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Reichsadler und Brieftaube: Private Postdienstleister in Karlsruhe 1886 - 1900

Inhalt

Teil I: Geschichte

1. Private Postdienstleister im deutschen Kaiserreich

2. Privatpostfirmen in Karlsruhe

Aufbruchsstimmung

Neujahrsbriefverkehr 1886/1887

Es rauscht im Blätterwald

Aus Zwei mach‘ Eins

Der lange Arm der Reichspost

Auf dem Weg zur Insolvenz

Eine kurze Wiedergeburt

Auf die schiefe Bahn geraten

Ein neuer Anlauf

Eine Frau am Ruder

Goldene Jahre

3. Das Ende

Das Verbot privater Postdienstleister zum 31. März 1900

Entschädigung der Eigentümer

Abfindung der Mitarbeiter

4. Spuren im 20. Jahrhundert

Teil II: Philatelie

5. Grafische Gestaltung

6. Marken, Ganzsachen, Stempel, Tarife

A) Privat-Briefbeförderung

B) Privat Stadt-Briefbeförderung

C) Privat-Stadtbriefbeförderung 1. Phase

C) Privat-Stadtbriefbeförderung 2. Phase

D) Privat-Brief-Verkehr

E) Continentale Reclame Post

7. Bewertung

8. Konkordanz der Nummerierung zu Standardkatalogen

Quellen

Bildnachweis

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Private Postdienstleister im deutschen
Kaiserreich

Gehören Sie auch zu den Menschen, die gelegentlich einen Brief schreiben? Dann machen Sie sich natürlich Gedanken, wie Ihr Brief seinen Empfänger erreichen soll. Im letzten Jahrhundert erforderte das kein großes Kopfzerbrechen, war dafür doch die staatliche Post zuständig. Seit einigen Jahren sind die Verhältnisse allerdings nicht mehr ganz so einfach, da im Zuge der Privatisierung staatlicher Aufgaben auch im Postwesen die Privatwirtschaft Einzug gehalten hat. So ist seit dem Neujahrstag 2008 das staatliche Postmonopol vollständig aufgehoben und der gesamte Briefmarkt steht für private Postdienstleister offen. Trotz der privaten Konkurrenz wird der Markt aber immer noch vom Monopolisten Deutsche Post AG beherrscht, der mit harten Bandagen und nicht immer fairen Mitteln um Marktanteile kämpft. Doch ist alles, was seit 2008 geschehen ist, wirklich so neu?

Blenden wir 135 Jahre zurück: Das ganze Postwesen ist von der staatlichen Post besetzt… Wirklich das ganze? Nein! Einige private Postdienstleister hören nicht auf, Widerstand zu leisten. Wie konnte es im deutschen Kaiserreich zu einem solchen Einbruch der Privatwirtschaft in den sorgfältig gehüteten Hort einer staatlichen Institution wie der Post kommen? Um diese Auseinandersetzung zwischen staatlichem Reichsadler und privater Brieftaube zu verstehen, muss man sich die deutsche Postgeschichte etwas genauer anschauen.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch das Bemühen Preußens, seine Vormachtstellung in Deutschland auch im Postwesen auszubauen. Personifiziert wird dieser Anspruch durch Heinrich von Stephan, den späteren Generalpostmeister des Deutschen Reiches, der innerhalb kurzer Zeit ein deutschlandweit einheitliches Postwesen aufbaut. Mit der Entstehung des Norddeutschen Bundes kommen zunächst die Postverwaltungen der norddeutschen Staaten unter preußische Hoheit, nach der Reichsgründung wird auch das Postwesen der süddeutschen Staaten in die neue Reichspost integriert. Baden und Hessen geben dabei ihre Posthoheit vollständig auf, nur Bayern und Württemberg behalten bis 1920 Sonderrechte. Mit dem am 1. Januar 1872 in Kraft getretenen Reichspostgesetz gibt es erstmals eine einheitlich organisierte Post im gesamten Reichsgebiet.

