonders. Ich blieb erst wieder bei Fortpflanzung hängen. Paarungsverhalten, Nestbau, Geburt, Aufzucht. Als ich die nächste Seite aufschlug, fiel mir ein Zettel in die Hand, auf dem ich schon vor lange Zeiten Notizen gemacht hatte.

Das Derivat-Gen macht es möglich, das die Befruchtung der Eizellen auch speziesübergreifend funktionieren kann. So konnte es geschehen, dass aus ursprünglich sieben Stammgruppen zehn geworden sind, mit jeweils verschiedener Anzahl von Unterarten. (Nach heutigem Stand insgesamt 137 Unterarten aller Stammesgruppen zusammen) 

 

  • Canis-Proles  Hundeabkömmling
  • Feles-Proles               Katzenabkömmling (beinhaltet auch Großkatzen)
  • Vulpes-Proles  Fuchsabkömmling
  • Dama-Proles  Rehabkömmling
  • Capella-Proles           Ziegenabkömling
  • Meles-Proles   Marderabkömmling
  • Ursus-Proles   Bärenabkömmling (Waschbären)
  • Simia-Proles               Affenabkömmling (Schimpansen/ Kapuzineräffchen)
  • Sciurus-Proles Eichhörnchenabkömmling (beinhaltet auch Ratten und Mäuse)
  • Lacerta-Proles            Echsenabkömmling

 

Außerdem bewirkt das Derivat-Gen einen sehr langen Fellwuchs, sodass auch Abkömmlinge aus wärmeren Gebieten das ganze Jahr über einen langen Pelz haben, der in den warmen Monaten ausdünnen kann.

 

Proles ist lateinisch und bedeutet übersetzt Abkömmling.

 

Der Ur-Proles hatte noch die größte Ähnlichkeit mit den Urvätern seiner Abstammung. Er unterschied sich zumeist nur in Größe, Färbung und speziellen Fähigkeiten von seinen Artverwandten.

 

Heute zeichnet sich der Proles durch drei sehr ausgeprägte Instinkte aus. Der Suche nach Nahrung, Fortpflanzung und sehr bezeichnenden Territorialverhaltens, wobei er in allen Punkten sehr aggressiv vorgeht.  Sie sind alle ohne Ausnahme Allesfresser. Der heutige Proles ist ein Rudeltier. Er tritt nur sehr selten allein auf.

 

Das Aussehen des Proles täuscht über sein wahres Wesen hinweg. So wird er im allgemein als niedlich, oder sogar wunderschön bezeichnet, doch dieses äußere ist eine Täuschung, die, wenn man ihr zum Opfer fällt, den Tod zur Folge hat.

 

Die auffälligsten Merkmale eines Proles sind wohl die zumeist unnatürlichen Färbungen des Fells, das durch alle Töne des Farbspektrums variieren kann. Weit verbreitet sind Blau, Rot, Gelb und Grün. Auch das verhältnismäßig lange Fell eines jeden Proles zählt wohl zu den gemeinsamen Auffälligkeiten. Genau wie das stechende Gelb ihrer Augen.

 

Die ersten Abkömmlinge waren zum Teil noch Pflanzenfresser, dem ist heute nicht mehr so. Proles sind höchst aggressiv und machen bei der Wahl ihrer Beute keine großen Unterschiede.

 

Durch das mutierte Derivat-Gen veränderte sich das äußere Erscheinungsbild der Proles innerhalb weniger Jahre so sehr, dass die Abkömmlinge heute kaum noch mit den Urvätern ihrer Arten zu vergleichen sind. Nie ist in der Evolution eine so schnelle Entwicklung zu verzeichnen gewesen. In jeder neuen Generation können auffällige Abweichungen belegt werden, die von ihrem Äußeren, über ihr Verhalten, bis zum Verteidigungstrieb und den Angriffsfähigkeiten reichen. Dieses Phänomen löst das Derivat-Gen aus, das noch immer für gravierende Mutationen sorgt.

 

Vor der Geburt und für die Zeit der Aufzucht, zieht sich das trächtige Proles-Weibchen vom Rudel zurück, um dem Nachwuchs die größtmögliche Überlebenschance zu geben und sie vor den älteren Mitgliedern des Rudels zu schützen.

 

Der Nachwuchs wird von den Muttertieren geschützt und bis zum Tode verteidigt, doch sobald die jungen Proles erste Anzeichen der Geschlechtsreife zeigen, wird es für sie Zeit das heimatliche Nest zu verlassen und sich einem anderen Rudel anzuschließen, um nicht von den älteren Tieren getötet zu werden. Wahlweise können sie sich auch unterwerfen, doch auch hierbei ist die Überlebensrate nicht sehr hoch. Ein Proles kann drei bis zwölf  Jungtiere Pro Wurf bekommen (Durchschnitt, Zahl variiert je nach Stammgruppe und Unterart)

 

Verteidigungsformen: Gift in Krallen und/oder Zähnen, paralysieren durch Elektroschocks (siehe Stachelrochen), gezackte Zähne, Stacheln (Siehe Stachelschwein), u.a.

 

Da der Proles sehr anpassungsfähig ist, ist er heute in so ziemlich jeder Region der Welt vertreten. Die ersten Abkömmlinge stammten aus einem Forschungslabor bei Riverton (Wyoming in den USA), in der Nähe vom Yellowstone National Park. Als blinde Passagiere auf Schiffen und in Flugzeugen, kamen sie über die Ozeane und breiteten sich innerhalb kürzester Zeit sehr weit aus, da keiner der Stammgruppen natürliche Feinde hat und sie bei der Wahl ihrer Geschlechtspartner nicht sehr wählerisch sind.

Die explosionsartige Verbreitung der Proles hat viele Tiere aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt und an den Rand des Aussterbens gebracht. So wurden zum Bespiel bereits seit neun Jahren kein freilebender sibirischer Tiger mehr gesichtet und die bis vor ein paar Jahren noch weit verbreiteten Tüpfelhyänen wurden an den Rand der Ausrottung gebracht. Auch der Bestand freilebenden Wildes wie Rehe, Wildschweine und der Feldhase ist in den letzten Jahren rapide zurückgegangen.

Das waren Stichpunkte, die ich mir am Anfang meiner Ausbildung für einen Test rausgeschrieben hatte. Vielleicht sollte ich sie Eve mal mitgeben, damit sie einen manierlichen Aufsatz zustande bekam. Als ich an den Text dachte, denn sie mir in der letzten Stunde gezeigt hatte, konnte ich wieder nur den Kopf schütteln. Manchmal fragte ich mich wirklich, was in dem Kopf meiner besten Freundin vor sich ging. À la Spionage. Darüber würde ich wohl niemals hinwegkommen. 

Ich legte meinen Notizzettel zurück in die Seite und blätterte durch das Buch bis zum Verzeichnis Stammgruppen und Unterarten. Seite für Seite blätterte ich das Kapitel durch. Sah mir die Daten an, die Bilder und Zeichnungen, bis ich bei dem Bild von Ihm hängen blieb.

Guck mal, Gracy, der lustige Hund. Ich habe ihn Plüsch genannt, weil er so plüschig aussieht.

Würde dieser eine Satz mich mein Leben lang verhöhnen? Würde ich dem Vergangenen irgendwann einmal entkommen? Ich schloss die Augen, um die Daten in meinem Kopf abzurufen.

Stammgruppe: Canis-Proles

Unterart: Iuba

Abstammung: Es wird davon ausgegangen, dass der ursprüngliche Stammesvater ein Hund war.

Größe: Durchschnittlich zwischen 103 cm bis 132 cm Widerrist.

Gewicht: 81 kg bis 103 kg

Farbe: Schwarz, Weiß und alle Grautöne dazwischen.

Aussehen und Charakter: Der Körperbau ähnelt dem eines Deutschen Schäferhundes. Neben dem dunkelgestreiften Kopf, dem kleinen Ziegenbart und dem längeren Fell, ist die löwenartige Mähne, die windschnittig nach hinten verläuft, das auffälligste Merkmal am Iuba. Er hat einen sehr langen Schwanz (der Körperlänge entsprechend), um beim Klettern das Gleichgewicht halten zu können. Lange Ohren, die in der Mähne leicht untergehen. Der Iuba ist wohl der einzige bekannte Proles, der mit der Aufzucht seiner Jungen das Rudel vergrößert. Außerdem ist er sehr intelligent, ruhig und höchst aggressiv.

Merkmale: Tagaktiv. Nachtblind. Kugelgelenke.

Lebensdauer: Der älteste bekannte Iuba wird seit dreizehn Jahren in der Forschungsstation Historia beherbergt. Er wird auf ein Alter von mittlerweile sechzehn Jahren geschätzt. Es ist nicht abzusehen, wie sich das Derivat-Gen auf den weiteren Alterungsverlauf auswirkt.

Verbreitung: Häufig

Verbreitungsgebiet: Zu weiten Teilen in Südamerika und Europa. Auch in Südostasien wurden bereits mehrere Rudel gesichtet.

Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich genau in den stechend gelben Blick dieser Bestie. Auf dem Bild sah er so unschuldig aus, harmlos, ja fast hübsch, aber ich kannte das Monster hinter dieser Fassade, hatte am eigenen Leib zu spüren bekommen, wozu dieses Tier fähig war.

Wie von selbst fuhr mein Finger zu der Narbe über meiner Lippe. Oh ja, ich wusste ganz genau, was ein Plüsch anrichten konnte.

Als mein Onkel niedergeschlagen ins Wohnzimmer zurückkam, hörte ich auf, das Foto anzustarren und blätterte schnell weiter. Er musste das nicht mitbekommen. Er machte sich immer viel zu schnell Sorgen.

Seufzend ließ er sich in seinen Sessel fallen, griff nach der Fernbedienung und schaltete auf Nachrichten um. Er musste nichts sagen, ich wusste auch so wie es gelaufen war. Er hatte an der Tür gestanden und geklopft, während Wynn ihn solange ignoriert hatte, bis er aufgab und wieder ging.

Ich blätterte ein paar Seiten weiter zu einem Proles, der so harmlos aussah, dass man die Bestie in ihm gar nicht erwarten würde.

Stammgruppe: Meles-Proles

Unterart: Arbor

Abstammung: Es wird davon ausgegangen, dass der ursprüngliche Stammesvater zu den marderartigen Tieren gehörte.

Größe: Durchschnittlich zwischen 48 cm bis 72 cm, mit Schwanz 82 bis 104 cm

Gewicht: 0,8 kg bis 1,7 kg

Farbe: Das Deckfell des Körpers ist bei einem Rosaton angesetzt, mit gelben Schattierungen. Bauch und Schwanz dagegen sind rein gelb.

