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Red Alert

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Handelnde Personen
  6. Widmung
  7. Anmerkung des Autors
  8. Prolog
  9. Teil eins
  10. 1. Kapitel
  11. 2. Kapitel
  12. 3. Kapitel
  1. Teil zwei
  2. 4. Kapitel
  3. 5. Kapitel
  4. 6. Kapitel
  1. Teil drei
  2. 7. Kapitel
  3. 8. Kapitel
  4. 9. Kapitel
  1. Epilog
  2. Quellen und Danksagungen
  3. Fußnoten

Über den Autor

Peter Sasgen diente in der U. S. Navy und arbeitete später als Grafikdesigner und Fotograf in Washington, D. C. Heute lebt er mit seiner Frau in Philadelphia und arbeitet an seinem nächsten Roman.

Handelnde Personen

Deutsche

Kapitänleutnant Horst Becker, Kommandant der U-233
»LI«, Leitender Ingenieur der U-233, Freund und Vertrauter Beckers
Leutnant Lothar Freitag, Erster Wachoffizier (I WO) der U-233

Briten

Sir Stewart Mackenzie, »C«, Direktor des britischen Secret Service (MI-6)
Martin Blackthorne, Leiter der Spionageabwehr des MI-6
Commander Geoffrey Fleming, RN (Royal Navy), Kommandant des britischen Zerstörers HMS Ulster
David Rees, Verbindungsoffizier zwischen MI-6 und SHAEF (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces; Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte)
Houghton-Vickers, Chief Inspector, Scotland Yard

US-Amerikaner

Captain Roy Parker, US-Navy, Einsatzoffizier der US-Seestreitkräfte SHAEF
Vice Admiral Tom Ghorman, US-Navy, Oberbefehlshaber der US-Seestreitkräfte SHAEF
Major-General Lucian Carroll, USA, Stellvertretender Befehlshaber der US-Streitkräfte Nordeuropa

Russen

Tatjana Iwanowa, Agentin des Volkskommissariats für Staatssicherheit (NKGB) der Sowjetunion
Alexi Suwerow, Tatjanas Führungsoffizier; NKGB-Agent
Iwan Karpenko, sowjetischer Agent, der sich als Major Kurt Jäckel vom SD (Sicherheitsdienst) ausgibt
Andre Petrow, sowjetischer Agent, der sich als Hauptmann Heinz Franke vom SD ausgibt
Weroschilow, NKGB-Agent
Putin, NKGB-Agent

 

Für Karen

Anmerkung des Autors

The Last U-boat ist ein Roman, die Erfindung eines Schriftstellers. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass ich mir sowohl bei der Beschreibung deutscher U-Boot-Einsätze wie auch in der geschichtlichen Überlieferung und der Schilderung einiger historischer Persönlichkeiten Freiheiten erlaubt habe. Dennoch basiert mein Roman auf einer faszinierenden, kaum bekannten Geheimoperation der Nazis, und wäre diese erfolgreich gewesen, hätte sie den Lauf der Geschichte ändern können.

Im Frühjahr 1945 lief ein deutsches U-Boot mit Kurs auf Japan aus. Es hatte Rohmaterial an Bord, das in Nazi-Labors entwickelt worden war und für den Gebrauch in Massenvernichtungswaffen bestimmt war. Die Japaner benötigten diese Rohstoffe zum Kampfeinsatz gegen die Amerikaner und hatten dem Reich als Bezahlung zwanzig Tonnen Goldbarren geboten (heutiger Wert ca. 80 Millionen Euro). Bevor jedoch das U-Boot sein Ziel erreichen konnte, war der europäische Krieg durch die Kapitulation Deutschlands beendet.

Was mit der Ladung des U-Boots geschah, blieb jahrzehntelang ein Rätsel. Wir wissen jedoch inzwischen, dass besagtes Rohmaterial in einem supergeheimen US-Labor landete, wo es ausgerechnet in Waffen eingearbeitet wurde, die gegen Japan eingesetzt wurden, und, im Hinblick auf den drohenden Kalten Krieg, möglicherweise auch gegen die Sowjetunion.

Nun stellen Sie sich vor, dieses Rohmaterial wäre anstatt in den Vereinigten Staaten in der Sowjetunion gelandet …

Peter Sasgen

WDSCA1/269 Tokio

ACHTUNG: KLASSIFIKATION PURPUR (verschlüsselt)

Zusammenfassung

Der Beschuldigte, Heeresarzt bei der kaiserlichen japanischen Armee, gab zu, in der Einheit 731 in der Mandschurei an chinesischen, koreanischen und amerikanischen Kriegsgefangenen medizinische Experimente vorgenommen zu haben.

Der Beschuldigte sagte aus, er habe ohne den Einsatz von Betäubungsmitteln Eingriffe an Gefangenen durchgeführt, bei denen innere Organe (z. B. Leber, Bauchspeicheldrüse, Lungen und Herz) zu Untersuchungszwecken exzidiert wurden. Er gab auch zu, Experimente an den Gefangenen durchgeführt zu haben, um ihre Widerstandsfähigkeit gegen extreme Hitze und Kälte, Hunger und Röntgenstrahlen zu testen. Er sagte aus, nach Impfung Hunderter von Häftlingen mit Anthrax- und Pockenbakterien, um die Wirksamkeit biologischer Kampfstoffe zu testen, seien er und seine Vorgesetzten zu dem Schluss gekommen, dass für die weitflächige Verbreitung per Flugzeug leistungsfähigere Bakterienstämme2 vonnöten wären. (Die gesamte Mitschrift des Verhörs ist beigefügt.)

Auswertungsdokument 21–508 SCAP3 G-2 Oberkommando

Fernost
Vorgelegt am 30. Oktober 1947
Vernehmungsbeamter: Winston Sayers, Lt.Col., G-2 (SfS) SCAP
Kampfmittelerforschung (biologisch/medizinisch/atomar)
Aktenordner 8110; Berichtgruppe 508 SCAP;
Untergruppe: Geheimdienstoperationen
Archiv (XA II), Fort Detrick, Maryland

Prolog

Habe wohl acht auf deine Feinde,
denn niemand bemerkt deine Fehler
schneller als sie.

Antisthenes

 

LAS CRUCES, NEW MEXICO, 8. SEPTEMBER 1944

Cesar Vargas war in der Stimmung zu töten.

Er stand am Fenster seines Zimmers im San Patricio Hotel und starrte hinab auf die fast menschenleere Montoya Avenue, über die alkalischer Staub wirbelte. Der heiße Wind aus der hochgelegenen Wüste im Süden hatte den salzigen Staub hergeweht, der sich wie eine Schicht über die Stadt legte. Vargas schmeckte ihn auf den Lippen, fühlte ihn beißend in den Augen.

Wieder sah er die Stationen seiner Reise vor sich. In nördlicher Richtung war es von Mexiko-Stadt nach Juarez gegangen, dann in einem stickigen Bus voller mexikanischer Tagelöhner nach Las Cruces. In abgetragenen Kleidern, mit einem zerbeulten Pappkoffer, den fleckigen Sombrero aus Stroh tief in sein schönes spanisches Gesicht gezogen, hatte Vargas am Grenzübergang El Paso den Boden der Vereinigten Staaten betreten. Die überheblichen amerikanischen Grenzbeamten hatten ihn einfach durchgewinkt: Für sie war er nur ein Arbeitssklave auf dem Weg in den Norden, bereit, die Knochenarbeit zu erledigen, für die sich Gringos zu schade waren. Vargas tröstete sich damit, dass sein Auftrag bald erledigt war. Dann würde er in die spanische Botschaft in Mexiko-Stadt zurückkehren und bald darauf nach Madrid und zu einem Leben voller Annehmlichkeiten – erkauft durch die Peseten, die er mit seinen Spionagediensten für die Nazis verdient hatte.

Nachdem Vargas zugesehen hatte, wie ein hechelnder gelber Köter gegen einen Laternenpfahl pinkelte und sodann die Montoya Avenue hinabtrottete, wandte er sich ab und den beiden Mexikanern im Zimmer zu. Er war am Ende seiner Geduld.

Der Mann, den Vargas nur als Alvarez kannte, knetete die Krempe seines Sombreros mit seinen knotigen Händen.

»Wo ist Medina?«, fragte Vargas.

Alvarez sah die Wut in den Augen des Spaniers.

»Medina sollte doch auch hier sein! Wo steckt er?«

Der andere Mann, Ramos, warf Alvarez einen Blick zu.

Alvarez zuckte die Achseln. »Er ist in Española.«

»Española? Das ist zwanzig Meilen nördlich von Los Alamos.«

»Si

»Was macht er denn da?«

»Eine Frau, Señor«, platzte Ramos heraus, als wäre damit alles geklärt.

»Er hat sich mit einer Frau getroffen, statt unsere Verabredung einzuhalten?«

Alvarez blinzelte nervös. »Ich habe sie gesehen, Señor. Sehr schön. Was wir eine caja de chocolates nennen – eine Schachtel Pralinen!«

Ramos grinste und zeigte schiefe braune Zähne. »Schokolade! Süß! Verstehen Sie? Sehr süß!«

»So so«, entgegnete Vargas. »Medina will also lieber diese Frau vögeln, diese Pralinenschachtel, als sich für die Informationen bezahlen zu lassen, die er besorgen sollte.«

Die beiden Mexikaner schwiegen.

Vargas ging zu seinem Pappkoffer, der aufgeklappt auf dem Bett lag, und holte eine Halbliterflasche Whisky heraus, die in ein schmutziges Hemd gewickelt war.

»Mit Medina befasse ich mich später. Bis dahin …« Er reichte Alvarez den Whisky.

