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Rein wie der Tod

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1
  5. 2
  6. 3
  7. 4
  8. 5
  9. 6
  10. 7
  11. 8
  12. 9
  13. 10
  14. 11
  15. 12
  16. 13
  17. 14
  18. 15
  19. 16
  20. 17
  21. 18
  22. 19
  23. 20
  24. 21
  25. 22
  26. 23
  27. 24
  28. 25
  29. 26
  30. 27
  31. 28
  32. 29
  33. 30
  34. 31
  35. 32
  36. 33
  37. 34
  38. 35
  39. 36
  40. 37
  41. 38
  42. 39
  43. 40
  44. 41
  45. 42
  46. 43
  47. 44
  48. 45
  49. 46
  50. 47
  51. 48
  52. 49
  53. 50
  54. 51
  55. Über den Autor

1

Er hatte das Bedürfnis nach frischer Luft, aber um die Wagenfenster zu öffnen, musste er zuerst den Zündschlüssel umdrehen. Wenn er das tat, gingen automatisch die Scheinwerfer an und würden wahrscheinlich alles zunichtemachen.

Er hob den Arm und legte den Handrücken gegen die Scheibe, erkannte vage die Zeiger seiner Armbanduhr. Erst zwei Uhr. Er lehnte den Kopf an das Glas. Sah zum Gott weiß wievielten Mal zu dem Einfamilienhaus am Ende der Straße. Die Fenster leuchteten gelb. Keine Aktivität zu erkennen.

Das Handy in seiner Brusttasche vibrierte.

Er richtete sich auf. Hörte das Geräusch von Absätzen, die über den Asphalt schabten. Im rechten Seitenspiegel erschien eine Frau. Sie trug eine kurze Jacke, enge Jeans und eine Umhängetasche. Ihr Schatten schrumpfte, als sie unter der Straßenlaterne hindurchging. Sie war mit ihrer Tasche beschäftigt, hob sie vor die Brust und öffnete sie im Gehen.

Den Blick auf den Seitenspiegel gerichtet, ließ er sich im Sitz nach unten gleiten. Versuchte, sich klein zu machen.

Direkt neben dem Wagen blieb sie stehen.

Er rutschte noch tiefer.

Sie holte etwas aus ihrer Tasche.

Er presste den Kopf nach hinten, um nicht vom Spiegel eingefangen zu werden.

Sie ging in die Hocke. Betrachtete sich im Seitenspiegel. Fuhr mit einem Lippenstift über ihre Lippen, presste sie zusammen und entfernte etwas Farbe aus dem Mundwinkel. Erhob sich wieder.

Eine Unendlichkeit verging.

Schließlich ging sie weiter auf das Haus am Ende der Straße zu.

Vor der schmiedeeisernen Pforte blieb sie stehen. Sah sich um. Das Geräusch von Metall gegen Metall, als sie die Pforte öffnete. Als sie sie hinter sich schloss, quietschten die Scharniere.

Langsam glitt die Gestalt auf die Eingangstür zu, die sich öffnete, als sie die Treppe hinaufstieg.

Frank Frølich sah auf die Uhr. Zwei Uhr acht.

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, ertönte Rindals Stimme aus dem Headset.

»Was war das?«

»Frag mich nicht.«

»Hat sie dich gesehen?«

»Keine Ahnung.«

»Wenn sie dich gesehen hat, weiß er, dass wir hier sind.«

»Das hat er die ganze Zeit gewusst.«

Stille. Frank Frølich zählte stumm bis zehn.

»Es war bestimmt kein Zufall, dass sie ausgerechnet bei deinem Wagen stehen geblieben ist.«

»Doch, das kann Zufall gewesen sein. Sie hat in den Spiegel geschaut, sich die Lippen angemalt.«

»Kriegst du eine Personenbeschreibung hin?«

»Hab nur das Profil gesehen. Pony, rotes Haar, dreißig plus.«

»Bleib, wo du bist. Du kriegst Bescheid.«

Das Headset verstummte. Wieder war die Nacht still, und sein schmerzender Körper meldete sich zurück. Das Einzige, was er tun konnte, war, seine Sitzhaltung zu verändern.

* * *

Das Vibrieren des Handys weckte ihn. Mittlerweile war es ganz hell geworden. Er hatte ungefähr vier Stunden geschlafen.

Rindal war guter Laune. Die Stimme an seinem Ohr sang Bruder Jakob.

»Sorry«, gähnte Frølich. »Bin eingeschlafen.«

»Das haben wir gemerkt.«

»Hab ich was verpasst?«

»Nee, gar nichts, aber jetzt passiert was. Du kannst es wiedergutmachen.«

Linker Seitenspiegel. Ein Taxi. Der Wagen fuhr vorbei, bis zum Wendeplatz, machte kehrt und hielt schließlich vor dem letzten Haus in der Straße. Ein weißer Mercedes. Der Dieselmotor schnarrte. Die Haustür wurde geöffnet. Die Frau lief eilig zum Taxi.

Die Stimme am Ohr: »Auf die Plätze, fertig, los!«

Frank Frølich wartete, bis der Mercedes vorbeigefahren war, dann schaltete er den Motor ein. Die Reifen quietschten, als er auf den Wendeplatz zuschoss und die gleiche Kehrtwendung machte wie das Taxi. Er warf einen Blick nach rechts, als er an dem Haus vorbeifuhr. Eine bekannte Silhouette stand an einem Fenster und beobachtete, was draußen vor sich ging. Es war Zahid.

Er holte das Taxi ein und hängte sich einige Meter dahinter. So früh am Morgen war wenig Verkehr. Ab und zu ein Lastwagen, vereinzelte Taxen, ein paar Lieferwagen.

Sie fuhren auf die E6, in Richtung Oslo Zentrum. Das Taxi fuhr annähernd hundertzwanzig.

Das Handy vibrierte wieder. »Was geht ab?«

Er rückte das Mikro zurecht, als der Wagen in den Vålerenga-Tunnel hineinschoss. »Bin dran.«

»Finde raus, wer sie ist und wo sie wohnt. Kein Grund zur Zurückhaltung, wenn Zahid dich sowieso gesehen hat.«

Fröhlich unterbrach die Verbindung. Das Taxi nahm die Ausfahrt in der Lücke zwischen den beiden Tunneln. Er folgte ihm. Als ihre beiden Wagen in der Haarnadelkurve direkt nebeneinander fuhren, konnte er das Profil der Frau erkennen. Hübsch. Sie kaute Kaugummi.

Der Wagen bog noch einmal ab, fuhr jetzt bergauf, in den Tunnel hinein, in Richtung Ryenberget und Simensbråten. Im Wohngebiet verlangsamte der Taxifahrer die Geschwindigkeit, aber nicht sehr. Ein morgenfrischer Jogger sprang über die Straße. Ein Mädchen mit von der morgendlichen Dusche nassen Haaren schlenderte den Bürgersteig entlang.

Das Taxi bremste vor den Holperschwellen.

Als es endlich am Bordstein hielt, schaltete Frølich das Blaulicht ein. Der Fahrer blieb steif sitzen und starrte panisch in den Rückspiegel. Der Kerl wusste, dass er die Geschwindigkeitsbegrenzung missachtet hatte. Frølich ließ ihn zappeln, während die Frau die Fahrt bezahlte. Als sie die Tür öffnete, stieg er ebenfalls aus.

»Würden Sie bitte mit mir kommen?«

Sie blieb stehen und sah ihn verständnislos an.