Aussehen und Charakter: Der Körperbau ähnelt dem eines Marders. Der knöcherne, gezackte Schild am Kopf ist eine Verlängerung des Schädels, hinter dem die kleinen, runden Ohren versteckt sind. Bei den Männchen färbt sich der Schild bei der Werbung um die Partnerin dunkelrot. Der lange Schwanz ist sehr kräftig und dient zum Klettern und Festhalten (er schläft mit dem Kopf nach unten hängend in einem Baum). In der spitzen Schnauze verbergen sich messerscharfe Zähnchen. Der Arbor verständigt sich durch Zirplaute. Außerdem ist er sehr äußerst aggressiv, sobald jemand in die Nähe seines Schlafbaums kommt.

Merkmale: Nachaktiv. Greift er an, geht er immer direkt auf die Augen und frisst sich anschließend mit den scharfen Krallen und den spitzen Zähnchen in den Körper hinein. 

Lebensdauer: Der älteste bekannte Arbor wurde neun Jahre in der Forschungsstation Historia beherbergt, bevor er verstorben ist. Nach den erlangten Erkenntnissen, wird davon ausgegangen, dass er eine ungefähre Lebenserwartung von zwölf Jahren hat. 

Verbreitung: sehr selten

Verbreitungsgebiet: Er ist in Süd- und Nordamerika beheimatet, wurde aber auch bereits in Europa gesichtet.

Diese kleinen Arbors waren wirklich widerliche Viecher. Im Laufe des Unterrichts hatte Herr Keiper hin und wieder Fotos von Proles-Opfern gezeigt. Darunter waren auch Bilder von Leichen gewesen. Wenn einem von uns davon schlecht wurde, sagte er immer: „Jetzt sind es nur Bilder, die ihr seht, aber wenn ihr irgendwann da draußen seid, dann ist es Realität, dann sind die Leichen echt und damit müsst ihr auch fertig werden. Wer das hier schon nicht verkraftet, der ist hier falsch und kann meinen Klassenraum gleich verlassen.

Es gab Leute die gegangen waren, aber ich hatte nicht dazu gehört, obwohl mir am Anfang regelmäßig das Frühstück die Kehle raufgewandert war.

Einmal war auch ein Bild von einem Todesopfer von einem Arbor dabei gewesen. Eine junge Frau, das Gesicht völlig zerkratzt, die Augen fehlten. Aber das wirklich Schlimme, an diesem Bild, war das Loch im Bauch gewesen, durch dass sich der Arbor ins Innere gefressen hatte, um an die weichen Organe ranzukommen.

Als das Foto geschossen worden war, hatte der Proles sich noch im Körper seines Opfers befunden. Die Spitze seines puschligen, gelben Schwanzes hatte aus dem Loch geragt. Ich bekam heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an dieses Bild dachte. Es war wohl das Grausamste, was ich jemals gesehen hatte.

Ich blätterte weiter durch mein Buch. Majes, Amph, Spuma, Minor, Pillicula. Alles lateinische Namen, oder Abwandlungen davon. Erst bei dem Bild von einem feuerroten Proles blieb ich wieder hängen.

Stammgruppe: Feles-Proles

Unterart: Toxrin

Abstammung: Katze

Größe: Durchschnittliche Kopfrumpflänge zwischen 80 cm und 120 cm, Wiederrist von 50 cm bis 70 cm

Gewicht: 20 kg bis 35 kg

Farbe: Karminrot. Schwarze Maske, schwarze Beine (kurz behaart), schwarze Schwanzspitze

Aussehen und Charakter: Der Körperbau ähnelt der einer orientalischen Katze (Siam, Bengal, Tonkanese), was unter dem langen Fell jedoch nur schwer zu erkennen ist. Da er fast blind ist (es wird bei der ganzen Art ein Gendefekt vermutet), benutzt er zur besseren Orientierung die großen, schwarzen Ohren. Der lange Schwanz hilft dem Toxrin, beim Klettern das Gleichgewicht zu halten. Einer der wenigen Einzelgänger unter den Proles. Sogar der eigenen Rasse tritt der Toxrin sehr aggressiv gegenüber.

Merkmale: Hohle Krallen, die durch Drüsen in den Pfoten mit Gift versorgt werden.

Lebensdauer: der Toxrin hat nur eine geringe Lebenserwartung von etwa 5 bis 7 Jahren.

Verbreitung: normal

Verbreitungsgebiet: Der Toxrin ist in Süd- und Nordamerika, Europa, Asien und Afrika zu finden. 

Ja, das Gift dieser Viecher war eine richtig üble Sache. Wenn es in den Körper gelangte, zerfraß es Organe und Blutgefäße von innen nach außen. Man starb nicht immer daran. Wenn man schnell genug das Gegengift bekam, hatte man eine Überlebenschance von etwa zwanzig Prozent, doch was dann folgte, war kein Leben mehr, denn es blieben immer massive Schäden zurück.

Bei der eigentlich harmlosen Abbildung des Toxrin, fragte ich mich nicht zum ersten Mal, wie aus der ursprünglich so wollwollenden Idee eines genialen Wissenschaftlers etwas so Gefährliches und Bestialisches hatte entstehen können. Tja, das passierte eben, wenn der Mensch versuchte in der Natur herum zu pfuschen. Sie begann sich zu rächen. Und zwar auf einem sehr grausamen Weg.

Als ich aus den Augenwinkeln sah, wie Onkel Roderick den Kopf schüttelte, hob ich den Blick zum Fernseher. Es liefen noch immer die Abendnachrichten und das Foto im Bildschirm hinter der Nachrichtensprecherin erzählte eine Geschichte von Blut und Tod, wie wir sie täglich zu sehen bekamen. „Mach das mal lauter“, bat ich ihn.

Die Lautstärkeanzeige am Bildschirm stieg, bis ich die blonde Frau deutlich verstehen konnte.

„… hat die Gemeinschaft der Venatoren wieder einmal einen schweren Angriff von Proles zu verzeichnen. Die Tragödie ereignete sich heute am frühen Nachmittag in Lissabon. Sieben Menschen wurden dabei verletzt. Zwei tödlich und zwei weitere werden die Nacht nicht überleben. Kanya Witmer ist für uns vor Ort und berichtet über das Geschehen.“

Das Bild wechselte vom Nachrichtenstudio auf einen abgesperrten Bereich in einem noch halb mit Schnee bedeckten, kleinen Park, in dem eine überbezahlte blonde Barbie mit Mikrofon versuchte, sich bei dem starken Wind die Haare aus dem Gesicht zu halten, um vor der Kamera eine besonders gute Figur abzugeben – aber das funktionierte nicht. Wenigstes ihr Bericht war den Umständen entsprechend gut.

Der Ort des Geschehens, ein Spielplatz, war zu dem Zeitpunkt nur von ein paar Jugendlichen benutzt worden, die mit ihrer freien Zeit nichts Besseres anzufangen wussten, als dort rumzulungern, als die Krants, auf der Suche nach ihrer nächsten Mahlzeit, auf sie aufmerksam wurden. Es war ein ganzes Rudel, das hinterrücks über die ahnungslosen Jugendlichen hergefallen war und ein Blutbad angerichtet hatte. Sie hatten keine Chance gehabt.

Beim Eintreffen der Venatoren konnte nur noch Schadensbegrenzung betrieben werden. Elf Krants wurden exekutiert, doch ein Großteil des Rudels war entkommen und würde in der Zukunft sicher für weitere brutale Taten Sorgen. 

Die Bilder waren schrecklich, die Tat noch schrecklicher.

Es würde wohl niemals enden.

°°°°°

Ein ungeselliger Zeitgenosse

Nervös war ich schon ein bisschen, als ich vor dem imposanten Flachbau der Venatorengilde stand. Dieses Bauwerk, das noch Geschichten aus längst vergessener Zeit erzählte, würde ab heute für die nächsten drei Monate der Mittelpunkt meines Lebens sein. Okay, das war vielleicht doch ein wenig übertrieben, aber aufregend war es schon. 

Eigentlich musste ich mir eingestehen, dass dieses Gebäude mit seiner roten Backsteinfassade nicht wirklich eindrucksvoll, sondern einfach nur alt war, vielleicht sogar ein wenig verfallen, aber auf mich wirkte es trotzdem imposant, einfach weil ich wusste, was sich hinter den breiten Holztüren verbarg: Der Traum meiner Zukunft.

Hinter mir stöhnte Seth und ließ seinen genervten Blick unter dem braunen Haar die Straße runter gleiten. „Na endlich, da kommt er.“

Die anderen vier Jungs gaben zustimmende Geräusche von sich.

Seit fast zwanzig Minuten standen wir uns hier die Beine in den Bauch und warteten auf unseren Nachzügler Devin, der nun mit eiligen Schritten auf uns zuhielt.

Wir hatten gestern noch verabredet, alle zusammen hier aufzuschlagen. Okay, eigentlich war er gar nicht zu spät, wir waren nur alle zu früh da gewesen – allen voran ich –, aber trotzdem nervte das Warten. Wir waren alle aufgeregt. Die Jungs blödelten schon die ganze Zeit miteinander herum und pöbelten sich gegenseitig an, nur um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben. Es war nervig und das hier Dumm Rumstehen und Däumchen zu drehen, machte das Ganze nicht besser.

In Devins Gesicht stand ein breites Grinsen, als er mit einem „Da bin ich“ bei uns eintraf. „Pünktlich wie die Maurer.“

Genau wie wir anderen war er eher leger gekleidet. Hier bei der Gilde gab es keine Uniformen, wie es bei den staatlichen Venatoren Vorschrift war.

„Dir ist klar“, sagte ich, „dass dieser Spruch darauf zurückzuführen ist, dass die Maurer auf die Minute genau die Kelle aus der Hand legen, um Feierabend zu machen?“

„Feierabend hört sich gut an, aber erst mal will ich es mit Arbeit versuchen.“ Devin legte mir kumpelhaft den Arm um die Schulter. Daran störte ich mich nicht, er war in Ordnung.

„Zur Abwechslung mal, meinst du?“, spottete Seth.

Sie waren zwei von sieben Lehrlingen, die sich freiwillig zu einem Praktikum bei der Gilde gemeldet hatten, da die Plätze bei den staatlichen Venatoren immer knapp begrenzt waren. Und ich war unter ihnen das einzige Mädchen.

„Hin und wieder brauch der Mensch eben etwas Abwechslung“, sagte ich und schob Devins Arm von meiner Schulter. „Und jetzt kommt, wir sind schon spät dran.“

Bay schnaubte. „Das mit dem Lesen der Uhr üben wir aber noch mal. Wir haben noch fast zehn Minuten.“

Das wurde schon aus Prinzip ignoriert, als ich die drei Stufen bestieg, um die Tür dann wohl etwas zu schwungvoll aufzumachen. Aber ich konnte es eben kaum noch erwarten.