»Gracias, Señor, gracias.«

»… könnt ihr mir erzählen, was ihr gesehen habt.«

Alvarez wischte sich den Mund und reichte die Flasche an Ramos weiter. »Bei Alamogordo, Señor, südlich von Compañia Hill, bauen die Gringos einen Stützpunkt.«

»Einen Stützpunkt?«

»Si. Einen großen.«

Vargas entnahm seinem Koffer eine Karte und breitete sie auf dem Bett aus. »Zeig mir, wo.«

Alvarez’ dicker brauner Finger wanderte über die südlichen Ebenen und Mesas New Mexicos, stoppte, fuhr ein Stück zurück, tippte dann entschlossen auf eine Stelle. »Äh … hier, Señor.« Sechzig Meilen nordwestlich von Alamogordo, zwischen dem Rio Grande und der Sierra Oscura. Ein riesiges Gebiet, eine flache, mit Buschwerk bewachsene Wüste mit Namen Jornada del Muerto – die Tagesreise des Todes. Die US-Luftwaffe hatte Tausende Hektar in ihren Besitz gebracht, um Waffen zu testen. Die nächste Stadt, Bingham, lag ungefähr zwanzig Meilen nördlich.

»Erzähl weiter«, sagte Vargas.

Alvarez zuckte die Achseln. »Tag und Nacht – bauen. Die Gringos bauen Straßen, um Sachen in die Jornada del Muerto zu bringen.«

»Was für Sachen?«

»Beton. Stahl. Sie bauen einen Turm in der Wüste.«

»Einen Turm?«

Der Mann schüttelte staunend den Kopf und verdrehte die Augen nach oben. Hob eine Hand hoch über den Kopf. »Bis zum Himmel.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Nein, Señor. Aber ich habe einen Mann getroffen, der ihn gesehen hat. Am Santa-Fé-Güterbahnhof von Alamogordo, wo ich gearbeitet und einen Zug entladen habe, der aus dem Norden kam, mit Baumaterial. Dieser Mann, ein Gringo, hat mir gesagt, dass er angestellt ist, um Nachschub zu dem Stützpunkt in der Jornada del Muerto zu fahren. Er sagte, er hat auch geholfen, Zementsäcke abzuladen, die wurden gebraucht für die Turm-« Er hielt inne, suchte nach dem Wort, und zeigte, da er es nicht fand, mit Nachdruck auf den Boden.

Vargas verstand, was er meinte. »Eine Basis: Fundamente.«

»Si, si. Fundamente für den Turm.«

Vargas strich sich über den Schnurrbart und überlegte. Neue Straßen. Ein Stahlturm mitten in der Wüste. Zu welchem Zweck? Als Ziel für Jagdbomber? Das ergab keinen Sinn.

»Was noch?«

Alvarez hob die Schultern. »Mehr konnte ich nicht hören. Außer …«

»Außer was?«

»Vor zwei Tagen haben Soldaten alle Straßen zur Jornada del Muerto gesperrt. Keiner kann dorthin, nur noch mit Sondergenehmigung.« Er sah Vargas an. »Sehr geheimnisvoll, no?«

Vargas schwieg eine Weile, dann wandte er sich an Ramos.

»Ich war in Los Alamos, Señor«, begann dieser. »Ich habe zwei Wochen auf der Caldera Ranch gearbeitet. Mein Job war, Ausreißer wiederzubringen. Das sind Kühe, die in die Arroyos laufen, und ich musste –«

»Komm zur Sache.«

»Ich war gerade in der Nähe von South Mesa, da hörte ich mehrere laute Explosionen. Sie kamen von einem Arroyo ungefähr zwei Meilen westlich von der Mesa. Ich bin so nahe wie möglich herangeritten, dann zu Fuß weitergegangen. Da waren Soldaten, die die Canyonstraße zum Arroyo bewachten. Also bin ich auf die andere Seite an den Nordrand des Arroyos geschlichen, aber auch da waren Soldaten. Ich hab mich versteckt und gewartet. Es gab wieder Explosionen. Schließlich sind die Soldaten in einem Lastwagen mit ein paar Männern weggefahren, die wohl in dem Arroyo gearbeitet haben. Ich hab so lange gewartet, bis ich sicher war, dass sie weg waren, dann bin ich in den Arroyo geklettert und hab nachgeschaut, was die da gemacht haben.«

»Was hast du gefunden?«, fragte Vargas.

Ramos legte seine Hände so zusammen, dass sie eine flache Schale bildeten. »In dem trockenen Bachbett habe ich … wie heißt das noch …?«

»Krater – Sprengkrater gesehen?«

»Und Reifenspuren und überall Fußspuren. Aber es wurde dunkel, und da bin ich schnell weggelaufen.«

»Bist du noch einmal dorthin gegangen?«

»Zweimal.«

»Und was hast du gefunden? Noch mehr Krater?«

Ramos zog einen schweren Gegenstand aus einer Tasche seiner weiten Arbeitshose. »Und das hier.« Er reichte Vargas ein verbogenes Rohr, ungefähr vier Zoll lang und mit einem Durchmesser von zwei Zoll.

Das eine Ende des eisernen Rohres war zerborsten, das Eisen geschmolzen, als sei es enormer Hitze und Druck ausgesetzt gewesen. Das andere Ende jedoch hatte ein intaktes Gewinde und einen unbeschädigten Deckel.

»Das hast du in dem Arroyo gefunden?«

»In der Nähe der oberen Kante. Es war halb vergraben in der Erde zwischen zwei Felsen. Ich glaube, die Männer haben danach gesucht – denn die Erde unter der Kante war überall aufgegraben –, aber sie haben es nicht finden können und dann aufgegeben.«

Vargas wog das malträtierte Rohrstück in der Hand. In dem Arroyo waren Probeexplosionen durchgeführt worden. War dieses Rohr nur ein wertloses Teil oder ein wichtiger Hinweis auf das, was die amerikanischen Wissenschaftler in Los Alamos testeten? Welche Verbindung bestand zu dem Stützpunkt, der zurzeit in der Jornada del Muerto errichtet wurde? Was für eine Bedeutung hatte dieses »Manhattan Project«?

»Wann hast du Medina zuletzt gesehen?«, fragte er Ramos.

»An dem Abend, als er mir sagte, er würde nach Española fahren.«

»Hat er gesagt, dass er etwas darüber wisse, was die Amerikaner in ihrem geheimen Stützpunkt in Los Alamos tun?«

»Er hat gesagt, er hätte etwas sehr Wichtiges erfahren. Aber …« Ramos lächelte verschmitzt. »Er wollte eigentlich nur über die Frau in Española reden.«

Vargas ging wieder zum Fenster und schaute hinaus. Alles war unverändert. Keine Bewegung auf der Straße – außer dem Staub und dem Hund, der nun an dem Laternenpfahl schnupperte, den er zuvor markiert hatte. Er pinkelte den Pfahl ein zweites Mal an und trollte sich. Was auch immer Medina in Los Alamos entdeckt hatte – nun hütete er sein Wissen in Española, in Gesellschaft jener Frau, die so süß war wie eine Schachtel Pralinen.

»Señor?«

Vargas wandte sich wieder den beiden Mexikanern zu.

Alvarez drehte immer noch seinen Sombrero in Händen. »Wir haben Ihnen alles gesagt, was wir wissen, und …«

Vargas steckte das zerschmetterte Rohr ein. »Ja, ja, ich weiß, ihr wartet auf euren Lohn.«

Er ging zum Bett und tastete mit der Hand unter den Kleidern in seinem Koffer. Er holte tief Luft, dann wirbelte er herum und zielte mit einer schallgedämpften Llama Ruby Automatik auf die beiden Männer.

Sie erstarrten. Entsetzte Augen hefteten sich auf die Pistole, die Vargas mit ausgestrecktem Arm und ohne zu zittern auf sie richtete.

Alvarez ließ seinen Sombrero fallen und stöhnte wie ein verwundetes Tier. Doch die Ruby brachte ihn mit einem trockenen, kurzen Knall zum Schweigen. Das 9mm-Geschoss traf in sein rechtes Auge und riss ihm den Hinterkopf weg.

Mit weit aufgerissenen Augen taumelte Ramos rückwärts zur Wand, eine Kugel im Hals, die andere in der Stirn.

Langsam senkte Vargas die Ruby. Ein feiner roter Dunst hing im Zimmer. Die beiden Körper lagen ausgestreckt am Boden, Hirnmasse mischte sich mit Knochensplittern. Vargas sammelte die drei Patronenhülsen ein, ließ jedoch die verstöpselte Whiskyflasche am Boden neben Ramos liegen. Er entlud die Waffe und wickelte sie in das schmutzige Hemd, dann packte er seinen Koffer und verschnürte ihn sorgfältig.

Zeit, nach Norden zu fahren und Medina zu suchen.

Teil eins

Sollten die Achsenmächte tatsächlich
über eine so furchtbare Waffe
verfügen, dann gäbe es gegen diese
keinerlei Schutz.

Wissenschaftliche
Einschätzung in
Großbritannien, 1944

1. Kapitel

KIEL, DEUTSCHLAND, 13. FEBRUAR 1945

Das Zimmer unter dem Dach war kalt. Becker spürte, wie die Frau sich regte und in dem schmalen Bett Rücken und Hintern an ihn schmiegte. Er rauchte und starrte aus dem Fenster auf den metallgrauen Winterhimmel, auf Kräne und Schornsteine, die sich über den glasüberdachten Montagehallen der U-Boote erhoben: Dort lag die riesige Germaniawerft von Krupp, die den Hafen beherrschte.

Martha drehte sich zu ihm herum und legte ihm ein Bein über die Schenkel. Becker steckte eine zweite Zigarette an und gab sie ihr. Sie bedankte sich und ließ ihre Hand zwischen seine Beine gleiten.

Er rieb sich eine schmerzende Stelle über dem Auge. Zu viel Schnaps.

Sie schaute ihn an, seine blasse, gefurchte Haut, die tief liegenden Augen, die roten Bartstoppeln am Kinn. »Versuch, nicht an sie zu denken.«

Becker rauchte.

Behutsam berührten ihre Finger seinen Penis. »Ich liebe dich.«

Sein Blick blieb an den Tauben hängen, die über das Fenstersims stolzierten. »Das tut mir leid für dich.«

Sie überhörte es. »Der Krieg ist bald vorbei. Wir könnten wieder leben.«

Leben? Was war das? Das Leben, das er gekannt hatte, war vorbei. Dasjenige, das er zurzeit führte, konnte jeden Augenblick zu Ende sein. Fast wünschte er es. Und dennoch hatte er Glück gehabt. Er lebte mit einer Hure zusammen, die ihn liebte. Manche Männer hatten nicht einmal das. Viele, die er gekannt hatte, waren tot.