Sie war kleiner, als er zunächst gedacht hatte. Ovales Gesicht, regelmäßige Züge. Volle Lippen, Augenbrauen wie zwei liegende Klammern mit einem winzigen Knick nach dem ersten Drittel. Durch das Kaugummikauen wirkte ihr Gesichtsausdruck herausfordernd. Sie sah von dem Wagen mit dem blinkenden Blaulicht zu ihm und wieder zum Wagen zurück. Er öffnete die hintere Tür.

Der Taxifahrer hatte schnell geschaltet und war verschwunden, noch bevor sie die Wagentür erreicht hatte. Ihre Jacke hatte keine Taschen, und die Jeans saß so eng, dass sie garantiert nichts in den Hosentaschen trug.

Sie stieg ein, barfuß in den Schuhen. Schlanke Fesseln.

Frølich streckte ihr die Hand entgegen. Sie sah ihn an, immer noch fragend. »Die Tasche«, sagte er.

Sie zögerte kurz, als überlege sie, einen Streit anzufangen. Schien ruhig, nicht besonders verängstigt. Schließlich streifte sie die Tasche von der Schulter und reichte sie ihm.

Er setzte sich hinter das Steuer. Ein Hauch von Parfüm vermischt mit süßlichem Kaugummigeruch erfüllte den Wagen.

»Würden Sie sich bitte ausweisen?« Ihre Stimme war dunkel, ein wenig heiser.

Er zog den Ausweis hervor, den er um seinen Hals hängen hatte. »Frank Frølich, Gewalt- und Sittlichkeitsdezernat.

Er öffnete ihre Tasche.

»Könnten Sie bitte das Blaulicht ausschalten?«

»Könnten Sie bitte schweigen, bis Sie gefragt werden?«, gab er beißend zurück.

»Nur, weil ich hier wohne«, fuhr sie zaghaft fort.

Er ließ es blinken. Die blauen Blitze wurden von den Mauern reflektiert. Er schüttete den Inhalt ihrer Tasche auf dem Beifahrersitz aus. Ein Mascara und ein Lippenstift, eine Packung Zigaretten, Kent. Ein goldenes Feuerzeug.

Er untersuchte die Brieftasche. Goldene Eurocard und silberne Visa Card. Darauf stand, dass sie Veronika Undset hieß und 1973 geboren war. Auf dem Foto hatte sie einen starren Blick und eine Dauerwelle. Ihre jetzige Frisur stand ihr besser. Ungebändigt und mit Pony. Außerdem enthielt die Brieftasche eine Kundenkarte und einen Mitgliedsausweis für ein Fitnesscenter, zwei Hundertkronenscheine und einen Zweihunderter. Keinen Führerschein.

»Was machen Sie, Veronika?«

»Wie Sie sehen, sitze ich hier.«

Er begegnete ihrem Blick im Rückspiegel. Augenfarbe grün. Sie zwinkerte.

»Ich meine beruflich, was ist Ihr Beruf?«

»Ich bin selbstständig.«

»Was verkaufen Sie?«

»Private Haushaltshilfe.«

»Nachts?«

Sie seufzte schwer und wandte sich ab. »Am Tage, und jetzt war ich zu Besuch bei einem alten Freund.«

Er versuchte, ihren Blick wieder einzufangen, ohne Erfolg.

Zwei braune Pillen, in Cellophan eingewickelt, lagen unter einem Schlüsselbund. »Was ist das, Veronika?«

»Voltaren, gegen Muskelschmerzen. Auf Rezept gekauft. Hab mir beim Tanztraining eine Zerrung geholt, vor ein paar Wochen.«

Auf Rezept. Das hätte sie nicht sagen müssen.

Der Parfümflakon war orange, Lancôme; die Kaugummipackung frisch geöffnet. Extra. Sie lag auf einer flachen Schachtel mit Reklamestreichhölzern aus einem Restaurant. Das letzte Objekt war eine Packung Slipeinlagen - ungeöffnet. Noch einmal wechselten sie einen Blick im Spiegel, und er legte die Packung zurück. »Sorry«, sagte sie und lächelte frech. Die stachelbeerfarbenen Augen blitzten grün unter dem struppigen Pony.

Er kramte nach den Reklamestreichhölzern; einige waren abgebrannt. Er öffnete die Zigarettenschachtel. Sie hatte drei Zigaretten geraucht. Wenn sie Streichhölzer benutzt hatte, warum trug sie dann ein Feuerzeug mit sich herum?

Er klappte es auf. Betätigte den Zündmechanismus. Das Zündrädchen gab nicht den geringsten Funken von sich. Er roch daran. Offenbar war kein Tropfen Benzin drin.

Aber Veronika kaute nicht mehr. Frølich dachte: Die Lunte brennt.

Der Filz über der Benzinpatrone fehlte. Was an Watte oder Ähnlichem unter dem Filz sein sollte, fehlte ebenfalls. Stattdessen steckte dort ein zusammengerolltes Stück Butterbrotpapier.

Veronika schluckte.

Er ließ sich Zeit. Drehte sich langsam um. Das Funkeln in den grünen Augen war verschwunden. Sie schien verwirrt.

»Wollen Sie mir sagen, was Sie in dem Feuerzeug versteckt haben?«

»Keine Ahnung.« Sie wandte sich ab, sah aus dem Fenster.

Er drückte auf den Knopf, der die Türen verriegelte, und die Schlösser reagierten mit einem dumpfen Geräusch. Sie zuckte zusammen und sah auf.

»Liebe Güte«, seufzte sie. »Ich bin müde und möchte jetzt nach Hause, das Feuerzeug gehört mir nicht!«

»Ach, nein?« Er zog beide Augenbrauen hoch.

Sie schwieg.

»Wem gehört es denn dann?«

Sie seufzte entnervt.

Er wiederholte die Frage.

»Würden Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen sage? Würden Sie die Tür aufmachen, mich aussteigen und in meine Wohnung gehen lassen? Und dann würden Sie weiterfahren und mit der nächsten Person dieselbe Tour durchziehen wie mit mir?« Sie schüttelte resigniert den Kopf. »Sie spielen ein Spiel, das ich nicht verstehe, aber dagegen kann ich sowieso nichts machen.«

Er pulte das Butterbrotpapierröllchen heraus und öffnete es vorsichtig. Es war mehr als für den Eigenverbrauch.

»Wo haben Sie das hier gekauft, Veronika?«

Sie schwieg. Hatte das Gesicht noch immer abgewandt, den Blick auf die Straße gerichtet. Sie reagierte nicht einmal, als er den Motor anwarf.

Es war schon zehn Uhr vormittags, als Veronika Undset noch einmal aus ihrer Zelle geholt wurde. Frølich stand neben Rindal und betrachtete den Monitor im Verhörraum. Sie hatte eine harte Prozedur hinter sich: nicht vorbestraft, aber dennoch gründlich gedemütigt. Auf der Linie stehen, Schuhe aus, persönliche Gegenstände auflisten und abgeben. Hinterher: ein paar Stunden auf dem Boden der Ausnüchterungszelle, Verhör und wieder zurück in die Zelle. Eine kleine Hölle für jemanden, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Kein Zweifel, sie war völlig fertig.

Frølich holte tief Luft, ging mit raschen Schritten zum Verhörraum und trat ein.

Sie sagte nichts. Starrte die Wand an. Ihre Gesichtszüge wirkten gequält.