Parallel zur organisatorischen Neuordnung verändert sich auch der Leistungsumfang der Post. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist das Augenmerk der Postverwaltungen ausschließlich auf den Fernverkehr gerichtet, das heißt auf Sendungen, die zwischen zwei Orten ausgetauscht werden. So, wie der Absender seinen Brief zur Post bringt, so kümmert sich auch der Empfänger um die Abholung seiner Sendungen am Zielort. Das Austragen der Fernbriefe in der Stadt wird häufig von Boten erledigt, meistens gegen zusätzliches Entgelt. Diese Boten übernehmen in der Regel zusätzlich die Beförderung von Sendungen innerhalb einer Stadt. Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem Wachstum der Städte steigt die Nachfrage nach der Beförderung von Ortsbriefen, was 1797 zur Gründung einer ersten privaten Stadtpost in Hamburg führt. Im 19. Jahrhundert nimmt der Ortsbriefverkehr weiter zu und gerät erst jetzt in den Fokus der staatlichen Postverwaltungen.

In den deutschen Teilstaaten ist dieser Bereich sehr unterschiedlich geregelt. So ist in Oldenburg und Hamburg das innerörtliche Umfeld überhaupt nicht reguliert, in Braunschweig und Sachsen dagegen unterliegen auch Ortsbriefe dem Postmonopol. Das unverändert in das Reichspostgesetz übernommene Postgesetz des Norddeutschen Bundes vereinheitlicht diese Normen und formuliert das Postmonopol im Artikel 1:

Die Beförderung

1. aller versiegelten, zugenähten oder sonst verschlossenen Briefe,

2. aller Zeitungen politischen Inhalts, welche öfter als einmal wöchentlich erscheinen,

gegen Bezahlung von Orten mit einer Postanstalt nach anderen Orten mit einer Postanstalt des In- oder Auslandes auf andere Weise, als durch die Post, ist verboten.

Diese Fassung impliziert im Umkehrschluss, dass verschlossene Briefe innerhalb eines Ortes sowie unverschlossene Sendungen generell vom Postzwang ausgenommen sind. Aus heutiger Sicht ist es müßig, darüber zu streiten, ob die Formulierungen bewusst gewählt worden sind, um den Ortsbriefverkehr generell zu liberalisieren, oder ob man sich 1871 nicht hat vorstellen können, welchen Aufschwung dieser Bereich in naher Zukunft nehmen würde. Die Reichspost hat sich in späteren Jahren aus naheliegenden Gründen für die letztere Interpretation entschieden und die Sprachregelung von der „Lücke im Postgesetz“ etabliert.

Für einen Zeitraum von knapp dreißig Jahren ist damit der gesetzliche Rahmen für privatwirtschaftliche Aktivitäten abgesteckt. Allerdings dauert es mit einer kurzlebigen Ausnahme bis zur Mitte der 1880er Jahre, bis erste Unternehmer an den Start gehen und in kurzer Zeit zwei in der Praxis häufig miteinander kombinierte Geschäftsmodelle entwickeln:

Private Stadtpost konkurriert unmittelbar mit der staatlichen Post. Ihr Portfolio reicht von der innerörtlichen Vermittlung von Briefen, Drucksachen, Warenproben, Geschäftspapieren, Paketen bis hin zu Inkassodiensten. Sofern es sich um offene Sendungen handelt, wird die Zustellung gelegentlich auf Vororte oder Nachbarstädte ausgedehnt. Briefmarken und Briefkästen sind unerlässlich, ansonsten ist der Betriebsablauf ähnlich wie bei der Staatspost. Die Firmen verfügen über einen festen Mitarbeiterstamm, der in Stoßzeiten durch Aushilfskräfte aufgestockt wird. Für den Vertrieb ihrer Briefmarken und Ganzsachen arbeiten die Unternehmer häufig mit örtlichen Ladengeschäften zusammen.

Zirkularpost konzentriert sich auf die Beförderung von Massendrucksachen und Werbematerial. Eine Konkurrenz zur Reichspost ergibt sich nur, wenn adressierte Sendungen zugestellt werden. Das Postgut ist mit wenig Aufwand zu befördern, Briefkästen oder Briefmarken werden nicht benötigt. Als weitergehende Dienstleistungen werden das Schreiben von Adressen, das Kuvertieren der Briefe und teilweise auch die Herstellung der Werbedrucksachen angeboten. Diese Firmen benötigen nur einen kleinen Personalstamm und arbeiten mit Zustellern, die nach Bedarf eingestellt werden. Die Auslieferung erstreckt sich gelegentlich auch auf Nachbarstädte.