Martha streichelte nun sein Gesicht. Er wandte ihr den Kopf zu. Sie küsste ihn auf den Mund. »Wirklich – ich liebe dich.«

Becker jedoch dachte an seine Frau und seine Tochter. Er versuchte sich zu erinnern. Versuchte, sich ihre Gesichter vorzustellen.

***

»Guten Tag, Herr Kaleun.« Der Erste Wachoffizier, von Becker überrascht, sprang von seinem Stuhl auf, nahm Haltung an und salutierte.

»Auch Ihnen einen guten Tag, Hauber.«

Becker betrachtete das schäbige Schiffsbüro, das in einer Wellblechhütte auf dem Pier untergebracht war, an dem die U-Boote zur Reparatur lagen; auch seines war dabei. Die Hütte war voller Rauchschwaden von einem massiven, knisternden Kohlenofen. Feuchte Lederjacken und Wollhandschuhe waren über dem Ofen auf eine Leine gehängt worden. Überall lagen Papiere verstreut.

»Ich – ich habe Sie nicht erwartet, Herr Kaleun«, stammelte Oberleutnant zur See Erich Hauber. Er räumte einen Stuhl für seinen Vorgesetzten frei und begann die Papiertürme auf seinem abgenutzten Schreibtisch zu ordnen.

»Ich brauchte frische Luft.«

»Natürlich, Herr Kaleun. Man kann ja nur –«

»Bis zu einem gewissen Punkt saufen und vögeln, was?«

Hauber wirkte schockiert.

Becker zündete sich eine Zigarette an und stieß den Rauch durch die Nase aus. »Unser Führer hat verfügt, dass wir uns gut ausruhen sollen, um uns für den Endsieg vorzubereiten.«

Hauber räusperte sich. »Herr Kaleun, Großadmiral Dönitz –«

»Weilt bei einem Gefreiten in Berlin. Für ihn gibt’s weder Wein noch Weib.«

Hauber rang sich ein Lächeln ab. »Vielleicht arbeitet er fieberhaft an einer neuen Strategie.«

Becker erwiderte nichts darauf. Das musste er auch gar nicht. Jeder Soldat in der U-Boot-Waffe der deutschen Kriegsmarine wusste, dass das Ende nahte. In sechs Kriegsjahren hatte die Marine mehr als 700 Schiffe und 28 000 Soldaten verloren. Kein feierlicher Empfang in der Heimat für sie, keine Blumensträuße von strahlenden jungen Frauen, die davon träumten, ihre Schenkel um einen der Helden des Reiches zu schließen. Und Dönitz’ Traum, dass die neuen Walter-Elektroboote die drohende Niederlage abwenden könnten, war eben dies: lediglich ein Traum. Die zweite Armee des britischen Generals Bernard Montgomery würde bald bis zur Elbe vorstoßen. Und war Hamburg erst einmal eingenommen, so lag Kiel nicht mehr weit.

»Ja, Sie haben sicher recht, Hauber.«

Becker betrachtete durch den kräuselnden Zigarettenrauch das Gesicht des jungen Offiziers, der so leicht durch abfällige Bemerkungen über die deutsche Führungselite zu schockieren war. Erfahrene U-Boot-Kommandanten wie Becker – so sie noch am Leben waren – waren Realisten und daher kaum geneigt, ihre Meinung über den Krieg oder gar über den Führer und seine Kumpane zu verbergen. Doch solches Gerede bereitete dem jungen Hauber Unbehagen, wie Becker festgestellt hatte, denn es schmeckte nach Defätismus, und diesen fürchtete Hauber fast ebenso sehr wie die Schmach, als Feigling tituliert zu werden, wenn er die Wasserbomben und Jagdraketen, die die Alliierten auf das U-Boot abfeuerten, nicht aushielt.

Wieder räusperte sich Hauber. Er nahm ein Bündel Unterlagen zur Hand und widmete ihnen seine ganze Aufmerksamkeit.

»Probleme, Hauber?«

»Der Leitende Ingenieur und seine Dieselmotoren. Ich wollte gerade mit ihm sprechen.«

»Verstehe.«

»Möchten Sie jetzt das Boot inspizieren, Herr Kaleun?«

Becker warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie mit seinem korkbesohlten Seestiefel aus. »Gehen Sie nur voran.«

***

Die dunkelgraue, düster wirkende U-858 lag zusammen mit einigen anderen U-Booten am Tirpitzkai und wartete auf ihre Reparatur. Als Boot des Typs IX C 40 war sie knapp 77 Meter lang und hatte eine Wasserverdrängung von 1 257 Tonnen. Die Hälfte der siebenundfünfzig Mann starken Besatzung hatte Urlaub bekommen oder war freigestellt worden, die Übrigen arbeiteten an der Seite von Zivilisten mit klappernden Nietpistolen und spuckenden, blitzenden Acetylenschweißbrennern an der Außenhülle. Auf dem Kai schleppten Arbeiter schweres Gerät, während fauchende, dampfgetriebene Kräne Lasten auf Wagen hoben.

Becker verzog das Gesicht. Der schwefelhaltige Dampf aus den Retortenöfen der Germaniawerft, in denen Akkumulatorsäure für U-Boote hergestellt wurde, biss in die Augen. Dieselölpfützen schaukelten im Hafenbecken und schimmerten in allen Regenbogenfarben. Tote Fische hingen in Trauben am teerverschmierten Pfahlwerk des Kais. Wohin Becker auch blickte, sah er verbogene Stahlträger, zerborstene Eisenteile und Ziegelsteine. Sogar eine entgleiste und umgestürzte Lokomotive. All dies legte Zeugnis ab über die Zielgenauigkeit und zunehmende Heftigkeit der britischen Bombenangriffe.

Ein Mann erschien auf dem Turm der U-858. Er salutierte elegant. »Herr Kapitän!«

Becker erwiderte den Salut und winkte. Der Mann kam über den Steg auf den Pier, übersah Hauber geflissentlich und steuerte direkt auf Becker zu.

»Kapitän, gute Nachrichten. Wir können in zwei Tagen auf Testfahrt gehen.«

Mit riesigen Roststellen, Kabeln und Schläuchen, die sich wirr über seine Oberseite schlängelten und aus offenen Luks heraushingen, mit einem Kommandoturm, der von den 20-Millimeter Geschossen eines RAF-Mosquito-Bombers durchlöchert worden war, wirkte Beckers Unterseeboot kaum fahrtauglich.

»Was ist mit den Trimmpumpen, LI? Arbeiten sie wieder ordentlich?«

»Jawohl, Herr Kaleun. Wir haben einen neuen hydraulischen Akkumulator eingebaut. Viel leiser jetzt.«

»Und die Diesel?«

»Tja.« Der Leitende Ingenieur bohrte beide Hände in die Taschen seiner grauen Arbeitslederjacke und spuckte ins Hafenwasser. »Nummer zwei macht Probleme.«

»Und …?«

Der Leitende Ingenieur grinste verschlagen, wobei er schiefe, braune Zähne zeigte. »Bis morgen ist das Miststück repariert und läuft. Mein Wort drauf.«

Testfahrt in zwei Tagen. Eine Standardübung, die vor jeder Feindfahrt vorgenommen wurde. Wohin sollte es diesmal gehen? Vielleicht in den gefährlichen Nordatlantik. Alle diese jungen Matrosen, die jetzt ihren Urlaub bei ihrer Familie oder ihren Freundinnen verbrachten oder auch bei Huren, in Hamburg, Berlin und in anderen Städten … Es konnte ihr letzter Urlaub sein. Becker dachte an die Frau, die er unter der Bettdecke in seinem Zimmer am Jensendamm zurückgelassen hatte. Vielleicht war es auch sein letzter Urlaub gewesen.

Hauber hielt dem Leitenden Ingenieur ein Papier unter die Nase. Mahnend sagte er: »Die Maschinen müssen zuerst einen Kompressionstest bestehen und dann zwei ganze Tage mit voller Kraft laufen, bevor ihre Seetauglichkeit bestätigt ist.«

Mit vor Verachtung triefender Stimme erwiderte der Angesprochene: »Ja, sicher, Herr Wachoffizier. Aber Sie haben eins vergessen: Wir befinden uns im Krieg.« Er spuckte vor Hauber auf das Kopfsteinpflaster. »Und im Krieg zählt jeder Tag.«

Hauber reckte trotzig sein Kinn. »Ich weiß sehr wohl, dass wir uns im Krieg befinden …«

Ein junger Matrose auf der U-858 rief nach Hauber: Es gab ein Problem, dessen er sich annehmen musste.

Der I WO stopfte das Papier, das er dem Ingenieur unter die Nase gehalten hatte, in die Tasche seiner Seemannsjacke und stampfte über den Steg.

Der Leitende Ingenieur gesellte sich zu Becker, der den Pier entlangspazierte und die U-858 begutachtete.

»Nicht wie in den guten alten Zeiten, was, LI?«

»Welche guten alten Zeiten, Kapitän? Weiß gar nicht, ob ich mich an die noch erinnere. War das, als die U-Boot-Besatzungen noch 30 000 Mann zählten? Als täglich noch zehn Boote aus der Helling kamen? Meinen Sie die glücklichen Zeiten, wo wir’s fast geschafft hätten, sämtliche Handelsschiffe der Amis und Tommys zu versenken? Oder die Zeiten, als wir noch fähige Männer hatten, echte Unterseebootmatrosen? Nicht solche Kerle wie Hauber.«

Becker zündete sich trotz der allgegenwärtigen »Nichtraucher«-Schilder eine neue Zigarette an. »Leider sind Männer wie Hauber alles, was uns noch geblieben ist.«

»Er ist ein arschkriechender Hitleranhänger.«

»Der Krieg wird nicht mehr lange dauern. Und wer weiß? Vielleicht gehen wir überhaupt nicht mehr auf Feindfahrt.«

Um sie herum wurde fieberhaft an den U-Booten gearbeitet. Lastwagen und Pferdekarren mit Werkzeugen und Gerät ratterten kaiauf und kaiab. Werftarbeiter wichen Becker und seinem Leitenden Ingenieur geschickt aus. Wie die U-858 hatten auch sämtliche anderen am Tirpitzkai vertäuten Boote Schäden von Bombenangriffen und feindlichen Jagdunterseebooten davongetragen. Sie waren die Überlebenden, und Becker wusste sehr wohl, dass ihre Zahl täglich kleiner wurde.