Wirkte die Straße draußen ziemlich ruhig und fast leer, so herrschte hier drin das Leben. Das Geräusch von Stimmen und dem Klingeln der Telefone begrüßte uns, als wir nacheinander in den Eingangsbereich traten. Einen Moment ließ ich das Erscheinungsbild der Gilde auf mich wirken. Es war nicht das erste Mal das wir hier waren. Im Rahmen einer Expedition der Beluosus Akademie hatte ich zu Anfang der Ausbildung sowohl schon einmal die Gilde, als auch die staatliche Einrichtung der Venatoren besucht und ich musste sagen, hier hatte sich nicht das Geringste verändert.

Der Eingangsbereich war nicht sehr groß und durch einen langen Tresen von dem Arbeitsareal mit den Schreibtischen abgetrennt. Der alte Parkettboden war immer noch zerkratzt und die dunkel vertäfelten Wände noch immer mit Werbung, Informationen und Postern zum Thema Proles behangen. Sogar die drei alten Holzstühle mit den aufgeplatzten und zugeklebten Polstern schienen noch genau die gleichen vom letzten Mal zu sein.

Während ich den Anblick noch auf mich wirken ließ, trat Devin bereits zu dem langen Holztresen, mit der von den Jahren zerkratzen Oberfläche, um den Mann dahinter auf sich aufmerksam zu machen.

Als wir anderen seinem Beispiel folgten und uns zu ihm gesellten, schaute der Mittdreißiger mit den braunen Augen von seinen Unterlagen auf.

„Hey“, begann Devin. „Wir sind von der Beluosus Akademie und …“

„Ah, dann seid ihr wohl der Nachschub. Lasst euch mal ansehen.“ Er ließ den Blick nacheinander über uns gleiten, verweilte bei mir einen Moment länger als bei den Jungs – ja, mir war bewusst, dass Frauen in diesem Job eher selten waren – und grinste uns dann mit einem Lächeln an, dass sogar seine Augen erreichte. Dabei zeigte er uns einen angeschlagenen Schneidezahn. „Ja, könnte was werden mit euch.“ Er lehnte die Unterarme auf den Tresen und beugte sich ein wenig weiter vor. „Und jetzt könnt ihr es sicher kaum noch erwarten loszulegen und da draußen ein paar Proles in den Hintern zu treten, hab ich recht?“

„Na dafür sind wir ja schließlich hier“, grinste Bay.

Ein Stück weiter am Tresen saß noch eine dunkelhaarige Frau mit Headset an einem Computer und tippte fleißig in die Tasten. Ihr Blick glitt zwar kurz über uns, aber ihre Arbeit war dann wohl doch interessanter.

„Na dann folgt mir mal. Aber bevor wir euch euren Lehrcoachs zuteilen, möchte unsere Meistervenatorin noch ein paar Worte an euch richten. Los, hier lang.“ Er deutete auf den Durchgang im Tresen und wartete bis wir uns alle im Herzen der Gilde versammelt hatten. Hier wo die vielen Schreibtische in Reih und Glied standen, die Aufträge und Notrufe eingingen. Es machte ein bisschen den Eindruck von einem großen Polizeirevier wie man es aus Filmen kannte. Nur die Leute hier schienen lockerer drauf zu sein. Jeans, Shirts und Lederjacken. Ein paar von den Kerlen schienen wirklich raue Gesellen zu sein. Und viele von ihnen hatten auch Narben. Es gab nur eine Auffälligkeit. Nur Männer, keine einzige Frau. Also entweder gab es hier keine, oder die waren gerade alle im Außendienst.

„Genug geguckt?“, lächelte unser Begrüßungskomitee über unsere neugierigen Blicke – ja, ich war nicht die einzige, die sich alles ansah. „Na dann kommt mal mit. Jilin erwartet euch sicher schon.“

Okay, ich revidierte. Es gab hier zumindest eine Frau. Das hatte ich schon gewusst. Sie war sogar die Chefin, die über diese Männerdomäne regierte. So zumindest hatte Herr Keiper es uns einmal gesagt. Bis ein Proles ihn an der Schulter erwischt hatte und ihn damit für den Außendienst untauglich machte, war er in dieser Gilde als Venator tätig gewesen.

Ich war gespannt.

„Ich bin übrigens Maximilian Henning, aber nennt mich ruhig Max“, sagte er, als er uns an den Schreibtischen vorbei in den seitlichen Bereich zu einem Korridor brachte, von dem die Büros, Toiletten und das Konferenzzimmer abgingen. Am Ende des Korridors gab es auch noch eine Treppe, die nach unten in den Keller zu den Trainingsanlagen und der Forschungseinrichtung führte. Das wusste ich noch von meinem letzten Besuch mit dem ganzen Kurs, als wir eine Führung durch das ganze Gebäude bekommen hatten.

Aber jetzt führte uns unser Weg nicht nach links zur Treppe, sondern nach rechts zu den Büroräumen. Dabei kamen wir an dem offenem Krankenzimmer vorbei, in dem sich ein großgewachsener, blonder Mann um die dreißig, gerade einen Verband von der älteren Frau, an den Rippen anlegen ließ. Sie machte den Eindruck des netten Großmütterchens, das einen mit Keksen an der Tür begrüßte. Er dagegen war ein Kerl, den man einfach nur als Leckerbissen bezeichnen konnte. Nicht mal die lange Narbe an seine Schläfe tat seiner Ausstrahlung einen Abbruch. Und dass er obenrum frei war, ließ auch nicht viel Platz für Phantasien.

„Wenn du nicht aufpasst“, raunte Seth mir ins Ohr, „dann fallen dir gleich die Augen raus.“

Leicht angewidert wich ich ein Stück von ihm zurück. Keine Ahnung warum, aber ich konnte den Kerl noch nie ausstehen. „Lass das mal meine Sorge sein.“ Ich warf noch einen letzten Blick in das Krankenzimmer, wo der Mann uns in der Zwischenzeit bemerkt hatte und folgte dann den anderen, ohne auf sein Lächeln einzugehen.

Seth beeilte sich mir nachzukommen. „Wenn du willst, kann ich auch mal mein T-Shirt für dich ausziehen.“

Oh Gott, was sollte das denn jetzt? „Ich verzichte dankend.“ Eilig beschleunigte ich meine Schritte, bis ich neben Devin lief. Hier war ich wenigstens vor blöden Sprüchen sicher.

Maximilian führte uns den Korridor entlang bis zu dem offenstehenden Büro ganz am Ende, wo ein schlichtes Schild mit der Aufschrift Jilin Halco, Chefvenator ankündigte. Während wir uns um ihn gruppierten, klopfte er mit den Knöcheln gegen den Türrahmen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. „Hey, Jilin, ich hab hier die Praktikanten von der Beluosus Akademie und sie können es kaum erwarten sich uns anzuschließen.“

„Schick sie rein“, antwortete eine weiche Stimme. „Und sag den Lehrcoachs Bescheid, dass ich sie sehen will.“

„Klar, kein Problem.“ Er machte eine Schwungvolle Handbewegung. „Na dann mal rein mit euch. Und keine Angst, heute hat sie gute Laune, das heißt die Gefahr, dass sie euch beißt, ist sehr gering.“

„Ich kann dich hören Max.“

Leise lachend machte er sich auf den Weg zurück. Wir dagegen betraten nacheinander das Büro der Chefin und sahen uns zögern um. Gleich war es soweit.

Hier sah es nicht viel anders aus als im übrigen Gebäude. Holzboden und vertäfelte Wände. Nur der imposante Schreibtisch in der Raummitte hinter dem Jilin Halco in einem ledernen Drehstuhl saß, schien nicht so alt wie die anderen draußen.

„Na los, kommt rein, nicht so schüchtern.“ Die Meistervenatorin war eine schlanke, durchtrainierte Frau Ende dreißig, mit einem kurzen schwarzen Bob auf dem Kopf. Ihre aufmerksamen, grauen Augen sprachen von einer asiatischen Abstammung, während die dunkle Hautfarbe eher an eine afrikanische denken ließ.

Vor ihr auf dem Schreibtisch lagen mehrere Ordner, die ich als unsere Bewerbungsmappen erkannte. Die oberste trug das Bild von einem lächelnden Seth.

„Die Tür könnt ihr offen lassen und sucht euch irgendwo einen Platz.“

Platz suchen war gut. Das war gar nicht so einfach, denn außer ihrem Stuhl gab es hier nur noch vier andere, die innerhalb kürzester Zeit besetzt waren. Aber da ich keine Lust hatte zu stehen, ließ ich mich kurzerhand auf Devins Schoß nieder. Bay und Seth hatten nicht so viel Glück, die mussten stehen bleiben.

„So, da wären wir nun alle.“ Jilin lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und ließ musternd den Blick über uns wandern. Er blieb an mir hängen. „Und siehe da, die weibliche Note unter der raubeinigen Männlichkeit. Eine Seltenheit. Grace Shanks, wenn ich mich nicht täusche?“

Ich nickte. „Ja, das bin ich.“

„Ich habe viel Gutes von dir gehört, sogar ein Empfehlungsschreiben deines Mentors Noelle Keiper bekommen. Du sollst sein bester Lehrling sein.“

„Ja, ich bin ziemlich gut in dem was ich mache.“

Ihr Mundwinkel zuckte. „An Selbstbewusstsein scheint es dir ja nicht zu mangeln.“ Sie ließ ihre Hand über die Ordner wandern, bis sie meinen daraus hervorzog. „Mit deinen Noten hätten die dich drüben bei den Staatlichen mit Kusshand genommen. Wir bekommen meist eher die schwierigen Fälle, die sich nicht so gerne an Regeln halten wollen. Warum also bist du hier gelandet? Du scheinst nicht gerade ein Unruhestifter zu sein.“

Ob ihr klar war, dass die Jungs nichts an den Ohren hatten und jedes ihrer Worte hören konnten? „Ich wollte hierher.“ Als ich mich ihrem eindringlichen Blick gegenüber sah, fühlte ich mich gezwungen noch etwas hinzuzufügen. „Ich mag keine Uniformen.“

Das entlockte ihr ein kleines Lächeln. „Sag mir Grace, warum hast du dich für den Weg des Venators entschieden? Natürlich kenn ich deine Vorgeschichte, aber trotzdem ist es für ein junges Mädchen wie dich etwas ungewöhnlich. Du scheinst sehr intelligent zu sein und hättest in anderen Jobs sicher eine bessere Zukunft vor dir, in der du auch wesentlich mehr verdienen könnest. Außerdem ist es in der Männerdomäne der Venatoren für eine Frau nicht immer ganz einfach. Ich spreche da aus eigenen Erfahrungen.“

Das war wohl das erste Mal, dass ich so direkt gefragt wurde und ich zögerte mit meiner Antwort ein bisschen, weil ich mir nicht sicher war, was genau sie hören wollte. „Naja, die Proles sind eine Gefahr, sie müssen aufgehalten werden.“ Und ich würde persönlich dafür sorgen, dass jedes einzelne dieser Biester für den Tod meiner Eltern büßte.