»Es ist jetzt fünf nach zehn, und Frank Frølich setzt das Verhör von Veronika Undset fort«, sagte er zum Aufnahmegerät.

Langsam hob sie den Kopf und begegnete seinem Blick.

»Sie wurden verhaftet, weil Sie mehrere Dosen Kokain bei sich hatten, nachdem Sie um zehn vor sechs das Haus von Kadir Zahid verließen. Haben Sie den Stoff von Zahid gekauft?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er zog beide Augenbrauen hoch.

Sie räusperte sich und sagte: »Nein.«

»Von wem haben Sie das Kokain gekauft?«

Sie atmete tief durch und schnitt eine entnervte Grimasse, als wolle sie fragen, wie er überhaupt darauf käme, so etwas zu fragen.

»Die Zeugin beantwortet die Frage nicht. Sie haben Zahids Haus um zehn vor sechs verlassen …«

»Ich habe diesen Stoff von niemandem gekauft«, unterbrach sie ihn ärgerlich. »Das Feuerzeug gehört mir nicht. Ich habe keine Ahnung, wie es in meine Tasche gekommen ist, und das habe ich Ihnen schon mehrmals gesagt.«

»Glauben Sie denn wirklich selbst an diese Geschichte?«

»Warum quälen Sie mich damit? Ich habe vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Ich bin erschöpft. Wenn es verboten ist, mit einem Streifen Kokain in der Tasche herumzulaufen, dann drücken Sie mir eine Geldstrafe auf. Ich gebe Ihnen das Geld sofort, wenn Sie mich nur gehen lassen. Was Sie da tun, überschreitet alle Grenzen.«

»Was hatten Sie heute Nacht bei Zahid zu tun?«

Sie presste die Lippen zusammen. Machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Oberkörper. Eine Haarsträhne löste sich und bildete eine dramatische Linie auf der Stirn. Es provozierte ihn ein wenig, dass sie so hübsch war.

»Auch diese Frage beantwortet die Zeugin nicht. Veronika Undset, ist es so, dass Sie zu Ihrem Besuch bei Zahid keine Aussage machen wollen?«

»Wir haben geredet.«

»Wer war im Haus?«

»Nur Zahid und ich.«

»Wie lange kennen Sie Kadir Zahid schon?«

»Viele Jahre, wir sind zusammen zur Schule gegangen.«

»Kadir Zahid hat in der Regel ein paar Leibwächter bei sich. Waren die nicht da?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er nickte ihr auffordernd zu.

Sie sagte: »Nein, wir waren allein.«

»Warum war er allein, ohne Leibwächter?«

»Das müssen Sie schon ihn fragen. Ich habe keine Ahnung.«

»Aber Sie werden sich doch wohl Ihre Gedanken darüber gemacht haben?«

»Nein, hab ich nicht, dort nicht und jetzt auch nicht. Wir haben miteinander geredet.«

»Worüber?«

»Das ist privat.«

»Privat? Sie sind sich darüber im Klaren, dass Sie gerade von der Polizei verhört werden?«

»Unser Gespräch war vertraulich, und ich werde nichts über den Inhalt sagen, egal wie sehr Sie mich unter Druck setzen.«

»Sie sind um zwei Uhr nachts zu ihm gegangen, um zu reden?«

»Das habe ich doch gerade gesagt, oder nicht?«

»Waren Sie und Zahid miteinander im Bett?«

Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.

»Könnten Sie bitte die Frage beantworten?«

»Es ist meine Privatangelegenheit, mit wem ich ins Bett gehe und mit wem nicht.«

»Könnte Zahid das Feuerzeug ohne Ihr Wissen in Ihre Handtasche getan haben?«

Sie starrte ihn stumm an.

»Würden Sie bitte meine Frage beantworten.«

»Die Antwort ist nein. Kadir lebt außerdem abstinent, er trinkt noch nicht mal Bier.«

»Hatten Sie die Absicht, den Stoff an andere zu verkaufen?«

Sie machte eine ärgerliche Bewegung. »Nein. Können Sie das hier endlich abkürzen und mir sagen, was Sie eigentlich von mir wollen? Warum sitzen wir hier?«

»Sie waren im Besitz von fünf Gramm Kokain. Das ist strafbar.«

»Haben Sie nichts Vernünftigeres zu tun? Sie könnten auf jede beliebige Internetseite gehen, dann wüssten Sie, wo die Polizei jetzt im Moment eigentlich sein sollte.«

Sie setzte sich anders hin, schlug die Beine übereinander. »Sind wir fertig mit dieser Geschichte, wenn ich zugebe, dass das Zeug mir gehört?«

Frølich schwieg nachdenklich und ein wenig ratlos. Sie sahen sich an, und er verstand, dass sie verstand. Sie lächelte schief, und er konnte nicht anders, als ihren Stil zu bewundern.

Die Tür ging auf. Emil Yttergjerde steckte den Kopf herein.

Frølich sagte: »Es ist vierzehn Minuten nach zehn, und Frølich verlässt den Verhörraum.«

Er ging hinaus.

»Es stimmt, was sie sagt«, sagte Yttergjerde. »Sie hat eine Firma, die Undset GmbH heißt. Irgendwas mit Reinigung. Geschäftsführerin ist Veronika Undset. Registriert in Brønnøysund. Die Buchführung ist in Ordnung, sie bezahlt Steuern, alles paletti in dem Laden.«

»Was zum Teufel macht sie dann nachts bei Kadir Zahid?«

Rindal kam aus dem Überwachungsraum.

Frølich seufzte schwer und sagte laut, was die anderen sowieso dachten. »Das hier macht doch keinen Sinn. Sie weiß, dass wir sie jeden Moment freilassen. Sie sitzt doch nur da und wartet darauf.«

Die drei sahen sich an. Schließlich fragte Yttergjerde: »Also, was tun wir?«

Rindal hob vergnügt beide Arme. »Wir lassen sie laufen.«

2

Frank Frølich blieb auf dem Korridor stehen und gähnte. Seine Glieder waren steif von einer ganzen Nacht im Auto. Er erschrak, als er Lena Stigersand sah. Sie hatte eine hässliche Schwellung unter dem linken Auge.

»Neuer Vermissten-Fall«, sagte sie und reichte ihm eine Anzeige.

Er blätterte sie schnell durch. »Und du?«, fragte er. »War das ein Fahrradunfall, oder hast du nur einen neuen Lover?«

»Ein Mädchen ist verschwunden«, fuhr sie unbeirrt fort, »besser gesagt, eine junge Frau, aus Uganda, Universität von Kampala, Makerere. Sie heißt Rosalind M'Taya. M und T gleich hintereinander, wie in Mt. Everest. Studentin der internationalen Sommeruniversität. Also clever. Ist bestimmt schwierig, da reinzukommen. Sie hat am Mittwoch im Studentenwohnheim eingecheckt und war zwei Nächte dort. Aber als ihre Mitbewohnerin gestern ankam, ein Mädchen aus Pakistan, sorry, eine junge Frau, da war sie weg, und seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.«

Frank Frølich sah sie stumm an. Dann sagte er: »Lena.«

»Der Punkt ist, sie hat einen Haufen Veranstaltungen versäumt, ohne Bescheid zu sagen. Was ich herausfinden konnte, ist, dass sie am Dienstag Vormittag mit einem Flieger über London aus Kampala angekommen ist.«

»Du siehst grässlich aus. Was ist mit deinem Auge passiert?«

»Das Auge?«, sagte Lena in gleichgültigem Tonfall. »Meine Augen sind völlig in Ordnung. Vielleicht solltest du mal einen Sehtest machen. Du kommst langsam in die Jahre.«

Frank Frølich ging auf seine Bürotür zu. Dort traf er auf Emil Yttergjerde. Frank wies mit dem Kopf auf Lenas Rücken. »Hast du das Veilchen gesehen?«

Emil nickte.