Der Leitende Ingenieur machte eine Kopfbewegung zu den U-Booten und den arbeitenden Männern. »Sehen Sie nur, Kapitän – wie erpicht sie darauf sind, wieder zur See zu fahren, um für den kleinen Gefreiten zu sterben!«

Becker machte abrupt kehrt und spazierte langsam zu seinem Unterseeboot zurück. »Sie tun es nicht für ihn, LI, sondern sie tun es, weil sie der Marine den Treueid geleistet haben. Es sind stolze Männer.«

»Ja, das sind sie. Und wie Sie selbst eben gesagt haben, machen wir womöglich gar keine Feindfahrt mehr. Aber wenn doch, dann bin ich der Erste an Bord, das schwöre ich. Dennoch hätte ich am liebsten mehr als nur eine winzige Chance, wieder lebend nach Hause zu kommen.«

»LI, vertrauen Sie mir nicht mehr?«

Der Ingenieur sah ihn erstaunt an. »Natürlich vertraue ich Ihnen, Kapitän. Ich mache mir Sorgen, weil Hauber so ein Paragrafenreiter ist, bei dem alles seine sture Ordnung haben muss. Und wie ich hörte, ist er auch wilden Feiern nicht abgeneigt.«

»Lassen Sie sich von ihm nicht die Laune verderben. Hauber ist harmlos. Es fehlt ihm nur ein wenig an Erfahrung. Wenn wir wieder auf Fahrt gehen, werden wir ihn schon zurechtstutzen – und dann wird sich ja herausstellen, wie viel von seinen sturen Vorschriften übrig bleibt.«

Auf der Höhe des durchlöcherten Turms der U-858 blieben sie stehen.

»Kapitän, ich diene jetzt vier Jahre unter Ihrem Kommando. Wir haben manchen Sturm erlebt. Aber wir sind immer durchgekommen, weil wir uns von Bug bis achtern auf unsere Mannschaft verlassen konnten. Es wäre schön, wenn das bis zum Ende des Krieges so bliebe, aber ich fürchte, Hauber wird Misstrauen und Angst unter der Besatzung säen. Ständig horcht er die Männer über ihre politischen Ansichten und ihre Meinung zum Krieg aus. So kann man keine Kameradschaft schüren.« Er schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Hauber ist wie ein Pickel auf dem Arsch der Mannschaft.«

Becker lachte. »Und Sie wollen, dass ich ihn ausdrücke, ja?«

Der Leitende Ingenieur nickte heftig, und sie setzten sich wieder in Bewegung.

Becker nahm seine Schirmmütze ab, deren weiße Oberseite ihn als U-Boot-Kommandanten auswies, und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Ich rede mal mit ihm, ja? Stelle sicher, dass er kein Spion Himmlers ist, falls Sie das befürchten.«

»Tja –«

Becker verharrte mitten im Schritt und schaute zum Himmel, die Hand schützend über den Augen. Er spürte es, noch bevor er es sah und hörte – das schwere, reißende Grollen von Rolls-Royce-Merlin-Motoren, Dutzende von ihnen.

»Fliegeralarm!«

Die Männer auf den Booten hatten ihre Arbeit unterbrochen und hoben die Köpfe.

Becker schaute hinüber zu den Montagehallen der Germaniawerft. Da! Niedrig fliegende Lancaster-Bomber der Royal Air Force im Formationsflug.

»Was ist mit der Flak, verdammt? Worauf warten die noch?«

Keine schwarzen Rauchspuren der Flak am kristallgrauen Himmel.

»Kapitän!« Der Leitende Ingenieur packte Becker am Arm und versuchte ihn mitzuziehen. »Hier lang – zum Luftschutzkeller!«

Doch Becker stand wie angewurzelt auf dem Kai und starrte auf die Flugzeuge. Zuerst hatten sie ausgesehen wie kleine schwarze, fliegende Käfer, doch im Näherkommen erkannte man die viermotorigen schweren Bomber, deren Motoren im Anflug dröhnten wie Donner.

Nun begannen die Flakbatterien rund um den Hafen zu rattern, und gleichzeitig fingen die Sirenen an zu heulen. Die Arbeiter flüchteten in alle Richtungen. Ein Lastwagen kam zum Halten, und heraus sprangen Männer, verzweifelt nach Deckung suchend. Becker und sein Leitender Ingenieur wurden fast über den Haufen gerannt. Offiziere brüllten Befehle und winkten Matrosen von den U-Booten herunter. Manche gehorchten den Befehlen nicht und versuchten, die auf den Oberdecks der Boote installierten Flaks gefechtsklar zu machen, merkten jedoch rasch, dass diese vorschriftsmäßig nicht geladen waren.

»Kapitän! Nun kommen Sie schon!«

Irgendwo ratterten Maschinengewehre; Spuren von Leuchtschussmunition wölbten sich über ihren Köpfen. Das Knattern der Flaks war ohrenbetäubend.

Im gesamten Hafen spritzten Schuttfontänen von Kais und Gebäuden hoch, der Lärm der Detonationen war einen Moment später zu hören. Becker sah einen gezielten Treffer auf eine Montagehalle der Krupp-Germaniawerft. Einen Augenblick später schoben sich zwei Unterseeboote aus der Montagestraße und kippten wie ausrangierte Spielzeuge in das Hafenbecken. Hässliche braune Pilzwolken und schwarzer Rauch unzähliger Feuer hüllten die Stadt ein. Nichts und niemand wurde verschont.

Die erste Welle niedrig fliegender Lancaster-Bomber brauste über ihre Köpfe. Becker duckte sich instinktiv. Nun wälzten sich riesige Wassersäulen durch den Hafen auf den Tirpitzkai zu.

War es in Berlin auch so gewesen? Wiederholte, zermürbende Angriffe von Lancaster- und Boeing-B-17-Bombern, die die Stadt in Schutt und Asche legten. Das dumpfe Dröhnen und die Einschläge, die immer näher kamen. Katia und Hedda im Luftschutzkeller ihres Hauses. Es gebe nichts zu fürchten, hatte Katia ihm beharrlich versichert, das alte Haus habe eine gute Bausubstanz und könne jedem Angriff standhalten.

Sie und Hedda mussten gehört haben, wie die Balken einstürzten, wie die Böden nachgaben. Becker stellte sich vor, wie sie in dem stockdunklen, von Staubschwaden durchzogenen Keller gehockt hatten. Und dann plötzlich ein Überdruck, entstanden durch eine detonierende 1000-Pfund-Bombe …

Der Anrufer aus Berlin hatte sich knapp und treffend ausgedrückt. Frau Becker und ihre Tochter waren tot. Kein Irrtum möglich. Ihr Haus war zerstört, der gesamte Block war zerstört. Kein Stein war auf dem anderen geblieben. Es würde Wochen dauern, bevor die Behörden auch nur daran denken konnten, die Toten aus den Kellern zu bergen. Es waren so viele … Becker musste feststellen, dass er nur ein schönes Foto von ihnen besaß: Da hatten sie den Zoo besucht, aßen ein Eis. All das war so lange her, dass es ihm vorkam wie ein Traum.

Er betrachtete die Wassersäulen, die sich heranschoben wie dicke, abscheuliche Beulen. Würde er hier in Kiel sterben, an Land, statt in einem tödlich getroffenen Boot, das in unergründliche Tiefen sank? Fast wünschte er es.

»Kapitän! Runter mit Ihnen!« Der Leitende Ingenieur zerrte Becker förmlich aufs Pflaster nieder und warf sich schützend über ihn.

Einen Moment später brauste die zweite Angriffswelle riesiger schwarzer Bomber über sie hinweg. Sie flogen so tief, dass man glaubte, sie mit ausgestreckter Hand berühren zu können. Becker versuchte hochzuschauen, doch er konnte sich nicht rühren, da sein Leitender Ingenieur ihn mit seinem ganzen Gewicht zu Boden drückte.

Genau vor ihnen wurde ein U-Boot getroffen. Relingstützen, Teile des Schanzkleids, Gewehrläufe, verbogene Eisenrohre, alles schleuderte kreiselnd durch die Luft, prallte auf den Kai und rutschte weiter, benetzt von einem Wasserschwall aus dem schmutzigen Hafenbecken.

Wieder eine ohrenbetäubende Explosion, und diesmal sah Becker die U-858, deutlich sichtbar vor dem weißen Wasser, taumeln wie einen Betrunkenen. Einen Moment schien es, als würde sich das Boot wieder aufrichten, doch dann drehte es sich hart steuerbord vom Kai weg, schwenkte wieder zurück und lag schließlich quer. Aus einem offenen Luk im Achterdeck quoll schwarzer Rauch.

Eine dritte Staffel Lancasters brauste über sie hinweg. Dann war es vorüber.

Stille. Nicht lang, und die Verwundeten begannen zu schreien. Männer rannten in alle Richtungen und bellten Befehle, wiesen Feuerwehrmännern und Nothelfern den Weg. Der Kai war eine Schlachtbank voller Leichen, verstümmelter Pferde und verstreuter Trümmer. Öliger schwarzer Rauch quoll aus der Treibstoffgrube gen Himmel. Irgendwo im Hafen gellte eine einsame Sirene. Ein Leichentuch aus dunkelgrauem Rauch war über Kiel gebreitet. Auch die Stadt war schwer getroffen worden. Kurz trat Becker ein Bild der Frau vor Augen, die er schlafend in seinem Bett zurückgelassen hatte. Dann war es verschwunden.

Der Leitende Ingenieur half ihm auf die Beine. »Herr Kaleun, alles in Ordnung?«

Becker antwortete nicht. Er eilte zu seinem Boot, wich den Männer aus, die mit Schläuchen und Beilen hantierten.

Matrosen der U-858, viele von ihnen rußbedeckt und keuchend, halfen ihren benommenen Kameraden aus einem vorderen Ausstiegsluk.