Beide Varianten werden im Folgenden unter dem Begriff private Postdienstleister bzw. Privatpost zusammengefasst.

In der Zeit zwischen 1885 und 1900 gibt es im Deutschen Reich etwa 150 Firmen, deren Geschäftsmodell man der Privatpost zuordnen kann. Rechtsform und Größe der Unternehmen sind unterschiedlich, sie reichen von Familien- und Ein-Personenbetrieben bis hin zur „Berliner Packetfahrt AG“ mit fast 1.000 Angestellten im Jahr 1900.

Wie in jeder Branche gibt es bei den privaten Postdienstleistern fähige und weniger fähige Akteure – solche, die eine solide Firma aufbauen, und solche, die in mehr oder weniger betrügerischer Absicht lediglich eine schnelle Mark machen wollen. Erfolgreich sind die Unternehmen nur, wenn es ihnen gelingt, einen möglichst großen Anteil des örtlichen Postaufkommens auf die eigene Firma umzuleiten. Im Gegensatz zur Reichspost müssen die Privaten durch Werbung auf sich aufmerksam machen, um so in Kombination mit ihren günstigen Tarifen Kunden zu gewinnen. Besonders die Geschäftskunden mit großem Beförderungsvolumen werden umworben, häufig mit zusätzlichen Rabatten auf die regulären Tarife. Die Ausgaben für den laufenden Betrieb, die Kundenakquisition, die Werbung durch Zeitungsanzeigen und Handzettel und die Einarbeitung des Personals kosten Zeit und Geld. Nicht alle Unternehmer haben ein ausreichendes finanzielles Polster, um die Anlaufzeit zu überstehen.

Die erste Privatpost nach der Gründerkrise von 1879 wird in Berlin eröffnet und am 13. Februar 1884 unter dem Namen „Berliner Packetfahrt AG“ ins Firmenregister eingetragen. Wie der Name sagt, befasst sie sich anfänglich ausschließlich mit der Beförderung von Paketen. Doch bald erkennt man die Chance, die sich durch die Beförderung von Ortsbriefen ergibt. Die Attraktivität einer Berliner Privatpost beruht dabei nicht nur auf der Größe der Stadt und dem damit verbundenen hohen Sendungsaufkommen, sondern auch auf einer Tarifbesonderheit der Reichspost, die Berliner Ortsbriefe wie Briefe im Fernverkehr behandelt und mit 10 Pfennig (anstatt mit dem in anderen Städten gültigen Ortstarif von 5 Pfennig) taxiert. Und so geht die „Berliner Packetfahrt AG“ Anfang 1885 zusätzlich als private Stadtpost an den Start.

Bis Ende 1888 werden insgesamt 50 Firmen in 34 Städten, eröffnet, von denen allerdings gut die Hälfte nach wenigen Wochen wieder schließt. Nicht immer sind die Gründer prädestiniert für den Betrieb einer Privatpost: In einer Zusammenstellung der Reichspostverwaltung zu den Unternehmensgründern finden sich Berufe wie Schlosser, Metzger, Schuhmacher, Maler und Notariatsgehilfe.

Anzahl der zwischen 1886 und 1888 eröffneten Privatpostfirmen bezogen auf die Stadtgröße

Unabhängig von den Fähigkeiten der Unternehmer spielt das Marktumfeld und damit in erster Linie die Größe einer Stadt eine wesentliche Rolle. Kleinstädte mit weniger als 10.000 Einwohnern sind wenig erfolgversprechend. Es überrascht daher nicht, dass in Bergedorf (heute Stadtteil von Hamburg), Cölln an der Elbe (heute Stadtteil von Meißen), Neuenheim (heute Stadtteil von Heidelberg) und Schwerte die Gründer nach wenigen Wochen wieder aufgeben.