Lange und eindringlich sah sie mich an, als kannte sie die Wahrheit hinter meinen Worten, schwieg jedoch und wandte ihre Aufmerksamkeit nun Seth zu. Er musste ähnliche Fragen wie ich beantworten, genau wie die anderen Jungs. Sie unterbrach ihr Interview auch nicht, als der Mann aus dem Krankenzimmer ins Büro kam und sich mit verschränkten Armen an die Wand lehnte, um der Unterhaltung zu lauschen. 

Und er war auch nicht der Einzige. Nach und nach gesellten sich fünf weitere Männer zu unserer kleinen Gruppe und mir wurde sehr schnell klar, dass das die Lehrcoachs sein mussten. Drei von ihnen kamen ganz nett rüber, zwei schienen nach dem Aussehen ziemlich raue Gesellen zu sein, aber nicht weniger sympathisch, aber keiner von ihnen konnte mit dem Aussehen des Blonden mithalten.

Wer von ihnen wohl mein Lehrcoach werden würde? So wie die Jungs aus meinem Kurs immer wieder Blicke in ihre Richtung warfen, stellten sie sich wohl die gleiche Frage.

Ich warf einen Blick durch die Tür, in Erwartung den siebten Lehrcoach zu sehen, schließlich waren wir auch sieben Praktikanten, doch auch nach zehn Minuten tauchte niemand weiter auf. Hieß das, dass zwei Praktikanten denselben Coach bekamen? Oder vielleicht bildete die Chefin ja auch selber jemanden aus. Konnte das sein? Vielleicht wollte die Frau ja mich als Praktikantin, so als Front gegen die Männerwelt. Das würde mir gefallen. Sie war bestimmt nicht ohne Grund Meisterin der Venatorengilde.

„Ich will helfen“, sagte Bay gerade. Er war der letzte in der Reihe der Befragten. „Ich gehe raus auf die Straße und sehe das ganze Leid. Ich meine, okay, die Politiker und so haben in den letzten Jahren schon eine ganze Menge geleistet, die Städte sicherer gemacht. Heute haben die Proles es nicht mehr so leicht in Häuser einzudringen, aber leider nur bei den Neubauten. Es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die in akuter Gefahr schweben und die Waffen, die sie laut Gesetz zum Selbstschutz jetzt bei sich tragen dürfen, bringen nicht viel.“

„Diese Waffen konnten bereits viele Leben retten“, entgegnete Jilin ruhig.

„Viele sind aber nicht alle.“

Der Mundwinkel der Chefin zuckte nach oben. „Da muss ich dir leider zustimmen.“ Sie lehnte sich vor, um die Ordner sorgfältig nebeneinander vor sich aufzureihen. „So, bevor ich euch nun zuteile, gibt es noch ein paar allgemeine Dinge zu sagen. Erstens. Wenn ihr da draußen einen Auftrag erledigt, hört ihr ohne Widerworte auf eure Coachs, auch wenn es euch nicht passt was sie zu sagen haben. Sie haben die Erfahrung, sie wissen wie es läuft und ihre Ansagen können euch das Leben retten. Wer nicht hört, der fliegt noch in der gleichen Minute aus der Gilde und wird keine Zukunft als Venator haben. Weder hier, noch bei den Staatlichen, dafür werde ich sorgen.“

Oh wow, das klang ziemlich hart.

„Zweitens. Für den Zeitraum bei uns, werdet ihr Waffen und einen entsprechenden Ausweis dafür von der Gilde ausgehändigt bekommen, die ausschließlich für den Kampf gegen die Proles gedacht sind. Verwendet ihr sie anderweitig, nehme ich sie euch nicht nur persönlich ab, ihr bekommt von mir auch noch eine Anzeige und fliegt sofort aus der Gilde. Drittens. Ich brauche hier niemanden, der Unruhe stiftet, oder nur auf die Straße will, um ein bisschen rumzuballern. Das hier ist eine ernste Angelegenheit, die Menschenleben sowohl kosten als auch retten kann. Ich werde es auch nicht dulden, dass ihr hier rumgammelt, weil mal nichts zu tun ist. Im Keller haben wir ein großes Sortiment an Trainingsausrüstung. Habt ihr mal ein bisschen Zeit, nutzt diese um in Form zu bleiben. Viertens. Sollte es euch aus irgendeinem Grund mal nicht gut gehen, gesundheitlich meine ich, dann sagt mir das. Wenn ihr nicht topfit seid, kann ich euch nicht auf die Aufträge ansetzten, weil ich nicht gewillt bin, euer Leben aus purem Selbststolz aufs Spiel zu setzten. Natürlich könnt ihr auch zu mir kommen, wenn ihr anderweitig Probleme habt. Ich werde immer ein offenes Ohr für euch haben. Und als letztes …“ Sie lehnte sich zurück und sah uns der Reihe nach fest in die Augen. „Egal um was es geht, ich habe immer das letzte Wort. Wem das nicht passt, dem steht es frei zu gehen.“ Sie ließ die spitzen ihrer Finger über den Rand von Bays Ordner wandern. „Wenn ihr da draußen seid, erinnert euch immer gut an eure Ausbildung. Seid wachsam und bereit. Schon der kleinste Fehler kann die Entscheidung zwischen Leben und Tod bedeuten. Haben das alle verstanden?“

Einstimmiges Nicken.

„Gibt es noch irgendwelche Fragen?“

Nicht von den Praktikanten, aber einer von den Männern, ein Türke mit einem Drachentattoo auf dem Oberarm meldete sich zu Wort. „Ich hätte da noch eine Frage.“

Jilin kniff argwöhnisch die Augen zusammen. „Und die wäre?“

„Bekommen wir für die Aufgabe als Coach eigentlich Vergütungen? Sowas wie Provision, oder so? Ich würde mich auch mit einem Abendessen mit dir zufrieden geben. Sagen wir am Freitag?“

Oh wow, ich wusste gar nicht, dass ein Mensch so böse gucken konnte. Dafür bräuchte sie glatt einen Waffenschein.

„Nein, aber ich könnte eine Gehaltskürzung für dich arrangieren, wenn du das möchtest.“

„Wenn du das machst, kann ich das Abendessen aber nicht mehr bezahlen.“

Der blonde Sonnyboy aus dem Krankenzimmer wandte sich ein wenig ab, damit Jilin das Lächeln in seinem Gesicht nicht sehen konnte. Auch die anderen Venatoren schienen es schwer zu haben, nicht in ein Grinsen zu verfallen.

Jilin seufzte, als würde das nicht zum ersten Mal passieren, ging aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen nahm sie den Ordner von Seth in die Hand und reichte ihn ihm über den Schreibtisch hinweg. „Hier, Aziz, das ist deiner. Nimm ihn und verschwinde aus meinem Büro, bevor ich meine Waffe auf dich richte.“

Der Sonnyboy lachte. „Was nicht das erste Mal wäre, wenn ich mich recht erinnere.“

Aziz nahm den Ordner grinsend entgegen. „Und bestimmt auch nicht das letzte Mal. Komm Grünschnabel, wir gehen mal nach vorne zu Madeleine und sehen nach, was sie so für uns hat.“ Er wartete, bis Seth ihm folgte und verschwand dann mit ihm aus dem Büro. „Und dann werden wir dich erst mal ordentlich ausrüsten.“

„Und bring mir den Jungen lebend wieder!“, rief Jilin ihm noch hinterher.

„Ich werde mir Mühe geben!“, rief er aus dem Korridor grinsend zurück.

Einen kurzen Moment war ich doch ein wenig sprachlos. Das war sicher nur ein Scherz gewesen, auch wenn Jilin nicht so aussah. Galgenhumor von der schwärzesten Sorte. Oder?

Die Meisterin schüttelte genervt den Kopf und griff nach den nächsten zwei Ordnern. „Maik, du bekommst den kleinen Blonden und Greg, du kannst den Langen haben.“

Nacheinander verteilte Jilin Ordner und Praktikanten an die Venatoren, bis nur noch der Sonnyboy an der Wand lehnte.

„Shea, du bekommst Devin und …“ Als sie den Kopf hob, die Hand schon halb nach meinem Ordner ausgestreckt, runzelte sie die Stirn. „Wo, verdammt noch mal, ist Tack?“

Schulterzuckend griff Sonnyboy nach dem Ordner. „Keine Ahnung.“

Sie stöhnte genervt. „Hast du ihn heute schon gesehen?“

„Nee, der war heut noch nicht da. Wird wahrscheinlich auch erst wieder am Abend aufkreuzen, wenn er die Beichte abgeben muss.“

„Das könnte ihm so passen“, knurrte sie vor sich hin und griff nach dem Telefonhörer.

Shea gab Devin das Zeichen mich von seinem Schoß zu schubsten und ihm zu folgen. Aber damit es gar nicht erst so weit kommen konnte, erhob ich mich von allein und nahm auf dem Stuhl daneben Platz. Dann konnte ich nur noch zugucken, wie er mit seinem Lehrcoach verschwand und mich fragen, was das jetzt schon wieder zu bedeuten hatte.

Jilin legte den Telefonhörer auf, nur um noch mal zu wählen. Dieses Mal hielt sie es aber nicht für nötig den Hörer zu benutzen, sondern stellte den Apparat auf Lautsprecher. Es klingelte. Dreimal, viermal, dann wurde sie einfach weggedrückt. Sie zog ein finsteres Gesicht und wiederholte die Prozedur. Einmal und noch einmal. Und noch ein weiteres Mal. Immer mit demselben Ergebnis. Erst beim neunten versuch wurde am anderen Ende abgehoben.

„Was verdammt? Ich bin beschäftigt!“, schnauzte eine unfreundliche Stimmer in den Hörer.

Davon ließ Jilin sich nicht beeindrucken. Völlig entspannt lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, die Finger immer noch auf der Wahlwiederholung. „Tack, was habe ich dir gestern gesagt?“

„Keine Ahnung.“ Im Hintergrund war das murmeln einiger aufgebrachter Stimmen zu hören. „Wenn du anfängst zu sprechen, schalten meine Ohren meist auf Durchzug.“

Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief ein, als müsste sie sich beruhigen. „Ich hab dir gesagt, du bekommst einen Praktikanten, der nun hier bei mir sitzt und auf dich wartet. Also beweg deinen Hintern hierher und hol ihn ab.“

„Vergiss es, ich werde mir keinen Grünschnabel ans Bein binden.“ Damit legte er einfach auf.

O-kay. Was bitte war das gerade gewesen? Hieß das, mein Lehrcoach wollte gar keinen Praktikanten?

Jilin warf mir einen kurzen Blick zu. „Einen Moment noch.“ Sie drückte erneut die Wahlwiederholung und dieses Mal wurde schon beim ersten Klingeln abgenommen.