Geschwärzte Hände wurden ausgestreckt, um Becker auf das schräg geneigte Deck zu helfen.

»Wie viele Tote und Verwundete?«

»Keine, soweit wir wissen, Herr Kaleun«, erwiderte ein benommener Maschinist.

»Wie schlimm ist der Schaden?«

»Im Dieselraum hat eine Bombe die Hülle beschädigt und ein Feuer ausgelöst. Aber wir haben die Abteilung abgeriegelt. Achtern Wassereinbruch.«

Auch der Leitende Ingenieur kletterte nun an Bord. Er reichte Becker seine beschmutzte Schirmmütze. »Ich hol mir ein Atemgerät und schau nach, wie schlimm es ist.«

Er wandte sich zum Gehen, doch Becker ergriff seinen Arm. »Nein, LI. Zu gefährlich. Die Abteilung ist doch abgeriegelt. Soll das Feuer doch brennen, bis es verlischt …«

»Kapitän!« Ein Matrose auf dem Turm hatte etwas entdeckt.

Hand über Hand zogen sich Becker und der Leitende Ingenieur zu dem schief geneigten Turm und schwangen sich über die Reling.

Der Ingenieur folgte der Richtung des zeigenden Fingers und wandte sich schaudernd ab, die Faust vor dem Mund. »Herrgott!«

Becker hatte sich hingehockt und betrachtete das, was von Oberleutnant zur See Erich Hauber übrig geblieben war. Ein scharfes Bruchstück einer Stahlplatte, das sich vom Deck eines der bombardierten Boote gelöst hatte, war zu einem Geschoss geworden und hatte mit chirurgischer Präzision Haubers Kopf in Höhe der Stirn durchtrennt. Tote Augen starrten zu Becker empor. Leicht geöffnete Lippen, die zu lächeln schienen, rahmten zwei Reihen regelmäßiger weißer Zähne ein.

Becker studierte Haubers Gesicht und versuchte, dessen überraschten Ausdruck zu ergründen. Vielleicht hatte Hauber etwas über den Krieg fragen wollen, hatte wissen wollen, warum Menschen kämpfen. Becker hätte ihm die Antwort geben können: Damit sie überleben. Und damit sie ihren Kameraden beweisen, dass sie nicht feige sind, denn jeder Soldat fürchtet die Feigheit mehr als den Tod.

Er bedeckte Haubers geschändetes Gesicht mit seiner Schirmmütze. Hauber hatte Glück gehabt. Er musste keine Angst mehr haben, für einen Feigling gehalten zu werden.

DER BUNKER DER REICHSKANZLEI, BERLIN, 17. FEBRUAR

»Speer. Gut, dass Sie gekommen sind.«

Albert Speer, Reichsrüstungsminister und Generalbauinspektor, unterdrückte nur mit Mühe seine Bestürzung.

Adolf Hitler hatte das Konferenzzimmer des Bunkers betreten. Sein Kopf zitterte leicht, sein linker Arm hing schlaff herunter, und er sah vollkommen erschöpft aus.

Das Leben im Führerhauptquartier, jener abgeschotteten Kommandozentrale des Dritten Reiches tief unter der Erde Berlins, wo er seit Mitte Januar residierte, hatte Hitlers Haut leichengrau gefärbt. Am Vortag hatte ein Angriff von tausend alliierten Fliegern der 8. US Air Force Berlin schwer zugesetzt. Selbst der »Führerbunker«, fünf Meter unter der zerstörten Reichskanzlei gelegen und durch eine dicke Stahlbetondecke geschützt, hatte unter der Gewalt des Angriffs gebebt. Feiner gelber Staub war von Wänden und Decken gerieselt und bedeckte nun sämtliche ebenen Flächen. Hitler, der die ganze Nacht wach gelegen hatte, hatte ein verquollenes Gesicht; seine silbergraue Uniform war beschmutzt und zerknittert. Er machte den Eindruck eines Mannes, der sich in sein Schicksal ergeben hatte. Speer empfand fast Mitleid mit ihm.

»Sagen sie Fräulein Junge, dass ich sie hier brauche«, trug Hitler seinem Leibwächter auf. Dann wandte er sich an Speer. »Wie geht es Ihnen?«

»So gut, wie es unter diesen Umständen möglich ist, mein Führer.« Ganz der steife Arier und stets nervös, wenn er zu einer Unterredung mit Hitler gebeten wurde, wartete Speer geduldig, bis sein Gönner zur Sache kommen würde.

Hitler ging zu der Generalstabskarte an der Wand und blieb sinnend davor stehen. Rote Pfeile zeigten die Stellungen der sowjetischen Truppen und Panzer an. Es war deutlich zu sehen, dass die Verteidigungslinie der Deutschen im Osten im Zusammenbruch begriffen war.

»Die Russen«, sagte Hitler so leise, dass Speer den Kopf neigen musste, um ihn zu verstehen, »stehen an der Oder. Ich habe Keitel befohlen, sämtliche zur Verfügung stehenden Divisionen zur Verteidigung Berlins einzusetzen.«

Ein langes Schweigen folgte.

Hitler richtete den Blick auf Speer. Seine Augen waren stumpf, leblos. »Keitel denkt, wir sind am Ende. Was glauben Sie, Speer?«

»Ich – die Einzelheiten der taktischen Lage sind mir nicht vertraut.« Speer deutete auf die Karte. »Die Russen stehen, wie Sie sagen, sechsundneunzig Kilometer vor Berlin. Keitels Truppen können bewirken, dass sie nur zwei Kilometer pro Tag vorstoßen … Ich bin sicher, er wird sein Bestes tun …«

Doch Hitler hatte sich bereits von der Karte abgewandt. Die Hände auf dem Rücken gefaltet sagte er: »Ich überlasse es dem Schicksal, ob ich hier sterbe oder auf dem Obersalzberg. Aber es wird keine Kapitulation geben.«

Speer nickte. Die Deutschen kontrollierten nur noch eine Nordsüdverbindung im Land, und selbst diese konnte jeden Moment abgeschnitten werden.

»Jeder verrät mich. Wem kann ich noch trauen? Göring? Himmler?« Wütend fauchte er seinen Rüstungsminister an: »Denken Sie mal nach! Wer könnte mein Nachfolger sein?«

»Mein Führer, ich …«

»Ich habe Ihnen eine Frage gestellt.«

Speer stand wie erstarrt, unsicher, wie er antworten sollte. Hitler war in einer seiner streitlustigen Stimmungen: Es ging im Grunde nicht darum, wer das sterbende Reich führen sollte, falls er den russischen Angriff nicht überlebte – nein, er wollte vielmehr Speers Loyalität prüfen.

»Niemand kann Sie ersetzen. Aber«, Speer neigte ehrerbietig den Kopf, »wenn Sie aus irgendeinem Grund nicht weiterregieren können, würde ich vorschlagen, Großadmiral Dönitz zu Ihrem Nachfolger zu ernennen.«

Hitler hielt Speers Blick fest. Dann lachte er unvermittelt auf. Es klang wie ein Bellen. »Immer der Diplomat, was, Speer? Nicht besonders erfahren in der Beurteilung der taktischen Lage, aber ein Meister der Strategie.«

Speer wollte etwas sagen, doch Hitler hielt eine Hand hoch. »Übrigens eine ausgezeichnete Wahl: Dönitz. Sie haben meine Absicht erraten, Speer.«

Dieser neigte erneut den Kopf.

»Aber auch Ihren eigenen Interessen äußerst dienlich, möchte ich hinzufügen. Ich weiß sehr wohl, dass Sie niemals mit Göring und Himmler zusammenarbeiten könnten.«

»Dönitz ist Realist.« Was Speer verschwieg, war, dass der Großadmiral Deutschland mit Würde, Umsicht und Menschlichkeit in die Kapitulation führen würde. Doch er sah auch Probleme voraus. Dönitz war ein Mann der Marine, er hatte niemals Interesse an der Position des Führers gezeigt. Und er hatte sein Urteil über Hitlers Scheitern weise hinter der Pose des altgedienten Marineoffiziers verborgen.

In diesem Augenblick betrat Hitlers Sekretärin Traudl Junge, eine stämmige, tüchtig aussehende Person im braunen Kostüm, das Konferenzzimmer. Sie brachte eine rote Aktenmappe mit Ledereinband und ihr Stenonotizbuch mit.

Ohne seine Sekretärin zu begrüßen, nahm Hitler die Aktenmappe entgegen, die den Anlass zur Besprechung mit seinem Rüstungsminister enthielt. Er reichte Speer einen blassblauen Bogen mit dem Emblem der Kriegsmarine. Fräulein Junge nahm am Konferenztisch Platz und bereitete sich auf das Diktat vor.

Speer las das vertrauliche Memo von SS-Brigadeführer Walter Schellenberg, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), das an Großadmiral Karl Dönitz gerichtet war, den Oberkommandierenden der Kriegsmarine und Befehlshaber der U-Boote.

Von: Leiter RSHA, Amt VI – SD Ausland

An:    BdU

Herr Dönitz,

gemäß Weisung des Führers sichere ich meine volle Unterstützung bezüglich Operation Kondor zu. Wenngleich der Führer keine Änderungen der ursprünglichen Pläne wünscht, erfordern einige Punkte, die Sie in der Einsatzbesprechung an das RSHA erwähnten, eine Erläuterung.

Da es den Vereinigten Staaten gelungen ist, ihren Fuß in die östlichen Territorien zu setzen, die unter der Herrschaft unserer japanischen Verbündeten stehen, benötigen wir eine schlagkräftige Waffe, um den Krieg entscheidend zu wenden. Da laut Ihren Informationen die Amerikaner bereits mit der Entwicklung einer Uranbombe beschäftigt sind, sollten wir unbedingt sobald als möglich der Bitte unserer japanischen Verbündeten nachkommen und das erbetene Material und Techniker senden.

Ich möchte betonen, dass wir uns trotz der Enttäuschung über Deutschlands Unvermögen, eine gleichartige Bombe zu entwickeln, dennoch keine Schwäche erlauben sollten oder in unserer Entschlossenheit wankend werden dürfen.