21 Unternehmer versuchen in Mittelstädten mit bis zu 100.000 Einwohnern ihr Glück, allerdings können sie sich nur an drei Standorten durchsetzen. Und nicht einmal Großstädte bieten in allen Fällen eine Erfolgsgarantie, zehn der in diesem Zeitraum gegründeten Firmen werden bereits vor dem Ende der Privatpostzeit geschlossen. Gehen in einer Stadt mehrere Firmen an den Start, verringern sich die Erfolgsaussichten deutlich. In solchen Fällen entwickelt sich sehr schnell ein Platzhirsch oder keine der Firmen ist lebensfähig.

Ein Beispiel dafür, wie man auch in einer Großstadt an der eigenen Unfähigkeit scheitern kann, ist der am 1. November 1886 in Leipzig gegründete „Privat-Brief-Verkehr“, der bereits nach vier Monaten im Februar 1887 seine Arbeit wieder einstellt. Im August 1887 werden die ehemaligen Eigentümer der Firma wegen Verstoßes gegen das Postgesetz angeklagt. Corpus Delicti sind acht Briefe, die von der Privatpost in nicht zur Stadt Leipzig gehörende Vororte zugestellt worden sind. Die Verletzung des Postmonopols lässt sich nicht abstreiten, die Briefe liegen dem Gericht vor.

Während der Verhandlung räumt der ehemalige Geschäftsführer Hässelbarth ein, die Buchführung sei sehr lax gehandhabt worden; in einer Schublade hätten umfangreiche Champagner-Rechnungen gelegen. Für einen Miteigentümer eingehende Zahlungen werden nur auf Drängen und äußerst unwillig in kleineren Summen ausbezahlt, dessen Mitwirken am operativen Geschäft beschränkt sich auf das Tragen einer Postmütze, die er nach der Auflösung des Unternehmens behalten darf. Insgesamt wird so ein Startkapital von 25.000 Mark in den Sand gesetzt. Da Anweisungen fehlen, tun die Austräger, was sie für richtig halten und stellen auch Briefe für die Vororte zu, obwohl die Reichspost deswegen den „Privat-Brief-Verkehr“ abmahnt. Am Ende wird Hässelbarth zu einer Geldstrafe von drei Mark verurteilt.

Diese Verhältnisse sind sicherlich nur für einen kleinen Teil der Firmen repräsentativ, die Begebenheit belegt aber die mancherorts vorhandene Goldgräberstimmung. Zu den schwarzen Schafen zählen auch Unternehmer, die in erster Linie Briefmarken für die Sammler des neuen Gebietes „Privatpost“ produzieren. Einige Firmen dagegen wie die „Berliner Packetfahrt AG“ oder der „Mercur“ in Hannover entwickeln sich zu äußerst erfolgreichen Postdienstleistern, die hohe operative Gewinne erzielen. Von 50 in dieser Phase gegründeten Unternehmen bleiben 15 bis zum 31. März 1900 am Markt.

In den Jahren nach 1888 wird es ruhiger, bis 1892 werden nur 14 neue Firmen gegründet, von denen fünf Unternehmen erfolgreich sind. Ende 1892 gibt es lediglich in 17 Städten des Deutschen Reiches insgesamt 20 Privatpostunternehmen. Man kann verstehen, warum Heinrich von Stephan Ende 1891 auf die Frage, was er gegen die weitere Ausbreitung der Privatposten zu tun gedenke, mit „Nichts“ geantwortet hat.

Doch ab 1893 ändert sich das Bild: Innerhalb der nächsten fünf Jahre entstehen 99 Firmen, von denen 63 sich bis zum Ende der Privatpostzeit behaupten können. Dieser Aufschwung überrascht auf den ersten Blick, da die allgemeine Wirtschaftsentwicklung des Deutschen Reiches in den Jahren 1891 bis 1894 eher stagniert. Offensichtlich sorgen das verstärkte Kommunikationsbedürfnis der Menschen in den großen Städten, das erhöhte Aufkommen von Geschäftspost, individuelle Werbung sowie das anhaltende Bevölkerungswachstum für ein ausreichendes Postaufkommen und ermöglichen den privaten Postdienstleistern einen rentablen Betrieb.