„Ich habe nein gesagt, ich arbeite allein und das weißt du auch. Also komm mir ja nicht mit irgendwelchem Blödsinn von wegen, ich kann auch kündigen und mir ´nen anderen Job suchen, wenn mir etwas nicht passt. Gib die Kleine irgendeinem anderen, ich will sie nicht und jetzt hör auf mich zu nerven, ich hab zu arbeiten!“

Damit legte er erneut auf und nur das Tuten erfüllte die Stille im Büro.

Okay, das war … seltsam. Hieß das, dass ich einen Lehrcoach bekommen sollte, der mich gar nicht haben wollte?

Noch ein letztes Mal griff Jilin nach dem Hörer, aber diesmal rief sie vorn am Empfang an. „Max, komm mal bitte in mein Büro.“ Als sie den Hörer zurück auf die Gabel legte, sah sie mich an. Auf den Unterarmen lehnte sie sich vor, die Finger verschränkt. „Du fragst dich sicher, was das zu bedeuten hat.“

Das war noch untertrieben. „Kann man so sagen.“

Sie lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück, spielte dabei an der Ecke von meinem Ordner herum. „Du hast schriftlich darum gebeten, dem besten Venator unserer Truppe zugeteilt zu werden, um deine Leistungen zu fördern.“ Sie schmunzelte über die Förmlichkeit in meinem Brief. „Tack ist … schwierig, er hat seinen eigenen Kopf, aber er ist auch unweigerlich der beste Venator unserer Gilde.“

„Aber er will keinen Praktikanten.“

„Das hat er nicht zu entscheiden. Ich bin hier die Chefin und ob es ihm nun passt oder nicht, ich gebe hier den Ton an. Er wird sich fügen.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Außer, du überlegst es dir noch einmal anders, dann gebe ich dir einen anderen Lehrcoach.“

So abweisend und unfreundlich wie der Kerl sich angehört hatte, war das vielleicht gar keine so schlechte Idee. Andererseits, wenn ich die Beste werden wollte, musste ich vom Besten lernen, auch wenn der … naja, ebenso war. „Und wenn er nicht will? Also wenn er mich einfach stehen lässt?“

„Er ist vielleicht etwas schwierig, aber er respektiert mich und befolgt meine Anweisungen, auch wenn er nicht will. Du darfst dich nur nicht von seiner Art abschrecken lassen, dann kann er dir eine Menge beibringen.“ Sie tippte mit dem Finger auf den Schreibtisch. „Es liegt ganz bei dir, ich lasse dir die Wahl.“

Was wohl mehr war, als andere Praktikanten bekamen. Ob das an sowas wie Frauensolidarität lag? „Was ist mit Ihnen? Können sie mich nicht ausbilden? Sie haben sicher auch ´ne Menge auf dem Kasten, sonst würden sie sicher nicht da sitzen.“

Das ließ sie Schmunzeln. „Danke und ja, ich habe eine Menge auf dem Kasten, aber mit mir würdest du nicht glücklich werden. Nachdem mir ein Spuma das linke Bein abgerissen hat, gehe ich nicht mehr in den Außeneinsatz. Auch wenn mir die Jagd manchmal fehlt, mit der Protese bin ich nicht mehr fit genug dafür.“

Als ich noch über ihre Worte nachdachte, erschien Max im Türrahmen und setzte sich neben mich auf den Stuhl. „Was gibt´s?“

„Einen Moment noch.“ Sie richtete ihren Blick wieder auf mich. „Also, wie entscheidest du dich?“

Ganz klar, da gab es nur eine Antwort. „Ich werde es mit ihm versuchen.“

„Damit zeigst du mir, dass ich mich nicht in dir getäuscht habe.“ Sie wandte sich an Max. „Gibt´s vorn viel zu tun, oder kannst du dich für eine Stunde frei machen?“

„Nee, ziemlich ruhig heute, das schafft Madeline ´ne Zeitlang auch allein.“

„Kannst du mir dann einen Gefallen tun und herausfinden, wo Tack sich gerade rumtreibt, um unsere Praktikantin zu ihm zu bringen?“

„Ich soll sie zu Tack bringen?“ Er runzelte die Stirn. „Warum?“

„Weil er sich weigert herzukommen, um seinen Grünschnabel abzuholen.“

Bei dieser Bezeichnung verzog ich missmutig das Gesicht. Okay, ich hatte bisher nur in der Akademie mit vergleichbar harmlosen Proles gelernt, aber deswegen war ich noch lange kein blutiger Anfänger.

Max dagegen hob ungläubig seine Augenbrauen. „Reese Tack ist dein Lehrcoach?“ Er tätschelte mir fast mitleidig die Schulter. „Ich hoffe du bist hart im Nehmen, Mädel, sonst hältst du es nicht lange mit dem Kerl aus.“

O-kay, vielleicht hätte ich mir doch einen anderen Coach wünschen sollen.

„So, da das nun geklärt ist, raus aus meinem Büro, ich habe zu arbeiten.“ Sie hielt Max den Ordner hin. „Gib ihn Tack und wenn er ihn nicht nehmen will, zieh ihm damit, mit schönen Grüßen von mir, eine über den sturen Schädel.“

Max nahm lächelnd den Ordner und gab mir ein Zeichen, ihm nach draußen zu folgen. „Am besten rüsten wir dich erst mal aus und dann gucken wir, wo wir Tack auftreiben können. Und lass dich von uns nicht verunsichern, er ist kein schlechter Kerl, nur ein wenig …“

„Schwierig“, sagte ich zeitgleich mit ihm. „Ja, das hat mir Jilin schon gesagt.“

„Hat sie dir auch gesagt, warum er so schwierig ist?“ Er führte mich den Korridor entlang nach hinten zur Treppe.

„Nein, nur dass ich mich nicht von seiner Art abschrecken lassen soll.“

„Und damit hat sie ganz recht. Lass dir einfach nichts von ihm gefallen, dann werdet ihr beide sicher bestens miteinander auskommen.“

Das glaubte ich erst, wenn ich es erlebte.

Zusammen gingen wir nach unten in die Waffenkammer, wo ich ein Arbeitsbag bekam, den ich mir um die Hüfte schnallen konnte. Daran gab es verschiedene Halterungen, wo ich zum Beispiel das Armeemesser mit der gezackten Klinge und Taser reinstecken konnte. Auch wurde mir ein kleiner Handflammenwerfer ausgehändigt, wie ihn heute fast jeder bei sich trug. Es sah aus wie eine Sprühflasche für Haarfestiger mit einer Tröte oben dran. Ein Blasrohr mit verschiedenen Pfeilen gehörte auch zur Ausrüstung, genau wie die M1911A1, die ich in das dafür vorgesehenen Holster steckte.

Es war nicht das erste Mal, dass ich eine solche Schusswaffe in der Hand hielt, aber das erste Mal, dass ich damit das Gebäude verlassen durfte. Das war ein ganz komisches Gefühl. Irgendwie aufregend. Ich kam mir damit stärker vor, fast wie ein richtiger Venator.

Danach wurde von mir ein Foto für meinen Gildenausweis gemacht. Aber da die Erstellung ein paar Tage dauern konnte, bekam ich wie alle anderen Praktikanten auch, erst mal einen vorläufigen Ausweis ausgehändigt, der bewies, dass ich auf dem besten Weg war, meinen Traum zu erfüllen.

Voll ausgerüstet und mit einem Ausweis in der Tasche, der mich vom Gesetz her befugte, Jagd auf Proles zu machen, fand ich mich irgendwann mit Max oben am Empfangstresen wieder, wo er sich, neben die Frau mit dem Headset, auf die Arme gestützt lehnte.

Zwischen den Schreibtischen im hinteren Bereich sah ich Devin und Bay mit ihren Coachs, wie sie sich angeregt unterhielten. Die anderen waren nicht da. Wahrscheinlich waren sie schon unterwegs, um die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren. Hoffentlich war mein Coach nicht so ein Griff ins Klo, wie es im Moment noch den Anschein erweckte.

 „Hey, kannst du mir sagen, wo Tack sich im Augenblick rumtreibt?“, erkundigte sich Max bei der Frau.

„Er hat sich noch nicht von seinem Auftrag zurückgemeldet. Letzter Status war grün, vor …“ Sie runzelte die Stirn, tippte eilig etwas in die Tastatur und scrollte dann mit der Maus über den Bildschirm, bis sie das gesuchte gefunden hatte. „Ah, hier steht´s. Reese Tack, letzter Status grün vor zweiundsiebzig Minuten.“

„Grün?“, fragte ich und beugte mich ein wenig vor, um einen besseren Blick auf den Monitor zu haben. „Was bedeutet das?“

„Grün bedeutet, dass Tack zum Zeitpunkt seines letzten Anrufes noch gesund und munter war“, erklärte Max mir. „Jeder Venator muss sich spätestens alle zwei Stunden hier melden, damit wir wissen, wie es ihm geht. Wird die Zeit überschritten, färbt sich sein Status gelb und wir müssen davon ausgehen, dass etwas passiert ist, dass ihn ein Proles erwischt hat und er entweder so schwer verletzt ist, dass er sich nicht mehr bei uns melden kann, oder sogar tot ist.“

„Nach genau zwei Stunden gibt der Computer mir ein Warnsignal“, fuhr die Headset-Frau fort. „Dann rufe ich bei dem entsprechenden Venator an. Kann ich ihn innerhalb von zwanzig Minuten nicht erreichen, wechselt der Status auf Rot und ich schicke ein Team zu seinem Auftrag, damit die da nach dem Rechten sehen können. Es ist nämlich schon vorgekommen, dass der Venator von einem Proles getötet wurde und es erst nach Stunden bemerkt wurde. In der Zwischenzeit hatte der betreffende Proles weitere Menschen getötet und damit sowas nicht mehr passieren kann, haben wir diese Sicherheitsvorrichtung.“ Sie lächelte mich an und reichte mir die Hand. „Ich bin übrigens Madeline.“

„Grace“, sagte ich und nahm ihre Hand. Es war ein fester Griff, der mir zeigte, dass sie hier mehr machte, als den ganzen Tag nur als Tippse zu arbeiten.

„Freut mich, dich kennen zu lernen. Du machst hier jetzt dein Praktikum?“

„Sobald wir meinen Lehrcoach gefunden haben, habe ich das vor.“

„Gefunden?“ Sie zog eine perfekt gezupfte Augenbraue nach oben. „Soll das heißen, du bist Tacks Grünschnabel?“

Da, schon wieder dieses Wort. Was sollte das? „Ich bin Tacks Praktikantin“, verbesserte ich sie. Oder würde es sein, sobald wir ihn gefunden hatten. 

Mit einem etwas überraschten „O-kay“ schrieb sie die Adresse von Tacks Auftrag auf einen Notizzettel und reichte ihn dann an Max. Dann wünschte sie mir, in einem äußerst seltsamen Ton, noch viel Glück und schon war ich zusammen mit Max, in einem Wagen der Gilde, auf dem Weg zu meinem Lehrcoach.