Ich nehme an, dass die unüberwindlichen Schwierigkeiten, mit denen Deutschlands hervorragende Wissenschaftler zu kämpfen haben, den Amerikanern ebenfalls zu schaffen machen, und dass sie nicht rechtzeitig genug mit ihren Versuchen fertig werden, um den Ausgang des Krieges noch zu beeinflussen. Dennoch glaube ich, dass der japanischen Regierung nur noch eine Möglichkeit zum Handeln bleibt, indem die von uns gegebene Unterstützung angenommen wird. Die moralischen Implikationen dieser Entscheidung tun für uns nichts zur Sache.

Hochachtungsvoll,

Schellenberg

»Lesen Sie auch dieses Memo«, sagte Hitler und spielte mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, das an seiner Uniformjacke steckte. Es handelte sich um den Durchschlag einer Nachricht von Dönitz an den Leiter der BdU-Organisationsabteilung, Kommandierender Admiral Hans-Georg von Friedeburg.

Geheim; 2. Januar 1945

Angesichts der außergewöhnlichen Umstände geben Sie bitte baldmöglichst Status Ihres U-Boot-Stützpunktes in Penang, Malaya, bekannt. Der Plan hat die zuständigen Ministerien durchlaufen und ist abgesegnet. Vieles bleibt noch zu tun, und unsere Zeit ist begrenzt, doch ich kann rasche Durchführung garantieren, sobald alle Parteien zugestimmt haben. Technische Maßnahmen und Materialbeschaffung sind für den Erfolg ausschlaggebend. Deshalb benötigen wir dringend Ihre Einschätzung dieser Angelegenheit.

Zweitschrift an Admiral Paul Wenneker, Marineattaché Tokio

»Baron Oshima wartet auf meine Antwort bezüglich seines Ersuchens«, sagte Hitler. Hiroshi Oshima war Japans Botschafter in Berlin. »Was soll ich ihm sagen?«

»Dass wir das Material per Lastwagen nach Kiel geschafft haben. War ziemlich schwierig wegen der vielen Luftangriffe. Eine weitere Lieferung wird in zwei Tagen ankommen. Das wäre dann alles. Die Techniker und das Personal des SD werden am Wochenende eintreffen. Auslaufbefehl wird bald vorliegen, ebenso der ausgewählte Kapitän und seine Mannschaft. Das sollte den Botschafter zufriedenstellen.«

»Und Schellenbergs Spion in Amerika …«

»Der Spanier, Vargas.«

»Was hat er sonst noch über dieses Manhattan Projekt herausgefunden?«

»Dass die Amerikaner Probleme mit der Isotopentrennung haben.« Speer sagte dies, wohl wissend, dass Hitler weder von Kernspaltung noch etwas von dem ungeheuren industriellen Aufwand verstand, der zur Entwicklung einer transportablen Atomwaffe nötig war.

Speer den Rücken zuwendend betrachtete Hitler Fräulein Junge, deren Block sich rasch mit Stenokürzeln füllte.

»Wie Sie wissen«, fuhr Speer fort, »hat uns Dr. Heisenberg vor dem ungeheuer aufwendigen Verfahren der Isotopentrennung gewarnt. Doch einer Nation, die in den Besitz der Atombombe gelangen will, bleibt nichts anderes übrig.«

»Was?«, fragte Hitler zerstreut über seine Schulter hinweg. Dann winkte er mit schlaffer Hand ab. »Ja, ja, natürlich.«

»Admiral Dönitz versichert, dass Kondor ein Erfolg wird.«

Hitler nickte zerstreut. »Und dass es den Japanern mit unserer Hilfe gelingt, ihre Heimatinseln zu verteidigen?«

»Vielleicht.«

Hitler fuhr auf. »›Vielleicht‹ …?«

Speer wartete einen Moment, dann sagte er: »Mein Führer, gewisse Realitäten lassen sich nicht so einfach ignorieren.«

»Werden Sie deutlicher!«

»Sollten die Japaner die von uns zur Verfügung gestellten Waffen einsetzen und die amerikanische Invasion ihrer Heimat dennoch nicht aufhalten, und sollten die Amerikaner später entdecken, dass wir das Rohmaterial für die Waffen lieferten, dann haben wir uns der Zuwiderhandlung gegen das Genfer Protokoll von 1925 schuldig gemacht. Ich stimme nicht mit Schellenberg überein, dass die moralischen Implikationen uns nichts angehen. Im Gegenteil, ich bin der Meinung –«

»Ihre Meinung steht Ihnen zu«, fuhr ihm Hitler mit schneidender Stimme ins Wort. Und da er ansonsten völlig ruhig blieb, keinen seiner Wutanfälle bekam oder vortäuschte, wirkte er umso unberechenbarer und gefährlicher.

Speer hielt Hitlers eisigem Blick stand.

»Aber Sie werden Ihre Meinung keinem anderen als mir offenbaren. Ich verbiete Ihnen, mit anderen darüber zu sprechen!« Speicheltröpfchen sprühten aus seinem Mund, und seine Stimme schraubte sich unversehens eine Oktave höher. »Wir kämpfen gegen einen Feind, der Deutschlands und Japans Untergang beschlossen hat! Jeder, der im Zusammenhang mit dem totalen Krieg von moralischen Implikationen spricht, redet von Niederlage und wird als Verräter gebrandmarkt! Haben Sie das begriffen?!«

Speer schaute an Hitler vorbei auf Fräulein Junge, deren Gesicht zu einer Maske der Furcht erstarrt war. »Ja, mein Führer.«

Hitler wischte sich mit dem Handrücken den Speichel aus den Mundwinkeln. Schweiß war ihm auf die Stirn getreten.

»Was die Japaner mit dem Rohmaterial anstellen, das wir ihnen geliefert haben, geht uns nichts an«, wiederholte er Schellenbergs Ansicht. »Wir haben nur sicherzustellen, dass es heil dort ankommt und dass der Transfer der japanischen Goldbarren in die Reichsbank rasch erfolgt. Teilen Sie das Dönitz mit.«

»Ja, mein Führer.«

Hitler fuhr mit der Fingerspitze über ein staubiges Sideboard aus Walnussholz, auf dem schmutziges Geschirr gestapelt war. Nachdem er seine Fingerspitze begutachtet hatte, als haftete darauf ein Staatsgeheimnis statt gelben Staubes, klatschte er in die Hände und sagte: »Ich mutmaße daher, dass es keinen Grund gibt, warum Operation Kondor nicht unverzüglich starten sollte.«

Speer betrachtete das Memo. »Wie Dönitz sagt: Sobald alle Parteien zugestimmt haben, kann er für die Durchführung garantieren.«

»Dann sorgen Sie dafür, dass sich alle Parteien einig sind.«

Speers Nerven lagen allmählich blank. Er sah Hitlers baldigen Tod voraus, und damit würde der Bann, unter dem ihn der Führer so viele Jahre lang gehalten hatte, brechen. Er ahnte das Ende des Krieges voraus, Millionen von Toten – auf dem Schlachtfeld und in den Vernichtungslagern und in den zerstörten Städten. Und nun würde es aufgrund von Operation Kondor weitere Millionen geben. Wie sollte er jemals seine Schuld sühnen? Er wusste es nicht.

»Gibt es sonst noch etwas, das Sie bezüglich Kondor besprechen wollen?«

Speer schüttelte den Kopf. »Nein.«

Hitler begab sich zum Konferenztisch und entrollte mithilfe Fräulein Junges einige Pläne.

»Ich möchte, dass Sie einen Blick hierauf werfen, Speer.«

Der Minister gesellte sich zu seinem Führer, der begeistert eine Reihe Entwürfe von Hermann Giesler betrachtete, dem prominenten Architekten der Stadt Linz, wo der Führer einen Teil seiner Jugend verlebt hatte.

Mit Besitzerstolz breitete Hitler seine Arme über die Pläne aus. »Nun sagen Sie mal, was Sie von Gieslers Entwürfen für mein Grabmal halten.«

BLETCHLEY PARK, ENGLAND, 18. FEBRUAR

Ein schnaufender Güterzug ratterte durch Bletchley Park, einem fünfzig Meilen nördlich von London gelegenen Knotenpunkt zwischen Cambridge und Oxford. Ein wenig abseits an einem See thronte ein mit Zierrat und Türmchen überladenes Backsteingebäude, ein Herrenhaus aus spätviktorianischer Zeit, in dem die Dechiffrierabteilung des britischen Geheimdienstes untergebracht war.

Umgeben von Stacheldraht und Flakbatterien diente die gesamte Anlage mit ihren Betonbunkern, Wachposten und Wellblechhütten seit fast sechs Jahren ausschließlich dem Knacken der Codes, die von der deutschen Chiffriermaschine Enigma abgefangen wurden. In jüngster Zeit hatte das Arbeitstempo ein wenig nachgelassen, da die Menge der deutschen Nachrichten an sämtlichen Fronten und auf See abgenommen hatte. Für die Geheimdienstanalysten, die die abgehörten Funksprüche auswerteten, bewies die darin enthaltene Information ganz eindeutig, dass das Dritte Reich kurz vor dem Zusammenbruch stand.

Eine feuchte Kälte durchdrang Baracke 8, in der einige Kryptoanalysten an den neuesten Nachrichten arbeiteten. Heute Nacht waren es Morsebotschaften, die von der Hauptfunkstelle »Koralle« in der Nähe von Bernau bei Berlin an U-Boote auf See und auf Stützpunkten in Norddeutschland und Norwegen gefunkt wurden. Die codierten Botschaften waren von Abfangstationen in Scarborough an der Nordseeküste und aus Winchester in Südengland hergeleitet worden, wo Abhörtechniker rund um die Uhr arbeiteten.

Colin Gayhurst, der die dritte Schicht in Baracke 8 schob, brütete über der Botschaft, die er soeben entschlüsselt hatte: Geheim, von Admiral Paul Wenneker, Marineattaché Tokio, an Großadmiral Karl Dönitz, Befehlshaber der U-Boote, Berlin.