Die Firmengründer haben ihre Lektion gelernt, in Kleinstädten versucht niemand mehr sein Glück. Beeindruckend ist der Erfolg in den Mittelstädten, wo knapp zwei Drittel der Gründungen erfolgreich sind. Auch in den Großstädten ist die Erfolgsquote hoch und liegt bei 70 Prozent. In Breslau, Düsseldorf und München etablieren sich sogar zwei Firmen, nur in Berlin kann sich keine zweite Privatpost gegen die Vorherrschaft der „Berliner Packetfahrt AG“ durchsetzen. Zum Ende der Privatpostzeit sind in 79 Städten des Deutschen Reiches 84 private Postdienstleister aktiv.

Anzahl der zwischen 1893 und 1897 eröffneten Privatpostfirmenbezogen auf die Stadtgröße

Das Postgesetz des Deutschen Reiches eröffnet neben dem Ortsbriefverkehr ein weiteres, nicht reguliertes Betätigungsfeld: Das Verschicken von offenen Sendungen im Fernverkehr. Der Ansatz, zwischen großen Städten Drucksachen, Postkarten und sonstige offene Sendungen auszutauschen, ist auf den ersten Blick vielversprechend. Zum einen können sich die privaten Anbieter auf lukrative Verbindungen beschränken und zum anderen ist das Postaufkommen im Fernverkehr deutlich größer als im Ortsverkehr.

Die Umsetzung erweist sich jedoch als schwierig, da für jeden Ort ein Partner benötigt wird, der die Sendungen einsammelt, per Sammelversand weitergibt und die von auswärts eingehenden Sendungen zustellt. Solange der Verbund aus eigenständigen Unternehmen in den jeweiligen Städten besteht, müssen zwischen allen Beteiligten Kooperationen ausgehandelt werden, was in der Praxis ohne einen zentralen Verantwortlichen nicht zu bewerkstelligen ist. Die Alternative, den organisatorischen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und in jeder Stadt eine eigene Filiale aufzuziehen, ist dagegen mit hohen Kosten verbunden.

Für den Bereich der Zirkularpost gibt es zwischen 1887 und 1891 vier Ansätze, einen Fernverkehr aufzubauen. Eine Initiative kommt nicht über die Planungsphase hinaus, zwei Gründungen in Stuttgart und Erfurt werden bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Lediglich das Unternehmen von Julius Gladitz in Stuttgart existiert zwei Jahre von August 1891 bis Oktober 1893.

Zunächst sehr erfolgreich ist demgegenüber Ernst Schmalfuß, der auf das Geschäftsmodell private Stadtpost setzt. Ausgehend von seinem im August 1892 in Leipzig gegründeten „Courier“ baut er entlang der an Eisenbahnstrecken in Sachsen und Thüringen liegenden Städte ein Netz von Filialen auf, zwischen denen unverschlossene Briefe und Postkarten befördert werden. Am 9. März 1893 geht er mit 24 Niederlassungen und zwei Kooperationspartnern in Dresden und Halle an den Start, am 10. April werden zusätzlich 27 Städte angeschlossen. Verhandlungen mit weiteren Firmen wie dem „Mercur“ in Hannover laufen. Die Firma hat das Potenzial, sich zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten der Reichspost zu entwickeln. Allerdings überschätzt Schmalfuß seine finanziellen Möglichkeiten, es fehlt ihm die finanzielle Basis. Am 25. April verschwindet er aus Leipzig, der „Courier“ geht am 10. Mai in Konkurs. Ein von den Angestellten geführtes Nachfolgeunternehmen kann den auswärtigen Verkehr noch bis zum Juli 1893 aufrechterhalten, bevor die Betreiber endgültig das Handtuch werfen müssen.

Erst die Postgesetznovelle vom 20. Dezember 1899 mit ihrem expliziten Verbot der privaten Postdienstleister beendet dieses faszinierende Kapitel der deutschen Postgeschichte.

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Privatpostfirmen in Karlsruhe

Die Geschichte der privaten Postdienstleister in Karlsruhe spielt sich ab zwischen den Jahren 1886 und 1900. Die Ereignisse dieser Zeit verteilen sich dabei auf eine Reihe von Akteuren, deren Rahmendaten im Folgenden zusammengestellt sind:

 

A) „Privat-Briefbeförderung“

Eröffnet

23. Oktober 1886

Geschlossen

27. April 1887

Eigentümer

Ernst Reinhardt

 

23. Oktober 1886 bis Anfang Dezember 1886

 

Georg Arnold

 

Anfang Dezember 1886 bis 14. Februar 1887

 

Heinrich Zentner

 

15. Februar 1887 bis 27. April 1887

Büro

Friedrichsplatz 3 (März 1886 bis Februar 1887)

 

Kriegstraße 30 (Februar 1887 - April 1887

Das Unternehmen wird an die „Privat Stadt-Briefbeförderung“ verkauft.

 

B) „Privat Stadt-Briefbeförderung“

Eröffnet

27. Oktober 1886

Geschlossen

Mitte April 1888

Eigentümer

Karl Anselm & Cie

Büro

Bürgerstraße 7

Das Unternehmen geht in Konkurs.

 

C) „Privat-Stadtbriefbeförderung“

 

1. Phase

Eröffnet

Juni 1888

Geschlossen

Dezember 1888

Eigentümer

Gustav Adolf Kraut

Büro

Bürgerstraße 7

Die Geschäftstätigkeit wird eingestellt.

 

2. Phase

Eröffnet

Mai 1890

Geschlossen

Januar 1893

Eigentümer

Gustav Adolf Kraut

Büro

Amalienstraße 75(?)

Der Eigentümer wird wegen Unterschlagung verhaftet.

 

D) „Privat-Brief-Verkehr“

Eröffnet

22. März 1894

Geschlossen

31. März 1900

Eigentümer

Jean Nies (50%)

 

22. März 1894 bis 31. Juli 1895 Anna Maria Hesch (50%)

 

1. August 1895 bis 31. Mai 1896 Josef Fritz (50%)

 

1. Juni 1896 bis 31. März 1900 Anna Farrenkopf (50%) vertreten durch ihren Ehemann Valentin Farrenkopf

Büro

22. März 1894 bis 31. März 1900 Steinstraße 23 (März bis Oktober 1894) Steinstraße 29 (November 1894 bis Juni 1899) Markgrafenstraße 32 (Juli 1899 bis März 1900)

Das Unternehmen muss aufgrund des gesetzlichen Verbots der Privatpostfirmen schließen.

Aufbruchsstimmung

Obwohl Karlsruhe mit 61.066 Einwohnern im Jahr 1885 lediglich eine mittelgroße Stadt ist und daher nur eingeschränkte Erfolgsaussichten für private Postdienstleistungen bietet, gehen im Oktober 1886 gleich zwei Firmen an den Start. Insbesondere das zweite, von einem Karlsruher gegründete Unternehmen wird in der Presse mit einer Mischung aus Sympathie, Neugier und Lokalpatriotismus begleitet. Friedrich Gutsch, der Herausgeber der „Karlsruher Nachrichten“ und als Mitglied des örtlichen Briefmarkensammlervereins mit einer gewissen philatelistischen Neugier ausgestattet, schreibt in seiner Zeitung immer wieder wohlwollend über die neue Privatpostfirma.

Auch die städtische Archivkommission hält im Nachhinein die Gründung der beiden Privatpostunternehmen für so bemerkenswert, dass sie dieses Ereignis in ihrer „Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1886“ unter der Rubrik „Verkehrswesen“ mit einem längeren Absatz würdigt. Diese Ehre wird den privaten Postdienstleistern allerdings nur dieses eine Mal zuteil.

Eine der beiden Initiativen zur Gründung einer Karlsruher Privatpost rührt von dem in Heidelberg lebenden Georg Arnold her, der am 31. Juli 1886 in Heidelberg das erste Privatpostunternehmen im Deutschen Reich außerhalb von Berlin eröffnet. Arnold bringt die Geschäftsidee von einem Besuch in Berlin mit, wo er die dortige „Berliner Packetfahrt AG“ kennenlernt.

Seine berufliche Laufbahn ist je nach Blickwinkel geprägt von Unstetigkeit bzw. Unternehmergeist, in den Heidelberger Adressbücher wird er in den Jahren von 1878 bis 1886 mit wechselnden Berufen aufgeführt: Er versucht sich als Buchhalter, Betreiber eines Tabak- und Zigarrenladens, Inhaber eines Kohlengeschäftes, Kommissionsreisender und Musiklehrer („Musikdirektor“), bevor er 1886 zum Privatpostunternehmer wird. Die Idee, Postdienstleistungen in Konkurrenz zur Reichspost anzubieten, ist jedoch schwieriger umzusetzen als gedacht, so dass er schon ein Jahr später seine Heidelberger Firma im Wesentlichen auf den Markenverkauf an Sammler umstellt. Ab 1894 firmiert er als Briefmarkenhändler.

In der zweiten Jahreshälfte 1886 glaubt er jedoch noch an seinen Erfolg als lokaler Privatpostunternehmer. Und warum soll er sich dabei auf seine Heimatstadt beschränken, gibt es doch eine Reihe von Unternehmerkollegen, die Firmen in mehreren Städten gegründet haben. So expandiert Arnold und eröffnet in schneller Folge eigene Firmen in Karlsruhe, Leipzig (11. November 1886) und Mannheim (26. Dezember 1886).

Auf der Suche nach einem Leiter für das geplante Karlsruher Unternehmen stößt er auf Ernst Reinhardt. Die Heidelberger Adressbücher erwähnen Reinhardt erstmals in der Ausgabe von 1867/1868 (in der Schreibweise „Reinhart“), wohnhaft in der Oberen Neckarstraße 5. Ernst Reinhardt hat das Schneiderhandwerk erlernt und wird im Branchenverzeichnis als Herrenschneider bzw. Kleidermacher geführt. Ab 1876 ist er zusätzlich Brennholz- und Kohlenhändler, ohne das Schneiderhandwerk ganz aufzugeben. Da sowohl Arnold als auch Reinhardt in der Altstadt von Heidelberg wohnen und Arnold 1884 kurzzeitig ein Kohlengeschäft betreibt, ist man sich wahrscheinlich in dieser Zeit begegnet. Reinhardt ist der Geschäftsidee gegenüber aufgeschlossen. In zehn Arbeitsjahren als Kaufmann hat er gelernt, ein Geschäft zu führen, Kenntnisse in der Führung eines Postunternehmens bringt er allerdings nicht mit.

Unterschrift Ernst Reinhardt

Über die Vorbereitungen zur Gründung des Unternehmens gibt es nur wenige Unterlagen. Lediglich in den „Karlsruher Nachrichten“ findet sich eine Anzeige, in der Ende Oktober 1886 ohne Nennung der Aufgabe junge Leute, wahrscheinlich als Zusteller, gesucht werden. Bei der Wahl seines Büros beweist Reinhardt Chuzpe: Das Haus Friedrichsplatz Nr. 3 ist direkt neben dem Sitz der kaiserlichen Reichspost (Friedrichsplatz Nr. 1) gelegen, auch wenn Reinhardt sein Büro nur im Hinterhaus dieser repräsentativen Wohnanlage mietet. Der Eingang zum Büro liegt direkt zwischen „(kaiserlicher) Brief und Paketpost“.

Straßenfront Haus Friedrichsplatz Nr. 3 Ende des 19. Jahrhunderts

Am 16. und 18. Oktober tritt Reinhardt zum ersten Mal mit einer Anzeige an die Öffentlichkeit und kündigt die Eröffnung seiner Firma für Mittwoch, den 20. Oktober 1886 an:

Anzeige von Ernst Reinhardt im „Karlsruher Tagblatt“ vom 16. Oktober
1886 zur geplanten Eröffnung einer „Privat=Brief=Beförderung“

Sein mit den Gebührensätzen des Heidelberger „Privat-Brief-Verkehr“ identischer Tarif in Höhe von 2 Pfennig für geschlossene Schreiben sowie 1 Pfennig für offene Sendungen ohne Gewichtsbegrenzung unterbietet die Taxe der Reichspost deutlich. Den geplanten Eröffnungstermin 20. Oktober kann er allerdings nicht ganz einhalten, die tatsächliche Eröffnung erfolgt am 23. Oktober, drei Tage später als vorgesehen.