Es war nicht wirklich weit, zwanzig Minuten durch die Innenstadt, dann hielt er auch schon in einer Ladenstraße am Bordstein.

„So, hier müsste es sein.“ Er ließ den Blick durch die Frontscheibe wandern, bis er auf einen blauen Geländewagen, wie sein eigener, auf der anderen Straßenseite aufmerksam wurde, der das Zeichen der Gilde auf der Tür trug. Ein gelbes Auge, dessen Pupille den Schatten einer Zielscheibe beherbergte. „Da, das ist sein Wagen. Und der daneben gehört Judd.“ Er zeigte auf den weißen Lieferwagen, der direkt vor dem von Reese Tack parkte.

„Judd?“

„Unser Kadavermann.“ Als er meinen leicht angeekelten Gesichtsausdruck sah, musste er grinsen. „Judd ist für den Abtransport der getöteten Proles zuständig. Er bringt die Kadaver in die Verbrennungsfabrik. Und das er hier ist bedeutet, das Tack mit seiner Arbeit fertig ist und bereits aufräumt. Er müsste also bald auftauchen.“ Er nahm meinen Ordner vom Armaturenbrett und reichte ihn mir. „Am besten du wartest einfach bei seinem Wagen. Dann kannst du ihm den auch gleich geben.“

Ich nahm dem Ordner, auch wenn ich von dem Plan nicht sonderlich begeistert war. „Und wenn er mich einfach stehen lässt?“

„Lass dich einfach nicht von ihm abwimmeln. So, jetzt muss ich dich aber rausschmeißen, ich muss zurück.“ Er tätschelte mir väterlich die Schulter. „Zeig ihm einfach nur, dass er dich nicht rumschubsen kann, dann wird das schon was.“

„Ich werde es versuchen“, murmelte ich und stieg aus dem Wagen, ganz knapp an einer Pfütze vorbei. Das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt. Heut war es wenigstens einmal trocken, aber der gestrige Regen hatte überall seine Spuren hinterlassen.

Max winkte mir noch einmal zum Abschied, als er aus der Parklücke rausfuhr und fädelte sich in den flüssigen Vormittagsverkehr ein. Dann stand ich da etwas unsicher herum und wusste nicht ganz was ich tun sollte. Bisher war überhaupt nichts so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber wie hieß es so schön? Es konnte nur besser werden. Naja, zumindest wenn sich herausstellte, dass dieser Reese Tack doch nicht so schlimm war, wie alle behaupteten. Die Venatoren schienen mir ziemlich zu Übertreibungen zu neigen.

Mit diesem Gedanken sah ich mich nach herankommenden Autos um und überquerte dann eilig die Straße. Dann sah ich mir den blauen Geländewagen ein wenig genauer an. Also, als erstes, der müsste dringend mal eine Waschanlage von innen sehen. Was hatte der Kerl damit gemacht? Eine Rallye durch den Sumpf? Da klebten ja sogar Pflanzenreste dran. Wenn der von außen schon so aussah, dann wollte ich gar nicht so genau wissen, was innen los war.

Ich war ein sauberer und ordnungsliebender Mensch und das ging ja mal gar nicht. Trotzdem riskierte ich einen Blick durch die Scheiben. Es gab nur die beiden vorderen Sitze, hinten war alles für die Ausrüstung umgebaut worden. Festverschraubte Waffenschränke, zusammenklappbare Käfige, eine Angel, Netze und … war das ein Thermometer? Was hatte das denn da zu suchen? Wollte er gucken, ob der Proles Fieber hatte?

Während ich noch über die Antwort dieser Frage sinnierte, ging ein paar Häuser weiter die Haustür auf und spuckte zwei Männer mit einem kleinen Leichensack aus.

Solche Säcke kannte ich nicht nur aus dem Fernseher, sondern auch aus dem Unterricht. Darin wurden tote Abkömmlinge transportiert. Welcher Proles sich auch immer in diese Gegend verirrt hatte, jetzt war er Geschichte. Und da die beiden damit rumrannten, war wohl einer von ihnen mein Lehrcoach.

Der Mann der den Sack über seiner Schulter geschmissen hatte, hatte ungefähr meine Größe von eins sechsundsiebzig. Sein Kopf war komplett kahl und mit seinen stämmigen Armen wirkte er etwas gedrungen.

Der Kerl neben ihm, mit dem langen Ledermantel und dem pockennarbigen Gesicht, überragte mich um gut einen Kopf. Er zog gerade eine Schachtel Zigaretten aus seiner Manteltasche und steckte sich eine Kippe in dem Mund. Als er sich vorbeugte, um den Stängel anzuzünden, fiel ihm das dunkelbraune Haar leicht in die Stirn. Dann nahm er einen kräftigen Zug, gab dem anderen Kerl, der den Sack gerade in seinen Lieferwagen verfrachtete, einen kleinen Klaps auf die Schulter und zog sein Handy aus der Tasche.

Jeder Venator muss sich spätestens alle zwei Stunden hier melden, damit wir wissen, wie es ihm geht.

Damit hatte ich wohl mein Zielobjekt ausfindig gemacht. Na, dann mal los. Ich setzte mich in Bewegung, direkt auf ihn zu, doch er lief einfach an mir vorbei, als hätte er mich nicht gesehen, so vertieft war er in sein Telefonat. Na super.

Ich setzte ihm hinterher, umrundete ihn und stellte mich direkt vor ihn. „Hey, ich bin …“

„Ich telefoniere, falls du das nicht gemerkt hast!“, schnauzte er mich an und ging einfach weiter zu seinem Wagen. „Nur so ´ne dumme Göre“, hörte ich ihn noch ins Telefon sagen, als er seinen Wagen aufsperrte und sich hinters Steuer schwang.

Oh nein, auf keinen Fall. So leicht würde ich mich sicher nicht abwimmeln lassen, das konnte er ja mal voll vergessen.

Mit drei Schritten war ich am Wagen, riss die Tür auf und schwang mich auf den Beifahrersitz. Ich brauchte einen Moment, um meine Füße zu ordnen, da der ganze Fußraum voller Müll war. Alte Lebensmittelverpackungen, Dosen, Flaschen, leere Zigarettenschachteln, Papier. Es erweckte den Eindruck, als wollte er hier eine eigene Müllkippe aufmachen – das war echt widerlich. Der überquellende Aschenbecher im Armaturenbrett sah auch nicht viel besser aus. Und der ganze Wagen stank so fürchterlich nach Zigarettenqualm und kalter Asche, dass ich angewidert die Nase verzog. Raucher waren nicht nur eklig, sie machten auch noch in vollem Bewusstsein ihren eignen Körper kaputt. Das würde ich wohl niemals verstehen.

Leicht unwillig schob ich mit dem Schuh eine alte Donutschachtel weg und stellte meinen Fuß dahin. Dann sah ich mich einem äußerst finster blickenden Mann gegenüber, der leicht die Stirn runzelte. Seine Augen waren sehr dunkel und die gebräunte Haut ließ sie fast schwarz wirken. Er musste einen guten Kopf größer sein als ich und das pockennarbige Gesicht gab ihm ein ziemlich raues und düsteres Aussehen. Das konnte aber auch an der Gewittermiene liegen, die er bei meinem Anblick zog.

Ja, ich gab´s ja zu, es war ziemlich dreist so einfach in ein fremdes Auto einzusteigen und normalerweise auch gar nicht meine Art, aber was hätte ich den sonst tun sollen? Er hätte mich sicher einfach auf der Straße stehen lassen und Jilin hatte mir ja gesagt, dass ich mich von ihm nicht abwimmeln lassen sollte.

„Ja, ich bin noch dran“, sagte er mit rauer Stimme und zog einmal an seiner Zigarette.

Ich zog die Tür auf meiner Seite zu und bereute es sogleich, da er den Rauch provozierend in meine Richtung blies und mich damit in eine Nebelwolke hüllte. Husten wedelte ich vor meiner Nase rum und warf ihm einen bösen Blick zu. Das hatte er doch mit voller Absicht gemacht.

„Ja, hab ich verstanden. Schick mir die genauen Daten aufs Handy, ich melde mich dann spätestens in zwei Stunden wieder.“ Ohne mich aus den Augen zu lassen, legte er auf und ließ das kleine Gerät wieder in seiner Manteltasche verschwinden. „Weißt du nicht, dass es für kleine Mädchen gefährlich sein kann, einfach zu einem fremden Mann in den Wagen zu steigen?“

„Nett, dass du dir Sorgen um mich machst, aber ich kann mich wehren, wenn es sein muss.“

„Ich mach mir keine Sorgen um dich, sondern um mich. Wenn das einer gesehen hat, die können mich glatt für pädophil halten.“

Was sollte der Spruch denn bitte? „Also erstens bin ich kein kleines Mädchen mehr und zweitens bist du doch kaum älter als ich. Höchstens Ende zwanzig.“

„Vierundzwanzig und ich könnte dich, trotz deiner Fähigkeiten dich zu wehren, leicht überrumpeln.“

Vierundzwanzig? So jung? Davon mal abgesehen, dass er gar nicht so aussah, als wäre er wirklich so jung, wie konnte er dann einer der Besten sein? Das war doch völlig unglaubwürdig. Aber Jilin hatte das gesagt und wenn ich nicht völlig danebenlag, saß ich hier neben Reese Tack, meinem widerspenstigen Lehrcoach. Und da wir die nächsten drei Monate miteinander klar kommen mussten, sollte ich meine feindliche Haltung wohl besser fallen lassen.

Ich rang mir ein Lächeln von den Lippen ab und hielt ihm meine Hand hin. „Okay, ich versuch es nochmal. Ich bin …“

„Raus.“

Sein Einwurf brachte mich kurz ins Stocken. „Nein, mein Name ist nicht raus, sondern …“ Ich verstummte, als er seinen Arm aufs Lenkrad stütze und sich zu mir vorbeugte, bis sein Gesicht direkt vor meinem war. Das war nicht nur eindeutig zu nahe, das war ja fast schon ein Eingriff in die Privatsphäre.

„Ich sage es dir nur einmal ganz nett. Raus. Aus. Meinem. Wagen.“

Also unter nett verstand ich aber ein bisschen was anderes. „Du verstehst nicht, ich bin …“

„Oh, ich weiß sehr genau wer du bist. Jilin hat mir schließlich schon dein Foto unter die Nase gehalten. Du bist eine von unseren Nachwuchstalenten und ich habe absolut keinen Bock auf dich. Ich arbeite allein, also steig aus.“

Tat ich nicht. Stattdessen griff ich nach dem Gurt und schnallte mich an. Das brachte mir einen echt finsteren Blick ein.