Gayhurst läutete beim Offizier vom Dienst und fuhr fort, über der Nachricht zu brüten, während er auf Einlass zum Archiv wartete. Nachdem er eingetreten war, fuhr er unter den wachsamen Augen des Offiziers mit dem Zeigefinger über die Rücken der eingestellten Protokolle, bis er das richtige gefunden hatte und vom Regal nahm. Er benetzte seinen Daumen und blätterte Hunderte eingehefteter Seiten durch – Kopien alter Nachrichten, nach Datum und Inhalt sortiert –, bis er das Schlüsselwort fand, nach dem er gesucht hatte: Es stand in einer Nachricht von Dönitz an Wenneker, die vom 2. Januar 1945 datierte. Die Botschaft, die er soeben dechiffriert hatte, war Wennekers Antwort darauf.

»Wenneker an Dönitz. Ist eben durchgekommen«, sagte Gayhurst zu dem Leiter des Marinegeheimdienstes in Baracke 4, einem Commander der Royal Navy mit Namen Price.

Price las die Botschaft und hob eine Braue. »Kondor.«

»Ich glaube, das ist endlich das, worauf die Zentrale so lange gewartet hat.«

Price stimmte dem zu. Nachdem Gayhurst gegangen war, zog er einige Namen auf einer geheimen Verteilerliste zu Rate und bestellte schließlich seine Nummer Zwei zu sich.

»›Streng vertraulich.‹ Sie überbringen es unverzüglich und persönlich.«

Der Sub-Lieutenant warf einen besorgten Blick auf die Uhr an der Wand.

»Keine Sorge, ich rufe vorher an«, versicherte ihm Price.

»In Ordnung, Sir. Brauche ich bewaffneten Schutz?«

»Ja, ich habe bereits den Sicherheitsdienst informiert. Und nehmen Sie selbst auch eine Waffe mit.«

2. Kapitel

MAYFAIR, LONDON, 20. FEBRUAR

Der zerzauste Blondschopf an seiner Seite hob sich aus den Kissen. Rees erwachte aus unruhigem Schlaf. Er hatte einen Kater. Das schrillende Telefon klang wie eine pfeifende Bombe.

Rees brauchte einige Zeit, bis er sich zurechtfand. Er war in seinem eigenen Haus, stellte er fest, in seinem Schlafzimmer. Wie spät war es? Das Bett war feucht von Schweiß und Sex. Nun fiel ihm alles wieder ein: Der Blondschopf gehörte diesem hübschen weiblichen Lieutenant aus dem Marineamt, Alicia. Er erinnerte sich, wie sie gestöhnt hatte, sich ihm hingegeben hatte. Ihr Geschmack lag ihm noch auf der Zunge. In dieser Nacht hatte sie ihn schamlos benutzt, alle Kraft aus ihm gesogen.

»David?«

Er kannte die Stimme am Telefon. »Ja, ich höre. Meine Güte, wissen Sie, wie spät es ist?«

»Machen Sie sich fertig. Ich hole Sie in einer halben Stunde ab.«

»Verdammt noch –«

Das Gespräch wurde unterbrochen.

Alicia warf die Bettdecke zurück. Sie war nackt.

»Ich muss weg«, sagte Rees.

»Meine Güte – so früh.«

Er schwang die Beine aus dem Bett und stellte sich taumelnd auf die Füße, drehte ihr den Rücken zu.

Sie trat von hinten an ihn heran. Er spürte ihre Zunge in der Spalte zwischen seinen Gesäßbacken.

»Junge, Junge, hast du immer noch nicht genug?« Er schob sie fort.

Alicia saß immer noch nackt im Bett, als er aus dem Bad kam. Sie sah zu, wie Rees seine Armbanduhr anlegte und Geld und Schlüssel in die Taschen stopfte. Rees war ein ziemlich dünner Mann. Er trug einen grauen Savile-Row-Anzug und ein weißes Hemd mit einer weinroten Seidenkrawatte. Sein pomadisiertes Haar war spärlich und dunkel und eng an den Kopf geklatscht, stand aber an den Seiten unvorteilhaft ab. Seine Oberlippe war wegen seiner vorstehenden Zähne leicht vorgeschoben.

»Kommst du bald zurück?«

»Ich denke eher nicht.« Rees warf ein paar Münzen und Bezugsscheine aufs Bett. »Vielleicht gibt’s Kalbfleisch auf dem Markt. Versuch, noch etwas zu bekommen.«

»Stimmt etwas nicht?«

»Was?«

»War das eben Helen?«

»Nein, bloß eine Besprechung.«

»In Whitehall?«

»Warum stellst du so viele Fragen?«

Sie zog einen Schmollmund.

Rees stand am Bettrand und schaute auf die junge Frau hinab. Alicia ließ ihre Hand sein Hosenbein emporgleiten bis in den Schritt und liebkoste ihn durch den Stoff hindurch.

»Braves Mädchen«, sagte er anerkennend und zwickte sie in eine Brustwarze.

***

Martin Blackthornes Rover bog in die Mews ein, eine der hinteren Türen war bereits geöffnet. Rees stieg ein und roch sogleich Rasierwasser. Der Träger des Duftes saß gekrümmt in den Polstern, über seinen Schultern hing ein wasserdichtes Cape.

»Ich hoffe doch sehr, dass es wichtig genug war, um mich zu –«, begann Rees, doch Blackthorne gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen.

Der Fahrer legte den ersten Gang ein und rollte mit der Limousine durch das dunkle, verlassene Zentrum Londons. Nachdem sie Chelsea hinter sich gelassen hatten, schob Blackthorne die Trennscheibe zwischen Fahrer und Rückbank zu und brach endlich das Schweigen. »Wie geht’s Helen und den Mädels?«

»Ganz gut.«

Blackthorne sah durch das Seitenfenster zum Mond auf. »Sind wohl ziemlich einsam, den ganzen Tag so allein in der Riesenwohnung?«

»Dazu hatte ich in letzter Zeit zu viel zu tun.«

Blackthorne erwiderte nichts darauf.

Rees’ Kopf schmerzte. Er hatte eindeutig zu viel Wodka getrunken. Seine Gedanken wanderten zu Alicia, und sofort bekam er wieder einen Steifen. Sie kniete vor ihm, hatte die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf gedreht, um ihm zuzuschauen, wie er gegen das weiche Fleisch ihres Hinterns rammte. Schweiß brach ihm aus. Was wusste Blackthorne? Rees schaute ihn an, sah jedoch nur die Silhouette seines Profils, erleuchtet von einem Mond, der hinter den Ruinen zerbombter Häuser Verstecken spielte. Blackthorne, der zweite Mann des MI-6, wusste über alles und jeden Bescheid.

»Martin, ich glaube kaum, dass Sie mich zu einer Mondscheinfahrt eingeladen haben, nur um mit mir über mein Privatleben zu sprechen.«

»Sagt Ihnen ›Operation Kondor‹ etwas?«

»Kondor?«

»Also nicht – hatte ich mir schon gedacht.« Blackthorne starrte durch die Scheibe auf die geisterhaften Londoner Vororte. »Wir haben kürzlich einige interessante Nachrichten abgefangen. Scheint, als hätten die Jerrys eine Operation in Fernost in die Wege geleitet. Hat irgendwas mit Hirohito und seinen Jungs zu tun.«

»Mit Kaiser Hirohito? Sind Sie sicher?«

»Einigermaßen. Aber wir sind uns nicht sicher, wie ernst wir diese Sache nehmen sollen. Denn die Deutschen haben diese Nummer schon einmal versucht.«

»Was für eine Nummer?«

»Eine Lieferung nach Japan – oder besser gesagt, einen Tausch. Material, Techniker, Lebensmittel. Was halt so gebraucht wird. Ein Tropfen auf den heißen Stein, ehrlich gesagt. Denn wie viel Fracht kann ein U-Boot um die halbe Welt schleppen?«

»Ein U-Boot?«

»Ja. Das einzige Transportmittel, das ihnen geblieben ist. Eine ätzende Reise. Beneiden Sie die armen Kerle bloß nicht. Muss ja die reinste Hölle sein, monatelang in so einem eisernen Abflussrohr eingepfercht zu sein. Und um das Maß voll zu machen: Fast alle U-Boote, die auf diese weite Fahrt gingen, wurden versenkt. Im Grunde ist es ein Selbstmordkommando.«

»Warum kümmert ihr euch dann überhaupt darum?«

»Weil diese Kondor-Geschichte ein wenig anders ist. Dönitz selbst ist involviert. Ziemlich ungewöhnlich, finden wir. Jetzt, da das Reich um ihn herum in Stücke zerfällt, sollte er doch Wichtigeres zu bedenken haben als den Transport von ein paar Schiffszwieback zu den Japsen.«

»Sie glauben also, dass die Jerrys und die Japsen unter einer Decke stecken?«

»Ja. Möglicherweise ein ›Tube Alloys‹-Projekt, ein Atomprogramm, wenn Sie mir folgen können.«

»Aber die Amerikaner haben diese Möglichkeit doch schon durch ihre Alsos-Missionen ausgeschlossen. Ihre besten Leute konnten keine Beweise finden, dass die Nazis jemals ein taugliches A-Bomben-Projekt aufgelegt hätten. Alles, was sie gefunden haben, waren ein paar kaputte Testlabore und ein rudimentärer Atommeiler.«

»Das ist völlig richtig, David. Das Problem ist nur, dass die Yankees keine Alsos-Mission nach Japan schicken können. Zumindest jetzt noch nicht. Und deshalb können wir ein japanisches Bombenprogramm nicht unbedingt ausschließen.«

»Blödsinn! Die Japsen haben gar nicht das Knowhow dafür!«

»Ja, das glauben wir

»Wollen Sie damit sagen, die Jerrys schicken den Japsen per U-Boot das nötige Material, um die Bombe zu bauen?«

»Wir schließen diese Möglichkeit nicht aus. Deshalb hat ›C‹ ja die Besprechung angesetzt.«

Rees wandte den Blick wieder nach vorn und sackte in den weichen Polstern zusammen. Seine Nerven lagen blank, weil er zu wenig geschlafen hatte und immer noch unstillbares Verlangen nach Alicia verspürte. »Um vier Uhr in der Frühe? Warum glaubt er, dass wir immer nach seiner Pfeife tanzen?«

»Weil wir’s immer schon getan haben, David.«

Sie verfielen in Schweigen. Der Wagen schlug die nördliche Richtung nach Catterham ein. Der Mond verschwand hinter tief hängenden Wolken.