»Sie wollte nicht darüber sprechen.«

Emil grinste. »Vielleicht eine etwas zu heiße Nacht?«

Frølich verzog zweifelnd das Gesicht. »Lena?«

»Hast du's nicht gehört? Letzten Freitag. Sie und Ståle Sender sind nach dem Freitagsbier gemeinsam gegangen. Der Gerüchtebörse zufolge ist das ›echt wahr‹.«

»Lena und Ståle ?« Frølich konnte es kaum glauben, jedenfalls nicht sofort.

»Ståle mit seinem stählernen Körper, weißt du.« Emil grinste und ging weiter.

Frank Frølich setzte sich an seinen Schreibtisch. Lena und Ståle Sender? Ståle war versetzt worden - schon zum x-ten Mal. Jetzt kontrollierte er Pässe in Gardemoen, wenn er nicht gerade Asylbewerber drangsalierte.

Ein ungleiches Paar: Lena war Einzelkind und Tochter aus gutem Hause. Im Restaurant brachte sie es fertig, eine Weinflasche zurückgehen zu lassen, wenn sie nicht richtig temperiert war. Lena sprach Oberschichtenslang, war »erschöpft«, wenn die anderen »platt« waren. Ståle , das Arbeiterkind aus Furuset, hatte drei Interessen: Autos, Uhren und Cognac - in der genannten Reihenfolge. In der Brieftasche trug er ein Foto von seinem Ford Mustang aus den Siebzigern, den er jeden Winter generalüberholen ließ. Schon zwei Mal hatte Ståle ein polizeiinternes Verfahren wegen Gewaltanwendung am Hals gehabt, die Fälle, wo Dinge verschwiegen oder vergessen worden waren, nicht mitgerechnet.

Frank Frølich betrachtete die Anzeige. Sie war an einen Stapel Fotokopien geheftet. Das Bewerbungsschreiben der jungen Frau an die ISS, Oslos internationale Sommeruniversität. Rosalind M'Taya studierte an der Universität von Makerere Naturwissenschaften, und - soweit er erkennen konnte - mit beeindruckenden Ergebnissen. Empfehlungsschreiben von zwei Professoren, die sie in höchsten Tönen lobten. Letters of Invitation der Universität Oslo. Eingeladen zu sechs Wochen Aufenthalt im internationalen Wissenschaftsmilieu mit hoch kompetenten Dozenten. Das Foto verriet, dass Rosalind M'Taya überdurchschnittlich hübsch war. Sie trug ihr Haar hochgesteckt, geflochten in kleinen stilvoll drapierten Zöpfen. Wie ein Reh schaute sie ihn vom Foto an. Vollendete Lippen, geschwungene Wimpern.

Ein paar Tage in Norwegen und dann plötzlich verschwunden? Das hier war kein Sexhandel. Rosalind war eine seriöse Studentin, nicht von zwielichtigen Osteuropäern eingeschleust, um in einer Wohnung in der Bygdøy Allee Männer zu bedienen.

Sie landete in Gardemoen. Sie ging durch die Passkontrolle und den Zoll. Nahm einen Schnellzug oder den Flughafenbus. Garantiert kein Taxi. Sie hat bestimmt eine Wegbeschreibung von der Sommeruniversität bekommen. Schnellzug wäre das Einfachste. Dann könnte sie am Nationaltheater direkt in die T-Bahn umsteigen und nach Blindern weiterfahren. Hübsches Mädchen und höchstwahrscheinlich arm, prämiert mit diesem Auslandsaufenthalt. Unsicher, vielleicht zum ersten Mal im Ausland. Begabt - sicher auch zurückhaltend, ernsthaft. Welchen Menschen könnte sie vertraut haben? Anderen Afrikanern? Mitstudierenden?

Rosalind M'Taya verschwand zwei Tage, nachdem sie im Studentenheim eingecheckt hatte.

In Oslo leben ein Haufen Menschen, die für eine Entwicklungshilfeorganisation oder die UNO in Ost-Afrika gearbeitet haben. Vielleicht hatte Rosalind eine Adresse von zuhause mitgebracht, vielleicht hat sie jemanden besucht. Vielleicht war sie immer noch zu Besuch bei diesen Menschen. Vielleicht fuhr ein ehemaliger Missionar sie herum, zeigte ihr gerade in diesem Moment die Wikingerschiffe oder den Vigeland-Park. Vielleicht waren diese Spekulationen nur vergeudete Zeit.

Lena und Ståle Sender!

Konnte das wahr sein? Das Oberschicht-Mädchen aus Bærum im Bett mit einem primitiven, rassistischen Straßenjungen, der bei Einsätzen mit Schusswaffengebrauch eine Erektion bekam?

Frank Frølich stand auf. Es war eine lange Nacht gewesen. Er sollte lieber nach Hause gehen.

Anderthalb Stunden später stand er im Studentenwohnheim in Rosalind M'Tayas Zimmer. Die pakistanische Zimmergenossin reichte ihm bis zu den Brustwarzen. Ihr Zopf war ein handwerkliches Kunstwerk, dick und lang und schwarz und mit einem Muster wie bei einem Kletterseil in einer Turnhalle. Wenn sie lächelte, zeigte sie lange schiefe Zähne. Sie erzählte, sie sei Rosalind nie begegnet. Aber die Sachen in dem Koffer würden ihr gehören.

Frølich öffnete den Koffer und fand seine Annahme bezüglich Rosalinds Herkunft bestätigt. Sie war arm. Die meisten Kleidungsstücke sahen selbst geschneidert aus. Ganz unten: ein paar Kangas und Batik-Stoffe. Der Schmuck war typisch afrikanisch, mit großen Formen und starken Farben.

Er bemerkte, dass die junge Pakistanerin sich unruhig bewegte. »Ist okay«, sagte er. »Ich komme allein zurecht.«

Sie ging.

Er kippte den Inhalt des Koffers auf das Bett und entdeckte zwei Gefahrensignale. Ein Portemonnaie mit Geldscheinen und eine gut ausgestattete Kulturtasche. Sie war verschwunden, ohne ihre Toilettenartikel mitzunehmen, ohne ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Der Koffer war vollgestopft. Es war unwahrscheinlich, dass sie Kleidung zum Wechseln dabei hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Rosalind M'Taya aus freiem Willen verschwunden war, war damit deutlich gesunken.

Er stellte sich ans Fenster. Sah auf den Park hinunter mit seinen Wegen, Rasenflächen und großen Bäumen. Entdeckte Gruppen von Studenten verschiedenster Nationalität. Eine größere Gruppe saß in einem Kreis auf dem Rasen. Freiluftunterricht.

Plötzlich lief ihm ein Schauer über den Rücken, und er drehte sich wieder ins Zimmer. Es war, als hätte ihm jemand über die Schulter gestrichen. Ein quietschendes lautes Geräusch ertönte. In der nächsten Sekunde war es vorbei. Dann erfüllten die Geräusche den Raum erneut: Einer oder mehrere Menschen kochten nebenan in der Küche. Mehrere Wände entfernt rief ein Mann etwas, und es rauschte in einem Rohr.

Er schüttelte das Gefühl ab.

Draußen vor dem Haus blieb er stehen und betrachtete die schöne Gartenanlage. Als er selbst Student war, wurde allgemein angenommen, dass die Bewohner des Studentenheims ihre Zimmer auf unehrenhafte Weise bekommen hatten. Wer in einem Haus wohnte, das an einen Gutshof erinnerte, nur einen Steinwurf von der Universität entfernt, hatte extremes Glück gehabt.

Er dachte: Das Problem ist, dass Rosalind M'Taya alle möglichen Leute getroffen haben kann, als sie am Freitag ausging. Vielleicht war sie ins Zentrum gefahren. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich an Studierende gehalten, die ihr schon ein wenig vertraut waren. Das bedeutete also mit einem Foto herumgehen und in den Läden und Cafés fragen …

Dazu hatte er jetzt keinen Nerv. Er musste nach Hause und schlafen.

3

Es war fünf Uhr nachmittags, als sein Handy ihn weckte. Er blieb im Bett liegen und fragte sich, warum er den Weckruf eingeschaltet hatte. Dann erinnerte er sich an die Feier.

Frank hatte mehrere Jahre keinen Kontakt mehr zu Karl Anders Fransgård gehabt und war deshalb ziemlich überrascht gewesen, als er die Einladung zu dessen Vierzigstem bekam. Als Teenager waren sie fast unzertrennlich gewesen, aber als Erwachsene hatten sie sich kaum noch gesehen.

Sie hatten sich in der Mittelstufe kennengelernt und über das gemeinsame Interesse für Modellflugzeuge und Mechanik miteinander angefreundet. Einmal hatte Frank zu Weihnachten einen kleinen Propellermotor bekommen. Er befestigte ihn an seinem Schreibtisch, füllte ihn mit Naphthalin und setzte ihn in Bewegung, indem er den Propeller mit dem Zeigefinger anstieß. Einen Verbrennungsmotor auf diese Weise zu starten, die richtige Mischung aus Benzin und Luft zu finden und ihn dann rund laufen zu lassen, war das höchste Glück seiner Kindertage. Aber das Interesse seines Kumpels für Flugzeuge reichte weit über die Modellmotoren hinaus. Karl Anders war fasziniert von der Technik der Jetmotoren und Propellermaschinen. Sein Zimmer war voll von Büchern über Flugzeugmodelle, das Leben und Streben der Pionierflieger und über Flugzeugbaugeschichte. Außerdem sammelte er alte Filmausschnitte: Roald Amundsen in Seehundkleidung winkend vor der Latham, bevor er an Bord ging, um nach Umberto Nobile zu suchen, sowie das Luftschiff Hindenburg, das über New York in Brand geraten war, und Lindbergh in seinem Flugzeug namens Jenny. Schon damals sah Karl Anders' Zimmer aus wie ein kleines Flugzeugmuseum.

Alle dachten, Karl Anders würde Pilot werden, aber eine Schwäche seiner Farbsehkraft führte dazu, dass er seinen Traum nicht verwirklichen konnte.

Ihre Wege hatten sich getrennt. Jedes Mal, wenn seine Gedanken das Ereignis streiften, spürte Frank einen kühlen Schauer seinen Rücken hinunterlaufen. Aber es ist lange her, sagte er zu sich selbst und stand auf. Ging im Zimmer auf und ab, wie er es immer tat, wenn solche Erinnerungen ihn überfielen. Versuchte, das Unbehagen in Bewegung umzusetzen und loszuwerden.

Über Umwege hatte er gehört, dass Karl Anders Ingenieur geworden war. Vor ungefähr einem Jahr hatten sie sich einmal zufällig getroffen. Karl Anders, mit Neonweste und Helm, inspizierte Rohre, die unter dem Stadtzentrum von Oslo verlegt werden sollten.

Frølich hatte einen Spruch darüber abgelassen, dass er seinen alten Kumpel nun unter der Erde statt in der Luft anträfe. Sie hatten den alten Ton wiedergefunden, ein paar Minuten gewitzelt und sich an alte Zeiten erinnert. Schließlich hatten sie Telefonnummern ausgetauscht und festgestellt, dass sie verdammt noch mal irgendwann wieder ein Bier zusammen trinken müssten.

Keiner von ihnen hatte damit Ernst gemacht und angerufen. Immer, wenn seine Gedanken zufällig zu Karl Anders wanderten, hatte Frølich gedacht, dass es ihnen beiden offenbar ähnlich ging.

Doch vor vier Wochen hatte er eine Einladung im Briefkasten gefunden.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Es wächst Gras über die Dinge, sie verwittern und verschwinden nach und nach. Das Unbehagen, das er jetzt empfand, beruhte eher darauf, schon zu lange Single zu sein. Es fühlte sich merkwürdig an, bei so einer Feier allein zu erscheinen, wenn man mit Begleitung eingeladen war. Die Einladung war auf edlem Papier gedruckt, und es wurde sogar auf die angemessene Kleidung aufmerksam gemacht. Die meisten Gäste würden Paare sein, lange verheiratet oder Lebenspartner, und die Gespräche würden sich unweigerlich um die Lebensachsen dieser Menschen drehen. Um die Kinder: was für Witzigkeiten und Goldkörnchen die kleinen Köpfe wieder hervorgebracht hatten. Um die Probleme der Eltern mit den Babysittern, die Unfähigkeit der Erzieherinnen im Kindergarten, unbelehrbare Lehrer und stressige Unterrichtszeiten. Die Paare, die noch keine Kinder hatten, würden sich über ihre hippen Ferienziele und ihre Renovierungsprojekte unterhalten. Die Frauen würden sich munter und mit gespieltem Erstaunen über die guten und schlechten Gewohnheiten ihres Partners auslassen, sein Schnarchen oder sein manisches Interesse fürs Lachse-Angeln, Elchjagd oder Fußball, auf eine Weise, dass Frank Frølich - als alleinstehender Mann - nicht die Voraussetzungen dafür hätte, etwas zum Gespräch beizutragen. Andererseits war es auch immer spannend, alte Bekannte wieder zu treffen. Nach ein paar Gläsern schwelgten die meisten gern in Erinnerungen.

Er hatte die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder einer alten Freundschaft einen Abend opfern oder seine eigene Würde opfern. Besser den Abend opfern als seine Ehre, dachte er und holte seinen schwarzgrauen Anzug aus dem Schrank.

Das Geschenk, über das er sich selbst riesig gefreut hätte, war schon eingepackt: die gesammelten Werke von Genesis mit Peter Gabriel am Mikro. From Genesis to Revelation, Nursery Crime, Trespass, Foxtrot, Selling England by the Pound. Mit The Lamb lies down on Broadway, der Coverversion aller Coverversionen, setzte die Live-LP von 1973 allem noch die Krone auf. Fast acht Stunden meditative Hirnmassage.

Die Feier fand in einem Lokal in Eiksmarka statt, direkt hinter der Stadtgrenze von Oslo.

Er gönnte sich ein Taxi vom Hauptbahnhof. Der Taxifahrer war ein irakischer Kurde, der den Weg nach Bærum genauso schlecht kannte, wie er Norwegisch sprach. Das GPS beherrschte er auch nicht. Der Mann wäre unverdrossen nach Drammen oder Hønefoss gefahren, wenn Frølich nicht vom Rücksitz aus Anweisungen gegeben hätte. Es war noch taghell, als sie vor dem Gebäude hielten, wo Fackeln den Weg zum Eingang wiesen. Ein Paar nach dem anderen trat durch die Tür, als er aus dem Taxi stieg.

Zehn Minuten später stand er mit einem Glas Sekt in der Hand da und suchte nach bekannten Gesichtern, während er mit Menschen, die er noch nie gesehen hatte, Plattitüden austauschte.

»Karl Anders und ich haben zusammen in Trondheim studiert«, erklärte ein großer jungenhafter Mann mit sinnlichem Mund und nach hinten gekämmtem Haar. »Jetzt sind wir direkte Nachbarn!«

Ein niedliches junges Mädchen mit schwarzen Korkenzieherlocken erzählte, dass sie mit Karl Anders zusammengearbeitet hatte, bevor er bei der Kommune anfing. Frølich folgte ihrem Blick und entdeckte den alten Freund weiter hinten im Lokal. Karl Anders war wie immer sorgfältig lässig gekleidet: schwarze Jeans und Jackett über einem schwarzen T-Shirt mit einem tiefgründigen Zitat auf der Brust.

»Da haben wir ja die Hauptperson«, sagte das Mädchen mit den Korkenziehern und lächelte breit, als Karl Anders sich losriss und auf sie zusteuerte.

»Frank«, rief er lächelnd, »wie schön, dass du kommen konntest. Dieser Typ hier«, er legte einen Arm um Franks Schulter, boxte ihm vertraulich in die Seite und grinste kumpelhaft, »das ist der Kerl, den ich hier von allen schon am längsten kenne!«

»Bist du der mit der Dunkelkammer im Keller eures Wohnblocks?«, fragte das Lockenköpfchen. »Hab schon so viele Geschichten von dir und der Dunkelkammer gehört. Stimmt es, dass du eine Matratze auf dem Boden liegen hattest, falls man noch weiterfeiern wollte?«

Frank Frølich fühlte sich nie wohl, wenn er im Mittelpunkt des Interesses fremder Menschen stand, und lächelte angestrengt.

»Tut mir leid«, sagte Karl Anders schon ein wenig beschwipst, »ich muss den Star jetzt entführen.«

Damit zog er Frølich mit sich. Dieser fasste seinen alten Freund um den Nacken und drückte ihn an sich.

»Gratuliere, Karl Anders.« Endlich konnte er den Spruch auf der Hemdbrust des Freundes lesen: The worst crime is faking it - Curt Cobain.

»Du bist der Einzige von den alten Kumpels, der hier ist, Frank.«

Frølich antwortete nicht. Die anderen Freunde waren die Strohhalme gewesen, an die er sich hatte klammern wollen. Das Wiedersehen mit den alten Kumpels sollte eigentlich seinen Abend retten.

»Ich habe keinen von ihnen eingeladen«, sagte Karl Anders mit glasigen Augen, »keinen, nur dich. Dieser Tag ist etwas Besonderes für mich.«

»Ist doch klar«, sagte Frølich enttäuscht.

»Das ist der Anfang meines neuen Lebens«, sagte Karl Anders. »Ich lege alles ab, was ich nicht mehr sein will! Guck mal«, flüsterte er und zeigte auf eine Gruppe von Frauen, die Konversation machten und ihnen den Rücken zukehrten. »Frauen sind wunderbar, Frank, Frauen sind verdammt noch mal so was von wunderbar! Aber für mich nicht mehr«, fuhr er lächelnd fort, »ich bin verlobt!«

Er stolperte auf die Frauen zu, den Arm um Frølichs Taille gelegt.

Eine Frau in einem engen, kurzen schwarzen Kleid drehte sich um. Ihre Augen schimmerten grün in der diffusen Beleuchtung.

»Veronika«, sagte Karl Anders, »das hier ist Frank. Mein alter Kumpel Frank Frølich.«

Frølich ergriff Veronika Undsets schlanke Hand.

Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Augen weiteten sich und leuchteten vor Schreck auf, dann entspannte sie sich wieder völlig, mit dem gleichen ergebenen Blick, den er morgens im Auto an ihr gesehen hatte.

Er selbst war so überrascht, dass er fürchtete, seine Stimme würde brechen.

»Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?«

Er zögerte ein paar Sekunden. Registrierte wie in Trance, dass ihr aufgestecktes Haar einen fein geschwungenen Hals entblößte.

»Da müssen Sie mich wohl daran erinnern, wo und wann das war«, sagte er, sah ihr in die Augen und ließ die Hand fallen. »Aber ich denke, das hätte ich bestimmt nicht vergessen«, fügte er hinzu.

Sie schwieg, hielt ihr Glas jetzt mit beiden Händen und sah zu Boden.

Karl Anders fasste um ihre Taille und zog sie an sich. Die beiden passten gut zueinander. Ein etwas rockiger Typ und seine flotte Biene.

»Veronika und ich werden im April heiraten«, sagte er. »In Rom, und weißt du was, Frank!«

Frank Frølich schüttelte den Kopf.

»Ich möchte, dass du Trauzeuge bist.«

Frank lächelte ihnen zu. Vielleicht war es der Sekt, vielleicht nur die Atmosphäre im Raum, aber es rauschte leicht in seinen Ohren. Er schluckte den Rest der sprudelnden Flüssigkeit hinunter. Karl Anders zauberte sofort ein neues Glas hervor.

»Ahm«, sagte eine Stimme laut und gekünstelt.

Frølich drehte sich um. Neben Veronika Undset stand eine Frau mit einer strohblonden Pagenfrisur. »Hei«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich heiße Janne und bin Ihre Tischdame!« Damit brach sie in Lachen aus, und Frølich hatte das Gefühl, der Abend war gerettet.

* * *

Der Esstisch erstreckte sich durch eine breite Türöffnung über zwei Räume, was auch tatsächlich dazu führte, dass sich die Gesellschaft in zwei Teile teilte. Glücklicherweise saßen Janne und Frank Frølich nicht in dem Teil, wo die Gastgeber und der Toastmaster saßen. Es gab Tapas von einem riesigen Büfett, und um den Tisch herum und in der Schlange vor dem Büfett wurde lebhaft geredet. Frølich blieb sitzen und wartete, bis die meisten sich bedient hatten. Das Gleiche tat Janne und erzählte ihm, sie sei allein erziehende Mutter eines fast neunzehnjährigen Jungen. »Bin in Schande gekommen«, sagte sie grinsend, als er große Augen machte. »Mit sechzehn.«

»Machen Sie Witze?«

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte leicht den Kopf. »Lesen Sie keine Regenbogenpresse? Der Teil meines Lebens war wie ein schlechter Film nach einer noch schlechteren Novelle. Ich habe als Au-Pair in Frankreich gearbeitet. Er war zehn Jahre älter als ich, hatte eine spannende Tätowierung am Oberarm und so weiter. Er stand in einer Bar in Montpellier hinterm Tresen - und hat sich abgeseilt, nachdem er mich dick gemacht hatte. Nein, ich mache keine Witze. Meine und Kristoffers Geschichte ist voller Klischees, aber wir sind trotzdem ganz ordentlich geworden.«

Sie stießen an. Ihre grauen Augen blitzten, wenn sie mit vollen Lippen lächelte und eine winzige Unregelmäßigkeit an ihrem rechten Schneidezahn entblößte, die das Lächeln knistern ließ.

»Kristoffer, das ist mein Sohn.«

Sie konnten sich gerade noch bedienen, bevor der Toastmaster am anderen Ende des Tisches aufstand und mit ein paar auswendig gelernten, heruntergeleierten Witzigkeiten einige Schmunzelwellen um den Tisch schickte. Frank hatte ein paar Sekunden mit der Frage gekämpft, ob er vielleicht den Mut fassen und ein paar Worte sagen sollte, da ja sonst keiner der Jugendfreunde da war. Aber, dachte er dann, wenn Karl Anders einen so großen Teil seiner Vergangenheit wegretouchiert, ist es unhöflich von mir, dem entgegenzuarbeiten. Wenn er gewollt hätte, dass ich von alten Zeiten erzähle, dann hätte er wohl Bescheid gesagt. Er beschloss, es sein zu lassen. Als der Toastmaster mit seiner Begrüßung fertig war, setzte das Stimmengesurr wieder ein.

»Wollen Sie mich nicht fragen, was ich so mache?«

»Ich wollte eigentlich einen anderen Auftakt wählen«, sagte er gewandt, »zum Beispiel die Frage nach Ihrem Lieblingsgericht.«

»Waffeln und Champagner«, sagte sie grinsend. »Das Erste, was man in Frankreich über Wein lernt, ist, dass Champagner zu allem passt.« Sie zwinkerte. »Champagner ist für Frauen, was Milch für kleine Kinder ist. Nächste Frage.«

»Würde Ihnen auf einer einsamen Insel Ihre Arbeit fehlen?«

»Das kommt darauf an, was es auf dieser einsamen Insel zu tun gibt«, konterte sie. »Wo liegt sie?«

»Wenn ich das bestimmen dürfte, in der Karibik«, sagte er.

»Ist jetzt der Moment, wo ich sagen soll, dass ich gern nach Griechenland in Urlaub fahre?«

»Wenn dem so ist, dann ja.«

Der Toastmaster war aufgestanden und schlug mit der Gabel an sein Glas.

»Khao Lak«, flüsterte sie schnell. »Mein Traumziel in Thailand. Übrigens arbeite ich als Buchhalterin, aber ich bin nicht so trocken und langweilig, wie der Mythos über uns behauptet.«

Frank merkte kaum, wie die Zeit verging. Janne erzählte ihm, dass sie und Veronika zusammen auf das Gymnasium gegangen waren, in Nadderud. Veronika war aus dem Osten Oslos nach Bærum gezogen. Janne war ein paar Jahre später dran, wegen ihres Sohnes, und machte erst im Alter von vierundzwanzig Jahren Abitur. Sie und Veronika waren gleichaltrig, und die gemeinsame Frustration über das kindische Verhalten ihrer Mitschüler hatte sie zueinanderfinden lassen. Seitdem waren sie befreundet, und jetzt machte Janne die Buchhaltung ihrer Freundin.

»Warum ist Veronika denn mehrere Jahre später als alle anderen aufs Gymnasium gegangen? Sie hatten schließlich ein Kind, um das Sie sich kümmern mussten, aber …«

»Haben wir nicht alle etwas, worum wir uns kümmern müssen?«, fragte sie zurück. »Was ist mit Ihnen und der Dunkelkammer, von der ich so viel gehört habe? Ich bin gespannt auf die wahre Geschichte.«

Die wahre Geschichte, dachte er und verstummte.

»Was ist los?«

»Nichts.«

»Ich sehe doch, dass etwas los ist.«

»Erinnern Sie sich, dass das chinesische Politbüro einmal alle Schuld an der Kulturrevolution der sogenannten Viererbande gegeben hat?«, fragte Frank Frølich. »Die haben einfach die Geschichte umgeschrieben, haben die vier auf Bildern wegretouchiert und so was. Man sah eine lange Reihe prominenter Leute und ein Loch, wo die vier gestanden hatten.«

»Aber was hat das mit Ihrer Dunkelkammer zu tun? Haben Sie auch aktive Retouchierung betrieben?«

Frank griff nach seinem Glas. »Ich bin nur etwas unsicher, ob es so angenehm ist, der einzige Zeuge aus der Jugend des Geburtstagskindes zu sein.«

Es war Mitternacht, als das Essen vorbei war. Janne und Frølich saßen auf einem Sofa und tranken Kaffee Avec. Nach und nach wurde es mehr Avec als Kaffee. Die Band spielte im Laufe der Nacht immer lauter, doch niemand tanzte. Die Leute saßen in Gruppen zusammen und unterhielten sich. Erst als einige Gäste um sie herum aufbrachen, wurde Frank klar, dass er den ganzen Abend mit Janne verbracht und kaum ein Wort mit jemand anderem gewechselt hatte. Sie zwinkerte ihm zu, als er ihr das beichtete. »Bisschen spät, um noch was dran zu ändern«, sagte sie. »Die Leute gehen.«

»Ich sollte wohl auch ein Taxi rufen«, sagte er.

»Wir können uns eins teilen.«

Sie benahmen sich fast wie ein Ehepaar. Als sie die Partyschuhe abstreifte und Stiefeletten anzog, hielt er ihre Handtasche. Sie verabschiedeten sich gleichzeitig von den Gastgebern. Veronika Undset umarmte ihre Freundin, wandte sich dann Frølich zu und umarmte ihn ebenfalls.

Es war nach halb drei, als er ihr die Tür des Taxis aufhielt. »Ich habe es gewusst«, sagte sie und krabbelte in den Wagen. Er schlug die Tür zu, ging um den Wagen herum und stieg auf der anderen Seite neben ihr ein.

»Dass du ein Gentleman bist«, sagte sie und kicherte, als sich ihre Blicke begegneten. »Oder ist das ein Verführertrick von dir - Frauen die Tür aufzuhalten?«

»Høvik«, sagte er zum Taxifahrer, als der den Motor anließ. »Erst nach Høvik«, fügte er schuldbewusst hinzu.

Frank lehnte sich im Sitz zurück. Atmete aus. Es war vorbei. Und es war ein schöner Abend gewesen. Nun saß er mit einer tollen Frau im Taxi.

Der Fahrer fuhr schnell. Als der Wagen in eine enge Kurve fuhr, ließ sie sich mit der Zentrifugalkraft in seine Arme gleiten. »Na so was«, sagte sie selbstironisch und sah auf. Er probierte vorsichtig, wie ihre Lippen schmeckten.

Stille breitete sich im diffusen Halbdunkel der Rückbank aus. Als sie endlich beschlossen, wieder zu atmen, zog sie sich in die Ecke zurück.

Der Wagen näherte sich der Kirche in Høvik.

Sie fasste seine Hand. »Ich will nicht, dass so was zu schnell geht«, sagte sie, als er im Halbdunkel ihrem grauen Blick begegnete.

Sie räusperte sich. »Außerdem ist Kristoffer zuhause.«

»Du brauchst dir keine Entschuldigungen auszudenken«, sagte er. »Ich kann dich irgendwo absetzen.«

Sie glitt wieder in seine Arme. »Wirklich?«

Etwas später sagte sie zum Fahrer: »Hier anhalten, bitte.«

»Und was …«

Sie schüttelte den Kopf. »Kannst du mich nicht anrufen?«

Der Wagen hielt. Sie waren da. Er sah hinaus auf einen Maschendrahtzaun um ein älteres Einfamilienhaus.

»Hier wohnst du also«, sagte er und sah sie an. Sie streckte sich und küsste ihn leicht. In der nächsten Sekunde war sie ausgestiegen und lief ins Haus, ohne sich umzusehen.

»Ryen«, sagte er zum Fahrer, der wieder anfuhr. »Den gleichen Weg zurück und dann durch die ganze Stadt.«

4

Der Sonntag schien wieder brütend heiß zu werden. Die Sonne würde von einem blauen Himmel herunterbrennen, Tiere würden im Schatten dösen und keine Lust haben aufzustehen, um zu grasen. Der Schotterweg staubte schon. Es war so still, dass man förmlich hören konnte, wie die Sonne brannte und der Schweiß triefte - eine Stille, die nur von vereinzelten Worten unterbrochen wurde, die sich zwischen den Baumstämmen hindurchstahlen. Bruchstücke von Gesprächen zwischen Menschen, die zu nichts in der Lage waren, außer zu reden.

Gunnarstranda hatte noch eine Ferienwoche vor sich. Es war zehn Uhr, und er ließ sich viel Zeit auf dem Weg vom Briefkasten zurück zum Sommerhaus. Er hatte sich Aftenposten unter den Arm geklemmt und genoss den Beginn eines neuen Tages.

Seit zwei Monaten schon hatte er sich keine Zigarette mehr angesteckt. Stattdessen hatte er einen eindrucksvollen Verbrauch an Nikotinkaugummis. Er begann den Tag mit einem, genoss sie in regelmäßigen Abständen und verbrauchte mehrere Packungen pro Woche. Tove fand, er sähe komisch aus, wenn er kaute, deshalb hatte er sich angewöhnt, das Kaugummi zwischen Lippen und Zähne zu legen wie Kautabak.

Seit zwei Wochen schon waren sie in seinem Sommerhaus. Gunnarstranda hatte das Leben mit Guinness und Gartenarbeit genossen, ohne der Arbeit einen einzigen Gedanken zu opfern. Allerdings: Sobald er diesen Gedanken gedacht hatte, war es passiert. Die Arbeit erfüllte sein Bewusstsein, so wie ein Schwamm in einer Badewanne Wasser aufsaugt.

Er ging ins Haus, zog die Kellerluke hoch, holte eine Dose Guinness herauf und griff sich auf dem Weg zur Veranda ein Glas.

Dort fand ihn Tove, das kühle Glas an die Stirn gedrückt.

»Woran denkst du?«

»An Mustafa Rindal«, sagte er. »Morgen ist Montag, und es ist nur noch eine Woche.«

»Nenn ihn nicht Mustafa, das klingt herablassend.« Sie zeigte ihm den Strauß, den sie gepflückt hatte. Rote Pechnelke, weißes Labkraut und Hahnenfuß.

»Aber er heißt so.«

Sie antwortete nicht, sondern verschwand im Haus auf der Suche nach einer Vase. Kam zurück, stellte den Strauß hinein und drapierte die eine oder andere Blume anders.

»Sie haben geheiratet«, sagte er und nippte an seinem Bier.

»Wer?«

»Rindal und die Ingenieurin, die bei der Kripo arbeitet. Leyla. Lange dunkle Haare, viel jünger …« Als Tove nickte, fuhr er fort: »Sie kommt aus Syrien. Und weil sie Muslimin ist, haben sie es auf Muslimisch gemacht, aber da musste er eben auch Moslem werden. Er konvertierte in der Moschee im Åkebergveien zum Islam. Man muss einen muslimischen Namen haben, und er hat sich für Mustafa entschieden, also heißt er Mustafa Rindal.«

»Aber du brauchst ihn nicht so zu nennen.«

»Er hat den Namen schließlich angenommen, in der Begegnung mit Allah.«

»In der Begegnung mit Allah? Vergiss nicht, dass du Kollegen hast, die von Geburt an Moslems sind. Die finden das nicht komisch. Wie wir beide wissen, kannst du Rindal nicht leiden und findest es merkwürdig, dass dein Chef ein Moslem ist, aber schließlich hat er das getan, weil er diese Frau liebt. Und ganz im Inneren weißt du auch, dass das toll von ihm war. Rindal weiß natürlich Bescheid über die Witze, die ihr hinter seinem Rücken macht. Das wusste er garantiert auch schon vorher. Rindal hat sich für die Liebe geopfert. Worüber lachst du?«

Gunnarstranda kicherte und wiederholte: »Hat sich für die Liebe geopfert? Hallo? Wir reden von Rindal!«

Sie wollte gerade antworten, als er abrupt aufstand.

»Was ist?«

Gunnarstranda hob seinen Zeigefinger an den Mund. »Hör mal«, flüsterte er.

Tove spitzte die Ohren. Nach einer Weile zog sie fragend die Augenbrauen hoch.

»Dieses Summen.« Gunnarstranda zeigte nach oben unter das Terrassendach.

Eine Hand voll Bienen schwirrte dort herum.

Sie sahen sich an. Tove riss die Augen auf und lief ins Haus.

Gunnarstranda blieb stehen und betrachtete die Bienen. Er kannte dieses Summen. Das waren Späher auf der Suche nach einem neuen Heim, und sie hatten sich das Terrassendach der Hütte ausgesucht. Das konnte er nicht zulassen.

Späher auf Haussuche bedeuteten irgendwann einen Bienenschwarm in Trauben.

Er stand auf und ging eilig zu den Bienenstöcken hinunter. Wo war der Schwarm? Er befand sich immer in der Nähe des Korbes. Er zuckte zusammen, als er die Traube von Bienen entdeckte. Hier war eindeutig die Königinmutter unterwegs. Ihre dicke Majestät hatte es bisher nicht weiter als zum nächsten Baum, zur alten Eiche, geschafft. Aber sie hatte noch keinen Ast ausgesucht. Nein, sie hatte sich an der Rinde festgesetzt, mit dem Ergebnis, dass die Traube riesig und länglich aussah, wie eine Verdickung des Stammes - eine Geschwulst. Er ging zurück, um den Strohhut zu holen, das Rauchgerät und ein weißes Laken.

Tove stand hinter dem Fenster in Sicherheit. Sie mochte keine Bienen. Sie mochte Insekten generell nicht. Hier herrschte enormer Informationsbedarf, aber er würde sowieso auf taube Ohren stoßen. Bienen, die im Schwarm umziehen, stechen nicht. Sie sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Das hatte er sicher schon fünfzig Mal gesagt. Trotzdem hatte sie es nicht begriffen.

Er breitete das Laken auf der Erde vor dem Baum aus. Dann hielt er den Strohhut unter den dicksten Teil der Traube und fing sie ein. Drehte dann blitzschnell den Hut herum. Jetzt flogen Zehntausende von Bienen durch die Luft, aber sie waren relativ harmlos. Sie wollten nur zu ihrer Königin. Gunnarstranda suchte nach einem Stock und hob den Hut leicht an. Stand da und betrachtete das Gewimmel. Eine Biene nach der anderen krabbelte unter den Hut. Also hatte er die Königin gefangen. Er zündete das Rauchgerät an und benutzte Besen und Rauch, um den Nachzüglern Beine zu machen. Als alle bei der Frau Mama versammelt waren, knotete er das Laken um den Strohhut zusammen und hob es in den Schatten. Nun galt es, ein neues Zuhause für den Schwarm zu finden. Das bedeutete, einen neuen Bienenstock zu zimmern.

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