Ganz ruhig drückte er die nur halb gerauchte Zigarette in dem bereits vollen Aschenbecher aus, griff dann über mich hinweg, um meine Tür aufzustoßen und machte sich dann an meinem Sicherheitsgurt zu schaffen. Doch als er ihn löste, hatte ich die Tür bereits wieder zugezogen.

Er gab ein Geräusch von sich, das einem Knurren ähnelte und wollte erneut über mich rüber greifen, doch bevor er das schaffte, hielt ich ihm den Ordner so vors Gesicht, dass er nicht nur seine Sicht blockierte, sondern er ihm praktisch an der Nasenspitze klebte.

„Jilin hat gesagt, dass ich dir den geben soll.“

Er starrte mich finster an.

„Jilin hat auch gesagt, wenn du ihn nicht nehmen willst, dann soll ich ihn dir über den Schädel ziehen und einen schönen Gruß ausrichten.“ Okay, das hatte sie zu Max gesagt, aber der war ja nicht hier, um ihm das auszurichten.

Es war sehr deutlich zu sehen, wie der Ärger in ihm langsam aber sicher anstieg und als er sich auf seinem Sitz zurücklehnte und in seine Manteltasche griff, befürchtete ich schon das Schlimmste, aber er holte nur sein Handy heraus, um nicht weniger verärgert eine Nummer zu wählen.

Während er darauf wartete, dass am anderen Ende abgenommen wurde, schnallte ich mich hastig wieder an und drapierte den Ordner auf dem Müllhaufen in der Mittelkonsole.

„Warum tust du mir das an, ich hab doch ausdrücklich gesagt … ja, ist sie, aber … nein, ich … ja, aber … verdammt, darf ich mal aussprechen?!“

Scheinbar durfte er das nicht, den er blieb stumm und hörte sich an, was am anderen Ende gesagt wurde, nur um dann einfach aufzulegen. „Glaub ja nicht, dass ich dich mit Samthandschuhen anfassen werde, nur weil du ein Mädchen bist“, knurrte er in meine Richtung und startete den Motor.

Wie er das aussprach, als wäre es eine Beleidigung. „Keine Sorge, das brauchst du nicht. Wir sind hier schließlich nicht im Kindergarten und ich bin es gewohnt, hart rangenommen zu werden.“ Bei der Zweideutigkeit dieser Worte verzog ich das Gesicht, doch im Gegensatz zu den pubertierenden Kerlen in meinem Kurs, ging er mit keiner Regung darauf ein. Murmelte nur etwas Unverständliches, während er seinen Wagen in den Verkehr einfädelte.

Die nächsten Minuten ignorierte er mich einfach. Seine Stirn war in Falten gezogen, als würde er über etwas sehr Schwieriges nachdenken und lockerte sich erst etwas, als er sich erneut eine Zigarette ansteckte. Wenigstens kurbelte er das Fenster herunter, damit ich nicht ersticken musste.

Es war mir echt unverständlich, wie manche Menschen ihre Gesundheit mit diesem Zeug aufs Spiel setzen konnten. Das zeigte doch eigentlich nur, wie dumm sie waren.

Als wir an einer Kreuzung vor einer roten Ampel hielten, versuchte ich meine Beine neu zu ordnen. Davon abgesehen, dass es voll eklig war hier in dem Müllhaufen zu sitzen, war es auch äußerst unbequem.

Er schnipste seinen Zigarettenstummel aus dem Fenster, kurz bevor die Ampel auf Grün schaltete und musterte mich dann von der Seite. 

„Was?“, fragte ich, weil dieser Blick mir absolut nicht gefiel.

„Du bist ja ganz schön mager“, sagte er und bog auf der Kreuzung nach rechts in Richtung Stadtrand ab.

Also, das war doch … da blieb mir glatt die Spucke weg. „Ich bin nicht mager, ich bin durchtrainiert, oder sehnig. Nenn es wie du willst, aber untersteh dich, mich als mager zu bezeichnen.“ Das war ein hässliches Wort und es stimmte ja auch nicht.

Reese zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du meinst. Aber die Proles wirst du mit deinen dünnen Ärmchen nicht lange auf Abstand halten können.“

„Ich habe genug Muskeln.“ So protzige Arme wie bei ihm, würden bei mir ja auch albern aussehen.

Er schnaubte nur. „Ja sicher. Und flach wie ein Brett bist du auch noch. Vielleicht glaubst du ja deswegen, dass du zum Venator geeignet bist, weil du ´ne Oberweite wie ´n Kerl hast und deswegen glaubst, einer zu sein.“

Da fiel mir doch glatt die Kinnlade runter. „Was bitte geht dich meine Oberweite an? Ich frag ja auch nicht nach der Länge von deinem …“ Okay, dass ich jetzt rot im Gesicht wurde, sprach wohl nicht gerade für mich. „Du weißt schon“, murmelte ich leise in meinen nicht vorhandenen Bart und hoffte, dass er es nicht verstanden hatte.

„Kannst du gerne tun, ich hab keinen Grund mich dafür zu schämen, ganz im Gegenteil und hey, wenn wir schon mal beim Thema sind“, er drehte sich halb zu mir und ließ dabei den Straßenverkehr völlig aus den Augen, was in mir doch etwas Panik auslöste. „Wenn du mal Lust auf ´ne Nummer hast, darüber lässt sich sicher reden. Ich muss dich dabei ja nicht ansehen.“

Na sag mal, was ging denn bei dem im Kopf ab? „Hast du sie noch alle? Wie kommst du darauf, dass ich mit sowas wie dir ins Bett steigen würde? Das ist mir echt noch nie untergekommen und wenn du glaubst, dass ich es so nötig habe, dass ich …“ Ich verstummte, als mir plötzlich etwas klar wurde. „Du meinst das gar nicht so, du willst mich bloß wegekeln.“ Stur verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Aber das kannst du vergessen. Jilin hat mir schon gesagt, dass du nicht ganz einfach bist. Und sie hat auch gesagt, dass du der Beste in der Gilde bist und da ich vom Besten lernen will, werde ich bleiben. Ich werde mich nicht mit dem zweiten Platz zufriedengeben, nur weil du verhaltensgestört und unfähig zu sozialen Kontakten bist – was hoffentlich von deiner beruflichen Kompetenz getoppt wird. Niemand stellt sich zwischen mich und meinem Weg, auch du nicht. Also kannst du dir deine Versuche auch gleich schenken. Du wirst es nicht schaffen, mich zu verjagen und mit eingeklemmtem Schwanz zu einem anderen Venator zu schleichen. Also arrangiere dich einfach mit der Situation, dass wir die nächsten drei Monate aufeinander hocken werden, damit machst du es uns beiden einfacher.“

Mit jedem meiner Worte wurde seine Miene ein wenig finsterer. Es schmeckte ihm wohl nicht, dass ich seinen kleinen Plan durchschaut hatte und noch weniger schmeckte es ihm, dass ich zu stur war um mich abschrecken zu lassen. „Gott, ich kann dich jetzt schon nicht leiden.“

„Dann befinden wir uns wohl doch auf gleicher Wellenlänge, mir geht es mit dir nämlich genauso.“

Er grummelte etwas sehr Unfreundliches und lenkte den Wagen auf die andere Spur.

 

°°°

 

„Ich rede, du hältst die Klappe“, befahl Reese, als er auf die Klingel neben dem Namenschild der Familie Miehe drückte.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verkniff es mir, etwas dazu zu sagen. Langsam ging mir der Kerl echt auf den Keks. Was glaubte er denn, was meinen Mund verlassen könnte?

Während wir warten mussten, sah ich mich ein wenig um. Wir standen vor einem Einfamilienhaus, ein Neubau in der besten Gegend der Stadt. Hier wohnte eindeutig jemand, der gut verdiente und auch sehr viel Wert auf Ordnung und Pflege legte. Jeder Busch war präzise beschnitten, jede Blume explizit an ihrem vorgesehenen Platz. Selbst die Rasenfläche war so akkurat gerade, dass man glauben könnte, die einzelnen Halme würden sich nicht trauen, zu lang zu werden, um das Gesamtbild nicht zu beinträchtigen.

Bis die Haustür sich öffnete, musste Reese noch ein weiteres Mal klingeln und anschießend geduldig warten. Dabei wurde er nicht ärgerlich, wie ich es bei ihm erwartet hätte und setzte sogar ein freundliches Lächeln auf, als die Tür von einem älteren Herren geöffnet wurde. Mein Gott, ich hätte ja nicht geglaubt, dass er sowas könnte. Dieses leichte Verziehen des Mundwinkels machte ihn gleich um Jahre jünger.

„Ja bitte?“ Der alte Herr mit dem graumelierten Haar, in dem schicken Zwirn, ließ den Blick fragend über uns gleiten.

„Hallo“, begann Reese. „Die Gilde der Venatoren hat mich zu Ihnen geschickt.“ Er griff in die Tasche seines alten Ledermantels und förderte einen eingeschweißten Ausweis mit dem Sicherheitsemblem der Gilde darauf zu Tage, den er dem Mann zeigte. „Sie haben sich bei uns wegen einer Proles-Sichtung gemeldet.“

„Ja, das habe ich. Da“, er deutete an den Rahmen seiner Haustür, an dem deutliche Kratzspuren zu sehen waren. „Er wollte ins Haus, als ich beim Frühstück war. Zum Glück habe ich eine Sicherheitsanlage installieren lassen, als ich das Haus vor ein paar Jahren habe bauen lassen.“ Er deutete auf ein paar elektronische Dioden, die im Türrahmen eingelassen waren. „Ich musste nur den Notschalter drücken, da hat der Proles einen heftigen Stromschlag bekommen.“ Er nickte noch einmal, wie um seine eigene Aussage zu bestätigen.

„Das hat Ihnen vermutlich das Leben gerettet“, sagte Reese und leider hatte er da Recht. Diese Viecher waren schon durch viel härteres Material als Holz gekommen. „Können Sie mir sagen, um was für ein Proles es sich handelte?“

Herr Miehe schüttelte schon den Kopf, bevor mein Lehrcoach zu Ende gesprochen hatte. „Nein, tut mir leid. Ich konnte nur einen kurzen Blick darauf erhaschen, als es verschwunden ist. Da, durch das Fenster hab ich es kurz gesehen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, um was für ein Proles es sich dabei gehandelt hat.“

„Können Sie ihn mir dann vielleicht ein wenig beschreiben? Fellfarbe, Größe, Stammgruppe? Der kleinste Hinweis kann mir schon weiterhelfen.“

„Naja, es hatte grünliches Fell und von der Größe her würde ich sagen, wie ein sehr großer Hund, aber genau weiß ich das nicht. Nachdem er den Stromschlag bekommen hat, ist er einfach zu schnell verschwunden, um einen genaueren Blick auf ihn zu werfen. Nicht, dass mich das gestört hätte.“

„Das glaube ich Ihnen gern“, lächelte Reese. Er trat ein wenig näher und ging in die Hocke, um sich die Kratzer etwas genauer anzusehen. Die Tiefe konnte viel über die Kraft eines Proles erzählen. „Könnte ein Spuma, oder ein Ossa gewesen sein.“

„Oder ein Virido“, warf ich ein, denn Beschreibung von Größe und Farbe passten auch auf diesen Proles.