***

»C« war Major General Sir Stuart Mackenzie, Leiter des MI-6, des britischen Auslandsgeheimdienstes.

Als er Rees die Hand schüttelte, hielt er in der anderen einen Pink Gin. »Tut mir leid, dass ich Sie so früh hergebeten habe, David«, entschuldigte sich Sir Stuart. »Möchte einer von Ihnen auch einen Drink? Nein? Dann also Kaffee.«

Mit diesem Auftrag entließ Mackenzie den Wachmann der Königlichen Marine, der Blackthorne und Rees vom Wagen eskortiert hatte, und führte sie in ein riesiges Arbeitszimmer, das gleich neben der Eingangshalle seines ausgedehnten, gut bewachten Domizils in Catterham Green lag.

Rees betrachtete die vertrauten Details des Raumes, die schweren, blickdichten Vorhänge, den dicken weichen Teppich, die gepflegte Holzvertäfelung und die alten Möbel. Alles zeugte von der Exklusivität und dem Reichtum, der Mackenzies Umgebung prägte. Die Bar hinter dem Schreibtisch war ebenso gut sortiert wie jene bei White’s, Rees’ Club in der St. James Street.

Mackenzie stand vor dem prasselnden Kaminfeuer und musterte seine Besucher. Selbst seine funkelnden grauen Augen drückten tiefe Besorgnis aus.

»Ich setze voraus, dass Sie von dieser Kondor-Geschichte gehört haben«, begann er.

»Martin hat mich gerade ins Bild gesetzt, Sir Stuart.«

»Ein bisschen rätselhaft, das Ganze. Dass die Jerrys so spät noch ein Kommando nach Fernost schicken wollen. Sieht ihnen gar nicht ähnlich, so viel Mühe auf etwas so Kompliziertes zu vergeuden, das am Ende möglicherweise gar nicht klappt.«

»Und genau deshalb, David«, schaltete sich Blackthorne ein, »sind wir ja so misstrauisch.«

»Also schön.« Mackenzie stürzte seinen Drink hinunter und stellte das Glas ab. »Hintergrund. Vor drei Monaten schickte uns Bletchley eine entschlüsselte Nachricht von Admiral Wenneker, dem deutschen Marineattaché in Tokio. Die Japaner hatten dem deutschen Oberkommando eine ihrer üblichen Einkaufslisten geschickt: Wolfram, Zinn, Kupfer, Kautschuk, Wolframit. Daran war nichts Ungewöhnliches. Die Jerrys haben diese Bestellungen stets erfüllt, haben ein U-Boot mit kleinen Mengen der benötigten Substanzen auf den Weg nach Japan gebracht, und uns ist es fast immer gelungen, das fragliche Boot schon vor den Azoren abzufangen. Sie müssen bedenken, dass es sich immer um Operationen auf untergeordneter Ebene handelte. Jemand zeichnet die Bestellung ab, die Ware wird verladen, das Boot begibt sich auf die Fahrt. Und meines Wissens war Dönitz nie in irgendeine dieser Missionen involviert – bis jetzt.«

»Und deshalb sollten wir uns Sorgen machen«, bestätigte Rees und nahm seine Tasse Kaffee in Empfang.

»Ganz genau. Wir haben dieser Kondor-Geschichte anfänglich nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. War eben nur eine weitere Lieferung, etwas, um die Japsen zufriedenzustellen – oder zumindest haben wir das geglaubt.«

Unruhig schritt Mackenzie im Zimmer auf und ab. Der alte Holzboden knarrte wie die Deckplanken eines vor Anker liegenden Schoners.

»Als weitere Dechiffrierungen bezüglich Kondor eintrudelten, wurden wir aufmerksam. Sobald wir wussten, was es mit Kondor auf sich hatte, planten wir, die Amerikaner zu warnen. Die hätten ihre Jagd-U-Boot-Verbände alarmieren können, die im Südatlantik operieren, damit sie sich mit den Deutschen befassten. Reine Routine, wie Sie sehen, David.«

Rees wusste über die Jagdweise und Vernichtungstaktik dieser U-Jagd-Verbände nur, dass es sich um äußerst schwierige Manöver handelte. Die Entschlüsselung des Enigma-Codes machte es zwar möglich, die Luftschlacht über dem Atlantik gegen die deutschen Junkers »Ju«-Bomber zu gewinnen – aber ein einzelnes Unterseeboot aufzuspüren und zu zerstören, war eine ungleich schwierigere, wenn nicht gar unmögliche Aufgabe. Der Atlantische Ozean war riesig und die Suche nach einem U-Boot fast unmöglich. Rees begriff nun die Tiefe des Unbehagens, das Mackenzie und Blackthorne überkommen hatte.

Mackenzie verharrte mitten im unruhigen Schritt und blieb vor dem Kamin stehen, starrte in die Flammen. »Vor sechs Wochen fing Bletchley ein Signal vom Rüstungsministerium der Nazis ab, in dem die Rede von gewissen ›Beständen‹ war, die in Kiel eingetroffen seien, und die, wenn wir die Nachricht richtig verstehen, auf ein Unterseeboot verladen werden sollen, um nach Japan geschickt zu werden. Wir wissen auch, welches U-Boot für diese Fahrt ausgewählt wurde: U-233. Und wir wissen, dass zwei japanische Techniker an Bord sind, die Kapitäne Ito und Sawada. Außerdem zwei Sicherheitsoffiziere des RSHA mit Namen Jäckel und Franke.«

»Meine Hochachtung!«

»Und wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wann die U-233 ablegen wird.«

»Die Ladung. Haben Sie denn auch eine Idee, was diese sogenannten ›Bestände‹ beinhalten?«

Mackenzies Blick wanderte von den lodernden Holzscheiten zu Rees. »Nein. Und das ist der springende Punkt. Wir sind sämtliche abgefangenen Nachrichten durchgegangen und haben einen Anhaltspunkt gesucht. Martin hat seine Leute Tag und Nacht daran arbeiten lassen. Doch bis jetzt haben wir kein Glück gehabt.«

Blackthorne ergriff das Wort. »Einen Tag nach der Bestätigung durch das Rüstungsministerium meldete Dönitz die eingetroffene Lieferung an Baron Oshima, den japanischen Botschafter in Deutschland. Oshima setzte sogleich Tokio in Kenntnis, dass die Jerrys der Bitte Japans um diese ›Bestände‹ nachgekommen seien. Und das war der Punkt, an dem bei uns die Alarmglocken losgingen.«

»Es handelt sich also um ein japanisches Atombombenprojekt.«

»Genau. Oshima hat in seiner Nachricht an Tokio eine indirekte Anspielung darauf gemacht. Sagte, die ›Bestände‹ stünden zu Testzwecken für die Armee zur Verfügung, und zwar in Hungnam in Einheit 731, wo immer das auch ist. Wir wissen, dass die Japaner eine atomare Forschungsstation in Hungnam, Korea, unterhalten. Dort haben sie einen rudimentären Teilchenbeschleuniger und vermutlich auch Uran zu Testzwecken. Aber wir wissen nichts über Spaltprozesse – oder ob sie überhaupt schon so weit sind.«

»Ich bin kein Atomwissenschaftler«, mahnte Rees. »Nun komme ich nicht mehr mit.«

»Das ist jetzt auch unwichtig«, sagte Mackenzie schneidend. »Es genügt festzustellen, dass die Japaner irgendetwas Einschneidendes in dieser Einheit 731 in Korea treiben. Was es ist, wie weit es fortgeschritten ist, wissen wir nicht. Hingegen wissen wir, dass die Jerrys irgendwie versuchen, den Japanern zu helfen. Und …«

»Ja …?«

»Kondor ist den Japanern so wichtig, dass sie den Jerrys zwanzig Tonnen Goldbarren für das Material zahlen wollen.«

Rees war wie vom Schlag getroffen. »Großer Gott!«

»Genau so habe ich auch reagiert.«

Rees stand auf und trat neben Mackenzie vor den Kamin. »Ein japanisches Atombombenprojekt, zwanzig Tonnen Goldbarren … Verzeihen Sie, Sir Stuart, aber das scheint mir alles, nun … reichlich weit hergeholt.«

»Ach ja?«

»Wie ich bereits zu Martin sagte«, fuhr Rees fort, »geht die Vorstellung, dass die Nazis überhaupt noch jemandem helfen könnten, doch wohl ein bisschen zu weit. Wenn sie nicht einmal ein eigenes Atomprogramm auf die Beine stellen können, wie sollen sie da den Japsen helfen? Die USA sind das einzige Land, das über die Ressourcen verfügt, um die Bombe zu bauen. Die Amerikaner werden sie also bald haben, aber bedenken Sie, wie lange die Entwicklung gedauert hat. Und wer weiß, ob das verdammte Ding überhaupt funktioniert, wenn’s drauf ankommt.«

»Wir wissen nicht, inwieweit die Deutschen dazu fähig sind, wie der Kenntnisstand ihrer Wissenschaftler ist und was sie für die Japsen tun können«, widersprach Mackenzie. »Und genau deshalb machen wir uns solche Sorgen.«

»Eines aber ist sonnenklar«, meldete sich Blackthorne wieder zu Wort. »Die Amerikaner haben es mit der Sicherheit ein wenig lax gehalten. Es ist möglich, dass inzwischen die Roten wichtige Informationen über die Bombe erhalten haben, und zwar von einem Sympathisantenkader, der in Los Alamos arbeitet. Das FBI fahndet mittlerweile nach einem Spanier namens Cesar Vargas, der in New Mexico für die Nazis spioniert. Es heißt, er habe drei Mexikaner getötet, die er zur Informationsbeschaffung angeheuert hatte. Hat sie wahrscheinlich nicht mehr gebraucht, die armen Schweine. Wir haben dem FBI alles übermittelt, was über Vargas in unseren Akten stand. Leider haben die Amis zugelassen, dass er ihnen durchs Netz geschlüpft ist. Und kein Mensch weiß, welche Informationen er den Jerrys übermittelt hat. Wie die Bombe funktioniert ist kein Geheimnis, die Crux liegt darin, wie man sie zur Initialzündung bringt.

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