Reese warf mir einen sehr abschätzenden Blick zu. „Davon abgesehen, dass es den Virido in Europa nicht gibt – wofür ich sehr dankbar bin, denn wir haben hier wirklich schon genug von den anderen Viechern – ist er auch zu klein und könnte niemals so tiefe Spuren im Holz hinterlassen. Dafür sind seine Krallen einfach zu weich.“

Mist, er hatte Recht. Wie hatte mir nur so ein schwerer Fehler unterlaufen können? Und dann auch noch ausgerechnet vor ihm und dem Kunden? Ich spürte geradezu wie sich meine Wangen vor Verlegenheit leicht röteten, aber so schnell würde ich mir keine Blöße geben. „Es wurden auch schon größere Exemplare gesichtet.“ Okay, das war eine schwache Verteidigung, aber mehr hatte ich im Augenblick leider nicht aufzubieten.

Reese verzog äußerst abfällig die Lippen. „Du solltest lieben den Mund halten, sonst könnte noch jemand auf den Gedanken kommen, dass du noch dümmer bist als du aussiehst.“

„Besser dumm als hässlich“, entfuhr es mir etwas zu heftig und ich biss mir auch gleich danach auf die Unterlippe. Normalerweise würde sowas niemals meinen Mund verlassen, aber dieser Kerl brachte mich so auf die Palme, dass ich ihn am liebsten mal kräftig geschüttelt hätte. Und nein, ich würde mich dafür ganz sicher nicht entschuldigen.

Als Reese sich aus der Hocke erhob, hatte diese Bewegung etwas Drohendes an sich, dass mich schlucken ließ. „Wenn dich mein Aussehen stört, dann steht es dir jederzeit frei zu gehen. Das hier ist sowieso kein Job für kleine Mädchen. Ich werde dich sicher nicht aufhalten. Nein, ganz im Gegenteil, ich fahr dich sogar nach Hause. Du musst nur einen Ton sagen.“

Das könnte ihm so passen, aber ich würde nicht klein beigeben. Ich gab niemals auf und jetzt würde ich nicht damit anfangen, nur weil er mit jedem zweiten Wort Gemeinheiten auf mich abfeuerte. Ich drückte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, hielt seinem Blick stand, diesen dunklen fast schwarzen Augen, die mich voller Herablassung herausforderten.

Herr Miehe schaute etwas verwirrt zwischen uns hin und her und blieb schließlich an mir hängen. „Auch wenn der junge Mann sich nicht sehr höflich ausgedrückt hat, so hat er Recht. Venator ist kein Beruf für eine junge Dame.“

„Ganz meine Rede“, schob Reese noch hinterher.

Super, das hatte ich jetzt wirklich noch gebraucht. Gab es eigentlich irgendwo noch Männer, die keine misogyne Ader hatten? Diesen ganzen Quatsch hatte ich mir die letzten zwei Jahre doch schon genug in der Akademie antun müssen. Musste das nicht irgendwann mal ein Ende haben? Eigentlich dachte ich ja, ich würde in einer emanzipierten Gesellschaft leben. „Der Chef der Venatorengilde ist eine Frau. Sie ist sogar Meisterin.“ Ich sah provokativ zu Reese. „Kennt sie deine frauenfeindliche Einstellung?“

Seine Augen verengten sich ein klein wenig. „Jilin weiß viele Dinge über mich.“ Mit diesen kryptischen Worten wandte er sich wieder an Herrn Miehe. „Bevor ich mich auf die Suche nach dem Proles mache, hätte ich da noch eine Frage.“

Ich? Meinte er nicht wir? Wenn er glaubte, mich einfach abhängen zu können, hatte er sich aber geschnitten. Ich würde wie eine Klette an ihm kleben. Okay, ich würde schon einen gewissen Abstand wahren, aber ich würde mich nicht abhängen lassen.

„Wenn ich kann, werde ich sie auch beantworten“, lächelte Herr Miehe.

„Sie sprachen die ganze Zeit nur von einem Proles an ihrer Tür. Heißt das, er war allein? Kein Rudel in der Nähe?“

Stimmt, jetzt wo er es sagte, das war schon seltsam. Zwar tauchten die Proles nicht immer in großen Gruppen, aber mindestens in kleinen Familienrudeln von zwei bis drei Tieren auf. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Ich wusste das doch, es hätte mir auffallen müssen. Das war der zweite Fehler innerhalb von ein paar Minuten gewesen. Was war denn heute nur los mit mir? Man, ich war eine der besten Lehrlinge, die die Beluosus Akademie jemals gesehen hatte, bei mir ging doch sonst nicht so viel schief.

„Ich habe zumindest keinen anderen gesehen“, erklärte Herr Miehe. „Im Garten und am Haus war nur dieser eine.“

„In Ordnung und vielen Danke für ihre Hilfe.“ Er machte einen Schritt von der Haustür weg. „Ich werde mich dann jetzt mal auf die Socken machen und ein wenig in der Gegend umsehen. Und keine Sorge, ich werde ihn schon finden.“

Das war es schon wieder, dieses ich. Hallo? War ich neuerdings unsichtbar?

„Ist es ihnen recht, wenn ich mich noch ein wenig in ihrem Garten umschaue, ob ich vielleicht noch eine Spur finde?“, fragte Reese noch.

Herr Miehe nickte. „Natürlich, das ist kein Problem. Hauptsache dieses Biest taucht hier nicht noch einmal auf.“

„Gut, ich danke Ihnen. Und einen schönen Tag noch.“ 

„Waidmannsheil“, grüßte Herr Miehe noch zum Abschied und schloss dann die Tür hinter sich.

Die nächsten Minuten suchte Reese systematisch den Garten nach weiteren Spuren ab. Ich lief ihm dabei wie ein kleines Hündchen artig hinterher und immer, wenn er sich eine Stelle besonders genau ansah, tat ich es ihm nach um zu sehen, was er da gefunden hatte. Er gab mir keine Erklärungen, keine Hilfestellungen, kein gar nichts. Aber ich muss gestehen, er hatte ein sehr gutes Auge, was diese Sucherei anging. Abgeknickte Zweige, Pfotenspuren, einen Kackhaufen – ja, das war eklig, aber es war ein Beweis dafür, dass der Proles sich länger in diesem Garten aufgehalten hatte –, ein kleines Büschel Fell, das in einem Strauch hängengeblieben war. Himmelblau, wenn ich mich nicht täuschte, aber genau konnte ich das nicht erkennen, weil er es halb verdeckt in seiner Hand hin und her drehte.

„Kann ich das auch mal sehen?“, wagte ich mich zu fragen. Ich wollte herausfinden, mit was für einem Proles wir es zu tun hatten und die Beschaffenheit von dem Fell konnte Hinweise darauf liefern.

Reese ließ seine Hand mit dem Fell sinken, als könnte er es kaum fassen, dass ich des Sprechens mächtig war. „Du bist ja immer noch da.“

Ich kniff meine Augen leicht zusammen. Warum nur musste er die ganze Zeit so ablehnend zu mir sein? Ich hatte ihm doch nichts getan. „Ja bin ich und stell dir vor, ich werde auch nicht so einfach verschwinden. Das habe ich dir aber auch schon gesagt.“

„Man, du bist ja wie die Pest, eklig und unerwünscht.“ Er ließ das Fell in seinem Mantel verschwinden, ohne es mir zu zeigen. Dann untersuchte er den Busch, aus dem er das blaue Fell hatte, genauer. „Aber wenn du mir schon am Arsch kleben musst, dann kannst du dich auch mal ein wenig nützlich machen. Geh ein paar Klinken putzen und hör auf mich bei der Arbeit zu stören.“

„Klinken putzen?“

„Ja, Klinken putzen.“ Er drehte sich halb zu mir um. „Beweise sammeln, Spuren suchen. Die Arbeit eines Venator besteht nämlich nicht nur darin, wahllos Prolos abzuschießen. Man muss sie vorher suchen und finden und um das zu erreichen, sucht man im allgemeinen nach Spuren, oder glaubst du hier steht irgendwo ein Leuchtpfeil herum, unter dem der Proles sich platziert, damit wir ihn eliminieren können?“ Er schnaubte äußerst abwertend. „Was zum Teufel bringen die euch eigentlich auf der Akademie bei? Laut Jilin sollst du die Beste in deinem Jahrgang sein. Heißt das, die anderen sind noch dümmer als du?“

Tief durchatmen. „Ich bin nicht dumm.“

„Dafür schaffst du es aber sehr gut, diesen Eindruck zu erwecken und jetzt verschwinde.“ Und schon steckte sein Kopf wieder im Busch.

Okay, mit „Verschwinde“ meinte er in diesem Fall wohl Klinken putzen und nicht „Verschwinde nach Hause“, oder? Ich würde es einfach mal so interpretieren.

Noch etwas zögerlich entfernte ich mich von ihm, bis ich an der ruhigen und fast schon idyllischen Straße stand und überlegte, was genau Reese jetzt von mir erwartete. Natürlich könnte ich ihn einfach fragen, aber da er mir dann wahrscheinlich nur wieder irgendeine Gemeinheit um die Ohren hauen würde, unterließ ich es und klingelte einfach beim Nachbarn nebenan. Ich würde es einfach so machen, wie er. Eine einfache Befragung. Wer weiß, vielleicht hatte ich ja sogar Glück und fand den entscheidenden Hinweis. Dann müsste er zumindest einsehen, dass ich kein Klotz an seinem Bein war und ihm helfen konnte. 

Entschlossen drückte ich auf die Klingel und wartete, aber niemand kam – mehrere Minuten lang nicht. Doch dann sah ich, wie sich die Gardine leicht bewegte und das misstrauische Auge einer Frau mich beobachtete. O-kay. Ich setzte ein nettes Lächeln auf, wie ich es bei Reese gesehen hatte und machte ein Zeichen Richtung Tür.

Sie zögerte, dann fiel die Gardine wieder vors Fenster. Einen Moment überlegte ich, ob sie mich jetzt ignorierte, aber dann hörte ich, wie das Schloss von innen aufgedreht wurde. Und noch ein Schloss. Und noch eines. Mein Gott, das hörte sich ja an, als sei die Tür damit von oben bis unten versehen.

Als dann einen Spalt breit geöffnet wurde, lag von innen noch eine Sicherheitskette davor und das misstrauische Auge war wieder da. Es gehörte zu einer recht jungen Frau.

„Ja?“

Okay, jetzt bloß keine Fehler machen. „Hey, hallo, ich bin von der Gilde der Venatoren.&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Reiner Instinkt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen